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  • Inflation trübt Urlaubslust nicht

    Drei von vier Deutschen planen eine Winterreise

    Einkaufen wird teurer, Sprit, Energie – und der Ausblick für den Winter lässt auch nicht gerade hoffen. Sparen ist angesagt. Und offenbar auch die Flucht in sonnigere Gebiete, zumindest zeitlich begrenzt. Denn die Bundesbürger planen für die kalte Jahreszeit, zu verreisen – trotz allem. Auf Teneriffa oder an der ägyptischen Küste ist vielleicht auch einiges teurer, dafür scheint aber die Sonne.

    „Die Reiselust ist ungebrochen und Urlaub bleibt für die Menschen eine Herzensangelegenheit“, sagt Stefan Baumert, Chef von TUI Deutschland. Fast drei Viertel aller Deutschen (74 Prozent) möchten im Winterurlaub verreisen, wie eine Blitzumfrage von Yougov im Auftrag von TUI Deutschland ergab. Und auch wenn ein Drittel der mehr als 2100 Befragten sich erst kurzfristig entscheidet, wohin es gehen soll, hat Europas größter Reiseveranstalter bereits eine Liste der beliebtesten Ziele.

    Ganz oben stehen wie in den Vorjahren die Kanaren mit Fuerteventura, Gran Canaria, Lanzarote und Teneriffa. Jeder zweite Winterurlauber bucht auf der Flugmittelstrecke dem Unternehmen zufolge eine der Inseln. Auf Rang zwei folgt Ägypten, die klassischen Badeorte am Roten Meer, inzwischen aber auch Nilkreuzfahrten. Im vergangenen Jahr lag Ägypten noch auf Platz 4. Ebenfalls unter den drei beliebtesten Zielen: die Türkei.

    Auf dem neunten Platz der Liste, zwischen Mallorca und Marokko, findet sich ein Land, in das die Tourismusmanager große Hoffnung setzen, Senegal. Zwischen Sahara und den tropischen Feuchtwäldern an Afrikas Westküste gelegen, entwickelt es sich zu einem neuen Tourismusziel. TUI hat es seit dieser Wintersaison im Angebot.

    Dass eine Mehrheit der Deutschen im Winter verreisen will, heißt nicht, dass sie auch tatsächlich in Zug oder Flieger steigen werden. „Der Unterschied zwischen „Wollen“ und „Machen“, nennt es Baumert. Knapp ein Drittel (30 Prozent) will sich der Umfrage zufolge je nach persönlicher Lage kurzfristig für eine Reise entscheiden. Die natürlich idealerweise wenig kostet. Ein Viertel der Befragten (27 Prozent) achtet auf besonders gute Schnäppchen, bevor gebucht wird. Und jeder und jede Fünfte suchen nach Angeboten in günstigeren Urlaubsländern. Auch deshalb lockt TUI Frühbucher. „Mit bis zu 40 Prozent Ersparnis sind die Angebote auch Last Minute kaum zu toppen“, sagt Hubert Kluske, Geschäftsführer für Vertrieb und Marketing.

    Angesichts der Inflation rechnet TUI-Deutschland-Chef Baumert, dass die Urlauber mehr Rund-um-sorglos-Pakete buchen. „Wir werden einen Run auf All-Inclusive-Angebote sehen“, sagt er. Bereits jetzt ist diese Form sehr beliebt. Sie macht mehr als die Hälfte der im Winter gebuchten Reisen aus, Tendenz steigend. Baumert hat gute Nachrichten für Urlauber: Weil viele Flug- und Hotelkontingente für den Winter 22/23 bereits im Frühjahr ausgehandelt wurden, schlagen die steigenden Energiepreise und die hohe Inflation nicht voll auf die Preise durch. Für den kommenden Sommer dürften die Preise aber steigen.

    Ein neues Geschäftsfeld tut sich offenbar als Folge der Corona-Pandemie auf. Viele Beschäftigte arbeiteten von zu Hause aus. Der ein oder die andere verlegte den Arbeitsplatz gleich ganz an die Sonne. „Wir sehen, dass es da einen Markt gibt“, sagt Baumert. Entsprechend lassen sich jetzt auch Unterkünfte bis zu drei Monate am Stück buchen, ausgestattet mit Schreibtisch, Internetverbindung und auf Wunsch Leihwagen.

    Das Unternehmen hofft mit seinen Angeboten auf eine erfolgreiche Wintersaison. Der Sommer jedenfalls lief offenbar sehr gut. „Wir haben einen Reiseboom gesehen, der die guten Werte aus dem Jahr 2019 teilweise sogar übertroffen hat“, schwärmt Baumert. „Die Sommermonate waren quasi ausverkauft. Der Sommer 2022 entwickelt sich weiter in Richtung des Niveaus von 2019“ – ein Rekordjahr für die Reisebranche. Erstmals nach der Corona-Pandemie waren 2022 wieder umfangreiche Reisen auch ins entferntere Ausland möglich. Reisende buchten zwar kurzfristiger als früher, gaben aber nach Aussage von Baumert mehr Geld aus, weil sie sich für längere Reisen und hochwertigere Unterkünfte entschieden.

    Das gute Deutschland-Geschäft im Sommer 2022 lässt auch für den Gesamtkonzern hoffen. Der Staat hatte TUI in der Pandemie mit 4,3 Milliarden Euro gestützt, um eine Insolvenz abzuwenden. Das Geschäft des Unternehmens war eingebrochen, weil Reisen weltweit beschränkt wurden. Zum Konzern gehören 1600 Reisebüros, fünf Fluggesellschaften mit rund 150 Flugzeugen, mehr als 400 Hotels, 16 Kreuzfahrtschiffe. Im Vorkrisenjahr 2019 setzte TUI mit mehr als 71.000 Mitarbeitern rund 19 Milliarden Euro um. 2021 waren es 4,8 Milliarden Euro. Das Geschäftsjahr endet Ende September. Gesonderte Zahlen für das Deutschland-Geschäft werden nicht veröffentlicht.

  • Ab in den Untergrund

    Finnland und Schweden zeigen, wie Endlager geht

    Am Montag ist es soweit: Die Schweiz wird verkünden, wo das Atomendlager des Landes gebaut wird. Das Land gehört dann zu den wenigen, die wissen, wo sie hochradioaktiven Müll entsorgen wollen. Fest steht schon: Es wird nahe der deutschen Grenze sein. Besonders weit in der Endlagerfrage sind die Finnen – vor allem, weil die Bevölkerung im Endlager eine Chance sieht. Ähnlich ist es in Schweden. Deutschland sucht.

    Das Problem ist für alle Länder gleich: Brennstäbe, die in einem Atomkraftwerk Energie geliefert haben, strahlen, können nicht einfach auf einer Kippe entsorgt werden. Entsprechend sicher muss ein Lager für Atommüll sein. Experten schätzen, dass mindestens 100.000 Jahre nötig sind, bis die Strahlung auf ein natürliches Niveau gefallen ist. Wie die Welt dann aussieht, lässt sich kaum vorstellen. Zur Einordnung: Vor 100.000 Jahren lebte noch der Neandertaler, waren Faustkeile ein beliebtes Werkszeug.

    In Deutschland soll bis 2031 ein geeigneter Endlagerstandort gefunden werden. Dann muss es noch gebaut werden. Bis es ein Endlager gibt, wird zwischengelagert: in Deutschland unter anderem an den ehemaligen Atomkraftwerken, im nordrhein-westfälischen Ahaus und im mecklenburg-vorpommerschen Lubmin.

    Das niedersächsische Gorleben, 1977 politisch als Endlager festgelegt und Jahrzehnte heftig umkämpft, ist ausgeschlossen. Andere Länder sind deutlich weiter als Deutschland, auch weil die Bevölkerung im Endlager eher einen Vorteil, denn eine Last sieht. Vorn dabei sind die Skandinavier.

    Finnland

    Das Land ist das erste weltweit mit einem funktionsfähigen Endlager. Die Suche danach begann 1983. Der Staat gestattete den Gemeinden sogar ein Vetorecht. Die Finnen gelten als pragmatisch. Und sie vertrauen Wissenschaftlern. Nennenswerte Proteste gab es deshalb nicht, als die Gemeinde Eurajoki an der Westküste 2004 ausgewählt wurde. Auch die Regionalpolitiker stimmten zu. Die Einwohner haben Erfahrung mit Atomenergie, auf der Insel Olkiluoto, wo das Endlager liegt, stehen drei der fünf finnischen Atomkraftwerke.

    Bereits der Bau des Endlagers brachte der Gemeinde hohe Steuereinnahmen, die sie geschickt investierte. Die Bevölkerung wächst, unter anderem auch, weil Eurajoki den Gemeindeanteil an der Einkommenssteuer auf den niedrigsten Satz in Finnland senkte. 2024 will der Endlagerbetreiber Posiva beginnen, Brennstäbe einzukapseln und unter der Erde zu lagern. In 120 Jahren soll die Anlage dann befüllt sein, 2100 verschlossen werden.

    Schweden

    Knapp 50 Jahre lang galt der Ort Östhammar gut 100 Kilometer nördlich von Stockholm an der Ostküste bereits als geeignet für ein unterirdisches Endlager. Die Atomindustrie suchte den Standort unter anderem danach aus, ob die Bevölkerung aufgeschlossen ist. In Östhammar ist sie es. In der Nähe steht das Atomkraftwerk Forsmark, eine der sechs schwedischen Anlagen. Auch verspricht sich die Gemeinde Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Vor zwei Jahren stimmte der Gemeinderat für das Endlager. Es dauerte dann dennoch etwas: Erst Ende Januar 2022 genehmigte die schwedische Regierung den Standort. Umweltschützer haben allerdings geklagt. Bis das zuständige Gericht entschieden hat, kann nicht gebaut werden. Sollten die Umweltschützer verlieren, dauert es noch zehn Jahre, bis die ersten Brennelemente eingelagert werden können.

    Schweiz

    Zuletzt prüfte die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) drei Regionen nahe der deutschen Grenze. Am Montag will sie den endgültigen Standort verkünden. Bis dann die ersten Brennstäbe aus den vier Kraftwerken eingelagert werden können, dauert es noch. Es wird genauer geprüft, die Bevölkerung und die Regionen beteiligt. 2030 soll der Bundesrat entscheiden, dann ist noch ein Volksentscheid möglich. In Betrieb gehen kann die Anlage frühestens 2060. Derzeit lagert der hochstrahlende Atommüll oberirdisch im Zwischenlager Würenlingen, keine zehn Kilometer von der Grenze zu Deutschland entfernt.

    Frankreich

    Früh dran mit einem Standort für ein Endlager waren die Franzosen. Bereits 2000 bestimmten sie das kleine Dorf Bure im Osten Frankreichs, gut 150 Kilometer von Saarbrücken entfernt. Zwei weitere Standorte in Zentralfrankreich wurden verworfen. Seither dauert es. Die Einwohner wehrten sich mehrfach. Umweltorganisationen klagten – bisher ohne Erfolg. Derzeit wird eine Pilotanlage gebaut, um Brennstäbe zu verpacken und in ein unterirdisches Tunnelsystem einzulagern. 2030 soll sie startbereit sein. Von 2040 an soll das Endlager dann regulär befüllt werden.

    Frankreich arbeitet Brennstäbe aus seinen Atomkraftwerken in der Anlage La Hague in der Normandie auf und verwendet das Material mehrfach. Dennoch fällt sehr viel Atommüll an. Denn das Land setzt sehr stark auf Atomenergie. Knapp 70 Prozent des Stroms liefern die 56 Reaktoren – wenn sie am Netz sind.

    Großbritannien

    Auch Großbritannien sucht seit Jahren nach einem Endlagerstandort. Zuletzt untersuchte ein Forschungsschiff sogar die Möglichkeit, es unter der Irischen See vor der Nordwestküste anzulegen. 2013 hatte die Regierung bereits einen Standort nahe der britischen Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield im Nordwesten gefunden. Neben dem Untergrund, der geeignet sein soll für ein Endlager, setzten die Behörden auch auf ein Jobversprechen für die strukturschwache Region. Die Bevölkerung hielt allerdings wenig von den Plänen und protestierte so heftig, dass die Zentralregierung einknickte. Derzeit werden vier Standorte im Nordwesten und Nordosten Englands geprüft. Ob in absehbarer Zeit ein Standort gefunden wird, ist unklar. Die Region muss zustimmen – und die Bevölkerung. Ein Endlagerstart ist frühestens 2040 vorgesehen. In Sellafield lagern bisher drei Viertel des britischen Atommülls – oberirdisch.

    In fast jedem Land, das Atomanlagen betreibt, wird immer wieder auch eine Lösung für den strahlenden Müll diskutiert, bei der keine Gemeinde oder Bürgerinitiative widersprechen kann: das All. Jede Menge Platz und irgendwann verglüht das Material womöglich in einer weit entfernten Sonne. Ob allerdings jemand dafür garantiert, dass die Rakete mit der strahlenden Fracht beim Start nicht in der Erdatmosphäre explodiert, ist unwahrscheinlich.

  • Die Bank für alle Fälle

    Bei Uniper ist die KfW die Feuerwehr der Bundesregierung

    Mal eben einen Kredit von neun Milliarden Euro für den angeschlagenen Energiekonzern Uniper? Die KfW macht‘s möglich. Und wie es aussieht, muss sie sogar noch aufstocken. So rettet sie im Auftrag der Bundesregierung die deutsche Gasversorgung und verhindert Chaos am Gasmarkt. Dabei hat die Bank andere Aufgaben: Sie soll Wirtschaft und Klimaschutz fördern. Und auch die Entwicklungshilfe hängt nachhaltig am Institut in Frankfurt/Main.

    Zunächst einmal: Niemand kann bei der KfW ein Girokonto eröffnen oder ein Sparbuch anlegen. Es gibt auch keine Filialen. Und selbst die zinsgünstigen Kredite, die ihren Namen tragen, vergeben klassische Geschäftsbanken oder Sparkassen. Die KfW hat eine Sonderstellung. Sie ist die Förderbank des Bundes und eine der größten dieser Art weltweit. Ähnliche Banken betreiben auch die Bundesländer.

    Gegründet wurde die KfW als Kreditbank für den Wiederaufbau im November 1948. Sie ist damit älter als die Bundesrepublik. Mit der Bank sollte der deutschen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg wieder Leben eingehaucht werden. Das Geld stammte in der Anfangsphase aus dem Europäischen Wiederaufbauprogramm, auch Marshallplan genannt. 1994 übernahm sie die Staatsbank der DDR in Berlin und 2003 die Deutsche Ausgleichsbank in Bonn. Zuletzt arbeiteten mehr als 7300 Beschäftigte für die Bank.

    Die KfW gehört zu 80 Prozent dem Bund, die restlichen Anteile halten die Bundesländer. Ein Verwaltungsrat kontrolliert die Arbeit. An der Spitze wechseln sich jeweils der Bundesfinanz- und der Bundeswirtschaftsminister ab. Derzeit hat Robert Habeck (Grüne) den Vorsitz inne. Der staatliche Auftrag ist im KfW-Gesetz festgeschrieben. Und die Bank hat einige Aufgaben. Über die Jahre wurden es immer mehr.

    Zunächst soll sie bei Umweltschutz und Klimaschutz helfen, Innovationen unterstützen, Gründern unter die Arme greifen – Ziele, die Politik und Gesellschaft wünschen. Dafür stellt sie Geld bereit. So gibt es besondere Kredite für den Bau eines Niedrigenergiehauses oder für den ökologischen Umbau einer Werkshalle. Von den 107 Milliarden Euro Neugeschäft im vergangenen Jahr floss ein Drittel in diesen Bereich. Wer sich selbstständig macht, bekommt oft bei klassischen Banken und Sparkassen kein Geld oder muss hohe Zinsen zahlen, weil die Institute das Risiko als zu hoch werten. Hier springt die KfW mit günstigen Krediten ein. Auch Studienkredite und Meisterdarlehen laufen über die Bank.

    Dabei legt die Förderbank die Konditionen fest, etwa Zinssatz, Laufzeit, Zinsbindungsfrist. Die Kredite vergeben aber die klassischen Banken und Sparkassen – wenn sie denn wollen. Sie beraten diejenigen, die einen Kredit haben möchten und tragen auch das Risiko, sollte der Schuldner oder die Schuldnerin nicht mehr zahlen können. Dafür bekommen sie eine Gebühr.

    Das Geld für die Kredite beschafft die KfW weltweit. Sie gibt ähnlich wie der Bund Anleihen aus. Und weil die Bundesrepublik hinter der Bank steht und für sie garantiert, sind diese Anleihen besonders sicher. Ratingagenturen bewerten die KfW mit der Bestnote AAA. Das bedeutet: Es gilt als unwahrscheinlich, dass die Anleger ihr Geld verlieren, weil die KfW die Anleihen nicht zurückzahlt. 2021 hat die Bank rund 82,6 Milliarden Euro an den Kapitalmärkten aufgenommen.

    Im Auftrag des Entwicklungshilfeministeriums setzt die Förderbank die Klima- und Umweltinitiative. Hier werden entsprechende Projekte in Entwicklungsländern mit Krediten gefördert. Geld gibt es auch für Unternehmen, die in Schwellenländern tätig sind. Eine KfW-Tochter investiert auch in Risikokapitalfonds, um die Lage für Start-ups zu verbessern.

    Und dann sind da noch die Sonderaufgaben, offiziell Zuweisungsgeschäft, die die Bundesregierung ihrer Förderbank auferlegt. Dazu gehört das Darlehen für Uniper. Weil die KfW die gute Bewertung an den Kapitalmärkten hat und zu den größten Förderbanken der Welt gehört, kann sie große Summen recht kurzfristig zu günstigen Konditionen beschaffen. Wobei neun Milliarden Euro auch für ein Institut wie die KfW ziemlich viel sind. In diesem Fall führt die KfW auch nur eine Anweisung aus. Wenn der Kredit platzt, muss der Bund einspringen, dafür bekommt er auch die Zinsen.

    Auch das Sonderprogramm Corona hat der Bund an die KfW übertragen. Die Bank zahlt Zuschüsse des Staates aus und vergibt Kredite. Das Risiko trägt der Bund. Auch die Griechenland-Hilfen des Bundes liefen über die KfW im Zuge der Sonderaufgaben. Die KfW hält zudem die Staatsanteile an der Deutschen Telekom und der Deutschen Post. Und steigt im Auftrag des Bundes auch schon mal bei einem Unternehmen ein. So kaufte sie vor vier Jahren 20 Prozent am ostdeutschen Stromnetzbetreiber 50Hertz. Der Bund konnte so den Einstieg eines staatlichen chinesischen Unternehmens verhindern.

    Bei allen Aufgaben hat sich die Förderbank bisher gut gehalten. Für 2021 wies die Bank einen Gewinn von 2,2 Milliarden Euro aus, deutlich mehr als in den Jahren davor. Das Geld wird nicht an den Bund ausgeschüttet. Es bleibt per Gesetz in der Bank und wird wieder investiert.

  • Kumpan zieht Vespa davon

    Deutsche gewinnen Plagiatsstreit gegen Marktführer

    Innovatives Produkt fertig, Stand auf der wichtigsten Messe, direkt gegenüber dem des Marktführers. Patrik, Daniel und Philipp Tykesson wollen in Mailand mit ihrem neuen E-Moped Kumpan Electric die Branche aufmischen. Tempo 100, neueste Technik. Dann kommt die Polizei und nimmt die Fahrzeuge mit. Plagiatsverdacht. Marktführer Piaggio (Vespa) klagt beim Europäischen Markenamt. An diesem Tag im November 2018 könnte die Geschichte zu Ende sein. Doch die drei Gründer sind sehr hartnäckig. Und offenbar ist der Erfindergeist aus der deutschen Provinz überlegen.

    Hersteller Piaggio – 2021 rund 1,67 Milliarden Euro Umsatz, 5700 Mitarbeiter – wollte damals seine E-Vespa vorstellen. Aber: „Unser Fahrzeug war technisch einfach besser“, behauptet Patrik Tykesson heute. Er ist Geschäftsführer von E-Bility – eher übersichtlicher Umsatz, 85 Mitarbeiter –, der die Marke Kumpan Electric gehört. Der Verdacht: Piaggio will den Konkurrenten einfach aus dem Verkehr ziehen. Der anschließende Rechtstreit hat fast vier Jahre gedauert. Die Beschwerdestelle des Markenamtes EUIPO entschied jetzt in zweiter Instanz – zugunsten der Deutschen (Az. R 1663/2020-3).

    Die Geschichte von Kumpan Electric beginnt in der Garage – und mit der Leidenschaft des Großvaters für seinen alten Volvo. „Wir haben immer schon geschraubt und Fahrzeuge restauriert“, sagt Tykesson. „Das steckt in der Familie. Hauptsache, das Fahrzeug hat einen Motor.“ Nach dem Studium und zahlreichen Praktika in Unternehmen wollte Patrik sich 2009 selbstständig machen, die Brüder waren schnell mit dabei. Elektroantrieb sollte es sein. „Der Markt für E-Fahrräder war uns zu etabliert, Autos zu groß.“ Also E-Mopeds.

    Und weil Asien als führend galt, flog Bruder Patrik für sechs Wochen nach China und Taiwan, besuchte Hersteller und fand schließlich einen, der passen konnte. Er baute Benzinroller für den europäischen Markt. „Wir haben dann das Fahrzeugüberarbeitet, praktisch mit der Flex zerlegt, und nach unseren Ideen wieder zusammengebaut“, erinnert sich der Geschäftsführer. Und elektrifiziert. Daraus entstand der erste Roller, den der asiatische Hersteller dann für die 2010 gegründete E-Bility baute.

    Auf Dauer waren die drei Brüder mit dem E-Roller nicht zufrieden. Die Qualität entsprach nicht den Vorstellungen. Wegen der Entfernung dauerte es zu lange, bis neue Ideen umgesetzt wurden. „Und wir hatten keine vollständige Kontrolle.“ 2015 entschieden die Tykessons, ein neues Produkt zu entwickeln. 85 Prozent der Teile kommen heute aus Deutschland, die vier verschiedenen Hauptmodelle werden in der eigenen Fabrik in Remagen gebaut. Die erste Maschine lief im August 2018 vom Band.

    Akku, Controller und Motor haben die Tykessons selbst entwickelt. „Wir haben kein adäquates Material aus dem Regal gefunden.“ Selbst um die Stecker haben sie sich gekümmert. „Wir sind heute noch Technologie-Marktführer“, behauptet Patrik Tykesson. Als Konkurrenten sieht er neben Piaggio vor allem Honda und Yamaha.

    Dazu kommt das Design. „Wir haben Elemente der 50er und 60er Jahre genommen und integriert. Wir haben uns bewusst für ein klassisches Design entschieden“, sagt der Geschäftsführer. Nur eben deutlich moderner. Eigene Technik, eigenes Design, beim europäischen Markenamt eingetragen. Fehlte 2018 nur noch etwas Aufmerksamkeit.

    Bei der Intermot in Köln hatte Kumpan schon einen Stand neben Marktführer Piaggio gebucht. „Da kommen Händler aus aller Welt vorbei, das wollten wir nutzen.“ Und den Kölner Erfolg in Mailand bei der EICMA, der wichtigsten Messe der Branche, mit neuen Modellen wiederholen. Doch statt der erhofften Journalisten und Fachhändler kamen Anwälte und Polizisten.

    Die vier ausgestellten Fahrzeuge wurden beschlagnahmt. Das italienische Gesetz ist da anders als im Rest Europas. Über Nacht brauchte Kumpan eine Abwehrstrategie. Die lief übers Netz machte das Unternehmen bekannter. Schließlich kämpft nicht jeden Tag ein kleiner Newcomer gegen den Marktführer. Das Verfahren vor dem EUIPO zog sich, Piaggio verlor in erster Instanz und jetzt auch vor der Beschwerdestelle, die keine Übereinstimmung des Kumpan-Rollers mit der Vespa feststellte, nur allgemein für solche Fahrzeuge übliche Ähnlichkeiten.

    Das Verfahren hat viel Kraft gebunden, das Geschäft aber nicht vollständig blockiert. „Wir können unser Fahrzeuge grundsätzlich überall verkaufen außer in Italien“, sagt Tykesson. Schwerpunkt ist bisher Deutschland. Kumpan-Roller sind aber auch in anderen europäischen Ländern, sogar in Florida unterwegs. Verkauft wird vor allem online. Es gibt ein Geschäft in Köln, einen Werksverkauf in Remagen und den fliegenden Vertrieb, der zum Kunden kommt.

    Hätte Piaggio gewonnen, hätte das auch Folgen für andere Anbieter und Märkte gehabt, sagt der E-Bility-Geschäftsführer. „Wir waren uns sicher, alles richtig gemacht zu haben. Aber selbst verständlich sind auch wir nicht fehlerfrei.“ Noch läuft die Einspruchsfrist. Piaggio hat sich auf Anfrage bisher nicht geäußert, ob sie die Niederlage akzeptieren oder vor das Gericht der EU ziehen wollen. Stichtag ist der 3. Oktober.

  • Milliarden für die Resterampe

    Bei Uniper muss jetzt der Staat eingreifen

    Es ist als „Resterampe“ gestartet, jetzt muss der Staat Milliarden in das Unternehmen pumpen. Uniper aus Düsseldorf ist zu wichtig für die deutsche Energieversorgung. Eine Pleite hätte aus Sicht des Bundeswirtschaftsministeriums unübersehbare Folgen gehabt. Was rettet der deutsche Staat da mit Steuergeld und einer verkorksten, sehr teuren Gasumlage?

    Uniper ist erst wenige Jahre alt. Entstanden ist der Konzern als Teil des radikalen Wandels der deutschen Energieindustrie. Und er ist ein Beispiel dafür, was passiert, wenn Geschäfte im Verborgenen laufen. Es spielen auch noch mit: Jede Menge Manager-Ego, ein aggressiver US-Hedgefonds und ein umtriebiger Vermögensberater, finnische Investoren mit viel Geld und wenig Konzept.

    Doch zunächst die wesentlichen Fakten: Uniper mit Sitz in Düsseldorf handelt weltweit mit Gas. In Deutschland beliefert das Unternehmen mehr als 100 Stadtwerke mit Gas. Uniper besitzt zwei Langfristverträge mit dem staatlichen russischen Gaskonzern Gazprom und ist größter deutscher Importeur russischen Gases, steht für gut ein Fünftel der deutschen Gasversorgung. Die Verbindungen nach Russland reichen bis in die Fünfzigerjahre zurück. Uniper betreibt auch drei Gasspeicher in Deutschland.

    Der Konzern gehört zu den größten europäischen Stromproduzenten mit Gas- und Kohlekraftwerken in Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und Belgien. Die Düsseldorfer sind an drei schwedischen Atom- und zahlreichen Wasserkraftwerken beteiligt. Zudem gehören über Unipro fünf Kohle- und Gaskraftwerke in Russland zum Geschäft, die gut fünf Prozent des russischen Strombedarfs liefern.

    Im ersten Halbjahr 2022 setzte das Unternehmen vor allem wegen der drastisch gestiegenen Energiepreise 119,34 Milliarden Euro um, der Verlust belief sich auf 12,42 Milliarden Euro. Beide Werte sind weit von den 41,45 Milliarden Euro Umsatz und 20 Millionen Verlust des Vorjahres entfernt. Die Zukunftsstrategie Unipers ist eher vage: Ausbau Erneuerbarer Energien, Wasserstoff und Flüssiggas LNG. Das Unternehmen ist im MDax der mittelgroßen Werte notiert. 78 Prozent gehören dem finnischen Energiekonzern Fortum, an dem der finnische Staat die Mehrheit hält.

    Die Düsseldorfer sind vor allem wegen ihres Gasgeschäfts nahe an die Insolvenz geraten. Weil Gazprom nur noch sehr begrenzt liefert, Uniper aber seine Kunden, vor allem Stadtwerke, mit Gas versorgen muss, kauft das Unternehmen am Spotmarkt teuer ein. Die Kunden zahlen nur die niedrigen, in ihren Verträgen festgehaltenen Preise. Die Differenz trägt Uniper. Von bis zu 100 Millionen Euro Verlust pro Tag ist die Rede.

    Deshalb springt der deutsche Staat ein. Er gewährt rund acht Milliarden Euro als direkte Beteiligung und über eine Wandelanleihe. Gleichzeitig kann Uniper bei der staatlichen Förderbank KfW bis zu neun Milliarden Euro Kredit aufnehmen. Uniper ist auch Hauptnutznießer der Gasumlage, die nach ersten Zahlen rund 34 Milliarden Euro umverteilen wird, gut die Hälfte dürften an die Düsseldorfer gehen. Das Unternehmen, dessen Name aus „Unique“ (einzigartig) und „Performance“ (Leistung) zusammengesetzt ist, sieht eher nach Desaster aus.

    Schon der Start zum 1. Januar 2016 war wenig verheißungsvoll: Der Eon hatte sich nach Plänen des Eon-Chefs Johannes Teyssen als erster deutscher Energiekonzern aufgeteilt, um die Energiewende nachhaltig anzugehen: in die neue Eon mit Wind- und Solaranlagen, Netzen und Endkundengeschäft und Uniper mit den konventionellen Kraftwerken, Gashandel der alten Ruhrgas und allem anderen, was Eon nicht mehr passte, um in der schönen neuen Energiewelt zu strahlen. Von „Resterampe“ war die Rede.

    Zudem war die Marktlage schwierig. Wind- und Solarstrom fluteten den Markt. Weder Kohle- noch Gaskraftwerke konnten so billig produzieren. Uniper kämpfte mit hohen Verlusten, war hoch verschuldet. Und die Strategie des Unternehmens war vermutlich nur Uniper-Chef Klaus Schäfer, Ex-Eon-Manager, richtig klar. Eon brachte mehr als die Hälfte der Uniper-Aktien im September 2016 an die Börse.

    Schäfer gelang, was viele nicht vermutet hatten: Uniper recht zügig in die schwarzen Zahlen zu bringen. Denn ohne Uniper mit den modernen Gaskraftwerken und den lukrativen Verträgen mit Gazprom keine Energiewende, war die Idee. Zumal das Unternehmen bei steigenden Strompreisen richtig gut Geld verdient hätte. Der Aktienkurs legte zeitweise bis auf mehr als 42 Euro zu. Heute sind es knapp über fünf Euro.

    Möglicherweise wäre alles gut gelaufen, hätte nicht Eon sich zügig von seinen restlichen 46,65 Uniper-Prozent trennen wollen. Einen Käufer hatte Eon-Chef Teyssen schnell gefunden: Fortum. Besser gepasst hätte wahrscheinlich RWE. Doch der Eon-Rivale war für Teyssen wohl inakzeptabel. Nicht über das Geschäft informiert war Uniper-Chef Schäfer, der in der Folge einen bisher beispiellosen Abwehrkampf inszenierte, der nicht nur den Aktienkurs hochtrieb und die Finnen lange blockierte, sondern auch so viele Kräfte band, dass anderes liegenblieb.

    Der aggressive US-Hedgefonds Elliott kaufte sich über die Börse bei Uniper ein, der US-Vermögensverwalter Knight Vinke ebenfalls. Beide pokerten auf höhere Kurse, machten sowohl Fortum als auch Uniper die Arbeit schwer. 2019 hatte Fortum genug, kaufte die Anteile der Amerikaner, übernahm die Uniper-Mehrheit und klärte die Lage. So sah es jedenfalls aus. Seither wechselte das Management bereits zweimal. Klaus-Dieter Maubach, aktuell CEO, versuchte, Ruhe ins Unternehmen zu bringen. Dann schränkte Gazprom die Lieferung ein.

    Als der deutsche Staat im Juli zur Rettung bei Uniper schritt, wollten die Finnen lieber nur den Gashandel ausgründen und Deutschland überlassen – eine neue Resterampe sozusagen. Möglicherweise der Versuch, Uniper zu zerlegen und ganz loszuwerden. Denn bisher konnten die Finnen nicht genau erklären, warum sie Uniper unbedingt kaufen wollten – Synergien mit der auf CO2-neutrale Energieerzeugung ausgerichteten Fortum gibt es kaum.

    Jetzt hat der deutsche Staat – und damit der Steuerzahler – womöglich den deutschen Gasmarkt stabilisiert. Dafür aber muss er sich um ein Unternehmen kümmern, dessen Zukunft ungewiss ist.

  • Weniger Kleinstaaterei

    Im Nahverkehr geht es endlich um die Kundenwünsche

    Es kann so einfach sein: ein Fahrschein, überall einsteigen. Wenn das Neun-Euro-Ticket etwas gezeigt hat, dann, wie wohltuend das Ende der Kleinstaaterei im öffentlichen Nahverkehr ist. Wir wissen jetzt, dass viele erstmals in Busse und Bahnen eingestiegen sind. Dass die Bundesbürger sehr wohl ohne Auto an die Küste oder in die Berge fahren. Und dass sie gern ihre Fahrräder mitnehmen. Die Reaktion darauf kann nicht sein, die Mitnahme bis auf weiteres zu verbieten, weil kein Platz ist. Denn: Das Angebot des Dienstleisters ist schuld an der Enge, nicht der Kunde, der bitte alles hinzunehmen hat. Hier offenbart sich ein grundsätzliches Problem im öffentlichen Nah- und Fernverkehr.

    Gut, das Ticket kam überraschend kurzfristig, niemand wusste genau, was passiert, Personal und Fahrzeuge sind knapp. Alles richtig und lässt sich mit etwas Vorlauf sicher verbessern, oder? Genug Ideen müssten die Anbieter seit Anfang Juni gesammelt haben. In den jetzt drei Monaten des Tickets ist erst einmal der Mangel verwaltet worden, vor allem in Nahverkehr auf dem Netz der Bahn. Doch selbst volle Züge haben die Menschen nicht abgehalten, wie dieses Wochenende wieder zu sehen war. Und dass in Deutschland jemand für den Nahverkehr demonstriert, kommt auch nicht alle Tage vor.

    Leider geht es in der aktuellen Debatte darüber, wie ein Nachfolgeticket aussehen könnte, wieder vor allem um Geld. Wie billig muss es sein, damit es sich praktisch jeder leisten kann? Gar kostenlos? Wer zahlt dann für das Angebot an Bussen und Bahnen? Wie üblich rufen Städte, Gemeinden und Länder nach Geld aus Berlin. Die Idee des einheitlichen Tickets, das steht dahinter, ist schließlich auch eine der Bundesregierung gewesen. Glücklicherweise! Denn von den Trägern des Nahverkehrs kam in die Richtung bisher eher wenig. Und auch andere innovative Vorschläge vermisst man.

    Jetzt könnte darüber nachgedacht werden. Aber wieder einmal werden grundlegende Fragen außer Acht gelassen, weil offenbar Politiker und vor allem Verkehrsunternehmen – gern im Eigentum einer Stadt – einfach davon ausgehen, dass vor allem der Preis wichtig ist. Nicht gefragt wird: Ist das System so, wie es ist, gut? Und, vor allem anderen: Was will der Kunde vom öffentlichen Transport? Und was wollen die, die noch nicht Kunden sind?

    Es hakt ziemlich. Das fängt in Nahverkehrsverbünden bei der unübersichtlichen Tarifstruktur an, die nur versteht, wer jahrelang in der jeweiligen Region lebt. Es geht weiter mit Edelholzsitzen und gebürstetem Aluminium in Stadtbahnen, die schön aussehen, aber nichts zur Transportqualität des Systems beitragen, und endet nicht beim Bus, der an der Stadtgrenze stoppt, weil das nächste Wohngebiet leider in einer anderen Kommune liegt. Weitere Beispiele sind das seit Jahren rudimentäre Internet in Zügen, Orte ohne öffentliche Anbindung an Wochenenden – gern auch Ausflugsziele – oder das extrateure Ticket für die Fahrt zum Flughafen.

    Diskutiert werden muss zunächst, wie wichtig der öffentliche Nah- und Fernverkehr uns wirklich ist, nicht nur auf den Strecken nach Sylt, Usedom oder Berchtesgaden. Auch wer öffentliche Verkehre anbietet und ob die bestehenden Strukturen noch zeitgemäß sind, sollte Thema sein. Erst am Ende ergibt sich, was das kostet und ob es uns das wert ist. Dann muss entsprechend investiert werden. Und ja, das kann zulasten der Straßen und des Autoverkehrs gehen. Dafür profitieren alle davon. Bis dahin darf es auch gern ein Ticket geben, dass bundesweit überall gültig ist. Es muss nur auch konkret etwas besser werden.

  • Inflation schränkt Deutsche ein

    Umfrage: Ersparnisse schrumpfen. Stimmung sinkt

    Was für ein Sommer! Sonne, kaum Corona-Auflagen, endlich wieder weiter in Urlaub fahren. Viele Deutschen lassen es sich gutgehen. Doch die Stimmung im Land ist eher bedrückt, wie eine repräsentative Umfrage des Bankenverbands zeigt. Die Zufriedenheit mit dem Leben sinkt. Und es gibt durch alle Generationen eine große Sorge: die Inflation. Bei einem Fünftel der Befragten schränkt sie das Leben bereits stark ein.

    85 Prozent aller Bundesbürger fürchten steigende Preise und die Folgen – für die Lebenshaltung, aber auch für die Ersparnisse. Ob ältere Menschen oder Jugendliche, die Werte unterscheiden sich nicht. „Die große Sorge vor der hohen Inflation ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen – in allen Altersgruppen“, sagt Henriette Peucker, Vize-Chefin des Bankenverbands. Um ausreichend Strom und Energie sorgen sich 78 Prozent der Befragten. 77 Prozent haben Angst davor, dass sich die Wirtschaftslage verschlechtert, ebenso viele davor, dass der Ukraine-Krieg eskaliert. Corona sehen nur 38 Prozent als ein Problem an.

    Seit mehr als einem Jahr liegen die Inflationsraten in Deutschland deutlich über jenen zwei Prozent, die die Europäische Zentralbank als Ziel vorgibt. Waren es im August 2021 noch 3,9 Prozent, liegt die Teuerung seit März 2022 weit über sieben Prozent. Im Juli wies das Statistische Bundesamt 7,5 Prozent aus. Das bedeutet: Im Schnitt mussten die Bundesbürger für die rund 650 Waren, die das Amt monatlich untersucht, so viel mehr bezahlen. Die Bundesbank erwartet im Herbst sogar mehr als zehn Prozent Teuerung. Getrieben wird die Inflationsrate vor allem von den Energiekosten, Heizöl kostete etwa im Juli 87 Prozent mehr als vor einem Jahr. Inzwischen verteuern sich aber auch Lebensmittel.

    Nun ist die Inflationsrate ein Durchschnittswert, wer selten oder gar nicht Auto fährt, merkt von steigenden Spritpreisen wenig. Indirekt aber schon, denn zum Beispiel der Transport von Lebensmitteln wird teurer, was zum Beispiel auch die Preise von Obst und Gemüse steigen lässt. Sieben von zehn Befragten müssen sich wegen der Teuerung bereits einschränken, hat die Umfrage ergeben, zwei von zehn sogar sehr.

    Also halten die Deutschen ihr Geld zusammen. Anders als noch im Frühjahr, wo sich Reiseveranstalter darüber freuten, dass die Urlauber es sich nach zwei Jahren Corona-Pandemie auch einmal gutgehen lassen wollten und deshalb gern eine bessere und teurere Hotelkategorie buchten, geben sie jetzt weniger aus. „Die Folgen der hohen Teuerung sind bei Konsum und Sparverhalten eindeutig, das belegen die Umsatzzahlen aus dem Einzelhandel, die zuletzt um mehr als acht Prozent zurückgegangen sind“, sagt Peuker. Gespart wird der Umfrage zufolge beim nächsten Urlaub (21 Prozent), bei Freizeit (14 Prozent), Restaurantbesuchen (14 Prozent) und Kleidung (13 Prozent).

    Die Sorge vor Inflation verunsichert vor allem jüngere Menschen, wie Henriette Peucker, Vize-Chefin des Bankenverbands, sagt. „Insbesondere Jüngere würden gerne sparen, können das aber nicht mehr.“ Die Sparsummen schrumpfen deutlich. Legten 2020 noch ein Drittel der 18- bis 20-Jährigen zwischen 201 und 500 Euro monatlich zurück, 21 Prozent sogar noch mehr, vor allem um eine Sicherheit für Notfälle zu haben, sind es 2022 nur 15 und acht Prozent. Dafür werden vor allem bis zu 50 Euro gespart (26 Prozent der Jüngeren). 2020 taten das nur acht Prozent.

    Über alle Altersgruppen halten sich die Bundesbürger zurück: Weniger als die Hälfte (48 Prozent) legt noch regelmäßig Geld zurück, 2020 waren es noch 62 Prozent. Ein Drittel spart ab und zu. Vor zwei Jahren waren es nur 16 Prozent.

    Insgesamt schrumpfen die Rücklagen, wie Wirtschaftsforscher des Münchener Ifo-Instituts ermittelt haben. Haben die deutschen 2020 und Anfang 2021 noch insgesamt 73 Milliarden Euro zusätzlich sparen können – etwa, weil sie kein Geld für Reisen oder Konzerte oder Restaurantbesuche ausgeben konnten –, schrumpften die Ersparnisse seit dem Frühsommer 2021 um 95 Milliarden Euro. Und es wird wohl so weitergehen. Weil das Geld in der Regel bei Banken und Sparkassen liegt, werden die Deutschen es vermutlich dort abheben. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits. Offiziell will sich kein Kreditinstitut dazu äußern.

    Inflation, Energieversorgung, Ukraine-Krieg: All das drückt auf die Gesamtstimmung. Nur ein Drittel der Deutschen (32 Prozent) ist noch sehr zufrieden mit seinem Leben, mehr als die Hälfte (56 Prozent) sind eher zufrieden. Das klingt erst einmal nicht nach schlechter Lage. Aber 2020, mitten in der Corona-Pandemie, war die Bevölkerung noch optimistischer. 46 Prozent der Befragten sagten, sie seien sehr zufrieden mit ihrem Leben, 49 Prozent waren eher zufrieden. Seither hat sich auch der Anteil der Menschen, die mit ihrem Leben unzufrieden sind, auf gut zwölf Prozent verdoppelt.

  • Löblich, aber falsch

    Vorkasse bei Flugreisen sollte Bestehen bleiben

    Niedersachsen will die Verbraucherrechte stärken und deshalb per Bundesratsinitiative die Vorkasse bei Flugreisen abschaffen. Bisher müssen Tickets bei der Buchung bezahlt werden. Künftig soll der Idee nach beim Check-in – also näher am Flug – gezahlt werden. Eine Initiative zum Wohl der Kunden ist immer löblich. Diese hier greift leider zu kurz, löst das Problem nicht und schadet möglicherweise den Verbrauchern.

    Zunächst einmal: Wenn die gut 150 Passagiere eines A320 erst kurz vor dem Flug noch am Check-in-Schalter bezahlen müssen, womöglich in bar, dürfte es lange Schlangen geben. Flughäfen, Bodenabfertiger, Fluggesellschaften bemühen sich seit Jahren, genau das zu vermeiden und die Abfertigung zu beschleunigen, um pünktlicher fliegen zu können. Zahlt man beim digitalen Check-in ein paar Tage vor dem Flug, entfallen die Schlangen. Doch eine Garantie, dass der Flug abhebt, ist das nicht. Und auch keine Garantie dafür, sein Geld bei Ausfall schnell wiederzubekommen.

    Für die Passagiere, gerade die preisbewussten Deutschen, wird es ohne Vorkasse zudem teurer. Rabatte, die derzeit bekommt, wer früh bucht und zahlt, entfielen. Frühes Buchen hat auch den Vorteil, zu wissen, dass man einen Platz garantiert hat. Die Fluggesellschaften können so genauer planen und die Maschinen besser auslasten. Dafür gewähren sie die Rabatte.

    Nun könnten die Firmen ein Reservierungssystem einführen. Sitz buchen, beim Check-in bezahlen. Dann ist der Anreiz, den Flug tatsächlich zu nehmen, aber nicht besonders hoch. Kunden lassen dann zum Beispiel die Reservierung verfallen, weil es in London regnen soll und der geplante Wochenendtrip doch nicht so attraktiv wirkt. Sitze im Flieger bleiben so leer. Die Kosten dafür wird die Fluggesellschaft in die Ticketpreise einrechnen, sie werden steigen.

    Und nicht zuletzt: Warum soll es nur den Flugverkehr treffen? Was ist mit Pauschalreisen, die in der Regel auch vorab gezahlt werden müssen? Was ist mit der Deutschen Bahn, deren Rabatttickets früh gebucht und bezahlt werden müssen? Was mit Nahverkehrsfirmen, die Monats- oder Jahreskarten gegen Vorkasse verkaufen? Oder mit Konzertveranstaltern? Manche Karten müssen mehr als ein Jahr im Voraus bezahlt werden. Eine Garantie, dass das Konzert dann läuft, gibt es nicht.

    Die Politiker bieten eine vermeintlich einfache Lösung an, die gut klingt – zumal im Wahljahr des niedersächsischen Landtags –, aber nicht zum Problem passt. Denn Niedersachsens Vorschlag hat einen entscheidenden Fehler: Vorkasse ja oder nein ändert nichts daran, ob ein Unternehmen den Flugpreis schnell binnen weniger Tage oder langsam nach Monaten zurückzahlt. Dafür gibt es bereits heute Fristen. Und im Zweifelsfall den Klageweg.

  • Wer von der Gasumlage profitiert

    Nicht jeder der Staatsgeld will, ist bedroht

    Staatseinstieg, Sonderdarlehen, Umlage: Seit ein paar Wochen beschäftigt sich die Bundesregierung damit, Unternehmen im deutschen Gasmarkt zu retten. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) redet von Systemrelevanz einzelner Firmen. Doch vor allem von der Gasumlage profitieren auch Konzerne, die es nur bedingt nötig haben.

    Die Lage am Gasmarkt

    Seit Juli liefert der staatliche russische Gasmonopolist Gazprom deutlich weniger Gas nach Deutschland, als die Verträge mit den Importeuren vorsehen. Russlands Anteil an den Gasimporten sank deshalb bereits von 35 Prozent im Frühjahr auf um die zehn Prozent. Unternehmen, die russisches Gas importieren, müssen sich mit Gas aus anderen Quellen eindecken. Russland ist einer der größten Gasförderer der Welt. Die Gasmengen sind nicht so einfach zu ersetzen, andere Förderländer sind vertraglich gebunden, können meist kurzfristig nicht mehr liefern. Deshalb steigt der Preis für Gas seit Monaten. Deutschlands Importeure kaufen also teuer zu, sind beim Verkauf an Stadtwerke und Firmen aber an günstige Altverträge gebunden. Das kann ganze Unternehmen gefährden.

    Um einen Zusammenbruch zu verhindern, erlaubt die Bundesregierung, vom 1. Oktober an 90 Prozent der Mehrkosten auf alle Gasverbraucher – Unternehmen und Privatleute – umzulegen. Angesetzt sind zunächst 2,419 Cent je Kilowattstunde, was je nach Haushalt mehrere Hundert Euro ausmachen kann. Insgesamt soll es um 34 Milliarden Euro gehen. Die Summe hängt davon ab, wie hoch die angemeldeten Ansprüche sind und welche Unternehmen die Umlage tatsächlich haben wollen.

    Die Profiteure

    Insgesamt haben zwölf Unternehmen die Umlage beantragt. Nicht jedes wirkt so systemrelevant, wie es sein sollte, um von der Umlage gerettet zu werden. Und vor allem nicht so angeschlagen.

    Uniper, Deutschlands mit Abstand größter Importeur von russischem Gas, ist unter den Antragstellern. Das Unternehmen wies im ersten Halbjahr wegen der Probleme beim Gas einen Verlust von 12,4 Milliarden Euro aus. Der Bund hat bereits 30 Prozent der Anteile übernommen und stellt 7,7 Milliarden Euro über eine Anleihe zur Verfügung. Zudem erhielt Uniper einen Kredit der staatlichen Förderbank KfW über neun Milliarden Euro. Das Unternehmen gilt als systemrelevant, weil es hunderte Unternehmen und Stadtwerke beliefert. Eine Insolvenz in Eigenregie wollte die Bundesregierung nicht riskieren – vor allem wegen der Unsicherheit, die das im Markt bedeutet hätte.

    Auch Sefe (früher Gazprom Germania) hat einen Antrag gestellt, wie das „Handelsblatt“ berichtet. Das Unternehmen wird treuhänderisch verwaltet von der Bundesnetzagentur und gestützt mit einem Milliardenkredit der KfW. Zu Sefe gehört der Gashändler Wingas in Kassel. EWE aus Oldenburg ist auch unter den Antragstellern, will die Hilfe aber offenbar nur drei Monate beziehen.

    Schon etwas schwieriger sind die Ansprüche einiger anderer Unternehmen, die nicht durch ausfallende Gaslieferungen aus Russland in der Existenz bedroht sind. VNG aus Leipzig etwa, ein Tochterunternehmen der EnBW aus Karlsruhe. Der Konzern wies im ersten Halbjahr 1,4 Milliarden Euro Gewinn aus. EnBW gehört fast vollständig der öffentlichen Hand, fast 47 Prozent der Aktien hält Baden-Württemberg.

    Auch bei einigen ausländischen Unternehmen sind Zweifel angebracht. OMV aus Österreich etwa machte im ersten Halbjahr 2,5 Milliarden Euro Gewinn, 95 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Und auch bei Vitol, einem der größten Rohstoffhändler der Welt mit Sitz in Rotterdam und Genf, sowie beim niederländisch-schweizerischen Rohstoffhändler Gunvor lief das erste Halbjahr erfreulich. Beide Firmen sind stark im Ölgeschäft und profitieren vom kräftig gestiegenen Ölpreis. Besonders pikant: Einer der Gründer von Gunvor ist Gennadi Timtschenko, einer der russischen Oligarchen, die unter Präsident Wladimir Putin profitierten. 2014 verkaufte er allerdings seine Anteile – er stand auf der Sanktionsliste, nachdem Russland die Krim annektiert hatte.

    Wie man sich auch verhalten kann, zeigt der Essener Energiekonzern RWE. Das Unternehmen hat zwar ursprünglich einen Anspruch beantragt, verzichtet aber mit Hinweis auf Gewinne in anderen Geschäftszweigen auf die Umlage.

    Das Kreuz mit der Mehrwertsteuer

    Um vor allem die privaten Gasverbraucher zu entlasten, will die Bundesregierung parallel zur Gasumlage die Mehrwertsteuer auf Gas von 19 auf sieben Prozent senken. Eine Sorge dabei: Die Gasversorger, in der Regel Stadtwerke, nutzten die unübersichtliche Lage und erhöhten bei Endkunden die Preise nicht um den tatsächlich höheren Einkaufswert, sondern schlügen noch etwas drauf. Dem Kunden fiele das nicht auf, weil er ja weniger Mehrwertsteuer zahlen müsse. Wenn es so wäre, ließe es sich nicht überprüfen. Die Einkaufspreise sind Geschäftsgeheimnis.

  • Felder unter Solardächern

    Unten Gemüse, oben Photovoltaikmodule – die doppelte Nutzung von Wiesen und Äckern könnte Landwirtschaft und Stromproduktion fördern. Bisher gibt es nur wenige Projekte. Die Gesetzesänderung der Bundesregierung könnte das ändern.

    Die Energiewende soll schneller gehen. In diesem Zuge drängt ein weitgehend unbekanntes Thema nach vorne. Die sogenannte Agri-Photovoltaik kann Pflanzenanbau, Tierhaltung und Energieproduktion verbinden. „Der entscheidende Vorteil besteht in der Doppelnutzung – Landwirtschaft und Stromerzeugung werden kombiniert“, sagt Daniel Kögler von der Firma Solverde. Die Regierungskoalition hat gerade die Bedingungen dafür verbessert – aber es sind auch kritische Stimmen zu hören.

    Solverde ist eine Genossenschaft, der Bürger:innen beitreten können, die beispielsweise im Umkreis der Anlagen wohnen. Eine Verzinsung der Einlagen von zwei bis vier Prozent pro Jahr wird versprochen. Projekte betreibt Solverde etwa in Lüptitz bei Leipzig und im baden-württembergischen Donaueschingen.

    In Sachsen sind die langen Reihen der Solarmodule von Ost nach West schwenkbar, um der Sonne zu folgen. In den etwa zehn Meter breiten Zwischenräumen säht ein Landwirt Weißklee, der unter anderem Honigbienen als Nahrung dient. In Baden-Württemberg hat Solverde die PV-Zellen senkrecht fest montiert. Zwischen den Reihen wächst eine Magerwiese. Heu und Silage liefern Tierfutter. Zusätzlich beweidet manchmal eine Schafherde das Gelände.

    Daneben existieren weitere Varianten der Agri-PV. Im niedersächsischen Lüchow hat der Kräuter- und Gemüseproduzent Steinicke eine aufgeständerte Anlage bauen lassen. Unter den Solarmodulen in sechs Metern Höhe können die Landmaschinen übers Feld fahren. Insgesamt gibt es hierzulande aber erst wenige Projekte. Die meisten sind Forschungsvorhaben von Instituten und Hochschulen.

    Bundestag und Bundesrat haben nun kürzlich das Erneuerbare Energien-Gesetz 2023 beschlossen – damit unter anderem die Flächen ausgeweitet, die für die Kombi-Produktion von Energie und Agrarerzeugnissen zur Verfügung stehen dürfen. Der Deutsche Bauernverband und die Umweltorganisation BUND äußerten sich grundsätzlich positiv. „Feldfrüchte und Grünland unter Strom sind gut für unsere Energieversorgung und eröffnen der Landwirtschaft neue Geschäftsfelder“, erklärte Thüringens Umwelt- und Energieministerin Anja Siegesmund (Grüne), als kürzlich die Fachhochschule Erfurt dem Land ein gigantisches Potenzial bescheinigte.

    Gleichzeitig gab es aber auch Kritik. So sah der Bund für Umwelt und Naturschutz Thüringen die Artenvielfalt in der Landwirtschaft in Gefahr. Und der Bauernverband des Landes beklagte den Mangel an leistungsfähigen Leitungen auf dem Land, was die Nutzung des Solarstroms erschwere. Agrarexperten weisen darauf hin, dass manche Pflanzen mit der Doppelnutzung nicht zurechtkommen: Etwa Mais braucht viel Licht, keinen Schatten.

    Die Vorteile der Agri-Photovoltaik liegen grundsätzlich im riesigen Angebot sauberen Stroms. 1.700 Milliarden Watt zusätzliche Leistung von Agrarflächen seien möglich, errechnete das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg. Das entspricht der Leistung von 1.700 großen Kraftwerksblöcken. Strommangel würde damit hierzulande nicht mehr herrschen. Aber man muss auch realistisch bleiben: Tatsächlich ausgeschöpft würde vermutlich nur ein kleiner Teil dieses Potenzials.

    Einen zweiten Vorteil kann man an den Solverde-Projekten beobachten. Sie sind so konstruiert, dass sie wegen ihrer Ost-West-Ausrichtung „auch vormittags und nachmittags“ viel Solarstrom liefern, sagt Firmeningenieur Kögler. Heute dagegen fließt noch die meiste Solarenergie mittags, weil der größte Teil der Solaranlagen beispielsweise auf Hausdächern fest in Südrichtung installiert ist. Agri-PV kann die Stromerzeugung besser über den Tag verteilen.

    Und drittens können sich Vorteile aus der Kombination von Energie- und Pflanzenproduktion ergeben. Manche Kulturen wachsen gut auch an eher schattigen Orten, etwa Winterweizen, Kartoffeln, Sellerie und Schnittlauch. Die Solardächer können die Austrocknung des Bodens bei Hitze verlangsamen. Und von ihrem Schutz gegen zerstörerischen Hagel und Starkregen mögen Obstbäume und Weinreben profitieren.

  • Steuerentlastung für die Mehrheit

    Ein Gesetz zum „Ausgleich der Inflation“ legt Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) vor. Leute mit niedrigen Einkommen profitieren prozentual am meisten, Gutverdiener erhalten höhere Euro-Beträge.

    Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) will die Mehrheit der Bevölkerung in den kommenden zwei Jahren steuerlich etwas entlasten. Am Mittwoch legte er deshalb Eckpunkte für ein Gesetz zum „Ausgleich der Inflation“ vor. In der Koalition abgestimmt ist das noch nicht, SPD und Grüne äußerten Kritik.

    Was will Lindner erreichen?

    Sein Vorschlag sei eigentlich „keine Entlastung, sondern ein Verzicht auf Belastung“, sagte Lindner. Das ist so zu verstehen: Wegen der hohen Inflation erhalten viele Beschäftigte deutliche Lohnsteigerungen. Dadurch rutschen manche in eine höhere Einstufung im Steuertarif und zahlen mehr Abgaben, wodurch die Gehaltsaufbesserung teilweise oder ganz aufgefressen wird. Dieser Effekt heißt „kalte Progression“ – ihn will Lindner neutralisieren, ein übliches Verfahren seit 2016.

    Was bedeutet das grundsätzlich?

    „48 Millionen steuerpflichtige Bürgerinnen und Bürger“ würden profitieren, erklärte das Finanzministerium. Durchschnittlich betrüge die Entlastung 193 Euro pro Jahr. Alle Einkommensgruppen hätten Vorteile. Prozentual wäre die Entlastung für Geringverdiener mit gut zehn Prozent im Vergleich zu ihrer Steuerlast am größten, absolut in Euro jedoch für Leute mit hohen Verdiensten. Die Reform soll den Bürgerinnen und Bürger insgesamt rund zehn Milliarden Euro pro Jahr belassen, die sie sonst an die Finanzämter zahlen müssten.

    Die Wirkung für sehr geringe Einkommen

    Der Bereich der Steuerfreiheit wird ausgedehnt, indem der Grundfreibetrag steigt. Ab „1. Januar 2023 ist eine Anhebung um 285 Euro auf 10.632 Euro vorgesehen“, teilte das Finanzministerium mit. Wer bis zu dieser Grenze jährlich verdient, muss keine Steuer zahlen. 2024 soll der Grundfreibetrag dann um weitere 300 Euro auf 10.932 Euro wachsen. Dieser Schritt ist nicht freiwillig – die Regierung muss das Existenzminimum steuerfrei stellen.

    Bei niedrigen Verdiensten

    Heute gilt der Eingangssteuersatz von 14 Prozent bis zu einem Jahreseinkommen von knapp 15.000 Euro. Künftig soll er bis 15.786 Euro greifen. Auch für Gehälter, die leicht darüber liegen, werden dann weniger Steuern fällig. Ein allein lebender Arbeitnehmer mit 20.000 Euro brutto würde um 115 Euro jährlich entlastet, heißt es in den Tabellen des Finanzministeriums.

    Mittlere Gehälter

    Bei 30.000 Euro Jahresgehalt in 2023 betrüge der Vorteil 172 Euro für Singles, bei 40.000 Verdienst 250 Euro, bei 50.000 brutto 352 Euro, bei 60.000 Euro Lohn schlügen 471 Euro Entlastung pro Jahr zu Buche.

    Profitieren auch Wohlhabende und Reiche?

    Ja, auch Gutverdiener profitieren. So soll der Spitzensteuersatz von 42 Prozent 2023 erst für Gehaltsbestandteile ab 61.972 Euro (heute 58.597) und 2024 ab 63.515 Euro gelten. Die höchste absolute Entlastung betrüge 479 Euro jährlich für Singles, die ab 70.000 Euro brutto aufwärts zur Verfügung haben. Darüber steigt der absolute Entlastungsbetrag für Singles nicht mehr an. Doch auch Leute, die 200.000, 300.000 oder 500.000 Euro erhalten, erhalten die 479 Euro. Für sie spielt das im Vergleich zu ihrem Einkommen freilich kaum eine Rolle. Die maximale Entlastung bei gemeinsamer Veranlagung eines gut verdienenden und eines schlecht verdienenden Ehepartners (Splitting) soll 958 Euro betragen und ab 130.000 Euro nicht mehr steigen. Der Tarif der Reichensteuer ab rund 280.000 Euro bei Singles bleibt da, wo er heute ist.

    Sind weitere Steuerschritte geplant?

    Auf die Entlastung im kommenden Jahr soll 2024 eine weitere folgen. Die höchste Reduzierung läge dann bei 730 Euro jährlich für Singles ab 70.000 Euro aufwärts und für Splitting-Paare bei 1.460 Euro ab 130.000 Euro Jahresverdienst.

    Wie sieht es mit dem Kindergeld aus?

    Dieses soll nächstes Jahr maximal um acht Euro pro Kind zunehmen, 2024 um weitere sechs Euro. Die steuerlichen Kinderfreibeträge, die hohe Einkommen begünstigen, steigen ebenfalls.

    Die Kritik an Lindners Vorschlag

    „Ein weiterer kräftiger Entlastungsimpuls bis in die Mitte der Gesellschaft ist richtig und notwendig“, sagte SPD-Fraktionsvize Achim Post. Andererseits kritisierte er: „Die vorgeschlagenen Maßnahmen würden aber hohe Einkommen besonders stark entlasten und sind damit sozial noch nicht ganz ausgewogen.“ Grünen-Fraktionsvize Andreas Audretsch bemängelte, Wohlhabende erhielten „mehr als dreimal so viel wie Menschen mit kleinen Einkommen, welche die Entlastungen jetzt eigentlich am dringendsten brauchen“. Christian Görke, finanzpolitischer Sprecher der Linken, sagte: „Die unteren 70 Prozent der Bevölkerung gehen fast komplett leer aus, da sie kaum Einkommensteuer zahlen.“ Jens Spahn von der Union begrüßte die Initiative Lindners grundsätzlich.

    Ist das finanzierbar?

    Ja, zumindest für den Bund. Er müsste etwa auf vier Milliarden Euro jährlich verzichten, Bundesländern und Kommunen zusammen fehlten ungefähr sechs Milliarden Euro. Für die Mindereinnahme im Bundeshaushalt hat Lindner bereits Vorsorge getroffen.

    Sind weitere Entlastungen angesichts der Inflation möglich?

    Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat eine Wohngeldreform mit Heizkostenzuschüssen ab 2023 angekündigt. Davon würden besonders Privathaushalte profitieren, die wenig Geld haben. Das Gleiche gilt für das Bürgergeld, das Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) vorantreibt. Der Spielraum für diese zusätzlichen Maßnahmen ist allerdings nicht groß, denn Finanzminister Lindner will die Schuldenbremse wieder in Kraft setzen.

  • Weniger Hilfe aus der Türkei

    Flughäfen sollten Personal bekommen. Es bleibt aus

    Es klang einfach und praktikabel: Deutschlands Flughäfen und Flugzeugabfertiger stellen für drei Monate Beschäftigte aus der Türkei ein und verhindern so in der Ferienzeit, was sich an einigen Flughäfen Ende Juni andeutete: Kofferstapel, lange Schlangen, verspätete Flüge. Jetzt enden die Ferien in einigen Bundesländern bereits, von den Arbeitskräfte hat bisher aber keiner angefangen.

    „Aus der Türkei werden 145, vielleicht 150 Mitarbeiter kommen, um zu helfen“, sagt Thomas Richter, Präsident des Arbeitgeberverbands der Bodenabfertigungsdienstleister und einer der treibenden Kräfte hinter der Idee. „Sie werden an den Flughäfen Nürnberg und München eingesetzt.“ Das sei deutlich weniger, als ursprünglich gedacht. Von einem Flop will Richter nicht sprechen. „Es war immerhin eine Idee, um die akuten Probleme zu lösen.“ Der erste Mitarbeiter packt offenbar kommende Woche in Nürnberg mit an.

    Im Juni steuerte die Luftverkehrsbranche auf einen chaotischen Sommer zu. Fluggesellschaften fehlte ebenso Personal wie Flughäfen und Bodendienstleistern, deren Mitarbeiter etwa Koffer be- und entladen, Busse vom Terminal zum Flieger fahren oder die Flugzeuge aus der Parkposition manövrieren. Während der Corona-Krise hatten viele Unternehmen gespart, ihre Belegschaften verringert. Diesen Sommer wollte die Branche wieder durchstarten, doch viele Mitarbeiter kamen nicht zurück, weil sie andere Arbeit gefunden hatten. Die Deutschen wollten aber in Scharen in den Urlaub fliegen.

    Fluggesellschaften wie Easyjet und Lufthansa strichen in großem Umfang Flüge, um halbwegs verlässlich fliegen zu können. An den Flughäfen bildeten sich lange Schlangen an den Check-ins, Passagiere verpassten ihre Flüge, heimatlose Koffer stapelten sich. In Düsseldorf kam es zu Szenen, die manche Experten als schlimmer schilderten als alles, was im Chaossommer 2018 im maroden und viel zu kleinen Berliner Flughafen Tegel geschah. Auch in Köln/Bonn und am Frankfurter Flughafen gab es Probleme.

    Eine Idee, um den Engpass beim Bodenpersonal auszugleichen: Beschäftigte aus der Türkei, die am Flughafen in Istanbul arbeiten oder gearbeitet haben, befristet nach Deutschland zu holen. Die Bundesregierung genehmigte den Plan pauschal am 6. Juli. Zunächst war von bis zu 2000 Helfern die Rede. „Die Zahl hat der türkische Dienstleister, der bei der Rekrutierung hilft, als maximal möglich angegeben“, sagt Richter. „Der erste Bedarf in Deutschland waren rund 1300.“ Es sei um „helfende Hände“ für das Be- und Entladen von Flugzeugen gegangen.

    Im Lauf der Zeit schrumpfte der Bedarf auf 450 bis 500, weil es den Unternehmen gelang, auch in Deutschland mehr Personal zu finden. Geholfen haben offenbar einige Tarifabschlüsse, die vor allem für die unteren Lohngruppen mehr Geld vorsehen. Noch vergangene Woche war von 250 türkischen Arbeitskräften die Rede. Vor einigen Tagen sprang, wie zu hören ist, der Flughafen Frankfurt ab – kein Bedarf mehr, weil offenbar genug Personal aus Deutschland eingestellt werden konnte.

    „Die Lage an vielen Flughäfen hat sich auch entspannt, weil die Zulassungsprozesse unter anderem wegen der türkischen Helfer beschleunigt wurden. So dauert die nötige Zuverlässigkeitsprüfung nicht mehr bis zu zwölf Wochen, sondern ist teils nach zwei Wochen beschieden“, sagt Richter. Deshalb konnten Mitarbeiter vor Ort, die noch in der Überprüfung steckten, zügiger eingesetzt werden.

    Nicht nur der Bedarf an den Flughäfen schrumpfte. Das Projekt dauerte auch etwas. „Wer glaubte, dass der erste türkische Helfer einen Tag nach der Genehmigung durch die Bundesregierung in Deutschland anfängt, war naiv“, sagt Richter. Allein der Visumsantrag benötige eine Woche. Dazu kommt dann noch die Zuverlässigkeitsprüfung, die unter anderem ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis sowie lückenlose Nachweise über die Arbeitsstätten der vergangenen fünf und die Wohnsitze der vergangenen zehn Jahre erfordert.

    Ob es jetzt ruhiger wird, ist unklar. Der Flughafen Düsseldorf verkündete bereits, die Probleme würden sich noch hinziehen. In München laufen noch Tarifverhandlungen mit einem Bodendienstleister, es gab diese Woche Warnstreiks. Die Piloten der Lufthansa haben sich grundsätzlich für einen Arbeitskampf entschieden, bisher ist kein Termin bekannt. Auch hier gibt es Tarifverhandlungen. Und die Engpässe bei den Sicherheitskontrollen sind noch nicht behoben. Dafür gibt es eine positive Nachricht aus der Hauptstadt: Am Pannenflughafen BER lief der Betrieb bisher recht gut.

  • „Alle müssen zusammenrücken“

    Wohnungsmarkt ist auf weitere Menschen nicht vorbereitet

    Wenn Deutschlands Bevölkerung binnen weniger Jahre kräftig wächst, belastet das den Wohnungsmarkt. Zumal bereits heute viele Menschen nicht umziehen können, weil sie sich die hohen Mieten nicht leisten können. Eigentum ist für viele ebenfalls nicht mehr erschwinglich.

    „Wenn weitere drei Millionen Menschen dauerhaft nach Deutschland ziehen, brauchen wir wohl zwischen 1,2 und 1,5 Millionen zusätzliche Wohnungen“, rechnet Ludwig Dorffmeister vor, Immobilienmarkt-Spezialist beim Münchener Ifo-Institut. „Gleichzeitig müsste der ohnehin bestehende Wohnraum- und Ersatzbedarf befriedigt werden. Das scheint mir mittelfristig kaum machbar.“ Und auch Michael Voigtländer, Experte beim Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln, ist skeptisch: „Wenn die Prognose stimmt, wird es schwierig.“

    Schon in den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Einwohner in Deutschland um rund drei Millionen gewachsen. Es kamen Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien sowie Fachkräfte, etwa aus Indien. 2011 wohnten offiziell 80,3 Millionen Menschen in Deutschland, Ende 2021 waren es 83,2 Millionen. Die Zahl der Wohnungen stieg nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes derweil von 40,6 auf 43,1 Millionen.

    Allerdings verschärfte sich in den Jahren auch die Wohnungsknappheit in manchen Regionen. „Ausländer zieht es in die großen Städte, wo es schon Netzwerke gibt. Dort ist die Wohnungslage angespannt“, sagt Voigtländer. „Bundesweit gibt es aber in einigen Regionen noch Leerstand, etwa in Teilen von Rheinland-Pfalz, Mecklenburg-Vorpommern oder Nordbayern.“

    Meist sind die interessanten Arbeitsplätze für Menschen von außerhalb der EU auch nicht dort, wo Wohnungen leer stehen. Der Studie von DB Research zufolge kommen immer mehr Inder nach Deutschland, Indien wird demnach bis 2030 das Hauptherkunftsland neuer Arbeitskräfte von außerhalb der EU. Ein Grund: viele Inder sind gut ausgebildete IT-Kräfte, die in Deutschland dringend gesucht sind, vor allem in Metropolregionen wie Berlin, eher nicht im mecklenburg-vorpommerschen Demmin.

    Viele Städte wollen mit Bauprogrammen gegensteuern. Und die Bundesregierung möchte jährlich 400.000 Wohnungen neu bauen lassen. Die Branche hält das für eine angemessene Größe, aber auch für sehr optimistisch: „Das Ziel ist angesichts des perfekten Sturms aus Lieferkettenproblemen, Preisexplosionen, Material- und Fachkräftemangel, steigenden Zinsen und dem KfW-Förderchaos für die nächsten drei bis vier Jahre illusorisch“, sagt Axel Gedaschko, Präsident des GdW, des Spitzenverbands der Wohnungswirtschaft. „Wir können froh sein, wenn dieses Jahr 250.000 Wohnungen fertig werden.“ Über die staatliche Förderbank KfW laufen unter anderem die Programme für bezahlbaren, klimaschonenden Wohnraum.

    Eine weitere Schwierigkeit: „Viele Kommunen wollen nicht mehr wachsen, unter anderem, weil sie einen Verkehrskollaps befürchten“, sagt Ifo-Experte Dorffmeister. „Denn auch der Ausbau von Straßen und Nahverkehr dauert in Deutschland sehr lange. Das bedeutet: „Die Menschen, die kommen, werden entweder gezwungen sein, sich dort anzusiedeln, wo es mehr Leerstand gibt“, vermutet Dorffmeister, „oder alle müssen zusammenrücken. Das heißt: Mehr Menschen teilen sich eine Wohnung.“

    IW-Experte Voigtländer setzt auf das, was schon gebaut ist: „Wir könnten bereits bestehende Wohnungen und Häuser besser nutzen, etwa Dächer ausbauen, aufstocken oder Einliegerwohnungen einbauen. Viele Menschen wohnen in sehr großen Wohnungen und könnten untervermieten. Das ist alles leichter, als neu zu bauen.“

  • Unnötig kompliziert

    Warum die Gasumlage eine schlechte Idee ist

    Die Gasumlage ist keine gute Lösung. Alle Gaskunden in Deutschland sollen für unternehmerische Entscheidungen zahlen, die sich als Fehler erwiesen haben – eine zu große Abhängigkeit von russischen Lieferungen. Zwei grundsätzliche Fragen dabei: Soll und darf der Staat derart ins Marktgeschehen eingreifen, musste also Uniper, der größte Importeur russischen Gases, wirklich gerettet werden? Und warum ein kompliziertes System mit Umlage, die kontrolliert und angepasst werden soll, und Hilfen für Bedürftige, die die hohen Preise nicht zahlen können?

    Krisen sind immer auch dafür gut, den Markt zu bereinigen. Wenn ein paar Unternehmen ausscheiden, ist das keine Wirtschaftskrise. Und Gas teuer am Spotmarkt einkaufen können auch andere Firmen. Zudem haben sich die staatlichen Eingriffe bisher selten gerechnet. Der Baukonzern Philipp Holzmann scheiterte vor 20 Jahren trotz staatlicher Hilfen, tausende Arbeitsplätze, die gesichert werden sollten, verschwanden, das Geld war auch weg. In der Finanzkrise rettete der Staat die Commerzbank mit viel Geld, bisher rechnete sich das nicht. Die Bank steckt auch 14 Jahre später in der Sanierung fest.

    Das ganze Konzept wirkt zudem umständlich: Kosten auf alle umlegen, wobei das genau berechnet und überwacht werden muss. Dann mit Zuschüssen, Freibeträgen und anderem versuchen, gegenzusteuern. Ob das funktioniert und sich die Koalitionspartner darauf einigen können, ist unklar. Was sicher ist: Der Preis für Gas steigt ohnehin, die Umlage wird ihn zusätzlich erhöhen. Und zwar ab 1. Oktober. Die geplanten Entlastungen für die Haushalte stehen bisher nur in Ansätzen fest. Und wann sie kommen, ist ebenfalls unklar.

    Wenn man die bestehende Struktur der Gasbranche sichern will, ist ein Staatseinstieg wahrscheinlich die sicherste Methode. Dann könnte der Staat aber auch gleich direkt die Mehrkosten durch den teureren Gaseinkauf übernehmen und aus dem Steuersäckel bezahlen. Das würde komplizierte Berechnungen sparen, ließe sich einfach kontrollieren Das Geld kann sich die Bundesregierung an anderer Stelle wiederholen, etwa in dem sie Subventionen und Steuervergünstigungen streicht. Sparen werden Bundesbürger und Unternehmen auch ohne Umlage. Dafür steigt der Gaspreis schon an sich zu sehr.

  • Sparen, drosseln, zuteilen

    Wie abhängig Europa von Russland ist

    Europa hängt an russischem Öl und vor allem an Gas. Rund 40 Prozent der insgesamt benötigten Menge lieferte der russische Staatsmonopolist Gazprom. Deutschland gehört als größte Wirtschaftsnation Europas zu den größten Abnehmern, der Anteil russischen Gases betrug 2021 rund 55 Prozent. Inzwischen ist er auf knapp über zehn Prozent gesunken, weil Russland weniger liefert. Die Abhängigkeit beim Öl ist geringer. Wie sieht es in anderen Ländern aus? Wer hängt besonders an der russischen Energie? Und wie steuern sie gegen? Ein Überblick über ausgewählte Länder.

    Frankreich

    Deutschlands westlicher Nachbar ist bei Energie recht unabhängig von Russland, vor allem, weil Frankreich sehr stark auf Atomkraft setzt. 36,5 Prozent Anteil am Energiemix hatte sie nach Zahlen des BP Statistical Review of World Energy 2021. Knapp ein weiteres Drittel entfiel auf Öl, dass die Franzosen aus unterschiedlichen Quellen auf dem Weltmarkt kaufen. Beim Gas (16,5 Prozent Anteil) stammen rund 17 Prozent aus Russland. Das meiste kommt als Flüssiggas per Schiff, ein Teil floss über Deutschland durch Pipelines, was Russland inzwischen gestoppt hat.

    Frankreich will Gas in anderen Ländern einkaufen, was zuletzt nicht wie geplant lief: Im Juni war Frankreich größter Importeur von russischem LNG. Das soll sich nachhaltig ändern. Frankreich setzt auch auf Energiesparen. Präsident Emmanuel Macron sprach am Nationalfeiertag Mitte Juli von Generalmobilmachung und nannte als Sparbeispiele weniger Beleuchtung oder den Geschirrspüler nur einmal am Tag anzuschalten. Frankreich will zudem die erneuerbaren Energien schneller ausbauen. Das Land hat neben den Problemen mit russischen Gaslieferungen gerade auch Schwierigkeiten mit den Atomkraftwerken: Weil die Flüsse wegen der Hitze nur weniger Wasser führen, fehlt Kühlflüssigkeit, die Anlagen produzieren auf Sparflamme. Zudem sind viele wegen Wartung und technischer Probleme abgeschaltet.

    Belgien

    Belgien ist Ölland. Der Rohstoff hatte 2021 einen Anteil von fast 50 Prozent am Energiemix. Gas ist es nicht einmal ein Viertel. Sonst setzt Belgien auf Atomkraft (knapp 17 Prozent. Etwas weniger als ein Drittel des Ölbedarfs deckte Belgien 2021 über Einkäufe in Russland. Beim Gas waren die Belgier kaum von Russland abhängig. Gerade einmal vier Prozent des verbrauchten Gases stammte zuletzt aus Russland.

    Beim Öl hat sich Belgien bereits kurz nach dem Angriff der Russen auf die Ukraine im Februar 2022 neue Lieferanten gesucht. Auch beim Gas ist Russland nach Ansicht des Großverbraucherverbands Febelliec leicht zu ersetzen. Belgien rechnet allerdings damit, dass es andere EU-Länder unterstützen muss, sollte Russland kein Gas mehr liefern. Entsprechend stellt sich die Wirtschaft auf Sparen ein.

    Niederlande

    Öl und Gas sind die Hauptenergieträger in den Niederlanden. Vor allem beim Gas gehörte bisher auch Russland zu den Lieferanten, wobei die Niederlande große Mengen auch selbst fördern. 2021 bezogen die Niederlande noch etwas mehr als ein Sechstel des benötigten Gases über den staatlichen russischen Gaskonzern Gazprom. Verträge in diesem Jahr wären Ende September ausgelaufen. Gazprom hat die Lieferungen bereits im Juni eingestellt.

    Angesichts des Stopps fahren die Niederlande Kohlekraftwerke wieder hoch. Die Regierung plant ohnehin, bis Ende des Jahres auf russisches Öl und Gas zu verzichten. Das Land setzt zum einen auf andere Lieferanten, zum anderen auf mehr eigene Förderung – etwa in der Nordsee. Umstritten ist, im Norden wieder mehr Gas per Fracking zu fördern. Das ist bisher deutlich zurückgefahren, weil Häuser absackten und die Region um die Großstadt Groningen von Erdbeben erschüttert wurde. Die Regierung rief zudem alle Niederländer auf, kräftig Energie zu sparen.

    Dänemark

    Die Dänen haben früh auf erneuerbare Energien gesetzt, vor allem Wind. Sie haben mehr als 40 Prozent Anteil am Energiemix – unangefochten Spitze in Europa. Öl, den zweiten großen Energieträger und mit gleichem Anteil im vergangenen Jahr, kauft das Land bei unterschiedlichen Anbietern. Gas trägt zu knapp zwölf Prozent zum Energiemix bei. Den Rohstoff fördert Dänemark selbst vor der Küste, nur ein Viertel des Bedarfs kommt von anderen Ländern. Aus Russland kamen 19 Prozent der importierten Menge, bis Gazprom die Lieferungen im Juni einstellte.

    Dänemark diskutiert, die eigene Gasförderung in der Nordsee auszubauen, zumindest zeitweise. Denn geplant ist der Komplettausstieg aus Kohle und Gas zugunsten von Wind und Solar. Das soll deutlich beschleunigt werden. Und die Dänen wollen Biogas stärker nutzen als bisher. Das Land ist beim Umbau zu einer fossilfreien Energieversorgung in Europa ohnehin weit vorn: Öl- und Gasheizungen dürfen in Neubauten schon seit Jahren nicht mehr installiert werden. Dänemark setzt vor allem auf Erdwärme.

    Polen

    Energie gewinnt Polen vor allem aus Kohle. Mit mehr als 40 Prozent Anteil am Energiemix 2021 liegt das Land in der EU weit vorn. Öl machte knapp ein Drittel aus, Gas knapp ein Fünftel. Kohle fördert Polen im eigenen Land. Fast zwei Drittel des Öls kamen zuletzt aus Russland. Im größeren Umfang bezogen die Polen auch Gas vom staatlichen russischen Konzern Gazprom.

    Polen hat allerdings bereits im Mai den Liefervertrag gekündigt – nach 30 Jahren. Gas kommt nun vor allem als Flüssiggas per Tankschiff. Polen hat in Swinemünde an der Ostsee ein LNG-Terminal. Auch die Pipeline Jamal wird genutzt – nicht wie früher, um russisches Gas Richtung Deutschland zu schicken, sondern um Gas aus dem Westen nach Polen zu senden. Schwieriger wird, unabhängig vom russischem Öl zu werden. Polen setzt auf den Ölhafen bei Danzig und die Förderländer Saudi-Arabien, Kasachstan und Nigeria – bereits jetzt Lieferanten.

    Tschechien

    Tschechien gehört neben Polen zu den Ländern, die für ihre Energieerzeugung sehr stark auf Kohle setzen. Sie hat gut ein Drittel Anteil am Energiemix. Der Rohstoff wird vor allem im eigenen Land abgebaut. Die Tschechen sind auch Verfechter der Atomkraft, der Anteil ist im EU-Vergleich mit mehr als 16 Prozent hoch. Von Russland abhängig ist Tschechien vor allem bei Gas, 2021 kam es vollständig aus Russland. Und auch rund die Hälfte des Öls kommt durch die „Freundschaft“-Pipeline direkt von den Russen.

    Ein Projekt, das Tschechien vor Jahren ablehnte, wird wieder verfolgt: neue Pipelines nach Polen zu bauen, um über deren Ostseehäfen Flüssiggas importieren zu können. Beim Öl könnte Tschechien andere Lieferanten finden. Doch die bestehende transalpine Pipeline nach Italien ist derzeit zu klein. Der Ausbau kostet Zeit. Deshalb gehört Tschechien zu den Ländern, die trotz Embargos weiter Öl aus Russland beziehen dürfen – solange das Land denn auch liefert.

    Österreich

    Das Land setzt in hohem Maße auf Wasserkraft. Mit mehr als 27 Prozent war sie 2021 Primärenergiequelle Nummer zwei nach Öl (mehr als 33 Prozent). Knapp 22 Prozent macht Gas aus. Im vergangenen Jahr importierte Österreich noch knapp acht Prozent seines Öls aus Russland, inzwischen nichts mehr. Anders beim Gas: 2021 kamen 80 Prozent des benötigten Rohstoffs aus Russland, in diesem Jahr stieg der Anteil zeitweise auf fast 90 Prozent.

    Um sich aus der Abhängigkeit zu lösen, wird ein bereits stillgelegtes Kohlekraftwerk wieder hochgefahren. Zudem hat der Staat 6,6 Milliarden Euro bereitgestellt, um zusätzlich Gas zu kaufen und die Speicher kräftig zu füllen – so will Österreich sicherstellen, dass die Gaskraftwerke auch laufen, wenn Russland das Gas abdreht. Der teilstaatliche österreichische Hauptimporteur OMV hat sich zumindest schon Transportkapazitäten in Europa für den halben österreichischen Jahresbedarf gesichert – das durchzuleitende Gas muss allerdings noch gekauft werden.

    Schweiz

    Wasserkraft macht in der Schweiz fast ein Drittel des Energiemixes aus, bei Öl ist es etwas mehr als ein Drittel. Die ältesten Atomkraftwerke Europas liefern knapp 16 Prozent der gesamten Primärenergie. Der Gasanteil liegt bei zwölf Prozent. Gut 43 Prozent des Gases bezog die Schweiz im vergangenen Jahr aus Russland. Öl kommt vor allem aus Nigeria, den USA und Libyen, Russland hat einen verschwindend geringen Anteil.

    Drei Viertel des Gases für die Schweiz – auch die russischen Lieferungen – über Pipelines und Deutschland fließen. Liefert Gazprom nicht mehr an Deutschland, bekommen vor allem die Privathaushalte in der Schweiz ein Problem. Denn das Gas wird zu einem großen Teil verheizt. Die Schweizer Energieversorger legen derzeit Reserven für Öl an. Bei Gas sind sie auf die europäischen Nachbarn angewiesen. Die Schweiz hat keine eigenen Speicher. Zudem will die Bundesregierung die Schweizer mit einer Kampagne zum Beginn der Heizperiode im Herbst zum Sparen anregen. Reicht das nicht, wird zugeteilt. Hallenbäder werden geschlossen, Skilifte gestoppt, Leuchtreklamen müssen aus bleiben. Die Industrie müsste ihren Verbrauch um 20 Prozent drosseln.

    Italien

    Gas und Öl sind die mit Abstand wichtigsten Energieträger in Italien. Zusammen machen sie fast 80 Prozent am Primärenergiemix aus. 40 bis 45 Prozent des Gases stammen bisher aus Russland. Öl bezieht Italien auch aus Russland, ist aber deutlich weniger abhängig. Im Juni hat der staatliche russische Gasförderer Gazprom die Lieferungen an Italien verringert.

    Regierungschef Mario Draghi arbeitet seit Monaten daran, unabhängiger von Russland zu werden. Seine Regierung arbeitet wie die deutsche an einem Zuteilungsplan für Gas, sollte kein russisches Gas mehr kommen. Italien hat bereits zusätzliche Gaslieferverträge mit Algerien geschlossen, das inzwischen zum wichtigsten Lieferanten geworden ist. Zusätzliches Flüssiggas soll aus Westafrika kommen. Vorteil für Italien: Es ist über zwei Pipelines direkt mit Algerien und Libyen und über eine weitere mit Aserbeidschan verbunden. Bereits im Frühjahr umfangreiches Energiesparpaket beschlossen, das Klimaanlagen nur auf 27 Grad kühlen öffentlichen Gebäuden.

    Spanien

    Fast 44 Prozent des spanischen Energieverbrauchs entfallen auf Öl, knapp 22 Prozent auf Gas, Kohle spielt, wie in vielen anderen EU-Staaten, kaum eine Rolle mehr. Spanien ist nicht so abhängig von Russland wie andere europäische Staaten. Bisher bezog das Land acht bis zehn Prozent seines Gases aus Russland als Flüssiggas (LNG). Größter Lieferant sind inzwischen die USA mit 35 Prozent. LNG wird an einem der sechs Terminals in Spanien angeliefert. Aus Algerien kommt weiteres Gas über zwei Pipelines.

    Um sich von Lieferungen aus Russland zu lösen, verhandelt Spanien mit Algerien über mehr Lieferungen. Allerdings nutzen die Nordafrikaner Gas auch als politisches Mittel: So streiten sie mit dem Nachbarland Marokko, durch das eine Pipeline verläuft, über die Durchleitungsbedingungen. Mittelfristig baut das Sonnenland Spanien vor allem Solar- und Windenergie aus.

    Gleichwohl treffen auch Spanien die hohen Energiepreise. Deshalb hat das Land ein umfangreiches Programm gegen Effizienzprogramm beschlossen: Klimaanlagen dürfen in Ämtern, Büros, Hotels, Flughäfen und anderen nur noch auf 27 Grad kühlen, Schaufensterbeleuchtung wird nachts gestrichen, historische Monumente werden nicht mehr angestrahlt. Und Nahverkehr kostet 30 Prozent weniger, um den Autoverkehr zu verringern.

  • Eine schlechte Idee

    Kommentar zur Übergewinnsteuer

    Keine Frage, die Gewinne der Ölkonzerne im zweiten Quartal sind hoch, allein BP hat ihren auf 9,3 Milliarden Euro verdreifacht. Das ist verlockend für den Staat. Die Idee: Wer an den hohen Energiepreisen außerordentlich verdient, soll einen Teil des Gewinns abgeben. Mit dem Geld kann der Staat die Bürger entlasten – in der Theorie. Denn die Übergewinnsteuer ist eine schlechte Idee.

    Ölkonzerne verdienen, sehr vereinfacht gesagt, weil der Ölpreis gestiegen ist, während ihre Produktionskosten gleich blieben. Nach dem Ende der Pandemie fragten Verbraucher und Industrie mehr Öl und Sprit nach als erwartet, was die Preise trieb. Wegen der Sanktionen gegen Russland – einen der größten Ölexporteure der Welt – stiegen sie weiter – ohne Zutun der Konzerne.

    Die Übergewinnsteuer hat Tücken. Abgesehen von einem fragwürdigen staatlichen Eingriff in die freie Marktwirtschaft, der andere Branchen verstören könnte, fragt sich, wann ein Gewinn ein Übergewinn ist. Der Ölpreis etwa schwankte am Weltmarkt seit 2011 zwischen 120, 15 und 130 Dollar je Fass. Derzeit kostet die Sorte Brent um 100 Dollar.

    Unklar ist auch, wen es treffen soll: Tankstellen? Raffinerien? Ölkonzerne, die meist nicht in Deutschland sitzen? Internationale Firmen können Gewinne intern so verschieben, dass sie in Ländern mit geringer Steuerlast anfallen. Unternehmen wie Amazon, Google und Meta zeigen, wie es geht. Da griffe die Übergewinnsteuer ins Leere. Die Konzerne werden im Zweifel auch nicht zahlen und es auf lange Prozesse ankommen lassen. Das zeichnet sich in Italien ab.

    Zudem: Was ist mit anderen Krisengewinnlern? Biontech aus Mainz wies 2021 zehn Milliarden Euro Profit wegen des Corona-Impfstoffs aus.

    Ölkonzerne mit Produkten, von denen sich Deutschland wegen des Klimaschutzes verabschieden will, eignen sich gut als Bösewichte. Sie tun wenig dafür, besser dazustehen. BP will die Gewinne an Aktionäre ausschütten, statt sie in Konzernumbau und Zukunftstechnologien zu investieren. Das zeigt kurzfristiges Denken und ist unternehmerisch wohl ein Fehler. Eine Übergewinnsteuer rechtfertigt es nicht.

  • Deutschland steigt um

    Die Bundesbürger fahren mehr Bahn

    Bereits nach einem Monat ist klar: Das Neun-Euro-Ticket für den Nahverkehr ist ein Verkaufserfolg. Jetzt liegen auch erste belastbare Daten vor, wie die Bundesbürger es genutzt haben: sehr intensiv und vor allem für Ausflüge am Wochenende, wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat. Unter der Woche stiegen demnach viele vom Auto in den Nahverkehr um.

    Die Bundesregierung hatte das Neun-Euro-Ticket zusammen mit dem steuerlichen Tankrabatt Anfang Juni eingeführt. Beides soll den Geldbeutel der Verbraucher schonen, die angesichts der steigenden Energiepreise mehr bezahlen müssen. Eine Idee war auch, Autofahrer dazu zu bewegen, Busse und Bahnen zu nutzen.

    Das Ticket berechtigt, einen Monat bundesweit den Nahverkehr zu nutzen. Es gilt jeweils für einen Monat und ist auf Juni, Juli und August beschränkt. Allein im Juni wurden 21 Millionen verkauft, hinzu kamen gut zehn Millionen Abonnenten, die einen Rabatt auf ihr Monatsticket bekommen.

    Um festzustellen, wie sich die Bundesbürger verhalten, hilft den Statistikern, dass fast alle Deutschen ein Mobiltelefon nutzen und es immer dabei haben. Die anonymisierten Daten zeigen Bewegungen. Die Statistiker verglichen Werte für die ersten sechs Monate 2022 mit denen aus demselben Zeitraum 2019, dem letzten normalen Jahr vor der Corona-Pandemie.

    Das Ergebnis: Im Juni, dem ersten Monat mit Neun-Euro-Ticket, lag die Mobilität im Schnitt 42 Prozent höher als im Juni 2019. In der Spitze etwa über das Pfingstwochenende waren es bis zu 56 Prozent. Selbst die Berichte über überfüllte Züge schreckten nicht. Ende Juni lagen der Wert noch bei plus 40 Prozent. Im Mai hatte das Plus im Schnitt nur drei Prozent betragen.

    Was alle, die an Wochenenden im Juni mit der Bahn ins Grüne fahren wollten, bemerkt haben, ist jetzt auch statistisch belegt: Das Neun-Euro-Ticket hat gerade dann einen wahren Ansturm auf die Regionalzüge ausgelöst. Die Statistiker ermittelten für Sonnabende im Juni 2022 ein Plus von 83,4 Prozent im Vergleich zu gleichen Tagen 2019. Sonntags lag das Plus noch bei 60,8 Prozent. Leicht zugelegt hatte die Wochenend-Mobilität auch schon im Mai 2022.

    Auch unter der Woche stiegen die Bundesbürger mit dem günstigen Ticket vermehrt in die Züge: Für April und Mai lag die Mobilität montags bis freitags noch leicht unter der für dieselben Tage 2019, im Juni waren es dann im Schnitt 36 Prozent mehr. Gleichzeitig stellten die Statistiker fest, dass sich der Straßenverkehr von Mai zu Juni verringerte. Unter der Woche von fünf Prozent über dem Vorkrisenzeitraum (Mai) zu zwei Prozent (Juni).

    „Die gegenläufigen Entwicklungen an Werktagen auf der Straße im Vergleich zur Schiene deuten darauf hin, dass Pendlerinnen und Pendler vom Straßen- zum Schienenverkehr gewechselt sind“, schließen die Statistiker. Und was ist mit Bussen? Die Daten zeigen nicht, ob jemand den Bus oder ein Auto genommen hat. Aber die Statistiker vermuten es.

    Dass einige das eigene Auto stehen ließen, legen auch Staudaten des Verkehrsdatenspezialisten Tomtom nah. In 23 von 26 Städten brauchten Pendler danach im Juni weniger Zeit zur Arbeit und zurück als im Mai. Der Schluss: Viele stiegen auf Busse und Bahnen um, so dass weniger Fahrzeuge unterwegs waren und die, die noch Auto fuhren, flüssiger durchkamen.

    Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind Durchschnittswerte für ganz Deutschland. Unterschieden in Stadt und Land haben die Statistiker nicht. Gerade in sehr ländlichen Gebieten ist der Nahverkehr in Deutschland eher schlecht.

    Die Statistiker werteten anonymisierte Mobilfunkdaten des Anbieters Telefonica (02, Blau, Fonic) aus, die die Firma Teralytics aufbereitet hat. Rückschlüsse auf einzelne Personen sind nicht möglich. Die Statistiker nutzten nur Daten, wenn Sim-Karten an Start- und Zielpunkten mindestens 30 Minuten verweilten. Erfasst wurden nur Entfernungen ab 30 Kilometer. Für kürzere Strecken sind die Daten nicht zuverlässig.

  • Urlaub vom Sofa aus

    Kommen bis 2030 virtuelle Reisen?

    Warum in die Ferne schweifen? Die Zukunft des Reisens könnte auf dem heimischen Sofa liegen, von wo aus sich im Ballon über die spektakuläre Kegellandschaft Kappadokiens in der Türkei fahren, der Eiffelturm besteigen oder der Blick vom 600 Meter hohen Preikestolen über den norwegischen Lysefjord genießen lässt. Das sogenannte Metaversum und 3D-Brillen machen es möglich – und 21 Prozent der Deutschen glauben, dass wir 2030 virtuell verreisen, wie eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom ergab.

    Schwere Zeiten kommen auf spektakuläre Urlaubsziele allerdings wohl nicht zu: 87 Prozent der Befragten sagen, dass die klassische Reise wichtig ist, um vom Arbeitsalltag abzuschalten. Kein Wunder: Ist das Metaversum doch nur eine digitale Kopie. Und da kann das eigene Abbild, ein sogenannter Avatar, sich zwar im virtuell nachgebauten Urlaubsort, etwa Mallorca, an den Strand stellen, das richtige Badegefühl kommt aber wohl eher nicht auf. Auch richtig Party zu feiern, wird schwierig.

    In anderer Hinsicht wird die Digitalisierung für den Urlaub immer wichtiger: 58 Prozent informieren sich auf Reise- und Vergleichsportalen, 45 Prozent direkt bei Hotels und Reiseveranstaltern – mehr als bei der letzten Umfrage 2020. „Die digitalen Medien haben deutlich an Bedeutung gewonnen“, sagte Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder. Damals hatte der Verband bereits nach Urlaub und Digitalisierung gefragt. Immer wichtiger wird auch Social Media: Vier von fünf Befragten lassen sich dort von Bildern und Berichten aus dem Freundeskreis und der Familie anregen.

    Insgesamt informierten sich 70 Prozent der Deutschen online, 34 Prozent gingen ins Reisebüro. Wie die Zahlen zeigen, nutzen einige auch beide Möglichkeiten. Vor zwei Jahren besuchten noch 41 Prozent ein Reisebüro, 68 Prozent suchten online nach Informationen. Dabei lesen zwei Drittel der Reisenden die Onlinebewertungen anderer – mit Vorsicht, denn sie könnten gefälscht sein. Verdächtig aus Sicht der Befragten: zu viele negative (82 Prozent) oder zu viele sehr positive Bewertungen (61 Prozent).

    Das Geschäft mit dem Urlaub verlagert sich also immer mehr in Netz. Das zeigt sich auch daran, wo das Geld landet. 53 Prozent der Bundesbürger buchen online, 45 Prozent gehen dafür ins Reisebüro. Die Umfrage offenbart ein Altersproblem der klassischen Anbieter: Sechs von zehn Deutschen unter 65 buchen online und deutlich seltener im Reisebüro. Dort sind vor allem diejenigen, die über 65 sind (sechs von zehn).

    Gebucht werden im Netz vor allem Unterkünfte, Flüge, Zugfahrscheine, Mietwagen, Eintrittskarten – und Pauschalreisen. Selbst ein knapp ein Viertel derjenigen, die überhaupt auf Kreuzfahrten gehen, planen und bezahlen über das Netz. Die Hälfte kann sich das vorstellen. Online zu buchen, hat der Umfrage zufolge vor allem praktische Vorteile: keine Öffnungszeiten (86 Prozent), bessere Vergleichbarkeit (84 Prozent), größeres Angebot (60 Prozent), Zeitersparnis (58 Prozent).

    In acht Jahren, ist sich eine deutliche Mehrheit sicher (65 Prozent), würden klassische Reisebüros ausgestorben sein. Bitkom-Geschäftsführer Rohleder sieht nicht ganz so schwarz. Denn Urlaub online zu buchen hat zwei entscheidende Nachteile: 58 Prozent der Befragten fehlt der persönliche Kontakt, 47 Prozent wollen sich nicht um alles selbst kümmern. Rohleder empfiehlt ein Modell, das persönliche Ansprache und online verbindet. Er kann sich auch vorstellen, dass ein Reisebüro einen Berater zu den Kunden nach Hause schickt. Und: „Die Reisebüros müssen gezielt junge Menschen ansprechen.“

    Das Digitale beeinflusst auch die Planung im Urlaub selbst. Drei von fünf Befragten haben bereits ein Ausflugsziel nur gewählt, um dort ein besonderes Foto zu machen und es dann in sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram, Twitter oder Tiktok zu teilen. Bitkom-Geschäftsführer Rohleder nannte die Zahlen bemerkenswert. Der Fotowahn treibe seltsame Blüten. So bringt die Aussicht auf spektakuläre Bilder die Deutschen auch dazu, Absperrungen und Verbotsschilder zu ignorieren. Immerhin 17 Prozent bekannten sich dazu.