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  • Letzte Runde im Streit um die Tarifeinheit

    Vor dem Bundesverfassungsgericht beginnt die Verhandlung über das Gesetz, dass die Macht der Kleingewerkschaften bedroht. In der Praxis spielt die umstrittene Regelung noch gar keine Rolle.

    Viel Prominenz findet sich heute vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ein. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) will den obersten Richtern gerne selbst darlegen, warum das von ihr 2015 durchgesetzte Tarifeinheitsgesetz der Verfassung entspricht. Gewerkschaftsführer wie der Chef des Deutschen Beamtenbundes (dbb) und Spitzenvertreter der Krankenhausärzte und der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi vervollständigen den Reigen der Gäste. Es geht um das so genannte Tarifeinheitsgesetz, das der Bundestag 2015 verabschiedet hat und das die Macht von kleinen Gewerkschaften brechen soll.
    Nach dem Tarifeinheitsgesetz gilt in einem Betrieb immer nur ein Tarifvertrag, der mit der jeweils mitgliederstärksten Gewerkschaft abgeschlossen wird. Wenn unklar ist, welche Organisation vor Ort die meisten Mitglieder vorweisen kann, zählen unabhängige Notare die Mehrheitsverhältnisse aus. Damit wird den kleineren Gewerkschaften praktisch die Fähigkeit zum Arbeitskampf genommen. Denn ein Streik lohnt sich nicht, wenn die Gewerkschaft gar nicht tariffähig ist. Das halten die Kläger gegen das Gesetz für verfassungswidrig. „die Berufsgewerkschaften sind in Gefahr, weil ihre ureigenste Daseinsberechtigung in Frage gestellt wird“, stellt dbb-Chef Klaus Dauderstädt fest.
    Es geht um eine ganze Reihe, zum Teil sehr kampfstarker Spartengewerkschaften. Der Öffentlichkeit sind wohl die Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) und die Vereinigung Cockpit (VC) am besten bekannt. Beide Organisationen haben mit vielen Streiks für ihre jeweilige Berufsgruppe hohe Abschlüsse durchsetzen können. Sie haben den großen Vorteil, dass sie mit vergleichsweise wenige Leuten den Betrieb ihrer Unternehmen weitgehend lahmlegen können. Auch der Marburger Bund hat in Karlsruhe geklagt. Er vertritt rund 140.000 Krankenhausärzte. Würden die Arbeitgeber in den Kliniken lieber mit Verdi als Vertreterin der Pfleger und Schwestern verhandeln, könnten die Verdienstzuwächse der Ärzte schmaler ausfallen als zuletzt. Darüber hinaus gibt es noch eine Reihe kleinerer Berufsgewerkschaften, die in Einzelfällen wie der christlichen Metallgewerkschaft in Konkurrenz zu einer Großgewerkschaft stehen.
    Vor Beginn der Verhandlung wollten sich die Beteiligten nicht weiter äußern. So ist die Begründung des Gesetzes von der Arbeitsministerin weiterhin aktuell. „Wir wollen Kollisionen vermeiden, auflösen und Kooperationen stärken“, warb Nahles für ihr Vorhaben. Die Bundesregierung hatte bei der Formulierung streng darauf geachtet, dass das Streikrecht formal unangetastet bleibt. Doch faktisch ist es wenigstens teilweise ausgehebelt, weil ein Arbeitskampf für zahlenmäßig unterlegene Vertretungen unsinnig ist. Auf lange Sicht befürchten Gewerkschafter, dass die Spartengewerkschaften ihre Mitglieder verlieren, wenn sie ihre Interessen gar nicht vertreten dürfen.
    Bisher gab es noch keinen Fall, in dem das Gesetz angewendet wurde. Einer könnte in diesem Jahr jedoch eine Premiere darstellen. Bei der Lufthansa-Tochter Eurowings beanspruchen sowohl die Unabhängige Flugbegleiterorganisation (UFO) als auch Verdi die Mehrheit der Mitglieder unter den Flugbegleitern für sich. Der Verhandlungspartner der Arbeitgeber muss notfalls ausgezählt werden. Wenn die Verfassungsrichter das Tarifeinheitsgesetz vorher kippen, erübrigt sich dieser Konflikt womöglich. Doch bis zu einer Entscheidung werden voraussichtlich noch einige Monate vergehen.

  • „Der Mensch ist immer noch Lückenbüßer der Technik“

    Gute Arbeit ist selten

    In den letzten Jahrzehnten ist das Arbeitsleben härter geworden. Warum das so ist und worauf Arbeitnehmer besonderen Wert legen, erläutert der Bremer Arbeitswissenschaftler Wolfgang Hien im Gespräch mit unserem Korrespondenten Wolfgang Mulke. Hien, Jahrgang 1949, lehrte bis 2006 an der Uni Bremen und ist seither als freier Berater tätig.

    Frage: In der Arbeitswelt nehmen Maschinen den Menschen die schweren Tätigkeiten mehr und mehr ab. Ist das Berufsleben damit humaner geworden?

    Wolfgang Hien: Ich habe vor gut 50 Jahren eine Lehre bei BASF angefangen. Gewisse Probleme haben sich seither nicht verändert. Es gibt nach wie vor Hierarchien, Führungskräfte ohne Führungsqualitäten und widersprüchliche Anforderungen, zum Beispiel möglichst schnell und möglichst gute Qualität zu produzieren. Auch sind die körperlichen Belastungen nicht verschwunden. Schauen Sie sich Paketdienste an, wo die Leute schwere Kisten schleppen müssen, oder das Pflegepersonal. Roboter übernehmen nur Teilbereiche des Berufslebens. Der Mensch ist hier nach wie vor Lückenbüßer der Technik. Und die von schwerer Arbeit Betroffenen sind noch ungünstiger dran als damals.

    Frage: Das müssen Sie erklären.

    Hien: Alle meine Forschungsprojekte, in Werften, Pflegeeinrichtungen, bei VW oder IT-Büros haben ergeben, dass die Arbeit stark verdichtet worden ist. Früher gab es Freiräume und Nischen. Wenn es einem mal nicht so gut ging, konnten die Kollegen die Arbeit mit verrichten. Das gibt es heute nicht mehr. Von jedem wird immer 100 Prozent Leistung gefordert. Man muss immer hellwach sein. Ein Drittel der Menschen ist dazu aber nicht in der Lage. Sie sind langsamer oder haben mit mentalen Problemen zu kämpfen. Das heißt, die Arbeitswelt hat sich von einem menschlichen Maß verabschiedet. Gefragt ist nur noch der eindimensionale „High-Performer“, wie es neudeutsch heißt. Die anderen haben massive Probleme bis hin zum Mobbing. Da die hohen Anforderungen mit einem verstärkten Personalabbau einhergehen, verschwindet auch die Alltagssolidarität unter den Kollegen.

    Frage: Was zeichnet einen guten Arbeitsplatz aus?

    Hien: Es gibt drei Kernelemente für gute Arbeit: Einen angemessenen Entscheidungsspielraum für den Arbeitnehmer, Entscheidungsfreiräume mit den entsprechenden Ressourcen wie Maschinen oder Mitarbeiter sowie ein hohes Maß an sozialer Unterstützung. Das sind die Hauptkriterien einer guten Arbeit. Wenn dies nicht gegeben ist, kann der Job krank machen. Das wissen manche Führungskräfte, doch verhindern Vorgaben der oberen Etagen oft die Berücksichtigung dieser Bedürfnisse.

    Frage: Spielen Wertschätzung, Geld und Karrierechancen eine geringere Rolle bei der Bewertung des Arbeitsplatzes?

    Hien: Anerkennung ist wichtig, gerade die Anerkennung durch ein gutes Einkommen. Da ist jedoch viel Verlogenheit im Spiel. Die Politik redet gerne von der Aufwertung der Pflege. Tatsächlich werden die Gelder dafür gekürzt und Personal eingespart. Das ist Gift für die Stimmung. Auch in vielen anderen Bereichen fehlt die Wertschätzung. Der Begriff der Leistungsträger geht mir auf den Geist. Der Vorstandsvorsitzende von VW verdient unverhältnismäßig viel Geld, auch wenn er Fehler macht. Die Arbeit am Band erfordert dagegen eine hohe Leistung. Der Unterschied in der Bewertung ist unerträglich groß.

    Frage: Immer mehr Unternehmen rühmen sich einer neuen Familienfreundlichkeit und einer individuell flexiblen Gestaltung der Arbeitszeit. Ist da ein Sinneswandel im Gange oder dient das Homeoffice für Eltern nur als Feigenblatt auf einer inhumane Arbeitswelt?

    Hien: Wenn ein großer Autokonzern eine Betriebs-Kita einrichtet, dann will er damit für junge Ingenieurinnen attraktiv werden. Für die Frauen am Band gibt es hingegen keine Betreuungsangebote. Das ist verlogen. Gefördert wird nur dort, wo es eine ökonomische Notwendigkeit ist. Die am Band wissen, dass sie dabei vergessen werden. Das kommt nicht gut an. Viele Personalchefs verhindern auch einen Diskurs über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Flexibilität bedeutet für sie meist, dass sich die Arbeitnehmer den Arbeitsbedingungen anpassen müssen, nicht umgekehrt.

    Frage: Haben die Gewerkschaften den Einfluss auf die Gestaltung der Arbeitswelt verloren?

    Hien: Die Gewerkschaften hinterfragen die schönen Worte der Arbeitgeber nicht kritisch genug und gehen auch keine Konflikte darüber ein. Sie halten sich an den Basiskonsens der Nachkriegszeit, der einen Ausgleich zwischen Produktivitätszuwächsen und Humanität vorsah. Doch die Arbeitgeber haben diesen Konsens oft genug gebrochen. Die Gewerkschaften müssten mehr daran setzen, dass man auch nach dem 50. Lebensjahr noch ein würdevolles Arbeitsleben führen kann.

    Frage: Gibt es für Jobsuchende eine Strategie bei der Suche nach einem guten Arbeitsplatz?

    Hien: Sie sollten auf die Wortwahl der Arbeitgeber achten und konsequent nachfragen, was zum Beispiel die in der Anzeige geforderte „hohe Leistungsbereitschaft“ praktisch beinhaltet. Oder fragen, ob die Pflege des Kindes im Krankheitsfall möglich ist, auch wenn man deshalb eine Woche zuhause bleiben muss. Aber die Arbeitnehmer müssen auch ihre Erwartungen an sich selbst auf ein menschliches Maß reduzieren. Es schafft allenfalls einer von einer Million Menschen, sich vom Tellerwäscher zum Millionär hochzuarbeiten. Diese Illusion aber impfen große Unternehmen auf ihren Flyern an der Uni unseren Studenten ein. Die jungen Leute sind dann schockiert, wenn sie die Realität erleben. Das normale Leben ist eben nicht auf Rosen gebettet. Sich für menschenwürdige Arbeitsbedingen einzusetzen, ganz konkret am Arbeitsplatz, zusammen mit den Kollegen und Kolleginnen, bleibt auch künftig unverzichtbar.

  • Teure Spezialversicherungen

    Für Drohnen oder Hunde ist der Abschluss meist Pflicht

    Über peinliche kleine Missgeschicke reden Menschen lieber nicht. So gehört auch eine nicht repräsentative Beobachtung eines Reparaturbetriebs für Mobiltelefone zu den unbelegten Wahrheiten. „Bei jedem zweiten Schaden ist das Handy in die Toilette gefallen“, berichtet der Inhaber. Gerade Frauen trügen das Gerät vorzugsweise in der Gesäßtasche der Hose. Da passiere so ein Malheur schnell. Wasserschäden oder gesplitterte Displays sind die wohl häufigsten Schäden beim Smartphone. Deren Beseitigung kann schnell teuer werden. Bei Apples iPhone 6 zum Beispiel kostet der Austausch des kleinen Bildschirms mehr als 100 Euro. So werben Versicherungen offenkundig erfolgreich für spezielle Handyversicherungen, die dieses finanzielle Risiko angeblich übernehmen. Bis zu drei Millionen Verträge sind es einer Schätzung des Verbraucherportals Finanztip.de mittlerweile.
    Doch Fachleute stehen diesen Policen skeptisch gegenüber. „Wenig Schutz für viel Geld“, urteilte beispielsweise die Stiftung Warentest. Denn die Versicherung beinhaltet zwar in der Regel Schäden durch Feuchtigkeit oder Fallenlassen. Doch warnen Verbraucherschützer davor, dass die Anbieter sich Hintertürchen offenlassen, zum Beispiel die Verweigerung einer Zahlung bei grober Fahrlässigkeit. Oft werden die Verträge gleich beim Kauf den neuen Smartphone mit angeboten. Davon rät Finanztip ab: „Niemals eine Versicherung direkt beim Handykauf abschließen.“
    Die Kosten für eine Police sind mit zehn bis 20 Prozent des Neupreises eines Gerätes recht hoch. Oft komme es zu Streit mit der Versicherung, wenn tatsächlich etwas passiert, das Handy zum Beispiel herunterfällt und nicht mehr funktioniert. „Selten sind die Umstände genau definiert“, betont Finanztip. Die Interpretationsspielräume würden von Versicherungen gerne dazu genutzt, sich aus der Haftung herauszureden. Deshalb raten die Experten vor dem Abschluss einer Police zu einem genauen Studium der Vertragsbedingungen. Dies sei im Geschäft kaum möglich. Besser sei es, die verschiedenen Angebote in Ruhe im Internet zu vergleichen. „Sie sollten alles genau durchrechnen“, empfiehlt mit Cosmos Direkt sogar eine Versicherung selbst.
    Versichern lässt sich fast alles. Doch nur in wenigen Fällen ist eine Spezialpolice auch sinnvoll. „Handyversicherungen, Brillenversicherungen oder Reisegepäckversicherungen sind verzichtbar“, sagt die Sprecherin des Bundes der Versicherten (BdV), Claudia Frenz. Einerseits würden Schäden den Kunden nicht in finanzielle Schwierigkeiten bringen, andererseits blieben die Leistungen der Anbieter oft hinter den Erwartungen zurück. „So muss man das Reisegepäck am Bahnhof ständig in der Hand behalten, um Leistungen zu bekommen“, erläutert die Expertin. Ansonsten werde den Versicherten groß fahrlässiges Verhalten vorgeworfen.
    Viele Schäden sind auch schon durch die Haftpflicht- oder eine Hausratversicherung abgedeckt. Selbst verursachte Defekte zählen allerdings nicht dazu. Ist jedoch ein anderer zum Beispiel für das zerbrochene Display verantwortlich, muss dessen Haftpflichtversicherung für die Kosten gerade stehen. Für den Fall, dass dieser nicht versichert ist oder nicht zahlen kann, gibt es bei manchen Haftpflichtversicherungen eine so genannte Ausfalldeckung, durch die der Schaden dann noch noch reguliert wird. Darauf sollten Verbraucher beim Abschluss achten, sagt Finanztip-Experte Eric Brandmayer, „eine Ausfalldeckung ist absolute Pflicht.“
    Bei einigen Spezialversicherungen hängt es von der indivuellen Situation ab, ob sich eine Police lohnt. So hält der BdV sehr teure Musikinstrumente oder professionelle Kameraausrüstungen durchaus für versicherungswürdig. Bei einer Mietkautionsversicherung hängt es nach Einschätzung der Fachleute von den Gegebenheiten ab. „Nicht sinnvoll, außer man kann die Kaution wirklich nicht stellen“, betont Brandmayer. Der BdV rät eher ab. Dabei erscheint das Produkt durchaus attraktiv, vor allem für Mieter mit kleinem Geldbeutel. Dabei übernimmt die Versicherung das Risiko des Mietausfalls gegen eine Gebühr, die vom jeweiligen Angebot abhängt. Dafür muss der Mieter dann die Kaution, die oft drei Monatsmieten ausmacht, nicht stellen.
    Manche Spezialversicherung ist mittlerweile auch Pflicht. Vom Auto her kennt man es. Hobbypiloten, die Drohnen in den Himmel aufsteigen lassen, müssen sich noch daran gewöhnen. Denn eine Haftpflichtversicherung ist hier Pflicht. Besitzer sollten zunächst einen Blick in die Bedingungen ihres privaten Haftpflichtvertrages schauen. Einige Policen decken auch Schäden durch kleine Drohnen ab, wenn sie als Spielzeug gewertet werden. „Die meisten Drohnen, die sich für den Betrieb im Freien eignen, dürften rechtlich kein Spielzeug mehr sein“, erklärt Peter Graß vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Die Kosten variieren in der Regel je nach Einsatz der Flugkörper, der Deckungssumme und auch des Startgewichtes.
    Hunde haften auch
    Auf rund neun Millionen schätzt das Portal Statista die Zahl der Hundebesitzer in Deutschland. So zutraulich die Haustiere auch sein mögen, können sie doch schnell Schäden verursachen. Bisswunden müssen es nicht sein. Auch ein verschmutzter Perserteppich kann zu Schadenersatzansprüchen durch dessen Besitzer führen. In fast allen Bundesländern müssen Kampfhunde haftpflichtversichert sein, in einigen Ländern gilt die Pflicht für alle Hunde. Das Verbraucherportal Finanztip rät zu einer Deckungssumme von fünf Millionen Euro. Für einen Mops kostet das zum Beispiel im Jahr je nach Anbieter und Selbstbeteiligung zwischen 40 Euro und 60 Euro.

  • „Gewinner müssen mit Verlierern solidarisch sein“

    Davos-Chef Klaus Schwab plädiert für das bedingungslose Grundeinkommen und die Begrenzung der Managergehälter auf das Zwanzigfache des Durchschnittslohns.

    Funke Mediengruppe: Professor Schwab, vor 47 Jahren haben Sie das Weltwirtschaftsforum von Davos gegründet um die Welt offener, friedlicher und wohlhabender zu machen. Jetzt erleben wir die Wiederkehr des Nationalismus, neue Handelsgrenzen werden aufgebaut, und die Mittelschicht fürchtet abzurutschen. Was ist da schief gelaufen?

    Klaus Schwab: Mit der Globalisierung, Digitalisierung und der vierten industriellen Revolution durchlaufen wir eine tiefgreifende Wandlung. Nicht nur die Gesellschaften, auch die Individuen sind auf der Suche nach neuen Identitäten. Dabei handeln die Menschen wesentlich emotionalisierter als in normalen Situationen, in denen rationale Argumente eine größere Rolle spielen.

    Funke: In den USA oder Großbritannien haben in den vergangenen Jahrzehnten Millionen Beschäftigte ihre Arbeitsplätze verloren. Da sind Emotionen gegen die Globalisierung verständlich.

    Schwab: Ja, ein Teil der Arbeiterschaft und auch der Mittelschicht ist von Prekarisierung bedroht. Aber dieses Prekariat ist nicht nur durch die Globalisierung entstanden. Von fünf verlorenen Arbeitsplätzen in den USA ist nur einer nach Mexiko abgewandert. Vier sind der technologischen Innovation zum Opfer gefallen. Das ist die große Herausforderung. Wir stecken mitten in der digitalen Transformation und wissen augenblicklich nicht, wie wir die wegfallenden Stellen ersetzen können. Aber nicht nur das bereitet mir Sorgen. Denken Sie an die Menschen in Syrien, an hunderte Millionen Inder, die auf dem Land leben und nicht mal eine Toilette haben, oder an die jungen Afrikaner, die in ihren Heimatstaaten keine Arbeit finden und sich auf den Weg nach Europa machen. Den Erwartungen dieser Menschen müssen wir ebenfalls genügen und Lösungen präsentieren.

    Funke: Die Wähler jedenfalls sind tief verunsichert. In Großbritannien stimmten sie für den Brexit und wählten in den USA Donald Trump zum Präsidenten. Offenbar sehen sie ihre Bedürfnisse in der Globalisierung nicht berücksichtigt.

    Schwab: Richtig. Schon vor 21 Jahren habe ich in einem Artikel für die Herald Tribune geschrieben, dass die Globalisierung nicht haltbar sein wird, wenn wir die humanen Aspekte nicht stärker berücksichtigen. In der Marktwirtschaft gibt es immer Gewinner und Verlierer. Erstere müssen aber mit letzteren solidarisch sein. Sonst kündigen die Verlierer den Konsens der Gesellschaft auf.

    Funke: Warum ist die Globalisierung in sozialer Hinsicht bislang falsch gelaufen?

    Schwab: Wir haben zu sehr auf die offenen Märkte geachtet, zu wenig aber darauf, dass die Marktwirtschaft auch fair sein muss. Die soziale Dimension, die Absicherung der Benachteiligten wurde nicht ausreichend einbezogen.

    Funke: Wie kann man die Balance wiederherstellen?

    Schwab: Das muss man jeweils auf nationaler Ebene über das Steuer- und Sozialsystem machen, das die sozialen Unterschiede bis zu einem gewissen Grade ausgleicht. Auf globaler Ebene sollte man in Handelsverträge soziale Komponenten einbauen, damit auch die ärmeren Länder zu ihrem Recht kommen.

    Funke: Zur sozialen Marktwirtschaft gehört auch die Verantwortung der Eliten…

    Schwab: Ich habe 1971 den Begriff der “Stakeholder” entwickelt. Das heisst: Firmenleitungen sind nicht nur den Aktionären verantwortlich, sondern allen Gesellschaftsgruppen, die von der Politik eines Unternehmens betroffen sind.

    Funke: Beispiel Abgasskandal bei VW: Die Manager streichen weiterhin Boni ein, die betrogenen Kunden sind die Dummen, und im Unternehmen werden Stellen gestrichen. Müssen Sie einigen Top-Managern, die zu Ihrem Forum nach Davos kommen, nicht ein schlechtes Zeugnis ausstellen?

    Schwab: Als in der Schweiz die Volksabstimmung über die Höhe von Managergehältern stattfand, habe ich mich dafür ausgesprochen, dass Firmenvorstände nicht mehr als das Zwanzigfache dessen verdienen sollten, was der Durchschnitt ihrer Beschäftigten erhält. Diese Position haben in der Schweiz nicht alle geteilt.

    Funke: Da müssten in vielen Ländern Managergehälter kräftig gekürzt werden.

    Schwab: Das jetzige System ist so nicht aufrechtzuerhalten. Ein Beispiel: In den USA könnten in den kommenden Jahren Millionen Busfahrer und Kassiererinnen ihre Jobs verlieren, weil sie durch die Digitalisierung überflüssig werden. Da kommt eine riesige Welle auf uns zu. Angesichts solcher Veränderungen ist die Höhe von Managergehältern auch ein Gradmesser für das Maß der Solidarität mit den Verlierern.

    Funke: Sollten die oberen zehn Prozent der Gesellschaft einen größeren Beitrag zur Finanzierung der Sozialsysteme tragen?

    Schwab: Ich würde Steuersysteme so gestalten, dass sie als sozial gerecht empfunden werden. Gleichzeitig sollten sie aber auch Investitionen anreizen, um Arbeitsplätze zu schaffen. In Schweden gab es früher ein System mit höheren Steuersätzen für private Kapitalentnahmen im Vergleich zu produktiven Investitionen. Ich glaube, wir müssen künftig mehr in diese Richtung denken. Man sollte auch die staatlichen Budgets so organisieren, dass die für den Verbrauch bestimmten Ausgaben stärker von Investitionen getrennt werden. Diese muss man fördern – und dafür ist auch Staatsverschuldung gerechtfertigt.

    Funke: Das Weltwirtschaftsforum 2017 trägt den Titel “Verantwortungsvolles und zuhörendes Führen”. Ist das ein Wink mit dem Zaunpfahl an Führer wie Trump und Russlands Präsident Wladimir Putin, die Grenzen neu ziehen und Mauern zu anderen Ländern bauen wollen?

    Schwab: Donald Trump habe ich kürzlich getroffen. Seinen Wählern zuhören kann er gut. Das hat seine Wahlkampagne gezeigt. Ob er auch den notwendigen Kompass besitzt, um seine Landsleute in eine gute Zukunft zu führen, wissen wir noch nicht.

    Funke: Trump will Arbeitsplätze aus Asien und Mexiko zurück in die USA holen. Halten Sie das für realistisch?

    Schwab: Teilweise kann das funktionieren. Große US-Konzerne haben angeblich zwei Billionen Dollar Kapital im Ausland geparkt. Wenn dieses Kapital in die USA zurückfließt und dort versteuert wird, könnte das erhebliche Investitionen auslösen. Außerdem kommt möglicherweise ein Teil der Industrie aus dem Ausland im Zuge der Digitalisierung in die USA zurück. Wenn Smarthpones von Robotern hergestellt werden können, muss Apple nicht mehr eine Million chinesische Arbeiter beim Foxconn-Konzern bezahlen. Die digitalisierten Fabriken können auch in den USA stehen.

    Funke: Dann wird dort aber kaum noch jemand arbeiten. Was ist mit denen, für die es am Ende keine Arbeit mehr gibt?

    Schwab: In der Schweiz fand kürzlich die Abstimmung über das bedingungslose Grundeinkommen statt. Immerhin 23 Prozent der Bürger haben diesem zugestimmt. Auch ich finde die Idee des Grundeinkommens grundsätzlich plausibel. Und ich glaube, dass die Diskussion darüber in zehn Jahren viel weiter sein wird als heute.

    Funke: Was bewirkt das Grundeinkommen, wenn manche für ihr Geld arbeiten gehen und andere nicht?

    Schwab: Ich bestreite, dass die Leute dann ihre Hände in den Schoss legen und faul zu Hause sitzen bleiben. Eine einfache Krankenschwester in Deutschland mit 2.000 Euro brutto fühlt sich heute vielleicht ausgenutzt. Wenn sie aber zusätzlich ein Grundeinkommen erhielte, sähe sie das vielleicht als Anerkennung und ginge an ihre Tätigkeit mit einer anderen Grundeinstellung heran. Falls die Digitalisierung künftig viele Arbeitsplätze hinwegfegt, brauchen wir auf der anderen Seite eine Humanisierung der Gesellschaft. Industriearbeitsplätze gehen verloren, aber es wird viel mehr soziale Arbeit zu tun sein, beispielsweise in der Pflege.

    Funke: Was soll beim Weltwirtschaftsforum 2017 herauskommen?

    Schwab: Ich bin dafür, dass die Unternehmen in Davos eine Verpflichtung zu langfristigem Denken unterschreiben, um das kurzfristige, zu gewinnorientierte Handeln zurückzudrängen. Wir müssen das kapitalistische System sozial akzeptabler machen. Und wir brauchen ein gemeinsames Verständnis für stärkeres globales Wachstum. Drei Prozent sind nicht genug, um die zwei Milliarden armen Menschen besser am Wohlstand zu beteiligen.

    Funke: Seit 2015 arbeitet der ehemalige deutsche Wirtschaftsminister Philipp Rößler als Geschäftsführer für Sie. Sind Sie mit Ihrem neuen Angestellten zufrieden?

    Schwab: Philipp Rö?ler ist als Mitglied des Managing Board und Leiter für Regierungskontakte eine zentrale Figur für die Arbeit des Weltwirtschaftsforums. Und dieses Jahr kommen über 50 Staats- und Regierungschefs sowie Minister aus über 80 Ländern zu unserem Jahrestreffen in Davos. Das klingt für mich, als habe der Verantwortliche seine Arbeit sehr gut gemacht.

    Info-Kasten: Klaus Schwab

    Gerade ist ein Buch über ihn erschienen. „Gastgeber der Mächtigen“ lautet der Titel. Ein bisschen dämonisch schaut der kahlköpfige Schwab vom Cover den Lesern entgegen. Tatsächlich ist Verbindlichkeit eine seiner hervorstechenden Eigenschaften. Kurz vor Weihnachten macht er sich den Spaß, die Kochmütze aufzusetzen und seinen Angestellten in der Genfer Zentrale des Forums persönlich das Mittagsessen auszureichen. 1971 hat der jetzt 78-Jährige den Vorläufer des WEF gegründet. Der promovierte Ingenieur und Ökonom ist Chef von rund 600 Beschäftigten. Smalltalk und Cocktailempfänge mag er nicht – muss er aber trotzdem manchmal absolvieren.

    Info-Kasten: WEF

    Zu kaum einem anderen Ereignis weltweit kommen gleichzeitig mehr Spitzenpolitiker und Manager. In diesem Jahr sind es wieder über Dutzende Staats- und Regierungschefs, sowie über 1.000 Unternehmensführer. Jedes Jahr im Januar findet das Weltwirtschaftsforum im Schweizer Alpenstädtchen Davos statt. Es beginnt am 17. Januar und steht diesmal unter dem Motto „Verantwortungsvolles und zuhörendes Führen“. Darin steckt auch der Appell an die Teilnehmer, etwas gegen den neuen Nationalismus zu tun. Das World Economic Forum wird getragen von 1.000 der umsatzstärksten Unternehmen der Welt. Die Führung des WEF setzt sich für offene Weltmärkte ein, betont gleichzeitig aber die soziale Verantwortung der Konzerne – im Gegensatz zu manchen Mitgliedern. Das WEF ist eine Kombination aus Geschäftemachen, politischer Kommunikation und Bildungsurlaub auf Luxusniveau. Während der vier Tage können die Teilnehmer mehrere hundert Veranstaltungen besuchen, die sie über alles Relevante informieren – über iranische Außenpolitik ebenso wie die vietnamesische Kultur oder die Zukunft des Anleihekaufprogramms der Europäischen Zentralbank.

  • Der Motor läuft rund

    Die Deutsche Wirtschaft ist 2016 stärker gewachsen als erwartet. Der Staat kann einen stattlichen Überschuss vermelden. Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten.

    Warum geht es der Wirtschaft so gut?

    Der Wirtschaftsmotor läuft in fast allen Bereichen rund. Überdurchschnittlich entwickelte sich das Baugewerbe mit einem Plus von 2,8 Prozent. Spitzenreiter sind die Kommunikationsbranchen mit einem Zuwachs um drei Prozent. Ins Minus ist gar keine Sparte gerutscht. So stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP), also die gesamte Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr um 1,9 Prozent an.

    Haben auch die Arbeitnehmer etwas von der guten Entwicklung?

    Nachdem die Beschäftigten in den vergangenen Jahrzehnten nur wenig vom Aufschwung profitieren konnten, wächst ihre Kaufkraft jetzt wieder an. Im vergangenen Jahr stiegen die Löhne und Gehälter nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Durchschnitt um 3,6 Prozent und damit stärker als die Unternehmens- und Vermögenseinkommen. Ein Teil des Zugewinns wurde durch höhere Sozialabgaben wieder aufgezehrt. Die verfügbaren Einkommen stiegen deshalb nur um 2,8 Prozent. Da die Teuerungsrate leicht darunter lag, erhöhte sich die Kaufkraft der Erwerbstätigen. Außerdem hat sich die Lage am Arbeitsmarkt weiter verbessert. „Die Erwerbslosenquote hat sich seit ihrem Höchststand 2005 von 10,3 Prozent mehr als halbiert“, sagt der Präsident des Amtes, Dieter Sarreither. Mit 43,5 Millionen Erwerbstätigen verzeichnet Deutschland zudem einen Rekordwert seit der Wiedervereinigung.

    Wird es auch 2017 so gut weitergehen?

    Darauf wollen sich die Statistiker noch nicht festlegen. Die Ökonomen der großen Forschungsinstitute erwartet 2017 ein schwächeres Wachstum. Dazu trägt allein schon die im Vergleich zu 2016 höhere Zahl an Feiertagen bei. Die Fachleute gehen dennoch von einer soliden Entwicklung aus, die der Wirtschaft ein Plus zwischen 1,1 Prozent und 1,8 Prozent bescheren könnte.

    Gibt es auch Risiken, die zu einem Konjunktureinbruch führen könnten?

    Es gibt eine Reihe von derzeit schwer einschätzbaren Faktoren, die positive Erwartungen durchkreuzen könnten. Die meisten davon sind international angesiedelt. Dazu gehört der künftige wirtschaftspolitische Kurs des neuen US-Präsidenten Donald Trump. Schottet er die USA vor Importen ab, kann das zum Beispiel für die Automobilindustrie problematisch werden. Auch die Folgen des Brexit und die immer noch gärende Bankenkrise in Europa bergen Ungewissheiten.

    Welche Rolle spielt die enorme Zuwanderung für das Wachstum?

    Die finanziellen Effekte kann das Statistische Bundesamt nicht exakt beziffern. Aber die Ausgaben für Flüchtlinge, zum Beispiel für Wohnkosten, oder ihre Einkäufe im Supermarkt fließen in die Berechnung des BIP ein. Neun Milliarden Euro hat das Finanzministerium für Hilfen ausgegeben. Der jetzt in der Bundeskasse verblieben Überschuss von gut sechs Milliarden Euro geht auch auf nicht benötigte Ausgaben für die Flüchtlinge zurück.

    Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da?

    Die meisten anderen großen Industrieländer kommen an die deutschen Wachstumsraten nicht heran. Frankreich kommt auf ein Plus von 1,3 Prozent, Italien nur auf 0,7 Prozent, ebenso wie Japan. Die USA sind mit 1,6 Prozent näher dran. Nur die kleineren EU-Länder, etwa Polen oder Irland, überflügeln Deutschland. Allerdings ist dort das Ausgangsniveau viel geringer.

    Droht mit dem vergleichsweise hohen Wachstum auch wieder Inflation?

    Chef-Statistiker Sarreither sieht deutliche Anzeichen für einen kräftigeren Anstieg der Preise. Die Inflationsrate schnellte schon zum Ende des vergangenen Jahres wieder auf 1,5 Prozent. Unter anderem steigende Ölpreise treiben die Teuerungsrate nach oben. Die schlechte Nachricht: Die Zinsen bleiben trotzdem niedrig, weil der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, die Wirtschaft aller Euro-Staaten im Blick hat. Und in den Südländern läuft die Konjunktur noch nicht rund. Damit verliert das Geld der Sparer in Deutschland mit Tagesgeld, Festgeld oder Vermögen auf dem Sparbuch an Kaufkraft.

  • Geschäftsmodell Jungbrunnen

    Lange Zeit galten 120 Jahre als maximal mögliche menschliche Lebenserwartung. Nun nehmen Firmen und Forscher Kurs auf 160 Jahre.

    Alle vier Jahre leben Menschen wie wir ein Jahr länger. Auf diese Formel kann man die Erkenntisse des Alterswissenschaftlers James Vaupel bringen, der das Max-Planck-Institut für Demografische Forschung in Rostock gründete. Genauer gesagt: Die statistische Lebenserwartung steigt im Vier-Jahres-Rhythmus durchschnittlich um ein Jahr an. Um 1800 beispielsweise war es normal, vor dem 30. Geburtstag zu sterben. Heute dagegen liegt die statistische Lebenserwartung von Frauen in Deutschland bei 83 Jahren, von Männern bei 78.

     

    Dürfen wir nun damit rechnen, dass sich unsere Lebensspanne weiter in diesem Tempo ausdehnt? Die Forscher der US-Firma Calico in Kalifornien sind optimistisch. Mehr noch: Sie meinen, dass die Menschen bald nicht nur 80 Jahre, sondern doppelt so alt werden könnten. 160 Jahre? Calico gehört zum Alphabet-Konzern, also zu Google. Ist die Verdoppelung der Lebenszeit eine Narretei von Silicon-Valley-Milliardären, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld? Ist es ein Business-Modell und Versprechen an die wirtschaftliche Elite, die sich superteure Medikamente leisten kann, oder eine realistische Aussicht auch für Durchschnittsmenschen?

    US-Schauspieler Kirk Douglas, Cowboy-, Boxer- und Spartacus-Darsteller, hat gerade seinen 100. Geburtstag gefeiert. Die derzeit wohl älteste Frau der Welt, die Italienerin Emma Morano, ist 117 Jahre alt – und damit kurz vor der Grenze, die lange Zeit als Maximal-Lebenserwartung galt. Mittlerweile allerdings halten Mediziner wie Vaupel Menschenalter von um die 120 Jahre nur noch für einen empirischen Befund, der derzeit gültig, aber nicht unverrückbar sei. Wenn die Wissenschaft besser verstehe, was bei der Alzheimer-Erkrankung passiere, wie die Alterung der menschlichen Zellen funktioniere, und man wirksame Medikamente gegen den Krebs entwickelt habe, seien 130 oder 140 Jahre durchaus in Reichweite.

    Seit einigen Jahren erlebt die Altersforschung einen Aufbruch. Hunderte neuer Firmen versuchen, aus Fortschritten medizinischer Erkenntnis Geld zu machen. Häufig genannt werden dabei zwei bereits existierende Präparate: Metformin, ein Diabetes-Mittel, und Rapamycin, das bei Organtransplantationen eingesetzt wird. In beiden Fällen deuten Studien auf eine möglicherweise lebensverlängernde Wirkung hin, die über das eigentliche Behandlungsziel hinausgeht.

    Eine zupackende Methode praktiziert Tony Wyss-Coray. Er ist Neurologe an der Stanford-Universität in Kalifornien. Versuchsweise verbindet er die Blutkreisläufe junger und alter Mäuse und schafft so eine Art zusammengenähter Zwangszwillinge, um unter anderem die Wirkung jungen Blutes auf alternde Organismen zu studieren. Seine Ergebnisse legen nahe, dass derartige Bluttransfusionen einen gewissen Erfolg haben könnten. „Die Experimente von Wyss-Coray deuten daraufhin, dass die Synthese des Proteins CREB in der Hirn-Region des Hippocampus angeregt wird, was deren Leistungsfähigkeit steigert“, erklärt Konrad Beyreuther, Gründungsdirektor des Netzwerks Altersforschung an der Universität Heidelberg. Der Hippocampus sorgt dafür, dass aus neu Gelerntem Erinnerungen werden. Bei Alzheimer-Patienten ist diese Region besonders geschädigt.

    Ein weiterer Ansatz beschäftigt sich mit der Substanz Resveratrol, die unter anderem in Rotwein vorkommt. Ihr wird eine positive Wirkung bei der Autophagie zugeschrieben. Das sind diejenigen Prozesse auch in menschlichen Zellen, die Schadstoffe nicht nur zerlegen, umbauen und unschädlich machen, sondern auch zu Zellnahrung recyceln können. Darüber forscht der japanische Mediziner Ohsumi Yoshinori, wofür er kürzlich den Nobelpreis erhielt. Rüdiger Horstkorte, Biochemiker an der Universität Halle-Wittenberg, sagt: „Die zunehmende Menge beschädigter und schädlicher Proteine in Zellen ist entscheidend für ihr Altern.“ Ließe sich die Müllabfuhr verbessern, würden die einzelnen Zellen und dann vielleicht auch der gesamte Körper länger leben. „Bisher verstehen wir viel zu wenig, wie diese Prozesse funktionieren“, so Horstkorte. Vielleicht lasse sich dadurch die menschliche Lebensspanne um „20 bis 30 Jahre“ ausdehnen. Eine Verdoppelung hält er aber für „illusorisch“.

    In jedem Fall ist Medizin nur ein Faktor. „70 Prozent der Alterungsphänomene können wir durch unsere Lebensführung zumindest beeinflussen“, sagt Professor Beyreuther. Schlechte Ernährung, mangelnde Bewegung, starkes Rauchen, Alkoholkonsum, fehlende Neugierde, Zukunftsängste und übermäßiger Stress stehlen Jahre. Auch soziale Bedingungen spielen eine Rolle. Menschen, die unfreiwillig hart und lange arbeiten müssen, oder in Armut leben, haben eine geringere Lebenserwartung. Steigender, breit verteilter Wohlstand einer Gesellschaft trägt dazu bei, dass die Bürger älter werden – eine Entwicklung, die man in Deutschland während der vergangenen zwei Jahrhunderte gut beobachten konnte.

    Und auch Bildung ist relevant. Wer über seine Psyche und seinen Körper einigermaßen Bescheid weiß, mag dazu tendieren, ihn pfleglich zu behandeln. Beyreuther gibt ein Beispiel: Er empfiehlt, jeden Monat drei Tage weniger als normal zu essen und dann jeweils nur 500 statt 2.000 Kilokalorien zu sich zu nehmen. „Infolge der Kalorienreduktion wird die Autophagie aktiviert, die Körperzellen nutzen ihre eingelagerten Vorräte und beseitigen dabei auch gleich einen Teil des abgelagerten Mülls.“ Die Forscher wissen, dass Kalorienrestriktion bei manchen Mäusen und allen Fadenwürmern extrem lebensverlängernd wirkt. Fasten – die Idee ist Jahrtausende alt. Nun erhält sie eine neue Bedeutung.

    Zum Anti-Aging-Kongress nach München kamen im Juni 2016 zahlreiche, in Deutschland ansässige Firmen, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigen. IhreGene aus Hamburg bietet beispielsweise Gentests an, damit die Kunden ihren Lebensstil so gestalten, dass er zu ihren erblichen Prädispositionen passt. Life Extension Europe in Starnberg liefert Nahrungsergänzungsmittel, Gebomed in Eningen verkauft Naturheilprodukte. Und CellGym in Berlin wirbt mit einer Behandlung, die Mitochondrien, die Kraftwerke der menschlichen Zellen, bei der Arbeit unterstützen soll.

    Die großen Durchbrüche haben diese Unternehmen bislang nicht zu verzeichnen. Auch Google-Tochter Calico hüllt sich in Schweigen. Gemeinsam werden es die Manager, Entwickler und Wissenschaftler jedoch vermutlich schaffen, die durchschnittliche Lebenserwartung von Menschen in reichen Industrieländern in Richtung 90 oder 100 Jahre zu verschieben. Aber 160? Der Mythos vom Jungbrunnen ist ein sehr alter Traum, der unsere Kultur seit über 2000 Jahren begleitet.

  • Notwendiges Übel

    Gesetz zur Lohngleichheit

    Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Dieser Slogan bezog sich einst auf die Forderung, Leiharbeiter und Stammpersonal zu denselben Bedingungen zu beschäftigen. Angebracht ist er jedoch auch, wenn es um die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen im Betrieb geht. Denn damit hapert es bisher noch, wie verschiedene Studien dazu nahelegen. Dabei müssen beide Geschlechter schon lange gleich behandelt werden. Es ist nur folgerichtig, wenn der Gesetzgeber nun den Druck auf jene Unternehmen erhöht, die diesen Grundsatz missachten.
    Die nun von der Bundesregierung verabschiedete Regelung für mehr Transparenz bei den Löhnen und Gehältern ist ein notwendiges Übel. Sie bürdet die Firmen mehr Bürokratie auf. Aber von einem Ende der Verhandlungsfreiheit bei der Vergütung oder gar einem Eingriff in die Privatsphäre der Beschäftigten durch die Veröffentlichung von Durchschnittsgehältern kann nicht die Rede sein. Anderswo, insbesondere in den angloamerikanischen Ländern, gehen Erwerbstätige und Arbeitgeber ganz selbstverständlich offen mit den Entgelten um.
    Ob das Gesetz aber die von Familienministerin Manuela Schwesig erhoffte große Wirkung zeitigt, ist eher zweifelhaft. Denn der größte Teil der Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen geht auf sachliche Gründe zurück. Dazu gehört zum Beispiel die Berufserfahrung. Wenn Frauen für die Betreuung ihrer Kinder zeitweilig aus dem Erwerbsleben aussteigen oder nur Teilzeit arbeiten, sammeln sie zwangsläufig weniger Berufszeit an als ihre männlichen Altersgenossen. Das macht sich bei Gehaltsverhandlungen negativ bemerkbar. Der „Wert“ einer Arbeitsleistung setzt sich aus vielen Komponenten zusammen. Unterschiede wird es daher selbst bei vergleichbaren Tätigkeiten immer geben, und nicht nur zwischen Frauen und Männern. Auch ist die Vorgabe, erst einmal mehrere Beispiele für besser bezahlte Kollegen zu finden, keine einfache Aufgabe. Es gehört schon eine Menge Standfestigkeit dazu, diese Recherche durchzuziehen.
    Noch mehr verliert das Gesetz allerdings durch den Kreis der betroffenen Firmen. Es gilt erst ab einer Betriebsgröße von 200 Beschäftigten. Doch gerade bei kleinen und mittelgroßen Unternehmen, von denen viele tariflich nicht gebunden sind, geht es eher ungerecht zu als bei Konzernen, bei denen es für ziemlich alle Angelegenheiten festgelegte Standards gibt. Es wäre daher wünschenswert, die Wirkungen des Lohngleichstellungsgesetzes nach einer gewissen Zeit genauer zu untersuchen. Stellt sich der erhoffte Erfolg nicht ein, sollte es auf einen größeren Kreis von Arbeitgebern ausgedehnt werden. Es gibt noch eine Alternative. Stärkere Gewerkschaften, die in der Lage sind, mehr Gerechtigkeit in allen Betrieben durchzusetzen. Dazu brauchen die Organisationen aber auch Mitglieder, die sich nicht auf die Hilfe des Gesetzgebers verlassen.

  • Die Schlichtung ist die Zeit des Schweigens

    Ab Mittwoch suchen die Schlichter von Bahn und Lokführern einen Kompromiss im Tarifstreit. Noch sind keine Streiks in Sicht. Die Bahn ist momentan Vorreiter einer Tarifpolitik, bei der es um mehr geht als nur den Lohn.

    Lange haben Bahn und Lokführergewerkschaft GDL sich öffentlich mangelnde Kompromissbereitschaft vorgeworfen. Auch nach sechs Verhandlungsrunden kamen die Gesandten beider Seiten im Dezember einander nicht näher. Trotzdem hat die kampfeslustige Spartengewerkschaft bislang noch keinen Zug zum Stoppen gebracht, sondern lieber zur Schlichtung gerufen. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow und der frühere brandenburgische Landeschef Matthias Platzeck sollen am Mittwoch einen letzten Versuch starten, den Konflikt friedlich lösen. Das ist ihnen vor zwei Jahren schon einmal gelungen. Doch diese Tarifverhandlungen haben einen besonderen Charakter.
    Mehr Geld oder mehr Zeit? Vor diese Frage gestellt, kommen viele Arbeitnehmer ins Grübeln. Längst ist ein besserer Verdienst alleine nicht mehr das wichtigste Ziel. Das hat auch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) festgestellt. 15.000 Mitglieder beteiligten sich im vergangenen Jahr an einer Umfrage zu den Wünschen für die anstehende Tarifrunde. Ein Teil wollte vor allem mehr verdienen, andere mehr Urlaub oder eine geringere Wochenarbeitszeit. „Die Interessen der Arbeitnehmer sind in diesem Punkt sehr unterschiedlich“, stellt der Tarifexperte Rainer Bispinck vom Wissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung fest.
    Als Folge betrat die EVG im Herbst 2016 Neuland. Sie forderte statt einer Lohnerhöhung für alle ein Wahlrecht. Damit setzte sie sich am Ende durch. Die Mitglieder der EVG unter den rund 130.000 Tarifbeschäftigten des Konzerns können wählen, ob sie 2,6 Prozent mehr Lohn erhalten, wöchentlich eine Stunde weniger arbeiten oder sechs Tage mehr Urlaub haben wollen. Ein Novum der Tarifgeschichte, stellt Bispinck fest. „Es ist neu, eine individuelles Wahlrecht zwischen Entgelterhöhung oder Arbeitszeitverkürzung zu schaffen“, sagt der Forscher.
    Diesen Abschluss, inklusive einer Einmalzahlung von 550 Euro, hat die Bahn auch den Lokführern angeboten. Doch die GDL hat anderes im Sinn. Sie will die Belastung des Zugpersonals verringern und dafür eine reine Fünf-Tage-Woche durchsetzen. Nach dieser Arbeitsphase sollen die Zugführer immer zwei freie Tage erhalten. Bei einem Unternehmen, das an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr unterwegs ist, gestaltet sich eine feste Blockbildung jedoch schwierig, weil kein Ausgleich mehr zwischen Wochen mit weniger Arbeitstagen und solchen mit mehr Arbeitstagen geschaffen werden kann. „Bereits diese Forderung der GDL allein führt zu einer durchschnittlichen 4,5-Tage-Woche“, rechnet Personalvorstand Ulrich Weber vor. Um alle Wünsche der Gewerkschaft nach zusammenhängenden Ruhezeiten umzusetzen, müssten die Schichtlängen auf über zehn Stunden erhöht werden.
    Nun sollen Platzeck und Ramelow den Knoten lösen. Bis zum Ende der Schlichtung, die wohl wenigstens bis Mitte Februar dauern wird, haben beide Seiten Stillschweigen vereinbart. Damit haben die Tarifparteien beim letzten Mal gute Erfahrungen gemacht. Kommt es nicht zu einer Einigung, dürfen die Schlichter noch Überstunden anberaumen. Erst wenn auch beim Nachsitzen keine Lösung zustande kommt, drohen wieder Streiks. Bis zum Ende der Schlichtung gilt die Friedenspflicht.
    Zwei Gewerkschaft, die in einem Unternehmen ganz unterschiedliche Strategien verfolgen. Um die Regelungen zur Arbeitszeit geht es jedoch beiden. So kann es gut sein, dass am Ende zum Beispiel für die Zugbegleiter zwei unterschiedliche Tarifverträge gelten. Diesen Fall wollte die Bahn bisher immer ausschließen. Doch von der harten Linie sind die Arbeitgeber nun abgewichen. Wenn die Arbeitnehmer einen Teil ihrer Arbeitszeit ohnehin selbst bestimmen, spielen deckungsgleiche Verträge keine große Rolle mehr. Vielmehr soll das Verteilungsvolumen für beide Gewerkschaften gleich bleiben und die jeweils getroffenen Vereinbarungen müssen in die betriebliche Praxis passen.
    WSI-Experte Bispinck bewertet die Tarifpolitik des Konzerns positiv, weil die Wünsche der Mitarbeiter wiedergegeben werden. Und auch für das Unternehmen sei das Wahlrecht der EVG von Vorteil. „Es ist aus Arbeitgebersicht eine kluge Regelung, weil er für mögliche Bewerber an Attraktivität gewinnt“, erläutert Bispinck. Andere Gewerkschaften beobachten diese Neuerung genau. Die IG Metall will ebenfalls die Wünsche ihrer Mitglieder erfragen und die Ergebnisse mit in die nächste Tarifverhandlung nehmen. Es ist also durchaus möglich, dass das Modell Bahn schnell Schule macht und den Arbeitnehmern mehr Mitbestimmung bei der Gestaltung ihrer Arbeitszeiten bringt.

  • Bundesamt warnt vor Schlankheitsmitteln

    Vorsicht vor Angeboten aus dem Internet

    Schlankheitsmittel können höchst schädliche Nebenwirkungen entfalten. „Im schlimmsten Fall können sie sogar tödliche Folgen haben“, warnt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Mit illegalen Substanzen seien vor allem Produkte belastet, die nur im Internet angeboten werden.
    Der häufig versprochene wundersame Gewichtsverlust tritt laut BVL nur in wenigen Fällen ein. Einige Anbieter mischen unerlaubt chemische Substanzen unter ihr Mittel, um so die Wirksamkeit zu erhöhen. „Solche Produkte werden hauptsächlich im Internet vertrieben und häufig als '100 Prozent natürliche' oder 'rein pflanzliche' Nahrungsergänzungsmittel angeboten“, stellen die BVL-Experten fest. Tatsächlich enthielten sie nicht angegebene pharmakologische Stoffe in hohen Dosierungen. „Nach der Einnahme solcher Mittel mussten schon mehrere Todesfälle verzeichnet werden“, warnt das Amt.
    Einer dieser Stoffe ist die künstlich erzeugte Substanz Sibutramin. Der Appetitzügler wurde 2010 wegen seiner massiven Nebenwirkungen in der EU verboten. Trotzdem finden die Lebensmittelkontrolleure immer wieder Lebensmittel, die damit versetzt sind, zum Teil in höheren Dosierungen. Bei den Schlankheitsmitteln, in denen die Prüfer fündig wurden, handelt es sich um Nahrungsergänzungsmittel. Sie kommen als „Slimming Tea“ oder „Weight loss coffee“ auf den Markt.
    Gewarnt wird auch vor der Industriechemikalie 2,4-Dinitrophenol. Sie wird eigentlich bei der Herstellung von Farbstoffen, Holzschutzmitteln, Insektiziden und Sprengstoffen eingesetzt. Bei einer längeren Einnahme durch den Menschen kann es zu Schäden der Leber und Niere sowie dem Herz-Kreislauf- und dem Nervensystem kommen. Laut BVL gab es in verschiedenen Ländern Todesfälle, die auf den Verzehr der Substanz zurückzuführen sind.
    Auch die Kombination von Synephrin und Koffein bereitet der Behörde Sorgen. Die chemische Substanz erhöht den Energieverbrauch des Organismus und wird auf der Zutatenliste oft als Bitterorangenextrakt geführt. Zusammen mit Koffein gefährdet Synephrin das Herz-Kreislauf-System. Die Folgen reichen bis hin zum Herzinfarkt.
    Das BVL rät zu einer gesunden Skepsis, wenn schnelle Erfolge beim Abnehmen versprochen werden. Vorsichtig sollten Verbraucher sein, wenn die Angebote ausschließlich im Internet vertrieben werden. Auch sollten Verbraucher Schlankheitsmittel nicht von Privatpersonen kaufen und sich im Impressum der Webseite des Anbieters von dessen Vollständigkeit vergewissern. „Informieren sie sich vor dem Kauf über die Ihnen unbekannten Zutaten“, raten die Experten weiter. Gerade diese könnten illegale Beigaben enthalten. Im Zweifel sollte der Rat eines Arztes oder Apothekers eingeholt werden.
    Der Markt für diese Nahrungsergänzungsmittel ist kaum reguliert. Anders als bei Arzneien müssen diese Substanzen keine aufwändigen Prüf- und Genehmigungsverfahren durchlaufen. Sie sind eigentlich nur dazu bestimmt, eventuell fehlende Nahrungsbestandteile wie etwa Vitamine oder Eisen, zu ergänzen. Wie Medikamente dürfen sie hingegen nicht wirken. Doch das wird nur in Stichproben untersucht.

  • Essen ohne Arbeit?

    Die Vorstellung eines von einer Arbeitsleistung unabhängigen Grundeinkommens widerspricht in jeder Hinsicht dem traditionellen Denken. Wer nicht arbeitet, wird im Sozialstaat zwar alimentiert, zum Beispiel über Hartz IV. Doch von der Gesellschaft erbrachte Leistungen für jene, die keine Arbeit finden oder nicht arbeiten können, sind an harte Bedingungen geknüpft. So bleibt im Kern die archaische Formel, wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, eine abgemilderte Grundlage des Gesellschaftsbildes.
    Trotzdem findet die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens auch bei Arbeitgebern immer häufiger Resonanz. Denn die vielen globalen Veränderungen dieser Epoche verlangen bisher nicht denkbare Wege, den sozialen Frieden und gleichzeitig die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft zu erhalten. Die Digitalisierung und die damit verbundene Rationalisierung der industriellen Produktion wird Millionen Arbeitsplätze überflüssig machen. Ob zugleich wie nach früheren technologischen Revolutionen anderswo eine ausreichende Zahl neuer Beschäftigungsmöglichkeiten entsteht, ist völlig offen. Zugleich wächst die Bevölkerung und damit das Arbeitskräftepotenzial weltweit weiter an. Die Wirtschaft benötigt womöglich bald viel weniger Menschen, um noch mehr herzustellen. Ein Aufstand der Chancenlosen ist dann nur eine Frage der Zeit.
    Eine Existenzsicherung gibt es in Deutschland mit Hartz IV und der Grundsicherung bereits. Es ist sogar vergleichsweise üppig. Eine Familie mit zwei Kindern kommt auf rund 1.600 Euro im Monat.
    Doch ist diese Sozialleistung zugleich ein gesellschaftliches Stigma und wird von einem hohen Druck flankiert, jede erdenkliche Tätigkeit anzunehmen. Das lässt sich rechtfertigen, so lange es für alle auch eine Chance gibt, sich von der eigenen Arbeit zu ernähren, in dem man sich fit macht für die Anforderungen des Arbeitsmarktes. Wenn es diese Option nicht mehr gibt, verliert die herkömmliche Alimentation ihre Legitimation. Die staatlichen Leistungen ohne Bedingungen zu gewähren, könnte theoretisch eine Antwort auf diese Entwicklung sein.
    In der Praxis bleibt die Idee jedoch noch lange eine Utopie, zumindest in der Reinform. Diese sieht ja vor, dass das bedingungslose Grundeinkommen zum Leben ausreicht. Das ist unbezahlbar und den aktiv Beschäftigten auch nicht vermittelbar. Selbst das in Finnland laufende Experiment begrenzt die Zahlungen an die Versuchsgruppe auf 560 Euro. Da bleibt der Druck, nur durch Arbeit ein ausreichendes Einkommen erzielen zu können, erhalten. Man darf gespannt sein, welche Erfahrungen die Finnen in den kommenden zwei Jahren sammeln.
    Die Risiken einer generellen Einführung des Grundeinkommens sind vielfältig und vermutlich gar nicht recht abschätzbar. Die Kosten sind ein Aspekt. Arbeitnehmer und Unternehmen müssten viele Milliarden Euro dafür bereitstellen. Die Befürworter errechnen andererseits zwar auch Einsparungen, weil zum Beispiel große Teile der Sozialverwaltung abgebaut werden könnten. Doch an ein Nullsummenspiel glauben nicht einmal die größten Optimisten. Gar nicht zu beziffern wären zu erwartende Mitnahmeeffekte durch Menschen, die nur aufgrund dessen nach Deutschland kämen. Als nationale Sozialleistung ist das bedingungslose Grundeinkommen daher nicht vorstellbar.
    Unwägbar sind auch die Folgen für den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft insgesamt. Realistisch betrachtet würde sich für unattraktive, ungesunde schwere oder schlecht bezahlte Tätigkeiten kaum noch ein Bewerber finden. Trotzdem müssen diese Arbeiten erledigt werden. Denn auch zukünftig werden Roboter nicht alles übernehmen können. Eine positive Seite hat es auch. Das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Arbeitnehmern ändert sich vermutlich, wenn der Beschäftigte weiß, dass er nicht allzu tief fallen kann, wenn man sich trennt. Riskant ist ein Grundeinkommen auch in Hinblick auf die junge Generation. Denn der materielle Anreiz zu einer guten Ausbildung verliert an Gewicht, wenn sich die schönste Zeit des Lebens auch ohne mühevolles Lernen verbringen lässt. Alles in allem überwiegt die Gefahr, dass die Wirtschaft an Leistungsfähigkeit verliert. Dann fehlt wiederum die finanzielle Kraft zur Finanzierung eines akzeptabel hohen Grundeinkommens.
    Dennoch ist eine Debatte über die soziale Gestaltung einer Gesellschaft, deren Wirtschaft zwar großen Wohlstand erzeugt, die aber nicht mehr allen Arbeit und Perspektive bieten kann, angezeigt. Mit den herkömmlichen Denkmustern ist dieses Problem nicht lösbar. Es braucht neue Wege, selbst wenn sie erst einmal unrealistisch erscheinen.

  • Vom Goldrausch zum Megakater

    Am Neuen Markt verbrannten sich große und kleine Anleger vor 20 Jahren mächtig die Finger. 2017 will die Deutsche Börse wieder ein Segment für kleine und mittlere Unternehmen starten. Alte Fehler will die Börse vermeiden.

    Viele der einst für Furore sorgenden Wachstumsfirmen sind in Vergessenheit geraten. Sie wurden mal als grandiose Vorreiter des Internetzeitalters gehandelt wie der zeitweilige Branchenliebling Pixelpark. Mal wollten sie wie Mobilcom mit Billigangeboten der Telekom Konkurrenz machen, mal wie EM.TV den Medienmarkt aufmischen. In der kurzen Lebenszeit des Börsensegments Neuer Markt schien der Traum real zu werden, aus dem Nichts durch clevere Technologien und Geschäftsmodelle Milliardenwerte zu schaffen. Es begann vor fast 20 Jahren, im März 2017. Und die Erinnerung daran wird bei vielen Anlegern von damals noch heute reichlich Ärger auslösen.
    In kurzer Zeit drängten immer mehr junge Unternehmen an die Börse. Waren es zwischen 1987 und 1997 gerade einmal 16 Firmen, gab es allein in den drei folgenden Jahren 339 Erstnotizen in den Handelssälen. „Es war eine Art Goldrausch“, erinnert sich ein Börsianer. Die Tragfähigkeit der Geschäftsmodelle wurde praktisch nicht kontrolliert, die Wachstumsphantasien der Manager kaum hinterfragt. „Manche Firma bestand nur aus zwei Leuten, hatte kein operatives Geschäft und niemand wusste, was sie eigentlich machen“, sagt der Experte.
    Doch die Aktienkurse stiegen trotz der Unwägbarkeiten rasant an. Denn immer mehr Anleger kauften die Wertpapiere blind. Gewinne von mehreren Hundert Prozent gegenüber dem Ausgabekurs waren nicht selten. Beim Rekordstand im Jahr 2000 kamen die 339 Unternehmen des Neuen Marktes zusammen auf einen Wert von 234 Milliarden Euro. „Die Leute haben so viel Geld eingesetzt, dass sich eine Blase bilden musste“, erläutert Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut (DAI) rückblickend. Die Zahl der Aktienbesitzer in Deutschland hat sich in dieser Phase verdoppelt. Fast jeder sechste zockte damals mit.
    Das erste Alarmzeichen gab es nur zwei Monate nach dem Höchststand. Mit Gigabell musste das Börsensegment die erste Insolvenz des Neuen Marktes verkraften. Danach ging es bis zum Ende des Neuen Marktes steil bergab. Rund 200 Milliarden Euro verbrannten Anleger in dieser Zeit. Das Desaster hatte mehrere Gründe. Es mangelte vielen Firmen an einem nachhaltigen Konzept. Dazu fehlte die Kontrolle der Prognosen. Unerfahrene wie professionelle Anleger erfasste zudem die Gier nach schnellen Gewinnen. Und die Strukturen des Neuen Marktes ermöglichten kriminelle Machenschaften.
    Die Liste der nachgewiesenen oder vermuteten Verfehlungen ist beeindruckend lang. Einer der Vorstände musste wegen gewerbsmäßigen Betrugs, Bilanzfälschung und Insiderhandel für siebe Jahre ins Gefängnis, der Chef der einstigen Vorzeigefirma EM.TV, Thomas Haffa, kam mit einer Geldstrafe davon. Immer wieder kamen Insidergeschäfte und Luftbuchungen für die Bilanz ans Licht. Das löste neben dem Kursturz am Ende auch einen bis heute anhaltenden Vertrauensverlust in den Aktienmarkt aus. „Diese Skepsis geben Eltern oft an ihre Kinder weiter“, bedauert der Sprecher der Deutschen Börse, Patrick Kalbhenn. Das Finanzwissen müsse im Schulunterricht verbessert werden.
    Der Boom an der Börse hatte aber auch eine tiefere Ursache, den Glauben an einen stetig wachsende Wirtschaft ohne Inflation. „Damals herrschte eine extrem optimistische Ökonomiesicht vor“, sagt der Bremer Ökonom Rudolf Hickel. Wie beim Beginn der Weltwirtschaftskrise vor fast 100 Jahren habe die Illusion zugenommen, über Aktien an den Gewinnen der Wirtschaft teilhaben zu können. Das sieht Hickel als schweren Fehler an. „Übersehen wurde die für derartige Phasen neuer technologischer Schübe auftretende Spekulationswucht der Finanzmärkte“, stellt er fest. Die daraus entstehende Blase sei folgerichtig geplatzt. Die reale Produktion rückte damit wieder in den Mittelpunkt der Ökonomie.
    Im kommenden März startet die Deutsche Börse wieder ein neues Börsensegment. Allerdings sollen sich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. "Die Unternehmen brauchen ein Geschäftsmodell, dass sich bereits bewährt hat“, betont Kalbhenn. Drei von fün Kernbedingungen muss jede der Firmen erfüllen. Dazu zählen ein Mindestumsatz von zehn Millionen Euro, die Beschäftigung von 20 Mitarbeitern oder ein positives Eigenkapital. „Das wird dafür sorgen, dass keine Phantasiewerte an die Börse gehen“, hofft Leven. Der deutschen Wirtschaft soll damit der Zugang zu Kapital erleichtert werden. „Das Segment ermöglicht kleinen und mittleren Unternehmen, ins Blickfeld internationaler Investoren zu geraten", wirbt Kalbhenn um Vertrauen.
    Einen Namen für das neue Segment haben die Frankfurter noch nicht bekannt gegeben. In einem Wettbewerb reichten die Teilnehmer über 500 Vorschläge ein. Bei den Favoriten klärt die Deutsche Börse nun die internationalen Markenrechte. Rechtzeitig vor dem Start soll die Prüfung abgeschlossen und der Sieger gekürt sein. Ein Name wird es laut Leven sicher nicht sein. „Das ist kein neuer Markt 2.0“, glaubt er.

  • Der digitale Concierge

    Chatbots als Helfer für Dienstleistungen

    Guten Tag, ich bin Otto. Ich bin ein Bot, der dich durch die App begleitet. Wer erstmals den Messengerdienst „wire“ benutzt, dem stellt sich Roboter Otto vor. Er sieht ein bisschen aus, wie die Schmalspurversion von R2D2 aus dem Film „Star Wars“. Otto kann mit den Armen wedeln, die Augen wackeln lassen und ist immer nett und freundlich. Schreibe mir etwas, um weiter zu machen, fordert Otto. „Hallo“, schreibe ich. „Prima“, erwidert Otto. Dann will er mir zeigen, wie man Zeichnungen macht, wie Sprachaufnahmen funktionieren.

    Otto und seine Kollegen sind so etwas wie digitale Helfer. Sie sollen gestresste Mitarbeiter entlasten, für schnelleren, besseren und preiswerteren Service sorgen, für sämtliche Angebote, digitale wie analoge. Ihr Job: Die Kommunikation zwischen Mensch und Firma, zwischen Nutzer und Dienstleister. In Deutschland steht man bei der Anwendung von Chatbots im Kundenservice noch relativ am Anfang. „Im Prinzip geht es hier um eine Weiterentwicklung der Telefonhotline und der Kundenbetreuung“, sagt Peter Meyer, Experte für IT-Sicherheit beim Verband der Internetwirtschaft eco.

    Noch würde man in vielen Branchen den Dialog mit dem Roboter als „Science-Fiction“ bezeichnen. Doch laut Meyer wird es in wenigen Jahren für den Verbraucher nicht mehr zu erkennen sein, ob man mit einem Menschen oder mit einer künstlichen Intelligenz spricht. Sprachprogramme wie Siri zeigten bereits, wie weit die Technik derzeit sei. Spätestens in fünf bis zehn Jahren soll die Technologie deutlich professioneller sein, vermutet Meyer. Dann könnte Siri beispielsweise Urlaubsreisen nach den Vorlieben des Nutzers selbstständig buchen. Der Mensch muss nur noch die Bestätigung für die passgenaue Reise klicken.

    Ich will eine Sprachnachricht aufnehmen und verschicken. Doch ich berühre an der falschen Stelle das Smartphone-Display. „Das war leider nicht ganz richtig“, schreibt Otto. „Probiere es noch einmal.“ Otto ist geduldig und allzeit bereit zu helfen. Am frühen Morgen, an Feiertagen, mitten in der Nacht.

    Thomas Wilde und seine Kollegen schaffen die technischen Voraussetzungen für solche digitalen Helfer wie Otto. „Unsere Social-Media-Lösungen nutzen insbesondere Firmen, die mit ihren Kunden regelmäßig im Dialog stehen“, sagt Wilde. Er ist Geschäftsführer von BIG Social Media in Berlin. Die Telekom oder die Internetfirma 1&1 gehören zu seinen Kunden, Supermärkte, Automobilhersteller, jegliche Art von Dienstleistern. Wildes Unternehmen schließt eine Lücke, die die Digitalisierung und die sozialen Medien aufgetan haben: Das Kommunikationsverhalten der Menschen hat sich verändert. Gab es früher Probleme mit der Lieferung von Waren oder kamen Fragen zu einer Werbeaktion auf, suchte sich der Kunde die passende Abteilung im Unternehmen dafür. Heute werden Anfragen vermehrt zentral von einer Stelle aus gesteuert. Wildes Software organisiert, ordnet und verwaltet die Flut an Informationen und Anfragen.

    45 Mitarbeiter hat die BIG Social Media GmbH. Vor allem Informatiker arbeiten für das Berliner Unternehmen. Sie legen Wissensdatenbanken an, programmieren die Algorithmen. Seit zehn Jahren gibt es die Firma. Start-up-Atmosphäre herrscht noch immer, zumindest was die Begeisterung für den Job angeht. Aber die Nachfrage, vor allem nach den Bots, hat die Firma schnell wachsen lassen. „Das Thema stand lange nur in der Spieleecke“, sagt Wilde. „Viele Serviceentscheider haben nicht an den Erfolg der Bots geglaubt.“ Heute ist den meisten Dienstleistern klar: Kundenservice am Telefon ist viel zu teuer. Service über Messenger oder soziale Netzwerke spart jede Menge Geld.

    Die Programmierer nutzen einen einfachen Trick. In der Regel stellen die Kunden immer die selben Fragen. Warum funktioniert mein Internet nicht? Wo bleibt mein Paket? Wann kommt das neue iPhone? Anstelle eines menschlichen Mitarbeiters, der die immer gleichen Dialoge abspult, übernimmt der Bot, eine künstliche Intelligenz, die Anfrage. „Der Bot ist immer da“, sagt Geschäftsführer Wilde. Obwohl eine Maschine ihr Anliegen betreut, fühlen sich die Verbraucher gut aufgehoben. Schließlich spricht das Unternehmen mit den Kunden. Kein Frust beim Nutzer, kein Druck beim Servicepersonal. Kommt der Bot nicht weiter, gibt er in der Regel an den Menschen ab. Der berät dann in verzwickten Fällen. Oder wenn die Maschine schlichtweg nicht versteht, was der Mensch will.

    Bot Otto will mir zeigen, wie ich mit dem Messenger Bilder zeichnen kann. Doch das interessiert mich nicht. „Gibt es einen Gruppenchat?“ frage ich. „Wenn Worte nicht ausreichen, kannst du auch ein GIF verschicken“, sagt Otto. Otto hat mich nicht verstanden.

    Die Idee der Mensch-Maschine-Kommunikation gibt es seit den 1970er Jahren. Was damals als beschwerliche Programmieraufgabe galt, ist heute technisch kaum noch ein Problem. Für IT-Giganten wie Facebook oder Google ist die Arbeit mit künstlicher Intelligenz das Geschäftsmodell der Zukunft. Messenger-Dienste wie Whatsapp oder Signal nutzen bereits mehr als eine Milliarde Menschen auf der Welt. Längst geht es nicht mehr nur um die private Nutzung, um Kontakte zwischen Freunden und Familie. Sondern auch um geschäftliche Beziehungen. Bots übernehmen die Automatisierung der Kommunikation, und vereinfachen sie. „Bots müssen die Sprache verstehen und Probleme lösen können“, sagt Wilde.

    Etwa über die Spracherkennung. Ein Beispiel: Wer ein Taxi braucht, meldet sich per Smartphone bei der zuständigen Zentrale. Eine getippte Nachricht ist nicht notwendig, sondern nur die gesprochene Anfrage. Automatisch findet der Bot den Standort des Kunden und schickt das Taxi los. Die Maschine soll perfekter sein als der Mensch, aber sie soll nicht für einen Menschen gehalten werden. „Es sollte für den Nutzer klar sein, dass er mit einem Bot spricht“, sagt Wilde.

    Künstliche Intelligenz ist aus vielen Geschäftsmodellen, aus vielen digitalen Kommunikationsformen, nicht mehr wegzudenken. Aber auch IT-Experte Thomas Wilde weiß, dass die Technologie einen „unheimlichen Manipulationsspielraum“ hat. Die Debatte, um den Einfluss von Facebook auf die Wahl des nächsten US-Präsidenten, Donald Trump, hat dies gezeigt. Oder auch die Aussagen der AfD, Social Bots, als Kommunikationsmittel im Bundestagswahlkampf nicht auszuschließen. Diese Bots sollen dafür sorgen, dass Twitter-Tweets oder Nachrichten mit bestimmten Schlagworten automatisch weiterverbreitet werden. Die Politik sucht noch nach einer passenden Antwort auf die Manipulationsmacht von Algorithmen. Ob ein Gesetz Sinn macht, darüber streiten sich die Experten. Wilde spricht sich für Informationen und Aufklärung über die Nutzung der Technologie aus. Verbieten kommt für ihn aber nicht in Frage.

    Hurra, das war's“, sagt Otto. „Du hast die Grundlagen kennengelernt.“ Otto ist zufrieden mit mir. „Leute teilen eine Menge Bilder. Jetzt bist du an der Reihe, sende mir ein Bild.“ „Tschüss Otto“, schreibe ich. „Das war leider nicht ganz richtig“, antwortet der Bot. Ich steige aus.

  • Digitales Verkehrsnetz nimmt Formen an

    Deutsche Bahn will autonom fahrende Busse und Lkw einsetzen

    Olli erinnert stark an eine große Gondel, die Wanderer und Skifahrer zwischen Berg und Tal befördert. Stattdessen rollt er Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt und Bahnchef Rüdiger Grube in gemächlichem Tempo einmal rund um den Campus EUREF in Berlin. Olli fährt alleine, ohne Fahrer. Im kommenden Jahr soll der autonome Bus dann Touristen im bayrischen Bad Behrenbach vom Bahnhof zum Kurhaus chauffieren. Ein Schelm, wer da an eine kleine Wahlkampfhilfe für den CSU-Minister denkt. „Autonome Fahrzeuge werden den Mobilitätsmarkt revolutionieren“, schwärmt Grube von den Aussichten, „weil Kunden damit öffentliche Verkehre genau dann nutzen können, wenn sie das Angebot brauchen.“
    Damit ist ein weiteres Testfeld für die selbstfahrenden Mobile eröffnet. „Das ist die erste Fahrt eine autonomen Busses in freiem Gelände“, sagt Dobrindt. Die Autobahn A9 in Bayern entlang sausen bereits Fahrzeuge in Eigenregie. Eigenartige Verkehrsschilder sorgten dort jüngst für Verwirrung. Den Autofahrern waren die Markierungsanzeiger für die Navigationssysteme autonomer Fahrzeuge unbekannt. Die Bahn hat auch auf diesem Teilstück viel vor. Gemeinsam mit dem Lkw-Hersteller MAN entwickelt der Konzern die Technologie für das so genannte „Platooning“ weiter. Dabei vernetzen sich fahrende Transporter und können so extrem dicht aufeinander auffahren. Ein Fahrer muss bloß noch im ersten Wagen des Zugs aufpassen. 2018 sollen sie im realen Verkehr debütieren. Kaum ein anderes Unternehmen würde vom autonomen Fahren so profitieren wie die Bahn. Züge ohne Lokführer, Busse und Lkw ohne Fahrer, Güterzüge, die sich selbst zusammenstellen.
    Auch in vielen anderen Unternehmen erzeugt die Digitalisierung eine neue Aufbruchstimmung. Der Trend zum Teilen statt zum Besitzen ist mittlerweile auch in der Automobilindustrie angekommen. Die großen Hersteller wollen von der in den Städten verbreiteten Vernetzung verschiedener Verkehrsträger profitieren. Mit Carsharing-Töchtern DriveNow und Car2Go sind BMW und Daimler dabei, die Medienberichten zufolge angeblich fusionieren wollen. VW hat mit „Moia“ gerade erst eine neue Konzernmarke ins Leben gerufen. Das Unternehmen soll weltweit zu einem der führenden Mobilitätsdienstleister heranwachsen. Digitale Technologien ermöglichen diese Erfolgsphantasien. Denn der Einsatz von Apps auf dem Smartphone verändert das Mobilitätsverhalten. Überall und leicht lassen sich von den Kunden mit den kleinen Programmen die für sie besten Verbindungen abrufen oder buchen.
    Der Megatrend ist jedoch das autonome Fahren. Das Ziel sind fahrerlose Autos, Bahnen, Busse und vor allem Transporter. Wann die Technik sicher einsatzbereit ist, steht noch in den Sternen. Die Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts haben kürzlich in einer Studie das Jahr 2030 als Zeitpunkt genannt, ab dem Roboterfahrzeuge Päckchen, Pakete oder Lebensmittel an die Empfänger in den Städten ausliefern könnten. Daimler forscht an selbstfahrenden Lkw. Die Technologie funktioniert bereits. Die Fahrer könnten sich während ihrer Tour anderweitig beschäftigen, zum Beispiel die Transporte disponieren oder Büroarbeiten erledigen. Die wirtschaftlichen Vorteile autonomen Fahrens liegen auf der Hand. Personal wird effizienter oder eben gar nicht mehr eingesetzt.
    „Ein völlig verändertes Verkehrssystem wird entstehen“, glaubt die Deutsche Bahn. Ein großer neuer Markt entstehe, für „Individuelle Öffentliche Mobilität (IÖV). Da ist viel Raum für digitale Geschäftsmodelle, von der Information über die Buchung bis hin zur Organisation und der Abrechnung von Mobilitätsleistungen. Insgesamt steckt der Konzern bis 2018 eine Milliarde Euro in die Digitalisierung. Diese Summe lässt die Hoffnungen auf die Chancen erahnen. Für die selbstfahrenden Mobile geht nur ein Teil der Summe drauf. Daneben digitalisiert die Bahn ihre Kommunikation mit den Fahrgästen und ihre internen Abläufe. „Wir versprechen uns eine deutliche Effizienzsteigerung“, sagt Grube. Die Bahn hat beste Voraussetzungen dafür, einer der größten Verkehrsanbieter über alle Verkehrsträger hinweg zu werden. Denn neben den Kerngeschäften im Schienenverkehr hat das Unternehmen längst auch beim Carsharing oder dem Fahrradverleih ein Angebotsnetz aufgebaut.

  • Der Fahrautomat kann bald kommen

    Änderungs des Straßenverkehrsgesetzes

    Die Bundesregierung ist sich über ein Gesetz zur Haftung beim automatisierten Fahren weitgehend einig. Der Mensch bleibt am Ende verantwortlich, wenn etwas schief geht.
    Der Kleinbus „Olli“ der Deutschen Bahn hört von selbst auf seine Passagiere. Die Fahrgäste können zum Beispiel sagen, wo sie aussteigen wollen. Ein Fahrer wird nicht mehr benötigt. Das Gefährt wird im kommenden Jahr seine Premiere im öffentlichen Straßenverkehr erleben. Viele Unternehmen, allen voran die Autoindustrie, experimentieren mit selbstfahrenden Autos. Testfelder dafür gibt es bereits. Doch nun schickt sich die Bundesregierung an, auch einige der bestehenden rechtlichen Hürden aus dem Weg zu räumen.
    Das Verkehrs- und das Justizministerium sind sich über die Grundzüge einer Änderungs des Straßenverkehrsgesetzes einig geworden. Details werden noch ausgehandelt, doch wesentliche Eckpunkte stehen dem Vernehmen nach. Dabei geht es um die bald erreichte Vorstufe des autonomen Fahrens. Dabei ist von einem automatisierten Fahren die Rede. Wichtigste Regel ist, dass der Fahrer die Gewalt über das Fahrzeug stets übernehmen können muss. Die Systeme sollen von sich aus melden, wenn sie mit einer Situation überfordert sind.
    Damit liegt die Verantwortung für Unfälle in der Regel bei den Fahrern. Zwar soll die Technik dafür sorgen, dass diese sich während der Fahrt mit anderen Dingen als dem laufenden Verkehr beschäftigen können. Sie können zum Beispiel im Internet surfen oder lesen. Aber wenn es darauf ankommt, müssen sie das Lenkrad wieder in den Hand nehmen.
    Doch wer haftet, wenn die Technik versagt und einen Unfall verursacht? Die Suche nach dem Schuldigen soll eine Art „Blackbox“ übernehmen, wie man sie von Flugzeugen kennt. Das Gerät zeichnet die wesentlichen Daten einer Fahrt auf. Damit lässt sich nach einem Unfall klären, ob die Technik und damit der Hersteller oder der Fahrer für den Schaden verantwortlich ist.
    Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) ist mit den bisher diskutierten Regelungen noch nicht einverstanden. „Der Fahrer darf nicht überfordert werden“, warnt vzbv-Verkehrsexpertin Marion Jungbluth. Das kann nach Einschätzung des Verbandes schnell der Fall sein, wenn zum Beispiel plötzlich eine gefährliche Situation entsteht und der Fahrer sich mit etwas anderem beschäftigt, aber blitzschnell umschalten und das Auto wieder lenken muss. Der vzbv ist für eine klare Haftung der Hersteller für technische Fehler.
    Ungeklärt bleiben vorerst noch ethische Fragen des autonomen Fahrens. Eine Kommission soll die Standards dafür entwickeln, nach denen die Technik programmiert wird. Zwei Vorgaben gibt es von Verkehrsminister Alexander Dobrindt: Muss sich ein System zwischen einem Sachschaden und einem Personenschaden entscheiden, geht stets der Sachschaden vor. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn das Fahrzeug ausweichen muss und nur die Wahl hat, links einen Blumenstand umzufahren oder rechts einen Passanten. Die zweite Vorgabe ist die Gleichbehandlung aller Menschen. Der Roboter darf also nicht so programmiert werden, dass eher einen Rentner umfährt als ein kleines Kind.
    Das Gesetz zum automatisierten Fahren wird wohl noch in den nächsten Wochen fertiggestellt und beschlossen. Danach muss der Bundestag die Regelungen debattieren. Es wird wohl eines der wenigen größeren Vorhaben sein, die die große Koalition im Wahljahr noch umsetzen kann.

  • Spitzel im Kinderzimmer

    Puppen, Roboter und Lerncomputer greifen Daten ab

    Zu Weihnachten könnte sie die neue Freundin vieler Kinder werden. Cayla ist blond, knapp 45 Zentimeter groß, liebt die Farbe pink, Ballett und die Schule. Und sie weiß Millionen Dinge, wie die Hersteller versprechen. Zum Beispiel welches das größte Tier der Welt ist, wie viel fünf Mal zwanzig macht oder dass Deutschland Fußballweltmeister ist. Cayla kann auf nahezu jede Frage antworten, sie kennt sich mit Rechnen und Buchstabieren aus.

    Cayla ist keine gewöhnliche Puppe, in ihr steckt einiges an Technik. Per Bluetooth verbindet sie sich über Smartphone oder Tablet mit dem Internet. Dort sucht sie dann die passenden Antworten auf die Fragen der Kinder. Leuchtet das Herz, das um ihren Hals hängt, ist sie sprechbereit. Außerdem kann man mit Cayla Memory auf dem Tablet spielen Fotos anschauen oder sich Geschichten erzählen lassen. Doch Cayla ist nicht nur irgendein Spielzeug mit technischen Finessen. Sie ist auch auf Datenraubzug im Kinderzimmer.

    Das befürchten zumindest Verbraucherschützer. Der norwegische Verbraucherrat hat in einer Erhebung herausgefunden, dass Dritte per Smartphone ganz einfach die Kontrolle über die Puppe gewinnen können. Damit könnten sie der Unterhaltung zwischen Kindern und Cayla folgen und diese aufzeichnen. Hinzu kommt sogenanntes verdecktes Marketing: Laut Experten spricht Cayla gerne darüber, wie sehr sie Disney-Filme liebt. Diese Vorliebe ist kein Zufall. Disney ist indirekt beteiligt, damit Cayla funktioniert.

    Auch in Deutschland sind Produkte wie Cayla, aber auch die sprechende Barbie, der Roboter „i-Que“ oder der Lerncomputer Vtech im Visier von Verbraucherschützern. „Kinder werden als Marketing-Objekt missbraucht“, sagt Carola Elbrecht, Referentin im Projekt digitale Marktwächter der Verbraucherzentralen. „Es wird erfasst, womit sich die Kinder beschäftigen und die Antworten ausgewertet.“ Das Wissen über die Lieblingsfarben der Kinder, über die Kleider, die sie besonders gerne anziehen, über Berufswünsche und das Mittagessen, das sie nun gar nicht mögen, ist für die Unternehmen enorm wertvoll. Daraus lassen sich Interessensprofile erstellen und die Daten vermarkten.

    Die Nähe zum US-Entertainment Unternehmen Disney halten die Verbraucherschützer für besonders problematisch. Millionen Kinder weltweit sind Fans von Eiskönigin Elsa, Cinderella oder Meerjungfrau Arielle. Nicht nur die Filme spülen viel Geld in die Kassen des Unternehmen, sondern auch Spielzeug, T-Shirts, Handtücher, Schreibwaren, die mit dem Film verkauft werden. Mit der Fangemeinde steigt der Umsatz.

    Die Deutschen geben bis zu drei Millionen Euro jedes Jahr für Spielzeug aus. Bisher machen die digitalen Angebote nur einen geringen Teil aus, aber die Nachfrage steigt. Auch Nicole Maisch, Sprecherin für Verbraucherpolitik bei den Grünen im Bundestag, spricht von einem Missbrauch privater Daten zu Werbe- und Marktforschungszwecken im Spielzeugbereich. „In der Regel geschieht dies, ohne dass sich die Kinder oder ihre Eltern dieser Gefahr bewusst sind“, sagt Maisch. „Von Datensouveränität der Nutzern kann nicht mehr die Rede sein.“ Gerade Kinder müssten besser vor Spielzeugen, die als Spitzel für Unternehmen fungieren, geschützt werden.

    Kritisch sieht sie auch die Datensicherheit. Der Hackerangriff auf die Telekom vor wenigen Tagen ist für sie ein eindeutiges Beispiel dafür, wie zerbrechlich der Schutz der Daten ist. Auch der Fall Vtech im vergangenen Jahr hat sie alarmiert. Damals wurden die Zugangsdaten von knapp 12 Millionen Nutzern der Lerncomputer und Online-Plattformen geknackt. Vermutlich wurden auch Tausende Fotos von Kindern und Eltern heruntergeladen.

    In Deutschland werden „My Friend Cayla“ und der Roboter „i-Que“ von der Firma Vivid in Nauheim vertrieben, im Auftrag des Herstellers Genesis. Man nehme die Bedenken äußerst Ernst, da die Sicherheit der Verbraucher und ihre Produkterfahrungen oberste Priorität darstellten, teilt das Unternehmen mit. Derzeit arbeite man mit dem Hersteller zusammen, um die angesprochene Thematik näher zu untersuchen und zeitnah eine konkrete Antwort darauf geben zu können.

    Die Grünen fordern die Bundesregierung auf, beim Datenschutz die Privatunternehmen stärker in die Pflicht zu nehmen. Dazu zählt für Verbraucherschutzexpertin Maisch beispielsweise, dass Informationen nicht an Dritte weitergegeben werden dürfen. Was mit den Daten passiert, muss den Nutzern klar sein – auch dabei sollen die Anbieter mehr Transparenz zeigen. Wie aus einer Antwort auf eine Anfrage der Grünen hervorgeht, hat die Bundesregierung das Thema bisher noch nicht wirklich erkannt. Selbst Maßnahmen, um Kinder und Eltern sensibler für den Datenklau zu machen, gibt es bisher kaum.

    Verbraucherschützerin Elbrecht will Kinder weder unter eine „Glasglocke setzen“ noch von jeglicher Digitalisierung fern halten. „Die Spielwelt verändert sich natürlich“, sagt die Juristin. „Aber man sollte die Kinder schrittweise an digitale Spielzeuge heranführen.“ Sie appelliert an die Eltern, sich die Datenschutzbestimmungen bei den Angeboten genau anzuschauen – bevor Puppe, Roboter oder Lerncomputer unter dem Weihnachtsbaum liegen. „Es handelt sich um einen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Kinder, dem die Eltern zustimmen“, sagt Elbrecht.

    Die neue EU-Grundschutzverordnung, die ab Mai 2018 gilt, soll Missbrauch von Daten vorbeugen. Was mit Informationen passiert, die die EU verlassen und etwa in den USA verwendet werden, bleibt unklar. „Ein erhebliches Datenrisiko gibt es nach wie vor“, sagt Elbrecht. Dies dürften Verbraucher nicht außer Acht lassen.

  • Auf der Sonnenseite

    Marokko baut die Energieversorgung der Zukunft

    Wenn sie Wasser braucht, holt Noara Moukhlis den Esel aus dem Stall. Beladen mit leeren Flaschen führt sie das Tier an den rund zwei Kilometer entfernten Brunnen. Der Esel trägt ihr die vollen Wasserflaschen zurück zum Haus. Moukhlis lebt in Tasselant, einem Berberdorf unweit von Ouarzazate im Süden Marokkos.

    Knapp eine halbe Stunde von Noara Moukhlis Haus entfernt, beginnt die Zukunft der Energieversorgung: Hightech inmitten der marokkanischen Geröllwüste. Ingenieure und Fachleute aus der ganzen Welt bauen ein gigantisches Solar-Kraftwerk. Noor – übersetzt „Licht“ – heißt die Mega-Baustelle. Mindestens 800.000 Tonnen CO2 soll Noor pro Jahr einsparen. Läuft die komplette Anlage, kann das Kraftwerk rund 1,3 Millionen Menschen mit Strom aus Solarenergie versorgen.

    Noor ist ein Kraftwerk der Superlative. Über eine halbe Million an Parabolspiegeln wurden verbaut, eine Fläche von über 1200 Quadratmeter mit den Spiegelrinnen gespickt. Derzeit wird an einem 240 Meter hohen Solarturm gebaut, auf den Tausende Heliostate ausgerichtet werden. Bei voller Leistung liefert die Anlage sieben Stunden an Energie. Drei Milliarden Euro kostet das Mega-Projekt. Deutschland steuert knapp 830 Millionen Euro bei. Und auch die deutsche Wirtschaft profitiert. Siemens lieferte Turbinen, der Mittelständler Schott die Spiegel, Fachleute des Ingenieurbüros Lahmeyer beraten die Betreiber. Bisher ist nur ein Teil von Noor in Betrieb. Bis Ende 2017 soll der komplette Bau fertig sein.

    2.000 Menschen arbeiten nahezu rund um die Uhr auf der Baustelle: Marokkaner, Spanier, Chinesen. Noara Moukhlis Mann ist einer davon. Er arbeitet in der Küche der chinesischen Arbeiter. Sechs Tage die Woche, acht bis zehn Stunden. Der Bau muss vorankommen, deshalb steht auch nachts die Baustelle nicht still. Noara Moukhlis Mann übernachtet bei den Chinesen. Erst am siebten Tag kehrt er zu seiner Familie zurück.

    Wie viel er verdient, sagt sie nicht, aber das Einkommen der letzten Monate reichte, um in ein größeres Steinhaus zu ziehen. Trotzdem fühlt sich Moukhlis ungerecht behandelt. „Mein Mann arbeitet sehr hart“, sagt die 27-Jährige. Ihr Blick ist Ernst, das schwarze Kopftuch lässt ihre feinen Gesichtszüge noch strenger erscheinen. Aber andere, bessere Jobs gebe es für die Leute aus dem Dorf auf der Baustelle nicht, sagt sie. Für die würden Männer aus den Städten bevorzugt. Noara Moukhlis gehört zu den wenigen im Dorf, die einen Schulabschluss haben. Ihr Mann hat gerade einmal die Grundschule besucht.

    Zuständig für die Umsetzung des Solar-Kraftwerks ist die marokkanische Behörde für Solarenergie (Masen). Und die will alles richtig machen. Bis 2030 will Marokko mehr als 50 Prozent seiner Energieversorgung vor allem über Sonne und Wind decken. Dem König des Landes, Mohammed VI., geht es um den Klimaschutz, aber auch um ein Ende der Abhängigkeit von Energieimporten aus Algerien oder Spanien. Irgendwann in der Zukunft will Marokko sogar Europa mit Strom versorgen. Die Energie aus der Sonne soll dann nach Spanien und Portugal fließen. Konkrete Pläne gibt es bereits.

    Noor hat Tarik Bourquouquou zurück nach Marokko gelockt. In Frankreich und Spanien hat der Ingenieur studiert. Jetzt arbeitet er für die marokkanische Energiewende. „Ich bin stolz auf Noor“, sagt Bourquouquou. „Das Projekt ist enorm wichtig für die Region. Es bringt den Menschen Jobs – und sie sammeln Spezialwissen, das sie an andere weiter geben können.“

    Bourquouquous Arbeitgeber will nicht nur die marokkanische Energiewende vorantreiben, sondern vor allem etwas gegen die Armut im Land tun. Dank Noor wurden Straßen und Wasserleitungen gebaut. Auch in Noara Moukhlis Dorf soll die Wasser- und Energieversorgung verbessert werden. Kleine Betriebe in der Region bekommen Aufträge, wenn es um Transporte geht, um die Installation von Sanitäranlagen. Auch bei der Materialauswahl wird auf ein „Made in Marocco“ geachtet. Ein Beispiel: Für die Pfeiler, auf denen die Heliostate angebracht werden, wollten die Konstrukteure ursprünglich Stahl verwenden. Da der in Marokko so nicht zu bekommen war, wichen die Bauleiter auf Beton aus.

    Von den knapp 2.000 Arbeitern auf der Baustelle kämen laut Bourquouquou rund 85 Prozent aus Marokko. Doch für die komplizierte Anlage werden Fachleute gebraucht: Schweißer, Techniker, Konstrukteure. In der Nähe gibt es nicht viele davon, sagt der 36-Jährige.

    Die Region rund um Ouarzazate zählt zu den ärmsten des Landes. In der kargen Geröllwüste ist Landwirtschaft und Viehzucht, wie sie die Bewohner aus Moukhlis Dorf betreiben, mühsam und hart umkämpftes Tagewerk. Die lokale Wirtschaft der Stadt Ouarzazate lahmt seit Jahren. Als Jobmotor galt die Filmindustrie. „Gladiator“ und „Der Medicus“ wurde vor den Toren der Stadt gedreht. Sogar in „Game of Thrones“ diente die karge Kulisse den Serienhelden als Spielwiese. Doch in Zeiten, in denen in der Branche der Preiskampf regiert, kommen immer weniger Produzenten mit ihren Teams nach Marokko. Gastronomie, Handel und Hotellerie leiden. Denn die Ausländer brachten Jobs und Umsatz.

    Boris Schinke, Marokko-Experte bei der Nichtregierungsorganisation Germanwatch, kennt den Ärger der Bevölkerung aus der Region rund um Noor. „Die Bekanntgabe des Kraftwerksstandorts und seines finanziellen Umfangs sowie aus dem Zusammenhang gegriffene Arbeitsplatzzahlen haben in weiten Teilen der Bevölkerung zu übersteigerten Erwartungen geführt“, sagt Schinke. Noor war der Heilsbringer, der Tausenden Menschen zu Jobs verhelfen sollte. Für den Entwicklungsexperten Schinke liegen die Ursachen für den Frust aber an anderer Stelle: „Die eigentlichen Gründe liegen viel eher bei den jahrzehntelangen Entwicklungsversäumnissen in der Region, aber auch bei Defiziten im öffentlichen Bildungs- und Ausbildungssystem.“

    Konkurrenz gibt es nicht nur bei den Jobs, sondern auch beim Wasser. Dürre plagt den Landstrich, jeder Tropfen Wasser ist kostbar, um die Felder zu bestellen. Zur Kühlung des Kraftwerks muss sich auch Noor aus dem nahegelegenen Stausee bedienen. Die Konstrukteure haben bereits auf die teurere Trockenkühlungstechnologie umgestellt und helfen den Oasengemeinden, Wasser zu sparen. „Damit jedoch eine Konkurrenz zwischen Kraftwerk und Bevölkerung gerade angesichts zunehmender Klimarisiken und steigendem Wohlstand auch in Zukunft verhindert werden kann, bedarf es einer regelmäßigen Überprüfung des regionalen Wasserhaushalts und möglicherweise notwendiger Anpassungsmaßnahmen“, sagt Schinke.

    Zurück in Tasselant. Ein angesehener Bauer lädt zu Tee und Gebäck. Stimmengewirr, die Gäste nehmen auf dem bunten Teppich Platz, ein imposanter Kronleuchter spendet sanftes Licht. Noara Moukhlis gießt Tee auf, bricht süßes Brot, reicht Waffeln. Ihre fünfjährige Tochter Saffa zappelt auf dem Stuhl hin und her. Wenn sie lacht, zeigt sich eine riesige Zahnlücke. In fünf Tagen wird Saffas Vater wieder zuhause sein, um wenige Stunden später wieder in den Bus zu steigen, der ihn zu Noor bringt. Spätestens in zwei Jahren wird er das nicht mehr tun müssen. Läuft das Kraftwerk, wird seine Arbeitskraft nicht mehr gebraucht werden. Denn ist der Bau beendet, verschwinden auch die chinesischen Wanderarbeiter und mit ihnen die Hilfsjobs. Doch davon wissen Noara Moukhlis und ihre Familie noch nichts. Sie hoffen auf eine bessere Zukunft.

  • Ein freier Tag mehr und steigende Einkommen

    Das kommende Jahr 2017 bringt wieder viele Neuerungen mit sich

    Einen weiteren Feiertag gibt es mit dem Reformationstag am 31. Oktober, sofern er in einem Bundesland nicht bereits regelmäßig begangen wird. Genau 500 Jahre zuvor leitete Martin-Luther die Reformation und begründete damit die protestantische Kirche.
    Der Mindestlohn wird am 1. Januar 2017 angehoben. Für Geringverdiener gibt es dann mit 8,84 Euro pro Stunden 34 Cent mehr als bisher.
    Das Arbeitslosengeld II, auch Hartz IV genannt, wird im kommenden Jahr erhöht. Der Regelsatz für einen alleinstehenden Empfänger steigt um fünf Euro auf 409 Euro. Kinder zwischen einem Alter von sechs bis 13 Jahren erhalten wie bisher 237 Euro, ältere Kinder 311 Euro.
    Mehr Rente gibt es ab dem Juli 2017 für die rund 20 Millionen Empfänger des Ruhegeldes. Der Aufschlag wird vorläufigen Schätzungen zufolge bis zu zwei Prozent betragen, also 20 Euro bei einer Rente von 1.000 Euro. Die genaue Höhe wird im Frühjahr festgelegt.
    Die Flexi-Rente kommt mit Jahresbeginn. Sie ermöglicht einen flexibleren Übergang in den Ruhestand. Eine neue Teilrente kann dabei mit einer Teilzeitarbeit kombiniert werden. Die Zuverdienstgrenze, bis zu der Arbeit von Frührentnern nicht auf die Rente angerechnet wird, steigt auf 6.300 Euro im Jahr. Darüber hinaus gehende Einkommen werden nur noch zu 40 Prozent angerechnet.
    Die Beitragsbemessungsgrenzen in der Sozialversicherung steigen weiter an. Die Rentenversicherung erhebt Beiträge bis zu einem Bruttoeinkommen von 6.500 Euro monatlich im Westen und 5.700 Euro im Osten. In der gesetzlichen Krankenkassen gilt eine einheitliche Grenze von 4.350 Euro im Monat. Allerdings wir die Pflicht zur Mitgliedschaft in der gesetzlichen Krankenversicherung auf ein Jahreseinkommen von bis zu 57.600 Euro ausgeweitet.
    Weitgehend stabile Beitragssätze gibt es in der Renten- und Krankenversicherung. Teurer wird die Pflegeversicherung, die ab Januar 2,55 Prozent statt bisher 2,35 Prozent des Bruttolohnes kostet. Die Rentenversicherung begüngt sich wie bisher mit 18,7 Prozent. Für die meisten Kassenpatienten wird die Versorgung hingegen kostspieliger, weil die Zusatzbeiträge von den meisten Krankenkassen angehoben werden. Das Ausmaß ist unterschiedlich. Im Durchschnitt macht der Zusatzbeitrag 1,1 Prozent nach bisher 0,9 Prozent aus.
    Der Garantiezins für Lebensversicherungen oder private Rentenversicherungen sinkt weiter. Ab dem kommenden Jahr dürfen die Anbieter maximal 0,9 Prozent Verzinsung für diese Anlagen zusagen. Auf bestehende Verträge wirkt sich diese Änderung nicht aus. Sie müssen wie beim Vertragsabschluss zugesagt bedient werden.
    Über die Riester-Rente müssen die Anbieter der geförderten Verträge künftig genauere Auskünfte erteilen. Ab Januar müssen die Unternehmen ein so genanntes Produktinformationsblatt (PIB) bereithalten, aus denen die Chancen und Risiken der einzelnen Produkte deutlich hervorgehen.
    Diese Vorgabe gilt auch für die Rürup-Rente für Selbständige. Darüber hinaus dürfen Besitzer der offiziell Basis-Rente genannten Altersvorsorge einen größeren Teil ihrer Beiträge als Sonderausgaben von der Steuer absetzen. Der von den Finanzämtern anerkannte Teil der Beiträge steigt von 82 auf 84 Prozent bis zu einem Höchstbetrag von 19.624 Euro.
    Die Betriebliche Altersvorsorge profitiert von einer Anhebung der Beitragsbemessungsgrenzen in der Sozialversicherung. Maximal 3.048 Euro werden im Jahr gefördert, 72 Euro mehr als bisher. In bestimmten Fällen bleiben dazu noch Beiträge bis zu einer Summe von 1.800 Euro steuerfrei.
    Strom wird teurer. Denn die Ökostromumlage, mit der die Verbraucher und Unternehmen die Energiewende mitfinanzieren, erhöht sich im kommenden Jahr um gut einen halben Cent pro Kilowattstunde. Die Umlage steigt damit auf 6,88 Cent. Ein Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 3.500 Kilowattstunden kostet sie dann 240 Euro im Jahr oder 20 Euro pro Monat.
    Eigener Strom kann für manche Haushalte teurer werden. Besitzer von Photovoltaikanlagen müssen für den selbst erzeugten und verbrauchten Strom ab Januar 40 Prozent der Erneuerbare-Energien-Umlage (EEG) bezahlen, nach 35 Prozent in diesem Jahr. Die meisten Eigenheimbesitzer mit Solarzellen auf dem Dach sind nach Angaben der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen von dieser Regelung nicht betroffen. Denn die ersten 10.000 Kilowattstunden sind von dieser Abgabe befreit. Die Verbraucherzentrale rät außerdem dazu, ohnehin geplante Modernisierungen oder Erweiterungen von Solaranlagen 2017 durchzuführen. Denn im darauf folgenden Jahr entfällt die Befreiung von der EEG-Umlage.
    Staubsauger dürfen ab September 2017 nicht mehr alles zeigen, was sie leisten könnten. Denn in der Europäischen Union ab diesem Zeitpunkt dürfen keine Geräte mehr verkauft werden, die mehr als 900 Watt leisten. Das sieht die so genannte EU-Ökodesign-Richtlinie vor. Verbraucher müssen dennoch keine Angst vor verstaubten Wohnungen haben. Diese Leistung reicht für den Hausgebrauch völlig aus.
    Das Energielabel für Elektrogeräte hält nach und nach Einzug in die Fachmärkte. Eine entsprechende EU-Verordnung tritt im Januar in Kraft. Die bisherige Kennzeichnung wie zum Beispiel das A++ entfällt. Bald soll es stattdessen nur noch die Klassen A bis G geben. Bis alle Geräte neu eingruppiert worden sind, wird nach Einschätzung der Verbraucherzentrale NRW noch viel Zeit vergehen. Dagegen ändert sich die Kennzeichnung bei TV-Geräte schon ab dem ersten Januar. Die beste Kategorie ist künftig A++ statt wie bisher A+. Die schlechteste ist E.
    Ade Roaming-Gebühren, heißt es ab dem 15. Juni 2017 und damit pünktlich zu Beginn der Hauptreisezeit. Die Mobilfunkanbieter dürfen für das Telefonieren in den EU-Staaten ebenso wie für das surfen im Internet oder den Versand von SMS nur noch die heimischen Gebühren berechnen. Die teilweise happigen Aufschläge werden verboten. Davon gibt es nur Ausnahmen, wenn Kunden diese Regelung unbotmäßig nutzen, in dem sie zum Beispiel Verträge in einem billigen Land abschließen und in einem teuren wohnen.
    Ausstehende Rundfunkgebühren können künftig auch von Inkasso-Unternehmen eingetrieben werden. Das gilt nach Angaben der Verbraucherzentrale NRW für Nordrhein-Westfalen noch nicht.
    Radfahrer müssen sich anders als bisher im neuen Jahr nach den Ampelzeichen des Autoverkehrs richten. Bisher galten die Lichtzeichen für Fußgänger als Orientierung. Anders sieht es aus, wenn es spezielle Radfahrerampeln gibt. In diesen Fällen müssen sie Radler auf diese achten. Schon seit Mitte Dezember gilt eine neue Regelung, derzufolge Eltern kleiner Kinder mit diesen gemeinsam auf dem Bürgersteig fahren dürfen.
    Rettungsgassen für Krankenwagen, Polizei und Feuerwehr können leben retten. Sie werden künftig nach einem neuen Prinzip gebildet. Wer links fährt, muss bei einem Blaulichteinsatz nach links ausweichen, alle rechts fahrenden Fahrzeuge nach rechts, damit dazwischen eine befahrbare Spur frei wird.

  • Gewalt ist an vielen Arbeitsplätzen präsent

    Niemand sollte den Helden spielen. Denn wer sich wehrt, bringt sich eher in Gefahr. Arbeitgeber müssen für Schutz sorgen.

    Der Zugbegleiter wollte auf einer Fahrt durch das Saarland Anfang Dezember von drei Fahrgästen nur die Tickets sehen. Einer der Passagiere zog daraufhin eine Pistole aus der Lederjacke. „Das ist unsere Fahrkarte“, sagte der Mann. Der Bahnangestellte kam mit dem Schrecken, die Täter bisher ohne Strafe davon. Die Gewalt gegen das Personal in Bahnhöfen und Zügen nimmt zu. 1.800 Übergriffe zählte das Unternehmen im vergangenen Jahr, 20 Prozent mehr als 2014. Inzwischen werden die besonders gefährdeten Beschäftigten mit Pfefferspray bewaffnet. Doch im Zweifel sollen sie sich erst einmal in Sicherheit bringen. „Es muss niemand den Helden spielen“, erläutert der Sprecher der Bahngewerkschaft EVG, Uwe Reitz. Auf notorisch gefährlichen Strecken sind mittlerweile regelmäßig Sicherheitsleute an Bord.

    Gewalt am Arbeitsplatz erleben viele Beschäftigte. Polizisten und Feuerwehrleute werden bei Einsätzen bedrängt, Patienten rasten in Krankenhäusern aus und gehen auf Ärzte und Schwestern los, Ladendiebe verletzen Verkäuferinnen, Vermittler im Jobcenter müssen sich vor wütenden Arbeitslosen in Acht nehmen. Allein bei Diebstählen und Überfällen wurden binnen Jahresfrist im Handel mehr als 1.100 Beschäftigte verletzt. Das ergab eine Studie der Deutschen Hochschule der Polizei und der zuständigen Berufsgenossenschaft BGHW. Deren Kollegen aus dem Gesundheitswesen befragten knapp 2.000 Beschäftigte in Kliniken und Pflegeeinrichtungen. 56 Prozent berichteten von körperlichen Attacken, 78 Prozent waren verbaler Gewalt ausgesetzt.

    Auch Lehrer gehören zu den gefährdeten Berufsgruppen. Doch halten Schulleiter dies gerne unter der Decke. Das beobachtet zumindest der DGB. "Es ist nicht hilfreich, wenn Schulen Gewalt gegen Lehrer unter den Teppich kehren“, kritisiert der DGB-Experte Karsten Schneider. Er sieht auch Mängel bei der Berufsvorbereitung: „Es fehlt in der Lehrerausbildung der Umgang mit Konfliktsituationen."

    Doch wie können Arbeitnehmer sich vor Übergriffen schützen? Das ist vor allem eine Aufgabe der Arbeitgeber. Damit steht es nicht immer gut. „Unternehmen und Behörden müssen akzeptieren, dass Kunden in den vergangenen Jahren immer aggressiver geworden sind“, sagt Matthias Neu, der an der Hochschule Darmstadt regelmäßig einen Kunden-Konfliktmonitor erstellt. Die alle zwei Jahre erstellte Studie belegt ein seit 2004 stetig anwachsendes Aggressionsverhalten. Vor allem müsse mehr für Schulungen zur Deeskalation getan werden. Neu stellt allerdings auch fest, dass die private Wirtschaft zunehmend Präventionsmaßnahmen ergreift.

    Arbeitnehmer können selbst vor allem durch eine erhöhte Aufmerksamkeit frühzeitig auf potenzielle Gefahren reagieren, auf die Tonlage des Kunden achten, Verständnis zeigen und bei einer Verschärfung einen Kollegen zum Gespräch hinzuziehen. Gegen geplante Überfälle hilft das allerdings nicht. Im Zweifel geht die eigene Sicherheit vor, rät EVG-Sprecher Reitz. „Wenn der Arbeitgeber die Sicherheit nicht gewährleisten kann, darf die Arbeit unterbrochen werden“, erläutert er. Auf gut deutsch ist Flüchten bei einer Bedrohung erlaubt.

    Wenn es trotz aller Vorsicht zu einem Übergriff kommt, berichten Experten von Folgeproblemen. So ist mitunter nicht geklärt, ab welcher Eskalationsstufe ein Konflikt als Gewalt eingestuft und Strafanzeige erstattet wird. Überfälle ernst zu nehmen spielt zum Beispiel für die spätere Unterstützung durch eine Berufsgenossenschaft eine wichtige Rolle. „Es ist wichtig, dass das Unternehmen einen Überfall meldet“, betont Siegrid Becker von der Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik (BGHW). Die BGHW bietet dann eine psychologische Soforthilfe an. Auch für die medizinische Reha ist sie zuständig. „Verletzungen müssen nicht immer körperlicher Natur sein, und es ist legitim, nach einem Überfall psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen“, macht die Berufsgenossenschaft den Betroffenen Mut.

    Ein Gewalterlebnis löst bei Betroffenen häufig ein Trauma aus. Ein weiteres kann später noch folgen, wie Gewerkschafter Schneider beobachtet. Denn Staatsanwälte oder Richter würden Verfahren gegen Täter allzu oft wegen Geringfügigkeit einstellen. "Das erleben Opfer häufig als zweiten traumatisierenden Schlag“, kritisiert Schneider.

    „Mehr Schutz und Sicherheit im Öffentlichen Dienst“ fordert auch die Jugend des Deutschen Beamtenbundes (dbb) in einer Kampagne. Auf der Internetseite www.angegriffen.info hat die Initiative aus Nordrhein-Westfalen Tipps zur Prävention, aber auch einen „Kummerkasten“ für Betroffene bereitgestellt. Die dort veröffentlichten Erfahrungsberichte geben ein bedenkliches