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  • Vorsicht geboten

    Die Schufa möchte mehr Daten haben

    Bei vielen Deutschen verbreitet die Schufa Angst. Hält sie jemanden für nicht zahlungswürdig genug, wird es nichts mit dem Ratenkredit, dem Mobilfunkvertrag, dem neuen Flachbildfernseher aus der Onlinewerbung. Oder gar mit der neuen Mietwohnung. Bei vielen Geschäften ist eine Schufa-Abfrage zwingend, das Unternehmen hat sich dank seines Datenschatzes und der Anteilseigner aus der Finanzbranche eine Art Monopolstellung erarbeitet. Jetzt will sich die Schufa öffnen. Das ist dringend nötig. Und sie verspricht sogar, dass jede und jeder die jeweilige Bewertung beeinflussen kann. Da ist Vorsicht geboten.

    Die Aufgabe des Unternehmens ist wichtig für eine funktionierende Wirtschaft: Eine Bank zum Beispiel kann eine bisher unbekannte Person dank der Schufa besser einschätzen. Weniger Kredite fallen aus, die Kosten für die Kreditnehmer sinken. Dafür ermittelt die Schufa seit Jahrzehnten aus den Daten der einzelnen Personen und dem Wissen über allgemeine Verhaltensmuster die Kreditwürdigkeit – und je mehr persönliche Daten sie hat, desto genauer wird die Bewertung des Einzelnen. Smart also, wenn man der Schufa freiwillig Kontodaten geben kann – das kann die Kreditwürdigkeit verbessern.

    Letztlich ist die Schufa aber ein Unternehmen, das Geld verdienen soll. In den vergangenen Jahren war sie für die Anteilseigner auch aus diesem Grund lukrativ. Das sogar mehr möglich sein könnte, zeigt der im Sommer gescheiterte Übernahmeversuch des Finanzinvestors EQT. Die Schweden schreckte weder die kleinteilige Eigentümerstruktur noch das schlechte Image noch komplizierte Vorkaufsrechte. Sie sahen in den Daten enormes Potenzial für neues Geschäft. Das ist nicht verwerflich. Es muss nur jedem klar sein.

  • Schufa kauft mehr Tempo

    Auskunftei übernimmt Fintech. 2023 Einsicht auf gespeicherte Daten geplant

    Für die Schufa ist 2022 das Jahr der radikalen Wende: Die Auskunftei öffnet sich den Privatkunden, von deren Daten sie lebt. Im Sommer startete ein Internetprogramm, mit dem jeder und jede spielerisch ausprobieren kann, wie kreditwürdig sie oder er ist. Noch fehlt jedoch der Einblick in die Daten, die die Schufa speichert. Um mehr Tempo zu machen, kauft das Wiesbadener Unternehmen jetzt kurz vor Jahresende das Fintech Bonify.

    Die Berliner bieten den Wiesbadenern Zugang zu 1,5 Millionen Kunden und vor allem Technologie, die die Schufa selbst noch entwickeln muss. „Wir sind damit deutlich schneller“, heißt es bei der Schufa. Wer bei Bonify angemeldet ist und die App des Unternehmens nutzt, soll spätestens Mitte 2023 den sogenannten Schufa-Basisscore mit den echten, bei der Schufa gespeicherten Daten einsehen können. Der Basisscore spiegelt die allgemeine Kreditwürdigkeit wider.

    Ende des Jahres sollen Bonify-Nutzerinnen und Nutzer alle Daten, die die Schufa über sie gespeichert hat, kostenlos einsehen können. Für 2024 soll es dann auch möglich sein, der Schufa über Bonify bewusst Daten bereitzustellen, um die eigene Kreditwürdigkeit zu verbessern. Offenbar ein Anliegen vieler Menschen: „Wie verbessere ich meinen Score?“ ist die Frage, die Schufa-Mitarbeitern am meisten gestellt wird.

    Ist zum Beispiel ein Kredit abgezahlt, muss die Schufa die Daten dazu nach drei Monaten löschen. Sie weiß dann nichts mehr, dass die Kreditnehmerin zuverlässig tilgte – ein Hinweis auf gute Bonität. Bei Bonify soll es auch möglich sein, zunächst auszuprobieren, wie sich die Kreditwürdigkeit verändern würde, wenn neue Daten an die Schufa gegeben werden. Ob es sich also lohnt, die Auskunftei mit persönlichen Finanzinformationen zu versorgen.

    Das Angebot, das für Bonify geplant ist, will die Schufa auch selbst anbieten, braucht dafür aber mehr Zeit. Eine App ist in Arbeit. Zunächst sollen Schuldnerberater über den kostenlosen digitalen Zugang Menschen in finanziellen Schwierigkeiten helfen können. Das Angebot der Schufa soll in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres fertig sein. Bei der App hilft Bonify bereits seit dem Sommer mit.

    Tanja Birkholz, seit 2020 Chefin der Schufa, hat der Auskunftei deutlich mehr Transparenz verordnet. Das Unternehmen gilt vielen Kunden als undurchsichtige Datenkrake, die Banken, Mobiltelefonfirmen und Onlinehändler für jeden Kredit anfragen. Viele Menschen sorgen sich, schlecht bewertet zu werden. Der spielerische Score-Simulator aus dem Sommer war ein erster radikaler Schritt zu mehr Offenheit. Wie genau die Schufa die Kreditwürdigkeit berechnet, wird sie allerdings nicht verraten. Die Formel ist Betriebsgeheimnis.

    1927 als Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung gegründet, ist die Schufa die größte und wichtigste Auskunftei in Deutschland. Die Schufa gehört zu 27,2 Prozent den Volksbanken, die Sparkassen halten 26,4 Prozent. Andere Anteile liegen unter anderem bei der Deutschen Bank und der Commerzbank. Sie setzte mit rund 900 Mitarbeitern zuletzt 249 Millionen Euro um.

    Mehr als 10.000 Firmenkunden vertrauen auf die Informationen des Unternehmens für ihre Geschäfte. Über die Jahre hat die Schufa sensible Daten von 68 Millionen Deutschen und sechs Millionen Firmen gesammelt, insgesamt mehr als eine Milliarde. Auf Basis dieser Daten kann sie bei jeder Abfrage einen Score berechnen, der anzeigt, ob eine Person zahlungsfähig ist und sehr wahrscheinlich bleibt. Dabei fließen persönliche Daten ebenso ein wie zusammengefasste. Nicht dazu gehören Wohnortdaten. Ohne Schufa-Daten würden rund zwölf Prozent aller Kredite ausfallen, weil die Kreditgeber auf wenig Zahlungskräftige gesetzt hätten. Mit Schufa-Daten sind es nur sechs Prozent.

    Bonify startete 2015 in Berlin. Gründer und Geschäftsführer ist Andreas Bermig, früher in führenden Positionen beim Online-Modehändler Zalando und der Beratungsfirma McKinsey. Das Unternehmen mit etwa 30 Mitarbeitern will den Kunden transparent zeigen, wie kreditwürdig sie sind und helfen, Bonität besser zu verstehen. Dafür arbeitet das Unternehmen mit Boniversum von Creditreform zusammen, einem Schufa-Konkurrenten, seit Sommer auch mit der Schufa. Außerdem können Nutzer mit der Bonify-App ihre Konten einfach überblicken. Die Berliner bieten keine Bankgeschäfte, vermitteln aber Kredite, Girokonten, Gas- und Stromverträge.

    Vor allem am Vermittlungsgeschäft hat die Schufa kein Interesse, wie es heißt. Zunächst solle am Geschäftsmodell Bonifys aber nichts geändert werden. Man schaue sich alles an, auch, ob die Partner der Berliner zu den hohen Sicherheits-, Daten- und Firmenstandards der Schufa passten. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Das Geschäft soll im Januar 2023 abgeschlossen sein.

  • Keine Chancen auf billige Croissants

    Europäische Zentralbank hebt Leitzinsen erneut an. Inflation soll gebremst werden

    Angesichts der immer noch hohen Inflation von 10,0 Prozent hat die Europäische Notenbank die Leitzinsen erhöht. Sie folgt dem Vorbild der US-Notenbank Fed. Sparer können sich freuen. Die Preise allerdings werden eher nicht sinken. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Was hat die Europäische Zentralbank beschlossen?

    In der Euro-Zone steigt der wichtigste Zinssatz, der Leitzins, zu dem sich die Geschäftsbanken Geld bei der Zentralbank leihen können, um 0,50 Prozentpunkte auf 2,50 Prozent. Es ist der dritte Zinsschritt seit Ende Juli. Damals lag der Leitzins bei 0,00 Prozent, Banken mussten auch noch Strafzinsen bezahlen, wenn sie Geld bei der EZB parkten. Inzwischen bekommen sie dafür wieder geringe Zinsen. Am Mittwoch hatte bereits die US-Notenbank den zentralen Zinssatz um 0,5 Prozentpunkte auf 4,25 bis 4,5 Prozent erhöht, das siebte Mal infolge.

    Wie wirkt die Zinserhöhung?

    Steigt der Leitzins, wird es stark vereinfacht, teurer für die Banken, sich Geld bei der Europäischen Zentralbank zu beschaffen. In der Folge verteuern Banken Kredite oder gewähren weniger. Gleichzeitig wird es für die Geldinstitute wieder interessant, Geld bei der Zentralbank einzulagern, weil die EZB es verzinst. Insgesamt verteuern sich Investitionen, Firmen und Menschen halten sich mit Investitionen zurück. Indirekt soll  das bewirken, dass alle Menschen genauer rechnen und weniger kaufen. Direkt kann die Zentralbank die Preise für Lebensmittel und Energie nicht beeinflussen. An den Börsen wirken Zinserhöhungen meist zügig, weil hier Zukunft gehandelt wird. Im realen Leben kann es auch schon einmal eineinhalb Jahre dauern. Die US-Notenbank sieht sich bereits in ihrer Politik des teuren Geldes bestätigt: die Inflationsrate war im November auf 7,1 Prozent gesunken, der niedrigste Wert in diesem Jahr. Im Juni hatten die Statistiker noch 9,1 Prozent ermittelt.

    Wenn die Inflationsrate zurückgeht, fallen dann auch die Preise?

    Niedrige Inflation bedeutet nicht, dass alles billiger wird. Nur dass sie weniger steigen. Es wird also weiterhin teurer. Insgesamt werden die Preise in Deutschland Ende 2022 rund 7,8 Prozent höher liegen als Ende 2021, wie das Münchener Ifo-Institut berechnet hat. 2023 sollen die Preise danach um 6,4 Prozent steigen. Bundesbankpräsident Joachim Nagel erwartet sogar einen Wert über sieben Prozent.

    Wann sinken die Preise wieder?

    Grundsätzlich werden die Preise wohl nicht fallen. Das wäre eine Deflation, die Wirtschaftsexperten für gefährlich halten. Firmen müssten sparen, statt zu investieren, um am Markt mit niedrigeren Preisen bestehen zu können. Keine guten Aussichten. Das heißt auch: Das Croissant im Supermarkt, das jetzt 1,25 Euro kostet, wird wahrscheinlich nie wieder für 0,79 Euro wie Ende 2021 zu haben sein. Meist werden bestimmte Produkte zum Beispiel dank des technischen Fortschritts billiger. Lange war das etwa bei Computerchips so. Auch hoher Wettbewerb kann die Preise senken: Gibt es viele Anbieter eines Produkts, versuchen sie oft, über günstige Preise Marktanteile zu gewinnen.

    Der Spritpreis fällt aber gerade. Warum?

    Einige Produkte sind abhängig vom Weltmarkt, zum Beispiel die Öl- und damit indirekt auch die Spritpreise. Wird weltweit weniger Öl nachgefragt, während weiter die gleiche Menge gefördert wird, ist viel Öl am Markt, Käufer können günstigere Preise durchsetzen. In der Folge sinkt vereinfacht gesagt auch der Preis für Sprit an den Tankstellen. Das kann sich aber schnell wieder ändern. Auch die Preise für Flüssiggas unterliegen dem Weltmarkt. Hier haben die Notenbanken keinen Einfluss.

    Was bedeutet die Zinserhöhung der EZB für diejenigen, die ein Haus oder eine Wohnung kaufen wollen?

    Bereits in den vergangenen Monaten sind die Zinsen für Immobilienkredite gestiegen. Es wird also teurer, sich Geld für den Hauskauf zu leihen. Allerdings gibt es erste Anzeichen, dass die Immobilienpreise nicht mehr so stark steigen wie in der Vergangenheit, teils sogar zurückgehen.

    Was bedeutet die Zinserhöhung für Sparer?

    Die ersten Banken und Sparkassen haben die Zinserhöhung bereits an ihre Sparer weitergegeben. Auf Festgeldkonten sind mehr als zwei Prozent Zinsen für ein Jahr drin, bei Tagesgeld zum Teil wieder deutlich mehr als ein Prozent. Und erste Institute werben auch wieder mit höheren Zinsen um Neukunden, ein Phänomen, das in der Nullzinsphase der vergangenen zehn Jahre verschwunden war.

    Werden die Zinsen weiter erhöht?

    Für die Notenbanken ist es schwer, genau abzusehen, wie hoch sie die Zinsen anheben müssen, um die Inflation zu senken. Denn wird Geld zu teuer, bremst das die Wirtschaft aus, die auf bezahlbare Kredite angewiesen ist. Im März galten in den USA noch praktisch 0,0 Prozent, seither hat die Fed die Zinsen mehrfach erhöht. Und es geht weiter: Für 2023 sind trotz sinkender Inflation Leitzinsen knapp über fünf Prozent angepeilt. Die EZB ist bisher deutlich zurückhaltender gewesen, dürfte angesichts der hohen Inflationsraten aber gezwungen sein, weiter zu erhöhen.

    Was ist das Ziel der Notenbanker?

    In der Euro-Zone gilt eine Inflation von nahe zwei Prozent als wünschenswert. Die Preise steigen moderat, während die Wirtschaft wächst.

  • Satte Preissteigerung beim Festtagsschmaus

    Gänse, Kohl und Kartoffeln kosten deutlich mehr. Hohe Inflation bei Kuchen

    Weihnachten trifft sich die Familie. Es ist Zeit, miteinander zu reden, zu spielen, sich zu streiten und auch festlich zu essen. Dieses Jahr fällt der Schmaus möglicherweise etwas weniger üppig aus als 2021 – die Inflation verteuert Gänsebraten, Heringssalat und Kuchen deutlich mehr, als die offizielle Inflationsrate zeigt, die das Statistische Bundesamt berechnet hat.

    Um zehn Prozent sind die Preise zwischen November 2021 und November 2022 offiziell gestiegen. Experten erwarten auch für Dezember ähnlich hohe Werte. Die Zahl berechnen die Statistiker aus Preisen von 645 Warengruppen, von Miete über Bohnenkaffee, Versicherungen und Theaterkarten bis zu Strom und Autoreparaturen. Jedes dieser Produkte geht nach einem bestimmten Schlüssel in die Statistik ein – Miete hat zum Beispiel ein großes Gewicht, Eier ein kleines. Doch für den Einkauf und das Essen über die Feiertage sind Eier wichtiger als Reparaturkosten oder Miete.

    Wer einen Birnenkuchen backen will, merkt das deutlich im Portemonnaie. Weil Eier, Butter, Zucker, Mehl und Schokotropfen teurer geworden sind, kostet ein einfacher Birnenrührkuchen mit den Zutaten vom Discounter plötzlich 3,90 Euro statt 3,20 Euro wie vor einem Jahr. Macht 22 Prozent Inflation.

    In vielen Haushalten kommt Heiligabend oder am ersten Weihnachtsfeiertag ein Gänsebraten auf den Tisch, je nach Region mit Rotkohl, Rot- oder Blaukraut sowie Kartoffeln oder Klößen. „Ein Kilo deutsche Gans kostet derzeit zwischen 16 und 20 Euro, etwa 15 Prozent mehr als im vergangenen Jahr“, sagt Lorenz Eskildsen, Vorsitzender des Bundesverbandes bäuerliche Gänsehaltung. „Darin spiegeln sich höhere Mindestlöhne, und die Mehrausgaben für Energie und vor allem Futter wider.“

    Eine Gans wiegt einige Kilo, da sind 90 Euro schnell ausgegeben. Wahrscheinlich ist auch das ein Grund, warum nur gut ein Sechstel der in Deutschland verkauften Gänse auch tatsächlich in Deutschland aufgezogen wurden. Die meisten Tiere oder vielmehr Brust und Keule kommen aus Polen und Ungarn.

    Der Preis der Importware ist deutlich geringer. Im vergangenen Jahr kostete das Kilo um die fünf Euro. „In Ungarn werden viele Tiere für die Zwangsmast zur Herstellung von Stopfgänsen gehalten“, sagt Eskildsen. „Keule und Brust gehen als Nebenprodukt in den Export nach Deutschland.“ Und sind entsprechend billig. Jedenfalls im Vergleich zur deutschen Freilandgans. „Der Preis für Importgans hat sich auf gut zehn Euro verdoppelt“, sagt der Gänsespezialist. Anders gesagt: 100 Prozent Inflation.

    Zum einen sind da die Futterpreise, die wegen des Kriegs in der Ukraine und der Sanktionen gegen Russland gestiegen sind, beides wichtige Lieferländer. Zum anderen ist da die Vogelgrippe, die das Angebot an Tieren verringert hat. In die offizielle Statistik fließt das alles nur in verschwindendem Maße ein. Die Bundesbürger aßen im vergangenen Jahr 55 Kilogramm Fleisch pro Kopf, davon 0,3 Gramm Gänsefleisch – überwiegend im Dezember.

    Auch bei der Beilage muss mehr ausgegeben werden: Kohl kostet inzwischen 23,1 Prozent mehr als vor einem Jahr. Und bei Kartoffeln ermittelten die Statistiker des Bundesamtes 28,2 Prozent. Zwar gibt es das Kilo beim Discounter ab um die 70 Cent, bessere Qualität kann aber auch fast drei Euro je Kilo kosten. Kloßmasse ist für gut zwei Euro zu haben – dennoch im Schnitt ein plus 24,10 Prozent.

    Nicht immer lässt sich direkt erkennen, dass ein Produkt teurer ist. So kostet manches immer noch genauso viel wie vor einem Jahr, etwa Gummibärchen. Die Tüten enthalten aber oft weniger der bunten Leckereien. Oder Salami: gleiche Verpackung, gleicher Preis, gleiche Zahl Scheiben, die aber dünner als vorher sind. Hersteller können auch die Rezeptur eines Produkts ändern, teuren Kakao etwa durch billigeren Zucker ersetzen. Oder Sahne in Eis durch Palmöl Äußerlich sieht das Produkt dann genauso aus wie immer. Das alles ist rechtlich in Ordnung.

    Und dann ist da noch das Gewinnstreben. Der ein oder andere nutzt aus, dass niemand so recht überblicken kann, ob das Preisplus gerechtfertigt ist. „Wir haben den Eindruck, dass es bei einzelnen Lebensmittelhersteller und Händlern Mitnahmeeffekte gibt“, sagt Frank Waskow, Lebensmittelexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. „Die höheren Preise vieler Produkte lassen sich nicht allein mit gestiegenen Energiepreisen, den Folgen des Kriegs in der Ukraine und Lieferengpässen erklären. Da will offenbar das ein oder andere Unternehmen die Marge verbessern.“ Beweisen ließe sich das nicht. Dafür seien die Preisverhandlungen zwischen Herstellern und Händlern nicht transparent und nachvollziehbar.

    Wer also sparen will in diesem Jahr, könnte auf Gans verzichten und zum Beispiel auf etwas Einfaches setzen. Heringssalat zum Beispiel, auch ein Klassiker zum Fest in vielen Familien. Doch Matjes kostet pro Kilo je nach Region und Händler auch mindestens um zehn Euro – tatsächlich 20,8 Prozent mehr als vor einem Jahr.

    Ganz kann niemand der Inflation bei Lebensmitteln entkommen: „Alle sind teurer geworden“, sagt Waskow. „Einzige Ausnahmen derzeit: frische Birnen und süße Mandelsplitter.“ Das ist dann doch nicht feierlich genug.

  • Angst vor Altersarmut

    Vor allem Jüngere tun nichts dagegen

    Corona-Krise, steigende Energiepreise und die hohe Inflation schränken die Bundesbürger langsam finanziell ein. Die meisten bewerten ihre persönliche wirtschaftliche Lage noch gut. Doch die Menschen sorgen sich darum, im Alter nicht genug Geld zu haben, wie eine repräsentative Studie des Bankenverbands ergab. Selbst Jüngere fürchten sich danach vermehrt vor Altersarmut – beschäftigen sich aber kaum damit, Geld zurückzulegen.

    Wer um die Gefahren weiß, kann sich schützen – doch gerade Berufsanfänger und jene, die erst ein paar Jahre arbeiten, kümmern sich kaum darum, für später zu sparen. Nur 18 Prozent geben an, sich bisher ernsthaft mit der persönlichen Altersvorsorge beschäftigt zu haben. 57 Prozent vernachlässigen das Thema. Dabei fürchten 38 Prozent der 18- bis 29-Jährigen Altersarmut. Deutlich mehr als vor zwei Jahren: Damals waren es nur 20 Prozent.

    Gerade die Jüngeren hätten Zeit, privat vorzusorgen. Denn etwa Sparpläne entfalten ihre volle Wirkung meist nach 20 bis 30 Jahren. Selbst wenn monatlich nur kleine Beiträge eingezahlt werden, kommt einiges an Geld zusammen. Warum Altersvorsorge bei Jüngeren kaum interessiert, ist unklar. Ein Punkt sind sicher geringe Kenntnisse. Experten fordern schon länger, bereits in der Schule damit zu beginnen, mehr Wirtschafts- und Finanzenwissen zu vermitteln.

    Nicht nur die Jüngeren sorgen sich um die finanzielle Zukunft, tun dann aber nichts. Über alle Altersgruppen haben sich der Studie zufolge nur 41 Prozent damit befasst, wie sie für die Rente vorsorgen können. Im Vergleich zu 2020 (56 Prozent) ein sehr geringer Wert. „Besorgniserregend ist, dass sich immer weniger Menschen mit dem Thema Altersvorsorge auseinandersetzen. Und dass, obwohl sie sich der Probleme bewusst sind“, sagt Henriette Peucker, Vizechefin des Bankenverbandes.

    So nimmt die Zahl derjenigen zu, die sich um ihr finanzielles Auskommen im Alter sorgen. „Das gilt insbesondere für die Über-60-Jährigen. Waren es vor zwei Jahren knapp ein Drittel der Befragten, die sich um Altersarmut Gedanken machten, so sind es jetzt bereits mehr als die Hälfte. Ein Grund dafür ist die steigende Inflation“, sagt Peucker. Es trifft auch die jüngeren. 44 Prozent derjenigen, die zwischen 30 und 59 Jahre alt sind, schätzen, dass es ihnen im Alter finanziell nicht gut gehen wird. Vor zwei Jahren waren es 30 Prozent.

    Dass das Geld im Alter nicht reicht, ist kein neues Phänomen. Ein Grund ist die Art des deutschen Rentensystems, ein weiterer der Wandel der Bevölkerungsstruktur. Heute tragen die Beschäftigten mit ihren Beiträgen an die gesetzliche Rentenversicherung die aktuellen Renten. Das funktioniert solange, wie viele Beschäftigte für wenig Rentner aufkommen. Allerdings gehen jetzt die geburtenstarken Jahrgänge in Rente. Künftig müssen weniger Beschäftigte für noch mehr Rentner aufkommen.

    In der Vergangenheit hat die Bundesregierung deshalb schon private Altersvorsorge gefördert, bei der die Beschäftigten Geld für ihre Rente zurücklegen, etwa über besondere Aktiensparpläne im Zuge eines sogenannten Riester-Vertrags. Viele Unternehmen bieten auch eine betriebliche Altersvorsorge zusätzlich zur gesetzlichen Rentenversicherung an. Dass das recht erfolgreich war, zeigt sich in der Umfrage des Bankenverbands. Danach beziehen 90 Prozent derjenigen, die heute bereits im Ruhestand sind, eine gesetzliche Rente oder Pension. 28 Prozent haben eine betriebliche Altersvorsorge, 16 Prozent eine private. Von den Über-50-Jährigen, die noch arbeiten, beziehen später 85 Prozent eine gesetzliche Rente, 44 Prozent bekommen Geld aus der betrieblichen Vorsorge und 41 Prozent haben zusätzlich etwas zurückgelegt. Aussagen über die Höhe macht die Studie des Bankenverbands nicht.

    Die Bundesregierung will die gesetzliche Rentenversicherung stärken und ihr nach dem Vorbild anderer Länder erlauben, einen Teil der Beiträge in ausgewählten Aktien und anderen Papieren anzulegen, um so von den Kurssteigerungen und Gewinnausschüttungen zu profitieren. Auch wenn die Märkte derzeit schwächeln – langfristig haben sie seit dem Zweiten Weltkrieg zugelegt. Für die sogenannte Aktienrente stellt die Bundesregierung zum Start zehn Milliarden Euro bereit.

    Für den Bankenverband reicht das nicht aus. „Die Weiterentwicklung der gesetzlichen Rente mit der neu eingeführten Aktienrücklage ist dabei ein erster Schritt“, sagt Peucker. „Der zweite Schritt muss sein, das langfristige Wertpapiersparen im Rahmen der privaten Altersvorsorge noch attraktiver zu machen.“

    Infas Quo hat im Auftrag des Bankenverbands im August 1322 deutschsprachige Personen über 16 Jahren befragen lassen. Die Ergebnisse sind repräsentativ.

  • Bitte einfach bestätigen!

    Warum Kreditinstitute Kundendaten überprüfen

    Post von der Bank oder Sparkasse: Das Institut bittet darum, die Kundendaten zu aktualisieren. Sinnlose Bürokratie oder versuchen Betrüger, raffiniert Zugriff aufs Konto zu bekommen? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Warum werden die Daten abgefragt?

    Die Kreditinstitute sind nach dem Geldwäschegesetz verpflichtet, die Identität ihrer Kunden genau zu kennen. Deshalb müssen sie nicht nur jemanden, der neu ein Konto eröffnet, prüfen, sondern sich vergewissern, dass sie bei den Personen, die bereits Konten haben, stets auf dem Laufenden bleiben. Deshalb werden die hinterlegten Daten regelmäßig überprüft.

    Welche Daten werden abgefragt? Und wie oft?

    In der Regel geht es um die Adresse, Namensänderungen etwa nach einer Hochzeit, eine zusätzliche Staatsangehörigkeit. Gefragt wird nie nach neuen, zusätzlichen Daten. Es geht darum, den bestehenden Datensatz aktuell zu halten. Für den Abruf schreibt das Gesetz angemessene zeitliche Abstände vor. Die Kunden würden in der Regel alle paar Jahre angeschrieben, sagt etwa Marion Rizzo, bei der ING Deutschland verantwortlich für Kundendatenprozesse.

    Meine Daten haben sich seit Jahren nicht geändert, sie liegen dem Kreditinstitut vor. Muss ich trotzdem antworten?

    Jeder Bankkunde ist verpflichtet, die Angaben zu aktualisieren oder, wenn sich nichts geändert hat, zu bestätigen. Das betrifft die Millionärin mit mehreren Immobilienkrediten, eigener Firma und Aktiendepot und schwankendem monatlichen Einkommen ebenso wie den klassischen Angestellten mit gleichmäßigen Gehaltszahlungen und 50-Euro-Sparplan.

    Was passiert, wenn ich meine Daten nicht aktualisiere?

    Weil die Bank ihre Sorgfaltspflicht verletzt, wenn sie die Kundendaten nicht aktuell hält, wird sie den Zugang zu den Konten einschränken und sie im schlimmsten Fall schließen. Verbraucher müssen sich in diesem Fall eine neue Bank suchen. Die Kreditinstitute werden aber versuchen, ihre Kunden zu halten. Üblich sind deshalb mehrere Anschreiben, im virtuellen Postfach wie auch bei der Anmeldung zum Online-Banking. Und sollte es keine Reaktion geben, schickt die Bank auch noch ein Schreiben per Post.

    Ich soll meinen Daten online bestätigen. Warum?

    Das Online-Verfahren ist für Kunden und Bank am einfachsten. Haben sich keine Daten geändert, reicht ein Klick, um sie zu bestätigen. Meist muss man sich dazu in seiner Banking-App auf dem Smartphone oder im Online-Banking über den Rechner anmelden. Viele Kreditinstitute bieten auch an, die Daten am Telefon zu bestätigen. Dazu muss man für das Telefonbanking auch freigeschaltet sein und sich unter der entsprechenden Nummer der Bank zu erkennen geben – sei es mit einer Pin oder per Stimme. Es ist meist auch möglich, per Post zu antworten.

    Was mache ich, wenn ich Bedenken wegen der Datenabfrage habe?

    Wer Zweifel hat, ob die Menge der abgefragten Daten nicht zu weit geht, kann sich an die jeweiligen Datenschutzbeauftragten der Kreditinstitute wenden, wie David Riechmann, Jurist bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, sagt. Sie seien unabhängig. Die Kontaktdaten finden sich in den Datenschutzbestimmungen. Fragen beantworten auch die Datenschutzbeauftragten des jeweiligen Bundeslandes, in der das Kreditinstitut ansässig ist.

    Woran erkenne ich, dass das Schreiben echt ist?

    Ist das Schreiben digital im Online-Briefkasten der Banking-App oder des Online-Bankings gelandet, ist es echt. Die Post ist praktisch innerhalb des Kreditinstituts verschickt worden. Betrüger haben hier keinen Zugriff. Und auch ein klassischer Brief kommt sehr wahrscheinlich von der Bank. Denn Betrüger verschicken keine Briefe in großem Stil per Post, um an die Zugangsdaten der Kunden zu kommen. „Das ist viel zu aufwändig“, sagt Nico Rudolf, bei der ING Deutschland für operative Betrugsprävention zuständig. Betrüger arbeiten heute vor allem mit E-Mail, SMS, WhatsApp und anderen Messenger-Diensten. Oder sie rufen an.

    Worauf sollte ich grundsätzlich achten, wenn sich die Bank – vermeintlich – meldet?

    „Hinweise auf betrügerische Absichten können Rechtschreibfehler in E-Mails sein“, sagt Verbraucherschützer Riechmann. Auch ein allgemeines „Liebe Kundin“ statt einer persönlichen Ansprache ist bei wichtigen Bankschreiben unüblich. Zudem gilt: Ein Kreditinstitut fragt niemals in E-Mails, per SMS oder über einen Mitarbeiter, der anruft, nach Zugangsdaten wie Passwort und Pin oder einer Freigabe. Angerufen wird ausschließlich, um Sachverhalte zu klären, wie ING-Mitarbeiterin Rizzo sagt.

    Mit welchen Tricks versuchen Betrüger, an meine Daten zu kommen?

    „Betrüger bauen in ihren Schreiben immer Druck auf“, sagt Jurist Riechmann. Und es müsse schnell gehen. Oft heißt es, es gebe Unregelmäßigkeiten bei der Kontoführung. Es werden Kontosperrung oder Geldstrafen angedroht. Meist folgt dann ein Link, der auf eine Anmeldeseite führt, die der echten Bankseite täuschend ähnlich sieht, aber gefälscht ist. Wer sich hier einloggt, gibt seine Daten weiter. Um das zu vertuschen, leiten die Betrüger oftmals anschließend zur offiziellen Bankseite weiter oder zeigen eine Fehlermeldung an.

    Wie kann ich mich schützen?

    Grundsätzlich empfiehlt Verbraucherschützer Riechmann, nichts schnell zwischendurch zu erledigen. „Spätestens, wenn die Tan eingegeben werden soll oder am Smartphone Gesichtserkennung oder Fingerabdruckscan nötig sind, sollte man genau hinsehen.“ Das Gerät zeige dann einen Text, der erkläre, was freigegeben werden solle. ,Datenabfrage‘ wäre in Ordnung, ,Freigabe eines neuen Tan-Gerätes‘ nicht. Das kann ein Smartphone der Betrüger sein, die dann das Konto kapern können.

    E-Mails/SMS: Wer eine Mail bekomme, solle zunächst die Absenderadresse darauf prüfen, ob diese der offiziellen Mailadresse des Kreditinstituts entspricht, sagt ING-Spezialist Rudolf. Letztere lässt sich einem offiziellen Schreiben entnehmen. Er empfiehlt, auf keine Links oder Buttons zu klicken. Im Zweifel einmal weniger klicken und bei der Bank anrufen.

    Bei Anrufen: Ruft jemand an, der sich als Bankmitarbeiter ausgibt und Daten abfragt, empfiehlt ING-Mitarbeiterin Rizzo, aufzulegen und zurückzurufen. Das Bank-Call-Center weiß dann, ob man angerufen werden sollte. Achtung: Nicht die auf dem Telefon angezeigte Nummer wählen, sondern eine bekannte Servicenummer von einem vorigen Bankschreiben eintippen. Denn Betrüger können beim sogenannten Caller-ID-Spoofing die richtige Nummer vortäuschen. Wer auf Rückruf tippt, landet wieder bei den Betrügern.

    Was tue ich, wenn etwas schief gelaufen ist?

    Sofort das Kreditinstitut informieren und das Konto erst einmal sperren lassen, rät Jurist Riechmann. So lassen sich die Schäden zumindest begrenzen.

  • Das Milliarden-Wunder

    Wirecard: Prozess gegen Ex-Chef Markus Braun beginnt

    Spektakulärer Aufstieg, dramatischer Absturz: Prozess gegen Ex-Wirecard-Chef Markus Braun beginnt

    Ein besonderer Termin, dieser 14. Mai 2019. Über Münchens Innenstadt strahlt die Sonne, und in den weißen Räumen eines Designermode-Studios gewährt Wirecard, Überflieger der deutschen Finanzszene, erstmals einen öffentlichen Blick hinter die Kulissen. Versucht zu zeigen, womit das Online-Unternehmen Geld verdient. Denn das ist seit Jahren nicht offensichtlich. Der Chef des Wirecard Innovation Lab und die Produktvorständin geben Interviews. Mitarbeiter führen vor, wie sich mit dem Ehering bezahlen lässt, erklären den intelligenten Einkaufswagen, der auch Geld für die Ware überweist, zeigen eine App, die Bargeld überflüssig macht. Der schöne Schein der neuen Finanzwelt. Und fast alle glauben es.

    Etwas mehr als ein Jahr später ist der Zahlungsabwickler nicht mehr die Zukunft der deutschen Finanzbranche, sondern erledigt. Am 25. Juni 2020 meldet Wirecard Insolvenz an. 1,9 Milliarden Euro fehlen in der Bilanz, waren vielmehr wohl nur erfunden. Vize-Chef Jan Marsalek verschwindet, wird mit Fahndungsplakaten gesucht. Konzernchef Markus Braun weiß nach eigener Aussage von nichts. Die Aktionäre, die an seine Geschichte innig geglaubt haben, verlieren Milliarden. Und rund 6000 Mitarbeiter weltweit stehen vor dem Nichts. Eben noch ein Unternehmen, das die Deutsche Bank kaufen wollte, jetzt der größte Finanzskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte.

    Und was für einer: Es geht um die Gier der Anleger, hervorragende Inszenierungen, Geheimdienste, die Pornoindustrie, Glücksspiel. Um Aufsichtsbehörden, die offenbar nicht so genau hinsehen konnten. Und darum, wie mit viel Aufwand verhindert werden sollte, dass die Wahrheit bekannt wird.

    Vieles ist immer noch unklar. Möglicherweise wird der Prozess gegen den ehemaligen Konzernchef Braun einiges erhellen, der an diesem Donnerstag in der Münchener Justizvollzugsanstalt Stadelheim beginnt (Az 4 KLs 402 Js 108194/22). Die Anklageschrift hat 474 Seiten. Der Vorwurf: Bilanzfälschung, Untreue, Marktmanipulation und gewerbsmäßiger Betrug. Mit Braun angeklagt sind der ehemalige Chefprokurist Stephan von Erffa und der Geschäftsführer eines Wirecard-Partnerunternehmens in Dubai. Der Prozess ist auf 100 Verhandlungstage angesetzt und wird mindestens bis 2024 dauern. Braun streitet alle Vorwürfe ab.

    Der ehemalige Wirecard-Chef sitzt seit Juli 2020 in Untersuchungshaft. Dass er am Donnerstag im schwarzen Rollkragenpullover erscheint, ist eher unwahrscheinlich. Dabei inszenierte er sich gern als Mastermind in der Tradition des legendären Apple-Chefs Steve Jobs, verkündete üppige Umsatzsprünge und satte Kursgewinne – selbst als es sehr eng wurde. Vor Gericht ist wohl eher Demut angezeigt.

    Die Geschichte Wire Cards beginnt 1999. Damals wird der Name noch getrennt geschrieben. Das Unternehmen will Zahlungen zwischen Kreditkartenfirmen, Kunden und Onlinehändlern abwickeln. 2005 wird das Unternehmen mit Infogenie verschmolzen, kommt so an die Börse. Markus Braun wird Chef. Wie viele technische Neuerungen nutzen am Anfang vor allem Firmen aus Porno- und Glückspielbranche den Service. Schmutziges Geld zu verdienen, wird Wirecard auch später vorgeworfen. Das Unternehmen dementiert, wie eigentlich immer.

    Das Geschäft wächst zunächst langsam, der Aktienkurs auch. Von 2014 an geht es richtig los bei Wirecard, im September 2018 ersetzt der Neuling die altehrwürdige Commerzbank im Deutschen Aktienindex Dax. Das deutsche Tech-Wunder ist zeitweise 25 Milliarden Euro wert. Braun spielt eine Übernahme der Deutschen Bank durch, was prompt öffentlich wird und zum Nimbus beiträgt. Alles, so scheint es, ist beim Finanzdienstleister aus Aschheim bei München möglich.

    Wirecard wächst vor allem in Asien. Dort gibt es ein besonderes System: Wo die Firma nicht direkt selbst tätig werden kann, arbeitet sie mit Partnern, die das Geschäft im Auftrag Wirecards abwickeln, und Treuhändern, die das Geld verwalten. Was vernünftig klingt, öffnet auch die Chance dazu, Geschäft einfach zu erfinden. So laufen mehrere hundert Millionen Euro Umsatz und des Wirecard-Geschäfts zeitweise angeblich über eine Partnerfirma in Dubai, deren Büroausstattung bei einem Besuch der „Wirtschaftswoche“ sehr zurückhaltend ist. Verantwortlich für das offenbar aufgeblasene Asien-Geschäft war Vize-Chef Marsalek. Der brüstete sich gern mit seinen Geheimdienstkontakten. Er verschwand nächtens mit einer Privatmaschine Richtung Belarus, soll sich in Moskau aufhalten und hat vorher offenbar noch mehrere hundert Millionen Euro bei Wirecard abgezweigt.

    Dass etwas faul ist beim Finanzdienstleister, wusste Dan McCrum schon länger. Der Finanzjournalist der „Financial Times“ schrieb mit Kollegen seit 2015 über Unstimmigkeiten in der Wirecard-Bilanz. Das Unternehmen seinerseits bezeichnete die Berichte als Teil einer Schmutzkampagne von Anlegern, die auf fallende Kurse wetteten. Ein typisches Vorgehen: Wir sind die Guten, die Neider wollen uns fertig machen. McCrum berichtet später davon, sich bedroht zu fühlen. Er arbeitete monatelang in einem fensterlosen, abgeschirmten Raum ohne Internetverbindung, aus Angst, abgehört zu werden.

    Wenig überzeugend auch die Arbeit der Finanzaufsicht. Spätestens, als über Unregelmäßigkeiten berichtet wurde, hätte jemand genauer hinschauen müssen. Stattdessen zeigte die Bafin Berichterstatter McCrum an und verbot zunächst sogenannte Leerverkäufe, mit denen Investoren auf fallende Kurse wetten – ein einmaliger Vorgang, der die Anleger in Sicherheit wog. Sie hatten schon vorher darauf vertraut, dass bei Wirecard alles in Ordnung war.

    Letztlich zwang der Druck der Enthüllungen Wirecard dann zu Sonderuntersuchungen. Die Wirtschaftsprüfer von EY, die jahrelang die Bilanzen von Wirecard geprüft haben, sind plötzlich nicht mehr so sicher. Und die Kollegen von KPMG finden kein Geld, wo doch Milliarden sein sollen. Im Juni 2020 kann Wirecard dann den Jahresabschluss von 2019 nicht vorlegen. Markus Braun erklärt noch steif, fast wie ein Automat in einem offiziellen Video: „Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Wirecard AG in einen Betrugsfall erheblichen Ausmaßes zum Geschädigten geworden ist.“ Dann ist Schluss.

  • Handel mit Freunden

    Das Ceta-Handelsabkommen mit Kanada ist eine gute Sache

    Eine Welt, die unter dem beherrschenden Einfluss von Diktatoren steht, wäre keine gute. Diese jedoch droht, wenn die westlichen Staaten jetzt nicht aufpassen. Die russische Regierung hat den Krieg gegen die Ukraine vom Zaun gebrochen. Und die chinesische Regierung will ihr autoritäres System zur stärksten Weltmacht aufrüsten. Das ist der Hintergrund, vor dem der Bundestag das Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Kanada (Ceta) beschloss.
    Die Welt sortiert sich neu. Deshalb muss man auch dieses Abkommen neu bewerten. Kritik, die vor fünf Jahren noch zentral erschien, macht jetzt einen etwas abseitigen Eindruck. Ja, das Abkommen beinhaltet auch neue Schiedsgerichte, die Unternehmen Klagen gegen den deutschen oder kanadischen Staat ermöglichen. Diese Sondergerichtsbarkeit ist schwer zu begründen, weil ja die ordentliche Justiz in beiden Staaten auch Unternehmen eine ausreichende Sicherheit bietet. Trotzdem darf das nun kein Punkt mehr sein, an dem das Abkommen scheitert.
    Stattdessen sollte die Frage lauten: Mit welchen Staaten können sich Deutschland und die Europäische Union zusammentun, um dem Autoritarismus etwas entgegenzusetzen? Neben Kanada ist man da schnell bei Mittel- und Südamerika – Mexiko, Chile, der dortigen Wirtschaftsgemeinschaft Mercosur unter anderem mit Brasilien und Argentinien. Oder auch bei den USA, wo der erste Anlauf zu einem umfassenden Handelsabkommen mit Europa (TTIP) vor Jahren an Ex-Präsident Donald Trump scheiterte, zur Freude der hiesigen Globalisierungskritiker.
    Verträge, die den wirtschaftlichen Austausch mit vertrauenswürdigen Staaten befördern, sind gut. Die naheliegende Basis bildet das gemeinsame Bekenntnis zu Demokratie, Menschenrechten, individueller Freiheit und freiem Handel. Auch dieser kann eine gute Sache sein, der für beide Seiten mehr Wohlstand schafft. Die Voraussetzung dafür ist, dass die Interessen der Unternehmen nicht an oberster Stelle stehen, sondern mit dem Gemeinwohl ausbalanciert werden.
    In früheren Jahrzehnten wurde die Freihandelsideologie oft übertrieben. Die Konzerne betrachteten andere Länder nur als Rohstoffquellen, Arbeits- und Absatzmärkte. Die dortige Entwicklung spielte kaum oder keine Rolle. So führte – und führt – Bergbau zu gigantischen Umweltschäden, und die betroffene Bevölkerung kann sich oft nicht wehren. 2013 stürzte die Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch ein, weil sich die Auftraggeber, unter ihnen auch Firmen aus Europa, nicht um die Arbeitssicherheit gekümmert hatten.
    Insofern war die Kritik an der neoliberalen Wirtschaftsordnung oft berechtigt. Jetzt scheint es jedoch, als berücksichtige Bundesregierung die Forderungen der globalisierungskritischen Bewegung teilweise. So wird in der neuen Zusatzerklärung zum EU-Kanada-Abkommen die Kompetenz der Schiedsgerichte eingeschränkt. Die EU-Kommission scheint diesen Weg mitzugehen, wenngleich die alte Marktradikalität dort noch spürbar bleibt.
    Ein weiterer Schritt soll darin bestehen, dass künftige Handelsverträge den Klima- und Umweltschutz stärker berücksichtigen. Die Sozial- und Arbeitsrechte sollten ebenfalls aufgewertet werden, erklärt die Bundesregierung. Gelingt das, wären die teilnehmenden Staaten künftig verpflichtet, die Rechte von Beschäftigten und Anwohnern besser zu schützen. Das könnte zu einer ausgewogeneren Bilanz von Freihandel und sozialem Fortschritt führen.
    Umgekehrt darf man die Anforderungen an Handelsverträge nicht zu hoch schrauben. Wenn man die moralischen Maßstäbe von Misereor und Brot für die Welt anlegt, bleibt fast kein Land mehr übrig, mit dem sich Handel treiben ließe. Angesichts der Weltlage ist das keine Option.

  • Katastrophenwarnung per Mobiltelefon

    Kommende Woche testet der Staat erstmals Cell Broadcast

    Kommende Woche testen Katastrophenschützer in großem Umfang das deutsche Warnsystem. Erstmals werden entsprechende Nachrichten testweise auf Mobiltelefone im deutschen Netz verschickt. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zu Cell Broadcast.

    Was passiert am 8. Dezember genau?

    Bund und Länder haben Donnerstag, 8. Dezember, ausgewählt, um die Abläufe einer Warnung und das gesamte deutsche Warnsystem zu testen. Los geht es um 11 Uhr. Das Ende ist für 11.45 Uhr vorgesehen. Getestet werden unter anderem Sirenen, Warn-Apps und die Abläufe zwischen einzelnen Behörden. Erstmals soll Cell Broadcast flächendeckend eingebunden werden. Über das System wird eine Warnung der höchsten Stufe verschickt. Sie erscheint auf den Mobiltelefonen, gleichzeitig wird ein Warnsignal ertönen. Der Warntext enthält den Hinweis, das es sich um einen Test handelt und einen Link, über den man auf weitere Informationen kommt.

    Was ist Cell Broadcast?

    Cell Broadcast (deutsch etwa Mobilfunkzellen-Rundruf) ist ein Verfahren, mit dem alle Mobiltelefone angesteuert werden können, die im Mobilfunknetz angemeldet sind. Netzbetreiber können darüber Nachrichten verschicken. In Deutschland wird das Verfahren Teil des staatlichen Warnsystems, neben anderen Kanälen wie Spezial-Apps, Sirenen, Hinweisen in Rundfunk und Fernsehen, Online und auf digitalen Informationstafeln etwa in U-Bahnen größerer Städte sowie über Lautsprecherwagen. Anders als die staatliche Warn-App Nina muss Cell Broadcast nicht installiert werden.

    Wie funktioniert Cell Broadcast?

    Deutschland ist mit einem Raster aus Funkzellen überzogen, in denen sich die Mobiltelefone dauerhaft anmelden. Bewegt sich ein Telefon von einer in die nächste Zelle, meldet es sich in der ersten Zelle ab und in der zweiten an. Über Cell Broadcast lassen sich gezielt alle Mobiltelefone in einer, mehreren oder allen Zellen anschreiben. ohne dass der Netzbetreiber weiß, wer die Nachricht bekommt. Praktisch eine Postwurfsendung an alle. Im Unterschied dazu ähnelt eine SMS-Kurznachricht einem persönlich adressierter Brief. Für eine SMS ist eine konkrete Telefonnummer nötig.

    Andere Länder wie die Niederlande nutzen das System bereits länger. Warum wird es erst jetzt in Deutschland eingesetzt?

    Die Flutkatastrophe im Ahrtal im Sommer 2021 hat Lücken im deutschen Warnsystem offenbart. Cell Broadcast soll sie schließen und verwendet werden, um gezielter warnen zu können. Schließlich hat fast jeder in Deutschland inzwischen ein Mobiltelefon – und es meist auch angeschaltet. Der Bundestag verpflichtete die Mobilfunkbetreiber im Frühjahr 2022, die Technik möglich zu machen. Von März 2023 an wird sie flächendeckend einsetzbar sein.

    Was ist ein Warnfall?

    Grund für eine Warnung können Chemieunfälle sein wie der Zusammenstoß zweier Güterzüge nahe Wolfsburg, von denen einer hochexplosives Propangas transportierte. Zu den Gründen zählen unter anderem auch Großbrände, Hochwasser, Krankheitserreger, Ausfall der Wasserversorgung, Störfälle in Atomkraftwerken oder Zwischenlagern, kriegerische Angriffe.

    Welche Warnstufen gibt es?

    Drei Warnstufen führt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe auf: Bei Stufe drei wird vor Beeinträchtigungen gewarnt. Bei Stufe zwei ist die Unversehrtheit der Bevölkerung bedroht, der normale Lebensablauf erheblich beeinträchtigt. Bei Stufe eins besteht „Gefahr für Leib und Leben“. Und: „Der normale Lebensablauf wird unmöglich.“

    Wer entscheidet über die Warnung?

    Grundsätzlich ist in Deutschland der Bund für Zivilschutz und kriegsbedingte Gefahren zuständig, die Länder kümmern sich um Katastrophenschutz, die Städte und Gemeinden um allgemeine, nicht-polizeiliche Gefahrenabwehr. Alle nutzen das bundesweite Warnsystem mit seinem verschiedenen Kanälen. Bei einem Brand in einem Reifenlager kann zum Beispiel das Lagezentrum der regionalen Feuerwehr entscheiden, ob und über welche Kanäle gewarnt wird. Bei einem drohenden Orkan mit Starkregen kann ein Bundesland Warnungen auslösen, im Kriegsfall der Bund.

    Wer wird in Deutschland über das Verfahren alles erreicht?

    Im Prinzip bekommen alle die Warnung, die ein Mobiltelefon haben und sich in den Funkzellen befinden, in denen die Warnung ausgespielt wird. Wer ein recht altes Gerät besitzt, wird wohl nicht erreicht. Solche Telefone nutzen oft veraltete Technik, die die Funktion nicht unterstützt. Und wer sein Gerät ausschaltet, kann auch nicht erreicht werden. Zurzeit schätzen die Behörden, dass am 8. Dezember die Hälfte aller Mobiltelefone in Deutschland eine Warnnachricht bekommen wird. 2021 gab es rund 62,6 Millionen Smartphones in der Bundesrepublik.

    Mein Mobiltelefon ermöglicht es mir, Cell Broadcast Warnungen auszuschalten. Was soll das?

    Ausschalten lassen sich an den Telefonen nur Nachrichten der Warnstufen zwei und drei. Die höchste Warnstufe wird immer durchkommen. Ein- und ausschalten lassen sich die Warnungen, weil es bisher noch keine Erfahrung damit gibt, ob Menschen lieber oft und auch bei weniger gefährlichen Lagen gewarnt werden wollen. Insofern kann abschalten, wer nicht vor dem nächsten Schneesturm gewarnt werden will.

    Weitergehende Informationen auch in anderen Sprachen etwa türkisch, russisch und arabisch unter https://warnung-der-bevoelkerung.de/ im Internet.

  • E-Auto-Umstieg rechnet sich

    Studie ermittelt bis zu 30 Prozent mehr Gewinn für deutsche Hersteller

    Politisch ist klar: Die EU setzt auf Elektroautos. Und auch die Industrie hat sich mehr oder weniger darauf eingestellt, sich bis 2035 im Großen und Ganzen vom Benziner oder Dieselfahrzeug zu trennen, um den Klimawandel zu bremsen. Nur das Tempo ist sehr unterschiedlich. Erstmals zeigt jetzt eine Studie, wie sehr es sich für die Hersteller rechnet, möglichst zügig komplett auf E-Autos zu setzen. Bis zu 30 Prozent mehr Gewinn sind drin. Wer eher zögert, verliert Geld.

    „Rein unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist eine schnelle Transformation für Hersteller der richtige Weg“, sagte Christian Hochfeld, Direktor von Agora Verkehrswende, einer Denkfabrik und Lobbyorganisation. Oder wie es Kristian Kuhlmann, Partner beim Beratungshaus BCG formuliert: „Wir zeigen, dass man viel Geld verdienen kann, wenn der Umstieg schnell geht.“ Dass die Wende kommt, um den Klimawandel zu bremsen, halten beide für unstrittig. Die Denkfabrik und das Beratungshaus haben die Studie gemeinsam erstellt.

    In der deutschen Autoindustrie waren bei Herstellern und Zulieferern 2021 insgesamt rund 786.000 Mitarbeiter beschäftigt. Sie ist mit 411 Milliarden Euro Umsatz die wichtigste Branche der deutschen Wirtschaft noch vor Maschinenbau und der Chemieindustrie. Und sie ist sehr exportstark. Gleichzeitig trägt Verkehr zur Erderwärmung bei. Allein in Deutschland waren es 2021 rund 19,1 Prozent des gesamten CO2-Ausstoßes, Platz 2 nach der Industrie mit 23,8 Prozent. Hier gibt es großes Sparpotenzial, das dem Klima zugute kommt.

    Der Wandel hin zu E-Autos kostet Geld. Die Branche muss in neue Technologie investieren, die Werke umbauen, eventuell eigene Batteriefabriken aufbauen. Und die Zulieferer müssen sich wandeln. Zudem lässt sich mit Diesel- und Benzinfahrzeugen derzeit sehr gut Geld verdienen. Mercedes etwa weist für die ersten neun Monaten einen Gewinn von 5,3 Milliarden Euro aus, ein Plus von 71 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Erzielt vor allem mit großen schweren Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor. Sollte die Industrie also nicht lieber so lange wie möglich die guten Gewinne mitnehmen und langsam vom Verbrenner auf die E-Motoren umsteigen? Die Studie zeigt jetzt, dass sich in jedem Fall lohnt, voll und sehr zügig auf Elektromobilität zu setzen.

    BCG und Agora Verkehrswende gehen davon aus, dass sich die Zahl der verkauften Fahrzeuge weltweit von 78 Millionen in diesem Jahr auf 103 Millionen 2035 erhöhen wird. Der Anteil der reinen E-Autos wird dann von zehn auf 60 Prozent steigen. Für Europa liegt der Anteil reiner E-Neuwagen 2035 der Studie zufolge bei 91 Prozent der rund 20 Millionen verkauften Autos – eine Folge des Verbrennerausstiegs der EU. Die Staatengemeinschaft wird so zur treibenden Kraft der Wende. Für China geht die Studie von 67 Prozent E-Neuwagen aus, für die USA von 68 Prozent.

    Neben dieser aktuellen Prognose hat die Studie zwei weitere Szenarien betrachtet: beschleunigte E-Mobilität, weil Länder zum Beispiel E-Autos besonders fördern; und gebremste E-Mobilität, weil etwa die Ladeinfrastruktur fehlt oder Rohstoffe.

    Die Studienautoren schauten sich dann für die drei Szenarien an, wie sich die Gewinne der Unternehmen von 2022 bis 2040 entwickeln, wenn sie sich so verhalten, wie bisher geplant; wenn sie sich zurückhaltend bei E-Autos geben (ab 2035 werden mehr E-Autos als solche mit Verbrenner gefertigt) oder den Umstieg aktiv vorantreiben (Mehr E- als Verbrennerfahrzeuge ab 2025).

    Das Ergebnis: Sollte die aktuelle Prognose Bestand haben, können deutsche Premium-Autobauer (etwa Audi, BMW oder Mercedes) mit ambitionierter E-Strategie bis zu 15 Prozent mehr Gewinn machen. Sollten die Länder auf einen beschleunigten Wandel setzen, wären sogar 30 Prozent drin. Massenhersteller (zum Beispiel Ford, Opel, VW) können fünf oder zehn Prozent mehr Geld verdienen. Für alle Hersteller gilt: Wer sich Zeit lässt beim Umstieg, verdient in fast allen Szenarien bis zu 15 Prozent weniger.

    Ein Blick nach China zeigt: Die Hersteller dort verlieren kräftig, wenn sie nicht versuchen bei E-Mobilität künftig weit vorn dabei zu sein. Der Wettbewerb dürfte also schärfer werden.

    Die deutschen und europäischen Autobauer müssen also Tempo vorlegen, die Politik aber auch, damit das Umfeld stimmt. Um den Wandel zu beschleunigen, schlägt Agora-Verkehrswende-Chef Hochfeld für Deutschland vor, die Kfz-Steuer für Verbrenner zu erhöhen, um mit den Mehreinnahmen E-Autos zu subventionieren. Bei Dienstwagen sollte ein günstigerer Abschreibungssatz nur für reine E-Autos gelten, Verbrenner teurer werden. Und er empfiehlt eine gesetzliche E-Auto-Quote für Firmen, die große Fahrzeugflotten haben. Grundsätzlich sollte nach Ansicht der Studienautoren das Ladenetz ausgebaut werden.

    Hinter Agora Energiewende stehen die private Mercator Stiftung aus Essen, hinter der die Gründerfamilie des Handelskonzerns Metro steht,  und der European Climate Foundation in Den Haag, die von zahlreichen Stiftungen getragen werden. Beide setzen sich für Klimaschutz ein.

  • Milliarden für Raumfahrt

    In Paris wird der Etat für die ESA festgelegt

    Wenn es kommende Woche in Paris um Milliarden für die europäische Raumfahrt geht, wird ein Sehnsuchtsort kaum zu sehen sein: der Mond. Dabei beflügelt er die Weltraumprogramme vieler Länder. Gerade erst haben die Amerikaner eine Rakete mit der Orion-Kapsel zum Erdtrabanten geschickt. Die Europäische Weltraumbehörde Esa will stärker teilhaben. Zum Ministerratstreffen der 22 Trägerländer (22./23. November 2022), wo die Strategie für die kommenden drei Jahre beschlossen wird, herrscht allerdings Neumond. Und die Stimmung ist auch nicht so euphorisch.

    Insgesamt möchte die Esa rund 18 Milliarden Euro haben, gut ein Viertel mehr als bei der letzten Runde im November 2019. Damals hatten die Deutschen erstmals am meisten Geld gegeben, insgesamt 3,3 der 14,4 Milliarden Euro. Danach folgten Frankreich (2,7 Milliarden Euro) und Italien (2,3). „2019 haben wir uns hervorragend positioniert. Die deutsche Industrie und Wissenschaft ist ganz vorn dabei“, sagt Walter Pelzer , Chef der deutschen Raumfahrtagentur. „Wir arbeiten daran, dass wir die Position in dieser Ministerratsrunde nicht verlieren.“

    Dafür ist einiges Geld nötig. „Die Esa wünscht sich einen deutschen Beitrag von rund vier Milliarden Euro über drei Jahre“, sagt Pelzer. „Die bisher veranschlagten Mittel im Haushalt 2023 bis 2025 passen da nicht.“ Im Etat des Bundeswirtschaftsministeriums sind für das kommende Jahr 885 Millionen Euro als Beitrag vorgesehen. Dabei hat die Bundesregierung im Koalitionsvertrag festgeschrieben, die Esa zu stärken.

    „Wir sind in einer schwierigen Situation mit Krieg in Europa und vielen Menschen, die nicht wissen, wie sie die Kosten für das tägliche Leben tragen können“, sagt der Chef der Deutschen Raumfahrtagentur. „Die Politik soll jetzt einerseits die dringenden Probleme der Bevölkerung lösen und gleichzeitig wichtige Entscheidungen für die Zukunft, wie die Investitionen für die Raumfahrt, leisten. Das ist eine Herausforderung.“

    Es geht nicht nur um Geld, sondern auch um Zugang für die Zukunft. Denn nur, wenn ein Land ein Esa-Programm gezeichnet hat, also Geld gibt, können Firmen aus diesem Land an dem Programm teilnehmen, also Geld verdienen. Und die Investitionen heute entscheiden darüber, wo Europa künftig im All dabei ist.

    Vieles wird bereits vor dem Treffen geklärt. Doch vor Ort wird in der Regel hinter den Kulissen noch reichlich geschachert, wie es ein Teilnehmer nennt. Denn nicht alle Esa-Nationen sind sich einig, welche Programme laufen oder ob Esa-Regeln geändert werden sollen. Zum Beispiel bei der Frage, wer Satelliten aus Esa-Projekten transportieren darf.

    „Die Esa muss sich dem Wettbewerb öffnen. Die Regel, dass Esa-Payloads nur mit Esa-Fluggerät transportiert werden, ist anachronistisch. Das schließt Anbieter aus, die mit privatem Geld finanziert sind, steht der Kommerzialisierung entgegen und schottet den Markt ab“, sagt Pelzer. „Wir wollen, dass die Esa sich bei diesem Thema bewegt. Denn wir wollen ja privates Kapital anziehen.“ Es gibt allerdings Länder, die dagegen sind. Italien zum Bespiel, das die Esa-Rakete Vega C federführend entwickelt und finanziert hat. In Deutschland arbeiten gleich drei privat finanzierte Unternehmen an kleineren Raketen, die Satelliten im Wochentakt ins All befördern sollen, ein riesiger Wachstumsmarkt, wie überhaupt der Weltraum in Erdnähe immer mehr zum Wirtschaftsraum wird.

    In diesem Jahr fließen der Beratungsfirma Euroconsult zufolge rund 25,5 Milliarden Dollar staatlichen Geldes in Weltraumprogramme, ein Plus von 7,3 Prozent im Vergleich zu 2021. Größte Investoren sind die USA mit einem Anteil von 65 Prozent vor China mit 17 Prozent und der Esa mit sieben Prozent. 2031 sollen bereits 31 Milliarden Dollar ausgegeben werden. Dazu kommt noch Geld privater Investoren. Angetrieben werden die Investitionen von Mondprogrammen, wie Euroconsult schreibt.

    So arbeiten die Chinesen an einer eigenen Station auf dem Mond. US-Raumfahrtbehörde Nasa, Esa, die japanische und die kanadische Weltraumbehörde setzen auf eine Anlage, die um den Mond kreist. Der sogenannte Lunar Gateway soll Zwischenstation für den Weg auf den Mond werden und gleichzeitig Ausgangspunkt für Reisen zu Mars und sogar Saturn. Das Projekt ist Teil des Artemis-Programms, das gerade die Sonde Orion Richtung Mond schickte und mit dem die USA 2025 wieder Menschen auf den Mond bringen wollen. Private Investoren denken über ein Satellitennetz um den Mond nach, um die Kommunikation zu vereinfachen, sollten zum Beispiel Rohstoffe auf dem Mond abgebaut werden.

    Zu den wichtigsten Esa-Programmen aus deutscher Sicht gehört allerdings erst einmal die Erdbeobachtung – Wind, Wetter, Klima, Brände. „Wir machen Raumfahrt, um das Leben auf der Erde besser zu gestalten“, sagt Raumfahrtagenturchef Pelzer. Dann seien noch die Gründerzentren der Esa, die BIC, wichtig und die Technologieprogramme, die kleinen und mittleren Unternehmen Zugang zu Raumfahrt gäben. Und dann ist da doch noch ein Mondprojekt: „Es wäre traurig, wenn wir die weitere Entwicklung des Mondlanders nicht zeichnen könnten. Immerhin kam die Idee dafür aus Deutschland“, sagt Pelzer. Inzwischen sei der Lander Teil des Artemis-Programms.

    Doch nichts geht ohne Raketen – besonders die europäische Trägerrakete Ariane 6, die seit drei Jahren nicht abhebt. Ohne sie kann Europa große Satelliten etwa aus dem Galileo-Programm – eine Art europäisches GPS – nicht allein ins All bringen. Und Raketen in dieser Größenordnung fehlen, seit russische Sojus-Raketen nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine nicht mehr bereit stehen, US-Anbieter sind ausgebucht.

    „Das oberste Ziel muss sein, dass die Ariane 6 fertig gestellt wird. Der Jungfernflug ist für Ende 2023 vorgesehen“, sagt deshalb Raumfahrtagenturchef Pelzer. Sein Wunsch: „Die Ariane 6 bringt den europäischen Lander auf den Mond, die erste rein europäische Mondmission.“ Fehlt nur noch etwas Geld.

  • Auf Kante genäht

    KiK-Chef Zahn checkt seine Fabrik

    Kaum angekommen, stürmt Patrick Zahn die Treppen hoch. Etwas außer Puste tritt er im achten Stockwerk auf das flache Betondach der Fabrik hinaus. 35 Grad, feuchte Luft, die Sonne scheint grell. Der Chef des deutschen Textildiscounters KiK stattet hier in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, einen Kontrollbesuch ab. „Jetzt den Schlauch anschließen“, verlangt ein mitgereister KiK-Manager.

    „Feuerwehr“ und „Rettung“ steht auf den gelben Westen der beiden Arbeiter, die den grauen Schlauch ausrollen, die Düse aufsetzen, sich in Position stellen. Ein dritter öffnet das Ventil. Meter für Meter schwillt die Leitung an, bis ein armdicker Strahl bräunlichen Wassers über das Dach schießt. Zufriedenheit in den Gesichtern. Das hat geklappt.

    Zahn, hellblaues Freizeithemd, hochgekrempelte Ärmel, Sportschuhe, lässt sich erklären, was die Eigentümer der Fabrik tun, um Brände zu vermeiden und zu bekämpfen. „Nun wollen wir einen elektrischen Schaltschrank sehen“, fordert sein Mitarbeiter. Die 20-köpfige Gruppe steigt das Treppenhaus wieder hinab.

    Für sehr günstige Bekleidung ist KiK in Deutschland bekannt. Eine Herrenhose bekommt man in den Geschäften schon für 6,99 Euro, T-Shirts ab 3,99 €, Sportschuhe ab 9,99 €. Von diesem Billigimage ist nichts zu spüren, als die KiK-Delegation einige ihrer Lieferanten in Asien besucht. Im Gegenteil: Patrick Zahn tritt hier als anspruchsvoller Kunde auf, der Qualität einfordert. Er drängt darauf, dass die Fabriken, die die KiK-Textilien herstellen, Millionen Euro in die Sicherheit ihrer Beschäftigten investieren.

    Zahn bearbeitet ein Trauma: Vor neun Jahren stürzte die Fabrik Rana Plaza in Dhaka ein. Mehr als 1.100 Tote. Vor zehn Jahren brannte Ali Enterprises in Karachi, Pakistan, ab. 259 Tote.

    Wie ist die Situation heute? Passt das wirklich zusammen – billige Klamotten und gute Arbeit?

    Ventilatoren surren unter den niedrigen Decken. Neonlicht erleuchtet lange Reihen von Nähmaschinen. Dutzende Arbeiter:innen sitzen eng hintereinander, mehrere Herstellungslinien nebeneinander. Dazwischen Berge von Stoffen, Stapel von Einzelteilen, die am Ende zu Kleidungsstücken zusammengefügt werden. Hunderte Male täglich zieht jede Beschäftigte an ihrer Maschine dieselben zwei, drei Nähte, gibt die Stücke an die Kolleg:innen weiter, die die nächsten Schritt ausführen. Kurze, präzise Handgriffe, alles geht sehr schnell. Schwere Arbeit, die leicht aussieht. Bis zu elf Stunden täglich, sechs Tage pro Woche.

    Ein Arbeiter öffnet jetzt den Schaltschrank in einer Ecke des Produktionsgeschosses. Zahns Leute schauen sich die Verdrahtung an. Reicht sie für die Stromstärke, in welchem Zustand sind die Sicherungen? KiK hat von seinen Zulieferern in den vergangenen Jahren verlangt, die Elektrik zu modernisieren, denn Kurzschlüsse können Brände auslösen. Nun wird der Strom im gesamten Stockwerk gekappt. Das Rauschen der Propeller und Maschinen verstummt. Leuchten die Schilder über den Notausgängen trotzdem, damit das Personal bei Bränden den Weg nach draußen findet? Und funktionieren die Alarmsirenen in allen Stockwerken? Abgehacktes, lautes Tröten. Okay, Zahn nickt, hört sich gut an.

    Weiter zum Check der Feuerlöscher im Erdgeschoss. Vorbei an den Näherinnen und Nähern, die die Fremden fasziniert und ein bisschen ängstlich betrachten, hetzt der Tross weiter. Mit dabei immer ein paar Arbeiter:innen, die eilfertig Papiertücher reichen, wenn den Besucher:innen der Schweiß über die Gesichter rinnt.

    Die KiK-Leute drängeln. Sie reiten hier ein wie die Herren, geben Anweisungen und setzen die einheimischen Manager unter Druck. Der Besuch war zwar angekündigt, aber erst vor Ort entscheiden Zahn und seine Leute, was genau sie sehen wollen. Die Fabrik soll keine Chance haben zu schummeln. Alle Sicherheitssysteme müssen jederzeit funktionieren. „Wir reden Tacheles und lassen uns nicht einlullen“, sagt der KiK-Chef. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es der größte Fehler ist, wenn man zunächst mit den Besitzern im Büro plaudert und sich dann erst etwas zeigen lässt.“

    Welche Fabriken bei dieser Reise besucht werden, hat KiK ausgesucht. Der journalistische Einblick ist deshalb begrenzt. Grundsätzlich denkbar ist, dass alle Firmenvertreter und Beschäftigten ein geschöntes Bild zeichnen. Nicht ausgeschlossen erscheint, dass die Arbeitsbedingungen anderenorts schlechter sind, beispielsweise bei den Zulieferern der Zulieferer. Der Korrespondent, der die Reise unter anderem mit Unterstützung der taz unabhängig finanziert, ist der einzige Medienvertreter. KiK-Chef Zahn will demonstrieren, dass sich in seiner Firma etwas verändert hat.

    Es geht hier um viel. In dem Fabrikgebäude Rana Plaza, das 2013 einstürzte, waren auch Textilien für KiK hergestellt worden. Nicht nur starben über 1.100 Beschäftigte, 2.500 weitere wurden verletzt. So etwas soll nicht noch einmal passieren. Damals merkten viele Kund:innen in Europa und Nordamerika erst, unter welch schlechten Bedingungen die Herstellung der Konsumgüter stattfand, die hiesige Geschäfte anboten. Hatte KiK als Textildiscounter in wohlhabenden Bevölkerungsschichten vorher schon keinen guten Ruf, sackte das Image durch Rana Plaza noch mehr ab. „Viele Bürger hatten Bedenken, ob sie unsere Produkte kaufen können“, sagte Zahn 2017 in einem taz-Interview. Und „neue Mitarbeiter zu finden, gestaltete sich zeitweise schwierig, weil Vorbehalte gegen die Firma bestanden.“

    Auch wegen Rana Plaza beschloss der Bundestag im vergangenen Jahr das Lieferkettengesetz. Ab Anfang 2023 müssen alle in Deutschland tätigen Unternehmen mit mehr als 3.000 Beschäftigten die sozialen und ökologischen Menschenrechte der Arbeiter:innen ihrer weltweiten Zulieferfabriken schützen, unter anderem für Gebäudesicherheit und Brandschutz sorgen – in allen Branchen, nicht nur der Textilwirtschaft. Und bald dürfte eine EU-Richtlinie folgen, die schärfer ausfällt als das deutsche Gesetz. Währenddessen hat KiK – Folge der Rana Plaza-Katastrophe – einen Teil des Wegs schon zurückgelegt, den die meisten Firmen erst beginnen.

    Zwei Autostunden von der Zulieferfabrik entfernt sitzt Amirul Haque Amin an einem langen, blauen Tisch im fensterlosen Besprechungsraum. Seine Mitarbeiterin bringt Kaffee. Die Wände sind mit farbenfrohen Flugblättern für Demonstrationen, Plakaten, Aufrufen und Zeitungsausschnitten tapeziert, auf vielen ist Amin, der Boss, zu sehen. Er leitet die Nationale Textilarbeiter Gewerkschaft von Bangladesch – die größte und älteste derartige Organisation, wie er sagt.

    Ihm reicht nicht, was KiK tut. Ja, das Leben der Beschäftigten sei nun besser geschützt, meint er. Was aber ist mit dem Lohn?

    8.000 Taka betrage der staatlich festgesetzte Mindestlohn, erklärt der Mann mit den kurzen, grauen Haaren, umgerechnet rund 85 Euro für einen Monat Arbeit. Erstaunlich wenig, selbst Hartz IV-Empfänger bekommen in Deutschland das Zehnfache. Aber Bangladesch ist ein armes Land. Dort leben doppelt so viele Menschen wie hier, ihnen steht aber nur etwa ein Zehntel unseres Wohlstandes zur Verfügung. Also sind die Löhne viel niedriger. In einem armen Land produzieren lassen, in einem reichen verkaufen – das ist ein Mechanismus der Globalisierung.

    Auch seine 100 Zulieferer im Land zahlen den Mindestlohn, erklärt KiK, plus Zuschläge für höhere Qualifikation und Überstunden. So erhalten viele Arbeiter:innen Monatsverdienste von bis zu 13.000 Taka, ungefähr 136 Euro. „Aber das ist nicht genug“, schimpft Amin nun, „es müssten mindestens 20.000 sein“ (210 Euro).

    An seinem einzigen freien Tag der Woche ist heute ein Arbeiter zu Amin ins Büro gekommen – extra, um mit dem Journalisten zu sprechen. Hossain, 25 Jahre, ist Näher in einer der KiK-Fabriken. Mit Vater, Mutter, Schwester und Bruder lebt er in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Der Vater arbeitet auf dem Bau, Hossain selbst bringt 13.000 Taka nach Hause. Er rechnet vor: Die Miete kostet fast 10.000, die Lebensmittel für einen Monat 15.000. Damit seien die beiden Einkommen nahezu aufgebraucht, mit den täglichen Busfahrten, Kleidung und Hygieneartikeln wird es schon knapp. Beispielsweise für Arztbesuche bleibt nichts übrig. Als sein Bruder krank wurde, berichtet Hossein, habe er einen Kredit für die Behandlung aufgenommen, den er bis heute abbezahle. Eine öffentliche Krankenversicherung gibt es in Bangladesch nicht.

    Existenzsicherndes Einkommen, „living wage“, heißt das Konzept, das Gewerkschafter wie Amin dieser kargen Realität entgegensetzen. Für Bangladesch sollte es zwischen dem Zweieinhalb- und Fünffachen des Mindestlohns liegen, je nach Berechnung verschiedener Organisationen. Und wie wird das Wirklichkeit? „KiK könnte seinen Lieferanten höhere Einkaufspreise zahlen“, schlägt Amin vor. Diese Prämie müssten die Fabriken dann an ihre Beschäftigten weiterreichen. Heute sei das Gegenteil die Regel: Die europäischen und amerikanischen Firmen würden ihre Lieferanten in Bangladesch gegeneinander ausspielen, deren Preise drücken und damit verhindern, dass die Gehälter der Arbeiter:innen steigen. Amins Kollegin Kalpona Akter sieht es ähnlich: „Zusammen mit anderen Auftraggebern sollte KiK vorangehen“ und Prämien über den zu niedrigen Mindestlohn hinaus zahlen.

    Patrick Zahn ist auf dem Weg zur nächsten Fabrik. Der Chauffeur lenkt. Man sitzt klimatisiert auf der Rückbank des geräumigen Toyota-SUVs. Reisezeiten von zwei Stunden für 15 Kilometer sind keine Seltenheit. Außerhalb der getönten Scheiben spielt sich das tägliche Gewühl des Straßenverkehrs der 18-Millionen-Einwohner-Stadt Dhaka ab. Hitze, Staub, Stau, alle hupen. Wo immer eine Gasse entsteht zwischen Pkw, Bussen und Containertransportern, quetschen sich Motorrikschas und Mopeds hindurch, auf denen manchmal ganze Familien sitzen.

    „Ich will mit gutem Gewissen ins Bett gehen können“, sagt der 45jährige Manager. Seit 2016 führt er KiK im Auftrag der Eigentümer, der Tengelmann-Gruppe. Zuvor leitete er dort den Vertrieb. Der Zusammenbruch der Fabrik Rana Plaza, die Toten und das Leid der Hinterbliebenen hätten ihn „tief angetrieben, das Unternehmen zu verändern“. Wenn er hinzufügt, „das haben wir geschafft“, wirkt er im Reinen mit sich.

    Was aber ist mit den miesen Löhnen in den Textilfabriken? Deren Existenz lässt sich kaum bestreiten.

    Mehrere Argumente zählt Zahn dazu auf. Erstens: Die Fabriken gehören nicht KiK, sondern selbstständigen Unternehmern in Bangladesch. Zahn zahlt Preise für Lieferungen, nicht Löhne für Beschäftigte. Für letztere sei nicht er als Auftraggeber verantwortlich. Sondern – zweitens – unter anderem die Regierung von Bangladesch, die den Mindestlohn festlege. Tatsächlich ist dieser von 3.000 Taka 2013 auf mittlerweile 8.000 Taka (etwa 85 Euro) gestiegen. Weitere Erhöhungen dürften folgen.

    Drittens will Zahn nicht andere Firmen wie Aldi, Lidl, Pepco oder Inditex (Zara) subventionieren, die teilweise in denselben Zulieferfabriken produzieren lassen. Zahlte KiK einseitig höhere Preise, hätten diese Konkurrenten einen Kostenvorteil, weil sie sich nicht beteiligen.

    Aber kann der Discounter leicht höhere Einkaufspreise nicht verschmerzen, wenn er sie an seine Kund:innen in den Geschäften weiterreicht? Schließlich beträgt der Anteil des Arbeitslohns, der beispielsweise in einer Zehn-Euro-Jeans steckt, nur wenige Prozent, so dass schon ein Aufschlag von etwa 50 Cent im Endkundenpreis ausreichen müsste, um die Verdienste der Zulieferbeschäftigten ungefähr zu verdoppeln – wenn sie diese Prämie auch ausgezahlt bekämen.

    „Kunde ist König“ – dafür steht die Abkürzung KiK. Vergleichsweise arme Leute können sich beim Discounter für vielleicht 40 Euro von den Schuhen bis zur Jacke einkleiden. Wer Hartz IV bezieht oder einen Niedriglohn – diese Schicht umfasst in Deutschland ungefähr ein Fünftel der Bevölkerung – spüre einen Preisaufschlag von 50 Cent pro Kleidungsstück durchaus und gehe dann mitunter lieber zur Discount-Konkurrenz, sagt Zahn. KiK verliert damit Marktanteil, fürchtet der Manager. Ein schwieriges Argument: Niedrige Löhne in Deutschland begründen dann niedrige Löhne in Bangladesch. Armut rechtfertigt Armut.

    In der nächsten Fabrik erwarten Zahn die mit Gewehren bewaffneten Sicherheitsleute vor dem Metalltor. Die beiden dicken Limousinen rollen auf den Hof, der Firmenbesitzer, seine Tochter plus Untergebene begrüßen den Kunden aus Deutschland, kurzes Händeschütteln, dann startet der Sicherheitscheck. Auf dem Weg begegnet Zahn sich selbst. Er lächelt von einem großformatigen Begrüßungsfoto, das im Treppenhaus hängt, daneben der Plan der Fluchtwege.

    Hier verlangen die KiK-Leute auch, Interviews mit dem Beschäftigten-Komitee zu führen, das Beschwerden der Arbeiter:innen bearbeiten soll. Ein im Vergleich zur tropischen Außentemperatur tiefgekühlter Besprechungsraum, glänzende Bodenfliesen, dunkler Schreibtisch. Vertreter der Zulieferfirma sind nicht anwesend. Der junge Arbeiter – barfuß, Corona-Maske über dem schwarzen Bart – ist Vize-Vorsitzender des Komitees. Unter anderem berichtet er, dass er regelmäßig elf Stunden täglich an der Nähmaschine sitze, zu den acht normalen kämen drei Überstunden. Macht 66 Arbeitsstunden wöchentlich. Zum Vergleich: In Deutschland leisten die meisten Arbeitnehmer:innen um die 40.

    Abendessen im Hotel. Zahn, unrasiert, Hemd zerknittert, entspannt sich, plaudert. Im Sakko sieht man ihn selten. Er ist ein nahbarer Typ, interessiert sich für die Erfahrungen und Meinungen anderer Leute. Manager-Arroganz ist kaum zu spüren. Wobei er einräumt, eine „kurze Lunte“ zu haben. Als er jetzt eher nebenbei von der langen Arbeitszeit in der Fabrik erfährt, sackt seine Laune schlagartig unter Null. 66 Stunden pro Woche widersprechen dem Verhaltenskodex von KiK, der in den Zulieferfirmen aushängt. Dieser orientiert sich auch am deutschen Arbeitszeitgesetz: 60 Stunden wöchentlich gelten als Obergrenze.

    Noch beim Essen ordnet der Vorstandsvorsitzende eine Untersuchung an. Er will wissen, ob die Zeitüberschreitung eine Ausnahme oder gang und gäbe ist. Sein Mitarbeiter windet sich: Das könne immer mal vorkommen, gleiche sich im Verlauf von Monaten aber aus. „Wenn diese Information stimmt, dann geht das so nicht und wir schicken morgen unsere Agentur hin“, befiehlt Zahn. KiK arbeitet mit einheimischen Vermittlern zusammen, die das tägliche Geschäft zwischen Lieferant und Kunde koordinieren, aber auch unangemeldete Kontrollvisiten durchführen. Am nächsten Abend ist das Ergebnis da: Zu lange Arbeitszeiten kommen in der Firma bei zehn Prozent des Personals vor. KiK gibt dem Management nun einige Wochen Zeit, den Fehler abzustellen. Bei einem weiteren Besuch werden die beauftragten Kontrolleure das überprüfen.

    Zahn ärgert sich. Wer ist denn Mitglied im Bangladesh Accord und wer nicht? Das ist ein Vertrag zwischen internationalen Auftraggebern und Gewerkschaften, erstmals abgeschlossen 2013 als Reaktion auf die Rana Plaza-Katastrophe. Rund 1.700 Textilfabriken in Bangladesch werden regelmäßig kontrolliert, ob sie baulich stabil und gegen Feuer geschützt sind. Fast 200 global agierende Unternehmen machen mit – aus Deutschland unter anderem Adidas, Aldi, Esprit, Hugo Boss, Lidl, Rewe. Und KiK. Händler wie New Yorker, Tedi, Woolworth oder auch Pepco aus Polen fehlen auf der Liste des Accords dagegen. „Wir haben einige Wettbewerber, die niedrigere Standards praktizieren als KiK und von unseren Anstrengungen profitieren“, sagt Zahn. Mit Kritik solle man sich doch in erster Linie diese Firmen vorknöpfen und nicht ständig in seinem Unternehmen nach Problemen suchen. Er fühlt sich ungerecht behandelt.

    Zur Wahrheit gehört jedoch auch: In der Lohnfrage bewegt sich so gut wie nichts. Gezahlt werden meist nur die von den Regierungen der Produktionsländer festgesetzten Mindestlöhne plus Überstunden. Wobei die Untergrenze bloß bei einem Drittel oder Viertel dessen liegt, was Organisationen wie die Asia Floor Wage Alliance, ein Zusammenschluss von Aktivisten, Gewerkschaftern und Wissenschaftlern, als existenzsichernde Bezahlung errechnen. Ausnahmen praktizieren allenfalls kleine Unternehmen, die sich an Fairtrade-Standards orientieren, wobei deren Marktanteil über eine Nische im Textilhandel bisher nicht hinauskommt.

    Der Stillstand liegt auch an KiK, aber nicht nur. Die anderen europäischen und nordamerikanischen Auftraggeber bewegen sich ebenfalls nicht. Bei den Lohnkosten schlagen sich die großen Marken insgesamt in die Büsche. Der wesentliche Grund: Die Löhne der Lieferanten machen einen kleinen, doch relevanten Posten in den Kalkulation der Unternehmen aus. Wächst dieser, wird es auf die eine oder andere Art teurer, etwa in Gestalt einer geringeren Gewinnmarge, höherer Endkundenpreise oder eines sinkenden Marktanteils. Diesen Effekt wollen alle vermeiden.

    Eine kleine Oase in dem grauen, lauten und wühligen Industriegebiet von Dhaka: Es gibt einen künstlichen Weiher, am Rand stehen Mangobäume, der Meeting-Pavillon ist über einen hölzernen Steg zu erreichen. Inmitten seines Fabrikareals hat der Besitzer sich und seinen herausgehobenen Gästen ein Refugium der Lebensqualität eingerichtet. Die Küche ist ausgestattet mit Highend-Haushaltselektronik aus Europa. Man reicht Pizza, Obst und Chickenwings, scharf gewürzt. Kunde und Lieferant plaudern über´s Geschäft. Der Eigentümer erwähnt, dass die Preisvorstellung von KiK seine Gewinnmarge gegen Null drücke. Das lässt sich bezweifeln, wie der Ort des Gesprächs zeigt. Gegenfrage: Würde er die Löhne der Arbeiter:innen erhöhen, wenn der deutsche Auftraggeber die von den Gewerkschaften geforderte Prämie zahlte? Es folgen Ausflüchte und Umschweife. Angeblich steigen die Löhne sowieso, weil es schwer sei Personal zu bekommen.

    Das Hin- und Hergeschiebe der Verantwortung geht beim Verband der Textilindustrie von Bangladesch weiter. Bessere Gehälter für die Beschäftigten? Wären die ausländischen Konzerne großzügiger, ließe sich vielleicht etwas machen, heißt es. Aber die Arbeitnehmer:innen sollten bitte auch etwas bescheidener sein. Schließlich verdienten sie schon jetzt mehr als die Lehrer:innen an staatlichen Schulen.

    Sie geht Patrick Zahn auf die Nerven, diese ständige Debatte über die zu niedrigen Löhne. Jedoch scheint sie bei ihm auch etwas zu bewegen. Nach einigen Tagen gemeinsamen Fabrik-Hoppings formuliert er eine Idee: Ließe sich der Bangladesch Accord nicht um eine soziale Säule erweitern? Wie wäre es, wenn Kunden, Lieferanten und Gewerkschaften gemeinsame branchenweite Lohnerhöhungen vereinbarten, die den großen Vorteil beinhalteten, dass sie für die Mehrheit der Firmen gleichermaßen gelten? Nicht einzelne Unternehmen liefen damit Gefahr, die Kosten alleine zu tragen und ihre Marktposition zu verschlechtern. Ein wesentliches von Zahns Argumenten gegen auskömmliche Verdienste in der Lieferkette fiele damit weg.

    Gewerkschafter Amin kann der Idee etwas abgewinnen – grundsätzlich. Im nächsten Moment ist er skeptisch: „Wollen die das wirklich?“ Oder ist es wieder nur ein Vorschlag, um Zeit zu gewinnen? Das lässt sich augenblicklich schwer sagen. Wobei der Accord in der nächsten Zeit eigentlich anderes auf dem Programm hat. Ein weiteres Land, zum Beispiel Pakistan, soll aufgenommen werden. Dann würden alle Ressourcen erst einmal dafür verwendet, die Sicherheit tausender zusätzlicher Fabriken auf den nötigen Stand zu heben. Schneller ginge es wahrscheinlich, wenn KiK zusammen mit anderen Konzernen ein Pilotprojekt zum Existenzlohn in einigen Zulieferfirmen startete und einfach mal anfinge.

    Zahns Reise führt jetzt nach Pakistan, das Land ist für KiK heikler als Bangladesch. Dort gibt es noch kein Abkommen wie den Accord. Die Marken und ihre Zulieferer machen, was sie wollen. Das Desaster, das sich vor zehn Jahren zutrug, ist zudem noch mehr mit dem Namen der Firma verbunden als der Einsturz von Rana Plaza. Beim Brand der Textilfabrik Ali Enterprises 2012 starben 259 Beschäftigte. KiK zahlte Schadensersatz. Jahrelang verhandelte das Landgericht Dortmund über die Klage von Opfern und Angehörigen auf zusätzliches Schmerzensgeld. Es war ein Präzedenzfall, wenngleich KiK schließlich wegen Verjährung ohne Urteil davonkam.

    Während Zahns Besuchen seiner Zulieferer in Karachi, der pakistanischen Hafenstadt am Indischen Ozean, schwingt die Erinnerung an Ali Enterprises oft mit: Bei den Befragungen durch die KiK-Leute definieren manche Arbeiter:innen ihre Wohnorte, indem sie eine Entfernung zum Ort der Katastrophe angeben.

    Von seinem Verdienst bei einem der 30 KiK-Zulieferer könne er aber ganz gut leben, sagt der Arbeiter im hellblauen Salwar Kameez, dem knielangen Hemd, das hier viele Männer tragen. Ungefähr 20.000 Rupien (etwa 95 Euro) bringe ihm die Arbeit an der Nähmaschine monatlich ein, etwas mehr als den Mindestlohn von 19.000. Und reicht das für einen erträglichen Lebensstandard? Ja, lautet die Antwort, schließlich lebe er im Familienverband, Vater und Bruder verdienten ebenfalls. So könne man auch etwas Geld zurücklegen. Ähnliches berichtet die Arbeiterin im schwarzen Schleier: Auch sie komme mit dem Mindestlohn einigermaßen zurecht, wobei sie als Alleinverdienerin vier minderjährige Kinder und ihre Mutter mitfinanziere.

    „Das kann nicht stimmen“, sagt dazu Nasir Mansoor, der den pakistanischen Gewerkschaftsbund NTUF leitet. Er rechnet vor, dass alleine die Miete und die wegen der Inflation stark steigenden Lebensmittelpreise besonders für Weizen zum Brotbacken den Mindestlohn auffräßen. Seine Erklärung: Wahrscheinlich berichteten die Arbeiter:innen geschönte Versionen ihrer Lebensumstände, da sie damit rechneten, dass der Inhalt der Gespräche den Arbeitgebern zugetragen werde. Wenn KiK Wert auf wahrheitsgemäße Aussagen lege, müssten die Interviews außerhalb der Fabriken und anonym stattfinden, rät Nasir. Er sagt: „Seit Ali Enterprises gab es in den Firmen nur kosmetische Verbesserungen.“ Für KiK sind solche Informationen der Beschäftigten dagegen Bestätigung, dass die Gewerkschaften die Bedeutung der angeblich zu schlechten Bezahlung hochspielten.

    Patrick Zahn konzentriert sich auf die Sicherheit. Ein neuer Fabrikbesuch in Karachi: Während im vergleichsweise liberalen Bangladesch vor allem Frauen an den Nähmaschinen arbeiten, sind hier im streng islamischen Pakistan die Männer in der großen Mehrheit. Probealarm im zweiten Stockwerk: Die Beleuchtung wird abgeschaltet, die Maschinen verstummen. Und jetzt? Ein paar Arbeiter schlendern in Richtung Treppenhaus, um das Gebäude zu verlassen. Viele aber bleiben, stehen in Gruppen zusammen, quatschen, scherzen. Sie nehmen den Alarm nicht ernst. Einer der KiK-Mitarbeiter verlangt lautstark, die Fabrik endlich zu räumen. Schließlich sind alle draußen – viel zu langsam, falls es tatsächlich mal brennt. Das ist nicht das einzige Problem: Im Gebäude fehlen auch Brandschutztüren, und die Verdrahtung der Rauchmelder ist marode.

    „Heute Abend fliege ich zurück“, wendet sich Zahn an den Besitzer, als sie im Büro sitzen, „bei Ihrer Fabrik sehe ich noch diverse Baustellen“. Der Kunde aus Deutschland droht: Bis zum Jahresende müssten die Probleme behoben sein – sonst werde er den Lieferanten aussortieren.

  • Die halbierte Gesellschaft

    Die Reichen gewinnen nicht immer, sie verlieren auch mal. Warum Milliardäre trotzdem eine umstrittene Spezies sind.

    In einer Nacht der frühen 1950er Jahre türmte mein Großonkel. Im DDR-Dorf Wilsleben, heute Sachsen-Anhalt, stieg er mit Frau und Tochter auf den Pferdewagen. Sie ließen sich bis zum nächsten Bahnhof bringen und fuhren mit dem Zug gen Westen. Die letzten paar hundert Meter über die damals noch weitgehend offene Grenze zur BRD gingen sie zu Fuß. Ihren Hof, etwa 60 Hektar Land, Pferde, Vieh und ihre Heimat sahen sie nie wieder.

    Der Bauer, ein Bruder meiner Großmutter, hatte einige Wochen zuvor die Information erhalten, dass ihm Gefängnis drohe, weil er während der Nazizeit Zwangsarbeiter beschäftigt habe. Die Familie begann, Möbel, Besteck und andere Wertgegenstände zu den Verwandten nach Westen zu schicken. Schließlich reiste sie selbst. Der Hof wurde kollektiviert und Teil einer neuen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft.

    Ähnlich erging es vielen Wohlhabenden und Reichen, die in den östlichen Gebieten Deutschlands lebten. Sie verloren fast ihren kompletten Besitz. Unter anderem diese Geschehnisse waren kürzlich Gegenstand einer außergewöhnlichen sozialökonomischen Langzeit-Untersuchung. „Wir zeigen, dass der Vermögensanteil des reichsten Prozents der Bevölkerung von fast der Hälfte im Jahr 1895 auf etwa 27 Prozent 2018 gefallen ist“, schreiben die WissenschaftlerInnen Thilo Albers (Humboldt Uni Berlin), Charlotte Bartels (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, DIW) und Moritz Schularick (Uni Bonn). „Fast die komplette Abnahme war das Resultat von Veränderungen, die zwischen 1914 und 1952 auftraten.“

    Die Reichen in Deutschland haben demnach während der vergangenen 120 Jahre fast die Hälfte ihres Besitzanteils am gesamten Kapital des Landes verloren. Das ist ein erstaunlicher Befund, der zumindest in einem Spannungsverhältnis, wenn nicht gar im Gegensatz zu verbreiteten Klagen über die Ungerechtigkeit der aktuellen sozialen und ökonomischen Verhältnisse steht.

    Für Schlagzeilen eignen sich normalerweise eher solche Informationen: 2021 stieg der Zahl der Vermögensmillionäre weltweit auf rund 22,5 Millionen Personen, wie die französische Unternehmensberatung Capgemini im Juni 2022 mitteilte. Deren gemeinsames Kapital habe auf etwa 82.000 Milliarden Euro zugenommen. Die Summe entspricht ungefähr der kompletten Wirtschaftsleistung der Welt eines Jahres. Anderes Beispiel: Vor dem Weltwirtschaftsforum von Davos im Januar 2020 erklärte die Entwicklungsorganisation Oxfam, dass 162 Milliardäre weltweit über so viel Vermögen verfügten wie die ärmere Hälfte der Erdbevölkerung.

    Wie kann das sein? fragt sich dann ein guter Teil der Öffentlichkeit. Vergleichbare Zahlen lassen sich auch für Deutschland finden. Die Polarisierung zwischen Arm und Reich nehme zu, heißt es, die soziale Schere klaffe auseinander, die Balance der sozialen Marktwirtschaft gehe verloren. Was ist da dran – wie hat sich Reichtum entwickelt? Welche Rolle spielt er, und sind die Klagen berechtigt?

    Albers, Bartels und Schularick analysieren, dass der Vermögensanteil des reichsten Prozents der deutschen Bevölkerung infolge von Entwicklungen sank, die mit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gekoppelt waren. Ende der 1920er Jahre verloren viele Aktionäre einen Teil ihres Kapitals durch den Börsencrash, wobei die Produktionsstätten und Immobilien erhalten blieben. Zwischen 1939 und 1945 war das anders. Boden- und Bombenkrieg zerstörten viele Werte, verwandelten Fabriken in Ruinen, und wiederum verloren auch die Reichsten. Dann folgten die nächsten Schläge: die Enteignungen in der DDR und der Lastenausgleich in Westdeutschland. Dieser funktionierte so: Wer Unternehmens-, Immobilien- und Finanzkapital trotz des Krieges hatte retten können, musste lange Zeit eine jährliche Vermögenssteuer entrichten, aus deren Einnahmen die Flüchtlinge und Verlierer entschädigt wurden.

    Davon profitierte auch mein Onkel. Mit dem Leben als selbstständiger Bauer war es zwar vorbei, aber im nordrhein-westfälischen Remscheid konnte er sich dank des Lastenausgleichs eine Eigentumswohnung leisten. Bürgerlicher Wohlstand war immerhin gewährleistet – allerdings eingelagert in eine große soziale Nivellierung, die die ökonomische Elite gigantische Summen kostete.

    Man kann es so sagen: Reichtum und Wohlstand wurden demokratisiert. Diese Information wird heute meist als gute Nachricht verstanden. Aber warum eigentlich? „Die Frage nach den Ursachen von Ungleichheit hat sich im Diskurs seit den bürgerlichen Revolutionen grundsätzlich verschoben“, erklärt Jürgen Schmidt. Der Sozialhistoriker leitet das Karl-Marx-Haus in Trier. Die Aufstände in England 1688, Amerika 1776, Frankreich 1789 oder Deutschland 1848 markierten politische, soziale, aber auch weltanschauliche Zäsuren. „Vorher wurden die Natur oder der Wille Gottes als die Ursachen für Ungleichheit betrachtet“, sagt Schmidt, „sie war daher zu akzeptieren.“ Im Zuge des gesellschaftlichen Wandels änderte sich Schmidt zufolge dieser Blick: „Nun galt es, Ungleichheit zu überwinden.“ Die Konsequenz: „Das Gerechtigkeitsempfinden im Allgemeinen ist seit dem späten 18. Jahrhundert deutlich ausgeprägter als vor dieser Zeit.“

    Wir regen uns heute über großen Reichtum viel mehr auf, als es die Menschen des Mittelalters taten. Ein Beispiel: Vom Baron Thomas de Berkeley, einem der reichsten Männer Englands, ist überliefert, dass er in den Jahren 1345/46 für seinen Konsum mehr als das 650-Fache eines damaligen Arbeitereinkommens ausgab. Die Mehrheit der Bevölkerung, so sie es überhaupt wusste, fand das nicht anrüchig. Werden Millionäre oder Milliardäre heute dagegen erwischt, wenn sie teure Villen, Yachten, Inseln oder Unternehmen kaufen, müssen sie mit bösen Schlagzeilen, öffentlicher Kritik und Forderungen nach höheren Steuern rechnen.

    Der sinkende Vermögensanteil des obersten Prozents der Bevölkerung beschreibt allerdings nur einen Trend von mehreren. Eine zweite, parallele Entwicklung sieht so aus: 1895 lag der gesamte private Besitz in Deutschland etwa beim Fünffachen des Nationaleinkommens (vereinfachend gesagt: der jährlichen Wirtschaftsleistung). Bis nach dem Zweiten Weltkrieg sank dieses Verhältnis nach Angaben von Albers, Bartels und Schularick auf nur noch das Doppelte, um jedoch bis 2018 auf das Sechsfache anzusteigen. In dieser Hinsicht sind die Verhältnisse heute wieder ähnlich ungerecht wie im 19. Jahrhundert.

    Zwei Ursachen liegen dem zugrunde: Einerseits stiegen seit der Wiedervereinigung die Aktien- und Unternehmenswerte erheblich an. Davon profitierte überwiegend das reichste Zehntel der Bevölkerung. Grundstücke und Häuser verteuerten sich aber ebenfalls. Nutznießerin war hier auch die Mittelschicht. Weil sie gut verdienten und der Staat sie mit Programmen zur Eigentumsbildung unterstützte, wurden breite Schichten zu Immobilienbesitzern. Die wohlhabendere und reiche Hälfte der Bevölkerung konnte ihre Position damit deutlich verbessern. Aber auch in Gestalt des sozialen Aufstiegs von Arbeitern in die Mittelschicht war eine Demokratisierung des Wohlstands zu beobachten.

    Demgegenüber profitierte die ärmere Hälfte der Bevölkerung nicht von der Kapitalbildung. „Der Vermögensanteil der unteren 50 Prozent hat sich seit 1990 halbiert“, stellen Albers, Bartels und Schularick fest. Diesen Privathaushalten gehören in der Regel nur ein paar tausend Euro auf dem Sparkonto, ihre Wohnungseinrichtung, ein Auto, höchstens noch eine Lebensversicherung. „Der Abstand zwischen den Habenden und denen, die nichts besitzen, hat sich deutlich vergrößert“, schreiben die ÖkonomInnen.

    Zu ähnlichen Ergebnissen kam 2013 der französische Wirtschaftshistoriker Thomas Piketty in seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“. Die Kapitalrendite, so seine These, habe bis etwa 1910 immer über der Wachstumsrate der Ökonomie gelegen. Deshalb seien damals die Einkommen und Vermögen der Reichen schneller gewachsen als die der normalen Leute, deren Verdienste an das Wirtschaftswachstum gekoppelt seien. Durch die beiden Weltkriege und die Etablierung der westlichen Sozialstaaten, schrieb Piketty, habe sich dieses Verhältnis bis in die 1970er Jahre umgekehrt: Erstmals stiegen die Löhne schneller als die Kapitaleinkommen. Seitdem kämen aber die alten Verhältnisse zurück.

    Hier stehen wir an einer Bruchlinie in der modernen Debatte über Armut und Reichtum. Klar ist, dass sich große Vermögen schneller vermehren als kleine. Eine Verzinsung von drei Prozent lässt eine Million Euro beispielsweise um 30.000 Euro wachsen, während 10.000 Euro auf dem Sparkonto einer Durchschnittsfamilie nur um 300 Euro zunehmen. So betrachtet wächst der Abstand zwischen der Elite und der Normalbevölkerung quasi automatisch. Wie groß darf er werden? Wann muss der Staat, die Politik eingreifen? Das ist Gegenstand einer Aushandlung zwischen Bevölkerungs-, Interessen- und Machtgruppen, die in demokratischen Gesellschaften hin- und hergeht. Zwischen etwa 1950 und 1980 gaben nicht nur in Deutschland oft die Interessen der Arbeitnehmer, der Unter- und Mittelschichten den Ausschlag. Danach ging es in die andere Richtung.

    In der Phase des sogenannten Neoliberalismus ermöglichten die Regierungen vieler Staaten den Kapitalbesitzern größere Spielräume. Die Steuern auf Vermögen und hohe Einkommen sanken. Hierzulande wird beispielsweise seit 1997 keine Vermögenssteuer mehr erhoben. Parallel wurde an der individuellen sozialen Sicherung gespart. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war die Abschaffung der relativ auskömmlichen Arbeitslosenhilfe und die Einführung von Hartz IV ab 2004. Als Konsequenz nahm die soziale Polarisierung zu. Mittlerweile allerdings ist ein Schwebezustand eingetreten – seit 2005 steigt zumindest die Ungleichheit der Haushaltseinkommen nicht mehr, wie das DIW Mitte 2022 errechnete.

    Die Entwicklungen seit dem Zweiten Weltkrieg lassen sich auch daran ablesen, was aus dem Bauernhof meines Großonkels wurde. Eines Tages nach der Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland bekamen meine Mutter und ihr Cousin Post. Gemäß der Politik „Rückgabe vor Entschädigung“ wurde ihnen angekündigt, dass sie als Erben den Bauernhof in Wilsleben zurückerhielten. In den späten 1990er Jahren verkauften sie ihn. Ein guter Teil des Erlöses steckt nun in meiner Eigentumswohnung in Berlin-Kreuzberg. Deren Wert ist seit Mitte der 2000er Jahre um 300 bis 400 Prozent gestiegen. Der geschrumpfte Vermögensanteil der Reichsten, der größere Anteil der Mittelschicht und die zunehmende soziale Spreizung der vergangenen Jahrzehnte – alles steckt in der Vererbungsgeschichte des Bauernhofes.

    Viele Immobilienbesitzer vor allem in attraktiven Städten profitierten massiv von den steigenden Grundstücks- und Hauspreisen – während die besitzlose Hälfte der Bevölkerung unter Wohnungsknappheit und steigenden Mieten leidet. Auch dies bildet ein Element der verschärften Debatte über Armut und Reichtum.

    Wirtschaftshistoriker Piketty plädierte dafür, die steigenden Einkommen und Vermögen der Superreichen durch hohe Steuern einzuebnen. Er forderte progressive Abgaben, die 80 Prozent des jährlichen Zugewinns der Elite konfiszieren sollten. So weit muss man nicht gehen, aber eine etwas höhere Grundsteuer auf die erheblich gestiegenen Immobilienwerte kann man durchaus für angemessen halten. Gleiches gilt für höhere Steuern auf Erbschaften, Vermögen, Kapital, Gewinne und große Einkommen. Plausibel wären sie auch, weil eine eklatante soziale Ungleichheit die politische Gleichberechtigung gefährdet. Wenn öffentliche Schulen wegen Geldmangels so schlecht ausgestattet sind, dass Kinder aus ärmeren Familien keine vernünftige Bildung erhalten, untergräbt das die Demokratie.

  • „Wo weniger Menschen sterben, werden weniger geboren“

    Am Dienstag, dem 15. November 2022, leben offiziell acht Milliarden Leute auf der Erde. „Das primäre Ziel besteht darin, die Lebensbedingungen zu verbessern“, sagt Bevölkerungsforscherin Colette Rose.

    Hannes Koch: Acht Milliarden Menschen leben jetzt, um den 15. November herum, angeblich auf der Welt. Woher wissen wir das so genau?

    Colette Rose: Die Vereinten Nationen betreiben diese Berechnungen seit 1950. Sie beruhen beispielsweise auf Bevölkerungszählungen und Sterberegistern in den meisten Ländern der Erde. Die Ergebnisse werden immer besser. Und im Nachhinein ist zu sehen, dass sie der Wirklichkeit ziemlich nahe kommen. Trotzdem ist der 15. November ein gegriffenes Datum. Wir wissen nicht präzise, wo und wann der achtmilliardste Mensch auf die Welt kommt.

    Koch: Intuitiv denkt man: „Hilfe, das sind zu viele“. Manche Leute hierzulande haben Angst vor dem Kinderreichtum in Afrika, China und Indien. Oder hat sich das Bild von der gefährlichen Überbevölkerung auf anderen Kontinenten zumindest relativiert?

    Rose: Diese Angst gibt es immer noch, aber unser Institut versucht ihr entgegenzusetzen. Wichtig zu wissen ist: Das Wachstum der Weltbevölkerung verlangsamt sich. Seit 2020 liegt es unter einem Prozent pro Jahr. Und es wird weiter zurückgehen. Schon heute leben zwei Drittel aller Menschen in Ländern, wo Frauen im Durchschnitt weniger als zwei Kinder gebären. Das heißt, die Bevölkerung wächst dort nicht mehr. Der Trend weist auch in Afrika in diese Richtung. 1990 wurden auf dem Kontinent durchschnittlich sechs Kinder pro Frau geboren, heute sind es knapp über vier und 2050 wahrscheinlich unter drei.

    Koch: Verbergen sich im Diskurs über die „Bevölkerungsexplosion“ nicht auch rassistische Motive der Europäer gegenüber der von ihnen einst beherrschten Bevölkerung der ehemaligen Kolonien?

    Rose: Wir plädieren dafür, auf die Fakten zu achten. Beim Thema Migration wird mitunter Angstmacherei betrieben. Tatsächlich haben die weitaus meisten Menschen in Afrika gar nicht den Wunsch und das Geld nach Europa auszuwandern. Wenn sie ihre Heimat verlassen, bleiben sie innerhalb ihrer Region. Andererseits braucht Deutschland auch Zuwanderung. Sie ist notwendig, um unser Sozialsystem zu finanzieren und den Bedarf an Arbeitskräften zu decken.

    Koch: Kann man es auch als Fortschritt betrachten, dass die Weltbevölkerung wächst?

    Rose: Auf jeden Fall. Eine Ursache besteht ja darin, dass die Menschen länger leben. Die Lebenserwartung nimmt zu, weil beispielsweise die medizinische Versorgung besser wird. Vorübergehend führt das zu höheren Bevölkerungszahlen. Ein, zwei Generationen später sinkt dann aber die Geburtenrate. Wenn mehr Kinder überleben, braucht man weniger Nachwuchs.

    Koch: Trotzdem zielt auch die deutsche Entwicklungspolitik darauf ab, das Bevölkerungswachstum in Afrika zu verringern. Warum genau?

    Rose: Ich möchte es anders sagen. Das primäre Ziel besteht darin, die Lebensbedingungen zu verbessern. Wenn das gelingt, sinkt das Bevölkerungswachstum. Wo weniger Menschen sterben, werden weniger geboren.

    Koch: Die Bewohner der reichen Länder belasten die Erde mit Abgasen, Müll und Flächenverbrauch stärker als es die wachsenden Populationen der armen Länder tun. Ist die angestrebte Verringerung der Geburtenrate eigentlich ein Versuch unsere Privilegien zu sichern?

    Rose: Wenn es so wäre, müsste dieser Versuch fehlschlagen. Die Industriestaaten müssen ihren Konsum reduzieren, wir leben hier über unsere Verhältnisse. Trotz ihres höheren Bevölkerungswachstum verbrauchen die ärmeren Länder viel weniger Ressourcen. Sie sind deshalb auch nicht in erster Linie für den Klimawandel verantwortlich. Eine wichtige Zukunftsfrage lautet aber: Wie lassen sich die Lebensbedingungen verbessern, ohne die Umweltbelastung zu vergrößern?

    Koch: Wie geht die Entwicklung weiter, wann wird der Höhepunkt der Bevölkerungskurve erreicht sein?

    Rose: Wir können davon ausgehen, dass wir 2050 knapp zehn Milliarden Menschen sein werden. Und um 2080 könnte die Weltbevölkerung mit 10,4 Milliarden ihren Höhepunkt erreichen. Danach setzt wahrscheinlich eine Schrumpfung ein. Das aber hängt auch von unseren heutigen Investitionen etwa in die Gesundheitssysteme ab.

    Bio

    Colette Rose arbeitet als Expertin für internationale Demografie am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.

    Info

    Acht Milliarden

    Etwa ein Prozent der Weltbevölkerung lebt in Deutschland – 83 Millionen von acht Milliarden Einwohnern. Viel mehr werden es hier wohl auch nicht mehr, dann könnte die Kopfzahl zurückgehen. Im Gegensatz zu einigen anderen Ländern: Indien wird China wohl überholen und auf 1,6 Milliarden Personen wachsen. Für Nigeria in Afrika rechnen die Experten der Vereinten Nationen mit 500 Millionen Menschen oder mehr. Erstaunliche Zahlen: Vor 2000 Jahren, um Christi Geburt herum, lebten auf der ganzen Welt nur 200 bis 300 Millionen Leute.

  • Bitterer Wandel

    Flüssiggasterminals sind nur eine Übergangslösung

    In Wilhelmshaven zeigt sich dieser Tage: Deutschland kann Großprojekte schnell, korrekt und effizient abwickeln – wenn alle wollen. An der Nordsee ist gerade der erste Anleger für Flüssiggastanker fertig geworden. Bis das erste Gas anlandet, dauert es noch ein paar Tage. Weihnachten könnte es soweit sein. Gut 230 Tage vom ersten Spatenstich bis zur ersten Lieferung sind spektakulär schnell für deutsche Verhältnisse und derartige Infrastrukturprojekte. Das ist die gute Seite.

    Die andere ist dramatisch: Jahrelang hat sich Deutschland auf Gas aus Russland verlassen, 2021 kam mehr als die Hälfte des Bedarfs per Pipeline aus Sibirien. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine Ende Februar galt es, diese Menge zügig zu ersetzen, damit es in Deutschlands Wohnungen nicht kalt wird und der Industrie nicht das Gas abgedreht werden muss. Vor allem letzteres hätte eine Wirtschaftskrise ungekannten Ausmaßen ausgelöst.

    Sparen ist eine, wenn auch begrenzte Möglichkeit. Deutschland könnte auch mehr eigenes Gas fördern, doch zusätzliche Förderanlagen brauchen Zeit. Und die fehlt. Letztlich muss Deutschland also Gas per Schiff einführen. Bis Winter 2023/24 sollen etwas mehr als ein Viertel des deutschen Gasverbrauchs über Flüssiggasterminals anlanden können.

    Sicher, die Bundesrepublik hätte früher und mehr in erneuerbare Energien und in Alternativen zum Erdgas investieren müssen, Wasserstoff etwa. Ideen gab es genug. Die unionsgeführten Vorgängerregierungen der Ampelkoalition haben das, wenn überhaupt, nur halbherzig betrieben. Und für die Wirtschaft war der Druck, sich um Alternativen zum Gas zu bemühen, gering. Dafür lieferte Russland per Pipeline einfach zu billig.

    Ja, Flüssiggas (LNG) ist teurer als Pipelinegas, schon allein wegen des Transports per Schiff über die Weltmeere. Aber es ist kaum vorstellbar, dass Russland wieder so liefern wird, wie vor dem Angriff auf die Ukraine. Und es ist ebenso schwer vorstellbar, dass sich Deutschland wieder auf das billige Gas einlassen wird, denn Russland nutzt seine Energie als Waffe.

    Vor allem die Industrie ist gezwungen, Ersatz für Erdgas zu finden. So, wie es aussieht, wird das grüner Wasserstoff. Weil Deutschland das Gas nicht in ausreichendem Maße selbst mit erneuerbaren Energien herstellen kann, muss es eingeführt werden. Die schwimmenden und später auch stationären LNG-Terminals können dann für Wasserstoff genutzt werden.

    Es ist bitter, dass erst ein Krieg in Europa nötig ist, bis praktisch jeder die Dringlichkeit erkannt hat, vom Erdgas loszukommen, in erneuerbare Energien zu investieren und Alternativen wie grünen Wasserstoff zu fördern. Dafür dürfte sich die Energiewende in Deutschland jetzt endlich radikal beschleunigen. In der Übergangszeit brauchen wir weiter Gas und dafür sind die Flüssiggasterminals nötig.

  • Kraft der künstlichen Sonne

    In der größten Anlage für Solarenergietests

    Licht erhellt. Richtig gebündelt brennt es auch ein Loch in fünf Zentimeter dicken Baustahl. Mit Taschenlampen ist das nicht zu erreichen, aber Dmitrij Laaber verfügt über die größte künstliche Sonne der Welt. Der Block vor ihm auf dem Konferenztisch soll zeigen, was die Anlage kann. Normalerweise geht es um kompliziertere Experimente und die Frage, ob sich eine Technologie etwa für Wasserstoffproduktion industriell umsetzen lässt.

    Laaber leitet Synlight, wie die künstliche Sonne heißt, die hinter der Wand neben dem Konferenztisch schlummert. Sie gehört zum Institut für Future Fuels des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Brennstoffe der Zukunft, der Name zeigt schon, sie sind hier am südwestlichen Rand von Jülich in Nordrhein-Westfalen weit vorn. „Es geht darum Sonnenlicht direkt für chemische Prozesse zu nutzen“, sagt Laaber.

    Die Idee dahinter: Warum zum Beispiel über Solarpanels Strom erzeugen, mit denen dann über Elektrolyse Wasserstoff hergestellt wird, wenn sich die Sonnenenergie direkt nutzen lässt, um in einem chemischen Reaktor Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zu spalten? Oder Schwefeloxid in Schwefel verwandeln, der als CO2-neutraler Brennstoff dienen kann? Mit der Sonnentechnik ließe sich auch Kerosin mit CO2 aus der Luft herstellen. Wobei hier die Forschung noch am Anfang steht.

    Wenn ein Unternehmen sich mit solch einer Technologie beschäftigt, fängt es im Labor an – mit einer kleinen künstlichen Sonne. Davon gibt es einige in der Welt, auch das Institut für Future Fuels hat in Köln eine solche Anlage. Danach müssen die Firmen ihre Ideen direkt in einer sehr großen Anlage testen, zum Beispiel im Solarturm in Jülich in Sichtweite des Synlight-Gebäudes. Dort bündeln Spiegel am Boden echtes Sonnenlicht auf eine Fläche oben im Turm. Die Anlage ist etwa 100 Mal größer als die im Kölner Labor.

    Doch was im kleinen Versuch aussichtsreich ist, läuft nicht zwingend im industriellen Maßstab. „Upscaling von sehr klein auf sehr groß ist sehr schwierig“, sagt Laber, vor allem, weil Größe den chemischen Prozess beeinflusst. Es kann also einiges schief gehen. Und es wird teuer, wenn die Versuche in der großen Anlage immer wieder nachjustiert werden müssen.

    Die Idee: eine künstliche Sonne, die zehn Mal größer als die typischen Laborsonnen ist, aber nur grob ein Zehntel so groß wie eine Anlage mit echter Sonne. Und die natürlich unter Laborbedingungen nutzbar ist, also auch per Knopfdruck verfügbar. „Die künstliche Sonne schließt eine Lücke auf dem Weg vom Laborexperiment zum Industriemaßstab“, sagt Laaber. Das Bundeswirtschaftsministerium und das Land Nordrhein-Westfalen finanzierten die Idee. Rund 3,5 Millionen Euro flossen nach Jülich. Im März 2017 ging die Sonne dann erstmals auf.

    Das Gebäude am Rand von Jülich ist für diese weltweit einmalige Anlage eher schlicht. Weiße Fassade, vorn Büros und Treppenhaus, hinten die Halle für die Sonne: 18 Meter hoch. Darin 149 Reflektoren in 13 Reihen angeordnet, eine Wand silbrig schimmernder Trichter. Jeder einzelne lässt sich nach vorn und hinten verschieben und beliebig drehen, um ihn auf eine der drei Versuchsräume auszurichten, knapp acht Meter entfernt.

    „Wir haben auf viele Standardteile zurückgegriffen. Die Elektromotoren zur Steuerung etwa. Und die Lampen in den Reflektoren sind Xenon-Dampfentladelampen, wie sie üblicherweise bei Kinoprojektoren eingesetzt werden“, sagt Laaber. „Das Spektrum dieser Lampen kommt dem Sonnenlicht am nächsten..“ Im Kino bilden sie Farben realistisch ab. Bei Synlight sollen die Bedingungen möglichst nah an echtem Sonnenlicht sein.

    Allerdings sind die UV- und Infrarotanteile deutlich höher als bei natürlichem Sonnenlicht, allein die UV-Strahlen sind 100 bis 1000 Mal höher als an einem sonnigen Tag im September. Zwei Drittel der Lampen haben deshalb einen UV-Filter, die anderen kann man nutzen, um unter Weltraumbedingungen zu testen.

    5700 Grad herrschen im Innern einer solchen Lampe, wenn der Plasmabogen erst einmal angeworfen ist, außen hat die Lampe 1000 Grad. Das stellt besondere Anforderungen an die Reflektoren, die deshalb keine Standardteile sind. Jeder einzelne Reflektor hat einen Durchmessern von etwas über einem Meter, ist 80 Zentimeter tief, aus vier Millimeter dickem Aluminium. Überhaupt das Material. So muss die Beschichtung der Reflektoren die Lichtstärke aushalten. Der Estrich in den Versuchsräumen hat den Härtetest dagegen nicht überstanden. Er ist an einigen Stellen schlicht nicht mehr da.

    Die künstliche Sonne liefert reichlich Energie. Die Zahlen, die Laaber nennt, lassen sich kaum vorstellen. Der Stahlblock ist da einfacher: 80 fokussierte Lampen brennen eine Minute, dann blubbert der Stahl, ist das Loch da. Die thermische Leistung dabei entspricht dem 24-Fachen eines durchschnittlichen Heizkessels. Oder: „Die Kraft einer Lampe reicht aus, um Papier im Fokuspunkt sofort zu entzünden“, sagt Laaber. Wobei die Reflektoren für Experimente meist nicht auf einen Punkt, sondern auf eine Fläche ausgerichtet werden.

    Die künstliche Sonne selbst braucht auch einiges an Strom. Schiene sie drei Stunden auf voller Leistung, verbrauchte sie die Energie, die eine vierköpfige Familie im Jahr benötigt – 3500 bis 4000 Kilowattstunden. Für die Experimente strahlt die Sonne eher kürzer. Ein bis zwei Tage dauert es, die Anlage auszurichten. „Die Versuche gehen in der Regel über mehrere Monate“, sagt Laaber. „Die meiste Zeit verschlingen der Aufbau und die Änderungen im Verlauf der Tests. Die reine Bestrahlungszeit ist vergleichsweise kurz.“

    Die meisten Kunden von Synlight hätten kein fertiges Industrieprodukt, sagt der Hüter der künstlichen Sonne. „Im besten Fall bringen sie einen Prototypen mit.“ Oft ist es eine Art Modell. Und mancher erlebt im Test dann auch Überraschungen, etwa wenn ein Bauteil im Testreaktor doch nicht so wärmebeständig ist, wie versprochen.

    „Die Anlage ist gut ausgelastet“, sagt Laaber. Das Institut forscht selbst. Und Kunden buchen die Sonne, auch aus dem Ausland, unter anderem aus Australien, Frankreich, der Schweiz und den USA. Das zahlt sich für den Standort Deutschland aus. Ein Kunde des Instituts, Synhelion aus der Schweiz, baut jetzt auf der anderen Seite Jülichs eine erste Anlage für industriell hergestellte synthetische Treibstoffe – mit der Kraft der echten Sonne.

  • Richtiger Schub fehlt

    Erste Wasserstoffbilanz vorgelegt

    Wasserstoff soll in den kommenden Jahren Erdgas als wichtigen Energieträger für die deutsche Wirtschaft ablösen. Stahlhersteller wollen ihre Werke umstellen, die chemische Industrie arbeitet am umfangreichen Einsatz des Gases. Doch die Wirklichkeit stimmt deutlich weniger optimistisch, wie die erste H2-Bilanz für die Bundesrepublik zeigt. Deutschland ist danach nicht bereit für den Umstieg auf Wasserstoff – trotz optimistischer Pläne.

    Weder wird es – Stand heute – 2030 genug deutsche Anlagen geben, die grünen Wasserstoff mit Strom aus erneuerbaren Energien herstellen können, noch kann der deutsche Importbedarf gedeckt werden. Und selbst wenn genügend Gas beschafft werden könnte, fehlt Infrastruktur – idealerweise Pipelines –, um es zum Kunden bringen zu können. Die Daten hat das Energiewirtschaftliche Institut der Universität zu Köln im Auftrag des Essener Energiekonzerns Eon gesammelt.

    „Es besteht dringender Handlungsbedarf der Politik“, sagte Patrick Lammers, im Eon-Vorstand zuständig für das europäische Kundengeschäft. Die Nachfrage nach Wasserstoff steige – vor allem in der Chemie- und Stahlindustrie. Energieversorger und Investoren stünden bereit. Allerdings, sagt Lammers, seien für viele die Unsicherheiten zu hoch, um zu investieren. Es lässt sich bis 2030 also noch etwas ändern an der misslichen Lage.

    Wasserstoff gilt als guter Ersatz für Erdgas. Er lässt sich in sogenannten Elektrolyseuren aus Wasser herstellen. Nötig ist dafür Strom. Wird Wasserstoff verbrannt, entsteht kein klimaschädliches CO2, sondern Wasser. Bis 2030 sollen in Deutschland nach den Plänen der Bundesregierung Elektrolysekapazität für mindestens zehn Gigawattstunden entstehen. Die Daten des EWI zeigen, dass zurzeit nur eine Leistung von etwas mehr als 5,6 Gigawatt geplant sind. Bisher gibt es in Deutschland bereits Kapazität von 0,065 Gigawatt.

    Insgesamt benötigt Deutschland 2030 nach der Leitstudie der staatlichen Deutschen Energieagentur (Dena) 2030 rund 66 Terawattstunden Wasserstoff. Was Deutschland nicht selbst herstellen kann, muss eingeführt werden. Den Zahlen der H2-Bilanz zufolge sind das 2030 nach aktuellem Stand 50,5 Terawattstunden – das entspricht dem monatlichen Erdgasverbrauch Deutschlands im September 2022. Erste Verträge haben Energieversorger bereits mit Partnern etwa in Australien, Israel, Kanada, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten geschlossen. Ausreichend ist die Menge bisher nicht.

    Und selbst wenn der Wasserstoff etwa per Schiff nach Deutschland gebracht werden könnte: Es gibt nicht genug Leitungen, um das Gas zu den Kunden zu bringen. Bisher existieren 417 Kilometer reine Wasserstoffpipelines – vornehmlich in Chemieparks, wie Eren Cham vom EWI berichtete. Das reiche nicht einmal von Wilhelmshaven zum Chemiepark Bitterfeld in Sachsen-Anhalt, ergänzte Eon-Vorstandsmitglied Lammers. Bis 2035 sind bisher rund 2273 Kilometer projektiert. Zum Vergleich: Das Erdgas-Fernleitungsnetz hat derzeit eine Länge von rund 40.000 Kilometern.

    Aus Sicht von Eon lässt sich allerdings noch einiges bewegen. „Wir brauchen klare Rahmenbedingungen, und zwar schnell“, sagte Vorstandsmitglied Lammers. Sieben Jahre seien keine lange Zeit, wenn man betrachte, was noch alles zu tun sei. Bisher mangele es an fundamentalen Voraussetzungen.

    Ein Problem, an dem es bisher hakt, ist die EU. Dort wird gerade diskutiert, ob Gasversorger auch ein Wasserstoffnetz betreiben dürfen. Die EU-Kommission sagt bisher nein. Das bedeutet: Sollte ein Unternehmen sein Gasnetz komplett auf Wasserstoff umstellen, was bei dem Großteil der bestehenden Pipelines möglich wäre, müsste er sich danach davon trennen. Die Folge aus Sicht der Industrie: Niemand möchte investieren.

    Auch die  Bundesregierung ist gefragt: „Wir wünschen uns mehr Kapazität bei den Genehmigungsbehörden und mehr Digitalisierung“, sagte Gabriël Clemens, Leiter des Eon-Geschäftsbereichs Green Gas. Außerdem setzt er auf neue Regeln, wie sich Projekte schneller bauen lassen. Vorbild ist das LNG-Gesetz, durch dass es möglich ist, binnen weniger Monate Flüssiggasterminal etwa in Wilhelmshaven zu bauen.

    Sorge bereitet Lammers auch der Inflation Reaction Act in den USA, praktisch ein riesiges staatliches Investitions- und Subventionsprogramm. Elektrolyseure seien ein knappes und gefragtes Gut, wenn die erst in den USA stünden, seien sie für Deutschland und Europa verloren, sagte Lammers. Und Wasserstoff aus den USA teuer zu importieren, hält er für nicht sinnvoll.

    Die H2-Bilanz ist der erste Überblick über die deutschen Wasserstoffaktivitäten. Das EWI hat dafür öffentliche Quellen analysiert. Eon will die Bilanz künftig alle halbe Jahre aktualisieren.

  • Reserve unter der Erde

    Wie sich die Rolle der Gasspeicher gewandelt hat

    Rechtzeitig vor dem Winter sind Deutschlands Gasspeicher fast vollständig gefüllt – schneller als gedacht. Reicht die Menge, um Firmen und Haushalte durch den Winter zu bringen? Und was passiert mit dem weiteren, bereits georderten Gas? Fallen eventuell sogar die Preise? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Woher kommt das Gas, das Deutschland gerade einspeichert?

    Noch 2021 lieferte Russland mehr als 50 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdgases, im Sommer waren es noch 26 Prozent. Seit August kommt nichts mehr durch die Pipelines. Seither bezieht die Bundesrepublik das meiste Erdgas aus Norwegen. Zudem liefern die Niederlande und Belgien Gas. Beide Länder verfügen über Häfen, in denen Flüssiggas, vor allem aus den USA, anlandet. Gut ein Zehntel des deutschen Gasbedarfs stammt aus heimischer Förderung.

    Wofür sind die Speicher nötig?

    Üblicherweise sind Gasspeicher wichtig für den Markt. Der Betreiber vermietet Teile an Gashändler. Diese kaufen Gas, lagern es ein und verkaufen, wenn der Preis gestiegen ist. So werden unter anderem kurzfristige Verbrauchsspitzen im Gasnetz ausgeglichen. Weil Gas in der Regel im Sommer günstig ist und im Winter teurer, weil es mehr nachgefragt wird, füllen die Händler die Speicher bis zum Herbst, um dann bis zum Frühjahr mehr zu verkaufen als neu einzulagern. In diesem Jahr ist aber alles anderes: Russland hat die Ukraine angegriffen. In der Folge nutzt es die Abhängigkeit Deutschlands und Europas von seinen Gaslieferungen als Waffe. Zuletzt lieferte es gar nicht mehr. Die Gaspreise stiegen deshalb im Sommer auf Rekordhöhen, der Markt funktionierte nicht mehr. Die Bundesregierung verpflichtete deshalb die Speicherbetreiber per Gesetz, bis zum Winter bestimmte Füllmengen zu garantieren, damit Deutschlands Industrie durch den Winter kommt und niemand frieren muss.

    Wie voll sind die Gasspeicher?

    Die Bundesregierung hatte für den 1. November einen Zielwert von 95 Prozent vorgegeben. Deutschlands Gasspeicher waren am Freitag mit 99,19 Prozent nahezu vollständig gefüllt. Einzelne Speicher lagen allerdings noch leicht unter den 95 Prozent, unter anderem, weil sie sehr groß sind und es länger dauert, sie zu füllen.

    Wie viele Gasspeicher gibt es in Deutschland und welche Kapazität haben sie?

    In Deutschland gibt es nach Angaben der Initiative Energie speichern (Ines) etwa 44 unterirdische Gasspeicher. Insgesamt stehen in Deutschland rund 23 Milliarden Kubikmeter Speicherkapazität zur Verfügung, das reicht für etwa 256 Terawattstunden und entspricht rund einem Viertel des deutschen Jahresverbrauchs 2021. Im europäischen Vergleich besitzt Deutschland rund 22 Prozent der Speicherkapazität. Weltweit liegt die Bundesrepublik auf Platz vier nach den USA, der Ukraine und Russland. Oberirdische Gasspeicher dienen oft als Puffer etwa für ein Kraftwerk oder eine Fabrik. Für die Versorgung Deutschlands sind sie vernachlässigbar.

    Wo liegen die Speicher?

    Der größte Gasspeicher Deutschlands ist ein ehemaliges Erdgasfeld in Niedersachsen. 2000 Meter unter Rehden liegt gut ein Sechstel der deutschen Speicherkapazität. Weitere große Speicher liegen im ostfriesischen Etzel, bei Gronau an der niederländischen Grenze, in der Nähe von München und bei Halle/Saale. Große Speicher gibt es auch bei Hannover und nahe Ludwigslust in Mecklenburg-Vorpommern.

    Was passiert mit dem Gas, das importiert wird, wenn die Speicher voll sind?

    Auch wenn die Speicher gefüllt werden mussten und Haushalte und Unternehmen bis zu 20 Prozent Gas sparten – vor allem die Wirtschaft verbrauchte für sogenannte Prozesswärme und als Rohstoff in großen Mengen Gas. Und auch die Haushalte heizten und kochten mit Gas. Dieser Bedarf ist weiterhin da. Sind die Speicher voll und wird weiter mehr eingeführt, als zunächst benötigt wird, greift der Marktmechanismus: Das große Angebot dämpft die Preise. Gas wird billiger, die Nachfrage steigt. Das zusätzlich importierte Gas wird also sehr wahrscheinlich verbraucht – oder meist zum Tagespreis an die Nachbarn Deutschlands verkauft, die ebenfalls Gas speichern. Sinken die Preise unter einen bestimmten Wert, kann es für Lieferanten von Flüssiggas (LNG) interessant sein, Schiffe gar nicht erst zu entladen, sondern auf Reede zu warten, bis die Preise wieder angezogen haben. Weil es auch bei einem milden Winter kälter wird und geheizt werden muss, wird der Verbrauch aber zwangsläufig steigen.

    Wie lange kann das Gas gespeichert werden?

    Im Prinzip beliebig lange. Die unterirdischen Speicher, zum Beispiel Hohlräume in Salzstöcken und ehemalige Gaslager, sind dicht, sonst taugten sie nicht als Speicher.

    Wie lange reicht das gespeicherte Gas?

    Wesentlich sind die Temperaturen in diesem Winter. Sollte es mild blieben, kommt Deutschland gut bis in den März. Wird es sehr kalt, leeren sich auch die Speicher schnell. Die Bundesnetzagentur warnt deshalb in ihrem Bericht vom 4. November zur Gaslage, ein Mangel im Winter könne nur vermieden werden, wenn das Sparziel von mindestens 20 Prozent weiterhin erreicht werde. Und die Flüssiggasterminals in Wilhelmshaven und Lubmin müssen im Dezember fertig sein. Danach sieht es zumindest an der Nordsee aus.

    Was passiert, wenn das gespeicherte Gas nicht ausreicht und nicht genug nachgekauft werden kann?

    In einem Solchen Fall kann die Bundesregierung die Notfallstufe ausrufen. Dann bestimmt die Bundesnetzagentur, wer Gas bekommt und wer nicht. Private Haushalte und soziale Einrichtungen wie etwa Krankenhäuser, Haushalte und jene Gaskraftwerke, die auch Haushalte mit Wärme versorgen sind geschützt. Es wird also vor allem die Wirtschaft treffen. Dafür gibt es bereits Pläne, zu Einzelheiten äußert sich die Bundesnetzagentur nicht.