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  • Gas als Rohstoff

    Chemische Industrie ist größter Abnehmer

    In der sechsten Woche des Ukraine-Kriegs wird wieder über ein Energieembargo des Westens gegen Angreifer Russland diskutiert. Und wieder schrecken die Staaten, vor allem Deutschland, davor zurück. Denn die Bundesrepublik versucht, sich im Eiltempo von russischen Kohle-, Öl- und Gaslieferungen unabhängig zu machen. Aber gerade beim Gas ist das schwierig. Kommt es nicht mehr, fehlt manchem Unternehmen die Energie und der chemischen Industrie ein wichtiger Rohstoff für Produkte, die in anderen Branchen dringend nötig sind.

    Im ersten Quartal bezog Deutschland immer noch 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. 2021 waren es noch gut 55 Prozent. Unter anderem, weil Gasproduzenten nicht kurzfristig mehr fördern können und Schiffe zum Transport fehlen, lässt sich das russisches Gas nicht schneller ersetzen. Die chemische Industrie ist mit einem Anteil von 15 Prozent der größte industrielle Verbraucher von Erdgas. Gut zwei Drittel des Gases nutzt die Industrie für Strom und Prozesswärme. Etwas mehr als ein Viertel des Gases dient als Rohstoff.

    „Mit einem kurzfristig einsetzenden und länger anhaltenden Lieferausfall würden sich spätestens im Herbst Versorgungsengpässe einstellen, die auch unseren Industriezweig massiv treffen“, sagt Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands der chemischen Industrie. „Damit wären dann tiefe Einschnitte in das Produktionsniveau der Branche verbunden.“ Und: „Stottert es in der Chemie oder fällt sie sogar ganz aus, wird es in den Werkshallen anderer Industriezweige sehr ruhig und die Fließbänder stehen still.“

    Große Entrup nennt als betroffene Branchen Landwirtschaft, Ernährung, Automobil, Kosmetik und Hygiene, Bauwesen, Pharma sowie Elektronik. Zudem liefert die deutsche Chemieindustrie viel an Firmen im Ausland – chemische Erzeugnisse sind nach Autos und Maschinen das wichtigste Exportgut.

    Erdgas enthält Methan. Daraus wird unter anderem Ammoniak hergestellt. Die Kapazität in Deutschland beträgt 2,5 Millionen Tonnen, eine der wichtigsten Grundchemikalien überhaupt. Er ist Grundstoff unter anderem für Dünger, Lösemittel und Medikamente. Er steckt in Tierfutter und Lebensmitteln. Ammoniak ist auch für AdBlue nötig, jenen Zuschlagstoff, der die Abgase von Dieselfahrzeugen reinigt.

    Erdgas ist auch Basis für Acetylen. Es wird in Arzneimitteln und für hochelastische Textilfasern genutzt, in Lacken, Folien, Schläuchen. Und als Kleber: Ohne Acetylen wären Autoreifen auch nicht so belastbar. Denn aus ihm werden Zuschlagstoffe hergestellt, mit denen das Material besonders gut zusammenhält.

    Wer auf einer Mehrzonen-Matratze schläft, hat die erholsamen nächtlichen Stunden auch Erdgas-Produkten zu verdanken: Polyurethanen, ein weiterer Stoff aus Erdgas. Die Schaumstoffe werden nicht nur in Matratzen verwendet: Sie isolieren auch Gebäude, sind in Autositzen verarbeitet. Mit dem Material sind unter anderem Böden und Möbel beschichtet sowie künstliche Sportbahnen. Polyurethane finden sich auch in Joggingschuhen und in Rollschuhrädern.

    Aus Erdgas werden auch Phenolharze gewonnen. Eingesetzt werden sie bei Wärmedämmung für Holzprodukte und als Formpulver. Die Autoindustrie setzt sie ebenso ein wie das Baugewerbe und Gießereien. Es gibt Lichtschalter aus dem Material und dekorative Artikel, zum Beispiel Gartenzwerge. Phenolharze hießen früher Bakelit – der erste Kunststoff aus dem Markt. Aus ihm waren unter anderem der Nachkriegs-Telefonklassiker W48.

    Ein sehr bekanntes Produkt, für das Erdgas der Grundstoff ist, ist Acryl, chemisch Polymethylmethacrylat. Eingesetzt wird es unter anderem als transparenter Glasersatz, in der Medizintechnik, für Straßenschilder, Badewannen. Ein Vorprodukt des Acryls, das Methylmethacrylat, nutzen Chirurgen als Zement unter anderem bei Hüft oder Knieoperationen. Auch Zahnärzte vertrauen auf das Material. Produkte aus Erdgas stecken in Lacken und werden Sprit beigemischt, um mehr Leistung aus ihm herauszuholen und den Schadstoffausstoß zu verringern. Viele Erdgasprodukte wie Formaldehyd sind für andere chemische Prozesse wichtig.

    Die chemische Industrie fertigt oft an sogenannten Verbundstandorten, eine Art optimierte Chemiefabrik. Gas und Öl gehen als Rohstoffe in den Verbund hinein und werden verarbeitet. Aus dem Abfallprodukt eines Produktionsschrittes wird der Grundstoff des nächsten. Nach diesem Prinzip ist zum Beispiel der Stammsitz von BASF in Ludwigshafen aufgebaut, einem der größten Chemiekonzerne der Welt. Die Anlage auf einer Fläche von zehn Quadratkilometern verbraucht jedes Jahr etwa so viel Gas wie Dänemark – als Rohstoff und um Strom und Wärme zu erzeugen. Insgesamt verbraucht die Branche dem VCI zufolge rund 140 Terrawattstunden Gas im Jahr, allein BASF in Ludwigshafen rund 37 Terrawattstunden. Verarbeitet wird auch Öl.

    Weil die Produktion aufwändig ist und im Verbund alles miteinander zusammenhängt, können einzelne Anlagenteile nicht beliebig abgeschaltet werden. BASF hat berechnet, dass der Standort Ludwigshafen mit 39.000 Mitarbeitern abgeschaltet werden muss, wenn die Gasversorgung unter 50 Prozent fällt. Das kann bis zu einer Woche dauern. Den Verbund wieder hochzufahren, braucht deutlich mehr Zeit: mehrere Wochen.

  • Die Kapitalvernichter

    Wer besonders viel Anlegergeld verbrennt

    Vor gut 20 Jahren zählte Epigenomics zu den Biotech-Unternehmen mit einer großen Zukunft bei der Krebsfrüherkennung. Davon ist wenig geblieben, zumindest aus Sicht der Anleger. Der Wert des Berliner Unternehmens schrumpfte allein 2021 um 81 Prozent, in den vergangenen fünf Jahren blieben von 100 Euro nur zwei übrig. Auf der Liste der 50 größten Kapitalvernichter stehen die Berliner dieses Jahr ganz oben. Wie auch schon 2021. Und auch vier Unternehmen des Deutschen Aktienindex Dax stehen auf der Liste.

    Wenig Glück hatten demnach Anleger des Medizinkonzerns Fresenius (Platz 29), des Konsumgüter- und Klebstoffherstellers Henkel (32), des Agrochemie- und Pharmakonzerns Bayer (36) und des Autozulieferers und Reifenriesen Continental (38). Immerhin lief es für Bayer im vergangenen Jahr recht gut, die Lage bessert sich also. Es finden sich auch bekanntere Namen wie ThyssenKrupp (19), die Holding der Saturn- und Media-Märkte Ceconomy (20) und die Lufthansa (24) auf vorderen Plätzen.

    Der Medienkonzern ProSiebenSat1 liegt auf Rang 34, die Aktie des Bundesligisten Borussia Dortmund auf Rang 37. Nicht mehr dabei ist die Deutsche Bank, die lange Jahre „fast schon zum Inventar gehörte“, wie DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler sagte, als er die Liste vorstellte.

    Insgesamt verbrannten die Top-50-Kapitalvernichter binnen fünf Jahren 49,6 Prozent des Börsenwerts, binnen eines Jahres waren es 6,4 Prozent. Der Dax schaffte in den vergangenen fünf Jahren ein Plus von knapp 37 Prozent. 2021 waren es 15,7 Prozent. „Wir wollen die Aktionäre mit der Liste wachrütteln“, sagte Tüngler. Wer die Aktie eines Unternehmens halte, das auf der Liste, sollte dringend überprüfen, ob der Grund für die Investition noch gedeckt sei.

    Die DSW bewertet für ihre Liste ausschließlich die Aktienentwicklung der vergangenen fünf und drei Jahre sowie die des vergangenen Jahres. Die Gründe für das schlechte Abschneiden fließen nicht ein. Berücksichtigt sind jene 311 Unternehmen, die im sogenannten Prime Standard der Deutschen Börse notiert sind. Er unterliegt besonderen Berichts- und Transparenzregeln. Nur wer hier notiert ist, kann auch in den Dax oder den MDax der mittelgroßen Werte aufgenommen werden.

    „Viele der Gesellschaften auf der Liste wünschen sich sicher nicht, dass die Hauptversammlung in Präsenz abgehalten wird“, vermutet Tüngler – wegen des großen Fragebedarfs der Aktionäre, die sonst in der Regel keinen Zugang zum Vorstand haben. In den vergangenen zwei Jahren liefen Hauptversammlungen wegen der Pandemie nur virtuell, die Corona-Notstandsgesetze ermöglichen das – mit stark eingeschränkten Aktionärsrechten. Möglich ist das noch bis Ende August, wenn die Verordnung ausläuft.

    Bisher sieht das Aktienrecht Präsenzveranstaltungen vor. Künftig sollen auch rein virtuelle Hauptversammlungen möglich sein. Der entsprechende Referentenentwurf sieht unter anderem vor, dass Fragen vor der Hauptversammlung eingereicht werden müssen, während der Veranstaltung wären dann nur Nachfragen erlaubt. Schwierig wenn zum Beispiel Quartalszahlen erst auf der Veranstaltung veröffentlicht würden, sagte Jella Benner-Heinacher, stellvertretende DSW-Hauptgeschäftsführerin. Die Regeln des Referentenentwurf träfen vor allem Privatanleger, Vermögensverwalter und Family Offices, die keinen Zugang zu direkten Gesprächen mit Vorstand und Aufsichtsrat hätten.

    „Wir verstehen nicht, warum eine virtuelle Hauptversammlung nicht wie eine in Präsenz laufen kann. Warum soll es Einschränkungen geben?“, fragte Benner-Heinacher. „Technisch ist alles möglich, wie wir in den vergangenen zwei Jahren gesehen haben.“ Unklar ist aus Sicht der DSW auch, warum die Hauptversammlung in Präsenz nicht gleich mitreformiert wird. Bisher laufen noch Gespräche in Berlin über das künftige Gesetz. Und es bewegt sich offenbar etwas Richtung Aktionärsrechte. Tüngler sagt: „Wir können uns nicht vorstellen, dass der Referentenentwurf eins zu eins in den Regierungsentwurf eingeht.“ Die Deutsche Telekom lädt am 7. April übrigens wieder zu einer Hauptversammlung in Präsenz.

  • Schufa öffnet sich

    Videobot soll Score erklären

    Undurchsichtig und mächtig – so würden viele Deutsche die Schufa bezeichnen. Das Unternehmen aus Wiesbaden bewertet, wie zahlungskräftig eine Kundin oder ein Kunde ist. Wie, ist für viele unverständlich und Jahrzehnte lang tat die Schufa wenig, das Wissen über sie und ihren berühmten Score – die Bewertung – zu ändern. Bis jetzt. Am Freitag gab sie einen Einblick in das, was die Verbraucher künftig erwartet – von verständlichen Briefen über Videochatbots bis zum Score-Ermittlungsprogramm.

    Rund 500.000 Anfragen erreichen die Schufa jeden Tag, wie Vorstandschefin Tanja Birkholz sagte, an Spitzentagen wie dem Rabatttag Black Friday sogar bis zu einer Million. Wer einen Fernseher auf Ratenkredit kauft, willigt in der Regel ein, dass die jeweilige Bank bei einer Auskunftei nachfragt, wie kreditwürdig der Kunde oder die Kundin ist. Die Schufa, 1927 als Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung gegründet, ist die größte und wichtigste Auskunftei dieser Art in Deutschland.

    Mehr als 10.000 Firmenkunden vertrauen auf die Informationen des Unternehmens für ihre Geschäfte. Über die Jahre hat die Schufa sensible Daten von 68 Millionen Deutschen und sechs Millionen Firmen gesammelt, insgesamt mehr als eine Milliarde. Auf Basis dieser Daten kann sie bei jeder Abfrage einen sogenannten Score berechnen, der anzeigt, ob eine Person zahlungsfähig ist und sehr wahrscheinlich bleibt. Dabei fließen persönliche Daten ebenso ein wie aggregierte. Rund 100 Merkmale berücksichtigt die Schufa nach eigenen Angaben, nicht dazu gehören Wohnortdaten.

    Für viele Verbraucher ist unverständlich, wie die Schufa sie bewertet. Das soll sich ändern, wie Chefin Birkholz sagte. Voraussichtlich noch im Frühjahr sollen Fragen und Antworten auf der Seite überarbeitet werden. Wer etwa „Warum ändert sich mein Score?“ eintippt, bekommt dann die Erklärung per Video, ausgewählt von einer intelligenten Software. Der Clou: Beantwortet werden die Fragen von echten Schufa-Beschäftigten. Rund 60 Videoantworten zu den wichtigsten Fragen sind bereits aufgezeichnet.

    Die Schufa durchforstet auch die rund 1000 Textbausteine für die Briefe, die das Unternehmen an Verbraucher schickt. Als schwurbelig und unverständlich juristisch empfundene Schreiben soll es dann wohl von Sommer an nicht mehr geben. Wertschätzend, klar, präzise lauten die Stichworte. Die Beispiele klingen vielversprechend. Die Schufa will auf der Internetseite auch die wesentlichen Einflussfaktoren zeigen, die in den Score eingehen – jeweils mit kurzen Erklärungen und Verbrauchertipps.

    Geradezu spektakulär für ein bisher eher verschlossenes Unternehmen mutet an, was wohl in Schritten von Herbst an freigeschaltet wird: Verbraucher können dann mit einem Programm auf der Schufa-Internetseite nachvollziehen, wie ihr Score zustande kommt, wie er aussieht und wie er sich entwickelt. Eine Zwischenversion zeigte das Unternehmen jetzt. Abgefragt werden zum Beispiel wie lange man ein Girokonto hat, die Anzahl der Kreditkarten und der Kredite, ob es eine Immobilienfinanzierung gibt. Das Programm simuliert dann den Score. Möglich sein soll auch, eine Prognose zu bekommen.

    Das Programm ist allerdings noch nicht fertig. Unter anderem ist ungeklärt, wie viele Merkmale abgefragt werden. Und dann ist da ein grundsätzliches Problem: Es gibt nicht den einen Score. „Jedes Unternehmen hat eigene Kriterien dafür, mit welchen Kunden sie Geschäfte machen“, sagt die Schufa-Chefin. Deswegen schickt die Schufa andere Scores an eine Sparkasse und eine Direktbank. Der Verbraucher verstehe das aber nicht. Auch der sogenannte Basisscore, den jeder per Brief abfragen kann, ist ein Durchschnittswert.

    Was auch künftig geheim bleibt, ist die Formel, mit der die Scores berechnet werden. Praktisch der Kern des Erfolgs der Schufa. Das Unternehmen ist eine Aktiengesellschaft, die derzeit rund 30 Banken und Sparkassen gehört. Der schwedische Finanzinvestor EQT will die Schufa übernehmen und europaweit ausbauen. Erste Verhandlungen mit Anteilseignern laufen, allerdings haben Altaktionäre ein Vorkaufsrecht. Vor allem Sparkassen und Genossenschaftsbanken wollen den Einstieg der Schweden verhindern. Die Schufa soll rund zwei Milliarden Euro wert sein.

  • Putins deutscher Freund

    Lausitz, Moskau, Staufen: Matthias Warnig

    Staufen, ein beschaulicher Ort südlich von Freiburg, Weinberge, viele Sonnentage, gut 8200 Einwohner. Viele von ihnen sind sehr wohlhabend. Auch Matthias Warnig, der hier am Hang mit Blick auf die Burgruine wohnt und der gerade nicht so wohlgelitten ist – wegen seiner guten Kontakte nach Russland und seiner engen wirtschaftlichen Verbindungen. Warnig ist der einzige deutsche Staatsbürger auf der US-Sanktionsliste wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine.

    Der 66-Jährige arbeitete zuletzt als Geschäftsführer der Nord Stream 2 AG im schweizerischen Zug. Die Firma hat die gleichnamige Ostseepipeline bauen lassen und Warnig war derjenige, der das Projekt vorantrieb, zäh und hartnäckig. Bis die Bundesregierung das Genehmigungsverfahren für die fertige Pipeline aussetzte und die US-Regierung Sanktionen verhängte. Kurz darauf überfiel Russland die Ukraine. Nord Stream 2, eine Tochter des staatlichen russischen Gaskonzerns Gazprom, ist inzwischen insolvent, Telefone und Webpräsenz sind abgeschaltet. Die Firma war kurzfristig nicht mehr flüssig.

    Warnig ist nicht irgendwer, auch wenn der gebürtige Lausitzer wenig in der Öffentlichkeit steht. Der Mann ist ein enger Freund des russischen Präsidenten Waldimir Putin. Er sitzt in den Aufsichtsräten des staatlichen russischen Ölkonzerns Rosneft, des staatlichen Ölpipelinebetreiber Transneft, der staatlichen VTB-Bank, mischte bei der Bank Rossija mit und kontrollierte den Aluminiumkonzern Rusal. Bei Rosneft ist er stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender. Die „Wirtschaftswoche“ nannte ihn kürzlich den deutschen Oligarchen. Die „Welt“ befand, angesichts der Ämterhäufung, Warnig sei einflussreicher als Altkanzler Gerd Schröder (SPD).

    Wie nah sich der Präsident und der Manager sind, ließ letzterer in einem seiner seltenen Interviews durchblicken: Da sagte er, Putin habe kein Handy, er könne ihn aber jederzeit erreichen. Altkanzler und Pipeline-Manager kennen sich auch genauer: Schröder leitete den Aufsichtsrat von Nord Stream 2. Zuvor hatten die beiden schon von 2005 an bei Nord Stream zusammengearbeitet. Und auch im Rosneft-Aufsichtsrat sitzen beide. Zum 70. Geburtstag Schröders gab Warnig eine Gala in St. Petersburg. Mit dabei: Putin.

    Die Geschichte von Putin und Warnig beginnt offiziell Anfang der 90er Jahre. Da ist Warnig gerade von der Dresdner Bank nach St. Petersburg entsandt worden, um dort Geschäftschancen zu erkunden. Putin ist zu der Zeit Vizebürgermeister seiner Geburtsstadt. Warnig, so geht die Geschichte, muss vor seinem ersten Treffen acht Stunden im Vorzimmer warten. Offenbar erfolgreich, Warnig sichert sich die erste Lizenz für eine westliche Bank in St. Petersburg.

    Die Dresdner Bank startet durch, Warnig auch, der sich 1993 auch darum kümmert, dass Puitins damalige Frau Ludmilla nach einem schweren Autounfall in Deutschland behandelt wird. Während Putin zum Präsidenten aufsteigt, gewinnen die Dresdner Bank und ihr Investmentarm Dresdner Kleinwort Benson lukrative Geschäfte. So bewerten sie Teile des Yukos-Imperiums von Michail Chodorkowski, das nach dem Prozess gegen den Oligarchen gegen seinen Willen zerschlagen werden soll. Die Dresdner Bank regelt auch den Börsengang von Rosneft, platziert Anleihen von Gazprom. Es läuft für Warnig und die Dresdner Bank.

    Dann kommt 2005. Das „Wall Street Journal“ berichtet, Putin und Warnig hätten sich bereits in den 80er Jahren in Dresden getroffen, als der KGB-Offizier Putin dort stationiert war. Warnig habe Agenten im Westen anwerben sollen. Die Zeitung beruft sich auf Zeitzeugen. Belastbare Belege fehlen bisher. Warnig hat stets dementiert.

    Es wird bekannt, dass Warnig als Spitzel der Stasi gearbeitet hat, Deckname „Ökonom“. Von 1986 an sollte er dann von Düsseldorf als Offizier im besonderen Einsatz, Deckname „Arthur“, Informationen sammeln. Pikant: Er spähte auch die Dresdner Bank aus. Ende 1989 arbeitete er im DDR-Wirtschaftsministerium, verhandelte mit über die Währungs- und Wirtschaftsunion von DDR und Bundesrepublik.

    Die Stasi-Enthüllungen beenden Warnigs Karriere nicht. Ende 2005 startet er als Chef bei NEGP, dem Vorläufer der Nord Stream AG. Er zieht nach Staufen, zwei Autostunden entfernt von der Nord-Stream-Zentrale in Zug – wohl nach einem Tipp von Klaus Mangold, einst Daimler-Topmanager und ehedem Vorsitzender des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft, der in der Nähe wohnt. Die Umgebung profitiert: Gazprom wird den Europa-Park Rust sponsern, Rusal übernimmt die insolvente Alu Rheinfelden, Warnig spendet jedes Jahr für das Staufener Kleinkunstfestival, kauft Immobilien und saniert sie. Gazprom Germania, Sponsor von Schalke 04, schickt ihn in den Aufsichtsrat des Bundesligisten. Dann kommt Putins Einmarsch in der Ukraine – und alles ist anders im Leben von Warnig. Nord Stream 2 pleite, Gazprom als Sponsor geächtet. Warnig selbst gerade wenig beliebt.

    Unklar ist, wie groß das Vermögen des „deutschen Oligarchen“ ist. Offenbar gehören seiner MW Invest mehrere Immobilien in Staufen und in der Umgebung. Wie genau sich Warnig fühlt, ist auch nicht klar. Er spricht praktisch nicht öffentlich. Aber er hat dem Bürgermeister von Staufen geantwortet, der die diesjährige Spende zurücküberwies und ihn aufforderte, sich von Putin zu distanzieren und seine Ämter in Russland niederzulegen. „Ich perso?nlich halte diese kriegerische Auseinandersetzung fu?r unverantwortlich“, steht in dem Schreiben von Anfang März. „Ich konnte es mir nie vorstellen, eines Morgens zu erwachen und nach mehr als 30 Jahren Frieden ist Krieg in Europa.“ Einen militärischen Konflikt in der Ukraine habe er nicht erwartet. „Das war ein fu?r mich unbeschreiblicher Irrtum.“

  • Niemand muss frieren

    Wen ein russischer Lieferstopp trifft

    Vier Wochen nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine werden weitere Sanktionen gefordert – vor allem ein Stopp der Energielieferungen aus Russland. Und auch Russland droht immer wieder damit, den Gashahn zuzudrehen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Warum ist Erdgas für Deutschland so wichtig?

    Gas war 2021 nach Angaben der AG Energiebilanzen mit einem Anteil von 27 Prozent nach Mineralöl und vor Erneuerbaren Energien der zweitwichtigste Energieträger in Deutschland. Mit mehr als einem Drittel nahm die Industrie nach Zahlen des Branchenverbands BDEW am meisten Gas ab, vor allem für Prozesswärme, eigene Stromerzeugung und als Grundstoff. Mit gut 31 Prozent heizten und kochten Privatleute, rund 13 Prozent gingen in die Stromerzeugung.

    Wie abhängig ist Deutschland vom russischen Gas?

    Mehr als die Hälfte des Erdgases, das in Deutschland verbraucht wird, kommt aus Russland. Weniger als ein Drittel liefert Norwegen.

    Wie viel Geld würde Russland verloren gehen, würden die Gaslieferungen gestoppt?

    Allein im Januar nahm Russland nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes 1,16 Milliarden Euro aus Gaslieferungen an Deutschland ein, 2021 waren es 9,87 Milliarden Euro. Energielieferungen sind von den Sanktionen gegen Russland ausgenommen, auch die Bezahlung dafür.

    Wie kommt Deutschland an russisches Gas?

    Geliefert wird derzeit vor allem durch drei Pipelines: Nord Stream durch die Ostsee, Jamal durch Belarus und Polen und Sojus über die Ukraine und die Slowakei.

    Wie lässt sich das Gas physisch abstellen?

    Es gibt aus Sicherheitsgründen zahlreiche Sperren in den Pipelines, die sowohl auf russischer als auch auf EU-Seite geschlossen werden können. Schließen die staatlichen russischen Lieferanten eine Pipeline, machte sich das in Deutschland durch einen Druckabfall bemerkbar, etwa am deutschen Ende von Nord Stream in Lubmin. Üblicherweise fließt das Gas mit einem sehr hohen Druck von 180 bar durch die Leitungen. Deshalb sollte die europäische Seite die russische auch informieren, sollte die EU ihrerseits die Ventile an einer Pipeline schließen. Liefert Russland weiter, könnte der steigende Druck die Anlagen beschädigen. Die russischen Gasförderer können zudem die Förderstellen mit Ventilen verschließen.

    Was plant Europa?

    Die EU denkt über ein Embargo russischen Gases nach. Demnach könnte der staatliche russische Gazprom-Konzern zwar weiter Gas durch die Leitungen schicken, es aber nicht mehr verkaufen. Auch die russischen Banken, über die die Energielieferungen noch bezahlt werden können, könnten sanktioniert werden. Physisch geschlossen werden müsste eine Pipeline dann nicht mehr – jedenfalls nicht sofort.

    Wie wahrscheinlich ist ein Gasstopp?

    Schwer zu sagen. Russland droht, ist aber auf die Devisen angewiesen. Und Deutschland? Ein solcher Stopp würde die deutsche Wirtschaft wohl in die Rezession ziehen. Alle Folgen sind kaum zu überblicken. Dennoch: Die Bundesnetzagentur arbeitet gerade gemeinsam mit dem Bundeswirtschaftsministerium und Industrieverbänden daran, festzulegen, wen ein Lieferstopp als erstes treffen würde. Ob ein Gasstopp sein Ziel erreicht, den Krieg in der Ukraine zu beenden, ist unklar. Warum sollte Putin sein Verhalten dann ändern, wenn es ihm jetzt schon nicht mehr möglich ist?

    Wem wird zuerst Gas abgestellt, wenn es in Deutschland knapp wird?

    Nach dem Notfallplan Gas wird zunächst der Industrie das Gas abgedreht. Soziale Einrichtungen, etwa Krankenhäuser, Fernwärme-Kraftwerke und Privatleute würden weiter beliefert. Nur im äußersten Notfall müssten die Menschen also frieren.

    Welche Industrien wären betroffen?

    Grob gesagt würde es sehr energieintensive Industrien zuerst treffen. Doch das ist nicht das einzige Kriterium. Möglicherweise können Lebensmittelhersteller länger arbeiten als zum Beispiel Glas- oder Aluminiumproduzenten. Bei manchen Firmen werden auch die Anlage beschädigt, sollten sie sie wegen Gasmangel herunterfahren.

    Wie realistisch ist es, das russische Gas durch Lieferungen aus anderen Ländern zu ersetzen?

    Die Bundesregierung und auch die EU arbeiten seit Wochen daran, die Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern. Zuletzt kaufte Deutschland Gas in Qatar. Das Land liegt dem Statistical Review of World Energy von BP zufolge nach Russland und dem Iran mit 13,1 Prozent Anteil an den Weltgasreserven auf Rang drei. Das Problem: Qatar ist autoritär regiert, schert sich wenig um Menschenrechte. Weitere Gaslieferanten könnten die USA oder Nigeria werden. Das Gas muss jeweils verflüssigt und nach Europa verschifft werden, etwa nach Rotterdam, wo es entsprechende Terminals für Flüssiggas (LNG) gibt. In Deutschland sollen solche Terminals erst gebaut werden. Früheste Anlandemöglichkeit nach aktuellem Stand: 2026.

    Bis wann kann Deutschland unabhängig von russischem Gas sein?

    In der Studie „Energiesicherheit und Klimaschutz vereinen“ hat die Organisation Agora Energiewende ausgerechnet, dass Deutschland frühestens 2027 unabhängig von russischem Gas sein kann. Ein Lieferstopp oder Embargo sofort ließe sich nicht vollständig auffangen – selbst wenn alle intensiv sparen.

    Wie sicher sind die Pipelines vor dem Krieg?

    Nord Stream in der Ostsee und Jamal durch Belarus sind vom Krieg nicht betroffen. Die Sojus-Pipeline verläuft in zwei Strängen durch die Ukraine. Sollte sie während der Kämpfe getroffen werden, kann die Pipeline vor und hinter dem zerstörten Stück an sogenannten Konverterstationen geschlossen werden. Gas träte nicht aus, allerdings wäre die Lieferung unterbrochen, bis das Teilstück repariert ist. Über Sojus kommt am wenigsten russisches Gas nach Deutschland.

    Russland verlangt, das Gaslieferungen künftig nur noch in Rubel bezahlt werden. Warum?

    Zunächst stützt das Vorgehen den Rubel-Kurs, der mit Beginn der Sanktionen gegen Russland abgestürzt ist. Denn die Gaskäufer müssen sich Rubel beschaffen, um bezahlen zu können. Unklar ist, ob sich die benötigten großen Rubel-Mengen überhaupt am Markt beschaffen lassen. Der Essener Energiekonzern Uniper, einer der größten Gasimporteure Deutschlands, wollte die Vorgabe des Kreml nicht kommentieren. Die Entscheidung Wladimir Putins ist vor allem deshalb irritierend, weil die Gaskäufer üblicherweise direkt mit Euro oder Dollar zahlen und Russland auf diese Devisen angewiesen ist. Jetzt müssen sich die Unternehmen umständlich Rubel beschaffen, eventuell mit Devisen über die mit Sanktionen belegte russische Zentralbank. Das Verfahren verkompliziert alles. Ein Finanzmarktexperte vermutet eine reine Propaganda-Show Putins.

  • Eine Frage des Willens

    Zum Start von Tesla in Brandenburg

    Für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist der März 2022 ein besonderer Monat: Im brandenburgischen Grünheide bei Berlin rollte am Dienstag offiziell der erste, vollständig in Europa gefertigte Tesla vom Band – nach Rekordbauzeit für die Fabrik. Und Magdeburg wird bis 2027 ein wesentlicher Standort des US-Chipriesen Intel. Beide Nachrichten zeigen: Deutschland, vor allem auch der Osten, ist für sehr große Industrieansiedlungen interessant – trotz seines Rufs, besonders bürokratisch zu sein. Und trotz der im internationalen Vergleich hohen Abgabenlast und Lohnkosten in der Bundesrepublik.

    Die Summen, um die es geht sind enorm: Tesla steckt insgesamt rund 5,8 Milliarden Euro in seine Fabrik nebst Batteriewerk, Intel will sogar 17 Milliarden in den Standort investieren. Bei Intel geht es zunächst um 3000 Arbeitsplätze, bei Tesla sind es bis zu 12.000. Noch viel wichtiger ist, dass die Konzerne weitere Firmen anziehen – mit zusätzlichen in der Regel eher höher bezahlten Arbeitsplätzen. Intel vor allem legt auch Wert auf die Nähe zu deutschen Hochschulen – der Profit wird sicher nicht einseitig sein.

    Dass es bei den Standortentscheidungen der US-Konzerne nicht nur um Ostdeutschland geht, zeigt auch eine Studie der Fachhochschule Dortmund zu Tesla: Danach profitieren vor allem Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen von der Ansiedlung im märkischen Sand. Denn in den beiden Bundesländern sitzen die Anlagenbauer und Zulieferer für die Fabrik. Tesla vertraut demnach vor allem auf familiengeführte Weltmarktführer, die sogenannten Hidden Champions. Und bei Intel, das mit dem Bau der Chipproduktion erst beginnt, dürfte es ähnlich sein.

    Ohne den politischen Willen, die beiden Konzerne anzusiedeln, wäre Deutschland in beiden Fällen sicher leer ausgegangen. Zum einen gelten die Amerikaner als harte Verhandler, die verschiedene möglichen Standorte weltweit gegeneinander ausspielen. Die schwarz-rot-gelbe Landesregierung in Sachsen-Anhalt sieht da sehr gut aus. Zum anderen ist das Verständnis in den USA für das komplexe deutsche Bau- und Genehmigungsrecht eher unterentwickelt. Da muss übersetzt werden, was der rot-schwarz-grünen Landesregierung in Brandenburg besonders gelungen ist.

    Man kann davon ausgehen, dass gerade bei Tesla sehr genau geprüft wurde, bevor es die endgültige Genehmigung gab – um Klagen etwa wegen der immer wieder bemühten Wasserfrage keine Chance zu lassen. Und gerade das Tempo bei Tesla – vom Wald zum Werk in etwa zwei Jahren und drei Monaten – zeigt, dass auch das deutsche Regelwerk nicht nur bremst, wenn alle hinter einem Projekt stehen und Schwierigkeiten gemeinsam beseitigen. Das ist die wirklich gute Nachricht dieses März: Deutschland kann, wenn es will. Und es will.

  • Russisches Gas kurzfristig nicht ersetzbar

    Fielen plötzlich alle Erdgasimporte aus Russland aus, bliebe trotz harter Sparmaßnahmen hierzulande eine deutliche Lücke. Bis 2027 lasse sich die strukturelle Abhängigkeit jedoch beenden, schreibt die Organisation Agora in einer neuen Studie.

    Einen großen Teil der Gasimporte aus Russland könnte Deutschland kurzfristig einsparen – aber nicht alles. Zu diesem Ergebnis kommt die Organisation Agora Energiewende in ihrer neuen Studie „Energiesicherheit und Klimaschutz vereinen“. Das Ergebnis stützt die Strategie der Bundesregierung, die Gaslieferungen trotz des russischen Kriegs in der Ukraine aufrechtzuerhalten. Währenddessen bemühte sich Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) in Norwegen um zusätzliche Energieimporte.

    Habeck erhielt dort die Zusage, dass das nordeuropäische Land seine Lieferungen an verflüssigtem Erdgas (LNG) unter anderem nach Deutschland kurzfristig ausbauen wolle. Perspektivisch könnten Wasserstoff-Exporte hinzukommen, um das Erdgas in Wohngebäuden, Fabriken und Kraftwerken zu ersetzen. Der Wirtschaftsminister lehnt es ab, die Gasimporte aus Russland jetzt als Sanktion aktiv zu blockieren. Das führe zu schwer beherrschbaren Problemen in Deutschland, warnt Habeck. Anders könnte es bei Öl- und Kohleimporten aus Russland aussehen. Hier hält es das Wirtschaftsministerium für möglich, die Lieferungen im Laufe diesen Jahres zu ersetzen.

    In ihrer Studie untersuchte die Organisation Agora die kurzfristigen Auswirkungen eines kompletten Ausfalls der russischen Gaslieferungen und die möglichen Gegenmaßnahmen hierzulande innerhalb der ersten beiden Winter (2022 bis 2024). Während Deutschland im vergangenen Jahr rund 400 Terawattstunden (TWh, Billionen Wattstunden) Energie auf Basis russischen Gases verbrauchte, könnten etwa 100 TWh schnell durch Gaslieferungen aus anderen Quellen ersetzt werden. Bliebe ein „Ersatzbedarf“ von knapp 300 TWh, den man durch hiesige Sparmaßnahmen kompensieren müsste.

    Den Berechnungen von Agora zufolge könnten es hiesige Privathaushalte und Unternehmen schaffen, relativ schnell 160 bis 260 TWh einzusparen. Es bliebe also eine gewisse Lücke, die nicht gedeckt werden könnte. Die Folge wäre beispielsweise, dass Fabriken den Betrieb einstellten, Milliarden Euro Kompensation vom Staat erhielten und die Arbeitslosigkeit wüchse – Effekte, die Habeck vermeiden will. Die Dimension der Lücke hängt zudem von den Außentemperaturen ab. Wird der nächste Winter kalt, wächst der Bedarf, der ohne Russland nicht zu decken ist.

    Die Gegenmaßnahmen und Folgen bezeichnete Studienleiter Simon Müller als „hart“. Er betonte, es handele sich um eine energiepolitische Analyse, kein politisches Plädoyer für eine konkrete Strategie, etwa die schnelle, aktive Reduzierung der russischen Gaslieferungen durch die Bundesregierung.

    Um den Gasverbrauch schnell zu verringern, ist es beispielsweise möglich, die Raumtemperatur in den Wohnungen um ein, zwei Grad zu senken. Privathaushalte könnten auch flächendeckend Spararmaturen installieren, um den Durchfluss von Warmwasser in Duschen und Küchen zu minimieren. Bürgerinnen und Bürger mit niedrigen Einkommen müssten vom Staat angesichts der dann stark steigenden Preise finanziell unterstützt werden. Sparmaßnahmen in der Industrie wären unter anderem der vorübergehende Ersatz von Gas durch Kohle und Öl, sowie der Import von Produkten, die normalerweise hiesige Unternehmen fertigen.

    Analysiert hat Agora in Zusammenarbeit mit der Beratungsfirma Prognos und dem Wuppertal-Institut für Klima und Energie auch die mittelfristige Perspektive. Demnach könnte Deutschland bis 2027 etwa die Hälfte der russischen Lieferungen ersetzen – einen Verbrauch von rund 200 TWh. Nötig ist dafür zum Beispiel die Umstellung auf Wasserstoff in der Industrie, die Wärmedämmung der Gebäude und der Ersatz der fossilen Heizungen durch Wärmepumpen und Solarkollektoren. Diese Politik würde die „strukturelle Abhängigkeit“ vom russischen Erdgas „beenden“. Die bisherige Strategie „Erdgas als Brückentechnologie“ bezeichnen die Autorinnen und Autoren als „hinfällig“. Weil nun Klimaschutz und Sicherheitsinteressen parallel wirkten, komme der Ausstieg aus der fossilen Energiewirtschaft deutlich früher als bisher geplant.

    Die Bedeutung der Wärmepumpen-Technologie betonten am Donnerstag auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Umfeld der Klimabewegung Fridays for Future.Langfristig müssten „Wärmepumpen bis zu 70 Prozent des Wärmebedarfs decken. Diese entziehen beispielsweise der Luft oder der Erde mithilfe von Strom Wärme und heizen damit Häuser und industrielle Prozesse“. Wirtschaftsminister Habeck reist derweil an diesem Wochenende nach Katar am Persischen Golf. Die Monarchie ist kein Hort der Demokratie, aber reich an Öl und Gas. Auch dort geht es um Flüssiggas als Ersatz für russische Lieferungen.

  • Rückkehr der Atomdebatte

    Energie soll die Versorgung stabilisieren

    Seit 2011 ist das Ende der Atomkraft in Deutschland besiegelt. Jetzt verändert der Krieg Russlands mit der Ukraine Gewissheiten. Einige Politiker, vor allem der Union, setzen auf den Ausstieg vom Ausstieg. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Warum gibt es wieder eine Diskussion über Atomkraft in Deutschland?

    Der Ukraine-Krieg hat Deutschland gezeigt, wie abhängig es von russischem Gas und Öl sowie Kohle ist. Zudem steigen die hohen Energiepreise wegen des Konflikts weiter. Die Bundesregierung will deshalb die Energieversorgung möglichst zügig neu aufstellen und dafür alles prüfen. Dazu gehört der Bau von Flüssiggas-Terminals an der Nordsee und in der Elbmündung, was aber Zeit kostet. Dazu gehört, stärker auf Kohlekraftwerke zu setzen – die wollte Deutschland spätestens 2030 abschalten. Und dazu gehört, Atomkraftwerke länger laufen zu lassen. Sie sollten Ende 2022 Geschichte sein.

    Wie viele Atomkraftwerke laufen in Deutschland noch, wo stehen sie, wer betreibt sie? Und wann werden sie abgeschaltet?

    In Deutschland liefern derzeit noch drei Atomkraftwerke Strom: Isar 2 im bayerischen Niederaichbach, betrieben von PreussenElektra, der Kraftwerkstochter des Energiekonzerns Eon aus Essen, Emsland im niedersächsischen Lingen, betrieben vom Düsseldorfer Energiekonzern RWE, und Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg. Die Anlage gehört EnBW aus Karlsruhe. Alle drei Anlagen sollen nach dem Atomgesetz Ende 2022 vom Netz.

    Wie viel Strom liefern die Anlagen?

    Im vergangenen Jahr waren noch drei weitere Atomkraftwerke am Netz: Brokdorf (Schleswig-Holstein, Eon), Grohnde (Niedersachsen, Eon) und Grundremmingen C (Bayern, RWE). Die sechs Anlagen lieferten dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme zufolge rund 13,3 Prozent des deutschen Stromangebots.

    Können die Anlagen einfach länger laufen?

    Rechtlich muss die Bundesregierung entscheiden, dass die AKW länger laufen sollen. Dafür muss das Atomausstiegsgesetz geändert werden. Was einfach klingt, ist kompliziert. So muss unter anderem geklärt werden, wer für den möglicherweise zusätzlich anfallenden Atommüll zahlt. Mit dem Atomausstieg hatten die Kraftwerksbetreiber insgesamt rund 24 Milliarden Euro in einen öffentlich-rechtlichen Fonds eingezahlt, der Zwischen- und Endlagerung bezahlt. Sind solche rechtlichen Fragen nicht geklärt, wird kein Betreiber seine Anlage länger laufen lassen. Technisch lässt sich die Laufzeit verlängern, zunächst für einige Quartale. Dann allerdings müssen neue Brennstäbe beschafft werden. Weil sich die Konzerne bereits seit Jahren auf das Aus der Kraftwerke vorbereiten, könnte auch das Personal für den Betrieb knapp werden, sollten die Anlagen deutlich länger laufen.

    Sind die Betreiber der letzten drei Anlagen – EnBW, Eon und RWE – bereit, die Anlagen länger laufen zu lassen?

    EnBW aus Karlsruhe und Eon aus Essen würden mit der Bundesregierung darüber reden. Eon erklärte: „In dieser Ausnahmesituation sind wir bereit, darüber zu sprechen, unter welchen technischen, organisatorischen und regulatorischen Randbedingungen eine verlängerte Nutzung des Kernkraftwerks Isar 2 möglich wäre, sofern dies seitens der Bundesregierung ausdrücklich gewünscht ist.“ Begeisterung klingt anders. RWE hält sich bisher zurück, setzt wohl eher darauf, seine Braunkohlekraftwerke länger laufen zu lassen. Alle drei Konzerne haben mit Atomkraft abgeschlossen, konzentrieren sich auf völlig andere Geschäftsfelder. So setzt etwa EnBW auf erneuerbare Energien, Eon auf Netze und Energielösungen für Kunden.

    Ende 2021 sind Brokdorf, Grohnde und Grundremmingen C stillgelegt worden. Lassen sie sich wieder ans Netz bringen?

    Theoretisch ist das möglich, wenn der Rückbau noch nicht begonnen hat. Aber: Die Betreiber haben sich seit mehr als zehn Jahren auf den Ausstieg vorbereitet. Entsprechend haben sie das Personal geplant. Nachwuchs fehlt, ältere Kollegen bereiten sich auf den Ruhestand vor. Um ein Kraftwerk zu fahren, sind Mitarbeiter mit besonderer atomrechtlicher Lizenz nötig. Eine solche Lizenz gilt immer nur für eine bestimmte Anlage. Wer also bis 2019 Philippsburg 2 steuern durfte, kann nicht in Grohnde anfangen – jedenfalls nicht ohne Nachschulung. Das dauert mindestens ein Jahr für erfahrene Kräfte. Weil Brennelemente in der Regel drei bis vier Jahre genutzt werden, sind in den Kraftwerken, die gerade abgeschaltet wurden, auch recht wenig frische Elemente eingesetzt – ein Weiterbetrieb war schließlich nicht vorgesehen. Und auch um Anlagen zu reaktivieren, muss der Bundestag das Atomgesetz ändern.

    Gibt es weitere Anlagen, die wieder hochgefahren werden könnten?

    Nein. Alle anderen stillgelegten Atomkraftwerke werden bereits zurückgebaut oder sind sicher eingeschlossen.

    Welche grundsätzlichen Vor- und Nachteile haben AKW?

    Der große Vorteil im Vergleich zur: Die Reaktoren stoßen kein Klimagas CO2 aus. Der große Nachteil: Sie erzeugen radioaktive Abfälle. Und die Endlagerfrage ist in Deutschland immer noch nicht gelöst.

    Wie wahrscheinlich sind Neubauten in Deutschland?

    Mit dem Krieg in der Ukraine ist einiges, was als unumstößlich galt, plötzlich doch wieder in der Diskussion. Dass neue Atomkraftwerke in Deutschland gebaut werden, gilt aber in der Branche immer noch als ausgeschlossen. Die Planung ist aufwändig, der Widerstand groß: Der Atomausstieg ist in Deutschland gesellschaftlich tief verankert. Zudem sind die Kosten hoch und die Bauzeit schwer kalkulierbar. Private Investoren sind deshalb kaum zu finden, auch, weil sich Atomkraft wenig rechnet. Neue Anlagen wie Hinkley Point C in England werden nur gebaut, weil der Staat für Abnahmemengen und (hohe) Preise garantiert. Oder Geld zuschießt. Für die USA hat die Bank Lazard errechnet, dass Energie aus Wind seit 2010, aus Solaranlagen seit 2012 günstiger ist als Atomenergie. Zudem verteuerte sich danach Atomenergie zwischen 2010 und 2020 um 33 Prozent, Solarenergie verbilligte sich um 90 Prozent, Windenergie um 70 Prozent.

    Wie viele Atomanlagen gibt es weltweit und wie viele werden gebaut?

    Insgesamt liefen im Februar nach Zahlen des World Nuclear Industry Status Reports (WNISR) 412 Reaktoren weltweit, 93 davon allein in den USA, gefolgt von Frankreich (56) und China (54). Gebaut werden demnach 54 Anlagen, 20 allein in China. Insgesamt liefern Atomkraftwerke 10,1 Prozent der weltweiten Strommenge.

    Wie lange dauert der Bau eines Kraftwerks und was kostet es?

    Der WNISR kam für 2020 auf eine durchschnittliche Bauzeit weltweit von rund zehn Jahren. Mehr als 58 Prozent der Projekte verzögern sich im Schnitt um sieben Jahre. Auch in Europa hapert es: Der finnische Reaktor Olkiluoto-3 ging erst kürzlich ans Netz. Ursprünglich geplant war 2009. Frankreichs Prestigeprojekt Flamanville-3 sollte 2012 Strom liefern, neuer Termin ist jetzt 2023. Die Kosten stiegen von 3,4 Milliarden Euro auf 12,7 Milliarden Euro. Selbst die zügig bauenden Chinesen kämpfen mit technischen Problemen. In England bauen sie mit französischer Technik Hinkley Point C mit zwei Blöcken – mit großzügigen Garantien des Staates. Die Kosten steigen, der Netzanschluss verzögert sich um mehrere Jahre.

    Wie gehen Deutschlands Nachbarn mit Atomkraft um?

    Dänemark: Das Land hat sich bereits 1985 gegen Atomkraft entschieden. Anteil am Strommix: 0 Prozent.

    Niederlande: Die niederländische Regierung will die Laufzeit des einzigen Atomkraftwerk verlängern und zwei weitere Reaktoren bauen. Anteil am Strommix: 3,2 Prozent.

    Belgien: Die Belgier wollen aus Atomkraft aussteigen. Die sieben noch am Netz befindlichen Blöcke sollen bis 2025 abgeschaltet werden. Anteil am Strommix: 39,1 Prozent.

    Luxemburg: Das Land betreibt kein Atomkraftwerk und hat sich gegen Atomenergie ausgesprochen. Anteil am Strommix: 0 Prozent.

    Frankreich: Frankreich will seine 56 Anlagen modernisieren und teils ersetzen. Die Atomindustrie gehört in weiten Teilen dem Staat und beschäftigt direkt und indirekt rund 200.000 Mitarbeiter. Anteil am Strommix: 67,1 Prozent.

    Schweiz: Die Schweizer haben 2018 in einer Volksabstimmung entschieden, keine neuen Atomkraftwerke zu bauen. Die vier alten Reaktoren sollen laufenlassen, solange sie sicher sind. Im Schnitt sind sie älter als 45 Jahre. Anteil am Strommix: 35,1 Prozent.

    Österreich: 1978 haben sich die Österreicher in einer Volksabstimmung gegen Atomkraft ausgesprochen. Ein fertiges Atomkraftwerk ging nicht ans Netz. Der Bau von AKW ist verboten. Anteil am Strommix: 0 Prozent.

    Tschechien: Um den Kohleausstieg zu stemmen, setzen die Tschechen auf Atomkraft. Zusätzlich zu den sechs bestehenden Anlagen soll eine weitere gebaut werden. Anteil am Strommix: 37,3 Prozent

    Polen: Die Polen planen derzeit vier Anlagen, die nach 2030 ans Netz gehen sollen. Ob es so kommt, ist unklar. Weder die genaue Technologie noch die Standorte sind klar. Die Diskussion läuft seit 2008. Anteil am Strommix: 0 Prozent

    In der internationalen Diskussion taucht das Kürzel SMR auf. Was sind SMR?

    SMR steht für Small Modular Reactor, kleiner modularer Reaktor. Das sind standardisierte Anlagen, die in Serie hergestellt werden sollen. Dadurch, so die Idee, werden sie günstiger als einzelne große, jeweils neu geplante Anlagen. Forscher und Unternehmen arbeiten weltweit an unterschiedlichen Konzepten, unter anderem in Dänemark, Frankreich und Tschechien. Bekannter sind inzwischen TerraPower in den USA, an der Bill Gates beteiligt ist, Terrestrial Energy aus Kanada und der britische Triebwerks- und Turbinenhersteller Rolls Royce. Einziges Projekt in Deutschland: Dual Fluid, hinter dem Kernforscher aus Berlin stehen. Sitz des Unternehmens ist allerdings Kanada, das SMR fördert. Viele der Entwickler versprechen, dass die Anlagen sicherer sind als herkömmliche Reaktoren und weniger Atommüll produzieren.

    Warum werden SMR nicht gebaut?

    Viele der Projekte, auch das von Dual Fluid existieren nur auf dem Papier. Demonstrationsreaktoren sind teuer. Dual Fluid rechnet mit mehreren Millionen Euro. Eine funktionierende Anlage zur Serienreife zu bringen, kostet demnach rund sieben Milliarden Euro und dauert zehn Jahre. Rolls-Royce schätzt, seine etwa zwei Fußballfelder große Anlage binnen vier Jahren bauen zu können – wenn sie fertig entwickelt ist. Russland hat zwei SMR auf einem Schiff montiert. Die Akademik Lomonossow ist ein schwimmendes AKW, das bisher allerdings wenig effizient ist, wie WNISR berichtet. Zudem gibt es grundsätzlich Zweifel am wirtschaftlichen Nutzen der SMR: Es müssten tausende Anlagen eines Typs gebaut werden, bevor sich der Einstieg in die Technologie lohne, schreibt das Öko-Institut aus Darmstadt, das sich im vergangenen Jahr 31 von 138 Konzepten, die weltweit verfolgt werden

  • Rückgrad der Weltwirtschaft

    Ohne Swift geht wenig in der Finanzbranche

    Wegen des Einmarschs in der Ukraine droht der Westen Russland mit dem Ausschluss aus Swift. Das System ermöglicht den reibungslosen Zahlungsverkehr weltweit. Die wirtschaftlichen Folgen dieser Sanktion sind hart und treffen beide Seiten. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

    Was ist Swift?

    Swift ist eine Genossenschaft mit Sitz im belgischen La Hulpe südöstlich von Brüssel. Sie unterliegt europäischem Recht. Der Name steht für Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication (etwa Gesellschaft für weltweite Fernkommunikation zwischen Banken). Das Unternehmen ist ein (Kurz-)Nachrichtendienst, eine Art sehr sicheres Whatsapp für Banken. Swift betreibt auch ein eigenes Datennetz sowie drei Datenzentren – in den USA, Belgien und der Schweiz. Das Angebot wird von mehr als 11.000 Finanzinstituten weltweit genutzt, darunter die größten der Welt und Notenbanken. Swift ist kein Zahlungsabwickler, vereinfacht Zahlungen aber so, dass sie automatisiert möglich sind..

    Was ist das Besondere an Swift?

    Swift hat international eine Art Monopol. Die Genossenschaft hat eigene, weltweit geltende Standards und Formate für Nachrichten entwickelt, die die Banken automatisch verarbeiten können. Diese Nachrichten werden äußerst schnell übertragen und sind sehr sicher. Zudem ist klar, wer die Nachricht wann von wo an wen wohin gesendet hat und wann sie dort angekommen ist. Eine solche Nachricht kann sehr vereinfacht sein: Kunde A der Bank X überweist 300 Euro an Kunden B bei Bank Y.

    Wie funktioniert Swift?

    Über das System können Nachrichten von einer Bank zur anderen geschickt werden. Als Absender- oder Empfängeradresse dient der BIC, der Business Identifier Code, der für jede Bank weltweit einmalig ist. Die Europäische Zentralbank hat zum Beispiel ECBDEFF. Nachrichten gibt es für Überweisungen, aber auch andere Geschäfte wie Aktienkäufe, oder Großüberweisungen zwischen Banken. Je Art werden täglich etwa 40 bis 50 Millionen Nachrichten versandt. Entsprechend groß ist die Zahl automatisch damit verknüpfter Geldgeschäfte.

    Warum ist Swift so wichtig?

    Die Nachricht von einer Überweisung lässt sich auch per E-Mail oder Brief oder sogar Whatsapp übertragen. Das Empfängerinstitut muss dann prüfen, ob der Absender echt ist, die Unterschrift stimmt, die Person für die Überweisung qualifiziert und berechtigt ist. Der Aufwand ist sehr hoch. Gerade weil Swift sichere standardisierte Nachrichten anbietet, die Computer ohne Zutun von Mitarbeitern verarbeiten können, sind schnelle und zuverlässige Bankgeschäfte überall auf der Welt überhaupt erst möglich.

    Warum ist es für Russland ein Problem, komplett ausgeschlossen zu werden?

    Ohne Swift gibt es keine Geldgeschäfte mit dem Ausland mehr. Das Land wäre auf einen Schlag abgeschnitten von den Nachrichten, damit sind automatisierte Zahlungen nicht mehr möglich. Das bedeutet: Rechnungen zum Beispiel für Gas- und Öllieferungen können nicht mehr bezahlt werden. Das träfe Russland besonders, weil das Land sehr stark von diesen Einnahmen abhängig ist. Zudem würden Lieferungen nach Russland gestoppt, weil russische Käufer Rechnungen nicht mehr begleichen können. Der Handel wäre praktisch blockiert. Betroffen wären auch Wertpapiergeschäfte und Überweisungen von Privatleuten oder humanitären Einrichtungen. Russland hätte zudem keinen Zugriff mehr auf Auslandsvermögen.

    Welche Folgen hat ein Ausschluss für Deutschland?

    Sind Zahlungen mit Russland nicht mehr möglich, trifft das auch die deutsche Wirtschaft. Deutschland hat im vergangenen Jahr Waren im Wert von 33,1 Milliarden Euro aus Russland importiert – zu 59 Prozent Gas und Öl. Russland kaufte Produkte, besonders Maschinen und Autos, im Wert von 26,6 Milliarden Euro. Das Land zählt mit 2,3 Prozent Anteil am Außenhandel bisher zu den 15 wichtigsten Außenhandelspartnern. Viele deutsche Unternehmen produzieren in Russland oder haben traditionell enge Wirtschaftskontakte wie Siemens. Der Gas- und Ölförderer Wintershall Dea ist an mehreren Gasfeldern in Russland beteiligt.

    Was bedeutet der Ausschluss für die Menschen in Russland?

    Geld aus Deutschland an die Oma in Jekaterinburg zu schicken, wird praktisch  unmöglich. Weil Swift auch innerhalb Russlands genutzt wird, trifft ein Ausschluss auch den Finanzverkehr zwischen russischen Banken. Wie sehr, lässt sich nur schwer abschätzen. Denn es existiert ein eigenes, innerrussisches System.

    Wie oft werden Länder von Swift ausgeschlossen?

    Bisher sind nur zwei Länder komplett von Swift ausgeschlossen: Nordkorea seit 2017 als Reaktion auf das Atomprogramm des Landes. Und der Iran seit 2012 ebenfalls wegen des Atomprogramms. Die Wirtschaft der jeweiligen Länder litt dramatisch unter dem Ausschluss.

    Wem gehört Swift und wer entscheidet über den Ausschluss?

    Eigentümer von Swift sind die Banken, die die Dienste nutzen. Die Genossenschaft wurde 1973 gegründet, um das Telex-Verfahren, mit dem sich die Institute weltweit verständigten, automatisieren zu können. Über einen Ausschluss müssen die Anteilseigner von Swift abstimmen – im Fall von Sanktionen halten Experten das für eine Formalie. Der politische Druck auf die Genossen entsprechend zu entscheiden, sei enorm.

  • CO2-Speicher Nordsee

    Wintershall will leere Öllagerstätten nutzen

    Es ist farblos und kommt in der Natur reichlich vor. In großen Mengen, wie sie vor allem Industrieanlagen ausstoßen, treibt CO2 allerdings die Erderwärmung und den Klimawandel voran. Schnell weniger zu erzeugen, ist anspruchsvoll und stößt auf Widerstand. Wäre es nicht praktisch, das Gas einfach verschwinden zu lassen? Zum Beispiel in der Erde? Wintershall Dea, Deutschlands einziger Gas- und Ölförderer arbeitet gerade daran.

    Deutschland hat 2020 rund 739 Millionen Tonnen Treibhausgas erzeugt, wie das Umweltbundesamt berichtet, mehr als 90 Prozent davon waren CO2. Für 2030 sind nach dem Willen der Bundesregierung 438 Millionen Tonnen geplant. 2045 soll die Neutralität erreicht sein: Es soll nur noch soviel ausgestoßen werden, wie auch gebunden werden kann. Technisch ist das schwierig, vor allem, weil die Zeitspanne recht kurz bemessen ist.

    Wenn sich die Menge nicht schnell verringern lässt, bleibt nur speichern. Zum Beispiel unter dem Meer. Und hier sieht Wintershall Dea Geschäftspotenzial. Dies ist Teil eines Wandels vom reinen Förderer fossiler Brennstoffe in 13 Ländern hin zum Helfer für die Energiewende.

    Das Unternehmen aus Kassel, das zu 67 Prozent BASF gehört, einem der größten Chemiekonzerne der Welt, plant, in großem Stil CO2 in ehemalige Gas- und Ölfelder einzulagern. Der Vorteil solcher Stätten: Sie sind geologisch geeignet, Kohlendioxid aufzunehmen und sie sind dicht. Klaus Langemann, jedenfalls sagt: „Ohne CCS wird Deutschland, wird Europa die Energiewende nicht schaffen.“ Das Kürzel steht für Carbon Capture and Storage, das Abscheiden und Einlagern von Kohlendioxid. Langemann ist Senior Vice President Carbon Management & Hydrogen von Wintershall Dea, praktisch der oberste CO2-Spezialist des Unternehmens.

    Das Abscheiden von CO2 aus der Abluft von Industrieanlagen ist aus Sicht von Langemann technisch kein Problem, ebenso wenig der Transport. Dabei hilft, dass CO2 schon bei einem vergleichsweise geringen Druck von flüssig wird und sich gut durch Pipelines schicken oder verschiffen lässt. Bleibt die Frage der Speicher.

    Grundsätzlich ließe sich CO2 auch an Land speichern, sagt Langemann. Dabei wären auch die Kosten geringer als auf hoher See. Aber es gebe Vorbehalte, daher konzentriere sich das Unternehmen auf Offshore-Speicherung.

    Also die Nordsee. Hier gibt es reichlich Speicherpotenzial. Theoretisch ließe sich der deutsche CO2-Ausstoß von 120 Jahren speichern, sagt Langemann. Dazu müssen allerdings die Speicherorte erschlossen und erforscht werden. Und bevor neue Speicher entwickelt werden, lassen sich die nutzen, die es bereits gibt. Jene Felder, aus denen seit Jahren Öl und Gas gefördert wird.

    Wintershall Dea ist in Europa an Öl- und Gasfeldern in Dänemark, Deutschland, den Niederlanden und Norwegen beteiligt. Und auch in der deutschen Nordsee gebe es interessante Strukturen, sagt Langemann. „Wir haben die Lagerstätten, wir haben die Infrastruktur und wir haben das Wissen, wie es 2000 Meter unter dem Meeresboden aussieht“, sagt der Wintershall-Dea-Spezialist. Entsprechend lässt sich ein neues Geschäftsfeld aufbauen.

    Ein erstes Pilotprojekt namens Greensand läuft gut 200 Kilometer westlich der dänischen Küste. Das Ölfeld dort gehört Wintershall Dea und der britischen Ineos. Die Förderung aus dem Nini-Feld für Greensand werde in etwa zwei Jahren eingestellt, sagt Langemann. Die Lagerstätte sei bereits untersucht und geeignet zum Speichern von CO2. Jetzt beginne Phase 2. Ende 2022 soll es erste Testinjektionen geben. Zur kommerziellen Nutzung muss die Bohrung noch umgebaut werden. CO2 sei in Verbindung mit Wasser sehr korrosiv, sagt Langemann, die Rohre würden schlicht wegrosten.

    Ist alles vorbereitet, können Schiffe mit flüssigem CO2 an der unbemannten Plattform anlegen und das Gas in das ehemalige Ölfeld pumpen. „In dieser Phase wollen wir zeigen, dass das Verfahren funktioniert“, sagt Langemann. Und dass die Berechnungen richtig sind. Beteiligt an dem Projekt sind fast 30 verschiedene, spezialisierte Unternehmen – im Offshore-Geschäft normal.

    Der dänische Staat fördert das Projekt mit rund 26 Millionen Euro. Den Speicher dann für große Mengen aufzubauen, müssten mehrere hundert Millionen Euroinvestiert werden, sagt Langemann. Später sollen bis zu acht Millionen Tonnen CO2 jährlich gespeichert werden – über 20 Jahre. Die Dänen wollen vor allem eigenes CO2 aus dem industriellen Großraum Kopenhagen unter der Nordsee speichern.

    Bleibt die Frage: Wer soll die Millionen bezahlen? Industriebetriebe, die heute CO2 in die Luft blasen, benötigen dafür Verschmutzungszertifikate, die derzeit um die 95 Euro je Tonne des Gases kosten. Dieses Geld kann ein Unternehmen auch einsetzen, um sein CO2 komplett unter die Erde bringen zu lassen. Experten rechnen damit, dass sich bei einem Preis von100 Euro pro Tonne große Mengen CO2 transportieren und speichern lassen. Die CCS-Technologie sei eine vergleichsweise preiswerte Methode, zu dekarbonisieren.

  • Cannabis-Anbau im Sicherheitstrakt

    Wo der Stoff für die Medizin wächst

    Weiße Wände, trockene Luft und ein spiegelnd sauberer grauer Fußboden. Wer den Gang betritt, wähnt sich in einem Labor, wären da nicht die riesige Lüftungsanlage unter der Decke und dieser unverkennbare Geruch: scharf würzig und etwas grasig. Beim zweiten Blick fallen auch die zahlreichen Kameras an den Wänden auf. Und hinter der nächsten Tür stehen sie sattgrün im grellen Licht der Pflanzlampen: mannshohe Cannabis-Pflanzen voller üppiger Blüten, reif zur Ernte. Willkommen im hochtechnisierten Anbau der Zukunft.

    Von außen deutet nichts darauf hin, dass hier, gut 20 Kilometer nördlich von Dresden, Medizinalcannabis mit 20 Prozent THC-Wirkstoff wächst: Ein etwas in die Jahre gekommener Gewerbebau aus den Neunzigern, drumherum Acker und Wald, davor ein großes Schild: Demecan. Das Berliner Unternehmen besitzt neben den Kanadiern Aurora und Tilray eine Lizenz für Anbau in Deutschland. Im ersten Stock sitzen die drei Freunde Constantin von der Groeben, Jurist, Adrian Fischer, Arzt, und Cornelius Maurer, Ökonom, die Demecan (Deutsche Medizinal Cannabis) gegründet haben, im Konferenzraum und strahlen.

    Kürzlich haben sie zum ersten Mal geerntet, selbst ein bisschen überrascht, wie gut es lief. Jetzt wird die Produktion hochgefahren. Vorgesehen sind etwa 20 Ernten pro Jahr, die Blüten gehen über die Cannabisagentur des Bundes an Ärzte und Apotheker. Es geht natürlich um Geld und darum, auf einem neuen Markt mitzumischen, der 2021 eine Größe von geschätzt 12,5 Tonnen hatte. Die meiste Ware wird bisher importiert. Demecan hat eine Anbaulizenz für rund eine Tonne. Den drei Gründern geht es aber um mehr als reines Geldverdienen: Als Fischer später im neue Labor für die Zellvermehrung steht, erklärt er, sie wollten nicht nur Cannabis anbauen, sondern Produkte und Forschung wirklich vorantreiben.

    Doch zunächst ein paar Zahlen. Demecan startete 2017, kurz nachdem die Bundesregierung Cannabis zu medizinischen Zwecken freigegeben hat. Inzwischen beschäftigt die Firma gut 70 Mitarbeiter, rund 50 hier in der Anlage. Der Marktanteil, sagt Ökonom Maurer, liege bei 23 Prozent. Die Gründer halten etwa ein Drittel der Anteile, der Rest gehört den Geldgebern, finanzstarken Industriellenfamilien und Finanzinvestoren.

    „Wir wollten nicht auf der grünen Wiese bauen“, sagt von der Groeben. Also haben sie in immer größeren Kreisen um Berlin, dem Sitz der Firma, nach einem geeigneten Standort gesucht. Und fanden den ehemaligen Schlachthof, den sie kurzerhand kauften –„Schlachthöfe sind ideal für Cannabisanbau, weil nicht nur Böden und Wände dick sind, sondern auch die Decken“, sagt von der Groeben. Weil dort die Transportbänder für die Kühe und Schweine hingen, entsprechend stabil wurde gebaut. Das Gebäude muss den Anforderungen des Betäubungsmittelgesetzes entsprechen, praktisch zum Tresor taugen. 24 Zentimeter Stahlbeton rundum sind Pflicht.

    Demecan hat erst einmal entkernt, dabei auch ungewöhnliches Gerät eingesetzt. „Den Boden haben wir mit einer Autobahnfräse gereinigt“, sagt von der Groeben. Dann wurden Reinräume für die Pflanzen und ein Labor eingebaut. Ein Generator, falls der Strom ausfällt. Und jede Menge Sicherheitstechnik. Insgesamt haben sie rund 20 Millionen Euro in die Anlage gesteckt, knapp 30 Prozent davon aus einem Strukturfonds der EU.

    Überall sind Kameras montiert, der Baukörper ist gespickt mit Sensoren, die Erschütterungen erkennen, sollte jemand versuchen, mit Gewalt einzudringen. Und rein geht es nur durch die tonnenschwere zertifizierte Wertschutzraumtür aus Stahl und das dahinterliegende Gitter. Zunächst geht es durch zwei Schleusen, desinfizieren, Schutzanzug anziehen, Haube und Maske aufsetzen. Dann der helle Gang und rechts in den Raum für die Mutterpflanzen. „Wir haben etwa ein Jahr gesucht, bis wir aus 50 verschiedenen die optimale Pflanze gefunden haben“, sagt Adrian Fischer, zuständig für den Anbau. Er streicht über die Blätter. „Perfekt.“ Setzlinge der Mutterpflanze werden dann im nächsten Raum angezogen und wandern nach 20 Tagen über den Gang in einen der vier Blühräume. „Das sind praktisch Klone. So garantieren wir die immer gleich bleibende Qualität.“

    Die Anlage hat mit dem klassischen Acker so viel gemein wie ein Tret-Roller mit einem Tesla. Und das hat mit den Anforderungen an das Produkt zu tun. Demecan verkauft mit den Blüten ein Medikament. Und das Naturprodukt muss bei jeder Ernte dieselbe Qualität und denselben Wirkstoffgehalt aufweisen. Demecan versucht deshalb, möglichst viel zu kontrollieren. Die Luft in den Räumen ist gefiltert und mit UV-Licht behandelt, damit keine Schädlinge eindringen können. „Wir haben hier ja eine Monokultur, da wäre ein Virus das Ende“, sagt Fischer.

    Die Feuchtigkeit ist konstant, der CO2-Gehalt, ebenso die Temperatur, hier im Blühraum 3 beträgt sie 24 Grad. Die Luft streicht von unten her an den Pflanzen entlang und wird unter der Decke wieder abgesaugt. „Wir tauschen sie mehrfach in der Stunde aus“, sagt der Arzt. Die Pflanzen wachsen auf Steinwolle, aus der Kanülen mit Klarsichtschläuchen ragen wie bei einer Infusion. Das Wasser wird entsalzt, die Nährstoffe dann nach einem bestimmten Mix wieder hinzugefügt.

    3200 Pflanzen wachsen in den Blühräumen den lichttemperatur-optimierten künstlichen Sonnen unter der Decke entgegen. Für den Menschen ist das vielleicht zu grell-gelb, manch Mitarbeiter trägt Sonnenbrille. Die Pflanzen lieben es. Bis zu 40 Zentimeter stehen die Blüten hoch, das wirkstoffreiche Harz schimmert weißlich – das ist nur unter den Laborbedingungen möglich, wie Fischer erklärt. „Im Gewächshaus würde das alles schimmeln.“

    Und dann wieder draußen, zurück im Hier und Jetzt, leichtes Kopfweh. Tief einatmen, es riecht nach Wald, Regen, ein Hauch von Abgasen der nahen Straße. Bleibt noch die Frage: Was Demecan mit dem riesigen Gelände noch vorhat. „Zunächst bauen wir eine Extraktionsanlage auf“, sagt Maurer. „Das ist nötig, um perspektivisch eigene Fertigarzneimittel anzubieten.“ Und eine Voraussetzung , um nach der geplanten Freigabe von Cannabis für den Freizeitgenuss dabei sein zu können. Von der Groeben nennt Kartuschen für E-Zigaretten und Zutaten für Kekse als mögliche Produkte.

    Der Markt ist riesig. Der Deutsche Hanfverband schätzt die derzeit illegal konsumierte Menge auf jährlich 200 bis 400 Tonnen. Ökonom Justus Haucap von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf hat berechnet, dass die Freigabe von Cannabis allein dem Staat 4,7 Milliarden Euro jährlich bringen würde – aus einer Cannabissteuer, aus Gewerbe- und Umsatzsteuer sowie zusätzlicher Lohnsteuer und Sozialabgaben. Er erwartet rund 27.000 legale neue Arbeitsplätze in der Branche. Zudem spart der Staat Ausgaben für Strafverfolgung und Justiz. Seine Studie geht von einem Cannabis-Endpreis von unter zehn Euro je Gramm aus – einschließlich Steuern.

    Die drei von Demecan rechnen sich gute Geschäftschancen aus. Sie vermuten, dass der Staat eine gewisse Qualität vorgeben wird – was aus ihrer Sicht klassischen landwirtschaftlichen Anbau eher ausschließen dürfte, ihre Hightech-Fabrik würde profitieren. „Wir könnten bereits jetzt Geld verdienen“, sagt von der Groeben. „Wir wollen aber lieber weiteres Geld bei Investoren einsammeln, um vorbereitet zu sein für die Freigabe.“ Platz haben sie genug: Der Schlachthof bietet weitere 25.000 Quadratmeter. Für eine Menge von mehr als zehn Tonnen.

  • Klare Regeln am Energiemarkt gefordert

    Eon-Vorstand Lammers über unseriöse Anbieter

    Angesichts zweifelhafter Praktiken von Energiediscountern fordert der Energiekonzern Eon strengere gesetzliche Vorgaben für Händler, die Endkunden mit Strom- und Gas beliefern. „Wir brauchen im Energiemarkt klare Spielregeln und Mindestanforderungen für Anbieter“, sagte Eon-Vertriebsvorstand Patrick Lammers in seinem ersten Interview. Und: „Ein fairer und gerechter Markt setzt voraus, dass sich alle Anbieter an die rechtlichen und vertraglichen Bedingungen im Sinne der Kunden halten. Die Praxis sah in den vergangenen Monaten leider ganz anders aus.“

    Lammers ist seit August 2021 im Eon-Vorstand zuständig für Vertrieb, Einkauf und Marketing. Der 57-jährige Niederländer war zuvor unter anderem Chef von Essent, des größten niederländischen Energieversorgers, und an führender Position bei RWE tätig.

    Jahrelang drängten neue Anbieter auf den Markt und boten günstig Strom und Gas an. Der Wettbewerb war politisch gewollt. Discounter nutzten aus, dass ihre Kosten deutlich geringer waren als die der großen Anbieter. Die Kunden profitierten von günstigen Angeboten. Das funktionierte, solange die Großhandelspreise niedrig waren.

    Weil sich die Wirtschaft nach dem ersten Corona-Schock schneller erholte als gedacht und die Nachfrage zulegte, stiegen die Preise zuletzt rasant. Manch Anbieter hatte sich offenbar verspekuliert. Mit dramatischen Folgen für viele Verbraucher. „Kaum wird der Markt etwas volatiler, zeigen sich die vielen unseriösen Anbieter“, sagte Lammers. Aus seiner Sicht ist auch hier die Politik gefragt: „Der Staat meinte, mehr Wettbewerb täte dem Markt gut. Dann muss er jetzt aber auch gegenüber unseriösen Anbietern auf dem Markt handeln.“ Die Bundesregierung denkt bereits über Möglichkeiten nach.

    Ende 2021 hatten mehrere Discounter, darunter Stromio, Gas.de und Grünwelt, ihren Kunden gekündigt und sie nicht mehr beliefert. Die Anbieter begründeten das mit den kräftig gestiegenen Energiepreisen, zu denen es nicht mehr möglich sei, die günstigen Verträge zu bedienen. Die Unternehmen meldeten aber keine Insolvenz an. Die Staatsanwalt Düsseldorf leitete Vorermittlungen ein. Mehrere hunderttausend Kunden rutschten in die sogenannte Grundversorgung. Der regional größte Versorger muss Strom und Gas liefern. Der Preis ist deutlich höher als bei den ursprünglichen Verträgen.

    Allein Eon musste in Deutschland mehrere zehntausend Haushalte zusätzlich beliefern, in Europa waren es mehrere hunderttausend. Konkretere Zahlen nennt das Unternehmen nicht. „Wir freuen uns über zusätzliche Kunden“, sagt Lammers, „aber das bereitet auch Herausforderungen bei der Beschaffung zusätzlicher Energiemengen für unsere Ersatz- und Grundversorgung.“ Eon muss für die zusätzlichen Kunden Strom am sogenannten Spotmarkt zu aktuellen Preisen kaufen, was teuer ist. Für die Bestandskunden hat der Konzern bereits langfristig Strom zu günstigeren Preisen gekauft. Für Lammers ist klar: „Wir lassen keinen Kunden im Regen stehen.“

    Fällt ein Kunde in die Grundversorgung, muss er dort wegen des Verwaltungsaufwands mindestens drei Monate bleiben. Danach können neue Verträge mit anderen Anbietern oder anderen Produkten abgeschlossen werden. Die Grundversorgung ist in der Regel teurer als andere Tarife. Und vor allem deutlich teurer als die Angebote der Discounter. Auch unterscheiden sich die Tarife der Grundversorgung je nach Region und Anbieter.

    Die Bundesregierung will jetzt nachbessern und einen bundesweit einheitlichen Grundversorgungstarif festlegen. Lammers hält davon wenig, schließlich kennen sich die regionalen Anbieter mit dem Markt am besten aus: Ein einheitlicher Preis sei nicht sinnvoll, es gebe ja deutliche regionale Unterschiede. Neben den Beschaffungskosten beeinflussten zudem viele verschiedene Faktoren den Preis. Lammers warnt die Politik: „Die Ersatz- und Grundversorgung kann man nicht jeden Monat anpassen, da gibt es klare Vorgaben.“

    Grundsätzlich rechnet Lammers nicht damit, dass die Energiepreise schnell wieder sinken werden: Der Markt wandele sich gerade fundamental. „Früher gab es nur große Stromerzeuger, die verlässlich lieferten. Das ändert sich im Zuge der Energiewende.“ So schwanke das Angebot wegen der erneuerbaren Quellen stärker. Und der Energiemarkt werde kleinteiliger. „Verbraucher sind gleichzeitig Stromerzeuger, speisen zeitweise selbst Strom zum Beispiel aus ihren Solarzellen ins Netz ein.“ Das bedeute mehr Risiko, das sich in höheren Preisen niederschlage. „Bis der Markt sich wieder eingespielt hat, wird es einige Zeit dauern.“

    Eon ist mit rund 78.000 Mitarbeitern einer der größten Energiekonzerne Europas. Das Essener Unternehmen betreut 1,6 Millionen Kilometer Stromnetz, in Deutschland in der Regel das Stück bis zum Endverbraucher, und versorgt europaweit gut 53 Millionen Kunden. In den ersten neun Monaten 2021 setzte Eon 48,1 Milliarde Euro um, der Gewinn vor Steuern und Zinsen betrug rund 3,9 Milliarden Euro.

  • Verkehrswende zwingt zur Pkw-Maut

    Experten fordern nutzerabhängige Bezahlmodelle

    Auf Deutschland Autofahrer kommt eine Reform der Besteuerung zu. Weil mit der Energiewende praktisch nur noch E-Fahrzeuge über die Straßen rollen sollen, entfallen Milliardeneinnahmen aus der Energiesteuer auf Kraftstoffe. Die Steuer bringt dem Staat derzeit rund 30 Milliarden Euro. Um das entstehende Finanzloch zu stopfen, fordern Experten, Autofahrer sollten künftig danach zahlen, wie sehr sie die Straßen nutzen. Und es könnte teurer werden: Denn bereits heute fehlt Geld, um die Infrastruktur instandzuhalten.

    Die Zeit drängt: Die Klimaziele der EU sehen vor, dass von 2035 an keine Verbrenner mehr neu zugelassen werden. Zahlreiche Autobauer planen, bereits 2030 keine Pkw mit Benzin- oder Dieselmotor mehr anzubieten. Sie setzen stattdessen auf Elektroantrieb. „Um die Emissionsziele einzuhalten, muss der Anteil der Verbrenner am Straßenverkehr drastisch sinken, was Folgen für die Einnahmen des Staates hat“, sagt Stefan Bach, Steuerexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Die Folge von mehr E-Autos für den Fiskus: „Spätestens 2040/50 gäbe es im Zuge der Energiewende keine nennenswerte Kraftstoffbesteuerung mehr.“ Aber schon vorher sinken die Einnahmen kräftig, je mehr Stromer unterwegs sind.

    Für Bach kommt als Ersatz für die Kraftstoffsteuer eine Pkw-Maut ähnlich des Lkw-Mautsystems infrage. Seit 2005 müssen Lkw dafür zahlen, wenn sie Autobahnen und inzwischen auch ausgewählte Bundesstraßen nutzen. Der Preis richtet sich nach gefahrener Strecke, Gewicht und Sauberkeit des Motors. Die Maut sollte 2021 rund 7,5 Milliarden Euro Einnahmen bringen.

    Von pauschalen Regeln, etwa einer Plakette mit einer Jahresgebühr oder einer höherer Kfz-Steuer, hält der Steuerexperte wenig. „Eine Pauschalmaut für alle bringt sicher die nötigen Einnahmen und ist einfacher abzurechnen“, sagt Bach, „unter verkehrspolitischen Gesichtspunkten ist sie aber schlecht.“ Er hält eine fahrleistungsabhängige Maut für sinnvoller.

    Auch Andreas Knie, Verkehrsexperte und Leiter der Forschungsgruppe Digitale Mobilität am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, befürwortet eine Reform. Das System für Pkw müsse „auf ein nutzerfinanziertes umgestellt werden: Wer viel fährt, muss auch viel bezahlen.“ Eine Pkw-Maut, wie sie der ehemalige Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) durchdrücken wollte, hält Knie für falsch. „Eine technisch komplexe und starre Lösung wie bei der Lkw-Maut ist unnötig. Ein Smartphone im Auto, mit dem sich das Fahrzeug einloggt, wenn es losfährt und ausloggt, wenn es wieder steht, reicht. Bezahlt werden könnte dann zum Beispiel je nach Gewicht und Leistung des Autos.“ Und nach gefahrener Strecke.

    Ein solches System birgt aus Sicht von DIW-Steuerexperten Bach noch „den Vorteil, Verkehr lokal lenken zu können, etwa mit einer besonderen Staugebühr zu Stoßzeiten.“ Ein ähnliches System nutzt die schwedische Stadt Göteborg bereits, die eine höhere Nutzungsgebühr für die Schnellstraßen nimmt, wenn viel Verkehr ist. So sollen alle, die nicht unbedingt zur Stoßzeit fahren müssen, dazu gebracht werden, später oder früher unterwegs zu sein. Oder gar nicht.

    Das Problem war absehbar, warum ist bisher nichts passiert? „Das Problem ist bekannt. Die Technik ist da. Die Politik muss es nur endlich wagen, das Problem auch zu lösen“, sagt Knie. „Bisher herrscht da eher Angst.“ Das Bundesfinanzministerium erklärte, die Ausgabenbedarfe des Staates seien durch das gesamte Einnahmesystems zu decken. Wenn die Einnahmen aus einzelnen Steuern zurückgehen, muss dies aus anderen Quellen ausgeglichen werden.

    Auch andere Länder haben Finanzlücken. Britische Abgeordnete mehrerer Parteien denken bereits über eine Kilometergebühr für Fahrzeuge nach. Dem Staat fehlen dort demnach 35 Milliarden Pfund (rund 41 Milliarden Euro) jährlich. Die Abgeordneten schätzen, dass das sogenannte Road Pricing die Autofahrer nicht mehr kosten wird als Kfz- und Kraftstoffsteuer heute.

    In Deutschland könnte es dagegen teurer werden. Denn schon heute fehlt Geld für die Instandhaltung der Straßen. „Die Infrastruktur zerbröselt bereits jetzt, man sieht das an den vielen maroden Brücken“, sagt Verkehrsexperte Knie. „Wir müssten viel mehr investieren.“ Und in vielen Städten und Gemeinden gelten Geschwindigkeitsbeschränkungen auf Straßen, damit der Verkehr sie nicht noch weiter kaputtfährt. Ein wesentlicher Grund: „Weil deutlich mehr und deutlich schwerere Fahrzeuge unterwegs sind, halten Straßen und Brücken nicht so lange, wie ursprünglich geplant“, sagt Knie. Er schlägt als Sofortmaßnahme vor, jeglichen Neubau zu stoppen. „Mit dem Geld muss die bestehende Infrastruktur repariert werden.“

    Für 2021 hatte der Bund allein für die Autobahnen und Bundesstraßen 12,5 Milliarden Euro vorgesehen, hinzukommen noch die Ausgaben von Ländern und Kommunen. Offenbar reicht das nicht: Der Deutsche Städte und Gemeindebund schätzte im vergangenen Jahr, dass allein die Städte, Gemeinden und Landkreise sofort 33,6 Milliarden Euro zusätzlich in Verkehrsinfrastruktur stecken müssten.

  • Kosten für Ökostrom erledigen sich

    Angesichts der hohen Strompreise diskutiert die Politik, die umstrittene EEG-Umlage komplett zu streichen. Alle Privathaushalte und die meisten Firmen profitierten. Für den Bundeshaushalt wäre das gar nicht so teuer, sagt Agora Energiewende.

    Die Umlage für Öko-Strom in den Rechnungen der Privathaushalte und Unternehmen abzuschaffen, war schon lange geplant. Nun aber könnte es schnell gehen. In der Ampel-Koalition mehren sich die Stimmen, die das baldige Ende der Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG-Umlage) befürworten. FDP-Finanzminister Christian Lindner und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sind dafür. Auch CDU-Energiepolitiker Andreas Jung findet die Idee gut. Die Politik will damit eine Entlastung für die hohen Strompreise schaffen, die viele Haushalte empfindlich treffen.

    Was ist die EEG-Umlage genau?
    Lange Jahre war die Produktion von Elektrizität mit Windrädern und Solaranlagen deutlich teurer als beispielsweise in Kohle- und Gaskraftwerken. Damit die saubere Energieproduktion trotzdem eine ökonomische Chance hat und mehr Anlagen gebaut werden, erhalten deren Betreiber ihre Mehrkosten im Vergleich zu konventionellem Strom zurückerstattet. Das bezahlen alle Privathaushalte und die meisten Firmen als Teil ihrer Stromrechnungen. Unter anderem energieintensive Unternehmen müssen allerdings nur wenig beitragen, damit sie in der internationalen Konkurrenz nicht ins Hintertreffen geraten. Durch den technischen Fortschritt ist der Kostennachteil der Erneuerbaren mittlerweile jedoch stark geschrumpft. Manche Ökokraftwerke, besonders auf dem Meer, brauchen gar keine Zuschüsse mehr.

    Was sparen Privathaushalte, wenn sie abgeschafft wird?
    Während die EEG-Umlage im vergangenen Jahr noch bei 6,5 Cent pro Kilowattstunde lag – etwa ein Fünftel der Gesamtkosten, wurde sie Anfang diesen Jahres auf 3,7 Cent verringert. Schaffte man sie komplett ab, sparte ein durchschnittlicher Privathaushalt mit beispielsweise 3.500 Kilowattstunden Stromverbrauch pro Jahr rund 130 Euro.

    Welchen Vorteil haben Firmen?
    Handwerksbetriebe oder mittelständische Maschinenbauer haben viel höhere Stromrechnungen als Privatleute. Beim Wegfall der Umlage kann die Ersparnis tausende oder zehntausende Euro jährlich betragen.

    Sinkt dann die Stromrechnung?
    Nicht unbedingt. Die Stromversorger sind grundsätzlich nicht verpflichtet eine geringere EEG-Umlage in Form eines sinkenden Preises an die Verbraucher weiterzugeben – wenngleich einige Elektrizitätsunternehmen solche Regelungen in ihren Verträgen haben. Für viele Kunden steigen deshalb dieses Jahr die Stromkosten, obwohl die Umlage gesunken ist. Auch trotz ihrer Abschaffung könnte das passieren. Die Versorger argumentieren dann, dass die Einkaufskosten für Strom stärker zunehmen, als die Reduktion der EEG-Umlage ausgleicht. Trostpflaster für die Verbraucher: Mit EEG-Umlage wären die Kosten noch höher. Allerdings kommt nun eine Debatte in Gang, dass die Politik die Stromlieferanten verpflichten solle, die Abschaffung der Umlage in jedem Fall an die Kunden weitergeben. Im Spiegel argumentierte der Würzburger Energierechtler Thorsten Müller in diese Richtung.

    Wieviel kostet die Abschaffung den Staat?
    Wenn nicht mehr die Stromkunden die höheren Ökokosten bezahlen, muss jemand anders ran: der Staat, konkret die Bundesregierung. Sie wird die Milliarden der EEG-Umlage künftig zum Beispiel aus ihrem Klima- und Transformationsfonds (KTF) aufbringen. Aber ist das nicht wahnsinnig teuer? „Gerade ist ein geeigneter Zeitpunkt, um die EEG-Umlage abzuschaffen“, sagte dazu Thorsten Lenck von der Organisation Agora Energiewende gegenüber dieser Zeitung, „durch die Preiskrise bei fossilen Energien sind selbst ältere Erneuerbaren-Anlagen häufig ohne Zuschüsse konkurrenzfähig“. Erklärung: Liegt der Börsenpreis fossiler Energie so hoch wie zur Zeit, ist die Produktion mit Windrädern und Solaranlagen nur wenig oder gar nicht teurer. Entsprechend geringere Zuschüsse brauchen sie. „Daher könnte ein Bundeszuschuss von wenigen Milliarden Euro für die Abschaffung der Umlage ausreichen“, so Lenck. Ein solcher Betrag sollte für den KTF kein Problem darstellen. Allerdings könnten sich die Kosten für den Staat in den kommenden Jahren wieder erhöhen, wenn die Börsenpreise für Strom sinken.

    Welche Alternativen zur Anullierung der EEG-Umlage gäbe es?
    Vorteil der Streichung: Sie kommt allen privaten und fast allen gewerblichen Elektrizitätskunden zugute. Darin liegt in den Augen manchen Betrachter aber ein Nachteil: Auch gut und sehr gut verdienende Privathaushalte profitieren, für die die steigenden Stromkosten vielleicht ärgerlich sind, aber keine finanzielle Hürde darstellen. So bemängelt die grüne Energiepolitikerin Ingrid Nestle, dass die komplette Abschaffung teuer und eine gezielte Hilfe für einkommensschwächere Privatleute besser sei. Denkbar wären höhere Zuschüsse für Strom an Wohngeldempfänger, Hartz-IV-Bezieher und weitere Geringverdiener. Auch das bereits diskutierte Energiegeld stellte eine Alternative oder Ergänzung dar: Jeder Haushalt erhielte eine gleich hohe Summe zur Entlastung – ärmere Personen damit relativ mehr als wohlhabende.

  • Gas auf Eis

    EU-Vizepräsident Valdis Dombrovskis äußert sich kritisch zur russisch-deutschen Gaspipeline Nord Stream 2. Ehemaliger deutscher Diplomat darf nicht als Aufsichtsratschef bei Gazprom-Tochter arbeiten.

    Der russische Energiekonzern Gazprom versucht, seine umstrittene Pipeline Nord Stream 2 in Deutschland an den Start zu bringen. Aber es ruckelt. Das Projekt liege auf Eis, hat Valdis Dombrovskis, Vizepräsident der Europäischen Kommission, laut Nachrichtenagentur Reuters am Montagabend in der ukrainischen Hauptstadt Kiew erklärt. Und das Auswärtige Amt untersagte dem ehemaligen deutschen Diplomaten Dieter Walter Haller, als Vorsitzender des Aufsichtsrats der neuen Gazprom-Tochter in Deutschland zu arbeiten.

    Dombrovskis weilte in Kiew, um die Unterstützung der Europäischen Union für die Ukraine zu übermitteln, an deren Grenze russische Truppen aufmarschiert sind. Nord Stream 2 sei „nicht mit den Zielen der EU-Energiepolitik vereinbar“, sagte der Vizepräsident. In Brüssel befürchten manche, die Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen werde zu groß. Außerdem könne die neue Röhre der russischen Regierung ermöglichen, Druck auf die Ukraine auszuüben.

    Die beiden Leitungsstränge durch die Ostsee zwischen Russland und Deutschland sind technisch fertig. Durch sie kann künftig Erdgas strömen, das bisher unter anderem durch die Ukraine transportiert wird, womit diese Gebühren verdient. Für die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 fehlt jedoch noch die Zertifizierung durch die Bundesnetzagentur in Bonn. Momentan ist das Verfahren unterbrochen. Die Nord Stream 2 AG gehört Gazprom.

    In diesem Zusammenhang erscheint fraglich, wie Dombrovskis Äußerung zu verstehen ist. Erste Variante: Er verweist nur auf das ausgesetzte Zertifizierungsverfahren. Bevor es weitergehe, müsse die Nord Stream 2 AG mit Sitz in der Schweiz erstmal eine deutsche Tochter gründen, hatte die Netzagentur festgestellt. In dem Verfahren wird dann auch die EU-Kommission eine Stellungnahme abgeben, die die Netzagentur berücksichtigen muss. Oder zweitens: Dombrovskis wollte bereits andeuten, dass er die Zertifizierung für fraglich hält.

    Nach Dombrovskis Aussagen untersucht die EU-Kommission auch, ob das Vorgehen des staatlichen russischen Energiekonzerns Gazprom marktkonform ist. Brüssel wirft der Regierung in Moskau vor, trotz gestiegener Erdgas-Nachfrage die Liefermengen nicht zu erhöhen und damit den Preis in die Höhe zu treiben.

    Um die Zertifizierung voranzubringen, hat Gazprom inzwischen die Firma Gas for Europe GmbH mit Sitz in Schwerin gründen lassen. Diese soll offiziell den 54 Kilometer langen Teil von Nord Stream 2 im deutschen Hoheitsgebiet betreiben. Als Vorsitzender des Aufsichtsrats firmiert Dieter Walter Haller, ein ehemaliger deutscher Botschafter. Dem hat das Auswärtige Amt diese Tätigkeit während seines Ruhestandes allerdings untersagt, teilte das Haus von Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) mit. Begründung: „Dienstliche Interessen“ würden „beeinträchtigt“. Gazprom wird sich nun einen neuen Chefaufseher für seine deutsche Tochter suchen müssen. Derweil bleibt das Zertifizierungsverfahren bei der Bundesnetzagentur ausgesetzt, weil noch Unterlagen fehlen.

    Die Debatte, ob die Pipeline nützlich oder schädlich ist, ging währenddessen weiter. Leonhard Birnbaum, Chef des Energiekonzerns E.On, sagte: „Energiewirtschaftlich ist Nord Stream 2 hilfreich.“ Russisches Gas werde weiter benötigt, um im Zuge der Energiewende beispielsweise Kohle als Brennstoff zu ersetzen, so Birnbaum. Der E.On-Chef hält russisches Pipeline-Gas auch deshalb für vorteilhaft, weil es billiger sei als flüssiges Erdgas etwa aus den USA. „Wir brauchen mittelfristig eher mehr als weniger Gasimporte aus Russland“, schrieb auch der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Siegfried Russwurm, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), sagte dagegen: „Deutschland braucht eine sichere Energieversorgung. Die hängt aber nicht an einer einzelnen Pipeline, auch nicht an Nord Stream 2.“

  • Wer bekommt die Schufa?

    Finanzinvestor EQT hat Interesse

    Wer in Deutschland einen Kredit aufnimmt, einen Mobilfunkvertrag abschließt oder ein Konto eröffnet, hat mit ihr zu tun: der Schufa in Wiesbaden. Das Unternehmen entscheidet, ob Kunde oder Kundin formal zahlungsfähig ist – und das Geschäft zustande kommen kann. Die Abfrage ist verpflichtend, meist eine Formalie. Jahrzehntelang arbeitete die Schufa im Hintergrund vor sich hin. Jetzt will ein Finanzinvestor das Unternehmen kaufen, das Geschäft kräftig erweitern. Sparkassen und Genossenschaftsbanken wollen das verhindern. Es geht vor allem um sensible Daten.

    Die Schufa, 1927 als Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung gegründet, ist die größte und wichtigste Auskunftei dieser Art in Deutschland. Mehr als 10.000 Kunden vertrauen auf die Informationen des Unternehmens. Über die Jahre hat die Schufa sensible Daten von 68 Millionen Deutschen und sechs Millionen Firmen gesammelt, insgesamt mehr als eine Milliarde. Auf Basis dieser Daten kann sie bei jeder Abfrage einen sogenannten Score berechnen, der anzeigt, ob eine Person zahlungsfähig ist und sehr wahrscheinlich bleibt.

    Banken und Unternehmen vertrauen auf die Schufa-Auskunft. Vielen Verbraucherschützern gilt das Unternehmen eher als undurchsichtige Datenkrake, unter anderem weil unklar ist, wie sich der Score genau errechnet. Die Schufa selbst gibt nur allgemeine Informationen dazu. Zuletzt fiel das Unternehmen negativ auf, weil es bei bestimmten Telefonverträgen direkten Zugriff auf Kontodaten der jeweiligen Kunden haben wollte. Der Plan ist inzwischen aufgegeben.

    Der Finanzinvestor EQT sieht im Datenschatz eine sehr gute Chance und plant die Übernahme der Schufa. Die Schweden wollen einen dreistelligen Millionenbetrag investieren, das Geschäft – bisher auf Deutschland konzentriert – europäisch ausrichten. Ein Finanzinvestor trimmt ein Unternehmen auf Rendite und plant meist, es nach einigen Jahren gewinnbringend zu verkaufen.

    Bereits im vergangenen Jahr hat EQT sich mit der französischen Großbank Société Générale geeinigt, deren Anteil von zehn Prozent an der Schufa zu übernehmen. Rund 200 Millionen Euro wollen die Schweden dafür ausgeben, die Schufa wäre dann zwei Milliarden Euro wert. Beim Kartellamt hat EQT bereits die vollständige Übernahme angemeldet.

    Doch das ist nicht so einfach. Denn die Schufa ist eine AG, gehört vor allem Banken, Sparkassen, Händlern. Es gibt rund 30 Einzelaktionäre. Und es gibt Vorkaufsrechte für Alteigentümer. Bevor also EQT zum Zuge kommt, müssen alle anderen ablehnen. Danach sieht es bisher nicht aus. Vor allem Sparkassen und Genossenschaftsbanken, die gemeinsam rund 47 Prozent der Schufa-Anteile besitzen, wollen EQT ausbremsen und die Mehrheit an der Schufa übernehmen.

    Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband, die Dachorganisation der Sparkassen, erklärt: „Wir werden alle Optionen prüfen, die die bewährten Strukturen der Schufa dauerhaft sichern.“ Die Nürnberger Teambank meldete beim Kartellamt ebenfalls Zukäufe an. Sie gehört zur DZ-Gruppe, dem Spitzeninstitut der Genossenschaftsbanken. Die Schufa habe als Datenlieferant strategische Bedeutung. Bestandsaktionäre hätten ein Interesse daran, stabile Mehrheitsverhältnisse zu erlangen.

    Neben der Société Générale gelten auch die Deutsche Bank (sechs Prozent) und Commerzbank (zwölf Prozent) als verkaufswillig. Auch die Targobank könnte sich von ihren Anteilen an der Schufa trennen, ist zu hören. Offiziell äußern sich die Institute nicht. Sollten Sparkassen und Genossenschaftsbanken zukaufen, könnte es also recht teuer werden. Oder EQT kommt doch noch mit einem Minderheitsanteil zum Zug.

    Die Schufa setzte 2019 mit rund 900 Mitarbeitern 229,2 Millionen Euro um. Als Gewinn wies das Unternehmen 41 Millionen Euro aus. Neuere Zahlen sind noch nicht veröffentlicht.

    Hinter der börsennotierten EQT steht die schwedische Industriellenfamilie Wallenberg. Der Finanzinvestor verwaltete im vergangenen Jahr Fonds im Wert von rund 73,4 Milliarden Euro. In diesem Jahr will er einen neuen Fonds mit Kapital von 20 Milliarden Euro auflegen. EQT sammelt das Geld bei Anlegern ein und investiert es dann.

    In Deutschland sind die Schweden schon länger aktiv. so brachten sie vor Jahren den Aroma- und Duftstoffspezialisten Symrise an die Börse, inzwischen ist er in den Deutschen Aktienindex Dax aufgestiegen. 2021 kaufte EQT gemeinsam mit dem US-Finanzinvestor Hellman und Friedman den deutschen Tierbedarfsonlinehändler Zooplus. EQT ist auch am Prothesenspezialisten Ottobock und dem Breitbandnetzbetreiber Deutsche Glasfaser beteiligt, beides Kandidaten für einen

  • „Raumfahrt zum Wohle der Gesellschaft“

    Koordinatorin Anna Christmann (Grüne) im Interview

    Raumfahrt ist lange keine Domäne der Grünen gewesen. Jetzt kümmert sich die Anna Christmann für die Bundesregierung um die Themen. Sie will das staatliche Programm ausbauen, setzt auf Innovation und darauf, mehr privates Geld für die Branche zu gewinnen.

    Frau Christmann, Sie koordinieren vom Bundeswirtschaftsministerium aus die Luft- und Raumfahrt, demnächst werden Sie zusätzlich Wirtschaftsminister Robert Habecks Start-up-Beauftragte. Was wollen erreichen?

    Anna Christmann: Die Luft- und Raumfahrt ist das perfekte Aufgabenfeld für eine Grünen-Politikerin wie mich. Ich will mich für jene Technologien einsetzen, die wir brauchen – mit Blick auf die Herausforderungen, vor denen wir stehen, und auf unsere Ziele. Vor allem natürlich für den Klimaschutz. Ich war bereits vorher Innovationspolitikerin und darf das jetzt weiter sein. Darauf freue ich mich.

    Und was wollen Sie anders machen als die Union, deren Themenfelder das bislang waren?

    Wir Grüne verstehen Innovationen besonders umfassend: Sie sollen der Gesellschaft dienen. Insgesamt geht es mir darum, gute Rahmenbedingungen für die zu liefern, die in diesen Innovationsfeldern unterwegs sind. Das wollen wir in der Koalition gemeinsam angehen.

    Was verbinden Sie grundsätzlich mit der Raumfahrt?

    Ich sehe die Raumfahrt als Ermöglichungstechnologie für Dinge, die wir brauchen. Wir müssen mehr wissen über das Klima, über die Erde, damit wir die richtigen Entscheidungen treffen können. Es geht auch um gute und sichere Kommunikation und natürlich geht es auch ums Entdecken, darum, unser Wissen zu mehren.

    Im Koalitionsvertrag finden sich an mehreren Stellen das Thema Space. Wie sieht die neue Raumfahrtstrategie der Bundesregierung aus?

    Diese Strategie werden wir jetzt sehr schnell erarbeiten – bis Ende des Jahres soll sie vorliegen. Es soll eine Strategie der Ermöglichung sein – Raumfahrt zum Wohle unserer Gesellschaft. Unser Schwerpunkt wird auf dem Klima liegen, aber auch auf dem Innovations-Ökosystem.

    Was verstehen Sie unter einem Innovations-Ökosystem?

    Wir wollen die Hürden gerade für kleinere Startups abbauen und ein Umfeld schaffen, in dem sich sowohl die Großen als auch die Kleinen entwickeln können. Zum Beispiel kann der Staat dafür sorgen, dass bei öffentlichen Ausschreibungen unterschiedliche Akteure teilnehmen, und so Technologien und das gesamte Innovationsystem fördern.

    Sie wollen das Nationale Raumfahrtprogramm stärken. Bedeutet das, dass der Etat erweitert wird? Zuletzt standen immer rund 300 Millionen Euro jährlich zur Verfügung.

    Die Haushaltsverhandlungen stehen noch am Anfang. Ich bin gar nicht so glücklich über diesen Namen. National – das klingt, als würden wir Raumfahrt nur in Deutschland sehen. Tatsächlich geht es jedoch darum, die europäische Raumfahrt insgesamt zu stärken, mit unserem nationalen Budget ebenso wie im Rahmen der ESA.

    Wir haben in Deutschland größere Raumfahrtstandorte in Bayern, Baden-Württemberg und Bremen. Was haben die vom Raumfahrtprogramm der Ampel?

    Wir brauchen Menschen, die die Technologien entwickeln und Projekte konkret umsetzen. Wenn wir als Bundesregierung Programme aufsetzen, werden wir diese ausschreiben. Und wenn es da eine breite Beteiligung gibt, um so besser.

    Die Branche ist im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen klein. Rechnen Sie mit neuen Jobs?

    Es geht ja nicht nur um staatliches Geld, sondern auch um private Investitionen. Wenn es gelingt, die zu mobilisieren, kann die gesamte Branche wachsen, und das bedeutet dann mehr Arbeitsplätze.

    Im Herbst findet die ESA-Ministerratskonferenz statt, auf der die großen gemeinsamen EU-Projekte beschlossen werden. Mit welchen Plänen gehen Sie dorthin?

    Die ESA hat schon gute Vorschläge gemacht, worüber wir sprechen sollten. Zum Beispiel zum Thema Greener Space, aber auch Weltraumschrott und Sicherheit im Weltraum, damit wir alle gemeinsam den Weltraum gut nutzen können und das nicht von einem einzelnen dominiert wird. Zudem wollen wir darüber sprechen, wie wir in Europa einen agileren Raumfahrtsektor als bisher schaffen.

    Sind Sie bereit, wieder soviel Geld auszugeben wie bei der letzten Konferenz? 2019 waren es rund 3,3 Milliarden Euro, Deutschland der größte Einzelzahler.

    Es steht Deutschland als größtem Wirtschaftsstandort in der EU sicher gut an, auch entsprechend mitzuwirken. Das haben wir letztes Mal gezeigt, das ist unser Anspruch diesmal.

    Wie wollen Sie dem in der Raumfahrt sehr mächtigen Frankreich trotzen, das seine Interessen mit einem Minister vertritt, während Deutschland eine Beauftragte schickt?

    Ich sehe das als gemeinsame Aufgabe, einen starken europäischen Raumfahrtstandort zu schaffen. Wir haben Projekte gemeinsam mit Frankreich, gemeinsam mit Italien, es gibt EU- und ESA-Projekte. Ich finde es positiv, dass Frankreich sehr engagiert ist, und möchte, dass Deutschland auch eine treibende Kraft ist.

    Es gab bereits zwei Brandanschläge auf den Satellitenspezialisten OHB, weil er Geschäfte mit der Bundeswehr macht. Wie wichtig ist die militärische Nutzung von Weltraumtechnologie?

    Brandanschläge verurteile ich. Gewalt kann nicht Teil einer gesellschaftlichen Debatte sein. Das  erschwert den Dialog. Darüber zu reden, wofür wir Technologien einsetzen wollen, hilft der Akzeptanz der Technologien. Entscheidend ist, dass nicht die Technologie selbst gut oder böse ist, sondern das, wofür wir sie einsetzen. Und um sie für den richtigen Zweck einzusetzen, muss man sehr gut in diesen Technologien sein.

    Wie stehen Sie zu den Plänen, Raketen von einem Schiff in der Außerordentlichen Wirtschaftszone der Nordsee zu starten?

    Dass Argument, es müsse dringend einen Startplatz in Deutschland geben, finde ich nicht überzeugend. Wir müssen Startplätze in Europa prüfen und gemeinsam nutzen, zum Beispiel die in den nordischen Staaten. Wir müssen uns auch fragen, wie viele Startplätze wir in Europa und der Welt brauchen. Und ob der Start von einem Schiff in der Nordsee überhaupt ein Weg ist, schnell und gut ins All zu kommen, ist noch nicht abschließend geklärt.

    Wann startet die erste deutsche Astronautin ins All?

    Ich hoffe bald. Die Esa hat die Anzahl an Astronautinnen in der neuen Ausschreibungsrunde verbessert. Das begrüße ich sehr und hoffe, dass demnächst eine deutsche Astronautin dabei sein wird.

  • Whatsapp für Banken

    Was ist Swift und wie funktioniert es?

    Im Ukraine-Konflikt drohen zum Beispiel die USA Russland mit dem Ausschluss aus dem Swift-Verfahren, sollte das Land bei seinem Nachbarn einmarschieren. Eine Genossenschaft aus Belgien, die im Hintergrund arbeitet, wird plötzlich Hebel der Weltpolitik. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Was ist Swift?

    Swift ist eine Genossenschaft mit Sitz im belgischen La Hulpe südöstlich von Brüssel. Der Name steht für Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication (etwa Gesellschaft für weltweite Fernkommunikation zwischen Banken). Das Unternehmen ist sein (Kurz-)Nachrichtendienst, eine Art sehr sicheres Whatsapp für Banken. Swift betreibt auch ein eigenes Datennetz sowie drei Datenzentren – in den USA, Belgien und der Schweiz. Das Angebot wird von mehr als 11.000 Finanzinstituten weltweit genutzt, darunter die größten der Welt und Notenbanken. Swift ist kein Zahlungsabwickler.

    Was ist das Besondere an Swift?

    Die Genossenschaft hat eigene, weltweit geltende Standards und Formate für Nachrichten entwickelt, die die Banken automatisch verarbeiten können. Diese Nachrichten werden äußerst schnell übertragen und sind sehr sicher. Zudem ist klar, wer die Nachricht wann von wo an wen wohin gesendet hat und wann sie dort angekommen ist. Eine solche Nachricht kann sehr vereinfacht sein: Kunde A der Bank X überweist 300 Euro an Kunden B bei Bank Y.

    Wie funktioniert Swift?

    Über das System können Nachrichten von einer Bank zur anderen geschickt werden. Als Absender- oder Empfängeradresse dient der BIC, der Business Identifier Code, der für jede Bank weltweit einmalig ist. Die Europäische Zentralbank hat zum Beispiel ECBDEFF. Ein sehr vereinfachtes Beispiel: Erika Muster möchte die Anzahlung für das Ferienhaus im Sommer an Jean Dupont überweisen. Sie füllt beim Onlinebanking ihrer Bank A die entsprechende Maske aus und klickt den Überweisen-Knopf. Im Hintergrund wird eine Standard-Swift-Nachricht mit BIC der Absender- und der Empfängerbank sowie allen wichtigen Eckdaten erzeugt, die besagt, dass Erika Muster 300 Euro an Jean Duponts Konto bei Bank B überweist. Bank A bucht daraufhin Geld an ein Konto der Bank B, die wiederum Geld auf das Konto von Jean Dupont bucht. Standardisierte Nachrichten gibt es auch für andere Geschäfte wie Aktienkäufe, oder Großüberweisungen zwischen Banken. Je Art werden täglich etwa 40 bis 50 Millionen Nachrichten versandt.

    Warum ist Swift so wichtig?

    Die Nachricht von einer Überweisung lässt sich auch per E-Mail oder Brief oder sogar Whatsapp übertragen. Das Empfängerinstitut muss dann aber aufwändig prüfen, ob der Absender echt ist, die Unterschrift stimmt, die Person überhaupt für die Überweisung qualifiziert und berechtigt ist. Der Aufwand ist sehr hoch. Gerade weil Swift sichere standardisierte Nachrichten anbietet, die Computer ohne Zutun von Mitarbeitern verarbeiten können, sind schnelle und zuverlässige Bankgeschäfte überall auf der Welt überhaupt erst möglich.

    Warum wäre es für Russland ein Problem, ausgeschlossen zu werden?

    Ohne Swift kann das russische Finanzsystem zwar theoretisch immer noch Geschäfte mit Instituten außerhalb des Landes machen, die Kommunikation ist allerdings dramatisch erschwert. De facto würden Geldgeschäfte mit dem Ausland fast unmöglich und außerordentlich teuer. Sehr zugespitzt gesagt: Russische Banken müssten für jede einzelne Transaktion den reitenden Boten mit einem Brief losschicken. Und niemand garantiert, dass das Schreiben echt ist und von der richtigen Stelle kommt.

    Wem gehört Swift?

    Eigentümer von Swift sind die Banken, die die Dienste nutzen. Jedes Institut ist an der Genossenschaft nach seinem Anteil am Umsatz beteiligt.

    Seit wann gibt es die Genossenschaft?

    1973 gründeten Banken aus aller Welt die Organisation, damals, um das Telex-Verfahren, mit dem sich die Institute weltweit verständigten, automatisieren zu können.

    Wer entscheidet bei Swift?

    Über Aufnahme und Ausschluss von Finanzinstituten entscheidet bei der Organisation die Genossenschaftsversammlung, also die Anteilseigner. Ob ganze Länder von der Teilnahme ausgeschlossen werden können, die Politik also umfassend in die Geschäfte von Swift eingreifen können, ist nicht sicher und sehr heikel.