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  • Filiale? Nicht nötig!

    Bundesbürger erledigen Bankgeschäfte online

    Im Ausland gelten die Deutschen als Digitalmuffel, oft erkennbar daran, dass sie bar bezahlen statt mit dem Mobiltelefon oder wenigstens mit Karte. Bei Bankgeschäften sind sie deutlich digitaler: Die Filiale lassen die Bundesbürger inzwischen meist links liegen und nutzen überwiegend PC oder Mobiltelefon, um Geld zu überweisen, wie eine repräsentative Umfrage des Bankenverbands zeigt. Selbst die Rentner verabschieden sich von der Filiale.

    „Auch nach der Corona-Pandemie erlebt die Filiale kein Comeback. Der bevorzugte Weg zur Bank ist für die allermeisten Kundinnen und Kunden heute digital“, fasst Heiner Herkenhoff zusammen, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands, in dem private Banken wie Commerzbank oder Deutsche Bank organisiert sind. 2018 griff die Hälfte der Bundesbürger aus der Ferne auf ihr Konto zu, dieses Jahr sind es 84 Prozent. „Es sind längst nicht nur die Jüngeren, die Online- und Mobile-Banking für ihre alltäglichen Bankgeschäfte schätzen“, sagt Herkenhoff. „Gerade die Generation der Über-60-Jährigen holt beim digitalen Banking gewaltig auf.“

    72 Prozent dieser Altersgruppe überweisen inzwischen online oder schauen sich ihren Kontostand an. 2018 waren es nur 23 Prozent. Ganz so digital, wie die jüngeren sind die Älteren aber bisher nicht, auch wenn sie die Technik inzwischen überzeugt. Rund 90 Prozent derjenigen, die noch keine 50 Jahre alt sind, nutzt PC oder Mobiltelefon für Bankgeschäfte. 2018 waren es gut 70 Prozent. Wer nicht online aufs Konto zugreift, geht noch in die Filiale einer Bank oder Sparkasse, aber nicht zwingend zum Bankschalter. Viele Menschen nutzen die Automaten im Vorraum für Überweisungen.

    Warum die Deutschen mehr auf Online-Banking setzen, kann mehrere Gründe haben: etwa, weil die Pandemie sie dazu drängte, damals waren viele Filialen geschlossen; weil die digitalen Angebote immer übersichtlicher und einfacher werden, also nutzerfreundlicher; weil es immer weniger Filialen gibt und sie dazu gezwungen sind. 2003 betrieben die Kreditinstitute nach Zahlen der Bundesbank noch 49.711 Filialen in Deutschland. 2022 waren es noch 20.446. Solche Standorte sind teuer. Viele Banken und Sparkassen sparen sich da lieber hohe Ausgaben, zumal dann, wenn es – vor allem auf dem Land – wenig Geschäft gibt.

    Ganz verzichten wollen viele auf die Filiale einer Bank oder Sparkasse nicht. „Während alles rund ums Konto und Bezahlen hauptsächlich digital erledigt wird, gibt es für komplexere Anliegen wie Wertpapieranlagen oder Kredite noch Bedarf für persönliche Beratung“, sagt Herkenhoff. So rufen 82 Prozent der Bundesbürger oft oder sehr oft den Kontostand online ab, 78 Prozent bezahlen Rechnungen oder richten Daueraufträge ein. Aber nur 21 Prozent nutzen Mobiltelefon oder PC, um Geld anzulegen, Aktien zu kaufen oder zu verkaufen. Noch weniger, 15 Prozent, schließen Kredite online ab. Hier ist den Bundesbürgern offenbar persönlicher Kontakt wichtig.

    Für den Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands ist deshalb klar, dass die Banken den unterschiedlichen Kundenbedürfnissen auch künftig nachkommen werden. Das bedeutet wahrscheinlich weniger Filialen, dafür aber mit persönlicher Beratung rund um Geldanlage und Darlehen. Die Spardabank Berlin, eine Genossenschaftsbank mit Filialen in Ostdeutschland, hat bereits 2022 begonnen, ihre Standorte radikal umzugestalten. So gibt es keine Geldautomaten oder Kontoauszugsdrucker mehr, dafür Café-Atmosphäre und Termine für Beratung. Und die Deutsche Bank testet in der Berliner Friedrichstraße seit Jahren das Quartier der Zukunft, eine neuartige Filiale die zeitweise eher wie ein Geschäft oder ein Restaurant wirkt. Geldautomaten sind um die Ecke verbannt. Im Schaufenster liegen schon mal Werbeprodukte des Filmfestivals Berlinale, drinnen wird Suppe serviert.

    Dass immer mehr Bundesbürger Bankgeschäfte online erledigen, hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass sie die Verfahren für sicher halten. „Das Vertrauen in die Sicherheit von Online-Banking ist weiter gestiegen“, sagt Herkenhoff. „Auch ältere Befragte sind heute mit großer Mehrheit von der Sicherheit überzeugt.“ Insgesamt sagen acht von zehn Befragten, sie hielten die Technik für sicher. 2013 waren es 46 Prozent. Für den Chef des Bankenverbands ist klar: Weil die Kunden festgestellt haben, dass Online-Banking gut funktioniert und sie sicher mit der Technik umgehen können, vertrauen sie ihr auch mehr.

  • Sauberer Sieg

    Kommentar zu DFB und NIke

    Im Sport und in der Wirtschaft gilt: Der Beste möge gewinnen. Im Wettbewerb um den Sponsoren-Großvertrag des Deutschen Fußballbundes DFB standen zuletzt die beiden Sportartikelhersteller Adidas und Nike. Adidas hat verloren. Der DFB, längst ein Wirtschaftsbetrieb, entschied sich zurecht für das bessere Angebot und damit Nike.

    Der neue Partner wird frischen Wind bringen, was nie schaden kann. Wer wie DFB und Adidas über mehrere Jahrzehnte eng verbandelt ist, wird möglicherweise etwas träge. Aus bestehenden Verträgen lässt sich auch nicht ableiten, dass es einen Anschlussvertrag gibt. Und Tradition allein gewinnt keine Spiele. Sonst müsste etwa Hannover 96 seit Jahren sehr weit vorn in der Bundesligatabelle stehen und nicht in der zweiten Liga kämpfen. Auch der Standort des Unternehmens ist unerheblich – Adidas und Nike produzieren im Ausland. Und auch der Sitz in Deutschland half Adidas nicht, zu gewinnen. Das Unternehmen kann jetzt bei der nächsten Ausschreibung wieder antreten und versuchen, die Amerikaner auszustechen.

    Das Angebot umfasst nicht nur Trikots und Unterstützung für Amateurvereine, sondern vor allem Geld. Der DFB hat bessere Zeiten gesehen. Er schreibt rote Zahlen und muss deshalb sehen, wie er die Einnahmen verbessert. Dass deutsche Nationalspielerinnen und Nationalspieler künftig mit dem Swoosh auftreten, ist Nike sehr viele Millionen wert. Offenbar trauen die Amerikaner auch den sportlich zuletzt eher mittelmäßigen deutschen Spitzenmannschaften deutlich mehr zu als Adidas. Qualitativ dürften die Produkte von Adidas und Nike sich ohnehin kaum unterscheiden. Wer das Pink aufs neue Auswärtstrikot druckt, ist egal. Letztlich gilt: Entscheidend ist auf dem Platz.

  • Werden Endlager überflüssig?

    Neue Konzepte versprechen sichere Reaktoren

    Werden Atomendlager überflüssig?

    Neue Konzepte versprechen sicherere und bessere Reaktoren. Doch es gibt Probleme.

    Seit dem vergangenen Jahr ist Deutschland aus der Atomenergie ausgestiegen. Die Debatte läuft aber weiter. Die herkömmlichen Anlagen sind zwar abgeschaltet, neue Technologien versprechen aber sauberen Strom und eine Lösung für den radioaktiven Abfall. Eine Studie im Auftrag des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung hat sie sich die Technologien genau angesehen.

    Mit welcher Technik laufen herkömmliche Atomkraftwerke?

    Grundsätzlich arbeiten alle Atomreaktoren ähnlich: Durch die Kernspaltung entsteht Hitze, die genutzt wird, um Strom zu erzeugen. Klassische Reaktoren verwenden Wasser, um den Reaktor zu kühlen. Es verdampft, treibt eine Turbine an, wird wieder flüssig. Dann beginnt der geschlossene Kreislauf von vorn. Wichtig: Das Wasser, das Kraftwerke aus Flüssen oder dem Meer bekommen, kühlt das Gas aus der Turbine und kommt nicht mit dem Reaktorinneren in Berührung.

    Was sind alternative Technologien?

    Andere Technologien nutzen statt Wasser zum Beispiel Gas, wie Helium, um den Reaktor zu kühlen. Verwendet werden können auch Blei, Natrium oder eine besondere Salzschmelze. In einem weiteren Schritt wird dann die Hitze per Wärmetauscher an Wasser abgegeben, das die Turbine antreibt. In jedem Fall sind Brennstäbe nötig und ein Reaktor. Geforscht wird vor allem in den USA, Russland und China.

    Warum wird an neuartigen Akw geforscht?

    Wer auf Atomenergie setzt, muss sich mit hochradioaktivem Atommüll beschäftigen. Einige der neuen Technologien sollen ihn als Brennstoff verwenden. Im besten Fall wäre ein Endlager überflüssig. Manche Technologie soll sicherer sein oder den Brennstoff besser ausnutzen. Ganz neu sind die vermeintlich neuartigen Technologien nicht. Viele seien bereits in den 50er und 60er Jahren entwickelt worden, sagt Christian Kühn, Präsident des Base. Keines habe sich bis heute durchgesetzt. Seit der Jahrtausendwende werden die Alternativen wieder genauer betrachtet – seit der Klimawandel die Suche nach sauberen Energiequellen antreibt.

    Wann sind die neuen Technologien marktreif?

    In den vergangenen Jahrzehnten gab es nach Angaben von Christoph Pistner vom Öko-Institut in Darmstadt zwar neue Erkenntnisse, bisher gibt es aber keine kommerzielle Anlage. Der Physiker ist einer der Autoren der Studie. Co-Autor Christian von Hirschhausen von der Technischen Universität Berlin erwartet marktreife Anlagen frühestens in vier Jahrzehnten, wenn überhaupt. Ein Problem sind die Kosten. Die US-Investmentbank Lazard bezifferte die Stromerzeugungskosten der Atomenergie 2021 auf rund 167 Dollar je Megawattstunde, für Wind und Solar lagen sie unter 50 Dollar. „Die Technologien werden seit mehr als 50 Jahren entwickelt, aber niemand wendet sie an, weil sie schlicht nicht wettbewerbsfähig sind“, sagt Wirtschaftsingenieur von Hirschhausen. Für den Klimaschutz kommen sie jedenfalls deutlich zu spät.

    Wie sicher sind solche neuartigen Anlagen?

    Einige der Anlagen sind in Teilen sicherer als herkömmliche Akw. Die Vorteile an einer Stelle würden aber durch Nachteile an anderer aufgewogen, sagt Pistner vom Öko-Institut. Insgesamt seien die alternativen Reaktorkonzepte nicht besser. Vielmehr gebe es neue Sicherheitsfragen, die zusätzliche Forschung nötig machten.

    Werden Endlager überflüssig?

    Eher nicht. Selbst wenn die Anlagen effizienter als klassische arbeiten, fällt weiter hochradioaktiver Abfall an, wie Base-Präsident Kühn sagt. Zusätzlich entsteht radioaktiv verstrahltes Material, etwa Natrium oder Salzschmelze, mit dem man bisher keine Erfahrung hat. Und bestehenden Atommüll so aufzuarbeiten, dass er weiter als Brennstoff verwendet werden kann, ist aufwändig und dauert. Und weil nicht jeder Müll verwendet werden kann, muss er doch auf die Deponie. „Ein Endlager in Deutschland ist ohne Alternative“, sagt Base-Präsident Kühn. Das Amt überwacht die Suche nach einem geeigneten Ort in Deutschland.

    Was sind SMR?

    SMR steht für Small Modular Reactors, kleine modular aufgebaute Reaktoren. Die Idee: Statt weniger großer Reaktoren werden sehr viele kleine gebaut, die standardisiert sind und sich industriell wie am Fließband fertigen lassen. So sollen die Kosten für die Anlagen deutlich sinken. Weltweit gibt es zahlreiche solcher Projekte, die mit unterschiedlichen Technologien arbeiten. Verwirklicht ist bisher keines, unter anderem wegen der hohen Kosten.

    Warum wird trotz des Atomausstiegs in Deutschland immer noch über Atomenergie debattiert?

    Atomkraftwerke liefern zuverlässig Strom und schaden dabei dem Klima nicht. Doch auch sie sind anfällig. So muss Frankreich als größte Atomnation der Welt immer wieder Kraftwerke herunterfahren, wenn die Kühlwassermenge in den Flüssen nicht reicht. Zudem ist das Thema geradezu mythisch umweht, der Mensch zähmt die Kraft der Natur und schafft saubere Energie im Überfluss. Oder, wie es Base-Präsident Kühn sagte: „Das Thema hat eine starke Dimension der Hoffnung. Wir als Berater der Politik liefern dazu einen Ausschnitt der Wirklichkeit.“

  • Klimaneutralität 2045 steht in Frage

    Kommentar zur EU-Gebäude-Sanierung

    Die europäische und auch die deutsche Klimapolitik steuern absehbar in eine Sackgasse. Das lässt sich an der Gebäude-Richtlinie ablesen, die wohl ab 2026 in Kraft tritt. Die EU-Staaten sollen auf dieser Basis die Energieverschwendung in Wohngebäuden, Büros und Gewerbebauten reduzieren. Sanierungspflichten für Hausbesitzerinnen und Besitzer sind aber nicht vorgesehen. So stellt sich die Frage, wie das Vorhaben gelingen könnte.

    Vielleicht für ein Drittel, vielleicht aber auch für die Hälfte der Besitzer von Wohngebäuden sind die Dämmung von Kellern, Wänden und Dächern, sowie der Einbau neuer Fenster zu teuer. Denn die Personen verfügen über keine ausreichenden Vermögen, oder der niedrige Wert der Immobilien rechtfertigt nicht die Sanierungskosten. Diese können leicht 100.000 Euro oder mehr pro Wohnung betragen.

    Im Wissen um dieses Problem trauen sich der europäische Gesetzgeber, aber auch die Bundesregierung nicht an individuelle Sanierungspflichten für Immobilienbesitzer heran, sondern hoffen auf irgendwelche staatlichen Programme. Doch diese funktionieren nur, wenn die öffentliche Hand den Hausbesitzern, die kein Vermögen haben, die Kosten abnimmt. Diese allerdings könnten sich hierzulande auf Dutzende Milliarden Euro pro Jahr belaufen. Das ist selbst für einen reichen Staat wie Deutschland sehr viel Geld. Woher derartige Mittel kommen sollen, ist unklar. Mit der hergebrachten öffentlichen Finanzpolitik und der Schuldenbremse klappt das jedenfalls nicht.

    So mag es sein, dass das geplante Programm zur energetischen Sanierung des Gebäudebestandes scheitert. Vielleicht haben dann viele Häuser in 20 Jahren eine Ökoheizung – aber die Energieverschwendung geht weiter. Das wiederum dürfte an eine andere Grenze stoßen: die voraussichtliche Knappheit regenerativ erzeugter Energie. Wie man es auch wendet: So, wie es jetzt umgesetzt wird, steht die Erreichung des Ziels der Klimaneutralität 2045 in Frage.

  • Wenn Starkregen tödlich wird

    Wetterdienst baut neues Portal auf

    Nach Starkregen und Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 soll ein neues Internetportal besser über extreme Naturereignisse aufklären. Im Zuge des Klimawandels sind solche Naturereignisse häufiger zu erwarten. Der Deutsche Wetterdienst (DWD), der das Angebot aufbauen soll, wird die Bevölkerung auch im Ernstfall warnen.

    Was ist geplant?

    Der Deutsche Wetterdienst wird eine Internetseite aufbauen, die umfassend über Naturgefahren informiert und auch vor Gefahren warnt. Die Informationen sind bereits bei verschiedenen Behörden bekannt, bisher gibt es aber keine zentrale Stelle, bei der jede und jeder sie einsehen kann. Das Portal startet zunächst mit Starkregen und möglichen Folgen. Einfließen werden zum Beispiel Informationen darüber, welche Regionen bei hohen Regenmengen anfällig etwa für Überschwemmungen und Erdrutsche sind. Auch soll es Hinweise geben, wie dramatisch bestimmte Niederschlagsmengen sind. Was zum Beispiel bedeuten 50 oder 200 Liter Regen pro Quadratmeter? So können Bundesbürger sehen, wie gefährdet sie sind – bereits, bevor eine Katastrophe droht. Verhindern kann das neue Angebot eine Katastrophe nicht, die Menschen sind aber dann besser vorbereitet. Das Portal soll schrittweise auf andere Naturgefahren erweitert werden, etwa Sturm und Erdbeben.

    Warum kümmert sich der Wetterdienst darum?

    Der DWD hat die technische Infrastruktur, um ein solches Naturgefahrenportal zu betreiben. Er erstellt bereits Wettervorhersagen für die Allgemeinheit und liefern Informationen etwa für die Schifffahrt oder die Landwirtschaft. Für die Behörde mit Sitz im hessischen Offenbach arbeiten rund 2500 Beschäftigte. Die Bundesländer, die für den Katastrophenschutz zuständig sind, haben das neue Portal angeregt. Der Bundestag hat jetzt das entsprechende Gesetz geändert.

    Wann geht es los?

    Der genaue Starttermin ist noch nicht bekannt. Der DWD plant bereits seit einiger Zeit, kann aber erst mit der gesetzlichen Grundlage richtig loslegen. Vor allem das Portal so zu programmieren, dass die Daten der Partner automatisch einfließen, kostet Zeit.

    Was kostet das Portal und wer bezahlt es?

    Die Bundesregierung schätzt die Kosten im laufenden Jahr auf 1,7 Millionen Euro. In den folgenden Jahren werden es rund 2,4 Millionen Euro sein, die der Bund als Träger des DWD übernimmt. Die Kosten beziehen sich vor allem auf den zusätzlichen Personalbedarf. Der Etat der Behörde, die dem Bundesverkehrsministerium zugeordnet ist, betrug 2023 rund 362 Millionen Euro.

    Was geschieht mit den bestehenden Warn-Apps?

    Es ist nicht geplant, bestehende und bereits etablierte Warn-Apps wie Katwarn und Nina oder die Wetterwarn-App zu ersetzen. Sie werden weiter genutzt. Die Warnfunktion des Naturgefahrenportals soll es zusätzlich geben. Auch Cell Broadcast, mit dem seit März 2023 Warnungen an Mobiltelefone verschickt werden können, bleibt bestehen.

    Welche Warnmethoden gibt es?

    Deutschland hat ein bundesweit einheitliches Warnsystem, das verschiedene Kanäle nutzt. Dazu zählen Sirenen, Hinweise in Rundfunk und Fernsehen, online und auf digitalen Informationstafeln etwa in U-Bahnen größerer Städte sowie über Lautsprecherwagen. In Großstädten können Hinweise auch auf digitalen Dachwerbetafeln auf Taxis angezeigt werden. Zusätzlich wird Cell Broadcast (deutsch etwa Mobilfunkzellen-Rundruf) genutzt. Mit diesem Verfahren können alle Mobiltelefone angesteuert werden, die im Netz angemeldet sind. Ein Projekt beim Bundesamt für Katastrophenschutz testet auch smarte Laternen, die mit Sirene und Lautsprecher ausgestattet sind. Warnungen könnten auch auf Navigationssysteme in Autos verschickt werden.

    Wer ist in Deutschland wofür zuständig?

    Der Bund ist für Zivilschutz und kriegsbedingte Gefahren zuständig. Er koordiniert Bundeswehr, Bundespolizei und Technisches Hilfswerk (THW). Die Länder kümmern sich um Katastrophenschutz, die Städte und Gemeinden um allgemeine, nicht-polizeiliche Gefahrenabwehr, etwa durch Feuerwehr und Rettungsdienste. Alle nutzen das bundesweite Warnsystem mit seinen verschiedenen Kanälen. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe mit Sitz in Bonn koordiniert seit 2004, unter anderem, weil manche Katastrophen wie Hochwasser nicht an Bundesländergrenzen enden. Es ist beim Bundesinnenministerium angesiedelt.

  • Aus für zwei Steuerklassen

    Doppelverdiener werden anders besteuert

    Bald wird das deutsche Steuerrecht einschneidend verändert. Die Bundesregierung will die Zahl der Steuerklassen verringern. Vor allem Frauen profitieren.

    Was plant die Bundesregierung?

    Wie Koalitionsvertrag 2021 vereinbart, will die Bundesregierung zwei der sechs Steuerklassen abschaffen. Statt der Steuerklassen 3/5 soll immer die Steuerklasse 4 gelten. Das Steuerrecht soll so für die Mehrheit der Bundesbürger einfacher und unbürokratischer werden und vor allem fairer.

    Warum gibt es unterschiedliche Steuerklassen?

    Wer in Deutschland bei einem Unternehmen angestellt ist, zahlt Lohnsteuer. Und der Arbeitgeber ist verpflichtet, die Lohnsteuer vom Bruttoverdienst abzuziehen und an das Finanzamt zu überweisen. Damit das nicht zu aufwändig wird, sind die Beschäftigten bestimmten Steuerklassen zugeordnet, in denen bereits Freibeträge wie der für Kinder und Pauschalen berücksichtigt sind. Das jeweilige Finanzamt teilt dabei die Steuerklasse zu.

    Welche Steuerklassen gibt es?

    Steuerklasse 1: Sie gilt für Alleinstehende, also für alle, die ledig, geschieden oder verwitwet sind.

    Steuerklasse 2: Auch diese Steuerklasse gilt für Singles, allerdings für alle, bei denen noch ein oder mehrere Kinder leben. Die Steuerklasse berücksichtigt entsprechende Freibeträge für Alleinerziehende.

    Steuerklassen 3 und 5: Diese Klasse ist für Alleinverdiener in einer Ehe oder einer eingetragenen Lebenspartnerschaft vorgesehen. Sie kann auch bei Doppelverdienern gelten, wenn ein Partner die Steuerklasse 5 gewählt hat. Das rechnet sich vor allem bei Doppelverdienern, deren Einkommen sich stark unterscheidet. Die Steuerklasse 5 hat besonders wenig Freibeträge und Pauschalen, dafür wird der Grundfreibetrag bei Steuerklasse 3 verdoppelt. Wer viel verdient, bekommt mit Steuerklasse 3 mehr heraus, der geringere Verdienst wird dafür mit Steuerklasse 5 deutlich stärker belastet.

    Steuerklasse 4: Steuerklasse vier richtet sich an Doppelverdiener, die verheiratet sind oder in einer eingetragenen Partnerschaft leben. Jeder Partner zahlt so viel Steuern, wie nach seinem Ei kommen nötig ist.

    Steuerklasse 6: In dieser Steuerklasse wird eingeordnet, wer noch einen zweiten Job hat. Sie gilt nur für dieses Arbeitsverhältnis. Der Arbeitnehmer oder die Arbeitnehmerin hat dann zwei Steuerklassen, für jeden Job eine. In der Steuerklasse 6 gibt es keine Freibeträge oder Pauschalen, die Steuerbelastung ist hier am höchsten.

    Rund 51 Prozent der Beschäftigten haben nach Angaben des Bundesfinanzministeriums Steuerklasse 1, etwa 23 Prozent Steuerklasse 3 und 15 Prozent Steuerklasse 4.

    Warum will die Bundesregierung die Steuerklassen 3 und 5 abschaffen?

    Die Idee hinter der Regelung mit Steuerklassen 3/5 war, dass der Hauptverdiener in einer Ehe mehr Geld nach Hause bringt. Das benachteiligt vor allem arbeitende Frauen. Nach Zahlen des Bundesfinanzministeriums hatten 2018 rund 16,9 Prozent aller arbeitenden Frauen Steuerklasse 5, aber nur 1,8 Prozent der Männer. Künftig soll für beide Partner Steuerklasse 4 gelten. Mit der Änderung wird die monatliche Steuer gerechter verteilt. Möglicherweise lohnt es sich dann vor allem für Frauen, überhaupt zu arbeiten, weil mehr Netto vom Brutto übrig bleibt.

    Was bedeutet das für die Steuerzahler?

    Das monatliche Nettogehaltsgefüge verschiebt sich. Bei stark unterschiedlichen Einkommen in einer Ehe oder Lebenspartnerschaft wird künftig die Person mit dem höheren Einkommen monatlich mehr Steuern zahlen, die Person mit den geringeren Einkommen weniger. Über das Jahr gesehen zahlt das Paar aber insgesamt nicht mehr Steuern, weil dann das Einkommen beider für die abschließende Steuererklärung zusammengerechnet wird.

    Wann werden die Steuerklassen abgeschafft?

    Das Bundesfinanzministerium nennt keinen genauen Termin. Derzeit laufen aber abschließende Gespräche für ein Gesetz. Sollte es beschlossen werden, muss allerdings noch die IT umgestellt werden.

    Was ist der Unterschied zum Ehegattensplitting?

    Die Steuerklassen sollen den monatlichen Steuerabzug vereinfachen. Das Ehegattensplitting bezieht sich auf die jährliche Steuererklärung, mit der festgestellt wird, ob man über das Jahr tatsächlich zu viel oder zu wenig Steuern gezahlt hat.

    Was ist das Ehegattensplitting?

    Das Ehegattensplitting ist ein Verfahren, mit dem ermittelt wird, wie viel Steuern jemand tatsächlich auf das Einkommen eines Jahres zahlen muss. Es gilt nur für Verheiratete und Lebenspartner, die nicht dauerhaft getrennt leben. Das gemeinsame Einkommen beider Partner wird dabei zusammengelegt und halbiert. Dann wird die Steuer ermittelt und das Ergebnis verdoppelt. So wirkt es, als habe jeder Partner die Hälfte des gemeinsamen Einkommens verdient unabhängig davon, wie viel er oder sie tatsächlich verdient hat. Vor allem, wenn sich die Einkommen der Partner stark unterscheiden, zahlen beide mit dem Splittingverfahren deutlich weniger Steuern, als wenn die Steuer jeweils einzeln ermittelt wird. Unverheiratete Paare können das Splitting nicht nutzen und werden einzeln veranlagt.

    Soll das Ehegattensplitting auch abgeschafft werden?

    Das Verfahren ist zwar umstritten, die Ampelregierung will es aber nicht antasten.

  • Vollmacht für den Ernstfall

    Jeder kann überraschend handlungsunfähig sein

    Wenn das Leben läuft, gibt es kaum einen Grund sich mit schweren Krankheiten, Unfällen oder gar dem Tod zu beschäftigen. Dennoch sollten Bürgerinnen und Bürger sich darum kümmern, dass sie jemand vertreten kann, wenn sie selbst nicht mehr voll handlungsfähig sind. Zwei wichtige Dokumente helfen, im Ernstfall die eigenen Interessen zu wahren und nach eigenen Wünschen behandelt zu werden: Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung.

    Wann ist eine Vorsorgevollmacht nötig?

    „Sie ist nötig, wenn eine Person nicht mehr für sich selbst entscheiden kann“, sagt Simone Weidner von Finanztest. Gut, wenn es dann jemanden gibt, der alle Aufgaben erledigen und auch rechtsverbindlich entscheiden kann. Das ist keine Frage des Alters: „Wir empfehlen eine Vorsorgevollmacht, sobald eine Person volljährig ist.“ Denn Eltern seien bis zum 18. Geburtstag sorgeberechtigt und dürften nur bis zu diesem Zeitpunkt entscheiden. „Wer ab 18 Jahren möchte, dass die Eltern weiterhin entscheiden, benötigt eine Vorsorgevollmacht, in der das geregelt ist“, sagt Weidner. Auch Verheiratete brauchen eine solche Vollmacht. Denn sie können gegenseitig nur in einem medizinischen Notfall und in gesundheitlichen Angelegenheiten entscheiden – maximal sechs Monate lang. Liegt keine Vorsorgevollmacht vor, übernimmt möglicherweise ein Richter, der die betroffene Person nicht kennt.

    Was ist in einer Vorsorgevollmacht geregelt?

    Unterschiedliche Punkte können festgelegt werden. Wer die Vollmacht erteilt, kann die bevollmächtigte Person beauftragen, dass sie sie gegenüber Ärzten und Pflegeeinrichtungen vertreten darf, ihren Aufenthaltsort bestimmen, eine neue Wohnung mieten und die alte kündigen kann. Das Gleiche gilt für Telefonverträge oder Versicherungen. Heikel ist sicher, ob die bevollmächtigte Person auf das Vermögen zugreifen darf. Hier entsteht der meiste Ärger in Familien, vor allem, wenn die in der Vollmacht genannte Vertrauensperson keine direkte Verwandte ist. Eventuell sind Zusatzvereinbarungen nötig und möglicherweise der Gang zum Notar.

    Wie ist das mit Zugriff auf ein Bankkonto?

    Im Prinzip sollte die Vorsorgevollmacht ausreichen, damit die bevollmächtigte Person auch auf Bankkonten Zugriff hat, um zum Beispiel offene Rechnungen zu bezahlen. Oft verlangen Kreditinstitute aber zusätzlich eine Bankvollmacht. Darum sollte man sich rechtzeitig kümmern, eine Bankvollmacht für den Betreuungsfall erteilen. Einfach nur die Zugangsdaten fürs Onlinebanking weiterzugeben, mag vielleicht funktionieren, ist aber rechtlich heikel.

    Wer sollte bevollmächtigt werden?

    „Die Person muss das absolute Vertrauen genießen“, sagt Finanztest-Expertin Weidner. Wobei absolutes Vertrauen nicht reicht. Wer bevollmächtigt wird, „sollte auch in der Lage sein, mit Ärzten, Ämtern und anderen offiziellen Stellen zu reden.“ Also, die Interessen des Vollmachtgebers oder der Vollmachtgeberin durchzusetzen. Mit der Person sollte unbedingt alles besprochen werden, bevor sie bevollmächtigt wird.

    Was ist eine Patientenverfügung?

    „Die Patientenverfügung regelt die Fälle am Ende des Lebens, in denen eine Person nicht mehr in der Lage ist, sich selbst zu äußern, sei es durch Gesten oder Sprechen“, sagt Weidner. „Und wenn sich ein Patient nach ärztlicher Einschätzung aller Voraussicht nach dauerhaft nicht mehr äußern kann.“ Es geht zum Beispiel darum, ob jemand künstlich ernährt oder beatmet werden soll, wenn etwa eine Demenz stark fortgeschritten ist, das Hirn nach einem Unfall sehr schwer geschädigt ist oder der Tod naht.

    Welche Vorteile hat sie?

    Alle Menschen altern und werden sich mit Themen wie Alzheimer, Demenz und schwerer Krankheit beschäftigen müssen. „Ganz wichtig: Einmal über alles sprechen und sich fragen: ,Was ist für mich Lebensqualität, wenn ich nicht mehr so kann? Soll alles medizinisch Mögliche gemacht werden?‘“, sagt die Finanztest-Expertin. Wer dann die Verfügung ausfüllt, kann sicher sein, dass im Fall des Falles nach den eigenen Wünschen gehandelt wird. Und: „Eine Patientenverfügung entlastet Angehörige, weil sie nicht entscheiden müssen, schließlich ist der Wille schon formuliert. Und sie bringt Klarheit für Ärzte“, sagt Weidner.

    Worauf muss man bei einer Patientenverfügung achten?

    Wichtig für alle, die kein Formular verwenden: „Sie muss so konkret wie möglich formuliert sein“, sagt Weidner. „,Ich möchte menschenwürdig behandelt werden‘ oder ,Ich will nicht an Schläuchen hängen‘ reicht nicht.“

    Wie müssen Vollmacht und Verfügung aussehen?

    Sie können mit der Schreibmaschine getippt, am Computer verfasst oder handschriftlich formuliert sein. „Es gibt keine Formvorschrift für die Vorsorgevollmacht“, sagt Weidner. „Deshalb finden sich im Internet auch viele verschiedene Formulare. Wir empfehlen schon, Vordrucke zu verwenden, damit alle Punkte bedacht werden.“ Weidner ist Mitautorin des Standardwerks der Stiftung Warentest zum Thema. Das Vorsorgebuch enthält neben Formularen auch ausführliche Informationen dazu, wie man sie ausfüllt.

    Lassen sich Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung ändern?

    Grundsätzlich ist das jederzeit möglich. Bei der Vorsorgevollmacht muss man geschäftsfähig sein. Um die Patientenvollmacht zu ändern oder zu widerrufen, reicht es, einwilligungsfähig zu sein.

    Wie wichtig ist es, dass ein Notar alles beglaubigt?

    Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung gelten mit Datum und Unterschrift. „Mehr Rechtssicherheit bietet es, die Unterschrift gegen eine Gebühr notariell beglaubigen zu lassen“, sagt Weidner. „Beurkundet ein Notar die Vollmacht, wird es teurer. Er erstellt das Formular und berät ausführlich.“ Allerdings kann der Gang zum Notar nötig sein, wenn große Vermögen im Spiel sind, die Verwandtschaftsverhältnisse angespannt sind oder sonst mit Ärger für die bevollmächtigte Person zu rechnen ist. Auch die zuständige Betreuungsbehörde kann eine Unterschrift beglaubigen. Die Gebühr beträgt zehn Euro. Die entsprechende Behörde lässt sich unter test.de/betreuungsbehoerdenfinder mit Eingabe der Postleitzahl herausfinden.

    Wo sollten die Unterlagen liegen?

    Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung können zu Hause aufbewahrt werden. Der Ort ist nicht so wichtig, Hauptsache, der oder die Bevollmächtigte wissen, wo sie liegen. Um sicherzugehen, dass zum Beispiel Ärzte im Fall der Fälle wissen, wen sie ansprechen müssen, empfiehlt die Stiftung Warentest, Vollmachten und Patientenverfügung im Vorsorgeregister (www.vorsorgeregister.de) einzutragen und dort auch den Namen der Kontaktperson zu hinterlegen. Die Bundesnotarkammer führt das Register im gesetzlichen Auftrag. Um die Daten zu hinterlegen, wird eine einmalige Gebühr fällig. Sie beginnt bei 20,50 Euro und richtet sich nach dem Umfang der Dokumente. Wichtig: Hier wird nur hinterlegt, dass es die Dokumente gibt, nicht die Dokumente selbst.

  • Geheimnis der Blockchain

    Wie sie funktioniert und was sie bringt

    50.000 Dollar, 60.000 Dollar – der Wert eines Bitcoin steigt gerade kräftig. Die hochspekulative Kryptowährung gibt es nicht zum Anfassen, keine Bank kontrolliert sie. Möglich macht das eine Technologie namens Blockchain. Die kann deutlich mehr und bietet vor allem für Unternehmen Chancen, viel Geld zu sparen und sich von lästiger Bürokratie zu trennen – etwa im Handel, bei Medizin oder Lieferketten.

    Was ist Blockchain?

    Sehr vereinfacht ist eine Blockchain eine bestimmte Form, Daten zu speichern. Und diese Daten liegen nicht bei einer Firma oder Person, die sie überwacht, sondern bei mehreren gleichzeitig.

    Wie funktioniert sie?

    „Eine Blockchain funktioniert wie die Seiten eines Kassenbuchs. Im Kassenbuch wird zum Beispiel eingetragen, dass Person A die Summe X an Person B überwiesen hat“, erklärt Benedikt Faupel, der sich mit dem Thema beim Branchenverband Bitkom beschäftigt. „Ist eine Seite voll, wird zusammengerechnet, der Gesamtwert oben auf der nächsten Seite notiert. Darunter folgen dann neue Einträge. Man kann zurückblättern.“ Anders als das Kassenbuch ist die Blockchain digital. Hier werden sogenannte Blöcke gefüllt, am Ende eines Blocks automatisch ein eindeutiger „Hashwert“ für den Block erzeugt und oben auf den nächsten Block übertragen. So entsteht eine Kette von Blöcken, englisch Blockchain. Und auch bei einer Blockchain lässt sich zurückblättern.

    Und die Kontrolle der Daten?

    „Blockchain ist ein bisschen wie das Kartenspiel Uno. Alle Spieler sehen den Stapel, in dem das aktuelle Spiel praktisch gespeichert ist. Niemand kann eine Karte herausziehen und das Spiel ändern“, erklärt Tobias Tenner, Leiter Digital Finance beim Bankenverband, das Prinzip. Das fiele den anderen sofort auf. „Und es gibt Regeln – den Konsensmechanismus der Blockchain –, wie die Karten abgelegt werden dürfen. Nur gleiche Zahlen oder gleiche Farben übereinander.“ Tatsächlich ist eine Blockchain bei mehreren Unternehmen oder Personen gespeichert. Ändert jemand in seiner gespeicherten Fassung einen älteren Block, schreibt zum Beispiel, A habe B nicht die Summe X, sondern die Summe Y überwiesen, ändert das automatisch auch alle folgenden Blöcke in dieser Fassung. Sie sieht dann anders aus als die Fassungen bei allen anderen. Der Vergleich zeigt: Offenbar wurde etwas manipuliert. Eine zentrale Kontrollinstanz, die alles überwacht, ist nicht nötig.

    Ein digitales Kassenbuch mit besonderer Speichertechnik und Kontrolle – warum ist das so spektakulär?

    Eine Blockchain ist nicht nur ein digitales Kassenbuch. „Auf einer moderneren Blockchain lässt sich nicht nur eintragen, wer wann wem was gezahlt hat, sondern auch Regeln, sogenannte Smart Contracts“, sagt Faupel vom Bitkom. „Ein Beispiel wäre: Wenn der Container verplombt und unbeschadet aus Hafen X in Hafen Y angekommen ist, bekommt die Reederei automatisiert eine Zahlung in einer bestimmten Höhe.“ Hinterlegen lassen sich auch Fotos oder Dokumente vergleichbar einem Fingerabdruck. Dann muss nicht mehr das komplette Zollpapier mitgeführt oder gespeichert werden, sondern es reicht eine digitale Bestätigung, dass das Papier erstellt wurde.

    Welche Vorteile hat die Technologie?

    Aufwändige Dokumentationen auf Papier entfallen, alles wird schneller, weil zum Beispiel der Versand von Frachtpapieren per Post entfällt. Die Auslieferung eines Kühlcontainers kann automatisch blockiert werden, wenn Sensoren im Container zeigen, dass die Kühlkette nicht eingehalten wurde – ohne große Kontrollen. Auch muss nicht überprüft werden, ob etwa Geld oder eine Lieferung eingegangen ist. Insgesamt verringert sich die Bürokratie, weil vieles automatisiert wird. Und dadurch sinken die Kosten.

    Wo wird die Technologie bereits angewendet?

    Viele Kryptowährungen wie Bitcoin nutzen eine Blockchain. Auch einige Banken arbeiten bereits bei bestimmten Wertpapieren mit der Technologie, besonderen Anleihen zum Beispiel. „Wenn Bank A die Papiere von Bank B kaufen möchte, gibt das System sie erst frei, wenn es erkennt, dass Bank A auch bezahlen kann“, sagt Tenner. „Bisher muss zum Beispiel die Europäische Zentralbank EZB für die Zahlung eingebunden werden.“

    Wo lässt sich die Technologie anwenden?

    „Die Technologie ist interessant im Zusammenhang mit dem Lieferkettensorgfaltsgesetz, bei dem Unternehmen dokumentieren müssen, wo welche Waren und Vorprodukte genau herkommen“, sagt Wolfgang Prinz, der das Blockchain Reallabor in Hürth bei Köln leitet. „Auch wer sicherstellen will, dass Medikamente nicht gefälscht sind, kann den Weg vom Werk über Zwischenhändler bis zur Apotheke in einer Blockchain dokumentieren.“ Für den Experten ist die Technologie auch für ein zeitlich begrenztes Projekt sinnvoll, etwa ein Bau, dessen Fortschritt und Änderungen in der Blockchain dokumentiert sind. „Zugriff hat zum Beispiel das Baukonsortium. Sollten Probleme auftreten, lässt sich nachprüfen, wer was wann, geliefert oder geprüft hat“, sagt Prinz. „Und selbst wenn das Objekt dann verkauft wird, sind alle Informationen noch in der Blockchain gespeichert.“

    Warum wird die Technologie nicht stärker genutzt?

    Noch ist nicht klar, was alles möglich ist. „Das Thema Blockchain und seine Anwendungen stehen noch am Anfang“, sagt Prinz. „Da wird sich noch viel entwickeln. Derzeit wird immer noch sehr viel ausprobiert, ständig entstehen neue interessante Anwendungen.“

    Ist jede Blockchain gleich?

    Nein. Das Prinzip ist gleich, aber wie sie programmiert ist, unterscheidet sich. Auch das ist ein Grund, warum sich die Technologie nur langsam durchsetzt. „Ganz wichtig beim Thema Blockchain ist ein einheitlicher Standard, mindestens in Europa“, sagt Tenner. „Die Kryptowährungen Bitcoin und Etherum nutzen beide Blockchain, verstehen sich aber nicht ohne weiteres. Das ist, als wollte man einen deutschen Schukostecker in eine britische Steckdose stecken.“

    Wie groß ist solch eine Blockchain-Datei?

    Die Bitcoin-Blockchain ist die älteste, bekannteste und auch größte. Sie umfasst etwa 457 Gigabyte.

  • Der Schwarzmarkt gewinnt

    Angeblich wächst das illegale Angebot

    Etwas mehr als ein Jahr ist die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder voll im Einsatz. So richtig rund läuft die Arbeit aber nicht. Die legalen Onlinewettanbieter beklagen sinkende Umsätze – und vermuten, dass der Schwarzmarkt kräftig wächst. Den sollte die Behörde bekämpfen. Was ist los bei den obersten Kontrolleuren?

    2021 haben sich die Bundesländer nach jahrelangem Hickhack darauf geeinigt, den deutschen Markt für Onlinewetten zu öffnen. Sie schufen die Gemeinsame Glücksspielbehörde (GGL), die sich jegliche Glücksspiele im Internet kümmert – außer um Online-Roulette, was weiter unter der Hoheit der einzelnen Bundesländer liegt. Die GGL mit Sitz in Halle/Saale vergibt auf Antrag Lizenzen für legales Online-Glücksspiel und bekämpft Anbieter, die Zocker illegal auf ihre Seiten locken.

    Die Idee ist einfach: Gibt es ein legales, kontrolliertes Angebot, lassen sich Spieler gut davor schützen, zu viel Geld auszugeben. Man muss sich anmelden, es gibt eine zentrale Datei, die verhindert, das ein Spieler mehr als 1000 Euro im Monat setzt. Eine weitere Datei verhindert, dass jemand mehrere Glücksspiele parallel spielt. Gleichzeitig soll der Schwarzmarkt unattraktiv werden. Doch tatsächlich läuft es anders, zumindest aus Sicht der Online-Sportwettenanbieter.

    Im vergangenen Jahr hatte der Branchenverband DSWV die neue Behörde noch euphorisch begrüßt. Und auch jetzt lobt er die GGL – zumindest ein bisschen. Allerdings laufen die Geschäfte nicht wie erwartet, was aus Sicht des Verbandes auch an der GGL liegt. Sportwetten sind vor virtuellen Automatenspielen das größte Onlinesegment. Und im vergangenen Jahr setzten Spieler 7,7 Milliarden Euro bei den legalen Anbietern in Deutschland, sechs Prozent weniger als im Jahr zuvor und sogar 18 Prozent weniger als 2021.

    „Es sei ein Trugschluss, dass weniger gewettet werde“, kommentiert DSWV-Präsident Mathias Dahms die Zahlen. „Wir denken, dass die Spieler in den Schwarzmarkt abgedriftet sind.“ Der ist im Internet meist nur einen Klick entfernt. Und dort werde tendenziell mehr Geld eingesetzt, sagt Dahms. Die Behörde müsse den Schwarzmarkt stärker bekämpfen und legale Angebote stärken. In beiden Fällen hakt es demnach bei der GGL, dabei sind das Kernaufgaben der Behörde.

    Die Sportwettenanbieter wollen vor allem mehr Wetten anbieten, was das Geschäft verbessert. Oder wie es Verbandspräsident Dahms formuliert: „Spielerschutz setzt ein attraktives Angebot voraus.“ Seine These: Wie im Supermarkt wünschen sich die Spielerinnen und Spieler ein breites Angebot, auch wenn sie immer nur dieselben Spiele spielen. Und wenn das legale Angebot zu eingeschränkt ist, lockt halt das illegale.

    Die Glücksspielbehörde verweist darauf, dass „derzeit in Deutschland mehr als hunderttausend verschiedene Sportwetten legal möglich“ sind. Das sei eine erhebliche Anzahl. Die meisten Spieler werden beim Fußball, vielleicht noch bei Basketball und Handball, setzen und da zum Beispiel auf Spiele der großen Ligen in Europa. Tennis, Surfen und Fechten sind eher am Rand interessant, ebenso wie die Bob-WM oder die erste Fußballiga in Gibraltar.

    „Bei Sportwetten sehen wir derzeit eine Konsolidierung des legalen Marktes, der sehr dynamisch ist“, heißt es bei der GGL. Einige Anbieter hätten sich aus dem Markt verabschiedet, neue kämen hinzu. Und: „Die Entwicklung der Spieleinsätze hängt zudem immer auch von der Anzahl der angebotenen Großveranstaltungen wie EM oder WM ab, aber auch von der Leistung der deutschen Nationalmannschaft und der erfolgreichen Clubs, insbesondere im Fußball.“ Die EM im eigenen Land diesen Sommer könnte also einen Schub für die Wettanbieter bringen.

    Auch im Kampf gegen illegales Glückspiel könne die GGL bereits gute Erfolge vorweisen, heißt es aus Halle. Vor allem Zahlungen zu blockieren, erweise sich als scharfes Schwert gegen illegale Anbieter. Banken überweisen dann kein Geld an die Unternehmen. Allerdings hat die GGL an anderer Stelle Schwierigkeiten: beim Sperren von Internetseiten, dem IP-Blocking. Die Behörde wollte führende Internetprovider gerichtlich dazu zwingen, illegale Glücksspielangebote zu streichen. Doch bisher ist rechtlich nicht endgültig geklärt, ob die Provider dazu verpflichtet sind.

    Auch sonst sieht sie den Schwarzmarkt als nicht so riesig an. Zwischen 800 und 900 Seiten mit illegalen Sportwetten, Online-Casinos, Online-Poker und virtuellen Automatenspielen führte die GGL im November auf. Geschätztes Marktvolumen 300 bis 500 Millionen Euro, ein Bruchteil der rund 14 Milliarden Euro des erlaubten Marktes, von dem die GGL aber nur einen Teil überwacht.

    „Insgesamt sehen wir zu wenig Rückendeckung bei den Staatsanwaltschaften“, heißt es bei der GGL. Zudem will der Gesetzgeber mit der Reform des Strafgesetzbuchs einen Paragrafen streichen, der der Behörde die Chance gibt, bei Verdacht auf illegales Glücksspiel Strafanzeige zu stellen.

    Jedenfalls sieht die Behörde die Lage anders als die Unternehmen. „Legale Anbieter müssen umfangreiche Lizenzierungsanforderungen erfüllen und strenge Regeln des Spielerschutzes umsetzen“, heißt es. „Diese Auflagen schlagen sich nach unseren Erkenntnissen – entgegen den Behauptungen der Branche – nicht in langfristig rückläufigen Umsatzzahlen nieder.“ GGL und Branche betonen immerhin, konstruktiv miteinander zu reden.

    Wer Hilfe im Umgang mit Glücksspielsucht benötigt, findet unter www.bundesweit-gegen-gluecksspielsucht.de Angebote. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung informiert auf der Internetseite www.check-dein-spiel.de. Beratung bietet die Zentrale anonym unter der kostenfreien Telefonnummer 0800 1372700.

    Die Liste der zugelassenen Anbieter findet sich unter https://www.gluecksspiel-behoerde.de/de/erlaubnisfaehigesgluecksspiel/whitelist

    Erlaubte Sportwetten sind im Detail unter https://www.gluecksspiel-behoerde.de/de/erlaubnisfaehigesgluecksspiel/sport-und-pferdewetten aufgeführt.

  • Cannabis aus dem Klub

    Bundestag gibt Droge kontrolliert frei

    Für Deutschland ist es ein historischer Tag. Der Bundestag legalisiert an diesem Freitag Cannabis für Erwachsene. Polizei und Gerichte sollen entlastet, der Schwarzmarkt zurückgedrängt, die Menschen besser aufgeklärt werden. Und für die Firmen, die die Pflanzen in Deutschland als Basis für Medikamente anbauen, wird es deutlich einfacher.

    Worum geht es?

    Das Cannabisgesetz regelt zwei Bereiche neu: zum einen den privaten Anbau und Konsum, der bisher illegal ist, zum anderen den heimischen Anbau für medizinische Zwecke, der derzeit nur unter sehr strengen Auflagen möglich ist. „Mit dem Gesetz werden Konsumenten entkriminalisiert. Das ist gut und war überfällig“, sagt Jürgen Neumeyer, Geschäftsführer des Branchenverbands Cannabiswirtschaft. Die Bundesregierung beziffert die Entlastung allein für Polizei und Justiz auf mehr als 230 Millionen Euro.

    Was ist Privatpersonen künftig erlaubt?

    Wer älter als 18 ist, darf bis zu 25 Gramm Cannabis bei sich tragen. Zu Hause dürfen bis zu 50 Gramm gelagert werden. Auch der Konsum in der Öffentlichkeit wird erlaubt, in Sichtweite von Kitas, Schulen, Sportstätten bleibt er aber verboten. Sichtweite bedeutet ungefähr 100 Meter. Anbau für den Eigenbedarf ist möglich. Zulässig sind je Erwachsenem bis zu drei Pflanzen, die in der Wohnung, auf dem Balkon, im Garten, im Gewächshaus oder im Wochenendhaus stehen können. Es muss sichergestellt sein, dass die Pflanzen nicht öffentlich zugänglich sind. An Minderjährige darf nichts weitergegeben werden.

    Wo bekomme ich Cannabis?

    Weil kommerzieller Anbau und Verkauf wegen EU-Recht nicht möglich ist, sieht das Gesetz neben dem Eigenanbau nichtgewerbliche Anbauvereinigungen vor, etwa als Verein oder Genossenschaft.

    Wie funktionieren die Anbauvereinigungen?

    Die Vereinigungen, auch Klubs genannt, dürfen bis zu 500 Mitglieder mit deutschem Wohnsitz haben und Cannabis für diesen Personenkreis zum Eigenverbrauch anbauen. Abgegeben werden dürfen pro Mitglied täglich 25 Gramm, im Monat höchstens 50 Gramm – eine recht große Menge. Mitglieder im Alter von 18 bis 21 Jahren dürfen nur 30 Gramm monatlich beziehen. Minderjährige dürfen nicht aufgenommen werden und auch kein Cannabis bekommen. Die Bundesregierung rechnet mit bis zu 3000 solcher Vereinigungen. Mitgliedschaft ist nur in einer einzigen möglich. Der Staat soll die Klubs überwachen. Die Bundesregierung geht davon aus, dass die Qualität des Cannabis aus den Klubs besser ist als auf dem Schwarzmarkt, wo der Stoff zum Teil gestreckt ist und der Gehalt an Wirkstoffen stark schwankt. Nach einer Umfrage des Branchenverbands dürften die Preise je Gramm bei sieben bis acht Euro liegen. Auf dem Schwarzmarkt sind es um die zehn Euro.

    Was ist mit Gerichtsverfahren wegen Besitz und Konsum von Cannabis?

    Für Vergehen, die nach dem neuen Gesetz nicht mehr strafbar sind, ist ein Straferlass vorgesehen – vorausgesetzt, sie sind noch nicht vollstreckt.

    Welche Wirkstoffe hat Cannabis?

    Zwei wesentliche Inhaltsstoffe: THC und CBD. THC lindert Schmerzen, entspannt und löst Rausch aus. Es unterlag bisher dem Betäubungsmittelgesetz (BTM). Der THC-Gehalt in Pflanzen liegt in der Regel zwischen drei (einfacher Anbau) und mehr als 20 Prozent (Medizinal-Cannabis). CBD soll beruhigen und entkrampfen. Es gibt verschreibungspflichtige Arzneimittel mit dem Stoff. Im Handel sind auch frei erhältliche Produkte , deren Nutzen aber umstritten ist.

    Was ist der Unterschied zwischen Medizinal-Cannabis und Cannabis für den privaten Gebrauch?

    Medizinal-Cannabis unterliegt den strengen Anforderungen an Medikamente. Die Anbauer müssen sicherstellen, dass der Wirkstoffgehalt immer gleich ist. Deshalb wachsen die entsprechenden Pflanzen in klimatisierten Räumen mit künstlicher Versorgung und künstlichem Licht. Freizeitcannabis dagegen unterliegt keinen Regeln. Allerdings werden die Klubs versuchen, möglichst gleichbleibende Qualität zu liefern.

    Wofür wird das Medizinal-Cannabis verwendet?

    Der Stoff, etwa als Blüten, wird hauptsächlich als Schmerzmittel eingesetzt, vor allem bei Personen, deren starke Schmerzen nicht mehr mit herkömmlichen Opiaten behandelt werden können.

    Was ändert sich bei Medizinal-Cannabis?

    „Mit dem Gesetz entfallen das komplizierte Vergabeverfahren und die Anbauquoten. Die zuständige Behörde Bfarm in Bonn muss die Produktion zwar immer noch genehmigen, aber es wird insgesamt einfacher“, sagt Constantin von der Groeben, Co-Chef des deutschen Anbauers Demecan. Und der Status als Betäubungsmittel entfalle. „Patienten müssen immer noch zum Arzt, um sie Cannabis-Produkte verschreiben zu lassen, aber die aufwändige Bürokratie mit besonderen Rezepten entfällt.“

    Wer baut in Deutschland an?

    In Deutschland bauen bisher drei Unternehmen Medizinal-Cannabis in Hochsicherheitsgebäuden an: der kanadische Konzern Aurora in Leuna, Sachsen-Anhalt, der ebenfalls kanadische Konzern Aphria im schleswig-holsteinischen Neumünster und der deutsche Hersteller Demecan im sächsischen Ebersbach. Die drei Firmen haben jeweils eine Lizenz der Cannabisagentur beim Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm). Insgesamt dürfen vier Jahre lang in Deutschland jedes Jahr 2,6 Tonnen Medizinal-Cannabis angebaut werden. Der Bedarf lag zuletzt bei 20 bis 24 Tonnen. Die Lücke wird bisher durch Importe geschlossen. Der Markt hat nach Untersuchungen des Statistikportals Statista zuletzt ein Volumen von rund 300 Millionen Euro. Tendenz stark steigend.

    Was macht die Cannabisagentur?

    Sie kauft die gesamte deutsche Produktion und verkauft sie an Großhändler und Apotheker. Das Frankfurter Unternehmen Cansativa übernimmt dafür im Auftrag die Logistik. Angekauft wird zum Festpreis von 5,80 Euro je Gramm.

    Ab wann gilt das Gesetz?

    Das Gesetz soll zum 1. April 2024 in Kraft treten, die Regeln für die Klubs folgen zum 1. Juli.

    Was sagen die Kritiker?

    CDU und CSU lehnen das Gesetz ab und fordern, mehr über die Risiken von Cannabis aufzuklären. Sie fürchten, dass der Konsum bei Freigabe steigt – ein Trend, den es allerdings seit Jahren gibt. Die AFD ist ebenfalls gegen das Gesetz. Kritik kommt auch von Befürwortern. „Das Gesetz kann nur ein erster Schritt sein bei der Legalisierung“, sagt Branchenverbands-Chef Neumeyer. Er vermutet auch, dass sich der Schwarzmarkt allein mit der legalen Selbstversorgung nicht zurückzudrängen ist. Ursprünglich war geplant, auch kommerziellen Anbau und Verkauf von Cannabis zu Konsumzwecken in Modellregionen zuzulassen. Es wäre ein Versuch gewesen, das EU-Verkaufsverbot zu umgehen. Bisher sind die Pläne dafür aber vage.

  • Leber aus dem 3D-Drucker

    Nachgebaute Organe sind Milliardenmarkt

    Auf dem Gesundheitsmarkt bahnt sich eine Revolution an. Weltweit arbeiten Forscher daran, menschliche Organe nachzubauen – Leber zum Beispiel oder Bauchspeicheldrüse. Für viele schwer kranke Menschen, die bisher auf Spender angewiesen sind, wäre das die Rettung. Für Unternehmen öffnete sich ein neuer Milliardenmarkt. In einem Wettbewerb von Sprind, der Innovationsagentur des Bundes, treten jetzt vier europäische Teams an, um bis Herbst zu zeigen, was möglich ist.

    Sanft summt die Lüftung im Labor, 3. Stock, Bayer-Gelände in Berlin-Wedding. Hier steht der 3D-Drucker, mit dem Cellbricks schon heute Leber in Teilen nachdruckt. Das Unternehmen gehört zu den Teilnehmern des Wettbewerbs. Geschäftsführer Joachim von Arnim steht im weißen Kittel mitten im kleinen Raum und beobachtet, wie ein Kollege mit Pipette den Drucker vorbereitet. „Was im Menschen 18 Jahre gewachsen ist, wollen wir in 180 Minuten nachbauen“, sagt er. „Wir haben bereits im Labor gezeigt, dass sich Organe in Teilen nachdrucken lassen und dann wachsen. Jetzt zeigen wir, dass unsere gedruckten Elemente auch in Lebewesen funktionieren.“

    Die Anforderungen sind hoch. „Die Organe müssen sicher sein, dürfen dem Menschen nicht schaden. Sie dürfen keine Immunreaktion auslösen. Sie sollen natürlich funktionieren. Und sie müssen in der entsprechenden Größe verfügbar sein“, beschreibt Jano Costard das Ziel. Er ist bei Sprind für den Wettbewerb verantwortlich.

    Tissue Engineering, Gewebezucht, heißt eine Reihe von Verfahren, mit denen Organe nachgebaut werden können. Eines dieser Verfahren ist lichtbasierter 3D-Druck. Dafür nötig sind menschliche Zellen, etwa von der Leber und von Blutgefäßen, die künstlich vermehrt werden, sowie etwas, das die Zellen später zusammenhält. Cellbricks verwendet selbst entwickelte „vegane Gelatine“. Weil die Zellen genetisch programmiert sind, Blutbahnen oder Leber zu werden, bilden sich im gedruckten Leberstück dann zum Beispiel neue Blutgefäße aus – vorausgesetzt, die Bedingungen stimmen, etwa die Temperatur.

    Die Experten im Cellbricks-Labor haben die Gewebestruktur der Leber am Computer nachgebaut und drucken eine Art ideale Leber. Wobei streng genommen nicht gedruckt wird, die menschlichen Zellen sind zu empfindlich für Düsen klassischer Drucker. Das Gerät im Labor belichtet die flüssigen Zellmischungen. Dort, wo das Licht hinkommt, härtet die Flüssigkeit aus. Für ein Stück Leber sind mehrere belichtete Schichten nötig, von denen jede etwa 20 Tausendstel Millimeter dick ist.

    Gedruckt werden kann alles, was auf die Druckerschalen passt, die fast das Format einer Postkarte haben. Auf jeden Fall ist Cellbricks auf Größeres eingestellt. „Mit unserem patentierten Verfahren lassen sich Organe im industriellen Maßstab drucken“, sagt von Arnim. Soweit ist es aber noch nicht. Die Berliner drucken keine komplette Leber, zu groß, zu kompliziert. Die Experten bauen ein kleines Stück nach. Wird es dann an eine echte Leber transplantiert, wächst es mit ihr zusammen. Ein beschädigtes Organ könnte sich dann selbst wieder erneuern.

    Weil die Verfahren aufwändig sind, menschliche Zellen ein sehr genaues Umfeld brauchen, etwa 37 Grad Temperatur, und der Körper eben doch sehr komplex, gibt es bisher nur Laborversuche. Und es gibt nur wenige Firmen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Einige Konkurrenten von Cellbricks etwa sitzen in den USA und Israel. Beim Sprind-Wettbewerb sind die Berliner das einzige Unternehmen. Die drei anderen Wettstreiter kommen aus der Forschung.

    ZonalCartHT ist ein Team aus Experten der Universitätsklinikum Heidelberg und dem Leibniz-Institut für Polymerforschung in Dresden. Sie entwickeln Knorpelersatz aus einem Trägermaterial und Stammzellen. Die Idee: Statt ganze Gelenke auszutauschen, lässt sich die Funktion auch wiederherstellen, wenn die Knorpel zwischen den Knochen ersetzt werden.

    Drei Forscher aus Paris arbeiten daran, mit menschlichen Zellen große transplantierbare Muskeleinheiten zu entwickeln. Sie nutzen ein Eisguss genanntes Verfahren für das Trägermaterial. Ein Team der Universität Utrecht in den Niederlanden arbeitet ähnlich wie Cellbricks daran, Organteile in 3D zu drucken. In diesem Fall geht es um die Bauchspeicheldrüse. Das gedruckte Material kann Insulin produzieren – Rettung für viele Diabetiker, denen diese Funktion fehlt.

    Bis September haben die vier Teams Zeit, zu beweisen, dass sie die Technik im Griff haben und das künstliche Organ im Tierversuch funktioniert. Dafür bekommen die Teams jeweils 500.000 Euro. „Danach können wir die Projekte weiterfinanzieren“, sagt Sprind-Koordinator Costard, „müssen es aber nicht.“ In der zweiten Stufe stehen für zwei Monate weitere 200.000 Euro je Team zur Verfügung, um sich auf klinische Studien vorzubereiten. „Da gilt es, hohe regulatorische Hürden zu nehmen, bevor die Produkte am Menschen getestet werden können“, sagt Costard. Im November ist dann Schluss. „Am Ende des Wettbewerbs wollen im Idealfall private Investoren Geld in die Projekte stecken. Wir als Sprind können aber auch weiter unterstützen.“

    Bei Cellbricks sind sie jedenfalls äußerst optimistisch. Das patentierte Druckverfahren funktioniert auch mit anderen Zellarten: Herz oder Brust zum Beispiel. Entsprechend groß formuliert Geschäftsführer von Arnim die Vision es Unternehmens, das 2016 aus der Technischen Universität Berlin ausgegründet wurde: „In jedem großen Krankenhaus der Welt steht in Zukunft ein Drucker, der menschliches Gewebe nachbauen kann.“

  • Wer Atomraketen baut

    Europas verschwiegene Branche

    In Europa wird wieder über Atomraketen diskutiert. Die Idee dahinter: Die Staatengemeinschaft soll sich stärker selbst schützen, sollten die USA sich aus dem Nordatlantischen Verteidigungsbündnis Nato zurückziehen. Bloß: Wer stellt die Raketen her? Wer die Sprengköpfe? Und gibt es überhaupt genug Kapazität, um einen europäischen Atomschutzschirm aufzubauen?

    Zwei Länder in Europa verfügen über ein eigenes Arsenal von Atomwaffen: Frankreich und Großbritannien. Die Briten setzen ausschließlich auf Raketen, die von U-Booten aus gestartet werden können. Ähnlich halten es die Franzosen. Doch gut 20 Prozent der französischen Atomsprengköpfe sind auf Luft-Boden-Raketen montiert, die von Flugzeugen abgeschossen werden. Deutschland hat sich im Artikel 3 des Zwei-plus-Vier-Vertrags 1991 verpflichtet, auf Atomwaffen und deren Bau zu verzichten. Der Vertrag regelt das Ende des Besatzungsstatuts nach dem Zweiten Weltkrieg und die volle Souveränität Deutschlands.

    Nach letzten Zahlen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri besitzen die Franzosen mehr als 290 Atomsprengköpfe, die Briten mehr als 225. Im Vergleich zu den großen Atommächten USA und Russland ist die nukleare Bewaffnung eher übersichtlich: Die USA verfügen Sipri zufolge über 5244 Sprengköpfe, Russland sogar über 5889.

    Offizielle Auskünfte sind kaum zu bekommen, die Branche ist verschwiegen. Wer will schon Einzelheiten über seine taktischen Waffen nach außen geben? Während Rüstungsunternehmen manche Panzer, Flugzeuge und Geschosse ins Ausland verkaufen dürfen, sieht es bei den Trägerraketen für Atomsprengköpfe anders aus.

    Grundsätzlich kann jedes Unternehmen, das Raketen baut, die ins All starten sollen, auch Raketen für atomare Sprengköpfe herstellen. Sie können sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden. Allerdings sind die Anforderungen an eine Atomrakete besonders hoch, vor allem wenn sie von einem U-Boot aus starten soll. Sie muss unter Wasser abgeschossen werden können, dann bis ins All aufsteigen, wieder zur Erde zurückkehren und mit einer Genauigkeit von 100 bis 200 Metern treffen.

    Entsprechende Expertise hat in Europa die ArianeGroup mit Sitz südwestlich von Paris. Das Unternehmen hat unter anderem im Auftrag der europäischen Weltraumagentur ESA, die die Trägerrakete Ariane 5 gebaut und bereitet gerade Nachfolgerin Ariane 6 für den Erststart vor. ArianeGroup hat auch eine militärische Sparte, die für das französische Verteidigungsministerium federführend die M51 entwickelt hat. Die Rakete startet von U-Booten aus. Sie ist gut zwölf Meter lang und hat 2,5 Meter Durchmesser. Die Reichweite soll 11.000 Kilometer betragen.

    ArianeGroup hat auch Standorte in Deutschland, die Rakete wird aber ausschließlich in Frankreich entwickelt, gebaut und gewartet. Beteiligt sind mehr als 900 ebenfalls französische Industrieunternehmen. 7000 Personen sind nach Angaben von ArianeGroup mit dem M51-Projekt beschäftigt. Das Unternehmen gehört je zur Hälfte dem europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus und dem französischen börsennotierten Flugzeug- und Raketenturbinenhersteller Safran.

    Airbus ist auch mit 37,5 Prozent am zweiten französischen Raketenhersteller beteiligt: MBDA, ebenfalls mit Sitz südwestlich von Paris. Weitere Anteilseigner sind der britische Rüstungshersteller BAE Systems (37,5 Prozent) und die italienische Leonardo (25 Prozent). MBDA entwickelt und baut die die Raketen der französischen Luftwaffe, die atomare Sprengköpfe tragen. Die aktuelle Version ist etwa 5,5 Meter lang, hat einen Durchmesser von knapp 40 Zentimetern und eine Reichweite von mehr als 500 Kilometern. Derzeit wird an einem Nachfolgemodell gearbeitet, beteiligt sind MBDA und ArianeGroup. Auch MBDA hat einen deutschen Ableger, der nichts mit der Entwicklung der Atomraketen zu tun hat.

    Die Atomsprengköpfe liefert der militärische Teil des staatlichen französischen Forschungsinstituts CEA – kontrolliert vom Verteidigungsministerium. Die DAM genannte Abteilung sitzt unter anderem westlich von Bordeaux.

    Großbritannien setzt auf Trident-Raketen des US-Herstellers Lockheed, der sie in Kalifornien baut. Eine solche zweistufige Interkontinentalrakete kostet geschätzt rund 30 Millionen Euro pro Stück. Sie wiegen etwa 59 Tonnen, sind 13,5 Meter lang und haben einen Durchmesser von etwas mehr als zwei Metern. Die Reichweite soll bei 12.000 Kilometern liegen.

    Die Atomsprengköpfe stellt eine Firma im Besitz des britischen Verteidigungsministeriums in der zentralenglischen Grafschaft Berkshire her. In Aldermarston gut 65 Kilometer westlich von London entwickelt und fertigt Atomic Weapons Establishment (AWE) die Sprengköpfe. Im nahegelegenen Burghfield werden die Sprengköpfe montiert und auch zerlegt, wenn sie zu alt sind. Das Unternehmen beschäftigt rund 6000 Mitarbeiter.

    Ob die Kapazitäten der Raketenhersteller ausreichen für einen atomaren europäischen Sicherheitsschirm ist unwahrscheinlich. Üblicherweise dauert es Jahre, neue Werke zu errichten. Und grundsätzlich muss die Politik entscheiden, ob ein solcher Schirm gewünscht ist. Danach sieht es trotz vieler Wortmeldungen bisher nicht aus.

  • Mehr Vertrauen

    Kommentar zum Standort D

    Wer Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) und vor allem Oppositionsführer Friedrich Merz (CDU) dieser Tage zuhört, könnte meinen, es gehe mit Deutschlands Wirtschaft abwärts. Wer sieht, wie internationale Konzerne handeln, kommt zu einem anderen Schluss: Der US-Autobauer Tesla will sein 2022 eröffnetes Werk in Grünheide bei Berlin gerade erweitern. Der US-Chiphersteller Intel investiert 30 Milliarden Euro in eine ultramoderne Fabrik bei Magdeburg und der US-Softwareriese Microsoft steckt jetzt rund 3,3 Milliarden Euro in neue Rechenzentren westlich von Köln und in Standorte bei Frankfurt.

    Deutschland, das zeigen die Investitionen, ist attraktiv. Wir sind die drittgrößte Wirtschaft der Welt. Microsoft sieht gute Chancen, Geld zu verdienen, wenn es seine Cloud-Anwendungen vor allem zur künstlichen Intelligenz deutschen Unternehmen anbietet. Die Firmen brauchen die neuen Technologien, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Weitere Vorteile des Standorts D: Es gibt hervorragend ausgebildetes Personal, die Lebensqualität ist hoch und in einigen Regionen auch die Bereitschaft, etwas zu wagen – getrieben vom Strukturwandel.

    Gerade verändert sich in Deutschland sehr viel. Das trifft etablierte Branchen wie die Autoindustrie oder die Kohleförderung. Und wie immer, wenn sich etwas wandelt, gibt es Reibungen. Das kann verunsichern. Aber es bedeutet nicht, dass das Land in der Bedeutungslosigkeit versinkt, wie manche Aussagen glauben machen. Die Wirtschaft ist sehr anpassungsfähig, erfinderisch und mutig. Sie wird auch in Zukunft erfolgreich sein. Darauf setzen die US-Konzerne mit ihren Milliarden-Investitionen. Das Vertrauen sollten auch die deutschen Politiker haben.

  • Nadelöhr des Welthandels

    Warum das Rote Meer so wichtig ist

    Mitte Januar sind die Attacken der Huthi-Rebellen auf den Welthandel auch in den sozialen Netzen angekommen. Auf X, vormals Twitter, posiert ein Jüngling mit verstrubbelten dunklen Haaren und Oberlippenbart in rötlicher Jacke am Meer, im Hintergrund ein Frachtschiff. Der Mann soll Rashid al-Haddad verzückt die Internetgemeinde als vermeintlich süßer Pirat. Die Angriffe der Rebellen auf Schiffe im Roten Meer haben da die Weltwirtschaft bereits leicht aus dem Gleichgewicht gebracht. USA und Großbritannien fliegen seither Angriffe auf Standorte der Huthis im Jemen, eine internationale Marinemission soll den Seeweg befrieden – Ausgang bisher ungewiss.

    Das Rote Meer – und in seinem Verlauf der Suezkanal – gilt als wichtigste Wasserstraße der Welt. Sie steht für zwölf bis 15 Prozent des gesamten Handels, wie Unctad, die Welthandels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen, berichtet. Im Containerhandel sind es demnach sogar 20 Prozent. Unctad warnt vor katastrophalen Dominoeffekten weltweit, sollten wichtige Teile in Industrienationen fehlen. So hat unter anderem Tesla die Autoproduktion in Grünheide bei Berlin unterbrochen.

    Gegenwärtig passierten 84 Prozent weniger das Rote Meer und den Suezkanal, als üblicherweise zu erwarten seien, berichtet das Kieler Institut für Weltwirtschaft IfW. Flüssiggastanker – wichtig für Europas Versorgung – meiden die Strecke danach komplett. Das IfW beobachtet den Schiffsverkehr anhand von Positionsdaten in Echtzeit. Die Schiffe fahren jetzt um die Südspitze Afrikas, weshalb sie gut zwei Wochen länger unterwegs sind. Das zeigt sich auch in den deutschen und europäischen Häfen. In Hamburg und Bremerhaven, in Rotterdam und Antwerpen legten im Januar den IfW-Zahlen zufolge ein Viertel weniger Schiffe an als im Wochendurchschnitt 2023.

    Die Huthi-Rebellen kontrollieren weite Teile des westlichen Jemen, darunter die Küste zum Roten Meer. Iran unterstützt die Rebellen. Jetzt haben sich die Huthis in den Konflikt zwischen Hamas und Israel eingemischt. Sie greifen Schiffe im Roten Meer an, die angeblich eine Verbindung zu Israel haben und dort Häfen anlaufen, stören aber den gesamten Schiffsverkehr. Hinter dem Ganzen vermuten Experten den Iran, der auch der Hamas hilft.

    „Die Streitkräfte der USA und von Großbritannien konnten bislang offenbar nicht für mehr Sicherheit auf der ehemals meistbefahrenen Handelsroute sorgen“, schließt Julian Hinz, Forschungsdirektor Handelspolitik. Auch Deutschland beteiligt sich an der Sicherung des Roten Meeres. Die Fregatte „Hessen“ ist auf dem Weg dorthin.

    Welche Folgen es hat, wenn der Schifffahrtsweg durch Rotes Meer und Suezkanal nicht frei ist, zeigte sich im März 2021. damals stellte sich der Frachter Ever Given im Suezkanal quer und blockierte ihn für mehrere Tage. Im Roten Meer stauten sich die Schiffe, in Europa gingen einige Waren aus, wichtige Vorprodukte wie Computerchips fehlten. Das Ganze traf auf eine Wirtschaft, die sich gerade vom Corona-Tief erholte und nach Waren verlangte. Es dauerte Wochen, bis der Stau abgearbeitet war.

    Das Rote Meer und der davorliegende Golf von Aden sind für Schiffe ohnehin gefährlich. Immer wieder haben Piraten mit schnellen Booten von Somalia aus Schiffe angegriffen und Lösegeld erpresst. Seit 2008 versucht die Operation Atalanta, eine Marinemission der EU unter deutscher Beteiligung, die Region zu sichern. Mit dabei sind auch Neuseeland, Norwegen, Serbien und Großbritannien. Schon wegen der Piraten fahren manche Reedereien lieber längere Wege.

    Alternativen zum Roten Meer gibt es. Auf dieser Route um das Kap der guten Hoffnung müssen bisher bereits all jene Schiffe fahren, die nicht durch den Suezkanal passen. Die Strecke ist rund 6000 Kilometer länger. Das kostet mehr Sprit und Zeit, die Schiffe stehen nicht so schnell wieder zur Verfügung. Letztlich wird alles teurer.

    Möglich wäre es auch, Schiffe zwischen Asien und Europa um Kap Hoorn an der Südspitze Südamerikas zu schicken. Die Strecke ist aber noch länger als die um Südafrika, führt durch sehr einsame Gebiete und wäre insgesamt noch teurer.

    Ein anderer Weg zwischen China, Japan, Südkorea und Europa wäre eine Route durchs Nordmeer zwischen Russland und dem Nordpol. Die Nordostpassage ist wegen der Erderwärmung zumindest zeitweise im Jahr eisfrei und sogar kürzer als die Strecke durchs Rote Meer. 2009 schickte die Bremer Reederei Beluga zwei eistaugliche Schiffe über die Route. Durchgesetzt hat sie sich bisher nicht.

    Anders als Unctad ist IfW-Experte Hinz nicht ganz so in Sorge für den Welthandel. „Die gegenwärtige Situation sieht dramatischer aus, als sie gesamtwirtschaftlich ist. Wir sehen momentan, dass Containerschiffe deutlich länger unterwegs sind, als ursprünglich geplant, so dass in vielen Häfen Europas eine Lücke entstanden ist“, sagt er. „Die dürfte sich aber wieder auf ein Normalmaß schließen, sobald der längere Fahrweg logistisch eingeplant ist.“

    Die Menge weltweit verschickter Waren ist nach Angaben des IfW im Januar sogar gestiegen. Die Zahl verschiffter Standardcontainer lag bei mehr als 14 Millionen Stück, erreichte fast den Rekordwert von vor zwei Jahren. das zeige, dass der Welthandel in keiner Krise stecke, sondern stabil geblieben sei, schließt Hinz deshalb. „Zwar können einzelne Firmen unter Lieferverzögerungen leiden, insgesamt sind aber keine Engpässe bei Vorprodukten oder Konsumgütern zu erwarten.“

  • Fitness für Firmen

    Nach einem langen Boom zwischen 2010 und 2019 kränkelt die deutsche Wirtschaft nun. Was ist eigentlich los? Drei Probleme, drei Lösungsansätze.

    Das Wachstum in Deutschland stagniert – mehr oder weniger. Zwar ist die hiesige Wirtschaft einigermaßen intakt aus der Corona-Krise herausgekommen, doch nun schränkt die Industrie ihre Produktion ein, wie das Statistische Bundesamt gerade wieder mitteilte. So stellen sich Fragen: Gibt es grundsätzliche Probleme, wo liegen sie? Und was ist zu tun – können beispielsweise niedrigere Steuern den Unternehmen helfen?

    Problem 1: Mehr Kosten, weniger Nachfrage

    Viele einheimische Firmen leiden unter gestiegenen Preisen. Wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine ist beispielsweise Energie zwischenzeitig deutlich teurer geworden. Hinzu kommt eine Inflation, die das Preisniveau insgesamt anhebt. Ein dritter Faktor sind höhere Zinsen, die die Zentralbanken festsetzen, um die Inflation zu drücken. Sie verteuern Investitionen in Modernisierung.

    Die gestiegenen Kosten treffen andererseits auf eine schwächere Nachfrage – denn die Weltwirtschaft lief schon mal besser. Deutsche Unternehmen drückt das besonders. Exporte tragen durchschnittlich große Anteile zu ihren Umsätzen und Gewinnen bei. Zwischen höheren Ausgaben und gedämpfter Nachfrage steckt die heimische Wirtschaft damit in der Klemme. Das ist eine Erklärung dafür, warum kleine Betriebe, aber etwa auch Großunternehmen der Chemieindustrie jetzt weniger fertigen als vorher.

    Lösung: Weniger Steuern

    Wenn die Kosten zu stark steigen, kann der Staat zur Reduzierung beitragen, indem er die Steuern für Unternehmen verringert. Mit Hinweisen auf niedrigere Abgabensätze in anderen Staaten verlangen Union und FDP das seit langem. Neuerdings hat auch Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) eine gewisse Bereitschaft signalisiert. Doch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) bremst. Eine Rolle dürfte dabei spielen, dass Steuersenkungen zunächst Einnahmeausfälle für die öffentlichen Haushalte verursachen. Ohnehin hat die Bundesregierung große Probleme, ihre Budgets für dieses und nächstes Jahr in die Balance zu bringen.

    Problem 2: Zu wenige Investitionen

    Zu den grundsätzlichen Probleme der hiesigen Wirtschaft gehört, dass das Wachstum des Produktionspotenzials im Vergleich zu früheren Jahrzehnten abnimmt. Stieg es in den Nullerjahren zum Beispiel um ein Prozent jährlich, beträgt das Plus jetzt nur ein halbes Prozent. Ein wesentlicher Grund dafür sind geringe Investitionen durch den Staat und die Unternehmen. „Viele aktuelle Studien weisen auf eine gesunkene Produktivität hin“, erklärt außerdem Ökonomin Almut Balleer vom RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Das heißt: Der technische Fortschritt und seine Umsetzung haben sich verlangsamt. Gleichzeitig steckt Deutschland in einem größeren Strukturwandel, auf den Professorin Hanna Hottenrott vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hinweist. Alte Produkte wie Erdgas-Heizungen haben ihren Höhepunkt hinter sich, während die Verbreitung neuer, etwa der Wärmepumpen, noch am Anfang steht.

    Lösung: Anreize für Innovationen

    Forscherin Balleer sagt: „Investitionen von Unternehmen können durch staatliche Hilfe gefördert werden.“ Ein Mittel dafür seien „vorgezogene Abschreibungen“. In diesem Sinne hat die Ampelregierung ihr sogenanntes Wachstumschancengesetz auf den Weg gebracht. Unternehmen sollen Ausgaben für Modernisierungen schneller von der Steuer absetzen können, wodurch Investitionen attraktiver werden. Allerdings hängt das Gesetz jetzt in Verhandlungen zwischen Bundestag und Bundesrat fest – manche Bundesländer beklagen zu hohe Steuerausfälle.

    Um die Investitionstätigkeit anzufachen, können auch gezielte Zuschüsse des Staates helfen. So fördert die Bundesregierung den Umstieg von Steinkohle auf Wasserstoff etwa in der Stahlproduktion, indem sie Unternehmen wie Thyssenkrupp, Salzgitter AG oder ArcelorMittal Milliarden Euro Subventionen zahlt.

    Zu guten Rahmenbedingungen für Investitionen gehören im Übrigen effektive Genehmigungsverfahren. Während es bisher manchmal sieben Jahre dauerte, bis ein beantragtes Windrad gebaut wurde, sollen die Prozesse künftig schneller gehen. „Trotz der Versuche, staatliche Planungsverfahren zu vereinfachen, wird die Bürokratie eher langsamer“, sagt aber Alexander Kritikos, Ökonom beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. „Wir müssen die Verwaltung beschleunigen, indem wir sie digitalisieren und die Beschäftigten besser qualifizieren.“

    Problem 3: Fehlende Arbeitskräfte

    Hinzu kommt mittlerweile eine Abnahme des Arbeitsvolumens. Zwar steigt die Zahl der Erwerbspersonen immer noch, doch die Arbeitszeit pro Kopf sinkt. Und allmählich gehen die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er Jahre in den Ruhestand. Gleichzeitig wandern zu wenige Leute nach Deutschland ein, um den Verlust auszugleichen. „Mittlerweile müssen manche Unternehmen ihre Tätigkeit auch deshalb einschränken, weil sie nicht genug Beschäftigte einstellen können“, sagt Alexander Kritikos.

    Lösung: Bildung und Einwanderung

    Der Ökonom empfiehlt: „Die Einwanderung von Arbeitskräften sollte zusätzlich erleichtert werden.“ ZEW-Forscherin Hottenrott mahnt „insbesondere Investitionen in Bildung und Weiterbildung“ an. Diese erscheinen dringend: 40 bis 60 Prozent der Beschäftigten müssten sich darauf einstellen, dass die sogenannte künstliche Intelligenz ihre Arbeitsplätze verändere, teilte der Internationale Währungsfonds kürzlich mit.

  • Luftverkehr fehlt Schub

    Branche hat Corona noch nicht verwunden

    Auch zwei Jahre nach dem Ende der Corona-Pandemie erholt sich der Flugverkehr in Deutschland nur schleppend. Wer ins europäische Ausland fliegen möchte, etwa für ein verlängertes Wochenende in Madrid oder einen Konzertbesuch in London, hat es deutlich schwerer, entsprechende Angebote zu finden. Der Bundesverband der Luftverkehrsindustrie (BDL) fürchtet sogar, große deutsche Wirtschaftsräume könnten abgekoppelt werden.

    Für den Sommer 2024 bieten die Fluggesellschaften in Deutschland rund 89 Prozent der Sitzplätze an, die im Sommer 2019, dem letzten Sommer vor Corona, zur Verfügung standen, wie der BDL errechnet hat. Im restlichen Europa sind es bereits 104 Prozent. Dort hat sich der Luftverkehr deutlich schneller erholt und die Einbrüche während der Pandemie dann wettgemacht.

    Vor allem der innerdeutsche Verkehr schwächelt. Das Angebot außerhalb der Zubringerflüge zu den Lufthansa-Umsteigeflughäfen Frankfurt und München schrumpft diesen Sommer im Vergleich zum vergangenen. Der Verband rechnet mit 23 Prozent der Sitzplätze, die 2019 zu buchen waren. „Das Geschäft kommt auch nicht zurück“, sagt Jost Lammers, BDL-Präsident und Chef des Flughafens München. Die Bundesbürger steigen auf den Zug um oder fahren selbst. Und viele Geschäftstreffen sind inzwischen durch Videokonferenzen ersetzt.

    Deutschland hänge auch wegen des schwachen Verkehrs ins europäische Ausland deutlich hinter anderen europäischen Ländern zurück, sagte Lammers. Das liegt nicht unbedingt daran, dass die Deutschen weniger fliegen wollen. Aus Sicht des Verbands sind deutsche Flughäfen nicht mehr attraktiv genug. Eine Fluggesellschaft fliegt dann lieber zwischen Manchester und Mailand, weil sich da mehr pro Passagier verdienen lässt, als zwischen Köln/Bonn und Madrid.

    Ein Grund sind die staatlichen Standortkosten, die nur in Deutschland gelten, wie BDL-Hauptgeschäftsführer Matthias von Randow sagt. Da ist die Luftverkehrssteuer, die fällig wird, wenn eine Maschine in Deutschland startet oder landet. Sie soll zum 1. Mai steigen. Da sind deutsche Luftsicherheitsabgaben, die ebenfalls noch steigen sollen. Dazu kommen besondere Gebühren für die Flugsicherung. Der BDL hat für einen A320 neo die Kosten berechnet: In Stuttgart, Frankfurt, Düsseldorf und Berlin liegen sie zwischen 3600 und 3800 Euro pro Flug, in Dublin oder Paris Charles de Gaule unter 2000 Euro, in Madrid oder Barcelona unter 200 Euro.

    „Die Luftverkehrsanbindung Deutschlands ist schlechter geworden“, sagt BDL-Präsident Lammers. Der Verband hat sich die Flughäfen Berlin, Düsseldorf und Stuttgart näher angesehen, zwei wichtige Wirtschaftsräume und die Hauptstadt. So sank die Zahl der europäischen Städteziele in Berlin zwischen 2019 und 2023 von 103 auf 82, in Düsseldorf von 80 auf 70, in Stuttgart von 56 auf 42. Gestrichen wurden etwa direkte Verbindungen nach Brüssel oder Glasgow. Wer die Ziele dennoch anpeilt, muss jetzt sehr wahrscheinlich umsteigen.

    Bestehende Verbindungen werden zudem seltener bedient. Die Zahl der Flüge schrumpfte etwa nach Barcelona, London, Madrid, Wien, Zürich um 26 bis 53 Prozent. Das touristische Geschäft, das zeigen die Zahlen auch, ist hingegen recht stabil. Wer nach Rhodos, Mallorca oder Teneriffa fliegen möchte, kommt vergleichsweise gut hin.

    Das geringere direkte Angebot verbindet sich zudem mit deutlich höheren Preisen. Energie kostet mehr, Personal ebenfalls. Und die Anbieter können auch mehr verlangen. So hat Lufthansa gerade ein äußerst erfolgreiches Jahr hinter sich, Billigflieger Ryanair steuerte zuletzt auf einen Rekordgewinn zu. Und die Bundesbürger sind offenbar auch bereit, mehr zu bezahlen. Die Flugzeuge jedenfalls waren 2023 voller – 84 Prozent der angebotenen Sitze waren besetzt, 2022 waren es etwas weniger.

    Insgesamt flogen im vergangenen Jahr 197,2 Millionen Passagiere von deutschen Flughäfen ab oder kamen dort an, ein Plus von 20 Prozent im Vergleich zu 2022. Das entsprach 79 Prozent der Flugpassagiere im Jahr 2019, bevor Corona den Flugverkehr weitgehend zum Erliegen brachte. In Europa waren es bereits 96 Prozent.

  • Renk schaltet hoch

    Panzergetriebehersteller wagt Börsengang

    Jetzt also doch. Der Panzergetriebehersteller Renk aus Augsburg geht an die Börse. Schon im Herbst hatte es das Unternehmen versucht, in der Nacht vor dem Start aber überraschend abgesagt. Jetzt kommt ebenso überraschend der zweite Versuch: Ankündigung am Montag, Erstnotiz in Frankfurt an diesem Mittwoch. Es ist der erste deutsche Börsengang in diesem Jahr und ein recht spektakulärer.

    Ohne Renk kommt kaum ein Panzer in Europa voran. Puma, Panzerhaubitze, Lynx, Leopard 2, Leclerc, Ajax: Die Spezialgetriebe für die Fahrzeuge liefern die Augsburger. Das Unternehmen fertigt auch Getriebe für Fregatten in Doppelgaragen-Größe, für Eisbrecher. Zudem arbeitet Renk für die Energieindustrie. 2022 setzte das Unternehmen 849 Millionen Euro um, im vergangenen Jahr dürften es fast eine Milliarde Euro gewesen sein. Und es verdient Geld. Und: Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist vor allem in Europa ist Verteidigung plötzlich wieder wichtig, werden Milliarden investiert.

    Das sollte schon im Herbst für eine gute Börsengeschichte reichen, doch der britische Finanzinvestor Triton, dem Renk gehört, blies alles kurzfristig ab. Schlechtes Börsenumfeld, hieß es – was auch umschreibt, dass Investoren nicht bereit waren, die Summe für Renk-Aktien zu bezahlen, die Triton haben wollte. 15 Euro hieß es damals, seien zu wenig. Genau für diesen Preis wird Renk jetzt im Zuge einer sogenannten Privatplatzierung an die Börse gehen.

    Triton hat zwei Ankerinvestoren gefunden: Der US Vermögensverwalter Wellington Management übernimmt rund 3,3 Prozent und der Renk-Großkunde KNDS aus Amsterdam kauft bis zu 6,7 Prozent. Weitere bis zu 20 Prozent sollen an institutionellen Investoren gehen – Banken, Finanzinvestoren, Vermögensverwaltern von Firmen und andere. Angesichts der Ankerinvestoren sollen sie leichter überzeugt werden, Aktien zu zeichnen.

    KNDS ist eine Dachgesellschaft, zu der die Panzerhersteller Krauss-Maffei Wegmann (München) und Nexter (Roanne bei Lyon) gehören. Krauss Maffei Wegmann baut den Leopard II, Nexter den französischen Kampfpanzer Leclerc. Mit Triton vereinbart ist, dass der KNDS seinen Anteil an Renk später auf bis zu 25 Prozent und eine Aktie aufstocken kann – das bedeutet eine Sperrminorität. Auch ein Posten im Aufsichtsrat steht KNDS demnach zu. Der Konzern bekommt bedeutende Kontrolle darüber, was bei Renk geschieht, und erhält Zugriff auf den wichtigen Zulieferer. Und so ist der Börsengang auch ein kleines bisschen Konsolidierung in der sehr mittelständisch geprägten deutschen Rüstungsbranche.

    Anders als im Oktober müssen Privatanleger, die sich eine gute Kurs- und Dividendenentwicklung versprechen, diesmal bis zur Erstnotiz von Renk warten. Von diesem Mittwoch an kann sich dann jeder über die Börse eindecken.

    Renk gehörte lange über MAN zum VW-Konzern und führte ein Nischendasein, guter Umsatz, guter Ertrag, mehr aber auch nicht. 2020 kaufte Triton die Augsburger für rund 700 Millionen Euro und begann, umzubauen. Seither modernisiert Firmenchefin Susanne Wiegand. Der Börsengang bewertet Renk jetzt mit rund 1,5 Milliarden Euro. Triton nimmt 450 Millionen Euro ein.

  • Blick in die Wolken

    Earthcare ist auf dem Weg ins All

    Mobiltelefone sind nicht erlaubt, Smartwatches auch nicht. Zu viel Strahlung für die empfindliche Technik hinter der Sicherheitsschleuse. Haarschutz überstreifen, Kittel anziehen, in Sicherheitsschuhe schlüpfen und hinein in das, was Marc Steckling den modernsten Reinraum Europas nennt. Wobei Halle es eher trifft bei den riesigen Ausmaßen. Steckling, bei Airbus verantwortlich für Erdbeobachtung und Weltraumforschung, zeigt am Konzernstandort Immenstaad Earthcare, den komplexesten Satelliten, den der Konzern je gebaut hat. Wissenschaftler wollen mit ihm das Geheimnis der Wolken lüften.

    Der Satellit ist Teil des FutureEO-Programms der Europäischen Raumfahrtagentur Esa zur Erdbeobachtung. Deutschland führt es, ist mit mehreren hundert Millionen Euro beteiligt. Zahlreiche Satelliten sollen den etwa Einfluss von Wind, Wasser und Eis, Erdanziehung, Magnetfeld und Strahlung auf das Klima beobachten. Earthcare ist der größte und technisch anspruchsvollste Satellit, ein Gemeinschaftsprojekt mit der japanischen Raumfahrtagentur Jaxa.

    Die Luft in der hellen Halle ist trocken, kühl. Es brummt dezent, im Hintergrund arbeitet die Anlage, die bis zu 900.000 Kubikmeter Luft pro Stunde filtert und umwälzt. Rechts in der Ecke stehen in riesigen Käfigen zwei Erdbeobachtungsatelliten des Kopernikus-Programms der Esa, eingelagert und von Stickstoff umströmt, startbereit, sollten die Vorgänger ans Ende ihrer Lebensdauer im All kommen. Davor wird ein weiterer für einen Start vorbereitet.

    Bei europäischen Erdbeobachtungssatelliten ist Airbus groß im Geschäft. Steckling verweist stolz darauf, dass der Konzern an fast allen derartigen Missionen der Esa beteiligt ist. Airbus fertigt solche Satelliten in Frankreich, Großbritannien, Spanien und eben in Immenstaad am Bodensee, wo 2019 der neue Reinraum eröffnet wurde.

    Earthcare ist ein Prestigeprojekt. Und es bringt einiges an Geld. Der ursprüngliche Vertrag zwischen Esa und Airbus als Generalunternehmer sah 260 Millionen Euro für Entwicklung und Bau des Satelliten vor. Davon musste der Konzern auch Zulieferer bezahlen. Für das gesamte Projekt hat die Esa inzwischen 800 Millionen Euro veranschlagt. Darin enthalten ist der Start, die Betriebskosten kommen noch hinzu.

    Mitten in der Halle steht er dann, der deutsch-japanische Satellit, der die internationale Wissenschaftsgemeinschaft elektrisiert. Die Forscher erhoffen sich von ihm Erkenntnisse darüber, wie Wolken die Erderwärmung begünstigen oder verhindern. Die Daten könnten auch bessere Wettervorhersagen möglich machen. 2,5 Meter ist er breit, 3,5 Meter tief und rund 4,5 Meter hoch. 2,2 Tonnen wiegt Earthcare betankt, soviel wie eine kleinere Mercedes S-Klasse.

    Einzelne Elemente ragen rot aus der groben weißen Schutzhülle hervor, Teile, die noch vor dem Start entfernt werden. Unten lugen an jeder Ecke messingfarbene Düsen heraus, mit denen der Satellit später im All in Position gehalten wird. Sie erinnern an etwas zu groß geratene, kegelförmige Design-Salzstreuer.

    Vorn ist ein zyklopisches Auge zu sehen, der Laserempfänger, darunter zwei kleinere Öffnungen für die Lasersignale. Oben ruht der Radarschirm und an der Seite liegen die fünf zusammengefalteten Solarpanel an. Einmal in Position über der Erde in 393 Kilometern Höhe, wird der Radarschirm hochgeklappt, das Solarpanel nach hinten entfaltet. Der Satellit erinnert dann mit 17,2 Metern Länge etwas entfernt an einen Drachen oder ein sehr klobiges Raumschiff Enterprise. Lang und schlank, damit er den Partikeln möglichst wenig Widerstand bietet, die sich in der Höhe noch in der Restatmosphäre befinden.

    Vier verschiedene Instrumente sind an Bord – Radar, Lidar, das statt Radiowellen Laserstrahlen verwendet, ein Multi-Spektral-Imager und ein Breitbandradiometer. Die Geräte erstellen, vereinfacht gesagt, ein dreidimensionales Bild einer Wolke, ermitteln, wie sie zusammengesetzt ist, ob etwa Vulkanasche oder Wüstenstaub enthalten ist, Eiskristalle, Wassertröpfchen, und wie stark Erde und Wolke Sonnenstrahlung reflektiert. Das Deutsche Institut für Luft- und Raumfahrt (DLR) spricht von Daten nie gekannter Genauigkeit.

    Zunächst sah es nicht so aus, dass der Satellit überhaupt fertig würde. Der Auftrag stammt von 2008. Geplanter Startzeitpunkt: 2013. Doch es lief nicht rund – große Wünsche, sehr innovative Technik, komplexe Anforderungen. Der Lidar-Sensor erwies sich als komplizierter als gedacht. Einer der zahlreichen Zulieferer meldete Insolvenz an, bei einem anderen zerstörte ein Feuer wichtige Anlagen. Und als der Satellit dann weitgehend bereit war für einen Start kam Corona. Zuletzt bremste noch der russische Angriff auf die Ukraine. Earthcare sollte mit einer russischen Sojus-Rakete vom europäischen Weltraumbahnhof in Kourou abheben. Doch mit Kriegsbeginn waren die russischen Teams aus Französisch-Guyana verschwunden und Raketen plötzlich knapp.

    Wilde Zeiten für Projektleiter Maximilian Sauer, der inzwischen sehr entspannt aussieht. Er ist seit 2012 in unterschiedlichen Positionen dabei. Und jetzt geht es wirklich los. Der Satellit wird in einen eigens entwickelten Stahlcontainer verpackt, der bereits im Reinraum steht. „Wir bringen ihn mit fünf weiteren Containern voller Material am 9. März nach München“, sagt Sauer. Von dort gehe es mit einer Antonow, einem der größten Frachtflugzeuge der Welt, über Island und die US-Ostküste nach Vandenberg in Kalifornien. Anfang May soll der Satellit dort mit einer Falcon 9 des US-Konzerns SpaceX starten. So ist es zumindest geplant. Und Sauer ist Optimist.

    Vom Sommer an flitzt Earthcare dann mit Tempo 28.000 von Pol zu Pol um die Erde und liefert erste Daten. Komplexere Informationen sind von 2025 zu erwarten. Gesteuert wird er aus dem Esa-Raumfahrtzentrum in Darmstadt. Anders als im Reinraum am Bodensee erwartet den Satelliten auf seiner Umlaufbahn einige Unbill: Sonnenstürme, Restatmosphäre und aggressiver atomarer Sauerstoff. Drei Jahre soll Earthcare dem allen garantiert trotzen. Der Sprit an Bord reicht ein weiteres – mindestens.

    Freie Daten

    Forscher auf der ganzen Welt werden die Daten von Earthcare analysieren und benutzen. Aus Deutschland sind unter anderem das DLR-Institut für Physik der Atmosphäre (Oberpfaffenhofen), das Max-Planck-Institut für Meteorologie (München) und das Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (Leipzig) dabei. Die Unis Hamburg, Köln und München sind ebenso beteiligt wie die FU Berlin und die LMU München. Die Daten stellen die Europäische Raumfahrtagentur Esa und die japanische Raumfahrtagentur Jaxa drei zur Verfügung. art