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  • Eigenverantwortung zählt

    Zur Debatte über Home-Office-Regeln

    Viele Beschäftigte haben sich jahrelang gefragt, warum sie nicht wenigstens ein paar Tage von zu Hause aus arbeiten und sich so zum Beispiel die Fahrt ins Büro und zurück sparen können. Die Corona-Pandemie hat dann alle Vorbehalte von Unternehmern und Behörden wegfallen lassen. In der Krise ging es darum, den Betrieb am Laufen zu halten. Deutschland hat einfach mal gemacht – in diesem Umfang eine neue Erfahrung. Wir haben knapp zwei Jahre mit der neuen Heimarbeit experimentiert. Und es läuft überraschend gut.

    Doch sie hat ihre Tücken, wie eine Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes zeigt: längere Arbeitszeiten, unbezahlte Überstunden und weniger Pausen stressen zumindest einen Teil der Beschäftigten. Hier muss sich etwas ändern. Jetzt nach dem Gesetzgeber zu rufen, greift allerdings zu kurz.

    Natürlich muss es klare Leitlinien geben für die neuen Formen des Arbeitens. Entsprechend ist der Gesetzgeber gefragt. Aber es geht nur um den groben Rahmen. Wie die Lage in einzelnen Branchen oder Betrieben aussieht und was für einen reibungslosen Betrieb erforderlich ist, wissen am besten die Tarifpartner, die Regeln festlegen sollten. Also Gewerkschaften und Arbeitgeber. Auch letztere haben ein Interesse daran, dass es den Beschäftigten gut geht – sonst bleibt Arbeit liegen. Und angesichts des Personalmangels allerorten ist die Belegschaft noch wertvoller geworden.

    Gefragt ist ganz entschieden auch jeder und jede einzelne selbst. Denn letztlich bestimmt die Person, die am heimischen Schreibtisch arbeitet, wie lang sie Mittagspause macht, ob sie nach 23 Uhr noch E-Mails liest oder zum Telefon greift. Daran ändern auch staatliche oder betriebliche Regeln nichts.

  • Auf Kante genäht

    KiK-Chef Zahn kontrolliert seine Zulieferer in Bangladesch und Pakistan. Nach den katastrophalen Unfällen vor zehn Jahren scheint die Sicherheit der Beschäftigten meist gewährleistet. Beim Lohn allerdings hapert es.

    Kaum angekommen, stürmt Patrick Zahn die Treppen hoch. Etwas außer Puste tritt er im achten Stockwerk auf das flache Betondach der Fabrik hinaus. 35 Grad, feuchte Luft, die Sonne scheint grell. Der Chef des deutschen Textildiscounters KiK stattet hier in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, einen Kontrollbesuch ab. „Jetzt den Schlauch anschließen“, verlangt ein mitgereister KiK-Manager.

    „Feuerwehr“ und „Rettung“ steht auf den gelben Westen der beiden Arbeiter, die den grauen Schlauch ausrollen, die Düse aufsetzen, sich in Position stellen. Ein dritter öffnet das Ventil. Meter für Meter schwillt die Leitung an, bis ein armdicker Strahl bräunlichen Wassers über das Dach schießt. Zufriedenheit in den Gesichtern. Das hat geklappt.

    Zahn, hellblaues Freizeithemd, hochgekrempelte Ärmel, Sportschuhe, lässt sich erklären, was die Eigentümer der Fabrik tun, um Brände zu vermeiden und zu bekämpfen. „Nun wollen wir einen elektrischen Schaltschrank sehen“, fordert sein Mitarbeiter. Die 20-köpfige Gruppe steigt das Treppenhaus wieder hinab.

    Für sehr günstige Bekleidung ist KiK in Deutschland bekannt. Eine Herrenhose bekommt man in den Geschäften schon für 6,99 Euro, T-Shirts ab 3,99 €, Sportschuhe ab 9,99 €. Von diesem Billigimage ist nichts zu spüren, als die KiK-Delegation einige ihrer Lieferanten in Asien besucht. Im Gegenteil: Patrick Zahn tritt hier als anspruchsvoller Kunde auf, der Qualität einfordert. Er drängt darauf, dass die Fabriken, die die KiK-Textilien herstellen, Millionen Euro in die Sicherheit ihrer Beschäftigten investieren.

    Zahn bearbeitet ein Trauma: Vor neun Jahren stürzte die Fabrik Rana Plaza in Dhaka ein. Mehr als 1.100 Tote. Vor zehn Jahren brannte Ali Enterprises in Karachi, Pakistan, ab. 259 Tote.

    Wie ist die Situation heute? Passt das wirklich zusammen – billige Klamotten und gute Arbeit?

    Ventilatoren surren unter den niedrigen Decken. Neonlicht erleuchtet lange Reihen von Nähmaschinen. Dutzende Arbeiter:innen sitzen eng hintereinander, mehrere Herstellungslinien nebeneinander. Dazwischen Berge von Stoffen, Stapel von Einzelteilen, die am Ende zu Kleidungsstücken zusammengefügt werden. Hunderte Male täglich zieht jede Beschäftigte an ihrer Maschine dieselben zwei, drei Nähte, gibt die Stücke an die Kolleg:innen weiter, die die nächsten Schritt ausführen. Kurze, präzise Handgriffe, alles geht sehr schnell. Schwere Arbeit, die leicht aussieht. Bis zu elf Stunden täglich, sechs Tage pro Woche.

    Ein Arbeiter öffnet jetzt den Schaltschrank in einer Ecke des Produktionsgeschosses. Zahns Leute schauen sich die Verdrahtung an. Reicht sie für die Stromstärke, in welchem Zustand sind die Sicherungen? KiK hat von seinen Zulieferern in den vergangenen Jahren verlangt, die Elektrik zu modernisieren, denn Kurzschlüsse können Brände auslösen. Nun wird der Strom im gesamten Stockwerk gekappt. Das Rauschen der Propeller und Maschinen verstummt. Leuchten die Schilder über den Notausgängen trotzdem, damit das Personal bei Bränden den Weg nach draußen findet? Und funktionieren die Alarmsirenen in allen Stockwerken? Abgehacktes, lautes Tröten. Okay, Zahn nickt, hört sich gut an.

    Weiter zum Check der Feuerlöscher im Erdgeschoss. Vorbei an den Näherinnen und Nähern, die die Fremden fasziniert und ein bisschen ängstlich betrachten, hetzt der Tross weiter. Mit dabei immer ein paar Arbeiter:innen, die eilfertig Papiertücher reichen, wenn den Besucher:innen der Schweiß über die Gesichter rinnt.

    Die KiK-Leute drängeln. Sie reiten hier ein wie die Herren, geben Anweisungen und setzen die einheimischen Manager unter Druck. Der Besuch war zwar angekündigt, aber erst vor Ort entscheiden Zahn und seine Leute, was genau sie sehen wollen. Die Fabrik soll keine Chance haben zu schummeln. Alle Sicherheitssysteme müssen jederzeit funktionieren. „Wir reden Tacheles und lassen uns nicht einlullen“, sagt der KiK-Chef. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es der größte Fehler ist, wenn man zunächst mit den Besitzern im Büro plaudert und sich dann erst etwas zeigen lässt.“

    Welche Fabriken bei dieser Reise besucht werden, hat KiK ausgesucht. Der journalistische Einblick ist deshalb begrenzt. Grundsätzlich denkbar ist, dass alle Firmenvertreter und Beschäftigten ein geschöntes Bild zeichnen. Nicht ausgeschlossen erscheint, dass die Arbeitsbedingungen anderenorts schlechter sind, beispielsweise bei den Zulieferern der Zulieferer. Der Korrespondent, der die Reise unter anderem mit Unterstützung der taz unabhängig finanziert, ist der einzige Medienvertreter. KiK-Chef Zahn will demonstrieren, dass sich in seiner Firma etwas verändert hat.

    Es geht hier um viel. In dem Fabrikgebäude Rana Plaza, das 2013 einstürzte, waren auch Textilien für KiK hergestellt worden. Nicht nur starben über 1.100 Beschäftigte, 2.500 weitere wurden verletzt. So etwas soll nicht noch einmal passieren. Damals merkten viele Kund:innen in Europa und Nordamerika erst, unter welch schlechten Bedingungen die Herstellung der Konsumgüter stattfand, die hiesige Geschäfte anboten. Hatte KiK als Textildiscounter in wohlhabenden Bevölkerungsschichten vorher schon keinen guten Ruf, sackte das Image durch Rana Plaza noch mehr ab. „Viele Bürger hatten Bedenken, ob sie unsere Produkte kaufen können“, sagte Zahn 2017 in einem taz-Interview. Und „neue Mitarbeiter zu finden, gestaltete sich zeitweise schwierig, weil Vorbehalte gegen die Firma bestanden.“

    Auch wegen Rana Plaza beschloss der Bundestag im vergangenen Jahr das Lieferkettengesetz. Ab Anfang 2023 müssen alle in Deutschland tätigen Unternehmen mit mehr als 3.000 Beschäftigten die sozialen und ökologischen Menschenrechte der Arbeiter:innen ihrer weltweiten Zulieferfabriken schützen, unter anderem für Gebäudesicherheit und Brandschutz sorgen – in allen Branchen, nicht nur der Textilwirtschaft. Und bald dürfte eine EU-Richtlinie folgen, die schärfer ausfällt als das deutsche Gesetz. Währenddessen hat KiK – Folge der Rana Plaza-Katastrophe – einen Teil des Wegs schon zurückgelegt, den die meisten Firmen erst beginnen.

    Zwei Autostunden von der Zulieferfabrik entfernt sitzt Amirul Haque Amin an einem langen, blauen Tisch im fensterlosen Besprechungsraum. Seine Mitarbeiterin bringt Kaffee. Die Wände sind mit farbenfrohen Flugblättern für Demonstrationen, Plakaten, Aufrufen und Zeitungsausschnitten tapeziert, auf vielen ist Amin, der Boss, zu sehen. Er leitet die Nationale Textilarbeiter Gewerkschaft von Bangladesch – die größte und älteste derartige Organisation, wie er sagt.

    Ihm reicht nicht, was KiK tut. Ja, das Leben der Beschäftigten sei nun besser geschützt, meint er. Was aber ist mit dem Lohn?

    8.000 Taka betrage der staatlich festgesetzte Mindestlohn, erklärt der Mann mit den kurzen, grauen Haaren, umgerechnet rund 85 Euro für einen Monat Arbeit. Erstaunlich wenig, selbst Hartz IV-Empfänger bekommen in Deutschland das Zehnfache. Aber Bangladesch ist ein armes Land. Dort leben doppelt so viele Menschen wie hier, ihnen steht aber nur etwa ein Zehntel unseres Wohlstandes zur Verfügung. Also sind die Löhne viel niedriger. In einem armen Land produzieren lassen, in einem reichen verkaufen – das ist ein Mechanismus der Globalisierung.

    Auch seine 100 Zulieferer im Land zahlen den Mindestlohn, erklärt KiK, plus Zuschläge für höhere Qualifikation und Überstunden. So erhalten viele Arbeiter:innen Monatsverdienste von bis zu 13.000 Taka, ungefähr 136 Euro. „Aber das ist nicht genug“, schimpft Amin nun, „es müssten mindestens 20.000 sein“ (210 Euro).

    An seinem einzigen freien Tag der Woche ist heute ein Arbeiter zu Amin ins Büro gekommen – extra, um mit dem Journalisten zu sprechen. Hossain, 25 Jahre, ist Näher in einer der KiK-Fabriken. Mit Vater, Mutter, Schwester und Bruder lebt er in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Der Vater arbeitet auf dem Bau, Hossain selbst bringt 13.000 Taka nach Hause. Er rechnet vor: Die Miete kostet fast 10.000, die Lebensmittel für einen Monat 15.000. Damit seien die beiden Einkommen nahezu aufgebraucht, mit den täglichen Busfahrten, Kleidung und Hygieneartikeln wird es schon knapp. Beispielsweise für Arztbesuche bleibt nichts übrig. Als sein Bruder krank wurde, berichtet Hossein, habe er einen Kredit für die Behandlung aufgenommen, den er bis heute abbezahle. Eine öffentliche Krankenversicherung gibt es in Bangladesch nicht.

    Existenzsicherndes Einkommen, „living wage“, heißt das Konzept, das Gewerkschafter wie Amin dieser kargen Realität entgegensetzen. Für Bangladesch sollte es zwischen dem Zweieinhalb- und Fünffachen des Mindestlohns liegen, je nach Berechnung verschiedener Organisationen. Und wie wird das Wirklichkeit? „KiK könnte seinen Lieferanten höhere Einkaufspreise zahlen“, schlägt Amin vor. Diese Prämie müssten die Fabriken dann an ihre Beschäftigten weiterreichen. Heute sei das Gegenteil die Regel: Die europäischen und amerikanischen Firmen würden ihre Lieferanten in Bangladesch gegeneinander ausspielen, deren Preise drücken und damit verhindern, dass die Gehälter der Arbeiter:innen steigen. Amins Kollegin Kalpona Akter sieht es ähnlich: „Zusammen mit anderen Auftraggebern sollte KiK vorangehen“ und Prämien über den zu niedrigen Mindestlohn hinaus zahlen.

    Patrick Zahn ist auf dem Weg zur nächsten Fabrik. Der Chauffeur lenkt. Man sitzt klimatisiert auf der Rückbank des geräumigen Toyota-SUVs. Reisezeiten von zwei Stunden für 15 Kilometer sind keine Seltenheit. Außerhalb der getönten Scheiben spielt sich das tägliche Gewühl des Straßenverkehrs der 18-Millionen-Einwohner-Stadt Dhaka ab. Hitze, Staub, Stau, alle hupen. Wo immer eine Gasse entsteht zwischen Pkw, Bussen und Containertransportern, quetschen sich Motorrikschas und Mopeds hindurch, auf denen manchmal ganze Familien sitzen.

    „Ich will mit gutem Gewissen ins Bett gehen können“, sagt der 45jährige Manager. Seit 2016 führt er KiK im Auftrag der Eigentümer, der Tengelmann-Gruppe. Zuvor leitete er dort den Vertrieb. Der Zusammenbruch der Fabrik Rana Plaza, die Toten und das Leid der Hinterbliebenen hätten ihn „tief angetrieben, das Unternehmen zu verändern“. Wenn er hinzufügt, „das haben wir geschafft“, wirkt er im Reinen mit sich.

    Was aber ist mit den miesen Löhnen in den Textilfabriken? Deren Existenz lässt sich kaum bestreiten.

    Mehrere Argumente zählt Zahn dazu auf. Erstens: Die Fabriken gehören nicht KiK, sondern selbstständigen Unternehmern in Bangladesch. Zahn zahlt Preise für Lieferungen, nicht Löhne für Beschäftigte. Für letztere sei nicht er als Auftraggeber verantwortlich. Sondern – zweitens – unter anderem die Regierung von Bangladesch, die den Mindestlohn festlege. Tatsächlich ist dieser von 3.000 Taka 2013 auf mittlerweile 8.000 Taka (etwa 85 Euro) gestiegen. Weitere Erhöhungen dürften folgen.

    Drittens will Zahn nicht andere Firmen wie Aldi, Lidl, Pepco oder Inditex (Zara) subventionieren, die teilweise in denselben Zulieferfabriken produzieren lassen. Zahlte KiK einseitig höhere Preise, hätten diese Konkurrenten einen Kostenvorteil, weil sie sich nicht beteiligen.

    Aber kann der Discounter leicht höhere Einkaufspreise nicht verschmerzen, wenn er sie an seine Kund:innen in den Geschäften weiterreicht? Schließlich beträgt der Anteil des Arbeitslohns, der beispielsweise in einer Zehn-Euro-Jeans steckt, nur wenige Prozent, so dass schon ein Aufschlag von etwa 50 Cent im Endkundenpreis ausreichen müsste, um die Verdienste der Zulieferbeschäftigten ungefähr zu verdoppeln – wenn sie diese Prämie auch ausgezahlt bekämen.

    „Kunde ist König“ – dafür steht die Abkürzung KiK. Vergleichsweise arme Leute können sich beim Discounter für vielleicht 40 Euro von den Schuhen bis zur Jacke einkleiden. Wer Hartz IV bezieht oder einen Niedriglohn – diese Schicht umfasst in Deutschland ungefähr ein Fünftel der Bevölkerung – spüre einen Preisaufschlag von 50 Cent pro Kleidungsstück durchaus und gehe dann mitunter lieber zur Discount-Konkurrenz, sagt Zahn. KiK verliert damit Marktanteil, fürchtet der Manager. Ein schwieriges Argument: Niedrige Löhne in Deutschland begründen dann niedrige Löhne in Bangladesch. Armut rechtfertigt Armut.

    In der nächsten Fabrik erwarten Zahn die mit Gewehren bewaffneten Sicherheitsleute vor dem Metalltor. Die beiden dicken Limousinen rollen auf den Hof, der Firmenbesitzer, seine Tochter plus Untergebene begrüßen den Kunden aus Deutschland, kurzes Händeschütteln, dann startet der Sicherheitscheck. Auf dem Weg begegnet Zahn sich selbst. Er lächelt von einem großformatigen Begrüßungsfoto, das im Treppenhaus hängt, daneben der Plan der Fluchtwege.

    Hier verlangen die KiK-Leute auch, Interviews mit dem Beschäftigten-Komitee zu führen, das Beschwerden der Arbeiter:innen bearbeiten soll. Ein im Vergleich zur tropischen Außentemperatur tiefgekühlter Besprechungsraum, glänzende Bodenfliesen, dunkler Schreibtisch. Vertreter der Zulieferfirma sind nicht anwesend. Der junge Arbeiter – barfuß, Corona-Maske über dem schwarzen Bart – ist Vize-Vorsitzender des Komitees. Unter anderem berichtet er, dass er regelmäßig elf Stunden täglich an der Nähmaschine sitze, zu den acht normalen kämen drei Überstunden. Macht 66 Arbeitsstunden wöchentlich. Zum Vergleich: In Deutschland leisten die meisten Arbeitnehmer:innen um die 40.

    Abendessen im Hotel. Zahn, unrasiert, Hemd zerknittert, entspannt sich, plaudert. Im Sakko sieht man ihn selten. Er ist ein nahbarer Typ, interessiert sich für die Erfahrungen und Meinungen anderer Leute. Manager-Arroganz ist kaum zu spüren. Wobei er einräumt, eine „kurze Lunte“ zu haben. Als er jetzt eher nebenbei von der langen Arbeitszeit in der Fabrik erfährt, sackt seine Laune schlagartig unter Null. 66 Stunden pro Woche widersprechen dem Verhaltenskodex von KiK, der in den Zulieferfirmen aushängt. Dieser orientiert sich auch am deutschen Arbeitszeitgesetz: 60 Stunden wöchentlich gelten als Obergrenze.

    Noch beim Essen ordnet der Vorstandsvorsitzende eine Untersuchung an. Er will wissen, ob die Zeitüberschreitung eine Ausnahme oder gang und gäbe ist. Sein Mitarbeiter windet sich: Das könne immer mal vorkommen, gleiche sich im Verlauf von Monaten aber aus. „Wenn diese Information stimmt, dann geht das so nicht und wir schicken morgen unsere Agentur hin“, befiehlt Zahn. KiK arbeitet mit einheimischen Vermittlern zusammen, die das tägliche Geschäft zwischen Lieferant und Kunde koordinieren, aber auch unangemeldete Kontrollvisiten durchführen. Am nächsten Abend ist das Ergebnis da: Zu lange Arbeitszeiten kommen in der Firma bei zehn Prozent des Personals vor. KiK gibt dem Management nun einige Wochen Zeit, den Fehler abzustellen. Bei einem weiteren Besuch werden die beauftragten Kontrolleure das überprüfen.

    Zahn ärgert sich. Wer ist denn Mitglied im Bangladesh Accord und wer nicht? Das ist ein Vertrag zwischen internationalen Auftraggebern und Gewerkschaften, erstmals abgeschlossen 2013 als Reaktion auf die Rana Plaza-Katastrophe. Rund 1.700 Textilfabriken in Bangladesch werden regelmäßig kontrolliert, ob sie baulich stabil und gegen Feuer geschützt sind. Fast 200 global agierende Unternehmen machen mit – aus Deutschland unter anderem Adidas, Aldi, Esprit, Hugo Boss, Lidl, Rewe. Und KiK. Händler wie New Yorker, Tedi, Woolworth oder auch Pepco aus Polen fehlen auf der Liste des Accords dagegen. „Wir haben einige Wettbewerber, die niedrigere Standards praktizieren als KiK und von unseren Anstrengungen profitieren“, sagt Zahn. Mit Kritik solle man sich doch in erster Linie diese Firmen vorknöpfen und nicht ständig in seinem Unternehmen nach Problemen suchen. Er fühlt sich ungerecht behandelt.

    Zur Wahrheit gehört jedoch auch: In der Lohnfrage bewegt sich so gut wie nichts. Gezahlt werden meist nur die von den Regierungen der Produktionsländer festgesetzten Mindestlöhne plus Überstunden. Wobei die Untergrenze bloß bei einem Drittel oder Viertel dessen liegt, was Organisationen wie die Asia Floor Wage Alliance, ein Zusammenschluss von Aktivisten, Gewerkschaftern und Wissenschaftlern, als existenzsichernde Bezahlung errechnen. Ausnahmen praktizieren allenfalls kleine Unternehmen, die sich an Fairtrade-Standards orientieren, wobei deren Marktanteil über eine Nische im Textilhandel bisher nicht hinauskommt.

    Der Stillstand liegt auch an KiK, aber nicht nur. Die anderen europäischen und nordamerikanischen Auftraggeber bewegen sich ebenfalls nicht. Bei den Lohnkosten schlagen sich die großen Marken insgesamt in die Büsche. Der wesentliche Grund: Die Löhne der Lieferanten machen einen kleinen, doch relevanten Posten in den Kalkulation der Unternehmen aus. Wächst dieser, wird es auf die eine oder andere Art teurer, etwa in Gestalt einer geringeren Gewinnmarge, höherer Endkundenpreise oder eines sinkenden Marktanteils. Diesen Effekt wollen alle vermeiden.

    Eine kleine Oase in dem grauen, lauten und wühligen Industriegebiet von Dhaka: Es gibt einen künstlichen Weiher, am Rand stehen Mangobäume, der Meeting-Pavillon ist über einen hölzernen Steg zu erreichen. Inmitten seines Fabrikareals hat der Besitzer sich und seinen herausgehobenen Gästen ein Refugium der Lebensqualität eingerichtet. Die Küche ist ausgestattet mit Highend-Haushaltselektronik aus Europa. Man reicht Pizza, Obst und Chickenwings, scharf gewürzt. Kunde und Lieferant plaudern über´s Geschäft. Der Eigentümer erwähnt, dass die Preisvorstellung von KiK seine Gewinnmarge gegen Null drücke. Das lässt sich bezweifeln, wie der Ort des Gesprächs zeigt. Gegenfrage: Würde er die Löhne der Arbeiter:innen erhöhen, wenn der deutsche Auftraggeber die von den Gewerkschaften geforderte Prämie zahlte? Es folgen Ausflüchte und Umschweife. Angeblich steigen die Löhne sowieso, weil es schwer sei Personal zu bekommen.

    Das Hin- und Hergeschiebe der Verantwortung geht beim Verband der Textilindustrie von Bangladesch weiter. Bessere Gehälter für die Beschäftigten? Wären die ausländischen Konzerne großzügiger, ließe sich vielleicht etwas machen, heißt es. Aber die Arbeitnehmer:innen sollten bitte auch etwas bescheidener sein. Schließlich verdienten sie schon jetzt mehr als die Lehrer:innen an staatlichen Schulen.

    Sie geht Patrick Zahn auf die Nerven, diese ständige Debatte über die zu niedrigen Löhne. Jedoch scheint sie bei ihm auch etwas zu bewegen. Nach einigen Tagen gemeinsamen Fabrik-Hoppings formuliert er eine Idee: Ließe sich der Bangladesch Accord nicht um eine soziale Säule erweitern? Wie wäre es, wenn Kunden, Lieferanten und Gewerkschaften gemeinsame branchenweite Lohnerhöhungen vereinbarten, die den großen Vorteil beinhalteten, dass sie für die Mehrheit der Firmen gleichermaßen gelten? Nicht einzelne Unternehmen liefen damit Gefahr, die Kosten alleine zu tragen und ihre Marktposition zu verschlechtern. Ein wesentliches von Zahns Argumenten gegen auskömmliche Verdienste in der Lieferkette fiele damit weg.

    Gewerkschafter Amin kann der Idee etwas abgewinnen – grundsätzlich. Im nächsten Moment ist er skeptisch: „Wollen die das wirklich?“ Oder ist es wieder nur ein Vorschlag, um Zeit zu gewinnen? Das lässt sich augenblicklich schwer sagen. Wobei der Accord in der nächsten Zeit eigentlich anderes auf dem Programm hat. Ein weiteres Land, zum Beispiel Pakistan, soll aufgenommen werden. Dann würden alle Ressourcen erst einmal dafür verwendet, die Sicherheit tausender zusätzlicher Fabriken auf den nötigen Stand zu heben. Schneller ginge es wahrscheinlich, wenn KiK zusammen mit anderen Konzernen ein Pilotprojekt zum Existenzlohn in einigen Zulieferfirmen startete und einfach mal anfinge.

    Zahns Reise führt jetzt nach Pakistan, das Land ist für KiK heikler als Bangladesch. Dort gibt es noch kein Abkommen wie den Accord. Die Marken und ihre Zulieferer machen, was sie wollen. Das Desaster, das sich vor zehn Jahren zutrug, ist zudem noch mehr mit dem Namen der Firma verbunden als der Einsturz von Rana Plaza. Beim Brand der Textilfabrik Ali Enterprises 2012 starben 259 Beschäftigte. KiK zahlte Schadensersatz. Jahrelang verhandelte das Landgericht Dortmund über die Klage von Opfern und Angehörigen auf zusätzliches Schmerzensgeld. Es war ein Präzedenzfall, wenngleich KiK schließlich wegen Verjährung ohne Urteil davonkam.

    Während Zahns Besuchen seiner Zulieferer in Karachi, der pakistanischen Hafenstadt am Indischen Ozean, schwingt die Erinnerung an Ali Enterprises oft mit: Bei den Befragungen durch die KiK-Leute definieren manche Arbeiter:innen ihre Wohnorte, indem sie eine Entfernung zum Ort der Katastrophe angeben.

    Von seinem Verdienst bei einem der 30 KiK-Zulieferer könne er aber ganz gut leben, sagt der Arbeiter im hellblauen Salwar Kameez, dem knielangen Hemd, das hier viele Männer tragen. Ungefähr 20.000 Rupien (etwa 95 Euro) bringe ihm die Arbeit an der Nähmaschine monatlich ein, etwas mehr als den Mindestlohn von 19.000. Und reicht das für einen erträglichen Lebensstandard? Ja, lautet die Antwort, schließlich lebe er im Familienverband, Vater und Bruder verdienten ebenfalls. So könne man auch etwas Geld zurücklegen. Ähnliches berichtet die Arbeiterin im schwarzen Schleier: Auch sie komme mit dem Mindestlohn einigermaßen zurecht, wobei sie als Alleinverdienerin vier minderjährige Kinder und ihre Mutter mitfinanziere.

    „Das kann nicht stimmen“, sagt dazu Nasir Mansoor, der den pakistanischen Gewerkschaftsbund NTUF leitet. Er rechnet vor, dass alleine die Miete und die wegen der Inflation stark steigenden Lebensmittelpreise besonders für Weizen zum Brotbacken den Mindestlohn auffräßen. Seine Erklärung: Wahrscheinlich berichteten die Arbeiter:innen geschönte Versionen ihrer Lebensumstände, da sie damit rechneten, dass der Inhalt der Gespräche den Arbeitgebern zugetragen werde. Wenn KiK Wert auf wahrheitsgemäße Aussagen lege, müssten die Interviews außerhalb der Fabriken und anonym stattfinden, rät Nasir. Er sagt: „Seit Ali Enterprises gab es in den Firmen nur kosmetische Verbesserungen.“ Für KiK sind solche Informationen der Beschäftigten dagegen Bestätigung, dass die Gewerkschaften die Bedeutung der angeblich zu schlechten Bezahlung hochspielten.

    Patrick Zahn konzentriert sich auf die Sicherheit. Ein neuer Fabrikbesuch in Karachi: Während im vergleichsweise liberalen Bangladesch vor allem Frauen an den Nähmaschinen arbeiten, sind hier im streng islamischen Pakistan die Männer in der großen Mehrheit. Probealarm im zweiten Stockwerk: Die Beleuchtung wird abgeschaltet, die Maschinen verstummen. Und jetzt? Ein paar Arbeiter schlendern in Richtung Treppenhaus, um das Gebäude zu verlassen. Viele aber bleiben, stehen in Gruppen zusammen, quatschen, scherzen. Sie nehmen den Alarm nicht ernst. Einer der KiK-Mitarbeiter verlangt lautstark, die Fabrik endlich zu räumen. Schließlich sind alle draußen – viel zu langsam, falls es tatsächlich mal brennt. Das ist nicht das einzige Problem: Im Gebäude fehlen auch Brandschutztüren, und die Verdrahtung der Rauchmelder ist marode.

    „Heute Abend fliege ich zurück“, wendet sich Zahn an den Besitzer, als sie im Büro sitzen, „bei Ihrer Fabrik sehe ich noch diverse Baustellen“. Der Kunde aus Deutschland droht: Bis zum Jahresende müssten die Probleme behoben sein – sonst werde er den Lieferanten aussortieren.

  • Tücken des Atomausstiegs

    Die Regierung will Akw nicht laufen lassen

    Russland dreht Deutschland langsam den Gashahn zu. Und sofort entspinnt sich wieder eine Debatte über die Atomkraft in Deutschland. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) etwa fordert, die drei letzten noch laufenden deutschen Atomkraftwerke zumindest einige Monate am Netz zu lassen und nicht, wie 2011 beschlossen, Ende 2022 endgültig abzuschalten. Man brauche die Energie. Auch in der FDP mehren sich Stimmen. Die Bundesregierung hält am Ausstieg fest. Wer hat recht?

    Bereits im März, kurz nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine, hatte die Bundesregierung überprüft, wie sie reagiert, wenn Russland kein Gas mehr liefert. Immerhin bezog Deutschland 2021 gut 55 seines Gasbedarfs aus Russland. Eine Empfehlung damals: Am Atomausstieg festzuhalten.

    Inzwischen hat Deutschland Gas in anderen Ländern bestellt, mit dem Bau von Flüssiggasterminals begonnen, um unabhängiger zu werden. Jetzt schränkte der staatliche russische Konzern Gazprom die Gas-Lieferungen ein. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) verkündete, Kohlekraftwerke wieder hochfahren zu wollen. Am Atomausstieg wird auch weiterhin nicht gerüttelt. Im Bundesumweltministerium heißt es, der Rahmen habe sich nicht geändert.

    Der Fall hat mehrere Aspekte: Technisch ließen sich die drei Kraftwerke Emsland (RWE), Isar 2 (Eon) und Neckarwestheim 2 (EnBW) weiterbetreiben. Was fehlt, sind zum Beispiel Brennstäbe. ENBW hat den Reaktorkern in Neckarwestheim „so bestückt und berechnet, dass eine Stromproduktion bis 31. Dezember 2022 möglich ist“. Bei RWE heißt es: „Unser Kraftwerk in Emsland ist auf den Auslaufbetrieb zum Ende des Jahres ausgerichtet, zu dem Zeitpunkt wird der Brennstoff aufgebraucht sein.“ Neue Brennelemente zu besorgen, dauert – die Zeitangaben schwanken, Experten rechnen mit zwölf bis 18 Monaten. Das dafür nötige Uran müsste zum Beispiel in Russland oder der Ukraine beschafft werden.

    Möglicherweise fehlt auch Personal. Die Kraftwerksbetreiber haben die Belegschaft so geplant, dass der Betrieb bis Ende 2022 sichergestellt ist. Danach werden nicht mehr alle Mitarbeiter mit besonderen Sicherheitszertifikaten benötigt. Neues Personal müsste umfangreich geschult werden. Sicherheitsfreigaben sind immer auf ein Kraftwerk bezogen. Beschäftigte aus dem inzwischen abgeschalteten AKW Grohnde können also nicht ohne weiteres in Isar 2 arbeiten.

    Atomkraftwerke arbeiten mit Hochrisikotechnologie und werden deshalb intensiv geprüft, um jedes bekannte Risiko auszuschließen. Es gibt laufende Kontrollen und große, sogenannte Periodische Sicherheitsüberprüfungen (PSI). Letztere sind alle zehn Jahre nötig. In Deutschland wird bei laufendem Betrieb geprüft, sie dauern deshalb mehrere Jahre. In der Zeit werden die Anlagen umfangreich auf den neusten Stand der Sicherheitstechnik gebracht.

    Für die drei letzten deutschen AKW waren PSÜ 2009 angesetzt. Die für 2019 geplanten hatte der Gesetzgeber 2011 als unverhältnismäßig angesehen. Schließlich sollte 2022 Schluss sein. Die Anlagen jetzt länger zu betreiben, ist für die deutschen Atomaufsicht, angesiedelt beim Bundesumweltministerium, ohne umfangreiche Prüfungen deshalb nicht zu verantworten. Die nukleare Sicherheit und die staatliche Schadensvorsorge seien unverhandelbar. Über eine Laufzeitverlängerung – auch für nur ein paar Monate, um über den Winter zu kommen – müsste ohnehin der Bundestag entscheiden.

    Es gibt aber noch ein ganz grundsätzliches Problem: Die Betreiber der drei letzten deutschen Atomkraftwerke wollen nicht. Offizielle Anfragen beantworten EnBW, Eon und RWE äußerst zurückhaltend. Bei EnBW heißt es, man habe eine langfristige Strategie für den Rückbau ihrer Kernkraftwerke ausgearbeitet, die seither konsequent umgesetzt werde. „Der gesetzliche Rahmen schließt eine Stromproduktion in den derzeit noch in Betrieb befindlichen deutschen Kernkraftwerken über den 31. Dezember 2022 hinaus eindeutig aus.“ Ein Eon-Sprecher sagte: „Wir bereiten uns seit Jahren sowohl technisch als auch organisatorisch auf die Stilllegung und den Rückbau unserer Kernkraftwerke vor.“ RWE erklärt: „RWE schätzt die Hürden für einen sinnvollen verlängerten Betrieb als hoch ein.“

    Das Bundesumweltministerium berichtet auf seiner Internetseite von den Gesprächen mit den Betreibern. „Sie hätten im Falle einer Laufzeitverlängerung verlangt, dass der Staat ihnen sämtliche rechtlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Risiken abnimmt und die alleinige (Betreiber-)Verantwortung übernimmt.“ Wie das aussehen könnte, ob etwa die Bundesnetzagentur oder eine andere Behörde Anlagen und Personal übernehmen könnte, ist unklar. Zudem hätten die Betreiber auch Abstriche bei der AKW-Sicherheit verlangt. Geklärt werden müsste auch, ob die Betreiber Teile der Stilllegungsprämien zurückzahlen müssten und wer fürs Endlager zahlt.

    Kann Atomenergie überhaupt helfen? Ein bisschen. Im ersten Halbjahr 2022 hatte Atomenergie nach Zahlen des Fraunhofer ISE einen Anteil von rund 6,3 Prozent an der Stromerzeugung. Die Anlagen liefen weitgehend bei Volllast. Bei Gas waren es 10,6 Prozent. Fällt Gas weg, ist immerhin noch die Atomenergie da. Das große Aber: Die Industrie ist der größte Gasverbraucher. Im vergangenen Jahr nahm sie nach Zahlen des Branchenverbands Zukunft Gas 36,5 Prozent des Gases ab. Fast zwei Drittel der Menge wurde für Wärme benötigt – überwiegend Prozesswärme. Ohne die läuft wenig. Und sie lässt sich mit Atomstrom nicht erzeugen. Ähnlich sieht es bei Privatleuten aus: Die Hälfte der 42,9 Millionen Haushalte heizt mit Gas. Das lässt sich nicht kurzfristig auf Strom umstellen.

  • Von Augsburg ins All

    Warum RFA eine Rakete entwickelt

    „RFA? Die Raketenjungs?“ Der Pförtner lächelt. „Linksrum, den Gleisen nach. Dann einfach durchs offene Tor und fragen.“ Es ist sehr still auf dem ehemaligen Osram-Gelände in Augsburg. 1985 startete von hier aus der Siegeszug der Energiesparlampe. Die Produktion ist abgewickelt. Jetzt arbeitet hier RFA an der Zukunft der kommerziellen deutschen Raumfahrt.

    Das Kürzel steht für Rocket Factory Augsburg, eines der zahlreichen Unternehmen, die sich gutes Geschäft im New Space versprechen. Sie tüfteln an Satelliten für Kommunikation oder Erdbeobachtung, denken über erdumspannende Satellitennetze, sogenannte Konstellationen, nach, planen kommerzielle Raumstationen, gar Internet auf dem Mond.

    Die Beratungsfirma Euroconsult schätzt den New-Space-Markt bis 2030 auf 54 Milliarden Euro weltweit. Fast 1400 Satelliten sollen demnach jährlich ins All, vor allem in den sogenannten Low Earth Orbit bis zu 1400 Kilometer über der Erde. Und die Satelliten brauchen kleine, günstige, in Serie gebaute Raketen, wie sie RFA entwickelt. In Deutschland gibt es mit HyImpuls und Isar Aerospace zwei Konkurrenten, weltweit rund 20. Und RFA ist derzeit wohl ganz vorn dabei.

    Jörn Spurmann sitzt im Konferenz- und Videoraum, nur getrennt durch eine Glasscheibe vom Großraumbüro mit Tischreihen voller Kollegen, Bildschirmen und Rechnern. Es sieht so gar nicht nach smarter Raumfahrt und unendlichen Weiten aus. Eher sehr bodenständig. Gemeinsam mit Stefan Bieschenk hat Spurmann RFA 2018 gegründet. Seither arbeiten sie und inzwischen mehr als 180 Beschäftigte an der RFA One, 30 Meter hoch, zwei Meter Durchmesser, bis zu 1,3 Tonnen Nutzlast. Ein sogenannter Small-Launcher, klein im Vergleich zur Falcon-9 der US-Firma SpaceX mit ihren 70 Metern Höhe und 3,7 Metern Durchmesser.

    Die RFA One wird aus bis zu drei Teilen bestehen: die erste Stufe mit neun Triebwerken und dem Haupttank, die die Rakete aus der Atmosphäre befördert, die zweite Stufe mit einem Triebwerk und ganz oben die sogenannte Orbitalstufe für die Satelliten. Die Entwicklung einschließlich der ersten beiden Starts kostet um die 100 Millionen Euro, wie Spurmann sagt. Wenn alles gut läuft, verkaufen sie danach weitere Starts und finanzieren damit die Serienproduktion.

    Bis dahin ist ein solider Investor wichtig. Hinter RFA steht der Bremer Satellitenspezialist OHB, der auch die Mehrheit am Unternehmen hält. Geld gab auch der Finanzinvestor Apollo. Und der neue Chef Stefan Tweraser soll weitere Investoren begeistern. Aber wo entsteht nun die Rakete?

    Aus dem Großraumbüro geht es ins Erdgeschoss. An einer Wand hängt noch der Schriftzug „Ledvance“ zwischen zahlreichen Rohren mit Farbkodierungen, die an die ehemalige Lampenproduktion erinnern. Zeit für einen Umbau hat RFA eher nicht. „Immer mehr Firmen wollen Demonstrationssatelliten in den Weltraum bringen“, sagt Spurmann. „Sie wollen Konstellationen aufbauen und müssen später Satelliten ersetzen. Der Markt entsteht gerade. Und je früher wir die Rakete in den Markt bringen, desto besser.“ Wichtig dabei: „attraktive Preise und Profitabilität.“

    Weil das hier kommerzieller Raketenbau ist und der RFA-Basis-Startpreis von drei Millionen Euro in der Branche als ambitioniert gilt, ist die Rakete nicht nur auf Leistung optimiert, sondern vor allem auch auf Kosten. So hat sich das Unternehmen entschlossen, die erste Stufe der Rakete – der Tank für Kerosin und Sauerstoff mit neun Triebwerken – aus Edelstahl fertigen zu lassen und nicht aus dem leichteren, aber deutlich teureren Carbon. Edelstahl ist einfacher zu verarbeiten und vor allem wiederverwertbar. Denn RFA will die untere der drei Raketenstufen mehrfach einsetzen – ebenfalls, um Kosten zu sparen.

    Viel stammt von Autozulieferern rund um Augsburg, die hohe Stückzahlen günstig liefern können. Die Teile sind nicht immer tauglich fürs All, werden aber bei RFA angepasst. Manchmal überraschen die Lieferanten auch. Zum Beispiel lassen sich die Triebwerke über ein Kardangelenk, auch Gimbal genannt, ausrichten. Ein solches Teil kostet im europäischen Space-Bedarf schon mal mehr als 10.000 Euro. RFA suchte nach anderen Bezugsquellen und wurde im Zubehörhandel für den Motorsport fündig. Gimbal-Preis: rund 200 Euro.

    Auch den rund 15 Meter langen Tank lassen die Raketenbauer fremd fertigen. Der Hersteller beliefert normalerweise die Getränkeindustrie. Und so liegt hier in der Halle ein industriell gefertigter Edelstahltank mit einigen Markierungen und Einbauten. Einzelheiten? Betriebsgeheimnis.

    Ein paar Schritte weiter entsteht in einem Extraraum das vielleicht wichtigste Teil der RFA-Rakete: das Triebwerk. Durch Scheiben ist ein großer Schrank zu sehen – der Laserdrucker, der die Kernteile des Triebwerks druckt. Mit ihm sind deutlich kompliziertere Konstruktionen etwa mit feineren Kanälen für den Sprit möglich, als wenn die Teile gegossen werden müssten. Und weil das Triebwerk als Datei im Computer existiert, lässt sich schnell etwas ändern, und neu drucken.

    Wer jetzt denkt, zu Hause in der Garage auch Triebwerke drucken zu können: So einfach ist es nicht. Spurmann kann es sich nicht verkneifen: „Von der Technologie her ist das Triebwerk immer noch Rocket Science. Es ist zwar etwas einfacher geworden, aber weiter sehr schwierig.“ RFA nutzt eine Kupferlegierung, die der Drucker als Pulver verarbeitet. Und es dauerte lange, bis das Gerät so eingestellt war, dass das gedruckte Teil den Anforderungen des Alls gewachsen war.

    Das Triebwerk hat es auch sonst in sich. RFA setzt auf gestufte Verbrennung, die es sieben Prozent effizienter macht. Die Rakete insgesamt kann dann bis zu 30 Prozent mehr Ladung transportieren. Im Geschäft mit dem All ein enormer Wert. Allerdings ist die Technologie deutlich komplizierter. Weltweit nutzen sie derzeit nur Space X und Blue Origin. „Wir haben großes Glück gehabt, dass bei uns bisher alles so reibungslos geklappt hat“, sagt Spurmann.

    Oben im Großraumbüro steht eine pyramidenförmige Stahlhalterung, Leitungen ragen in alle Richtungen aus einem kupferfarbenen Block, etwa in der Größe eines Schuhkartons: Das Triebwerk, dass den ersten Intensivtest im schwedischen Kiruna bestanden hat. Weitere Dauertests sind für den Sommer im nordschwedischen Kiruna vorgesehen, wo es entsprechende Anlagen gibt, dazu viel Weite und wenig Menschen.

    Für das kommende Jahr ist geplant, neun Triebwerke zusammenzuschalten. Und dann ist alles bereit für den ersten Start, ebenfalls im nächsten Jahr. Ursprünglich angepeilt war 2022, doch der Termin wird kaum zu halten sein. Raumfahrtfirmen schreckt das nicht. „Wir haben zehn Kunden mit einem Ordervolumen von 30 Millionen Euro“, sagt Spurmann. „Das sind Einzelmissionen und eine Kleinstkonstellation mit fünf Satelliten.“

    Auch wenn Spurmann und sein Team erst einmal eine Rakete mit neun Triebwerken bauen, sie denken schon größer. Da wären zum Beispiel die europäischen Galileo-Satelliten. Um sie in die nötige Umlaufbahn zu bringen, ist die RFA One zu klein. „Da müssten wir eine neue Unterstufe bauen, größer im Durchmesser mit mehr Triebwerken. „Das wäre für uns schon wahnsinnig spannend.“

  • Russlands eisige Kälte

    Deutschland muss sparen – mit Außenmaß

    Russland dreht Deutschland den Gashahn zu. Das zeigt, wie sehr der Angreifer der Ukraine unter Druck steht. Wir müssen deshalb jetzt sparen, die Haushalte ebenso wie die Industrie. Damit die Gasspeicher weiter gefüllt werden können und Deutschland gut durch den nächsten Winter kommt.

    Er ist vermutlich die schärfste Wirtschaftswaffe Russlands: der staatliche Gaskonzern Gazprom, der größte der Welt. Und Staatschef Wladimir Putin nutzt ihn jetzt, um seinen Angriffskrieg in der Ukraine auch nach Deutschland zu tragen. Gazprom klemmt den größten Kunden langsam ab und droht so gleichzeitig, die wichtigste Wirtschaftsmacht Europas zu treffen. Die Drohung: Ihr friert im Winter und Europa stürzt in eine Wirtschaftskrise.

    Bisher hatte Russland immer nur gedroht, kein Gas mehr zu liefern. Angriffe auf die Pipelines durch die Ukraine vermied die Armee. Die Unsicherheit, ob Russland tatsächlich auf die hohen Einnahmen aus den Gaslieferungen verzichten will, war wirksamer Teil der Kriegsführung. Das russische Vorgehen jetzt zeigt deshalb, wie sehr offenbar internationale Sanktionen, Waffenlieferungen an die Ukraine und die Einheit des Westens Russland zusetzen. Denn wenn das Gas abgeklemmt ist, hat Putin kaum gleichermaßen wirksame wirtschaftliche Hebel mehr. Dass seine Strategie aufgeht, ist unwahrscheinlich. Denn Deutschland kann sich wehren.

    Neben Öl war Gas 2021 der wichtigste Energieträger in Deutschland. Haushalte haben im vergangenen Jahr 31 Prozent davon verbraucht, vor allem, um zu heizen. Die Heizungen ein oder zwei Grad niedriger einzustellen, würde den Gasverbrauch bereits spürbar senken.

    Gesetzlich verordnetes Frieren sei unsinnig, sagte Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD). Darum geht es auch nicht. Niemand fordert, Gasheizungen abzuschalten. Es geht darum, dass Vermieter die Heizanlagen auf 18 oder 19 statt auf 20 Grad Temperatur hochstellen. Vor allem Hausverwaltungen und große Wohnungsvermieter müssen sich an gesetzliche Vorgaben halten und können nicht einfach die Anlagen niedriger einstellen. Hier muss die Bundesregierung die Vorgaben entsprechend ändern.

    Keine Lösung ist, allen Bundesbürgern, vor allem den Eigenheimbesitzern, vorzuschreiben, wie sie ihre Heizungen einstellen sollen. Das will und kann der Staat nicht überprüfen. Viele heizten angesichts der steigenden Energiepreise und aus Sorge vor sehr hohen Nachzahlungen zum Jahresende bereits Anfang 2021 weniger. Und sie werden deshalb auch in diesem Herbst überlegen, ob nicht erst einmal ein Pullover zusätzlich günstiger ist, als den Regler aufzudrehen, wenn es etwas kühler wird.

    Neben den Haushalten muss auch die Industrie ihren Verbrauch drosseln. Sie nahm 2021 rund 36 Prozent allen Gases ab – vor allem für Prozesswärme und als Rohstoff. Auch hier zwingen die steigenden Preise bereits zum Sparen. Hier radikal abzuschalten, damit Haushalte mollig warm sind, wäre gefährlich: Der mit Abstand größte Gasnutzer ist die chemische Industrie. Die daraus entwickelten Grundstoffe stecken in Medizintechnik, Matratzen, Lack, Dünger, Dämmstoffen, Autos, Arzneimitteln – europa-, ja weltweit. Fällt die Branche aus, steuert Deutschland in eine Wirtschaftskrise.

    Doch Sparen allein reicht nicht. Wir brauchen mehr Gas – aus den Niederlanden, aus Norwegen. Und vielleicht lassen sich die schwimmenden Terminals für Flüssiggas, die die Bundesregierung gemietet hat, noch schneller verbinden als bisher geplant. Dann kann Flüssiggas aus den USA, der Karibik, Nigeria oder aus Katar nach Deutschland geliefert werden.

    Zusätzlich besteht jetzt die Chance, Alternativen voranzutreiben. Erdwärme etwa im großen Stil stärker zu nutzen. Deutschland kann nicht binnen Wochen ändern, was über Jahrzehnte aufgebaut wurde: die Abhängigkeit von russischen Rohstoffen. Aber wir können versuchen, das Beste daraus zu machen.

  • Cazoo gibt Vollgas

    Was der Gebrauchtwagenhändler plant

    Was für eine Serie: Partner der Weltmeisterschaften für Snooker und Darts, Sponsor der Erstliga-Fußballclubs OSC Lille und Olympique Marseille, FC Valencia und Real San Sebastian sowie Trikotsponsor des SC Freiburg – alle Verträge abgeschlossen seit Jahresanfang. Und jetzt Hauptsponsor der erfolgreichen Basketballer von Alba Berlin. Das britische Unternehmen Cazoo muss Sport sehr lieben – und vor allem reichlich Geld haben. Oder doch nicht?

    Was wie wahlloses Geldausgeben aussieht, folgt einem Geschäftsplan. Denn Cazoo verkauft Gebrauchtwagen über das Internet und will die Nummer eins in ganz Europa werden. Ende 2021 starteten die Briten in Deutschland und Frankreich, im Mai in Spanien. In Italien und Portugal sind sie auch bereits vertreten. Für das Ziel muss Cazoo außerhalb eines kleinen Kreises von Autofans bekannt sein. Und dabei sollen in Deutschland der SC Freiburg und Alba Berlin helfen.

    Gestartet hat die Firma 2019 der britische Seriengründer Alex Chesterman. Der 52-Jährige leitet das Unternehmen auch. Er war Mitgründer eines DVD-Versands und Streaming-Dienstes, der heute zum US-Handelsriesen Amazon gehört. Chesterman entwickelte auch das Immobilienportal Zoopla. Die „Sunday Times“ schätzte sein Vermögen im vergangenen Jahr auf umgerechnet 884 Millionen Euro.

    Der britischen Zeitung „Evening Standard“ sagte Chesterman, er sei kein Innovator, nur ein Kopierer. Vorbild für Cazoo ist demnach das US-Unternehmen Carvana. Kopieren muss nicht schlecht sein. Die Gründer von Zalando, inzwischen Europas führende Modeplattform, bauten zu Beginn das US-Unternehmen Zappos nach, inzwischen auch Teil Amazons. Chesterman übrigens will das „Amazon der Autos“ entwickeln.

    Seit 2020 lassen sich in Großbritannien Gebrauchtwagen über Cazoo kaufen, verkaufen, finanzieren und auch abonnieren. Das Unternehmen kauft die Fahrzeuge an, arbeitet sie in eigenen Werkstätten auf, bevor sie an die Kunden gehen. Binnen zwei Jahren entwickelte Cazoo sich zum Marktführer. Für das richtig große Geschäft reicht die Insel aber nicht, deshalb nimmt sich Chesterman jetzt Europa vor.

    Der Markt ist lukrativ, Cazoo schätzt ihn auf rund 442 Milliarden Euro. Das lockt auch andere. Neun kleine Anbieter hat Cazoo bereits gekauft, etwa Brumbrum in Italien oder Cluno in Deutschland. Europäischer Marktführer im Gebrauchtsektor ist die Auto1-Gruppe (Autohero, wirkaufendeinauto.de) aus Berlin, die nicht nur Fahrzeuge kauft und verkauft, sondern auch eine Onlineplattform für Händler betreibt. Die Firma ist in mehr als 30 Ländern aktiv. Und Trikotsponsor von Hertha BSC.

    Chesterman sagte der „Automobilwoche“, in Großbritannien habe man im ersten Jahr 10.000, im zweiten 50.000 Fahrzeuge verkauft. 2022 sollten es 100.000 sein. Ähnliches plane er für Deutschland. Vorgesehen ist ein Netz von Standorten, die die Fahrzeuge aufarbeiten, sowie eine eigene Lieferflotte.

    Die Strategie folgt der des klassischen Startups: Geld einsammeln, Bekanntheit durch sehr hohe Marketingausgaben steigern und wachsen, wachsen, wachsen, um möglichst schnell Nummer eins zu werden und die Konkurrenz zu übernehmen oder sich teuer zu verkaufen. Chesterman sieht Platz für zwei bis drei Unternehmen auf dem europäischen Online-Gebrauchtwagenmarkt.

    Weniger optimistisch ist Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Centers for Automotive Research in Duisburg. „Ich bezweifele, dass Cazoo auf dem deutschen Markt eine sehr große Rolle spielen wird. Alles, was sie bisher zeigen, ist eher enttäuschend“, sagt der Experte. Zudem treten neue Anbieter auf, die in einem anderen Geschäft bereits erfolgreich sind. „Große Online-Anzeigenplätze wie Autoscout steigen in den Handel ein“, sagt Dudenhöffer. „Auch Versicherer, Fuhrparkbetreiber und vor allem große Leasinggesellschaften sehen gute Chancen, ihre zurückgenommenen Fahrzeuge gut auf dem Privatmarkt zu verkaufen.“

    Chesterman betrachtet das womöglich als Chance. Hauptsache, er kann genug Geld für die Expansion beschaffen. Im August 2021 ging Cazoo an die US-Technologiebörse Nasdaq. Das brachte mehr als 800 Millionen Dollar (756 Millionen Euro) ein. Richtig lange gehalten hat das Geld nicht. Im Februar 2022 verschaffte sich Cazoo über eine Wandelanleihe noch einmal 630 Millionen Dollar.

    Die Firma, gemeldet auf der Steueroase Cayman Islands, mit Zentrale in London und deutschem Standort in München, verbrennt kräftig Geld. Allein im vergangenen Jahr gab es 557 Millionen Pfund Verlust, bei einem Umsatz von 667,8 Millionen Pfund. Für Investoren ist aber eine andere Zahl wichtig: 313. Um so viel Prozent wuchs der Umsatz von 2020 zu 2021. Viel Potenzial also.

    Chesterman hält noch 23,1 Prozent der Cazoo-Anteile. Weitere große Investoren sind der US-Finanzinvestor Blackrock und DMGT, der unter anderem die konservative britische Tageszeitung „Daily Mail“ gehört. Mit dem Aktienkurs dürften sie eher nicht zufrieden sein: Nach dem Start mit 9,38 Dollar dümpelt das Papier inzwischen bei 1,50 Dollar herum.

  • Biobauer gegen VW

    Landwirt will klimafreundlichere Firmenpolitik erzwingen

    In Saal 67 des Landgerichts Detmold wird an diesem Freitag ein Fall mit internationaler Bedeutung und möglicherweise einschneidenden Folgen für einen Weltkonzern verhandelt. Biobauer Ulf Allhoff-Cramer aus dem Kreis Lippe hat VW verklagt. Der zweitgrößte Autobauer der Welt soll Verbrenner schneller aus dem Programm streichen als bisher geplant. Ein Verbot solcher Fahrzeuge von 2030 an, fordert Allhoff-Cramer. VW nimmt die Klage nach eigenen Angaben sehr ernst, hält sie aber für unbegründet.

    Der 61-jährige Landwirt klagt, weil er „künftig nicht durch übermäßige CO2-Emissionen in zentralen Rechtsgütern wie Eigentum, Gesundheit und dem Recht auf Erhalt treibhausgasbezogener Freiheit verletzt werden“ will. Kurz: VW soll den Klimawandel nicht mehr befeuern und Allhoff-Cramers Acker und Wald bei Detmold im östlichen Nordrhein-Westfalen dadurch indirekt zerstören. VW allein hatte 2018 einen CO2-Ausstoß von 582 Millionen Tonnen, nach Berechnungen der Kläger etwa ein Prozent des gesamten Weltausstoßes und mehr als der von Australien (527 Millionen Tonnen).

    Unterstützt wird der Biobauer von der Umweltschutzorganisation Greenpeace. Die Klage hat Roda Verheyen formuliert. Die Rechtsanwältin ist in der Branche bekannt. Unter anderem hat sie das Urteil des Bundesverfassungsgericht vom Frühjahr 2021 mit erstritten, das Klimaschutz zu den Grundrechten zählte und die Bundesregierung zwang, ihr Klimaschutzprogramm deutlich nachzubessern und die Belange zukünftiger Generationen mehr zu berücksichtigen.

    Der VW-Konzern verweist auf den radikalen Wandel hin zu E-Mobilität, den sich der Konzern verordnet hat. Er ist unter anderem eine Folge des Dieselskandals, des Aufstiegs des E-Autobauers Tesla zum ernsten Konkurrenten und des Schubs für E-Mobilität in China, dem größten Absatzmarkt der Welt. Die Transformation laufe seit Jahren, heißt es bei VW. „Volkswagen investiert bis 2026 insgesamt 52 Milliarden Euro in die Elektromobilität. Die Ziele für eine CO2-Reduzierung werden regelmäßig angepasst und wurden zuletzt 2022 verschärft.“

    Der Konzern sieht sich in der Branche weit vorn. VW habe sich als erster Autokonzern zum Pariser Klimaschutzabkommen bekannt und wolle bis spätestens 2050 bilanziell klimaneutral sein. Einzelne Konzerntöchter, etwa Audi sind deutlich weiter. Die Ingolstädter wollen spätestens 2030 nur noch E-Autos verkaufen, die Marke VW 2035. Letzteres ist auch das Jahr, das die EU anstrebt für das Ende der Neuwagen mit Benzin- oder Dieselmotor.

    Eine zentrale Frage des Verfahrens ist sicher, ob VW für den CO2-Ausstoß der verkauften Fahrzeuge verantwortlich gemacht werden kann. Schließlich hängt der auch sehr entscheidend davon ab, wer die Autos wie fährt.

    Der Fall erinnert an ein anderes Verfahren, das noch läuft. 2015 hat der peruanische Bergführer Saúl Luciano Lliuya, ebenfalls unterstützt von Greenpeace und Verheyen, den Energiekonzern RWE verklagt. Lliuyas Grundstück unterhalb eines Gletschersees droht, überschwemmt zu werden. Das Eis schmilzt wegen des Klimawandels. RWE, das in seinen Kraftwerken unter anderem große Mengen Braunkohle verfeuere, trage mit 0,47 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes nachhaltig dazu bei, so das Argument. Das Verfahren liegt inzwischen beim Oberlandesgericht Hamm. Demnächst reisen Mitarbeiter des Gerichts nach Peru, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Gewinnt Lliuya drohen RWE weitere Klagen und Zahlungen in Milliardenhöhe.

    Verheyen sieht einen grundlegenden Unterschied: Der RWE-Fall blicke in die Vergangenheit, der Bauer verlange Schadenersatz. Das VW-Verfahren schaue nach vorn, VW solle ein schädliches Verhalten abstellen. In der Klage heißt es: „Der Kläger verfolgt ausdrücklich nicht das Ziel, dass die Volkswagen AG (…) einen Schaden erleidet. Im Gegenteil: Die Beklagte könnte dieses Verfahren vielmehr auch als Gelegenheit erfassen, Maßnahmen zu ergreifen, die auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht nachhaltig vernünftig sind.“

    Völlig abwegig ist es nicht, dass ein Gericht einen Konzern zum Klimaschutz zwingt. Ein niederländisches Gericht verurteilte Shell vor knapp einem Jahr dazu, bis 2030 netto 45 Prozent weniger CO2 freizusetzen als 2019. Das zwingt den größten Ölkonzern Europas, sein Geschäftsmodell nachhaltig zu ändern. Das Urteil gilt als bahnbrechend. Es war das erste seiner Art.

    Unklar ist bisher noch, ob das Landgericht Detmold überhaupt entscheidet, die Klage anzunehmen. Anwältin Verheyen kündigte schon an, dann in die nächste Instanz zu gehen – ans Oberlandesgericht Hamm. Der VW-Konzern rechnet damit, dass das Verfahren durch die Instanzen gehen wird: „Das wird sich sicher ziehen, dauert einige Jahre.“

  • Kräfte der Energiewende

    Hohe Kosten für Sicherheit

    Es ist einer dieser Momente, wo alles passt und sich deshalb wirklich etwas bewegt. Jahrelang taugte das Thema Energiewende als gutes Diskussionsthema – passiert ist wenig. Jetzt geht es sehr schnell. Die Bundesregierung ändert in großem Umfang Gesetze, passt Vorgaben an. Das alles scheint erstmals auch einem zusammenhängenden Gesamtplan zu folgen.

    Angetrieben wird die Energiewende von drei Kräften: Zum einen sind die relevanten Ministerien Wirtschaft, Umwelt und Landwirtschaft alle in der Hand der Grünen, die einem klaren Plan folgen. In den vergangenen Jahren arbeiteten die Ministerien meist eher gegeneinander. Das Wirtschaftsministerium ist zudem durch die Verantwortung für Klimaschutz aufgewertet worden. Und Minister Robert Habeck hat eine Mission. Er setzt nicht nur grüne Politik um. Vereinfacht gesagt: Wer die Energiewende kann, kann auch Kanzler.

    Zum zweiten hat die EU das Thema Klimawandel als herausragend erkannt und verfolgt unter Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ebenfalls die Energiewende. Die EU richtet deshalb Milliardenprogramme neu aus. Die Konzepte ähneln denen Deutschlands. Zum dritten hat Wladimir Putins Angriff auf die Ukraine deutlich gezeigt wie abhängig Deutschland und Europa bei Energie von Russland sind. Um sich davon zu lösen, lässt sich Gas, Kohle und Öl in anderen Ländern kaufen, was neue Abhängigkeiten bringt. Oder Deutschland und die EU verzichten auf fossile Energieträger.

    Was bisher versäumt wurde, wird jetzt nachgeholt. Es wird für Verbraucher und Wirtschaft teuer. Die EU veranschlagt allein für die Unabhängigkeit von russischen Lieferungen rund 300 Milliarden Euro. Wir gewinnen damit aber zusätzlich zum Klimaschutz ein hohes Gut: Energiesicherheit. Und es sieht gerade so aus, dass es auch zu erreichen ist.

  • Das Ende der Gasheizung

    Bund baut Förderprogramme um

    In den vergangenen Wochen hat sich Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) vor allem mit der Energiesicherheit beschäftigt. Jetzt legt er einen umfangreichen Plan vor, wie Energie gespart werden soll. Wer Fördergeld bekommt, soll neu geregelt werden. Konkrete Summen nennt es nicht. Und es deutet das Ende der klassischen Gas- und Ölheizungen an.

    Vieles, was im Papier „Energiesparen für mehr Unabhängigkeit“ zusammengefasst ist, hat die rotgrüngelbe Bundesregierung bereits im Koalitionsvertrag angekündigt. Die Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine für Deutschlands Energieversorgung beschleunigt jetzt noch einmal die Pläne. Die Bundesrepublik ist abhängig von russischem Gas, die Preise für Öl, Gas und Strom kräftig steigen. Weniger Energieverbrauch, vor allem fossiler Energien, sei der günstigste und effizienteste Beitrag zu mehr Unabhängigkeit, heißt es in dem Papier. Gleichzeitig soll auf erneuerbare Energien umgestellt werden.

    Heizungen: Schon von 2024 an muss jede neu eingebaute oder ausgetauschte Heizungsanlage mit mindestens 65 Prozent erneuerbaren Energien betrieben werden. Eine Kombination aus Solarthermie und Gasheizung für Tage, an denen die Sonne nicht scheint, wäre eine Möglichkeit. Mittelfristig wird das aber das Aus für Öl- und Gasheizungen bedeuten, weil sich gemischte Anlagen für viele Hausbesitzer nicht rechnen werden. Das Gebäudeenergiegesetz will die Koalition bis Ende 2022 entsprechend ändern.

    Solaranlagen: Deutschlands Dächer sind bisher weitgehend ungenutzt für die Energieerzeugung. Das Bundeswirtschaftsministerium will sie zum Standard machen. Für Gewerbeimmobilien ist eine Pflicht vorgesehen. Auch hier soll das Gebäudeenergiegesetz noch in diesem Jahr angepasst werden. Unklar ist noch, ob die Pflicht auch für Wohngebäuden gelten soll. Offiziell heißt es, Solardächer sollten „die Regel“ sein. Ein Problem der Pflicht: Es würden auch Anlagen in Schattenlagen installiert, was wenig effizient wäre.

    Neubauten: Bereits geändert hat die Bundesregierung die Förderregeln für Neubauten. Wer ein Haus bauen möchte, muss vom 1. Januar 2023 an den Mindesteffizienzstandard EH 55 einhalten – was bereits heute weitgehend so ist. Von 2025 an gilt dann EH 40.

    Isolierung: alte Fenster und Außentüren, dünne Wände oder Kältebrücken: In alten Gebäuden ist Energiesparen schwierig, weil viel Wärme verloren geht. Zwar werden schon seit Jahren Gebäude isoliert, doch so richtig ist das Programm bisher nicht vorangekommen. „Das größte Energieeinsparpotenzial haben wir bei Altbauten, von denen viele noch schlecht isoliert sind“, sagt Energieexperte Thomas Engelke vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv). Der Staat müsste mehr Geld in die Hand nehmen. Der Bund will jetzt das entsprechende Fördergesetz ändern. Besonders die energetisch schlechtesten Gebäude sollen „adressiert werden“.

    Fördergeld: Energiesparen und der Umstieg auf erneuerbare Energien sind teuer. Die Förderangebote der staatlichen KfW-Bank und des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle will die Bundesregierung deshalb neu gefasst werden. Neben mehr Geld für Altbausanierung ist Geld für den Wechsel der Heizungsanlage (zum Beispiel von Gas zu Wärmepumpe) vorgesehen sowie ein neues Programm für klimafreundliches Bauen, das vom 1. Januar 2023 gelten soll.

    Vermieter: Auf Erdgas und Erdöl erhebt die Bundesregierung einen CO2-Preis.Ob die Mieter eines Mehrfamilienhauses oder die Vermieter ihn zahlen müssen, soll in den nächsten Wochen neu geregelt werden. Der Plan: Je schlechter die Energiebilanz des jeweiligen Gebäudes, desto mehr des CO2-Preises soll der Vermieter übernehmen – ein Anreiz für energetische Sanierung.

    Industrie: Auch hier verspricht die Bundesregierung Geld, vor allem den Industriezweigen, die Grundstoffe herstellen. In Deutschland ist das vor allem die chemische Industrie, die auch sehr energieintensiv ist. Die Idee: Wenn die Kosten für klimafreundliche Prozesse höher sind als die für herkömmliche, will der Bund die Betriebskosten ausgleichen. einer entsprechenden Förderrichtlinie muss die EU zustimmen, weil es unerlaubte Subventionen sein könnten. Geld soll es auch für die geben, die Prozesswärme – besonders wichtig in der Industrie – künftig etwa mit Tiefengeothermieanlagen erzeugen statt mit Gas. Das entsprechende Gesetz soll in diesem Jahr geändert werden.

    Das Bundeswirtschaftsministerium spricht insgesamt von einem Konjunkturprogramm für Handwerker. Ein Problem bei allem: Es fehlen Spezialisten, die Solaranlagen installieren und Wärmepumpen montieren können. Wie der Fachkräftemangel behoben werden kann, ist noch unklar.

    Beim Sparen ist jedenfalls nicht nur der Verbraucher gefragt. „Es ist plakativ, zu sagen, dass die privaten Haushalte die Heizung ein Grad herunterdrehen sollen, um zu sparen. Aber falsch“, sagt vzbv-Energieexperte Engelke. „Alle müssen einen Beitrag zum Energiesparen leisten, nicht nur die privaten Haushalte: auch Industrie, Handel Dienstleister und auch der öffentlicher Sektor.“ Das Bundeswirtschaftsministerium hat das aufgenommen. Für Bund, Länder und Kommunen sind Energie- und Umweltmanagementsysteme vorgesehen – ein eher schwammiger Begriff. Jährliche Energieeinsparziele sind da schon konkreter. Wann es soweit ist, ist offen.

    Grundsätzlich gilt: „Wer plant, die Heizung auszutauschen oder die Fassade zu isolieren, sollte sich unbedingt beraten lassen“, sagt vzbv-Experte Engelke. „Die Kosten lohnen sich.“

  • „Europa muss deutlich eigenständiger werden“

    Roland-Berger-Chef Stefan Schaible über die Abhängigkeit von China und den USA

    Jahrzehnte hat die Exportnation Deutschland sehr gut vom Welthandel gelebt. Doch gerade ändert sich viel für das deutsche Geschäftsmodell. Pandemie und der Angriff Russlands auf die Ukraine legen Abhängigkeiten offen – von China, von Russland. Und für Stephan Schaible, Sprecher des Vorstands der deutschen Beratungsfirma Roland Berger, auch von den USA. Er erwartet nachhaltigen Wandel in der Weltwirtschaft, dass Politik und Wirtschaft künftig enger zusammenarbeiten und dass die EU endlich souveräner auftritt.

    Seit Wochen stauen sich vor Shanghai, dem größten Hafen der Welt, die Schiffe. China hat die Stadt wegen eines Corona Ausbruchs in Quarantäne geschickt – und weltweit fehlen Teile, weil waren nicht ausgeführt oder umgeladen werden können. Belastend für die Weltwirtschaft kommt der Angriff Russlands auf die Ukraine hinzu, einschließlich umfangreicher Sanktionen. Vor allem Deutschland erfährt, wie abhängig es sich von einzelnen Staaten gemacht hat.

    „Ein Stück weit wird die Globalisierung gerade zurückgedreht“, sagt Schaible. „Etwa weil die Lieferketten für viele Waren und Vorprodukte gestört sind. Firmen suchen zusätzliche Lieferanten, um ihre Abhängigkeit zu verringern.“ Mit Folgen auch für die Verbraucher. „Das Umgestalten der Lieferketten bedeutet strukturell mehr Kosten, was die Preise der Produkte erhöht. Und das treibt wiederum die Inflation.“ Und die ist in Deutschland und Europa mit zuletzt 7,4 und 7,5 Prozent ohnehin hoch.

    Gleichzeitig muss sich das Selbstverständnis der Wirtschaft ändern. „Wir erleben das Ende einer Phase, in der die Wirtschaft sich nicht für Politik interessiert hat, weil der Welthandel funktionierte und wuchs“, sagt Schaible und meint auch die deutschen Unternehmen. „Künftig werden Wirtschaft und Politik mehr zusammenarbeiten müssen.“ Eine Folge davon aus seiner Sicht: „Es könnte eine Renaissance geben für gut gemachte Handelsabkommen.“ Der Roland-Berger-Chef nannte kein Beispiel. Ceta, das Abkommen zwischen EU und Kanada, haben noch nicht alle EU-Staaten unterzeichnet. Die Gespräche zu TTIP, dem umstrittenen Abkommen mit den USA, ruhen seit 2016.

    Dafür muss die EU über ihre Rolle nachdenken. „In der Krise, wie jetzt, steht die EU immer gut zusammen. Aber das wird in Zukunft nicht reichen“, sagt Schaible. Die EU müsse schneller werden. „Deshalb brauchen wir eine Reform der Staatengemeinschaft. So sollte die Einstimmigkeit bei Beschlüssen in wichtigen Bereichen fallen. In der Regel blockiert der langsamste. Das bremst die EU. Das müssen wir ändern.“ So verzögert Ungarn gerade das Ölembargo gegen Russland.

    Auch sonst fordert der Chef von Roland Berger ein stärkeres Europa. „Europa muss deutlich eigenständiger werden, angetrieben von einem starken Frankreich und Deutschland, und sich souveräner aufstellen, auch in Bezug auf unsere Freunde in den USA.“ Ein wichtiger Hebel ist für ihn dabei die Gemeinschaftswährung. „Die Euro-Zone sollte den Euro offensiver als Leitwährung propagieren, zum Beispiel den Rohstoffhandel in Europa und mit Europa künftig in Euro abwickeln, nicht mehr in Dollar.“ Bisher werden Rohstoffe wie Öl und Gas, Gold und Kupfer in der US-Währung gehandelt, ein Grund, warum sie weltweit so wichtig ist.

    Vor allem außenpolitisch sieht der Chef von Roland Berger die EU stärker gefordert. „Die EU braucht eine gemeinsame aktive Außenpolitik. Wir haben zulange alles den Amerikanern überlassen und unsere Verantwortung nicht ausreichend wahrgenommen. Das sind weiter unsere Partner, aber Europa sollte seinem Gewicht entsprechend auftreten.“

    Und auch Deutschland sollte außenpolitisch stärker auftreten. „Wir waren zurecht jahrzehntelang zurückhaltend, doch jetzt ist die Lage grundsätzlich anders. Wichtig ist eine entschlossene, aber auch kluge Form. Und vor allem: besonnenes Vorgehen.“

    Für die Zukunft sieht Schaible große Chancen: „Der Druck, beim Klimawandel gegenzusteuern, kann wie ein Booster auf die deutsche Wirtschaft wirken.“ Dafür muss einiges getan werden. Denn: „In den vergangenen zehn Jahren ist es uns sehr gut gegangen. Die Zeit ist vorbei. Jetzt sind wir verdammt zu Innovation.“ In großem Umfang und bei Umweltthemen. „Die Welt schaut auf Europa, auf Deutschland“, behauptet Schaible. „Wir haben eine enorme Glaubwürdigkeit. Dieses Moment müssen wir nutzen.“

    Ihm geht und ging es nicht schnell genug. „Wir haben die vergangenen Jahre beim Thema erneuerbare Energien geschlafen. Da muss es jetzt eine Explosion geben.“ Die Ampelkoalition sei auf dem richtigen Weg, regulatorisch seien bereits viele Weichen gestellt, jetzt gehe es um die breite Umsetzung in fast allen Bereichen. Und auch für die Firmen ist Schaible zuversichtlich. „Die deutschen Unternehmen beschäftigen sich intensiv mit ihrem Energieverbrauch, arbeiten an nachhaltigeren Materialien, Recycling, neuen Technologien. Es sind nur wenige Unternehmen, die das noch nicht verstanden haben.“

    Abhängig ist alles davon, wie sich die Lage in der Ukraine und in China verändert, dass gerade in seiner Null-Covid-Strategie gefangen scheint und die eigene Wirtschaft gefährdet: Für die nahe Zukunft sieht Schaible drei Szenarien: „Das positivste ist, dass der durch russische Aggression verursachte Krieg in der Ukraine schnell endet, weil Russlands Präsident Putin einlenkt oder jemand seinen Posten übernimmt. Und Chinas Wirtschaft entwickelt sich günstig – trotz Corona-Pandemie.“

    Im zweiten Szenario zieht sich der Krieg in der Ukraine lange hin. Der Roland-Berger-Chef findet: „Herausfordernd für die deutsche Wirtschaft, aber noch nicht dramatisch, vor allem wenn China sich fängt.“ Szenario drei ist aus seiner Sicht am kritischsten: „Zieht sich der Ukraine-Krieg hin und geht es mit der chinesischen Wirtschaft abwärts, rutschen wir sicher in eine Rezession.“

    Zur Person:

    Stefan Schaible (54) lenkt als Sprecher des dreiköpfigen Vorstands die Geschicke von Roland Berger seit April 2020, vorher war er bereits stellvertretender CEO der Strategieberatung. Er hat Chemie und Jura studiert und gilt als Spezialist für die öffentliche Hand. Schaible wuchs in Nagold, südwestlich von Stuttgart, auf. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

    Das Unternehmen, 1967 von Roland Berger gegründet, berät mit 50 Büros in 35 Ländern und rund 2400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Unternehmen und Verwaltungen weltweit. 2020 setzte es 588 Millionen Euro um, konkrete Zahlen für 2021 liegen noch nicht vor. Es war aber von deutlich zweistelligem Wachstum und einem Rekordumsatz die Rede.

  • Gefahren der Inflation

    Warum der Spritrabatt verpufft

    Selten haben Zahlen des Statistischen Bundesamts die Allgemeinheit so beschäftigt wie zuletzt. Die Wiesbadener liefern monatlich einen Beweis dafür, was jeder Verbraucher bereits beim Einkaufen oder Tanken gemerkt hat: Es wird teurer. Und nicht zu knapp. Im April kosteten Waren und Dienstleistungen im Schnitt 7,4 Prozent mehr als vor einem Jahr – der höchste Wert seit der Wiedervereinigung. Er beeinflusst nicht nur unser Kaufverhalten, sondern auch die anstehenden Tarifverhandlungen. Und er ist ein weiteres Signal an die Europäische Zentralbank, die Politik des billigen Geldes zügig zu beenden.

    Es wird nur sehr wenige Menschen geben, die tatsächlich 7,4 Prozent mehr ausgeben müssen. Denn die Zahl ist ein Durchschnittswert. Weil allein Nahrungsmittel sich um 8,6 Prozent verteuerten, könnte die persönliche Inflationsrate auch höher sein. Das gilt auch für alle, die besonders viel tanken, weil Sprit um 38,5 Prozent zulegte.

    Die Statistiker sehen sich für die offizielle Inflationsrate die Preise von rund 650 Produkten an – von Brot und Brokkoli über Festplatten und Haarschnitt bis Hausratversicherung und Benzin. Aus der Veränderung berechnen sie die Teuerungsrate, wobei Strom ein höheres Gewicht hat als Eier. Größter Preistreiber ist Energie. Inzwischen kosten auch Lebensmittel mehr, unter anderem, weil Energie so teuer ist.

    Die seit Monaten hohe Inflation verheißt auch für Deutschlands Unternehmen wenig Gutes. Denn die Gewerkschaften haben bereits angekündigt, bei den kommenden Tarifrunden höhere Löhne durchsetzen zu wollen. Das Plus soll die Inflation aufwiegen. Das ist gut für die Beschäftigten, kann sich aber rächen: Denn die Kosten der Unternehmen steigen. Sie werden versuchen, ihrerseits die Preise anzuheben, was wiederum die Inflation treibt.

    Die Teuerung in Deutschland fließt in die der Euro-Raum ein. Und auch hier liegen die Werte weit über jenen zwei Prozent, die die Europäische Zentralbank als gut erachtet. Bisher hat sie vermieden, den Leitzins deutlich anzuheben. Derzeit beträgt er 0,0 Prozent. Die Sorge ist groß, den Aufschwung in den EU-Mitgliedsstaaten, der nach der Corona-Pandemie begonnen hat, so wieder abzuwürgen. Die hohen Inflationswerte zwingen die EZB jetzt aber, doch zu handeln – wohl im Juli. Zumal die US-Notenbank Fed vergangene Woche die Zinsen kräftig angehoben hat und weitere Schritte ankündigte.

    Die hohen Energiepreise wird das nicht nachhaltig senken. Auch der Versuch der Bundesregierung, Sprit per staatlichem Rabatt zeitweise zu verbilligen, wird verpuffen. Eine Lösung wäre, den Krieg in der Ukraine zu beenden. Weil sich das nicht abzeichnet, bleibt der Bundesregierung nur, diejenigen, die mit sehr wenig Geld auskommen müssen, finanziell zu unterstützen.

  • Nach Corona ist vor der Pflegereform

    Den Krankenhäusern fehlen zehntausende Pfleger:innen. Die Ampel-Regierung will das ändern. Aber wo bleibt der Gesetzentwurf?

    Während die Corona-Pandemie allmählich verebbt, steigt der Druck auf die Bundesregierung, grundsätzliche Konsequenzen aus den beiden vergangenen Jahren zu ziehen. Ein zentraler Punkt ist, die Zahl der Krankenpfleger:innen unter anderem auf den Intensivstationen der Krankenhäuser zu erhöhen. „Wir erwarten, dass bis zur Sommerpause ein entsprechender Gesetzentwurf vorliegt“,  sagte Gerald Gaß, der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, gegenüber dieser Zeitung.

    Die Lage in der stationären Versorgung ist immer noch schwierig. Der Organisation zufolge sind augenblicklich „mindestens 25.000 Stellen“ nicht besetzt – etwa sieben Prozent aller Vollzeitarbeitsplätze in der Krankenpflege, eine stark steigende Tendenz gegenüber 2021. Das Personal ist nach zwei Pandemiejahren erschöpft. Wenn jemand kündigt, dauert es meist viele Monate, bis eine neue Pflegekraft gefunden ist. Wer weiterarbeitet, muss zusätzliche Aufgaben erledigen.

    Hinzu kommt, dass der wirkliche Pflegebedarf nicht einmal dann gedeckt wäre, wenn die vorhandenen Krankenhäuser alle vorhandenen Stellen besetzen könnten. Viele Fachleute gehen davon aus, dass für eine vernünftige Betreuung der Kranken bis zu 80.000 zusätzliche Pfleger:innen nötig sind.

    Diese Debatte findet vor dem Hintergrund statt, dass die Überlastung der Krankenhäuser während der Pandemie eine wichtige Begründung für die Beschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens darstellte. Schlechte Personalausstattung und Arbeitsbedingungen sind zweifellos Ursachen dieser Überlastung. Wie ließe sich also die Situation verbessern angesichts der Möglichkeit, dass Corona noch nicht zu Ende ist oder irgendwann die nächste Seuche kommt?

    In ihrem Koalitionsvertrag vereinbarten SPD, Grüne und FDP Ende 2021 Verbesserungen. Der Schlüsselbegriff lautet „Pflegepersonalregelung 2.0 (PPR 2.0)“. Das ist eine Methode, die die Gewerkschaft Ver.di, der Pflegerat und die Krankenhausgesellschaft ausgearbeitet haben, um den tatsächlichen Personalbedarf auf einzelnen Stationen der Krankenhäuser zu ermitteln. Die Umsetzung „würde zu einem Mehrbedarf von 40.000 bis 80.000 Vollzeit-Pflegekräften führen“, sagte Michaela Evans vom Institut Arbeit und Technik der Hochschule Gelsenkirchen. Statt etwa 360.000 Vollzeit-Beschäftigten müssten bis zu 440.000 am Start sein.

    Augenblicklich passiert allerdings nicht viel. Das Bundesgesundheitsministerium arbeitet an seiner Planung für dieses Jahr. „Die Umsetzung der PPR 2.0 wird aktuell geprüft“, erklärte das Ministerium. Ob ein Gesetzentwurf zur Pflege dabei herauskommt, erscheint unklar. „Die Pflegepersonalregelung 2.0 muss zügig umgesetzt werden“, mahnte dagegen Krankenhaus-Chef Gaß. Der grüne Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen sah es ähnlich: „Der Personalmangel ist so eklatant, dass das Problem keinen Aufschub duldet.“

    Aber lässt sich das Problem überhaupt auf diesem Weg lösen? Ist der Arbeitsmarkt nicht leergefegt, sodass der Versuch scheitern muss? Nein, schreiben Evans und weitere Autor:innen der neuen Studie „Ich pflege wieder, wenn…“ im Auftrag der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung. Die Umfrage unter aktiven und ausgestiegenen Pflegekräften ergab, dass mindestens 172.000 zusätzliche Vollzeitbeschäftigte zur Verfügung stünden, wenn die Arbeitsbedingungen akzeptabel wären. Das heißt, die Pfleger:innen verlangen mehr Zeit pro Patient:in, eine bessere Bezahlung und verlässliche, beziehungsweise familienfreundliche Arbeitszeiten. „In der Krankenpflege haben wir kein Arbeitsmarktproblem“, sagte Evans. „Die Politik müsste aber die Bedingungen verbessern, damit die Leute ihre Arbeitszeit verlängern oder eine Stelle neu antreten.“

    Das würde Geld kosten. 80.000 zusätzliche Stellen schlagen in der Größenordnung von einer halben Milliarde Euro pro Jahr bei den Krankenhäusern zu Buche. Wie sollen die das finanzieren? Eine Variante ist ein höherer Zuschuss vom Staat, der angesichts sowieso steigender Anforderungen an den Bundeshaushalt jedoch problematisch erscheint. Höhere Sozialbeiträge belasten die Arbeitnehmer:innen und Firmen. „Allein zusätzliches Geld ins System zu geben, wird nicht reichen“, sagte Grünen-Politiker Dahmen. „Wir brauchen Strukturreformen und sollten auch Aufgaben wie Ausgaben umverteilen“ – weniger teure Apparatemedizin und Diagnostik, mehr Pflege.

  • Der Leitzins und die Folgen

    Fed-Entscheidung wirkt in Europa

    Seit Wochen haben Jerome Powell und sein Team die Wirtschaft der USA darauf vorbereitet: Die US-Notenbank Fed, deren Präsident Powell ist, wird die hohe Inflation von 8,5 Prozent im Land eindämmen. Das Mittel dazu: höhere Zinsen. Sie verteuern Kredite – Unternehmen werden prüfen, ob sie wirklich investieren wollen, wenn sie dazu einen Kredit benötigen. Und Verbraucher werden sich Käufe auf Pump auch genauer überlegen. Gleichzeitig steigen die Sparzinsen, weshalb der ein oder die andere Geld zurücklegt, statt es auszugeben. So soll die Nachfrage sinken. Bleibt das Angebot gleich, so die Theorie, steigen die Preise zumindest nicht weiter. Bisher hat das meist sehr gut funktioniert.

    Jetzt hob die Fed den Leitzins von 0,25 bis 0,5 auf 0,75 bis 1,0 Prozent an. In der Finanzwelt ist das ein kräftiges Zeichen. Und Powell kündigte weitere solcher Schritte in den kommenden Monaten an. Die Fed meint es also sehr ernst. Was wie eine rein amerikanische Entscheidung aussieht, hat auch Folgen für andere Notenbanken wie die Europäische Zentralbank (EZB) und beeinflusst die Weltwirtschaft. Denn der Dollar ist die wichtigste Leitwährung.

    Was bedeutet die Zinserhöhung in den USA also…

    … für die AmerikanerInnen?

    Zunächst einmal sollte die Teuerung gebremst werden. Zurzeit leiden vor allem jene unter den steigenden Preisen, die wenig Geld zur Verfügung haben. Wer reicher ist, kann sich auch höherer Preise eher leisten. Schwierig wird es für all jene, die ein Haus oder eine Wohnung gekauft haben und sie mit Hypothek finanziert haben. Sie müssen mehr zahlen, könnten sogar finanzielle Probleme bekommen. Denn Immobilienkredite in den USA sind nicht wie in Deutschland für eine bestimmte Laufzeit an einen festen Zinssatz geknüpft, sondern orientieren sich an den jeweiligen Marktzinsen. Und die steigen mit der Leitzinserhöhung. Immerhin wird Urlaub in Europa, ein Besuch von Neuschwanstein oder des Eiffelturms, billiger.

    … für die EZB?

    Mit dem Vorgehen der Fed wächst der Druck auf die EZB, auch zu handeln. Die Inflation in der Euro-Zone liegt seit Juli 2021 über den zwei Prozent, die als optimal gelten, zuletzt bei 7,4 Prozent. Der Leitzins verharrt seit 2016 bei 0,0 Prozent.

    Unterscheiden sich die Zinsen zwischen den USA und der Euro-Zone sehr, wandert Kapital ab. Ein Zeichen: In den vergangenen Wochen mussten immer mehr Euro für die gleiche Menge Dollar ausgegeben werden. Offenbar steigt die Nachfrage nach der US-Währung.

    Lange sträubte sich die EZB, die Leitzinsen anzuheben. Jetzt sieht es anders aus. EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel deutete an, es könne im Juli soweit sein. Wie hoch der Zinsschritt ausfällt, ob es weitere geben wird – alles unklar. Denn es gibt ein großes Aber, das die EZB abwägen muss: die Gefahr, die Wirtschaft zumindest in einzelnen Ländern der Euro-Zone abzuwürgen.

    Die US-Wirtschaft brummt als Ganzes, die Fed hält die Gefahr, sie auszubremsen, für geringer als die Probleme der Inflation. In Europa ist die Lage anders, die Länder der Euro-Zone stehen wirtschaftlich unterschiedlich da. Auch sind einige stärker verschuldet als andere. Und die Folgen des Kriegs in der Ukraine belasten die einzelnen Staaten unterschiedlich. Geht die EZB zu robust vor, könnte sie einige Länder in die Rezession stoßen.

    … für die deutsche Wirtschaft?

    Schon seit einiger Zeit verschieben sich die Gewichte. Geld fließt in die USA, der Dollar wird teurer. Das wird sich nach der Fed-Entscheidung verstärken, bis die EZB auch handelt. Unternehmen, die Teile aus den USA, zum Beispiel Computerchips, importieren, müssen deshalb mehr bezahlen. Gleichzeitig profitieren jene Firmen, die viel in die USA ausführen. Denn ihre Produkte werden dort in Dollar billiger. Das betrifft zum Beispiel die Autoindustrie oder Maschinenbauer. 2021 exportierte Deutschland Waren im Wert von 122 Milliarden Euro, aus den USA kamen Waren im Wert von 72 Milliarden Euro.

    Dass der Dollar aus Euro-Sicht teurer wird, trifft auch alle, die viel Energie verbrauchen oder Gas und Öl als Rohstoff benötigen. Denn Gas, Kohle, Öl werden in der Regel in Dollar gehandelt. Selbst Firmen, die langfristige Öllieferverträge mit festen Dollar-Preisen vereinbart haben, zahlen so mehr. Schließlich müssen sie Dollar beschaffen und dafür mehr Euro bezahlen. Auch wenn sich Firmen gegen die Wechselkursänderungen absichern können, mittelfristig wird es teurer.

    … für die deutschen Häuslebauer?

    Die aktuelle Zinsentscheidung in den USA hat für den deutschen Wohnungsmarkt direkt erst einmal keinen Effekt. Wichtig ist vor allem, was noch kommt. Weil in Deutschland Immobilienkredite meist über zehn oder fünfzehn Jahre abgeschlossen werden, sind hier die Zinserwartungen der Branche wichtig. Und die rechnet angesichts der klaren Aussagen der Fed schon länger mit höheren Leitzinsen auch in der Euro-Zone – obwohl die EZB bisher bremst. So wurde es in den vergangenen Monaten bereits teurer, eine Hypothek aufzunehmen. Das wird so weitergehen, weil die Kreditgeber bereits jetzt die nächste Zinserhöhung einpreisen.

    … für Menschen ohne Geld?

    Wer wenig Geld hat und beim Wocheneinkauf genau rechnen muss, leidet besonders unter der Inflation. Die einzige Lösung bei steigenden Preisen bleibt, weniger zu kaufen. Wirkt die Leitzinserhöhung der EZB wie geplant, entspannt sich die Lage etwas. Einzelne Produkte werden sicher auch wieder günstiger. Dass die Preise in der Breite sogar wieder sinken können, ist allerdings wenig wahrscheinlich.

    … für Menschen mit Geld?

    Wer etwas gespart hat, Wertpapiere besitzt, eine Immobilie und jeden Monat etwas zurücklegen kann, kann auch höhere Preise bezahlen, ohne den Lebensstil zu sehr einzuschränken. Wohlhabende Menschen können die Inflation deshalb besser wegstecken. Und wer in den vergangenen Jahren Geld übrig hatte, konnte an den Börsen der Welt das Vermögen ordentlich mehren. Daran ändert sich auch mit der Zinswende wenig. Etwas allerdings wird erst einmal teurer: ein USA-Urlaub.

    … Sparer?

    Fans von Sparbüchern, Tages- und Festgeldkonten können sich freuen, sollte die EZB der Fed folgen. Denn nicht nur die Kreditzinsen steigen, wenn die Notenbank den Leitzins erhöht, auch die Sparzinsen. Und die EZB deutete schon an, dass die Strafzinsen wegfallen könnten, die zahlreiche Banken von denen verlangen, die viel Bargeld auf der Bank liegen haben.

    Derzeit bringen Tagesgeldkonten in Deutschland eher mikroskopische Erträge. Grundsätzlich sind diese Anlageformen sehr sicher, aber eher nicht geeignet, um größere Summen zu sparen. Experten empfehlen da eher Aktien oder – weniger risikobehaftet – Fonds, die breit gestreut in Aktien investieren. Deren Kurse dämpft eine Leitzinsanhebung, weil Anleger bei einer Zinserhöhung neu kalkulieren, ob und wie viel sie anlegen, wo sie etwas abziehen sollten und wo investieren. Nach einem ersten Hoch ging es nach der Zinsentscheidung in den USA an den Weltbörsen abwärts.

    … Autofahrer?

    Schlechte Nachrichten für all jene, die viel und oft tanken müssen: Den Preis für Sprit können die Notenbanken kaum beeinflussen. Zum einen, weil eine Zinserhöhung recht grob ist und sich in der Gesamtschau auf die Inflationsrate auswirkt, die wiederum viele verschiedene Produkte im sogenannten Warenkorb betrachtet. In Deutschland sind das allein rund 650, Diesel und Benzin sind zwei davon. Zum anderen, weil der Ölpreis auf dem Weltmarkt entsteht. Und diese Marktkräfte sind stärker als einzelne Notenbanken, auch als die Fed. Auf dem Ölmarkt ist eher wichtig, ob die Organisation Erdöl fördernder Länder (Opec) mehr oder weniger fördern will. Das Kartell kontrolliert 35 Prozent der weltweiten Mengen. Die blieben recht konstant, auch als im vergangenen Jahr die Nachfrage stieg, unter anderem, weil die Industrie weltweit nach der Corona-Pandemie wieder durchstartete. Und die drastisch steigenden Preise der vergangenen Wochen für Energie hängen auch mit dem russischen Angriff auf die Ukraine zusammen und der damit verbundenen Unsicherheit.

    … die Türkei?

    Präsident Recep Tayyip Erdogan versucht sein Land mit einem Kurs aus der wirtschaftlichen Krise zu retten, der allen Expertenmeinungen widerspricht. Steigende Preise ließ er seinen Notenbankchef mit Zinssenkungen in mehreren Schritten bekämpfen. Bisher läuft es schlecht für den Präsidenten. Die Inflationsrate legte zu. Derzeit beträgt sie 70 Prozent, der Brotpreis hat sich binnen Monatsfrist gar verdoppelt. Erdogan hat bisher wenig auf Fachleute gehört. Dass er sich an der Fed und Jerome Powell ein Beispiel nimmt, ist eher unwahrscheinlich. Die Krise im Inland wird weitergehen.

  • Putins Ölkonzern

    Welche Rolle Rosneft in Deutschland spielt

    Plötzlich geht es ganz schnell. Deutschland unterstützt ein Ölembargo gegen Russland, und in Schwedt im Nordosten der Republik fürchten sie jetzt das Aus für den wichtigsten Arbeitgeber der Region: die PCK-Raffinerie. Sie steht für zehn Prozent der deutschen Kapazität und gehört Rosneft. Hier zeigt sich gerade, wie russische Staatskonzerne versucht haben, die Kontrolle über strategische Infrastruktur in Deutschland zu bekommen. Und wie schwierig es deshalb mit Sanktionen ist. Und dann ist da noch eine brisante Personalie: Den Rosneft-Aufsichtsrat leitet Altkanzler Gerhard Schröder (SPD).

    PCK, eine Abkürzung für Petrochemisches Kombinat, steht für zehn Prozent der deutschen Raffineriekapazität und verarbeitet ausschließlich russisches Rohöl, angeliefert durch den nördlichen Zweig der Ölpipeline Druschba (Freundschaft). Sie sollte den Zusammenhalt der Ostblockstaaten zeigen. Aber schon damals ging es eher darum, die DDR abhängig von russischen Rohstoffen zu halten. Seit 1964 liefert Russland durch die Pipeline Öl nach Schwedt.

    Nach der Wende teilten sich die Energiekonzerne BP (Großbritannien), Eni (Italien), Shell (Großbritannien/Niederlande), Total (Frankreich) und Rosneft die Anteile. Inzwischen sind BP und Total ausgeschieden, der russische Staatskonzern hält 54,17 Prozent an PCK. Shell wollte 2021 seine 37,5 Prozent an Rosneft verkaufen. Die Genehmigung des Bundeswirtschaftsministeriums steht noch aus, gilt in der aktuellen Lage aber als unwahrscheinlich. Das Parlament berät gerade darüber, das Energiesicherheitsgesetz zu überarbeiten. Dann könnte PCK im Krisenfall unter staatliche Aufsicht gestellt oder Rosneft sogar enteignet werden. Das Konzept geht auf Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) zurück.

    Den PCK ist nicht irgendeine Raffinerie. Rund 90 Prozent des Sprits und Heizöls in Berlin und Brandenburg stammen aus Schwedt. Benzin und Diesel werden per Pipeline nach Berlin geliefert. Und aus Schwedt kommt auch Kerosin für den Hauptstadtflughafen BER. Was es zusätzlich kompliziert macht: Die Raffinerie steht für rund ein Drittel der deutschen Ölimporte aus Russland. Um ein Embargo wirkungsvoll durchzusetzen, müsste der Eigentümer gezwungen werden, kein russisches Öl mehr zu verwenden. Schwierig, wenn der Eigentümer der russische Staat ist.

    Rosneft entstand 1993 als Ausgründung des Ministeriums für Öl. Damals war Rosneft nur einer von mehreren russischen Ölkonzernen. Das änderte sich, nachdem Wladimir Putin 2000 erstmals russischer Präsident wurde. Er wollte nationale Champions formen. 2004 sicherte sich Rosneft weite Teile des Konkurrenten Yukos, dessen Chef und Hauptaktionär Michail Chodorkowski wegen Betrugs und Steuerhinterziehung ins Gefängnis musste. Der Prozess galt Beobachtern als politisch, um einen möglichen Konkurrenten Putins auszubremsen. Vielleicht ging es aber auch darum, Rosneft zu stärken, seither Russlands Nummer 1 bei Öl. Der Staat hält indirekt 50 Prozent und eine Aktie.

    Rosneft ist in Moskau an der Börse notiert. Der Handel in London ist wegen der Sanktionen ausgesetzt. Marktwert zuletzt: umgerechnet rund 60 Milliarden Dollar (57 Milliarden Euro). Der britische Ölkonzern BP, der knapp 20 Prozent der Anteile hielt, stieg aus, der staatliche Investmentfonds Katars bisher nicht.

    Nach dem Erdgasförderer Gazprom ist Rosneft der zweitgrößte Staatskonzern Russlands. Geplant war sogar eine Fusion der beiden, die aber scheiterte. Die Geschäfte liefen zuletzt sehr gut. Im Februar verkündete Rosneft Rekordzahlen für 2021. Dank gestiegener Ölpreise und gesunkener Kosten wies das Unternehmen einen Gewinn von umgerechnet 11,9 Milliarden Dollar aus, bei einem Umsatz von 121,1 Milliarden Dollar. Der Konzern beschäftigte rund 356.000 Mitarbeiter. Neben der Ölförderung und dem Raffineriebetrieb ist Rosneft auch im Gasgeschäft tätig. In Moskau residiert das Unternehmen in einem Palast aus der Zarenzeit am Ufer der Moskwa, gegenüber des Kremls.

    An der Spitze von Rosneft steht seit 2012 Igor Setschin – ein Vertrauter Putins aus St.-Petersburger Tagen. Setschin leitete dort Putins Büro. Später war er stellvertretender Leiter der Kreml-Verwaltung und von 2008 bis 2012 Vizepremierminister. Das US-Magazin Forbes nannte ihn einmal den Darth Vader des Kreml, nach der Figur aus der Starwars-Serie.

    Den Verwaltungsrat führt derzeit Altkanzler Schröder, der Putin zu seinen Freunden zählt. Schröder zog 2017 in das Gremium ein, damals war Rosneft bereits mit Sanktionen belegt, weil Russland die Krim annektiert hatte. Auch ein anderer Deutscher sitzt im Verwaltungsrat: Matthias Warnig, ehemaliger Stasi-Offizier, in den Neunzigern Repräsentant der Dresdner Bank in St. Petersburg und ebenfalls ein Vertrauter des russischen Präsidenten. Warnig war zuletzt Geschäftsführer der inzwischen gescheiterten Gaspipeline Nord Stream 2. Er ist der einzige Deutsche, der auch mit Sanktionen wegen des russischen Kriegs in der Ukraine belegt ist.

    Wie das Problem in Schwedt gelöst wird, steht noch nicht fest. Shell will Öl beschaffen, womöglich soll es über die Häfen in Rostock und Danzig geliefert werden. Die Anlage muss neu eingestellt werden, sie ist für russisches Öl optimiert. 1200 Jobs hängen direkt an der Raffinerie, dazu kommen weitere bei Dienstleistern. Und der ein oder andere Autofahrer in der Hauptstadt wird sich auch schon Gedanken machen.

  • Putins Wirtschaftswaffe

    Warum Gazprom so wichtig ist

    Nowy Urengoi, Sibirien, Ende November 2019. Draußen minus 33 Grad, Polarnacht. Im Restaurant des modernen Einkaufskomplexes, Stil US-Diner, lächelt Oleg Ossipowitsch, Statthalter Gazproms bei Achimgaz, einem Gemeinschaftsunternehmen mit der deutschen Wintershall. Im Schwarzen Meer sind gerade russische und ukrainische Marine aneinandergeraten und Ossipowitsch soll die möglichen Folgen für das Gasgeschäft mit Westeuropa erklären. Die Antwort ist kurz: „Das ist Politik. Wir machen Business.“ Möglicherweise hat er es selbst geglaubt.

    Inzwischen ist das Geschäftliche auch offen dem Politischen gewichen. Russland hat die Ukraine angegriffen und Gazprom, der größte Erdgasproduzent der Welt, handelt als Teil der Kriegsführung. Am Mittwoch schloss er die Pipelines nach Polen und Bulgarien. Vordergründig, weil die Importeure das Gas nicht in Rubel statt in Devisen bezahlen wollten. Die Regel hatte Russland vor kurzem festgelegt, um den Absturz der russischen Währung im Zuge der Sanktionen zu verhindern. Die klare Drohung: Wir drehen Westeuropa das Gas ab und stürzen die Wirtschaft ins Chaos.

    Das es bisher nicht so weit gekommen ist, hängt auch damit zusammen, dass Russland sehr stark auf Devisen aus dem Rohstoffexport angewiesen ist. Gazprom stand zuletzt für fast fünf Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts. Nach dem Geschäftsbericht 2020 hat der Konzern Zugriff auf Gasreserven von 24,5 Billionen Kubikmeter, das entspricht gut 13 Prozent der Weltgasreserven. Er fördert aber nicht nur Gas. Er ist im Ölgeschäft tätig und de facto Monopolist bei den Pipelines. Außerdem gehört zu ihm eine eigene Bank und der größte russische Medienkonzern.

    Gazprom setzte 2021 mit rund 473.000 Mitarbeitern nach aktuellem Kurs 133,8 Milliarden Euro um, der Gewinn betrug 27,4 Milliarden Euro. Die Moskauer Börse bewertete den Konzern zuletzt mit umgerechnet knapp 70 Milliarden Euro. Die Notiz im Westen etwa in London sind ausgesetzt. Das US-Magazin Forbes listet Gazprom auf Platz 367 der 2000 größten und wichtigsten Unternehmen weltweit. Der Staat hält indirekt 50 Prozent und eine Aktie.

    Zeitweise steuerte Gazprom über seine Berliner Tochter Gazprom Germania große Teile des Auslandsgeschäfts. Hier sind auch die Beteiligungen am Pipelinebetreiber Gascade und dem Gashändler Wingas sowie den deutschen Gasspeichern gebündelt. Über die Berliner sponserte der russische Konzern auch den Fußballbundesligisten Schalke 04. Im Zuge des Ukraine-Kriegs wollte Gazprom die Berliner Tochter abwickeln, der Bund schritt ein. Die Firma steht jetzt unter Aufsicht der Bundesnetzagentur.

    Auch wenn in Russland seit Jahrzehnten Gas gefördert wird, etwa in Nowy Urengoi am Polarkreis, Gazprom selbst ist recht jung. Der Konzern entstand 1989 als Ausgründung des Energieministeriums. 1993 wurde er privatisiert. In der wilden Zeit nach dem Ende der Sowjetunion lief das Geschäft eher schleppend – vielleicht auch, weil mancher das eigene Wohl über das des Unternehmens stellte. Wladimir Putin installierte 2001, ein Jahr nach seinem Antritt als Staatspräsident, Alexei Miller als Chef, einen ehemaligen Mitarbeiter aus seiner Zeit als Vizebürgermeister von St. Petersburg. Daher kennt Putin auch Aufsichtsratschef Wiktor Subkow. Miller baute das Geschäft Gazproms aus, schloss Partnerschaften mit westlichen Unternehmen wie Wintershall, Shell, Eon und BP.

    Schon früh plante Miller, Deutschland als Europas größte Volkswirtschaft mit der Nord-Stream-Pipeline durch die Ostsee direkt zu versorgen und so Transferländer wie Belarus und die Ukraine zu umgehen. Mit beiden Ländern gab es immer wieder Streit über Gebühren, auch, um sie Russland gegenüber gefügig zu halten. Nord Stream war umstritten, ging aber 2011 ans Netz. Und machte die Deutschen abhängig. Das sollte Nord Stream 2 verstärken. Mit dem Angriff auf die Ukraine hat sich diese Pipeline aber erledigt. 2021 lieferte der Konzern gut 55 Prozent des deutschen Gasbedarfs. Seit Beginn des Krieges hat sich der Anteil auf 35 Prozent verringert, aber Deutschland ist immer noch größter Abnehmer und finanziert mit seinen Milliarden Putins Krieg mit.

    Auch in Deutschlands Politik griff der Konzern ein: Gerd Schröder (SPD) und Putin-Freund wechselte direkt nach seinem Abschied als Bundeskanzler in den Aufsichtsrat von Nord Stream. Dort ist Matthias Warnig Chef, ehemaliger Stasi-Mitarbeiter und Vertrauter von Putin aus Petersburger Zeiten. Warnig spielte auch eine Rolle bei der umstrittenen Stiftung in Mecklenburg-Vorpommern, mit der Nord Stream 2 vorbei an US-Sanktionen fertig gebaut werden sollte und die jetzt Ministerpräsidenten Manuela Schwesig (SPD) das Amt kosten könnte. Schröder soll auf der Gazprom-Hauptversammlung in den Aufsichtsrat gewählt werden.

    Sichtbarstes Zeichen der Macht ist die neue Zentrale des Konzerns in St. Petersburg. Ein glitzernder Glasturm nach einem Entwurf der Londoner Stararchitekten von RMJM. 87 Stockwerke, in sich um 89 Grad gedreht, mit 462 Metern das höchste Gebäude Europas. Der Grundriss ist ein fünfzackiger Stern. Gazprom ließ sich den Bau geschätzte 1,8 Milliarden Dollar kosten.

    2018 wurde er fertig, seit vergangenem Jahr ist er offizieller Konzernsitz und nicht mehr Moskau. Einen Makel hat das mehrfach ausgezeichnete Gebäude – ursprünglich sollte es im Zentrum der Stadt zwischen den Prachtbauten von Zar Peter, dem Großen, stehen. Einwohner und Unesco waren dagegen. Jetzt residiert Gazprom zehn Kilometer außerhalb des Zentrums in einem neuen Stadtteil.

  • Schwarzes Gold

    Wie wichtig ist die deutsche Ölförderung?

    Gegen russische Kohle hat die EU bereits ein Embargo verhängt. Ins nächste Sanktionspaket könnte Öl aus Russland aufgenommen werden. Deutschland will ohnehin nichts mehr einführen. Jetzt richtet sich der Blick auf die heimische Förderung.

    Wie viel Öl braucht Deutschland jedes Jahr und woher kommt es?

    Im vergangenen Jahr verwendete Deutschland 83,1 Millionen Tonnen Rohöl, 1,8 Prozent weniger als 2020, wie das Bundesamt für Außenwirtschaft ermittelt hat. Ein Drittel kam aus Russland, 12,2 Prozent aus den USA. Weitere große Lieferanten waren Kasachstan (9,6 Prozent), Norwegen (9,4) und Großbritannien (9,1). Die eigene Förderung macht rund 2,2 Prozent aus.

    Deutschland will so schnell wie möglich unabhängig von russischem Öl werden. Wie weit sind wir?

    Bis Mitte des Jahres soll sich die Menge des Öls, dass Deutschland aus Russland bezieht, halbiert haben. Ende des Jahres, so schätzte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) Ende März, wird Deutschland kein Rohöl mehr von dort beziehen.

    Wer fördert in Deutschland Öl und wie groß ist die Menge?

    Derzeit fördern im wesentlichen folgende Unternehmen Öl in Deutschland: WintershallDea, eine Tochter des Chemiekonzerns BASF, und ExxonMobil Production Deutschland, eine Tochter des US-Ölkonzern, dazu die beiden unabhängigen Firmen Neptune Energy (Großbritannien) und Vermilion Energy (Kanada) sowie Oneo. Außer WintershallDea in Kassel haben alle Firmen ihren Sitz in Hannover. Insgesamt holten sie im vergangenen Jahr rund 1,8 Millionen Tonnen Rohöl aus dem Boden.

    Wo wird in Deutschland gefördert?

    Öl kommt in Deutschland vor allem aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Allein 58,5 Prozent stammen aus dem nördlichsten Bundesland. Westlich von Friedrichskoog betreibt WintershallDea seit 1987 die einzige deutsche Bohrplattform Mittelplate. Gefördert wird aus bis zu drei Kilometern Tiefe, die Bohrungen sind mit einer speziellen Technik abgelenkt und bis zu neun Kilometer lang. Die künstliche Insel im Wattenmeer ist über eine 14,4 Kilometer lange Pipeline mit dem Festland verbunden. Mittelplate ist das mit Abstand größte deutsche Förderfeld, gefolgt von Dieksand auf dem Festland. Aus Niedersachsen stammen 31,2 Prozent der Rohölförderung, vor allem aus Bohrungen bei Lingen und Meppen nahe der niederländischen Grenze. Vor allem ExxonMobil fördert in Niedersachsen. Nennenswerte Mengen liefern auch Lagerstätten in Rheinland-Pfalz (7,4 Prozent) bei Landau und Speyer sowie nahe Worms. In Bayern (rund zwei Prozent) wird Öl südlich von Augsburg und nordwestlich von Memmingen gefördert. Kleinere Mengen kommen aus Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern.

    Wie lange reichen die Vorkommen?

    Nach Angaben des Bundesverbands Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG) verfügt Deutschland über gesicherte und wahrscheinliche Reserven von 23,3 Millionen Tonnen Rohöl, 12,9 Millionen Tonnen allein in Schleswig-Holstein. Zu den Reserven zählen Vorkommen, die durch eine Bohrung bestätigt sind und sich mit bekannter Technik und wirtschaftlich fördern ließen. Zusätzlich gibt es sogenannte Ressourcen, Ölvorkommen, die bestätigt sind, sich aber nicht wirtschaftlich fördern. Zusätzlich gibt es sogenannte Ressourcen, Ölvorkommen, die nachgewiesen sind, aber nicht wirtschaftlich gefördert werden können oder noch genau erfasst werden müssen. Deshalb lässt sich nicht genau sagen, wie lange das deutsche Öl reicht. Der BVEG gibt einen statistischen Wert von 14,5 Jahren an.

    Kann heimisches Öl russische Lieferungen ersetzen?

    Nur zu einem kleinen Teil. Die geförderten Mengen, die seit Jahren sinken, sind zu gering, die Kapazität lässt sich auch nicht schnell ausweiten. Die Branche will „die Produktion auf aktuellem Niveau halten und bestenfalls sogar leicht ausbauen“, wie BCEG-Hauptgeschäftsführer Ludwig Möhring kürzlich sagte. Einige Unternehmen haben Lizenzen, um nach weiteren aussichtsreichen Ölfeldern zu bohren, allerdings dauert es, ein neues Feld zu erschließen. WintershallDea hat bereits 2019 weitere Bohrungen in Mittelplate beantragt. Erstes Öl könnte 2025 fließen. Die Genehmigung steht aus, Umweltverbände wehren sich. Weil sich Deutschland in den kommenden Jahren zudem von fossilen Brennstoffen verabschieden will, ist auch fraglich, ob sich neue Förderung rechnen würde. Der Ausbau von Mittelplate etwa kostet mehr als 100 Millionen Euro.

    Seit wann wird Öl in Deutschland gefördert?

    Alles begann 1858 in Wietze, 30 Kilometer nördlich von Hannover in Niedersachsen. Der Ort rühmt sich sogar einer der ersten Erdölbohrung der Welt. Hier wurden seit dem 17. Jahrhundert Ölschlämme abgebaut. Zwischen 1900 und 1920 war Wietze das größte Ölfördergebiet Deutschlands. Fotos aus der Zeit zeigen einen Wald aus Bohrtürmen. Gefördert wurde bis 1963 – teilweise auch untertage.

  • Wie ticken Millionäre?

    Persönlichkeit der Reichen entschlüsselt

    Wer möchte nicht gern reich sein? Vielleicht nicht unbedingt ein Milliardenvermögen wie bei Ugur Sahin und Özlem Türeci, den beiden Gründern des Mainzer Corona-Impfstoffherstellers Biontech, aber ein paar Millionen schon, um sich nicht mehr so viele Sorgen machen zu müssen. Wer nicht erben kann, muss das Vermögen erarbeiten. Warum schaffen es einige und andere nicht? Sind Millionäre besondere Menschen? Erstmals haben Forscher jetzt wissenschaftlich ermittelt, wie Deutschlands Reiche ticken.

    Und nicht nur das: Das Team um Johannes König vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kann auch unterscheiden zwischen denen, die ein Vermögen geerbt, und denen, die es selbst erworben haben. Diese Self-Made-Millionäre besitzen im Schnitt vier Millionen Euro, während vermögende Erben über drei Millionen Euro verfügen. Die Erkenntnisse der Studie wertet König als „einmaliges Ergebnis“.

    Was macht also erfolgreiche Millionäre aus? Sie sind Neuem gegenüber aufgeschlossener, zugewandter, geselliger und gewissenhafter als die weniger vermögende Bevölkerung. Und sie gehen optimistischer durchs Leben. So zeigt es die Studie. „Was heraussticht: Self-Made-Millionäre sind besonders risikofreudig“, sagt König. „Sie gehen mehr Wagnisse ein.“ Millionäre aus eigener Kraft sind der Studie zufolge eher selbstständig, leiten größere Unternehmen. Und: „Millionäre, die ihren Reichtum geerbt haben, sind den Nicht-Reichen ähnlicher als den Millionären, die ihr Vermögen selbst erworben haben“, sagt König.

    Die Forscher stützen sich auf Daten des Sozioökonomischen Panels. Seit 1984 werden die Bundesbürger dafür regelmäßig nach ihren Verhaltensweisen, Einkommen, Vermögen und vielen anderen Merkmalen befragt. Jetzt sind erstmals gezielt auch Reiche befragt worden – ein besonderes Unterfangen, weil die Gruppe gezielt angesprochen werden musste und eher zurückhaltend ist. Die Teilnahme ist freiwillig. Gefragt wird unter anderem nach der finanziellen Situation und danach, ob man eher gesellig ist, schnell ungeduldig wird. Daraus haben die Forscher dann die Persönlichkeitsbilder ermittelt. Die Daten zu den Millionären stammen von 2019.

    Untersucht haben die Wissenschaftler Angaben von fast 24.000 Personen. Darunter waren mehr als 1100 mit einem Nettovermögen von mindestens einer Million Euro. Im Nettovermögen erfasst werden Immobilien, Finanzvermögen und Geldanlagen, Unternehmensbeteiligungen und wertvoller Besitz wie zum Beispiel Gemälde. Gegengerechnet werden Schulden, etwa Hypotheken. Die Daten beziehen sich jeweils auf eine Person, gemeinsam genutzte Häuser zum Beispiel flossen anteilig ein. Die reichsten fünf Befragten besaßen demnach mehr als 100 Millionen Euro.

    Milliardäre sind in der Studie nicht dabei. „Diese Gruppe ist noch schwerer zu erreichen als die Vermögenden“, sagt König. Er vermutet, dass die Verhaltensweisen dort noch ausgeprägter sein könnten als bei Millionären. Ein Blick in die USA stützt die These: Unternehmer wie Amazon-Gründer Jeff Bezos oder Tesla-Chef Elon Musk – die beiden reichsten Männer der Welt – bauten ihre Unternehmen mehr oder weniger aus dem Nichts auf – hartnäckig und mit hohem Risiko.

    Wobei sich die Ergebnisse der deutschen Studie nur eingeschränkt auf andere Länder übertragen lassen, unter anderem, weil das Wirtschaftssystem – in Deutschland die soziale Marktwirtschaft – den Rahmen für das Handeln der Menschen vorgibt. In einer stärker von Plan geprägten Wirtschaft oder einer rein kapitalistischer sind möglicherweise andere Persönlichkeiten erfolgreicher. Wie viele risikofreudige Menschen mit ihren Ideen scheiterten, ist nicht erfasst – sie fallen ja nicht in die Millionärskategorie. Dem Vermögensreport des Beratungsunternehmens Capgemini zufolge gab es 2020 mehr als 1,5 Millionen Millionäre in Deutschland – allerdings in Dollar gemessen.

    Bleibt die Frage: Tickt der Self-Made-Millionär so, weil er reich geworden ist, oder war er schon so und wurde deshalb reich? „Wir können nicht ausschließen, dass Reichtum die Persönlichkeit ändert“, sagt König. Aber das Persönlichkeitsprofil der Self-Made-Millionäre ähnele dem der Nicht-Reichen Self-Mades, die noch keine Million Nettovermögen hätten. Und letztere könnten womöglich leichter zu den Reichen aufsteigen.

    Wer zurückhaltend und jetzt etwas frustriert ist: Das Persönlichkeitsbild ist wichtig, aber nicht entscheidend, um Millionär zu werden. Oder, wie König es sagt: „Für einen leckeren Kuchen sind viele verschiedene Zutaten nötig, die richtig gemischt und bei der korrekten Temperatur gebacken werden müssen.“ Für einen frisch gebackenen Millionär oder eine frisch gebackene Millionärin sind neben der Persönlichkeit unter anderem auch gute Bildung und richtige Investoren, Familie und Freunde wichtig – und eine Portion Glück.

  • Porträt Gazprom Germania

    Staatliche Aufsicht für Gazprom-Tochter

    In der Geschichte der Bundesrepublik ist der Schritt ohne Beispiel: Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) unterstellt ein privates Unternehmen einem staatlichen Treuhänder. Gazprom Germania mit Sitz in Berlin wird jetzt von der Bundesnetzagentur gesteuert. Das Tochterunternehmen des größten Erdgaskonzerns der Welt ist nicht irgendeine Firma: Sie kontrolliert nicht nur Gaslieferungen nach Deutschland – noch immer kommen 40 Prozent des importierten Gases aus Russland –, sondern ist auch wesentlich für das Auslandsgeschäft des russischen Staatskonzerns Gazprom.

    Für den Bundeswirtschaftsminister ist vor allem die sogenannte strukturelle Infrastruktur wichtig, die Gazprom Germania gehört oder an der das Unternehmen beteiligt ist. So betreibt das Unternehmen über die Tochter Astora drei Gasspeicher in Deutschland, unter anderem den größten deutschen im niedersächsischen Rehden, südlich von Bremen. Er steht für ein Fünftel der gesamten Speicherkapazität. Gazprom Germania besitzt auch knapp die Hälfte an Gascade, das Pipelines vor allem in Ostdeutschland betreibt.

    Zum Unternehmen gehört auch Wingas in Kassel, das nach Angaben des Verbands Zukunft Gas zehn bis 15 Prozent des deutschen Gashandels steuert. Nach eigenen Angaben sind es sogar 20 Prozent. Es verkauft Gas auch nach Belgien, in die Niederlande, nach Österreich und Tschechien. Wingas betreibt auch 3000 Kilometer Glasfasernetz neben Gaspipelines.

    Gazprom Schweiz mit Sitz in Zug wird ebenfalls von Gazprom Germania gesteuert. Die Firma kauft, transportiert und verkauft Gas aus Aserbeidschan, Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan. Und dann ist da noch Gazprom Marketing und Trading in London, wo inzwischen mehr als die Hälfte der Mitarbeiter von Gazprom Germania arbeiten. Die Firma handelt mit Erdgas, Öl, Strom und Raffinerieprodukten weltweit. Zudem beschäftigt sie sich mit intelligenten Stromzählern, Energiemanagement und CO2-Zertifikate-Handel.

    Gazprom Germania setzte 2020 rund 12,8 Milliarden Euro um. Ein Jahr zuvor, als die Gaspreise noch höher waren, waren es sogar 24,3 Milliarden Euro. Der Gewinn betrug 277 (2019: 193) Millionen Euro, etwas mehr als 2019. Neuere Zahlen gibt es nicht, der Ausblick sah weniger Umsatz für 2021 vor. Die Berliner beschäftigten Ende 2020 etwa 1500 Mitarbeiter, knapp die Hälfte davon in Deutschland.

    Gazprom hatte überraschend angekündigt, das deutsche Tochterunternehmen aufzugeben. Offenbar hatte der Konzern aus St. Petersburg Gazprom Germania an Gazprom Export Business Services und JSC Palmary übergeben, was in Deutschland nicht bekannt war – ein Verstoß gegen das Außenwirtschaftsgesetz. Da es um kritische Infrastruktur in Deutschland ging, ist der Verkauf eines Unternehmens an einen Käufer aus einem Nicht-EU-Staat melde- und genehmigungspflichtig. Die neuen Eigentümer hatten vergangenen Freitag beschlossen, Gazprom Germania solle sich abwickeln – unrechtmäßig, weil der Kauf nicht genehmigt war. Habeck ordnete deshalb den Treuhänder an, weil Gefahr im Verzug war.

    Unklar ist bisher, wie sehr Gazprom Germania und seine Tochterunternehmen bisher unter den Sanktionen gegen Russland gelitten haben. Weltweit versuchen sich Länder, unabhängig von russischen Rohstoffen zu machen und möglichst wenig mit Firmen aus Russland zu tun zu haben. Ob Gazprom Germania überhaupt bestehen bleibt, ist auch unsicher. Einzelne Teile wie die Speicher, der Pipelinebetreiber und vor allem Wingas mit seiner jahrelangen Expertise ließen sich gut verkaufen, ist zu hören.

    Folgen für die Gaslieferungen nach Deutschland sind auch offen. Bisher fließt das Gas. Wingas hat langfristige Verträge direkt mit Gazprom, ähnlich sieht es offenbar bei Uniper aus, dem größten Importeur russischen Gases. Wobei langfristig bis zu 25 Jahre bedeuten kann.

    Zunächst ist die Bundesnetzagentur gefragt. Präsident Klaus Müller hat schon angekündigt, für eine ordnungsgemäße Geschäftsführung zu sorgen. Der Treuhänder ist bis 30. September bestellt. Gazprom kann gegen die Entscheidung noch klagen.