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  • Verschwörungen sind kaum nachweisbar

    Die Urteile der Rating-Agenturen bleiben rätselhaft

    Verschwörungen sind naturgemäß geheime Veranstaltungen und schwer nachweisbar, wenn keiner der Beteiligten auspackt. Wenn davon gesprochen wird, bleibt es in der Regel bei Vermutungen oder Unterstellungen. So verhält es sich auch mit der wachsenden Kritik an den amerikanisch dominierten Rating-Agenturen. Immer häufiger wird der Verdacht geäußert, deren strenge Bewertung der Kreditfähigkeit europäischer Staaten und ihr vergleichsweise nachsichtiger Umgang mit den Finanzzentren USA und Großbritannien habe tiefere Gründe.

    Zu den Anhängern dieser Theorie gehört der Chefanalyst der Bremer Landesbank, Volker Hellmeyer, mit Blick auf die Benotungspraxis der Agentur Standard & Poors (S&P). Erst stuften die Bonitätsexperten Frankreich versehentlich herab, gerade als mit dem Regierungswechsel in Italien Hoffnung auf eine Beruhigung der Euro-Krise aufkam. Die Meldung wurde zwar schnell zurückgezogen, doch die Unsicherheit blieb. Jetzt setzt die Bewertungsfirma die Kreditwürdigkeit von gleich neun Staaten in Europa herab. „Wer dahinter Zufälligkeit erkennen will“, lästert Hellmeyer, „dem sei das überlassen.“ Eine „politische Agenda“ hält der Devisenexperte für wahrscheinlicher.

    Tatsächlich sind die Maßstäbe der Rating-Agenturen schwer nachzuvollziehen. Der Blick auf die Staatsverschuldung erklärt die Urteile jedenfalls nicht. Die Gesamtverschuldung der Euroländer lag im vergangenen Jahr bei durchschnittlich 85 Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP). Italien ist mit 120 Prozent zwar deutlich schlechter dran. Doch auch die USA mit etwa 100 Prozent oder Großbritannien mit 90 Prozent sind keine Musterknaben. Von Japan ganz zu schweigen. Das Land steht mit 230 Prozent seiner Wirtschaftsleistung in der Kreide. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Neuverschuldung. Hier stehen die Euroländer deutlich besser da als der angloamerikanische Raum. 2011 nahmen die Euro-Staaten durchschnittlich 4,2 Prozent des BIP an neuen Krediten auf. Die Amerikaner kamen auf fast zehn Prozent, die Briten auf 8,5 Prozent. Doch beim Rating genießen die Briten weiterhin die Bestnote. Die USA liegen trotz ihres riesigen Schuldenberges gleichauf mit Frankreich, das mit einer Verschuldung von rund 82 Prozent und einem Defizit von sieben Prozent besser aussieht.

    Dazu kommen noch die erheblichen Reformbemühungen der Krisenländer in Europa. In Italien oder Griechenland, in Irland, Portugal oder Spanien werden harte Sparprogramme eingeleitet und Strukturreformen vorbereitet. Dagegen verharren die USA in einer Wahlkampfstarre, bei der sich Republikaner und Demokraten gegenseitig blockieren. In Bezug auf die Fähigkeit, ihre Schulden auch zu begleichen, haben sowohl die Amerikaner als auch die Briten allerdings einen gewaltigen Vorteil. Im schlimmsten Fall können ihre Notenbanken Geld drucken und damit die Kredite tilgen.

    Womöglich haben die Bewertungsfirmen andere Ziele im Sinn. Die Eigentümerstruktur der Branchenriesen Moodys, S&P sowie Fitch, die in New York sitzen, lässt gewisse Eigeninteressen erahnen. Die beiden ersten gehören mehrheitlich großen US-Investoren, die ein Interesse am Dollar als Leitwährung haben, weil sie vor allem davon viel besitzen. Dem Milliardär Warren Buffet gehört zum Beispiel ein großer Teil von Moodys. Dabei sind auch Fondsgesellschaften wie Fidelity und große amerikanische Banken. Bei Fitch liegt der Fall anders. Die Agentur wird vom französischen Konzern Fimalac kontrolliert. Nach der Herabstufung Frankreichs durch S&P beeilte sich Fitch mitzuteilen, dass sie keineswegs um die Bonität der Franzosen fürchten. Nachweisen lassen sich Zusammenhänge zwischen den Besitzverhältnissen und den Urteilen natürlich nicht.

    Skepsis gegenüber der Objektivität der Bonitätseinstufungen hat sich auch in der Politik längst breit gemacht. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble zeigt sich von den Herabstufungen unbeeindruckt. „Wir sollten uns nicht zu sehr verrückt machen lassen“, warnt der oberste Kassenwart. Wirtschaftsminister Philipp Rösler spricht von einer Attacke der Agenturen auf den Euro. Außenminister Guido Westerwelle plädiert für die Gründung einer unabhängigen europäischen Bewertungsfirma nach dem Vorbild der Stiftung Warentest. So soll mehr Wettbewerb auf diesem von drei Unternehmen dominierten Markt entstehen. Unausgesprochen bleibt, dass damit auch ein Gegengewicht zu einer Interessenpolitik der US-Agenturen geschaffen werden könnte.

  • Die Ratingagentur hat Recht

    Kommentar zur Rating-Herabstufung von Hannes Koch

    Als Bürger und Steuerzahler ist man entsetzt: Wieso kann ein kleines Privatunternehmen aus dem fernen New York über die Lebensverhältnisse von mehreren hundert Millionen Menschen entscheiden? Die Macht, die Ratingagenturen wie Standard & Poor´s inzwischen ausüben, ist Ausdruck eines obszönen Missverhältnisses: Das globale Kapital spielt mit souveränen Staaten Katz und Maus.

    Dass die Ratingagentur Standard & Poor´s am Freitag Abend die Bonitätsnoten Frankreichs, Österreichs und weiterer Euro-Staaten senkte, wird Folgen haben. Die Regierungen müssen Investoren höhere Zinsen bieten, wenn sie Staatsanleihen verkaufen. Damit fließt künftig noch mehr Steuergeld in Richtung Banken und Investoren.

    Obwohl Deutschland der Herabstufung einstweilen entgangen ist, läuft nun auch hierzulande wieder die bislang folgenlose Debatte darüber, ob und wie man den Einfluss der Agenturen beschneiden könnte. Dabei gerät aus dem Blick, dass die Ökonomen von Standard & Poor´s vielleicht zu mächtig, aber keine Ignoranten sind. Ihre Begründung für die Herabstufung der Bonität enthält ernstzunehmende Argumente, warum es den europäischen Regierungen bislang nicht gelungen ist, die Schuldenkrise einzudämmen.

    So warnt die Agentur vor einer Abwärtsspirale: Im Bemühen, die Schulden zu verringern, würden Kanzlerin Merkel und ihre Kollegen ausschließlich auf Sparen setzen und dadurch den Wirtschaftsabschwung verschärfen. Außerdem habe die Euro-Zone bislang keine ausreichenden Summen zur Verfügung gestellt, um die Zahlungsunfähigkeit eines großen Landes wie Italiens auszuschließen. Deswegen halte das Misstrauen der Investoren an, die Krise gehe weiter.

    Beides ist nicht von der Hand zu weisen. Sparen alleine reicht nicht. Die Euro-Zone braucht ein Investitionsprogramm, das nicht aus zusätzlichen Schulden finanziert wird, wohl aber eine Wachstumsperspektive eröffnet. Und einiges spricht dafür, dass erst Ruhe eintritt, wenn die Investoren der Europäische Zentralbank glauben, dass diese im Notfall auch mit sehr großen Summen für schwankende Staaten eintritt. Indem die Ratingagentur auf diese Punkte hinweist, hat sie wohl Recht – leider.

  • Armut ist ein Markt

    Kommentar zu Discounter-Jobs von Hannes Koch

    Es ist beschämend. Lidl beispielsweise bietet jetzt Herrenhemden und Baby-Kuscheljacken für 4,99 Euro an. Wie kommen solche Preise zustande? Indem junge Frauen und Männer, einige kaum erwachsen, an sieben Tagen pro Woche jeweils 15 Stunden schuften. Zeit mit den Kindern und Freunden haben sie kaum, denn schlafen müssen sie ja auch. Urlaub gibt es nicht, ebensowenig frische Luft und genießbares Essen in der Fabrik. Und am Ende des Monats haben die Näher und Näherinnen umgerechnet 40 Euro verdient – viel zu wenig, um damit ihre Familie über die Runden zu bringen.

    So sehen die Arbeitsbedingungen in vielen Firmen aus, die in Bangladesch, Kambodscha oder Indonesien für den Weltmarkt produzieren – auch im Auftrag deutscher Handelsketten wie Lidl, KiK oder Aldi. Natürlich gibt es Ausnahmen, nicht in jedem Zulieferbetrieb sind die Arbeitsbedingungen miserabel. Aber allzu oft lautet das Prinzip: Die Arbeiter verdienen fast nichts – deshalb kosten die Produkte fast nichts.

    Eigentlich ist die Welt schon weiter. Derartige Zustände sind rechtswidrig. Durch die Konventionen und Regeln der Internationalen Arbeitsorganisation sind sie global untersagt. Doch warum existieren sie trotzdem? Dafür gibt es viele Gründe. In reichen Ländern wie Deutschland leben Millionen Menschen, die auf billige Produkte wie 4,99-Euro-Hemden angewiesen sind. Auch Armut ist ein Markt. Zudem können oder wollen schwache Länder wie Bangladesch das Weltrecht gegen mächtige Privatinteressen nicht durchsetzen. Aber auch die Regierungen funktionierender Staaten wie Deutschland leisten ihren Beitrag: Nicht nur Wirtschaftsminister Philipp Rösler und Arbeitsministerin Ursula von der Leyen schauen zu, wenn große Unternehmen die sozialen Menschenrechte mit Füßen treten.

    So geht es nicht weiter. Wir müssen das internationale Recht auch national anwenden. Was spricht dagegen, dass Bundestag und Bundesregierung den in diesem Land tätigen Unternehmen gesetzlich vorschreiben, die universellen Normen auch hierzulande anzuwenden? In letzter Konsequenz dürften die Discounter dann keine Waren verkaufen, die im Ausland unter Rechtsbruch produziert wurden. Hilfreich wäre das vielleicht auch für Deutschland selbst: Die Löhne müssten steigen, damit sich die ärmeren Bevölkerungsschichten die teureren Produkte leisten können. Sind die Abgeordneten und die Bundesregierung nicht bereit, über eine solche Strategie nachzudenken, leisten sie weiterhin Beihilfe zur Verletzung der sozialen Menschenrechte.

  • Nichts ist wie gewohnt

    Verbraucher können von den Problemen der Banken profitieren. Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten dazu.

    Warum leihen Investoren Deutschland Geld und zahlen sogar noch etwas drauf?

    Es kommt immer wieder einmal zu einer anscheinend absurden Situation. Die Käufer von Staatsanleihen, also Pensionsfonds, Versicherungen oder Banken, verzichten nicht nur auf Zinsen, sondern zahlen sogar noch etwas drauf. Das ist zuletzt an diesem Montag geschehen, als die Bundesfinanzagentur zur Auktion rief. Nach Beobachtung der Bremer Landesbank treibt die Suche nach sicheren Häfen für das Geld Investoren zu diesem Verhalten. Denn manche Unternehmen sind rechtlich gezwungen, die von ihnen eingesammelten Spargelder auch anzulegen. Wenn die Nachfrage nach Anleihen höher ist als das Angebot, sinkt zwangsläufig der Zins. In diesem Fall auf einen Wert unter Null.

    Was bedeutet dies für die öffentlichen Haushalte in Deutschland?

    Mit dieser Entwicklung wird Deutschland zu einem großen Profiteur der Finanzkrise. Denn die Kassenwarte in Bund und Ländern sparen durch die niedrigen Zinssätze bei einer Umschuldung Milliardensummen an Zinsen ein.

    Warum bieten die Banken privaten Sparern Spitzenzinsen, wenn sie selbst ihr Geld praktisch verschenken?

    Dieser Widerspruch erklärt sich aus den verschärften Regeln für die Banken. In einem halben Jahr muss die Branche eine deutlich höhere Eigenkapitalausstattung vorweisen. Spareinlagen können zum Teil auf das Eigenkapital angerechnet werden. Deshalb sammeln die Banken schon jetzt möglichst viel Geld bei ihren Kunden ein. Da viele Institute auf frisches Geld angewiesen sind, konkurrieren sie über die Zinsen um Kunden.

    Sollten Sparer die Angebote annehmen?

    Die Stiftung Warentest sieht in den Offerten, die bis zu vier Prozent auf das Tagesgeld bringen können, keine sonderlichen Risiken. „Die Refinanzierung über den Kleinsparer ist grundsätzlich ein seriöser Weg“, sagt deren Zinsexpertin Marion Weitemeier. Anleger sollten auf die Konditionen schauen, zum Beispiel auf den Zeitraum, über den der gute Zins zugesagt wird. In der Vergangenheit gab es hier immer wieder Lockvogelangebote.

    Können Sparer den Banken vertrauen und bekommen sie ihr Geld auch sicher zurück?

    Alle Banken, Sparkassen oder Genossenschaftsbanken, die in Deutschland als Bank zugelassen sind, unterliegen der gesetzlichen Einlagensicherung. Im Falle einer Pleite sind damit Guthaben von bis zu 100.000 Euro geschützt. Die meisten Institute sind zudem Mitglied eines weiter reichenden Rettungsschirms. Anleger sollten daher darauf achten, dass die von ihnen gewählte Bank der gesetzlichen Einlagensicherung angehört. Die Garantie gilt zum Beispiel für Festgeld, Tagesgeldkonten und Sparbriefe.

    Was machen die Banken mit den vielen Milliarden, die sie von der EZB billig bekommen?

    Das Angebot der Europäischen Zentralbank (EZB), für nur ein Prozent Zins so viel Geld auszuleihen wie gewünscht, haben die Banken gerne angenommen. Denn sie leihen sich untereinander nur noch ungern etwas. Es fehlt das Vertrauen, dass andere Banken Kredite womöglich nicht mehr zurückzahlen können. Mit den Darlehen der EZB haben die Banken genügend Mittel, um ihr Geschäft weiter zu betreiben. Außerdem sollten sie damit Staatsanleihen kaufen, damit die europäischen Länder alte Schulden durch neue ersetzen können. Das geschieht bisher nur in geringem Umfang. Experten gehen davon aus, dass die Banken aufgrund der geringen Kosten jede Menge Kapital für Notfälle horten.

    Warum parken sie das Geld gleich wieder bei der Zentralbank?

    Auch dieses Verhalten ist auf das fehlende Vertrauen der Finanzunternehmen untereinander zurückzuführen. Lieber überweisen die Institute ihre flüssigen Mittel für einen Minizins über Nacht an die EZB, als es zu besseren Konditionen an einen Konkurrenten zu verleihen, der plötzlich pleite sein kann.

  • Billiglöhne für Billighosen

    Arbeiterinnen für Lidl, KiK und Aldi in Bangladesch: Trotz horrender Überstunden oft nicht genug Lohn

    Die Discount-Kette KiK lässt derzeit viel Werbung in deutschen Kinos laufen. Zufriedene Mitarbeiterinnen in roten Hemden betonen, dass sie „wirklich gerne“ für den Billig-Textilhändler arbeiten. Solch positive Botschaften stehen im Kontrast zu den neuesten Recherche-Ergebnissen der Kampagne für Saubere Kleidung. Organisatorin Gisela Burckhardt wirft KiK, sowie Aldi und Lidl vor, internationales Arbeitsrecht systematisch zu missachten.

    Rechercheure der Kampagne haben in Bangladesch zehn Zulieferfabriken untersucht, in denen die deutschen Discount-Ketten Textilien nähen lassen. Oft müssten die Arbeiter dort zwischen 13 und 15 Stunden täglich arbeiten – sieben Tage pro Woche. Diese Arbeitszeiten und Überstunden sind weit mehr als die Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) erlauben. Dabei liegt der Stundenlohn im Cent-Bereich und reicht oft nicht, um eine Familie zu ernähren.

    Ende 2011 befragte das Untersuchungsteam 162 Arbeiter und Arbeiterinnen. Weniger als die Hälfte der Interviewten gab dabei an, überhaupt einen Arbeitsvertrag unterschrieben zu haben. Und nur ein kleiner Teil von ihnen hatte eine Kopie des Vertrages vom Unternehmen erhalten. Schon mit der Kenntnis der eigenen Rechte sieht es also schlecht aus, schlussfolgern die Kritiker.

    So würden die Regelungen der ILO in den Fabriken regelmäßig gebrochen. Eigentlich seien pro Woche nur 48 reguläre Arbeitsstunden plus zwölf Überstunden erlaubt. Dagegen liegen die tatsächlichen Arbeitszeiten in den Zulieferfabriken oft drastisch darüber. Vier von zehn Betrieben verlangen zu viele Überstunden. In manchen Firmen gaben die Näherinnen an, bis zu 25 Überstunden pro Woche leisten zu müssen. Auch in diesen Betrieben ordern die deutschen Discounter unter anderem Shorts, Jeans, Cordhosen und Arbeitsbekleidung.

    Teilweise werden die Arbeiterinnen zu den langen Arbeitszeiten gezwungen. Aber sie sind finanziell auch darauf angewiesen, weil die Löhne niedrig liegen. Nur mit Mühe erreichen die Beschäftigten umgerechnet 40 oder 50 Euro pro Monat. Von einem solchen Gehalt jedoch kann eine vierköpfige Familie nicht annähernd leben. Nötig wären 100 bis 200 Euro Monatsverdienst.

    „Die Discounter sollen Schritte unternehmen, um die Zahlung eines existenzsichernden in ihren Zulieferfabriken zu realisieren“, fordert Burckhardt deshalb. Augenblicklich allerdings geschehe eher das Gegenteil: Der Preisdruck auf die Lieferanten reduziere den Spielraum für Lohnerhöhungen. In deutschen Geschäften bieten die Handelsketten T-Shirts und Hosen aus Bangladesch oft für wenige Euro an.

    Weil diese Kritik seit Jahren anhält, haben Lidl und KiK inzwischen reagiert. Einige Zulieferfabriken bieten Schulungen für Mitarbeiter des Managements an, um die Sozialstandards und die Arbeitssicherheit zu erhöhen. Die Kampagne für Saubere Kleidung erkennt diese Maßnahmen an, fordert aber, dass sie keine Ausnahmen bleiben und auf die gesamte Zulieferkette ausgedehnt werden. Lidl-Sprecherin Petra Trabert erklärte, Verbesserungen seien „ein langfristiger Prozess“. Man werde sich weiter dafür engagieren. KiK und Aldi äußerten sich bis Redaktionsschluss nicht.

    Von der Bundesregierung verlangt Gisela Burckhardt Regelungen, um die deutschen Unternehmen zur Offenlegung der Arbeitsbedingungen im Ausland zu verpflichten. Außerdem sei es notwendig, ein Klagerecht für Arbeiter der Zulieferfabriken vor deutschen Gerichten einzuführen.

  • Tiere sollen weniger Antibiotika bekommen

    Gesetz soll Medikamentenverbrauch eindämmen / Stichprobe in Supermärkten zeigt häufige Belastung von Geflügel

    Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner will den Einsatz von Antibiotika in der Tierzucht eindämmen. Nur bei der Behandlung von Tierkrankheiten sollen Landwirte künftig gezielt Medikamente anwenden dürfen. Die Ministerin will nun per Gesetz einen strengeren Umgang mit den Arzneien durchsetzen. „Die Anwendung von Antibiotika soll auf ein Minimum beschränkt werden“, kündigt Aigner an.

    Der Gesetzentwurf sieht strengere Kontrollen der Zuchtbetriebe vor. Die dafür zuständigen Landesbehörden sollen einen erweiterten Zugriff auf die erfassten Abgabemengen an Arzneien erhalten. Die Tierärzte müssen den Ländern auf Anfrage alle Daten zur Anwendung von Antibiotika liefern. Zudem sollen Antibiotika, die für die Behandlung von Menschen verwendet werden, nur noch unter besonderen Voraussetzungen an Tiere verabreicht werden dürfen. Schließlich will die Bundesregierung mehr Transparenz schaffen und die Daten über in Deutschland verabreichte Tierarzneien ab Mitte diesen Jahres veröffentlichen. Anhand der Zahlen soll auch deutlich werden, in welchen Regionen die Landwirte besonders schnell zur Pillendose greifen.

    Bislang verabreichen Zuchtbetriebe nach Ansicht von Kritikern zu schnell zu viele Arzneien an Hühner oder Rinder. Die Massenanwendung hat gravierende Folgen für die Verbraucher. Ein Testkauf des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) in einer Reihe von Supermärkten in fünf Großstädten ergab, dass elf von 20 gekauften Fleischstücken mit Keimen belastet waren, die für den Menschen potenziell gefährlich sind.

    Fündig wurde der Verband bei der Suche nach dem ESBL-Keim, in zwei Proben fanden sich auch den MRSA-Keime. „Die Mengen waren erheblich“, sagt BUND-Agrarexpertin Reinhild Benning. Selbst wenn die Bakterien beim Kochen zerstört werden, können sie die Gesundheit gefährden. So haften sie beispielsweise auf den Schneidebrettern, auf denen das Fleisch zuvor zurecht gemacht wurde. Von dort aus können sie auf das nächste Lebensmittel übergehen, das auf der Unterlage bearbeitet wird.

    Die Keime entstehen durch den Masseneinsatz von Antibiotika in der Tierhaltung. ESBL steht für Extended Spectrum Beta-Lactamase, MRSA für Methicillin-resistente Staphylococcus aureus. Die Bakterien sind gegen Antibiotika resistent. Damit wird die Behandlung von menschlichen Krankheiten mittels Antibiotika erschwert oder sogar verhindert. Besonders gefährdet sind Kinder, Ältere oder Schwangere. Bei besonders anfälligen Verbrauchern kann die Keimbelastung zu schweren Krankheiten bis hin zum Tode führen. Laut BUND sterben in Deutschland jährlich rund 1.500 Menschen an den Folgen nicht mehr wirkender Arzneitherapien durch solche Resistenzen.

    Der Verband hat die die Proben in Berlin, Hamburg, Köln, Nürnberg und Stuttgart gekauft. Die Testkunden sammelten bei Edeka, Aldi, Metro, Lidl, Rewe, Netto und Penny Geflügelangebote ein. Im Einkaufskorb landeten Hähnchenschenkel, Brustfleisch, Flügel und Frikassehuhn der Hersteller Wiesenhof, Stolle, Sprehe und Rothkötter. Der BUND räumt ein, dass die Untersuchung nicht repräsentativ ist. Allerdings hatten zurückliegende Studien bereits eine hohe Keimbelastung des Fleisches oder einen großzügigen Einsatz von Antibiotika in der Aufzucht der Tiere gezeigt. In Nordrhein-Westfalen belegt eine Untersuchung die Verwendung der Medikamente bei 96 Prozent der Masthühnchen.

  • Wider den staatsfreundlichen Zeitgeist

    US-Politologe Ian Bremmer warnt vor dem neuen Staatskapitalismus

    Dieses Buch ist gegen den Zeitgeist geschrieben. Mit „Das Ende des freien Marktes“ hat der New Yorker Politologe und Politikberater Ian Bremmer eine 220-seitige Warnung vor zuviel Staat und der Beschränkung des freien Weltmarktes verfasst.

    Aufmerksamkeit ist ihm damit gewiss. Nach vier Jahren Finanzkrise denken ja viele Bürger das Gegenteil: Es sei an der Zeit, die Märkte, Banken und Investoren mal ordentlich zu regulieren. Aus dieser Haltung speist sich die Occupy-Bewegung. Sogar Kanzlerin Angela Merkel will den „Primat der Politik“ gegenüber der Wirtschaft wiedererrichten. Und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy sagte 2009: „Die herausragende Eigenschaft dieser Krise ist die Rückkehr des Staates, das Ende der Ideologie von seiner Ohmacht“.

    Dieses Zitat verwendet Bremmer, um sich dagegen abzugrenzen. Den Zeitgeist, der ihm gefährlich erscheint, versteht er nicht nur als westliches, sondern als globales Phänomen. Vor allem setzt er sich mit dem vermeintlichen Erstarken des Staatskapitalismus auseinander. Damit meint Bremmer den wachsenden Einfluss von Staatskonzernen aus Rohstoff- und Schwellenländern wie Russland, Saudi-Arabien, China oder Brasilien. Diese würden die politische Herrschaft autoritärer Regierungen verbreiten, den freien Handel einschränken und schließlich einem Protektionismus Vorschub leisten, dem auch manche westliche Regierung unter dem Druck ihrer Wählerschaft zuneige.

    Ian Bremmer, Jahrgang 1969, leitet die Eurasia Group, eine Beratungs- und Forschungseinrichtung mit Sitzen in New York, Washington und London. Das britische Wirtschaftsmagazin Economist sieht ihn als aufsteigenden Stern. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos dirigiert Bremmer eine Gruppe über geopolitische Risiken.

    Insgesamt müsse sich der Einfluss des Staates in engen Grenzen halten, argumentiert Bremmer mit argwöhnischem Blick auf Staaten wie China. Seine Argumentation sieht so aus: Staatliche oder halbstaatliche Unternehmen wie die chinesischen Öl-Konzerne CNPC und Sinopec strebten im Gegensatz zu westlichen Firmen nicht nur ökonomische Macht und lohnende Rendite an, sondern missbrauchten den Weltmarkt auch dafür, politische Ziele der Regierung in Peking durchzusetzen. Beim russischen Gaskonzern Gazprom und dem brasilianischen Unternehmen Petrobras sei das ähnlich – staatskapitalistische Firmen agierten zunehmend als einflussreiche Handlager ihrer jeweiligen Regierungen.

    Darin erkennt Bremmer mehrere Gefahren. Nicht nur könne politisches Wohlverhalten mit ökonomischen Mitteln erzwungen werden. Auch das wirtschaftliche Wachstum falle geringer aus, weil die Staatskapitalisten dazu tendierten, den Welthandel zu segmentieren und auf die Interessen ihrer Regierung hin zu kanalisieren. Das sei dem freien Austausch von Waren und Dienstleistungen abträglich und führe schließlich zu Wohlstandsverlusten für alle.

    Was ist von dieser Argumentation zu halten? Bremmer stützt seine These vom zunehmenden Einfluss der Staatskapitalisten unter anderem auf die Forbes-Liste, die die 2000 wichtigsten Unternehmen der Welt verzeichnet. Zwischen 2004 und 2008 seien über 100 Konzerne aus Schwellenländern neu auf dieser Liste aufgetaucht, während über 200 aus den alten Industrieländern in die zweite Liga abstiegen.

    So betrachtet verschiebt sich die Reichtumsverteilung in der Weltwirtschaft. Aber bedeutet das aus der Sicht Europas und der USA auch eine Gefahr? Gegen Bremmer ist es hier angebracht, den Ball flach zu halten. So stammen nur 16 der 100 wichtigsten Konzerne der Welt aus China, Russland, Mexiko, Saudi-Arabien und Brasilien. Die alte westliche Firmenelite mit JP MorganChase, General Electric, Exxon, Citigroup, AT&T, Allianz, VW und wie sie alle heißen, ist noch weitgehend unter sich.

    Was die Staatsfonds betrifft, sieht die Sache allerdings anders aus. In Finanzkonglomeraten wie der China Investment Corporation oder der Abu Dhabi Investment Authority sammeln die Rohstofflieferanten und neuen Exportnationen hunderte Milliarden Dollar, mit denen sie weltweit auf Einkaufstour gehen. Auf den ersten zehn Plätzen dieser Liga steht mit dem norwegischen Government Pension Fund gerade einmal ein Unternehmen der alten Industrieländer. Hier macht Bremmer einen Punkt. Infolge der in der vergangenen Dekade deutlich gestiegenen Rohstoffpreise verschieben sich die globalen Gewichte eindeutig. Während China & Co. Geld sammeln, sind Europa & Co. verschuldet.

    Muss man sich aber Sorgen machen, dass etwa Peking seine wachsende ökonomische Macht in politische Forderungen übersetzt? Dass derartige Ansprüche bestehen, bejaht Hanns Günther Hilpert von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Gegenüber Europa verlange Peking, als Marktwirtschaft anerkannt zu werden, Zugang zu europäischen Waffenexporten zu erhalten und mehr Stimmrechte beim Internationalen Währungsfonds zu bekommen. Und in Washington setze sich China dafür ein, beim Zugang seiner Waren zum US-Markt nicht behindert zu werden.

    Was aber kann der Gläubiger gegenüber dem Schuldner tatsächlich durchsetzen?“, fragt Hilpert bezüglich hunderter Milliarden Dollar, die China in US-Staatsanleihen investiert hat. Auch für Europa ist die Frage relevant, denn hier hofft man auf chinesische Finanzhilfe bei der Bewältigung der Schuldenkrise. Es bestehe „eine wechselseitige ökonomische Abhängigkeit“, antwortet Hilpert. Das heißt: Falls die chinesische Regierung und ihre Staatsfonds zur Durchsetzung politischer Ziele damit drohten, US-Staatsanleihen in großen Mengen zu verkaufen oder keine neuen zu erwerben, wäre das nicht sehr glaubwürdig. Schließlich müssen die chinesischen Investoren ihr Kapital irgendwo anlegen. Eine Alternative zu US-Dollar-Anleihen sei kaum in Sicht.

    Und wie steht es mit Bremmers Argument, die Staatskapitalisten würden Teile des Weltmarktes abschotten und so dem freien Welthandel schaden? Hilpert verweist auf eine Untersuchung der Washingtoner Forschungseinrichtung Peterson Institut for International Economics von 2010. Darin kamen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass sich chinesische Rohstoffkonzerne, die Lagerstätten in aller Welt ausbeuten, auch nicht viel anders verhalten als westliche Unternehmen wie BHP Billiton oder Rio Tinto.

    Entgegen oft geäußerten Meinungen würden die Chinesen gefördertes Öl und Erz nicht komplett zur eigenen Versorgung ins Heimatland verfrachten, sondern durchaus auf dem Weltmarkt anbieten. Der Grund: Auch chinesische Staatsunternehmen stünden unter Renditedruck und würden sich deshalb an marktwirtschaftliche Grundregeln halten. Hanns Günther Hilpert von der Stiftung Wissenschaft und Politik fasst zusammen: „Grundsätzlich besteht die Gefahr der Segmentierung des Weltmarktes und des Protektionismus, aber sie manifestiert sich gegenwärtig nicht.“ Bremmers Ansatz erscheint bedenkenswert, aber doch dem Interesse des Risikoforschers geschuldet, Risiken aufzudecken und an ihrer Analyse Geld zu verdienen.

    Bleibt die an die Adresse westlicher Regierungen ausgesprochene Warnung des Buchautors, in der Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise nicht selbst in den neuen Protektionismus eines vermeintlich starken Nationalstaates zu verfallen. An Gelegenheiten dafür besteht angesichts der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit vieler US-Unternehmen und der hohen Arbeitslosigkeit tatsächlich kein Mangel. Manchem Gewerkschafter wäre es lieber, wenn die billigen chinesischen Importprodukte außerhalb der US-Grenzen blieben.

    Die Forderung nach einer besseren Regulierung der Finanzwirtschaft vereinnahmt der Autor allerdings zu Unrecht in seiner Kritik des ökonomischen Zeitgeistes. Der Occupy-Bewegung und vielen Bürgern geht es zwar auch um einen stärkeren Staat, aber nicht zum Schutz nationaler Unternehmen. Sie plädieren für die Selbstbehauptung des Gemeinwesens gegenüber den partikularen Interessen der Banken und Investoren. Diesen staatsfreundlichen Zeitgeist wirft Bremmer in einen Topf mit dem Wunsch nach nationaler Abschottung gegenüber äußeren Feinden – eine Polemik, die der notwendigen Regulierung der Finanzmärkte abträglich ist.

    Ian Bremmer: Das Ende des freien Marktes. Der ungleiche Kampf zwischen Staatsunternehmen und Privatwirtschaft. New York 2010. Dtsch. Ausgabe bei Hanser 2011. 222 Seiten. 19,90 €.

  • Schmähpreis für unsoziale Konzerne

    Zur Wahl im Internet ab 5. Januar 2012 steht unter anderem die Barclays-Bank

    Am Donnerstag, dem 5. Januar 2012, beginnt im Internet die Abstimmung über das unsozialste und unökologischste Unternehmen der Welt. Informationen zum Verfahren und zur Stimmabgabe stehen auf der Seite www.publiceye.ch.

    Die Abstimmung läuft bis zum 26. Januar. Der diesjährige Preisträger wird am folgenden Tag parallel zum Weltwirtschaftsforum in Davos, Schweiz, bekanntgegeben. In der letzten Januarwoche treffen sich dort traditionell tausende Manager und Spitzenpolitiker, um über die Weltlage, diesmale schwerpunktmäßig die Euro-Krise, zu beraten. Den Schmähpreis vergeben die Organisationen Erklärung von Bern und Greenpeace, die einen Kontrapunkt zum offiziellen Forum setzen wollen.

    Zur Auswahl für den Kritikerpreis stehen sechs Unternehmen: die britische Barclays-Bank, der US-Minen-Konzern Freeport McMoRan, das südkoreanische Elektronikunternehmen Samsung, die Agrochemie-Firma Syngenta aus der Schweiz, Tepco als Betreiberin des havarierten Atomkraftwerks Fukushima in Japan und das brasilianische Bergbau-Unternehmen Vale. Diese Vorauswahl haben die Organisatoren der Preisverleihung aus zahlreichen Vorschlägen getroffen, die Bürgerinitiativen und Umweltgruppen weltweit eingereicht haben.

    Der Barclays-Bank werfen die Kritiker vor, Finanzspekulation mit Nahrungsmitteln zu betreiben und dadurch Leben und Gesundheit von Millionen Menschen vor allem in Entwicklungsländern zu gefährden. Die Börsenspekulation kann dazu führen, dass die Preise für Lebensmittel um bis 50 Prozent steigen, hat eine unlängst eine Studie der Organisation Foodwatch ergeben.

    Freeport McMoRan betreibt nach Angaben der Kritiker die weltgrößte Gold- und Kupfermine in West-Papua, wo jährlich hunderttausende Tonnen schwermetallhaltiger Abfälle anfielen, die die Umwelt verseuchten. Die Unternehmen Samsung, Syngenta und Vale werden unter anderem angeklagt wegen gesundheitsgefährdender Arbeitsbedingungen.

  • Bremsen ist gar ncht so einfach

    Brauchen und wollen wir Wirtschaftswachstum wirklich?

    Die Zeit am Jahresanfang ist paradox. Viele Menschen sehnen sich nach etwas Ruhe, manchen gelingt es in der ersten Januarwoche noch, diesen Wunsch umzusetzen. Andererseits geht es gleich wieder voll los – auch politisch. So startet jetzt die Rente mit 67. „Mehr arbeiten“ lautet das Motto. Und die meisten Politiker wünschen sich mehr Wachstum – obwohl das 2012 eher schwierig wird.

    Nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) wird die Ökonomie in der ersten Jahreshälfte 2012 leicht schrumpfen. Das ist keine Katastrophe, zumal DIW-Forscher Ferdinand Fichtner für das Jahresende wieder auf eine bessere Entwicklung hofft. Für die Beschäftigten allerdings sind Phasen schwachen und ausbleibenden Wachstums immer nachteilig. Dann steigt die Arbeitslosigkeit. Um den technischen Fortschritt und die permanent zunehmende Produktivität auszugleichen, braucht Deutschland mindestens rund 1,5 Prozent Wachstum. Nur dann bleibt die Zahl der Arbeitsplätze wenigstens stabil.

    Das ist einer der Gründe, warum sich die Mehrheit der Politiker, Ökonomen und Bürger dauerndes Wachstum wünscht. Dabei wird oft vergessen, dass Deutschland schon längst in der Zwickmühle steckt. Denn in den alten Industrieländern sinken die Wachstumsraten seit Jahrzehnten. Hielt man nach dem Zweiten Weltkrieg fünf Prozent pro Jahr für normal, sind heute zwei Prozent ein großer Erfolg. Die Tendenz zeigt weiter nach unten. Vorübergehende Ausnahmen wie Boomphasen in den USA oder Großbritannien scheinen diese Regel eher zu bestätigen.

    Hinzu kommen starke Zweifel, ob weiteres Wachstum wie früher überhaupt sinnvoll ist. Gerade wegen der Finanzkrise sind solche Fragen lauter geworden. Weil der Finanzcrash durch einen schwunghaften Handel mit Schuldtiteln ausgelöst wurde, verordnet die Politik den Banken nun, künftig mehr eigenes Geld als Risikovorsorge in Reserve zu halten. Diese Vorschriften sind aber immer noch recht milde. Müssten die Finanzinstitute so viel Eigenkapital zurücklegen, dass sie tatsächlich geschützt wären, würde das ihre Geschäftstätigkeit einschränken. Sie vergäben weniger Kredite. Damit litte auch das Wirtschaftswachstum. Zugespitzt lässt sich sagen: Wir haben die Wahl zwischen größerer Sicherheit im Finanzsystem und hohem Wachstum. Beides zusammen geht nicht.

    Ein anderes Problem ist der Klimawandel. Gegenwärtig schaffen wir globales Wachstum nur zum Preis der Klimakatastrophe. Ökonomischen Fortschritt besonders in den USA und Asien erkauft die Welt mit steigendem Ausstoß von Kohlendioxid. Wenn es so weiter geht wie bisher, steigt die Durchschnittstemperatur der Erdatmosphäre in den kommenden Jahrzehnten um zwei, drei oder mehr Grad. Die vermutlichen Folge: Dürren, Nahrungsmittelprobleme, höhere Meeresspiegel und Überschwemmungen.

    Das muss nicht unbedingt so kommen. Deutschland probiert mit der Energiewende gerade eine Alternative. Das Ziel ist es, den Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid bis 2050 nahe Null zu senken. „Entkoppelung“ lautet das Motto: Wachstum ohne ökologische Schäden. Ob das erstens national und zweitens international funktioniert, wissen wir vielleicht in 50 Jahren.

    Aber auch jenseits der Energiefrage gibt es drängende Probleme. In hohem Tempo verbrauchen die Menschen die Natur, indem sie immer neue Straßen, Pipelines und Industrieanlagen bauen. Sie fischen die Meere leer und türmen gigantische Müllhalden auf. Ist es vorstellbar, auch diese ökologischen Schäden aus dem System herauszuoperieren, während der wirtschaftschaftliche Wachstumsprozess ungebremst weiterläuft? Man weiß es nicht, es erscheint zumindest sehr fraglich.

    So ist eine neue öffentliche Debatte über das Wirtschaftswachstum in Gang gekommen. Im Bundestag tagt eine Enquetekommission, die die gegenwärtige ökonomische Logik relativiert. Einige viel diskutierte Buchautoren sind da schon weiter. Etwa der Bonner Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel argumentiert, dass Wachstum nicht notwendig sei. Vor dem Beginn der Industrialisierung sei die Menschheit Jahrtausende ohne die sprunghafte Vermehrung des materiellen Wohlstandes auskommen, so Miegel. Auch in anderen Staaten läuft diese Diskussion. In Frankreich findet der Begriff der „Decroissance“, des Schrumpfens, große Aufmerksamkeit. Und der Schweizer Ökonom Hans Christoph Binswanger plädiert dafür, das Tempo zumindest zu bremsen.

    Was aber hieße das praktisch? Angenommen, die deutsche Wirtschaft würde auf absehbare Zeit stagnieren. Dann nähme die Summe der notwendigen Lohnarbeit ab. Entweder würden mehr Menschen arbeitslos, alle Beschäftigten müssten auf einen Teil ihrer Arbeitszeit und Bezahlung verzichten, oder die Unternehmen wären bereit, ihre Gewinnerwartung herunterzuschrauben. Die Steuereinnahmen und Sozialabgaben sänken. Damit stünde weniger Geld für öffentliche Aufgaben zur Verfügung. Diese einfache Überlegung zeigt: Weniger Wachstum kann materiellen Verzicht bedeuten.

    Das gilt natürlich auch für die Bürger. Die wenigstens Wachstumskritiker sind so radikal und ehrlich wie der Oldenburger Ökonom Niko Paech. Er sagt: Weniger Zuwachs würde auch heißen, dass die Bürger weniger Waren und Dienstleistungen kaufen können. Pullover stricken, Fahrrad reparieren, Kartoffeln anbauen in Eigenarbeit wären angesagt. Und Urlaub in Balkonien. Wer will das schon? Es könnte ein schwieriger Übergangsprozess auf uns zukommen.

    Info-Kasten 1

    Was das Wachstum treibt

    Die Ursachen und Begründungen für Wirtschaftswachstum sind vielfältig. Hier die wichtigsten:

    Bevölkerungszunahme

    Die Zahl der Menschen auf der Erde nimmt weiter zu. Gegenwärtig sind es rund sieben Milliarden. Neun oder zehn Milliarden könnten wir noch erreichen. Die zusätzlichen Erdenbewohner brauchen zusätzliche Energie, Nahrungsmittel, Autos.

    Export

    Angesichts der wachsenden Weltbevölkerung verkaufen auch deutsche Unternehmen im Ausland gut. Über 40 Prozent aller deutschen Produkte gehen in den Export. Auf den regelmäßigen Zuwachs mögen die Unternehmen nicht verzichten.

    Profit

    In der Marktwirtschaft – man kann auch sagen: im Kapitalismus – wollen die meisten Firmen und viele Bürger Gewinne erwirtschaften. Dies ist oft nur möglich, wenn Produktion, Verkäufe, Kredite und Verbrauch zunehmen.

    Produktivität

    Infolge des technischen Fortschritts stellen weniger Arbeiter mehr Produkte her. Um die Zahl der Stellen unter sonst gleichen Arbeitsbedingungen wenigstens stabil zu halten, muss die Wirtschaft wachsen.

    Sozialer Frieden

    Jede Bevölkerungsgruppe – Rentner, Beschäftigte, Selbstständige und so weiter – wünscht sich eine Verbesserung ihrer materiellen Situation. Aus einem Zuwachs kann die Regierung diese Ansprüch leichter befriedigen als aus stagnierendem oder schrumpfendem Finanzvolumen.

    Info-Kasten 2

    DIW-Prognose 2012

    Mit einem Zuwachs des Bruttoinlandprodukts um 0,6 Prozent in diesem Jahr rechnet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Zum Vergleich: 2011 nahm die Leistung um drei Prozent zu. Nach einer leichten Rezession in der ersten Jahreshälfte, wird die Dynamik im dritten und vierten Quartal wieder zunehmen, so das DIW. Voraussetzung: Die Euro-Krise kann eingedämmt werden. Gelingt dies, geht das DIW davon aus, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland im kommenden Jahr nur leicht auf etwas über drei Millionen Erwerbslose steigt. 2013 würde sie dann wieder sinken.

  • Warum die Wirtschaft Familien braucht

    Serie: Familie und Zukunft

    Die Wirtschaft klagt immer häufiger über fehlende Fachkräfte. Allein in der Informations- und Kommunikationsbranche können nach Angaben des Branchenverbands Bitkom derzeit 10.000 Stellen nicht besetzt werden. Und das ist erst der Anfang. Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland wird bis Mitte des Jahrhunderts von mehr als 40 Millionen auf rund 37 Millionen zurückgehen.

    Wenigstens ein Teil des Problems ist hausgemacht, weil Frauen noch immer nicht ausreichend ins Arbeitsleben integriert werden. Und dies hat weniger mit mit einem traditionellen Rollenverständnis zu tun. Vielmehr gelingt es den jungen Frauen nicht, berufliche und private Ambitionen miteinander zu verbinden. In einer Forsa-Studie gaben drei von vier Befragten an, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie schwierig sei. „Heute arbeiten die Menschen am meisten an ihrer Karriere gerade in dem Alter in dem sie Kinder bekommen und aufziehen“, erläutert der Philosoph Richard David Precht und sieht darin eine Ursache für die permanente Überforderung dieser Generation. Dazu gehört auch eine Veränderung des Familienbildes, das immer häufiger aus Patchwork-Verbünden geprägt ist.

    In den Unternehmen kommt diese Botschaft langsam an. Zwischen 2003 und 2009 hat sich der Anteil der Firmen, die keinerlei familienfreundliche Angebote vorweisen können, von fast 20 Prozent auf weniger als ein Prozent verringert. Flexible Arbeitszeiten stehen dabei meist im Zentrum der Bemühungen. Doch die beruflichen Chancen sind zwischen Männern und Frauenweiterhin ungleich verteilt. Laut Betriebspanel des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat sich daran im letzten Jahrzehnt nichts verändert. Frauen stellen insgesamt 44 Prozent der Beschäftigten. In der zweiten Führungsebene beträgt der Anteil nur ein Drittel. In den Chefetagen ist gerade einmal ein Viertel der Angestellten weiblich.

    Das wird sich ändern müssen, wenn die Wirtschaft dem sich abzeichnenden Fachkräftemangel begegnen will. Für die Unternehmen lohnt die Familienfreundlichkeit sogar, wie eine Modellrechnung des Instituts Prognos ergab. Den Kosten für Kinderbetreuung im Betrieb und anderen Aufwand stehen Einsparungen zum Beispiel durch eine geringe Fluktuation in der Belegschaft und einen geringeren Wiedereingliederungs aufwand gegenüber. Unter dem Strich spart die durchschnittliche „Familien-GmbH“ 75.000 Euro im Jahr ein. Das Bundesfamilienministerium geht auch von einem erheblichen volkswirtschaftlichen Nutzen aus. Wenn familienfreundliche Arbeitsbedingungen 30 Prozent der Beschäftigten erreichen, steigt die Wirtschaftsleistung demnach um fast 250 Milliarden Euro. Außerdem fallen in Milliardenhöhre weniger Sozialausgaben in Milliardenhöhe an.

    Für eine Förderung der Frauen auf der Karriereleiter spricht auch deren bessere Ausbildung. Mittlerweile stellen sie die Mehrheit der Abiturienten und sind auch an den Universitäten auf dem Vormarsch. Wenn sie danach zuhause bleiben, weil sich Erziehung und Job nicht unter einen Hut bringen lassen, verschenkt die Gesellschaft dringend benötigte Quellen zum Erhalt es Wohlstands. Es gibt also handfeste Gründe für eine bessere Integration der Familien in die Arbeitswelt. „Familienpolitik ist kein weicher Standortfaktor mehr, sondern ein harter“, glaubt auch die Chefin des Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), Jutta Allmendinger.

  • Oma und Opa sind indirekte Produktionsfaktoren

    Serie: Familie und Zukunft

    Die ursprüngliche Bedeutung des Familienbegriffs im alten Rom war recht umfassend. Zum Clan gehörten damals nicht nur Eltern, Großeltern und Kinder. Auch das Personal und die anderen Hausbewohner zählten dazu. Der Blick auf Deutschland zeigt einen mehrfachen Wandel, zum Beispiel den von der bürgerlichen Großfamilie über die Konstellation Eltern und Kinder bis hin zu den heute häufig anzutreffenden Patchwork-Verbünden, bei denen die Eltern nach der Trennung mit neuen Partner zusammenleben.

    Wie stark sich die Lebensweise verändert hat, zeigt ein Vergleich von 1970 und 2009 des Statistischen Bundesamts. Vor 40 Jahren lebten in mehr als 60 Prozent der Haushalte Kinder. Nur 13 Prozent Singles verzeichnet die Zählung. Heute lebt ein Drittel der Bevölkerung allein und der Anteil der Familien mit mehreren Kindern ist auf rund 13 Prozent abgesackt.

    Vor allem der gleichzeitige Trend zu mehr Alleinerziehenden ist sowohl sozialpolitisch als auch volkswirtschaftlich bedenklich. 1,6 Millionen Mütter und Väter übernehmen solo die Verantwortung für den Nachwuchs. Sie sind einem deutliche höherem Armutsrisiko ausgesetzt als Paare. Laut OECD werden 36 Prozent der armutsgefährdenden Haushalte von Alleinerziehenden geführt. Bei Paaren mit zwei Kindern liegt der Anteil nur bei acht Prozent. Die Rahmenbedingungen für Alleinerziehende sind offenkundig schlecht. Das ist auch wirtschaftlich schädlich, weil insbesondere Frauen mit Kind trotz oft guter Ausbildung die Möglichkeit fehlt, sich ein ausreichendes Einkommen zu erarbeiten.

    Die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB), Jutta Allmendinger, sieht in der noch vergleichsweise geringen Frauenerwerbstätigkeit noch viele verschenkte Potenziale. Immerhin 5,6 Millionen Frauen sind nicht berufstätig. „Diese Frauen bleiben zuhause, weil sie nicht die Rahmenbedingungen vorfinden, die sie brauchen“, stellt die Forscherin fest. Die Betreuung der Kleinkinder ist für sie eines der wichtigsten Hürden zu einer stärkeren Erwerbsbeteiligung. Im Bundesdurchschnitt sei nur jedes fünfte Kind unter drei Jahren in einer Kita. Beim Schlusslicht Nordrhein-Westfalen gibt es nur für jedes neunte einen Platz.

    Neben der Betreuung sieht Allmendinger auch in der besseren Bezahlung von Frauen durch die Unternehmen eine Lösung des Problems. Auch müssten sich Firmen von der häufig vorherrschenden Anwesenheitskultur verabschieden und wenn nötig selbst für eine Kinderbetreuung sorgen. Ohne derlei Zugeständnisse werden Unternehmen nach Einschätzung der Forscherin nur schwer ihren Fachkräftebedarf dauerhaft decken können.

    Derzeit sind die jungen Familien und Alleinerziehende auf die Hilfe anderer angewiesen, wenn sie Karriere und Erziehung unter einen Hut bringen wollen. Deshalb ist ein neuer Typus von Familie auf dem Vormarsch. Freunde, Verwandte und vor allem die Großeltern übernehmen zeitweilig die Betreuung der Kinder. „Multilokale Mehrgenerationenfamilie“ nennt der Philosoph Richard David Precht diese Entwicklung, bei der Freunde oder Oma und Opa zupacken, damit die Eltern ihrem Job nachgehen können. „Viele Familien würden ohne Großeltern überhaupt nicht funktionieren“, glaubt Precht. Auch die Wirtschaft könnte ohne die private Neuorganisation nicht in gewünschten Maße auf so viel gut ausgebildetes Personal bauen. So sind Oma und Opa auch aufgrund ihrer oft noch großen Fitness in späten Jahren zu einem indirekten Produktionsfaktor geworden.

  • Unsere Lebenseinteilung ist überholt

    Serie: Familie und Zukunft

    In den ersten Jahrzehnten des Lebens ballen sich die Anforderungen an Frauen und Männer. Da ist einerseits die Ausbildung, die immer mehr Engagement erfordert, zum Beispiel, weil für begehrte Berufe höhere Einstiegsqualifikationen verlangt werden. Dann steht der Wechsel ins Arbeitsleben an, der häufig über Praktika oder andere schlecht oder gar nicht entlohnte Tätigkeiten führt. Anschließend geht die Kraft für das Fortkommen im Job drauf. Zugleich soll diese Generation aber auch für den dringend benötigten Nachwuchs sorgen und Familien gründen.

    Eine Folge davon ist die immer spätere Geburt von Kindern. 1970 waren Mütter bei der Geburt des ersten Kindes noch Mitte zwanzig. Heute kommt es statistisch betrachtet zur Welt, wenn die Mutter 29 Jahre alt ist. In der selben Zeit schrumpfte zudem die Phase, in der Kinder geboren werden, stark zusammen. Ließen sich Frauen vor 40 Jahren für drei Kinder noch sieben Jahre Zeit, sind es heute noch etwa vier Jahre. „Eine Frau mit drei Kindern ist heute 48 Jahre alt, wenn das letztgeborene Kind in die Pubertät kommt“, rechnet der Familienforscher Hans Bertram von der Berliner Humboldt-Universität vor.

    Der Soziologieprofessor kritisiert, dass die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen mit der Entwicklung nicht Schritt gehalten haben. Die zeitliche Enge von beruflicher und privater Entwicklung sei ein historisch völlig neues Phänomen. Das klassische Familienmodell mit einem Ernährer funktioniere nicht mehr, weil heute beide Partner für die ökonomische Sicherheit der Familie sorgen müssten.

    Hinzu kommt noch eine weitere nachteilige Tendenz. Früher verfügten junge Haushalte über ein relativ gutes Einkommen. Heute sorgen lange Qualifikationsphasen in den neuen Berufen dafür, dass erst ab einem Alter von 40 Jahren das Einkommen stark steigt. Dagegen ist die finanzielle Lage bei der Familiengründung häufig prekär. Zudem startet der Berufseinstieg noch oft mit zeitlich befristeten Verträgen oder Projektbezogenen Einstellungen. „All diese Veränderungen haben sich in den vergangenen 30 Jahren fast unbemerkt vollzogen“, sagt Bertram. In neuen Berufen hätten auch deshalb überproportional viele Frauen keine oder nur wenige Kinder.

    Der Forscher fordert daher eine Abkehr von traditionellen Vorstellungen über die Einteilung des Lebens. „Wer nicht in jungen Jahren das beste und höchste Bildungspatent für den jeweiligen Beruf erwirbt, hat später keine Chance, das nachzuholen“, kritisiert er. So müsse jungen Frauen die Möglichkeit eröffnet werden, nach der Erziehung von Kindern wieder in einen Beruf einsteigen, der keinen finanziellen Abstieg mit sich bringt, wie es heute oft der Fall ist, weil Qualifikationen zwischenzeitlich entwertet wurden.

    Zeitweilige Unterbrechungen und die neue Aufnahme von Bildung und Berufsleben könnten den bisher geforderten steten Lebensweg, auf dem eine Station nach der anderen angesteuert wird, ersetzen. Das erfordert aber auch ein Zusammenspiel von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, die sich dieser Aufgabe annehmen und entsprechende Strukturen und die Akzeptanz für individuelle Lebenswege schaffen können. „Familienpolitik müsste eigentlich ein Teil der Arbeitsmarkt – und Sozialpolitik werden“, glaubt Bertram.

  • Andere Länder bringen Job und Kinder besser zusammen

    Serie: Familie und Zukunft

    Als Jutta Allmendinger in den achtziger Jahren an der Harvard-Universität ihre Doktorarbeit schrieb, staunte sie erst einmal. Mit 28 Jahren gehörte sie zu den jüngsten, weil junge Frauen in den USA vor der Promotion schon einmal berufliche Erfahrungen sammeln oder eine Familie gründen und erst später wieder an die Hochschule zurückkehren. Ihr Doktorvater war mit einer Professorin verheiratet, die am selben Fachbereich eine Stelle hatte.

    Von beidem kann Deutschland lernen. „Hier ermöglichen die wenigsten Unternehmen und Institutionen beiden Partnern eine berufliche Perspektive“, bedauert die heutige Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB). Später am Max-Planck-Institut erlebte die Soziologin andere Alltagserfahrungen. Manche Kolleginnen hätten ihre Kinder bei der Einstellung verschwiegen, erinnert sich Allmendinger. Mütter hätten Angst, dass ihnen sonst weniger zugetraut werde.

    Wenn es um eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht, gibt es anderswo gute Vorbilder. Der Nutzen liegt auf allen Seiten. Die Familien profitieren durch ein höheres Einkommen, der Staat durch geringere Sozialausgaben und wachsende Steuereinnahmen, die Unternehmen können bei zufriedenen Müttern oder Vätern im Betrieb auf eine höhere Motivation und Bindung an den Betrieb bauen. „Aufgrund der niedrigen Bevölkerungszahl werden wir es uns nicht mehr leisten können, die Gruppe der Frauen und Niedriggebildeten links liegen zu lassen“, ist Allmendinger überzeugt.

    Ein paar Vergleichszahlen belegen den Einfluss der finanziellen Förderung. Deutschland gibt laut OECD 2,8 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes (BIP) für die Familienförderung aus und liegt damit im oberen Mittelfeld. Trotzdem ist die Geburtenrate niedrig. Frankreich und Dänemark lassen sich mit 3,7 Prozent des BIP ihren Nachwuchs deutlich mehr kosten. Gerade die Franzosen sind besonders fortschrittlich bei den Rahmenbedingungen für junge Familien. So unterstützt der Staat steuerlich nicht die Ehe, sondern die Kindererziehung durch ein Familiensplitting, bei der jedes Kind zu einer geringeren Steuerlast beiträgt. Ein Kindergeld gibt es noch dazu. Außerdem geben die Französinnen ihren Nachwuchs traditionell früh in eine Betreuungseinrichtung. Die beruflichen Auszeiten sind dadurch kurz.

    Bei einer Untersuchung der Stiftung für Zukunftsfragen gaben die Dänen, gefolgt von den Franzosen und den Griechen ihrem Land die besten Noten als kinderfreundliche Länder. „Dies sind zumeist auch die Nationen, in denen die Quote von berufstätigen Frauen besonders hoch ist und traditionelle Rollenmuster wenig gesellschaftliche Anerkennung erfahren", erklärt Autor Ulrich Reinhardt. Während 86 Prozent der Dänen ihr Land als kinderfreundlich einstufen, sind es in Deutschland nur 21 Prozent. Das deutet Nachholbedarf an.

    Es gibt kein Land, das alles richtig gut eingerichtet hat. Deutschland hat zum Beispiel auch Stärken, die anderen als Vorbild dienen könnten. So ist die Jugendarbeitslosigkeit zwischen Flensburg und Passau viel niedriger als in vielen anderen Staaten. Auch das ist letztlich eine Plus, dass den Familien zugute kommt.

  • Der Preis der Arbeit ist zu niedrig

    Kommentar zur sinkenden Arbeitslosigkeit von Hannes Koch

    Erfolge haben ihren Preis. Auch im Falle der sinkenden Arbeitslosigkeit ist das so. Am Dienstag gab die Bundesagentur die niedrigste Arbeitslosenrate seit 20 Jahren bekannt. Im vergangenen Jahr suchten offiziell und im Durchschnitt unter drei Millionen Menschen eine neue Stelle. Parallel dazu ist die Zahl der Beschäftigten mit 41 Millionen auf einen Spitzenwert gestiegen. Diesen Erfolg hat sich die deutsche Bevölkerung hart erarbeitet und zugleich teuer erkauft.

    Denn es gibt nicht mehr Arbeit in Deutschland – nur mehr Leute, die sie erledigen. Das heißt: Viele Menschen müssen mit weniger Geld und weniger sozialer Sicherheit zurechtkommen. Die Ursachen und Erscheinungsformen sind vielfältig. Nicht nur haben Regierung und Parlament die Arbeitslosenunterstützung verringert, auch die Löhne stiegen kaum. Außerdem gibt es mehr Arbeitsplätze in den Dienstleistungsbranchen, die oft schlechter bezahlen. Ebenso nahm die Zahl der Geringverdiener, Leiharbeiter und Teilzeitbeschäftigten zu. Mehr Beschäftigung haben wir also auch mit mehr Armut erkauft. Hält diese Entwicklung an, kann sie den sozialen Frieden in Frage stellen.

    Dürfen wir es uns aber leisten, den Preis der Arbeit wieder zu erhöhen? Was würde das bedeuten? Viele Unternehmen müssten ihrem Personal mehr bezahlen und hätten höhere Kosten. Ihre Konkurrenzfähigkeit gegenüber Wettbewerbern im In- und Ausland nähme dadurch nicht unbedingt ab, wohl aber sänken die Gewinne. Auch für die Steuer- und Beitragszahler könnte der Weg des sozialen Friedens höhere Ausgaben mit sich bringen. Wenn die Gesellschaft Armut verhindern will, muss sie für dieses Ziel mehr Geld zur Verfügung stellen.

    Deutschland ist eines der reichsten Länder der Erde. Grundsätzlich können wir uns diesen Weg leisten. Es ist die Frage ist, ob wir es wollen. Geld, das wir für eine bessere Bezahlung und höhere soziale Sicherheit der Beschäftigten ausgeben, wird für andere Zwecke fehlen.

  • Die Euro-Krise verebbt

    Wird 2012 besser? Ja, sagt Hannes Koch

    Krise – wollen wir das Wort noch hören? Den Bürgern wird es auch 2012 nicht erspart bleiben, sich mit der Lage Europas und seiner Währung zu beschäftigen, doch es gibt Grund zum Optimismus. Einiges deutet daraufhin, dass die Schuldenkrise verebbt. So betrachtet, wird 2012 besser als 2011.

    Zwar mag man den Eindruck haben, die europäische Politik bewege sich im Schneckentempo. Aber im Vergleich zu früher sind die Regierungen flink wie Wiesel. Erst in der Rückschau lässt sich ermessen, welche Fortschritte im vergangenen Jahr gemacht wurden.

    In Athen einigten sich die beiden großen Parteien auf eine Koalitionsregierung, um die Krise gemeinsam zu bewältigen. In Madrid haben Regierung und Parlament eine Schuldenbremse zur Sanierung der Staatsfinanzen beschlossen. Und in Brüssel waren die 17 Staaten der Euro-Zone erstmals bereit, verbindliche Grundsätze einer gemeinsamen Finanzpolitik zu vereinbaren, die zur Verringerung der öffentlichen Schulden führen soll.

    Diese wenigen Beispiele zeigen, dass die nationalen Regierungen verstanden haben, um was es geht. Mehr noch: Wenn es hart auf hart kommt, scheinen sie bereit, ihre Erkenntnisse umzusetzen. Deshalb kann man die Prognose wagen, dass der Euro stabil und die Euro-Zone erhalten bleibt. Griechenland wird nicht aussteigen, Spanien und Italien ebensowenig. Und Deutschland verarmt nicht am Projekt Europa.

    Hinzu kommt, dass die Europäische Zentralbank stark genug ist, ein verlässliches Sicherheitsnetz zu spannen. Sind die Regierungen zu langsam, greift die Notenbank mit den Mitteln der Geldpolitik ein. Indem sie Anleihen verschuldeter Regierungen aufkauft oder den Finanzinstituten hunderte Milliarden Euro günstiger Kredite zur Verfügung stellt, verhindert sie Staats- und Bankenpleiten. Und diese Maßnahmen funktionieren: Auch weil die Banken über ausreichende Mittel verfügten, konnte Italien kurz vor dem Jahreswechsel Staatsanleihen zu deutlich niedrigeren Zinsen verkaufen als zuvor.

    Was die EZB tut, mag mitunter der reinen Lehre des harten Geldes widersprechen. Die Zentralbank handelt erstaunlich unideologisch. Trotzdem brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, dass der Euro in die Hyperinflation stürzt und wir mit unserem Geld nichts mehr kaufen können. Denn die von der EZB eingesetzten Summen sind trotz allem viel zu klein, um den Wert der Währung zu untergraben. Ja, die Inflationsrate wird vermutlich etwas steigen, aber nicht so dramatisch, dass wir uns ernsthaft Sorgen machen müssten.

    Und die vermeintliche Rezession? Auch hier können wir uns entspannnen. Viele Unternehmen erwarten eher steigende als sinkende Umsätze. Deutschland leistet einen Beitrag, damit Europa eine tiefgreifende Wirtschaftskrise erspart bleibt. Das zeigt allerdings: Nur mit Sparen ist es nicht getan. Unternehmen, aber auch Regierungen müssen investieren. Damit 2012 noch besser wird, brauchen wir ein europäisches Konjunkturprogramm – nicht finanziert durch neue Schulden, sondern eher durch Umverteilung innerhalb der bestehenden Budgets und höhere Steuern für die, deren Geschäfte gut laufen.

  • Dann haben wir den Salat

    Wird 2012 besser? Nein, sagt Wolfgang Mulke

    Die Hoffnung auf ein Ende der Krise in 2012 ist trügerisch, auch wenn die Bürger in Deutschland vom Ernst der Lage kaum etwas mitbekommen. Erster Brandherd wird wieder einmal Griechenland sein. Die geplante Umschuldung steht auf der Kippe, weil Gläubiger nicht mitziehen. Das Reformtempo ist so langsam, dass weitere Hilfen aus Euroland nicht mehr begründet werden können. Am Ende zieht die Athener Regierung die Reißleine und kehrt zur Drachme zurück.

    Dies hat Auswirkungen auf die gesamte Eurozone, denn das Signal aus Athen wirkt nach. Die Brüsseler Beschlüsse zu einer abgestimmten Finanz- und Sparpolitik stehen bislang nur auf dem Papier. Ob die nationalen Parlamente diesen bei einer veränderten Lage auch zustimmen, erscheint fraglich. Die Regierungen bemühen sich zwar um eine Lösung der Krise. Doch wie schon bisher sind die Reaktionen zu langsam und zu halbherzig.

    Und auch ohne eine dramatische Entwicklung in Griechenland droht die Zuspitzung der Krise. Die Euroländer sind auf die permanente Ablösung ihrer alten Schulden durch die Ausgabe neuer Anleihen angewiesen. Diese Kapitalzufuhr kann austrocknen, wie es bei einzelnen Ländern schon zu beobachten war. Die Geldgeber – Banken und Pensionsfonds – wollen nicht mehr in Europa investieren, solange die Unsicherheit über die weitere Entwicklung anhält. Gerade in diesen Tagen ist das Verhalten der Banken gut zu beobachten. Die Institute bekommen für einen schamlos niedrigen Zins beliebig viel Geld von der Zentralbank und bunkern es lieber, als damit Kredite an Staaten oder Unternehmen auszugeben.

    Dann haben wir den Salat. Die Europäische Zentralbank (EZB) muss Geld drucken, damit die Regierungen alte Schulden begleichen können. Das bedeutet mittelfristig erhebliche Inflationsgefahren. Die Eurozone wird dies als Ganzes nicht überstehen. Am Ende bleiben nur noch wenige starke Länder übrig.

    Eine Entwicklung in diese Richtung führt zwangsläufig in die Rezession, auch wenn zumindest die deutsche Wirtschaft eher positiv in die Zukunft schaut. Die Unternehmen kommen immer schwerer an Kredite. Außerdem werden Exportunternehmen direkt von einem Zerfall des Euroraums betroffen sein, der immerhin 40 Prozent aller Ausfuhren aufnimmt. In einer so unsicheren Situation werden Investitionen verschoben und Etats gekürzt.

    Die Hoffnung auf andere Wachstumsmotoren, zum Beispiel China oder Amerika, sollte niemand hegen. Die USA haben viel größere Schuldenprobleme als die Europäer und werden vor der Präsidentschaftswahl am Jahresende keine Lösungen präsentieren können. Für Konjunkturprogramme fehlt das Geld, für Reformen die politische Kraft. In China hat sich dagegen eine Kreditblase ausgedehnt, die irgendwann platzen und das Land in wirtschaftliche Schwierigkeiten stürzen wird. Im schlimmsten Fall kann es 2012 überall gleichzeitig brennen.

    Ob es so kommt, weiß heute niemand genau. Doch kaum ein Jahr war je mit so belastenden Vorzeichen belegt wie es 2012 sein wird. Und wie heißt es sprichwörtlich nach Murphys Gesetz? Was schiefgehen kann, geht auch schief.

  • Blumenkohl-Inflation und Euro-Angst

    Vor zehn Jahren wurde die D-Mark aus dem Verkehr gezogen und der Euro als Bargeld eingeführt

    An die Turbulenzen nach der Einführung des Euro-Bargeldes vor zehn Jahren kann sich Marktforscher Hans-Christoph Behr sehr gut erinnern. In den ersten Wintermonaten des Jahres 2002 gab es eine regelrechte „Wutwelle“, so Behr. Es kam vor, dass der Blumenkohl pro Stück drei Euro kostete. Sechs Mark! An den Gemüseständen auf den Marktplätzen stand die Revolution bevor.

    Behr arbeitet bei der Agrarmarkt-Informationsgesellschaft (AMI) in Bonn. Schon lange vor dem 1. Januar 2002, dem ersten Tag mit Euro-Bargeld, hat Behr die Preisentwicklung professionell beobachtet. Deshalb weiß er: An vielem, was man dem Euro vorwarf, war die neue Währung nicht schuld. Zum Beispiel am Blumenkohlpreis. Der schoss in die Höhe, weil in Südeuropa außergewöhnliche Kälte herrschte.

    Ist der Euro gut oder schlecht, ein Erfolg oder Misserfolg? Diese Frage und der Streit über die Antwort begleiten den Euro seit Beginn – nicht erst seit Ausbruch der Staatsschuldenkrise, die die europäische Gemeinschaftswährung aktuell ins Wanken bringt.

    Die Kälte in Spanien und Südfrankreich als tatsächlicher Grund der Blumenkohl-Inflation interessierte viele Leute 2002 nicht. Sie trauerten der D-Mark nach und unterstelltem dem Euro Übel. Wobei es tatsächlich zu teils erstaunlichen Preisaufschlägen kam, die es angesichts des offiziellen Umrechnungskurses von 1,96 DM zu 1 Euro nicht hätte geben dürfen. Wo die Preise eigentlich hätten halbiert werden müssen, verlangten manche Händler plötzlich zwei Drittel des alten DM-Wertes in Euro – eine Preiserhöhung von 20 bis 30 Prozent. „In solchen Fällen war der Begriff des `Teuro` nicht ganz falsch“, sagt Ökonom Ferdinand Fichtner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

    Besonders zugelangt wurde im Dienstleistungssektor. Kostete ein Wiener Schnitzel im Restaurant beispielsweise bis 31. Dezember 2001 normale elf DM, standen einen Monat später nicht selten sieben Euro auf der Karte. Ähnliche Sprünge machten die Preise im Haar-Business. Zwischen Mitte 2001 und Mitte 2002 stellten die Verbraucherzentralen bei den Friseuren Preiszuwächse von zehn Prozent oder mehr fest. Die Erklärung: Wegen der schlechten Wirtschaftslage und hohen Arbeitslosigkeit hatten sich viele Händler in den Jahren zuvor nicht getraut, die Preise anzuheben. Jetzt holten sie das nach – in der Hoffnung, es falle wegen der Umrechnung von alter in neue Währung nicht so auf. „Die Preissteigerung bei den Dienstleistungen war echt“, sagt AMI-Forscher Behr, im Gegensatz zur oft nur gefühlten Inflation bei Lebensmitteln und anderen Gütern.

    Insgesamt aber, so gab das Statistische Bundesamt unlängst bekannt, hielt sich die Inflation des Euro seit 2002 in engen Grenzen. Sie betrug im Durchschnitt der zehn Jahre gerade mal 1,6 Prozent. In der Dekade davor war es mehr – 2,2 Prozent pro Jahr. Um diesen Wert verlor die D-Mark regelmäßig an Kaufkraft.

    Was bedeutete das für einzelne Produkte? Runde Tomaten beispielsweise wurden billiger, hat AMI-Forscher Behr ermittelt. Im Durchschnitt der Jahre 1999 bis 2001 kostete ein Kilo umgerechnet 1,62 Euro. 2002 bis 2004 waren es 1,50 Euro, 2009 bis 2011 noch 1,49 Euro. Ähnlich sah es bei Äpfeln der Sorte Jonagold aus: Der Preis sank in den drei Vergleichszeiträumen von durchschnittlich 1,67 Euro auf 1,30 Euro. Aber auch andere Produkte sind aus unterschiedlichen Gründen günstiger geworden. Mobiltelefone bekommt man jetzt im Vergleich zu damals quasi geschenkt – es sei denn, man möchte das neueste Smartphone am Tag des Verkaufstarts erwerben.

    Kaum teurer geworden sind in den ersten Jahren nach der Euro-Einführung die Wohnungsmieten. Ein Grund: Die Preise waren in den Verträgen festgelegt. Da mussten die Vermieter einfach umrechnen und konnten nicht tricksen.

    Drastisch dagegen ist die Inflation im Energiesektor. Der Mineralölverband gibt den Preis eines Liters Superbenzin für 2001 mit durchschnittlich 1,02 Euro an. 2010 waren es schon 1,41, heute bewegen sich die Kosten im Umkreis von 1,50 Euro. Die steigende Nachfrage in den Schwellenländern wie China und Indien, aber auch die gefürchtete Erdöl-Knappheit sind die Ursachen. In diesen wie in den meisten anderen Fällen sieht man: Die Preisentwicklungen haben ökonomische Gründe und hätten ohne Euro ganz ähnlich stattgefunden.

    Vielleicht gehört diese Einsicht zu den Gründen, warum die meisten Deutschen den Euro nach wie vor unterstützen. Nach aktuellen Daten des Brüsseler Zentrums für Europäische Politikstudien (CEPS) tun dies 65 Prozent der Bevölkerung – ein ähnlicher Wert wie 1990 und 2002.

    Auch die meisten Wirtschaftsforscher halten die gemeinsame Währung noch immer für eine Erfolgsgeschichte – unter der Voraussetzung, dass die Euro-Zone nicht unter dem Druck der Schuldenkrise zusammenbricht. „Und Deutschland steht auf der Gewinnerseite“, sagt Michael Schröder vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. Die geringe Inflation habe sich Deutschland als stärkstes Land der Euro-Zone durch Produktivitätszuwachs und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit erarbeitet, so Schröder. Aber auch vergleichsweise geringe Lohnsteigerungen spielten eine Rolle. Die dadurch bedingten Kostenvorteile und Exportüberschüsse gegenüber anderen Euro-Staaten allerdings halten Ökonomen wie Gustav Horn vom gewerkschaftsorientierten Institut für Makroökonomie mittlerweile für eine Ursache der Schuldenkrise.

    Und wie geht es jetzt weiter mit der Geldwertstabilität? Nur eine Minderheit der Wirtschaftsforscher rechnet mit zweistelligen Inflationsraten – trotz Schuldenkrise. Zu diesen wenigen gehört Thorsten Polleit, Ökonom bei Barclays Capital. Unter anderem durch den Kauf von Anleihen verschuldeter Staaten spüle die Europäische Zentralbank so viele Milliarden auf die Märkte, dass sich dieses Überangebot schließlich in zunehmender Geldentwertung bemerkbar machen werde, so Polleit.

    Die Mehrheit der Ökonomen aber sieht das anders, auch Michael Schröder vom ZEW. Einerseits stelle die Zentralbank den Privatinstituten zwar große Summen Geldes zur Verfügung, damit der Kreditvergabe weiterlaufe. Andererseits entziehe die EZB der Wirtschaft aber wieder Geld, damit die Geldmenge nicht zu sehr wachse. Deshalb, so Schröder, einstehe einstweilen kein Überangebot an Euro, und damit auch keine hohe Inflation.