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  • Umbau der Finanzaufsicht dauert Jahre

    Erste Schritte der radikalen Reform sind umgesetzt. Neuer Chef Branson arbeitet an moderner und schlagkräftiger Behörde

    Schneller, klarer, schlagkräftiger  – und vor allem wirksam will die Bundesfinanzaufsicht unter ihrem neuen Chef Mark Branson sein. Dazu ist die Behörde in den vergangenen Monaten tiefgreifend umgebaut worden. „Es geht schnell vorwärts“, sagte Branson bei einer Art Bilanz. Sie zeigte auch, wie schlecht die Bafin bisher tatsächlich aufgestellt war, um die komplexe Finanzwelt zu kontrollieren.

    „Wir sind noch nicht, wo wir sein wollen“, sagte Branson. Das brauche mehrere Jahre. Und er skizzierte, wie seine Behörde künftig arbeiten soll: Man wolle ganzheitlich, vernetzt und vorausschauend agieren. Extrem klar sein und schnell. Und auch mutig handeln und ab und zu Risiken eingehen, also nicht alles ins Letzte prüfen, um so besser Gefahren an den Märkten abzuwehren. „Eine solche Kultur entwickelt sich über die Zeit“, sagte Branson. Die Richtung stimme schon mal. Kern der Reform sind mehr Digitalisierung und mehr interne Zusammenarbeit. Jörg Kukies, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, zeigte sich zufrieden über das Tempo.

    Auslöser der Bafin-Reform war der Wirecard-Skandal 2020. Er hatte gravierende Mängel bei der deutschen Finanzaufsicht und bei anderen Kontrollmechanismen bloßgelegt. Zahlreiche Warnsignale wurden übersehen. De facto waren die Behörden weitgehend ahnungslos, was bei Wirecard tatsächlich geschah. Das Unternehmen hatte im Juni vergangenen Jahres Insolvenz angemeldet, als erstes im Deutschen Aktienindex Dax. Wie damals herauskam, hatten große Teile des Geschäfts nur auf dem Papier existiert. Anleger verloren Milliardenwerte. Der Finanzskandal ist der größte der bundesrepublikanischen Geschichte.

    Im Februar hatte Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) sieben Punkte für eine Reform der Bafin vorgelegt. Im Juni beschloss der Bundestag ein weitreichendes Gesetz. Unter anderem wird die Zahl der Mitarbeiter um gut 150 aufgestockt, die Arbeitsweise verändert. Eine Gruppe von 100 Mitarbeitern aus Bafin und Bundesfinanzministerium sowie externe Experten arbeiten daran, die Behörde moderner aufzustellen. Ende des Jahres soll die Arbeit abgeschlossen sein. Weitere Reformen muss die Bafin dann selbst stemmen.

    Bereits im Einsatz ist eine besondere Einheit, die sich seit Mitte August um Finanzdienstleister mit besonders komplexen oder komplizierten Geschäftsmodellen – eine direkte Lehre aus dem Wirecard-Skandal. Derzeit überwacht diese Fokusaufsicht 17 Unternehmen. Sie soll Risiken schneller erkennen und gegensteuern können. Zudem gibt es eine Art schnelle Eingreiftruppe, die im Verdachtsfall zügig untersuchen kann.

    Firmenbilanzen kontrolliert künftig nur noch die Bafin. Die Mitarbeiter der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung werden bis Ende des Jahres übernommen, zusätzliche eingestellt. Auch hier hatte der Wirecard-Fall gezeigt, dass zu viele verschiedene Stellen zu wenig geprüft hatten. Das soll sich nicht wiederholen.

    Seit wenigen Wochen gibt es auch eine Stelle, an die sich sogenannte Whistleblower wenden können, Mitarbeiter mit brisantem Material und Wissen über Finanzfirmen und -vorgänge. Es gibt künftig verdeckte Testkäufe, um den Verbraucherschutz zu verbessern. Neu ist auch eine zentrale Daten-Analyse-Einheit, die dafür eigens entwickelte Software soll künftig alle für die Arbeit nötigen Informationen anzeigen und analysieren können.

    Die Bafin mit Sitz in Bonn beaufsichtigt Banken, Finanzdienstleister, Versicherer und den Wertpapierhandel. Darunter sind mehr als 1500 Kreditinstitute, gut 1200 Finanzdienstleister und rund 6900 Fonds sowie deutsche Niederlassungen ausländischer Banken. Die Bafin soll sicherstellen, dass das deutsche Finanzsystem stabil ist und funktioniert. Deshalb wacht sie darüber, dass Finanzfirmen zahlungsfähig sind, und kämpft gegen Geldwäsche. Sie kann auch Sonderprüfer entsenden, wie etwa im Fall der Berliner Online-Bank N26, die mit Geldwäscheverdacht zu kämpfen hat.

    Die Anstalt öffentlichen Rechts ist beim Bundesfinanzministerium aufgehängt und beschäftigt derzeit mehr als 2800 Mitarbeiter. Bezahlt wird ihre Arbeit über Gebühren der beaufsichtigten Firmen. Der Jahresetat liegt bei rund 500 Millionen Euro. Er soll nicht steigen. der Ausbau der Bafin soll künftig finanziert werden, in dem die Behörde effizienter wird.

    Der Brite Mark Branson ist seit 1. August Chef der Bafin. Er folgte Felix Hufeld, der im Zuge des Wirecard-Skandals gehen musste. Der 53-Jährige, der auch einen Schweizer Pass besitzt, leitete zuvor sieben Jahre lang die Schweizer Finanzmarktaufsicht. Davor arbeitete der Mathematiker unter anderem in leitender Position bei der Schweizer G

  • „Frühzeitig um Geschenke kümmern“

    Experte rechnet mit Engpässen zum Fest. Große Lieferengpässe. Vor den Häfen stauen sich Schiffe. Es fehlen Container

    Wer versucht, ein Fahrrad zu kaufen oder auch nur reparieren zu lassen, hört derzeit wilde Geschichten im Fachhandel. Etwa von Kollegen, die ihren Urlaub in Frankreich dazu nutzen, auf einem kleinen Umweg nach Bordeaux noch einige Ersatzteile für eine Shimano-Schaltung zu organisieren, die dann in Berlin eingebaut werden. Der Markt ist leergefegt, weil die Deutschen wie viele andere Europäer in der Corona-Pandemie ihre Liebe zum Fahrrad entdeckten – und weil Nachlieferungen aus Asien im Containerstau stecken. Wie viele andere Produkte für Verbraucher und Industrie auch.

    Über Lieferprobleme klagen fast drei Viertel aller Einzelhändler, wie das Ifo Institut aus München ermittelt hat. Besonders groß sind die Nöte demnach im Fahrradhandel, bei Unterhaltungselektronik, in Baumärkten mit jeweils weit über 90 Prozent und bei Haushaltsgeräten und Computern. Wird es also eng mit Weihnachtsgeschenken? „Man sollte sich frühzeitig um Weihnachtsgeschenke kümmern. Es kann sein, dass Waren wegen der Staus an den Häfen erst nach den Feiertagen in die Läden kommen“, sagt Christian Kille, Professor für Handelslogistik in Würzburg und Experte des Logistikverbands BVL.

    Was für Verbraucher misslich ist, hat in der deutschen Industrie dramatische Folgen, wie etwa bei den Autoherstellern zu sehen ist. So legt Opel sein Werk Eisenach bis zum Jahresende still, weil Halbleiter fehlen. Bei Daimler ist die Produktion gedrosselt. Auch Audi hielt die Bänder an.

    „Rohstoffmangel und Lieferkettenprobleme treffen die deutsche Wirtschaft in ihrer ganzen Breite“, sagt Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). „Die aktuelle Entwicklung kann den wirtschaftlichen Erholungsprozess nach der Krise merklich erschweren.“

    Wie konnte es soweit kommen? Ein Grund sei „die zum Teil deutlich höhere Nachfrage nach Rohstoffen, da sich die globale Wirtschaft schneller als erwartet erholt“, sagt Marcel Fratzscher, Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW in Berlin. Darauf sind nicht alle vorbereitet gewesen. Manch Experte spricht auch von Fehlplanung der Industrie. Weil ungewiss war, wie lange Corona die Weltwirtschaft belastet, wurde weniger bestellt, die Produktion gedrosselt. Dann ging alles schneller vorbei, es wurde nachgeordert, die Lieferanten kommen nicht nach.

    Dann sind da die Probleme bei den Lieferketten: „Zum einen wirkt die Sperrung des Suezkanals im Frühjahr immer noch nach, zum anderen war im August ein wichtiger chinesischer Hafen wegen Corona geschlossen. Jetzt stauen sich vor den Häfen in Europa die Schiffe“, sagt Logistik-Experte Kille. „Dann fehlen wegen des eingeschränkten internationalen Flugbetriebs Zuladekapazitäten in Passagierflugzeugen. Zudem fehlen in China Container, weil das Land im großen Umfang exportiert, aber nur vergleichsweise wenig importiert, entsprechend wenig Container nach China kommen.“

    Ist die Ware erst in Europa, hapert es auch. Selbst wenn sie in Rotterdam oder Hamburg die Schiffe schneller entladen könnten: Es gibt nicht genug Transportkapazitäten etwa mit Lkw – unter anderem, weil Fahrer fehlen. „Wir gehen momentan allein von 60.000 bis 80.000 fehlenden Lkw-Fahrern in Deutschland aus“, sagt Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Logistikverbands BGL. Jährlich kämen bis zu 15.000 dazu.

    Logistik-Experte Kille rechnet damit, dass sich die Engpässe vor allem in der Autoindustrie vermutlich im zweiten Halbjahr 2022 auflösen werden. Aber: „Es könnten dann als Reaktion auf die große Nachfrage heute neue entstehen.“ Denn derzeit bestellen Händler zum Beispiel 200 Teile, obwohl sie nur 100 benötigen, in der Hoffnung wenigstens 50 zu bekommen. In der Folge ordern die Hersteller mehr Rohstoffe und passen die Produktion an. „Das kann zu einer Teileschwämme führen.“

    Viele Produkte werden sehr wahrscheinlich teurer – für den Endkunden und die deutsche Industrie. In einer Umfrage des Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik gaben 69,6 Prozent der befragten Einkaufsmanager an, dass die Preise zuletzt kräftig gestiegen sind. Weitere 27,3 sprachen von gemäßigten Preiserhöhungen.

    Eine weitere Folge der Knappheit: Die Unternehmen verabschieden sich von der Just-in-time-Produktion, bei der Zulieferer Teile und Material genau dann liefern, wenn sie verbaut werden sollen. Stattdessen bauen die Firmen wieder eigene Lager auf, um in Zeiten von Lieferengpässen noch Material vorrätig zu haben. 45 Prozent der Firmen, die der BME befragt hat, sind dabei, um im vierten Quartal Kundenwünsche bedienen zu können. Der DIHK berichtet sogar von 57 Prozent der befragten Unternehmen. Der Nachteil: Lager kosten und werden die Preise zusätzlich treiben.

  • Vermögen knackt 200-Billionen-Marke

    Deutsche profitieren. Amerikaner sind netto am reichsten. Ungleichheit in der Welt könnte steigen

    Corona hat die Weltwirtschaft 2020 ausgebremst. Viele Länder stürzten in eine Rezession. Dennoch ist die Welt reicher geworden. Das Geldvermögen stieg weltweit um 9,7 Prozent, wie der Allianz Global Wealth Report ermittelt hat. Erstmals knackte es die 200 Billionen-Euro-Marke. Für das laufende Jahr soll es noch einmal um sieben Prozent wachsen. „Während die Wirtschaft Achterbahn fährt, kennt das globale Geldvermögen nur eine Richtung“, sagte Allianz-Chefvolkswirt Ludovic Subran. Doch nicht alle profitieren gleichermaßen.

    Für ihren zwölften Report wertet die Allianz Daten aus 57 Ländern aus. Dort entstehen rund 91 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. In diesen Ländern leben etwas mehr als zwei Drittel der Weltbevölkerung. Untersucht wird ausschließlich das Geldvermögen. Dazu zählen etwa Aktien, Investmentfonds und Anteile an Pensionsfonds sowie Bargeld und Lebensversicherungen. Abgezogen werden müssen noch Schulden wie Hauskredite. Immobilienbesitz fließt nicht in den Bericht ein.

    Grundsätzlich war 2020 trotz der Pandemie ein gutes Jahr für diejenigen, die bereits Geldvermögen besitzen. Sie profitierten vor allem von der Politik, die Geld bereitstellte, um Firmen zu stabilisieren und zu verhindern, dass Menschen in Arbeitslosigkeit oder Sozialhilfe abrutschten. Gleichzeitig fluteten die Notenbanken die Märkte weiter mit Geld. Das alles zusammen machte sich an den Börsen mit steigenden Kursen bemerkbar. Wegen der Lockdowns kam das öffentliche Leben fast zum Erliegen, die Menschen gaben entsprechend weniger Geld aus. Dieses erzwungene Sparen erhöhte die Vermögen ebenfalls kräftig.

    Allein in Deutschland legte das Nettogeldvermögen um 7,5 Prozent zu, deutlich schneller als im Rest der Euro-Zone, wie Arne Holzhausen, Allianz-Experte und Mitautor der Studie, sagte. Überraschend auch für die Autoren der Studie: Die Deutschen sind dabei, ihren Ruf als Aktienmuffel abzulegen und investierten erstmals seit 2000 mehr Geld in Aktien und Fonds als in Pensionen und Versicherungen. Mit einem Anteil von gut einem Viertel machen Wertpapiere allerdings immer noch einen im Europavergleich geringen Anteil bei den Vermögen aus. Die Finnen haben 51 Prozent in Wertpapieren angelegt.

    Weil die Deutschen in hohem Maße (45 Prozent) ihr Geld einfach auf niedrig bis gar nicht verzinsten Bankkonten liegen lassen, verliert das Vermögen angesichts der aktuell hohen Inflationsraten an Kaufkraft. Die Allianz bezifferte die Verluste auf rund sieben Milliarden Euro – im Monat.

    Insgesamt haben die Deutschen im Schnitt ein Nettovermögen von 61.760 Euro zur Verfügung, das reicht unter den untersuchten Ländern für Rang 18, einen Platz besser als im vergangenen Jahr. Auf Platz eins der Liste liegen die USA mit einem Durchschnittsgeldvermögen von 218.470 Euro vor der Schweiz mit 212.050 Euro. Auf Rang 3 Dänemark mit 149.240 Euro. Auch die Niederlande und Schweden finden sich weit vorn – Länder, in denen es anders als in Deutschland große Pensionsfonds gibt, über die die Einwohner fürs Alter vorsorgen. Ab einem Durchschnittsgeldvermögen von 49.700 Euro gilt ein Land als reich.

    Auch der Ausblick für 2021 ist den Autoren des Reports zufolge positiv. Staatliche Hilfen werden weiter gezahlt, die Notenbanken deuten bisher nur an, dass sie die Zinsen anheben wollen und damit die Politik des billigen Geldes ein Ende hat.

    Am stärksten legten 2020 die Geldvermögen in Osteuropa (19,1 Prozent) zu, gefolgt von Asien ohne Japan (12,7) und den USA (11,6). Wobei Asien über die Jahr betrachtet am meisten gewann, vor allem, weil die Mittel- und Oberschicht in China rasant wächst.

    Dem Bericht zufolge besaßen die reichsten zehn Prozent, etwa 520 Millionen Einwohner der untersuchten Länder, insgesamt 84 Prozent aller Geldvermögen, im Schnitt waren es 250.000 Euro. Das reichste Prozent hatte Zugriff auf 41 Prozent des gesamten Geldvermögens, im Schnitt auf 1,2 Millionen Euro.

    Ganz anders sieht das am unteren Ende der Vermögensskala aus. Gut 2,6 Milliarden Menschen können demnach nur auf ein Prozent der Geldvermögen zugreifen. Etwa 30 bis 40 Prozent der Menschen verfügen der Allianz zufolge über keine nennenswerten Rücklagen, viele sind verschuldet. Diese Menschen sind aber nicht zwingend alle arm. Hier macht sich bemerkbar, dass der Report nur Geldvermögen untersucht. Unter den zehn Prozent der Menschen mit dem niedrigsten Vermögen sind viele, die hochverschuldet sind, was nicht unbedingt auf Armut hindeutet, wie es im Report heißt. So gehörten Haushalte in Dänemark und Schweden zu den am höchsten verschuldeten weltweit, meist besäßen sie allerdings kreditfinanzierte Immobilien – ein deutlicher Unterschied zum Tagelöhner in Indien.

    Auch wenn die Schwellenländer beim Geldvermögen kräftig zulegen, rechnen die Experten der Allianz damit, dass es für sie künftig schwieriger wird. Zum einen konnten die reicheren Länder dank Impfungen schneller durch die Krise steuern. Wegen der Digitalisierung, Geschäftsmodellen rund um große Datenmengen und der grünen Transformation könnten die Schwellenländer zudem ihren Vorteil nicht mehr so gut ausspielen, sagte Axel Holzhausen: ihre vergleichsweise günstige Arbeitskraft. Es bestehe die Gefahr, dass die Ungleichheit weltweit wieder zunehme.

  • Der Arbeitsmarkt wandelt sich rasant

    Experten sehen Trend zu Vollbeschäftigung. Fachkräftemangel wird akut. Mehr Zuwanderung für Wohlstand nötig.

    Mehr Beschäftigte, mehr offene Stellen, weniger Kurzarbeit, weniger Menschen ohne Job: Deutschland hat die Corona-Krise bisher gut verkraftet. Und die Arbeitsmarktzahlen deuten noch auf etwas anderes hin. Die Zeiten, in denen sich große Teile der Bevölkerung Sorgen machen musste, wenn sie ihre Arbeit verloren, sind vorbei. Massenarbeitslosigkeit gehört offenbar der Vergangenheit an. Dafür drohen andere Probleme.

    Zunächst die Zahlen: In Deutschland waren im September 33,7 Millionen Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, rund 300.000 mehr als vor der Pandemie. „Ohne Corona hätte der Wert sicher noch höher gelegen“, sagt Daniel Terzenbach, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit. 2,47 Millionen Menschen suchten Arbeit, die Arbeitslosenquote betrug 5,4 Prozent. Ohne den Corona-Effekt – noch sind 930.000 Beschäftigte in Kurzarbeit – wären es 4,9 Prozent gewesen.

    Die Jugendarbeitslosigkeit ist auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung, die Zahl der offenen Stellen hat das Vorkrisenniveau mit 799.000 deutlich überschritten. Und das sind nur die Stellen, die bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldet sind. Die Herbstbelebung ist deutlich höher ausgefallen als üblich“, sagt Terzenbach. Der Ausblick auf das vierte Quartal: optimistisch auf hohem Niveau.

    Die Zeiten zweistelliger Arbeitslosenquoten sind offenbar vorbei. Noch 2005 suchten rund fünf Millionen Menschen Arbeit, die Quote lag bundesweit bei 13 Prozent. 2019, vor Corona, waren es 5,5 Prozent. Jetzt geht der Trend Richtung unter fünf Prozent. Alexander Herzog-Stein vom IMK in Düsseldorf, dem Forschungsinstitut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, hält noch niedrigere Werte für möglich: „Bei der Arbeitslosenquote ist noch Luft nach unten. Wir können auch unter vier Prozent kommen.“

    Die Folge: „Wir kommen in eine Fachkräfteknappheit“, sagte Bundesagentur-Vorstand Terzenbach. Schon vor Monaten warnte seine Behörde, Deutschland würden künftig 400.000 Fachkräfte fehlen – jährlich. Für die geburtenstarken Jahrgänge endet langsam das Berufsleben, die nachrückenden Generationen sind deutlich kleiner.

    „Wir nähern uns dem Ideal der Vollbeschäftigung“, sagte Friedrich Pfeiffer, Arbeitsmarktexperte des Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Vor allem in Baden-Württemberg und Bayern, wo die Arbeitslosenquote deutlich unter vier Prozent liegt, ist es schwer, Arbeitskräfte zu finden. Nicht so optimistisch ist IMK-Experte Herzog-Stein. „Vollbeschäftigung wird es allenfalls in bestimmten Branchen und Regionen geben.“ Und auch sonst dämpft er Erwartungen, dass sich die Situation für alle Arbeitnehmer auszahlt. „Einen überhitzten Arbeitsmarkt mit Arbeitskräftemangel, in dem die Löhne in der Breite sehr kräftig steigen, halte ich für unwahrscheinlich. Dafür sind die Herausforderungen zu groß.“

    Für die Zukunft ist auch Pfeiffer skeptisch: „Auch wenn die Zahlen am Arbeitsmarkt jetzt sehr gut aussehen, heißt das nicht, dass es in den nächsten zehn Jahren so bleiben wird.“ Der lange Aufschwung zwischen 2009 und 2018 sei schon einmalig. Der Dämpfer durch die Pandemie sei durch Kurzarbeit sehr gut abgefedert worden, sagt der ZEW-Experte. Deutschland habe in den vergangenen 20 Jahren vor allem von der Exportstärke profitiert, etwa dank der Nachfrage aus China. Und: „Von der Exportstärke hängt auch ab, wie sich die Bundesrepublik in Zukunft entwickelt.“ Und auch IMK-Arbeitsmarktexperte Herzog-Stein warnt: „Wir müssen sicherstellen, dass wir nicht naiv sind. Die wirtschaftliche Erholung ist kein Selbstläufer.“

    Die Herausforderungen in Deutschland: „Die Wirtschaft steht vor einer tiefgreifenden Transformation durch Dekarbonisierung und Digitalisierung. Das wird den Arbeitsmarkt verändern“, sagt Herzog-Stein. Oder, wie Bundesagentur-Vorstand Terzenbach formuliert: „Die Arbeit wird nicht ausgehen, sie wird sich aber verändern.“ Vor allem würden Jobs entstehen, die bessere Ausbildung erforderten.

    Eine weitere wichtige Aufgabe ist aus Sicht der Bundesagentur, Zuwanderung strukturiert zu regeln. Deutschland habe perspektivisch viel zu wenig Arbeitskräfte, um den Wohlstand zu erhalten, sagt Terzenbach. „Wir brauchen attraktive Voraussetzungen für Zuwanderung, die Hürden sind noch zu hoch.“ Denn Deutschland stehe im Wettbewerb mit den USA, Japan, China um die besten Arbeitskräfte.

  • Für eine Handvoll Dollar

    Die Lebenshaltungskosten in Europa klaffen kräftig auseinander. Weltweit lässt sich der Unterschied an einem Burger festmachen

    Eine Liege am Strand von Rimini, Eis auf der Promenade von Deauville, eine Bratwurst am Genfer See – Urlaub in Italien, Frankreich und der Schweiz kann teuer werden. Das Leben in den Länder, so scheint es, kostet deutlich mehr als in Deutschland, selbst wenn der gefühlte Aufschlag für Urlaubsgebiete abgezogen wird. Doch das ist nicht überall so, wie frische Zahlen des Statistischen Bundesamtes Destatis zeigen.

    Demnach ist das Leben in Frankreich nur vier Prozent teurer als in Deutschland, in Italien sogar neun Prozent günstiger. In der Schweiz allerdings trügen die Ausgaben im Urlaub nicht und das Gefühl, das Geld rinne einem durch die Finger. Im Vergleich zu Deutschland ist die Lebenshaltung der Eidgenossen 51 Prozent teurer. Besonders günstig lebt es sich den Zahlen nach in der Türkei, wo das Preisniveau nur einem Drittel des deutschen entspricht. Auch Bulgarien, Rumänien und Polen sind um die Hälfte günstiger als Deutschland.

    Dabei fließen in die komplexen Berechnung die regionalen Warenkörbe, Inflation, Steuern und das Kaufverhalten in den jeweiligen europäischen Ländern ein. Wer also in die Schweiz zieht oder nach Ungarn müsste sich genauso verhalten, wie die Durchschnittseinwohner dort, um 51 Prozent mehr auszugeben oder 40 Prozent weniger – gesetzt, das deutsche Gehalt würde weitergezahlt. Denn für den Schweizer mit deutlich höheren Einkommen wirkt das Preisniveau nicht so hoch wie für Deutsche. Dort ist es eher umgekehrt: Deutschland gilt im Hochlohnland Schweiz als besonders billig. Ein Gefühl, das auch die Dänen haben, die gern zum Einkaufen über die Grenze nach Schleswig-Holstein haben, wo es große Einkaufszentren auf der grünen Wiese extra für die Nachbarn gibt.

    Die Statistiker haben sich auch die Preise für einzelne Produkte angesehen, etwa alkoholische Getränke. Am teuersten ist es demnach, Wein und Bier in Skandinavien zu bestellen. In Island kosten solche Getränke 183 Prozent mehr als in Deutschland, In Norwegen sind es 171 Prozent. Deutlich billiger als in Deutschland ist Alkohol in Polen, Spanien, Bulgarien und Ungarn.

    Bei den energiekosten gehört Deutschland zu den teuersten Ländern. In Dänemark sind die Preise 17 Prozent höher, in Italien 14 Prozent. Am wenigsten zahlen die Türken Energie kostet dort im Vergleich zu Deutschland nur ein Drittel. Überraschend: In der Schweiz ist Strom und Gas sechs Prozent günstiger als in Deutschland. Es ist der einzige Wert, bei dem die Deutschen mehr ausgeben müssen – sonst ist es in der Schweiz immer teurer. Bei Fleisch liegen die Preise sogar doppelt so hoch wie hierzulande.

    Eine etwas einfachere Art festzustellen, wie teuer oder günstig es in einem anderen Land im Verhältnis zu Deutschland ist, ist der sogenannte Big-Mac-Index. Seit 1986 erhebt die britische Wochenzeitung die Preise der Cheeseburger-Variante des US-Fastfood-Riesen McDonalds weltweit in der jeweiligen Landeswährung und rechnet den Wert in Dollar um. Die Idee: Weil der Big Mac überall auf der Welt weitgehend gleich ist, zeigen die unterschiedlichen Preise an, wie sehr eine Währung im Vergleich zum Dollar über- oder unterbewertet ist – ein eher für Spezialisten interessantes Unterfangen. Was auch zu sehen ist und für jeden sofort verständlich: Wo die Lebenshaltung günstig oder teuer ist.

    Wobei die Betrachtung des Fastfood-Produkts etwas sehr einseitig ist. Darauf weisen die Statistiker des Destatis hin. Zum einen ist der Burger nicht überall gleich. Zum anderen unterscheiden sich Lohnniveau und Transportkosten. Und im Vergleich zu einem einheitlichen Warenkorb, der die Preise von zahlreichen Produkten wie Gas, Fahrscheine, Brötchen, Salat erfasst, ist ein Big Mac recht eindimensional.

    Er ist allerdings sofort verständlich. Danach gehört die Schweiz (7,04 Dollar für einen Burger) ebenso wie Norwegen (6,30) und Schweden (6,20) zu den eher teuren Ländern – hier gibt es keinen großen Unterschied zur Tabelle des Statistischen Bundesamtes. Die Euro-Zone liegt in der Economist-Liste mit 5,02 Dollar je Burger im oberen Drittel – übrigens hinter den USA mit 5,65 Dollar. Besonders günstig sind Big-Mac demnach in Südafrika (2,28), Russland (2,27) und dem Libanon. Dort ist der Big-Mac mit 1,68 Dollar mit Abstand am günstigsten.

    Dass man vom Burger-Index nicht auf die allgemeine Lebenshaltung schließen kann, zeigt Platz 1 der aktuellen Übersicht. Dort steht Venezuela, wo der Big-Mac im Juli umgerechnet 8,35 Dollar kostete. Anders als die Schweiz und Norwegen ist das Lohnniveau im Land nicht hoch. Das ölreiche Venezuela steckt in der Krise, ist in den vergangenen Jahren wegen Misswirtschaft der kommunistischen Führung ins Chaos gestürzt, die Bevölkerung verarmt. Die Inflation ist hoch, im Mai hatte sie 2719 Prozent betragen. Anfang Oktober werden sechs Nullen an der Landeswährung gestrichen. Der Big-Mac dürfte hier ein Luxusprodukt sein. Für den Urlaub empfiehlt sich das Land derzeit wegen der politischen Lage eher nicht. Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen und bittet um besondere Vorsicht.

  • Körper als Waffe

    Kommentar zum "Hungerstreik der letzten Generation"

    Auf fundamentalen Fehleinschätzungen beruht der Hungerstreik, den zwei Frauen und vier Männer vor dem Bundeskanzleramt in Berlin für einen radikalen Wandel der Klima-Politik führen. Sie wollen Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz, die Spitzenkandidaten der Grünen, Union und SPD, zu einer öffentlichen Diskussion noch vor der Wahl zwingen. Indem sie ihre Gesundheit und ihr Leben auf´s Spiel setzen, nutzen sie ihre Körper als politische Waffe.

    Die Hungerstreikenden meinen, die Situation sei so dramatisch, dass dieses letzte Mittel gerechtfertigt erscheine. Doch das stimmt nicht. Im demokratischen System gibt es jede Menge anderer, wirksamer Instrumente, um Politikwechsel zu erreichen. Die Bewegung Fridays for Future hat es vorgemacht. Die neuen Klima-Gesetze der EU und der Bundesregierung markieren epochale Veränderungen, ebenso das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom April 2021.

    Die jetzige ist auch nicht die letzte Generation, die noch etwas gegen die befürchtete Katastrophe unternehmen kann. Die behauptete Ausweglosigkeit suggeriert ein Ende der Geschichte. Aber diese springt nicht von Weiß auf Schwarz, sondern verläuft meist graduell. Jeder Mensch und jede neue Generation können die künftigen Entwicklungen mehr oder weniger beeinflussen.

    Zwar gibt es ernstzunehmende wissenschaftliche Prognosen über die Menge des noch tolerierbaren Kohlendioxid-Ausstoßes. Möglicherweise gerät die Welt danach an sogenannte Kipppunkte mit schwerwiegenden, nicht mehr rückholbaren Folgen. Ob es wirklich so kommt, weiß man allerdings nicht. Wie die vermutete Zukunft aussieht, wenn sie Gegenwart wird, überrascht die Menschen immer wieder.

    Die sechs Hungerstreikenden riskieren ihr Leben, um andere Leute zu retten. Mit der Drohung ihres Todes wollen sie den vermeintlichen Mord an Milliarden Menschen verhindern. „Ich sterbe, damit Ihr leben könnt“, war schon die Botschaft Jesu Christi. Sich selbst ans Kreuz zu hängen, sollte man Propheten überlassen.

  • Jugendliche fordern Schulfach Wirtschaft

    Umfrage: Schüler sind sich ihres geringen Wissens bewusst und wollen mehr über Grundlagen und Zusammenhänge lernen

    Was wissen Deutschlands Jugendliche über Wirtschaft? Nicht viel, wie eine Umfrage des Bankenverbands zeigt. Schon Grundbegriffe wie Inflation oder die Arbeitsweise der Europäischen Zentralbank bereiten Probleme. An den 14- bis 24-Jährigen selbst liegt es nicht, sie würden gern mehr lernen, können es aber nicht – weil das entsprechende Fach an vielen Schulen fehlt. Der Bankenverband spricht von einer beachtlichen Diskrepanz zwischen dem, was sie wissen, und dem, was sie wissen wollen.

    68 Prozent der Befragten haben an ihrer Schule nichts oder fast nichts über Wirtschaft gelernt. Gleichzeitig wünschen sich 76 Prozent dass das Thema im Unterricht einen höheren Stellenwert bekommt. 77 Prozent halten ein eigenes Schulfach „Wirtschaft“ für wichtig. Nur bei jedem zwanzigsten Befragten gab es das bereits. Übersetzt in eine Schulnote wäre das vielleicht gerade noch eine Vier minus.

    „Die jungen Menschen haben ein klares Bewusstsein, dass sie nicht genug wissen“, sagte Andreas Krautscheid, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands. Er sieht in den Ergebnissen auch ein klares Signal an die Politik, die Situation zu ändern. Der Bankenverband vertritt die privaten Banken in Deutschland.

    Ein eigenes Fach für Wirtschaft gibt es demnach in Baden-Württemberg und in Niedersachsen an bestimmten Schultypen. Seit diesem Schuljahr können Schüler auch in in Nordrhein-Westfalen wirtschaftliches Grundwissen lernen – kombiniert mit Politik. In allen anderen Bundesländern laufen wirtschaftliche Zusammenhänge im Unterricht irgendwie mit – wenn überhaupt. „Das steht und fällt mit dem Engagement der Lehrer“, sagte Krautscheid.

    Die können ihre Schüler zum Beispiel motivieren, am Planspiel Börse der Sparkassen teilzunehmen. Dabei wird mit einem fiktiven Konto an der einer fiktiven Börse spekuliert, die die echte Börse abbildet. Der Bankenverband bietet ein Planspiel, bei dem Schüler eine Bank gründen und durch die Widrigkeiten des echten Lebens steuern müssen. Es gibt auch Newsletter, die Lehrer mit Hintergrundinformationen zu aktuellen Themen versorgen – alles kein echter Ersatz für ein klassisches Schulprogramm, wie Krautscheid sagte.

    Die Kultusminister der Länder vom Thema zu überzeugen, ist offenbar schwierig. Krautscheid berichtete, dass über das Fach Wirtschaft seit Jahren diskutiert wird. Er sagte auch, dass man den Stundenplan nicht beliebig ausweiten könne. Wirtschaft konkurriert da zum Beispiel auch mit Informationstechnologie, ein Bereich, der in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden ist und elementar für den Industriestandort Deutschland. Die Schüler können dann vielleicht in Grundzügen verstehen, wie ein Roboter programmiert wird, nicht aber, was die Altersvorsorge ausmacht.

    Der Bankenverband fragte nach bestimmten Begriffen. „Inflationsrate“ kannten demnach 56 Prozent der Befragten. Das waren deutlich weniger als in der Umfrage 2018. Bei der Höhe mussten allerdings 84 Prozent passen. Dass die Europäische Zentralbank (EZB) darauf achtet, dass die Preise in der Euro-Zone weitgehend stabil bleiben, beantwortete nur ein Drittel richtig. 2018 wussten es noch fast zwei Drittel der Befragten. Mit einem Investmentfonds konnten 40 Prozent etwas anfangen, nur 28 Prozent konnten auch erklären, was sich hinter dem Begriff verbirgt.

    Es ist bereits die siebte Umfrage dieser Art seit 2003. Die Ergebnisse ähneln sich seit Jahren. Sie schwanken etwas, hatten aber einen leichten Aufwärtstrend. Die Jugendlichen lernten offenbar dazu. Im Vergleich zur Umfrage 2018 ist der Wissensstand jetzt allerdings deutlich schlechter. Der Bankenverband erklärt sich das mit der Corona-Krise, die die Schüler bundesweit dazu zwang, von zu Hause aus zu lernen.

    Und die Krise hat Spuren hinterlassen. 83 Prozent der Befragten sind optimistisch, was die Zukunft angeht, allerdings waren es 2015 noch 90, 2018 noch 85 Prozent. Gleichzeitig sehen 44 Prozent der Befragten die Zukunftschancen durch die Corona-Krise beeinträchtigt. Die Politik in der Krise ist an den 14- bis 24-Jährigen vorbeigegangen. Grundsätzlich fühlten sich zwei Drittel im Vergleich zu älteren Menschen benachteiligt.

    Vier von fünf jüngeren Menschen vermissten demnach vor allem Freizeitangebote wie Kino und Clubs. Auch litten sie besonders darunter, Freunde nicht treffen zu können. Die Hälfte der Befragten fühlte sich deshalb frustriert oder gar depressiv – ein deutliches Warnzeichen.

    Für die Jugendstudie hat der Bankenverband im Juli 700 Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland befragen lassen. Die Umfrage ist repräsentativ.

  • Trick mit digitalem Wasserzeichen

    Mit einem weltweit einmaligen Projekt will die Initiative HolyGrail 2.0 das Plastikrecycling in Europa revolutionieren

    In Kopenhagen beginnt gerade eine neue Zeitrechnung in der Geschichte der Kunststoffverpackung. Im Stadtteil Amager entsteht der Prototyp einer Recycling-Anlage, die helfen soll, Abfall besser zu sortieren und so mehr Kunststoff wiederzuverwerten. Das Projekt, für das sich namhafte Konzerne zusammengetan haben, ist weltweit einmalig und nutzt sogenannte digitale Wasserzeichen. Von 2023 an könnte es die Abfallbehandlung in Europa nachhaltig verbessern. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Was ist das Ziel?

    Die EU hat bereits Einwegplastik verboten. Bis 2030 sollen alle anderen Plastikverpackungen vollständig wiederverwertbar sein und zu 55 Prozent auch wiederverwertet werden. Derzeit liegt der EU-Schnitt bei etwas über 40 Prozent. Die Quoten schwanken zwischen mehr als zehn Prozent (Malta) und um die 70 Prozent (Litauen). Deutschland liegt im Mittelfeld. Bis Ende 2022 will das Projekt HolyGrail 2.0 in industriellen Großversuchen nachweisen, dass digitale Wasserzeichen die Recyclingquote nachhaltig erhöhen und die Qualität des Recyklats, wie der aus Plastik gewonnenen Rohstoff heißt, verbessert.

    Was sind digitale Wasserzeichen?

    Ein digitales Wasserzeichen ist eine Art QR-Code in der Größe einer Briefmarke. Es nutzt die Pixel des Verpackungsdesigns und leichte Farbveränderungen, die das menschliche Auge praktisch nicht wahrnimmt, eine geeignete Kamera aber schon. Das Design wird wie üblich aufgedruckt. Für die Konsumenten unterscheidet es sich nicht von einem klassischen, sie sehen zum Beispiel eine Kuh und Frischkäse auf einem Joghurtbecher. Eine Spezialkamera erkennt dafür ein Raster aus QR-Codes. Bei Plastikflaschen lässt sich das Raster einprägen, wenn sie hergestellt werden.

    Wie funktioniert das digitale Wasserzeichen?

    Das Wasserzeichen kann verschiedene Informationen transportieren, die in einer zentralen Datencloud gespeichert werden. Die Kamera im Recyclingbetrieb erkennt anhand des QR-Codes die genaue Materialzusammensetzung und steuert die Sortiermaschine so, dass die Verpackung gezielt in den entsprechenden Behälter sortiert wird.

    Welches Potenzial haben digitale Wasserzeichen?

    HolyGrail 2.0 konzentriert sich auf Recycling, die Wasserzeichen bieten aber mehr Möglichkeiten. So lässt sich mit ihnen eine Packung von der Herstellung bis zum Verkauf lückenlos verfolgen – wichtig zum Beispiel, wenn Arzneimittel fälschungssicher sein sollen. Wer ein Produkt mit der Smartphone-Kamera scannt, könnte künftig weitere Informationen etwa zum Inhalt bekommen. Auch könnte der aufgedruckte Kuhkopf auf einem Frischkäsebecher unter der Smartphone-Kamera anfangen, den Kunden anzusprechen. Weil die Verpackung selbst gelesen werden kann, verschwindet möglicherweise der klassische Barcode, an der Supermarktkasse kann das Scannen schneller werden.

    Was passiert in Kopenhagen und wie geht es weiter?

    In Kopenhagen entsteht in Zusammenarbeit mit der Stadt und dem örtlichen Entsorger eine Recyclinganlage, auf der mit rund 125.000 eigens hergestellten Verpackungen getestet wird, ob die Idee von HolyGrail 2.0 funktioniert. Die Initiative hat Kameras für das digitale Wasserzeichen entwickelt, die in bestehende Sortieranlagen eingebaut werden können. Ist der Test in Kopenhagen erfolgreich, wird in der ersten Hälfte 2022 in Dänemark, Deutschland und Frankreich jeweils im laufenden Recyclingbetrieb ausprobiert, ob das System auch im industriellen Maßstab funktioniert. Dazu muss der Handel auch Produkte verkaufen, die entsprechend verpackt sind. 2023 könnte das neue System flächendeckend in Europa ausgerollt werden .

    Seit wann gibt es die Initiative?

    2016 hat die britische Ellen MacArthur Stiftung gemeinsam mit einigen Konzernen untersucht, wie sich Verpackungen aus Plastik besser codieren lassen, um sie einfacher recyceln zu können. Beteiligt waren zahlreiche große Markenhersteller, Handelsketten und Verpackungsunternehmen. Das Projekt Holy Grail 1.0, Heiliger Gral 1.0, endete 2019 mit einer Empfehlung für digitale Wasserzeichen. Der AIM, der europäische Dachverband der Markenhersteller in Brüssel, legte dann auf Initiative einiger Teilnehmer des ersten Projekts HolyGrail 2.0 auf.

    Wer steht hinter der Initiative und wer finanziert sie?

    Getragen wird das Projekt von mehr als 130 Unternehmen, die bis zu 20.000 Euro pro Jahr zahlen und Knowhow bieten. Allein schon die Anzahl der Firmen zeigt, wie wichtig sie das Projekt einschätzen. Mit dabei sind Markenartikler, Maschinenbauer, Entsorger, Verpackungshersteller und Handelskonzerne – Firmen, denen der europäische Markt wichtig ist. Darunter sind Branchenriesen wie Beiersdorf, Coca-Cola, Dr. Oetker, Danone, Nestlé und Unilever, Lidl und Edeka, DM und Rossmann sowie BASF.

  • Klimaschutz per Gerichtsbeschluss

    Die Deutsche Umwelthilfe und Greenpeace gehen juristisch gegen BMW, Mercedes-Benz, VW und Wintershall vor. Notfalls soll durch alle Instanzen geklagt werden

    Kommende Woche will die deutsche Autoindustrie auf der Branchenmesse IAA in München mit neuen Fahrzeugen und Konzepten glänzen. Die Stimmung ist möglicherweise nicht so gut, wie geplant. Denn die Deutsche Umwelthilfe (DUH) und Greenpeace gehen gegen BMW, Mercedes-Benz und VW vor und bereiten Klagen vor. Auch Wintershall, Deutschlands größter unabhängiger Gas- und Ölförderer, hat Post bekommen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen:

    Worum geht es?

    Das internationale Pariser Klimaschutzabkommen sieht vor, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Der Weltklimarat IPCC legte 1,5 Grad nahe. Dafür muss der CO2-Ausstoß sinken. Die Bundesregierung hat ein Klimaschutzgesetz beschlossen, wonach Deutschland bis 2045 klimaneutral ist, also zum Beispiel nur noch soviel CO2 ausstößt, wie gleichzeitig gespeichert wird. Teil der Anstrengungen ist etwa der Kohleausstieg bis 2038. Die Industrie, einer der größten Verursacher von CO2 muss sich auf die Klimaziele einrichten. DUH und Greenpeace sehen hier wenig Bewegung bei den Unternehmen, die sich demnach vor Klimaschutz drücken.

    Was verlangen DUH und Greenpeace?

    Die deutschen Autobauer sollen unter anderem ihr Geschäftsmodell umstellen, sich verpflichten, den Verkauf von Autos mit Verbrennungsmotoren zu stoppen. Bisher gibt es dafür nur Absichtserklärungen. Wintershall soll spätestens von 2026 an keine neuen Gas- und Ölfelder mehr erschließen. Die Forderungen greifen tief in die unternehmerische Freiheit ein.

    Wer steht hinter dem Vorgehen?

    Weil Verbänden in Fällen wie diesen nicht klagen dürfen, schickt Greenpeace zwei Geschäftsführer vor. Mit dabei ist auch Clara Mayer, aktiv bei Fridays for Future. Sie ist bei VW bekannt: Sie redet auf der Hauptversammlung 2019 über mehr Klimaschutz. Vertreten werden die drei von Roda Verheyen von der Kanzlei Günther in Hamburg. Die streitbare Rechtsanwältin war daran beteiligt, die erste Fassung des Klimaschutzgesetzes vor dem Bundesverfassungsgericht zu Fall zu bringen. BMW, Mercedes-Benz und Wintershall haben Post von der Berliner Kanzlei Geulen und Klinger im Namen der drei DUH-Geschäftsführer bekommen. Anwalt Remo Klinger vertritt auch einen peruanischen Bauern, der wegen Klimavergehen gegen den deutschen Energiekonzern RWE klagt.

    Wie gehen Greenpeace und die DUH vor?

    Juristisch ist die Lage etwas kompliziert. Sehr vereinfacht: Die sechs Kläger sehen sich in ihren Gesundheits- und Freiheitsrechten durch das Handeln der Unternehmen eingeschränkt. Zunächst haben BMW, Mercedes-Benz, VW und Wintershall Unterlassungserklärungen zugesandt bekommen. VW hat Zeit bis Ende September, um die Forderungen umzusetzen, die anderen drei Konzerne bis zum 20. September. Weil weder DUH noch Greenpeace offenbar damit rechnen, dass die Firmen den weitreichenden Einschnitten zustimmen, kündigten sie an, nach Ablauf der Fristen zu klagen – notfalls durch alle Instanzen.

    Wieso gehen Greenpeace und DUH von einem Sieg aus?

    Vorbild ist das Urteil eines niederländischen Gerichts gegen Shell, den größten Ölkonzern der Welt mit Sitz in Amsterdam und London. Erstmals wurde im Mai ein Unternehmen verpflichtet, dass seine Produkte künftig keinen Klimaschaden mehr anrichten können – ein radikaler Einschnitt in das Geschäftsmodell. Zudem hat das Bundesverfassungsgericht im April ein Grundrecht der kommenden Generationen auf Klimaschutz anerkannt. Auch rechnen die beiden Kanzleien damit, dass die vier deutschen Unternehmen es nicht darauf ankommen lassen, jahrelang durch alle Instanzen zu klagen und dann zu verlieren. „Dann müssten sie in noch kürzerer Zeit noch mehr tun“, sagte Anwalt Klinger.

    Wo wird geklagt?

    Sollte es soweit kommen, werden DUH und Greenpeace vor den Landgerichten Braunschweig (VW), Kassel (Wintershall), München I (BMW) und Stuttgart (Mercedes-Benz) klagen.

    Warum trifft es die vier Unternehmen?

    Die vier Unternehmen gehören zu den größten in Deutschland. Und sie sind global tätig. Die deutschen Autohersteller sind allein 2019 weltweit für eine CO2-Menge wie die Deutschlands verantwortlich, wie DUH und Greenpeace errechnet haben. Deutschland steht für zwei Prozent der CO2-Emissionen weltweit. Wintershall ist der größte deutsche Öl- und Gasförderer, der international tätig ist und auch Deutschlands einzige Offshore-Ölplattform betreibt, Mittelplate im Wattenmeer. Das Unternehmen will sein Geschäft ausbauen. Es gehört mehrheitlich BASF, dem größten Chemiekonzern der Welt außerhalb Chinas.

    Wird es weitere Klagen geben?

    DUH-Geschäftsführer kündigte weitere Klagen gegen andere Unternehmen an.

    Mit welchen Kosten rechnen Greenpeace und DUH? Wie werden die Verfahren finanziert?

    Mit welchen Kosten sie für die vier Verfahren rechnen, wollten Greenpeace und DUH nicht sagen. Der Streitwert der Klagen ist noch unklar. Greenpeace finanziert die Verfahren über Spenden, wie Geschäftsführer Martin Kaiser sagte. Die Deutsche Umwelthilfe setzt auf private Spenden. „Wir sind noch nicht durch und werben für Patenschaften“, sagte Geschäftsführer Jürgen Resch. Er sei zuversichtlich, dass alle Kosten gedeckt werden können.

  • Millionen für deutsche Satellitenbauer

    Der nächste große Technologieschub nutzt das All. BDI und VDI fordern staatliche Hilfen, damit die Bundesrepublik vorn dabei ist

    Sie sind kartongroß, sehr gefragt und für die Zukunft von Deutschlands Industrie wichtig: Kleinsatelliten. Um die Massenfertigung voranzubringen, soll die Bundesregierung ein Förderprogramm auflegen. 250 Millionen Euro über fünf Jahre sollten fließen, fordern Industrieverband BDI und Ingenieursverband VDI in einem Positionspapier. Das Ziel: Die Bundesrepublik im internationalen Wettbewerb nach vorn zu bringen.

    „Kleinsatelliten sind die Grundlage für viele innovative New-Space-Geschäftsmodelle“, sagt Matthias Wachter, beim BDI für Raumfahrt zuständig. New Space fasst das kommerzielle Geschäft im All zusammen, getrieben von technischem Fortschritt und neuen Ideen, wie sich das All nutzen lässt.

    In den vergangenen Jahren sind Satelliten immer kleiner geworden, Technik, die vor 15 Jahren noch die Größe eines kleinen Pkw hatte, passt jetzt in einen Schuhkarton. Auch daran, solche Satelliten schnell, günstig, präzise und in Massen ins All zu befördern, wird gearbeitet. Allein in Deutschland entwickeln drei Firmen kleine Raketen, sogenannte Microlauncher.

    Der Markt ist riesig. Von den rund 15.200 Satelliten, die vermutlich bis 2030 ins All geschossen werden, sind mehr als 90 Prozent Kleinsatelliten, Durchschnittsgewicht 180 Kilogramm. Allein den Produktionswert dieser Satelliten schätzt die Beratungsfirma Euroconsult auf 35 Milliarden Dollar (30 Milliarden Euro). Sie werden zum überwiegenden Teil in sogenannten Konstellationen eingesetzt werden – Satellitenschwärme in bis zu 1400 Kilometern Höhe, dem Low Earth Orbit (LEO).

    Solche Schwärme sind wichtig für Branchen wie Autoindustrie, Energie, Landwirtschaft, Logistik und Luftfahrt. Sie können präzise Wettervorhersagen liefern, Informationen über die Standorte von Schiffen und Daten, die Waldbrände früh erkennen lassen. Sie können Infrastruktur wie Pipelines und Stromnetze überwachen. Sie können Maschinen der Industrie 4.0 weltweit vernetzen. Und: Ohne diese Satellitenschwärme wird autonomes Fahren wohl ausgebremst, weil hochpräzise Navigationsdaten fehlen.

    Starlink, eine Tochter des US-Raketenbauers Space X des illustren Milliardärs Elon Musk, baut mit einem Satellitennetz ein stabiles Internetangebot weltweit auf, das auch entlegene Regionen versorgen kann. Mehr als 1200 Kleinstsatelliten sind bereits im All. Im Ahrtal, in dem das Hochwasser im Juni die Infrastruktur zerstört hat, wird bereits darauf zurückgegriffen, bis Funkmasten wieder aufgestellt, Kabel wieder verlegt sind.

    Auch die EU plant eine eigene Breitband-Internet-Konstellation, hängt aber etwas hinterher. Eine Machbarkeitsstudie läuft bereits, zwei weitere sind in Planung.

    60 Prozent solcher Satelliten kommen derzeit aus den USA, Deutschland hat einen Weltmarktanteil von drei Prozent und ist in Europa führend. Noch, sagt ein Manager, der nicht genannte werden möchte, es bestehe aber die Gefahr, dass man sich abhängen lasse. Dann seien deutsche und europäische Unternehmen auf Technik aus den USA oder China angewiesen, könnten aber wenig mitreden. Und: „Es geht nicht nur um die Hardware, es geht auch darum, wer den Zugriff auf die Daten hat.“ Der ginge den Europäern verloren – ähnlich wie heute bei Social Media (Facebook), Internetsuche (Google) oder im Onlinehandel (Amazon).

    Größter deutsche Satellitenbauer ist OHB in Bremen. Der Konzern stellt unter anderem 34 Satelliten für das europäische Navigationssystem Galileo her, klassische Satelliten, jeder wiegt 730 Kilogramm und wird einzeln angefertigt. So war es bisher auch bei den deutschen Kleinsatellitenentwicklern. Um die enorme Nachfrage bedienen zu können, müssen sie, von Hand- auf Massenfertigung umstellen. Der Berliner Satellitenbauer BST tat sich deshalb 2020 mit dem indischen Auftragsfertiger Azista zusammen, weil entsprechende Fabriken in Deutschland noch fehlen.

    Hier soll die Bundesregierung einhaken. BDI und VDI schlagen zum Beispiel vor, eine hochautomatisierte Fabrik für Kleinsatelliten zu unterstützen. Vorbild ist die Fertigung von Batteriezellen, die das Bundeswirtschaftsministerium fördert. Außerdem sollte der Staat nicht selbst Technologie entwickeln, sondern Ankeraufträge an kommerzielle Firmen vergeben. Die beiden Verbände regen zudem einen Technologiewettbewerb an, wie er bereits für die deutschen Raketenbauer läuft.

    Neben den 50 Millionen Euro jährlich über fünf Jahre fordern die Verbände auch, das nationale Raumfahrtbudget aufzustocken. Derzeit beläuft es sich auf 315 Millionen Euro jährlich, ist aber über mehrere Jahre weitgehend verplant, etwa für den deutschen Anteil an der Weltraumstation ISS. Orientieren soll sich die Bundesregierung an Frankreich, das 750 Millionen Euro jährlich für die Branche ausgibt.

  • Mehr Geld für die Fläche

    Die steigenden Baupreise zeigen auch: Im ländlichen Raum muss der Staat mehr in Infrastruktur investieren

    Wohnen ist ein Grundrecht und es wird immer teurer. Die Mieten steigen vor allem in den großen Städten, Haus- und Wohnungspreise ziehen kräftig an. Und auch erschlossenes Bauland kostet mehr – in den vergangenen zehn Jahren hat sich der Quadratmeterpreis auf rund 199 Euro mehr als verdoppelt. Das ist üppig, aber ist es auch dramatisch? Muss also der Staat eingreifen und wenn ja: wie?

    Zunächst einmal: Die Zahl ist ein Durchschnittswert, der wenig über die Lage vor Ort sagt außer: Es ist teurer geworden. In den Stadtstaaten Berlin und Hamburg kann der Quadratmeter mehr als 1000 Euro kosten, in ländlichen Gemeinden dafür weniger als 30. Dieser Unterschied ist in den vergangenen Jahren noch größer geworden. Und die Werte lassen den Schluss zu: Je niedriger, desto weniger attraktiv. Ein Ansatzpunkt für die Politik.

    Dass die Preise bei Bauland, Miet- und Eigentumswohnungen steigen, hat mehrere Gründe neben der normalen Inflation. So wächst Deutschlands Bevölkerung, 2020 lebten 83,1 Millionen Menschen im Land, 2011 waren es noch 80,2 Millionen. Die Menschen müssen wohnen. Gleichzeitig wurde wenig Bauland neu ausgewiesen und wenig neu gebaut.

    In den vergangenen Jahren zog es immer mehr Menschen in die Städte. Theater, Kinos, Kneipen lockten, interessante Arbeitgeber, gut ausgebauter öffentlicher Nahverkehr und vergleichsweise kurze Wege. Gleichzeitig stoßen die Städte an ihre Grenzen. Nicht jede Freifläche kann und soll bebaut werden. In Städten wie Berlin, Hamburg, München, Köln, Stuttgart gab es deshalb in den vergangenen zehn Jahren besonders große Preissteigerungen.

    Zudem suchen Investoren wegen der sehr niedrigen Zinsen nach Anlagen, die mehr Geld bringen. Immobilien vor allem in Städten, die die Menschen anziehen, gelten als lohnend. Wo es mehrere Interessenten gibt, steigen die Preise. Und weil die Anleger die Ausgaben über Mieten finanzieren, dürften die tendenziell steigen.

    Auch auf dem Land ist es nicht überall günstig: Vor allem in landschaftlich und klimatisch attraktiven Gegenden und dort, wo interessante Arbeitgeber locken, kostet Baugrund mehr – weil es mehr Nachfrage gibt als zum Beispiel in der thüringischen Provinz.

    Dann ist das allgemeine Wohlstandsniveau in Deutschland gestiegen. Die Menschen sind bereit, mehr auszugeben, sonst würde auch nicht mehr verlangt. Oder anders gesagt: Die Preise steigen, weil es Menschen gibt, die sie bezahlen.

    Wie gegensteuern? Bei Wohnraum in Städten könnte es mehr Neubau sein, auch Umwidmen von leerstehenden Büroflächen wäre möglich. Mehr Angebot entlastet die Lage sofort. Leider ist der Anspruch der Politiker oft größer als die Taten.

    Dann wären da Subventionen, also Käufern staatliches Geld zu geben, damit sie hohe Preise für Bauflächen, Häuser und Wohnungen in Toplagen bezahlen können. Die Idee ist teuer und nicht eben zukunftsorientiert.

    Das Geld ist deutlich besser angelegt in Infrastruktur in der Fläche. Ein Recht auf ein neugebautes günstiges Eigenheim mit großem Grundstück direkt am See, mit unverbaubarem Blick auf die Alpen, oder in Topinnenstadtlage – natürlich ruhig, gibt es nicht. Aber wer außerhalb einer Stadt wohnen möchte, hat wie jeder andere auch Anspruch auf schnelles Internet, Mobilfunk, Nahverkehr, Kinderbetreuung, Ärzteversorgung. Davon haben viele etwas und es wertet eine Region auf.

    Ein Wandel im Denken der Bevölkerung deutet sich an – eine Folge der Corona-Pandemie, in der viele von zu Hause arbeiten mussten. 21 Prozent der Berufstätigen in Deutschland können sich einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbands Bitkom vorstellen, umzuziehen, wenn sie künftig nicht mehr jeden Tag ins Büro müssten. Offenbar sind das vor allem Städter: Zwei von fünf Umzugswilligen gaben an, gern im Grünen zu wohnen. Dass davon Gemeinden abseits der klassischen Speckgürtel profitieren können, ist Aufgabe der Politik.

  • Unschöne Bestandteile in Cremes

    Neue Studie zeigt: Trotz EU-Verbots enthalten Kosmetika an Tieren getestete Stoffe

    Wer in Europa Kosmetika kauft, kann sicher sein, dass die Produkte nichts enthalten, was in Tierversuchen getestet wurde. So will es die entsprechende EU-Richtlinie von 2013. Dennoch sind viele Lippenstifte, Cremes und andere Produkte nicht frei von Tierversuchen, wie eine Studie ergab. Ein Grund: Die EU-Gesetzgebung widerspricht sich selbst.

    „Europäische Verbraucher können nicht davon ausgehen, dass die kosmetischen Produkte, die sie kaufen, ohne Tierversuche hergestellt wurden“, sagt Thomas Hartung, Professor für Toxikologie an der Johns Hopkins Universität in Baltimore, Spezialist für Alternativen zu Tierversuchen und einer der Autoren der Studie. Schlimmer noch: „Selbst Produkte, die als ,ohne Tierversuche‘ ausgezeichnet sind, können Stoffe enthalten, die in Tierversuchen getestet wurden.“

    Die Kosmetikindustrie als Schuldige zu sehen, ist seiner Ansicht nach falsch. Sie beauftrage keine Tierversuche, sagt Hartung. „Die Industrie hat inzwischen festgestellt, dass die kosmetischen Produkte ohne Tierversuche nicht unsicherer werden.“ Das Problem ist eher die EU, die es doch eigentlich gut meinte.

    Chemikalien, die in Europa verwendet werden, müssen bei der ECHA registriert werden. Die Richtlinie dafür gilt seit 2007. Hartung und seine Kollegen, unter anderem vom Europäischen Zentrum für alternative Methoden zu Tierversuchen (CAAT-Europe) in Konstanz, haben sich diese Daten angesehen. Von rund 23.000 registrierten Chemikalien werden 3206 in der kosmetischen Industrie eingesetzt, aber nicht ausschließlich. Weil diese Stoffe zum Beispiel auch in Wandfarbe und Waschmittel verwendet werden, sind Tierversuche nach der EU-Chemikalien-Richtlinie möglich und wahrscheinlich, was die Verbots-Richtlinie aushebelt.

    Zum anderen: „Es gibt eine widersprüchliche Gesetzgebung“, sagt Hartung. „Die EU hat Tierversuche für Chemikalien, die in Kosmetika verwendet werden, verboten. Gleichzeitig verlangt die oberste europäische Chemiebehörde ECHA, dass für den Arbeitsschutz in der Herstellung der Chemikalien solche Tests gemacht werden müssen. Deshalb steckt die Industrie in einem Dilemma.“

    419 Stoffe, so fanden die Studienautoren heraus, sind in der EU ausschließlich für Kosmetika registriert. Doch selbst 63 davon wurden an Tieren getestet – sogar nach dem EU-Tierversuchsverbot von 2013. Der Grund: Wenn die ECHA fürchtet, dass der Stoff gefährlich für die Arbeiter ist, die ihn herstellen, kann sie Tierversuche anordnen. Das gleiche gilt, wenn unklar ist, welche Folgen eine Chemikalie für die Umwelt hat, ob sie etwa Fischsterben begünstigt, wenn sie in Flüsse oder ins Meer gelangt.

    „Als letzter Ausweg müssen Chemikalien manchmal an Tieren getestet werden, um mehr über die Wirkung dieser Stoffe zu erfahren“, heißt es bei der Chemiebehörde. Aber auch: Wer Stoffe registriert, dürfe „neue Tests nur dann durchführen, wenn alle anderen maßgeblichen und verfügbaren Datenquellen ausgeschöpft“ seien.

    Allerdings kann die Behörde mit Sitz im finnischen Helsinki hartnäckig sein, wie der deutsche Duft- und Inhaltsstoffhersteller Symrise aus Holzminden erfahren musste. Die ECHA zwang das Unternehmen 2018 nach langem Verfahren zu Tierversuchen bei zwei Stoffen, jegliche Einwände seitens Symrise wurden abgelehnt. Alternative Testverfahren waren in diesem Fall nicht zugelassen.

    Die EU ist mit dem Verbot von Tierversuchen bei kosmetischen Produkten führend. Sie setzt sich auch weltweit dafür ein. In den USA sind Tierversuche erlaubt, um die Sicherheit von Inhaltsstoffen zu ermitteln, aber nicht verpflichtend. China, ebenfalls ein großer Markt für Kosmetik, verlangt Tierversuche – sowohl für im Land hergestellte, als auch eingeführte Produkte.

    Das CAAT-Europe in Konstanz will helfen, den Konflikt zwischen EU-Kosmetik-Richtlinie und den Regeln der Chemie-Richtlinie REACH aufzulösen. Auf Initiative des Instituts soll ein Aktionsbündnis aus Kosmetikherstellern, Verbraucher- und Tierschützern entstehen. Erste Kontakte gab es bereits.

    Die Kosmetikbranche setzte im vergangenen Jahr rund 76,7 Milliarden Euro in Europa um. Größter Einzelmarkt war mit 14 Milliarden Euro Deutschland vor Frankreich mit 11,5 Milliarden Euro und Großbritannien mit 9,8 Milliarden Euro. Größte Hersteller weltweit sind das französische Unternehmen L’Oreal (unter anderem Garnier, Armani), der Mischkonzern Unilever (Dove, Duschdas) aus Großbritannien und die US-Firma Estée Lauder (Aveda, DKNY). In Deutschland steht Beiersdorf (Nivea, Eucerin) an der Spitze.

  • Grundlegend neu denken

    Um die Fachkräftelücke zu schließen, muss die Zuwanderung reformiert werden

    Für den Präsidenten der Bundesagentur für Arbeit ist die Lage ernst. 400.000 Fachkräfte werden demnach in Deutschland künftig fehlen – jährlich. Allein in diesem Jahr schrumpft die Zahl der potenziellen Arbeitskräfte um 150.000. Sein Schluss: Die Lücke muss auch mit Personal aus dem Ausland gefüllt werden. Das erfordert ein grundsätzliches Umdenken in der Politik Deutschlands.

    Die Bundesrepublik ist ein Einwanderungsland. In den vergangenen Jahren zog es die Menschen zu Hunderttausenden nach Deutschland. 2020 meldeten sich unter dem Strich rund 248.000 Nichtdeutsche in der Bundesrepublik an. Darunter sind viele EU-Bürger, die Niederlassungsfreiheit genießen. Darunter sind auch Flüchtlinge. Vor allem aber sind es Menschen, die hier arbeiten wollen. Offenbar, so zeigen es Scheeles Aussagen, reicht das aber nicht.

    Das bedeutet: Das deutsche Zuwanderungsgesetz, die politische Einstellung der Bundesrepublik zur Zuwanderung ist nicht mehr zeitgemäß und muss grundlegend überdacht werden. Da wären zum Beispiel weniger Hürden für Ausländer aus Staaten außerhalb der EU nötig, wenn sie in Deutschland arbeiten wollen, etwa bei der Anerkennung von Ausbildungsabschlüssen. Möglicherweise muss die Bundesrepublik international um Fachkräfte werben. Schon die Kommission von Rita Süssmuth (CDU) dachte 2001 über ein unbürokratisches Punktesystem für Zuwanderer nach dem Vorbild der Kanadier nach, um gezielt höher Qualifizierte und diejenigen, die gebraucht werden, ins Land zu lassen. Wichtig ist dabei: unbürokratisch.

    Allerdings sollte sich Deutschland nicht darauf verlassen, genug Spezialisten aus dem Ausland anzuwerben, um die eigenen Lücken zu füllen. Zum einen suchen andere Länder auch Fachkräfte und sind möglicherweise attraktiver, etwa weil die Sprache einfacher zu lernen ist. Zum anderen wollen Staaten die Menschen, die sie ausgebildet haben, auch halten.

    Nur die Zuwanderung modern zu regeln, wird deshalb nicht reichen. Deutschland muss auch die Möglichkeiten im Inland besser nutzen: Sich zum Beispiel mehr darum bemühen, Ungelernte zu schulen, auch darum, dass die Zahl der Schulabbrecher an sich sinkt. Bei der Ausbildung sind vor allem die Unternehmen gefragt, attraktive Angebote zu machen. Der Staat kann allerdings die Vorgaben entrümpeln. Eine Möglichkeit wäre auch, gezielt im Ausland für die Ausbildung zu werben.

    Dann gibt es viele Menschen, die gut ausgebildet sind, aber nicht arbeiten, zum Beispiel weil sie sich um ihre Kinder oder pflegebedürftigen Eltern kümmern müssen. Oder weil sie nur in Teilzeit arbeiten wollen, aber nicht können. Oder weil sie offiziell in Rente geschickt wurden und nicht mehr arbeiten dürfen. Und Deutschland muss sich auch darum kümmern, dass gut Ausgebildete, zum Beispiel in der Forschung, nicht abwandern, weil das Umfeld in anderen Ländern besser ist.

    Mehr Attraktivität im Inland, mehr Kreativität im Ausland – dann dürfte sich die Fachkräftelücke schließen lassen.

  • Es ist genug für alle da

    Steht die dritte Corona-Impfung hierzulande in Konkurrenz zur Versorgung der afrikanischen Bevölkerung? Möglicherweise nein.

    Weil die Infektionen wieder stark zunehmen, begann Israel am Freitag, allen Leuten über 40 Jahren die dritte Corona-Impfung zu verabreichen. Schon vorher hatte die US-Regierung die dritte Impfung für die gesamte Bevölkerung angekündigt. Und auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn erwägt umfassende Drittimpfungen. Dagegen kritisiert die Weltgesundheitsorganisation die geplanten Auffrischungen, weil beispielsweise in Afrika kaum jemand bisher auch nur eine einzige Spritze erhalten hat.

    Gibt es also eine Impfkonkurrenz – sollen hierzulande Bürgerinnen und Bürger auf eine weitere Spritze verzichten, damit die Dosen nach Afrika geschickt werden können? Auf den ersten Blick herrscht tatsächlich eine krasse Ungerechtigkeit – ein Ergebnis auch ethischen Versagens. Während in manchen Staaten des globalen Nordens mehr als die Hälfte der Menschen geimpft sind, liegt der Anteil in Afrika bei wenigen Prozent. Reiche Staaten schützen die Gesundheit ihrer Bevölkerungen besser als arme. Kein Wunder: Die Impfstofffabriken stehen vor allem in den Industrieländern, die auch über die finanziellen Mittel verfügen, um hohe Preise für Medikamente zu zahlen. Eine ähnlich schwer zu rechtfertigende Ungleichheit existiert auch innerhalb wohlhabender Länder. Arme Menschen mit niedrigen Einkommen leben hierzulande mitunter zehn Jahre kürzer als reiche.

    Von dieser grundsätzlichen Betrachtung abgesehen, ist aber jede Bundesregierung rechtlich, politisch und praktisch gezwungen, zuerst die Interessen der deutschen Bevölkerung zu verfolgen. Es geht kein Weg daran vorbei, den Bürgerinnen und Bürgern den bestmöglichen Gesundheitsschutz anzubieten. Dazu gehört auch eine dritte Impfung – wenn sie denn wirklich für alle oder viele notwendig ist, was etwa Virologe Christian Drosten bestreitet. Handelte die Regierung anders, stiegen die Chancen, dass sie abgewählt würde.

    Trotz der ungerechten Strukturen der Weltwirtschaft existiert zur Zeit aber möglicherweise gar keine Impfkonkurrenz. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums erhält Deutschland dieses Jahr insgesamt rund 300 Millionen Impfdosen. Wenn sich schätzungsweise 60 Millionen Einheimische doppelt impfen lassen – von den Übrigen lehnen viele die Impfung ab – braucht man 120 Millionen Dosen. Hinzu kämen maximal weitere 60 Millionen Spritzen für den dritten Stich – macht 180 Millionen. Übrig bliebe rechnerisch eine Größenordnung von mindestens 120 Millionen.

    Diese kann Deutschland anderern Ländern anbieten. Der Widerspruch zwischen nationalem Egoismus und globaler Verantwortung, zwischen der hiesigen und der internationalen Gesundheitsversorgung ist damit jedenfalls nicht so groß, wie die Behauptung der Impfkonkurrenz nahelegt. Ähnliche Arrangements sind wohl auch anderen europäischen Staaten möglich. Und im kommenden Jahr dürfte sich die Lage weiter entspannen.

  • Nur der Börsenwert zählt

    Der Leitindex Dax wird grundlegend überarbeitet. Er soll die deutsche Wirtschaft besser abbilden. Das birgt manche Überraschung

    Er soll die deutsche Wirtschaft abbilden und bietet Orientierung für Anleger aus aller Welt: Der Deutsche Aktienindex Dax. Am 3. September wird die Liste zum ersten Mal seit dem Start 1988 grundlegend überarbeitet – Folge unter anderem des Wirecard-Skandals. Der Dax wird nicht nur größer, es sind mehr Techunternehmen vertreten und auf der Karte der Top-Börsenkonzerne tritt Norddeutschland deutlich stärker hervor.

    Zwei Neulinge im wichtigsten deutschen Börsenindex kommen aus Berlin, Hamburg ist wieder prominenter vertreten und auch Firmen aus Göttingen und Holzminden tauchen sehr wahrscheinlich im neuen Dax auf. Wer genau künftig dabei ist, wird die Deutsche Börse am Freitag, 3. September, nach Börsenschluss verkünden.

    Künftig wird der Dax nicht mehr nur 30, sondern 40 Konzerne umfassen. Der MDax, der die mittelgroßen Börsenunternehmen auflistet, wird von 60 auf 50 verkleinert. Der Punktestand der jeweiligen Indizes wird sich nicht verändern, die einzelnen Unternehmen werden neu gewichtet.

    Einziges Kriterium ist künftig die Marktkapitalisierung, der Wert, den die Menge der handelbaren Aktien eines Unternehmens an der Börse hat. Zum Stichtag listet die Deutsche Börse die notierten Unternehmen auf, die oberen 40 sind dann im Dax, die nächsten 50 im MDax. Berücksichtigt wird der durchschnittliche Börsenwert der 20 Handelstage vor dem Stichtag. Überprüft wird jeweils Anfang März und Anfang September. Den Börsenumsatz, wie viele Aktien eines Unternehmens gehandelt werden, betrachten die Hüter des Index nicht mehr. Die Regeln wurden bereits im November 2020 beschlossen.

    Für viele Anleger, die mit ETF, standardisierten Fonds, Geld im Dax anlegen, wird sich kaum etwas ändern. Die Anbieter der ETF werden Anteile der neuen Dax-Mitglieder kaufen und Anteile anderer Dax-Mitglieder verkaufen, um den Index genau abzubilden. Auch Anbieter aktiv gemanagter Fonds auf den Dax werden Aktien der Aufsteiger kaufen müssen, was die Kurse treiben könnte. Andererseits wird bereits seit Monaten über die neue Dax-Zusammensetzung spekuliert. Entsprechend sind viele Kurse bereits gestiegen.

    Auslöser für die große Dax-Reform war der Fall Wirecard. Der Zahlungsabwickler konnte 2020 monatelang keinen Geschäftsbericht für 2019 vorlegen, meldete im Juni sogar Insolvenz an, weil offenbar große Teile des Geschäfts erfunden waren. Derartige Fälle waren im Regelwerk bisher nicht vorgesehen. Künftig müssen alle Vierteljahre bis zu einem bestimmten Termin Geschäftsberichte vorliegen. Ist das nicht der Fall, werden die betreffenden Firmen aus dem Index ausgeschlossen. Und ein insolventes Unternehmen wird binnen zwei Handelstagen ersetzt.

    Für Wirecard rückte 2020 der Berliner Bestellessenvermittler Delivery Hero in den Dax auf. Kritik gab es, weil Delivery Hero seit seiner Gründung 2011 praktisch noch nie Gewinn geschrieben hatte. Künftig gilt, dass Firmen zwei Jahre lang operativ – vor Abschreibungen, Steuern und Zinsen – profitabel gewesen sein müssen, um in den Dax aufgenommen zu werden. Auch müssen mindestens zehn Prozent der Aktien frei handelbar sein, das Unternehmen zudem juristisch oder operativ in Deutschland sitzen.

    Kritik gab es unter anderem immer wieder daran, dass der Dax die deutsche Wirtschaft nicht so gut abbildet, wie er könnte. Auch das soll die Neuordnung deutlich verbessern. Airbus etwa als deutsch-französisches Unternehmen mit Sitz im niederländischen Leiden und großen Standorten in Toulouse und Hamburg scheiterte bisher, weil die Aktien des Luft- und Raumfahrtkonzerns vor allem an der Börse in Paris gehandelt wurden und nur in geringer Menge in Frankfurt. Mit der neuen Regelung wird der Konzern sehr wahrscheinlich zu den fünf Schwergewichten gehören – neben Allianz, Linde, SAP und Siemens.

    Ebenfalls im neuen Dax vertreten sein wird Zalando. Der Technologiekonzern und Onlinehändler, gegründet 2008, fand sich auf der letzten Übersicht der Deutschen Börse auf Rang 19. Und ein weiteres ehemaliges Berliner Start-up wird es in den höchsten Aktienindex schaffen: der Kochboxen-Versender Hellofresh, gegründet 2011.

    Mit Siemens Healthineers wird ein weiterer Teil des Siemens-Konzerns in den Dax aufsteigen. Neu dabei sein wird der Duft- und Aromastoffhersteller Symrise, weshalb viele Investoren sich künftig mit der niedersächsischen Kleinstadt Holzminden im Weserbergland beschäftigen werden. Ebenfalls sicher im neuen Dax: die Porsche SE aus Stuttgart, die Familienholding der Porsche-Erben, die die Mehrheit am VW-Konzern hält; Brenntag aus Essen, Weltmarktführer für Chemikalienhandel; und der Labortechnikspezialist Sartorius aus Göttingen.

    Unklar ist noch, ob der Sportartikelhersteller Puma den Sprung schafft. Auch der Konsumgüterkonzern Beiersdorf aus Hamburg, erst im März von Siemens Energy aus dem Dax gedrängt, kann hoffen, wieder dabei zu sein. Etwas geringere Chancen haben der Rückversicherer Hannover Rück, der Wohnungskonzern LEG aus Düsseldorf und das Diagnostikunternehmen Qiagen mit der Zentrale in Hilden bei Düsseldorf. Möglicherweise müssen sich einige alte Dax-Unternehmen aus dem Index verabschieden: der Münchener Triebwerksbauer MTU, Heidelbergcement oder Covestro aus Leverkusen, zuletzt auf den Rängen 36 bis 38.

    Nicht im neuen Dax vertreten sein wird das deutsche Unternehmen mit der spektakulärsten Entwicklung der vergangenen zwei Jahre: Biontech aus Mainz. Der Hersteller des innovativen Corona-Impfstoffs ging im Oktober 2019 an die Börse, allerdings in den USA, unter anderem, weil man sich mehr Einnahmen versprach. Damals, vor Corona, war Biontech an der US-Technologiebörse Nasdaq umgerechnet rund 3,1 Milliarden Euro wert, vergangene Woche knackte das Unternehmen die Marke von 100 Milliarden Dollar – das reicht locker für einen Platz unter den zehn größten Konzernen im Dax.

  • Viel Schutz, wenig Zwang

    Kommentar zu Corona-Impfungen und Tests

    In der Corona-Pandemie geht es jetzt um einen Dreiklang: möglichst wenige Ansteckungen, möglichst wenige Erkrankungen, aber auch möglichst wenige Einschränkungen. Denn bei letzteren handelt es sich um Eingriffe in die Grundrechte. Praktisch sollte die Politik deshalb für weitere Impfungen werben. Hoffentlich steigt die Zahl wieder an, wenn viele Leute aus dem Urlaub zurückkehren. Und die Tests auf Corona sollten so einfach wie möglich bleiben – also kostenlos.

    Das Bundesgesundheitsministerium von Jens Spahn schlägt dagegen vor, ab Mitte Oktober keine Gratistests mehr anzubieten. Das ist der falsche Weg. Wer Ansteckungen verhindern will, muss es den Bürgerinnen und Bürgern einfach machen, sich testen zu lassen. Besonders an belebten Orten mit Restaurants, Kneipen, Sportstätten oder Geschäften gibt es weiterhin Bedarf. Die Weitergabe des Virus wird damit erschwert, während die Getesteten gleichzeitig am öffentlich Leben teilnehmen können. Das Recht dazu hat jede und jeder, ebenso wie das Recht sich nicht impfen zu lassen. Der Staat sollte eine Option anbieten, die beides verbindet.

    Kosteten die Tests jedoch beispielsweise zehn Euro, werden viele Leute darauf verzichten. Unwissentlich infiziert sind sie dann in der Öffentlichkeit unterwegs und stecken andere an. Das ist das Gegenteil des Beabsichtigten. Für kostenlose Tests spricht auch, dass sich die Ausgaben von bisher 3,7 Milliarden Euro in Grenzen halten. Dieser Betrag geht im Hintergrundrauschen des Bundeshaushalts von insgesamt 550 Milliarden Euro unter.

    Viel Schutz, wenig Zwang – das sollte das Motto sein. Zwar werden kostenpflichtige Tests vielleicht den einen oder die andere zur Impfung bewegen. Andererseits hat es keinen Sinn, Verschwörungstheoretikern, die von Impfzwang durch die Hintertür und Corona-Diktatur faseln, weitere Argumente zu liefern.

  • Nichts für schwache Nerven

    Kryptowährungen versprechen hohe Gewinne. Es kann aber auch anders laufen. Was Anleger wissen müssen

    Niedrigzinsen auf dem Sparbuch, Strafzinsen auf dem Tagesgeldkonto – die Banken meinen es nicht gut mit dem deutschen Sparer. Da versprechen Kryptowährungen das große Geld. Was steckt dahinter und lohnt es sich, dort zu investieren? Antworten auf die wichtigsten Fragen:

    Was ist eine Kryptowährung?

    Eine Kryptowährung ist ein virtueller Wert. Mit einigen dieser Werte kann auch bezahlt werden, weil Geschäfte oder Banken sie akzeptieren. Kryptografie beschäftigt sich in der Informatik mit Verschlüsselungstechnologien, sie sind wichtig, um die virtuellen Werte zu sichern und auch zum Teil erst zu erschaffen. Der Begriff Währung ist irreführend, weil hinter der Kryptowährung keine Notenbanken oder Staaten stehen, die den Wert garantieren. Der Begriff hat sich aber durchgesetzt.

    Seit wann gibt es Kryptowährungen?

    Sie sind erst knapp zwölf Jahre alt. Die erste Kryptowährung war der Bitcoin. Satoshi Nakamoto veröffentlichte die Software und die Theorie dazu 2009. Ziel war eine dezentrale Währung ohne Notenbanken oder den Einfluss anderer Gruppe. Satoshi Nakamoto ist ein Pseudonym, wer sich dahinter verbirgt, ist nicht bekannt.

    Wo kommt eine Kryptowährung her?

    Der Bitcoin wird errechnet, wobei die entsprechenden kryptografischen Aufgaben komplizierter werden, je mehr Bitcoins geschürft werden, wie es in der Branche heißt. Inzwischen gibt es fast 18,7 Millionen Bitcoin. Die Gesamtmenge ist auf rund 21 Millionen begrenzt. Entsprechend aufwändig sind die Aufgaben. Um sie zu lösen, sind Rechenzentren nötig, die ausschließlich Bitcoin schürfen. Der Stromverbrauch ist enorm. Manche Experten schätzen, dass er so groß ist, wie der Norwegens.

    Welche Kryptowährungen gibt es?

    Am meisten verbreitet ist die erste aller Kryptowährungen: Bitcoin. Sie hat einen Marktanteil von um die 50 Prozent. Danach folgt Ether mit gut 17 Prozent. Weitere, schon deutlich kleinere Kryptowährungen sind Binance Coin und Ripple. Auch eine Art Parodie gibt es: Dogecoin, nach Angaben der Erfinder soll das „dog“ (engl.: Hund) die Währung besonders attraktiv machen. Experten schätzen die Gesamtzahl von Kryptowährungen weltweit auf mehr als 10.000. Viele sind allerdings verschwindend klein. Auflegen kann sie im Prinzip jeder, der die Technik beherrscht.

    Welche Unterschiede gibt es?

    Zu jeder Kryptowährung gibt es eine Idee, etwa ein Projekt oder eine besondere Technik. „Das heutige Ökosystem an verschiedenen Konzepten könnte man als eine Art Ursuppe für das zukünftige digitale Leben bezeichnen. Ideen werden ausprobiert, verworfen, verbessert und kopiert“, sagt Marcel Uhlmann, Experte für Kryptowährungen der V-Bank in München. Wichtige Ideen seien beispielsweise ganze Ökosysteme für eine dezentrale Finanzwelt (Ethereum, Synthetics) und ein neues Internet (Ethereum, Polkadot). Das bedeutet auch: „Wer in diese Anlageklasse investieren möchte, sollte sich vorher intensiv mit der dahinterstehenden Technik und Idee beschäftigen“, sagt Thomas Beutler von der Verbraucherzentrale Saarland. „Schnell reich zu werden, ist kein Kriterium für ein Investment.“

    Wie bewahre ich Kryptowährungen auf?

    Bitcoins und alle Geschäfte damit werden in einem digitalen Kassenbuch eingetragen, einer Kette von Blöcken, der sogenannten Blockchain, die öffentlich einsehbar ist. Die Kryptowährung ist rein virtuell. Wer Bitcoins kauft, bekommt praktisch den Zugriff auf bestimmte Bitcoins in der Kette: Bitcoin verwendet ein Zwei-Schlüssel-System: Einen sogenannten öffentlichen Schlüssel, der so etwas wie eine Kontonummer ist und weitergegeben werden kann, und einen privaten Schlüssel, mit dem man Bitcoins zu einer anderen Adresse transferieren oder verkaufen kann. Beide Schlüssel sind Zahlencodes. Gespeichert werden sie in einer virtuellen persönlichen Brieftasche (wallet). Man kann sie auf dem Computer speichern, auf einem USB-Stick oder auch auf Papier aufschreiben. Wichtig ist, den privaten Schlüssel nicht zu verlieren. „Ohne den privaten Schlüssel kann ich allenfalls den Kontostand abrufen“, sagt Kevin Spur, Kryptowährungsexperte beim Bankenverband BdB.

    Wie kann ich in Kryptowährungen investieren?

    Es gibt mehrere Möglichkeiten:

    1. Etwas zum Beispiel bei Ebay verkaufen und sich in Bitcoin bezahlen lassen. Dafür ist eine digitale Geldbörse (wallet) erforderlich.
    2. Selbst schürfen: Für den normalen Anleger ist das nicht zu empfehlen – technisch zu aufwändig und in Deutschland wegen der hohen Strompreise unwirtschaftlich.
    3. Direkt investieren: Kryptowährungen können an Börsen wie Coinbace, Binance, BSDEX der Börse Stuttgart und Handelsplätzen wie bitcoin.de der Frankfurter Futurum Bank gekauft werden. Dort muss man sich anmelden und legitimieren, dann kann man Euro einzahlen und Kryptowährungen kaufen. Mit Bison bietet die Börse Stuttgart auch eine App an, die den Handel sehr einfach machen soll. Verwahrung und technische Abwicklung werden den Kunden dabei abgenommen. Manche Banken und Zahlungsabwickler bieten auch an, Kryptowährungen zu erwerben und aufzubewahren, etwa Paypal (USA).
    4. Indirekt investieren: Für manche Kryptowährungen gibt es ETN, Exchange Traded Notes. Diese Papiere bilden etwa die Entwicklung des Bitcoin-Kurses ab – aufwärts wie abwärts. ETN werden von Finanzfirmen wie Coinshare aufgelegt und an Börsen wie der Deutschen Börse gehandelt. Wer sie kauft, nimmt Kursgewinne oder -verluste der jeweiligen Kryptowährungen mit, besitzt diese aber nicht selbst. Auch wenn ETN und die beliebten ETF (Exchange Traded Fund) ähnliche Namen haben: Es gibt einen wesentlichen Unterschied: „Anders als beim ETF unterliegt die ETN wie ein Zertifikat dem Emittenten-Risiko. Ist der Herausgeber des ETN pleite, ist auch das Geld des Anlegers weg“, sagt Beutler von der Verbraucherzentrale Saarland.

    Und immer gilt: „Wer in Kryptowährungen investiert, sollte auch auf die Nebenkosten achten“, sagt Beutler. „Beim Kauf und Verkauf von Bitcoin zum Beispiel fallen Gebühren an.“

    Wie viel kann ich verdienen?

    Sehr viel. Der erste Bitcoin hatte einen Wert von 0,07 Dollar. Mitte April 2021 erreichte er sein Allzeithoch: 64.748,91 Dollar. Wer 2009 einen Dollar investiert hat, hätte dann 924.984,43 Dollar auf dem Konto gehabt. Inzwischen ist der Kurs wieder gefallen. Zuletzt notierte der Bitcoin bei rund 32.000 Dollar. Sogar einen Preis von bis zu 146.000 Dollar pro Bitcoin scheint möglich. Den Wert hat die US-Bank JP Morgan errechnet.

    Welche Risiken gibt es?

    Totalverlust: „Der Wert etwa des Bitcoins beruht allein auf Angebot und Nachfrage. Wenn die Nachfrage zusammenbricht, kann der Wert auf Null fallen. Das wäre dann ein Totalverlust“, sagt Thomas Beutler von der Verbraucherzentrale Saar. Der Anleger sollte also nur investieren, auf was er auch verzichten kann.

    Kursschwankungen und Manipulation: Kryptowährungen sind nichts für alle, die schwache Nerven haben und eine solide langfristige Anlage suchen. Oder, wie Beutler sagt: „Kryptowährungen schwanken extrem. Das kann für viele emotional sehr anstrengend sein.“ So pendelte etwa der Bitcoin binnen der vergangenen vier Monate zwischen 28.893 und 41.295 Dollar. Auch größere Sprünge nach oben und unten sind möglich, wie etwa, als Elektroautopionier Elon Musk erst ankündigte, in Bitcoin zu investieren und dann zurückzog. Solche Fälle zeigen, wie anfällig die Währungen für Marktmanipulation sein können.

    Kein Anlegerschutz: Der Markt für Kryptowährungen ist nicht reguliert. „Es gibt zum Beispiel keinen Staat und keine Einlagensicherung, die Risiken abdecken“, warnt Kevin Spur vom Bankenverband.

    Betrug: Es ist nicht garantiert, dass zum Beispiel eine neu auf den Markt gebrachte Kryptowährung überhaupt läuft oder gar echt ist. 2019 etwa kamen über sogenannte ICO viele neue Kryptowährungen auf den Markt. Einige verschwanden nach wenigen Monaten wieder und mit ihnen das angelegte Geld.

    Anonymität: Ein weiteres Risiko liegt in einem Vorteil der Kryptowährungen: der Anonymität. Wer seine digitale Geldbörse (wallet) mit den privaten Schlüsseln löscht oder bei einem Computerabsturz verliert, kann nicht mehr auf die Anlage zugreifen. Zudem ist angesichts der großen Gewinnchancen möglich, dass Hacker versuchen, die Währungen zu stehlen.

    Geopolitik: Und dann ist da noch die chinesische Regierung, die gegen Kryptomining und Handel etwa bei Bitcoin vorgeht. In dem Land wurde zuletzt mit Abstand am meisten geschürft. Die Folgen sind unklar.

    Wie unterscheiden sich Kryptowährungen wie Bitcoin vom geplanten Facebook-Geld Libra und vom digitalen Euro der EZB?

    Die EZB will einen digitalen Euro einführen, in den kommenden Jahren wird festgelegt, welche Technik dafür genutzt wird. „Der zentrale Unterschied zwischen einer Kryptowährung und dem digitalen Euro: Beim Euro garantiert die Europäische Zentralbank die Währung. Hinter dem Bitcoin steht keine Notenbank, er wird dezentral von allen verwaltet“, erklärt Kevin Spur vom Bankenverband. Ähnlich sieht es beim Projekt Diem (früher Libra) von Facebook aus, hinter dem ein Konsortium von 26 Unternehmen steht, die über die Währung entscheiden.

  • Lockruf des Alls

    Drei deutsche Raketenbauer schicken sich an, den Markt für Weltraumtransporte aufzurollen. Gestartet werden könnte in der Nordsee

    Sie besitzen Milliarden und wollen das All erobern: Elektroautopionier Elon Musk arbeitet mit SpaceX für die Nasa, Amazon-Gründer Jeff Bezos plant eine Mondlande-Einheit, der Unternehmer Richard Branson will an diesem Sonntag zum ersten Passagierflug in den Weltraum aufbrechen. Es scheint, dass Amerikaner und Briten wieder einmal das Geschäft machen. Doch bei Raketentechnologie im boomenden Raumfahrtmarkt sind drei deutsche Firmen international weit vorn.

    HyImpuls, Isar Aerospace und Rocket Factory Augsburg (RFA) wollen allerdings keine Passagiere ins All befördern. Die standardisierten Raketen, die sie entwickeln, sind dafür zu klein. Und auch auf spektakuläre Inszenierungen wie bei den drei Milliardären verzichten die deutschen Unternehmen. Es geht vielmehr darum, Raketen in Masse herzustellen und mit zahlreichen Starts zu niedrigen Preisen ganze Schwärme von standardisierten, kleinen Satelliten ins All zu befördern.

    NewSpace heißt der Aufbruch in der Raumfahrtbranche. Weltweit entstehen privat finanzierte Firmen, die Raketen entwickeln, Satelliten verkleinern und optimieren. Der Markt verspricht einiges: Auf 54 Milliarden Euro schätzt ihn die Beratungsfirma Euroconsult zwischen 2021 und 2030. Im Schnitt sollen in der Zeit 1391 Satelliten ins All geschickt werden – jährlich. Zwischen 2011 und 2020 waren es 296.

    Marktführend sind die USA. Doch: „Deutschland ist bei der Entwicklung in Europa führend und auch weltweit vorn dabei“, sagt Matthias Wachter, beim Industrieverband BDI unter anderem für Raumfahrt zuständig. „New Space wird für das Industrieland Deutschland immer wichtiger. Nicht primär wegen der Zahl der Mitarbeiter, sondern wegen der technologischen Hebeleffekte für klassische Anwendungen auf der Erde.“ Nach dem NewSpace Industry Report des BDI arbeiteten in der Branche 2020 gut 3000 Beschäftigte in 125 untersuchten Unternehmen. Tendenz stark steigend.

    Große Satellitennetze in bis zu 1400 Kilometern Höhe, dem Low Earth Orbit (LEO), sind wichtig für Branchen wie Autoindustrie, Energie, Landwirtschaft, Logistik und Luftfahrt. Sie können präzise Wettervorhersagen liefern, Informationen über die Standorte von Schiffen, Daten, die Waldbrände früh erkennen lassen. Sie können Infrastruktur wie Pipelines und Stromnetze überwachen. Und: Ohne diese Satellitenschwärme wird autonomes Fahren wohl ausgebremst.

    Die drei deutschen Raketenbauer wollen vom Boom profitieren. Sie entstanden jeweils 2018. RFA, 95 Mitarbeiter mit Sitz in Augsburg, gehört dem Bremer Raumfahrtunternehmen OHB. Das Familienunternehmen baute unter anderem Satelliten für das europäische Galileo-Programm. HyImpuls mit rund 50 Mitarbeitern aus Neuenfels nordöstlich von Heilbronn ist ein Spin-off des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Hinter dem Unternehmen steht die Schwarz-Holding aus München, der unter anderem ein großes Testdienstleistungsunternehmen gehört. Isar Aerospace aus Ottobrunn bei München wurde von drei Raumfahrtingenieuren gestartet, zu den Geldgebern gehören Airbus sowie die Wagniskapitalfirmen Earlybird und UVAC.

    Raketen wie Falcon-9 von SpaceX, die unter anderem für die Nasa im Einsatz ist, oder die russische Sojus transportieren bereits jetzt Satelliten, sind aber zu groß und zu unflexibel für den Massenmarkt, der sich gerade entwickelt. Die Falcon-9 ist rund 70 Meter hoch und hat 3,7 Meter Durchmesser. Die sogenannten Microlauncher, an denen HyImpuls, Isar Aerospace und RFA arbeiten, sind deutlich kleiner: Spectrum von Isar Aerospace kommt wie die SL1 von HyImpuls auf 27 Meter Höhe, die RFA-Rakete auf 30 Meter, bei jeweils knapp zwei Metern Durchmesser. Die drei Newcomer versprechen, Nutzlast zwischen 0,5 und 1,3 Tonnen transportieren zu können, in der Falcon-9 sind es bis zu 8,3 Tonnen, in der europäischen Ariane-Rakete bis zu fünf Tonnen.

    RFA hat angekündigt, einen Start für drei Millionen Euro anzubieten, bei einer Falcon-9, der derzeit am meisten genutzten Rakete, sind es umgerechnet gut 50 Millionen Euro. Die Startfrequenz könnte dicht sein: HyImpuls kann sich langfristig bis zu 50 Starts im Jahr vorstellen, buchbar jeweils einen Monat im voraus. RFA plant einen Start pro Woche. Bisher wird allerdings noch entwickelt. Wohl am weitesten ist Isar Aerospace, der Erstflug ist für 2022geplant.

    Bleibt die Frage, wo die Raketen starten sollen. Dank der geringeren Größe sind auch Plätze in Europa möglich, nicht nur Kourou in Französisch-Guayana oder Baikonur in Kasachstan. Das Andøya Space Center auf der gleichnamigen Lofoten-Insel in Norwegen wäre eine Möglichkeit oder Unst im Norden der schottischen Shetlandinseln, wo es sogenannte Spaceports in Europa gibt. Alle drei Hersteller bauen ihre Raketen im Süden Deutschlands, da wäre ein Startplatz in Deutschland praktisch – kurze Wege, keine komplizierten Ausfuhrgenehmigungen für sensible Technik. Allerdings ist das Land dicht besiedelt, eine Starterlaubnis wäre wegen Lärmbelästigung und der Gefahr herabstürzender Teile kaum zu bekommen. Anders sieht das auf dem Meer aus, genauer, der Nordsee.

    Im Dezember 2020 gründeten die Bremer Firmen OHB, Harren & Partner (Reederei), BLG Logistics, Media Mobil (Kommunikation), Lampe & Schwartze (Versicherungen) und der Offshore Projektentwickler DOC die German Offshore Spaceport Alliance. Der Plan: die Raketen von einem Schiff aus zu starten, und zwar im äußersten Zipfel der außerordentlichen Wirtschaftszone Deutschlands, gut 420 Kilometer von Bremerhaven entfernt und ziemlich genau in der Mitte zwischen Großbritannien und Dänemark.

    Die Raketen sollen in Bremerhaven in einer sehr großen Box verpackt werden, die auch die Startrampe enthält. Die Box wird in ein Schiff verladen, dessen Laderaum oben offen ist. Auch den Treibstoff für die Rakete transportiert das Schiff. Am Startpunkt wird die Abschussrampe nebst Rakete im Schiff aufgerichtet, die Rakete betankt und dann gestartet. Die Startrampe in der Box kann wiederverwendet werden, das Schiff ist wegen seiner besonderen Konstruktion auch für andere Transporte einsetzbar, wenn kein Start geplant ist. Das hält die Kosten niedrig. Erste Starts sind für 2023 vorgesehen. Die Genehmigung steht noch aus.