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  • Fast wie neu

    Bei sogenannten Refurbished Produkten kann teure Elektronik oder Kleidung zum Schnäppchen werden. Eine gewisse Vorsicht ist bei der Auswahl allerdings angebracht. Der Umwelt nutzen Gebrauchtwaren aber allemal.

    Auf dem Flohmarkt haben es potenzielle Käufer leicht. Die Ware lässt sich vor Ort anschauen und prüfen. Ein Blick auf den Verkäufer weckt entweder Vertrauen oder aber manchmal auch Skepsis. Beim Preis lässt sich womöglich so lange handeln, bis beide Seiten zufrieden sind. Doch hier geht es in der Regel um einfache Artikel, die nur wenige Euro kosten. Das finanzielle Risiko für den Käufer ist gering.

    Doch warum sollten Verbraucher nicht auch bei hochwertigen und entsprechend kostspieligen Produkten auf gebrauchte Modelle zurückgreifen. Bei Autos gibt es den Gebrauchtwagenmarkt schon immer. Auch bei Waschmaschinen oder Geschirrspülern bieten Händler eine breite Angebotspalette an bereits genutzten Geräten an. Im Vergleich zu den Neupreisen sind die Abschläge hier gewaltig. 

    Seit einiger Zeit liegen auch so genannte Refurbished Produkte im Trend. Dabei handelt es sich nicht um Waren aus zweiter Hand, die einfach nach dem Erstgebrauch den Besitzer wechseln. Vielmehr werden Smartphones, Notebooks oder auch Textilien zunächst aufgearbeitet und erst danach wieder an einen neuen Besitzer verkauft. Das kann sich ob der deutlich günstigeren Preise im Vergleich zum neuen Gerät lohnen, wie Beispiele aus den Webshops großer Hersteller zeigen. 

    Auf diesen Trend setzt auch Tchibo. „Unsere Geräte sind so konstruiert, dass zentrale Komponenten leicht zugänglich, austauschbar und langfristig verfügbar sind“, sagt Mirca Braun, die bei Tchibo die Kaffeemaschinen verantwortet. Wieder aufbereitete Kaffeevollautomaten bietet Tchibo anschließend deutlich unterhalb des Neupreises an. Auch kauft der Kaffeeröster gebrauchte Geräte in gutem Zustand an und bringt sie dann wieder in einen neuwertigen Zustand. Seit dem letzten Sommer ist das Angebot auf dem Markt und trifft nach Unternehmensangaben auf eine hohe Nachfrage.

    Deutliche Ersparnis möglich

    So bietet der Computerhersteller Lenovo ein wieder aufgearbeitetes Notebook zum Beispiel für 626,17 Euro an. Für das gleiche Modell müssten Kunden beim Neukauf 1.066,91 Euro bezahlen. Der Computerhändler Cyberport bietet ein überholtes Ipad Pro 11 für 1.399 Euro statt zum Neupreis von 2.059 Euro an und verspricht einen neuwertigen Zustand ohne Kratzer auf dem Display. 

    Der Trend hat auch einige Textilhersteller erfasst. darunter ist etwa der Tettnanger Outdoor-Ausrüster Vaude. Das schwäbische Unternehmen gilt als einer der Vorreiter bei nachhaltigen Textilien. Das hat im wahrsten Wortsinn seinen Preis, denn die Jacken, Hosen oder Schlafsäcke der Firma sind kostspielige Anschaffungen. Um die Kreislaufwirtschaft voranzubringen und zugleich auch die Produkte weniger kaufkräftigen Kunden zugänglich zu machen, bietet Vaude unter dem Titel Second Hand auch gebrauchte Outdoor-Artikel an. Dann kostet zum Beispiel die Fahrrad-Regenjacke für Damen 72 Euro statt neu 120 Euro.

    „Aktuell beziehen wir unsere Second Hand Produkte aus Retouren und Rückläufern, die sorgfältig geprüft, repariert und aufbereitet werden“, erläutert Vaude-Sprecher Benedikt Tröster. Die Schnäppchen sind anscheinend begehrt. Es sei eine Herausforderung, genug Ware in den Shop zu bekommen. Vor allem jüngere Kunden, die mit Gebrauchtwaren vertraut sind, fänden hier ein zusätzliches Angebot.

    Qualität und Garantie

    Bei Second Hand Waren handelt es sich meist nicht um wieder aufgearbeitete Produkte. Eine allgemein gültige Abgrenzung zu Refurbished Produkten gibt es nicht, wie ein Blick auf die vielfältigen Angebote im Online-Handel zeigt. Daher raten Verbraucherschützer zunächst zu einem Blick auf die Qualität der Offerten. „Man muss sehr genau hinschauen, in welchem Zustand das Produkt ist“, sagen die Experten der Verbraucherzentrale Rheinland Pfalz. Gibt es ein Foto der Ware, lassen sich darauf beispielsweise Gebrauchsspuren entdecken. 

    Vielfach unterscheiden die Anbieter von sich aus unterschiedliche Qualitäten. Vaude unterscheidet etwa zwischen „Wie neu“, was für kaum sichtbare Spuren steht, über „Sehr gut“ mit leicht sichtbaren Spuren bis hin zu „Gut“ mit deutlich sichtbaren Hinterlassenschaften des Vorbesitzes. Mit ähnlichen Kategorien beschreiben auch viele andere Anbieter den Zustand ihrer gebrauchten Waren.

    Beim Kauf gelten zumindest zum Teil die üblichen Verbraucherrechte. Dazu gehört die Gewährleistungsfrist, die bei Refurbished Produkten nur ein Jahr statt der sonst vorgesehenen zwei Jahre beträgt. Auch das Widerrufsrecht von 14 Tagen besteht. So können Käufer das Produkt erst einmal begutachten und gegebenenfalls zurückgeben. Damit dies nicht mit einer teuren Enttäuschung endet, ist vor dem Kauf ein Blick ins Kleingedruckte ratsam. Dort finden sich die Konditionen für die Rücksendung, etwa die Frage, wer für die Kosten aufkommt. Die Verbraucherzentrale empfiehlt auch, nicht in Vorkasse zu gehen. Denn wie überall im Netz lauern auch im Handel mit Gebrauchtwaren sehr wahrscheinlich hier und dort Fallen.

    Zu den beliebten generalüberholten Elektronik-Artikeln gehören Smartphones. Hier hat die Stiftung Warentest 2023 einmal genauer auf die Angebote in neun Webshops geschaut, Handys bestellt und getestet. „Die Qualität mancher Handys ließ zu wünschen übrig, andere Geräte überraschten uns positiv“, urteilten die Tester. Sie raten dazu, gekaufte Geräte zuhause erst einmal einem Test zu unterziehen und Funktionen wie den Akku, die Kamera, das Mikrofon und den Lautsprecher zu prüfen. Gibt es Mängel, können Kunden von ihrem Widerrufsrecht Gebrauch machen.

     Auch das E-Bike gibt es gebraucht

    Eine andere Branche haben sich die Marktbeobachter der Verbraucherzentralen unter die Lupe genommen. Sie checkten die Angebote und Bedingungen im Handel mit refurbished E-Bikes. Zehn Anbieter haben die Verbraucherschützer untersucht. Sie werben mit Preisnachlässen zwischen 30 und 70 Prozent. Allerdings ist oft nicht transparent, auf welchen Ausgangspreis sich diese Ersparnis bezieht. Diese potenzielle Falle können Interessenten umgehen. „Hilfreich ist der Vergleich mit modellgleichen Angeboten bei anderen Anbietern“, raten die Experten.

    Mitunter sind auch Probefahrten möglich. Ansonsten gilt das Widerrufsrecht. Käufer können das gebrauchte E-Bike erst einmal zuhause Probe fahren und zurückgeben, wenn es den Wünschen nicht entspricht. Einzelne Anbieter schränken die Probefahrten jedoch auf maximal 30 oder 50 Kilometer ein. Das sollte für einen guten Eindruck vom Zustand des Rades jedoch genügen. Für die Bezahlung der oft mehrere Tausend Euro teuren E-Bikes bieten die Shops Kreditfinanzierungen oder Ratenzahlungen an.

    Gebrauchtportale

    Es gibt eine Reihe von Webportalen, die quer durch die gesamte Produktpalette Gebrauchtwaren anbieten. Um Ärger zu vermeiden, sollten Käufer einige Tipps beachten. Dazu gehört ein Check der Rücksende- und Garantiebedingungen. Auch der Umfang des Angebots ist wichtig. Ist das Zubehör im Lieferumfang enthalten? Wurden die Angebote vom Händler selbst getestet oder generalüberholt? Die Gebrauchtportale sind keine Einbahnstraße. Sie müssen ihre Angebote ja erst einmal bekommen. So können Verbraucher über die Portale ihre nicht mehr benötigten Produkte auch verkaufen. Tipps dazu hat die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz unter der Webadresse www.verbraucherzentrale.de/wissen/digitale-welt/onlinehandel/refurbished-und-secondhand-gebrauchtes-online-kaufen-und-verkaufen-79356 zusammengestellt.

  • Pakete außer Rand und Band

    Kunden freuen sich über preiswerte Waren aus dem Ausland, der Zoll ist überfordert. Die EU geht ab 2026 gegen Billigimporte vor.

    https://taz.de/EU-Zollpaket/!6138490

  • Deutschlands höchste Thermoskanne

    Es riecht stechend metallisch, typisch, hier wird geschweißt und mit Trennschneidern gearbeitet. Irgendwo tackert gleichmäßig ein Kompressor, Druckluft zischt. An der rostroten Stahlwand verschwindet ein Rohr nach oben. Gut 70 Meter höher im Staubdunst ist gerade noch die runde Decke zu erkennen. Willkommen in der höchsten Thermoskanne Deutschlands, vermutlich Europas.

    Der rund 80 Meter hohe Turm entsteht gerade auf dem Gelände der Fernwärme Ulm (FUG), wird offiziell ein Hitzespeicher. „Wir können mit ihm unsere Anlagen besser auslasten und optimieren“, sagt FUG-Projektleiter Axel Brettschneider. Sein Unternehmen betreibt mehrere Kraftwerke, 184 Kilometer Leitungsnetz und versorgt gut 30 Prozent der Ulmer mit Fernwärme.

    Anlagenbauer Bilfinger aus Mannheim errichtet den Turm mit einer besonderen Technik. „Wir bauen von unten nach oben. Der Turm schraubt sich hoch“, sagt Projektleiter Wolfgang Niedrist. „Die Technik ist einmalig.“ Erst jetzt fällt auf, dass draußen keine Kräne stehen wie sonst bei Hochbauten. Stattdessen setzen die Bilfinger-Leute große Stahlplatten zu einem kontinuierlichen leicht angeschrägten Band zusammen, das langsam seitlich am Turm eingezogen und dann verschweißt wird.

    Die Stahlteile sind jeweils 10,4 Meter lang und 3,25 Meter hoch. Insgesamt besteht der Turm aus 188 solcher Platten, die per Lkw aus dem Bilfinger-Werk im österreichischen Wels kommen. An diesem Dezember-Tag schweißt der Roboter gerade zwischen Nummer 139 und 147. Fertig sein soll der Turm im Sommer 2026. Dann werden rund 38 Millionen Liter bis zu 110 Grad heißes Wasser in ihm gespeichert.

    Die riesige Thermoskanne hilft der FUG, sich von fossilen Brennstoffen zu trennen. Auf dem Gelände verbrennen zwei Biomasseanlagen allem Altholz, das nicht wiederverwertet werden kann. Zwei Blockheizkraftwerk laufen. Perspektivisch soll statt Gas Wasserstoff eingesetzt werden. Auch über Geothermie denkt die FUG nach. Das letzte der beiden Kohlekraftwerke hat das Unternehmen Anfang 2024 stillgelegt. Auf der ehemaligen Kohlehalde schraubt sich jetzt der Fernwärmespeicher in die Höhe.

    Vor allem die Blockheizkraftwerke liefern neben Wärme auch Strom. Brettschneider hofft, sie besser nutzen zu können, wenn der Turm fertig ist. „Wir können dann auch auf den Strommarkt reagieren“, sagt er. Das bedeutet: Strom dann produzieren, wenn der Bedarf und damit der Preis hoch ist. Sollte die Wärme gerade nicht gebraucht werden, wird sie in der Thermoskanne gespeichert. „Wir müssen dann die Kraftwerke nicht anwerfen, wenn wir Wärme brauchen und der Strompreis niedrig ist“, erklärt Brettschneider.

    Im August 2024 begann die FUG, das Fundament des Turms zu bauen, rund 40.000 Tonnen Stahl und Wasser sollen schließlich nicht im Ulmer Boden versacken. 80 Betonpfähle mit einem Durchmesser von je 90 Zentimetern sind bis zu 30 Meter tief im Boden versenkt und ruhen auf Gestein. Im März begann dann das Bilfinger-Team auf der neuen Bodenplatte.

    15 bis 20 Millionen Euro lassen sich die Ulmer den Turm nebst Anschlüssen kosten. Auch wenn er das Netz stabilisiert, und sie die Anlagen besser fahren können, „ohne staatliche Förderung rechnet sich das nicht“, sagt Brettschneider. Der Bund gibt 45 Prozent als Zuschuss. Brettschneider erwartet, dass die Anlage nach rund zehn Jahren dann wirtschaftlich ist, also Geld verdient. „Vergleichbare Anlagen laufen schon 50 Jahre“, berichtet Niedrist.

    „Sechs solcher Türme mit der Druckausgleichskammer an der Spitze haben wir bereits gebaut“, sagt der Bilfinger-Projektleiter. „Keiner ist von der Stange. Jedes Projekt wird einzeln für den jeweiligen Standort geplant.“ Zuletzt hat das Team einen Speicher in München fertig gestellt. „Der ist aber deutlich flacher.“

    Das der Ulmer so hoch ausfällt, hat mit dem Stadtteil Böfingen zu tun, der mehr als 70 Meter oberhalb des Zentrums liegt. Auch dort soll das Wasser des Speichers noch ins Fernwärmenetz fließen. Entsprechend Druck muss auf den Leitungen liegen.

    Die Schraubtechnik Bilfingers kommt bei diesem Turm an die Grenzen. „Das sind 1200 Tonnen Stahl einschließlich Spindeltreppe außen und aller Rohre“, sagt Niedrist. Die besondere Vorschubtechnik schafft nur 900 Tonnen, weshalb sie diesmal zwei Runden Stahl bereits auf dem Boden gebaut haben. „Wir beginnen mit dem Hochschrauben in etwas mehr als sieben Metern Höhe“, sagt der Projektleiter. Deshalb arbeiten Heber und Schweißgerät von einer Galerie aus, auf die eine Gerüstleiter führt.

    Im Halbdunkel ist sehr gut die helle Linie zu sehen, die den angehobenen Turm von den unten fertig montierten Teilen trennt. Oben auf der Galerie lassen sich auch die hydraulischen Heber erkennen, die im Abstand von etwa einem halben Meter hintereinander angebracht sind. „Sie heben den Turm an und schieben ihn gleichzeitig vor“, erklärt Niedrist. „Dann setzen sie wieder ab und greifen hinten neu an.“ Der Turm schraubt sich maximal zehn Zentimeter pro Schritt vor. Unten tackert wieder der Kompressor los.

    Im Januar soll der Stahlmantel fertig sein. Er ist dann halb so hoch wie das berühmte Ulmer Münster. Im März wird der Turm für letzte Tests mit Wasser gefüllt. Dann wird die riesige Thermoskanne noch mit einer 50 Zentimeter dicken Dämmschicht Mineralwolle ummantelt. Bleibt noch eine Frage: Kann der Turm platzen? Niedrist schaut etwas irritiert. „Er ist ausreichend dimensioniert, das passiert nicht.“

  • Den Kern bewahren

    Der historische Zyklus der Globalisierung geht zu Ende. Darauf deutet die Einigung von EU-Rat und- Parlament zur Entkernung der EU-Lieferketten-Richtlinie hin. Der Versuch, den ungeregelten Weltmarkt zu zivilisieren, wird damit weitgehend eingestellt.

    Es ist zwar nur ein Zwischenschritt – aber das vermutliche Ergebnis ist deutlich zu sehen. Nur noch die größten Konzerne müssen künftig auf die Menschenrechte der Beschäftigten ihrer weltweiten Zulieferer achten. Und den ausländischen Arbeiter:innen wird ein Hebel zur Durchsetzung ihrer Rechte vor europäischen Gerichten genommen, indem man die Regelung zur zivilrechtlichen Haftung hiesiger Unternehmen streicht.

    Die Einführung menschenrechtlicher Normen für global agierende Unternehmen war eine Reaktion auf die Auseinandersetzungen um die Auswirkungen der neuen Globalisierung, die in den 1980er Jahren begann. Europäische und nordamerikanische Firmen profitierten damals vom ungeregelten Weltmarkt – mit Folgen wie Suiziden von Beschäftigten in chinesischen iPhone-Fabriken und über tausend Toten beim Zusammenbruch der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch.

    Doch nun gerät der einheitliche Weltmarkt selbst unter die Räder neuer autoritärer Machtblöcke wie China, Russland und der USA von Donald Trump. Um in dieser Strömung nicht zu ertrinken, setzt Europa ebenfalls eigene, kurzfristige, ökonomische Interessen an erste Stelle und schleift seine selbstgesetzten Normen.

    Aber was kommt nach der Globalisierung? Erstmal keine „regelbasierte Weltordnung“, die viele europäische Politiker:innen gerne hätten. Trotzdem muss die EU, will sie überleben, ihren Kern bewahren: Demokratie, Rechtsstaat und die universellen Menschenrechte, die mindestens theoretisch für alle Menschen gelten. Denn die sind die Basis für höhere Lebensqualität, bessere Produkte und größeren Wohlstand, als autoritäre Regime bieten können.

  • Wohlstand aus Wasserstoff

    Bald beginnt die neue Zeit. Nach Jahrhunderten der Produktion mit Kohle soll 2026 die Stahlherstellung mit Wasserstoff starten. Das schwedische Unternehmen Stegra baut ein neues Werk in der Stadt Boden im Norden des Landes. Und der Wasserstoff dafür strömt aus Elektrolyseuren, die die Thyssenkrupp-Tochter Nucera in Dortmund liefert.

    Dies ist ein Beispiel für den epochalen Wandel in Wirtschaft und Industrie. Hiesige Firmen bieten Produkte, die künftig wohl von großer Bedeutung sind. Deutschland hat gute Chancen, mit neuen Exportschlagern auch in den kommenden Jahrzehnten zu florieren.

    Elektrolyseure zum Beispiel stellen eine Schlüssel-Technologie des zukünftigen Energiesystems dar. Einfach gesagt, zerlegen sie Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff. Als Energiequelle nutzen sie Elektrizität, die aus Wind- und Solarkraftwerken kommen kann. Ist das der Fall, wird der Wasserstoff als „grün“ bezeichnet – hergestellt, ohne dass klimaschädliches Kohlendioxid entweicht. Dient der Wasserstoff außerdem dazu, Steinkohle in der Stahlindustrie zu ersetzen, darf man in dieser Hinsicht das gewonnene Metall ebenfalls „grün“ nennen. Von der Verwendung in der Industrie abgesehen, dient Wasserstoff aber auch einfach als Speichermedium für Ökostrom.

    Im weltweiten Vergleich ist das Nucera-Projekt in Schweden schon ein relativ bedeutendes. Die Elektrolyseur-Anlage kommt auf eine Kapazität von gut 700 Megawatt (Millionen Watt) – mehr als ein großes Gaskraftwerk. Dennoch spielt die Wasserstoff-Fabrik in der saudi-arabischen Stadt Neom in einer anderen Liga. Die „weltgrößte Anlage zur Produktion grünen Wasserstoffs“, nennt sie Nucera-Manager Leif Christian Kröger. Dort installiert die Firma Elektrolyseure mit einer Kapazität von zwei Gigawatt (Milliarden Watt). „Nach den für 2026 geplanten Test- und Inbetriebnahmephasen“ soll die Anlage „darauf vorbereitet sein, 2027 die kommerzielle Produktion aufzunehmen”, sagt Kröger.

    Wobei man bei Neom vorsichtig sein muss. Das saudische Königshaus wollte sich eine Glitzer-Metropole bauen wie Dubai. Als Kernstück der komplett neuen Stadt für Millionen Einwohner am Roten Meer war eine 170 Kilometer lange Hochhaus-Scheibe („The Line“) durch die Wüste geplant. Mittlerweile scheint das Fantasie-Projekt aber von zu hohen Kosten und zu vielen technischen Problemen eingeholt zu werden. Wer weiß, ob die benachbarte Industrieansiedlung Oxagon, deren Teil die Nucera-Elektrolyseure sind, wie geplant in Betrieb geht.

    Dennoch sieht sich das Dortmunder Unternehmen auf gutem Wege. Kröger: „Gemessen am Auftragsbestand“ führe man „die Liste der weltweiten Hersteller von Wasserstoff-Elektrolyseuren an“. Und auch bei den Auslieferungen fertiger Anlagen stand die Firma nach eigenen Angaben 2024 an der Spitze – vor Chinesen und US-Amerikanern. Das gibt es nicht in sehr vielen Branchen.

    Allerdings ist Nucera vergleichsweise klein. Gut 1.000 Leute beschäftigt die Thyssenkrupp-Tochter weltweit, etwa 300 davon in Deutschland. So dürfte es noch dauern, bis solche Firmen und Branchen die heimische Ökonomie ziehen und tragen.

    Und auch die Zukunftsaussichten haben sich zuletzt eingetrübt. Es komme zu Verzögerungen und Absagen bei neuen Wasserstoffprojekten weltweit, schreibt die Internationale Energie-Agentur in ihrem Wasserstoff-Bericht für 2025. Das spüren die Dortmunder ebenfalls. „Der Weltmarkt für Wasserstoff-Elektrolyseure ist mit Unsicherheiten konfrontiert“, sagt Leif Christian Kröger, „die Zahl neuer Aufträge nimmt ab.“

    Einerseits liegt das wohl daran, dass die Technik im Vergleich zu konventionellen Methoden noch relativ teuer ist. Andererseits spielt die aktuelle Wachstumsschwäche eine Rolle. So hat der Stahlkonzern ArcelorMittal seine geplante Grün-Stahl-Fertigung in Bremen erstmal verschoben. Außerdem macht sich politischer Gegenwind bemerkbar. Weil die US-Regierung unter Donald Trump keine fossilfreie Wirtschaft will, laufen dort 2027 bestimmte Steuervergünstigungen aus, von denen Nucera profitiert hätte.

    Auch in Europa ging es schon einmal schneller voran. Hier hapert es an der Umsetzung der beschlossenen Quoten für grünen Wasserstoff in Industrie und Verkehr. Die wenigstens Mitgliedsstaaten haben das bisher in nationales Recht übertragen. Die schwarz-rote Bundesregierung scheint sich auch vom bisherigen Ausbau-Ziel zu verabschieden. Im Monitoringbericht zur Energiewende, den Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) beauftragte, heißt es: „Das Ziel von zehn Gigawatt heimischer Erzeugung bis 2030 erscheint angesichts der aktuellen Projektpipeline kaum erreichbar.“

    So verstärken sich negative Einflüsse von Wirtschaft und Politik gegenseitig. Wenn letztere die Ausbau-Ziele reduziert, bleibt der Markt für grünen Wasserstoff klein und das Produkt teuer – was wiederum das Interesse von Unternehmen an weiteren Projekten schmälert. „Politisch wäre es wichtig, der Unsicherheit zu begegnen und Signale zu senden, die die künftige Nachfrage nach grünem Wasserstoff erhöhen“, wünscht sich Nucera-Manager Kröger.

    Doch immerhin passiert etwas. Nicht nur in Schweden, auch in den Niederlanden. Im Hafen von Rotterdam baut Nucera im Auftrag von Shell einen 200-Megawatt-Elektrolyseur. Dort soll die Wasserstoff-Produktion ebenfalls 2026 beginnen.

  • „Wir werden unterm Strich wieder mehr arbeiten müssen“

    2025 ist zu Ende, der Herbst der Reformen, wie ihn die schwarz-rote Bundesregierung von Kanzler Friedrich Merz (CDU) verkündet hat, ist vorbei. So richtig gegriffen haben sie noch nicht. Aber aus Sicht von Christian Sewing, Präsident des Bundesverbands Deutscher Banken, in dem die Geschäftsbanken organisiert sind, wird es besser. „Die deutsche Wirtschaft kommt 2025 nur langsam voran, in den nächsten zwei Jahren sollte sich das Wachstum aber beschleunigen.“ Sewing, auch Chef der Deutschen Bank, mahnt weitere Reformen an.

    Wirtschaftspolitik

    Der Bankenpräsident erwartet von der Bundesregierung, mehr für die deutsche Wirtschaft zu tun. Die Regierung habe einiges auf den Weg gebracht: das Fiskalpaket, den Haushalt, den Wachstumsbooster mit verbesserten Abschreibungsbedingungen, die Anpassungen bei der Körperschaftssteuer, den Industriestrompreis – auch die Bürgergeldreform sei ein wichtiges Signal. „Aber das reicht noch nicht, um das Wachstum langfristig deutlich zu erhöhen“, sagt Sewing. Weitere Strukturreformen seien unverzichtbar.

    Die Bundesregierung müsse den eingeschlagenen Reformkurs daher entschlossen fortführen und dabei das Tempo erhöhen, empfiehlt der Bankmanager. „Jede wirtschafts- und sozialpolitische Entscheidung muss daran gemessen werden, wie sie sich auf Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit auswirkt.“

    Für den Bankenpräsidenten ist klar, was Schwarz-Rot anpacken muss: „Vorneweg brauchen wir deutlich schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren. Sonst kommen etwa wichtige Infrastruktur-Projekte nicht voran, obwohl die Mittel bereitstehen. Das würden die Menschen in unserem Land nicht verstehen.“ Er nennt zudem weniger Bürokratie, eine effizientere Verwaltung, niedrigere Energiepreise und mehr Fachkräfte sowie, dass die sozialen Sicherungssysteme so weiterentwickelt werden, „dass sie tragfähig bleiben und auch für künftige Generationen noch zu stemmen sind.“

    Wichtig: „Wir müssen uns bewusst sein, dass eine Transformation nicht ohne unangenehme Entscheidungen gelingt, das ist in einer Volkswirtschaft ähnlich wie in einem Unternehmen: Damit wir auf Dauer wettbewerbsfähig bleiben, müssen wir auch an der einen oder andere Stelle Abstriche hinnehmen – und wir werden unterm Strich wieder mehr arbeiten müssen.“

    Wirtschaftliche Lage

    2023 und 2024 schrumpfte Deutschlands Wirtschaftsleistung, 2025 dürfte sie nur minimal gewachsen sein. 2026 geht es Sewing zufolge endlich wieder aufwärts. „Wir erwarten 2026 ein Wachstum von bis zu eineinhalb Prozent“, sagt der Bankenpräsident. „Die Investitionsprogramme der Bundesregierung geben dafür einen spürbaren Impuls. Entscheidend wird sein, dass die Politik diese Programme mit Reformen verbindet, die privatwirtschaftliche Investitionen erleichtern. Dann kann die Wirtschaft mehr Schwung entwickeln.“

    Sewing und der Bankenverband gehören eher zu den Optimisten. Nur das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin ist mit einem Plus von 1,7 Prozent noch zuversichtlicher. Die EU-Kommission erwartete zuletzt 1,2 Prozent, die Wirtschaftsweisen 0,9 Prozent und die Bundesbank sogar nur 0,6 Prozent Plus. Die Bundesregierung selbst rechnete zuletzt mit 1,3 Prozent.

    Sewing beruhigt all jene, die Sorge um ihre Arbeit haben, weil auch große Unternehmen tausende Stellen streichen wollen. „Für 2026 rechnen wir im Zuge des höheren Wachstums mit einer gewissen Entspannung. Die Zahl der Arbeitslosen, die im Jahresdurchschnitt 2025 bei etwas unter drei Millionen liegen wird, dürfte unseren Ökonomen zufolge im kommenden Jahr um etwa 100.000 Personen sinken.“ Der Bankenpräsident erwartet aber, dass es erhebliche Unterschiede von Branche zu Branche gibt. Allerdings: „Ich bin sicher: Gut qualifizierte Fachkräfte bleiben sehr gefragt.“

    Geopolitik

    2025 beeinflussten die bisweilen erratische Zollpolitik und teils offene Drohungen des US-Präsidenten Donald Trump die Weltwirtschaft. Bankenpräsident Sewing sieht auch Chancen. „Natürlich belasten höhere Zölle unsere exportorientierte deutsche Wirtschaft spürbar“, sagt er. „Weil sich Handelsströme neu ordnen, wächst aber gleichzeitig das Interesse an Europa. Internationale Investoren und Unternehmen suchen nach Alternativen. Das sollten wir nutzen – und dafür sollten wir weniger auf die USA, als auf uns selbst schauen.“ Europa könne unter dem äußeren Druck stärker werden, aber nur wenn es an seiner Wettbewerbsfähigkeit arbeite, innere Hürden beseitige und eine Politik betreibe, die vor allem Investitionen und wirtschaftliche Dynamik fördere. „Dafür muss die EU geeint handeln – vor allem bei Handel, Rohstoffen, Energie und Verteidigung.“

    Zuletzt zeigte auch Chinas härtere Wirtschaftspolitik etwa bei wichtigen Seltenen Erden, wie abhängig die EU ist. Sewing setzt zum Beispiel darauf, mehr wiederzuverwerten. „Bei Rohstoffen gilt: Mehr Diversifizierung und mehr Kreislaufwirtschaft.“ Gleichzeitig solle Europa auf mehr bilaterale Handelsabkommen mit verschiedenen anderen Ländern und Regionen setzen. „Diese Schritte dauern zwar, machen uns aber langfristig weniger abhängig.“

    Zinsen

    Die Zeiten kräftig steigender Preise sind wohl zu Ende. „Die Inflation dürfte sich 2026 bei rund zwei Prozent einpendeln“, sagt der Bankenpräsident. „Kurzzeitig kann sie Anfang kommenden Jahres etwas darunter liegen.“ Eine längere Phase mit Inflationsraten unterhalb der Zwei-Prozent-Marke, die die Europäische Zentralbank als ideal ansieht, hält der Bankenpräsident derzeit für eher unwahrscheinlich – unter anderem, weil die globalen Produktions- und Lieferketten neu eingerichtet werden, was  höhere Kosten bedeutet.

    Das bedeutet: „Wir rechnen 2026 mit weitgehend unveränderten Leitzinsen“, sagt Sewing. „Die EZB hat signalisiert, dass sie das aktuelle Niveau für angemessen hält. Weitere Schritte hängen davon ab, wie sich Wachstum und Inflation entwickeln.“ Das hat auch Folgen für die Zinsen zum Beispiel auf Tagesgeldkonten, die bei den Deutschen so beliebt sind. Sie richten sich meist nach den Leitzinsen. Der wichtige Einlagenzinssatz der Zentralbank liegt derzeit bei 2,0 Prozent. „Grundsätzlich zeigt die Erfahrung, dass bei stabilen Leitzinsen der EZB auch die durchschnittlichen Guthabenzinsen in etwa stabil bleiben.“, sagt Sewing. Aber: „Die Zinsen für Termingeld- und Sparkonten sind stark vom Geschäftsmodell der einzelnen Institute abhängig.“

    Altersvorsorge

    Die Pläne der Bundesregierung, die Altersvorsorge neu aufzustellen, gehen dem Bankenpräsidenten nicht weit genug. Etwa die Frühstartrente, bei der jedem Kind ab sechs Jahren monatlich zehn Euro für Altersvorsorge geschenkt werden sollen. „Die Frühstart-Rente bleibt aufgrund der geringen Beträge nur ein kleiner Baustein“, sagt Sewing. Auch werde sie erst in mehreren Jahrzehnten wirklich wirken. „Dass das nicht reicht, sollte jedem klar sein.“ Deshalb sollte es zum Beispiel möglich sein, freiwillig einzuzahlen. Das sieht der Kabinettsentwurf für die Frühstartrente vor. das Gesetz soll 2026 kommen.

    Gleichzeitig seien weitere Maßnahmen nötig, um die Kapitaldeckung in der Altersvorsorge zu erhöhen. „Ich bin zum Beispiel ein großer Befürworter des Vorschlags der Deutschen Börse, dass der Staat für jedes Kind einen Einmalbetrag zur Verfügung stellt, der am Kapitalmarkt investiert wird“, sagt der Bankenpräsident. „Daraus würde dann durch den Anlagehorizont von mehreren Jahrzehnten ein substanzieller Baustein für die Altersvorsorge.“

  • Der Dino lebt

    Baden-Württemberg ist um ein Fossil reicher: Dort, wo Dinosaurier schon vor Urzeiten durch die Landschaft strichen, hat der Naturschutzbund Deutschland, NABU, es ausfindig gemacht. Name: Peter Hauk, Alter: 65 Jahre. Charakteristik: politische lebende Größe, CDU, Katholik, Jäger, ehrenamtlicher Organist. Seine Entdeckung wird ihm – der studierte Forstmann ist Landesminister für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz – kaum gefallen. 

    Die Kür zum „Dinosaurier des Jahres 2025“ ist nicht gut gemeint, im Gegenteil. Es ist ein Schmähpreis für die schlechteste Umweltperformance in diesem Jahr. Aber: Warum nicht Bundeskanzler Friedrich Merz? Hauk ist schon mehr als 30 Jahren im politischen Geschäft, bundesweit aber kaum bekannt. Anruf bei Nabu-Präsident Jörg-Andreas Krüger.

    Der CDU-Kanzler erklärte Mitte Dezember auf dem CSU Parteitag, er sei „nicht bereit, das Thema Umwelt- und Klimaschutz so hoch aufzuhängen, dass damit ein großer Teil unseres industriellen Kerns in der Bundesrepublik Deutschland verloren geht.“ Hauk schlägt das? Und Parteikollege Jens Spahn („Wirtschaft zuerst“) oder CSU-Mann Manfred Weber? Der führt die konservative Europäischen Volkspartei EVP und blockiert im Europaparlament Klima- und Naturschutz. „Hauk macht das auch, nur geschickter, an der Öffentlichkeit vorbei bisher“, sagt Krüger. 

    „Er hat sich als Vorsitzender der Konferenz aller deutschen Landesagrarminister an die Spitze einer Bewegung gesetzt, die das europäische Gesetz zur Wiederherstellung der Natur streichen möchten.“ Krüger weiter: „Das ist der Naturschutzteil des Greendeals, also das große neue Umweltgesetz.“ Es verpflichtet die EU-Mitgliedstaaten Wälder wieder aufzuforsten, Flüsse aus Betonkanälen zu befreien, für Wiesen und Äcker trocken gelegte Moore wieder zu vernässen. „Der Zustand der Natur soll wieder in Ordnung gebracht werden“, meint Krüger. Hauk aber hält es für eine Gefahr.

    Mit seinen Länderkollegen von CDU und CSU hat er im Juni dieses Jahres einen Brief an die EU-Kommission verfasst. Danach haben Landwirte schon genug zu tun mit den Zöllen auf Agrarprodukte, mit europaweiten Dürren, mit der Lebensmittelversorgung. Teuer werde es auch, die Regelung könne einen Finanzbedarf von 1,7 Milliarden Euro jährlich nach sich ziehen. Am Ende steht die Bitte, die Verordnung „vollständig aufzuheben“. 

    Mit dem Brief soll ein Gesetz nochmal ins Wanken kommen, das im August 2024 in Kraft getreten ist, schon damals gegen großen Widerstand. Eigentlich muss Deutschland nun einen Plan machen, klären wie welche Flächen renaturiert werden sollen. Hauk, meint Krüger, „übt sich in Arbeitsverweigerung“. Dabei sichere nur intakte Natur die „Ertragsstabilität“ der Landwirte, überhaupt der Wirtschaft, weil sie Böden säubere, Luft reinige, Wasser filtere, Kohlendioxid bunkere.

    Doch für Hauk sei, so der Umweltschützer, „Landwirtschaft wie früher allein Produktion, er will einfach immer noch mehr aus dem Boden rausholen.“ Das sei Denken aus ferner Vorzeit, politisch auch nicht klug. Denn: Gingen Wälder in die Knie, gebe es nur wenig Grün in den Städten, mache sich das unmittelbar vor Ort bemerkbar. Das sorge für noch mehr Frust in Zeiten, in denen viele Menschen den Eindruck hätten, es laufe nicht in Deutschland. Da müsse gegengesteuert werden, damit das Gefühl entstehe: „Geht doch!“, es kann sich was zum Positiven drehen.

    Krüger fordert, dem Lokalen mehr Bedeutung beizumessen und mehr von Erfolgen zu erzählen: In der renaturierten Unteren Havel in Brandenburg schwämmen wieder mehr Hechte. Privateigentümer bauten ihre Wälder längst klimafest um. Immer wieder zu sagen, alles werde schlimm, helfe nicht weiter.

    Sind Agrar- und Wirtschaftslobby, die Umweltschutz als Wirtschaftskiller geißeln, nur näher an der Politik dran, so dass sie mehr Gehör finden? „Es verfängt die Erzählung, dass die Menschen sich um ihre Jobs, ihre Mieten, ihre Renten sorgen. Das stimmt auch, ist es aber nicht allein. Die Mehrheit will immer noch eine intakte Natur“, so Krüger. 

    Mit den „Wirtschaft-first“-Sprüchen sei es jedoch möglich, „an alten Konzepten festzuhalten, also an der Expansion von landwirtschaftlichen Erträgen beispielsweise. Das ist einfacher als sich auf neue Wege einzulassen.“ Gebraucht würden allerdings Leute, die die Zukunft denken und für sie werben könnten. 

    Hauk sei es nicht – sondern ein Urgestein des Alten. Auf die Dauer werde das teurer, denn damit lasse sich das deutsche Wohlstandsmodell nicht langfristig halten. An Montag wurde Hauk der Preis verliehen, es ist eine 2,6 Kilogramm schwere aus Zinn gegossene Echse.

  • Wenn das Kuhohr verdächtig wackelt

    Fitnesstracker für Kühe, das klingt kurios? Tatsächlich perfektionieren Landwirte mit Apps ihre Tiere und trimmen sie auf Effizienz – also: mehr Milch. Aber wo endet das?

    https://www.zeit.de/wirtschaft/2025-12/fitness-kuehe-landwirtschaft-tracking-app

  • Menschen, die Hoffnung machen

    Handelskriege, Klimakrise, Bahnen sind verspätet, Mieten zu hoch und der Einkauf ist teuer – da braucht es Lichtblicke. Deshalb stellt das FR-Wirtschaftsressort Menschen vor, die beeindrucken, die Neues wagen und den Kopf oben halten. Darunter: Leoni Lojenburg und Rita Ebel.

    https://www.fr.de/wirtschaft/menschen-die-in-schwierigen-zeiten-hoffnung-machen-94097134.html

  • 682.458 Dollar Vermögen pro Minute

    Unsichere Zeiten bieten wirtschaftlich angeblich reichlich Chancen. Danach war 2025 ein gutes Jahr, um viel Geld zu verdienen. Für einige waren sogar rund 682.458 Dollar oder 581.577 Euro drin. Um so viel erhöhte sich das Vermögen der reichsten 25 Familien der Welt pro Minute, wie aus Zahlen der US-Nachrichtenagentur Bloomberg hervorgeht. Mit dabei sind auch zwei deutsche Dynastien.

    Den superreichen Familien ging es finanziell sehr gut, wie Bloomberg herausfand. Ihr Vermögen stieg bis Anfang Dezember um insgesamt 358,7 Milliarden Dollar auf 2,9 Billionen Dollar, eine Zahl mit zwölf Nullen und etwas weniger als das Bruttoinlandsprodukt von Frankreich. Sie profitierten unter anderem von steigenden Börsenkursen, der Nachfrage nach Rohstoffen und der Erfahrung, wie aus viel noch mehr wird. Das Plus fällt allerdings geringer aus als 2024 (406,5 Milliarden Euro).

    Jedes Jahr untersucht Bloomberg, welche Familien der Welt die reichsten sind. Betrachtet werden nur jene, deren Gründer nicht mehr leben. Der US-Unternehmer Elon Musk, reichster Mensch der Welt, oder Amazon-Gründer Jeff Bezos stehen deshalb nicht auf der Liste. Ebenfalls nicht dabei sind Einzelerben und Familien, bei denen zu unklar oder unübersichtlich ist, woher der Reichtum genau stammt.

    Einige der Werte sind geschätzt, etwa wenn Unternehmen nicht börsennotiert sind. Zudem ist die Liste ist nicht ganz genau, weil sich vor allem bei den Familien aus den arabischen Staaten nicht genau sagen lässt, wie reich sie tatsächlich sind. Alle Vermögen werden in Dollar umgerechnet, um sie vergleichen zu können.

    Allen Superreichen machten die Zollkapriolen des US-Präsidenten Donald Trump offenbar weniger zu schaffen, als viele dachten. Auch die Konsumzurückhaltung vieler Normalverdiener drang in den luftigen Höhen der Multimilliardäre kaum durch, ebenso wenig das Kräftemessen zwischen den USA und China oder der Krieg Russlands gegen die Ukraine.

    Reichste Familie der Welt sind die Waltons, Erben des Gründers der Supermarktkette Walmart. Ihr Vermögen belief sich auf 513,4 Milliarden Dollar. Sie verzeichneten auch das größte Plus unter den Superreichen: rund 81 Milliarden Dollar mehr als 2024. Auf dem zweiten Platz führt die Bloomberg-Liste die Familie Al Nahyan (Abu Dhabi) mit 335,9 Milliarden Dollar vor den Al Sauds (Saudi-Arabien) mit 213,6 Milliarden Dollar. Dank eines Vermögenszuwachses von 73,6 Milliarden Dollar überholten die Saudis in diesem Jahr die Familien Al Thani (Katar), Hermès (Frankreich, Luxusgüter) und Koch (USA, Energie, Chemie, Konsumgüter).

    Reichste deutsche Familie in diesem Jahr sind die Quandt-Erben Susanne Klatten und Stefan Quandt. Bloomberg schätzt ihr Vermögen auf 61,3 Milliarden Dollar, was für Rang 15 reicht. Den beiden gehört unter anderem rund die Hälfte des Autobauers BMW. Dank eines Vermögenszuwachses von 15,3 Milliarden Dollar stiegen sie von Rang 18 auf.

    Abwärts ging es für die Albrechts, Erben des Aldi-Imperiums (Aldi Süd, Aldi Nord, Traders Joe). Bloomberg führt sie in diesem Jahr auf Rang 19 (Vorjahr 12). Ihr Vermögen schrumpfte um fünf Milliarden auf 55,2 Milliarden Dollar. Die Familie ist eine von drei in der Liste, die 2025 über weniger Geld verfügten als 2024.

    In diesem Jahr waren 46,4 Milliarden Dollar Vermögen nötig, um zu den reichsten 25 Familien zu gehören. Für die Erben des Pharmaunternehmers Boehringer reichte es deshalb mit 43 Milliarden Dollar nicht mehr, sie schieden aus der Liste aus.

    Neu dabei sind die Larrea Mota Velascos (Mexico, Rang 17) und Luksics (Chile, Rang 25). Beide Familien gebieten jeweils über verschiedene Bergbaufirmen und sind groß im Kupfergeschäft. Ebenfalls neu dabei ist die italienische Familie Del Vecchio (Italien, Rang 18), denen der Brillenhersteller EssilorLuxottica (Ray-Ban) gehört. Das Unternehmen setzt unter anderem auf Brillen mit künstlicher Intelligenz, was den Aktienkurs rasant steigen ließ. Sollte sich KI tatsächlich als Finanzblase erweisen, könnte es allerdings im nächsten Jahr auch wieder vorbeisein mit dem Platz unter den reichsten 25.

  • Der „Schwarz-Markt“ der Zukunft

    Er hat Lebensmittel billiger gemacht: Discounter Lidl. Für manchen ist er zu billig. Kurz vor Weihnachten kostete das 250-Gramm-Stück-Butter dort nur 99 Cent, Bauern protestierten. Es ist ein ewiger Kampf um günstige Preise, Kunden und Expansion. „Lidl ist der größte Discounter weltweit, ein Exportschlager“, sagt Stephan Rüschen, Professor für Lebensmittelhandel an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. In diesen Zeiten? Sonst tut sich die deutsche Wirtschaft eher schwer.

    Alles begann 1973 im rheinland-pfälzischen Ludwigshafen. Dort eröffnete Dieter Schwarz seinen ersten Discount-Markt. Schwarz-Markt wollte er ihn nicht nennen – zu unseriös. Sein Vater war 1930 in die Heilbronner Südfrüchtehandlung A.Lidl und Co. eingestiegen, machte dann die Lidl & Schwarz KG zu einem Großhandel für Lebensmittel. Der nachrückende Junior sicherte sich den Namen Lidl. Hauptkonkurrenz fortan: Aldi.

    Die Aldi-Gründer, die Brüder Theo und Karl Albrecht, gelten als Erfinder der Discount-Idee, kamen damit schon 1962 auf den Markt. Sortiment: beschränkt. Einrichtung: schlicht. Im Angebot: No-Name-Artikel, präsentiert in halb aufgerissenen Pappkartons, kaltes Neonlicht. Michael Gerling, Geschäftsführer des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI, erklärt: Discounter sind „konsequent kostenorientiert“: „Die Personalkosten zum Beispiel machen im Schnitt 10 Prozent des Umsatzes aus, bei den Supermärkten sind es 15.“

    Lidl kopierte Aldi, der war aber über viele Jahre immer vorne weg. Die Aldi-Kassierer lernten die Artikelnummern auswendig, um die Ware schnell abzurechnen. Heute gibt es Scannerkassen. Sie erfassen auf Produkten einen Strichcode, der bei den Aldi-Produkten besonders groß sei, meint Gerling: „Keiner muss umständlich lange suchen, um den Einkauf durch die Kasse zu jagen.“ Das Discount-Modell entwickelt sich – muss es auch.

    Billig reicht nicht. Gerling: „Die Kunden sind anspruchsvoller geworden.“ So gebe es nun frisches Obst und Gemüse, Brötchen und Teilchen, auch Markenartikel bei den Billigheimern, seien Regale schicker, Beleuchtung ausgeklügelter, Fassaden moderner geworden. Das zahlt sich aus: bei Lidl vor allem.

    Die Discounter hierzulande – neben Aldi und Lidl gehören dazu unter anderem Penny, Netto und Norma – haben am Lebensmitteleinzelhandel derzeit einen Marktanteil von fast 47 Prozent, gemessen am Umsatz. Und Lidl ist unter ihnen die Nummer 1, betrachtet man Aldi Süd und Nord getrennt. Gerling rechnet vor: „Lidl erwirtschaftete in Deutschland 2024 einen Nettoumsatz von 30,4 Milliarden Euro, Aldi Süd von 19,1, Aldi Nord von 14,6.“ Lidl baut besonders um und aus, vor allem im Ausland.

    Handelsprofessor Rüschen zählt weltweit 12.600 Lidl-Filialen, die Aldis haben gut 9.600. „Je mehr Filialen, umso größer die Mengen, die sie den Produzenten abnehmen, umso günstiger werden die Preise dafür“, sagt er – „Das ist eine sich verstärkende Einkaufsmacht.“ So könnten die deutschen Discounter selbst alt eingesessenen Supermärkten im Ausland Konkurrenz machen, etwa der Firma Migros in der Schweiz oder Tesco in Groß-Britannien. Umgekehrt fasse auf dem deutschen Markt kein ausländisches Unternehmen Fuß.

    Der US-Einzelhandelsriese Walmart gab 2006 nach acht Jahren in den roten Zahlen in Deutschland wieder auf. Die russische Discounterkette Mere hatte 2019 eine erste Filiale in Leipzig geöffnet. Ihre geplante Expansion ging schon vor dem Krieg nicht auf, Ende 2022 zog sie sich ganz zurück.

    Die deutschen Discounter machen derweil einen Laden nach dem anderen auf. Längst sind sie nicht mehr nur Händler, sondern auch Kaffee-, Nudel-, Limo-Produzenten, um nicht anderen ausgeliefert zu sein. „Lidl macht das noch noch mehr als Aldi“, erklärt Rüschen.

    Dahinter steckt noch immer Gründer Schwarz, mittlerweile 86 Jahre alt. Er ist mit Lidl und der Kaufland-Kette, die ihm auch gehört, zum reichsten Mann Deutschlands geworden. Forbes schätzt sein Vermögen auf 40,5 Milliarden Dollar. Die Schlagzeilen sprachen nicht immer für ihn, „Stasi-Methoden beim Discounter“ schrieb der Spiegel 2008, Lidl hatte das Personal mit versteckten Kameras überwacht. Das hat sich geändert, wer das Sagen hat nicht.

    Auch wenn Schwarz sich 1999 aus dem operativen Geschäft zurück gezogen habe, gehe ohne ihn wenig, meint Rüschen – auch nicht die Zukunft. Er wage sich in neue Geschäftsfelder vor, um alte abzusichern, sein Slogan: „Voraushandeln statt nur vorausdenken“.

    Konkret: In jüngster Zeit hat der Handelsriese das Unternehmen Prezero aufgebaut, das Verpackungsmüll recycelt. Das spart Rohstoffe. 2022 gründete er eine Containerreederei, damit Lieferungen aus der Ferne nicht stocken. Jetzt steckt er satte 11 Milliarden Euro in ein gigantisches KI-Rechenzentrum im brandenburgischen Lübbenau auf dem Gelände eines alten Braunkohle-Kraftwerks. Spatenstich war im November.

    Dort sollen auf eigenen Servern eigene Daten gespeichert werden. Auch andere Unternehmen oder Behörden sollen die Dienste nutzen können – gegen Bezahlung. Europa gilt im Digitalen als abhängig von den USA und seinen Tech-Konzernen, die meisten Daten werden in der Cloud von Amazon gespeichert. Für den Online-Händler ist das längst lukrativer als das traditionelle Geschäft.

    Das Schwarz-Imperium, das in Neckarsulm sitzt und mit Lidl seinen Anfang nahm, steht heute für mehr als Lebensmittel. Rüschen meint: „Deutsche Wirtschaft kann Export und Wachstum, die Unternehmen müssen nicht unbedingt Trübsal blasen.“

  • Lichtgestalten der Chipherstellung

    Es werde Licht. Mehr als 60.000 Mal in der Sekunde und auf den Punkt. Ohne die Spitzenlaser des deutschen Technologieunternehmens Trumpf geht in der Computerwelt wenig. Um Hochgeschwindigkeitschips etwa für künstliche Intelligenz und Datencenter herzustellen, sind die Impulse der Baden Württemberger unerlässlich.

    Ein Chip ist vereinfacht eine kleine Platte voller elektrischer Leitungen mit zahlreichen elektronischen Bauteilen. Was sich früher zusammenlöten ließ, ist inzwischen so klein, dass es nur mit Spezialmikroskopen zu sehen ist. Die Schaltungen werden auf reine und blanke Siliziumplatten, sogenannte Wafer, belichtet. Hier ist der niederländische Maschinenbauer ASML aus Eindhoven international führend – dank Lasern von Trumpf und Optiken von Carl Zeiss – beides Weltmarktführer auf ihren Gebieten.

    Die besten ASML-Maschinen liefern heute Chips mit Strukturen im einstelligen Nanometerbereich, rund 7000 Mal feiner als ein menschliches Haar. Das bedeutet weniger Größe bei gleicher Rechenleistung oder mehr Rechenleistung bei gleichem Format, vor allem aber weniger Energieverbrauch.

    Der Chipmarkt wächst rasant. Für 2026 schätzen die Berater von Fortune Business Insights ihn auf rund 217 Milliarden Dollar (185 Milliarden Euro). 2034 sollen es 421 Milliarden Dollar sein. Getrieben wird der Boom durch die Nachfrage nach Chips für vernetzte Maschinen und KI. Vor allem in den USA sollen zahlreiche Rechenzentren allein für künstliche Intelligenz entstehen.

    So filigran wie die Schaltungen auf den Hochleistungschips ist der Trumpf-Laser nicht. Er besteht aus mehr als 450.000 Teilen, wiegt mehr als 17,5 Tonnen und hat das Format eines großen Autos. Viel verkleinern lässt sich nicht. Trumpf optimiert das Gerät bereits seit acht Jahren. Mit einem Laserpointer, den viele vielleicht zu Hause haben, hat es ohnehin nicht viel zu tun.

    Der Laser beschießt mehr als 60.000 Zinntröpfchen pro Sekunde mit gebündeltem Licht. Die Tröpfchen erhitzen sich dabei auf 220.000 Grad und verdampfen zu Plasma. Dieses Plasma sendet extrem ultraviolettes (EUV) Licht aus. Es ist höchst kurzwellig und ermöglicht es, sehr fein zu belichten – als zeichne jemand mit einem spitzen Bleistift statt mit einem Wachsmaler. Nötig ist dafür Vakuum.

    Das Licht ist aber nicht alles. Damit es an der richtigen Stelle auf die Wafer trifft, ist eine Präzisionsoptik nötig. Die liefert Zeiss SMT, die Halbleitersparte von Carl Zeiss aus Oberkochen in Baden-Württemberg. Auch hier sind die Geräte groß. Das Belichtungssystem wiegt mehr als sechs Tonnen und besteht aus 25.000 Teilen. Der Kern sind mehrere Spiegel, die das Laserlicht lenken und bis zu einem Meter groß sind.

    Um die Genauigkeit zu verdeutlichen, versucht es Zeiss SMT so: Ein normaler Badezimmerspiegel, vergrößert auf die Größe Deutschlands, hätte Erhebungen bis zu fünf Metern. Die Belichtungsspiegel entsprechend vergrößert kämen auf einen Millimeter. Wie der Laser von Trumpf sind auch die Spiegel von Zeiss wegen der Genauigkeit und der besonderen Fertigung praktisch nicht zu kopieren.

    ASML baut aus Lasereinheit und Optik nebst eigenem Produktionswissen die Chipmaschine im Format eines großen Busses. Die Niederländer sind derzeit die einzigen, die Maschinen für derartige Hochleistungschips liefern können. Die neueste Generation kostet bis zu 400 Millionen Dollar (345 Millionen Euro). Ältere Generationen kosten mindestens 160 Millionen Dollar. Was Laser oder Optik kosten, verraten weder Trumpf noch Zeiss.

    Die Niederländer fragten bei Trumpf an, ob das Unternehmen einen Hochleistungslaser bauen könne. Von der Idee zum ersten Produkt dauerte es zwölf Jahre. 2017 lieferte Trumpf den ersten Speziallaser aus. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2024/25 (30. Juni), setzte Trumpf 724 Millionen Euro allein mit ASML um, das entsprach fast 17 Prozent des Konzernumsatzes von 4,33 Milliarden Euro. Insgesamt schrumpfte Trumpf, der schwierige Weltmarkt belastete. Auch wandelt sich das Unternehmen weg von der Autoindustrie hin zu mehr Zukunftstechnologie.

    Auch bei den Optikspezialisten von Carl Zeiss meldete sich ASML. Beide Unternehmen arbeiten seither eng zusammen. Inzwischen ist der Chipanlagenbauer aus der Nähe von Eindhoven sogar an der Halbleitertochter Zeiss SMT beteiligt. Konkurrenz muss Zeiss derzeit nicht fürchten. Zumindest geben sich die Baden-Württemberger sehr selbstbewusst, was die Hightechspiegel betrifft. Der Umsatz der Halbleitersparte legte im gerade abgelaufenen Geschäftsjahr (30. September) um 23 Prozent auf 5,1 Milliarden Euro zu, Zeiss insgesamt setzte rund zwölf Milliarden Euro (plus 11,9 Prozent) um.

    Und auch Trumpf sieht beim „stärksten gepulsten Industrielaser der Welt“ bisher keine Wettbewerber. Einige Start-ups versuchen weltweit, ähnliche Laser zu bauen. Zuletzt hieß es, chinesischen Experten sei ein Durchbruch gelungen. Wie erfolgreich sie sind, hängt von Technologiekenntnissen ab, der Produktionserfahrung und vor allem vom Geld. Allein ASML hat sechs Milliarden Euro in die Entwicklung der Technologie ihrer Maschinen gesteckt.

    Derzeit ist eine dreistellige Zahl von Trumpf-Lasern in ASML-Anlagen im Einsatz, entsprechend auch von Zeiss-Optiken. Die Niederländer beliefern alle großen Chiphersteller: TSMC in Taiwan, Samsung in Südkorea, Nvidia und Intel in den USA. Zuletzt meldete ASML Rekordaufträge. Gute Aussichten auch für Trumpf und Zeiss.

  • Goldbären im Morgenland

    Winter in Dschidda, 33 Grad. Nicht gerade Temperaturen, die Bären lieben, schon gar nicht, wenn sie aus Fruchtgummi sind. Dennoch: Saudi-Arabien ist einer der heißesten Märkte für Haribo. Jung, dynamisch, viel Wettbewerb. Die Bevölkerung hat einen Hang zu Süßem. Und zum wichtigsten Produkt des Bonner Familienunternehmens. Wenn nur das Wetter nicht wäre. Umso wichtiger sind Technik und internationale Helfer.

    Menschen wie Çağdaş Kardeş. Der Türke ist Vertriebschef für Nordafrika und den Nahen Osten und arbeitet von Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten aus. Bei den neun Kollegen im Büro nahe des Flughafens ist er nicht so oft. Gerade sitzt er mit einigen anderen in einem Wagen und fährt vom Zentrum Dschiddas nach Süden. Die Klimaanlage haucht kalt.

    Draußen überall Bauzäune, wachsende Hochhäuser. Anders als im glitzernden Dubai atmet in Dschidda alles Aufbruch. Im Westen ragen die Kräne des Hafens am Roten Meer in den vom Sand staubigen Himmel. Dort kommen Goldbären und alle anderen Haribo-Produkte an – verpackt im Kühlcontainer aus der Türkei. Die Fabrik bei Istanbul fertigt die Tiere aus der süßen Ursuppe halal zertifiziert. Das entspricht den islamischen Regeln für Lebensmittel, wichtig für den Verkauf in muslimischen Ländern.

    Die Region sehe vielleicht gleich aus, sagt Çağdaş, aber es gebe große Unterschiede: modernen Handel, Einkaufszentren und riesige Supermärkte in den Vereinigten Arabischen Emiraten, rund 200.000 kleine Geschäfte in Familienhand in Ägypten. „In Saudi-Arabien haben wir 60 Prozent kleine Geschäfte und 40 Prozent Supermärkte. Den richtigen Vertrieb zu finden, der die Struktur und das Land genau kennt, ist da sehr wichtig.“

    An der König-Faisal-Straße ziehen sich kilometerweit Lagerhallen durch den Sand. Zweimal abbiegen, dann hält der Wagen vor der ersten Station der Goldbären im Land. Hani Abbar, Vize-Präsident des familiengeführten saudischen Importeurs, bittet durch eine schmale Tür. In der Halle stehen dann alle vor einem großen Tor, dahinter öffnet sich der auf 20 Grad temperierte Raum voller Fruchtgummi-Kisten.

    Hani ist Goldbär-Fan, seit er in London gelebt hat. Jetzt arbeitet der Sohn des Eigentümers am Siegeszug der süßen Tiere in Saudi-Arabien mit. Von dieser Lagerhalle am Rand von Dschidda aus breitet sich das Tier im Morgenland aus – vor allem über Cash-Vans, klimatisierte Kleintransporter, ein besonderer Vertriebsweg der Region. Die Kühlung ist wichtig. „Ohne gibt das bei der Hitze nur Haribo-Suppe“, sagt Hani trocken.

    „Der Cash-Van holt die Produkte im Lagerhaus ab und bringt sie regelmäßig bei den kleinen Geschäften vorbei“, erklärt Ibrahim Kalama, Ägypter und Haribos Vertreter in Saudi-Arabien. Die Transporter steuern die Läden in den Souks der Innenstädte ebenso an wie die eher abgelegenen in der Wüste. Früher lieferte der Cash-Van gegen Bargeld, daher der Name, inzwischen wird auch digital bezahlt. „Die regelmäßige persönliche Ansprache ist besonders wichtig, sonst ist man raus“, sagt Ibrahim.

    Für Haribo verheißt die Region mit ihren 23 Einzelmärkten viel neues Geschäft. „Das größte Wachstumspotenzial liegt in Ägypten, Saudi-Arabien und Irak“, hat der Grieche Kostas Vlakos, Haribos Vertriebschef für Wachstumsmärkte, noch im Büro in Dubai erklärt. „Die Märkte sind nicht so groß wie die USA oder aufstrebende wie Südkorea, aber sie wachsen deutlich schneller als viele andere.“

    Das Durchschnittsalter in der Region liegt bei knapp 27 Jahren. Wer hier punktet, gewinnt Kunden fürs Leben. In den Regalen finden sich deshalb viele bekannte Marken, mit denen die Bonner um Regalfläche streiten: Bahlsen etwa, Kinder, Lindt, Mars, Nestle.

    In Saudi-Arabien startete Haribo 2012, seit zwei Jahren arbeitet ein eigenes Team vor Ort. Wie überall auf der Welt ist der bunte Goldbär das beliebteste Produkt. Bei Nummer zwei weichen die Saudis von anderen Ländern Arabiens und Nordafrikas ab: süße Kirschen statt Cola-Fläschchen. Exklusiv in den Regalen sind saure Würfel. Vertrieben wird das alles oft in kleinen Tüten, um bezahlbar zu sein. 300-Gramm-Beutel wie in Deutschland gibt es nicht.

    Die kleinen Läden, Groceries genannt, verkaufen auf rund 150 Quadratmetern um die 10.000 verschiedene Produkte. „Um dort hineinzukommen, braucht man eine starke Marke, gute Qualität und attraktive Preise, damit der Eigentümer Geld verdient“, berichtet Çağdaş der jetzt in einem solchen Geschäft an der Straße Palestine im Zentrum von Dschidda steht.. Eine extra Beschriftung ist nicht nötig. „Wir können unsere Botschaft auch ohne arabische Buchstaben vermitteln, nur mit dem Markennamen.“

    Ein Regal weiter zeigt Ibrahim auf einen langen schmalen Kartonstreifen voller Goldbären-Tüten, der an einem Haken zwischen anderen Produkten hängt. „Hier sieht man, was wir Guerilla-Vorgehen nennen. Wo es einen Platz in einem Regal gibt, egal wie klein, nutzen wir ihn.“ Auch sonst geht Ibrahim eher unkonventionell vor. Überall, wo er hinkommt, verteilt er kleine Haribo-Tüten. „Einige denken vielleicht zunächst, Haribo sei nur etwas für Kinder. Dabei ist es für jede und jeden.“

    Der Wettbewerb ist hart. Die Konkurrenz kommt etwa aus Asien oder lässt in Spanien fertigen. Und nutzt auch schon mal Buchstaben im typischen Haribo-Design mit dickem weißem Rand, um Kunden zu locken, wie sich im größten Supermarkt Dschiddas, Marke Danube (Donau), zeigt. Auch der Verkaufsbecher wird kopiert. Haribo hat ihn eigens für saudische Fruchtgummi-Fans entwickelt. Er passt in die Becherhalter der meisten Fahrzeuge.

    Größter Konkurrent vor Ort ist die saudische Marke Borgat, derzeit Nummer 1. „Die liegt allerdings schwer im Magen“, sagt Importeur Hani. Die kleinen Colafläschchen der Tüte, die er gerade aufgerissen hat, riechen kaum, sind zäh und etwas klebrig. Der Erfolg entscheidet sich am Geschmack – auch in den entlegenen Winkeln des Wüstenstaates.

    Zurzeit läuft es deshalb für die Bonner in Arabien und Nordafrika: „Der Markt wächst jährlich mit 3,6 Prozent“, sagt Çağdaş, „Haribo wächst mit 6,6 Prozent.“ Umsatz? Der Manager schweigt. Wie üblich bei Haribo. Der Konzernumsatz wird auf einige Milliarden Euro geschätzt. Zwei Drittel des Geschäfts macht das deutsche Unternehmen im Ausland. Schreibt die Firma in Arabien schwarze Zahlen? „Ja“, sagt er.

    Inzwischen ist die Gruppe bei Abdul Rahim Nüsse auf dem Shati-Markt im Norden Dschiddas angekommen. Eine Wohngegend, keine Baukräne, keine englischen Schriftzüge mehr. Die Hitze steht über dem Asphalt des Parkplatzes. Im Innern des Ladens summt die Klimaanlage. Die Haribo-Vertreter entdecken mehrere Aufsteller mit Goldbären. Çağdaş  lächelt. Ibrahim lächelt. Hani lächelt. Hinter dem Markt geht die Sonne unter. Die Luft kühlt langsam auf erträgliche 28 Grad ab. Und von der nahen Moschee ruft der Muezzin.

  • Neues Tempo für Deutschland?

    Bei der ICE-Trasse Berlin-München hat es 26 Jahre gedauert. An der A 20 wird seit 1992 gebaut. Bauprojekte ziehen sich in Deutschland. Nun sollen zahlreiche Infrastrukturvorhaben das Prädikat „im überragenden öffentlichen Interesse“ erhalten, damit die Bagger schneller rollen können. Das hat das Bundeskabinett am Mittwoch mit dem Infrastruktur-Zukunftsgesetz beschlossen.

    CDU-Kanzler Friedrich Merz spricht von einem „Qualitätssprung“. Lässt sich dagegen etwas sagen? Eine Menge. Das machten am Mittwoch Umweltschützer klar. Es beginnt mit einer formalen Kritik.

    Denn: Die Verbände bekamen statt der üblichen 14 Tage nur wenigen Stunden Zeit, sich zu dem vom Bundesministerium für Verkehr entworfenen Gesetz offiziell zu äußern. Am vergangenen Freitag um 15.31 Uhr ging es bei ihnen per Mail ein – Rückmeldefrist Montag, 10.00 Uhr. Das sei „schlechte Gesetzgebungspraxis“ schreiben der BUND, NABU und andere zusammen mit ihrem Dachverband Deutscher Naturschutzring, DNR, in ihrer Stellungnahme.

    Die ist auch deshalb interessant, weil mit ihr in Frage steht, ob sich die Planungen wirklich beschleunigen lassen, wenn der Naturschutz, genauer: das bisherige Instrumentarium dafür, abgebaut wird. Die Kritik im einzelnen:

    Punkt 1: Neue Autobahnen, vierspurige Bundesstraßen, Lkw-Abstellplätze – mehr Infrastrukturprojekte als bisher sollen künftig „im überragenden öffentlichen Interesse“ liegen. Umwelt-, Naturschutz- und andere Bedenken müssen dann im Grunde immer zurückstehen. Das überragende öffentliche Interesse kann nur in Ausnahmefällen ausgestochen werden. Welche das sind, werden am Ende Gerichte entscheiden. Der „Überragendes-öffentliches Interesse“- Kniff, monieren die Umweltverbände, entbehre einer „sachlichen Rechtfertigung“ und könne gegen das Willkürverbot gemäß Grundgesetz (Art. 3 Abs. 1, 20 Abs. 3) verstoßen. Klagen? Denkbar.

    Punkt 2: Werden Straßen gebaut oder Schienen verlegt, können Laichgewässer von Amphibien, Brutplätze von Vögeln zerstört werden. Die Träger der Infrastrukturvorhaben müssen für ihre Eingriffe in die Natur eine Kompensation schaffen. Einfachste Maßnahmen: Sie pflanzen Bäume oder verwandeln eine Industriebrache in ein Biotop. Künftig sollen Geldzahlungen reichen. Die gibt es zwar auch heute schon – die Euros gehen dann an Land oder Landkreis – ist aber nicht die Regel. Die seit 1976 im Bundesnaturschutzgesetz verankerte Eingriffsregelung dürfte, so fürchten die Umweltverbände, „ihre praktische Wirksamkeit verlieren“.

    Punkt 3: Die bisherige Eingriffsregelung hat ihre Haken. Die Kompensationsflächen sind schon mal klein oder werden nicht gut gepflegt. Die Koalition will nun bis Ende Februar ein Naturflächenbedarfsgesetz vorlegen, mit dem dann Flächen für den Ausgleich von Baumaßnahmen reserviert werden sollen. Im besten Fall entstünde ein Verbund ökologisch aufgewerteter Flächen. Kümmern soll sich das Bundesumweltministerium – mit dem Geld, das die Bauträger für ihre Eingriffe zahlen. Ob alle Länder einfach so zustimmen fraglich. Die Umweltverbände sorgt allerdings anderes.

    Sie erklären: Deutschland müsse schon heute nach EU-Regeln beispielsweise sogenannte Natura-2000-Schutzgebiete sichern und ökologisch verbessern, mache das aber „völlig unzureichend“. Sie fürchten, dass die bisherige Eingriffsregelung geändert wird, ohne eine wirksame neue Regelung zu haben, so als gehe es auch ohne Natur, obwohl sie Luft reinigt, Böden säubert, Wasser filtert, Kohlendioxid bunkert..

    Letzter Punkt: Die Umweltverbände warnen vor „erheblicher Planungs- und Rechtsunsicherheit“. Bisher sollen mit Umweltverträglichkeitsprüfungen Gefahren großer Bauvorhaben für Tiere und Pflanzen aufgespürt werden, auch für den Menschen etwa durch Lärm oder weniger Erholung. Das Ziel: die verträglichsten Standorte oder Trassenführungen finden. Diese Prüfungen sollen künftig aber anders gemacht werden können als bisher oder ganz wegfallen. Was das heißt bleibt aber unklar, für Vollzugsbehörden ist das schwierig.

    Wie geht es besser? Es brauche eher eine Reform der Verwaltung als einen „Frontalangriff auf Natur und Umweltschutz“, meint Florian Schöne, der den DNR leitet. Zum Beispiel fehle in den Planungs- und Genehmigungsbehörden Personal, sagt BUND-Geschäftsführerin Verena Graichen. Auch könnten flexible Genehmigungsteams helfen, die bei Engpässen eingesetzt werden. NABU-Präsident Jörg Andreas Krüger will nun unter anderem mit Abgeordneten im Bundestag reden. Dort wird das Gesetz nun Anfang des Jahres erstmals beraten.

  • Die Bahnchefin will den Radikalumbau

    Der Aufsichtsrat des Unternehmens hat die Pläne der neuen Bahnchefin Evelyn Palla gebilligt. Sie streicht Führungsebenen gestrichen und verbessert den Service.

    Wolfgang Mulke 

    Schlanker und schneller ist das Leitmotiv der neuen Bahnchefin Evelyn Palla. „Wir stellen die Deutsche Bahn vom Kopf auf die Füße“, kündigt sie an und will Entscheidungen aus der Zentrale in die einzelnen Geschäftsbereiche verlagern. Im Bahntower steht damit ein radikaler Personalabbau an. Statt bisher 43 Organisationseinheiten unterhalb des Vorstands wird es künftig nur noch 22 geben. Mehr als 1000 der bislang 3500 Stellen werden wohl gestrichen. Den betroffenen Mitarbeitern sollen über den konzernweiten Arbeitsmarkt neue Tätigkeiten angeboten werden.

    Auch gibt es weniger Vorstandsposten. Der Konzernvorstand umfasst nur noch sechs statt acht Ressorts, im Regional- und Fernverkehr entfällt je ein Posten, die Infrastruktur verliert zwei Vorstände. Den Kunden sei es egal, wie viele Vorstände die Bahn hat, sagt Palla. Ihnen komme es auf die Qualität der Leistungen an. Darüber will Palla selbst wachen. Die Pünktlichkeit und die Wirtschaftlichkeit steuert die Chefin selbst.

    Alle zwei Wochen überprüft Palla die Pünktlichkeit und die Quellen der Verspätungen analysiert. Für welche Verzögerungen ist das Netz verantwortlich, welche verursachen die Transportunternehmen. Dabei gibt sich Palla keinen Illusionen hinsichtlich einer schnellen Qualitätsverbesserung hin. Im kommenden Jahr strebt sie eine stabile Pünktlichkeitsquote von 60 Prozent an. Bis 2029 soll der Wert auf 70 Prozent steigen. Die Ziele liegen deutlich unterhalb der vom alten Bahnvorstand genannten. In diesem Jahr sollten mehr als 65 von 100 Zügen pünktlich unterwegs sein. Tatsächlich ist die Quote auf etwas mehr als 50 Prozent abgerutscht. Als Grund dafür nennt Palla einen schneller als erwartet verlaufenden Verschleiß des Netzes. 

    Trotz des überlasteten Netzes und dem dadurch mitverursachten Störungen will Palla den Umfang des Angebots aufrecht erhalten. Verkehre ließen auch nicht per Federstrich ausdünnen, sagt sie. Der Regionalverkehr werde beispielsweise von den Ländern bestellt. Darauf habe die DB keinen Einfluß. Auch müssten aufgegebene Verbindungen für  andere Transportunternehmen offen stehen.

    Für die Kunden hat Palla zum Jahresende aber auch eine positive Aussicht parat. Die Bahn investiert ab Januar 140 Millionen Euro in einen besseren Service im Zug, mehr Sicherheit an den Stationen, saubere Züge sowie eine verlässlichere Information der Fahrgäste. Die Bordgastronomie soll ebenso wie die Toiletten im Zug zuverlässiger funktionieren. Dabei dünnt die Bahn mit dem anstehenden Fahrplanwechsel in einigen Regionen den Verkehr durchaus aus und streicht wenig genutzte Züge.

    Übergeordnete Konzernprogramme wie das laufende Sanierungsprogramm S3 wird es nicht mehr geben. Stattdessen sollen alle Entscheidungen möglichst dezentral fallen. Was das konkret bedeutet, zeigt das Beispiel der Infrastrukturgesellschaft InfraGO. Dort ist bisher ein Vorstand für das Bauen im Schienennetz verantwortlich, ein anderer für den Fahrbetrieb. Beide haben naturgemäß unterschiedliche Interessen: der Eine will möglichst viel reparieren oder instand halten, der Andere einen möglichst pünktlichen Verkehr erwirken. Künftig sollen nur ein Manager beide Aufgaben wahrnehmen und so eine bessere Abstimmung von Schienensperrungen und Betrieb erreichen. Gleiches geschieht bei den regionalen Netzen. 

    Nach diesem Prinzip will Palla den gesamten Konzern nach unsinnigen Doppelstrukturen durchforsten. Damit will sie im kommenden Sommer fertig sein. Bis zum Jahresende die Bahnchefin den Umbau dann abschließen. „Es ist vielleicht die größte Transformation in der Bahngeschichte“, sagt Palla. Die Unterstützung dafür ist zumindest aktuell groß. Beide Bahngewerkschaften stützen ihren Kurs. Der Aufsichtsrat habe den Plänen „voll zugestimmt“, erläutert sie.

    Außen vor beim Umbau bleibt in den kommenden Wochen noch die kriselnde Cargosparte. Deren neuer Chef Bernhard Osburg erarbeitet gerade ein Sanierungsprogramm für den Güterverkehr. Ende Dezember sollen die Grundzüge vorliegen. Anschließend wird ein Gutachter den Plan auf seine Tauglichkeit hin prüfen. Dessen negatives Urteil über die Sanierungsvorhaben der abgelösten Chefin Sigrid Nikutta haben letztlich zur Trennung von ihr geführt. 

    Bei der hochdefizitären Cargosparte drängt die Zeit. Bisherige Verluste hat der Konzern per Kredit ausgeglichen. Das hat die EU-Kommission zwischenzeitlich untersagt. So muss der Güterverkehr bis Ende des kommenden Jahres in die schwarzen Zahlen zurückkehren. Sonst droht dem Geschäftsbereich die Zerschlagung.

    Neben dem Dauerbrenner Pünktlichkeit steht eine bessere wirtschaftliche Bilanz ganz oben auf der Wunschliste des Vorstands. Laut Palla wird das operative Ergebnis des Konzerns zwar sowohl in diesem als auch dem kommenden Jahr schwarze Zahlen beinhalten. Doch unter dem Strich bleibt die Bahn im roten Bereich. 

    Große Versprechen sind nicht die Sache der neuen Bahnchefin. Entsprechend zurückhaltend bleibt sie auch mit Blick auf das große Prestigeprojekt Stuttgart 21. Dessen Eröffnung wurde kürzlich wieder einmal verschoben. Einen neuen Termin will Palla noch nicht nennen. „Wir wollen erst einmal eine lückenlose Aufklärung vornehmen“, sagt sie. Das Vorhaben hakt an der geplanten Digitalisierung des Knotenbahnhofs. Unter anderem will die Bahn prüfen, ob das damit beauftragte Unternehmen Hitachi dafür leistungsfähig genug ist. 

  • Der Charme des Zinseszinses

    Ist die Rente sicher? Die Bundesregierung möchte jedenfalls jungen Menschen helfen, privat Geld fürs Alter zurückzulegen. Das Kabinett will noch vor Weihnachten darüber entscheiden. Was diskutiert wird, ähnelt bereits bestehenden Angeboten der Banken und Sparkassen. Ein kurzer Überblick über Frühstartrente und Kinderdepots.

    Was ist die Frühstartrente?

    Mit der Frühstartrente will die schwarz-rote Bundesregierung das deutsche Rentensystem entlasten. Bereits Jugendliche sollen jeden Monat Geld zurücklegen, um im Alter ihre Rente aufstocken zu können. Der Staat will jedem Kind ab sechs Jahren, das eine Schule besucht, monatlich zehn Euro schenken, die zweckgebunden am Kapitalmarkt angelegt werden sollen. Das soll die staatliche Rente ergänzen. Den Zuschuss soll es bis zum 18. Lebensjahr geben. Das Konzept soll die Bundesbürger dazu bringen, mehr privat vorzusorgen. Weil die Zahl derjenigen, die arbeiten sinkt, die der Rentner aber steigt, kommt das bestehende System absehbar an seine Grenzen.

    Wann soll sie starten und wer bekommt Geld?

    Vorgesehen ist, mit der Frühstartrente zum 1. Januar 2027 zu beginnen, aber rückwirkend zum 1. Januar. Rund 700.000 Sechsjährige werden dann wohl Geld bekommen. Bindet der Staat alle Sechs- bis 18-Jährigen ein, sind es rund neun Millionen Kinder.

    Wo wird das Geld angelegt?

    Vorgesehen ist, dass Eltern für ihre Kinder ein entsprechendes Depot bei einer Bank oder einem Versicherer anlegen. Dort können sie auch selbst einzahlen. Die Bundesbank übernimmt dem Plan nach, wenn sich Eltern nicht kümmern.

    Was bringen zehn Euro im Monat?

    Wer zwölf Jahre lang jeden Monat einfach zehn Euro zur Seite legt, hat 1440 Euro gespart. Wird das Geld angelegt, zum Beispiel in Fonds, können daraus im selben Zeitraum 2090 Euro werden, wie das Deutsche Aktieninstitut und die Fondsgesellschaft Vanguard errechnet haben. Bleibt das Geld einfach liegen, werden bis zum 67. Geburtstag 36.322 Euro daraus. Werden weiter jeden Monat zehn Euro bis zum Rentenbeginn angelegt, können es 70.142 Euro werden. Für die Musterrechnung gingen Aktieninstitut und Vanguard von im Schnitt sechs Prozent jährlicher Verzinsung aus. Der Wert ist auf lange Frist durchaus zu erzielen – trotz der Schwankungen an den Börsen. Beginnt der Zehn-Euro-Sparplan bereits mit der Geburt, stehen mit 67 bis zu 100.362 Euro zur Verfügung, wenn regelmäßig eingezahlt wird. Zum Vergleich: Wer 67 Jahre lang jeden Monat zehn Euro auf ein Tagesgeldkonto mit einer Verzinsung von einem Prozent anlegt, hat mit 67 rund 11.435 Euro angespart. Nicht berücksichtigt ist Inflation. Sie schmälert die Kaufkraft der Summe. Mit 100.000 Euro lässt sich in 67 Jahren sicher deutlich weniger kaufen als heute.

    Wie kommen die hohen Summen zustande?

    Das Vermögen wächst aus drei Gründen. Erstens durch das Sparen selbst: Jeden Monat steigt die Sparsumme um zehn Euro. Zweitens wächst das Vermögen durch Kursgewinne der Anlage, durch Gewinnausschüttungen bei Aktien (Dividende) oder Zinserträge bei Anleihen. Werden diese Erträge drittens wieder angelegt, werden auch sie künftig verzinst. Vor allem dieser Zinseszinseffekt treibt die Anlage.

    Wie riskant sind solche Anlagen?

    Wer am Kapitalmarkt Geld anlegt, muss damit rechnen, dass die Kurse und damit der Wert der Aktien, Anleihen oder Fonds auch fallen kann. Auf lange Sicht ging es in den vergangenen Jahren aber aufwärts. Kurseinbrüche zum Beispiel beim Platzen der Dotcom-Blase Anfang der 2000er Jahre oder im Zuge der Finanzkrise 2008 wurden immer ausgeglichen. Und sparen für die Rente ist eine langfristige Aufgabe. Anlagen am Kapitalmarkt sind unsicherer, als Geld aufs Sparbuch zu packen. Nur vermehrt sich Vermögen dort nicht.

    Wie unterscheidet sich die Frühstartrente von bestehenden Sparangeboten?

    Sehr wahrscheinlich wird es besondere Regeln für die Frühstartrente geben, damit das Geld auch angespart und nicht vor der Rente ausgegeben wird. Viele Banken und Sparkassen bieten bereits sogenannte Kinderdepots.

    Was ist ein Kinderdepot?

    Wer Aktien, Anleihen und Fonds kaufen möchte, braucht ein Depot, eine Art virtuelle Ablage für Wertpapiere. Mit einem Depot ist ein Verrechnungskonto verknüpft, von dem aus die Wertpapiere beim Kauf bezahlt werden. Beim Verkauf wird dort Geld gutgeschrieben. Ein Kinderdepot ist ähnlich, allerdings gibt es einige Sonderregeln. So müssen die Eltern des Kindes es anlegen und kontrollieren auch, was gekauft wird, das Depot läuft aber auf den Namen des Kindes. Wird es 18, haben die Eltern keinen Zugriff mehr, das Kind übernimmt. Einige Banken beschränken die Art der Wertpapiere, die sich für ein Kinderdepot kaufen lassen. Aktien, Anleihen und Fonds sind möglich, aber hochspekulative und deshalb besonders riskante Produkte wie Knock-out-Zertifikate nicht. Schließlich soll das Kinderdepot eine Art Sparbuch für die Zeit sein, in der Geld nötig ist – für eine Ausbildung oder ein Auto. Wie viel Geld angelegt werden kann, ist in der Regel nicht begrenzt. Und es kann auch wieder etwas verkauft werden.

    Wer bietet solche Depots an?

    Viele Banken und Sparkassen bieten Kinderdepots an. Auch Onlinebanken und -broker haben diese besondere Form des Sparens im Programm. Der Name kann je nach Institut variieren.

    Wie beantrage ich sie?

    Bei klassischen Banken und Sparkassen lässt sich ein Kinderdepot im Namen der Tochter oder des Sohnes in der Filiale eröffnen. Bei Onlinebanken geht es bequem vom Rechner aus. Neben dem üblichen Eröffnungsformular sind aber noch eine Geburtsurkunde sowie der Nachweis über das Sorgerecht nötig. Auch müssen beide Elternteile unterschreiben. Es ist auch möglich, mehrere Kinderdepots bei unterschiedlichen Banken anzulegen.

    Warum ist ein Kinderdepot interessant?

    Zum einen ist der Spareffekt deutlich größer, wenn das Geld am Kapitalmarkt angelegt wird, als auf einem Sparbuch oder Tagesgeldkonto mit Zinsen unter einem Prozent. Zum anderen können nicht nur die Kinder selbst Geld einzahlen oder die Eltern, sondern zum Beispiel auch die Großeltern. 50 Euro von Oma zum Geburtstag oder zu Weihnachten können sich so über die Jahre ordentlich vermehren. Für das Kind gilt zudem ein Sparerfreibetrag von jährlich 1000 Euro. Erträge bis zu dieser Höhe müssen nicht versteuert werden. Dann sind solche Depots meist gebührenfrei. Und je nach Anbieter gibt es noch weitere Vergünstigungen wie niedrige Kaufgebühren oder Zinsen auf das Verrechnungskonto. Experten erhoffen sich außerdem, dass mit solchen Depots die Finanzbildung steigt. Das Kind will womöglich wissen, warum das Geld dort angelegt wird, warum das Vermögen steigt und was der Kapitalmarkt ist. Ganz nebenbei können auch die Eltern und Großeltern noch etwas lernen.

  • Wo das zweite Leben der Laptops beginnt

    Sofort zieht dieser scharfe Geruch in die Nase. Lack? In einer schwer gesicherten Halle voller zehntausender Bildschirme, Drucker, Laptops und Mobiltelefone scheint das eher unwahrscheinlich. Schließlich will CHG-Meridian die gebrauchten Geräte hier weiterverkaufen. Das deutsche Unternehmen stattet Firmen weltweit mit neuer IT aus und vermarktet die alte – ein international wachsender Markt.

    „Wir stellen hier sicher, dass gebrauchte Geräte einen zweiten oder dritten Lebenszyklus haben“, sagt Christan Brakensiek, Vertriebschef des Unternehmens für den deutschsprachigen Raum. Er steht neben einigen Paletten mit Altgeräten am Wareneingang der Halle, Technologiezentrum genannt. Ein Gabelstapler surrt neben ihm vorbei. Hinter hunderten in Fischgrätformation aufgestellten Bildschirmen dann die Quelle des Geruchs: große Sprühflaschen der Marke Label-Ex. Vier Frauen entfernen  Aufkleber von Gebrauchtgeräten.

    Die Berater von Credence Research schätzten den Weltmarkt für gebrauchte IT 2024 auf 271 Milliarden Dollar (233 Milliarden Euro), 2032 sollen es dann 475 Milliarden Dollar sein. Viele Unternehmen brauchen nicht unbedingt die superschnellen neuesten Laptops, sondern zuverlässige solide Arbeitsgeräte. Und natürlich geht es um Geld. „Gebrauchtware ist typischerweise 20 bis 50 Prozent günstiger als Neugeräte“, sagt Brakensiek. Die Halle hier im Gewerbegebiet von Groß-Gerau südlich Frankfurts ist eine der größten ihrer Art. Die gebrauchten Geräte stehen über zwei Ebenen auf einer Fläche von etwa zwei Fußballfeldern.

    Im Markt mithalten kann, wer günstig ist. „Wir haben Refurbishing industrialisiert“, sagt Brakensiek, für ihn ein großer Wettbewerbsvorteil. Alles läuft immer gleich ab: anliefern per Lkw, erfassen der Geräte, eigenes Label mit Barcode aufkleben, reinigen, Sichtkontrolle, Daten sicher löschen, technische Prüfung, verpacken. „Das ist ein eng getakteter Prozess“, ergänzt Csaba Kallai, der das Technologiezentrum leitet. „Wir müssen schnell sein. Die Preise für Gebrauchtgeräte fallen auch schnell.“

    2024 haben die 140 Mitarbeiter hier rund 816.000 Geräte bearbeitet. An diesem Tag lagern gut 54.000 Notebooks in der Halle, wie Kallai auf seinem Tablet zeigt, 23.000 Mobiltelefone, 17.000 Monitore und 2700 Drucker – vom Tischgerät bis zur schrankgroßen Maschine mit Sortiereinheit. Dazu Standrechner und Berge von Netzteilen.

    Zum Piepen der Barcodescanner unten am Wareneingang gehen Brakensiek und Kallai auf der oberen Ebene vorbei an Reihen von Notebooks, deren Bildschirme während des Löschvorgangs rot leuchten. An der Mobilfunkstation stapeln sich Kartons mit Telefonen und Tablets überwiegend des US-Anbieters Apple. Sechs Mitarbeiterinnen versuchen, die Geräte zu reinigen und für den Weiterverkauf vorzubereiten.

    Hier zeigen sich auch die Grenzen der Wiederverwertung. „Wenn wir die Mobiltelefone und Tablets nicht entsperren können, gehen sie in den Schredder“, sagt Kallai. Und bei vielen Geräten fehlt der Zugangscode, wenn sie hier in Groß-Gerau ankommen. Schrott, obwohl sie noch hervorragend aussehen.

    CHG-Meridian startete 1979 im Landkreis Ravensburg als Computerhändler. Über die Jahre wandelte sich das Unternehmen zum internationalen IT-Leasinganbieter mit 1600 Beschäftigten. Die Baden-Württemberger kaufen die Geräte, finanzieren sie mit Banken, verleasen sie an die Firmenkunden, die einen monatlichen Betrag zahlen. Nach einigen Jahren kommen die Geräte dann zurück zu CHG – nach Groß-Gerau aus zehn europäischen Ländern.

    Die aufgearbeiteten Geräte gehen direkt oder über eine Auktion an Unternehmen, die sie vielleicht einzeln an Privatpersonen weiterverkaufen oder, wie die CHG-Tochter Circulee, in großem Umfang an Firmenkunden, die ihre Büros ausstatten. Brakensiek und Kallai sprechen viel von Assets statt Mobiltelefonen oder Bildschirmen und Brokern statt gewerblichen Kunden. Und tatsächlich hat das Geschäft auch etwas von Börse. „Die Preise sind zum Beispiel im Sommer niedriger“, sagt Brakensiek. Eine eigene Einheit bei CHG kümmert sich um den richtigen Zeitpunkt für den Verkauf. Denn die Erlöse kommen dem Unternehmen zugute.

    Das hat mit dem Geschäftsmodell zu tun. CHG-Meridian verdient an den Leasinggebühren für Neuware. Einkalkuliert ist da bereits, dass die Geräte später zu einem bestimmten Restwert verkauft werden. Das drückt die Leasingraten für die Kunden. Wenn gebrauchte Laptops, Monitore und Telefone dann teurer weiterverkauft werden können, als ursprünglich geplant, verdient CHG zusätzlich.

    Und wie schätzt das Unternehmen den Restwert von tausenden Rechnern fünf Jahre im Voraus? „Wir haben 40 Jahre Erfahrung damit, in die Glaskugel zu sehen und vorherzusagen, welcher Markt sich wie entwickelt“, sagt Brakensiek. Offenbar erfolgreich. CHG-Meridian ist in 32 Ländern direkt tätig, auch in Indien und Australien, den USA, Kanada und Brasilien. Über Partner wird IT in 190 Ländern angeboten.

    Unter den rund 5000 Kunden in Deutschland und etwa 1500 weiteren global sind oft das große Konzerne mit Standorten weltweit. Bis Ende 2024 hat das Unternehmen technische Geräte im Wert von 11,73 Milliarden Euro finanziert. Das Neugeschäft 2024 beziffert Brakensiek auf 2,83 Milliarden Euro.

    94 Prozent der Geräte, die vorn an der Halle angeliefert werden, landen am Ende der Halle sauber verpackt in der Auslieferung. Hier können die gewerblichen Kunden sie dann abholen – gegen Vorkasse.

  • „Wir bieten bis zu 40 Prozent Rabatt“

    Noch ist nicht Weihnachten, aber die Reisebranche stellt sich bereits auf den Sommer 2026 ein. Benjamin Jacobi, Deutschland-Chef von Europas größtem Reiseanbieter TUI, erklärt, wann es sich lohnt, den nächsten Sommerurlaub zu buchen, welche Länder besonders gefragt sind und warum die Wahl des Startflughafens wichtig sein kann.

    Wann sollte ich meinen Sommerurlaub 2026 buchen?

    So früh wie möglich. Im Ernst: Wir haben unser Angebot für kommendes Jahr bereits im Mai gestartet. Am ersten Tag haben 10.000 Gäste gebucht. Das ist vielleicht etwas überraschend, schon vor dem Sommerurlaub 2025 den für das kommende Jahr klarzumachen. Aber wer ein bestimmtes Zimmer in einem bestimmten Hotel an einem besonderen Strand haben möchte und seine Urlaubszeit kennt, will sichergehen. Die Hauptbuchungszeit für den nächsten Sommer beginnt jetzt.

    Warum sollte ich bereits jetzt für 2026 buchen? In diesem Jahr gab es kurz vor dem Sommer viele Last-Minute-Angebote zu günstigen Preisen, das könnte sich doch kommendes Jahr wiederholen.

    Möglicherweise dachte der ein oder andere Hotelier nach vielen Jahren mit steigenden Kosten könne er etwas mehr Geld verlangen. Kurz vor dem Sommer war dann doch nicht alles ausgebucht, er musste die Preise senken und versuchen, das Hotel zu füllen. Das wird in diesem Jahr wieder anders. Wir bieten Frühbucherrabatte bis zu 40 Prozent. Und Kinder fliegen in viele Urlaubsregionen zum Festpreis von 149 Euro. Bei Eigenanreise mit dem Auto übernachten Kinder in vielen Familienhotels sogar zum Nulltarif.

    Wie rechnen sich so hohe Rabatte?

    Über die Saison gibt es eine Mischkalkulation. Wir wollen, dass sich sehr viele Urlauber früh entscheiden, damit wir zum Beispiel den Flugzeugeinsatz gut planen können. Deshalb die Rabatte, die wir extra mit den Hoteliers im Sinne der Reisenden verhandeln. Wer später bucht, weil er oder sie flexibler sein will, zahlt dann mehr – und in einigen Hotels sind dann die günstigen Zimmerkategorien für den Rest der Saison ausgebucht.

    Wie lange gibt es den Frühbucherrabatt?

    In der Regel bis Ende Februar. Wer gezielt ein Hotel oder eine Region ansteuern will, sollte sich schneller entscheiden. Gerade über Weihnachten sitzen die Familien zusammen und besprechen, wo es im Sommer hingehen soll und buchen.

    Was kostet eine Woche Urlaub mit TUI für eine vierköpfige Familie im Schnitt?

    Das ist gar nicht so einfach auszurechnen, weil sich das je nach Ziel, Reisezeitraum und Hotelkategorie unterscheidet. Was sich sagen lässt: Zum günstigsten Termin kostet eine Woche Bulgarien all-inclusive für eine vierköpfige Familie 1500 Euro. Antalya, Hurghada oder Mallorca sind teurer.

    Wie haben sich die Preise generell entwickelt?

    Der Urlaub 2026 wird nicht sehr viel teurer als 2025. Die Preise steigen mit der Inflation, also um ein bis drei Prozent. Am Schwarzen Meer in Bulgarien, in Albanien und Tunesien etwa ändert sich wenig. Die griechischen Inseln Santorin und Rhodos zum Beispiel werden in Teilen billiger. Aber das waren bisher eher keine günstigen Ziele.

    Wie kann ich noch sparen, außer früh zu buchen?

    Oft rechnet sich, von einem anderen Flughafen zu starten, bei dem zum geplanten Urlaubszeitpunkt keine Schulferien sind. Zum Beispiel in Hannover statt in Hamburg oder in Stuttgart statt in Frankfurt. Da lassen sich mehrere hundert Euro sparen und das Zugticket ist bei uns inklusive.

    Vom 1. Juli 2026 soll die Luftverkehrssteuer zum Beispiel nach Gran Canaria auf den Wert von 31,61 sinken. Wie wirkt sich das aus?

    Es geht um acht Euro pro Person und Flug. Wir werden die Ersparnis an die Kunden weitergeben. Es ist politisch ein wichtiger, erster Schritt. Wer 3000 Euro für eine Reise ausgibt, merkt es vielleicht weniger, aber für eine Familie kann das auch schon wieder ein Paella-Abend in Maspalomas sein.

    Was hat sie an den Buchungen für kommenden Sommer bisher überrascht?

    Griechenland ist derzeit Nummer 1 bei den Buchungen und hat Spanien und die Türkei überholt. Natürlich kann sich das auch schnell wieder ändern, alle drei Länder liegen dicht beieinander. Bei den Einzelzielen führt Antalya in der Türkei vor Mallorca, Kreta, Rhodos und Kos.

    An diesen Zielen wird es dann sehr voll?

    Es gibt wie jedes Jahr ausreichend Hotels und Betten. Aber wer etwas Bestimmtes sucht, sollte sich recht zügig entscheiden.

    Wollen die Deutschen noch in die USA reisen? Die aktuelle Regierung unter Donald Trump ist schwer einzuschätzen, es gab einige Geschichten über schlechte Erlebnisse bei der Einreise.

    Die Deutschen wollen noch dorthin. Auch wenn die Buchungen zur Mitte des Jahres eher verhalten reinkamen, sind die USA unangefochten das Topziel bei Fernreisen. Viele wollen das Land mit dem Camper erkunden. Allerdings buchen die Deutschen kurzfristiger. Überhaupt werden Fernreisen im Sommer beliebter. Hinter den USA folgen Thailand und die Malediven, Mauritius und die Vereinigten Arabischen Emirate, die den Tourismus enorm ausbauen. Unsere Buchungszahlen steigen kräftig.

    Die Emirate im Sommerurlaub? Die Temperaturen in Dubai erreichen schon mal 50 Grad.

    Die Emirate sind auf solche Temperaturen eingestellt, viel ist klimatisiert. In sechs Stunden sind sie mit gutem Flugangebot erreichbar. Es gibt hervorragende Sandstrände oder auch Museen. Für mich ist das wie Las Vegas. Man kann immer etwas erleben und einen schönen Familienurlaub verbringen.

    Online-Konkurrenten wie Booking.com aus den Niederlanden und Airbnb aus den USA werben mit günstigen Preisen und einfachen Abschlüssen. Wie halten Sie dagegen?

    Wir bekommen dieselben Konditionen wie die Onlineplattformen, oft sogar bessere und kennen viele Hoteliers seit Jahren persönlich. Wir sind erreichbar, haben Menschen in den Reisebüros und in den Urlaubsgebieten, falls Hilfe benötigt wird. Und im Ernstfall holen wir die Urlauber auch wieder zurück wie Ende Oktober beim Hurrikan über Jamaika. Das ist der Goldstandard der Pauschalreise.