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  • Hoffen auf Wasserstoff

    Das Projekt Desertec 3.0 könnte die Energieprobleme Europas lösen

    Wie alle wirklich guten Ideen klingt sie einfach: In Nordafrika und dem Nahen Osten scheint die Sonne in großen Mengen, auch Wind ist vorhanden. Warum also nicht dort billig Strom erzeugen, damit Wasserstoff herstellen und nach Europa transportieren, wo große Mengen des Brennstoffs benötigt werden, um Erdgas und Öl abzulösen? Die Regionen mit ihren Wüsten profitieren und die Staaten der EU bringen die Energiewende hin zu Klimaneutralität zügig voran. Doch bisher steht das Desertec 3.0 genannte Konzept noch am Anfang. Und besonders mit dem Transport hapert es.

    Vor allem Deutschland könnte profitieren. Die Industrie benötigt sehr viel Gas fossilen Ursprungs für sogenannte Prozesswärme, ohne die viele Produkte nicht hergestellt werden können. Wird das Gas verbrannt wird CO2 freigesetzt, das die Erderwärmung beschleunigt. Eine Alternative ist Wasserstoff. Wird er verbrannt, bleibt Wasser übrig. Der Bedarf ist riesig. Zurzeit sind es etwa 57 Terawattstunden, wie der Nationale Wasserstoffrat (NWR) der Bundesregierung ermittelt hat. Bis 2030 rechnet der Rat mit bis zu 202 Terawattstunden jährlich. 2040 könnten es sogar 738 Terawattstunden sein.

    Deutschland habe nicht genug Kapazität, um diese Mengen selbst aus erneuerbaren Energien herzustellen, sagte NWR-Vorsitzende Katherina Reiche bei einem Treffen zu Desertec 3.0 in Kairo vor der UN-Klimakonferenz in Scharm el-Scheich. Reiche leitet auch den Energieversorger Westenergie, der zum Eon-Konzern gehört. Helfen könnte billiger Wasserstoff aus Nordafrika und dem Nahen Osten, weil die Regionen günstig erneuerbaren Strom aus Sonne und Wind erzeugen können.

    Hinter dem Konzept Desertec 3.0 steht Dii Desert Energy mit Sitz in Dubai. Die Initiative verzeichnet inzwischen zahlreiche Projekte. Länder in Nordafrika und dem Nahen Osten bauten alle Solar- und Windenergie aus, sagte Cornelius Matthes, Chef von Dii Desert Energy. Auch Wasserstoff und Ammoniak-Produktion ist geplant. Es gebe konkrete Wasserstoffprojekte mit einer Leistung von mehr als 20 Gigawatt. In den nächsten Jahren rechnet er mit insgesamt 100 Gigawatt.

    Größter Erzeuger in der sogenannten MENA-Region ist Ägypten. Allein 24 der 61 Wasserstoffprojekte in der Region werden in dem Land umgesetzt. Auch in Marokko und dem Oman wird an Wasserstofffabriken gearbeitet. Ägypten baut Matthes zufolge auch den größten Wasserstoff-Verladehafen in der Suez-Freihandelszone.

    Viele der Projekte sind allerdings erst im Bau, schnelle Lieferung grünen Wasserstoffs ist nicht zu erwarten, zumal Möglichkeiten fehlen, den Wasserstoff in großen Mengen zu transportieren. Am günstigsten wären Pipelines. NWR-Vorsitzende Reiche sagte, bestehende Gaspipelines von Algerien und Marokko nach Spanien sowie von Algerien über Tunesien nach Italien könnten umgebaut werden. Nötig sei aber auch eine neue Pipeline von Ägypten nach Griechenland und weiter nach Italien.

    Dii-Chef Matthes nannte eine Planungs- und Bauzeit von drei bis fünf Jahren. Dazu müsste allerdings klar sein, wer die neue Pipeline finanziert. Das gleiche gilt für den Umbau bestehender Anlagen. Zudem sind Algerien und Marokko gerade nicht gut aufeinander zu sprechen. In Deutschland ließen sich 85 Prozent der bestehenden Pipelines so umbauen, dass statt Erdgas Wasserstoff transportiert werden könnte, sagte NWR-Chefin Reiche. Bisher fehlen auch Pläne für große Verladeterminals an Häfen.

    Bis günstiger grüner Wasserstoff in großen Mengen von Nordafrika oder gar Saudi-Arabien aus nach Europa und Deutschland strömt dauert es also noch. Allerdings kennt sich Dii mit solchen Situationen aus. Alles begann 2009, als die Initiative unter dem Namen Desertec in Deutschland startete. Damals war die Idee, vor allem die Sonne in den nordafrikanischen Wüstenregionen zu nutzen, um im großen Stil günstig Strom zu erzeugen und per Kabel Europa und vor allem der deutschen Industrie zur Verfügung zu stellen. Richtig voran kam das Projekt nicht, trotz illustrer Partner wie Deutsche Bank, Eon, RWE und Siemens sowie Acwa Power aus Saudi-Arabien und der staatlichen chinesischen Netzgesellschaft State Grid Corporation.

    Desertec 2.0 konzentrierte sich dann darauf, in Nordafrika und dem Nahen Osten Wind- und Solaranlagen zu unterstützen, Dii zog von München nach Dubai in die Vereinigten Arabischen Emirate. Anteilseigner sind heute Acwa Power und State Grid Corporation, der deutsche Stahlkonzern ThyssenKrupp will sich beteiligen. Dazu kommen inzwischen 93 Partner – vom staatlichen französischen Energiekonzern EDF über den Gasehersteller Linde, Siemens und den staatlichen saudischen Ölkonzern Aramco bis zum Windanlagenbauer Vestas aus Dänemark plus Unternehmen aus Nordafrika.

    Auch Neom ist Partner von Dii. In die Planstadt im Nordwesten Saudi-Arabien will der staatliche Investitionsfonds bis zu 500 Milliarden Dollar stecken. Unter anderem soll in Technologien investiert werden, die Saudi-Arabien unabhängiger vom Öl machen. Acwa Power baut hier gerade eine Wasserstofffabrik, die 2026 täglich so viel produzieren soll, wie 20.000 Linienbusse verbrauchen können. Weitere ähnlich große Fabriken sind in Ägypten und im Oman geplant. „Wasserstoff könne das neue Öl und Gas werden“, sagte Dii-Chef Matthes. Möglicherweise begibt sich Europa dann in eine neue Abhängigkeit, was keine gute Idee wäre.

  • Neue Ladenschluss-Frage

    Supermärkte sparen Energie. Und auch Personal fehlt

    Aldi Nord geht voran: Von kommender Woche an schließen zahlreiche Märkte des Discounters bereits um 20 Uhr statt 21 oder gar 22 Uhr, was das Unternehmen öffentlichkeitswirksam Mitte Oktober verkündete. Das Ziel: teure Energie sparen. Andere Supermarktketten machen an einzelnen Standorten ohnehin schon früher das Licht aus. Experten vermuten, dass das Vorgehen noch etwas anderes kaschieren soll: Personalmangel. Und es könnte eine neue Debatte um den Ladenschluss entfachen.

    Bereits im September hatte Thomas Gutberlet, Chef der hessischen Supermarktkette Tegut, vorgeschlagen, alle in der Branche sollten früher zumachen, um Energie zu sparen. Weil der Wettbewerb in der Branche hoch ist, fand das zunächst kaum Resonanz. Aldi, üblicherweise auch bei Preisvorgabe der Taktgeber, ging dann als erstes an die Öffentlichkeit. Die große Freiheit beim Einkaufen ist allerdings schon länger vorbei: In Berlin etwa schlossen einzelne Supermärkte bereits zuvor früher als üblich – 21 statt 22 Uhr. Noch vor der Corona-Pandemie im Jahr 2019 ließen sich in der Hauptstadt problemlos bis 23.30 Uhr eingelegte Gurken, Nudeln und Klopapier im Supermarkt einkaufen. Die Idee ist also nicht neu, der Hintergrund nicht nur Energiesparen.

    Die Stromkosten sind ein großer Block in den Ausgaben eines Supermarkts. Und sie sind kräftig gestiegen. Der HDE berichtete im Juli davon, dass ein moderner Supermarkt mit 1000 Quadratmeter Größe inzwischen 140.000 statt 80.000 Euro für Strom ausgeben müsse. Und dass diese Mehrausgaben nicht vollständig über teurere Waren an die Kunden weitergegeben werden könnten. Schließen die Märkte früher, lässt sich also Strom sparen – allerdings nicht so viel, wie vermutet. Denn die Kühlung muss rund um die Uhr laufen, damit die Waren nicht verderben. Und sie verbraucht mit 48 Prozent fast die Hälfte des gesamten Stroms, wie das EHI Retail Institut in Köln ermittelt hat. Das EHI forscht im Auftrag des Handels und berät Unternehmen.

    „Wenn die Unternehmen jetzt früher schließen, lösen sie auch ein mögliches Personalproblem in ihrem Geschäft“, sagt Stefanie Nutzenberger, im Bundesvorstand der Gewerkschaft Verdi zuständig für den Handel. „Beschäftigte aus dem Handel, haben sich andere Jobs gesucht, die vor allem bessere Arbeitszeiten haben. Die Branche ist für Nachwuchs unattraktiv.“ Sie spricht davon, dass Beschäftigte prekär eingesetzt wurden.

    Der Handel leidet, wie viele andere Branchen auch unter Fachkräftemangel. In der Corona-Pandemie haben sich viele Beschäftigte in Deutschland in weniger gut bezahlter Arbeit neue Jobs gesucht. Verständlich aus Sicht der Gewerkschaft: „Beschäftigte im Einzelhandel sind oft gut ausgebildet, haben eine hohe soziale Kompetenz und können schnell reagieren – solche Personen sind auch in anderen Branchen gefragt“, sagt Nutzenberger.

    Im Handel sind besonders viele Menschen in Teilzeit beschäftigt, oft mit Arbeitszeiten am frühen Morgen oder späten Abend. Tatsächlich ist die Zahl der Vollzeitbeschäftigten seit 2006, als der Ladenschluss Ländersache wurde, von 1,22 Millionen auf 1,19 Millionen im vergangenen Jahr gesunken. Gleichzeitig sind immer mehr Menschen in Teilzeit beschäftigt. Nach gut 658.000 im Jahr 2006 waren es 2021 rund 1,143 Millionen.

    Vor allem im Lebensmitteleinzelhandel zeigen sich Lücken: Bereits in der Vergangenheit standen Kunden vor schlecht befüllten Regalen. Frischetheken für Käse und Wurst sind zum Teil ohnehin nicht mehr nach 18 Uhr besetzt. Wie zu hören ist, fehlt Personal mit den entsprechenden fachlichen Bescheinigungen.

    Und häufig ist der Umsatz nach 21 Uhr auch übersichtlich. Oder wie es ein Mitarbeiter in einer zentral gelegenen Berliner Lidl-Filiale sagte: „Für die drei Bier, die wir um 22 Uhr verkaufen, lohnt es sich nicht, den Laden offen zu halten.“ Hinzu kommt, dass die Menschen wegen der hohen Inflation weniger ausgeben. Der Ausblick des Handels ist deshalb düster. Der entsprechende Index des Münchener Ifo-Instituts fiel im Oktober auf -31,9. Zum letzten Mal positiv blickte die Branche im Februar (6,3) in die Zukunft.

    Stromsparen, fehlendes Personal, Kaufzurückhaltung: All das könnte eine neue Debatte über den Ladenschluss an sich entfachen.

    „Es hat keinen Sinn, am Sonnabend um 23 Uhr Bier zu verkaufen. Das hat keine gesellschaftliche Relevanz“, sagt Verdi-Vorstandsmitglied Nutzenberger. „Es wird keine Probleme mit der Versorgung der Bevölkerung geben, wenn früher geschlossen wird.“ Für sie „rächt sich die umfassende Freigabe der Ladenschlusszeiten in manchen Bundesländern“. Nur Bayern und das Saarland begrenzen die Öffnungszeiten von Montag bis Sonnabend auf 6 bis 20 Uhr.

    Die Branche beruft sich auf den Service, den sie dem Kunden bieten. Ein Manager schränkt aber ein: „Nur weil länger geöffnet ist, ist der Kunde ja nicht mehr.“ Der Umsatz verteilt sich also nur weiter über den Tag. Oder auch nicht, wie die aktuelle Situation zeigt. Nutzenberger hält engere Regeln für deutlich besser als die bestehende Lösung: „Geregelte Ladenschlusszeiten sind von Vorteil. Das gibt den Kunden klarere Zeiten, wann geöffnet ist, und verbessert die Arbeitsbedingungen im Handel. Dann wird die Branche auch wieder attraktiver.“

    Deutschlands Einzelhändler setzten nach Angaben des Handelsverbands HDE 2021 rund 588,7 Milliarden Euro um, 36,9 Prozent davon entfielen auf den Lebensmitteleinzelhandel, den die vier großen Ketten dominieren: Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) stehen für drei Viertel des Geschäfts, wie die Ernährungsindustrie ermittelt hat. Apotheken, Brennstoffhändler, Autohäuser und Tankstellen zählen nicht zum klassischen Einzelhandel.

  • Große Chance

    Inflation kann Energiewende befeuern

    Selten eint die Bundesbürger ein Thema so sehr wie steigende Energiepreise und damit eng verbunden die Inflation. Alles wird deutlich teurer. Das spüren inzwischen auch diejenigen, die über mehr Geld verfügen. Für die Bundesregierung bietet das – so bitter es ist – Chancen für die dringend nötige Energiewende.

    Ein wesentlicher Teil der deutschen Teuerung hat mit der Energieversorgung zu tun. Jahrzehntelang hat die Bundesrepublik auf billiges Gas aus Russland gesetzt, das jetzt wegfällt und kurzfristig sehr teuer ersetzt werden muss. Der Ausbau der erneuerbaren Energien schleppte sich so vor sich hin. Häuser so zu sanieren, dass sie weniger Energie verbrauchen, war irgendwie wichtig, aber kaum mehr. Jetzt schlägt das voll in Deutschland auf die Verbraucher durch, die ihr Geld für den täglichen Einkauf zusammenhalten müssen und außerdem sehr hohe Strom- und Gasrechnungen fürchten.

    Selten ist so klar gewesen, wie wichtig die Energiewende in Deutschland ist. Dieses Moment kann die Bundesregierung nutzen, um die Abhängigkeit von anderen Ländern zu verringern, energetische Sanierung zur Pflicht zu erklären und den Ausbau von Solar- und Windenergie deutlich zu beschleunigen, etwa durch vereinfachte Verfahren. Selbst in Bayern und Baden-Württemberg sollte inzwischen klar sein, dass mehr Windanlagen nötig sind und vor allem Stromleitungen, die die Energie besser in Deutschland verteilen. Blockade von Provinzfürsten sieht angesichts der Ängste der Deutschen schlecht aus. Alles, was jetzt angeschoben wird, wirkt leider erst in einigen Jahren. Es verhindert aber, dass die Bundesbürger noch einmal aus Angst, nicht bezahlen zu können, die Heizung abdrehen und im Dunkeln sitzen.

  • Deutsche schränken sich ein

    Weniger Ausgaben, kalte Heizung

    Teure Energie und die steigenden Preise für die normale Lebenshaltung setzen die Deutschen zunehmend unter Druck. Inzwischen schränken sich fast zwei Drittel beim Konsum ein, wie eine Umfrage für das Vermögensbarometer der deutschen Sparkassen ergab. Mehr als die Hälfte wollen sich weiter einschränken. Und es wird in den nächsten Jahren vermutlich kaum besser. Helmut Schleweis, Präsident des deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV) erwartet, dass 2023 und 2024 mit Sicherheit schwer werden. Für die Zeit danach wagt er keine Prognose. Wer noch Geld zurücklegen kann, hat allerdings gute Chancen.

    Um die Lage im Land besser zu erfassen, hat der Verband in diesem Jahr zweimal die Stimmung abgefragt: Anfang Juli und Anfang Oktober. Dabei zeigt sich, wie die vielen Krisen in den Haushalten ankommen. In den zwölf Monaten bis Juli hatten sich 57 Prozent der Bundesbürger bereits eingeschränkt, Anfang Oktober waren es 64 Prozent – der höchste Wert seit 2005, als der DSGV das erste Vermögensbarometer veröffentlichte. Im Corona-Jahr 2021 gaben nur 42 Prozent der Menschen an, die Ausgaben binnen zwölf Monaten begrenzt zu haben.

    68 Prozent der Deutschen heizen demnach in diesem Herbst weniger, eine direkte Folge der kräftig gestiegenen Energiepreise. Weil fast alles im Supermarkt und anderen Läden teurer wird, kaufen 58 Prozent weniger ein. 63 Prozent schauen vor allem nach billigeren Produkten, wie aus der repräsentativen Umfrage des DSGV hervorgeht.

    Es trifft inzwischen nicht nur die, die wenig Geld haben oder verdienen und das, was sie haben, meist vollständig für die Dinge des täglichen Bedarfs ausgeben. „Der Druck kommt auch in der Mittelschicht an, die bisher vergleichsweise gut u?ber die Runden gekommen ist und nicht von staatlichen Transferleistungen abha?ngig war“, sagt Schleweis. 57 Prozent der Haushalte mit Nettoeinkommen zwischen 2000 und 3000 Euro sich geben dem Vermögensbarometer zufolge weniger aus. Bei einem Einkommen zwischen 3000 und 4000 Euro sind es 55 Prozent.

    Die Inflation wird auch im kommenden Jahr hoch bleiben. Schleweis rechnet mit zehn Prozent wie in diesem Jahr. Der DSGV-Präsident ist pessimistischer als die Bundesregierung. Viele Preiserhöhungen seien noch nicht beim Verbraucher angekommen und steckten noch in der Lieferkette. Das heißt: Unternehmen müssen mehr für Material und Teile bezahlen, die teureren Endprodukte sind aber noch nicht in den Geschäften.

    Entsprechend schlecht sehen die Deutschen ihre finanzielle Lage. Nur noch ein Drittel schätzt sie Anfang Oktober als gut oder gar sehr gut ein. Im Juli waren es noch 38 Prozent, im vergangenen Jahr 43 Prozent. Die Zahl derjenigen, die sich schlecht aufgestellt sehen stieg von 19 Prozent (2021) auf 24 Prozent (Oktober). Alle anderen bewerten die Lage mit „Es geht“.

    Über die Jahre war die Zufriedenheit zuletzt im Schnitt immer gestiegen, dieser Trend ist jetzt gebrochen. Und auch für die kommenden zwei Jahre sind die Deutschen eher pessimistisch: Gut ein Drittel erwartet, dass sich die Lage verschlechtert. 2021 waren es nur 13 Prozent. Die Zahl der Optimisten schrumpfte von 50 Prozent (2021) auf 37 Prozent (2022).

    Das hat Folgen: Im Oktober wollte 59 Prozent ihr Sparverhalten anpassen, nach 54 Prozent im Juli. „Bemerkenswert“ nennt Schleweis den Zuwachs. Dabei will ein gutes Drittel der Deutschen angesichts der unklaren Aussichten mehr zurücklegen. Experten hatten das Phänomen bereits als „Angstsparen“ bezeichnet. So denken 22 Prozent der Deutschen, dass ihnen Altersarmut droht. 2021 und 2020 waren es nur 14 Prozent.

    Aber nicht jeder kann mehr sparen: Etwas mehr als ein Fünftel der Bundesbürger will an die Ersparnisse gehen, um über die Runden zu kommen. Die Sparquote, der Anteil des verfügbaren Einkommens, der zurückgelegt wird, betrug Schleweis zufolge im dritten Quartal 9,8 Prozent. Ein sehr niedriger Wert in Deutschland. 2021 lag die Sparquote dem Statistischen Bundesamt zufolge bei 15,1 Prozent.

    Der Sparkassen-Präsident rät denjenigen, die Sparen können, zu Wertpapieranlagen, vor allem zum Wertpapiersparen. Die Kurse schwanken in den nächsten Monaten seiner Ansicht nach wahrscheinlich stark – ebenso wie es bereits zuletzt deutliche Volatilitäten gab. „Allerdings sind derzeit die Einstiegskurse vergleichsweise niedrig, unsere Experten rechnen bereits im nächsten Jahr mit einer ersten Erholung der Aktienmärkte“, sagte er. Bei einer langfristigen Anlageperspektive könne man deshalb mit regelmäßigem Wertpapiersparen nicht viel falsch machen.

    Auch auf dem Tagesgeldkonto dürfte es absehbar wieder mehr Zinsen geben. Schleweis erwartet, dass die Europäische Zentralbank in diesem Jahr die Leitzinsen noch zweimal um jeweils mindestens 0,75 Prozentpunkte erhöht, um die Inflation auszubremsen. Der erste Schritt wird für diesen Donnerstag erwartet. Derzeit liegt der Leitzins bei 1,25 Prozent. Diese Zinserhöhung wird verspätet auch auf den Sparkonten ankommen.

    Für alle die Wohneigentum kaufen wollen, wird es zunehmend schwierig. Die Kaukosten steigen, die Bauzinsen auch. Sie näherten sich vier Prozent, sagte der Sparkassen-Präsident. er erwartet, dass sie noch in diesem Jahr weiter steigen. Im Sommer wollten noch 30 Prozent eine Wohnung oder ein Haus kaufen, im Oktober waren es nur noch 26 Prozent. Schleweis forderte Förderprogramme und, die Grunderwerbsteuer zu senken oder abzuschaffen.

    Das Meinungsforschungsinstitut Kantar befragte für das Vermögensbarometer zwischen 20. Juni und 8. Juli mehr als 4800 Bundesbürger. Die Nachfragerunde lief vom 29. September bis 11. Oktober mit 1000 Teilnehmern.

  • Neue Klimaklage eingereicht

    Jugendliche wollen Regierung zum Handeln zwingen

    Sie wollen es noch einmal wissen: Weil sie die Arbeit der Bundesregierung für den Klimaschutz nicht für ausreichend halten, ziehen neun Jugendliche vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. „Ich fordere mein Recht auf Zukunft ein“, sagt die 14-jährige Marlene. Linus Steinmetz(18) ergänzt: „ Wir müssen die Bundesregierung dazu bringen, Ziele festzuschreiben.“ Es ist die erste Beschwerde dieser Art gegen die Bundesrepublik vor dem Gerichtshof (EMGR) in Den Haag.

    Mit Klagen gegen die Bundesregierung kennen sich die Jugendlichen bereits aus: 2021 hatten sie vor dem Bundesverfassungsgericht ein wegweisendes Urteil erstritten: Die Richter bezeichneten das Klimaschutzgesetz der damaligen großen Koalition als unzureichend, weil es die Belange künftiger Generationen nicht ausreichend berücksichtigte. Es war das erste Mal, dass die Richter derartig entschieden. Das Gesetz, das seit 2019 galt, musste nachgebessert und verschärft werden.

    Aus Sicht der Jugendlichen reicht aber auch die Neufassung nicht aus, um das Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 einzuhalten. Ihnen fehlen konkrete Maßnahmen. Aus ihrer Sicht hält sich die Bundesregierung beim Klimaschutz zu sehr zurück. Deshalb hatten sie im Januar eine weitere Verfassungsbeschwerde eingereicht, die das Bundesverfassungsgericht im Juni ablehnte.

    Jetzt muss sich der EMGR damit beschäftigen (Az. 469 06/22). Die Jugendlichen berufen sich auf die Artikel 2 und 8 der deutschen Menschenrechtskonvention: Recht auf Leben und Recht auf Achtung des Privat-und Familienlebens. Unterstützt werden sie wie bereits bei den Verfassungsbeschwerden von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) – organisatorisch und finanziell. Das Verfahren vor dem EMGR ist kostenlos.

    Remo Klinger, Anwalt der Jugendlichen, erwartet, dass der Gerichtshof in Den Haag recht zügig entscheidet. Dort sind bereits zwei ähnliche Verfahren anhängig. Schweizer Klimasenioren und Jugendliche aus Portugal, die gegen alle 32 Staaten vorgehen, die den Menschengerichtshof tragen. „Die Beschwerden sind priorisiert, ich schätze, dass auch diese Beschwerde entsprechend behandelt wird“, sagt Klinger. Er erwartet in diesem Fall eine Entscheidung in einem bis eineinhalb Jahren.

    „Seit der erfolgreichen ersten Verfassungsbeschwerde gegen die Bundesregierung spüren wir die Klimakrise immer deutlicher“, sagt Marlene. „Wenn wir jetzt nicht handeln, wird sich die Situation weiter verschlimmern.“ Sie hatte die Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht vor einigen Jahren angestoßen, als sie an die DUH schrieb und fragte, ob man die Bundesregierung verklagen könne. Die Sorge der Jugendlichen: „Bereits 2030 droht, unser Treibhausgasbudget in Deutschland aufgebraucht zu sein“, sagt Mitstreiter Steinmetz, der auch bei Fridays for Future aktiv ist. „Dann müssten alle CO2- und Methan-Quellen abgeschaltet werden – oder ein lebenswertes Leben wäre nicht mehr möglich.“

    Das Klimaschutzgesetz von 2019 sah vor, dass Deutschland den CO2-Ausstoß bis 2030 um mindestens 55 Prozent im Vergleich zu 1990 verringert. Die Zeit nach 2030 war nicht geregelt. Für die Richter verschob das Gesetz hohe Lasten auf künftige Generationen, etwa immer schneller immer mehr CO2 einsparen zu müssen, was diese in ihren Freiheiten einschränkt.

    Nach dem Verfassungsgerichtsurteil im April 2021 besserte die Regierung nach, der Bundestag beschloss die Neufassung im Juni 2021. Danach sollen 2030 nur noch 65 Prozent der Treibhausgasmenge von 1990 ausgestoßen werden. 2045 soll Deutschland dann treibhausgas-neutral sein. Das Treibhausgas-Restbudget wird nicht berücksichtigt. Es orientiert sich daran, wie viel CO2 Deutschland noch in die Atmosphäre pusten darf, wenn die Erderwärmung auf deutlich unter zwei, besser auf 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit begrenzt werden soll.

    Die Umwelthilfe vermisst ein konkretes Einsparsofortprogramm, zum Beispiel im Verkehrssektor mit einem Tempolimit oder der Energiekennzeichnung von Neuwagen. Sie schlägt auch vor, der Bund solle jährlich 25 Milliarden Euro bereitstellen, um bestehende Wohngebäude energiesparend zu sanieren. Auch in Schulen sollte Geld gesteckt werden, die aus Sicht der DUH zu den marodesten öffentlichen Gebäuden gehören und riesige Energiemengen verbrauchen.

  • Gewinner der Krisen

    Nicht nur Energiekonzerne profitieren

    Krise, Krise, Krise: Deutschland steuert in eine Rezession, die Energiepreise steigen, die Teuerung belastet die Haushalte, Corona kehrt zurück, dazu noch der Krieg in der Ukraine. Und alles überlagert sich. Es wird dringend Zeit, einmal zu schauen, wer in dieser trüben Lage zu den Gewinnern zählt – abseits der Energiekonzerne, die jedes Vierteljahr Rekorde melden.

    Autokratische Länder: Russland lässt Europa spüren, wie abhängig es bei Gas und Öl ist. Weil sich die EU und vor allem Deutschland als größte Wirtschaftsmacht in der Staatengemeinschaft nicht gefallen lassen will, muss es vor allem Gas woanders einkaufen. Die größten Vorkommen besitzen Staaten, die bisher nicht so wohlgelitten waren – wegen ihrer autokratischen Regime und weil sie sich wenig um Menschenrechte scheren. Katar zum Beispiel. Nicht nur Deutschland hofiert es, um überhaupt an Gas zu kommen. Auch der Iran besitzt große Gasreserven.

    Bundeswirtschaftsministerium: Die zahlreichen Krisen treffen vor allem die deutsche Wirtschaft und damit den Kern des Wohlstands. Plötzlich zeigt sich, wie wichtig das Bundeswirtschaftsministerium ist und welche Gestaltungsmacht es hat, wenn denn ein Minister an der Spitze steht, der auch gestalten will – und im Mehrfachkrisenfall auch muss. In der Rückschau ist schon erstaunlich, was das Ministerium in den vergangenen 20 oder 25 Jahren alles hätte bewegen können – wenn die Minister gewollt oder gekonnt hätten. Rund 2200 Beschäftigte arbeiten unter Robert Habeck (Grüne), dazu kommen weitere in nachgelagerten Behörden wie der Bundesnetzagentur oder dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle. Sie müssen die Gasversorgung sicherstellen, die Energiepreise im Griff behalten, Firmen vor dem Absturz bewahren und nebenbei auch noch die Energiewende vorantreiben.

    Dollar: In krisengesättigten Zeiten zeigt sich, welchen Währungen Anleger und Banken weltweit vertrauen. Und auch wenn die Euro-Zone zu den wichtigsten Wirtschaftsräumen der Welt zählt, die Gemeinschaftswährung gehört nicht dazu. Der Dollar dagegen erlebt gerade einen Höhenflug. Vor einem Jahr kostete ein Dollar noch um 0,86 Euro, inzwischen sind es mehr als 1,02 Euro. Ein Grund: Die weltweiten Verwerfungen treffen die US-Wirtschaft offenbar nicht so stark wie andere Regionen. Das gibt der Zentralbank mehr Spielraum, um die Inflation zu bekämpfen. Sehr vereinfacht ist der Dollar deshalb gefragt. Die Schwäche des Euro allerdings hat auch Vorteile: Länder wie Deutschland, die vom Export leben, können ihre Waren billiger in die USA verkaufen.

    EU: Schon die Corona-Pandemie hat die Staaten der EU, die durch den Abschied er Briten (Brexit) etwas in Schockstarre waren, enger zusammengebracht. Der Angriff Russlands auf die Ukraine zeigt den Mitgliedern, wie wichtig es ist, nach außen einheitlich aufzutreten. Das ist vielleicht immer noch nicht bei allen angekommen und es wird weiter gestritten. Doch gemeinsame Sanktionen gegen Russland, der gebündelte Einkauf von Gas, wie er jetzt beschlossen wurde, oder der Ausbau des europäischen Raketenschutzschilds, das alle tragen, lässt hoffen, dass der Block seiner wirtschaftlichen macht entsprechend auch politisch auftritt.

    Exyte: Hinter dem Kunstnahmen verbirgt sich ein klassischer deutscher Anlagenbauer, gegründet 1912. Eine zeitlang hieß die Firma aus Stuttgart M+W Zander, dann M+W Group. Das Unternehmen baut vor allem Anlagen für wichtige Branchen: Halbleiter, auch Chips genannt, Batteriezellen und Biotech. Chips sind Mangelware, Batteriezellen wichtig für die Energiewende und und der Bedarf an Impfstoffen etwa gegen Corona wird auch hoch bleiben. Exyte jedenfalls meldet regelmäßig Rekorde. 2021 setzte das Unternehmen 4,9 Milliarden Euro um, in diesem Jahr sollen es sieben Milliarden sein. 9000 Beschäftigte werden Ende des Jahres für die Stuttgarter arbeiten, 2020 waren es noch 4900.

    Fahrräder: Schon während der Hochphase der Corona-Pandemie war das Fahrrad sehr beliebt. Bot es doch gute Chancen, sich trotz Ausgangsbeschränkungen zu bewegen. Offenbar haben die Deutschen Gefallen am Rad gefunden. Die hohen Energiepreise tun ihr übriges. Jedenfalls nutzen 39 Prozent der Bundesbürger das Fahrrad häufiger, wie die Umfrage des Technologieverbands Bitkom ergeben hat. Der große Gewinner, heißt es. Allerdings gibt es keinen Angaben dazu, wie oft das Rad genutzt wird. Einmal statt zweimal im Jahr wird genauso erfasst wie jeden Tag statt nur am in der Woche.

    Heizlüfter: Weil sich im Frühjahr und Sommer bereits abzeichnete, dass es eng und vor allem teuer mit der Öl und Gasversorgung werden kann, haben sich die Deutschen mit Heizlüftern und Ölradiatoren eingedeckt. Den Marktforschern der GfK zufolge verkaufte die Branche im ersten Halbjahr 600.000 solcher Geräte, ein Drittel mehr als im gleichen Zeitraum 2021. Mancherorts bildeten sich Schlangen vor Elektrofachgeschäften. Manch Baumarkt gab die Geräte direkt von der Palette ab. Konkrete Zahlen der Heizlüfterbranche gibt es nicht. Es dürfte aber ein ordentlicher Zusatzgewinn zusammengekommen sein. Ein Nachteil der Geräte, auch wenn sie es schön warm machen: Der Strombedarf ist sehr hoch, was auch hohe Kosten bedeutet.

    Nato: Auch das nordatlantische Verteidigungsbündnis ist plötzlich wieder wichtig – und mächtig. In den vergangenen Jahren war ihre Bedeutung vor allem aus westlicher Sicht geschrumpft – einzelne Mitglieder, vor allem die Türkei, verfolgten eigene Interessen, und wurden kaum gebremst. Viele Staaten, darunter Deutschland, steckten weniger Geld in das Bündnis, als zugesagt. Donald Trump, Präsident des wichtigsten Mitglieds USA, hielt das Bündnis vor allem für teuer für die USA. Sein Nachfolger Joe Biden sieht das anders – glücklicherweise. Durch Russlands Überfall auf die Ukraine lebt das Bündnis plötzlich wieder auf, weil es bedroht ist. Sicherheit und Schutz kosten. Jetzt ist klar, dass das Geld auch sinnvoll investiert ist.

    Öffentlicher Nahverkehr: Ein Viertel Jahr lang konnten die Bundesbürger jeweils für neun Euro im Monat überall in Deutschland den Nahverkehr nutzen. Nicht überall waren die Züge so brechend voll wie etwa zwischen Berlin und der Ostsee, Hamburg und Sylt oder München und den Bergen. Aber immerhin 41 Prozent der Deutschen gaben in einer repräsentativen Umfrage des Technologie-Branchenverbands Bitkom an, sie hätten ihr Verhalten wegen des Tickets verändert. Das Statistische Bundesamt kam nach einer Analyse von anonymisierten Mobilfunkdaten auf 42 Prozent mehr Fahrten über mehr als 30 Kilometer. Und was noch viel wichtiger ist: Der Erfolg, 52 Millionen Tickets wurden insgesamt verkauft, zwingt Deutschlands Verkehrspolitiker, endlich die Kleinstaaterei zu überwinden und deutlich einfachere, übergeordnete Angebote zu entwickeln. Sogar über bessere und kundenorientiertere Angebote wird ernsthaft geredet. Der Bitkom-Studie zufolge überdachten 41 Prozent der Deutschen ihr Fahrverhalten wegen der hohen Spritpreise.

    Porsche: Dass auch in einem schwierigen Umfeld ein spektakulärer Börsengang möglich ist, zeigt Porsche. Der Stuttgarter Autobauer gehört zum VW-Universum, das wiederum mehrheitlich vom Porsche-Familienclan gesteuert wird. Neue Aktionäre können also kaum Einfluss nehmen. Gleichzeitig sinken die Aktienkurse an den Börsen weltweit, weil Geld wegen steigender Zinsen teurer und damit knapper ist und viele Menschen wegen der Inflation auch mehr für das tägliche Leben ausgeben müssen. Dennoch vertrauen offenbar viele Anleger auf den Nimbus von Porsche. Der Autohersteller, jetzt als Dr. Ing. H. C. F. Porsche an der Börse, gehört zu den profitabelsten der Welt, die Marke ist bekannt und seit Jahrzehnten weltweit beliebt – trotz oder gerade wegen der sehr hohen Preise. Eine Investition, so die Idee, lohnt sich da immer. Der Börsengang brachte VW Ende September 9,1 Milliarden Euro, Anleger der ersten Stunde können sich über sechs bis sieben Prozent Kursgewinn freuen.

    Rüstungshersteller: In den vergangenen Jahren zählten sie eher zu den Firmen, die im Hintergrund tätig waren: deutsche Rüstungshersteller. Der Branche hing ein Ruf von anstößigen an. Ganz abgesehen davon, dass die Produkte für das Töten von Menschen hergestellt wurden. Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist allerdings klar, dass Frieden in Europa auch tatsächlich geschützt werden muss. Die Bundeswehr lieferte lange Jahre eher wegen Ausrüstungsmängeln und Fehlverhalten Nachrichten. Oder sie wurde als günstiger Personalpool genutzt: in der Hochphase von Corona und für Hilfe in Überschwemmungsgebieten. Jetzt also wird die vernachlässigte Truppe mit 100 Milliarden Euro aufgemöbelt. Und davon profitieren Unternehmen wie Airbus (Flugzeuge, Hubschrauber), Rheinmetall (Panzer), ThyssenKrupp (U-Boote, Fregatten), Krauss-Maffei Wegmann (Panzer) und Diehl (Lenkwaffen). Die Branche setzte in Deutschland 2020 mit 55.500 Mitarbeitern 11,2 Milliarden Euro um. Es dürfte deutlich mehr werden.

    Uhren: „Luxus geht immer“, heißt eine Weisheit. Möglicherweise hat sich die Industrie der hochpreisigen Koffer, opulenten Kleider und ausufernden Yachten den Slogan selbst ausgedachten. Der Aktienkurs des französischen Konzerns LVMH (Louis Vuitton, Rimowa, Moët & Chandon, Marc Jacobs) hat sich binnen zwei Jahren von gut 80 auf um die 125 Euro erhöht. Und Luxusuhren sind offenbar auch gefragt, nicht nur als Sammlerstück, sondern als Wertanlage. Denn besondere Uhren sind nur begrenzt verfügbar, die Marktpreise höher als der ursprünglich angesetzte Verkaufspreis. Der Verband der Schweizer Uhrenindustrie, immer noch das Maß der Dinge, berichtet für das erste Halbjahr 2022 von einem Exportplus von 8,1 Prozent. Der Onlinehändler Chronos meldet gar ein Preisplus bei Luxusuhren von mehr als 70 Prozent seit 2020. Was genau einen Luxusuhr ist, ist nicht festgelegt. Grob lässt sich ein Preis ab 3000 Euro annehmen. Für viele sollte er deutlich fünfstellig sein. Ob es fünf vor zwölf ist, zeigt solch eine Uhr unabhängig vom Preis.

  • Schufa lässt spielen

    Verbraucher können Bonität ermitteln

    Wer einen Kredit aufnimmt oder ein Konto eröffnen will, hat in Deutschland mit der Schufa zu tun. Und viele sorgen sich, dass die Auskunftei sie schlecht bewertet. Jetzt können Verbraucher erstmals selbst spielerisch berechnen, wie kreditwürdig sie sind. Und welche Daten diese Einschätzung beeinflussen. Die Schufa möchte damit das schlechte Image loswerden.

    Dazu startete sie jetzt einen sogenannten Score-Simulator im Internet. Unter www.schufa.de/score-simulator lässt sich ausprobieren, wie sich die Zahl der Kredite auf die Bonität auswirkt und wie bedeutend Umzüge sind. Der Simulator erklärt auch, warum bestimmte Daten wichtig sind und wie sie den Score beeinflussen. Dahinter verbirgt sich ein Punktwert, der mathematisch berechnet wird. „Erstmals wird das Scoring-Prinzip nachvollziehbar“, sagte Schufa-Chefin Tanja Birkholz. Die Schufa verrät allerdings nicht, mit welcher Formel genau sie den Score berechnet, Geschäftsgeheimnis.

    Wer einen Computer auf Ratenkredit kauft oder online auf Rechnung bestellt, willigt in der Regel ein, dass die jeweilige Bank oder der Händler bei einer Auskunftei nachfragt, wie kreditwürdig der Kunde oder die Kundin ist. Und meist ist die Auskunftei die Schufa. Sie größte dieser Art in Deutschland. Rund 300.000 Anfragen zur Bonität erreichen die Schufa jeden Tag, wie Birkholz sagte, an Spitzentagen wie dem Rabatttag Black Friday sogar bis zu einer Million.

    Mehr als 10.000 Firmenkunden vertrauen auf die Informationen des Unternehmens für ihre Geschäfte. Über die Jahre hat die Schufa sensible Daten von 68 Millionen Deutschen und sechs Millionen Firmen gesammelt, insgesamt mehr als eine Milliarde. Auf Basis dieser Daten kann sie bei jeder Abfrage einen Score berechnen, der anzeigt, ob eine Person zahlungsfähig ist und sehr wahrscheinlich bleibt. Dabei fließen persönliche Daten ebenso ein wie aggregierte. Nicht dazu gehören Wohnortdaten. Ohne die Abfragen bei der Schufa würden rund zwölf Prozent aller vergebenen Kredite ausfallen. Dank der Schufa-Daten sind es nicht einmal die Hälfte.

    Insgesamt berechnet die Schufa mehr als 160 verschiedene Scores – ein Grund, warum das Unternehmen nach außen immer etwas undurchsichtig wirkte. Für den Simulator hat sich die Schufa auf den wichtigsten konzentriert: den Bankenscore. Er wurde vereinfacht, wer ihn ausprobiert, muss nur sieben Fragen statt der üblichen 17 beantworten.

    Abgefragt wird etwa, wie alt das älteste Girokonto ist, wie viele Kreditkarten jemand besitzt, wie viele Ratenkredite laufen, ob man einen Immobilienkredit bedient, online auf Rechnung gekauft hat oder umgezogen ist. Es gibt auch eine Abfrage zu Zahlungsausfällen. Dann berechnet der Simulator ein Ergebnis zwischen „ungenügend“ in rot und „hervorragend“ in grün. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kredit zurückgezahlt wird, beträgt dann mehr als 97,21 Prozent. Oder umgekehrt: Das Ausfallrisiko ist geringer als 2,79 Prozent.

    Wer angibt, Kredite nicht bedient zu haben, wird als „ungenügend“ eingestuft. 9,4 Prozent aller Personen haben bei der Schufa einen solch negativen Eintrag. Schufa-Chefin Birkholz betont, dass keine Daten des Simulators gespeichert werden. Schließlich könne jeder auch eingeben, was er oder sie wolle.

    Der Simulator berechnet keinen echten Score der Person, die ihn benutzt. Sondern nähert sich diesem nur an. Schließlich ist der Simulator sehr vereinfacht. Die Schufa hat ihn während der Entwicklung mehrfach testen lassen. Mehr Fragen hätten ihn genauer gemacht, allerdings fanden die Verbraucher, die die früheren Versionen ausprobierten, das zu kompliziert. Wer es genauer wissen will, kann bis Ende des Jahres im Zuge eines kostenlosen 30-Tage-Abos seinen oder ihren persönlichen Basisscore digital abrufen.

    Ob jemand zum Beispiel einen Ratenkredit bekommt, hängt allerdings nicht nur von der Auskunft der Schufa ab. Deren Score bewertet in der Regel nur, wie wahrscheinlich es ist, dass der Kunde den Kredit auch tilgt oder eine Rechnung bezahlt. Die Bank, bei der der Kredit aufgenommen werden soll, hat noch zusätzliche Informationen, die die Schufa nicht hat: die Kredithöhe etwa oder das Einkommen des Kreditnehmers.

    Der Score-Simulator ist nur ein Projekt, mit dem die Schufa sich stärker öffnen will. Für 2024 ist eine App geplant, die kostenlosen Dateneinblick am Smartphone gewähren soll. Da können Kunden dann sehen, ob der letzte Ratenkredit erfasst ist oder bei der Schufa Informationen über ein Girokonto vorliegen. Über die App soll es auch erstmals möglich sein, die eigene Bewertung, den Score, zu verbessern. Etwa, in dem der Schufa freiwillig Informationen gegeben werden, die sie einmal hatte, aber löschen musste. Denn sie darf manche Daten nur drei Jahre lang aufheben. Solche Informationen können zum Beispiel seit Jahren genutzte Girokonten sein, oder Kredite, die regelmäßig bedient wurden.

    Die Schufa, 1927 als Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung gegründet, ist die größte und wichtigste Auskunftei dieser Art in Deutschland. Sie gehört seit Sommer zu gut 26 Prozent Genossenschaftsbanken, zu 27 Prozent Sparkassen. Weitere Anteile besitzen Deutsche Bank und Commerzbank. Der schwedische Finanzinvestor EQT hatte versucht, die Schufa komplett zu übernehmen, scheiterte aber am Widerstand von Sparkassen und Genossenschaftsbanken.

  • Ende einer Ära

    Das Geldvermögen wächst. Die Zukunft ist düster

    Vorweg die gute Nachricht: Die Geldvermögen der Menschen sind auch im vergangenen Jahr gewachsen – das dritte Plus in Folge von mehr als zehn Prozent. Insgesamt haben sie 233 Billionen Euro zurückgelegt, wie die Allianz für ihren Global Wealth Report ermittelt hat, ein Rekordwert. Allerdings sind die Superreichen wieder etwas reicher geworden, die Ärmsten etwas ärmer. Und für die nächsten Jahre sieht es eher düster aus.

    Wie schon 2019 und 2020 haben die Menschen 2021 mehr zurückgelegt, wie Ludovic Subran, Chefvolkswirt der Allianz, sagte. In den vergangenen drei Jahren seien atemberaubende 60 Billionen Euro Geldvermögen hinzugekommen, sagte Arne Holzhausen, Leiter Insurance & Wealth Markets, das entspreche zweimal der Euro-Zone. Er sprach von Exzesssparen. Die Menschen hätten angesichts der Corona-Pandemie aus Angst Geld zurückgelegt – und vielleicht auch, weil sie weniger konsumiert haben und Geld übrig war. Gleichzeitig profitierten sie von den boomenden Aktienmärkten, befeuert von billigem Geld der Zentralbanken. Während das Plus weltweit 10,4 Prozent betrug, waren es in Deutschland 8,5 Prozent.

    Untersucht wird im Report nicht das Einkommen der Menschen, sondern ihr Geldvermögen. Dazu zählen Bargeld und Bankeinlagen wie Tagesgeld oder Girokonten, Versicherungen wie Lebensversicherungen und Finanzanlagen, etwa Sparpläne oder Aktien. Immobilienbesitz wird ebenfalls nicht erfasst.

    Am meisten zurückgelegt haben dem Report zufolge Amerikaner und Schweizer. Das durchschnittliche Nettogeldvermögen – Anlagen minus Schulden – betrug 2021 pro Kopf umgerechnet 259.780 Euro. Die Schweizer hatten 237.110 Euro zurückgelegt. Mit großem Abstand folgt Dänemark, wo das Vermögen pro Kopf 183.610 Euro beträgt. Deutschland liegt auf Rang 18 mit 69.290 Euro. In den vergangenen zehn Jahren haben die USA und die Schweiz die Plätze getauscht, die Dänen stiegen von Rang 17 auf. Deutschland konnte einen Platz gut machen. Das durchschnittliche Nettovermögen betrug rund 32.000 Euro.

    Was der Report auch zeigt: Die, die ohnehin sehr viel haben, die Elon Musks (Tesla), Jeff Bezos‘ (Amazon) oder Bernard Arnault (Luxusgüterkonzern LVMH) sind wieder etwas reicher geworden. Das reichste Prozent der Menschen besaß im vergangenen Jahr demnach 42,9 Prozent der Geldvermögen, nach 41,9 Prozent zehn Jahre zuvor. Allerdings mussten die etwas weniger Reichen Verluste hinnehmen. Den zehn Prozent der Menschen mit sehr großem Vermögen gehörten nur noch 86,3 Prozent des Geldvermögens, 2021 waren es 91,7 Prozent. Die Ärmsten zehn Prozent rutschten in den vergangenen zehn Jahren tiefer in die Schulden.

    Überhaupt die Schulden: Gleichzeitig mit den Vermögen stiegen sie zuletzt auch wieder. Insgesamt legten sie um 7,6 Prozent auf 52 Billionen Euro zu. Das Plus liegt deutlich über dem langjährigen Durchschnittszuwachs von 4,6 Prozent. Vor allem in den Schwellenländern haben die Haushalte mehr Schulden aufgenommen, besonders in China. Staaten, deren Wirtschaft auf dem Weg zur Industrienation ist, haben inzwischen einen Anteil von 27,6 Prozent der globalen Schulden, doppelt so viel wie 2020. Die Allianz warnt hier vor einer Schuldenkrise. US-Haushalte stehen für 31 Prozent aller Schulden, nach 41 Prozent ein Jahr zuvor.

    Der Global Wealth Report für 2021 ist mit „Ein letztes Hurra“ betitelt. Es wird also schlechter. Chefvolkswirt Subran sagte: „2021 bedeutet das Ende einer Ära.“ Ende des Post-Corona-Aufschwungs, steigende Zinsen, hohe Inflation, mehr Unsicherheit: Für 2022 rechnet die Allianz mit weltweit schrumpfenden Vermögen. Das Minus beziffert Holzhausen mit mindestens zwei Prozent, eher mehr. Das mag gering aussehen, allerdings berücksichtigt der Wert nicht die Inflationsrate. Holzhausen erwartet eine Teuerung weltweit von durchschnittlich acht Prozent, was bedeutet, dass die Kaufkraft der Geldanlagen um mehr als zehn Prozent sinken wird. „Das bedeutet ein Zehntel Vermögensverlust“, sagte Holzhausen, „das ist noch nie so dagewesen.“

    Erst von 2024 dürften die Vermögen den Allianz-Experten zufolge wieder zulegen, wobei die Inflation hoch bleiben wird – anders als in den vergangenen Jahren, wo sie mit Werten um ein Prozent sehr niedrig war.

    Von den rund acht Milliarden Menschen auf der Welt erfasst der Report nur 4,6 Milliarden. „In vielen Ländern gibt es keine verlässlichen Statistiken“, sagte Holzhausen. Deshalb sind weite Teile Afrikas nicht erfasst. Und auch wenn sich der Zugang zu Finanzprodukten weltweit in den vergangenen Jahren verbessert hat, gehen die Experten davon aus, dass ein Drittel der Weltbevölkerung überhaupt kein nennenswertes Geldvermögen hat.

  • Zu viel Optimismus

    Zweifelhafte Wohnungspläne der Ampel

    400.000 neue Wohnungen jedes Jahr hat die Ampelkoalition versprochen. Und Bundeskanzler Olaf Scholz hält das immer noch für möglich, auch wenn der Wert in diesem Jahr nicht erreicht wird. Natürlich muss er als Regierungschef optimistisch sein, aber wer die 65 Seiten durchliest, auf denen das Bündnis bezahlbarer Wohnraum festhält, wie sich Bau und Investitionen beschleunigen lassen, darf zweifeln.

    187 Einzelmaßnahmen sind zusammengekommen. Abgesehen von mehr Bundeszuschüssen für den sozialen Wohnungsbau und besseren Abschreibungsregeln für Bauherren: Allein die schiere Menge der Maßnahmen zeigt, dass im Bauwesen in Deutschland einiges im Argen liegt. Es wird klar, dass vor allem Bauvorschriften und Verwaltungsregeln bremsen. Vereinfachungen wie Mindeststandards statt detaillierter Vorgaben dürften wirklich helfen. Auch einfacheres serielles Bauen, also standardisierte Gebäude nebst Typzulassungen die bundesweit gelten, würde mehr Wohnraum schaffen. Ebenso, öffentliche Grundstücke nicht mehr dem zu verkaufen, der am meisten dafür bezahlt, sondern etwa gezielt an Familien mit Kindern zu einem adäquaten Preis.

    Ein weiteres Problem, vermutlich größer als Bürokratie und das Dickicht der für den Bau wichtigen Gesetze und Vorgaben: Vieles ist Ländersache oder wird gar von Kommunen geregelt. Bei einigen Themen müssen sich Kommunen, Länder und der Bund abstimmen. Dass sich alle auf einheitliche Vorgaben einigen, klingt unwahrscheinlich. Selbst wenn, wird es dauern.

    Und eines ist klar: Den enormen Preisanstieg bei Baumaterial lässt sich so nicht bremsen, ebenso wenig die Personalknappheit bei den Betrieben. Denn unabhängig von mehr staatlichen Zuschüssen, Steuererleichterungen und verbesserten Abschreibungsregeln: Irgendwer muss die 400.000 Wohnungen bauen. Und da sieht es bisher nicht gut aus.

  • 91 Milliarden für die Gaspreisbremse

    Unbürokratische Entlastung für Haushalte vorgeschlagen

    Als die Sonne am Montag über Berlin aufgeht, liegt die Lösung vor: Um Haushalte und Unternehmen in Deutschland vor den kräftig gestiegenen Gaskosten zu schützen, schlägt die Experten-Kommission Gas und Wärme, Haushalten und Unternehmen zum Teil feste Preise zu garantieren. Die Differenz zum Marktpreis soll der Staat übernehmen. Die Kosten beziffert die Kommission auf möglicherweise rund 91 Milliarden Euro – je nachdem wie sich der Marktpreis für Gas entwickelt.

    Knapp 36 Stunden hat die Kommission getagt. „Der wichtigste Punkt war: Wir sollten schnell sein“, sagte Michael Vassiliadis, Chef der Gewerkschaft IG BCE. Er leitet gemeinsam mit der Wirtschaftsweisen Veronika Grimm und Siegfried Russwurm, Präsident des Industrieverbands BDI, das Expertengremium. Weitere Kriterien: Schutz der Haushalte und Firmen vor überbordenden Kosten, Sparanreize für Verbraucher. Und es sollte unbürokratisch gehen und machbar sein.

    Die Kommission schlägt der Bundesregierung unterschiedliches Vorgehen bei Haushalten und Industrie vor:

    Haushalte: Für die rund 24 Millionen Haushalte, die Gas nutzen, soll der Staat demnach im Dezember einmalig die Abschlagsrate übernehmen. Vom 1. März 2023 an soll dann 80 Prozent des Gasverbrauchs nur noch zwölf Cent je Kilowattstunde kosten. Enthalten sind dabei auch alle Steuern und Gebühren. Die Differenz zum deutlich höheren Marktpreis soll der Staat übernehmen. Für 20 Prozent des Verbrauchs müssen die Haushalte die Marktpreise selbst zahlen. Wer weniger verbraucht, spart dann Geld. Die Regeln sollen bis Ende April 2024 gelten.

    Ein Beispiel (Gasmarktpreis 25 Cent): Ein Haushalt mit 15.000 Kilowattstunden Verbrauch pro Jahr zahlte ohne Preisdeckel 3750 Euro. Mit Preisdeckel zahlt er 2190 Euro (12.000 kWh x 12 Cent + 3000 kWh x 25 Cent).

    Die zwölf Cent je Kilowattstunde sind der Gaspreis, den die Kommission in Zukunft für realistisch hält. Dass er wieder auf jene knapp sieben Cent von Anfang des Jahres sinken wird, hält die Kommission für unwahrscheinlich. Für Fernwärme sollen ähnliche Regeln gelten. Der Preis soll bei 9,5 Cent pro Kilowattstunde gedeckelt werden.

    Die Haushalte müssten sich um nichts kümmern, sagte Grimm. Die Versorger hätten zugesagt, die staatlichen Zuschüsse zu verrechnen. Die monatlichen Abschläge der Gaskunden sänken dann. In Mietshäusern müsste die Hausverwaltung die Abschläge der Mieter anpassen. Härtefallregelungen soll es für Vermieter geben, die in Schwierigkeiten geraten sind, weil sie bereits die höheren Gaspreise an die Versorger zahlten, denen Mieter aber immer noch niedrige Nebenkosten überwiesen.

    Warum die Einmalzahlung nicht schneller kommt? „Der Dezember ist der erste Monat, zu dem die Versorger das schaffen“, sagte IG BCE-Chef Vasiliadis. Auch drei Monate lang die Abschläge zu senken, sei kompliziert. „Und wir wollten eine schnelle Lösung.“ Dass der Vorschlag der Kommission Geld mit der Gießkanne an alle verteilt und nicht zielgerichtet an Bedürftige mit geringen Einkommen, sehen die Experten. „Wir konnten das nicht vermeiden, weil es schnell gehen musste“, sagte Vasiliadis. Deshalb sollen die staatlichen Zuschüsse bei der Einkommensteuer als geldwerter Vorteil angegeben und versteuert werden. Freibeträge sind vorgesehen. Vor allem Haushalte mit höheren Einkommen müssten einen Teil der Zuschüsse wieder als Steuer abführen.

    Insgesamt entlastet der Vorschlag die Haushalte und kleinen Gewerbekunden um rund 66 Milliarden Euro.

    Industrie: Für die rund 25.000 Industriekunden schlägt die Kommission eine Gaspreisbremse bereits vom 1. Januar 2023 an vor. Hier soll der Beschaffungspreis des Gases für 70 Prozent des Verbrauchs auf sieben Cent begrenzt werden. Der Staat übernimmt die Differenz zum Marktpreis. Für die restlichen 30 Prozent wird der Marktpreis vollständig fällig. Industriekunden haben in der Regel Einzelverträge über mehr als 1,5 Megawattstunden. „Das Ergebnis ist belastbar“, sagte BDI-Präsident Russwurm. Perfekt sei es sicher nicht. Die Kosten für den Staat berechnete die Kommission mit rund 25 Milliarden Euro.

    Jetzt musst die Politik entscheiden, ob sie die Vorschläge umsetzt. Die Kommission arbeitet weiter. Sie soll bis Ende des Monats einen Abschlussbericht vorlegen. Unter anderem soll sie noch klären, wie Kunden durch Geld angeregt werden können, Gas zu sparen, oder wie sich die Reaktion auf die Gaspreiskrise  so nutzen lässt, dass die Energiewende zu erneuerbaren Energien beschleunigt wird.

    Haushalte und kleine Gewerbekunden verbrauchten 2021 rund 400 Terrawattstunden Gas , die Gaskraftwerke und Industrie etwa 600 Terrawattstunden. Die Preise stiegen von rund rund sieben Cent je Kilowattstunde auf mehr als 28 Cent. Die Vorschläge der Kommission sind Teil des Doppelwumms-Pakets der Bundesregierung von insgesamt bis zu 200 Milliarden Euro, mit dem die Haushalte und Wirtschaft entlastet werden sollen.

    Zu den 21 Mitgliedern der Expertenkommission gehören neben Grimm, Russwurm und Vassiliadis auch Axel Gedaschko, Geschäftsführer des Wohnungsbauverbands GdW, Lukas Siebenkotten vom Deutschen Mieterbund, Verdi-Chef Frank Werneke, die Chefs der Energieversorger Eon und RWE, Leonhard Birnbaum und Markus Krebber sowie zahlreiche Wissenschaftler.

    Zu den 21 Mitgliedern der Expertenkommission gehören neben der Wirtschaftsweisen Veronika Grimm, dem BDI-Präsidenten Russwurm und IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis als Vorsitzenden auch DIHK-Präsident Peter Adrian, Axel Gedaschko vom Wohnungsverband GdW, Lukas Siebenkotten vom Deutschen Mieterbund, Verdi-Chef Frank Werneke, die Chefs der Energieversorger Eon und RWE, Leonhard Birnbaum und Markus Krebber, sowie zahlreiche Wissenschaftler. Das Bundeswirtschaftsministerium hat die Kommission am 23. September eingesetzt.

  • Käse aus dem Bioreaktor

    Tierische Produkte könnten ohne Tiere hergestellt werden

    Fischstäbchen aus der Petri-Schale, Burger aus dem Brutkasten, Käse aus dem Bioreaktor: Zahlreiche junge Firmen arbeiten an Lebensmitteln von Morgen. Das T-Bone-Steak wird es so schnell nicht aus der Retorte geben – dafür sind die technischen Herausforderungen groß. Und auch sonst sind weltweit erst zwei Produkte auf dem Markt. Aber die Branche hat Großes vor. Ein Nebeneffekt: weniger Treibhausgasemissionen.

    Um Fleisch anzubieten, müssen heute Tiere gehalten und geschlachtet werden. Die Tierhaltung gehört zu den größten Quellen für Treibhausgase, der Anteil ist mit 14,5 Prozent etwa so hoch wie der des Verkehrs. Er ließe sich je nach Studie zum Thema um bis zu 90 Prozent senken – ein sehr optimistischer Wert. Gleichzeitig wächst die Weltbevölkerung, in aufstrebenden Staaten steigt der Hunger auf Fleisch. Die Menschen müssten verzichten, doch das ist schwer durchzusetzen.

    Die smarte Lösung vieler neuer gegründeter Firmen: Käse aus Fermentationsprodukten, Fleisch und Fisch aus dem Labor. Sprunginnovation nennt es Nick Lin-Hi, Professor für Wirtschaft und Ethik der Universität Vechta und Spezialist für „kultivierte tierische Proteine“. Die Kunden bekommen, was sie wollen, die Quelle ist nur anders. Letztlich, sagt Lin-Hi, entscheide sich der Kunde trotz aller guten Absichten vor allem nach dem Preis. Und das werde sich auch nicht ändern. Langfristig erfolgreich können die neuen Produkte deshalb nur sein, wenn sie höchstens genauso viel kosten wie die klassischen Angebote. Im Idealfall sind sie sogar günstiger.

    Die Firmen geben sich selbstsicher und optimistisch. Formo aus Berlin etwa. Das Unternehmen arbeitet mit Präzisionsfermentation und stellt Käse aus dem Bioreaktor her. Dabei werden zum Beispiel Hefen so verändert, dass sie während der Fermentation Kasein bilden, den tierischen Grundstoff für Käse. Das Ergebnis ist ein weißes Pulver, wie Christian Poppe von Formo sagt. Zusammen mit Fett und Wasser reift daraus ein Käse heran, der sich nicht von Käse aus Milch unterscheidet. Das Ziel: „Wir wollen bis 2030 zehn Prozent Anteil am europäischen Markt für Milchprodukte“, sagt Poppe.

    Bluu aus Berlin züchten Fisch im Labor, oder Innocent Meat aus Mecklenburg-Vorpommern, die sich mit kultiviertem Fleisch beschäftigen. Dabei werden Zellen des lebenden Tiers genommen und vermehrt. Es wächst echtes Fleisch, nur muss kein Tier fürs Filet getötet werden.

    Der Markt ist riesig. Für 2022 schätzt die Welternährungsorganisation FAO den Verbrauch von Fleisch auf 360,5 Millionen Tonnen. Die Beratungsfirma BCG schätzt den Markt für alternative Proteine 2035 auf 290 Milliarden Dollar. Ihr Anteil könnte dann mindestens elf Prozent des Weltmarktes für Fleisch betragen. Davon wird das meiste durch pflanzliche Produkte, etwa Burger aus Erbseneiweiß, und Fermentation ersetzt, nur ein Bruchteil wird gezüchtetes Fleisch sein. Denn was im Labor funktioniert, muss nicht zwingend im industriellen Maßstab funktionieren. Die technischen Anforderungen sind groß.

    Das Geschäft an sich ist noch recht neu. 2013 stellte der Niederländer Mark Frost den ersten Burger aus kultiviertem Fleisch vor. Er kostete 250.000 Euro. Der erste Fisch konnte 2017 in den USA kultiviert werden.

    Bisher sind weltweit erst zwei Produkte mit kultiviertem Fleisch für den Verkauf zugelassen: eine Art Chicken Nuggets, ein Mix aus pflanzlichen und tierischen Proteinen, sowie Hühnerbrust. Beide stammen von der US-Firma Eat Just und sind ausschließlich in Singapur zu kaufen. Der Stadtstaat ist für viele Unternehmen besonders interessant, weil er neuartigen Lebensmitteln gegenüber besonders aufgeschlossen ist. Ein Grund: Es gibt fast keine Landwirtschaft im dicht besiedelten Gebiet.

    Ebenfalls vorn dabei ist Israel. Andere Länder haben das Thema auch für sich entdeckt. Die USA wollen den Zugang vereinfachen. Die ersten Produkte sollen 2023 auf den Markt kommen. China hat kultiviertes Fleisch in den Fünf-Jahrs-Plan aufgenommen. In Europa setzt Großbritannien im Rahmen der nationalen Lebensmittelstrategie auf die neuen Techniken. In der EU wird es schwierig. Neue Lebensmittel müssen ein besonderes Zulassungsverfahren durchlaufen. „Im besten Fall dauert das 18 Monate, die Realität sind eher drei Jahre“, sagt Ivo Rzegotta vom Thinktank Good Food Institute in Berlin. Deshalb setzen die Firmen auf andere Märkte. In Deutschland könnten Produkte aus kultiviertem Fleisch Experten zufolge Ende der 20er Jahre in den Regalen liegen.

    Denn Laboreinrichtungen, Bioreaktoren und Spezialisten sind teuer. Geld kommt von Investoren, die nach einer gewissen Zeit auch sehen wollen, ob sich ihre Investition rechnet. Deutschland hat Rzegotta zufolge großes Potenzial: Gründer, eine starke chemische Industrie und Spezialisten im Maschinen- und Anlagenbau. Was fehlt, sind Forschung und staatliche Hilfe. „Wir haben alle Voraussetzungen ins Spitzenfeld aufzurücken, nutzen sie aber im Moment nicht.“

  • Gründer sind Optimisten

    Trotz trüben Ausblicks sind Startups zuversichtlich

    Für Deutschlands Wirtschaft zeichnet sich ein harter Winter ab. Die Stimmung der Unternehmen ist schlecht. Doch eine Gruppe von Firmen ist überraschend optimistisch: die Startups. Jedenfalls bewerten sie das Geschäftsklima deutlich besser als etablierte Unternehmen, wie der Deutsche Startup-Monitor 2022 ergeben hat. „Offenbar sehen sie auch in schlechten Zeiten Chancen für innovative Lösungen“, sagt Tobias Kollmann, Professor für Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen.

    Das Gründen sei mit einem Grundoptimismus verbunden, findet Kollmann. Zudem müssten sich etablierte Unternehmen innovativen Ideen zuwenden, um gut durch die Krise zu kommen. Das seien Chancen für junge innovative Firmen. Im Mai und Juni, als die Firmen für den Monitor befragt wurde, waren noch 42,2 Prozent der Startups positiv gestimmt. Der Geschäftsklimaindex des Münchener Ifo-Instituts stand da nur bei 1,8 Prozent. Inzwischen ist er tief ins Minus gerutscht. Auch die Startups dürften die Lage inzwischen etwas schlechter sehen – aber eben tendenziell noch positiv. Schon in den vergangenen Jahren waren die Gründer immer optimistischer.

    Der Deutsche Startup-Monitor des Beratungshauses PwC entstand in Zusammenarbeit mit der Universität Duisburg und dem Deutschgen Startup-Verband. Er untersucht die Lage der Gründerinnen und Gründer in Deutschland. 2013, als der Bericht erstmals erschien, war die Szene noch recht übersichtlich. Allenfalls in Berlin und München versuchten frisch gegründete Firmen, die etablierten mit technologiegetriebenen Ideen anzugreifen. Inzwischen beschäftigen Startups in Deutschland 415.000 Mitarbeiter direkt, und weitere 1,6 Millionen indirekt. Als Startup gelten Firmen, die jünger als zehn Jahre sind, schnell wachsen wollen und eine innovative Technologie nutzen – eher die Onlinebank als der Handwerksbetrieb.

    Einige der Gründungen vergangenen Jahre sind besonders erfolgreich: Der Berliner Onlinemodehändler und Techkonzern Zalando ist inzwischen im Deutschen Aktienindex Dax notiert. Firmen wie der Personalspezialist Personio aus München oder die Onlinebank N26 sind Milliarden wert. Und Biontech aus Mainz zeigt mit dem Corona-Impfstoff, dass auch Biotech aus Deutschland weltweit erfolgreich sein kann.

    Das durchschnittliche Startup ist allerdings bei weitem nicht so groß wie diese Firmen. dem Monitor zufolge beschäftigen die Firmen im Schnitt 18,4 Mitarbeiter und planen, 9,2 einzustellen. 2021 waren es etwas weniger. In Berlin und München sind die Firmen deutlich größer: Die Berliner beschäftigen 44,2 Mitarbeiter und wollen fast 20 einstellen, in München sind es 42,1 Mitarbeiter, 16 sollen dazukommen. Knapp 30 Prozent der Firmen befassen sich mit IT und Kommunikation, gut elf Prozent mit Gesundheit, zehn Prozent mit Ernährung und Konsumgütern.

    Probleme bereitet den jungen Unternehmen zunehmend der Fachkräftemangel. 34,5 Prozent klagen darüber. Vor zwei Jahren waren es nur 17 Prozent. Bei größeren Firmen mit mehr als 25 Beschäftigten sind es sogar 67,1 Prozent. Viele dieser Startups konkurrieren mit ausländischen Firmen um Personal. Im Schnitt kommen 27,1 Prozent der Mitarbeiter aus dem Ausland. In Berlin und München, den wichtigsten Startup-Städten sind es sogar 41 und 38 Prozent.

    Großen Nachholbedarf sehen Kollmann, Florian Nöll, bei PwC Deutschland verantwortlich für Innovation und Firmenentwicklung, sowie Franziska Teubert, Geschäftsführerin beim Deutschen Startup-Verband, bei Gründerinnen. Sie haben 2022 einen Anteil von 20,3 Prozent – ein deutlicher Sprung von den 17,7 Prozent im vergangenen Jahr, aber immer noch deutlich zu niedrig, wie Kollmann sagt. Frauen seien bei Investitionen benachteiligt und hätten einen schlechteren Zugang zu den entscheidenden Netzwerken.

    Allen Startups macht wie in den vergangenen Jahren auch die deutsche Bürokratie zu schaffen. Zwischen 85 und 92 Prozent wünschen sich schnellere und vor allem einfachere Verwaltungsprozesse. Vor allem für die größeren wichtig sind einfachere Visabestimmungen für Mitarbeiter. Vieles hat die Bundesregierung in ihrer Startup-Strategie berücksichtigt. „Gut ist, dass es überhaupt eine solche Strategie gibt“, sagt Teubert vom Deutschen Startup-Verband. „Die Frage ist jetzt nur, wann das alles umgesetzt wird.“

    Was der Monitor nicht hergibt: Eine Liste der größten Gründungsstandorte. Denn die Umfrage lief online, war deshalb nicht repräsentativ. Was sich aber sagen lässt: Von den rund 2000 Unternehmen, die sich beteiligten, sitzen 19,1 Prozent in Berlin, aus Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Bundesland, kamen 19,8 Prozent, aus Bayern 13,6 Prozent.

  • Satter Gehaltssprung in Chefetagen

    Topmanager verdienen 2021 rund 24 Prozent mehr

    Für Deutschlands Spitzen-Manager ist 2021 großartig gelaufen. Die Gewinne stiegen auf einen Rekordwert und in der Folge auch die Managerbezüge. Satte 24 Prozent mehr erhielten die Vorstandsmitglieder im Durchschnitt. Und sie profitierten deutlich stärker als ihre Mitarbeiter, wie der Vergütungsbericht der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) zeigt. Der Spitzenverdiener erhielt 19 Millionen Euro. In diesem Jahr dürfte es dagegen schlechter aussehen: Hohe Inflation, dramatische Energiepreise, Lieferprobleme belasten die Firmen.

    Untersucht hat die Technische Universität München im Auftrag der DSW die Vorstandsgehälter der großen börsennotierten Firmen im Deutschen Aktienindex Dax und der mittelgroßen Firmen im MDax. 2020 waren die Gewinne noch eingebrochen, das Geschäft lief wegen Corona schlecht. 2021 dagegen stiegen sie um 122 Prozent auf rund 170 Milliarden Euro. Gunther Friedl, Professor für Controlling an der TU München und Leiter der Studie, sprach angesichts der Zahlen von einem historischen Charakter. Und sie ließen die Gehälter steigen.

    Im Schnitt verdiente jedes Dax-Vorstandsmitglied im vergangenen Jahr 3,92 Millionen, fast ein Viertel mehr als ein Jahr zuvor. Friedel bezeichnete das Plus als sehr stark. Allerdings hatten viele Manager im schlechten Corona-Jahr 2020 auf einen Teil des Gehalts verzichtet. 2021 war das nicht mehr so. Den größten Gehaltssprung machte das Führungsteam des Sportartikelherstellers Adidas: ein Plus von 190,7 Prozent auf im Schnitt 4,55 Millionen Euro. Bei Puma, dem Konkurrenten und Nachbarn in Herzogenaurach, hingegen schrumpften die Bezüge der Chefetage um 29,7 Prozent auf 3,02 Millionen Euro.

    Frauen und Männer in den Vorstandsetagen werden unterschiedlich bezahlt. Ohne Vorstandsvorsitzende – nur ein Dax-Unternehmen, Merck, wird von einer Frau geführt – verdienten die Manager im Schnitt 3,5 Millionen Euro, die Managerinnen 3,6 Millionen. Nur jedes fünfte Vorstandsmitglied ist eine Frau.

    Die Gehälter der Mitarbeiter in den Dax-Konzernen stiegen nicht im gleichen Maße wie die Chefgehälter. Die Beschäftigten bekamen dem Vergütungsbericht zufolge im Schnitt 78.000 Euro. Ein Führungsmitglied verdiente damit das 53fache eines Mitarbeiters – in den Jahren zuvor waren es zwischen dem 45- und 47fachen.

    Besonders groß ist die Lücke beim Sportartikelhersteller Adidas. Die Topmanager verdienen im Schnitt das 114fache der Mitarbeiter. Bei Daimler Truck ist es gerade einmal das 13fache. Marc Tüngler, Geschäftsführer der DSW, sieht hier einiges an Brisanz. Der deutliche Unterschied in den Gehältern ist für ihn auch ein Fall für die Aufsichtsräte. Die müssen sich nach dem Gesetz damit beschäftigen. Ob das etwas ändert, ist nicht sicher. Es gibt keine Handlungspflicht.

    Spitzenverdiener unter den Dax-Chefs war 2021 demnach Steve Angel vom Gasehersteller Linde. Insgesamt bezog er 19,43 Millionen Euro. Deutlich dahinter auf Platz 2 der Liste steht Herbert Diess, der inzwischen ausgeschiedene streitbare Chef des Volkswagen-Konzerns mit 11,54 Milliarden Euro. Ebenfalls mit deutlichem Abstand folgt auf Rang 3 Christian Klein, Chef des Softwarekonzerns SAP mit 9,15 Millionen Euro.

    Adidas-Chef Kasper Rorsted schaffte es trotz des üppigen Gehaltszuwachses im gesamten Vorstand mit 8,99 Millionen Euro nur auf Rang 4. Im kommenden Jahr wird der Däne den Konzern vorzeitig verlassen.

    Unter den Topverdienern findet sich auch der Chef des Dax-Neulings Qiagen. Thierry Bernard bekam 2021 rund 8,39 Millionen Euro. Ganz am Ende der Liste: der Online-Modehändler und Technologieriese Zalando. Die Berliner sind ebenfalls erst im Herbst in den Dax aufgestiegen, wurden ein halbes Jahr lang von drei, zuletzt von zwei gleichberechtigten Chefs geführt. Im Schnitt kosteten sie das Unternehmen im vergangenen Jahr dem DSW-Bericht zufolge 78.000 Euro. Im Durchschnitt bekam ein Konzernchef im Dax rund 6,1 Millionen Euro. Im MDax waren es 3,1 Millionen Euro.

    Was viel erscheint, ist im internationalen nicht ganz so viel. So verdienten die Vorstandschefs der Firmen, die im Schweizer Börsenindex SMI notiert sind, im Schnitt 6,5 Millionen Euro. Bei Firmen im französischen CAC40 waren es 7,81 Millionen Euro. Alles noch nichts im Vergleich zu Firmenlenkern in den USA: Die Konzerne im Dow Jones zahlten ihren Chefs im Schnitt umgerechnet 27,34 Millionen Euro. Spitzenverdiener in den USA war Pat Gelsinger, Chef des Chipherstellers Intel. Er erhielt umgerechnet rund 98 Millionen Euro.

    Da könnte einige Manager oder Managerinnen schon auf die Idee kommen, dass ein Wechsel in Ausland angezeigt ist. Abgesehen davon, dass es auch Firmen geben muss, die deutsche Manager einstellen: Vergütung ist nicht alles. Denn das Arbeitsumfeld im Ausland ist offenbar deutlich rauer. DSW-Chef Tüngler erwähnt etwa andere Vertragslaufzeiten und vor allem größere Haftung. „Das Vorstandsmitglied in Deutschland arbeitet eher auf der ruhigen Seite.“

    Seit 2000 lässt die DSW jedes Jahr erheben, was die Vorstandsmitglieder in Deutschlands größten börsennotierten Unternehmen verdienen. Für 2021 war es besonders aufwändig, weil sich der rechtliche Rahmen geändert hat. Die Vorstandsgehälter sollten vergleichbarer werden und vor allem klarer sein, wie sie sich zusammensetzen. „Statt mehr Transparenz und Verständlichkeit hat das Gesetz einen kaum durchschaubaren Datendschungel gebracht“, sagt Marc Tüngler, Chef der DSW. Er verspricht sich einiges von neuen EU-Standards, an denen die Kommission arbeitet. An diesem Donnerstag gibt es ein Treffen in Brüssel dazu.

  • Nervt und hilft

    Warum die Schuldenbremse bleiben muss

    Außergewöhnliche Situationen erfordern außerordentliche Mittel, auch in der Energiekrise, die Deutschland gerade trifft. Die Schuldenbremse auszusetzen, um mehr Geld aufnehmen zu können, ist der falsche Ansatz. Finanzminister Christian Lindner hat recht, wenn er in der aktuellen Debatte mit den Bundesländern über die Finanzierung verschiedener Hilfspakete daran festhält – aus mehreren Gründen.

    Die Schuldenbremse zwingt zum Nachdenken – zunächst einmal über alle Ausgaben des Bundes. Was schien einmal wichtig, ist es aber jetzt in der Krise und mit Blick auf die Zukunft nicht mehr? Oder wird es absehbar nicht mehr sein? Um nur vier Beispiele zu nennen: Was ist mit Dienstwagenprivileg, Dieselsubvention, Entfernungspauschale, Steuerbefreiung für Flugbenzin?

    Ein weiterer Effekt der Schuldenbremse: Wenn keine unbegrenzten Mittel bereitstehen, müssen die vorhandenen zielgerichtet eingesetzt werden. Das ineffiziente Prinzip Gießkanne sollte nicht möglich sein. Oder anders gesagt: Die Bundesregierung kann Geld nicht in großem Stil ausgeben, sondern muss auch hier nachdenken.

    Was zu einem weiteren Grund führt, sich an die Schuldenbremse zu halten: Der Staat hat nicht nur eine Verantwortung für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft. Er darf kommenden Generationen keinen riesigen Schuldenberg hinterlassen, nur weil das am einfachsten ist. Denn für jeden geliehenen Euro muss der Staat Zinsen zahlen, die angesichts der Inflation und der strengeren Zinspolitik der Europäischen Zentralbank steigen. Aus den 18,5 Milliarden Euro Zinsen 2022 könnten schnell 60 Milliarden Euro und mehr werden. Das schränkt den Handlungsspielraum künftiger Regierungen stark ein.

    Die Schuldenbremse mag nerven, die Diskussionen auch. Ausgaben zu streichen kann bitter sein. Das Ergebnis wird sich aber lohnen. Und wenn alles nicht ausreicht, wäre es auch möglich, die Einnahmen zu erhöhen. Zum Beispiel durch gezielten Einsatz gegen Steuerhinterziehung, durch einen Solidaritätszuschlag auf hohe Einkommen oder gar höhere Steuern für Toppverdiener. Denn die Lage erfordert außerordentliche Mittel.

  • Duschen mit Stoppuhr

    Neun oft genannte Energiespartipps im Realitätscheck

    Viele Spartipps sind seit Jahren bekannt: LED-Birnen etwa verbrauchen weniger Strom als klassische Glühbirnen. Wer Geräte nicht im Stand-by lässt, sondern ganz ausschaltet, spart ebenfalls Energie und damit Geld. Doch was ist, wenn ich Heizlüfter anwerfe statt den Heizkörper? Und sollte ich den Geschirrspüler ausmustern? Neun oft genannte Energiespartipps im Realitätscheck.

    Es reicht aus, alle Fenster und Türen abzudichten.

    Über Ritzen in Fensterrahmen und schlecht schließende Türen verlässt viel Wärme eine Wohnung oder ein Haus. Grundsätzlich lohnt es sich deshalb, Türen und Fenster zu überprüfen und undichte Stellen mit Schaum- oder Gummidichtband zu schließen. Vor allem, wenn es besonders kalt ist, helfen noch Vorhänge und Rollos, um Fenster zusätzlich zu isolieren. Aber Achtung: Haus oder Wohnung sollten nicht hermetisch abgedichtet werden. Wichtig ist auch tägliches Lüften, damit sich nicht irgendwo Feuchtigkeit festsetzen kann und es anfängt zu schimmeln. Nur Fenster und Türen abzudichten, bedeutet allerdings, weitere Sparmöglichkeiten ungenutzt zu lassen.

    Das Wohnzimmer sollte normal geheizt werden, in allen anderen Zimmern reicht es, den Thermostaten auf der niedrigsten Stufe zu lassen. Bei Bedarf kann ein Thermostat auf die höchste Stufe gestellt werden, bis es warm ist.

    Bei der Heizung lässt sich am meisten Energie sparen. Etwa sechs Prozent sind es, wenn die Heizung von 21 auf 20 Grad eingestellt wird. Noch niedrigere Temperaturen sparen mehr. Die niedrigste Stufe am Thermostaten ist aber nur in Ausnahmefällen zu empfehlen. Üblicherweise stehen Zahlen auf dem Thermostat. Sie geben die Temperaturhöhe an. Die 3 steht für ungefähr 20 Grad, die 1 für zwölf Grad. Experten halten das für deutlich zu kühl. 16 Grad sollten es schon sein, damit sich kein Schimmel bilden kann. Wird der Thermostat auf 5 gestellt, was etwa 28 Grad entspricht, läuft die Heizung dauerhaft durch, denn der Thermostat schaltet erst ab, wenn 28 Grad im Raum erreicht sind – was selten möglich sein dürfte.

    Mit einem Heizlüfter lassen sich die Bereiche eines Zimmers effizient wärmen. Die Heizung muss nicht hochgedreht werden.

    Heizlüfter sind gerade sehr begehrt und vielerorts ausverkauft. Die Idee: Wenn die Heizung nur auf Minimum läuft und deshalb zum Beispiel weniger Gas verbraucht, bläst der Lüfter angenehm warme Luft ins Zimmer. Allerdings benötigen Heizlüfter Strom. Und da kommt einiges zusammen, wenn die Geräte länger laufen, wie eine sehr grobe Rechnung zeigt.

    Hersteller Rowenta empfiehlt rund „100 Watt je Quadratmeter Wohnfläche“. Für eine 50-Quadratmeter-Wohnung sind dann Geräte mit 5000 Watt Leistung nötig. Laufen sie über drei Monate je zehn Stunden ergibt das einen Verbrauch von 4550 Kilowattstunden, etwa der durchschnittliche Stromverbrauch eines Vier-Personen-Haushalts im Jahr. Die Kosten können je nach Region und Tarif 1800 Euro überschreiten.

    Die Rechnung ist sehr grob, zeigt aber: Besser ist, das Zimmer, in dem man sich überwiegend aufhält, vernünftig zu heizen und lieber einen Pullover überzuziehen. Und den Heizlüfter höchstens kurzzeitig zu nutzen.

    Zweimal Lüften am Tag reicht. Im Bad und in der Küche sollten die Fenster auf Kipp stehen, damit Feuchtigkeit abziehen kann.

    Mit dem richtigen Lüften lässt sich viel Energie sparen. Denn wer Fenster dauerhaft auf Kipp auf hat, lässt Wärme entweichen. Die Heizung versucht, das dann auszugleichen und verbraucht mehr. Am besten ist, die Fenster für fünf Minuten zu öffnen und kräftig durchzulüften.

    Wäsche sollte bei 30 Grad gewaschen werden und danach in den Trockner.

    Waschmaschinen verbrauchen am meisten Strom, um das Wasser auf die nötige Temperatur zu erhitzen. Eine Wäsche bei 60 oder gar 90 Grad verbraucht deutlich mehr Energie als eine bei 30 Grad. Moderne Maschinen waschen T-Shirts, Pullover und Hosen auch bei niedrigen Temperaturen sauber – es sei denn, die Wäsche ist sehr grob verschmutzt. Dann sollten die Stücke vorbehandelt werden. Den Spareffekt hat Baden-Württembergs Umweltministerium mit 25 Prozent berechnet. Experten empfehlen gründliches Schleudern – und dann, die Wäsche an der Luft zu trocken. Denn Trockner schlucken, auch wenn sie eine besonders gute Effizienzklasse haben, viel Strom. Trocknen auf dem Wäscheständer kostet dagegen nichts.

    Ab und an sollte die Maschine dennoch bei 60 Grad waschen – so können sich keine Keime im Gerät bilden. Und die Maschine sollte immer gut gefüllt sein. Sonst waschen drei T-Shirts mit der erhitzen Wassermenge einer vollen Trommel.

    Ein Sparduschkopf lohnt sich nicht. Lieber sollte man kürzer duschen.

    Pro Minute fließen im Schnitt 15 bis 18 Liter warmes Wasser durch einen normalen Duschkopf, ein Sparduschkopf halbiert die Menge, ohne dass man auf Komfort verzichten muss. Rein rechnerisch ließe sich der Einspareffekt auch erzielen, wenn man mit dem normalen Duschkopf zum Beispiel nur fünf Minuten statt zehn Minuten duscht. Wer sich morgens allerdings nicht so gern mit einer Stoppuhr wäscht, sollte doch in den Sparduschkopf investieren.

    Geschirr sollte von Hand gespült werden.

    Wer einen Geschirrspüler besitzt, sollte ihn auch nutzen. Die Geräte verbrauchen in der Regel weniger Wasser, als fürs Spülen per Hand nötig ist. Zudem nutzen sie Spülmittel effizienter und verbrauchen weniger Energie. Dabei sollte die Maschine jeweils voll sein. Nur um zwei Teller, zwei Tassen und entsprechendes Besteck zu reinigen, ist die Handwäsche doch effizienter. Hier gilt wie bei der Waschmaschine: Sehr heiße und damit energieintensive Programme sind nur in Ausnahmefälle nötig. Von Hand vorzuspülen, ist in der Regel nicht nötig.

    Die Eisschicht im Gefrierfach hilft, die eingefrorenen Lebensmittel zu kühlen.

    Das ist eindeutig falsch. Abtauen spart Energie. Der Kühlschrank braucht bei einer dicken Eisschicht deutlich mehr Strom, um die voreingestellte Temperatur zu erhalten. Experten empfehlen für das Eisfach minus 18 Grad, für den Kühlbereich sieben Grad. Der Reif innen an der Rückwand des Kühlschranks ist unproblematisch.

    Grundsätzlich gilt: Sollten Geräte ersetzt werden, vor allem Kühlschrank, Waschmaschine und andere Großgeräte – immer auf das Energielabel achten. Wenig Aufwand bereitet auch, einmal im Jahr die Heizkörper zu entlüften. Weitere Tipps liefert unter anderem das kostenlose Energiesparbüchle des Landes Baden-Württemberg und die Seiten des Bundeswirtschaftsministeriums. Auch die Verbraucherzentralen beraten bei Energiefragen. Hilfe gibt es auch bei den regionalen Energieagenturen.

  • „Der Preishammer kommt noch“

    Experte erwartet höhere Ausgaben für Studenten

    Auf viele der 2,95 Millionen Studenten in Deutschland kommen drastisch höhere Ausgaben für Wohnen zu. So steigen die Nebenkosten, der Wettbewerb um kleine Wohnungen treibt die Mieten. Und die Lebenshaltung  wird teurer. „Studierende stehen im nächsten Jahr vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen“, sagte Uwe Schroeder-Wildberg, Chef des Finanzberaters MLP, die den Studentenwohnreport 2022 vorlegte. Michael Voigtländer, Immobilienexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW), formulierte drastischer. „Der Preishammer kommt erst noch.“

    Zum einen verteuern sich Gas und Strom, weswegen Vermieter die monatlichen Abschläge für die Energie anheben. Zum anderen kommen 2023 hohe Nachzahlungen für 2022 auf die Studenten zu. Wer eine neue Unterkunft sucht, muss sich gleichzeitig auf höhere Nettomieten einstellen. Der Trend zeichnete sich schon im ersten Halbjahr 2022 ab.

    Das IW hat sich im Auftrag von MLP zum vierten Mal die Wohnsituation von Studenten in 38 Städten angesehen. Untersucht wurden Wohnungen und WG, keine Wohnheime. Im Schnitt stiegen die Mieten seit Mitte 2021 demnach um 5,9 Prozent. Das größte Plus mussten danach Studenten in Berlin verkraften: 18,5 Prozent. Auf den Rängen zwei und drei folgen Leipzig und Rostock mit je zwölf Prozent. Im Vergleich wenig verteuert hat sich Wohnen dem Report zufolge in Freiburg (3,1 Prozent), Frankfurt/Main und Darmstadt (je 3,5 Prozent). In insgesamt acht der 38 Städte stiegen die Preise um mehr als zehn Prozent.

    Allerdings gehören die Mieten in Frankfurt für kleine Wohnungen bereits jetzt mit im Schnitt fast 700 Euro zu den höchsten in Deutschland. An der Spitze liegt hier München, wo eine Musterwohnung 787 Euro warm kostet. In Stuttgart sind es 786, in Berlin 718 Euro. Besonders günstig sind solche Wohnungen der Studie zufolge in Dresden, Leipzig und Magdeburg mit zum Teil deutlich unter 400 Euro. In Chemnitz sind es nur 198 Euro.

    Bei WG-Zimmern zogen die Mieten noch kräftiger an, vor allem in kleineren Städten: Mit 24,6 Prozent liegt Mainz an der Spitze vor Heidelberg (18,5 Prozent) und Regensburg (18,4 Prozent). In Freiburg blieben sie nahezu konstant (0,2 Prozent), in Saarbrücken sanken sie sogar um 0,3 Prozent. Auch hier liegen München (knapp 550 Euro), Berlin (gut 480 Euro) und Stuttgart (etwa 470 Euro) vorn.

    Die Mieten einschließlich Nebenkosten gelten für eine studentische Musterwohnung mit 30 Quadratmetern und ein standardisiertes WG-Zimmer (20 Quadratmeter). Die Forscher gewährleisten so die Vergleichbarkeit zwischen den Städten. Wer vor Ort etwas sucht, muss je nach Lage und Ausstattung unterschiedliche Mieten zahlen. Auch Chemnitz kann deshalb teurer, München etwas billiger sein. Eine Wohnung für 198 Euro warm dürfte in Bayerns Hauptstadt eher nicht zu finden sein.

    Offenbar sind die steigenden Mieten eine Folge der Corona-Pandemie. In der Zeit haben viele Studenten Wohnungen oder WG-Zimmer gekündigt, weil sie für ihr Studium nicht vor Ort seien mussten und so Kosten sparen wollten.

    Jetzt kehrten die Studenten zurück. Nur: „Es gibt erheblich mehr Konkurrenz um kleinere Wohnungen“, sagt Voigtländer, nicht nur unter Studenten. Wer eine neue Wohnung suche, suche tendenziell eine kleinere, weil dort der Energieverbrauch geringer sei. Gefragt sei auch eine zentrale Lage, um wenig pendeln zu müssen. Vermieter könnten deshalb steigende Kosten weitergeben und höhere Mieten verlangen.

    Und es könnte noch teurer werden. Denn der Wohnreport hat den Markt bis zum 30. Juni untersucht. Seither ist die Inflationsrate gestiegen, ist vor allem Energie drastisch teurer geworden. Inzwischen steigen auch die Preise für Lebensmittel kräftig. Die Inflationsrate lag im August bei 7,9 Prozent. Experten rechnen mit zweistelligen Raten in den kommenden Monaten.

    Die Studenten trifft der Preisanstieg besonders. Denn sie gehören zu denen mit den geringsten Einkünften. Im Schnitt haben sie Einkünfte von um die 1200 Euro, wie der Report ermittelt hat. Und dieser Wert stagnierte 2020. Zahlen für das vergangene Jahr fehlen noch, MLP-Chef Schroeder-Wildberg geht davon aus, dass Studenten weniger verdient haben, weil typische Studentenjobs in Gastronomie und Hotellerie weggefallen sind. Weil sie nur wenig ausgeben können, treffen die steigenden Lebenshaltungskosten Studenten härter als Menschen mit höheren Einkommen.

    Eine Folge: Studenten wohnten weiterhin bei ihren Eltern. Derzeit trifft das bereits auf ein Viertel aller Immatrikulierten zu, wie Immobilienexperte Voigtländer sagte. Der Wert ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Er empfahl der Bundesregierung, das Bafög noch stärker anzuheben als zuletzt. Zudem müssten mehr Studenten die Chance haben, es zu beantragen. Und er forderte, dass mehr Studentenwohnheime gebaut werden müssten. Im vergangenen Jahrzehnt sei der Anteil an Studenten in Wohnheimen stetig gesunken.

  • Die entspannende Wirkung von Geld

    Ein Jahr Pilotprojekt Grundeinkommen: Dennis Dettmer gibt seinen Zweitjob dran, Sarah Bäcker macht anderthalb Jahre Elternzeit.

    Dennis Dettmer hat seinen Zweitjob als Versicherungsmakler aufgegeben. „Glücklicherweise kann ich mir das jetzt leisten“, sagt der 29jährige Zeitsoldat aus Meißen. Nun konzentriert er sich auf seine Haupttätigkeit bei der Bundeswehr. Im Gegensatz zu früher fühlt Dettmer sich finanziell entspannt, weil er seit mehr als einem Jahr am Pilotprojekt Grundeinkommen teilnimmt.

    Monatlich erhalten er und 121 weitere Leute 1.200 Euro zusätzlich zu ihren normalen Verdiensten, steuerfrei und geschenkt. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), der Verein Mein Grundeinkommen und mehrere Universitäten untersuchen, wie eine bedingungslose Zahlung das Leben verändert. Legen sich die Leute etwa in die soziale Hängematte? Das dreijährige Pilotprojekt entstand im Zuge der jahrzehntelangen Debatte über Hartz IV und die Reform des Sozialstaates. Es läuft seit Sommer 2021. Regelmäßig fragt diese Zeitung bei einigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern nach, was sich bei ihnen verändert.

    Auch der Wertabsturz der Kryptowährungen bringt Dettmer nicht zur Verzweiflung. Vorsichtig hatte er ein paar hundert Euro investiert, die Kurse explodierten, schließlich standen über 2.000 Euro in seinem Depot. Nun ist es fast wieder auf den Ausgangswert zurückgesunken. „Ja, ich bin enttäuscht“, sagt Dettmer. Aber eine Katastrophe ist das für ihn nicht.

    2.400 Euro netto monatlich verdient er als Gruppenführer, der 20 Soldaten unter sich hat. Damit liegt er im Umkreis des durchschnittlichen Einkommens der deutschen Privathaushalte. Die 1.200 Euro mehr aus dem Grundeinkommen-Projekt machen daraus einen überdurchschnittlichen Verdienst. Geld ist plötzlich nicht mehr knapp.

    So entschied sich Dettmer, den Zweitjob aufzugeben, der ihm einen kleinen Zusatzverdienst bringen sollte, bevor er als Versuchsperson ausgewählt wurde. Nun kann er sich ein etwas höhere Lebensqualität genehmigen – ein Mal mehr essen gehen mit der Freundin, öfter ins Kino. „Und einen Kaffeevollautomaten habe ich mir auch gegönnt“, sagt Dettmer. Wobei er betont, dass er das meiste zusätzliche Geld spart, unter anderem um den Diesel abzubezahlen, den er braucht, um regelmäßig den weiten Weg von Meißen zur Kaserne in Hessen zurückzulegen.

    Die bessere materielle Ausstattung wirke sich auch positiv auf seine körperliche Verfassung aus, berichtet Dettmer. Weniger als früher leide er an Zahnschmerzen. Er führt das darauf zurück, dass er weniger unter allgemeinem Stress leide.

    Das Pilotprojekt generiert Berichte wie diesen über die individuellen Vorteile eines Grundeinkommens. Kein Wunder: 1.200 netto monatlich bedeuten einen wesentlichen Unterschied und bringen viele Leute in den materiellen Bereich, in dem sie sich keine finanziellen Sorgen mehr machen müssen. Aber reicht das als politische Begründung für eine superteure gesellschaftliche Reform aus? Erhielten 80 Millionen Bundesbürger jeweils 10.000 Euro pro Jahr, kostete das die Gesellschaft 800 Milliarden Euro – eine utopische Größenordnung. Einige Sozialleistungen fielen dann zwar weg, weil sie überflüssig würden. Ein paar hundert Milliarden Euro pro Jahr blieben als Mehrkosten unter dem Strich jedoch zu finanzieren – unklar, wie.

    Trotzdem wirkt die Idee des Grundeinkommens schon jetzt auch praktisch. Die politische Lage verschiebt sich. Die SPD räumt gerade Hartz IV ab, die wichtigsten Auslöser für die hiesige Debatte über das Grundeinkommen. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil legte kürzlich seinen Vorschlag für die neue Sozialleistung namens „Bürgergeld“ vor. Das Prinzip: Die monatlichen Überweisungen sollen großzügiger ausfallen. Vielleicht erhalten die Empfängerinnen und Empfänger ab kommendem Jahr knapp 900 Euro pro Kopf statt momentan gut 800 Euro durchschnittlich inklusive Wohnkosten.

    Außerdem will Heil die Bedingungen für den Erhalt des Bürgergeldes entschärfen. Man soll mehr eigenes Vermögen behalten dürfen, und der Staat größere Wohnungen finanzieren. Die Regierung würde sich damit ein paar Schritte in Richtung Grundeinkommen bewegen, wobei der Abstand zu einer existenzsichernden, bedingungslosen Leistung immer noch beträchtlich bliebe.

    Dass die Idee des Grundeinkommens einflussreich ist, sieht man auch an einer weiteren Initiative. Ein „Bildungsgrundeinkommen“ propagierten kürzlich das Zentrum Liberale Moderne und die Bertelsmann-Stiftung. Alle Erwerbspersonen sollen demnach das Recht erhalten, drei Jahre lang 1.200 Euro monatlich vom Staat zu bekommen, um sich weiterzubilden. Die grundsätzliche Idee: Für die Wirtschaft wie für die Individuen ist es gleichermaßen nötig und vorteilhaft, dass die beruflichen Qualifikationen an die Erfordernisse der Digitalisierung und ökologischen Transformation angepasst werden. Der Staat soll das ermöglichen, indem er für eine gewisse Zeit einen gesicherten Lebensunterhalt zur Verfügung stellt. Als die neue Chefin der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles (SPD), noch Bundesarbeitsministerin war, ließ sie eine vergleichbare Vision niederschreiben. Auch dies kann man als kleinen Schritt in Richtung eines „bedingten Grundeinkommens“ bezeichnen.

    „Ich schaue entspannt in die Zukunft“, sagt Sarah Bäcker. Sie ist eine weitere Teilnehmerin im Pilotprojekt. Bei der 40jährigen Architektin haben sich während des Projekts große Dinge getan: Seit vier Monaten ist sie Mutter ihrer Tochter Alva.

    Dank des Grundeinkommens hat Bäcker eine „luxuriöse“ Entscheidung getroffen: „Ich nehme anderthalb Jahre Elternzeit.“ Die 1.200 Euro zusätzlich erleichtern das. Ihre materielle Situation empfindet Bäcker als „komfortabel“. Sie lässt sich Zeit damit, eine Kita zu suchen. Erst ab September 2023 will sie wieder im Architekturbüro arbeiten.

    Ohne das Grundeinkommen müsste sie mit etwa 800 Euro Eltern- und 200 Euro Kindergeld auskommen – und stünde unter finanziellem Druck. Im Prinzip ist sie alleinerziehend, sie wohnt nicht mit dem Vater der Tochter zusammen, wobei sich dieser aber ebenfalls um die Erziehung kümmert. Unter normalen Umständen würde Bäcker jetzt wohl aufstockendes Hartz IV und Wohngeld beantragen. „Zum Glück spielen diese Fragen keine Rolle“, sagt sie. „Ich brauche nicht nachzuweisen, ob ich bedürftig bin.“ Und „hoffentlich“, fügt sie hinzu, „muss ich mir darüber niemals Gedanken machen“.

    Auch diese Situation einer Teilnehmerin des Pilotprojekts steht in Verbindung zu einer aktuellen Debatte. Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) arbeitet an einem Vorschlag für die Kindergrundsicherung, die die Koalition einführen will. Details gibt es noch nicht. Aber richtig ausgestaltet wäre das ebenfalls ein Schritt in Richtung Grundeinkommen, der die Lage von Eltern mit niedrigen Einkommen deutlich entspannte.

    Info: Pilotprojekt Grundeinkommen
    Über zwei Millionen Leute bewarben sich für das soziologische Experiment, 122 wurden ausgewählt – ausschließlich Einpersonen-Haushalte zwischen 21 und 40 Jahren, die zwischen 1.200 und 2.600 Euro netto monatlich zur Verfügung haben. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten drei Jahre lang 1.200 Euro monatlich ohne Bedingungen zusätzlich zu ihren normalen Einkommen. Das Geld stammt aus Spenden. Unter anderem das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) untersucht nun, wie Personen der Mittelschicht mit dem Grundeinkommen umgehen. Reduzieren sie ihre Arbeitszeit, satteln sie um, fangen sie etwas ganz Neues an, investieren, konsumieren oder sparen sie mehr?

  • Mit Wasserstoff an die Spitze

    Müllwagenhersteller Faun plant das nächste Ding

    Müllwagen sind praktisch. Sie befreien uns von Abfall. Und sie sind laut. Viele Menschen bemerken sie nur, wenn sie morgens vom Lärm geweckt werden. Dass die Fahrzeuge einmal nachhaltig den Straßenverkehr revolutionieren könnten, denken vermutlich nur wenige – darunter die Mitarbeiter des Unternehmens Faun aus Osterholz-Scharmbeck bei Bremen.

    Die Firma baut seit Jahrzehnten Fahrzeuge für Stadtreinigungen, Kehrmaschinen etwa. Und eben Müllwagen. Seit einem Jahr hat der Spezialhersteller den „ersten serienmäßigen wasserstoff-elektrischen Müllwagen“ im Angebot. Der Beginn einer Geschichte, die den großen etablierten Konzernen zeigen könnte, wie sich auszahlt, früh einzusteigen, hartnäckig zu sein und einfallsreich.

    17 Tonnen Zuladung, 250 Kilometer Reichweite, 16 Kilogramm Wasserstoff, in 15 Minuten bei 700 bar Druck weitgehend betankt – Faun-Chef Patrick Hermanspann schwärmt, wenn er über den „Bluepower“ redet. Unterwegs ist der Müllwagen inzwischen in Aachen und Berlin, in Bochum, Duisburg, Freiburg und Mainz, in Brüssel und Graz. Auch aus der Schweiz wurde bestellt. 100 Fahrzeuge sollen Ende des Jahres ausgeliefert sein.

    Doch Faun will mehr. Auf der IAA Transportation, der Leitmesse für Nutzfahrzeuge, kommende Woche (20. bis 25. September) in Hannover stellt das Unternehmen den Prototypen eines Lastwagens vor, Citypower genannt. Das Fahrzeug, im Prinzip der Wasserstoff-Müllwagen mit einem Kastenaufbau, ist für den Stadtverkehr vorgesehen, zum Beispiel um kleinere Supermärkte zu beliefern. Das Fahrzeug hat 500 Kilometer Reichweite und neun Tonnen Zuladung in der Variante mit Wasserstoff und Elektromotor, die rein elektrische Version soll 260 Kilometer weit kommen.

    Das Besondere: Der Lastwagen hat bereits eine europäische Typzulassung, nach Angaben des Unternehmens, die bisher einzige für ein solches Fahrzeug. Mit dieser Zulassung kann das Fahrzeug in Serie produziert und vor allem überall in der EU verkauft werden. Der Serienstart des Citypower ist für das kommende Jahr geplant.

    Alle großen Nutzfahrzeughersteller arbeiten daran, den Motor zu ersetzen, der Diesel oder Biosprit verbrennt. Getestet werden Antriebe, die Wasserstoff direkt verbrennen oder mit Strom aus einer Batterie laufen. Sie kann an einer Ladesäule oder induktiv durch die Fahrbahn geladen werden. Auch Oberleitungskonzepte gibt es.

    Faun setzt auf eine Brennstoffzelle. Sie verbrennt mit Ökostrom erzeugten Wasserstoff und erzeugt Strom, der wiederum die Batterien speist, die den E-Motor antreiben. Und beim Müllwagen Trommel oder Presse, je nachdem, was das Abfallunternehmen bestellt hat. Der schwere Aufbau entfällt beim neuen Lastwagen.

    Daimler Trucks, Iveco, MAN, Renault oder Volvo konzentrieren sich vor allem auf schwere Lkw, die auf Langstrecken unterwegs sind, Hamburg–Prag zum Beispiel. Faun dagegen sieht seine Nische eher bei Frankfurt–Mainz. Und auf diesen Kurz- und Mittelstrecken will das Unternehmen bis 2030 Europas Marktführer bei wasserstoffbetriebenen Lastwagen.

    Dafür muss das Unternehmen investieren. Die Wasserstoff-Laster der im Mai gegründeten Tochter Enginius kommen aus dem Bremer Werk, das ausgebaut wird. Dort arbeiten zurzeit etwa 80 Beschäftigte, geplant sind 800. Ein ziemlicher Sprung, Faun beschäftigt derzeit insgesamt nur 2000 Mitarbeiter. Faun-Chef Hermanspann plant, 5000 Fahrzeuge jährlich zu bauen. Einen entscheidenden Vorteil sieht er darin, dass das Unternehmen bereits reichlich Erfahrung hat: „Wir sind sehr früh dabei.“

    Bereits Mitte der 2000er dachten die Techniker bei Faun darüber nach, den Müllwagen zu elektrifizieren. Solch ein Fahrzeug stoppt bis zu 800-mal am Tag, Bremsenergie geht verloren. Und der Diesel setzt Feinstaub frei. Der erste elektrische Müllwagen sparte 30 bis 40 Prozent Primärenergie ein, ließ sich aber kaum verkaufen. Doch die Techniker ließ das Thema nicht los, sie setzten auf Wasserstoff, entwickelten Brennstoffzelle, Batterie, Motor selbst.

    Bei der Entwicklung geholfen hat die Berliner Stadtreinigung BSR. Der größte kommunale Stadtreinigungsbetrieb Europas mit insgesamt 1800 Fahrzeugen hat die Wasserstoff-Müllwagen von Anfang an im täglichen Gebrauch getestet und vorgeschlagen, was verbessert werden muss. „Wir sind ein anspruchsvoller und dadurch bisweilen auch anstrengender Partner für die Hersteller“, sagt Fuhrparksleiter Wolfgang Wüllhorst. Am Ende profitieren beide. Für die BSR sind sechs der Mülllaster unterwegs, acht weitere sind bestellt.

    Das Basisfahrzeug liefert Daimler Trucks, Fahrgestell und Kabine, Faun baut dann die eigene Technik ein. Und weil Wasserstoff sehr explosiv ist, werden die Tanks, die bis zu 16 Liter fassen, vor dem Einbau beschossen. So soll sichergestellt werden, dass sie wirklich dicht sind. Klassische Dieseltanks sind dagegen simple Kisten. Besondere Crashtests für die Wasserstofffahrzeuge gibt es auch.

    Ausbremsen könnte die ehrgeizigen Pläne das Tankstellennetz. In Deutschland sind nach Angaben des Anbieters H2Mobility 95 Wasserstofftanksäulen betriebsbereit. Allerdings können nicht alle die erforderlichen 700 bar Druck. Und nicht an allen lassen sich schnell mehrere Fahrzeuge nacheinander betanken. Aber das Netz wächst. Für die BSR in Berlin wurde gerade eigens eine neue Tankstelle errichtet.

    Hinter Faun steht die Kirchhoff-Gruppe aus Iserlohn in Nordrhein-Westfalen. Das Familienunternehmen mit 2,2 Milliarden Euro Umsatz und rund 12.200 Mitarbeitern hat mehrere Sparten und ist weltweit tätig. Es stellt unter anderem komplexe Karosserieteile für die Autoindustrie und Werkezeuge her. Faun gehört zur Umwelt- und Kommunalsparte.