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  • Kein Geld für „Donald Duck“

    Geld vom Computer oder Mobiltelefon aus zu überweisen, wird sicherer. Vom Herbst an überprüfen Banken und Sparkassen, ob Kontonummer und Empfängername übereinstimmen. Die EU will so verhindern, dass Betrüger echte Rechnungen mit falschen Kontonummern manipulieren. Auch versehentlich Geld an die falsche Person zu schicken, soll dann nicht mehr vorkommen.

    Bisher muss für eine Überweisung eine lange Nummer aus Buchstaben und Zahlen eingetragen werden, die Internationale Bankkontonummer Iban. Ob im Namensfeld das Unternehmen, dessen Rechnung bezahlt wird, angegeben ist oder „Donald Duck“ ist nicht wichtig. Das ändert sich zum 9. Oktober.

    Die Iban ist weiterhin wichtig, damit das Geld beim Empfänger ankommt. Sie besteht aus einem Ländercode etwa DE für Deutschland zwei Prüfzimmern und der Bankleitzahl sowie der Kontonummer. Bei einer Onlineüberweisung kontrolliert das Kreditinstitut im Hintergrund, ob die Iban existiert. Künftig allerdings überprüfen die Bank, die die Überweisung ausführen soll, und die Bank, die sie annehmen soll, zusätzlich ob der Name im Überweisungsformular mit dem Namen des Kontoinhabers übereinstimmt. Das soll die Zahlung sicherer machen.

    Vier mögliche Hinweise werden angezeigt, nach denen die Person die Überweisung freigeben kann: Der Name stimmt überein. Der Name ähnelt sich, typisch, wenn der Empfänger zum Beispiel mehrere Vornamen hat, die er nicht nutzt, die die Bank aber aufführt. Der Name stimmt nicht überein. Im vierten und eher sehr seltenen Fall ist eine Überweisung derzeit nicht möglich, was in der Regel technische Gründe hat.

    Wie genau das aussieht, ob grüne Haken und rote Kreuze angezeigt werden, regelt jede Bank oder Sparkasse selbst. Die neue Abfrage soll Bruchteile von Sekunden dauern, also kaum merkbar sein, wie Ingo Beyritz, Leiter Zahlungsverkehr beim Bundesverband deutscher Banken, sagte.

    Die Überweisung kann auch freigegeben werden, wenn der Name nicht übereinstimmt. Schließlich kann es sein, dass das „Schuhhaus Federleicht“, von dem die Rechnung stammt und das als Name in die Überweisung eingetragen ist, bei der Bank die Max Mustermann Handels KG ist. Das dürfte allerdings selten vorkommen. Stimmen die Namen nicht überein, sollte die Überweisung noch einmal überdacht werden. Die Rechnung könnte falsch sein.

    „Betrüger verwenden die echte Rechnung und manipulieren die Iban“, sagt Kolja Gabriel, Geschäftsbereichsleiter Politik und Innovation des Bankenverbands. „Wenn das gut gemacht ist, hat der Zahler eine echte Rechnung mit einer ordentlichen Iban und kann die Manipulation nicht erkennen.“ Mit der neuen Sicherheitsabfrage ändert sich das. Wie viele solcher Manipulationsfälle es gibt, ist unklar. Banken und Sparkassen in Europa führen rund 30 Milliarden Überweisungen pro Jahr aus.

    Zunächst gilt das zusätzliche Sicherheitsverfahren in den 20 Ländern der Euro-Zone. Spätestens vom 9. Juli 2027 an dann in allen Ländern der EU, also auch Polen oder den beliebten Urlaubsländern Dänemark und Schweden. Unklar ist, wann Liechtenstein, Island und Norwegen das Verfahren einführen. Sie gehören nicht zur EU, sind aber Teil des europäischen Wirtschaftsraums und eng verbunden.

    Banken in der Schweiz und Großbritannien werden das Verfahren nach aktuellem Stand nicht übernehmen. Das gilt auch für Länder wie Albanien, Serbien und Moldau, die zum einheitlichen europäischen Zahlungsraum (Single European Payment Area, Sepa), aber nicht zur EU gehören.

    Die Iban existiert seit 2008, europaweit einheitliche Überweisungsverfahren seit 2014. In diesem Jahr sollen Echtzeitüberweisungen zum Standard werden. Sonst dauern Überweisungen in der Regel zwei Tage.

  • Google statt Goethe

    Ein Girokonto zu eröffnen, ist einfach, meist ist es mit ein paar Klicks am Computer und einer Sicherheitsprüfung getan. Ähnlich einfach ist der Kauf von Aktien über den Onlinebroker – ein paar Mal tippen und schon sind sie im Depot, genug Geld vorausgesetzt. Doch was einfach klingt, ist für viele Menschen in Deutschland schwer. Und manche sind abgeschreckt. Wie sehr ermittelt die Auskunftei Schufa einmal im Jahr in einer repräsentativen Studie. Ergebnis diesmal: Ohne digitale Kenntnisse geht es nicht.

    Um festzustellen, wie gut Finanzdienstleistungen in Deutschland auf die Menschen zugeschnitten sind, erstellt die Auskunftei zusammen mit den Marktforschern von Ipsos aus 63 Einzelaspekten und einer groß angelegten Umfrage den Finanz-Inklusions-Index Fix. Im Vergleich zu 2024 ist er von 66,9 auf 69,8 Punkte gestiegen. Die finanzielle Teilhabe hat sich also verbessert. Vor allem das Vertrauen der Deutschen ist gestiegen, etwa in Online-Banking. Auch Finanzkompetenz und Barrierefreiheit legten zu. Maximal möglich sind 100 Punkte, was uneingeschränkten Zugang für alle bedeutet.

    Vieles kann Menschen davon abhalten, sich mit Geld im weitesten Sinn zu beschäftigen: Fehlende Bankfilialen, umständliche Bezahlsoftware, geringes Vertrauen in die Institute, zu wenig Einnahmen, geringe Bildung und mangelnde Digitalkompetenz. Vor allem letzteres hindert Menschen daran in vollem Umfang am (finanziellen) Leben teilzunehmen, wie die Schufa-Studie ergab. Sehr vereinfacht: Wer schlecht mit einem Mobiltelefon umgehen kann und nicht weiß was Whatsapp ist, kann die finanziellen Möglichkeiten des modernen Lebens nicht voll ausnutzen.

    „Digitalkompetenz ist eine wesentliche Voraussetzung für die Teilhabe am Finanzgeschehen“, sagt Tanja Birkholz, Vorstandsvorsitzende der Schufa. „Wir müssen Digitalkompetenz fördern, damit sich Menschen souverän und sicher in der digitalen Welt bewegen.“ Sie sieht hier eine gesellschaftliche Aufgabe. Denn: Sich sicher im digitalen Umfeld zu bewegen, ist in Finanzdingen wichtiger als etwa eine sehr gute Bildung.

    Die Studie zeigt, dass Menschen zum Beispiel mit einem Uniabschluss mit allem rund ums Geld besser zurechtkommt. Wer dagegen weniger gebildet ist, beschäftigt sich auch weniger mit finanziellen Dingen. Der Zugang ist eingeschränkter. Wer allerdings ohne große Bildung sehr kompetent in digitalen Dingen ist, hat fast genauso guten Zugang zu Finanzdienstleistungen wie jemand mit einer sehr guten Ausbildung. Google toppt Goethe sozusagen.

    Unter digitaler Kompetenz verstehen die Studienautoren unter anderem, wie sicher Menschen mit digitalen Systemen an sich umgehen und wie leicht sie sich mit digitalen Systemen im Finanzbereich tun, Online-Banking zum Beispiel oder Aktienhandel. Eingeflossen ist auch die Frage, wie sehr jemand digitale Zahlungsmethoden nutzt – Karten, das Mobiltelefon oder etwa eine moderne Uhr.

    Wichtig ist auch, über wie viel Geld eine Person verfügt, genauer ob sie mit ihrem Einkommen sorgenfrei leben kann oder nur schwer auskommt. Dieses subjektive Haushaltseinkommen berücksichtigt auch die Ausgaben und die Lebenssituation. Eine Millionärin mit hohen Schulden kann theoretisch genauso Probleme haben wie ein Mindestlohnempfänger mit sehr begrenzetn Ausgaben. Die Studie zeigt eindeutig: Wer sorgenfrei mit seinem subjektiven Einkommen leben kann, hat deutlich besseren Zugang zu Finanzdienstleistungen als jemand, dem schon Mitte des Monats das Geld ausgeht.

    Wichtig für den Umgang mit den Finanzen ist auch das Wissen über verschiedene Angebote wie Tagesgeldkonto oder Kredit, über Anmeldemethoden und Preisvergleichsportale. Und die Fähigkeit, Probleme, die auftreten, selbst zu lösen. Diese Finanzkompetenz der Deutschen ist der Studie zufolge weiter gestiegen. Was sich auch zeigt: Frauen stehen deutlich schlechter da als Männer. Ob Frauen tatsächlich weniger Finanzwissen haben oder sich in der Umfrage nur schlechter einschätzen, ist unklar. Die Forscher vom ZEW ermittelten, dass geringeres Selbstvertrauen bei Frauen einen Teil der Geschlechterunterschiede erklären.

    Üblicherweise schneiden ältere Menschen bei Umfragen zu Finanzthemen schlechter ab – zu wenig digital, zu wenig Geld. In der Schufa-Studie ist ihre Teilhabe am Finanzleben am größten. Die 65- bis 74-Jährigen haben über die Jahre sehr viel Finanzkompetenz gesammelt. Entsprechend schlecht schneiden die Menschen zwischen 16 und 24 ab, die wenig Erfahrung besitzen. Sie müssen die meisten Hürden überwinden.

    Dass die Banken und Sparkassen in Deutschland auch 2024 Filialen geschlossen haben, bremst die Bundesbürger offenbar nicht aus. Allerdings ist die Zahl derjenigen, die Anliegen mit ihrer Bank nicht klären konnten, gestiegen. 25,1 Prozent hatten Schwierigkeiten nach 23,7 Prozent ein Jahr zuvor. Deutlich dramatischer sieht es in zwei anderen Bereichen aus. Nur 27,1 Prozent der Befragten sind mit der Finanz- oder Vermögensberatung ihrer Bank oder Sparkasse zufrieden, bei der ersten Umfrage vor zwei Jahren waren es noch 30,8 Prozent. Und mit dem Telefonbanking hadern 29,9 Prozent, ein hoher Wert, auch wenn er 2023 noch 39,5 Prozent betrug.

    Für die Studie befragte Ipsos online 3000 Menschen. Sie waren zwischen 16 und 74 Jahren alt. Wissenschaftlich betreut wird die Studie von Peter Kenning, Betriebswirtschaftsprofessor der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

  • Muss ich weniger duschen, um Wasser zu sparen?

    Deutschland hat den ersten Hitze-Stresstest fast hinter sich: selbst die Nächte tropisch, dazu Trockenheit. Zum Ende der Woche fallen die Temperaturen wieder. Zeit für einen kühlen Blick: Kann Wasser in Deutschland knapp werden? Wolf Merkel, Vorstand des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches, DVGW, der sich um die Grundlagen der Wasserversorgung und die nötige Technik kümmert, klärt die Lage. Er ist promovierter Verfahrenstechniker für Wasseraufbereitung.

    1. Sollte ich weniger duschen?
      Es waren Hollywoodstars wie Julia Roberts, die den Verzicht aufs tägliche Duschen berühmt machten, „Non Bathing“ sei für die Haut besser, schone auch die Natur. Auch die Krankenkasse Barmer erklärt: „Grundsätzlich dürfte für die meisten Menschen etwa zweimal duschen pro Woche ausreichen.“ Aber für manchen ist die tägliche Dusche reine Erfrischung. Muss man davon weg? Im Schnitt verbraucht jede Person hierzulande 122 Liter Wasser am Tag. Experte Merkel gibt Entwarnung: „Am Duschen muss man nicht sparen. Einen echten Unterschied macht es indes, den Pool nicht zu befüllen und den Garten weniger zu bewässern.“ Heißt: Auf keinen Fall mittags Rasen sprengen. Das Wasser verdunstet bei der starken Sonne sofort wieder.
    2. Wie knapp kann Wasser werden?
      Der Wasser-Stopp als Notmaßnahme: Einige Landkreise und Gemeinden machen bereits Auflagen, wie viel Wasser aus Flüssen, Seen, Teichen oder auch privaten Brunnen etwa zum Sprengen des Gartens, von Golf-, Fußball- oder Tennisplätzen genutzt werden können. Das gilt meist für den ganzen Sommer, manchmal bis Ende Oktober. Bei einem Verstoß drohen bis zu 50.000 Euro Bußgeld. Hintergrund: Im Juni sind laut Deutschem Wetterdienst DWD bundesweit nur 61 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen – fast ein Drittel weniger als üblich. Es war der fünfte Monat in Folge mit zu wenig Niederschlag. Merkel erklärt: „Die Trinkwasserversorgung ist in Deutschland nicht in Gefahr. Dort, wo es wenig regnet und der Spitzenverbrauch steigt, kann es aber zu Engpässen kommen.“ Regen falle mal sturzflutartig, mal gar nicht. Daran müssten „die Infrastruktur, also die Brunnen, Speicher, Leitungen jetzt angepasst“ werden.
    3. Kommen größere Leitungen?
      Sie könnte Vorbild für viele sein: Die 100 Millionen Euro teure Eifel-Pipeline, an die zahlreiche örtliche Wasserwerke angeschlossen sind. Seit vergangenem Jahr ist sie in Betrieb, verbindet die Oleftalsperre in Nordrhein-Westfalen und die Riveris-Talsperre bei Trier. Energieleitungen und Glasfaser für schnelles Internet wurden mit ihr zusammen verlegt. Die Idee: Die Region, die Wasser braucht, bekommt es von einer, die viel hat. Das ist in dieser Größenordnung neu, Modernisierung aber überall nötig: Die Leitungen sind oft in die Jahre gekommen, das Netz stammt zu großen Teilen aus den 1960er Jahren, es ist auch nicht gebaut für große Hitzewellen. So wird in Hessen derzeit eine 35 Kilometer lange zusätzliche Wasserleitung aus dem Hessischen Ried nach Frankfurt verlegt. Hamburg bohrt neue Brunnen. Andere planen Talsperren.
    4. Lässt sich Wasser recyceln?
      Diese Woche hat im niedersächsischen Nordenham der Bau eines großen Brauchwasserwerkes neben dem Klärwerk begonnen: Das ansässige Chemie-Unternehmen Kronos Titan wird – geht es nach Plan – ab 2026 gereinigtes Abwasser fürs Erzeugen von Dampf und von Farbpigmenten nutzen. Das spart Trinkwasser. Überall werden neue Wege gesucht. „Wasser muss aber auch vor Ort besser gehalten und gespeichert werden“, sagt Merkel. Kommt der Regen plötzlich mit Wucht, kann ein trockener, steinharter Boden ihn nicht aufnehmen, Asphalt ohnehin nicht. Dann überflutet er Bäche, Seen oder die Kanalisation anstatt die Grundwasser-Vorräte aufzufüllen. In Deutschland wird Trinkwasser zu 70 Prozent aus Grundwasser gewonnen, seltener aus Brunnen nahe Flüssen und Seen. Es helfe, Städte mehr zu begrünen oder etwa Auen zu renaturieren, sagt Merkel.
    5. Steigt die Wasserrechnung?
      Die französische Stadt Toulouse will Einwohner zum sparsameren Umgang mit Wasser bewegen, indem sie von Juni bis Oktober den bisherigen Tarif um 42 Prozent erhöht, von November bis Mai um 30 Prozent senkt. Das gibt es hierzulande noch nicht. Merkel aber sagt: „Trinkwasser wird in Deutschland teurer werden.“ Nicht allein wegen der Investitionen, die nötig würden. Die Wasserwerker hätten auch mehr Aufwand bei der Wasser-Aufbereitung, um Rückstände von Medikamenten, Düngemitteln, Pestiziden und Chemikalien wie PFAS rauszuholen. Merkel: „Das Problem wird größer, wenn es keine Stoffverbote gibt oder sie nicht durchgesetzt werden.“
    6. Was ist zu tun?
      Der bayerische CSU-Ministerpräsident Markus Söder sagte es mal so: „Wasser wird wertvoller als viele andere Rohstoffe, auf jeden Fall viel wertvoller als Öl.“ In der politischen Debatte ist angekommen, dass man sich kümmern muss. Eine Verordnung, die das Grundwasser vor zu viel Nitrat schützen soll, die Stoffstrombilanz, hat die Bundesregierung allerdings gerade gestoppt, um Bürokratie für Landwirte abzubauen. Merkel fürchtet trotz vieler Strategien zum Schutz des Wassers – die EU hat eine, die Bundesregierung auch, jedes Bundesland ebenso – eine „Katstrophendemenz“. Er sagt: „Kaum ist die Hitze vorbei, sind alle guten Vorsätze wieder dahin.“ Und weiter: „Politik darf sich aber nicht am Wetter ausrichten. Sie muss langfristig denken.“ Die nächste Hitzewelle kommt bestimmt.
  • Milliarden für die EU entfesseln

    In den vergangenen Monaten ist das sperrige Wort immer wieder aufgetaucht: Kapitalmarktunion. Meist hat es einen Unterton, der andeutet, es könne viele Probleme lösen – in Deutschland und der EU. Und wie immer, wenn es um die Regeln in 27 Mitgliedsstaaten und sehr viel Geld geht, ist es kompliziert. Nur das Ziel ist klar: Milliardeninvestitionen in Zukunftstechnologien entfesseln, ohne neue Schulden aufzunehmen.

    Ein großer Vorteil der Europäischen Union ist der gemeinsame Binnenmarkt mit rund 450 Millionen Einwohnern. Über die Jahrzehnte sind die EU-Mitglieder immer enger zusammengewachsen. Wer in Frankreich arbeiten möchte, kann das ohne größere Probleme – und bei der Rückkehr nach Deutschland auch die Pensionsansprüche mitnehmen. Es gibt keine Zölle innerhalb der Staatengemeinschaft. Im Onlinehandel gelten überall die gleichen Regeln, ebenso etwa bei den Fluggastrechten. Im Finanzsektor ist der Binnenmarkt hingegen nicht ganz so weit.

    Der Sektor lässt sich grob in drei Teile gliedern: Zahlungsverkehr, Banken und eben den Kapitalmarkt. Im Zahlungsverkehr besteht praktisch kein Unterschied mehr zwischen den EU -Staaten. Niemand muss dank des einheitlichen Zahlungsraums zum Bankschalter und umständlich eine Auslandsüberweisung ausfüllen. Im Onlinebanking reicht die International Banking Number, kurz Iban, mit der sich etwa das Ferienhaus in Spanien schnell bezahlen lässt.

    Bei den Banken ist der Binnenmarkt – auch Bankenunion genannt – fortgeschritten. Eine einheitliche EU-Aufsicht kontrolliert die größten Banken. Es gibt einen Mechanismus, wie in einer Krise mit Kreditinstituten umzugehen ist und wie sie notfalls abgewickelt werden. Unklar ist bisher, wie eine einheitliche Einlagensicherung aussieht – Banken und Sparkassen dafür sorgen, dass das Geld der Sparer sicher ist. Jedes EU-Land hat hier eigene Regeln. Die EU arbeitet an einer neuen Regel für alle.

    Auch auf dem Kapitalmarkt herrscht noch Kleinstaaterei. Wer Fondssparpläne anlegt, Aktien kauft oder sich als Risikokapitalgeber an Start-ups beteiligt, hat mit vielen verschiedenen Rechtssystemen zu tun, wenn er oder sie nicht im eigenen Land bleibt. Selbst die Börsenaufsicht ist nicht einheitlich. In Amsterdam, Frankfurt, Paris etwa gelten unterschiedliche Regeln. Das alles drückt auf die Investitionslaune. Das Institut Jacques Delors schätzt, das jedes Jahr 300 Milliarden Euro außerhalb der EU investiert werden, weil es dort einfacher ist. Geld, dass in der EU fehlt.

    „Wir brauchen dringend Kapital für die Herausforderungen, vor denen wir stehen: grüne Transformation, digitale Transformation, Investitionen in Rüstung“, sagt Karolin Kirschenmann, stellvertretender Leiterin Altersvorsorge und nachhaltige Finanzmärkte. „Nötig sind Innovationen, die aber riskant sind und deshalb eher nicht mit Krediten finanziert werden können, sondern Eigenkapitalfinanzierung benötigen.“ Ein Technologie-Start-up etwa braucht Geld, um seine Idee zur Marktreife zu bringen. Weil es auch scheitern kann, vergeben Banken eher keinen Kredit. Üblicherweise beteiligen sich Investoren, die mehr Risiko eingehen wollen und können. Und wenn das Start-up erfolgreich ist und etwa an die Börse geht, trennen sich die Investoren von Anteilen und erzielen Gewinn.

    Für Eigenkapitalfinanzierung sei das Umfeld in der EU nicht optimal, sagt Kirschenmann. „Wir haben 27 Staaten mit jeweils eigenem Steuer- und Insolvenzrecht sowie einer komplexen Mischung aus EU- und nationalen Aufsichtsbehörden. Anders in den USA: Dort gibt es einen einheitlichen Markt mit einer einheitlichen Aufsichtsbehörde.“ Das Thema will die EU jetzt in einzelnen Schritten angehen.

    Geld, das statt im Ausland künftig eher in der EU investiert werden soll, ist das eine, das andere ist Geld, das bereits in der EU angelegt ist, aber eben meist nicht in innovativen Unternehmen. „Das Geld kommt letztlich vom Sparer, der es unter anderem zur Altersvorsorge in Fonds oder Lebensversicherungen gesteckt hat“, sagt ZEW-Expertin Kirschenmann.

    Lebensversicherer, Fonds und andere institutionelle Anleger seien stark reguliert, sagt sie. Es gibt also strenge Vorgaben, wo sie Geld anlegen dürfen und wie risikoreich. „Hier könnte man mit Veränderungen schnell sehr viel Geld freisetzen, das dann in Innovation investiert werden könnte. Das ginge auch leichter und schneller, als nationale Rechtssysteme zu ändern.“

    Eine weitere Möglichkeit wäre, Regeln für standardisierte eu-weit einheitliche Fonds festzulegen, die etwa gezielt in innovative Unternehmen investieren. Die EU-Bürger könnten dann für wenig Geld Fondsanteile erwerben und langfristig vom Erfolg der Firmen profitieren. Üblicherweise sind die Summen des Normalsparers klein im Vergleich zu den Millionen, die manche Start-ups benötigen. In Schweden gibt es entsprechende Pensionsfonds bereits.

    Eine Möglichkeit für Firmen, sich Geld zu beschaffen, sind Börsengänge. Auch hier gelten viele verschiedene Regeln innerhalb der EU. Die Börsen sind im Vergleich zu denen in den USA klein. Eine zentrale europäische Kapitalmarktaufsicht mit einheitlichen Regeln könnte da helfen. Wahrscheinlich werden dann größere Börsen wie Paris und Frankfurt noch wichtiger, weil Anleger gern dahingehen, wo viel Geld ist und sich viel handeln lässt. Eine solche Behörde existiert bereits, müsste aber mehr Macht bekommen.

    Das alles funktioniert aber nur, wenn sich die Sparer europaweit für neue Produkte und innovative Ansätze interessieren. Sehr viel Geld liegt in Deutschland heute nur auf schlecht verzinsten Tagesgeldkonten, die dafür als sicher gelten. Langfristig bringt für die Altersvorsorge aber vor allem Rendite, etwa in Aktien zu investieren. Um das allen klarzumachen, ist mehr Finanzbildung nötig. Auch das will die EU anregen. Die Finanzminister der Bundesländer haben Ähnliches bereits Anfang des Jahres angemahnt. Vorbild ist Österreich.

  • Wo sind Mücken, wenn es regnet?

    Erst brüllende Hitze, dann erwischt einen womöglich ein Gewitter oder Regen, der knüppeldick vom Himmel kommt. Schon für die nächste Woche sagt der Deutsche Wetterdienst Temperaturen weit über der 30-Grad-Marke voraus. Der Mensch hilft sich mit Ventilatoren, Schirmen, hat seine Strategien. Aber was machen eigentlich Mücken, Schnecken, andere kleine Tiere? Die Biologin Janice Pahl vom Naturschutzbund erklärt die interessantesten Tricks.

    Wo sind Mücken, wenn es regnet?
    Ihr hohes Tssss, das Sirren, kündigt gerne mal Unheil an – im Regen trifft man darauf eher nicht. Mücken gehen ihm aus dem Weg. „Sie verkriechen sich unter Blättern und Ästen, suchen sich Ritzen, Erdlöcher, andere Verstecke“, erklärt Pahl. Dann sitzen sie dort, warten ab. Allerdings: Nicht zu früh freuen. Leichter Regen kann manchen Arten der Mücken nichts anhaben, sie überleben die Kollision mit kleinen Regentropfen. Der reißt sie womöglich etwas in die Tiefe, sie können sich aber von ihm wieder lösen. Voraussetzung: Es weht kein heftiger Wind, der wird ihnen immer gefährlich.

    Können Ameisen schwimmen, wenn das Wasser kommt?
    Ameisen können zielstrebig als Kolonne marschieren. Schwimmen können sie nicht wirklich. „Aber“, sagt Pahl, „sie sind so leicht, dass sie nicht untergehen. Sie treiben einfach auf der Wasseroberfläche.“ Nicht wie Rückenschwimmer, eher wie ein Boot auf Beinen. Manchmal halten sich viele auch zusammen fest und bilden eine Art Floß. Und doch droht ihnen Ungemach. „Werden Ameisen unter Wasser gedrückt, weil plötzlich eine Welle, der Regen sturzflutartig kommt, ertrinken sie. Sicher sind sie indes in ihrem Ameisenbau, dort bleibt es weitestgehend trocken“, so die Expertin. Es ist ein dichtes architektonisches Meisterwerk.

    Stellen sich Vögel bei Gewitter unter?
    Amseln, Rotkehlchen, Blaumeisen sind bei Gewitter kaum mehr zu hören, sie stellen zumeist ihren Gesang ein und suchen Unterschlupf. Viele Vögel können Blitz, Donner, Unwetter frühzeitig merken, weil sich in der Atmosphäre Druck und Temperatur ändern, es elektrischen Spannungen gibt. Pahl: „Sie ziehen sich dann zurück, manche in Baumhöhlen oder Nistkästen, andere suchen Deckung im dichteren Geäst von Bäumen oder Büschen.“ Ein einfacher Regenschauer mache ihnen aber wenig, das Gefieder halte das Gröbste ab.

    Klappen Schmetterlinge im Regen ihre Flügel zusammen?
    Sonnig, trocken, windstill – das ist Schmetterlingswetter. Dann sieht man die gelblichen Zitronenfalter oder rot braunen Tagpfauenauge, wie sie zu einer Blüte flattern. Schmetterlinge klappten ihre Flügel zusammen, wenn sie ruhen oder sich tarnen wollten, so Pahl. Bei Regen helfe das jedoch nicht. Er könne die zarten Flügel beschädigen, auch wenn sie zugeklappt sind. Schmetterlinge meiden Regen und suchen einen Unterschlupf etwa unter Blättern.

    Was machen Maulwürfe, wenn der Boden staubig wird?
    Es ist ein Leben im Untergrund, und das wird für den Maulwurf bei Trockenheit nicht leichter: Denn dann verhärtet der Boden, das Buddeln der Gänge wird schwerer. Außerdem muss der Maulwurf seine Gänge tiefer graben. Denn seine Leibspeise, der Regenwurm, verzieht sich in dürren Zeiten weiter nach unten. Der Kraftaufwand für den Maulwurf wird viel größer. Pahl sagt: „Das kann mitunter zu einer erhöhten Sterblichkeit bei Maulwürfen im Hochsommer und zu anderen trockenen Zeiten führen.“

    Wie kühlen sich Schnecken ab bei Hitze?
    Manche Schnecke hat ihr Haus auf dem Rücken dabei. In das kann sie sich zurückziehen. Nacktschnecken, die so manchem im Garten ein Dorn im Auge sind, weil sie etwa Salat lieben, können das nicht. Ihnen macht Trockenheit und Hitze besonders zu schaffen, manchmal auch den Garaus, wenn sie nicht rechtzeitig ein kühles Versteck finden. Schnecken suchen – egal ob mit oder ohne Gehäuse – schattige feuchte Orte. Wenn die Hitze ganz brutal ist, sinken sie in eine Trockenstarre. Sie fahren dann ihren Stoffwechsel runter, um Wasser zu sparen.

    Bekommen Bienen einen Sonnenbrand?
    Die Sonne hat es in sich, die Bienen werden trotzdem nicht rot. Denn anders als Menschen oder verschiedene Tiere haben Insekten keine Haut. Ihre Körperhülle besteht aus Chitin. Dieses Chitin gibt Form und Halt, es ist eine Art Außenskelett, das keinen Sonnenbrand bekommt. Dennoch könne Bienen, die eigentlich robust und anpassungsfähig sind, zu viel Sonne schaden, erklärt Biologin Pahl: „Auch ihnen kann viel zu heiß werden, dann werden sie lethargisch.“

    Sterben Zecken an heißen Tagen?
    Vorsicht! Zecken, die Krankheiten wie FSME und Borreliose übertragen können, sind widerstandsfähig. „Zecken mögen Temperaturen um die 25 Grad Celsius am liebsten, kommt noch eine gewisse Feuchtigkeit hinzu, ist das für sie optimal“, sagt Pahl, „50 Grad Celsius und extreme Trockenheit überstehen aber auch sie nicht. Das wissen wir aus Laborversuchen.“ Heißt: Der Schutz vor Zecken bleibt immer wichtig, will man draußen im Wald spazieren, auf einer Wiese liegen, die Natur genießen. Sie lauern auch in Gärten oder Parks.

  • Mit KI auf internationaler Fälscherjagd

    Auf den ersten Blick sieht die Druckertinte echt aus. Originalflasche des Herstellers, Sicherheitshologramm auf der Verpackung, gekauft von einem Händler über Amazon. Tatsächlich ist die Tinte minderwertig und gefälscht. Ermittler nehmen die verdächtigen Täter bei Razzien Anfang 2024 fest – in Berlin. Hinweise kamen von Amazon selbst, genauer der konzerneigenen Ermittlergruppe CCU, die Produktfälschern auf der Spur ist – inzwischen auch mit künstlicher Intelligenz.

    Die CCU (Counterfeit Crimes Unit) startete vor fünf Jahren mit einem kleinen Team. Inzwischen sind bei Amazon mehrere tausend Mitarbeiter mit dem Thema beschäftigt, gesteuert von der CCU und Kebharu Smith, der sie leitet. Er hat das Team aufgebaut. Mit dabei sind ehemalige Staatsanwälte, Geheimdienstmitarbeiter und Polizeibeamte sowie Ermittler und Datenanalysten. Smith selbst arbeitete zuvor unter anderem gut 20 Jahre im US-Justizministerium im Bereich Computerkriminalität und geistiges Eigentum.

    Die Einheit startete in zwei Ländern und ist inzwischen in zwölf tätig, darunter den USA, China, Frankreich und Indien, aber eigentlich weltweit. „Unser Team ist weltweit aufgestellt, von Seattle bis Shanghai und überall dazwischen, sagt Smith. „Unser Auftrag ist, Produktfälscherringe zu zerstören – nicht nur die Verkäufer auf Amazon, sondern auch Hersteller und Vertrieb solcher Produkte.“ Die CCU arbeitet dafür inzwischen mit mehr als 50 staatlichen Behörden wie Europol, der US Homeland Security und der US-Bundespolizei FBI zusammen. Im Druckertinten-Fall war das Landeskriminalamt Berlin eingebunden. Die Spuren führten damals auch in die Türkei.

    „Produktfälscher gibt es überall auf der Welt. Sehr viel unserer Arbeit beschäftigt sich mit Herstellern und Lieferanten von Fälschungen in China“, sagt Smith. Aber es gehe nicht nur um China. In der Türkei sei die Zahl von Fälschern gestiegen. „Wir finden solche Personen auch in Vietnam. Einige Razzien waren aber auch in Großbritannien und den USA.“

    In den vergangenen fünf Jahren hat die CCU mehr als 200 Zivilklagen gegen Akteure mit schlechten Absichten eingereicht, wie es beim Konzern heißt. Gerichte ordneten mehr als 180 Millionen Dollar (rund 155 Millionen Euro) Entschädigungen an. Die Arbeit habe auch zahlreiche strafrechtliche Verfahren ausgelöst. Mehr als 65 Personen mussten demnach in Haft, eine sogar für sechseinhalb Jahre.

    Amazon versuche, immer einen Schritt schneller zu sein als die Wünsche der Kunden, sagt Smith, „und auch einen Schritt schneller als die Fälscher.“ Das kostet. „Wir haben allein 2024 mehr als eine Milliarde Dollar investiert, um unsere Kunden vor Fälschungen, Betrug und anderen illegalen Machenschaften zu schützen“, sagt der CCU-Chef. Ein großer Teil des Geldes sei verwendet worden, um KI-Modelle zu entwickeln, die im Hintergrund arbeiteten und von denen viele Kunden wohl niemals etwas bemerken würden. Smith spricht von „modernsten Instrumenten zum Schutz des Geschäfts“.

    „Von dem Moment an, von dem Sie ein Amazon-Konto einrichtet, gleicht unser System Ihre Daten ab“, sagt Smith. „Wir überprüfen, ob Sie die Person sind, für die Sie sich ausgeben. Wir überprüfen IP-Adressen und Bankdaten.“ Das System erkenne gefälschte Logos und Marken, so dass Amazon solche Angebote sofort entfernen könne. „Es prüft sogar, wenn Sie versuchen, einen Shop mit der gefälschten Rechnung einer Luxusmarke einzurichten, die beweisen soll, dass Sie Partner der Marke sind.“ Geprüft werden mehrere hundert Datenpunkte.

    CCU arbeitet vor allem vorbeugend. Mehr als 99 Prozent aller Fälschungen finden gar nicht erst den Weg auf die Webseite. „Allein vergangenes Jahr entdeckten wir mehr als 15 Millionen gefälschte Produkte, bevor sie in die Zielländer und zu den Kunden kommen konnten“, berichtet Smith. Er nennt täglich Milliarden Täuschungsversuche. Insgesamt gibt es mehrere hundert Millionen Artikel auf Amazon.com zu kaufen.

    Gefälscht wird praktisch alles: Neben Druckertinte auch Zahnbürsten, Schuhe, Autoersatzteile, hochwertiger Modeschmuck, überhaupt Luxusartikel. Manche Täter versuchen auch, den Zoll eines Landes zu umgehen. In den USA ließ sich eine Tätergruppe deshalb Kühlergrille für Autos ohne die entsprechenden Firmenlogos liefern. Die sollten dann nachträglich montiert werden. Dank CCU flog das auf.

    In fünf Jahren ist einiges geschehen. „Unsere Arbeit ändert sich ununterbrochen, weil sich das Vorgehen der Täter ununterbrochen ändert“, sagt Smith. Neuester Trend sind demnach versteckte Links bei Influencern auf Social Media. Sie schicken Fans in einer Privatnachricht einen Link, der auf eine Seite bei einem Onlinehändler führt. Dort ist ein offenbar echtes Luxusprodukt zu sehen, verkauft wird aber eine Kopie. So sollen Schutzmaßnahmen umgangen werden.

    Für Smith ist diese Art der Trickserei interessant, aber nicht unbedingt erfolgreich. Wegen seiner Einheit. Obwohl Amazons Produktmenge sich seit 2020 deutlich vergrößert hat, ist die Zahl echter Verstöße um 35 Prozent gesunken, wie er sagt. „Das zeigt, wie robust unser Instrumente gebaut sind.“

    Besonders stolz ist Smith auf die Zusammenarbeit mit chinesischen Behörden. „Allein im vergangenen Jahr gab es 60 Razzien, bei denen mehr als 100 kriminelle Akteure gefasst wurden“, sagt er. „Wir waren in der Lage, etwas zu tun, was viele von vornherein nicht erwartet hatten: an die Spitze der Lieferkette zu gehen und Täter in China zu verfolgen.

  • Ist das mehr als Dreck?

    Für Reiche wie den Amazon-Milliardär Jeff Bezos sind Böden zum lohnenden Investitionsobjekt geworden. Denn gute Böden sind knapp. Das hat nur lange kaum jemanden interessiert. Dabei liefern Böden nicht nur Nahrung. Sie schützen auch vor Hochwasser und helfen gegen Hitze. Und: In ihnen tummelt sich ein ganzer Zoo – eine Annäherung an die Unterwelt in zehn Schritten.

    1. Maulwürfe lieben lernen
      Hübsch ist das Werk eines Maulwurfs im eigenen Garten nicht. Plötzlich ist da ein Erdhügel mitten auf dem Rasen. „Eigentlich kann man aber stolz sein, Maulwürfe sind nämlich nur dort, wo der Boden gut ist“, sagt Nicole Scheunemann. Die promovierte Biologin forscht am Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz, einem der wichtigsten Standorte der Bodenzoologie in Europa. Die Maulwürfe sorgten für einen gut durchlüfteten Boden, fräßen Schnecken, Käferlarven und andere Insekten weg, die sonst das Gemüse anknabberten. Aber der Maulwurf und seine Lieblingsspeisen sind nicht allein. Scheunemann: „Boden besteht aus Mineralkörnchen und zersetzten Pflanzenresten, dazwischen wimmelt es.“
    1. Unter dem Wohnwagen geht es ab
      Schon auf wenigen Quadratmetern unter dem Campingplatz tummele sich ein ganzer Zoo, sagt Scheunemann – „Dort leben Tiere, Bakterien, Pilze, Einzeller, es sind Milliarden Individuen.“ Eine Berühmtheit: Der Regenwurm, der sich taub, stumm, blind unermüdlich durch den Boden gräbt und frisst. „Reger Wurm“, nannte man ihn im 16. Jahrhundert, vermutlich hat sein heutiger Name mehr damit zu tun – weniger mit dem Regen. Allein in Deutschland gibt es 50 verschiedene Arten. Viele ihrer Mitbewohner sind mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen. Etwa die Raubmilbe, die für den Boden so etwas sei wie der Löwe für die Serengeti sei, meint Scheunemann: „Die mit großen Kauwerkzeugen ausgestattete Raubmilbe hält die Umgebung gesund. Sie jagt, tötet und verspeist in den kleinen Gängen zwischen den Bodenkrümeln schädliche Organismen.“ Überhaupt wird viel gefressen.
    2. Eine Müllabfuhr für Küchenabfälle
      Zum Beispiel die Apfelschale. Landet sie im Kompost, fängt sie nach ein paar Tagen an – diese Arbeit machen Mikroorganismen – zu verrotten. Der Regenwurm verleibt sich die gammelige Schale ein. Halbverdaut, aber mit nützlichen Pilzen und Bakterien versetzt kommt sie hinten wieder raus. Die Schalenreste darin sind ein Festmahl für ein grau-bräunliches kleines Krebstier: die Assel. Oder für einen Tausendfüßler. Sie zerkleinern alles nochmal. Dann schlägt die Stunde der kugeligen Milben und der weißlich durchscheinenden Springschwänze. Die sind nicht auf die Schale aus, sondern nagen das Geflecht von Pilzen und Bakterien ab, das sich auf dem Kompost breit gemacht hat – mit einem erstaunlichen Effekt. „Wenn auf der einen Seite das Geflecht gefressen wird, wächst es auf der anderen Seite sehr schnell nach, um von den Fraßfeinden wegzukommen“, erklärt Scheunemann, „so wird wird der Abbau der Apfelschale durch die Pilze und Bakterien ordentlich angeheizt.“ Es entsteht: Humus.
    3. Weintrinker sind anderen voraus
      Weintrinker schätzen den Boden besonders. Sie reden vom „terroir“, um zu beschreiben, wie die Gegend, wo die Trauben gewachsen sind, das Aroma ihres Getränkes geprägt hat. Vom Boden hängt viel ab, wenn nicht alles: Ohne Boden gäbe es keine Nahrungsmittel vom Acker, auch keine Energiepflanzen oder Rohstoffe wie Holz und Textilfasern. Der Boden ist entscheidend für gutes Trinkwasser, weil er Schadstoffe filtert, sie also aus dem Grundwasser fern hält. Er hilft auch gegen Hochwasser, weil er große Mengen an Niederschlag speichern kann. Bei Trockenheit verdunstet dann das zuvor gespeicherte Wasser wieder. Das hält die Umgebung feucht, auch frisch. Zudem hilft er gegen den Klimawandel, weil er Kohlenstoff einlagert. Und natürlich gäbe es ohne Boden auch keinen Platz für die Natur.
    4. Beziehungsstatus zum Boden: kompliziert.
      Deutschland hat sich schon lange vorgenommen, Boden zu schonen, weil er das Leben über ihm erst möglich macht. So sollte eigentlich bis zum Jahr 2020 bereits der tägliche Zuwachs der Siedlungs- und Verkehrsflächen auf 30 Hektar reduziert werden. Doch noch werden hierzulande jeden Tag 52 Hektar Boden asphaltiert, betoniert, verbraucht. Laut der aktuellen Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie soll das nun „bis zum Jahr 2030 auf unter 30 Hektar pro Tag begrenzt werden.“ Der Boden steht unter Druck.
    5. Jeff Bezos ergattert Boden
      Böden gelten längst als knappe Ressource – und sind begehrt. Amerikanische Superreiche setzen auf sie: Laut dem US-amerikanischen Magazin The Land Report besitzt allein Amazon-Gründer Jeff Bezos in den USA rund 187.000 Hektar Land, Microsoft-Gründer Bill Gates 111.000 Hektar. Boden ist längst auch in Deutschland Investitionsobjekt – und teuer. Bauern hierzulande müssen immer mehr Pacht für ihre landwirtschaftliche Flächen zahlen: Im Jahr 2023 waren es laut dem Statistischen Bundesamt im Schnitt 357 Euro pro Hektar und damit 9 Prozent mehr als 2020. Das variiert je nach Region allerdings stark: 99 Euro waren es beispielsweise im Saarland, in Nordrhein-Westfalen 560 Euro. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/04/PD24_153_41.html
    6. Boden lässt sich nicht erneuern
      Seine Entstehung braucht historische Zeiträume. Zunächst muss dafür Gestein, also müssen aus Felsen dank Wind und Wetter Körnchen entstehen – in der Größe von Sandkörnern, vom etwas kleineren sogenannten Schluff oder vom besonders feinkörnigen Ton. Darauf siedeln sich dann Pflanzen an, die sterben ab, langsam entstehen humose Bodenschichten: in 100 Jahren laut Umweltbundesamt keinesfalls mehr als ein Zentimeter. https://www.umweltbundesamt.de/themen/boden-flaeche/kleine-bodenkunde/entwicklung-des-bodens
    7. Hosen runter für guten Boden
      Sind weiße Unterhosen aus reiner Baumwolle im Schrank übrig? Dann ab damit unter die Erde! Dazu rufen immer wieder Forscher auf. Das Experiment: Unterhosen werden etwa im Garten, im Wald, auf der Wiese verbuddelt. Wer sie dann nach zwei Monaten wieder ausgräbt sieht, wie munter die Bodenlebewesen sind – je gesünder, desto gefrässiger, umso weniger bleibt übrig von dem guten Stück. Vorbild ist das Schweizer Forschungsprojekt: „Beweisstück Unterhose“. Unter www.beweisstueck-unterhose.ch. gibt es die genaue Anleitung.
    8. Groß Aufräumen muss nicht sein
      Wer seinem Boden im Garten etwas Gutes tun wolle, sagt Forscherin Scheunemann, „harkt runter gefallenes Laub, verwelkte Blumen nicht weg. Das mag nur nicht jeder.“ Und dann? „Es wäre gut, den Boden zumindest dauerhaft bedeckt zu halten, zum Beispiel mit Mulch aus Rasenschnitt. Auch Kompost oder Hornspäne sind hilfreich. Denn die Bodenorganismen brauchen Futter, in einem aufgeräumten Beet gehen sie leer aus.“
    9. Boden gut machen
      In Hamburg sind die Bürger jetzt zum „Abpflaster-Wettbewerb“ aufgerufen: Wer bis zum 31. Oktober dieses Jahres die größte Fläche entsiegelt, also Beton und Asphalt durch Rasen, Blumenbeete, Bäume ersetzt, gewinnt. Rotterdam und Amsterdam lieferten sich schon 2020 einen Wettstreit, wer am meisten Pflastersteine gegen Grün tauscht. Die Rotterdammer gewannen knapp. Seither ist dieses „Tegelwippen“ in den Niederlanden ein jährliches Spektakel, immer mehr Städte und Gemeinden machen dort mit – aus gutem Grund. „Flächen zu entsiegeln ist das A und O für den Schutz der Böden“, sagt Scheunemann. Gegen Hitze helfe es auch. Anders als Häuser und Fassaden, die sich aufheizen, kühle Grün. Asphalt lasse keinen Niederschlag durch, sodass er im schlimmsten Fall die Kanalisation überlaste und in Keller laufe. Begrünter Boden wirke dem entgegen. Er ist viel mehr als Dreck.
  • Spaß am Geldanlegen

    Geld auszugeben, kann Spaß machen. Aber es anzulegen? Offenbar haben die Deutschen die Lust am Investieren entdeckt – zumindest jene, die ihre Geldgeschäfte online erledigen und nicht nur den Stand des Girokontos abrufen. Überhaupt greifen die Bundesbürger vor allem zu Smartphone und Tablet oder setzen sich an den Computer, wenn es um Geld geht. Die klassische Bankfiliale, so zeigt es eine repräsentative Umfrage des Digitalverbands Bitkom ist vielen nicht mehr wichtig.

    59 Prozent der Befragten, gaben an, es mache ihnen Spaß, online Geld in Anlageprodukte zu investieren. Für Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder ist der Wert ein Zeichen, dass Online-Banking offenbar auch das Verhalten der Deutschen beeinflusst. „Lange galt Geldanlage als langweilig.“ Digitale Onlinebroker böten leichten Zugang. Und so mögen die Kunden an diesen Wertpapierhändlern ohne Filialen vor allem die hohe Benutzerfreundlichkeit – und das es Zinsen für nicht investiertes Geld gibt.

    Auch sonst beeinflussen die technischen Möglichkeiten, Bankgeschäfte zum Beispiel über das Mobiltelefon zu erledigen, die Menschen. 33 Prozent sagten in der Umfrage, sie würden ohne Online-Angebote überhaupt kein Geld investieren. 49 Prozent gaben an, sich durch Online-Banking mehr mit Finanzen und Geldanlage zu beschäftigen. Seit Jahren versuchen Politiker und Finanzexperten, die Bundesbürger dazu zu bewegen, mehr privat für das Alter vorzusorgen, allerdings mit eher geringem Erfolg.

    Die, die sparen, versprechen sich einiges von künstlicher Intelligenz. 28 Prozent würden sie nutzen, um sich die Finanzplanung abnehmen zu lassen. Vor einem Jahr waren es nur 20 Prozent. Und 30 (Vorjahr 26) Prozent glauben, dass KI passendere Angebote vorschlagen kann als ein Mensch. Die persönliche Beratung werde nicht überflüssig, sagt Rohleder, aber der Wettbewerb für die klassische Anlageberatung werde größer.

    Insgesamt nutzen 86 Prozent der Bundesbürger Online-Banking, 44 sogar ausschließlich – Allzeithoch. Die Werte steigen seit Jahren. Doch nicht alle Deutschen sind begeistert. Online-Banking ist eine Altersfrage. Bis zu 95 Prozent derjenigen, die jünger als 65 Jahre sind, überweisen Geld online oder legen es digital an. „Steigerungen sind hier kaum noch möglich“, sagt der Bitkom-Hauptgeschäftsführer. Zwischen 65 und 74 Jahren greifen noch 83 Prozent für Bankgeschäfte zu Smartphone und Tablet. Wer älter ist, kann sich weniger damit anfreunden. Nur 43 Prozent nutzen online-Banking, immerhin deutlich mehr als die 26 Prozent im Vorjahr.

    Daran wird sich wahrscheinlich auch wenig ändern. 62 Prozent der Älteren, die bisher ohne die Technik auskamen, wollen das auch künftig so halten, ein Drittel denkt zumindest darüber nach. Rohleder sprach von einer „seniorigen Fanbasis“ für das Filialgeschäft.

    Möglicherweise werden die Verweigerer gezwungen, sich mit digitalen Bankgeschäften zu beschäftigen. Denn die Institute schließen weiterhin Filialen, deren Betrieb aufwändig und teuer ist. Ende 2023 betrieben Banken und Sparkassen in Deutschland noch 20.904 Filialen, 20 Jahre zuvor waren es noch mehr als 49.700. Neuere Zahlen liegen noch nicht vor, der Trend ist aber seit Jahren klar: Es werden weniger.

    Unabhängig von Online oder Filiale ist den Bundesbürgern wichtig, wie viel Bankgebühren sie zahlen müssen (96 Prozent) und wie sicher ihre Einlagen sind (95). Danach folgt die Zahl der Geldautomaten, an denen kostenlos Bargeld zu bekommen ist (86) und die Höhe der Zinsen für Tagesgeld oder andere Einlagen (80). 78 Prozent der Befragten ist wichtig, dass die Banking-App benutzerfreundlich ist. Nur 50 Prozent legen Wert auf Filialen, die schnell erreichbar sind.

    Dem Angebot der Banken und Sparkassen stellen die Deutschen die Schulnote 3,1 aus. Der Wert ändert sich seit Jahren kaum. Die Banken hätten in den vergangenen Jahren sehr viel getan, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Rohleder, aber die Anspruchshaltung sei auch gestiegen. „Die Banken sind langsamer als die Kundenwünsche. Da ist Luft, um die Kunden richtig zu überraschen.“

  • Ein Pils ohne Alkohol, bitte!

    „Trinken wir einen zusammen?“ „Gern! Ich nehme ein alkoholfreies Bier.“ Es sind Thekengespräche der neuen Art, es schwappt ein Null-Promille-Trend durch das Land. Bier ist das beliebteste alkoholische Getränk der Deutschen. Doch nun wollen immer mehr Leute das alkoholfreie Pils, Helle, Weizen, Kölsch, Pale Ale, Stout. Das zeigen neue Zahlen des Deutschen Brauer-Bunds. Am Biermarkt machen die alkoholfreien Varianten jetzt schon neun Prozent aus, Tendenz steigend. Nur: Wie gesund sind sie wirklich? Ein Check.

    Gründe, auf Alkohol zu verzichten, gibt es reichlich. Da ist nicht nur die Gefahr, Unsinn zu reden. Vor allem schadet er dem Körper. Beim Alkoholkomsum gebe es nicht einmal eine kleine gesundheitlich unbedenkliche Menge, erklärte unlängst die Weltgesundheitsorganisation WHO. Wie tief man ins Glas schauen kann, ist auch beim alkoholfreien Bier nicht immer gleich. Es hat mit einem selbst und mit der Marke zu tun.

    800 verschiedene alkoholfreie Biersorten sind hierzulande zu haben, vor allem kommen jetzt Helle hinzu. Seit wenigen Tagen bietet zum Beispiel auch das Herzoglich Bayerische Brauhaus am Tegernsee eine entsprechende Version seines Klassikers an. „Deutschland ist heute weltweit führend bei der Produktion alkoholfreier Biere“, sagt Nina Göllinger, die für den Deutsche Brauer-Bund spricht. Vorbei sind die Zeiten, als diese noch als schlabberiges Autofahrerbier verspottet wurden.

    Thomas Koppmann ist Hobbybrauer, aber vor allem promovierter Lebensmittelchemiker bei der Stiftung Warentest. Erst vor wenigen Monaten hat er mit seinem Team bekannte Sorten alkoholfreien Biers gründlich geprüft: Kalorien, Zucker, Preis und so fort. Wäre eine Apfelschorle nicht grundsätzlich die bessere Alternative? Koppmann sagt: „Ich würde zum alkoholfreien Bier greifen. Das ist eine Geschmackssache.“ Wer auf Alkohol verzichte, tue sich per se etwas Gutes – egal welches Getränk die Alternative ist.

    Macht das Bier ohne Promille tatsächlich nicht dick? So wird es oft angepriesen. „Nüchtern-Biere sind erheblich kalorienärmer als alkoholhaltiges Bier und Cola“, sagt Koppmann, „selbst Saftschorlen haben oft mehr.“ Im Schnitt lägen die alkoholfreien Biere bei 108 Kilokalorien pro halbem Liter, ein Bier mit Alkohol bei 195, eine Apfelschorle bei 120, eine Cola bei 220. Die besten Durstlöscher seien aber immer noch: Wasser und ungesüßte Kräuter- und Früchtetees, die keine Kalorien hätten. Aber es gebe Unterschiede, Bier sei nicht gleich Bier, auch alkoholfreies nicht.

    „Wer Wert darauf legt, kaum Zucker zu sich zu nehmen, sollte auf die Sorte achten“, sagt Koppmann. „Carlsberg Alc 0.0 Vol, Jever Fun Alkoholfrei Pilsener, König Pilsener Alkoholfrei, Radeberger Pilsener Alkoholfrei, Wernesgrüner Alkoholfrei, Flensburger Frei Pilsener Alkoholfrei und Störtebecker Frei-Bier Alkoholfrei Bio haben quasi keinen Zucker.“ Andere enthielten durchaus Zucker.

    Es reicht ein Blick auf die Nährwerttabellen auf der Rückseite der Flaschen. Zum Beispiel auf die von Penny Turmbräu Alkoholfrei: 100 Milliliter enthalten demnach vier Gramm Zucker. Das ist bei Bitburger Pils Alkoholfrei 0.0 auch so. Bei Öttinger Alkoholfrei sind 3,4 Gramm ausgewiesen. Die WHO empfiehlt, dass Erwachsene nicht mehr als 25 Gramm freien Zucker am Tag zu sich nehmen sollten. Trinkt man einen halben Liter alkoholfreies Bier, das vier Gramm pro 100 Milliliter enthält, landet man schon bei 20 Gramm.

    Wie kommt der Zucker ins Bier und warum nur in manche? „Das hat mit der Herstellungsart zu tun“, sagt Koppmann. Die alkoholfreien Biere würden meist wie die Originale auch nach dem Reinheitsgebot gebraut, also nur mit Wasser, Hopfen, Malz und Hefe. Bei der Gärung werde der Zucker im Malz von der Hefe in Alkohol und Kohlendioxid verwandelt.

    Im Grunde gibt es dann zwei Verfahren, um die Frei-Biere zu bekommen: Die Gärung wird gestoppt, es bleibt viel Restzucker im Produkt übrig. Koppmann: „Das erinnert an Malzbier, mitunter ist es pappsüß.“ Oder: Das Bier wird herkömmlich gebraut, der Zucker komplett in Alkohol umgewandelt. Dieser wird dann entzogen – damit allerdings auch viele Aromastoffe. Bei einem „Bier mit schlankem Körper wie etwa Jever funktioniert das gut, bei anderen weniger“, sagt Koppmann. Darum würden die Verfahren oft auch kombiniert, es sei aber ein Betriebsgeheimnis.

    Der Alkohol ist in jedem Fall raus? „Alkoholfreie Biere dürfen bis zu 0,5 Volumenprozent Restalkohol enthalten“, sagt Koppmann. Das ist per Gesetz geregelt und bei manchen Fruchtsäften nicht anders. Dies hielten alle Biere im Test ein, meist hatten sie sogar deutlich weniger. „Schwangere und Stillende sollten alkoholfreie Biere mit Restalkohol meiden, Sorten mit der Kennzeichnung 0,0-Volumenprozent sind aber okay. In diesen darf praktisch kein Restalkohol mehr enthalten sein“, sagt der Experte.

    Vor allem nach dem Sport greifen viele gerne zum alkoholfreien Bier. Damit werde dem Körper zwar Flüssigkeit und Energie zugeführt, erklärt Koppmann, „für Leistungssportler eignen sich isotonische Spezialgetränke aber besser.“ Alkoholfreie Biere hätten zu wenig Natrium, um ausgeschwitztes Salz auszugleichen, und zu viel Kalium, was die Leistungsfähigkeit mindern könne.

    Sein Tipp am Ende: „Trinken Sie Bier nicht zu kalt. Ideal sind sechs bis acht Grad Celsius. Das ergibt die beste Kombi aus Erfrischung und Geschmack.“

  • Die Baumkuchen im Stromnetz

    Bahadir Basdere steht etwas unter Strom. Den Chef des Berliner Unternehmens Trench beschäftigt unter anderem, wie er die ganze Nachfrage bedienen soll. Denn in seiner Branche, der Energiewirtschaft, boomt es – weltweit und unabhängig von Zollstreitereien oder geopolitischen Machtspielen. Alle wollen Strom, alle müssen in Überlandnetze investieren und ohne Teile von Trench bleiben die Steckdosen zu Hause tot.

    Basderes Unternehmen hat zwei Jahre mit jeweils im Schnitt 30 Prozent Wachstum hinter sich. Im vergangenen Jahr hat er ein Fünftel mehr Mitarbeiter eingestellt. 2800 sind es jetzt. Es ginge wohl mehr, aber: „In der Energiewirtschaft begrenzt derzeit das fehlende Personal das Wachstum.“ Trench hat einen enormen Wettbewerbsvorteil. „Wir sind führend im Bereich der Höchstspannungs-Stromübertragung“, sagt Basdere. „Unsere Produkte findet man in jedem Umspannwerk und praktisch in jedem Stromnetz der Welt.“

    Das Unternehmen verkauft an Netzbetreiber wie Tennet, 50Hertz oder Amprion und an Konzerne wie Hitachi (Japan), GE (USA) oder Siemens Energy, die Netze und Kraftwerke bauen. Privatleute werden die Teile, die in einem der acht Trench-Werke weltweit hergestellt werden, eher nicht bestellen. Da sind zum einen sogenannte Bushings. Sie verbinden das Überlandkabel mit einem Transformator und puffern den Strom.

    „Sehr viele Menschen haben solche Durchführungen schon einmal gesehen“, sagt Basdere. „Ihre äußere Hülle ähnelt einem langen Baumkuchen.“ Die Teile können bis zu 15 Metern lang sein und einschließlich Isolator einen Durchmesser von einem Meter haben. Pro Stück kosten sie bis zu 1,5 Millionen Euro. Ohne Bushings dürfte ein Transformator durchbrennen, wenn Strom durchs Netz fließt – im Höchstspannungsbereich mit 380 und deutlich mehr Kilovolt. Aus der heimischen Steckdose kommen 240 Volt.

    Dann baut Trench noch Messwandler, eine Art Stromzähler für Höchstspannungsleitungen. Hier ist das Unternehmen Technologieführer. Ein weiteres Produkt sind Luftspulen, die Schwankungen im Netz ausgleichen und recht unspektakulär tonnenförmig aussehen.

    Das Wachstumstempo in der Branche wird nicht nachlassen. In den kommenden Jahren wird deutlich mehr Strom verbraucht als heute, etwa, weil die Zahl der Elektroautos kräftig steigt. 2030, so haben Experten für das EU-Parlament ausgerechnet, braucht die Staatengemeinschaft 60 Prozent mehr Strom als heute. Dafür müssen die Netze erneuert und erweitert werden. Die Kosten schätzt der Bericht auf mindestens 584 Milliarden Euro.

    Und in den USA? Der Markt wachse enorm, sagt Basdere. „Das Stromnetz dort ist veraltet und muss erneuert werden. In der Vergangenheit wurde wenig investiert. Gleichzeitig steigt der Strombedarf durch E-Autos, künstlicher Intelligenz und Rechenzentren.“ Allein für letztere soll sich der Bedarf bis 2028 im Vergleich zu 2023 mehr als verdoppeln. Der Inflation Reduction Act von 2022 löste bereits Investitionen von rund 400 Milliarden Dollar (350 Milliarden Euro) aus.

    Nicht nur die Strommenge weltweit steigt, auch die Anforderung an die Netze. „Je mehr erneuerbare Energie eingespeist wird, desto komplexer wird es“, sagt Basdere. Die Anlagen liefern zum einen nur ungleichmäßig Energie, je nach Wind und Sonneneinstrahlung. Zudem ist andere Technik nötig. „Weil der Strom heute über längere Strecken transportiert werden muss, etwa von der Küste nach Süddeutschland, werden neue Leitungen mit Gleichstrom gebaut“, sagt der Trench-Chef. „Dieser Strom kann auf Höchstspannungsniveau mit weniger Verlust transportiert werden als Wechselstrom. Es sind dafür aber mehr Transformatoren nötig und damit auch mehr unserer Produkte.“

    Die stellt Trench in acht Werken weltweit her, in Kanada, in China, in Europa. In Deutschland fertigt das Unternehmen im bayerischen Bamberg und in Troisdorf südöstlich von Köln. Zuletzt haben die Berliner ein Werk in den USA gekauft, dass für 60 Millionen Dollar erweitert wird. Vor zwei Jahren setzte Trench noch rund 500 Millionen Euro um, im laufenden Geschäftsjahr sind es wohl rund 900 Millionen Euro. Bestellt sind bereits Teile für 1,3 bis 1,5 Milliarden Euro.

    Da sollte ein ordentlicher Gewinn übrig bleiben. Genaue Zahlen nennt Basdere nicht. „Wir sind profitabel. Was wir verdienen, investieren wir direkt in unser Wachstum.“ Bis April 2024 gehörte Trench noch zu Siemens Energy. Damals trennte sich der Konzern von der Sparte mit mehr als , die Basdere da schon sechs Jahre leitete. Der deutsch-schwedische Finanzinvestor Triton übernahm.

    Der ist für Tempo bekannt. Zuletzt brachte der Investor den Augsburger Panzergetriebeherstellers Renk Anfang 2024 an die Börse. Knapp vier Jahre zuvor hatte das Unternehmen noch zum VW-Konzern gehört, passte aber nicht mehr in die Unternehmensstrategie. Andere Branche, anderes Geschäft, aber auch Boom.

    Basdere jedenfalls steuert Trench von seinem neuen Büro am Südkreuz in Berlin aus. Dort wird überall gebaut, ein neues Stadtviertel entsteht. Schon für Siemens Energy arbeitete er aus der deutschen Hauptstadt, damals allerdings in alten Büros im Stadtteil Wedding, knapp sechs Kilometer Luftlinie.

    Und warum heißt das neue Unternehmen mit gut 125 Jahren Tradition Trench? Mit Trenchcoat oder dem englischen Begriff von Schützengräben hat der Name nichts zu tun. Benannt ist Trench nach dem Kanadier Toni Trench, der 1962 die Luftspule erfunden hat.

  • Das Auto übernimmt

    Auch die Zukunft beginnt mit einer typischen Frage im Hier und Jetzt: Wo hält der Bus? Ostseite des Bahnhofs? Westseite sagt die App auf dem Mobiltelefon. Und tatsächlich rollt da langsam und leise das Fahrzeug heran, das Prototyp sein kann für den deutschen Nahverkehr in einigen Jahren – fahrerlos unterwegs auf Strecken, die künstliche Intelligenz aus den Buchungsanfragen der Fahrgäste zusammenstellt.

    Besonders spektakulär sieht das weiße Auto, das an diesem Vormittag am Bahnhof Egelsbach südlich von Frankfurt anhält, nicht aus. Gut, überall ragen kleine Sensoren und Kameras aus der Karosserie und auf dem Dach ist eine flache Kiste nebst einer Art Flugzeugheckflosse befestigt. Dann sind da die Aufkleber, die auf das Pilotprojekt und die Beteiligten hinweisen: federführend die Deutsche Bahn und der Rhein-Main-Verkehrsverbund. Aber grundsätzlich unterscheidet sich das Auto kaum von anderen.

    Das israelische Unternehmen Mobileye hat das Selbstfahrsystem in ein normales E-Serienfahrzeug von Nio eingebaut. Radar und Lidar (eine Art Laserradar) sowie Kameras halten die Umgebung im Blick. Einsteigen bitte. Drinnen die erste Überraschung: Auf der Fahrerseite sitzt jemand. Doch er fährt nicht. Er soll in kritischen Situationen eingreifen.

    Anschnallen. Nach einem kurzen Moment blinkt das Auto, lässt eine Radfahrerin passieren und fährt los. „Das Fahrzeug übernimmt die Verantwortung. Sie können sich entspannen“, sagt Thomas Drewes, Leiter Autonomes Fahren, bei DB Regio Straße, der an diesem Morgen dabei ist. Der Wagen nimmt eine Linkskurve zwischen parkenden Autos, biegt an der Ampel rechts ab und beschleunigt auf der Landstraße Richtung Langen. Der Sicherheitsfahrer hat die Hände im Schoß, beobachtet die Umgebung.

    „Wir sind die ersten auf deutschen Straßen, die einen On-Demand-Verkehr mit Level-4-Technologie für externe Testnutzerinnen und -nutzer eröffnet haben“, sagt Drewes etwas sperrig, während im Kofferraum die Technik klickt und surrt und der Wagen 65 fährt. Erlaubt sind 70. Insgesamt gibt es beim autonomen Fahren fünf Level. Bei eins bis drei helfen Assistenzsysteme Fahrerin oder Fahrer, er oder sie muss aber die Kontrolle über das Fahrzeug haben. Ab Level 4 übernimmt die Technik – vollautomatisiertes Fahren.

    150 registrierte Nutzer können in Langen und Egelsbach per App eine Fahrt buchen. Software im Hintergrund verknüpft die Touren, das Fahrzeug sammelt die Fahrgäste dann ein. 19 verschiedene Stopps sind hinterlegt, die Bahnhöfe und die Stadthalle Langen etwa. Im Einsatz sind drei Fahrzeuge. Im zweiten Halbjahr startet Teil zwei des Testprojekts im nahegelegenen Darmstadt.

    Plötzlich stoppt das Auto. Mitten im Kreisel. Da war jemand zu sportlich von rechts gekommen. „Manchmal bremst der Wagen vielleicht noch etwas abrupt“, sagt Drewes, „aber wir sind ja auch ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt.“ Es geht weiter, zweiter Kreisel, Ausfahrt und gleich wieder scharf rechts – das Auto meistert die kritische Stelle perfekt.

    „Autonomes Fahren bietet eine Riesenchance, vor allem für den Nahverkehr außerhalb der Ballungsräume“, erklärt Drewes. „In ländlichen Regionen fährt heute noch viel zu häufig nur dreimal am Tag der Schülerbus“ – oft große, leere Linienbusse. „Zusätzlich fehlen schon heute Busfahrer“, sagt der Experte. „Kleinere autonome Fahrzeuge, die jederzeit bei Bedarf fahren und für ein flächendeckendes Angebot sorgen, können den Nahverkehr deutlich attraktiver machen.“ Und die Bahn will dabei sein, schließlich lebt die Konzerntochter DB Regio von Nahverkehr.

    Der Konzern beschäftigt sich bereits länger mit autonomem Fahren. Im bayerischen Bad Birnbach waren sieben Jahre lang Kleinstbusse im Level 2+ unterwegs – mit Tempo 20 und auf festgelegter Strecke. Das Projekt wurde im Ende 2024 eingestellt, weil der Bushersteller Insolvenz angemeldet hatte.

    Kurz vorm Bahnhof Langen greift der Sicherheitsfahrer ein. Ein E-Roller kommt etwas zu mittig in der Einbahnstraße entgegen. Das Auto ist bereits nach rechts ausgewichen, aber sicher ist sicher. Weiter. Hinter der nächsten Ecke blockiert ein Müllwagen die Straße. Stopp.

    Wie orientiert sich das Auto? „Im Fahrzeug ist eine hochauflösende digitale Karte mit den fahrbaren Routen hinterlegt“, erklärt Drewes. „Die Sensoren erkennen die Position auf der Karte und die Verkehrssituation, in der es sich befindet.“ Gesteuert werde dann mittels Regelwerk –Verkehrsregeln etwa und Vorgaben für das Fahrverhalten. „Alle zum Fahren notwendigen Informationen befinden sich im Fahrzeug. Das Auto braucht keine Internetverbindung.“

    Ganz allein ist die Bahn mit autonomem Fahren nach Level 4 nicht in Deutschland. In Hamburg läuft das Alike-Projekt mit dem E-Bus Id.Buzz von VW und dem Moover des Bielefelder Unternehmens Holon. VW und Holon streben für 2027 eine Typzulassung des Kraftfahrtbundesamtes für Level 4 an. Die beiden Fahrzeuge könnten dann einfach im Straßenverkehr unterwegs sein. In mehreren US-Städten sind Roboterautos der Alphabet-Tochter Waymo unterwegs. Kein Nahverkehr im deutschen Sinne, sondern Taxis für Einzelfahrten.

    Der Müllwagen ist vorbeigefahren, das Auto rollt los. Die letzten 200 Meter zum Bahnhof Langen. Sehr bequem. Nur ein bisschen mehr Tempo wäre schön gewesen. „Autonomes Fahren soll langweilig sein“, sagt Drewes. „Der Wagen verhält sich wie ein defensiver Fahrer und beachtet selbstverständlich alle Verkehrsregeln. Unsere Fahrgäste sollen ja sicher ans Ziel kommen.“

  • Genau und ungenau zur selben Zeit

    Seit 30 Jahren warnt die Schuldenuhr des Bundes der Steuerzahler vor zu hoher Staatsverschuldung.

    Jedes Land hat seine Eigenheiten. In Frankreich herrscht in manchen Kreisen eine irrationale Freude am Linkssein. Die USA sind von außen betrachtet ein Land der Waffenfetischisten. Und die Deutschen haben große Angst vor Staatsschulden. So lässt es sich erklären, dass am Mittwoch ein einzigartiges Jubiläum begangen wurde: 30 Jahre Schuldenuhr.

    Dieses Gerät ist eine Digitalanzeige des Bundes der Steuerzahler, das an einer Hausfassade im Berliner Regierungsviertel hängt. In großen roten Buchstaben zeigt sie den jeweils aktuellen Stand der deutschen Staatsschulden. Diese betragen gerade etwas mehr als 2,5 Billionen Euro (2.500 Milliarden), mit steigender Tendenz. Jede Sekunde kommen 2.800 Euro hinzu. Die Verschuldung pro Kopf der Bevölkerung hat rechnerisch 30.000 Euro erreicht.

    „Die Uhr ist das schlechte Gewissen“ der Politik, erklärte Reiner Holznagel, der Chef der Organisation. Wobei er einräumte, dass Staatsschulden per se „weder gut noch schlecht“ seien. Grundsätzlich aber plädiert der Steuerzahlerbund immer für Zweierlei: möglichst niedrige Steuern und möglichst keine neuen Schulden. Weshalb Holznagel das gegenwärtige Programm der schwarz-roten Regierung mit absehbar einer Billion Euro zusätzlicher Kreditaufnahme in den kommenden Jahren als Horror betrachtet.

    Fraglos ist 2.500 Milliarden eine gigantische Zahl, die aber so isoliert, wie sie da an der Fassade hängt, wenig über die wirtschaftliche Bedeutung von Staatsschulden aussagt. „Die Schuldenuhr ist an Einseitigkeit kaum zu überbieten“, bemerkte Carl Mühlbach. Er hat die Organisation FiscalFuture (finanzielle Zukunft) gegründet, die die finanziellen Interessen junger Leute in die Politik einbringen will. Den Schulden stünden „Staatsvermögen, etwa Straßen und Brücken“ als Basis künftigen Wohlstandes gegenüber, betonte Mühlbach. Wobei zur Wahrheit gehört, dass der deutsche Staat nicht jede Schulden-Milliarde in die Zukunft investiert. Vieles verraucht auch in Konsum – zum Beispiel über 100 Milliarden Euro jährlich für die Altersrenten aus den Kassen des Bundes.

    Ein guter Maßstab für die Staatsverschuldung ist die Wirtschaftsleistung, das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Die Summe aller hierzulande produzierten Waren und Dienstleistungen beträgt etwa 4.500 Milliarden Euro jährlich. Im Verhältnis dazu sind 2.500 Milliarden Euro Schulden gut 60 Prozent – eine Größenordnung, die zahlreiche Fachleute für unproblematisch halten. Viele reiche Staaten liegen deutlich darüber, der Durchschnitt der Euroländern erreicht 87 Prozent. In dieser Sichtweise hat Deutschland einen Spielraum für zusätzliche Kreditaufnahme, den es jetzt nutzen will.

    Richtig ist trotzdem: Schulden können auch zu hoch werden. Dann verlangen die Gläubiger steigende Zinsen, und die Kosten des Schuldenbergs nehmen zu. Solche Probleme haben derzeit Frankreich (113 Prozent Schuldenquote im Verhältnis zum BIP) und die USA (100 Prozent).

    Falsch dagegen bleibt, dass Staatsschulden zurückgezahlt werden müssten. Beim größten Teil ist das auch in Deutschland nicht der Fall. Die alten Kredite werden einfach immer mit neuen Krediten beglichen. Das funktioniert so lange, wie die Wirtschaft wächst. Insofern lag Reiner Holznagel am Mittwoch daneben, als er eine große Torte mit der Aufschrift „2.500 Milliarden“ präsentierte und die Anwesenden einlud, die Schulden „aufzuessen“, also symbolisch abzuzahlen. Würde der Staat das tun, bekäme er ökonomische Magenschmerzen.

  • Billiger verreisen

    Meer oder Berge? In vielen Haushalten Deutschlands ist das die entscheidende Frage für einen Urlaub, danach geht es meist um das Wetter – und ob sich die Reise bezahlen lässt. Deutschlands oberste Statistiker liefern da einige Anhaltspunkte, wo es in Europa besonders viel kostet und wo es sich deutlich billiger als auf dem heimischen Balkon oder der Terrasse entspannen lässt. Sehr vereinfacht ist es in Süd- und Osteuropa günstiger, im Norden teurer und am teuersten mittendrin.

    Das Statistische Bundesamt hat sich die Ausgaben für Nahrungsmittel und Getränke, Unterkünfte, Energie und Transport in europäischen Ländern und ausgewählten anderen Staaten angesehen. Erfasst sind die Lebenshaltungskosten an sich, im Urlaub dürften Ausgaben für Schuhe und Bekleidung aber nicht so wichtig sein wie zum Beispiel für Getränke und Hotels. Die Zahlen stammen aus dem März.

    Wer rein nach den Kosten entscheidet, sollte die Schweiz meiden. Wie in den vergangenen Jahren ist das Land das teuerste für einen Urlaub in Europa. Die Lebenshaltungskosten liegen 58 Prozent über denen in Deutschland. Für Unterkünfte müssen Urlauber 52 Prozent mehr zahlen, ein Glas Wein oder Bier auf der Terrasse mit Alpenpanorama kostet im Schnitt 77 Prozent mehr als in Deutschland. Selbstversorger, die sich nicht nur von Obst und Gemüse ernähren wollen (neun Prozent teurer), müssen rund 46 Prozent mehr zahlen.

    Ebenfalls teuer: Island (53 Prozent mehr als hierzulande) und Dänemark (31 Prozent). Deutschlands nördlicher Nachbar, beliebt wegen Stränden, Ferienhäusern und entspannter, familienfreundlicher Haltung hat Norwegen in den Top-Drei der teuersten Länder abgelöst. Wer zwischen Ringkjöbing Fjord und Kopenhagen Urlaub verbringt, zahlt 31 Prozent mehr. Norwegen ist nur noch 14 Prozent teurer und liegt inzwischen sogar hinter Irland und Luxemburg.

    Besonders günstig wird ein Urlaub den Statistikern zufolge in der Türkei. Hier sind die Ausgaben etwas mehr als halb so hoch wie in Deutschland. Essen, Unterkünfte, Gastronomie – alles deutlich billiger. Der Cocktail mit Blick auf den Sonnenuntergang über dem Mittelmeer kostet jedoch zweieinhalb Mal so viel wie in Deutschland, zumindest wenn er Alkohol enthält. Besonders günstige Unterkünfte gibt es in Albanien, Nordmazedonien und Bulgarien (50 Prozent der deutschen Preise).

    Auch in den Schweizer Alpen lässt sich eine private Unterkunft mit Küche für 50 Euro pro Tag finden oder in der Türkei ein Luxusressort für 270 Euro am Tag, aber das sind meist Ausnahmen. Auch hängen die Ausgaben sehr stark von den eigenen Vorlieben ab. Frankreich übrigens ist ungefähr genauso teuer wie Deutschland. Spanien, Lieblingsreiseland der Deutschen, 15 Prozent billiger.

    Weil Statistiker immer Durchschnittswerte erfassen und sich niemand wie der Durchschnitt verhält, kann ein anderer Wert Anhaltspunkte geben, wie teuer der Urlaub werden könnte: der Big-Mac-Index. Seit den 60er Jahren erhebt das britische Magazin „Economist“ die Preise des Burgers weltweit. Das Produkt ist weitgehend einheitlich weltweit und somit besser vergleichbar als zum Beispiel Roggenvollkornbrot mit 93 Prozent Korn aus Dänemark mit Weizenfladenbrot in der Türkei.

    Die Preise zeigen an, welche Länder günstig, welche teuer sind. Das Magazin erfasst die Daten zweimal im Jahr. Teuerstes Land war zuletzt die Schweiz, wo der Big-Mac 34,3 Prozent mehr kostet als in der Euro-Zone, gefolgt von Argentinien, Uruguay und Norwegen. Sonst ist er überall billiger.

    Burgerfans sollten danach über einen Urlaub in Taiwan nachdenken: Dort kostet er 60 Prozent weniger. Auch Indonesien, Indien und Japan sind günstige Burger-Länder. Möglicherweise werden allerdings die geringeren Essensausgaben durch die deutlich teurere Anreise ausgeglichen. Und Unterkünfte in Japan gehören auch nicht zu den weltweiten Schnäppchen.

    In Europa sind Big-Macs in Rumänien am günstigsten (42 Prozent billiger). Einen Nachteil hat der Index allerdings: Er fasst alle Länder mit Euro zusammen – Preisunterschiede zwischen Portugal und Estland, Finnland und Malta sind deshalb nicht erfasst. Vielleicht ist das auch egal. Erholung und Wohlfühlen sind im Urlaub schließlich wichtiger als Burger.

  • Schicker Bär auf Datenklau

    Bären sind in Deutschland vor allem als Kuscheltiere verbreitet. Fancy Bear klingt deshalb erst einmal niedlich. Doch der Schicke Bär ist gefährlich. Hinter dem Decknamen steckt eine Einheit des russischen Militärgeheimdienstes GRU, die deutsche Unternehmen und Infrastruktur ausspäht – und Daten abgreift. Digitale Spionage, Diebstahl und Erpressung nehmen seit Jahren zu. Vor allem deutsche Firmen sind Ziel der Täter. Inzwischen wird auch künstliche Intelligenz eingesetzt – und manipuliert.

    Die Zahl der gemeldeten Fälle ist hoch, die Schadensummen steigen. „Es werden mehr Fälle erkannt, weil die Unternehmen besser vorbereitet sind“, sagt Bodo Meseke, bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY Spezialist für Cybercrime. „Die Angreifer, die durchkommen, sind sehr erfahren, und wenn sie durchkommen, sind die Schäden höher.“ Auch, weil das, was besonders geschützt wird, besonders wertvoll ist.

    Allein im vergangenen Jahr berichtete der Branchenverband Bitkom von 178,6 (Vorjahr 148,2) Milliarden Euro Schäden durch digitalen Datenklau und Spionage, Lösegeldzahlungen. Nimmt man klassische Spionage und IT-Diebstahl hinzu, steigt die Summe auf 266,6 Milliarden Euro. Beides sind Rekordwerte. Der wahre Schaden dürfte deutlich höher sein, aber immer noch melden viele Unternehmen Angriffe nicht. Der Bitkom ermittelt die Zahlen unter anderem durch eine Umfrage.

    EY erstellt alle zwei Jahre einen Datenklau-Report. Die Prüfer befragen Manager. Er zeigt: Die Unternehmen sind sich des Risikos bewusster als noch vor Jahren. 69 Prozent schätzen es als hoch oder sehr hoch, ein Opfer von Cyberkriminellen zu werden. Der Wert steigt seit Jahren. Dass vor allem kleinere Unternehmen immer noch glauben, wegen ihrer Größe nicht zum Ziel der Täter zu werden, hält EY-Spezialist Meseke für gefährlich. „Sie sind nicht geringer betroffen.“

    Besonders bedroht sehen sich dem Report zufolge Medienhäuser, Technologie- und Telekomunternehmen, die besonders digital aufgestellt sind. 82 Prozent der Manager in diesen Branchen, die EY befragte schätzen das Angriffsrisiko hoch ein. In der Energiebranche und bei Metallverarbeitern sind es 80 Prozent, im Pharma-, Chemie- und Gesundheitssektor 71 Prozent.

    Viele Angreifer sind wie Unternehmen organisiert – mit eigenen Abteilungen für Eindringen und Ausspähen zum Beispiel oder die Abwicklung. von Lösegeld. Die Leistung lässt sich zum Beispiel im Darknet, einer dunklen Seite des Internets bestellen. Industriespionage ist ein Thema, ein anderes ist schlicht, Geld zu erpressen. Die Täter dringen in Computersysteme ein und sperren sie. Nur gegen Lösegeld bekommt ein Unternehmen wieder Zugriff – vielleicht. 950 Fälle zeigten Unternehmen im vergangenen Jahr nach Angaben des Bundesinnenministeriums an. Auch hier dürfte der wahre Wert deutlich höher sein.

    Drei von vier Managern fürchten denn auch, die organisierte Kriminalität könne sich ihr Unternehmen als Ziel aussuchen. Die Hälfte sieht sich von Hacktivisten bedroht, Aktivisten mit politischem Ziel wie die Gruppe Anonymous, zwei von fünf durch ausländische Geheimdienste – Fancy Bear zum Beispiel, offiziell die Einheit 26165 mit der Cyberabteilung Apt28 des GRU, die Technologie- und Logistikunternehmen ausspähen.

    39 Prozent aller Angriffe kamen 2024 dem Bitkom zufolge aus Russland. Die meisten Täter saßen in China. Sie waren für 45 Prozent aller Fälle verantwortlich, Tendenz steigend. 20 Prozent der Cybergauner arbeiteten offenbar von Deutschland aus. Beliebter werden Länder, mit denen Deutschland keine Rechtsabkommen hat und wo Kriminelle sicher vor deutschen Strafverfolgern sind, wie EY-Spezialist Lutz Naake sagte.

    Die eigenen Mitarbeiter sind für Unternehmen offenbar nicht mehr so gefährlich. Dass sie Daten an die Konkurrenz verkaufen oder beim Ausscheiden mitnehmen, fürchten in im Datenklau-Report jeweils ein Sechstel der Manager. Vor zwei Jahren war es noch ein Fünftel. Und auch die Konkurrenten aus dem In- und Ausland sind etwas aus dem Blickfeld verschwunden.

    Von Künstlicher Intelligenz versprechen sich fast die Hälfte aller Manager besseren Schutz vor digitalen Angriffen. Eingesetzt werden derartige Technologien nur zurückhaltend. „Die Lösungen haben noch Kinderkrankheiten“, sagt EY-Experte Meseke. „Man muss vorsichtig sein.“ Ein Drittel der Befragten sind ohnehin skeptisch, Täter könnten die KI manipulieren, was nur schwer herauszufinden sein wird. Ohnehin haben auch die Angreifer aufgerüstet – mit KI.

  • Socken waschen für Netzstabilität

    Waschmaschinen sollen vor allem Socken, T-Shirts und Hosen reinigen. Nur die wenigsten betrachten die Geräte als wichtigen Teil der Energiewende in Deutschland. Doch wann sie waschen, kann entscheidend dafür sein, ob das Stromnetz stabil läuft – und Verbraucher können sogar Geld sparen. Das gilt auch für Trockner und Spülmaschinen, Wärmepumpen und Elektroautos. Erstmals gibt es dazu jetzt belastbare Zahlen.

    Vor 30 Jahren war die Energiewelt klar und übersichtlich. Große Kraftwerke erzeugten aus Gas, Kohle und Uran zentral Strom und lieferten ihn an die Haushalte, die ihn verbrauchten, wann sie wollten. War weniger Strom nötig, produzierte ein Kraftwerk weniger. Inzwischen kommen rund 60 Prozent des Stroms aus Wind- und Sonnenenergie. Die Anlagen sind deutlich kleiner als die alten Kraftwerke und verteilt über das Land. Und sie liefern nicht so gleichmäßig Energie.

    Wenn es weht und die Sonne strahlt, Hellbrise genannt, gibt es viel Energie, entsprechend niedrig sind die Preise. Teilweise gibt es sogar Geld dafür, Strom zu verbrauchen. Oder Windanlagen werden abgeschaltet, damit das Netz nicht zusammenbricht. Bei Windstille und bedecktem Himmel, Dunkelflaute, ist Strom knapp und teuer. Das Problem lässt sich mit Kraftwerken lösen, die im Notfall schnell anspringen. Die Bundesregierung will deshalb Gaskraftwerke mit einer Leistung von bis zu 20 Gigawatt bauen lassen.

    Für den Ernstfall ist das offenbar nicht genug. „Das reicht nicht, um die Lücke zu schließen“, sagt Filip Thon, Chef von Eon Deutschland. Warum also nicht dann Strom verbrauchen, wenn er günstig ist? Nur, wie viel Verbrauch lässt sich in solche Zeiten verschieben? Und welche Geräte eignen sich? Eine Studie von Eon mit der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) sieht nennenswerte Chancen bei Hausgeräten wie Trocknern, Spül- und Waschmaschinen, bei privaten Solaranlagen, die mit einer Batterie ausgestattet sind, bei Elektroautos und bei Wärmepumpen.

    Insgesamt können demnach theoretisch in diesem Jahr 15,6 Terawattstunden Strom in Zeiten verbraucht werden, wenn es viel Angebot gibt und die Preise niedrig sind. Das entspricht etwa 3,6 Prozent des in Deutschland ins Netz eingespeisten Stroms (431,5 Terawattstunden 2024) oder etwa zweimal dem Jahresverbrauch Münchens, wie Filip Thon sagt. Mehr als die Hälfte kommt über Hausgeräte zustande.

    Bis 2030 sollen es 30,9 Terawattstunden sein, getrieben vor allem von mehr E-Autos, die in Deutschland gefahren werden. Gleichzeitig werde auch der Anteil der erneuerbaren Energien weiter steigen, sagt FfE-Geschäftsführer Serafin von Roon. „Wenn wir die Chancen der Flexibilität nicht nutzen, wird es sehr teuer.“ Zum Beispiel, weil mehr Gaskraftwerke nötig sind, die nur selten laufen.

    Theoretisch ist der Wert für 2025, weil ein Haushalt wissen muss, wann Strom günstig ist, um genau dann zu waschen, das E-Auto zu laden oder die Batterie der Solaranlage aus dem Netz zu füllen. Mit klassischen Stromzählern, wie sie in den meisten Häusern und Wohnungen eingebaut sind, ist das nicht möglich. Denn die messen nur den Verbrauch. Nötig sind sogenannte Smart Meter, intelligente Zähler, die zusätzlich auch Daten per Mobilnetz senden und aus der Ferne gesteuert werden können. Während die Geräte in vielen Ländern Europas bereits flächendeckend eingebaut sind, fehlen sie in Deutschland weitgehend.

    Seit Jahresbeginn gilt eine Pflicht für Anschlüsse mit einem Verbrauch von mehr als 6000 Kilowattstunden. Auch wer seit 2024 eine Wallbox oder Wärmepumpe betreibt oder eine Photovoltaikanlage mit mehr als sieben Kilowatt braucht einen solchen Zähler. Bei anderen ist er freiwillig. Bisher wirkt das Gesetz nicht recht: „Der Pflicht-Rollout läuft schleppend“, sagt Thon. Und ohne Smart Meter keine intelligente Verbrauchssteuerung etwa der Waschmaschine, die anspringt, wenn ein Versorger sogar dafür zahlt, dass jemand Strom abnimmt.

    Im Mai war das an mehreren Tagen der Fall, meist zur Mittagszeit, wenn die Sonne hoch am Himmel steht und gleichzeitig Wind weht. Dann ist das Angebot so hoch, dass der Strompreis an der Börse negativ wird – wer verbraucht, bekommt Geld. Abends und nachts ist der Anteil der erneuerbaren Energiequellen gering, das Stromangebot damit auch, der Preis hoch.

    Damit die Verbraucher etwas davon haben, brauchen sie neben dem Smart Meter einen besonderen Tarif. Zwei Arten gibt es: dynamisch und flexibel. Beim dynamischen Tarif schlägt der Preis an der Strombörse voll durch. Dann gibt es mittags Geld, wenn der Geschirrspüler wegen der niedrigen Preise automatisch gestartet wird, abends kann die Kilowattstunde aber auch sehr teuer sein. Im Schnitt übers Jahr kann der Preis aber niedriger liegen als mit einem klassischen Festvertrag.

    Um Schwankungen zu puffern, gibt es Flextarife. Der Stromanbieter verlangt einen festen Preis je Kilowattstunde und zahlt Geld zurück, wenn die Kunden zum Beispiel das E-Auto automatisch zu günstigen Zeiten laden lassen.

    Ob alles so kommt, wie in der Studie vorhergesagt, ist unklar. Die Hochrechnung ist vereinfacht, um überhaupt Zahlen zu bekommen. Netzeffekte, Preise für Smartmeter und ähnliches sind nicht berücksichtigt. Und das neue dynamische System hat Tücken: Wenn alle solche Tarif haben, werden bundesweit alle Waschmaschinen anspringen, wenn Strom sehr billig ist – das würde das Netz dann trotz sauberer Socken doch schwer belasten.

  • Hilfe, kein Schutz

    Schwere Unwetter haben im vergangenen Jahr Gebäude und Fahrzeuge in Deutschland beschädigt. Die Schäden beliefen sich auf 5,7 Milliarden Euro, 800 Millionen Euro mehr als 2023. Die Naturgewalten schlagen wegen des Klimawandels immer stärker zu. Wer nicht versichert ist, kann nur auf die Hilfe des Staates hoffe. Deshalb fordern Politiker seit Jahren, eine private Pflichtversicherung wie in Frankreich. Mehr Eigenvorsorge ist löblich. Doch sie löst das zugrunde liegende Problem nicht.

    Vor allem Bayern und Baden-Württemberg traf es der Statistik nach. Dass beide Bundesländer besonders von Starkregen, Hochwasser und Hagel betroffen sind, bedeutet das nicht. Die Zahlen zeigen erst einmal nur, wo Schaden angemeldet wird. Dafür ist ein Versicherungsvertrag nötig und den hat in Deutschland nicht jede und jeder – anders als etwa eine Kranken- oder Haftpflichtversicherung. In Bayern läuft seit 2017 eine staatliche Kampagne für entsprechende Versicherungen, in Baden-Württemberg bestand bis 1994 eine Versicherungspflicht, dort dürfte es viel Altverträge geben und das Bewusstsein für einen entsprechenden Schutz. Das zahlt sich dann heute aus.

    Allerdings hilft eine solche Versicherung nur, Schäden zu regulieren. Sie schützt nicht vor den Schäden an sich. Eine Pflichtversicherung kann verhindern, dass die Menschen etwa nach einer Überschwemmung vor dem Nichts stehen und auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Die Wassermassen zurückhalten, kann sie nicht. Nötig sind zum Beispiel bessere Hochwassermaßnahmen, Bauvorschriften, die für gefährdete Regionen angepasst sind und Maßnahmen, die allgemein den Klimawandel bremsen können. Und da ist dann doch wieder der Staat gefordert.

  • Kein Zugriff auf die Geldanlage

    Autoversicherung, Strom, Telefon: Mit dem Wechsel des Anbieters lässt sich oft viel Geld sparen. Oft reichen ein paar Klicks im Internet, in der Regel läuft der Übergang im Hintergrund und reibungslos. Ähnlich einfach sollte es sein, das Wertpapierdepot zu wechseln. Doch hier hakt es, wie neue Zahlen der Finanzaufsicht Bafin zeigen. Das trifft vor allem die Sparer, die länger nicht auf ihre Anlagen zugreifen können – tückisch, wenn die Kurse fallen und man etwas verkaufen möchte.

    Gerade bei der Geldanlage sind die Kosten wichtig. Wer heute wenige Gebühren zahlt, kann mehr sparen, zum Beispiel in Fonds anlegen. Das zahlt sich in der Zukunft aus. Aus monatlich 50 Euro werden bei fünf Prozent Verzinsung in 20 Jahren 20.552 Euro. Kostet das Wertpapierdepot bei Bank oder Sparkasse zwölf Euro im Jahr oder einen Euro pro Monat, sind es nach 20 Jahren nur 20.141 Euro – zum einen ließ sich weniger sparen, zum anderen gab es weniger Zinsen.

    Ursprünglich lagerten Banken und Sparkassen Aktien und Anleihen, Fonds und andere Anlagen physisch in einem Depot. Inzwischen werden diese Konten digital geführt. Banken und Sparkassen nehmen dafür eine Gebühr. Und die kann hoch sein: Bis zu 3800 Euro ließen sich binnen 20 Jahren sparen, wenn Anleger zu einem anderen Institut wechselten, ermittelte das Verbraucherportal Finanztip Ende 2024. Vor allem Onlinebanken oder -broker ohne Filialen bieten oft kostenlose Depots.

    Deutsche Finanzinstitute sind gesetzlich verpflichtet, den Wechsel zu ermöglichen. Und er darf in Deutschland auch nichts kosten. Einfach neues Depot bei Bank oder Sparkasse der Wahl eröffnen, Formular zum Übertrag des Depots vom alten Institut ausfüllen, digital oder als pdf, abschicken – und es sollte funktionieren. Allerdings ist es offenbar doch nicht so einfach. Im vergangenen Jahr verzeichnete die Bafin 5910 Beschwerden zum Wertpapiergeschäft, mehr als doppelt so viele wie 2023 (2835).

    Überwiegend ging es darum, dass Depots fehlerhaft oder deutlich verzögert übertragen wurden. In etwa zehn Prozent der Fälle dauerte es länger als zehn Tage. „Bei einem langfristigen Vermögensaufbau mit breitgestreuten Aktien-ETFs ist das kein Problem – bei einer Einzelaktie, die vor einem drohenden Kurssturz verkauft werden soll, schon eher“, sagt Geldanlage-Experte Timo Halbe von Finanztip. Langfristig orientierte Anleger ändern den Wertpapiermix nur selten.

    Was in Zeiten der Digitalisierung einfach sein sollte, ist es offenbar nicht. Es fehlt ein einheitliches System zum Übertragen, dabei sollte ein Wertpapierdepot standardisiert sein. Die Bafin befand in ihrer Marktuntersuchung 2022/23, dass nur 54 Prozent der Institute die Prozesse intern digitalisiert hatten. Das dürfte sich inzwischen etwas geändert haben. Aber es wird wohl noch sehr viel einzeln angefasst. Die Institute haben einen angemessene Zeit frei, wobei der Begriff eher schwammig ist. Für die Bafin sollte der Depotumzug höchstens drei Wochen dauern.

    „So ein Übertrag zwischen zwei Banken ist zwar keine Astrophysik, aber an einigen Stellen kann es trotzdem haken“, sagt Finanztip-Experte Halbe. Er empfiehlt Anlegern, für den Wechsel mehrere Wochen einzuplanen und sich gut vorzubereiten. Ein Grund dafür, dass es länger dauern kann: Die Anleger tragen etwas falsch in das Übertragungsformular ein oder vergessen etwas. „Deshalb sollten Anleger die Angaben im Wechselantrag genau prüfen“, sagt Halbe. Und, besonders wichtig: Wer wechseln will sollte unbedingt „vorab kontrollieren, ob die zu übertragenden Wertpapiere bei der neuen Bank handelbar sind.“

    Manche Onlinebank zum Beispiel bietet nicht alle Fonds von allen Anbietern an. Das kann auch breit gestreute ETF (Exchange Traded Funds, börsengehandelte Fonds) auf den MSCI World Index betreffen, die unterschiedliche Firmen aufgelegt haben. Sind die Wertpapiere beim neuen Anbieter nicht handelbar, lassen sie sich auch nicht übertragen. Um das alte Depot zu schließen, müssen solche Papiere dann verkauft werden.

    Das gilt grundsätzlich für „Bruchstücke“ von Anlagen. Wer zum Beispiel Vermögenswirksame Leistungen in einem Fonds anlegt, der die Aktien im Deutschen Aktienindex Dax abbildet, kann zum Beispiel nach einiger Zeit 19,171 Anteile halten. Übertragen lassen sich nur 19, die restlichen 0,171 müssen dann verkauft werden. Wer nichts verkaufen möchte, hat im Zweifel dann zwei Depots – ein teures mit einigen Wertpapieren und ein günstiges für die zukünftigen Anlagen.

  • Peanuts aus Niedersachsen

    Mit der Erdnuss ist es so eine Sache, nicht weil die Tüte immer so schnell leer ist. Es fängt schon mit dem Namen an. Genau genommen ist sie keine Nuss, hat mit Mandeln oder Walnüssen nichts zu tun. Botanisch gesehen gehört sie zu den Hülsenfrüchten, also eher zur Erbse. Der englische Name „peanut“, Erbsennuss, weist darauf hin. Entscheidender: Sie liebt die Wärme – ihr Ursprungsgebiet liegt in Südamerika – und wird vor allem in China, Indien, Nigeria, Sudan und den USA angebaut. Nun sollen Erdnüsse auch aus Deutschland kommen. Kann das überhaupt klappen?

    Steffen Alexander Meyer hat in Böhme, einem Ort in der Lüneburger Heide, einen Spargelhof. Die Böden sind sandig, die Sommer immer öfter extrem heiß. Der studierte Agrarwirtschaftsingenieur hat schon mit Wassermelonen experimentiert, sie wurden ihm vom Feld geklaut, mit Süßkartoffeln, das läuft. Er „probiere aus“, sagt er, was sich in Zukunft gut rechnen könne, denn: „Stillstand ist Tod“. Nun also Erdnüsse. Meyer kam darauf, weil eine Mitarbeiterin in Uganda in Afrika war und Saatgut mitbrachte.

    Gut 480 Kilometer weiter südlich bei Fürth, bayerisches Knoblauchland, wachsen die Erdnusspflanzen von Jakob Zwingel. Auch er ist studierter Landwirt und sieht einen Markt: „Deutsche Erdnüsse gibt es sonst noch nicht.“ Mit seiner Frau Eva baut er auch Kartoffeln an, sie produzieren daraus Chips. Die beiden sind mit einem befreundeten anderen Landwirt extra nach Georgia zur einer Erdnuss-Messe geflogen. Der US-Bundesstaat ist berühmt für seine vielen Erdnussfarmer. Zwingels wollten von den Profis lernen.

    In den vergangenen zehn Jahren ist der Verbrauch von Erdnüssen, Cashews, Mandeln, Haselnüssen, Walnüssen, Pistazien – Statistiker fassen alles als Schalenobst zusammen – in Deutschland um zwölf Prozent gestiegen 5,2 Kilo isst hierzulande mittlerweile jeder jährlich, davon allein etwa 1,4 Kilo Erdnüsse.

    Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, jeden Tag 25 Gramm Schalenobst zu essen. Übers Jahr gerechnet wären das gut 9,1 Kilo, idealerweise ungesalzen und zum Beispiel im Müsli, im Salat, als Mus auf dem Brot oder zwischendurch als Snack. Darin sehen die Landwirte Zwingel und Meyer ihre Chance.

    Zumal Helena Nareyka von der Verbraucherzentrale Bremen erklärt: „Erdnüsse haben einen hohen Proteingehalt – etwa 30 Gramm Eiweiß pro 100 Gramm. Sie eignen sich darum für vegetarische und vegane Gerichte.“ Darüber hinaus lieferten sie Folsäure, Magnesium, Niacin und Biotin. „Der hohe Fettgehalt macht sie zwar zu einem energiereichen Snack mit knapp 600 Kilokalorien pro 100 Gramm. In Maßen sind sie aber gut zu genießen.“

    Im August stehen große grüne Büsche auf den Feldern von Zwingel und Meyer. Am 15. Mai, die Eisheiligen waren gerade vorbei, habe er 2000 im Gewächshaus vorgezogene Erdnuss-Pflänzchen in den Boden gesetzt, genauer: in kleine angehäufte Dämme wie beim Spargel auch, erzählt Meyer. „Tropfschlauch für die Bewässerung gelegt, ausgediente Spargelfolie drüber, Löcher reingeschnitten für die Erdnuss-Pflanzen.“ Wasser ist kostbar, zumal in Zeiten, in denen nennenswerte Niederschläge im Sommer auch in der Lüneburger Heide immer öfter ausbleiben. Die Pflänzchen werden punktuell versorgt. Nebeneffekt: Unkraut verkümmert.

    „Die Erdnussfelder sehen derzeit aus, als wachse dort Klee“, sagt Zwingel – oberirdisch. Unterirdisch reifen die Erdnüsse ähnlich Kartoffeln heran. Mandeln oder Walnüsse wachsen an Bäumen. Erdnüsse nicht. Zwingel hat anders als Meyer Erdnusssamen ausgesät, er spart damit die Kosten fürs Treibhaus. Anfang Juli hätten die Pflanzen das erste Mal gelb geblüht, erzählt der süddeutsche Landwirt. Sie machten das mehrmals im Jahr. Die Stiele befruchteter Blüten senkten sich dann zum Boden, bohrten sich hinein und bildeten dort die Erdnüsse: pro Pflanze 20 bis 35 Schalen mit jeweils zwei bis drei Erdnüssen. Auch Zwingel muss bewässern. Das sei im Gemüseanbau immer so, sagt er.

    Die Landwirte testen neue Wege, beide schon im dritten Jahr, Meyer auf 0,5 Hektar seines 140 Hektar großen Hofes, Zwingel auf 2,6 seines zwölf Hektar großen Betriebs. Ende September, Anfang Oktober werden beide ihre Ernte einfahren. Meyer hat dafür ein Gerät umgebaut, das sonst zum Roden von Tulpen, also dem Ausgraben ihrer Zwiebeln genutzt wird. Zwingel erntet seine Erdnuss mit einer Maschine aus den USA. Der Ertrag: „Nicht vergleichbar mit dem auf den etablierten Farmen etwa in den USA“, sagt Zwingel. Die ernteten etwa das Fünffache, das Klima eigne sich einfach besser dort.

    Es hört mit der Ernte nicht auf. Die Erdnüsse müssen getrocknet werden. Andernorts geht das draußen, in Deutschland nicht. Meyer hat dafür einen beheizbaren Raum. Er verarbeitet die Erdnüsse dann zu Öl, hat sich eine etwa 18.000 Euro teure Öl-Mühle angeschafft. Sie steht in seiner Scheune. Das Öl will er künftig an „gehobene Gastronomie und Feinkostgeschäfte“ verkaufen, den Liter derzeit für etwa 100 Euro. Aus dem Mark, das übrig bleibt, wenn die Erdnüsse ausgepresst werden, macht eine Eisdiele in seiner Umgebung bereits Erdnusseis.

    Zwingel knackt, sortiert, röstet und salzt seine Erdnüsse, er hat eine eigene Manufaktur aufgebaut und verkauft die 100 Gramm Tüte „Erdnüss“ für 6,90 Euro über seinen eigenen Hofladen, auch über den anderer Kollegen in der Umgebung sowie seinen Online-Shop. Regionale Erdnussprodukte haben ihren Preis, für Peanuts sind sie nicht zu haben.