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  • Neues Eintrittsgeld für Großbritannien

    Reisen nach Großbritannien sind immer etwas Besonderes, verglichen zum Beispiel mit einer Tour nach Frankreich oder Österreich. Der Pass wird kontrolliert, ein einfacher Personalausweis reicht nicht. Die Briten sind schließlich nicht Teil des Schengen-Raums, der grenzenloses Reisen in Europa verspricht. Sie sind nicht einmal mehr in der EU. Von diesem Mittwoch an (2. April) verlangt das Land noch eine Einreisegenehmigung. Wer keine hat, wird abgewiesen.

    Die ETA, kurz für electronic travel authorisation, ist Teil der neuen Grenzkontrollen, die die Briten nach dem Austritt aus der EU Anfang 2020 eingerichtet haben. Sie ähnelt der Esta, die die USA von allen verlangen, die touristisch einreisen wollen. Ein Antrag ist über eine Internetseite oder eine App möglich. Das Verfahren ist einfach und dauert über die App etwa zehn Minuten – je nachdem, wie gut die Antragsteller dabei sind, sich selbst mit strengem Blick vor einer weißen Wand zu fotografieren.

    Vor dem Antrag empfiehlt sich, kurz zu überprüfen, ob ein ETA reicht oder doch ein Visum nötig ist. Die ETA berechtigt, Großbritannien für bis zu sechs Monate am Stück zu bereisen, Freunde oder Familie zu besuchen. Abgedeckt sind auch kurze Studienprogramme oder Künstler, Sportler und Rechtsanwälte, die sich nur kurzzeitig im Land aufhalten. Für fünf Tage Sightseeing in London oder Edinburgh ist eine ETA nötig, für drei Jahre Arbeit in Bristol ein Visum. Auch ist eine ETA Pflicht für Kinder und Babys.

    Die Antrags-App findet sich im Apple-Store oder im Google Play-Store unter UK ETA. Sie hat eine schillernde Krone als Logo. Andere Apps funktionieren nicht. Nötig ist noch der Original-Reisepass, ein E-Mail-Zugang und eine Kreditkarte. Im Verlauf des Antrags werden die Adresse und der Job abgefragt sowie eine Telefonnummer.

    Der Pass muss fotografiert, der eingebaute Chip ausgelesen werden. Auch sind ein Gesichtsscan und ein Foto des Gesichts nötig. Mit modernen Smartphones lässt sich das zügig erledigen. Abgefragt wird auch, ob man rechtskräftig verurteilt ist oder Mitglied einer Terrorgruppe war. Zum Schluss wird noch eine Gebühr kassiert. Die ETA kostet zunächst zehn Pfund (12,43 Euro), erhöht sich zum 9. April aber auf 16 Pfund. Die App rechnet automatisch in Euro um, so dass keine Gebühren für den Auslandseinsatz der Kreditkarte anfallen.

    Die Briten versprechen, dass der Antrag binnen drei Werktagen bearbeitet wird. Bei einem Test am vergangenen Donnerstag dauerte es sogar nur eine Minute von der E-Mail, die den Eingang des Antrags bestätigte zur Annahme desselben. Er wird offenbar im Hintergrund automatisch geprüft. Die App kann nach dem Antrag wieder gelöscht werden.

    Die Genehmigung gilt für zwei Jahre oder, bis der Pass abgelaufen ist, sollte das früher sein. In dieser Zeit kann man beliebig oft nach Großbritannien ein und ausreisen, jeweils maximal für ein halbes Jahr. Reisende benötigen kein zusätzliches Papier oder einen QR-Code, der zum Beispiel im Mobiltelefon gespeichert wird. Die ETA ist digital mit dem Reisepass verknüpft. Bei der Einreise nach Großbritannien, etwa am Flughafen, erkennt automatische Passkontrolle, das zum Reisedokument eine gültige ETA vorliegt.

    Die ETA ist auch für Nordirland zwingend. Wie sie kontrolliert wird, wenn man zum Beispiel von Dublin mit dem Wagen über die grüne Grenze nach Belfast fährt, ist unklar. Fehlt bei einer Kontrolle allerdings die ETA wird es ungemütlich. Für die Kanalinseln vor der Küste der Normandie ist die Genehmigung bis mindestens zum Herbst nicht nötig, wenn sie von Frankreich aus angesteuert werden.

  • Mit der inneren Kraft der Sonne

    Kernfusion beschäftigt vor allem Physiker. Jetzt ist es Thema in den Koalitionsverhandlungen von Union und SPD. Die Technologie soll die Energieprobleme lösen und auf lange Sicht fossile Brennstoffe, Wind- und Solaranlagen überflüssig machen. Doch sie hat ihre Tücken.

    Was planen Union und SPD?

    Als Union und SPD über eine Regierungszusammenarbeit sprachen, einigten sie sich darauf, die Fusionsforschung zu stärken. Das Ziel: „Der erste Fusionsreaktor der Welt soll in Deutschland stehen.“ CDU-Chef Friedrich Merz, designierter Bundeskanzler, hatte bereits im Wahlkampf mehrfach Kernfusion gepriesen.

    Was ist Kernfusion?

    Grundsätzlich geht es darum, Atomkerne zusammenzubringen. Das unterscheidet die Kernfusion von klassischen Atomkraftwerken, die mit Kernspaltung arbeiten. Bei der Fusion von Deuterium und Tritium, zweier besonderer Formen des Gases Wasserstoff, entstehen das Edelgas Helium und Neutronen. Letztere liefern die Energie. Der Prozess gilt als sicher, sauber und könnte in unbegrenztem Maße Strom produzieren – eine Art Stein der Weisen der Branche.

    Wie funktioniert sie?

    In der Sonne laufen solche Fusionsprozesse ab, weil das Zentralgestirn eine enorme Masse hat. Auf der Erde sind andere Strategien nötig. Verfolgt werden im Wesentlichen zwei: Der Fusionsprozess kann einerseits in einem mehr als 100 Millionen Grad heißen Plasma angeregt werden, das von Magneten in der Schwebe gehalten wird. Andererseits kann Materie in der Größe eines Pfefferkorns mit einem sehr präzisen Laser beschossen werden, die Energie des Strahls setzt die Fusion in Gang.

    Wie soll damit Strom erzeugt werden?

    Strom zu gewinnen, ist das vermutlich Einfachste bei der Kernfusion. Die Neutronen werden zum Beispiel sehr vereinfacht von einer Wand aufgefangen, die sich erhitzt. Mit der Hitze wird Wasser verdampft, dass eine Turbine antreibt, die wiederum Strom liefert. Ähnlich läuft das auch in Gas-, Kohle und Atomkraftwerken.

    Woran forschen die Experten?

    Weltweit haben Wissenschaftler vor allem untersucht, wie sich Fusionen in einem Plasma nutzen lassen, das in einem Magnetfeld hängt. Mit der Laserfusion beschäftigte sich vor allem das Militär. In Deutschland federführend sind das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching bei München, das Forschungszentrum Jülich in Nordrhein-Westfalen und das Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Das IPP betreibt zwei Geräte, die Plasma erzeugen: Wendelstein X-7 in Greifswald und Asdex in Garching. Beide unterscheiden sich in der Form. Die Magnetspulen haben bei Asdex eine klassische Donut-Form (Tokamak), bei Wendelstein X-7 ist der Magnetkäfig in sich verdreht (Stellarator).

    Wo steht Deutschland?

    Die Bundesrepublik gehört zu den Ländern, die bei Kernfusionsforschung vorn dabei sind. Beim Stellarator ist Deutschland sogar führend. Was weltweit fehlt, ist bisher die kommerzielle Nutzung. Damit beschäftigen sich vermehrt private Firmen, die bis Mitte 2024 weltweit 7,1 Milliarden Dollar von Investoren einwarben, wie die Unternehmensberatung Arthur D. Little errechnet hat. In Deutschland wollen vier Start-ups das Thema vorantreiben: Gauss Fusion (Garching) und Proxima Fusion (München) setzen auf die Stellarator-Technik. Bei beiden arbeiten ehemalige Beschäftigte des IPP, das auch jeweils Partner ist. Marvel Fusion (München) und Focused Energy (Darmstadt) setzen auf Laser-Fusion, unterstützt werden sie unter anderem von der Bundesagentur für Sprunginnovation Sprind. Weltweit gibt es 47 Fusionsunternehmen.

    Wann könnte ein erster Reaktor Strom liefern?

    Ein Bonmot lautet seit Jahrzehnten: Der Durchbruch ist immer 30 Jahre entfernt. Möglicherweise geht es doch schneller. Proxima Fusion will Anfang der 2030er einen Demonstrator bauen, eine kleine Testversion eines Kraftwerks, die praktisch zeigt, dass Kernfusion technisch möglich ist und Strom liefern kann. Auch Gauss Fusion arbeitet an einem Stellarator. Dennoch wird sehr wahrscheinlich ein US-Unternehmen zuerst fertig: Commonwealth Fusion Systems, eine Ausgründung des Massachussetts Institute of Technology, will 2027 einen Demonstrator fertig haben. Das Start-up hat dafür mehr als zwei Milliarden Dollar bei Investoren eingesammelt. Insgesamt gibt es derzeit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW zufolge rund 169 Projekte in unterschiedlichen Stadien. Sollte ein Demonstrator laufen, rechnen Experten mit mindestens zehn Jahren Bauzeit für ein echtes Fusionskraftwerk, frühestens also 2040.

    Warum dauert das alles so lange?

    Die Anlagen benötigen eine gewisse Größe. Wendelstein X-7 hat einen Durchmesser von gut elf Metern. Die Magnetspulen für solche Geräte sind riesig, beim Stellarator müssen sie wegen der Verdrehung einzeln angefertigt werden. Supraleitendes Material macht kräftigere Magnetfelder möglich als Kupferspulen. Es muss aber auf minus 270 Grad gekühlt werden. Bisher ist zudem sehr vieles nur Theorie. 2022 gelang es bei einem Laserfusionsexperiment in den USA erstmals, mehr Energie zu erzeugen, als an Heizenergie hineingesteckt wurde. „Aus energiewirtschaftlicher Perspektive ist die Kernfusion heute von einer kommerziellen Nutzung genauso weit entfernt wie in den 1950er Jahren, als die Entwicklung für zivile Zwecke anlief“, sagt Christian von Hirschhausen, Wirtschaftsprofessor der Technischen Universität Berlin, der das Thema für das DIW untersucht hat.

  • Mit Spectrum zu den Sternen

    Etwas ist anders auf Andøya in diesem März. Auf dem Granit der norwegischen Nordseeinsel liegt bei Temperaturen knapp über null Grad wie üblich Schnee. Doch am Nordmelaveien arbeiten seit Tagen Spezialisten an einem historischen Ereignis: dem ersten Start einer Rakete von Kontinentaleuropa aus ins All, noch dazu einer aus deutscher Produktion. Und sie kämpfen mit dem Wetter.

    Am frühen Montagnachmittag sollte die Spectrum genannte Rakete von Isar Aerospace aus Ottobrunn zum Jungfernflug abheben. Die Techniker begannen den Countdown am Morgen, mussten aber dann doch abbrechen. Stürmische Böen gefährdeten den Start. Noch bis Ende der Woche ist Zeit für einen neuen Versuch. Gelingt er, hat das Unternehmen den Wettlauf mit den beiden deutschen Konkurrenten Rocket Factory Augsburg und HyImpulse gewonnen.

    Josef Achenbach, Chef der europäischen Raumfahrtagentur Esa, sprach bereits von einem historischen Ereignis. Denn es geht auch um einen unabhängigen Zugang zum All von Europa. Bisher heben europäische Raketen wie die Ariane 6 vom südamerikanischen Kourou aus ab. Zudem müssen die Europäer Raketenstarts beim US-Raumfahrtunternehmen SpaceX buchen, das Elon Musk gehört und in den USA startet.

    Spectrum 1 ist 28 Meter hoch und hat einen Durchmesser von gut zwei Metern. Sie kann bis zu einer Tonne Gewicht ins All bringen, Satelliten zum Beispiel. Auf dem Jungfernflug ist allerdings keiner dabei. Das Unternehmen will so viele Daten wie möglich sammeln und vor allem die Abläufe lernen. Neun eigens entwickelte Triebwerke werden die Rakete in den Himmel über dem Nordmeer heben. Nach der ersten Phase wird die abgetrennte Oberstufe allein in den Himmel über dem Nordmeer steigen.

    Die Spectrum ist ein sogenannter Microlauncher, Raketen, die deutlich kleiner sind und weniger Last transportieren können als etwa die Falcon 9 von SpaceX oder die Ariane 6. Sie sind vor allem darauf ausgelegt, schnell und in kurzer Folge kleinere Satelliten in knapp 500 Kilometer Höhe über der Erde zu transportieren. Dort im sogenannten Low Earth Orbit (Leo) planen Unternehmen ganze Satellitenschwärme, um zum Beispiel Autos zu vernetzen, vor Bränden auf der Erde zu warnen oder schnelles Internet anzubieten. Auch Felder lassen sich dank Hilfe aus dem All besser bewirtschaften.

    Der Markt ist enorm. Im vergangenen Jahr setzten Unternehmen nach Zahlen des Industrieverbands BDI bereits 350 Millionen Dollar mit Anwendungen rund um Daten und Satelliten um. Eine Studie gemeinsam mit Roland Berger schätzt, dass der Markt für weltraumgestützte Anwendungen weltweit bis 2040 auf 1,25 Billionen Euro wachsen könnte.

    Um wöchentliche Starts möglich zu machen, müssen die Raketen in großen Mengen günstig gebaut werden. Isar Aerospace setzt darauf, alles selbst zu bauen und sieht sich deshalb besonders effizient aufgestellt. Weil in der alten Fabrik in Ottobrunn nur bis zu zehn Raketen im Jahr gefertigt werden können, entsteht gerade ein neues Werk für etwa 40 Raketen im Jahr. In Raumfahrtdimensionen sind solche Mengen Massenproduktion.

    Das alles kostet viel Geld. Einnahmen in großem Umfang fehlen bisher. Hinter Isar Aerospace stehen einige finanzkräftige Investoren wie Airbus Ventures, die Risikokapitalgeber Earlybird (Berlin) und Lakestar (Zürich), die Porsche Holding und ein Fonds der Nato, die insgesamt mehr als 400 Millionen Euro bereitgestellt haben. Zahlreiche Kunden gibt es bereits – die europäische Raumfahrtagentur ESA, Airbus, die norwegische Raumfahrtagentur. Den Startplatz auf Andøya hat sich Isar Aerospace für bis zu 20 Jahre gesichert.

    Wie Isar Aerospace begannen auch RFA und HyImpulse vor gut sieben Jahren, eigene Raketen zu entwickeln. Die Augsburger schienen vorn zu liegen, mussten im vergangenen Jahr aber einen Rückschlag hinnehmen, als die Hauptstufe ihrer Rakete bei einem Test explodierte. Das Unternehmen rechnet dennoch mit einem Jungfernflug noch in diesem Jahr. Angepeilt ist der Sommer. RFA startet vom Saxavord Spaceport auf der nördlichsten Insel der Shetlands.

    RFA setzt bei seiner Rakete auf Teile, die bereits in anderen Industrien erfolgreich im Einsatz sind und passt sie an. So sollen die Kosten sinken. Auch die Augsburger planen eine Massenfertigung. Wie Isar Aerospace auch hat das Unternehmen ein eigenes Triebwerk entwickelt. Beide Firmen nutzen 3D-Druck, um die Antriebe herzustellen. Hinter RFA stehen der Bremer Satellitenspezialist OHB und der US-Finanzinvestor KKR.

    Die SR75 von HyImpulse, eine Ausgründung aus dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, aus Neuenstadt bei Heilbronn ist noch nicht so weit. Die Baden-Württemberger testeten ihr Antriebskonzept, bei dem eine Art Kerzenwachs wichtig ist, dafür bereits im 2024 mit einer kleineren Rakete in Australien, die nicht bis ins All vordringen sollte.

    Auf mehr Unabhängigkeit und Wettbewerb setzt auch die ESA künftig. Die Idee: Privates Kapital bringt der Branche einen Schub und neue technologische Ansätze. Wenn mehr Firmen Raketenstarts anbieten, steigt die Verfügbarkeit. Zudem sinken die Preise. In dieser Woche startet der entsprechende europäische Raketenwettbewerb.

    Unter den Bewerbern will die ESA dann Mitte des Jahres Unternehmen auswählen, die künftig gefördert werden. Bis zu 150 Millionen Euro sind dafür vorgesehen. Verträge sollen allerdings erst beim ESA-Ministerratstreffen in Bremen im November geschlossen werden. Die deutschen Firmen wollen sich beteiligen.

  • Hart am Wind

    31. Stock, Upper West, knapp 110 Meter über dem Bahnhof Zoo in Berlin. Schon die Büros auf Nabenhöhe eines größeren Windrads zeigen, wo Lars Meyer mit Nextwind hin will: hoch hinaus. Das Start-up schickt sich an, einer der großen Stromanbieter Deutschlands zu werden. Die Idee ist verblüffend einfach. Meyer und sein Team kaufen Windparks, tauschen die alten Windräder gegen effizientere aus und verkaufen dann Strom. Wer jetzt denkt, das ebenfalls zu können, dürfte an etwas ganz Wesentlichem scheitern: Geld.

    Zunächst einmal, und das ist Meyer wichtig: „Wir sehen uns als Energieproduzenten. Wir sind kein Projektentwickler, kein Finanzinvestor.“ Wir sind nicht auf den schnellen Euro aus, schwingt da mit. Nextwind geht ins unternehmerische Risiko. Was gekauft wird, wird modernisiert und auch nicht weiterverkauft, sondern gebündelt.

    Das Konzept passt in die Strategie der Bundesregierung. Deutschland setzt auf erneuerbare Energien. Bis 2030 soll 80 Prozent des Stroms aus solchen Quellen stammen. 2024 waren es nach Zahlen der Experten von Fraunhofer ISE gut 58,8 Prozent. Windanlagen an Land machten allein 23,5 Prozent aus. Derzeit sind 63,5 Gigawatt Leistung installiert, bis 2030 sollen es 115 Gigawatt werden. Dafür müssen neue Standorte erschlossen, alte Standorte runderneuert werden.

    „Mehr Strom auf bestehenden Flächen zu produzieren, ist politisch eleganter, als auf der grünen Wiese Neues zu bauen“, sagt der Co-CEO. Aber: „Es muss auch wirtschaftlich sinnvoll sein, sich für Investoren, die das erforderliche Kapital bereitstellen, lohnen.“ Deutschland war einer der ersten Märkte, der Wind in einer relevanten Größe für Stromerzeugung nutzte. Nach 20 Jahren fallen jetzt die ersten Anlagen aus der Förderung, weshalb viele Eigentümer, ob Bauern, Gemeinden oder Kleininvestoren, aussteigen wollen. Hier tritt Nextwind auf.

    Solche Altstandorte haben Vorteile. „Die ersten Windparks sind an besonders windträchtigen Stellen gebaut worden, die sehr ertragreich sind“, sagt der Co-Chef. Die Akzeptanz für Windparks sei größer, auch würden dort neue Anlagen beschleunigt genehmigt, anders als auf der grünen Wiese. „Wir ersetzen die 20 Jahre alten Anlagen durch moderne, die Kapazität steigt kräftig, die Stromausbeute vervier- oder verfünffacht sich.“

    Bevor gebaut wird, braucht Nextwind auch eine Lizenz zum Betrieb, die das Unternehmen bei der Bundesnetzagentur ersteigern muss. Liegt sie vor, gilt für 20 Jahre eine feste Einspeisevergütung – für Investoren äußerst interessant, weil gut berechenbar. „Das Geschäftsmodell ist vielleicht nicht besonders anspruchsvoll“, sagt Meyer. „Der Rohstoff, auf dem das Geschäft läuft, ist Kapital, sehr viel Kapital. Darauf haben wir Zugriff. Und das ist auch die Einstiegsbarriere für andere, die uns nachahmen wollen.“

    Gerade bei den Summen, um die es geht, ist Vertrauen wichtig. Das hat Meyer aufgebaut. Er startete als Ingenieur unter anderem bei Siemens, beriet dann Investmentbanken in bei Unternehmensübernahmen und -fusionen, bevor er großen Investoren mit seinem Wissen bei Energieinvestitionen half. Mitgründer Werner Süss, Co-Chef bei Nextwind, arbeitete als Vertriebschef Europa des Energieversorgers Vattenfall. Mitgründer Ewald Woste leitete lange den Energieversorger Thüga und war Präsident des Energieverbands BDEW, heute sitzt er im Aufsichtsrat des Energiekonzerns Eon.

    Nextwind verfügt inzwischen über rund 750 Millionen Euro Eigenkapital, Anteilseigner neben den Gründern sind US-Finanzinvestor Sandbrook Capital, spezialisiert auf erneuerbare Energien und die beiden kanadischen Pensionsfonds PSP Investments und Imco sowie die Gründer mit unter zehn Prozent. Das Geld mag reichen für Ankäufe, um neue Windräder aufzustellen, ist noch mehr nötig. „Wir schieben Investitionen von gut 2,5 Milliarden Euro vor uns her“, sagt Meyer. „Wir planen derzeit einen Konsortialkredit mit mehreren großen Finanzinstituten im Milliardenbereich.“

    Bisher gehören Nextwind gut 40 Windkraftstandorte unterschiedlicher Größe vor allem in Norddeutschland, von der Eifel über Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern bis Brandenburg. Sie haben eine Kapazität von 450 Megawatt, erneuert kämen sie auf 1,4 Gigawatt Leistung, die Größe eines modernen Atomkraftwerks. Bis 2028 will Nextwind auf eine Leistung von drei Gigawatt kommen. Dafür müssen noch einige Standorte gekauft und dann vor allem umgebaut werden. Zusätzlich zum Ausbau und Betrieb der Windparks planen Meyer und seine Mitgründer dezentral Batterien und Solarparks, um die bestehende Netzinfrastruktur besser zu nutzen und Phasen hohen und niedrigen Winds auszugleichen.

    Die Idee zum Unternehmen stammt schon von 2016, seit 2018 haben die Gründer sich intensiv damit beschäftigt, 2020 startete Nextwind. Richtig los ging es 2024, nachdem die Investoren eingestiegen waren. Binnen eines Jahres wuchs die Belegschaft von 20 auf 90 Mitarbeiter.

    Das Unternehmen zog in die 31. und 32. Etage des Berliner Hochhauses ein – früher Sitz des deutschen Teils der Signa Holding von René Benko, einem windigen Unternehmer, der Luftschlösser baute, hoch hinaus wollte, aber die Bodenhaftung verlor. Nextwind arbeitet deutlich anders: Die Windparks, die bereits gekauft sind, erzeugen Strom, das Unternehmen rechnet mit 50 Millionen Euro Umsatz in diesem Jahr. Und es ist selbst ohne runderneuerte Anlagen profitabel.

  • T-Shirts aus Holz

    Tencel, Ecovero, Lyocell – Jogginghosen, T-Shirts, Nachthemden aus diesen als Öko beworbenen Stoffen hängen immer öfter in den Läden. Sollte man zugreifen?

    Ist es nur eine neue Masche? Der Kauf einer Sporthose, eines Kleides, einer Boxershorts ist kompliziert geworden. Früher erschien die Wahl, was man trägt, einfach. Die Schuhe waren zumeist aus Leder, der Pullover am liebsten aus Wolle, die Jogginghose oft aus Polyester.

    Heutzutage zum Beispiel im Angebot: das „Ecovero-Holz-T-Shirt für den Mann“, das „Nachthemd in „Premium Cotton TENCEL™ Qualität“, die Lauftights aus „Lyocell“. Beworben werden die kompliziert benannten Stoffe als die bessere, ökologischere Alternative zu herkömmlicher Baumwolle oder Polyester und anderen Chemiefasern. Nur: Was ist da dran, steckt wirklich drin?

    Wer die verwirrende Vielfalt auf den Etiketten sortieren will, landet schnell bei Benjamin Itter. Itter beobachtet, was sich bei innovativen Textilien tut – und welche Haken es dabei gibt. Es ist sein Job. Vor zwanzig Jahren hat er mit zwei Kollegen in Berlin Kreuzberg das Unternehmen Lebenskleidung gegründet. Seither handelt er mit Recyclingstoffen und ökologischen Naturfasern, verkauft sie an Öko-Modedesigner und kleinere Fair-Fashion-Modelabel. Er ist darum auf den großen Messen für Mode und Textilen in München, Berlin, London unterwegs und auf der Suche nach grünerem Stoff.

    Der Markt ist, das wird im Gespräch mit Itter sofort klar, weniger vielfältig als die Kleideretiketten vermuten lassen. „Hinter Tencel und Ecovero steckt ein und dieselbe Firma – die Lenzing-Gruppe aus Österreich.“ Darüber hinaus gebe es von ihr auch noch einen Spezialstoff für Arbeits- und Schutzbekleidung mit dem Namen Lenzing.

    Die Lenzing-Gruppe – rund 2,5 Millionen Euro Umsatz, 7900 Mitarbeitende – hat Werke in Österreich, Groß-Britannien, Tschechien, auch in Brasilien, den USA, China sowie in Indonesien und Thailand. Sie hat die Stoffe entwickelt, ihnen die Namen gegeben und sie dann als Marke schützen lassen.

    Auf dem Schild eines Kleides, einer Hose und anderer Textilien kann aber auch dieser Name stehen: Lyocell. Das ist ähnlich wie bei Tempo und Taschentüchern oder Gore-Tex und wasserdichten Membranen: Tencel ist der Markenname, Lyocell die allgemeine Bezeichnung für die Faser. Diese können auch Konkurrenten in Asien und Indien herstellen, nicht nur die Lenzing-Gruppe allein. Sie setze nur, sagt Itter, „besonders strenge Nachhaltigkeitsstandards“.

    Der Rohstoff ist bei allen der gleiche: Holz. Das kann Buche, Eukalyptus, Pinie, Birke, Esche, Ahorn, vieles sein. Aus ihm wird – ähnlich wie für Papier – in einem chemischem Verfahren Cellulose gewonnen wird. Die so entstandene Pulpe, wie Experten es nennen, wird durch feine Düsen gepresst. „Das ist vergleichbar mit einem Duschkopf“, erklärt Itter, „heraus kommen die Fasern, die dann versponnen werden.“ Am Ende entstehe eine „stabilere und umweltfreundlichere Alternative zu Viskose“.

    Viskose – sie fällt mit glatter, leicht schimmernder Optik fließend und wird auch Rayon oder Kunstseide genannt – hat eine lange Tradition. 1892 wurde sie in England erfunden. Seither wird sie bereits aus Holz mit Hilfe von Chemikalien, Druck und Hitze gewonnen. Die reinen Chemiefasern, die auf Erdöl basieren, wurden erst später entwickelt. Dazu zählen Polyamid und das auch als Lycra bekannte Elastan, vor allem aber der mittlerweile häufigste Stoff für Kleidung, das Polyester. Diese Kunststoffe sind vergleichsweise günstig, stehen allerdings unter anderem deshalb in Verruf, weil sie bei der Wäsche Mikroplastik freisetzen, das die Meere verschmutzt.

    Die Viskose zählt zwar nicht zu diesen vollends synthetischen Stoffen, ist aber auch nicht einfach natürlich. „Für sie werden große Mengen ätzende Schwefelsäure und Natronlauge eingesetzt“, so Itter, „bei herkömmlichen Verfahren kann das Abwasser hohe Schadstoffkonzentrationen enthalten, weshalb es aufwendig gereinigt werden muss.“ Das gelte auch für das in Unterwäsche beliebte herkömmliche Modal, eine Weiterentwicklung von Viskose aus Buchenholz, oder für Viskose aus schnell wachsendem Bambus, die oft als antibakteriell angepriesen werde.

    Für Lyocell werde stattdessen immer ein organisches Lösungsmittel namens N-Methylmorpholin-N-oxid, kurz: NMMO, verwendet. Das könne sehr gut recycelt, also aufgefangen und wieder genutzt werden. So entstehe kaum Abwasser, sagt Itter. Die Lenzing-Gruppe habe dieses Verfahren für ihre Marke Tencel „weiter optimiert“, sie führe das Lösungsmittel zu fast 100 Prozent im Kreislauf. Zudem komme das Holz aus Wäldern, die nach den Standards FSC und PEFC kontrolliert nachhaltig wirtschafteten. Ecovero sei nochmal eine extra Sache, diese etwas billigeren Fasern würden nicht nach dem Lyocell-Verfahren produziert. Die Chemie sei eine andere, aber auch noch deutlich umweltfreundlicher als die für klassische Viskose.

    Bleibt diese Frage: Sind diese Stoffe aus Holz besser als Baumwolle oder andere Naturfasern in Ökoqualität? „Das kommt darauf an, wofür sie gedacht sind. Baumwolle hat tolle Eigenschaften, ist hautfreundlich, atmungsaktiv. Und wenn Sie beim Kauf zum Beispiel auf das Gots-Label achten, ist ein hoher Ökostandard garantiert. Aber den Glanz und den Fall von Viskose bekommen Sie schwierig hin.“

  • Anleger brauchen gute Nerven

    Auch ETF geraten in den Abwärtssog der US-Börsen. Auf lange Sicht sollte sich das Minus wieder ausgleichen.

    Warum geht es an den Börsen gerade steil auf- und wieder abwärts?

    Die großen Schwankungen an den Börsen haben mehrere Gründe. Da ist vor allem die Politik der US-Regierung unter Donald Trump zu nennen. Dessen wechselnde Ankündigungen, zum Beispiel zu Strafzöllen gegen andere Länder, verunsichern die Anleger. Denn Zölle können auch Auswirkungen auf amerikanische Unternehmen haben, weil sich ihre Produkte verteuern und damit schlechter verkaufen. Die Gewinnerwartungen und in der Folge auch die Börsenkurse gehen zurück. Ein weiterer Grund ist die sehr hohe Bewertung von Technologieunternehmen aus den USA. In unsicheren Zeiten nehmen Aktionäre dort lieber Gewinne mit. Das drückt die Kurse der Hightech-Konzerne. Auf dieser Seite des Atlantiks haben die Kurse dagegen zuletzt stark zugelegt. Internationale Investoren zieht es verstärkt auf den europäischen Finanzmarkt, auch weil die Aktien hier vergleichsweise moderat bewertet sind.

    Ist ein ETF auf den MSCI World noch die richtige Wahl?

    Finanzexperten empfehlen zur Vermögensbildung oder für die Altersvorsorge gerne Sparpläne auf ETF, also börsengehandelte Fonds, die den Weltaktienindex MSCI World nachbilden. Der Vorteil dieses Index ist die große Zahl von Unternehmen aus aller Welt, deren Kursentwicklung der Index widerspiegelt. Es sind 1600 Firmen aus 23 Ländern. So wird das Risiko von Verlusten durch einzelne erfolglose Unternehmen verringert. Der Nachteil des MSCI World ist der hohe Anteil an US-Firmen im Index. Geht es an der Wall Street bergab, verliert auch der Index. Dann sind auch ETF auf dieses Börsenbarometer stark von Kursverlusten betroffen. In den vergangenen drei Monaten sanken deren Kurse um rund fünf Prozent. Mit Blick auf den vergangenen fünf Jahre zeigt sich ein anderes Bild. Da konnte der MSCI World um 85 Prozent zulegen.

    Ist es jetzt besser, den Sparplan zu kündigen und den ETF zu verkaufen?

    Fonds sind vor allem etwas für langfristig orientierte Sparer. Zwischenzeitliche Kursstürze haben selbst in großen Krisen nur überschaubar lange für Verluste gesorgt. Wer länger als zehn Jahre sparen will, musste in der Vergangenheit in keiner Phase Miese hinnehmen. Dazu kommt bei Sparplänen ein weiterer Effekt. In Zeiten mit niedriger Börsenbewertung erhalten Sparer für ihre regelmäßige Einzahlung mehr Anteile an ihrem ETF als in Zeiten mit einer hohen Bewertung. Diese „billiger“ gekauften ETF steigen in guten Börsenzeiten dann prozentual stärker an als die „teuer“ erworbenen. Anders liegt der Fall, wenn Anleger zum Beispiel trotz des momentanen Börsenbebens hohe Gewinne mit ihrem ETF gemacht haben und das Geld bald benötigen. Ruhe bewahren gilt jedoch als guter Rat für jede Entscheidung, erst Recht bei den eigenen Finanzen.

    Wie geht es an den Börsen weiter?

    Solange die Unsicherheit über die wirtschaftliche und politische Entwicklung besteht, rechnen Experten auch mit schwankenden Börsenmärkten. Verlässliche Vorhersagen zur Kursentwicklung lassen sich daher nicht treffen. 

    Lohnt es sich vielleicht sogar, jetzt verstärkt einzusteigen?

    Niedrige Kurse sind in der Regel gute Gelegenheiten zum Kauf von Aktien oder Fonds. Nur ist es schwierig bis unmöglich den Zeitpunkt der Tiefststände zu erwischen. Für Sparer, die schon länger mit dem Gedanken an einen ETF-Sparplan spielen, kann jetzt ein geeigneter Moment sein, ihn auch einzurichten.

    Welche Alternativen zu Investments in Aktien bieten sich jetzt an?

    Wer auf Nummer sicher gehen will, kann bei der Bank ein Tagesgeldkonto eröffnen. Allerdings wirft diese Anlage nur geringe Zinsen ab. Bei Festgeld ist etwas mehr drin. Dabei kommen Sparer jedoch an ihr Geld im vereinbarten Zeitraum nicht heran. Zinsportale im Internet vermitteln Festgeld – oder Tagesgeldangebote auch von Banken aus anderen Ländern. Sie bieten oft eine vergleichsweise attraktive Verzinsung. Allerdings raten Verbraucherschützer zur Vorsicht, wenn eine Offerte aus einem finanziell schwächeren Land kommt, in dem die Einlagensicherung im Falle einer Bankpleite womöglich nicht gewährleistet sein könnte. Eine weitere Alternative die ETF, die in Staatsanleihen finanziell stabiler Staaten investieren. Die zunehmende Verschuldung vieler Staaten könnte hier zu steigenden Renditen führen. 

  • Die Mitte trägt

    Finanzpaket für Sicherheit und Investitionen

    Es ist die einzig richtige Entscheidung. Die Einigung der Union, SPD und Grünen auf das gigantische Finanzpaket befreit Deutschland aus der doppelten Klemme – militärisch und wirtschaftlich. Es zeigt auch, dass die demokratische Mitte funktioniert, die die große Mehrheit der Bevölkerung repräsentiert.

    Quasi unbegrenzte Ausgaben stehen nun in den kommenden Jahren für die Bundeswehr, die durch Russland angegriffene Ukraine und den Schutz der hiesigen Zivilbevölkerung zur Verfügung. In zehn Jahren kann sich dieses Programm auf 1.000 Milliarden Euro oder mehr summieren. Hinzu kommen 500 Milliarden Euro für Investitionen in die Bahn und weitere öffentliche Infrastrukur, davon mindestens 100 Milliarden gezielt für Klimapolitik. Die Lockerung der Schuldenbremse für die Länder wird es diesen und den Kommunen ermöglichen, Schulen zu bauen und die ärtzliche Versorgung zu verbessern.

    Alle an der Verhandlung beteiligten Parteien haben etwas bekommen. Vielleicht kann man es so zuordnen: Die Union darf sich die Milliarden für die Bundeswehr anrechnen, die SPD das Geld für die Investitionen, die Grünen die Finanzen für Klimapolitik. Insgesamt wird Europa künftig sicherer sein vor der Aggressionspolitik der russischen Regierung. Und Deutschland kommt wirtschaftlich wieder auf den Wachstumspfad.

    Die gigantischen, aus Verschuldung stammenden Summen mögen vielen Leuten Angst machen. Die Furcht davor, dass die heute jungen Bürgerinnen und Bürger später die Schulden der Alten abtragen müssen, ist jedoch unbegründet. Außenpolitische Sicherheit und wirtschaftliches Wachstum, angekurbelt durch die großen Investitionen, werden dafür sorgen, dass die Zinsen für die zusätzlichen Schulden finanzierbar bleiben. Union, SPD und Grüne haben einen epochalen Kompromiss geschafft.

  • Die neue Käse-Formel

    Es sieht aus wie ein Frischkäse, schmeckt auch so, allein die Konsistenz mag etwas fester sein. Nur: Das Lebensmittel namens Frischhain kommt ohne Milch aus. „Tierfrei“ prangt weiß auf gelb auf seinem Deckel. Das Produkt – der 150-Gramm-Becher für 2,49 Euro – basiert auf dem Koji-Pilz. Der ist aus der japanischen Küche bekannt. Das Berliner Biotechnologieunternehmen Formo setzt auf ihn nun als Eiweißquelle für Käse, als erstes Unternehmen weltweit. Ist das die Zukunft: eine Lebensmittelwelt, in der Käse nicht mehr aus Milch ist?

    Knapp 24 Kilo Käse hat jeder Deutsche laut der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung allein im Jahr 2023 im Schnitt gegessen. Er ist beliebt – morgens auf dem Frühstücksbrot, mittags auf dem Kartoffelgratin, abends als Snack zum Wein. Es gab Zeiten da war Käse ohne Kuh verpönt – als Analogkäse. Das allerdings war ein billiges Käseimitat aus Wasser, Pflanzenfett, Milcheiweiß, mit dem Produzenten den klassischen Käse auf Tiefkühl-Pizzen, Cheeseburger, Käsestangen streckten. Damit habe die neue Generation von Käse „nichts mehr zu tun“, sagt Armin Valet. Der Lebensmittelexperte der Verbraucherzentrale Hamburg meint: „Den Kunden soll nicht einfach etwas untergejubelt werden, die Hersteller wollen eine echte Alternative zu Käse aus Milch bieten.“ Die Nachfrage nach Produkten, die nicht vom Tier kommen, wachse.

    Längst experimentieren Unternehmen darum mit Alternativen zu den tierischen Klassikern im Supermarktregal. So kommen Hafer-, Mandel-, Sojadrinks in den Kaffee, ähneln vegane Mortadella oder Veggieschnitzel mit Soja, Erbsen oder Weizen den Fleisch-Originalen im Geschmack schon sehr. Nur bei den Käse-Alternativen ist die Lebensmittelindustrie bisher nicht ganz so weit. Valet sagt: „In unseren Tests waren manche ganz okay, manche sogar ganz gut, andere aber doch noch sehr weit weg vom Käsegeschmack.“

    Im Kühlregal finden sich schon länger vegane Camenberts auf Mandelbasis, Scheibenkäse mit Kokosöl, Parmesanersatz aus Cashews. Davon unterscheiden sich nun die Koji-Pilz-Käsealternativen, erhältlich in den Sorten Natur, Kräuter, Tomate. Das Formo-Start-up, das sich 2019 gegründet und unter anderem der Kölner Einzelhandelskonzern Rewe investiert hat, betritt Neuland. Es verrührt nicht den Koji-Pilz, den Aspergillus oryzae, selbst zu Käse. Es nutzt ihn, um eine Mikro-Fermentation auszulösen – und aus dem Pilz Proteine zu gewinnen.

    Eigentlich ist die Fermentation ein uraltes Verfahren. Mikroorganismen – Bakterien, Hefen oder Schimmelpilze – helfen, aus einer Biomasse Alkohol, Gase, Säuren entstehen zu lassen: etwa beim Bier brauen, wenn die Hefe Zucker in Alkohol verwandelt. Oder beim Sauerkraut: Milchsäurebakterien fressen die Stärke und den Zucker im Kohl und verstoffwechseln ihn zu Milchsäure, die alles haltbar macht.

    Das Berliner Unternehmen hat diese Technik nun so weiter entwickelt, dass sie für die Käseherstellung taugt. Entstanden sei eine Art Bierbrauerei für Koji-Proteine, erklärt Christian Poppe von Formo: „Aber anstelle von Hopfen und Malz gönnen sich hier Koji-Stämme ein fröhliches Bad mit Mikronährstoffen und Zuckern. Sie produzieren auch keinen Alkohol, sondern Proteine für die Käse-Alternative.“

    Es ist ein Zwischenschritt. Langfristig will das Formo-Team für die Produktionen Koji-Pilze nutzen, die es gentechnisch so programmiert hat, dass sie wie eine Kuh das in der Milch enthaltene Protein Kasein produzieren. Die Experten sprechen dann nicht mehr von Mikro-, sondern von Präzisionsfermentation: Die Mikroorganismen bekommen einen genauen neuen Auftrag.

    Der Käse auf Basis von Proteinen aus der Präzisionsfermentation gilt in der EU allerdings als neuartiges Lebensmittel, ein Novel Food, das erst noch genehmigt werden muss. In den USA seien einige dieser neuartigen Milchprodukte hingegen schon auf dem Markt, etwa Eiscreme und Frischkäse, erklärt Ivo Rzegotta von der Denkfabrik Good Food Institute Europe (GFI), die die Entwicklung und Vermarktung von Milch- und Fleischalternativen voranbringen will. Die USA seien neben Israel führend bei der Technik – und gefragt.

    „In das in Israel ansässige Unternehmen Remilk hat zum Beispiel der deutsche Nahrungsmittlelhersteller Hochland aus dem Allgäu investiert“, sagt Rzegotta. Seit kurzem kooperiere der große deutsche Käseproduzent zudem mit dem belgisch-niederländischen Unternehmen Those Vegan Cowboys, das auch tierfreies Kasein entwickeln will.

    Bleibt die Frage: Ist der Koji-Käse gesund, der bereits in Supermärkten zu finden ist? „Zumindest ist er nicht so schlecht“, sagt Verbraucherschützer Valet. Anders als sonst bei Käse sei allerdings kein Calcium drin, dafür müsse man dann Linsen oder Bohnen, Nüsse oder Vollkorngetreide essen. Zugleich enthalte er noch mehr Fett als ein klassischer Frischkäse, darunter aus den Tropen weit heran transportierte Sheabutter, außerdem das umstrittene Verdickungsmittel Carrageen. Es gebe Hinweise, dass dieser aus Rotalgen gewonnene Stoff für den Darm nicht gut, zudem krebsfördernd sein könne, meint Valet: „Da gibt es Besseres.“

    Carrageen werde unter anderem von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA als sicher eingestuft werde, hält Formo-Mann Poppe entgegen. Es sorge für eine „cremige Texturstabilität“. Er sagt: „Unser Fokus liegt darauf, eine nachhaltige, ethische und genussvolle Käse-Alternative zu bieten.“

  • Bäckereien im Stress

    Toastbrot mögen die Deutschen derzeit besonders. Sein Anteil am verkauften Brot insgesamt liegt laut dem Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks bei gut 28 Prozent. Dahinter folgt das Mischbrot mit knapp 25 Prozent. Es schließen sich „Brote mit Körnern & Saaten“ an, dann Vollkorn- und Schwarzbrot. Die Brotliebe der Deutschen ist weltweit berühmt, 40,7 Kilogramm Brot und Backwaren kauft jeder Haushalt hierzulande pro Jahr.

    Nur: Wer backt ihnen das Brot für ihre Schnittchen, Stullen, Bütterken künftig noch? Immer mehr Bäckereien machen dicht.

    Zwar eröffnen in Großstädten zu hauf kleine Betriebe, sie heißen „Zeit für Brot“ oder „Keit Berlin“. Bei Letzterer kostet das 750-Gramm-Roggenbrot satte sieben Euro. Diese Läden sind hipp, zumindest am Wochenende stehen die Menschen dort an, bilden sich Schlangen bis auf die Straßen. Aber es ändert nichts am langjährigen Trend: Die Branche steckt in einem tiefgreifenden Strukturwandel, das traditionelle Bäckerhandwerk schwindet.

    Heute verdienen deutschlandweit noch 8.100 Betriebe ihr Geld mit Brot, Brötchen, auch Butterkuchen. Vor zehn Jahren waren es noch 12.000. Dabei mögen die Deutschen die Backwaren nach wie vor, sie geben sogar mehr Geld für sie aus. Der Umsatz der Branche insgesamt ist gestiegen, er lag 2023 bei 21,8 Milliarden Euro. Doch kommt das Brot häufiger von Großfilialisten wie Schäfers, Kamps oder Steinecke oder aus dem Supermarkt, in dem Abgepacktes liegt von Harry Brot oder Lieken Urkorn.

    Anders gesagt: Es profitieren vor allem große Unternehmen, oft mit vielen Filialen oder auch mehreren regionalen Bäckereiketten. Die Zahl der Beschäftigten hat derweil abgenommen, seit 2014 gingen rund 20.000 Arbeitsplätze verloren, noch sind es insgesamt 282.000. Darunter 81.000 Minijobber, deren monatlicher Verdienst im Jahr 2025 maximal 556 Euro betragen darf. Das zeigen Daten, die die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) zusammen mit der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler Stiftung im neuen Bäckerei-Monitor vorlegt.

    Experten von der Hamburger Unternehmensberatung wmp consult haben dafür Literatur und Statistiken gewälzt, Interviews geführt, bundesweit Beschäftigte online befragt, etwa nach ihrer Arbeitsbelastung. Das Ergebnis birgt nun auch ein Rezept, wie sich die Zukunft der Bäckereibranche sichern lässt.

    Bäckereien klagen seit langem zum Beispiel über hohe Kosten für Energie und Rohstoffe. Sie gäben aber vor allem auf, weil sie keine Nachfolger fänden, erklärt NGG-Voritzende Guido Zeitler. Es ist in der Branche wie in vielen anderen auch: Es fehlen Leute. „Man nimmt es als selbstverständlich, dass man morgens eine Scheibe Brot isst, sonntags Brötchen vom Bäcker holt“, meint Zeitler. Das sei es aber nicht. Die Arbeitsbedingungen sind hart und nicht für jeden etwas.

    Bäcker müssen früh raus, manche schon um 2.00 Uhr nachts in der Backstube stehen. Wenn der Supermarkt morgens noch geschlossen hat, werden frische Backwaren schon verkauft. 86 Prozent der für den Bäckereimonitor befragten Beschäftigten gaben an, sehr häufig oder zumindest oft unter Zeitdruck und Stress zu stehen, ebenso viele beklagten, es mangele an Personal. Überstunden waren für mehr als die Hälfte gang und gäbe. Doch denken nun erste Betriebe um.

    Manche Bäckereien versuchten, die Nachtarbeit in den Tag zu verschieben – zum Beispiel mit „Schockfrostung und Gärunterbrechung sowie Veränderungen der Teigführung“, erklärt er, „dadurch können die Teige schon tagsüber vorbereitet und geknetet werden, nachts wird dann nur noch gebacken.“

    Auch über neue Arbeitszeiten lasse sich nachdenken – und andere Öffnungszeiten. Warum nicht In Filialen, in denen mittags nur wenig Kundschaft sei, für eine „Siesta“ schließen? Solche Vorschläge kämen von Beschäftigten, erzählt Stracke. In der Industrie, in der die Löhne meist höher sind als in kleineren Bäckereien, belastet die Schichtarbeit. Da helfe es, wenn nach sechs Tagen Arbeit, drei freie Tage sicher seien. Zudem könne in „lebensphasenorientierten Arbeitszeiten“ gedacht werden. Soll heißen: Wer über sechzig Jahre ist, arbeitet zum Beispiel nicht bis spät abends. So soll das Bäckereiwesen wieder attraktiver werden – auch für Auszubildende.

    Deren Zahl ging über die vergangenen Jahre rapide zurück. 2024 haben sich dann allerdings wieder deutlich mehr für eine Ausbildung in der Branche entschlossen. Das habe mit neuen Arbeitszeitmodellen, besserer Vergütung zu tun, erklärt Stracke. Mittlerweile schauten die Bäckerbetriebe aber auch über die Grenzen Deutschland hinaus: „Rund ein Viertel der Auszubildenden hat einen Migrationshintergrund, vor zehn Jahren waren es weniger als 9 Prozent.“ Gesucht würden sie mittlerweile über Agenturen etwa in Nordafrika oder auf den Philippinen oder in Vietnam, also Ländern Südostasiens.

    „Bei den Arbeitgebern ist angekommen, dass sie attraktiver werden müssen, während und natürlich auch nach der Ausbildung“, sagt Gewerkschafter Zeitler. Aber lässt sich so der Trend zu wenigen Großbäckereien aufhalten oder müssen sich die Deutschen gar vom Abendbrot verabschieden? Zeitler: „Es wird eine Konzentration geben zu immer größeren Unternehmen.“ Aber es werde irgendwann eine Grenze erreicht, weil die Kunden nicht nur Toastbrot von Filialisten wollten. „Wir werden weiterhin gutes Brot und Brötchen genießen können.“

  • Krise im Orangenhain

    Orangensaftfans müssen derzeit in manchen Supermärkten nach dem Getränk suchen. Das Angebot ist zum Teil ausgedünnt. Und was in den Regalen steht ist recht teuer. Der Lieblingssaft der Deutschen steckt in der Krise. Das hat vor allem mit schlechtem Wetter in Brasilien zu tun, einer asiatischen Fruchtfliege und hohen Preisen. Doch die Chancen stehen gut, dass es besser wird.

    Insgesamt 6,8 Liter Orangensatz haben jeder und jede Deutsche im Schnitt 2023 getrunken, mit deutlichem Abstand vor Apfelsaft (5,1 Liter). Neuere Zahlen liegen noch nicht vor, aber der Verband der Fruchtsaft-Industrie schätzt, dass Apfelsaft 2024 erstmals Orangensaft in der Gunst der Bundesbürger überholt hat. Ein Grund: Orangensaft ist über die Jahre ziemlich teuer geworden, weil das Angebot schrumpft. Jetzt greifen Kunden lieber zu anderen, günstigeren Säften.

    Der meiste Orangensaft hierzulande kommt aus Brasilien – in der Regel als Konzentrat, das dann wieder mit Wasser verlängert wird. Das südamerikanische Land liefert etwa 80 Prozent der weltweit gehandelten Rohware. In den vergangenen Jahren belastete schlechtes und für die Region untypisches Wetter die Anbaugebiete. Der Klimawandel macht sich bemerkbar. Entsprechend schlecht fielen die Ernten aus. Weil andere Länder die Mengen, die Brasilien liefert, nicht ausgleichen konnten, stiegen die Preise.

    Dazu kommt noch, dass ein großer Lieferant der Welt, Florida, über die vergangenen Jahre praktisch aus dem Markt ausgeschieden ist. Zum einen beutelten Hurrikane viele Plantagen. Zum anderen ist da ein Bakterium, übertragen von einer Zitrusfliege, das die Orangen befällt und ungenießbar macht. Die Greening genannte Krankheit lässt sich nicht behandeln. Das Einzige, was hilft: Bäume fällen und verbrennen. Die Plantagen werden nicht wieder aufgeforstet. Die Amerikaner mussten Orangensaft deshalb vermehrt auf dem Weltmarkt kaufen. Auch das verknappt das Angebot.

    Im Prinzip kletterte der Preis für Orangensaftkonzentrat an der Börse in New York seit Januar 2021. Von rund 1,10 Dollar je Pfund stieg er bis auf 5,56 Dollar im November. Das machte sich auch in Deutschlands Supermarktregalen bemerkbar. „Für Kunden wurde es teurer“, sagt Klaus Heitlinger, Geschäftsführer des Verbands der Fruchtsaft-Industrie, schließlich mussten sie den Rohstoff teurer einkaufen. Manche Hersteller erhöhten einfach die Preise. Andere verringerten die Packungsgrößen. Statt einem Liter waren nur noch 0,7 Liter in der Flasche, bei ähnlichem Preis. Wieder andere verzichteten darauf, reinen Orangensaft zu verkaufen und wichen auf Orangennektar aus, der 25 bis 50 Prozent Frucht enthalten muss, mit Wasser verlängert und mit Zucker abgeschmeckt wird.

    Ersatz aus anderen Länder lässt sich in großen Mengen nicht so schnell beschaffen. Orangen wachsen gern in warmen und vor allem frostfreien Gegenden. Und es dauert, bis eine neue Plantage Früchte trägt. In Europa wachsen Orangen meist in Spanien, Portugal und Italien. Geliefert wird aus Spanien vor allem für den Frischemarkt, wie Heitlinger sagt. Das heißt: In deutsche Supermärkte kommen sie meist als ganze Frucht, sehr selten als Saft.

    Die letzte Ernte in Brasilien ist wieder schlecht ausgefallen. Zum einen wegen schlechten Wetters, zum anderen leiden inzwischen auch hier Plantagen am Greening. Im ersten Halbjahr des laufenden Erntejahres 24/25 führte Brasilien 19,7 Prozent weniger Konzentrat aus als ein Jahr zuvor, wie der brasilianische Ausfuhrverband CitrusBR kürzlich meldete. An der Börse fällt der Preis allerdings, obwohl er steigen doch müsste.

    „Weil die Preise so stark gestiegen sind, ist der Verbrauch zurückgegangen“, sagt Heitlinger. Die Kunden haben auf Orangensaft verzichtet, offenbar so sehr, dass selbst das geringere Angebot noch ausreicht, die geringe Nachfrage weltweit zu bedienen. Deshalb schätzt der Saftspezialist, dass „der Höhepunkt überwunden ist. Die Preise werden eher sinken.“

    Seit Ende Januar ist der Preis für Orangensaft am Terminmarkt denn auch kräftig eingebrochen. Kostete ein Pfund Konzentrat, das im Mai geliefert werden muss, vor knapp sechs Wochen noch rund 4,80 Dollar, waren es Ende Februar nur noch rund 2,90 Dollar. Zuletzt zog der Preis wieder etwas an. Experten erwarten allerdings, dass der Preis weiter fällt. Das deuten auch die Preise für Orangensaft zur Lieferung etwa Ende 2025 an. Bis das bei den Orangensaftfans in Deutschland ankommt, kann es etwas dauern.

    Die Preise werden üblicherweise zwischen Herstellern und Handel für ein Jahr festgelegt. Kurzfristig sehe ich noch keine Entspannung“, sagt Heitlinger. Mittelfristig aber schon. Nur wie viel billiger es wird, ist unklar. Denn neben dem Preis für den Rohstoff ist im deutschen Handel Marktmacht wichtig: die der Einkäufer, etwa großer Handelsketten wie Rewe, Lidl, Edeka und Aldi, auf der einen Seite, und die der Safthersteller wie Eckes Granini, Riha Wesergold oder Valensina auf der anderen.

  • Energiewende, günstiger gerechnet

    Angesichts der Diskussion über die Verteidigungsfähigkeit Europas ist ein anderes wesentliches Projekt der EU etwas aus den Augen geraten: der Kampf gegen den Klimawandel. Auch hier sind riesige Summen nötig, um das Ziel zu erreichen, 2050 klimaneutral zu sein. Das trifft auch viele Verbraucher und Unternehmen. Die Energiepreise steigen vielerorts. Aber muss das so sein? Geht es günstiger? Und vor allem bezahlbar?

    Theoretisch scheint das möglich zu sein. Der Energieversorger Eon hat jetzt durchgerechnet, wie sich die Ausgaben für die Energiewende ändern, wenn zunächst dort investiert wird, wo mit dem Geld besonders viel zu erreichen ist. Insgesamt müssen in der EU bis 2050 jährlich geschätzt zwischen einer und fast 1,4 Billionen Euro in Kraftwerke, Speicher, Elektrolyseure, Netze und anderes gesteckt werden. Zumindest, wenn alle Ziele der EU umgesetzt werden. Das Eon-Team um Chefvolkswirt Derk Swinder kommt zu dem Schluss, dass das auch mit insgesamt rund 1,466 Billionen Euro weniger möglich ist.

    „Was sich jetzt rechnet, sollten wir priorisieren“, sagt Swinder. Alles andere wird dann verschoben. Besonders günstig lässt sich der CO2-Ausstoß senken, wenn mehr E-Autos auf die Straßen kommen, Wärmepumpen herkömmliche fossile Heizungen ersetzen und Industriewärme elektrifiziert wird. Deshalb schlagen die Eon-Experten vor, zunächst überwiegend auf Strom zu setzen. Allerdings nicht bei allem. Ein besonders großer Kostenblock, der aber kurzfristig recht wenig CO2-Verringerung bringt, ist Wasserstoff, der mit erneuerbarem Strom erzeugt wird.

    Der Strombedarf wäre 2030 im Eon-Szenario ohne Elektrolyseure im Vergleich zur Prognose der EU um 75 Prozent niedriger, es müssten Anlagen mit 17 Prozent weniger Leistung gebaut werden, was 17 Prozent weniger Investitionen erforderte. Wasserstoff erst später auszubauen, als bisher vorgesehen, hält Swinder für unproblematisch. Grüner Wasserstoff sei heute so teuer, dass die Industrie ihn nicht in dem Umfang nachfrage, wie gedacht. „Man kann da mehr Geld reinstecken, man kann das Konzept aber auch an die Realität anpassen“, sagt der Eon-Chefvolkswirt. Was der Konzern aus seiner Sicht in seiner Studie getan hat. Überhaupt wünschen sich die Autoren, mehr auf den Markt zu vertrauen und weniger auf planerische Vorgaben.

    Deutschland setzt auf grünen Wasserstoff für die Industrie. Der Um- und Neubau von Pipelines soll insgesamt 18,9 Milliarden Euro kosten. Das sogenannte Kernnetz soll 2032 in Betrieb gehen. Allerdings stocken viele Projekte, etwa Thyssen-Krupps Plan, ein Stahlwerk in Duisburg auf Wasserstoff umzustellen. Grundsätzlich hat die Branche das Problem, dass nur ins Netz investiert wird, wenn auch Kunden da sind. Die Industrie ordert aber erst grünen Wasserstoff, wenn sicher ist, dass auch geliefert werden kann.

    Ersetzt grüner Wasserstoff später das fossile Erdgas als geplant und auch in einem geringeren Maße, muss das CO2, das ausgestoßen wird, gespeichert werden. Swinder sagt, die CCS genannte Technologie (Carbon Capture and Storage, CO2 abscheiden und speichern) sei ein zentrales Element einer kosteneffizienten Energiewende. Auch 2050 wird sie benötigt, denn nicht alle Industrien lassen sich CO2-frei betreiben.

    CCS habe im Vergleich zu grünem Wasserstoff einen Kostenvorteil, sagt Swinder. Weil Planungs- und Entwicklungszeiten aber deutlich länger sind, sollten solche Speicher bereits jetzt angeschoben werden, damit sie in einigen Jahren auch zur Verfügung stünden. Projekte dazu gibt es zum Beispiel bereits in Dänemark und Norwegen. Beide Länder wollen CO2 gegen Gebühr in ehemaligen Öl- und Gaslagern vor der Küste speichern.

    Die Energiekosten aller EU-Haushalte sinken der Studie zufolge von 777 Milliarden Euro in 2023 auf 434 Milliarden Euro in 2050, weil die Verbraucher von günstigem Strom profitieren. Öl, Kohle und Gas spielen kaum noch eine Rolle. Insgesamt wird die EU unabhängig von Energierohstoffimporten.

    Die Studienautoren haben zahlreiche Annahmen getroffen, zur Inflation, der Zahl der Einwohner der EU, den Kosten von E-Autos, auch zu den Preisen für Kohle, Gas und CO2-Zertifikate oder zum Verbrauch. Die Studie zeigt nicht, dass sich das EU-Ziel tatsächlich mit geringeren Ausgaben erreichen lässt, sondern nur, dass es möglich wäre. „Auch wir wissen nicht, wie die Zukunft aussieht“, sagt Chefvolkswirt Swinder. „Das Ziel der Klimaneutralität 2050 muss bestehen bleiben. Auf dem Weg sollten wir immer wieder schauen, ob das, was wir tun, zum Bedarf passt.“ Die Studie betrachtet im Wesentlichen die EU als Ganzes, aussagen zu einzelnen Ländern wie Deutschland gibt es nicht. Eon versteht sie als Debattenbeitrag, um die richtige Strategie auf dem Weg zur Klimaneutralität zu wählen.

    Der Konzern mit Sitz in Essen betreibt Stromverteilnetze und verkauft Strom an Industrie- und Privatkunden. Das eigene Wasserstoffgeschäft hat Eon inzwischen zurückgefahren, weil sich die anfängliche Euphorie für grünen Wasserstoff bisher nicht in umfangreiches Geschäft gewandelt hat. Nennenswertes CCS-Geschäft hat das Unternehmen nicht.

  • Rüstung als gigantisches Konjunkturprogramm

    Plötzlich geht alles sehr schnell. Weil die USA die Verteidigung der westlichen Welt offenbar nur noch als sehr kostspieliges Geschäft betrachten, muss Europa sich selbst darum kümmern, gegen Angriffe gewappnet zu sein. An diesem Donnerstag treffen sich die Regierungschefs und die Spitze der EU. Es geht um mehrere hundert Milliarden Euro, die zusätzlich ausgegeben werden sollen. Das Geld ist nicht verschenkt: Neben mehr Sicherheit erwarten Experten zusätzliche Arbeitsplätze und einen Schub fürs Wirtschaftswachstum.

    Die Zahlen, mit denen gerade hantiert wird, sind gigantisch. Allein Deutschland will bis zu 400 Milliarden Euro zusätzlich in die Bundeswehr stecken. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen plant einen Fonds von 150 Milliarden Euro. Das Institut für Wirtschaftsforschung in Kiel (IfW) schätzt, dass Europa kurzfristig etwa 250 Milliarden Euro jährlich zusätzlich ausgeben müsste, um sich selbst ohne Amerikaner verteidigen zu können. Der Anteil der Rüstungsausgaben müsste von derzeit rund zwei auf etwa 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Eine Studie der Beratungsgesellschaft EY und der Dekabank kommt auf zusätzlich gut 390 Milliarden Euro in den kommenden sechs Jahren. Eingeschlossen sind jeweils auch Nicht-EU-Staaten wie Großbritannien und Norwegen, die Mitglieder des nordatlantischen Verteidigungspaktes Nato sind.

    Belastbar berechnen lässt sich wenig, eine solch einschneidende Situation ist noch nicht dagewesen. Was klar ist: Die geplanten Ausgaben sind ein gigantisches Konjunkturprogramm. In den 30 europäischen Nato-Staaten sollen in den kommenden sechs Jahren bereit 72 Milliarden Euro mehr ausgegeben werden. Das stimuliert weiteres Geschäft von 157 Milliarden Euro jährlich in der Industrie und bei Dienstleistungen, wie die Studie von EY und Dekabank ergab.

    „Die Verteidigungsinvestitionen der europäischen Nato-Länder fließen größtenteils in Unternehmen der europäischen Rüstungsindustrie und führen hier zu erhöhten Einkommens- und Wertschöpfungseffekten“, sagt Jan Friedrich Kallmorgen, Senior Partner bei EY-Parthenon. Es profitierten auch Metallindustrie, Handel, Transport und Logistik. Der positive Einfluss auf den Arbeitsmarkt sei enorm, sagt Matthias Damme aus dem Vorstand der Dekabank. Die Studie schätzt, dass insgesamt 680.000 Stellen gesichert werden.

    Kommen jährlich noch einmal 65 Milliarden Euro für Verteidigung hinzu, erwarten die Studienautoren zusätzliche wirtschaftliche Effekte von 113 Milliarden Euro sowie weitere 660.000 neue Arbeitsplätze. Deka-Vorstandsmitglied Danne spricht von wichtigen Impulsen, die um die schleppende Konjunktur besonders in Deutschland anzukurbeln.

    Die reinen Summen helfen aber nicht, wenn es nicht genug Fabriken gibt, die die nötigen Panzer, Geschütze und Munition herstellen. Das dauert. Europa braucht zudem auch rund 300.000 Soldaten zusätzlich, wie das IfW schätzt. Sie müssen jene ersetzen, mit denen die USA in Europa im Nato-Bündnisfall bisher geholfen hätten. Derzeit hat Europa einschließlich Großbritannien etwa 1,47 Millionen Soldaten unter Waffen. Zum einen ist neues Personal kurzfristig schwer zu beschaffen, zum anderen fehlten diese Personen im regulären Arbeitsmarkt. Weitere Nachteile: Die Amerikaner haben eine klare Befehlsstruktur, in Europa gibt es 29 Armeen. Und den Europäern fehlt die militärische US-Luft- und Raumfahrt.

    Das IfW sieht Vorteile, sollte Europa einheitlich einkaufen – nicht jedes Land müsste dann zum Beispiel Leopard-Panzer bestellen. Die Produktion dürfte bei großen Aufträgen effizienter werden, die Preise pro Stück deshalb sinken. Die Experten schlagen in einer weiteren Studie auch vor, die Ausschreibungen in Teilen zu ändern. Statt ein konkretes Produkt könnte eine Lösung für ein Problem gefordert werden. Das würde die Innovationskraft  – militärisch wie zivil – anregen. Langfristig würde die Produktivität in Europa steigen – und die schwächelt seit Jahren.

    Wie soll das alles finanziert werden? Das IfW hat sich historische Daten aus 150 Jahren angesehen. Danach finanzierten Länder Militärausgaben meist über Schulden. Die Experten empfehlen, mittelfristig Steuerschlupflöcher zu schließen, Subventionen zu streichen und die Sozialausgaben einzufrieren. Die Gesellschaft für wirtschaftliche Strukturforschung hat berechnet, dass der volkswirtschaftliche Wachstumseffekt am größten ist, wenn die Ausgaben über Schulden finanziert werden – danach ist auch das Plus bei Steuereinnahmen am höchsten.

    Staatliches Geld in militärische Forschung zu stecken, hat auch Vorteile für das Zivilleben. Vieles, was heute als selbstverständlich gilt, ging aus geheimer Rüstungsforschung hervor. So finanziert die USA seit 1958 die Behörde Darpa, die Techniken entwickeln soll, die keine Armee sonst hat. Die Grundzüge des Internets entstanden dort. Auch ein großer Teil der Raumfahrt mit Erdbeobachtungs- und Kommunikationssatelliten verdankt sich dem Wunsch des Militärs, aus dem All genauer hinsehen und -hören zu wollen. GPS, der satellitengestützte Ortungsdienst war ursprünglich ein Programm des US-Verteidigungsministeriums. Und die heutige Raketentechnologie geht auf deutsche Forschung im Zweiten Weltkrieg zurück, die noch zerstörerische Bomben entwickeln sollte. Ähnlich ist es mit der Atomenergie – erst kam die Bombe, dann das Kraftwerk.

  • Von großen Gewinnen und kleinen Verlusten

    Was ist eine Aktie? Und wie funktioniert die Börse? Einige Grundbegriffe der Geldanlage.

    Aktie: Eine Aktie bescheinigt, dass einem ein Stückchen eines Unternehmens gehört. Wie viel, gibt der sogenannte Nennwert der Aktie an. Früher waren sie auf Papier gedruckt, zeigten etwa die Zentrale des Unternehmens und einen Wert, zum Beispiel 1000 Mark. Inzwischen sind Aktien digital. Der Nennwert beträgt meist ein Euro. Die Nennwerte aller Aktien zusammen ergeben das Grundkapital des Unternehmens.

    Nicht jede Firma kann Aktien ausgeben, sie muss eine bestimmte Rechtsform haben: Aktiengesellschaft (AG), europäische Aktiengesellschaft (SE) oder Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA). Wer eine Aktie besitzt, wird am Gewinn des Unternehmens über die Dividende beteiligt und kann mitentscheiden, etwa über Personal an der Spitze und wichtige Strategien des Unternehmens. Aktiengesellschaften können, müssen aber nicht an eine Börse gehen.

    Anleihe: Wenn Unternehmen und Staaten Geld benötigen, können sie bei Banken einen Kredit aufnehmen oder sich Geld über eine Anleihe beschaffen. In beiden Fällen erhalten Unternehmen oder Staat Geld, müssen dafür Zinsen aufbringen und nach einer bestimmten Zeit die geliehene Summe zurückzahlen. Im Fall der Anleihe ist der Gesamtbetrag gestückelt, zum Beispiel eine Million Euro in tausend 1000-Euro-Anteile. Und diese können, anders als der Kredit, an der Börse gehandelt werden. Wer immer das Papier gerade hält, bekommt die vereinbarten Zinsen – und zum Ablaufdatum die Rückzahlung.

    Börse: Eine Börse ist ein Marktplatz, auf dem Waren oder Wertpapieren unter Aufsicht gehandelt werden. Dabei müssen die Waren oder Wertpapiere nicht direkt vor Ort sein. Makler können die Besitzer vertreten. In der neueren Geschichte begann der Börsenhandel im belgischen Brügge im 13. Jahrhundert. Größte deutsche Börse ist die Frankfurt Börse, die 1585 gegründet wurde.

    Makler trafen sich noch bis 2011 im Börsensaal mit seinen markanten runden weißen Arbeitsplätzen, um Wertpapiere zu kaufen und zu verkaufen. Seither wird ausschließlich digital über Xetra gehandelt. Die Deutsche Börse als Betreiberin der Frankfurter Börse garantiert, dass die Geschäfte auch zustande kommen.

    Wichtige weitere Börsen sind die New York Stock Exchange (NYSE), die US-Technologiebörse Nasdaq und die London Stock Exchange (LSE). Auch wenn digital gehandelt wird, ist eine Börse nicht rund um die Uhr geöffnet. Xetra etwa ist von 9 bis 17.30 Uhr erreichbar.

    Börsengang: Entscheiden sich die Inhaber einer Aktiengesellschaft, an die Börse zu gehen, zum Beispiel in Frankfurt, geben sie einen Teil ihrer Aktien ab. Dieser erste Verkauf an der Börse heißt Börsengang. Das Geld für die Aktien geht an die Inhaber des Unternehmens. Danach kann jeder und jede die Aktie kaufen und verkaufen. Das Geld beim Kauf geht an den Verkäufer, nicht mehr an das Unternehmen. Die Eigentumsverhältnisse wechseln dann ständig. Die Zahl der Aktien bleibt gleich.

    Kurs: Ein Kurs ist der Preis zum Beispiel einer Aktie, der sich durch den Handel an der Börse ergibt. Der Kurs kann deutlich höher sein als der Nennwert auf der Aktie. Denn wer eine Aktie kauft, setzt oft darauf, das das Unternehmen in der Zukunft bessere Geschäfte macht. Käufer spekulieren zum einen auf mehr Gewinn und damit darauf, mehr Dividende je Aktie ausgezahlt zu bekommen, zum anderen darauf, dass mehr Menschen die Aktie kaufen wollen und so den Preis nach oben treiben.

    Index: Ein Index soll zeigen, wie sich verschiedene Wertpapiere entwickeln, die etwas gemeinsam haben. Der bekannteste deutsche Index ist der Dax, der die Kursentwicklung der 40 wertvollsten Firmen nachzeichnet, die an der Börse Frankfurt notiert sind. Den Index hat eine Tochter des Börsenbetreibers Deutsche Börse entwickelt. Indizes gibt es für Branchen wie Pharma oder Energie, für Waren wie Stahl oder Gold, für Immobilien oder Anleihen etwa vom Staat oder von Unternehmen.

    Fonds: Ein Fonds bündelt mehrere Wertpapiere unter bestimmten Gesichtspunkten: deutsche Aktien zum Beispiel, Energieaktien, europäische Staatsanleihen oder hohe Dividenden. Anteile an diesem Fonds lassen sich ebenfalls über die Börse kaufen und verkaufen. Die Idee eines Fonds ist meist, das Risiko zu verringern. Bei einer einzelnen Aktie kann der Kurs schnell steigen, aber eben auch fallen, wenn der Ausblick nicht so gut ist. Wer diese Aktie besitzt, kann schnell viel Geld verlieren. Bei einem Fonds mit 100 Aktien fällt der Verlust einer einzelnen Aktie wenig ins Gewicht. Zuwächse bei anderen gleichen das wieder aus.

    Banken und Investmenthäuser legen Fonds auf. Oft werden sie aktiv gemanagt, das bedeutet, es kümmern sich Spezialisten darum, welche Wertpapiere enthalten sind. So soll der Fonds besonders ertragreich werden. Seit Jahren setzen sich Fonds durch, die automatisch verwaltet werden.

    ETF: ETF (Exchange-traded Funds, börsengehandelte Fonds) sind Fonds, die automatisiert zusammengestellt sind und zum Beispiel einen Index wie den Dax abbilden. Anteile an diesem Fonds werden an der Börse gehandelt. Anleger müssen dann nicht Anteile an allen Dax-Unternehmen kaufen, sondern können für weniger Geld einen Dax-ETF erwerben, der genau wie der Dax steigt und fällt. Besonders bekannt ist der ETF auf den Index MSCI-World, der die wichtigsten Aktien der Industrieländer abbildet.

    Depot: Um Aktien, Anleihen, Fonds oder andere Wertpapiere an der Börse kaufen und verkaufen zu können, ist ein Depot bei einer Bank nötig. Früher wurden dort die Papiere gelagert, heute im digitalen Zeitalter ist auch das Depot digital. Viele klassische Banken und Sparkassen bieten sie an, auch zahlreiche Onlinebanken, die keine Filialen haben. Neben einem Depot, in dem die Wertpapiere lagern, ist noch ein Verrechnungskonto nötig, von dem Käufe bezahlt werden und auf das Erträge überwiesen werden.

    Je nach Geschäftsmodell nehmen Kreditinstitute Gebühren für das Depot und für Kauf und Verkauf von Wertpapieren. Das können pauschale Beträge oder prozentuale Anteile am Umsatz sein. So nimmt die Dekabank der Sparkassen 12.50 Euro Depotgebühr pro Jahr, wenn das Konto online geführt wird. Bei der ING ist es kostenlos. Die Deutsche Bank verlangt für das DB Privatdepot mindestens 19,99 Euro pro Jahr, das Online-Angebot von Maxblue ist kostenlos.

    Die Kosten richten sich unter anderem danach, wie hoch der Beratungsbedarf der Kunden ist. Bei einem Online-Konto handeln die Kunden in der Regel selbst. Bei anderen Konten bietet das Kreditinstitut meist besondere Beratung. Ein Preisvergleich lohnt sich auf jeden Fall.

    Wer sein Depot von einer Bank zur anderen übertragen möchte, kann das in der Regel problem- und kostenlos. Und sollte eine Bank Insolvenz anmelden, hat der Insolvenzverwalter kein Zugriff auf die Anlagen der Kunden. Sie gelten als Sondervermögen und werden an eine andere Bank übertragen.

  • Die Atmosphäre durchdringen

    Geradezu andächtig schauen alle auf. Vor ihnen steht eine sehr große Kiste, teilweise mit Spiegelfolie beklebt. An einigen Stellen ragen rote, faustgroße Elemente hervor, im Innern schimmern silberne Kabel. Und ganz oben, kurz vor der Decke der Halle, ist eine Art Trichter angebracht. Das ist er also, der Satellit, der bald die europäische Wettervorhersage revolutionieren wird. Ein Multimilliardenprojekt, 17 Jahre Entwicklungszeit, technologisch weltweit ganz vorn.

    Viele hier haben das Original bisher nicht gesehen, selbst wenn sie sich seit Jahren damit beschäftigen. Jetzt stehen sie in blauen Kitteln und mit Haarnetz im Reinraum Galileo, Format Turnhalle, beim Bremer Satellitenbauer OHB. Trocken ist es und kühl. Von der Lüftung, die kleinste Staubteilchen filtert, ist kaum etwas zu spüren. Dafür Begeisterung und etwas Erleichterung, dass der Satellit wirklich fertig ist. MTG-S also, Meteosat Third Generation, Wettersatellit der dritten Generation. Das S steht für Sounder, eine Art Infrarotsonar, dass die Atmosphäre in Schichten abbilden soll – neuartig und aufwändig.

    „Der Unterschied zur zweiten Generation ist etwa der zwischen einem Röhrenfernseher und einem großen Full-HD-Flachbildschirm“, sagt James Champion, bei der europäischen Raumfahrtbehörde Esa zuständig für das MTG-Projekt. Nur, dass das Bild des Sounders dreidimensional ist. Er kann 1700 verschiedene Infrarotfrequenzen erkennen und scannt alle 30 Minuten die komplette Atmosphäre über Europa und Afrika. Das Gerät liefert 50 Mal so viele Daten wie die Wettersatelliten der Vorgängergeneration, die nur auf die Atmosphäre schauen konnten, sie aber nicht durchdringen.

    Damit ließe sich das Wetter genauer vorhersagen, sagt Cristian Bank, Direktor bei Eumetsat, einer Weltraumbehörde in Darmstadt, die den Satelliten betreiben wird. Und: „Wir können Extremwetterereignisse früher entdecken.“ Wichtig, müssten Gebiete wegen heftigen Regens und Überschwemmungen evakuiert werden. 30 Minuten mehr Zeit können entscheidend sein. Auch Dürre und Feuer lassen sich besser vorhersagen, ebenso soll es Informationen über die Meeresoberfläche oder gar zu unsichtbaren Turbulenzen in der Luft geben.

    Es gehe zum einen darum, Gefahren zu vermeiden, zum anderen, Leben und Arbeiten zu verbessern, etwa, wenn Landwirte ernten können, bevor ein Unwetter komme, sagt Bank. Hilfe bringen sollen bessere Wetterdaten auch bei Transport oder Tourismus. Eine Studie im Auftrag von Eumetsat errechnete Vorteile im Wert von 60 Milliarden Euro jährlich in den 27 EU-Ländern durch die neuen Wettersatelliten.

    Denn MTG-S ist einer von dreien, die künftig genaue Daten liefern sollen. Die beiden anderen (MTG-I, I für Imager) fotografieren die Atmosphäre. Das gesamte Projekt kostet rund sechs Milliarden Euro, 1,4 Milliarden Euro trägt die Esa, den Rest Eumetsat. Zumindest ist das die Kostenschätzung von 2022. Eingeschlossen sind insgesamt sechs Satelliten, zwei MTG-S und vier MTG-I. Die Daten werden kostenlos bereit gestellt. Vor allem die Wetterdienste nutzen sie.

    Die Experten stehen immer noch vor dem Satelliten. „Ein Land allein kann das nicht“, sagt Champion. Thales Alenia aus Frankreich bekam den Generalauftrag für alle MTG. Die Plattform der Satelliten, im Prinzip die Standardkiste, in die alles eingebaut wird, stammt von OHB, das auch den Sounder verantwortet. Thales Alenia kümmert sich um die Imager. Am MTG-S war neben einem Konsortium aus mehr als 80 Firmen weitere 200 bis 300 Zulieferer aus 17 EU-Ländern und Kanada beteiligt. Zeitweise arbeiteten mehr als 2000 Beschäftigte an dem Projekt.

    So komplex wie die Struktur der beteiligten Firmen ist die Technologie im Innern. Ein Spiegel etwa ist ein halbes Jahr lang poliert worden, um wirklich sauber und präzise zu sein. „Wer aus 36.000 Kilometern Höhe auf die Erde schaut, hat nur einen sehr kleinen Ausschnitt“, sagt Esas MTG-Projektleiter Champion. Da muss alles passen. Derart weit oben, im sogenannten geostationären Orbit, bewegt sich der Satellit so schnell, wie sich die Erde dreht, er scheint deshalb immer über einem Punkt zu stehen. Für MTG-S ist das dort, wo sich Äquator und Nullmeridian schneiden, etwa 400 Kilometer südlich von Accra, der Hauptstadt von Ghana.

    Noch steht der Satellit kopfüber in der OHB-Halle. Das Haupttriebwerk ist auf einem Montagegestell befestigt, der Trichter, der auf die Erde schauen soll, zeigt nach oben. Die kleinen roten Elemente sind Minitriebwerke zum Steuern. Mit seinen 5,70 Metern Länge, 2,50 Metern Breite und 2,80 Metern Tiefe sticht MTG-S einen Mercedes Kastenwagen aus. Schwerer ist der Satellit mit 3,8 Tonnen ohnehin – vollgetankt. Ebenfalls an Bord: Sentinel-4. Das Instrument, gebaut von Airbus am Bodensee, misst Luftverschmutzung in Europa.

    In den kommenden Wochen setzen die OHB-Experten noch die beiden Solarpanels und die Antenne an, mit der sich der Satellit in den Weiten des Alls mit der Zentrale in Darmstadt verbinden wird. Dann wird MTG-S flach gelegt und im Versandcontainer verstaut. Mitte April geht es von Bremen aus per Spezialschiff nach Florida. Im US-Weltraumbahnhof Cape Canaveral wird der Satellit dann für den Start mit einer Falcon-9-Rakete des US-Unternehmens Space X vorbereitet. Abheben soll das „Juwel der europäischen Raumfahrtingenieurkunst“, wie Esa-Direktorin Simonetta Cheli MTG-S nannte, Anfang Juli.

  • Billard im Weltraum

    In den Weiten des Alls lauern zahlreiche Gefahren für die Erde – vom kleinen Gesteinsbrocken bis zum mehrere Kilometer messenden Asteroiden. Nach Weihnachten entdeckten Astronomen 2024 YR4, der unseren Planeten auf seiner Flugbahn treffen könnte. Die Raumfahrtagenturen der USA, Nasa, und Europas, Esa, arbeiten daran, das zu verhindern und die Asteroiden rechtzeitig abzulenken, eine Art Billard im Weltraum. Deutsche Unternehmen sind maßgeblich daran beteiligt.

    „Wir kennen heute etwa 35.000 sogenannte Near Earth Objects“, sagt Rolf Janovsky, Leiter der Vorentwicklung beim Satellitenbauer OHB in Bremen. Von ihnen könnten etwa 1600 auf der Erde einschlagen, weil ihre Bahn um die Sonne die der Erde kreuzt. „Je nach Umlaufbahn treffen diese Asteroiden die Erde mit Geschwindigkeiten von zehn bis 70 Kilometern pro Sekunde. Bei großen Objekten besteht dann das Risiko von Schäden.“

    Die Bandbreite ist groß. Vor 65 Millionen Jahren starben vermutlich die Dinosaurier aus, weil ein Asteroid mit einem Durchmesser von etwa zehn Kilometern auf der Erde eingeschlagen war und eine globale Katastrophe auslöste. Vor etwa 14,6 Millionen Jahren traf ein Meteorit das Gebiet des heutigen Deutschlands, es entstand das Nördlinger Ries. Und 2013 trat im russischen Tscheljabinsk ein Objekt mit etwa 20 Metern Durchmesser in die Erdatmosphäre ein und explodierte in 30 Kilometern Höhe. Die Druckwelle beschädigte tausende Gebäude, etwa 1500 Menschen wurden verletzt.

    Am 27. Dezember 2024 entdeckte das Atlas-Teleskop in Chile 2024 YR4. Seither versuchen Experten die genaue Flugbahn herauszufinden und zu berechnen, wie wahrscheinlich es ist, dass er die Erde trifft. Zunächst waren es etwa drei Prozent, wie OHB-Experte Janovsky sagt. Inzwischen gehe die Nasa von 0,3, die Esa von weniger als 0,2 Prozent aus. „Ernsthaft Sorgen machen müssen wir uns ab einer Wahrscheinlichkeit von zwei Prozent“, erklärt Rüdiger Schönfeld, Vorstandsmitglied von OHB Systems.

    Himmelskörper unter 50 Metern Durchmesser verglühten in Regel in der Erdatmosphäre, sagt Richard Moissl, Leiter des Leiter des Planetenverteidigungsbüros der Esa, zwischen 50 und 100 Metern Größe seien größere Gebiete gefährdet, zwischen 100 und 150 Metern sogar ganze Staaten, nicht so sehr wegen des Einschlags als vielmehr wegen der Druck- und Hitzewelle.

    2024 YR4 hat vermutlich etwa 40 bis 90 Meter Durchmesser. Ein solches Objekt könnte bei einem Einschlag zum Beispiel eine Stadt von der Größe Hamburgs oder Münchens zerstören. „Wir gehen davon aus, dass das Äquivalent von sieben Millionen Tonnen TNT freigesetzt würde“, sagt OHB-Experte Janovsky. „Das entspräche in etwa dem Fünfhundertfachen der Hiroshima-Bombe.“

    Um solche Schäden zu verhindern, arbeiten Nasa und Esa bereits seit Jahren daran, Asteroiden im All abzulenken. Ende September 2022 hat die Raumsonde Dart der Amerikaner in 195 Millionen Kilometern Entfernung den Asteroiden Dimorphos (rund 160 Meter Durchmesser) gerammt und aus seiner Bahn geworfen. Ein schwieriges Unterfangen, vergleichbar damit, von Berlin aus im neuseeländischen Auckland einen Stecknadelkopf mit einem größeren Staubkorn zu beschießen.

    Dass die Mission, wie Raumfahrtprojekte heißen, erfolgreich war, ließ sich von der Erde aus messen. „Wir wissen, dass die Ablenkung von Dimorphos durch Dart viel größer war, als alle Experten erwartet haben“, sagt Janovsky. Im Oktober schickte die Esa die Sonde Hera hinterher, um genau nachzusehen. Derzeit ist sie unterwegs. Anfang Dezember 2026 soll sie ankommen.

    Entwickelt und gebaut hat Hera OHB als Generalunternehmer. Beteiligt waren zahlreiche Firmen aus Deutschland und anderen europäischen Staaten. Die Sonde im Format eines VW Golf kostete einschließlich Start 363 Millionen Euro. Derzeit arbeiten die Bremer federführend am Esa-Projekt Ramses. Diese Mission soll Apophis anfliegen. Der Asteroid hat etwa 370 Meter Durchmesser, kommt auf das Format eines Kreuzfahrtschiffes.

    Er sollte nach die Erde nach ersten Berechnungen treffen, passiert sie aber am 13. April 2029 nur, vermutlich in rund 32.000 Kilometern Entfernung. Geostationäre Wettersatelliten sind etwa 36.000 Kilometer von der Erde entfernt. Ramses muss im April 2028 starten, um Apophis rechtzeitig zu erreichen. Allerdings fehlt noch die Freigabe der Esa-Ministerkonferenz, in der alle beteiligten Länder über Projekte und deren Finanzierung befinden. Sie tagt im November in Bremen.

    Experten können sich auch einen Flug zu 2024 YR4 vorstellen. Auch wenn es sehr knapp werden könnte. „Eine Mission mit günstigen Startbedingungen für eine Sonde müsste etwa im Mai 2028 starten und würde 2024 YR4 Ende 2028 erreichen können“, sagt OHB-Vorentwicklungschef Janovsky. Er schätzt, dass sogar zwei Missionen nötig sind. Die erste flöge am Asteroiden vorbei, um ihn genauer zu untersuchen. „Erst danach würde man gegebenenfalls über eine Ablenkungsmission entscheiden.“ Zuständig für solche Entscheidungen sind die Vereinten Nationen, schließlich ist die gesamte Erde bedroht.

    Beide Missionen müssten allerdings weitgehend parallel vorbereitet werden. 2024 YR4 würde nach heutigem Stand 2032 auf die Erde zurasen. Aber: „Wenn die Einschlagwahrscheinlichkeit so gering bleibt“, sagt Janovsky, „wäre das Risiko so gering, dass wohl keine Mission stattfinden würde.“ Vorbereitet wären sie bei OHB aber.

  • Der Schokohase wird teurer

    Für Schokofans wird 2025 kein gutes Jahr. Tafeln, Riegel und Hasen werden wahrscheinlich teurer. Die Preise für den Rohstoff Kakao, ohne den die großen Hersteller nicht auskommen, sind hoch wie nie und steigen nach Ansicht von Experten weiter. Das Klima in den wichtigsten Anbauregionen hat sich in den vergangenen Jahren verändert, die Zahl der Missernten nimmt zu. Entsprechend knapp ist das Angebot.

    Von Anfang Januar 2024 bis Januar 2025 stieg der durchschnittliche Preis einer Tonne Kakao nach Zahlen der International Cocoa Organization (ICCO) um rund 141 Prozent. Seit Januar 2023 hat er sich mehr als vervierfacht. Zuletzt notierte er knapp über 10.000 Dollar je Tonne. Eingerechnet sind die Preise an den großen Terminbörsen in New York und London, an denen der Rohstoff gehandelt wird. Dort lässt sich auch ein Blick in die Zukunft wagen, weil zu sehen ist, was Kakao, der Ende 2025 oder Anfang 2026 geliefert wird heute kostet. 8000 bis 9000 Dollar pro Tonne deuten nicht auf sehr stark sinkende Preise hin.

    Die Hersteller reagierten. Ritter Sport aus Baden-Württemberg hob die Preise bereits im vergangenen Jahr an, ebenso Lindt & Spruengli. Die Schweizer kündigten zudem ein weiteres Plus in diesem Jahr an. Im Januar hat offenbar auch der US-Lebensmittelriese Mondelez nachgezogen. Die 100-Gramm-Tafel der bekannten Marke Milka kostete in vielen Supermärkten mit 1,99 Euro ein gutes Drittel mehr, wie das Preisvergleichsportal Smhaggle ermittelte. Insgesamt verteuerten sich Schokoladen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im vergangenen Jahr um 10,6 Prozent.

    Und es könnte so weitergehen. Zwei Drittel der Kaufleute in Deutschland erwarten, dass die Preise steigen, wie eine Umfrage der Lebensmittelzeitung ergab. 47 Prozent schätzen, dass die Preise gleich bleiben, der Inhalt aber schrumpft. Die Schokotafel hätte dann zum Beispiel nur noch 90 statt 100 Gramm. An anderen Zutaten lässt sich vielleicht auch noch sparen, andererseits ist der Spielraum bei Schokolade mit hohem Kakaoanteil gering.

    Dem Kakao macht vor allem das Wetter zu schaffen. Der Baum wächst nur in Gebieten rund um den Äquator und ist sehr empfindlich. Ist es zu nass, kann die Frucht verschimmeln, fehlt Wasser, vertrocknet sie leicht. Wegen des Klimawandels schwankt das Wetter in den Tropen stärker als bisher. In den vergangenen fünf Jahren hat das La Niña genannte Wetterphänomen vor allem Regen nach Westafrika gebracht, was die Elfenbeinküste traf, mit rund 41 Prozent Weltmarktanteil der größte Kakaolieferant vor Ghana mit 13 Prozent. Die Folge: Missernten.

    Selbst Marktmacht hilft angesichts des fehlenden Angebots wenig. Barry Callebaut, nach eigenen Angaben größter Schokoproduzent der Welt, gab die höheren Einkaufspreise für Kakao einfach an die Kunden weiter. Das Schweizer Unternehmen fertigt vor allem für Lebensmittelindustrie und Konditoreien.

    Dass auch gute Planung nicht nützt, zeigt das Beispiel Ritter Sport. Das Unternehmen aus Baden-Württemberg wertete Wetterdaten aus 50 Jahren aus, bevor es 2013 eine Brache in Nicaragua kaufte, um dort eine nachhaltige Plantage anzulegen. Hurricanes hatte es in dem halben Jahrhundert nicht gegeben. Jetzt gibt es sie und sie entlauben die Bäume. Statt 20 bis 25 Prozent des im  Unternehmen benötigten Kakaos zu liefern, schafft die Plantage erst einmal nur fünf Prozent – wegen der Wetterextreme, wie ein Unternehmenssprecher sagt.

    Ritter Sport bezieht seinen Kakao, wenn er nicht aus der eigenen Plantage kommt, aus Nicaragua, Westafrika und Peru, kauft direkt bei den Erzeugerkooperativen ein. „Dank jahrzehntelanger Partnerschaften bekommen wir noch genug Kakao, trotz der Verknappung am Markt“, sagt der Sprecher. Der besondere Bezugsweg mache das Unternehmen robuster. Allerdings müsse auch Ritter Sport Marktpreise bezahlen. Üblicherweise setzen sie sich aus dem Preis an der Börse und Zuschlägen zusammen. Etwa für höhere Qualität, Zertifizierung (zum Beispiel Fairtrade) und Nachhaltigkeitsprogramme bei den Bauern.

    Das Wetter ist auch der Hauptgrund, warum Experten nicht erwarten, dass sich die Lage bei Kakao bessert. Hinzu kommen noch andere Gründe, die nicht direkt etwas mit den Pflanzen zu tun haben. Üblicherweise würden Landwirte versuchen, die Anbaumethoden zu verbessern, ausgeklügelter zu bewässern, neue Sorten anzubauen, um auf das schlechtere Wetter zu reagieren. Das alles kostet Geld, das viele nicht haben. Denn Kakao bauen vor allem Kleinbauern an.

    Sie könnten den Anbau auch ganz lassen, die Bäume fällen und zum Beispiel Soja im jährlichen Wechsel mit anderen Getreiden anbauen. Das könnte mehr und gleichmäßigeres Einkommen als Kakao bringen. Und wer neu anfängt, wird trotz hoher Preise überlegen, ob es sich lohnt. Ein Baum braucht fünf bis sechs Jahre, bis er trägt.

    Für die Finanzexperten beim Nachrichtendienst Bloomberg ist Kakao jedenfalls eine interessante Anlage mit steigenden Preisen – wie auch Gummi, Kaffee und Palmöl, alles Produkte, die in den Tropen wachsen. Und so könnte Spekulation die Preise zusätzlich treiben. Alles keine guten Aussichten für Schokofans. Um die acht Kilogramm Schokolade essen die Deutschen pro Kopf jedes Jahr, wie Marktanalyse der Statistiker von Statista ergeben hat. Tendenz zuletzt leicht steigend. In Europa gönnen sich dem europäischen Schokoladen- und Keksverband Caobisco zufolge nur Schweizer und Dänen mehr.

  • Bürokratie nimmt auch mal ab

    Bestimmte Verwaltungskosten für Unternehmen sind gesunken, andere aber gestiegen. Das Joch der Bürokratie ist ein großes Thema im Wahlkampf. Vorschläge zur Entlastung liegen auf dem Tisch.

    Erstaunliche Nachricht: Die Belastung der Unternehmen mit Bürokratie-Kosten hat in den vergangenen Jahren abgenommen – nicht zugenommen, wie ständig zu hören ist. Die Daten, die diese Entwicklung belegen, stammen vom Statistischen Bundesamt. Dessen Bürokratiekosten-Index liegt heute bei 97 Prozent des Wertes von 2012.

    Dieser Befund steht in gewissem Gegensatz zur öffentlichen Debatte. Im Wahlkampf überbieten sich die großen Parteien mit Forderungen, wie sie Bürgerinnen, Bürger und Firmen vom drückenden Joch der Paragrafen zu befreien gedenken. „Wir starten den Bürokratie-Rückbau“, verspricht die CDU in ihrem Sofort-Programm. Selbst Grünen-Kandidat Robert Habeck will Gesetze „wegbolzen“. Das soll gut sein, Verwaltung dagegen schlecht.

    Aber die Wirklichkeit ist etwas komplizierter, als ein schneller Blick auf den Index des Statischen Bundesamtes (Destatis) zu zeigen scheint. Denn der Index ist inflationsbereinigt. Das heißt: Die Kosten der Firmen wären heute etwas niedriger, wenn man die Preise von 2012 zugrundelegt. Die realen Ausgaben für staatlich verursachten Verwaltungsaufwand dagegen, die Firmenchefinnen und Konzernvorstände jetzt in ihren Bilanzen sehen, sind gewachsen. Betrugen sie 2012 ungefähr 45 Milliarden Euro pro Jahr, schlagen sie laut Destatis nun mit 67 Milliarden Euro zu Buche.

    Außerdem stellt die seit 2012 leicht fallende Kurve – damals wurde die Überprüfung eingeführt – nur die Auswirkungen des Papierkrams dar, den Bundesregelungen und europäische Gesetze hervorrufen. Dazu gehören „das Stellen von Anträgen, Durchführen von Meldungen, Kennzeichnungen, Meldungen zu Statistiken oder die Erbringung von Nachweisen“. Dies ist aber nicht alles. Hinzu kommen die Kosten, die Unternehmen entstehen, wenn sie umsetzen, was die Bundesregierung wünscht, beispielsweise Investitionen tätigen und umweltfreundliche Maschinen anschaffen.

    Diesen sogenannten Erfüllungsaufwand beziffert nicht Destatis, sondern eine zweite Behörde, der Nationale Normenkontrollrat (NKR) – selbst die Berechnung der finanziellen Folgen von Bürokratie führt zu ihrer Vergrößerung. „Für die Wirtschaft ist der jährliche Erfüllungsaufwand seit 2011 um 7,3 Milliarden Euro gestiegen“, sagt NKR-Vorsitzender Lutz Goebel. Zu diesen jedes Jahr wiederkehrenden Kosten werden noch einmalige Aufwendungen addiert, sodass die zusätzliche Belastung der Firmen 2024 rund 14 Milliarden Euro im Vergleich zu 2011 ausmachte.

    Beide Größen zusammen, Bürokratiekosten plus Erfüllungswand, geben einen gewissen Eindruck, wo die Gesamtbelastung liegen könnte – wobei die Zahlen wegen unterschiedlicher Berechnungsmethoden nicht richtig kompatibel sind. Aber die rund 80 Milliarden Euro wären ungefähr zwei Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung – nicht gerade wenig. Das Münchener ifo-Institut für Wirtschaftsforschung kommt mit einer anderen Berechnungsart sogar auf 146 Milliarden Euro jährlich, was etwa 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachte.

    Auch wegen der unklaren Zahlenbasis dreht sich die öffentliche Diskussion oft um gefühlte Werte, die eher der jeweiligen politischen Haltung entspringen. Wobei in den vergangenen Jahren tatsächlich neue gesetzliche Regulierungen hinzukamen, die zusätzlichen Verwaltungsaufwand in der Wirtschaft auslösten. Gerade in Zeiten, da sich die ökonomische Lage verschlechtert, kann das zu Unmut führen.

    Beispielsweise zwei neue Regelungen waren laut Destatis und NKR in den vergangenen Jahren dafür verantwortlich, dass Unternehmen mehr Verwaltungsaufwand zu bewältigen haben. Laut der EU-Richtlinie zur Berichterstattung über Nachhaltigkeit sollen Firmen nicht nur über ihre Finanzzahlen, sondern auch über die Folgen ihrer Geschäftspolitik für Umwelt und Menschenrechte berichten. Und national war das Gebäudeenergiegesetz von großer Bedeutung: Auf Privathaushalte und Betriebe kommen zahlreiche Vorschriften zu, die den Ersatz fossil betriebener Heizungen durch klimaschonende Techniken regeln. Den zusätzlichen Erfüllungsaufwand für die Wirtschaft bezifferte der Normenkontrollrat in seinem Jahresbericht für 2023 mit 3,6 Milliarden Euro.

    Um so etwas zu verhindern, existieren verschiedene Varianten. Die Regierung könnte auf weitere Gesetze verzichten, die das Leben oft komplizierter machen. Nachteil: Auf neue Probleme, neue Bedürfnisse der Bürger und ihre Wünsche nach Rechtssicherheit würde die Politik dann nicht reagieren. Meist eine gute Idee ist die Digitalisierung. Wenn der Reisepass bei der Stadt online beantragt werden kann, spart das Aufwand für alle. Auch bürokratische Verfahren aufzuräumen, kann helfen. So hat der NKR gerade vorgeschlagen, die Ausstellung von Pkw-Führerscheinen beim Kraftfahrtbundesamt zu bündeln. Und schließlich kommen allmählich sogenannte Praxischecks in Mode. Zusammen mit Betroffenen, Praktikern und Experten entrümpelte das Bundeswirtschaftsministerium gezielt Vorschriften, um den Bau von Solaranlagen zu beschleunigen.

    In diesem Sinne hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kürzlich versprochen, den „Verwaltungsaufwand für Unternehmen um mindestens 25 Prozent zu senken“. Sie meint auch die umstrittene Berichterstattungsrichtlinie. Man darf gespannt sein, ob die Berichte nur vereinfacht oder quasi abgeschafft werden, wodurch Kapitalinvestoren Informationen fehlten, die sie zum Investieren brauchen.

  • Besser gekleidet

    Ist es nur eine neue Masche? Der Kauf einer Sporthose, eines Kleides, einer Boxershorts ist kompliziert geworden. Früher erschien die Wahl, was man trägt, einfach. Die Schuhe waren zumeist aus Leder, der Pullover am liebsten aus Wolle, die Jogginghose oft aus Polyester.

    Heutzutage zum Beispiel im Angebot: das „Ecovero-Holz-T-Shirt für den Mann“, das „Nachthemd in „Premium Cotton TENCEL™ Qualität“, die Lauftights aus „Lyocell“. Beworben werden die kompliziert benannten Stoffe als die bessere, ökologischere Alternative zu herkömmlicher Baumwolle oder Polyester und anderen Chemiefasern. Nur: Was ist da dran, steckt wirklich drin?

    Wer die verwirrende Vielfalt auf den Etiketten sortieren will, landet schnell bei Benjamin Itter. Itter beobachtet, was sich bei innovativen Textilien tut – und welche Haken es dabei gibt. Es ist sein Job. Vor zwanzig Jahren hat er mit zwei Kollegen in Berlin Kreuzberg das Unternehmen Lebenskleidung gegründet. Seither handelt er mit Recyclingstoffen und ökologischen Naturfasern, verkauft sie an Öko-Modedesigner und kleinere Fair-Fashion-Modelabel. Er ist darum auf den großen Messen für Mode und Textilen in München, Berlin, London unterwegs und auf der Suche nach grünerem Stoff.

    Der Markt ist, das wird im Gespräch mit Itter sofort klar, weniger vielfältig als die Kleideretiketten vermuten lassen. „Hinter Tencel und Ecovero steckt ein und dieselbe Firma – die Lenzing-Gruppe aus Österreich.“ Darüber hinaus gebe es von ihr auch noch einen Spezialstoff für Arbeits- und Schutzbekleidung mit dem Namen Lenzing.

    Die Lenzing-Gruppe – rund 2,5 Milliarden Euro Umsatz in 2023, 7900 Mitarbeitende – hat Werke in Österreich, Groß-Britannien, Tschechien, auch in Brasilien, den USA, China sowie in Indonesien und Thailand. Sie hat die Stoffe entwickelt, ihnen die Namen gegeben und sie dann als Marke schützen lassen.

    Auf dem Schild eines Kleides, einer Hose und anderer Textilien kann aber auch dieser Name stehen: Lyocell. Das ist ähnlich wie bei Tempo und Taschentüchern oder Gore-Tex und wasserdichten Membranen: Tencel ist der Markenname, Lyocell die allgemeine Bezeichnung für die Faser. Diese können auch Konkurrenten in Asien und Indien herstellen, nicht nur die Lenzing-Gruppe allein. Sie setze nur, sagt Itter, „besonders strenge Nachhaltigkeitsstandards“.

    Der Rohstoff ist bei allen der gleiche: Holz. Das kann Buche, Eukalyptus, Pinie, Birke, Esche, Ahorn, vieles sein. Aus ihm wird – ähnlich wie für Papier – in einem chemischem Verfahren Cellulose gewonnen wird. Die so entstandene Pulpe, wie Experten es nennen, wird durch feine Düsen gepresst. „Das ist vergleichbar mit einem Duschkopf“, erklärt Itter, „heraus kommen die Fasern, die dann versponnen werden.“ Am Ende entstehe eine „stabilere und umweltfreundlichere Alternative zu Viskose“.

    Viskose – sie fällt mit glatter, leicht schimmernder Optik fließend und wird auch Rayon oder Kunstseide genannt – hat eine lange Tradition. 1892 wurde sie in England erfunden. Seither wird sie bereits aus Holz mit Hilfe von Chemikalien, Druck und Hitze gewonnen. Die reinen Chemiefasern, die auf Erdöl basieren, wurden erst später entwickelt. Dazu zählen Polyamid und das auch als Lycra bekannte Elastan, vor allem aber der mittlerweile häufigste Stoff für Kleidung, das Polyester. Diese Kunststoffe sind vergleichsweise günstig, stehen allerdings unter anderem deshalb in Verruf, weil sie bei der Wäsche Mikroplastik freisetzen, das die Meere verschmutzt.

    Die Viskose zählt zwar nicht zu diesen vollends synthetischen Stoffen, ist aber auch nicht einfach natürlich. „Für sie werden große Mengen ätzende Schwefelsäure und Natronlauge eingesetzt“, so Itter, „bei herkömmlichen Verfahren kann das Abwasser hohe Schadstoffkonzentrationen enthalten, weshalb es aufwendig gereinigt werden muss.“ Das gelte auch für das in Unterwäsche beliebte herkömmliche Modal, eine Weiterentwicklung von Viskose aus Buchenholz, oder für Viskose aus schnell wachsendem Bambus, die oft als antibakteriell angepriesen werde.

    Für Lyocell werde stattdessen immer ein organisches Lösungsmittel namens N-Methylmorpholin-N-oxid, kurz: NMMO, verwendet. Das könne sehr gut recycelt, also aufgefangen und wieder genutzt werden. So entstehe kaum Abwasser, sagt Itter. Die Lenzing-Gruppe habe dieses Verfahren für ihre Marke Tencel „weiter optimiert“, sie führe das Lösungsmittel zu fast 100 Prozent im Kreislauf. Zudem komme das Holz aus Wäldern, die nach den Standards FSC und PEFC kontrolliert nachhaltig wirtschafteten. Ecovero sei nochmal eine extra Sache, diese etwas billigeren Fasern würden nicht nach dem Lyocell-Verfahren produziert. Die Chemie sei eine andere, aber auch noch deutlich umweltfreundlicher als die für klassische Viskose.

    Bleibt diese Frage: Sind diese Stoffe aus Holz besser als Baumwolle oder andere Naturfasern in Ökoqualität? „Das kommt darauf an, wofür sie gedacht sind. Baumwolle hat tolle Eigenschaften, ist hautfreundlich, atmungsaktiv. Und wenn Sie beim Kauf zum Beispiel auf das Gots-Label achten, ist ein hoher Ökostandard garantiert. Aber den Glanz und den Fall von Viskose bekommen Sie schwierig hin.“

    Kasten: Viel Stoff
    Nicht nur Kleider aus Bäumen werden angeboten. Es gibt auch Ananasleder, recycelte Wolle oder recyceltes Polyester. Es reicht aber nicht für die vielen Textilien, die hergestellt werden.
    In Zahlen: Wurden 2022 weltweit 116 Millionen Tonnen Fasern für Bekleidung, Heimtextilien, Schuhe und anderes produziert, waren es im Jahr drauf sogar 124 Millionen Tonnen – 7 Prozent mehr. Das zeigt der „Materials Market Report 2024“ der Non-Profit-Organisation Textile Exchange. Polyester machte 57 Prozent aus.
    Tipp von Indra Enterlein vom Umweltverband NABU: „Am besten ist es, Kleidung lange zu tragen.“