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  • Es bewegt sich was

    Nach langem Geht-schon wird die Bahn umgebaut

    Es sind wilde Tage bei der Bahn. Zugausfälle, Verspätungen, unzufriedene Mitarbeiter, schwächelnder Güterverkehr, fehlende Milliarden. Zahlreiche Politiker, Gewerkschafter, Unternehmer melden sich mit Ideen zu Wort. Es soll gespart werden, gleichzeitig investiert, weil das Netz so marode ist, das sich das nicht mehr übersehen lässt. Das Ganze wirkt chaotisch, ist aber ein gutes Zeichen.

    Denn endlich passiert etwas beim Staatskonzern Bahn. Jahrzehntelang haben die Bundesregierungen und Verkehrsminister mit der Bahn als Verkehrsmittel und Transportkonzept wenig anzufangen gewusst. Außer man konnte glänzen. Oder sparen. Oder musste Versorgungsposten verteilen. Irgendwie fuhren die Züge ja.

    Da ging es mal um städtebauliche Visionen, wie Mitte der Neunziger Jahre, als die großen Kopfbahnhöfe in Frankfurt, München und Stuttgart zu tiefergelegten Durchgangsbahnhöfen umgebaut werden sollten. Sah super aus, Bahn und damaliger Verkehrsminister Matthias Wissmann (CDU) ließen sich dafür auf der Architekturbiennale in Venedig feiern. Das Milliardengrab Stuttgart 21 zeigt, dass man von Visionen lieber die Finger lassen sollte.

    Oder es ging nur um Geld: Anfang der 2000er sollte die Bahn an die Börse. Gerhard Schröder (SPD), damals Bundeskanzler, wollte, dass der Staat den Kostenblock zumindest zum Teil los wird. Manager Hartmut Mehdorn zog alle (Spar-)Register, nur um doch nicht an die Börse zu gehen. Sein radikales Programm ist einer der Gründe für die Misere heute.

    Womit sich niemand so richtig beschäftigt hat, auch wenn es jeder Verkehrsminister von Reinhard Klimmt über Wolfgang Tiefensee (beide SPD) und Peter Ramsauer bis Andreas Scheuer (beide CSU) gern ankündigte: Welche Rolle soll die Bahn spielen – für die Wirtschaft, die Bevölkerung, das Land? Das ist jetzt anders. Erstmals seit langer Zeit gibt es mit Volker Wissing (FDP) einen Verkehrsminister, der sich tatsächlich auch um den Staatskonzern kümmert.

    Die Bahn ist für das deutsche Klimaschutzprogramm unerlässlich. Sie transportiert umweltfreundlicher als Auto, Lkw und Flugzeug. Für die Menschen ist sie ohnehin wichtig. Sie verzeichnet so viele Fahrgäste wie noch nie, obwohl die Züge derzeit katastrophal verspätet unterwegs sind, Klimaanlagen und Toiletten ausfallen und der Bordgastronomie mal wieder das Personal wegen Verspätung eines anderen Zuges fehlt.

    Die Bundesregierung pumpt so viel Geld wie noch nie in den Bahnkonzern, um das Unternehmen überhaupt arbeitsfähig zu halten. Und erstmals seit langer Zeit nimmt der Bund auch die Kontrollfunktion im Aufsichtsrat war. Denn den Konzern kann nicht ein Verkehrsminister oder die Bundesregierung sanieren, dafür sind die Manager zuständig. Und die müssen jetzt tatsächlich konkret ran. Das Sanierungskonzept S3 des Vorstands um Chef Richard Lutz soll den radikalen Wandel bringen, wirkt aber in Teilen immer noch mehr wie politisches Lavieren als unternehmerisches Handeln. Sehr wahrscheinlich muss da nachgebessert werden.

    Diesmal muss es auch funktionieren. Die Bahn ist so heruntergefahren, dass alle gezwungen sind, zu handeln. Dafür muss diskutiert werden, intern und auch öffentlich, schließlich geht es um sehr viel Geld der Steuerzahler. Unternehmen und Politik sind gerade dabei. Das nachrichtliche Chaos beweist es. Und in ein paar Jahren fahren die Bundesbürger dann hoffentlich wieder pünktlich mit einem der modernsten Bahnkonzerne Europas.

  • Perso im Smartphone

    Digitale Brieftasche soll 2027 starten

    Noch gehört der Personalausweis zu den wichtigsten Plastikkarten im Portemonnaie. Er ist eines der wenigen Dokumente, die nicht digital im Smartphone abgespeichert werden können. Doch das wird sich ändern. Deutschland arbeitet daran, ihn zu digitalisieren und die Brieftasche gleich mit. Dort ließe sich dann auch der Führerschein speichern, bisher eine weitere Plastikkarte.

    „Die Idee ist, dass die wichtigen Dokumente alle sicher und EU-weit nutzbar digital im Smartphone vorliegen“, sagt Torsten Lodderstedt von der Sprunginnovationsagentur des Bundes, Sprind. Das Bundesinnenministerium hat die Agentur beauftragt, Konzepte zu entwickeln. Lodderstedt ist Projektleiter. „In der digitalen Brieftasche soll man alles elektronisch speichern können“ sagt er. „Sie ist ein Werkzeug, um Dinge zu digitalisieren, die bisher auf Papier, Pappe oder Plastik vorliegen.“ Eines der Ziele: „Sie können sich dann zum Beispiel mit dem Smartphone rechtssicher ausweisen.“

    Technisch ist das nicht so einfach. Die digitale Brieftasche und damit auch der Ausweis sollen überall in der EU akzeptiert werden. Sie sollen sicher sein, damit Kriminelle nicht Ausweisdaten manipulieren und vorgeben, jemand anderes zu sein und etwa unter falschem Namen ein Konto bei einer Bank zu eröffnen. Grundsätzlich gibt es dafür zwei Methoden, die sich leicht bei Sicherheit und Praktikabilität unterscheiden.

    Dass sich die Bundesrepublik jetzt mit der digitalen Brieftasche, englisch Wallet, beschäftigt, hat mit der EU zu tun. Im Mai trat eine Reform der EU-Verordnung Eidas (Electronic Identification, Authentication and Trust Services) in Kraft. Die Verordnung regelt unter anderem rechtssichere digitale Unterschiften und digitale Identitätsnachweise. In der neuen Fassung sind Eckpunkte und ein Zeitplan für die Wallets enthalten. Jedes EU-Land muss danach bis spätestens Anfang 2027 mindestens eine digitale Brieftasche anbieten. „Deutschland tut sich bei der digitalen Identität sehr schwer“, sagt Lodderstedt. „Länder wie Dänemark oder Österreich sind viel weiter und sehr pragmatisch unterwegs.“

    Bereits heute gibt es Wallets im Smartphone. Apple und Google zum Beispiel bieten sie auf ihren Geräten an. Dort lassen sich sicher etwa Eintrittskarten, Mitgliedsausweise und Bankkarten speichern. Ohne letztere lässt sich nicht mobil bezahlen. Aber: „Die US-Konzerne entscheiden darüber, was dort gespeichert werden darf, wie es abgelegt wird und wo es benutzt werden kann“, sagt Lodderstedt. „Das ist problematisch, wenn es um offizielle Dokumente geht.“ Vor allem, wenn die Wallet langfristig als Infrastruktur der Digitalisierung vorgesehen ist. Es geht auch darum, wie eigenständig die EU ist.

    Und warum noch eine neue Funktion im Smartphone, wenn es in Deutschland schon die Ausweis-App gibt? Zum einen ist bei der App immer noch der Personalausweis mit elektronischer Identität (E-ID) als Karte nötig, schließlich ist dort der Chip eingearbeitet, der die Person zweifelsfrei ausweist. Zum zweiten gibt es wenig Anwendungen, obwohl es die E-ID schon seit 2010 gibt. Und zum dritten soll die neue Wallet europaweit funktionieren. „Die Verordnung der EU gibt vor, dass dieselben Regeln und technischen Standards für alle gelten, damit die deutsche Wallet auch in Irland oder Spanien nutzbar ist“, sagt Lodderstedt.

    „Es ginge auch eine einheitliche EU-Wallet, aber die meisten Staaten arbeiten an einer eigenen Lösung“, sagt der Experte, was insgesamt etwas absurd anmutet. Wallets mit 27 Mitgliedstaaten zu entwickeln, die zueinander kompatibel sind, hält er für schwierig, aber machbar. „Es wird voraussichtlich einige Zeit dauern, bis die Kompatibilität komplett funktioniert.“

    In Deutschland ist Sprind beauftragt, zunächst einmal nach Konzepten zu suchen. Es gibt eine Konsultation mit intensiver Diskussion. Und die Sprunginnovationsagentur hat einen Wettbewerb gestartet, in dem derzeit elf Unternehmen Ideen entwickeln. Sechs erhalten in der ersten Stufe je 300.000 Euro, etwa Teams aus Deutschland und den Niederlanden. Die anderen Teilnehmer, darunter auch Google und Samsung, bekommen keine Zuschüsse. Die Prototypen sollen Anfang September vorgestellt werden. Dann gibt es bis Ende Mai noch zwei weitere Runden. Am Ende stehen idealerweise mehrere Ergebnisse, die sich umsetzen lassen. „Die Bundesregierung muss sich dann entscheiden“, sagt Lodderstedt. „Es geht um technische Aspekte, Sicherheit, Datenschutz, aber auch rechtliche und ökonomische Fragen. Das Ganze soll sicher und datensparsam sein, für Nutzende wird es kostenlos. Jeder soll es einfach nutzen können.“

    Unklar ist bisher auch, ob es eine staatliche oder privatwirtschaftliche Wallet geben wird. Oder sogar mehrere. „Wir brauchen eine Auswahl verschiedener Wallet-Angebote“, findet Sprind-Projektleiter. „Es geht um Vertrauen. Da ist es gut, wenn jede(r) sich das passende Angebot auswählen kann. Außerdem ist Wettbewerb gut für die Produkte.“

    Die EU-Verordnung schreibt auch vor, dass die Lösung niemanden ausschließen darf. „Zum Start wird es eine Lösung mit Sicherheitsfunktionen in der Cloud geben“, sagt der Experte. „Damit können viele Smartphones, auch ältere Smartphones, deren Hardware nicht für solche Anwendungen ausgelegt ist, unterstützt werden.“ Und wer allem Digitalen grundsätzlich skeptisch gegenüber ist, kann weiter auf die klassische Plastik-Ausweiskarte setzen.

  • Datenzugriff nach dem Tod

    Das ist beim digitalen Nachlass zu beachten

    Mobiltelefon und Internet haben viel vereinfacht. Nachrichten und Fotos lassen sich schnell verschicken, Waren online kaufen, Filme und Serien abonnieren, Geld anlegen. Für diese Dienste gibt es oft keine Verträge mehr auf Papier, vieles läuft rein digital. Sollte jemandem etwas zustoßen, haben Angehörige oder Erben oft keinen Überblick oder Zugriff. Experten empfehlen deshalb, den digitalen Nachlass frühzeitig zu regeln.

    Was ist der digitale Nachlass?

    Über die Jahre sammelt sich im digitalen Leben so einiges an: mehrere E-Mail-Adressen, Zugänge zu Online-Händlern und Bonusprogrammen, zu Buchungsapps von Autovermietern, Fluggesellschaften, Nahverkehrsunternehmen. Man verwaltet vielleicht Versicherungsverträge online, speichert Fotos bei einem Cloud-Anbieter, nutzt bestimmte Internetportale, um nach Ahnen zu forschen, schreibt sich mit Verwandten und Freunden kurze Nachrichten. Alle Verträge, die digital oder online geschlossen wurden, nebst digitalen Inhalten und persönlichen Daten zählen gemeinhin zum digitalen Nachlass, wobei der Begriff nicht gesetzlich festgelegt ist.

    Warum sollte man sich um den digitalen Nachlass kümmern?

    Angehörige oder Erben haben oft keinen Überblick darüber, welche digitalen Dienste jemand genutzt hat. Dabei enden digital geschlossene Verträge nicht automatisch mit dem Tod. Sie gehen auf die Erben über – mit allen Rechten und Pflichten. So müssen Erben zum Beispiel ein Streaming-Abo weiter bezahlen, auch wenn sie gar nicht wissen, dass sie es geerbt haben. Auch die persönlichen Daten bleiben nach dem Tod erst einmal beim Anbieter eines Dienstes und werden nicht automatisch gelöscht. Wer sich frühzeitig um den eigenen digitalen Nachlass kümmert und so viel wie möglich regelt, erspart den Erben also sehr viel Mühe und Ärger. Sie können dann zum Beispiel auf wichtige E-Mail-Konten zugreifen und wissen, wie sie mit laufenden Verträgen und persönlichen Daten verfahren sollen. Auch für den Fall, dass man selbst zum Beispiel wegen eines Unfalls oder einer Krankheit nicht entscheidungsfähig ist, hilft es, den digitalen Nachlass zu regeln. Außerdem behält man selbst besser den Überblick über Konten und Verträge.

    Wie gehe ich vor?

    Die Verbraucherzentralen raten, eine Liste zu erstellen. Dort sollten laufende Verträge, die online verwaltet werden, aufgeführt sein, zum Beispiel Streaming-Abos etwa bei Amazon Prime, Dazn, Netflix, Spotify oder kostenpflichtige Cloud-Dienste etwa von Apple (Icloud), Google (Google Drive) und Microsoft (Onedrive), bei denen Daten gespeichert werden. Auf die Liste gehören auch Dienste, bei denen Daten hinterlegt sind: E-Mail-Anbieter wie Gmail, GMX, T-Online oder Web.de; soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram, Tiktok und X (früher Twitter); Kurznachrichtenprogramme wie Signal, Telegram oder Whatsapp; Online-Händler wie Amazon und Zalando, Online-Bezahldienste wie Paypal. Wichtig: Auch Geräte wie der Computer, der mit einem Passwort geschützt ist, oder Mobiltelefone sollten erfasst werden. Denn bestimmte Programme laufen nur mobil und lassen sich ohne Zugriff nicht ändern oder löschen.

    Was soll auf der Liste stehen?

    Auf der Liste sollten nicht nur die Anbieter, Benutzernamen und Passwörter hinterlegt sein, sondern auch, was mit dem jeweiligen Konto und den Daten geschehen soll. Bleibt zum Beispiel das Facebook-Profil zum digitalen Gedenken bestehen? Die Liste sollte auf Papier oder auf einem USB-Stick an einem sicheren Ort verwahrt und regelmäßig auf Stand gehalten werden. Ein sicherer Ort kann zum Beispiel ein Bankschließfach oder ein Tresor sein. Eine Musterliste der Verbraucherzentralen finden Sie unter https://www.vzhh.de/media/4937 im Netz.

    Warum muss ich eine Person bevollmächtigen?

    Wichtig ist dann, eine Person des Vertrauens zu benennen, die sich um den digitalen Nachlass kümmert – im Todesfall und auch schon vorher, sollte man nicht in der Lage sein, sich selbst darum zu kümmern. Experten von Verbraucherzentrale und Stiftung Warentest raten, die nächsten Angehörigen zu informieren, vor allem, wenn die Vertrauensperson nicht zum Verwandtenkreis gehören sollte. Sie sollte mit einer entsprechenden Vollmacht ausgestattet sein, um den digitalen Nachlass auch wirklich regeln zu können.

    Wie sollte die Vollmacht aussehen?

    Sie kann formlos sein, muss aber Namen, Geburtsdatum und -ort sowie die Adresse der Vollmachtgeberin oder des Vollmachtgebers und ebenso der Vertrauensperson enthalten. Die Vollmacht kann bereits zur digitalen Vorsorge zu Lebzeiten gelten und für den digitalen Nachlass im Todesfall. Sie muss mit Datum versehen und unterschrieben sein. Wichtig: Die Vollmacht sollte „über den Tod hinaus“ gelten. Die Verbraucherzentralen bieten unter https://www.vzhh.de/media/4938 eine Mustervollmacht an.

    Muss ich einen Notar hinzuziehen?

    Wer sicher gehen will, dass alles rechtlich in Ordnung ist, kann den Umgang mit dem digitalen Nachlass notariell beglaubigen lassen. Das kostet allerdings Gebühren.

    Es gibt Anbieter, die Liste digital verwalten. Was ist davon zu halten?

    Grundsätzlich ist es bequem, die digitalen Zugänge sauber sortiert und aktuell an einer Stelle im Netz zu bündeln. Solche Angebote kosten meist Geld. Wer sie nutzen möchte, sollte vorher klären, in welchem Land die Daten gespeichert werden und welchem Recht das Unternehmen unterliegt. Wichtig ist auch, zu klären, unter welchen Bedingungen die Erben an die Liste kommen. Die Verbraucherzentralen weisen jedoch darauf hin, dass dann eine fremde Firma den kompletten Überblick über alle Passwörter und das digitale Leben einer Person hat. Die Daten könnten in unbefugte Hände geraten und missbraucht werden.

    Kann man bei digitalen Anbietern Regeln für den digitalen Nachlass hinterlegen?

    Einige große Anbieter wie Apple, Google und Meta (Facebook, Instagram, Whatsapp) ermöglichen, bereits zu Lebzeiten zu regeln, wie nach dem Tod mit dem Konto und den Daten umgegangen werden soll und wer darauf zugreifen kann. Die Verbraucherzentralen empfehlen, diese Funktionen zu nutzen. Bei Apple ist das über die zentrale AppleID und den Punkt „Kontoinformationen“ möglich. Bei Facebook obenrechts das Dreieck anklicken und „Einstellungen“, dann „Sicherheit“ und „Nachlasskontakt“ wählen. Bei Google geht es über myaccount.google.com, „Daten und Datensicherheit“, „weitere Optionen“.

    Was sollte man noch beachten?

    Wie in einem Haus oder einer Wohnung auch sammelt sich auch im Netz einiger persönlicher Kram an. Und nicht alles wird noch genutzt. Deshalb empfehlen die Verbraucherzentralen, von Zeit zu Zeit online aufzuräumen. Was lange nicht verwendet wurde, kann getrost gelöscht werden, etwa zusätzliche E-Mail-Konten, der Zugang zu einem besonderen dänischen Online-Händler, bei dem man vor zehn Jahren mal ein Geschenk bestellt hat, oder die App der südkoreanischen Inlandsfluggesellschaft, die man vor einigen Jahren im Urlaub genutzt hat. Das vereinfacht das digitale Leben kolossal.

    Sehr detaillierte Informationen auch zu Kosten für Erben bietet die E-Commerce-Verbindungsstelle des Zentrums für Europäischen Verbraucherschutz unter https://www.ecommerce-verbindungsstelle.de/internet-auftritt/digitaler-nachlass.html im Netz.

  • Lachs macht das Rennen

    Neuer Lieblingsfisch der Deutschen. Preise steigen kräftig

    Über dem Hafen von Hooksiel steht die Sonne und am Anleger warten einige Urlauber sehnsüchtig auf den Kutter, der an diesem Nachmittag um die Mole tuckert. In weißen Kisten liefert er Nordseekrabben, frisch gefangen, ungepuhlt und eine Delikatesse, zumindest für die, die die kleinen Tiere mögen. Die große Masse der Bundesbürger setzt eher auf einen Klassiker: Lachs.

    Dabei hatten sich die Deutschen etwas von dem Fisch abgewandt. 2022 war der Alaska-Seelachs deutlich beliebter. Doch im vergangenen Jahr konnte sich der Lachs die Spitzenposition zurückerobern, wie Petra Weigl, Vorstandsvorsitzende des Fisch-Informationszentrums (FIZ) sagte, als sie Zahlen zur Branche vorstellte. 18,8 Prozent aller Fische, Krebse und Weichtiere, die in Deutschland auf die Teller kamen, waren Lachs aus dem Atlantik, der pazifische Seelachs kam auf 14,9 Prozent.

    Wobei das mit dem Teller nicht ganz richtig ist: Die Statistik erfasst das Fanggewicht, das auch ungenießbare Teile wie Flossen, Gräten und Innereien einschließt. Danach verbrauchten die Deutschen pro Kopf im vergangenen Jahr 12,5 Kilogramm Fisch, deutlich weniger als ein Jahr zuvor, als es 14,4 Kilogramm waren. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland mit den Niederlanden, Großbritannien und der Schweiz in einer Gruppe. Der Weltdurchschnitt lag 2021 bei etwa 20 Kilogramm pro Kopf, Island oder die Malediven kamen auf mehr als 60 Kilogramm.

    Aus Sicht des FIZ, das von der Industrie getragen wird, wird zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen noch zu wenig Fisch gegessen. Wirtschaftliche Interessen sind das eine, gesundheitliche Aspekte das andere. So kann er das Risiko von Herz-Kreislauferkrankungen senken. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt jedenfalls zwei Fischmahlzeiten pro Woche. Wer Produkte aus verantwortungsvoller Zucht oder ohne Ausbeutung der Meere kaufen will, sollte auf Gütesiegel achten. Auch wenn sie unterschiedliche Kriterien anlegen, hält die Verbraucherzentrale die meisten für mindestens bedingt empfehlenswert.

    Insgesamt kauften die Deutschen 2023 rund 418.240 Tonnen Fisch und Meeresgetier – ausgenommen, gepuhlt, verzehrfertig –, weit entfernt von den mehr als 500.000 Tonnen vor drei Jahren. „2020 und 2021 hat vor allem die Corona-Pandemie dafür gesorgt, dass die Menschen nicht in Restaurants essen gehen oder in den Urlaub fliegen konnten“, sagte FIZ-Vorstandschefin Weigl. „Deswegen standen mehr Einkommen und mehr Anlässe bereit, um Fisch zu Hause zu essen.“ Und die entfielen im vergangenen Jahr.

    Im Schnitt gaben die Bundesbürger 12,13 Euro pro Kilogramm aus, 2020 waren es noch 10,45 Euro. Als Preistreiber nannte Weigl stark gestiegene Kosten für Seetransporte, starke internationale Nachfrage nach Fisch sowie höhere Personal- und Energiekosten in Deutschland.

    Meist kommt der Fisch nicht frisch auf den Tisch. Die Bundesbürger lieben Konserven, etwa Thunfisch und Heringe. Die haltbar gemachten Fisch- und Aquakulturerzeugnisse hätten mit 27 Prozent den höchsten Anteil am Markt, sagte Weigl. Sonst greifen die Deutschen gern zu tiefgefrorenem Fisch (23 Prozent), der oft leichter zu bekommen ist und sich länger hält als Frischfisch (13 Prozent).

    Die größten Fans leben in Schleswig-Holstein, Bremen, Hamburg und Niedersachsen – Ländern, die direkten Meerzugang haben. Oder, wie FIZ-Vorstandsvorsitzende Weigl sagte, der kulturelle Bezug zu Fischerei hätten einen gewichtigen Einfluss auf das Kaufverhalten. Kuriose Ausnahme ist Mecklenburg-Vorpommern, das beim Kauf pro Kopf noch hinter den Binnenbundesländern Bayern und Hessen liegt.

    Dabei stammt der meiste Fisch nicht von deutschen Fischern oder gar aus deutschen Gefilden. Angelandet wurden in der Bundesrepublik 2023 nur rund 166.000 Tonnen Fisch, weitere 37.000 Tonnen stammten aus Aquakulturen und Seen. 1,75 Millionen Tonnen wurden importiert. Gleichzeitig führte die Bundesrepublik 816.000 Tonnen aus, so dass knapp über eine Million Tonnen Fang dann auch wirklich zum Verzehr bestimmt waren.

  • „Wir können auch Tropen“

    In der Klimakammer, in der die Bahn Züge testet

    Was für ein Sommertag. Keine Wolke am Himmel, die Sonne brennt auf die hellgraue Halle in Minden, Westfalen. 30 Grad, T-Shirt-Wetter. Doch der Techniker, der gerade die Tür an der Seite öffnet, trägt wattierte Jacke und lange Hose. Denn im Innern des Gebäudes herrschen Temperaturen wie an einem kalten November-Morgen. Zehn Grad. Und mitten drin steht ein roter Zug der Baureihe 642, wie er auf vielen Strecken im deutschen Nahverkehr unterwegs ist.

    „Wir simulieren hier das Aufwärmen des Triebwagens nach einer kalten Herbstnacht in der Abstellanlage“, sagt Michael Meister, Leiter Prüfung Aerodynamik und Klimatechnik bei DB Systemtechnik, im Dämmer der Halle. Offiziell heißt sie Klimakammer, 75 Meter lang, fünf Meter breit und etwa sechs Meter hoch, die Wände zwölf Zentimeter dick und isoliert. Ein Großlabor, in dem ein Triebwagen, zwei Reisezugwagen, eine S-Bahn oder auch eine komplette Straßenbahn unter gleichbleibenden Bedingungen getestet werden können. Und die Anlage ist einmalig in Deutschland.

    Die Kammer lässt sich auf 45 Grad aufheizen und auf minus 25 Grad herunterkühlen. Bei Bedarf können die Techniker eine künstliche Sonne aus neun Stadionlampen zu je 2000 Watt anwerfen oder per Dampfleitung die Luftfeuchtigkeit erhöhen. „Wir können nicht nur Skandinavien, wir können auch Sahara und Tropen“, fasst Meister zusammen. Getestet werden nicht nur ganze Züge, sondern auch einzelne Großelemente: Türantriebe zum Beispiel oder Schiebetritte, die seitlich am Zug herausfahren, um den Spalt zwischen Tür und Bahnsteig zu überbrücken.

    Im Diesel-Triebwagen ist es nicht nur kalt, sondern auch dunkel. Keine Lampe soll mit ihrer Wärme den Test beeinträchtigen. Über einem blauen Sitz hängt ein Stabsensor. Kabel schlängeln sich am Boden und durch die offene Tür in die Halle. Dort weht es kalt aus großen Rohren herein, blasen gelbe Ventilatoren die Luft auf die Motoren unter dem Zug. Über allem brummt die Klimaanlage.

    Verglichen werden sollen die beiden Teile des Zuges: „In einer Hälfte haben wir die Wärmeverteilung zwischen dem Motor und der Heizung für den Fahrgastraum leicht verändert, da sollte es für die Fahrgäste jetzt schneller warm werden“ sagt Meister. „Beim Start nach einer kalten Nacht könnte das wertvollen Brennstoff für die Heizung einsparen.“ Biosprit in diesem Fall. In der anderen Hälfte laufen Motor und Heizung zum Vergleich wie üblich.

    Zugklimaanlagen testen die Mindener ebenfalls. „Heizmatten simulieren dabei die Körperwärme der Passagiere, Luftbefeuchter die Feuchtigkeitsabgabe, zusätzliche Heizelemente die Sonnenwärme“, erklärt Meister. Und dann wird eingeheizt oder runtergekühlt. Dass die Realität manchmal stärker ist als die Testumgebung, zeigt sich, wenn die Klimaanlagen im echten Zugbetrieb einmal ausfallen.

    Die Techniker prüfen nicht nur, ob Heizung oder Kühlung im Zug funktionieren. „Es geht auch um frische Luft im Führerstand, wenn unsere simulierte Sonne darauf brennt“, sagt Meister. „Oder um die Frage, ob der Defroster und der Scheibenwischer das vereiste Fenster des Führerstands in einer vorgegebenen Zeit frei bekommen.“

    DB Systemtechnik betreibt nicht nur die Klimakammer. Das Unternehmen beschäftigt sich auch mit Bremsen, Radsätzen, Aerodynamik, Stromabnehmern, Brandschutz. Es ist das Ingenieurbüro des Konzerns Deutsche Bahn und das größte Kompetenzzentrum für Bahntechnik in Europa. Dieses Wissen vermarkten sie auch außerhalb der Deutschen Bahn etwa bei Herstellern und anderen Bahnbetreibern. Insgesamt beschäftigt DB Systemtechnik rund 1100 Mitarbeiter am Hauptsitz Minden, in Kirchmöser westlich von Berlin und in München.

    In Deutschland sind die Mindener die einzigen, die komplette Wagen, Lokomotiven und Triebzüge testen können. Noch größer ist nur der Klima-Wind-Kanal des Rail Tec Arsenal in Wien, hinter dem mehrere Zughersteller wie Siemens und Alstom stehen und der 2003 startete. Der Vorgänger lief seit 1961. Dort lassen sich auch heftige Winde simulieren und eine künstliche Sonne kann von der Seite strahlen. Der Testaufbau dauert und ist entsprechend teuer.

    Das bot eine Chance. „Wir sahen den Bedarf für eine Klimakammer, die etwas weniger aufwändig ist als der Klima-Wind-Kanal in Wien – und dadurch auch etwas günstiger“, sagt Meister, der das Projekt mit vorangetrieben hat. Seit 2009 ist die Kammer in Minden in Betrieb, 2015 kamen noch einige Meter dazu. „Der Ausbau war kundengetrieben. Die wollten zum Beispiel auch mal zwei Reisezugwagen gleichzeitig testen.“ Je nach Aufwand kostet ein Tag im Mindener Großlabor für Züge derzeit grob zwischen 12.000 und 15.000 Euro.

    Vor allem Fahrzeuge aus Deutschland und den europäischen Nachbarländern Frankreich, Niederlande, Österreich, Polen und der Schweiz standen schon in der Kammer. Wobei die Dienste der Mindener auch in anderen Regionen der Welt gefragt sind. „Der indische Waggon, den wir hier zum Test hatten, war ein absoluter Exot“, erinnert sich Meister. Das Fahrzeug kam nicht wie üblich auf der Schiene, sondern per Frachter und Binnenschiff. Die letzten Kilometer überbrückte dann ein Lastwagen.

    Neben Zügen standen schon Radlader in der Klimakammer, Autos und Traktoren. Die Techniker frosteten Weichen mit Heizung, testeten Waggons mit der neuen digitalen Kupplung, die in der EU einheitlich eingeführt werden soll. Und Jonas Deichmann war da. Der deutsche Extremsportler überprüfte für seinen Triathlon rund um die Welt Rad und Bekleidung. Die Anlage kühlte am Anschlag und schaffte sogar minus 28 Grad.

  • Zu wenig

    Zum Monopol bei Fernwärme

    Fernwärme ist wichtig für die Energiewende in Deutschland. Und sie ist für Mieter und Eigentümer bequem. Häuser, die angeschlossen sind, benötigen keine Heizkessel mehr. Allerdings lässt sich, wer auf Fernwärme setzt, auf ein Monopol ein. Solche Strukturen neigen dazu, undurchsichtig zu sein und teuer für die Kunden. Die Bundesregierung möchte die Anbieter, meist Stadtwerke, zu mehr Klarheit zwingen. Ein löbliches Unterfangen, aber das kann erst der Anfang sein.

    Auf lange Sicht kann es günstiger sein, Wärme zentral bereitzustellen und zu verteilen, als sie an vielen verschiedenen Stellen zu erzeugen. Fernwärmeanschlüsse ersetzen in der Regel Gas- und Ölheizungen, die einen sehr großen Anteil am deutschen Kohlendioxid-Ausstoß haben. Wird Fernwärme aus erneuerbaren Energien gewonnen, hilft das dem Klima. Auch deshalb ist Wärme ein wichtiger Bestandteil der deutschen Energiewende.

    Das bedeutet auch mehr Macht für die Anbieter. Wettbewerb herrscht nicht, zum einen, weil ein Fernwärmenetz sehr teuer ist und niemand parallel ein zweites bauen wird. Zum anderen, weil Wärmeerzeugung und Transport, anders als bei Strom und Gas, nicht getrennt sind. Die Kraftwerksbetreiber besitzen meist auch die Verteilleitungen.

    Der Gesetzgeber will jetzt mehr Transparenz einführen: Musterverträge, klare Informationen zur Preisgestaltung. Doch was nützt es, wenn ich verstehe, wie sich die Preissteigerung zusammensetzt, ich mich aber nicht wehren kann? Ganz abgesehen von der Frage, ob das Plus gerechtfertigt ist. Oft wäre es besser, der Staat hielte sich heraus und überließe dem Markt das Geschehen. Wo Monopole handeln, ist aber staatliche Regulierung nötig – wie beim Stromnetz oder dem Briefporto. Und die fehlt bisher.

  • Falsche Fuffziger

    Bundesbank zieht mehr Blüten aus dem Verkehr.

    Mit Skadi hat der Mann nicht gerechnet. Als er den inneren Bereich des Flughafens Köln/Bonn verlassen will, sieht er sich dem Schäferhund gegenüber. Skadi arbeitet für den Zoll und hat an diesem Mittwoch Ende Juni den richtigen Riecher. Der Mann trägt 8000 Euro Bargeld bei sich, was kein Problem ist – die rund 70.000 Euro Falschgeld im Koffer aber schon.

    Immer wieder gelingt es Zoll und Polizei, größere Mengen Blüten sicherzustellen. Manchmal schlagen Bargeldspürhunde wie Skadi an oder eine Stichprobenkontrolle ist erfolgreich. So etwa im April 2023, als ein Mann am Flughafen Frankfurt aufflog, der 2085 gefälschte 100-Euro-Noten im Gepäck hatte. Im gesamten vergangenen Jahr stellte das Bundeskriminalamt (BKA) in Deutschland Falschgeld im Nennwert von 19,6 Millionen Euro sicher, Tendenz steigend.

    Im ersten Halbjahr 2024 zog die Bundesbank 38.600 falsche Scheine im Wert von 2,4 Millionen Euro aus dem Verkehr, ein Plus von 29 Prozent im Vergleich zum zweiten Halbjahr 2023. „Für die Steigerung sorgten leicht erkennbare Fälschungen besonders bei den 10-Euro- und 20-Euro-Banknoten", sagte Burkhard Balz, im Vorstand der Bundesbank unter anderem zuständig für Bargeld. Falsche Fuffziger machten mit rund 37 Prozent den Großteil der Scheine aus. Gut 30 Prozent waren Zwanziger.

    Falschgeld lässt sich in der Regel recht schnell erkennen, weil ihnen wichtige Sicherheitsmerkmale fehlen. Der Rand der echten Scheine ist geriffelt, was sich leicht fühlen lässt. Es gibt bei den größeren Werten oben rechts auf der Vorderseite ein Fenster. Dort lässt sich durch den Schein hindurchsehen. Unten links ist der Wert des Scheines in grün aufgedruckt. Wer den Schein kippt, sieht, wie ein grüner Streifen über diese „Smaragdzahl“ läuft. Oft ist das Papier auch zu dick oder der Aufdruck ist unscharf. Wer einen gefälschten Schein bekommt, sollte ihn umgehend zur Polizei bringen.

    Die Blüten kommen vor allem aus Italien, wie das BKA in seinem Jahresbericht 2023 schreibt. Die Ermittler sprechen von organisierter Kriminalität. Aus dem Bankenumfeld heißt es, gerade in Italien gebe es Strukturen, die genug Geld und Kontakte hätten, um Geld in großem Stil zu drucken und auch europaweit zu vertreiben. Es gibt sogar den Begriff Neapel-Stil. Mehr als drei Viertel des in Deutschland gefundenen Falschgeldes werde mittlerweile über das Internet angeboten, schätzt das BKA. Online bestellt, mit Bitcoin bezahlt, per Post oder Kurier geliefert. Auch Druckvorlagen, Anleitungen und Geräte zur Herstellung sind demnach online verfügbar.

    Auch Bulgarien spielt offenbar eine Rolle. Einem Team des ZDF gelang es, mit Falschgeldhändlern in Sofia und Plovdiv sprechen. Die Polizei hebt immer wieder Fälscherwerkstätten aus, stellt Falschgeld in Millionenwert sicher. Der für organisierte Kriminalität zuständige Mann im Innenministerium sagt in dem Beitrag, er denke, in Bulgarien hätten sie die besten Hersteller von Falschgeld und falschen Dokumenten der Welt. Ein bisschen Stolz klingt mit.

    Dennoch sind solche Werkstätten eher die Ausnahme. Statt Fälschungen aufwändig mit Spezialtinte auf Spezialpapier zu drucken, das dem Original möglichst ähnelt, werden die meisten Scheine einfach kopiert, wie es aus dem Umfeld der Europäischen Zentralbank heißt. Sicherheitsmerkmale etwa Hologramm und Silberstreifen, Smaragdzahl und Wasserzeichen werden schlicht ignoriert.

    Die Qualität nehme ab, stellen die Experten denn auch fest. Der Grund: Warum etwas kompliziert fälschen, wenn auch einfach ausreicht? Die Täter müssen ihre falschen Fuffziger schließlich nur einmal loswerden, dann haben sie ihren Schnitt gemacht – sei es über das Wechselgeld oder, weil sie teure Waren mit dem Falschgeld bezahlen konnten.

    Die Polizei stellt immer mehr sogenannte Rip Deals fest, Abzockgeschäfte. Bei den Tätern handele es sich um organisierte kriminelle Gruppe, heißt es beim BKA. Sie arbeiten vor allem in Belgien, den Niederlanden und Italien, suchen aber europaweit etwa in Kleinanzeigen nach Opfern, etwa Menschen, die eine teure Uhr verkaufen wollen. Die Täter locken dann zum Beispiel in ein teures Café in Mailand oder ein vornehmes Hotel, zeigen die Kaufsumme in echten Scheinen in bar in einem Rucksack, und tauschen diesen dann nach dem Kauf trickreich gegen einen voller Blüten aus.

    In den vergangenen Jahren fanden die Ermittler immer mehr Movie Money (Kinogeld). Die Scheine sehen wie echte Euro-Scheine aus, es befindet sich aber der Aufdruck „MovieMoney“ darauf. Beliebt sind auch sogenannte Urlaubsscheine mit entsprechenden Aufdrucken wie „Faksimile“, kyrillischen oder türkischen Schriftzeichen in einer Ecke. Alle sind kein Spielgeld. Sie herzustellen ist verboten, sie in Verkehr zu bringen, ist strafbar.

    Trotz der hohen kriminellen Energie der Fälscher ist es wenig wahrscheinlich, in Deutschland im normalen Alltag eine Blüte zu bekommen. Das liegt zum einen an der Menge, die im Umlauf ist. Im ersten Halbjahr waren es neun von 10.000 Scheinen. Zum anderen hilft Technik und Erfahrung. Geldautomaten, die nur auszahlen, sind mit frischem Geld der Bundesbank bestückt. Die Geräte, an denen auch Scheine eingezahlt werden können, erkennen zuverlässig Falschgeld. Und wer im Supermarkt kassiert oder an Kaufhauskassen, erkennt Fälschungen in der Regel sofort. Denn die Beschäftigten gehen täglich mit Bargeld um und sind meist geschult.

    Kostenlose Schulung für jedermann: https://www.bundesbank.de/static/dokumentation/bargeld/index.htm

  • Strom speichern mit Rost

    Deutschland sucht die Superbatterie

    Im Zuge der Energiewende setzt Deutschland auf Strom aus erneuerbaren Quellen. Leider liefert die Sonne in nördlichen Gefilden zeitweise im Überfluss, dann wieder praktisch nichts. Und Wind weht oft auch nicht zuverlässig. Speicher sind nötig. Ein Wettbewerb soll jetzt günstige, einfache und effiziente Langzeitbatterien für die Industrie liefern.

    Vier Firmen aus Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und der Schweiz wetteifern, organisiert durch die Sprunginnovationsagentur des Bundes (Sprind), um eine Lösung. Die grundsätzlichen Technologien sind teils bekannt, bisher aber nicht im industriellen Maßstab einsetzbar. Es geht um Flussbatterien, auch Redox-Flow-Batterien genannt, und um Geräte, die sowohl Strom in Wasserstoff als auch Wasserstoff in Strom umwandeln können. Ein Team arbeitet sogar mit Rost.

    „Eine Sprunginnovation muss keine vollständig neue Erfindung sein“, sagt Jano Costard, der den Wettbewerb, Challenge genannt, verantwortet. „Sie kann auch eine vorhandene Technologie entscheidend weiterentwickeln und ihr dadurch zum großen Durchbruch verhelfen.“ Das Konzept der Redox-Flow-Batterie zum Beispiel sei bereits im Einsatz, aber noch sehr teuer. Das verwendete Material ist oft selten, teils giftig.

    Der Markt für Speicher ist riesig, sollte Deutschland wie geplant fast vollständig auf erneuerbare Energien setzen. Experten des Fraunhofer Instituts für Solarenergie schätzten 2022, dass 2030 eine Kapazität von 103,8 Gigawattstunden (GWh) nötig ist, 2045 gar 178 GWh. In Betrieb sind nach Zahlen der Bundesnetzagentur, die die RWTH Aachen aufbereitet hat, in diesem Juli 14,7 GWh, 84 Prozent davon sind kleinere Speicher in Wohnhäusern. Und es handelt sich fast ausschließlich um Lithium-Ionen-Batterien.

    Solche Batterien sind, in kleiner Form, auch in Mobiltelefonen eingebaut oder in E-Autos. Aber das Material ist selten und teuer, die Batterien sind feuergefährlich. Zudem benötigt die Industrie deutlich größere Systeme. Sie müssen sich nicht so schnell laden und entladen lassen wie Lithium-Ionen-Batterien, dafür aber große Mengen Strom lange speichern.

    Vier Teams sind noch im Wettbewerb. In einer ersten Runde bekamen sie jeweils eine Million Euro, um ihre Konzepte zu entwickeln. In der zweiten Runde gibt es jetzt bis Mai 2025 bis zu drei Millionen Euro je Team. „Ziel der Challenge sind Prototypen, die zeigen, dass die Technologien reif sind für eine Serienfertigung“, sagt Costard. „Idealerweise steigen nach der Sprind-Challenge private Investoren ein und finanzieren das weitere Wachstum dieser Start-ups.“ Offenbar erfolgreich, denn: „Erste Finanzierungsrunden laufen bereits.“

    Reverion aus Eresing, 40 Kilometer westlich von München, entwickelt eine Kombination aus Brennstoffzelle und Elektrolyseur. Das Gerät kann Strom in Wasserstoff und zurück verwandeln. Das ist im Prinzip nicht neu, allerdings ist der angestrebte Wirkungsgrad von gut 80 Prozent innovativ. Einen Container mit dem Prototypen konnte die Sprind-Jury bereits begutachten.

    Unbound Potential aus der Nähe von Zürich und Haliogen Power, eine Ausgründung der Universität Manchester arbeiten an Flussbatterien. Dabei fließen sehr vereinfacht zwei Flüssigkeiten, getrennt von einer Membran, durch die Batterie. Der Strom wird in den Flüssigkeiten gespeichert. Die Membran steht allein für etwa 30 Prozent der Kosten. Sie wegzulassen spart also viel Geld. Das Problem ist nicht so sehr, dass sich Flüssigkeiten vermischen, Wasser und Öl bleiben auch getrennt. Es geht vielmehr darum, dass immer die gleiche Menge beider Flüssigkeiten ein- und ausströmt – auch in großem Maßstab. Die Anlage von Unbound Potential besteht aus 40 Containern und hat eine Kapazität von zehn Megawattstunden.

    Ore Energy aus Delft nutzt für seine Batterie Eisen, Wasser und Luft. Die Batterie ist mit Wasser gefüllt, ein Pol besteht aus Eisen, der andere aus einer Art Membran, durch die Sauerstoff in die Batterie gelangt. Der Eisenpol rostet und setzt dadurch Energie frei. Wird Energie zugeführt, regeneriert sich der Pol, die Batterie gibt Sauerstoff ab und speichert den Strom. Was in der Theorie einfach klingt, ist kompliziert, denn Rost lässt sich nur schwer in Eisen zurückverwandeln. Es kommt auf die Art des Rostes. Auch diese Technologie ist schon länger bekannt, bisher aber nicht in großem Maßstab zum Einsatz gekommen. Der Vorteil: sehr günstige Materialkosten.

    Allen vier Konzepten ist gemeinsam: Energieumwandlung und Speicherung sind getrennt. Wasserstoff oder die Flüssigkeiten der Redox-Flow-Batterien können in Tanks lagern. Bei höherem Speicherbedarf wird die Menge der Tanks erhöht. Kunden für die batterien, wie sie im Sprind-Wettbewerb entwickelt werden, können zum Beispiel Logistikunternehmen sein, die ihre Hallen mit Solarzellen bestückt haben und den Tagstrom nachts nutzen wollen.

    Warum fördert Sprind auch Firmen außerhalb Deutschlands? „Gerade bei Sprunginnovationen ist es wichtig, dass es überhaupt eine Lösung für die Problem mit besonders großer gesellschaftliche oder wirtschaftlicher Relevanz“, sagt Costard. Die müsse dann auch nicht zwingend aus Deutschland kommen, um finanziert zu werden. „Wichtig für die Zukunft der deutschen Industrie ist es, jederzeit sauberen, günstigen Strom verfügbar zu haben. Wenn die dafür notwendigen Technologien aus Deutschland kommt, ist das umso schöner.“

  • Dicke Luft beim Klimaschutz

    Elf 14- bis 27-Jährige reichen Verfassungsbeschwerde

    Wieder einmal muss sich das Bundesverfassungsgericht mit Klimaschutz beschäftigen. Elf junge Menschen und die Deutsche Umwelthilfe reichen Verfassungsbeschwerde gegen das zentrale, gerade angepasste Gesetz ein. Sollten sie Recht bekommen, müsste die Klimapolitik in Deutschland deutlich verschärft werden. Das beträfe vor allem Gebäude, Industrie und Verkehr. Zwei weitere Beschwerden werden von Greenpeace, German Watch und anderen vorbereitet, sind aber noch nicht fertig.

    Erst am Montag hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Gesetznach langer Prüfung unterschrieben, seit diesem Mittwoch gilt es. Elf jungen Menschen im Alter von 14 bis 27 aus Berlin, Halle, München, Stuttgart und Überlingen am Bodensee reicht das nicht für ihre Zukunft. Deshalb geht an diesem Mittwoch beim Verfassungsgericht per Kurier eine Beschwerde ein. Auf 205 Seiten ist dargelegt, warum das Gesetz verfassungswidrig sein soll. Anwalt Remo Klinger sprach davon, dass das Gesetz entkernt sei und zentrale Forderungen des Bundesverfassungsgerichts nicht berücksichtige. Denn das Gesetz ist bereits eine überarbeitete Fassung.

    Deutschland soll nach dem Willen der Politik bis 2045 klimaneutral sein. Das bedeutet: Die Menge an ausgestoßenem Treibhausgas, etwa CO2, soll drastisch sinken, fossile Brennstoffe wie Öl, Gas und Kohle weitgehend verbannt werden. Was sich nicht vermeiden lässt, muss ausgeglichen oder gespeichert werden. Ein entsprechendes Klimaschutzgesetz hatte der Bundestag auf Betreiben der Regierung, damals Union und SPD, 2019 verabschiedet.

    Nach Verfassungsbeschwerden entschied das Bundesverfassungsgericht bereits im April 2021, das Teile nicht ausreichend seien. So endeten die Sparvorgaben in dieser Fassung 2030. Die Ampelregierung besserte zweimal nach, der Bundestag beschloss die letzte Fassung im Mai. Wichtig waren dem Verfassungsgericht konkrete Ziele und enge Kontrolle. Beides sieht Anwalt Klinger im überarbeiteten Gesetz in Teilen missachtet. Zudem bemängelt er zahlreiche handwerkliche Fehler.

    „Die Ampelregierung verabschiedet sich mit dem Gesetz vom Klimaschutz“, formulierte Jürgen Resch, Hauptgeschäftsführer der Umwelthilfe. Besonders umstritten: Nach dem alten Gesetz mussten einzelne Bereiche wie etwa der Verkehr bestimmte Ziele einhalten. In der Neufassung muss nur insgesamt ein bestimmtes Ziel eingehalten werden. Das kommt vor allem den Bereichen Verkehr (Minister Volker Wissing, FDP) und Gebäude (Ministerin Klara Geiwitz, SPD) zugute, die bisher die Klimaziele gerissen haben.

    „Die wichtigsten Änderungen verfolgen nur das Ziel, bis zum Jahr 2030 keine relevanten Klimaschutzmaßnahmen mehr beschließen zu müssen“, sagte Anwalt Klinger. „Damit sollen sowohl der aktuellen als auch der nächsten Bundesregierung weitere Maßnahmen erspart werden.“ Bei der übernächsten Regierung tauchten dann plötzlich übergroße Lasten auf. Mögliche Folge: Es trifft Haushalte und Industrie besonders stark. Umwelthilfe-Geschäftsführerin Barbara Metz mahnte für den Gebäudebereich weniger Bürokratie an, etwa, wenn jemand bereits bestehende Immobilien sanieren oder einen Zuschuss für eine Wärmepumpe beantragen wolle. Resch forderte, Dienstwagen, vor allem mit Verbrennungsmotor, nicht mehr zu fördern.

    Neben der Verfassungsbeschwerde laufen noch mehrere Verfahren der Umwelthilfe gegen die Bundesregierung, was mit den komplizierten Abläufen zu tun hat. Das Klimaschutzgesetz soll den Rahmen vorgeben, das Klimaschutzprogramm dann festlegen, mit welchen Maßnahmen die jeweilige Bundesregierung handeln will. Nach dem alten Gesetz waren noch Sofortprogramme möglich, wenn ein Sektor gegen die Vorgaben verstieß.

    Beim Verfassungsgericht liegt noch eine Beschwerde gegen das Klimaschutzprogramm der Bundesregierung aus dem Oktober 2023. Das Bundesverwaltungsgericht muss sich mit Verfahren beschäftigen, die mit den Sofortprogrammen für Gebäude und Verkehr zu tun haben. Die Umwelthilfe hatte vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg gewonnen, die Bundesregierung war in Revision gegangen.

    Zwei weitere Verfahren vor dem Oberverwaltungsgericht zum Klimaschutzprogramm und zu natürlichen Senken hatte die Umwelthilfe Mitte Mai gewonnen. Die Urteilsbegründung steht noch aus. Anwalt Klinger erwartet, dass der Bund auch hier vor das Bundesverwaltungsgericht geht. Anfang Juli hatte die Umwelthilfe zudem bei Verwaltungsgericht Berlin geklagt, weil die Bundesregierung wiederholt nicht in der Lage war, den jährlichen Klimabericht zum Stand des Klimaschutzes fristgerecht zu erstellen.

  • Schwerbende Leinwand im Zimmer

    Am Freitag bringt Apple Vision Pro auf den deutschen Markt

    Für die einen ist das Produkt die nächste Revolution der Technikwelt, für die anderen ein überteuertes Spielzeug ohne dauerhaften Mehrwert. An diesem Freitag bringt der US-Konzern Apple seine Hightech-Brille Vision Pro auf den deutschen Markt. Sie soll Wirklichkeit und Technik verschmelzen – ab 3999 Euro. Experten hoffen auf einen enormen Schub für die Branche, die bisher trotz Milliardeninvestitionen nicht richtig in Gang kommt.

    Vorgestellt hatte Apple das Gerät vor einem Jahr. Schon damals waren sich die Experten nicht ganz einig, ob man es wirklich braucht. Andererseits zweifelten viele auch, als der legendäre Apple-Chef Steve Jobs 2007 das erste Iphone zeigte. Es revolutionierte den Mobiltelefonmarkt und stand 2023 für mehr als die Hälfte des Konzernumsatzes von 383,3 Milliarden Dollar (354 Milliarden Euro). Und auch beim Tablet Ipad und der Uhr, auf der man Nachrichten lesen kann, waren viele Beobachter nicht überzeugt. Sie starteten aber durch, weil Kunden den Nutzen sahen. Andererseits kosteten die Geräte deutlich weniger als die Vision Pro.

    Seit langem arbeiten verschiedene Unternehmen daran, künstliche Elemente in die echte Welt einzubauen. Meist wird dazu eine Brille mit Minicomputer und Kameras genutzt. So könnte eine Radfahrerin auf ihrem Brillenglas angezeigt bekommen, wie schnell sie ist und wann sie abbiegen muss. Wer den Kölner Dom besucht, erhielte Informationen zu den Reliquien oder den Bauetappen eingeblendet. Bei dieser sogenannten Augmented Reality (erweiterte Wirklichkeit) ließe sich noch mehr zeigen: zum Beispiel die Gesprächspartner eines Telefonats mit Übersee.

    Was einfach klingt, ist technisch höchst anspruchsvoll und muss die Kunden überzeugen. Selbst große Technologiekonzerne können da scheitern. So hat Google im vergangenen Sommer nach gut zehn Jahren die Brille Google Glass eingestellt. 2012 vorgestellt, galt das Produkt als revolutionär. Als es 2014 für 1500 Dollar auf den Markt kam, wollte es kaum jemand haben. Ein Grund: Datenschutz. Schließlich hätte die Kamera der Brille jemanden aufnehmen und ihrem Träger nach einer Internetsuche Informationen über die Person geben können. Auch die Version ausschließlich für Unternehmen lief schlecht. Angeblich arbeitet Google aber an einem Nachfolger.

    Apple geht einen anderen Weg. Die Brille ist nicht leicht und klein, sondern ziemlich groß. Sie erinnert an eine Skibrille, die die Außenwelt abschirmt. Eingebaut sind Lautsprecher, ein Computer mit zwei schnellen Chips, Sensoren und Kameras. Sie erkennen die Umgebung und projizieren sie als Bild auf die Monitore im Innern der Brille. Außen zeigt ein weiterer Bildschirm die Augen der Person, die die Brille trägt. Apple mischt also virtuelle und echte Welt (mixed reality). Strom bekommt die Brille über einen Akku, der in der Hosentasche getragen werden kann.

    Ein Fenster für Textverarbeitung oder ein Videoschirm lassen sich mit wenigen Gesten aufziehen. Für die Person, die die Brille trägt, wirkt es, als könne sie die den Videoschirm im Zimmer platzieren. Auch lassen sich zum Beispiel Zimmer und Mondoberfläche ineinanderblenden. Im echten Zimmer passiert nichts. Gesteuert wird per Blick und Gesten. Bei Telefonaten kann das Gegenüber als digitaler Zwilling angezeigt werden.

    Seit Februar ist die Brille in den USA im Handel. Zahlreiche Spezialisten etwa des US-Techportals The Verge oder des deutschen Magazins ct haben sie intensiv getestet. Die meisten loben die Verarbeitung, die eingebaute Technik, die Funktionalität und vor allem den Bildschirm, mit dem sich 3D-Video und Filme schauen lassen. Weniger gut kam das Gewicht von je nach Version 600 bis 650 Gramm und die schwache Akkulaufzeit von zwei bis drei Stunden an. Mancher vermisste ausreichend Anwendungen und eine Killer-App, wegen der man die Brille unbedingt haben muss.

    Und dann ist da der Preis. Zwischen 3999 und 4499 Euro sind doch recht viel für ein Gerät, mit dem man Filme spektakulär schauen kann und dabei allein ist. Selbst Apple-Chef Tim Cook erwähnte in einer Fernsehsendung, dass nicht alle sich das Produkt leisten könnten. Er nannte die Brille die „Technik von morgen schon heute“. Das Konkurrenzprodukt des US-Konzerns Meta (Facebook, Instagramm, Whatsapp), Quest 3, ist mit knapp 550 Euro deutlich günstiger. Allerdings ist die verbaute Technik schwächer, die Funktionalität eingeschränkter. Und im Massenmarkt ist das Produkt auch noch nicht angekommen.

    Konkrete Zahlen zu den Entwicklungskosten oder Absatzzahlen der Vision Pro gibt Apple nicht. Angeblich sind bisher, 200.000 Exemplar verkauft worden. Der Konzern rechnet der Financial Times zufolge damit, in diesem Jahr 400.000 Brillen abzusetzen. Die US-Investmentbank Morgan Stanley schätzte im Januar, dass Apple bis 2027 mindestens vier Milliarden Dollar mit dem Gerät erlösen könnte – eine übersichtliche Zahl. Allein mit Uhren und Zubehör setzte der Konzern 2023 rund 40 Milliarden Dollar um. Diesen Wert erreichte Vision Pro den Strategen von Morgan Stanley zufolge bis 2030, wenn es sehr gut liefe.

    Manche Unternehmen wie Netflix warten noch ab, ihre Angebote für die Brille freizugeben. Möglicherweise ändert sich das, wenn es Apple gelingt, eine deutlich billigere Version auf den Markt zu bringen. Angeblich arbeitet der Konzern daran. Offiziell gibt es keine Auskunft.

  • Ariane 6 hebt ab

    Neustart für die europäische Raumfahrt

    Am Dienstagabend deutscher Zeit ist es soweit: Vom Weltraumbahnhof in Kourou soll die Ariane 6 abheben. Der Jungfernflug der Schwerlastrakete eröffnet den Europäern nach knapp einem Jahr wieder einen eigenen Zugang zum All. Richtigen Schub für das europäische Gemeinschaftsprojekt liefert Technologie aus Deutschland. Bei aller Vorfreude auf den Start: Besonders innovativ ist die Rakete nicht.

    Die Ariane 6 löst die Ariane 5 ab, die 2023 das letzte Mal von Französisch-Guyana aus gestartet ist. Seither musste Europa seine Satelliten von anderen ins All schießen lassen. Denn die neue Rakete hat sich mehrere Jahre verzögert. „Europa braucht für seine Souveränität eine eigene Schwerlastrakete“, sagt Matthias Wachter, Raumfahrtexperte beim Industrieverband BDI. „Ein eigenständiger Zugang ins All ist von strategischer und gesamtwirtschaftlicher Bedeutung.“

    Die Rakete ist etwas größer als die Vorgängerin, hat einen Durchmesser von 5,4 Metern und wiegt beim Start mit Sprit und Nutzlast bis zu 870 Tonnen. In der kleineren Version ist sie 56 Meter hoch und mit zwei Boostern bestückt. Die große Version mit 62 Metern Höhe und vier Boostern kann mehr transportieren oder weiter fliegen. Insgesamt hat es seit 2015 rund vier Milliarden Euro gekostet, die neue Rakete zu entwickeln.

    Federführend ist die ArianeGroup, ein Gemeinschaftsunternehmen des französischen Triebwerksherstellers Safran und des deutsch-französischen Flugzeugbauers Airbus. Eingebunden sind Unternehmen aus ganz Europa, die meisten Teile stammen aber aus den beiden größten Esa-Geldgebernationen Frankreich und Deutschland. „Die deutsche Forschung und Industrie spielen im Gesamtpaket der neuen europäischen Trägerrakete eine Hauptrolle“, sagt Walther Pelzer, Chef der Deutschen Raumfahrtagentur am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Etwa 21 Prozent liefern die deutschen Standorte von ArianeGroup in Bremen, Lampoldshausen in Baden-Württemberg und Ottobrunn bei München sowie MT Aerospace in Augsburg und Bremen – Tanks, Brennkammern, Verkleidungen. Weitere 50 deutsche Firmen liefern zu. Allein bei ArianeGroup und MT Aerospace sind insgesamt 1600 Mitarbeiter mit der Rakete beschäftigt.

    Die Ariane 6 besteht wie ihre Vorgängerin aus einer Hauptstufe mit Boostern, die die Rakete von der Erde fortbringt, und einer Oberstufe, die jene Stellen im All ansteuert, an denen die Nutzlast, zum Beispiel Satelliten, ausgesetzt werden soll. ArianeGroup in Bremen hat die Oberstufe neu entwickelt, vor allem die Triebwerke. Sie können mehrfach gezündet werden, die Oberstufe dadurch Lasten an unterschiedlichen Stellen im All absetzen.

    Neu gebaut wurde auch auf dem Weltraumbahnhof in Kourou, Französisch-Guyana, knapp 600 Kilometer nördlich des Äquators in Südamerika. Die Ariane 5 haben die Techniker noch montiert und dann im Schleichtempo über mehrere Kilometer aufrecht zu ihrem Startplatz gefahren. Ihre Nachfolgerin wird stehend dort zusammengesetzt, wo sie abheben soll. Vor Tropenstürmen, Regen und der feuchtwarmen Luft schützt eine neue Halle, die sich 90 Meter über die flache tropische Landschaft erhebt. Sie wiegt gut 8200 Tonnen und wird zum Raketenstart zur Sicherheit 120 Meter zur Seite gefahren.

    Die Halle und weitere Montagegebäude lieferte SEH aus Hannover. Eine Mainzer Tochter des Bremer Satellitenspezialisten OHB baute Starttisch und -turm der Ariane 6. Die Elektroanlagen stammen von RMT aus dem baden-württembergischen Kehl. Und die Mannheimer Actemium Cegelec steuerte die Betankungsanlage für Sauerstoff und Wasserstoff bei.

    Die neue Rakete ist begehrt, unter anderem wegen der Flexibilität der Oberstufe. 28 Flüge sind bereits gebucht. Stolz ist die Esa besonders auf den Großauftrag des US-Handelsriesen Amazon, der mit dem Kuiper-Programm ein eigenes Netz von Kommunikationssatelliten um die Erde spannen will – Konkurrenz zu Starlink von Elon Musk.

    Beim Erstflug sind allerdings keine großen Satelliten für Erdbeobachtung, Kommunikation oder das europäische Galileo-System, eine Art GPS, an Bord, sondern 17 kleinere Satelliten und Tests. So schickt der Raumkapsel-Entwickler The Exploration Company aus Weßling bei München einen Schutzschild, der wohlbehalten auf die Erde fallen soll. Das Experiment von Orbital Matters aus Berlin will 3D-Druck im All ausprobieren. Und die Trainees der Esa dokumentieren den kompletten Flug bis zum Verglühen

    Trotz der vielen Neuerungen ist die Ariane 6 nicht das Maß der Dinge bei Schwerlastraketen. Das setzt SpaceX des US-Unternehmers Elon Musk mit der Falcon 9. Im vergangenen Jahr startete diese Rakete fast 100 Mal, für das laufende Jahr sind mehr als 140 Starts geplant. Die Ariane 6 dürfte auf zwei kommen. Die Amerikaner können so häufig abheben, weil die Falcon 9 wiederverwertbar ist. Von einer Ariane 6 bleibt dagegen nicht viel, das meiste verglüht in der Erdatmosphäre. Jedes Mal startet eine neue Rakete.

    Entsprechend unterscheiden sich auch die Kosten für einen Start. Eine Falcon 9 kostet umgerechnet um die 62 Millionen Euro. Eine Ariane 6 hebt für geschätzt 100 Millionen Euro ab, über genaue Zahlen schweigt sich die Esa aus. Immerhin ist die neue Rakete schon rund 40 Prozent günstiger als ihre Vorgängerin.

    Ein Problem: die Booster, die mit Festbrennstoff betrieben werden. Die Technik habe ArianeGroup perfektioniert, sie sei aber nicht mehr zeitgemäß, heißt es aus der Branche. Die Konkurrenz wie Space X und die Entwickler kleinerer Raketen, sogenannter Microlauncher, wie RFA (Augsburg) und Isar Aerospace (München) arbeiten inzwischen nur noch mit Flüssigbrennstoff, der deutlich flexibler ist.

    Erst einmal werden die Europäer jetzt auf die Ariane 6 setzen. Die deutsche Industrie denkt aber weiter. „Die Mitgliedstaaten der Esa sollten bereits jetzt nach vorn schauen und den Prozess für die nächste Generation starten“, sagt BDI-Raumfahrspezialist Wachter. Er fordert ein grundsätzlich neues Vorgehen. „Wir brauchen künftig mehr Wettbewerb unter europäischen Herstellern. Das Thema Trägerrakete muss entpolitisiert werden.“

    Im Hintergrund rangeln Deutschland und Frankreich um Einfluss und Kontrolle, schließlich geht es um viel Geld. Die Hoffnung: Wenn mehrere Firmen um die beste Technologie wetteifern, wird es insgesamt billiger. „Die Esa sollte als Kunde Raketenstarts bei europäischen Herstellern einkaufen“, sagt Wachter. „Dies würde Innovationen treiben und die Wettbewerbsfähigkeit Europas stärken.“ Bisher ist die Esa letztlich verantwortlich für die Raketen.

    Am Dienstag allerdings geht es erst einmal um einen reibungslosen Erststart der Ariane 6. Die Vorgängerin hob zwischen 1996 und vergangenem Jahr 117 Mal ab, war im höchsten Maß zuverlässig. Das soll auch bei der Nachfolgerin so sein.

  • Die etwas anderen Investoren

    Porträt des Atomendlagerfonds Kenfo

    Bahnhof Zoo, Gedächtniskirche, Kaufhaus Kadewe: Hier im Westteil Berlins residiert in einem schlichten Bürohaus ein staatlicher Fonds, der sehr erfolgreich Milliarden Euro verwaltet. Er stellt sicher, dass Deutschland genug Geld für ein Atomendlager hat. Eher ein Spezialthema, doch der Kenfo bekommt wohl neue Aufgaben, die sehr viele Deutsche betreffen. Er soll künftig helfen, die Rente zu sichern.

    Gestartet ist der Fonds im Juni 2017. Er ist eine öffentlich-rechtliche Stiftung und verwaltet 24,1 Milliarden Euro Kapital. Es stammt von den Konzernen, die die Atomkraftwerke in Deutschland betrieben. Sie mussten für die Entsorgung des Atommülls Geld zurücklegen. Im Zuge des Atomausstiegs übernahm der Staat die Entsorgung, das Geld dafür überwiesen die Firmen an den Fonds für die Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung, kurz Kenfo.

    Seither investiert er. Es läuft recht gut, wie die Zahlen für 2023 zeigen. Danach betrug die Rendite des Fonds 11,1 Prozent, Zielvorgabe war 4,2 Prozent, wie Kenfo-Chefin Anja Minkus sagte. Profitiert hat der Fonds vor allem von den Aktienmärkten, die sich im vergangenen Jahr erholten. Sein grundsätzliches Ziel: Er soll möglichst viel Rendite erzielen, dabei darauf achten, dass die Investitionen nachhaltig sind. Das bedeutet auch: In Atomtechnik wird nicht investiert, in Ölfirmen wegen der Erträge schon. Über die Beteiligung will der Fonds dort auf mehr Nachhaltigkeit hinwirken. Im Vergleich zu 2019 ist der CO2-Abdruck der Anlagen um fast 60 Prozent geringer.

    Zurzeit stecken 46 Prozent des Geldes in Aktien (mehr als 3800 Titel) und handelbaren Immobilienpapieren, sogenannten Reits. 28 Prozent sind in Anleihen von Unternehmen und Schwellenländern investiert, je neun Prozent in Staatsanleihen der Industrieländer und Anlagen, die nicht an Börsen gehandelt werden – Infrastruktur wie Solar- und Windanlagen, Glasfasernetze und Datenzentren, Nahverkehrszüge und Bahnstrecken. Zudem beteiligt sich der Fonds an Unternehmen. Bis 2028 soll der Aktienanteil auf 35,5 Prozent sinken, der Anteil nicht-börslicher Investments auf 29 Prozent steigen. Investiert wird weltweit und breit gestreut, immer in kleinen Anteilen, um das Risiko zu streuen. Für den Kenfo arbeiten knapp 50 Beschäftigte. Die Anlagen verwalten mehr als 50 Investmentpartner weltweit. Angesichts der großen Summen profitiert der Fonds von guten Konditionen.

    Das Geld des Kenfo soll bis zum Ende des Jahrhunderts reichen, der Anlagehorizont ist 75 Jahre. Denn das deutsche Endlager wird noch Jahrzehnte auf sich warten lassen. Ein Standort ist wohl frühestens 2046 gefunden. Danach muss noch erforscht und gebaut werden. Bereits jetzt überweist der Fonds jedes Jahr Geld ans Bundesumweltministerium, das damit die Kosten der Endlagersuche und Entsorgung bezahlt. 2023 waren es 636,8 Milliarden Euro, dieses Jahr sollen es 797 Millionen sein. Insgesamt sind bisher 3,664 Milliarden Euro geflossen.

    Weil der Wert der Anlagen gestiegen ist, ist das Fondskapital nicht geschrumpft, wie Finanzchef Thomas Bley sagte. Für das laufende Jahr rechnet er zudem mit weiter steigenden Erträgen – außer die geopolitischen Spannungen führen zu einer neuen Krise. Andererseits hat der Fonds in den vergangenen Jahren schon Corona, Ukraine-Krieg und Energiepreisschock sowie zweistellige Inflationsraten gut überstanden.

    Auch weil der Kenfo so erfolgreich ist, plant die Bundesregierung eine weitere, ähnliche Stiftung. Sie soll das sogenannte Generationenkapital verwalten. Es wird Teil der gesetzlichen Rente. Bisher finanzieren diejenigen, die arbeiten, die Rente der Ruheständler. Weil die Zahl der Rentner steigt, die der Jüngeren aber sinkt, drohen riesige Löcher in der Rentenversicherung. Deshalb soll an den Finanzmärkten vorgesorgt, sowohl Erträge als auch Kursgewinne mitgenommen werden.

    Geplant ist zurzeit wohl, jährlich zwölf Milliarden Euro anzulegen. Beschlossen ist bisher noch nichts. Sollte das Gesetz bis Anfang November durch Bundestag und Bundesrat sein, könnte die neue Stiftung noch in diesem Jahr starten. Angesiedelt werden soll sie zu Anfang beim Kenfo und auch von seinem Wissen und Kontakten profitieren.

    Allerdings dürfte die Anlagestrategie anders aussehen. So ist beim Generationenkapital erst 2036 eine erste Auszahlung an die Rentenkasse geplant. Der Aktienanteil könnte bei 80 Prozent liegen, was die Erträge erhöht, allerdings auch das Risiko von Verlusten. Weil der Kenfo seit dem Start jährlich Geld ausschütten muss, sind die Anlagen etwas risikoärmer.

  • Liebe zum Bargeld erkaltet

    Smartphone zum Bezahlen immer wichtiger

    Zum Bargeld haben die Deutschen eine innige Beziehung. Während in vielen Ländern Europas vor allem mit Karte oder mobil bezahlt wird, hängen die Bundesbürger an Scheinen und Münzen. Doch die Liebe erkaltet langsam, wie aus einer repräsentativen Umfrage der Bundesbank hervorgeht. Der Trend geht offenbar zum mobilen Zahlen – per Smartphone, Uhr oder Fitnessarmband.

    „Mobile Bezahlarten wachsen stark“, sagte Burkhard Balz aus dem Vorstand der Bundesbank. Zwischen 2021 und 2023 hätten sie ihren Anteil an allen praktisch verdreifacht. „Allerdings auf niedrigem Niveau. Die Richtung ist allerdings deutlich.“ Noch machen solche Zahlarten der Umfrage zufolge nur sechs Prozent aller Einkäufe und auch der Umsätze aus. Besonders stark im Geschäft ist der US-Technologiekonzern Apple, dessen Zahlprogramm mit weitem Abstand vor Bezahl-Apps von Banken und Sparkassen liegt. Die anderen US-Anbieter wie Google oder Paypal sind abgeschlagen, haben auch Marktanteil verloren.

    Auch bei Frage, wie die Deutschen am liebsten bezahlten, hätten sie mehrere Möglichkeiten, nannten zuletzt nur noch 28 Prozent Bargeld, 2021 waren es noch 30 Prozent. 44 (2021: 41) Prozent griffen lieber zur Karte oder vor allem dem Mobiltelefon. Solche mobilen Verfahren sind besonders bei Jüngeren zwischen 18 und 35 Jahren beliebt, die mit den Geräten und deren technischen Möglichkeiten groß geworden sind.

    Und noch etwas deutet daraufhin, dass Bargeld unwichtiger wird: Fast die Hälfte der Deutschen erwartet, dass Bargeld in den nächsten 15 Jahren aus dem Alltag verschwunden sein wird, jeder zehnte sogar, dass es abgeschafft wird. Allerdings wollen 63 Prozent weiterhin Bargeld wie bisher nutzen – was etwas im Widerspruch zum Verhalten der vergangenen Jahre steht. Denn die Bargeldnutzung nimmt stetig ab, im vergangenen Jahr wurden noch 51 Prozent aller Käufe mit Bargeld bezahlt, zwei Jahre zuvor waren es 58 Prozent. Nach Umsätzen werden nur 26 Prozent bar bezahlt, 32 Prozent mit Debitkarten, in Deutschland die Girocard, umgangssprachlich EC-Karte. Es sind also vor allem kleinere Beträge, für die die Bundesbürger zu Münzen und Scheinen greifen: Wocheneinkauf mit Karte, Brötchen am Wochenende bar.

    Insgesamt gehören die Bundesbürger zu denen in Europa, die Bargeld am meisten nutzen. Ähnlich sieht es bei Österreichern und Italienern aus. In Skandinavien sieht es anders aus: Es gibt Bargeld, wird nur selten verwendet. In Norwegen zum Beispiel beträgt der Anteil von Münzen und Scheinen an den Käufen nach einer Studie der Europäischen Zentralbank nur drei Prozent, in Dänemark und Schweden sind es zwischen acht und zehn Prozent. Die Statistiker der EZB ermittelten die Zahlen etwas anders als die Bundesbank. Die Richtung ist aber eindeutig.

    Zuletzt bemerkten viele Europäer, die zur Europameisterschaft anreisten, dass die Deutschen beim Bezahlen etwas anders ticken. Sie konnten in manchen Restaurants und auf Fanmeilen nicht mit Karte zahlen. Schwierig vor allem, wenn man aus einem Land außerhalb der Euro-Zone mit anderer Währung kommt. Und auch in Städten mit sehr vielen ausländischen Touristen wie Berlin, wo sich oft in verschiedenen Sprachen im Restaurant bestellen lässt, kann manchmal nur bar bezahlt werden. Doch das nimmt ab. 2023 akzeptierten der Bundesbank zufolge 70 Prozent der Restaurants und Lieferdienste Kartenzahlung, zwei Jahre zuvor waren es nur 48 Prozent. Im Einzelhandel, an Tankstellen und in Behörden liegt die Quote inzwischen bei 90 bis 95 Prozent.

    Während Karten langsam überall angenommen werden, nimmt der ein oder andere sogar kein Bargeld mehr. Vor allem Behörden verbannen Bargeld. Bei der Hälfte ließen sich Pässe oder andere Dokumente nur mit Karte bezahlen. Vor zwei Jahren waren es noch knapp ein Drittel. „Die Behörden wollen wohl keine großen Bargeldmengen im Haus haben“, sagte Bundesbank-Vorstand Balz.

    An Bargeld zu kommen, wird schwieriger, zumindest empfinden es die Menschen so. Banken und Sparkassen bauten in den vergangenen Jahren Geldautomaten. Gab es 2020 noch 57.000, waren es Ende Juni 2023 nur noch 50.900, Tendenz fallend. Auch die Zahl der Filialen sinkt seit Jahren. Dafür gibt es Balz zufolge praktisch flächendeckend Geld an Supermarktkassen – allerdings nur verbunden mit einem Einkauf.

    Auch die Bundesbank passt sich dem verringerten Interesse an Bargeld an. So werden acht der 31 Standorte geschlossen, dafür vier neue, modernere eröffnet. Deutschland mit Euro-Bargeld zu versorgen, ist eine der wesentlichen Aufgaben der Bundesbank. „Wir und die EZB glauben an Bargeld. Sonst würden wir nicht so viel Ressourcen in die neue, dritte Serie der Euro-Banknoten stecken.“ Wie sie aussehen soll, wird wahrscheinlich 2026 entschieden. Der digitale Euro, eine Art virtueller Zwilling, an dem die EZB arbeitet, ergänzt für Balz die klassischen Münzen und Scheine. Er kommt nicht vor Ende des Jahrzehnts, wenn überhaupt.

    Die Marktforscher von Forsa haben im Auftrag der Bundesbank 5698 Bundesbürger befragt, die unter anderem drei Tage lang aufschrieben, was sie wo wie bezahlt haben. So flossen Restaurantbesuche, Supermarkteinkäufe und Onlinebestellungen ein. Alles, was regelmäßig vom Konto abgebucht wird, Streamingabos, Telefon- oder Stromkosten und Miete etwa, ist nicht erfasst. Die Umfrage ist repräsentativ für die deutschsprachige Bevölkerung.

  • Der Kunde verliert

    Zur Debatte über das Deutschlandticket

    Eine der wenigen durchweg positiven Leistungen der Bundesregierung ist das Ende der Kleinstaaterei im öffentlichen Nahverkehr. Das Deutschlandticket gilt bundesweit, es liefert eine ungeahnte Freiheit, kostet einheitlich 49 Euro. Und niemand muss sich mehr mit unverständlichen Automaten, Mehrfachzonen oder Streifenkarten beschäftigen. Wahrscheinlich war das alles zu schön für Bundesfinanzminister Christian Lindner, der das Ticket jetzt für politische Zwecke in der Haushaltsdebatte nutzt. Besonders schwierig: Die Kosten des Tickets gegen die dringend benötigten Milliarden bei der Sanierung des Schienennetzes auszuspielen.

    Lindner könnte die Deutschen einfach fahren lassen. Er könnte seinen FDP-Parteikollegen im Bundesverkehrsministerium dazu bewegen, über Subventionsmilliarden beim Dienstwagenprivileg nachzudenken, mit denen sich das ein oder andere bei der Bahn finanzieren ließe. Er könnte hart mit der SPD über die hohen Sozialausgaben streiten. Stattdessen entfacht er erneut eine Debatte über das Deutschlandticket, weil der politische Aufschrei groß ist.

    Dabei war gerade Ruhe eingekehrt. Vor allem Verkehrsverbünde, Kommunen und Länder haben das Ticket nur nach großem Widerstand eingeführt. Ihnen entgehen Einnahmen. Geld fehlt, das Angebot aufrecht zu erhalten, und erst recht, es gerade in Regionen abseits der großen Städte auszubauen. Aber die große Mehrheit sah doch den Vorteil.

    Und so wird mitten im Streit der Ampel-Regierung über den Haushalt 2025 wieder über die 1,5 Milliarden Zuschuss von Bund und Ländern für das Deutschlandticket geredet werden, um den es auch Lindner geht. Verlieren werden auf jeden Fall jene elf Millionen Bundesbürger, die das Ticket bisher freudig vor allem in Bus und Tram, U- und S-Bahn nutzen. Sie werden wohl mehr zahlen müssen. Dass die Sanierung der Bahn profitiert, ist eher unwahrscheinlich. Die Finanzierungslücke dort beläuft sich auf einen zweistelligen Milliardenbetrag. Im Bundeshaushalt 2025 fehlen zurzeit mindestens 25 Milliarden Euro. Und Lindner? Kann vielleicht taktisch Punkten, neue Wähler gewinnt er so nicht.

  • Die Schufa räumt auf

    Auskunftei will Kreditwürdigkeit einheitlich bewerten

    Vor wenigen Unternehmen in Deutschland fürchten sich die Menschen vor der Schufa. Entscheiden ihre Produkte, sogenannte Scores, doch mit über Onlineeinkäufe, Kredite, Mobilfunk- und Mietverträge. Jetzt plant die Auskunftei aus Wiesbaden einen drastischen Einschnitt: Die Kriterien werden vereinfacht, künftig soll es nur noch einen einzigen Score statt vieler verschiedener geben. Einen, den auch Verbraucher einfach verstehen können.

    „Unser Anspruch ist hohe Präzision bei guter Verständlichkeit“, sagt Tanja Birkholz, Chefin der Schufa. Seit etwa drei Jahren wandelt sich die Schufa, will offener werden, vor allem für Verbraucher. Das soll das Bild des Unternehmens aus Wiesbaden verbessern – und langfristig einige Menschen auch dazu bewegen, der Schufa freiwillig Daten zu geben. Am meisten werde die Auskunftei gefragt, wie man seinen Score verbessern könne, sagt Birkholz. Das geht oft über zusätzliche Daten.

    Die Schufa bewertet, wie hoch das Risiko ist, dass ein Kunde seine Rechnung nicht bezahlt oder einen Kredit nicht bedienen kann. Dafür wird ein Score errechnet. In die Formel fließen Informationen etwa zu bestehenden Krediten ein und, ob jemand bereits einmal nicht zahlen konnte. Bisher ermittelt die Schufa allerdings nicht einen Score, sondern bis zu 20 verschiedene – mit unterschiedlichen Daten, die unterschiedlich gewichtet werden. So gibt es einen Score für den Handel, einen für Telekom und einen für Banken. Letzterer wird am häufigsten genutzt.

    Künftig soll es für alle nur noch einen Score geben. Das Modell wird radikal vereinfacht, soll nicht mehr nur für Statistiker verständlich sein, sondern auch für Verbraucherinnen und Verbraucher. Dabei verspricht die Schufa, dass der neue Score genauso präzise ist wie die alten – wichtige für Schufa-Kunden wie Banken, Telekommunikationsfirmen, Händler, die den Score verwenden, um über Verträge zu entscheiden.

    Allein in die sechs Branchenscores fließen mehr als 50 verschiedene Faktoren ein, wie Andre Muhle sagt, bei der Schufa verantwortlich für den neuen Score. Künftig reichen zehn bis 15 aus. Welche Daten einfließen, wollte er nicht sagen. Wahrscheinlich fließen Informationen zu Ratenkrediten, Hypotheken und Zahlungsausfällen ein. Adressdaten sollen wie bisher auch nicht verwendet werden. Wie der Score genau berechnet wird, verrät die Schufa nicht. Geschäftsgeheimnis wie bisher. Künstliche Intelligenz wird jedenfalls ausdrücklich nicht eingesetzt, weil die Technologie die Komplexität wieder erhöht hätte.

    Derzeit testen die Experten den neuen Score auch bei Unternehmen. Ende 2024 soll er fertig sein. Dann dauere es wohl ein bis zwei Jahre, bis er am Markt eingeführt sei, sagt Birkholz. Unter anderem Banken müssen sich den neuen Score zertifizieren lassen, die Bankenaufsicht Bafin wird ihn sich genauer anschauen. Das dauert. Perspektivisch soll es dann nur noch den neuen Score geben, andere wird die Schufa dann nicht mehr ermitteln. Nicht vereinheitlicht werden die gut 30 Scores, die die Auskunftei jeweils für ein Unternehmen entwickelt hat.

    Ist der neue Score etabliert, können auch die Bundesbürger dessen Ergebnis einsehen. Derzeit haben sie nur Zugriff auf einen sogenannten Basisscore, eine Art Durchschnitt aller Schufa-Scores. Ihn nutzen die Unternehmen aber nicht, er ist ausschließlich dazu da, Verbraucherinnen und Verbraucher zu informieren. Umstellen will die Schufa auch den Score-Simulator. Mit ihm können Interessierte ausprobieren, wie ihre Kreditwürdigkeit unter bestimmten Umständen aussieht. Allgemeine Angaben sind nötig zur Zahl der Kreditkarten oder der Laufzweit des Girokontos – dann errechnet der Simulator einen Score-Wert zwischen 0 und 100, wobei 97 ein sehr guter, 50 ein schlechter Wert ist. Das Programm zeigt auch, unter welchen Bedingungen sich der Score verschlechtern oder verbessern würde.

    Die Schufa hat zudem ihre Internetseite überarbeitet. So ist das Angebot der Auskunftei inzwischen in einfacher Sprache zu finden und in Englisch. Eine türkische Version wird gerade vorbereitet. Zudem lässt sich das Unternehmen jetzt mit wenigen Klicks digital über vereinheitlichte Formulare anfragen. Das vereinfache auch ihnen die Arbeit, sagte Schufa-Chefin Birkholz. Bisher kämen die meisten Anfragen per Post oder E-Mail, teils so formuliert, dass man oft nachfragen müsse.

    Die Auskunftei hat Daten von 6,4 Millionen Firmen und rund 68 Millionen Bundesbürgern gesammelt. Nach eigenen Angaben sind für mehr als 90 Prozent ausschließlich positive Informationen gespeichert. Täglich erreichen die Schufa 340.000 Anfragen von Firmen, die einschätzen wollen, ob sie Geschäft mit einer Kundin oder einem Kunden machen wollen. Die Unternehmen dürfen die Scores nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs nicht ausschließlich und vollautomatisiert nutzen, um Verträge abzuschließen. Bei Banken fließen in der Regel noch Informationen etwa zum Girokonto ein oder darüber, wie das Wertpapierdepot aussieht.

    Die Schufa wurde 1927 als Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung gegründet und ist die größte und wichtigste Auskunftei dieser Art in Deutschland. Sie gehört zu jeweils mehr als einem Viertel den Genossenschaftsbanken und den Sparkassen. Den Rest halten vor allem Geschäftsbanken. Das Wiesbadener Unternehmen beschäftigt rund 1000 Mitarbeiter und setzte im vergangenen Jahr 276 Millionen Euro um.

    Schufa-Score-Simulator: https://www.schufa.de/scorechecktools/scoresimulator/

    Schufa-Verbraucherportal: https://www.schufa.de/kontakt/

  • Wenn Strom minus 50 Cent kostet

    Wie Verbraucher profitieren können

    Strom verbrauchen und Geld dazubekommen? Im vergangenen Jahr war das in Deutschland an mehreren Tagen möglich. Stundenweise war der Preis negativ. Das Phänomen hat mit der Energiewende zu tun. Verbraucher können profitieren.

    Was sind negative Strompreise?

    Normalerweise kostet es Geld, eine Kilowattstunde Strom zu verbrauchen. Es kann sein, dass der Preis ins Negative dreht, wenn das Angebot größer als die Nachfrage ist. Tatsächlich bekommt jemand dann Geld dafür, eine Kilowattstunde abzunehmen. Der Effekt tritt an der Strombörse auf, an der ein Teil des deutschen Stroms gehandelt wird – am Spotmarkt, an dem zur Sekunde Strom gehandelt wird, und am Day-Ahead-Markt, auf dem es um Strom für den nächsten Tag geht.

    Wie entstehen negative Strompreise?

    Negative Strompreise sind eine Folge des veränderten Marktes und Strommixes in Deutschland. Als Strom vor allem aus konventionellen Kraftwerken stammte, wurde so viel erzeugt, wie die Kunden brauchten. Zu Spitzenzeiten liefen Gas- und Kohlekraftwerke mehr, in Nebenzeiten weniger. 2023 stammten 54,1 Prozent des Stroms nach Zahlen des Verbands BDEW aus erneuerbaren Quellen. Vor allem Wind- und Solaranlagen liefern, wenn es ausreichend weht und die Sonne scheint. Das sind nicht unbedingt Zeiten, in denen viel verbraucht wird. Dann kann das Angebot von Strom größer sein als die Nachfrage.

    Wie oft treten negative Strompreise auf?

    Noch sind die Preise am Spotmarkt nicht dauerhaft, sondern stundenweise im Minus, mal um ein paar Cent, mal etwas mehr. Es gibt auch Ausreißer: „Im vergangenen Jahr hatten wir kurzzeitig einen Preis von minus 50 Cent je Kilowattstunde am Day-Ahead-Markt“, sagt Merlin Lauenburg, Managing Director beim Stromanbieter Tibber Deutschland. Er erwartet: „Negative Strompreise in Deutschland werden mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien zunehmen.“ Auf jeden Fall werden die Strompreise stärker schwanken.

    Welche Probleme bereiten schwankende Strompreise?

    Negative wie auch niedrige Strompreise am Spotmarkt kosten Geld, im Zweifel alle Stromkunden. Wenn viel billiger Windstrom in Norddeutschland ins Netz kommt, nimmt möglicherweise jemand in Süddeutschland eine große Menge Strom ab. Das Übertragungsnetz reicht oft nicht für den Transport. Also muss ein teureres regionales Gaskraftwerk im Süden mehr teuren Strom liefern. Die Preisdifferenz tragen alle Stromkunden über die Netzentgelte.

    Was lässt sich tun?

    Das besonders belastete Stromnetz muss ausgebaut werden, vor allem die großen Nord-Süd-Trassen. Deutschland benötigt mehr Möglichkeiten, Strom zu speichern – zum Beispiel in großen Batterien. Oder mit dem Strom wird Wasserstoff hergestellt, mit dem sich wieder Strom erzeugen lässt. Batterien und Wasserstoff sind aber noch nicht im industriellen Maßstab praxistauglich. Und Deutschland benötigt mehr Flexibilität. So könnten Kunden Strom nutzen, wenn er günstig ist. Dafür müssten sie aber ihren Verbrauch und die Preise genau kennen.

    Kann ich von schwankenden Strompreisen profitieren?

    Im Prinzip ja. Nötig ist dafür mindestens eine moderne Messeinrichtung mit Digitaldisplay, besser ein Smartmeter, ein moderner digitaler Stromzähler. Er liefert den genauen Verbrauch. Versorger können dann dynamische Tarife anbieten, die sich zum Beispiel nach den Preisen am Day-Ahead-Markt der Börse richtet. Über ein Programm im Computer oder dem Smartphone ließe sich dann etwa die Waschmaschine anschalten oder das E-Auto laden, wenn der Strom günstig ist – automatisch. „Zu bestimmten Zeiten am Tag ist der Strom in einem dynamischen Tarif sicher teurer als bei einem Tarif mit fixen Preisen, zu anderen Zeiten ist er günstiger. Im Schnitt liegt er dank Verbrauchssteuerung niedriger, auch aufs Jahr gerechnet“, sagt Lauenburg von Tibber. Das Unternehmen hat in Norwegen und Schweden bereits Erfahrung gesammelt. Dort sind praktisch alle Haushalte mit einem Smartmeter ausgestattet. In Deutschland sind es ein Prozent. 2025 soll der große Rollout beginnen.

    Mein Stromvertrag sieht einen festen Strompreis vor. Wie betreffen mich schwankende Strompreise?

    Zunächst einmal nicht. Die meisten Stromversorger bieten feste Preise je Kilowattstunde an. Dafür kaufen sie den Strom meist über länger laufende Verträge bei den Erzeugern ein oder erzeugen selbst. Nur etwa ein Viertel des Stroms wird über die Strombörse am Spotmarkt gehandelt. Täglich schwankende Preise gleicht der Stromversorger dann selbst aus, der Kunde merkt nichts.

  • Bulgarien lockt

    Sommerurlaub in Schweiz am teuersten.

    Sonne, Sand, dem Alltag entfliehen: Fast drei Viertel der Bundesbürger zieht es im Sommerurlaub ins Ausland. Besonders beliebt sind Spanien, Italien und die skandinavischen Länder. Viele haben bereits die Unterkunft gebucht. Und fragen sich vielleicht, wie teuer der Restaurantbesuch in diesem Jahr wird. Genau lässt sich das wegen regionaler Unterschiede nicht sagen, aber Tendenzen gibt es schon. Vor allem Skandinavien und die Schweiz sind deutlich teurer als Deutschland.

    Das Statistische Bundesamt hat sich die Preise in ausgewählten Urlaubsländern angesehen. Wer noch nicht gebucht hat und genau rechnen muss, sollte danach Bulgarien oder Albanien wählen. Dort liegen die Preise für Hotels und Gaststätten 55 und 54 Prozent unterhalb des bundesdeutschen Niveaus. In der Schweiz sind es dagegen 49 Prozent mehr. Unterkunft und Essen gehen reißen auch in Dänemark (33 Prozent mehr), Norwegen (23) und Finnland (13) Löcher ins Budget. Einzig in Schweden liegen die Ausgaben für Kost und Logis kaum über denen in Deutschland.

    Frankreich, Österreich und Italien, ebenfalls beliebte Urlaubsziele sind etwas günstiger als in Deutschland. Spanien, der Deutschen liebstes Urlaubsziel, liegen die Preise demnach 26 Prozent unter denen hierzulande, in der Türkei sogar 41 Prozent. Die Statistiker errechneten Durchschnittswerte. Vor Ort kann ein Hotel nahe der Alhambra in spanischen Granada oder ein Restaurant in Palma auch deutlich teurer sein als die Tapas-Bar um die Ecke zu Hause. Ebenso bietet manch Italiener die Pizza in Deutschland vielleicht billiger als am Strand von Rimini oder an der Piazza Navona in Rom.

    Nun sind die Kosten für Unterkunft und Restaurantbesuche nicht alles. Und nicht jeder hat einen Pauschalurlaub all inclusive gebucht.  Viele Menschen entspannen im Ferienhaus und kochen selbst. Nach Zahlen der Weltbank wird es in der Schweiz, in Norwegen und Island dennoch teuer. Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke kosten in der Schweiz im Schnitt 59 Prozent mehr als in Deutschland, in Norwegen sind es 43 Prozent, in Island noch 34 Prozent. Am günstigsten in Europa sind die Türkei und Polen. Die Zahlen stammen von 2021 und werden nur alle vier Jahre erhoben. Viel verändert hat sich an den Verhältnissen eher nicht.

    International an der Spitze liegen andere Länder: Wer auf den Kaimaninseln einkauft, muss theoretisch für dieselben Waren wie in Deutschland 77 Prozent mehr zahlen. Das Land in der Karibik ist allerdings weniger als Urlaubsziel bekannt, denn als Ort zahlreicher Briefkastenfirmen. Noch vor der Schweiz bei den Lebenshaltungskosten finden sich auch Bermuda und Südkorea. Am unteren Ende der Liste stehen Indien und Pakistan, wo der Einkauf im Schnitt etwa die Hälfte dessen kostet, was in Deutschland auszugeben wäre.

    Die Zahlen der Statistiker sind immer Durchschnittswerte, ermittelt anhand bestimmter Waren. Nicht alle Waren gibt es überall, Reis ist in Thailand allgegenwärtig, in Äthiopien aber nur schwer zu bekommen. Zudem muss nicht jeder Urlauber die hohen Preise merken. Es hängt immer davon ab, welche Produkte man selbst kauft. Möglicherweise wird es teurer, weil andere Produkte als zu Hause im Einkaufskorb landen. Ist schließlich Urlaub. Das ein oder andere Eis zusätzlich dürfte auch dabei sein.

    Einen recht guten Überblick, wie teuer es in welchen Ländern ist, gibt auch der Big-Mac-Index, den das britische Magazin „Economist“ seit Jahren erhebt. Der Burger der Fastfood-Kette McDonald’s ist praktisch überall auf der Welt zu bekommen – Ausnahmen sind unter anderem Russland, Nordkorea und Haiti. Die Preise werden jeweils in Dollar umgerechnet. Die Liste ist eindeutig: Am teuersten ist die Schweiz. Im Januar, als der Index zuletzt errechnet wurde, kostete dort der Mettklops im Brötchen im Schnitt 8,17 Dollar. Auf Platz 2 folgt Norwegen mit 7,14 Dollar und Uruguay mit 7,04 Dollar. In der Euro-Zone mussten 5,87 Dollar bezahlt werden.

    Nach dieser Liste bietet sich ein Urlaub in Ägypten (2,75), Südafrika (2,71) oder Indien (2,59) an. Am günstigsten ist es demnach in Taiwan mit 2,39 Dollar. Die Anreise auf die Insel vor der chinesischen Küste dürfte allerdings deutlich teurer sein als eine Fahrt in die Schweiz oder der Flug nach Mallorca.

  • Sicher zahlen im Ausland

    Was bei der Reisekasse im Urlaub zu bedenken ist

    Wandern auf den Lofoten, Baden in Antalya, Kultur in Rom: Diesen Sommer gehen die Bundesbürger wieder auf Reisen. Sehr viele beschäftigt die Frage, welche Kleidung in den Koffer kommt. Fast ebenso wichtig sind einige Gedanken zur Reisekasse, damit Eis, Eintritt und Essen bezahlt werden können und der Schaden bei Diebstahl gering bleibt.

    Was gehört in die Reisekasse?

    Wer innerhalb Europas verreist, kann meist mit seiner Girocard oder einer entsprechenden Debitkarte etwa von Mastercard oder Visa bezahlen oder Geld am Automaten abheben. Die Debitkarte, die das Geld direkt vom Konto abbucht, erkennt man am kleinen Schriftzug „Debit“ auf der Vor- oder Rückseite. Wer einen Leihwagen buchen, ein Hotelzimmer reservieren möchte oder Europa verlässt, sollte eine Kreditkarte dabei haben, die weltweit gültig ist. Die größten Anbieter sind die US-Firmen Mastercard und Visa. Kreditkarten tragen den Schriftzug „Credit“ auf Vor- oder Rückseite. Bei Kreditkarten sammelt der Anbieter die Ausgaben und bucht sie einmal im Monat vom Konto ab. Dafür garantiert er die Zahlungen. Manche Banken wie DKB und ING geben Debitkarten von Mastercard und Visa aus, die ähnlich aussehen wie Kreditkarten. Grundsätzlich sollte sich damit auch ein Auto mieten lassen, allerdings akzeptieren nicht alle Firmen diese Debitkarten.

    Was ist mit meiner EC-Karte?

    Was die Deutschen gemeinhin als EC-Karte bezeichnen, heißt offiziell Girocard. Sie ist eine Debitkarte der deutschen Banken und Sparkassen. Sie gilt in Deutschland, ist dank einer Zusammenarbeit mit Mastercard (Maestro) oder Visa (V-Pay) auch international einsetzbar.

    Und Reiseschecks?

    Mit Travelers Cheques konnten Reisende im Ausland bezahlen, ohne Bargeld in der Landeswährung mitzunehmen. Das umfangreichste Programm dieser Art hatte das US-Kreditkartenunternehmen American Express. Neue Schecks stellt es seit 2015 nicht mehr aus, löst aber immer noch alte ein. In manchen Ländern lässt sich mit den Schecks noch heute bezahlen. Nötig ist das nicht mehr, Karten- oder mobile Zahlung hat die Schecks überflüssig gemacht.

    Lässt sich jede Karte im Ausland nutzen?

    Nicht alle Karten sind freigeschaltet, um sie außerhalb Deutschlands zu nutzen. Manche Banken setzen das Auslandslimit aus Sicherheitsgründen auf null, wie es beim Bankenverband heißt. Dann lässt sich schon bei den EU-Nachbarn weder bezahlen noch Geld abheben. Das kann auch für Bezahlen mit dem Mobiltelefon gelten, wenn dort eine digitale Karte hinterlegt ist. Das Limit lässt sich meist im Online-Banking anheben. Sonst hilft jemand in einer Filiale.

    Wie sicher ist Kartenzahlung im Ausland?

    „Kartenzahlung im Ausland ist sicherer als Bargeld“, sagt Kerstin Backofen von Finanztest. Diebe können mit einer Karte oft weniger anfangen als mit Bargeld. Und sie lässt sich schnell sperren. Der Schaden ist da meist geringer. Zudem haben vor allem Kreditkartenunternehmen interne Kontrollmechanismen. Wird eine Karte zum Beispiel im dänischen Aarhus und eine Stunde später im mexikanischen Acapulco benutzt, könnte eine extra Sicherheitsabfrage nötig sein oder die Karte gesperrt werden. Schließlich kann niemand in so kurzer Zeit an zwei so weit voneinander gelegenen Orten sein. „Man kann die eigene Bank vor einer Reise zum Beispiel außerhalb Europas informieren. Das verhindert, dass die Karte gesperrt wird, weil das Abrechnungssystem die Urlaubsausgaben als verdächtig betrachtet, weil sie bisher nie im Reiseland eingesetzt wurde“, sagt Backofen.

    Wie wichtig ist Bargeld?

    In kaum einem Land halten die Menschen so sehr am Bargeld fest wie in Deutschland. In vielen Ländern Europas lässt sich ganz ohne Scheine und Münzen reisen. Vor allem in Skandinavien zücken die meisten Karte oder Mobiltelefon, um zu bezahlen, selbst wenn es nur ein Brötchen oder eine Postkarte ist. Auch in Frankreich, Großbritannien, den USA ist die Karte das Maß der Dinge. Wer Trinkgeld geben will, kann das meist am Bezahlterminal einstellen.

    Lohnt es sich, ausländisches Bargeld schon in Deutschland zu tauschen?

    Wer schon am ersten Tag Geld in der Landeswährung haben möchte, um etwa ein Taxi vom Flughafen zu bezahlen, und nicht auf Kartenzahlung vertraut, kann bereits in Deutschland Geld tauschen. Meist muss das vorher bei der Bank bestellt werden. Und es werden in der Regel Gebühren fällig. Getauscht werden kann auch in Wechselstuben zum Beispiel direkt am Flughafen. Wer dort Landeswährung gegen Euro haben will, „sollte sich vorher über die aktuellen Tauschkurse informieren, etwa auf Übersichtsportalen im Internet“, sagt Backofen. „Sonst kann es teuer werden.“ Der Bankenverband bietet im Internet einen Umrechner für 160 Währungen an. Am kostengünstigsten ist es nach Angaben des Verbands meistens, Bargeld am Urlaubsort am Automaten zu ziehen. Auch hier werden aber in der Regel Gebühren fällig. Manche Banken oder Sparkassen bieten allerdings Karten an, mit denen sich im Ausland kostenlos Geld abheben lässt.

    Der Geldautomat oder das Bezahlterminal bieten an, das Geld in Euro oder in der Landeswährung vom Konto abzubuchen. Was rechnet sich für mich?

    Es sieht praktisch aus, auch in Dänemark, Großbritannien oder der Türkei am Terminal mit Euro zu rechnen, kostet allerdings auch extra. „Wer am Automaten im Ausland Geld abhebt, sollte immer die Abrechnung in der jeweiligen Fremdwährung wählen, also zum Beispiel Pfund oder Dänische Krone“, sagt Backofen. „Die Hausbank hat in der Regel einen besseren Umrechnungskurs als die Bank, die den Geldautomaten betreibt.“ Auch der Bankenverband empfiehlt, in der jeweiligen Landeswährung abzurechnen.

    Was sind Fremdwährungsgebühren?

    Beim Einsatz der Kreditkarte in Ländern, die nicht den Euro haben, wird oft eine Fremdwährungsgebühr fällig. Sie liegt zwischen einem und zwei Prozent des bezahlten Preises und soll die Umrechnungskosten abdecken. Manch Kreditinstitut bietet auch Kreditkarten ohne solche Gebühren an. Ein Vergleich lohnt sich vor einer größeren Reise.

    Was sollte sonst beachtet werden?

    „Es empfiehlt sich, Kopien aller Karten und anderer wichtiger Dokumente dabeizuhaben und auch eine Kopie zu Hause zu lassen“, sagt Backofen von Finanztest. „Im Notfall hat man dann noch Zugriff auf wichtige Daten wie die Konto- oder Passnummer.“ Der Bankenverband empfiehlt, sich die Telefonnummern zu notieren, mit denen sich die Karten sperren lassen. So lässt sich schnell reagieren, wenn das Portemonnaie gestohlen oder verloren wurde. Wichtig: Wer mit dem Mobiltelefon bezahlt, muss daran denken, die hinterlegte Karte zu sperren, sollte das Gerät gestohlen werden. Die zentrale Sperrnummer lautet +49 116 116. Sie ist rund um die Uhr besetzt. Allerdings sind nicht alle Banken oder Sparkassen angeschlossen. Manche haben eine eigene Sperrnummer. Im SOS-Infopass sind die wesentlichen Daten zusammengefasst.

    SOS-Infopass: https://www.kartensicherheit.de/oeffentlich/meine-kartensicherheit/karte-sperren/sos-infopass.html

    Währungsrechner: https://bankenverband.de/service/waehrungsrechner/