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  • Naturgesetz?

    Kommentar

    Es gab eine Zeit bei der Bahn, da standen auf den größeren Bahnhöfen Pünktlichkeitsanzeiger, Jeder Reisende konnte sofort erkennen, wie hoch der Prozentsatz an Verspätungen an dem betreffenden Tag war. Eine der ersten Dienstanweisungen des früheren Bahnchefs Hartmut Mehdorn bestand darin, diesen Beweis permanenten Versagens zu demontieren. Seither ist die Pünktlichkeitsstatistik ein gut gehütetes Geheimnis des Konzerns. Die Untersuchung der Stiftung Warentest zeigt auch, warum darüber ungern geredet wird. Nur jeder dritte Zug erreicht sein Ziel pünktlich. Die meisten Kunden der Bahn haben das immer schon geahnt. Auch, dass Anschlusszüge im Regionalverkehr nicht gerne auf verspätete Passagiere warten, weiß jeder Fahrgast. Fast scheint es, als wäre die Unpünktlichkeit der Bahn ein Naturgesetz, die Kritik daran zeitlos.

    Aber natürlich ist die alltägliche Praxis kein in Stein gemeißeltes Gesetz, sondern eine Folge angehäufter Versäumnisse. Mit Verspätung hat die Bahn zum Beispiel in neue Züge investiert. Bis sie ausgeliefert werden, gehören technische Probleme und die damit verbundenen Fahrplanstörungen zum Alltag. Auch die zu geringen Investitionen des Bundes ins Netz sorgen für unpünktliche Züge. Es wurden und werden Milliardenbeträge in Prestigebauten gesteckt, die man besser für eine Beseitigung der Schwachstellen im Netz ausgegeben hätte. Der aktuelle Bahnchef Rüdiger Grube verspricht zwar Besserung, kann aber auch nicht zaubern und so alte Missstände beseitigen. Aber er wird sich künftig an den Verspätungen messen lassen müssen. Es wäre gut, wenn der Konzern offen mit den Problemen umgehen würde, statt sie wie bisher immer klein zu reden. Vielleicht verstauben irgendwo im Lager ja noch die alten Pünktlichkeitstafeln. Sie wieder aufzustellen, käme einer Art Gelöbnis zur Besserung gleich.

  • Europa wächst, die Bundesbank nicht

    Wozu brauchen wir die ehemalige Hüterin der harten D-Mark eigentlich noch? Am 2. Mai fängt der neue Chef der Bundesbank an, der Ex-Kanzlerin-Berater Jens Weidmann

    Frank Herzogs Haare sind so grau wie das Häuflein Asche vor ihm. Angeblich waren diese dürren Fetzchen und verbrannten Schnipsel mal Geldscheine, 1.500 Euro insgesamt. „Jetzt bitte nicht niesen und auch nicht schnell bewegen“, sagt Herzog, „sonst fliegt alles weg.“ Seine großen braunen Augen blicken ins Mikroskop auf der Suche nach vertrauten Details. Und tatsächlich, da, sieht man da nicht einen Teil des Tempels auf dem 50-Euro-Schein?

    So geht das manchmal den ganzen Tag. Dann hat Herzog die wahre Identität der bei Wohnungsbränden verkohlten, von Hunden zerfressenen oder von jahrelanger Feuchtigkeit in vergessenen Verstecken zersetzten Geldscheine ermittelt. Er arbeitet bei der Bundesbank in Mainz, in einer Außenstelle, die „Nationales Analysezentrum“ heißt. Herzog ist einer der zwölf Bundesbanker, die Deutschlands kaputtes Geld untersuchen. 20.000 Hilfsanfragen haben ihn 2010 erreicht. Entpuppen sich die Rudimente unter Herzogs Mikroskop tatsächlich als Geldscheine, erhalten die Besitzer den Wert in frischen Noten von der Bundesbank ausgezahlt.

    Dochdoch, die Bundesbank hat was zu tun. Das wird auch für Jens Weidmann gelten, ihren neuen Präsidenten, der am 2. Mai offiziell sein Büro in der Frankfurter Zentrale bezieht. Und trotzdem ist die Bank auch ein mythologisches Wesen, ähnlich dem Zwergenkönig der Nibelungen, der auf den Schatz im Berg aufpasst.

    Früher schützte die Bank die harte D-Mark. Die inflations- und kriegsversehrten Deutschen sahen sie als Bewahrerin ihres neuen Wohlstands. Im Laufe der Nachkriegsjahrzehnte wurden die D-Mark so hart und Bundesbank so stark, dass diese ihren Nachbarn die Bedingungen von Sparsamkeit und hohen Zinsen diktierte. David Marsh, der ehemalige Herausgeber der Financial Times, schrieb kürzlich: „Die Bundesbank herrschte einst über ein größeres Territorium in Europa als jedes Deutsche Reich der Geschichte.“

    Aber schon vor 12 Jahren übergab die Bundesbank ihre geld- und währungspolitische Macht an die Europäische Zentralbank (EZB). Vor neun Jahren wurde die D-Mark endgültig ausrangiert. Von dieser Bedeutungskrise hat sich die Bank bis heute nicht erholt.

    Nun wird Jens Weidmann, der nette, junge Mann, der bis vor kurzem für Angela Merkel im Bundeskanzleramt die Finanzkrise verwaltete, neuer Präsident dieser Institution. Im Februar musste plötzlich alles ganz schnell gehen. Weidmanns Vorgänger Axel Weber schmiss das Amt hin, weil er befürchtete, sich in der Europäischen Zentralbank mit seinem harten Kurs gegenüber dem verschuldeten Griechenland nicht durchsetzen zu können.

    Die EZB rettet den Euro, schleppt Griechenland durch die Krise, ihr Präsident Jean-Claude Trichet schützt unser neues Geld. Welche Rolle spielt die Bundesbank da überhaupt noch – außer der Rekonstruktion verbrannter Geldscheine?

    Sie betreibt auch Müllbeseitigung. Der hochgewachsene Helmut Rittgen im dunkelblauen Anzug legt ein ordentliches Päckchen auf den Tisch, durch dessen durchsichtige Plastikfolie ein Gewirr bunter Papierstreifen leuchtet. Dieses Gebinde fühlt sich an wie ein vakuumverpacktes Pfund Kaffee, ist aber schwerer. Es enthält geschreddertes Geld im Wert von einstmals 50.000 Euro.

    Rittgen weiß sehr viel über unser Bargeld. Er ist ein Kenner, er leitet die entsprechende Abteilung der Bundesbank. Und es macht ihm Spaß, sein Gegenüber mit Insiderwissen zu beeindrucken. Nein, diese Antwort auf seine Frage sei nicht ganz richtig, verbessert er: „Die Lebensdauer der durchschnittlichen Fünf-Euro-Note beträgt nur gut ein Jahr.“ Weil sie so oft den Besitzer wechsele, sei sie schnell zerfleddert und würde von der Bundesbank eingezogen und verbrannt. „500-Euro-Noten dagegen halten viele Jahre.“

    Der Abteilungsleiter kennt unsere Gewohnheiten und unser Geld deshalb so gut, weil die Bundesbank die Deutschen immer noch mit selbigem versorgt – nicht etwa die EZB. Tatsächlich gibt die Bundesbank den Druck von Geldscheine und das Pressen von Münzen in Auftrag, schickt das Bargeld mit Lkw zu den Geldautomaten und zieht es auch wieder ein. Diesen Umlauf des Geldes steuert Helmut Rittgen aus der Zentrale im Frankfurter Stadtteil Dornbusch.

    Dort am Autobahnzubringer steht die Wirtschaftswunder-Variante deutscher Machtarchitektur. Strebt man von der Pforte mit Uniformen, Schranke und Ausweiskontrolle die schnurgerade Zufahrtstraße entlang in Richtung Haupteingang, kommt ein Versailles-Gefühl auf. Ziemlich weit da hinten thront quer das Hochhaus der Bank, 217 Meter – grob zwei Fußballplätze – breit, 17 Stockwerke Beton. In Baustil und künstlerischer Ausstattung atmet es die 1960er und 1970er Jahre. Manche Leute, die man drinnen trifft, sehen aus wie Operettensängerin Anneliese Rothenberger oder Eduard Zimmermann von Aktenzeichen XY.

    Ganz oben in der Vorstandsetage sind die Teppichböden weich und beige, nicht hart und blau wie in den niederen Stockwerken. Am Panorama-Fenster mit Blick auf die Skyline von Frankfurt weist Sprecher Benedikt Fehr fast ein bisschen trotzig auf ein neues Gebäude unten links neben den japanischen Kirschbäumen im Garten und sagt: „Hier wird aufgebaut, nicht abgebaut.“ Dort residiert nun die neue Abteilung für Finanzstabilität, die man nach der großen Krise dringend braucht, um das labile Finanzystem unter Kontrolle zu halten.

    Solche Ausbauten ändern aber nichts daran, dass die Bundesbank schrumpft. 1991 hatte sie 16.500 Beschäftigte, nächstes Jahr sollen es noch 9.000 sein. Filialen in den Bundesländern werden geschlossen, demnächst die in Cottbus, und frühere Tätigkeiten wie das Aussortieren abgegriffener Scheine privatisiert. Das, was die Bundesbank zu tun hat, lässt sich mit viel weniger Leuten erledigen – was nicht bedeutet, dass es unwichtiger Kleinkram wäre.

    Denn auch den Staat versorgt sie nach wie vor mit Geld. Wie das geht geht, demonstriert André Bartholomae, der Leiter des Zentralbereichs Märkte, ein Herr mit Einstecktuch, Krawattennadel und tropfenförmiger Goldrandbrille.

    Es ist Mittwoch, 10.56 Uhr, die Auktion läuft noch vier Minuten. Heute bietet die Bank Bundesschatzanweisungen mit 1,5 Prozent Zinsen an. Geschäftsinstitute wie die Deutsche Bank oder die Commerzbank können sie kaufen und an ihre Kunden weiterveräußern. Zu welchem Kurs werden die Institute dem Staat seine Schuldscheine diesmal abnehmen?

    Im Handelsraum der Bundesbank stehen die Arbeitstische in einem großen Halbkreis, darauf Dutzende Bildschirme, dicke schwarze Telefonanlagen, die Händler mit Headsets nehmen die Angebote der Banken entgegen. Drei, zwei, eins, und Schluss, 11.00 Uhr. Sieben Milliarden Euro haben die Besitzer gewechselt. Die Privatbanken bekommen die Schatzanweisungen des Bundes, die Bundesbank das Geld, das sie dann an die Regierung überweist. Das nennt man Staatsverschuldung. Mittlerweile ist sie auf gut 2.000 Milliarden Euro angestiegen. Einen großen Teil davon wickelt die Bundesbank ab. Ohne eine solche Institution würde schon lange kein staatlicher Lehrer mehr bezahlt und kein Schlagloch in den Straßen geflickt.

    André Bartholomae ist stolz, dass alles so gut klappt. „Zwei bis drei Minuten nach Abschluss der Auktion erfolgt die Zuteilung.“ Dann wissen die Geschäftsbanken, wieviele Schuldpapiere des Staates sie zu dem Kurs erhalten, den sie geboten haben. „Wir sind sehr schnell“, sagt Bartholomae. Zu Selbstzweifeln besteht für ihn kein Anlass.

    Andreas Worms dagegen begibt sich in Verteidigungshaltung. Er leitet die Abteilung für Geldpolitik. An seinem Schreibtisch hat früher der künftige Präsident Jens Weidmann gesessen, bevor er ins Bundeskanzleramt wechselte. Worms ist ein lockerer Typ, Sportlerfigur, auf das Jackett verzichtet er, die Ärmel des Hemdes sind hochgekrempelt. Vielleicht liegt es an den Fragen, dass er etwas richtig stellen muss.

    Worms sagt: „Die Bundesbank hat ein starkes Gewicht im Rat der Europäischen Zentralbank. Wir sind ein wichtiger Teil des Eurosystems.“ Das stimmt. Die EZB hat die Bundesbank und die anderen ehemaligen Notenbanken der heutigen Euro-Staaten nicht ersetzt, sondern überwölbt sie. Und doch ist es ganz anders als früher. Worms und seine Kollegen definieren ihre harte Geldpolitik heute nicht mehr alleine, sondern müssen versuchen, sie in der EZB durchzusetzen. Früher hatten sie 100 Prozent Einfluss auf die Leitzinsen und die Inflationsbekämpfung in Deutschland. Andere Länder waren gezwungen, sich anzuschließen. Jetzt haben Worms und seine Volkswirte 30 Prozent Einfluss auf die Entscheidungen im ganzen Euro-Raum. Welche Rolle ist wichtiger?

    Die Bedeutung der Bundesbank in Europa sicher nicht gestärkt hat Axel Webers hastiger Abschied. Nun wird vermutlich nicht er, sondern Mario Draghi, der Chef der der italienischen Notenbank, neuer Präsident der EZB. Aber ist das ein Schaden? Nein, Draghi wird den Euro ebenso beschützen, wie Bundesbank-Chef Weber es getan hätte. Denn auch der Italiener lehnt es ab, verschuldete Staaten wie Griechenland über Gebühr zu unterstützen und damit den Wert der gesamten Währung auf´s Spiel zu setzen. In jedem EZB-Präsidenten steckt ein guter Teil Bundesbank. Einfach, weil Deutschland die stärkste Macht im Euro-Raum ist und bleibt.

    Jens Weidmann

    Der neue Präsident der Bundesbank beginnt seine Arbeit in Frankfurt am kommenden Montag. Weidmann ist 68er. Geboren in Solingen am 20. April des Jahres der Studentenproteste, ist er der jüngste Chef, den die Bank bislang hatte. Bis vor wenigen Wochen war Weidmann Sherpa („Träger“) von Kanzlerin Merkel im Bundeskanzleramt. Er bereitete für sie die Finanzkrisen-Gipfel der 20 wichtigsten Wirtschaftsnationen vor. Weidmann hatte damit eine zentrale Macht- und Handlungsposition inne, bei deren Ausfüllung er sich wenig Kritik zuzog. Neu im Bundesbank-Präsidium ist demnächst auch Sabine Lautenschläger, die Weidmann vertreten wird.

  • „Der elektrische Porsche kommt“

    Wird die deutsche Autoindustrie anders Geld verdienen, als mit dem Verkauf großer, teurer, schneller Fahrzeuge? „Die Chinesen interessiert es nicht, was der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg wünscht“, sagt Porsche-Betriebsrat Hück

    Nun beginnt auch die Diskussion über die Auto-Wende. Baden-Württembergs künftiger grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat sie angestoßen, indem er Deutschlands Auto-Industrie riet, weniger Fahrzeuge zu verkaufen. Ist das nur eine grüne Illusion, oder steckt mehr dahinter?

    Vorläufig werden die deutschen Hersteller keinen grundsätzlich anderen Entwicklungsweg einschlagen. Denn die Lage sieht so aus: Von den rund elf Millionen Pkw, die deutsche Unternehmen 2008 im In- und Ausland produzierten, verkauften sie knapp neun Millionen jenseits unserer Grenzen. Nicht hierzulande, sondern auf den Wachstumsmärkten unter anderem in Asien erzielen die einheimischen Hersteller ihre größten Erfolge. Vor allem große, teure und schnelle Fahrzeuge aus deutscher Fertigung erfreuen sich dort zunehmender Beliebtheit in den aufstrebenden, wohlhabenden Bevölkerungsschichten. Das deutsche Exportmodell funktioniert gut.

    Und der Auslandsmarkt wächst, während der Absatz in Deutschland allenfalls noch marginal steigt. Deshalb bewältigen die deutschen Unternehmen auch schon knapp die Hälfte ihrer Produktion im Ausland. Die Bedeutung der deutschen Politik für die globalen Autokonzerne ist somit beschränkt.

    Auf diesen Umstand spielt Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück im Gespräch mit dieser Zeitung an: „Die ausländischen Wachstumsmärkte wollen mehr Fahrzeuge. Die Frage ist doch, ob dies deutsche Autos sind. Ich sage: Ja. Aber die Welt wartet nicht auf uns. Die Chinesen interessiert nicht, was Herr Kretschmann wünscht.“ Warum sollten die privaten Hersteller auch freiwillig auf Gewinne verzichten, wenn sie die Möglichkeit haben, mehr Fahrzeuge abzusetzen?

    Die Unternehmen werden sich darauf beschränken, ihre Produkte langsam aber sicher zu verbessern. „Eine wichtige Aufgabe besteht darin, die Autos mit Verbrennungsmotor zu optimieren“, sagte Verkehrsexperte Thorsten Koska, „Treibstoff-Einsparungen von bis zu 30 Prozent sind noch möglich.“ Für die sozialdemokratische Friedrich-Ebert-Stiftung hat Koska, Wissenschaftler am Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie, kürzlich eine Studie über die „Zukunft der deutschen Automobilindustrie“ verfasst.

    Heute verbrauchen die in Deutschland neu zugelassenen Fahrzeuge durchschnittlich 5,8 Liter Diesel und 6,5 Liter Benzin auf 100 Kilometern. Koska geht davon aus, dass sich diese Werte bis 2020 auf etwa 3,6 Liter Diesel beziehungsweise vier Liter Benzin senken ließen. Voraussetzung dafür sei aber, dass die Politik entsprechende Anreize setze, so Koska. Ein Beispiel: Die EU plant, den Grenzwert für den CO2-Ausstoß pro Kilometer bis 2020 auf 95 Gramm zu senken.

    Diesen Weg beschreitet die Autoindustrie bereits heute – wenngleich ihre Vertreter Lobbypolitik gegen zu scharfe Grenzwerte betreiben. Als Reaktion auf Kretschmanns Äußerungen sagte Daimler-Vorstand Dieter Zetsche: „Wir wissen, wo unsere Zukunft liegt und wie wir uns entwickeln.“ Die neue A-Klasse beispielsweise werde „niedrige Verbräuche aufweisen“. Porsche-Betriesbrat Hück pflichtete ihm bei: „Es geht darum, mehr umweltfreundliche Autos herzustellen. Wir müssen Vorreiter für moderne Antriebstechniken werden.“

    Diesen Strukturwandel betreiben die Unternehmen nicht ganz freiwillig. Angesichts des Klimawandels, der Politik zur Eindämmung der Emissionen und des steigenden Erdölpreises stellt sich die Frage, wann die Autos eher mit Strom, als mit Benzin und Diesel fahren.

    Bis der Markt für elektrische Fahrzeuge allerdings so groß sein wird, dass er den Absatz konventioneller Fahrzeuge teilweise oder ganz ersetzen kann, dürfte noch viel Zeit vergehen. Verschiedene wissenschaftliche Studien sehen den Anteil von Elektroautos an der gesamten Pkw-Flotte im Jahr 2030 bis höchstens zehn Prozent.

    „Der Verkauf von ausschließlich elektrisch betriebenen Fahrzeugen wird vorläufig nicht rentabel sein“, so Wuppertal-Experte Koska. „Diese Schwelle werden wir vermutlich erst zwischen 2020 und 2030 erreichen.“ Vorher müssen die Unternehmen milliardenteure Investitionen tätigen.

    Irgendwann aber wird es soweit sein. „Wir werden es schaffen, den vollelektrischen Porsche auf die Straße zu bringen“, sagte Betriebsrta Hück, „aber das geht nicht von heute auf morgen. Einen elektrischen Boxter haben wir allerdings schon im Test.“

  • Die Schattenseiten des Ostereies

    Noch immer liegt bei der Erzeugung der Eier vieles im Argen / Verbraucher wollen keine Käfighaltung

    „Ich wollt, ich wär' ein Huhn,

    ich hätt' nicht viel zu tun,

    ich legte jeden Tag ein Ei

    und Sonntags auch mal zwei…“

    (Comedian Harmonists)

    Nett anzuschauen sind die bunten Eier, die vielerorts in Körbchen den österlichen Frühstücktisch zieren. Die Feiertagsstimmung täuscht darüber hinweg, dass dem appetitlichen Anblick harte Arbeit vorausgegangen ist. Ei verzehrt fast jeder jeden Tag, auch wenn dies oft unbewusst geschieht. 214 Stück pro Kopf haben die Deutschen im vergangenen Jahr verdrückt, Babys und Magersüchtige inbegriffen. Zusammengenommen 17,5 Milliarden Eier verbrauchten die Konsumenten insgesamt. Ein harter Job für die Hühner.

    In den bundesweit über 72.000 Hühnerfarmen bemühen sich knapp 39 Millionen Legehennen um Nachschub. Ländlich romantisch geht es dabei meist nicht zu. Die Mehrzahl des Gefieders muss sich wenig Platz mit vielen Artgenossinnen teilen. 7,2 Millionen Hennenhaltungsplätze in engen Käfigen entfallen allein auf 23 Betriebe, die mehr als 200.000 Hühner halten. Größere Biobetriebe fallen mengenmäßig kaum ins Gewicht. Sie bringen es insgesamt nur auf 2,3 Millionen Legehennen. Das verdeutlicht den Unterschied zwischen Bioerzeugung und herkömmlicher Produktion.

    Die bei vielen Verbrauchern verpönte Käfighalten, bei der sich eine Henne mit einem Platz von 1,5 Din-A-4-Seiten begnügen muss, ist entgegen den Vorstellungen vieler Verbraucher noch längst nicht am Ende. Im Supermarkt sind die Eier aus den Legebatterien zwar kaum mehr zu finden. Sie landen in der Lebensmittelindustrie. Denn hier, so kritisiert die Verbraucherorganisation Foodwatch, klafft eine Lücke in der Kennzeichnungspflicht. Auf Fertigwaren muss nicht angegeben werden, woher die einzelnen Eibestandteile stammen. Immerhin wird jedes zweite Ei irgendwie weiterverarbeitet.„Industrie und Gastronomie können Verbrauchern Käfigeier ohne jeden Hinweis unterjubeln“, ärgert sich Foodwatch und fordert von Agrarministerin Ilse Aigner, diese Lücke zu schließen. Doch das Ministerium verweist auf die Zuständigkeit der EU.

    Dagegen sind alle Eier in Schalen, die den Handel kommen, gekennzeichnet. Die erste Ziffer deutet auf die Produktionsweise hin, von der „0“ für die Bioware bis zur „3“ für die Käfighaltung. Dazu findet sich noch ein Staatenkürzel, die Betriebsnummer sowie eine Angabe für das Bundesland der Herstellung. Die Information ist da. Nur verstehen die wenigsten Verbraucher den Code auf Anhieb.

    Auch die Haltung selbst steht immer wieder in der Kritik. Immer wieder werden bedrückende Bilder der engen Käfige oder Auslaufflächen bei der Bodenhaltung veröffentlicht. Besonders drastische Darstellungen zeigen die qualvolle Tötung von männlichen Küken, die bekanntlich für die spätere Eierproduktion untalentiert sind. Aigner hofft auf die Wissenschaft, die Methoden zur frühzeitigen Erkennung des Geschlechtes liefern soll. Dann könnten die männlich befruchteten Eier schon vernichtet werden, bevor ein Küken schlüpft. Das würde die Lage der Hühner zwar etwas verbessern. Von der heilen Frühstückswelt der Ostertage bliebe der Arbeitsalltag der Legehennen aber trotzdem noch weit entfernt.

  • „Laufende Verträge sind nicht betroffen“

    Im kommenden Jahr sinkt der Garantiezins für klassische Lebensversicherungsprodukte wie Kapitallebens- oder Rentenversicherungen von jetzt 2,25 Prozent auf dann 1,75 Prozent. Was das für Versicherte bedeutet, erklärt Finanztest-Redakteurin Susanne Meunier

    Mandy Kunstmann: Frau Meunier, was ist der Garantiezins?

    Susanne Meunier: Der Garantiezins wird auch „Höchstrechnungszins“ genannt. Er gilt bei klassischen Lebensversicherungsprodukten wie Kapitallebens- oder Rentenversicherungen. Es handelt sich um den Zinssatz, den Versicherungsunternehmen ihren Kunden maximal auf den Sparanteil im Beitrag zusagen dürfen. Der Sparanteil ist das, was nach Abzug von Kosten im Vertrag eines Kunden fürs Sparen übrig bleibt. Schon heute bleibt bei teuren Versicherern von den derzeit geltenden 2,25 Prozent Garantiezins nur 1 Prozent und weniger übrig – auf den Beitrag gesehen.

    Kunstmann: Sollte ich jetzt noch schnell eine Kapitallebens- oder Rentenversicherung abschließen, damit ich noch mehr Zinsen bekomme?

    Meunier: Nein. Kunden, die erst ab 2012 einen Vertrag neu abschließen, wird zwar fürs gleiche Geld etwas weniger Rente oder eine geringere Einmalzahlung garantiert als denen, die noch bis Ende 2011 abschlossen. Das heißt aber nicht, dass diese neuen Kunden am Ende weniger herausbekommen als die anderen. Der garantierte Teil ist bei einer klassischen Lebens- oder Rentenversicherung nur der eine Teil der Auszahlung. Der andere kommt aus Überschüssen. Gibt es weniger Garantie, kann dafür der Anteil an Überschüssen etwas höher sein.

    Kunstmann: Wirkt sich die Senkung des Garantiezinses auf bestehende Policen aus?

    Meunier: Laufende Verträge sind nicht betroffen. Der niedrigere Zins gilt nur für ab 2012 geschlossene Verträge, für diese aber auf Dauer. Erholt sich das Zinsniveau nachhaltig, wird auch der Garantiezins irgendwann wieder angehoben werden. Das gilt dann aber auch erst wieder für Neuverträge ab dem Zeitpunkt der Erhöhung.

    Kunstmann: Wer entscheidet über die Höhe des Garantiezinssatzes?

    Meunier: Den Zinssatz setzt das Bundesfinanzministerium fest. Es passt den Zins an, wenn die Umlaufrendite der Euro-Staatsanleihen im Durchschnitt der letzten zehn Jahre sinkt oder steigt. Die Umlaufrendite ist die durchschnittliche Rendite aller Euro-Staatsanleihen, die im Umlauf sind. Der Garantiezins darf nur rund 60 Prozent dieser Rendite betragen. Das soll Versicherer daran hindern, zu hohe Zinszusagen zu geben, die sie dann vielleicht auf Dauer nicht einhalten können.

    Bio-Box: Susanne Meunier (48) ist seit April 1993 Redakteurin bei der Zeitschrift Finanztest.

  • Die Ziele des Sparers sind entscheidend

    Mit zahlreichen Finanzprodukten lässt sich ein Vermögenspolster für den Ruhestand aufbauen/ Entscheidend für die Auswahl ist die künftige Lebensplanung

    Wer privat Vermögen für das Leben im Alter ansparen möchte, kann wählen: Da gibt es die staatliche Riester- oder die Rürup-Rente, Betriebsrenten, diverse Aktienfonds, Lebensversicherungen, Bank- oder Bausparverträge und vieles mehr. Bei der Auswahl des richtigen Finanzproduktes gilt es einige wichtige Regeln zu beachten.

    „Viele Leute sorgen nicht richtig vor“, sagt Gabriel Hopmeier, freier Honorarberater aus Freiburg. „Bei der Vielzahl der Möglichkeiten entscheiden sie sich für die falschen.“ Viele Produkte, so Hopmeier, eignen sich für den langfristigen Vermögensaufbau für das Alter nicht bedingungslos: Rentenversicherungen seien zum Beispiel teuer, unflexibel und intransparent. Sie könnten sich allerdings lohnen, wenn jemand sehr alt wird.

    Der erste Schritt bei der Wahl des richtigen Produkts ist ein Blick in die Zukunft: „Viel wichtiger als das Produkt sind die Ziele“, erläutert Hopmeier. Je nachdem, wie die Zukunftsplanung aussieht, gestaltet sich also die Palette der Produkte, die infrage kommen. „Die persönliche Finanzplanung muss sich an der Lebensplanung ausrichten“, pflichtet Jürgen Gramer, freier Honorarberater aus Ulm, bei. Es mache einen Unterschied, ob ein 20-jähriger Student, ein 30-jähriger Selbständiger oder ein 60-jähriger Eigenheimbesitzer sich für das Alter absichern möchte.

    Welches Produkt letztendlich für den Einzelnen infrage kommt, hängt neben der Lebensplanung auch von anderen Faktoren ab: der Einstellung zum Kapitalmarkt, der Risikobereitschaft, der finanziellen Lage und ökologischen oder ethischen Überlegungen. Eine Rolle spielt auch, wie diszipliniert der Einzelne ist. „Wer am Ende des Monats immer in den Dispo rutscht, weil er sich anstelle Geld beiseite zu legen, lieber teure Schuhe oder Motorräder kauft, fährt mit einer Rentenversicherung ganz gut“, sagt Vermögensberater Hopmeier. Da werde das Geld regelmäßig vom Konto abgebucht und das Geld sei sicher, unter anderem auch weil der Kunde kurzfristig nicht an das Geld herankomme.

    Tipp: Berater bei Banken, Versicherern und Finanzvertrieben beraten zwar kostenlos, tatsächlich bezahlen die Produktanbieter die Beratung – mit dem Geld der Kunden. Unabhängige Altersvorsorgeberatung gibt es gegen eine Gebühr bei Honorarberatern. Auf folgenden Internetseiten finden Interessierte einen Experten: www.berater-lotse.de, www.fpsb.de oder www.bvvb.de. Auch die Verbraucherzentralen (www.verbraucherzentrale.de) bieten den Service.

  • Lebensversicherungen sind selten erste Wahl

    2012 gibt es weniger Zinsen für die kapitalbildenden Policen/ Niemand sollte deshalb vorschnell einen Vertrag unterschreiben, warnen Verbraucherschützer

    Ab 2012 sinkt der Garantiezins für Lebensversicherungen. Anstatt derzeit 2,25 Prozent gibt es künftig nur noch 1,75 Prozent als Minimumverzinsung für das angelegte Kapital. Aus diesem Grund sollte dennoch niemand vorschnell einen Vertrag abschließen, sagen Verbraucherschützer: Zum einen bedeuten weniger garantierte Zinsen nicht unbedingt weniger Erspartes am Ende der Laufzeit. Zum anderen ist die Police nur in seltenen Fällen empfehlenswert. 

    Die klassische Lebensversicherung vereint zwei Dinge: Einen Sparplan, mit dem der Versicherte Vermögen für das Alter anspart, und eine Lebensversicherung. Im Todesfall dient sie zur finanziellen Absicherung der Angehörigen. In der Kombination „Kapitalaufbau und Risikolebensversicherung“ sieht Hajo Köster vom Bund der Versicherten (BdV) keinen Sinn. „Viele Policen bieten einen zu geringen Versicherungsschutz im Todesfall“, bemängelt der BdV-Berater. Bekommt eine Witwe mit zwei kleinen Kindern 25.000 oder 30.000 Euro ausgezahlt, sei das nicht genug, wenn alleinverdienende Familienvater plötzlich nicht mehr da ist.

    Eine separate Risikolebensversicherung, so Köster, ist besser geeignet, die Angehörigen abzusichern. Auch für den Vermögensaufbau gebe es bessere Wege. Zurückhaltung in punkto Kombipolice kommt auch von anderer Seite. „Kapitallebensversicherungen passen nur zu wenigen Menschen“, erläutert Finanzexpertin Susanne Meunier von der Stiftung Warentest. Die Verträge vieler Anbieter seien teuer und wenig ertragreich.

    Verbraucherschützer befürchten, dass Versicherungsvertreter auch mit dem Argument, dass es in Zukunft weniger Zinsen gibt, auf Kundenfang gehen werden. „Darauf sollte niemand hereinfallen“, warnt BdV-Berater Köster. Ein niedrigerer Garantiezins habe nicht unbedingt Auswirkungen auf das, was am Ende herauskommt. Wie viel Ertrag beim Versicherten ankommt, hängt von mehreren Aspekten ab. So spielt es beispielsweise eine Rolle wie kostengünstig der Versicherer wirtschaftet und wie viel vom Ertrag er an seine Kunden weitergibt.

    Hier ein Rechenbeispiel: Möchte eine Nichtraucherin in 30 Jahren bis zu ihrem 60. Lebensjahr 100.000 Euro ansparen, zahlt sie derzeit beim preiswertesten Versicherer 218 Euro monatlich. Anstelle mit 2,25 Prozent rechnet dieser mit 1,56 Prozent Rendite, weil er Verwaltungs- und Risikokosten abzieht. Verringert sich der Garantiezinssatz jetzt um 0,5 Prozent, bedeutet das, dass auch die Versicherungssumme geringer ausfällt. Anstelle von 218 Euro müsste die Nichtraucherin 235 Euro monatlich beim Versicherer ansparen, um auf die Summe von 100.000 Euro zu kommen.

    Das ist erst einmal weniger Geld in der Tasche. Dennoch bedeutet die höhere Sparrate nicht zwangsläufig einen schlechteren Vertrag. „Wenn der Kunde höhere Beträge zahlt, kann die Versicherung mehr Geld erwirtschaften“, erläutert BdV-Experte Köster. Schließlich legt die Assekuranz das Geld an. Zwischen drei bis vier Prozent liegen die tatsächlich gezahlten Zinsen derzeit. Und erzielt die Versicherung mehr Gewinn, muss sie ihre Kunden daran beteiligen.

    Zwar ist die Kapitallebensversicherung eine verhältnismäßig sichere Anlageform, weil der Kunde kein Verlustrisiko trägt. Das gilt allerdings nur, wenn er den Vertrag bis zum Ende durchhält. Laut BdV schafften das nicht einmal die Hälfte der Versicherten. Einen bestehenden Vertrag gilt es deshalb am besten beizubehalten. Können Versicherte die Raten nicht aufbringen, haben sie die Möglichkeit den Vertrag beitragsfrei zu stellen.

    Doch welche Alternativen gibt es zur Lebensversicherung? Der Chefredakteur der Zeitschrift Finanztest Hermann-Josef Tenhagen weiß Rat: „An erster Stelle kommt die staatlich geförderte Riester-Rente, die es nicht nur als Rentenversicherung gibt, sondern auch als Fonds- und Banksparplan oder Bausparvertrag und sogar als Riester-Darlehen für eine selbstgenutzte Immobilie.“
    Interessant könne für Arbeitnehmer auch eine selbstgesparte Betriebsrente sein, besonders, wenn die Firma etwas beisteuere.

    Sparer sollten immer bedenken,  dass sie vielleicht kurzfristig einmal Geld benötigen. Neben lang laufenden Verträgen sind deshalb auch flexible Anlagen wichtig. „Junge Leute liegen oft mit guten, breit streuenden Fondssparplänen richtig. Sie haben viel Zeit bis zum Ruhestand und sollten die langfristig besseren Ertragschancen an den Börsen nutzen“, empfiehlt Tenhagen. Ältere Sparer fänden flexiblere, aber gleichzeitig sicherere Anlagemöglichkeiten in den Zinsprodukten der Banken oder in Bundeswertpapieren.

  • Die Maut wird irgendwann kommen

    Analyse

    So zuverlässig wie Augenzeugenberichte über das Ungeheuer von Loch Ness werden in gewissen Abständen Pläne zur Einführung einer Pkw-Maut lanciert. Diesmal macht ein Arbeitspapier des Bundesverkehrsministeriums die Runde, in dem verschiedene Varianten der Nutzungsgebühr durchgespielt werden. Das Dementi des Hausherrn folgte ebenso prompt. So löst sich die Meldung der Mautpläne schnell in Luft auf. Auch die Kanzlerin hat klargestellt, dass es in dieser Legislaturperiode kein derartiges Vorhaben geben wird. So steht es auch im Koalitionsvertrag. Es ist eine der Abmachungen, die leicht eingehalten werden kann, in dem man einfach nichts tut. Alles andere brächte nur viel Ärger.

    Warum geistert Autofahrers Ungeheuer immer wieder durch die Medien? Weil die Pkw-Maut irgendwann kommen wird, sogar kommen muss. Schon die Regierungskommission, die sich zur Jahrhundertwende Gedanken um die Finanzierbarkeit der Verkehrsinfrastruktur gemacht hat, kam zu diesem Ergebnis. Nutzerfinanzierung statt Steuerfinanzierung lautet das Motto. Anders ist der gewaltige Investitionsaufwand ins Straßennetz kaum zu stemmen.

    Der Verkehrshaushalt ist schon seit vielen Jahren chronisch unterfinanziert. Fast fünf Milliarden Euro können jährlich für den Erhalt und Neubau der Straßen ausgegeben werden. Es müssten einige Milliarden mehr sein. Eine Folge kann jeder sehen. Das Netz verfällt nach und nach, weil mit den bereitstehenden Mitteln nicht einmal die Instandhaltung vollständig gewährleistet werden kann. Unsichtbar ist naturgemäß das, was erst gar nicht gebaut wird, weil das Geld dafür fehlt, dringend benötigte Umgehungsstraßen zum Beispiel.

    Die Lage wird sich zwangsläufig weiter verschärfen. Denn das Verkehrsaufkommen nimmt weiter zu und die zu lange Wartezeiten bei der Instandhaltung verteuern den Straßenbau. Angesichts der Schuldenbremse und leerer Kassen wird sich kein Finanzminister großzügig zeigen, gleich welcher Partei er angehört. Es müssen also andere Finanzierungswege gefunden werden.

    Momentan agiert die Politik dabei ziemlich einfallslos. Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) setzt auf mehr privat-öffentliche-Partnerschaften (PPP). Doch auch diese Alternative wird schon seit vielen Jahren angepriesen, ohne dass nennenswert viele Projekte zustande gekommen sind. Die Privaten haben Interesse an sicheren Gewinnen. Viele Straßenbauvorhaben sind allein schon aus diesem Grunde gar nicht für ein PPP geeignet. Und wenn, dass kassieren die Investoren auch eine Maut. Entweder nur von den LKW, die ohnehin schon eine Nutzungsgebühr entrichten, oder von allen Fahrer, wie es bei privat betriebenen Tunneln oder Brücken üblich ist. Ramsauer präsentiert auch deshalb keine Alternativen, weil er ein Anhänger der Pkw-Maut ist. Das darf er aber nicht sagen.

    Noch eine Weile kann sich eine mutlose Verkehrspolitik ohne grundlegende Entscheidung durchwursteln. Ab einem gewissen Punkt wird der Verfall der Infrastruktur aber zum Handeln zwingen. Die beste Option ist dann tatsächlich die Pkw-Maut, weil sie die belastet, die von den Investitionen ins Verkehrsnetz profitieren. Die Gebühr für die Lkw zeigt ja schon, dass das Instrument hervorragend funktionieren kann, wenn es erst einmal eingeführt ist.

  • "Die Schwarzarbeiter sind schon da"

    Am 1. Mai öffnet sich der deutsche Arbeitsmarkt für acht EU-Länder / Union will Pflegepersonal aus aller Welt

    Noch knapp zwei Wochen lang müssen sich Arbeitnehmer aus acht EU-Ländern gedulden, sofern sie gerne in Deutschland arbeiten möchten. Denn ab dem ersten Mai dürfen sich fast alle Beschäftigten aus EU-Ländern überall in der Gemeinschaft einen Job suchen. Für die meisten gilt dies schon. Aber Deutschland hatte eine siebenjährige Schonzeit ausgehandelt, die ausgerechnet am diesjährigen Tag der Arbeit ausläuft. Dann dürfen Esten, Letten, Litauer, Tschechen, Polen, Ungarn, Slowaken und Slowenen hier einer regulären Arbeit nachgehen. Außen vor bleiben vorerst noch Bulgaren und Rumänen, die ab 2014 kommen dürfen.

    Die Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt sind umstritten. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen ist optimistisch. „Wir erwarten eher die jungen, gut ausgebildeten Leute“, sagt die CDU-Politikerin. Ihre Fachleute rechnen mit einer mäßigen Zuwanderung aus den Beitrittsländern. Danach werden zwischen 100.000 und 140.000 Arbeitnehmer jährlich die neue Freiheit nutzen. „Uns geht nicht die Arbeit aus, sondern uns gehen die Arbeitskräfte aus“, verteidigt die Ministerin die Öffnung. Sie hofft beispielsweise, dass Handwerksbetriebe in den grenznahen Gebieten in den neuen Ländern Azubis aus den Nachbarländern anheuern können. Denn die Betriebe können die Lehrstellen schon nicht mehr mit deutschen Schulabgängern besetzen.

    In der Praxis vereinfacht die Neuregelung die Zuwanderung. Eine Arbeits- oder Aufenthaltserlaubnis benötigen die EU-Bürger nicht. Solange sie sich an die deutschen Bestimmungen halten, dürfen sie hier leben und arbeiten. Während die Bundesregierung die Vorzüge preist, warnen die Gewerkschaften vor Lohndumping, vor allem in der Leiharbeitsbranche. Zwar gelten hier jetzt auch Mindestlöhne, 7,79 Euro im Westen und 6,89 Euro im Osten, doch der DGB verlangt einen generellen Mindestlohn von 8,50 Euro, damit die Konkurrenz aus den Niedriglohnländern keine Lohnspirale nach unten auslöst.

    Andere Länder haben mit die Zuwanderern gute Erfahrungen gemacht. So zog es zeitweilig mehr als 700.000 Polen nach Großbritannien. Langfristig erwartet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) auch positive Wachstumseffekte in Deutschland durch die Zuwanderung. Kurzfristig kann die Öffnung allerdings auch Nachteile bringen.

    Im Vergleich zu Beginn des Jahrzehnts ist die Sorge vor einer Schwemme von Billigarbeitern in der Fachwelt einer Gelassenheit gewichen. Denn das Lohnniveau in den Beitrittsländern hat sich inzwischen deutlich erhöht. Der Abwanderungsdruck lässt daher nach. „Ich glaube nicht, dass sich viel tun wird“, sagt der Chef des Instituts für Makroökonomie, Gustav Horn. In Deutschland sei das Lohnniveau auch nicht mehr so interessant für Zuwanderer. Diese würden womöglich gleich weiterziehen. „Die Schwarzarbeiter sind schon da“, glaubt auch von der Leyen an nur noch geringe Verdrängungseffekte.

    Das Lohngefälle ist vor allem bei gering Qualifizierten weiterhin beträchtlich. Das zeigt ein Blick auf die Mindestlöhne, die fast alle europäischen Länder vorschreiben. Schlusslicht ist Bulgarien mit einer Untergrenze von 122 Euro im Monat. In Polen müssen wenigstens 350 Euro bezahlt werden, in Slowenien 748 Euro. Auf der anderen Seite stehen die Engländer mit 1.130 Euro und die Niederländer mit über 1.400 Euro. Luxemburger verdienen sogar wenigstens 1.757 Euro monatlich.

    CDU und CSU wollen an einem Punkt sogar noch weiter gehen als die EU. Das Unionskonzept für eine Pflegereform sieht die Arbeitserlaubnis für Pflegekräfte aus Ländern außerhalb der EU vor. Voraussetzung sei ein Lohn von 800 bis 1.000 Euro im Monat sowie freie Kost und Logis. Die Forderung stößt auf Kritik. „Wir haben eine Verantwortung für die Qualität und die Arbeitsbedingungen“, warnt die Pflegesprecherin der Grünen, Elisabeth Scharfenberg vor unkontrolliert arbeitenden Pflegerinnen.

  • Heißes Eisen

    Kommentar

    Deutschland droht wenigstens langfristig ein dramatischer Pflegenotstand. Aus eigener Kraft wird sich das Problem nicht lösen lassen. Jede zweite Frau und jeder dritte Mann muss im Alter mit Demenz rechnen. Der Grund: Die Menschen werden älter, nicht kränker. Neue Ideen und Konzepte sind folglich gefragt. Die Union packt hier gerade ein sehr heißes Eisen an und will den Arbeitsmarkt für private Pflegekräfte praktisch für alle Länder der Welt öffnen.

    Die Idee weist in die richtige Richtung, auch wenn man über die Ausformung noch gut nachdenken muss. Fakt ist, dass in zehn oder zwanzig Jahren ein eklatanter Mangel an jungen Menschen auftreten wird. Diese Generation wird für viele andere wichtige Aufgaben von der Gesellschaft gebraucht. Sie müssen die Wirtschaft in Gang halten und mit neuen Ideen für wettbewerbsfähige Produkte sorgen und sie müssen mit ihrer bezahlten Arbeit die Sozialsysteme finanzieren. Es wird daher kaum möglich sein, ihnen auch noch die Pflege ihrer Eltern oder Großeltern aufzuerlegen.

    Allein schon aus diesem Grund werden weitere Hilfskräfte benötigt. Da die Problematik in den wichtigsten EU-Ländern vergleichbar ist, bleibt nur die Suche anderswo. Die Umsetzung ist allerdings schwierig. Wie kann eine qualitativ angemessene Versorgung sichergestellt werden? Wie werden pflegende Zuwanderer vor bodenloser Ausbeutung geschützt? Kann gewährleistet werden, dass das Pflegepersonal nicht nebenbei noch schwarz arbeitet und es dadurch Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt gibt?

    Es wäre ein leichtes, den Vorschlag der Union zu verdammen, weil er noch mit vielen Risiken behaftet ist. Aber es wäre auch leichtfertig. Denn wer das Problem lösen will, wird an unangenehmen Wahrheiten nicht vorbeikommen. Das weiß niemand besser als jene, die heute schon pflegebedürftige Angehörige versorgen. Der Zugang zur Pflegeversicherung ist schwer und Hilfe teuer.

  • „Deutsche Atomkritik ist nicht irrational“

    Haben die Deutschen eine Öko-Macke? Wollen wir deshalb als einziges Land möglich schnell alle AKW abschalten? Professor Udo Kukartz sieht einen Grund für die besondere deutsche Atomkritik im ausgeprägten Bedürfnis nach politischer Mitentscheidung

    Hannes Koch: Die Katastrophe von Fukushima hat in Deutschland eine neue Debatte über den schnellen Atomausstieg ausgelöst. In den meisten anderen Ländern, die ebenfalls Atomkraftwerke betreiben, scheint das nicht so zu sein. Reagieren die Deutschen sensibler als andere Nationen?

    Udo Kukartz: Die aktuelle atomkritische Stimmung in Deutschland hat einen langen Vorlauf. Der Anteil der Menschen, die die Atomkraft ablehnen, war hierzulande schon immer größer als beispielsweise in Frankreich. Im vergangenen Jahr plädierten gut 30 Prozent der Deutschen für einen schnelleren Ausstieg, als ihn Rot-Grün beschlossen hatte. Nur zehn Prozent wollten die Kraftwerke länger laufen lassen.

    Koch: Keine andere Regierung hat von einem Tag auf den anderen ein Drittel der Atomkraftwerke abschalten lassen. Trug Kanzlerin Merkel damit den besonderen Sorgen der Deutschen Rechnung?

    Kukartz: Zu spät – diese Stimmung hätte die Kanzlerin bereits 2010 kennen können, als sie die Laufzeit der AKW verlängerte. Nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung stand hinter dieser höchst riskanten Abkehr vom Rot-Grünen Atomausstieg. Denn auch die konservative Klientel – mit Ausnahme der FDP – ist seit langem von grünem Gedankengut durchdrungen. Das Umweltbewusstsein der Deutschen kommt mir vor wie ein schlafender Bär. Man muss ihn nur anstoßen, dann wacht er auf und brummt.

    Koch: Am 26. April jährt sich zum 25. Mal der Unfall im AKW Tschernobyl. Waren die Deutschen auch damals schon aufgeregter als beispielsweise die Polen, Österreicher oder Schweden?

    Kukartz: Das war auch vor 25 Jahren schon so. Damals stand die Umwelt in der Hierarchie der Sorgen auf Platz Nummer Eins – vor Arbeitslosigkeit und allen anderen Fragen. Erst durch den Fall der Mauer änderte sich diese Reihenfolge wieder.

    Koch: Saurer Regen, Waldsterben, Mülltrennung, Atom – hierzulande wurden in den vergangenen Jahrzehnten große Debatten über Umweltprobleme geführt. Haben sich die Deutschen um diese Themen früher gekümmert als die Menschen in anderen Ländern?

    Kukartz: Im europäischen Vergleich ja. Aber die Umweltbewegung in den USA ist älter als die deutsche. In Amerika begann die Debatte schon 1962 mit dem Buch „Silent Spring“, in dem Rachel Carson den Einsatz von Insektenvernichtungsmitteln anprangerte. Das Thema gewann dort schnell an Dynamik, weil viele, auch konservative US-Bürger im Naturschutz aktiv waren.

    Koch: Welches war das treibende Motiv, als in den 1970er Jahren die deutsche Öko-Bewegung entstand?

    Kukartz: Anders als in den USA ist die hiesige Umweltbewegung überwiegend links inspiriert. Sie entstand als Ausläufer von 1968. Die Kritik am Kapitalismus mag ein Grund dafür sein, dass hier die großen Unternehmen, und damit auch die Atomkonzerne unter besonderer Beobachtung stehen. Außerdem haben die Deutschen im Vergleich zu unseren Nachbarländern insgesamt ein stärkeres Bedürfnis, bei politischen Entscheidungen mitzureden. Umfragen zeigen uns, dass der demokratische Gedanke der Partizipation hier weit verbreitet ist.

    Koch: Vor 220 Jahren köpften die Franzosen ihren König. Hier hatten es Revolutionäre dagegen schwerer. Deshalb sagt man dem deutschen Bürgertum einen auf Enttäuschung basierenden Hang zur Innerlichkeit nach. Könnte das eine Wurzel übertriebener Schwärmerei für die Natur sein?

    Kukartz: Historisch ist ein solcher Erklärungsansatz durchaus plausibel. Und auch in zeitgenössischen Umfragen lassen sich Motive nachweisen, die man als Folge dieser geschichtlichen Entwicklung deuten kann. Viele Deutsche haben beispielsweise ein sehr harmonisches Bild von der Natur und dem Zusammenleben der Tiere.

    Koch: Sind wir also Öko-Romantiker und als solche möglicherweise übertrieben ängstlich, was die Atomkraft betrifft?

    Kukartz: Es fällt mir schwer, dies zu behaupten. Trägt nicht eher der Glaube an die Technik, die Hoffnung auf die Sicherheit der Atomkraftwerke, romantische Züge? Seit Tschernobyl und Ulrich Becks Buch „Risikogesellschaft“ wissen wir, warum man Atomkraftwerke nicht gegen Unfälle versichern kann. Wegen der möglichen unbezahlbaren und unkontrollierbaren Folgen erscheint mir die Forderung nach dem Atomaustieg sehr rational zu sein.

    Koch: Wir sehen uns nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch als Umwelt-Weltmeister. Niemand hat so viel tolle Windräder wie wir. Stimmt diese Selbstwahrnehmung?

    Kukartz: Nein. Da gibt eine ziemliche Lücke zwischen der Selbsteinschätzung und der Realität. Wenn Umweltschutz Geld kostet oder sie ihr persönliches Verhalten ändern müssten, schrecken viele Deutsche zurück. Beim ökologischen Konsum oder Energiesparen sind sie im europäischen Vergleich keine Vorbilder. Beispielsweise die Menschen in Skandinavien sind da konsequenter.

    Bio-Kasten:

    Udo Kukartz (60) erforscht unter anderem im Auftrag des Umweltbundesamtes die Einstellung der Deutschen zur Ökologie. Er ist Professor am Fachbereich für Erziehungswissenschaften der Universität Marburg.

  • Abschied von der westlichen Geldherrschaft

    Finanzminister Schäuble schlägt vor, den chinesischen Renmimbi in den Kreis der Weltwährungen aufzunehmen. Tagung von IWF und G20 in Washington

    Die weltweite Herrschaft der westlichen Währungen geht dem Ende entgegen. Dollar und Euro könnten schon bald durch den chinesischen Renmimbi, den russischen Rubel oder die indische Rupie ergänzt werden, heißt es im Bundesfinanzministerium. Man arbeite daran, einen „Fahrplan für die Integration“ zu entwerfen.

    Bis kommenden Samstag finden in Washington die turnusgemäßen Tagungen des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und der G20-Gruppe der wichtigsten Wirtschaftsnationen statt. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble nimmt daran teil und hält mehrere Reden über die Reform des Weltwährungssystems.

    Mit der Initiative des Finanzministeriums, für die Staatssekretär Jörg Asmussen maßgeblich verantwortlich ist, kommt Deutschland den Interessen der fünf großen Schwellenländern Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika entgegen, die als BRICS-Staaten bezeichnet werden. Bei einem Treffen in China am Donnerstag vereinbarten diese Länder, sich stärker vom dominierenden US-Dollar abzukoppeln. Deshalb wollen sie einander künftig auch Kredite in eigener Währung bereitstellen. Am Dollar bemängeln die BRICS-Staaten, dass die US-Währung wegen der hohen Verschuldung der USA zunehmend instabil werde und immer weniger als sichere Reserve-Währung tauge. China und andere Länder haben zur Zeit noch Dollar-Reserven in Billionenhöhe.

    Das Bundesfinanzministerium regt nun an, beispielsweise den chinesischen Renmimbi in den Währungskorb der Sonderziehungsrechte (SZR) beim Internationalen Währungsfonds (IWF) aufzunehmen. Die so genannten Sonderziehungsrechte stellen die künstliche Währung des IWF dar. Jedes Mitgliedsland hat das Recht, sich in Krisensituationen gegenüber dem Fonds in der synthetischen Währung der Sonderziehungsrechte zu verschulden. Der Wert der SZR basiert heute auf den Währungen US-Dollar, japanischer Jen, britisches Pfund und Euro.

    Das deutsche Anliegen ist aber auch nicht selbstlos. Bevor der Renmimbi Teil des Wahrungskorbes wird, müsste die chinesische Regierung den Außenhandel mit ihrer Währung liberalisieren. Heute ist der Wert des Renmimbi noch fest an den Dollar gekoppelt. Deshalb gilt die chinesische Währung als unterbewertet und Waren, die China nach Europa und Amerika exportiert, sind vergleichweise billig. Avancierte der Remimbi zu einer Weltwährung, müsste sein Wert steigen, wodurch Chinas ökonomischer Vorteil abnähme.

    Die Erweiterung des Weltwährungssystems könnte auch institutionelle Folgen nach sich ziehen. Weltbank-Präsident Robert Zoellick hält es für notwendig, ein neues Gremium der Länder mit Weltwährungen ins Leben zu rufen – ein „SZR-Forum“. Dieses könnte die G7-Gruppe der großen westlichen Industrieländer allmählich bedeutungslos machen.

    Im Rahmen der G20 leitet Deutschland gegenwärtig eine Arbeitsgruppe zur Reform des Weltwährungssystems. Im November 2011 soll diese einen Bericht vorlegen. Dabei geht es unter anderem auch um neue Lösungen, um zu hohe grenzüberschreitende Kapitalflüsse einzudämmen. Diese tragen immer wieder dazu bei, Staaten zu destabilisieren und Spekulationsblasen entstehen zu lassen.

  • Viel wird geplant, wenig gebaut

    Windparks auf dem Meer sollen bald viel Strom liefern. Aber noch stehen die Anlagen nicht. Bremens Umweltsenator Loske fordert die Bundesregierung nun auf, schneller mehr Geld zur Verfügung zu stellen

    Alle reden über Windparks auf dem Meer – besonders nach Fukushima. Für die Stromproduktion auf hoher See gibt es auch umfangreiche Planungen und zahlreiche Genehmigungen. Nur praktisch ist bislang nicht viel passiert. Deshalb fordert der Bremer Umweltsenator Reinhard Loske (Grüne) jetzt den schnelleren Ausbau der Offshore-Windenergie. In der Bundesratssitzung am kommenden Freitag reichen fünf norddeutsche Bundesländer ähnliche Anträge ein.

    Die Listen der genehmigten Parks nehmen sich eindrucksvoll aus. Für 28 Anlagen mit weit über 1.000 Windrädern in den deutschen Gewässern der Nord- und Ostsee wurden bereits Genehmigungen vergeben. Allerdings sind nur zwei Parks ganz oder teilweise in Betrieb: Alpha Ventus bei Borkum mit 12 Rotoren und Bard Offshore 1 nordwestlich von Borkum mit elf Windrädern. Baltic 1 in der Ostsee beginnt demnächst mit der Stromlieferung. Alles andere ist Zukunftsmusik.

    Wenn es in diesem Tempo weitergeht, bliebe die Energiewende stecken, sagen die Bundesländer Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. In der morgigen Bundesratssitzung fordern sie die Bundesregierung auf, bessere Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Windparks schneller gebaut werden.

    „Wir sollten darauf hinarbeiten, dass die Kapazität der Stromproduktion in deutschen Gewässern bis 2025 rund 30.000 Megawatt beträgt“, sagte Bremens Umweltsenator Loske. Das entspräche etwa der heutigen Leistung von 25 Atomkraftwerken. Rund 100 Windparks würden dafür benötigt. Sie könnten 15 bis 20 Prozent des gesamten deutschen Strombedarfs decken.

    In seinem Antrag für den Bundesrat schlägt Loske vor, dass die Bundesregierung ein schon geplantes Windkraft-Förderprogramm der öffentlichen KfW-Bank schneller auf denWeg bringen solle. Bisher ist vorgesehen, dass fünf Milliarden Euro für günstige Kredite zugunsten von Windparks vor den Küsten („offshore“) zur Verfügung gestellt werden. Nach Loskes Ansicht sollte die Kfw aber nicht nur selbst Kredite geben, sondern auch Bürgschaften übernehmen für Kredite von Geschäftsbanken an Parkbetreiber.

    Loske weist daraufhin, dass Stadtwerken und anderen kleineren Energieunternehmen meist das Geld fehle, um sich bei Offshore-Windparks zu engagieren. „Heute haben nur die vier großen Energiekonzerne das Kapital, um Windparks auf See zu bauen.“ Anlagen mit 300 Megawatt Leistung erfordern derzeit Investitionen von etwa einer Milliarde Euro. Wer eine oligopolistische Struktur der erneuerbaren Stromproduktion auf dem Meer verhindern wolle, müsse deshalb die Finanzierungsmöglichkeiten ausweiten, so Loske. Auch bei den Geschäftsbanken müsse etwas passieren: „Viele Banken haben noch keine Geschäftsmodelle entwickelt, um Offshore-Windparks zu finanzieren.“

    Um das notwendige Kapital zu mobilisieren, schlägt Loske außerdem vor, dass die Einnahmen, die die Lieferenten erneuerbaren Stroms aus der Einspeisevergütung erhalten, zeitlich vorgezogen werden könnten. Dann flösse das Geld teilweise als Vorauszahlung, um die hohen Anfangsinvestitionen abzudecken.

  • Fehler auf allen Seiten

    Neustart bei E10 fällig

    Bis vor wenigen Jahren standen auf den Verpackungen der Nahrungsmittelindustrie häufig Zahlen auf der Zutatenliste, denen ein großes „E“ vorangestellt war. Hinter den Kürzeln verbergen sich allerlei Zusatzstoffe der Rezeptur. Die auf möglichst natürliche Waren geeichten Verbraucher ließen die E-Lebensmittel irgendwann links liegen. Heute finden sich deshalb kaum noch welche in den Regalen. Das Image der E-Nummern war einfach zu mies. Doch am Gehalt der umstrittenen Zutaten hat sich nichts geändert. Nur stehen sie jetzt unter anderen, unverfänglichen Namen auf der Pizza oder dem Funktionsdrink. Daraus kann man etwas lernen.

    Denn nun erregt E10 die Gemüter der Autofahrer. Kaum jemand will den mit Bioethanol versetzten Sprit. Allein schon der Begriff schreckt ab. Das hätten die Kommunikationsexperten nach den Erfahrungen aus der Lebensmittelbranche ahnen können. Das ist zwar nur ein kleiner, aber durchaus erwähnenswerter Fehler bei der Einführung des klimaschonenden Kraftstoffs. Dessen Premiere ist auch deshalb nicht geglückt.

    Schwerer noch wiegen die Kommunikationsfehler der Beteiligten, die allesamt versagt haben. Der zuständige Umweltminister ist in Sachen E10 auf Tauchstation gegangen. Norbert Röttgen schweigt und sitzt das Problem aus. Die Autoindustrie hat sich lange keine Mühe gegeben, die Einführung durch leicht zugängliche Informationen zu unterstützen. Und die Mineralölwirtschaft nimmt, ohne rot zu werden, die höheren Gewinnmargen den teureren Sprits mit, auf den die Autofahrer ausweichen. Nun will sie sich auch noch um drohende Strafzahlungen drücken. Diese werden fällig, wenn die vorgeschriebene Biospritquote nicht eingehalten wird. Den Rest des Flops besorgen die übervorsichtigen Autofahrer.

    Als Reaktion auf den Kaufboykott wird nur wieder das alte Superbenzin vermehrt angeboten. Das ist der falsche Weg. Ein Neustart muss her, denn um höhere Beimischungsquoten kommen wir nicht herum, wenn Deutschland die Klimaschutzziele erreichen soll. Daran müssen sich die Autofahrer langsam gewöhnen. Der Einsatz von Biosprit ist zwar keine alleinige Lösung, aber Teil des Gesamtkonzepts.

    Wer das nicht einsieht, muss Alternativen wie ein scharfes Tempolimit auf Autobahnen vorschlagen. Ohne einen nennenswerten Beitrag des Individualverkehrs geht es nicht. Auch die Konkurrenz Tank gegen Teller zieht nicht, zumindest derzeit nicht. Von den zwölf Millionen Hektar landwirtschaftlicher Anbauflächen werden momentan keine 300.000 Hektar für die Energiegewinnung genutzt. Dieses Verhältnis ist unproblematisch.

    Wie geht es jetzt weiter? Die Bundesregierung wird keinen Rückzieher machen. E10 ist Teil des Energiekonzeptes, dass schon durch den Rückzug aus der Atomkraft fast zur Makulatur geworden ist. Ein Neustart muss also her, der den Sinn der Beimischungsquote noch einmal verdeutlicht und die Bürger mit ihren Befürchtungen wirklich ernst nimmt. Dazu gehört auch eine offene Debatte über den Preis des Sprits. Denn der höhere Verbrauch von E10 kommt bei gleichem Literpreis einer verdeckten Preiserhöhung gleich. Kein Wunder, dass sich viele Autofahrer veräppelt vorkommen.

  • Bundesregierung verzögert Datenschutzgesetze

    Bundesbeauftragter wirft der Koalition Ankündigungspolitik vor / Immer mehr Bürger beschweren sich

    Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar wirft der Bundesregierung einee zu zögerliche Haltung beim Schutz der Persönlichkeit vor. „Es wurde viel angekündigt, wenig auf den Weg gebracht und nichts umgesetzt“, sagte Schaar bei der Vorlage seines Jahresberichts. Als Beispiel nannte er den Datenschutz im Internet. Das Bundesinnenministerium hatte eine Gesetzesinitiative angekündigt, mit der eine „rote Linie“ bei der Sammlung persönlicher Informationen im Netz gezogen werden sollte. Bis heute liegt nicht einmal ein Entwurf dafür vor. „Mir ist nicht deutlich geworden, ob die Bundesregierung das Vorhaben überhaupt noch verfolgt“, kritisierte Schaa

    Auch beim Arbeitnehmerdatenschutz ist der Kontrolleur des Bundes unzufrieden und nannte vor allem die Regelung zur Videoüberwachung. Verdeckte Aufnahmen wurden demnach zwar eingeschränkt, doch offen dürfen Firmen ihren Angestellten jetzt leichter auf die Finger schauen. Als Begründung für eine Überwachung reicht Schaar zufolge der Verweis auf eine Qualitätssicherung als Grund. Da damit auch die Arbeit des Mitarbeiters selbst gemeint sein kann, sieht der Beauftragte die Türen für eine weitgehende Kontrolle im Betrieb weit offen.

    In den letzten beiden Jahren hatte die Behörde viel zu tun. Datenskandale häuften sich. Besonders medienwirksam waren die Vorgänge bei der Deutschen Telekom und der Deutschen Bahn, die Mitarbeiter bespitzeln ließ. 20 der insgesamt 30 Beanstandungen, die der Datenschutzbeauftragte aussprach, richteten sich allein gegen die Bahn. Der Konzern habe darauf reagiert und alle Missstände abgestellt, teilte Schaar nun mit.

    Die Bürger reagieren immer sensibler, wenn andere mit ihren persönlichen Daten umgehen. Vor allem wenn die Informationen ohne Kenntnis der Betroffenen gesammelt werden. Schaar sieht dabei auch den Staat am Pranger, wenn öffentliche Stellen zum Beispiel Kommunikationsdaten der Bürger auf Vorrat speichern und dies mit der Terrorabwehr begründen.

    Der Beauftragte registriert immer mehr Beschwerden gegen die Sammelwut. Die Zahl der schriftlichen Eingaben vervierfachte sich im vergangenen Jahrzehnt. Gut 11.000 Beschwerden gingen in den beiden letzten Jahren ein. 14.000 Anrufer meldeten sich beim Beauftragten. Das entspricht einer Steigerung um fast die Hälfte gegenüber dem Zweijahreszeitraum zuvor. Den meisten Ärger lösten die Geschäftspraktiken der Telekommunikationsanbieter aus. „Das ist geradezu explodiert“, bemerkte Schaar. Aber auch die Jobcenter gaben häufig Anlass zum Protest.

    An Arbeit mangelt es Schaar nicht. Kritisch sieht der Beauftragte zum Beispiel die staatlichen Kontenabfragen, mit der zum Beispiel Sozialbetrüger oder Steuerhinterzieher aufgespürt werden sollen. Hier würden sich Behörden rechtlich fragwürdig auch bei der privaten Detektei Schufa mit Informationen versorgen. Verärgert ist der Experte auch über den Softwareriesen Microsoft, der kein vorbauendes Widerspruchsrecht beim seinem Straßenansichtsdienst Street Side vorsieht, wie es Konkurrent Google nach vielen Protesten tat. „Wir werden dagegen vorgehen“, kündigte Schaar an.

    Auf der Wunschliste des Datenschutzbeauftragten steht auch mehr Unabhängigkeit von der Politik. Die Aufsicht durch die Bundesregierung sei mit der vom Europäischen Gerichtshof geforderten Unabhängigkeit nicht zu vereinbaren. Auch Deutschland kommen Schaar zufolge Millionenstrafen durch die EU zu, weil diese Vorgabe nicht zeitgerecht umgesetzt wurde.

  • Ein unappetitliches Geschäft

    Die Finanzspekulation trage rund 20 Prozent zur Preissteigerung von Lebensmitteln bei, hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung berechnet. Ministerin Aigner erwägt bessere Regulierung

    Etwa 20 Prozent der Preissteigerung bei Nahrungsmitteln weltweit werden durch Börsenspekulation verursacht. Diese Berechnung hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung am Dienstag veröffentlicht. Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) setzt sich deshalb für bessere Regulierungen des Börsenhandels ein. Ein internationaler Konsens zu diesen Fragen ist aber noch nicht in Sicht.

    Wegen des starken Preisanstiegs ist die Finanzspekulation bei Grundnahrungsmitteln ab 2008 ein großes politisches Thema geworden. Europäische Regierungen befürchten, dass die Zahl der Hungernden weltweit zunimmt und mehr Flüchtlinge in den Norden ziehen. Frankreichs Staatspräsident Nicholas Sarkozy hat die Spekulation mit Lebensmitteln und anderen Rohstoffen deshalb zu einem zentralen Thema seiner aktuellen Präsidentschaft der G20-Gruppe der wichtigsten Wirtschaftsnationen gemacht.

    Neuen Zahlen der Welternährungsorganisation FAO zufolge lag beispielsweise der Preis für Weizen im März 2011 mit 332 Dollar pro Tonne um mehr als die Hälfte über dem Niveau von 2010. Der Anteil der Spekulation an diesen Preiserhöhungen ist bislang allerdings umstritten. Das DIW macht nun einen der ersten Versuche zur Berechnung.

    Unseren Schätzungen zufolge erklärt die globale Liquidität ungefähr 20 Prozent der Lebensmittelpreis-Veränderung“, sagt DIW-Expertin Kerstin Bernoth. Der zugrundeliegende ökonomische Mechanismus, den das DIW analysiert, sieht so aus: Um die Wirtschaft während der Finanzkrise zu stützen, haben Regierungen viele hundert Milliarden Euro in den Geldkreislauf gepumpt. Nun befürchten private Investoren Inflation und legen ihr Geld zunehmend in vermeintlich sicheren und renditeträchtigen Sachwerten an. Dazu gehören Rohstoffe und auch Nahrungsmittel wie Getreide, Soja und Zucker. Steigende Nachfrage aber treibt die Preise nach oben.

    Im Auftrag der Deutschen Welthungerhilfe kam unlängst der Bremer Ökonom Hans Bass zu einem ähnlichen Ergebnis wie das DIW. Er berechnete, dass die weltweite Finanzspekulation die Nahrungsmittel zwischen 2007 und 2009 um bis zu 15 Prozent erhöht habe. Bei einem Weizenpreis von 332 Dollar betrüge der spekulative Anteil rund 20 Dollar pro Tonne.

    DIW-Expertin Bernoth legt allerdings Wert auf die Feststellung, dass andere Faktoren als die Spekulation den Preis stärker beeinflussen. „Insgesamt hält sich die Wirkung der globalen Liquidität in Grenzen“, sagt die Ökonomin, „ein bedeutenderer Faktor, welcher die Lebensmittelpreise beeinflusst, ist das wirtschaftliche Wachstum in den Schwellenländern.“ Wenn die Bevölkerung in Staaten wie China, Indien und Brasilien insgesamt an Wohlstand gewinnt, nimmt beispielsweise die Nachfrage nach Fleisch und Milch zu. Auch das ist ein Grund, warum Getreide teurer wird.

    Im Zuge dieser Debatten setzt sich Landwirtschaftsministerin Aigner an diesem Mittwoch abermals für eine bessere Regulierung der Geschäfte mit Nahrungsmitteln ein. Vor dem demnächst stattfindenden Gipfel der G20-Staaten plädiert sie dafür, ein „zentrales Transaktionsregister“ für den Handel mit Agrarrohstoffen einzurichten. Dieses solle Transparenz über Händler und Verträge schaffen, um Fehlentwicklungen rechtzeitig aufzudecken, so Aigner. Außerdem sagt die Ministerin: „Notwendig sind realistische Grenzen für die täglichen Preisschwankungen bei Produkten wie Getreide und Soja an Warenterminbörsen.“ Ob diese Vorschläge jemals umgesetzt werden, steht freilich in den Sternen. Bislang haben die G20-Staaten weder eine gemeinsame Einschätzung zum Einfluss der Spekulation noch zu Gegenmaßnahmen gefunden.

    Christian Dreger, Konjunkturchef des DIW, warnt derweil vor übereilten Aktionen: „Weil der Großteil der Preisentwicklung von Fundamentaldaten wie Angebot und Nachfrage bestimmt wird, wäre es falsch, mit zu starker Regulierung in den Handel einzugreifen.“ Sinnvoller erscheine es, unter anderem das Angebot an Nahrungsmitteln zu steigern, so Dreger. „Dazu beitragen könnten beispielsweise mehr und bessere Kredite für Kleinbauern in Entwicklungsländern.“

  • „Für Kleintiere kann eine Fahrt tödlich enden“

    Wie gefährlich Reisen für Haustiere werden können, erklärt Veterinärin Astrid Behr. Die Expertin verrät, welche Vierbeiner ganz und gar nicht gerne mit in den Urlaub fahren.

    Kunstmann: Frau Behr, kann es für Hunde gefährlich werden, wenn sie im Frachtraum mitfliegen?

    Astrid Behr: Nicht alle Airlines nehmen Hunde mit. Und die, die es tun, sind dafür ausgerüstet. Wenn die Technik allerdings ausfällt, kann es kritisch werden. Wird es im Frachtraum zu kalt oder funktioniert der Druckausgleich nicht, überlebt ein Tier den Flug möglicherweise nicht. Im Übrigen bedeutet Fliegen immer Stress für ein Tier. Für zwei oder drei Wochen Urlaub den Hund mitzunehmen, ist absolut nicht sinnvoll.

    Kunstmann: Ist es ratsam, einen Hund, der im Frachtraum transportiert wird, mit Medikamenten ruhig zu stellen?

    Behr: Das ist durchaus zu empfehlen. Jedoch sollte das in Absprache mit dem Tierarzt geschehen und ein Gesundheitscheck vorausgehen.

    Kunstmann: Ist die Hundepension die bessere Alternative, wenn sich Herrchen oder Frauchen für einige Zeit auf Reisen begeben?

    Behr: Auch das verursacht Stress. Besser ist es, das Tier in der Verwandtschaft oder bei Freunden unterzubringen. Letztendlich muss das jeder für sich selbst entscheiden. Soll es die Tierpension sein, sollte sie vorher gut ausgewählt werden und genügend Freilauf bieten. Hunde gewöhnen sich in Gruppen ja ganz gut ein. Bei Katzen sieht das anders aus.

    Kunstmann: Was ist mit Katzen?

    Behr: Sie vertragen in der Regel keine Ortswechsel und werden besser zuhause betreut.

    Kunstmann: Mögen Tiere Reisen generell nicht?

    Behr: Nein. Hunde fahren zum Beispiel normalerweise gerne im Auto mit. Wie beim Menschen verträgt allerdings nicht jeder Hund die Schaukelei. Mit einer Katze wird die Fahrt meist zur Qual. Sie wird grauenvoll schreien und ihren Stress zeigen, in dem sie in den Transportcontainer uriniert. Wenn eine Katze allerdings von klein an an das Mitfahren gewöhnt ist, ist auch das kein Problem. Und für Kleintiere gilt: Für sie kann eine Fahrt sogar tödlich enden.

    Kunstmann: Weil sie vor lauter Stress einen Herzinfarkt erleiden?

    Behr: Ja. Im schlimmsten Fall fällt der Vogel tot von der Stange. Zudem sind kleine Tiere wie Meerschweinchen, Hamster oder Vögel sehr hitzeempflindlich und vertragen keine Zugluft oder Vibrationen. 

    Bio-Box: Dr. Astrid Behr (57) ist Tierärztin und Pressesprecherin beim Bundesverband praktizierender Tierärzte (bpt).

  • Hamster müssen in die Holzklasse

    Kleine Hunde und Katzen dürfen mit in die Kabine, wenn Herrchen oder Frauchen in den Urlaub fliegen. Hamster oder Meerscheinchen müssen mit dem Frachtraum Vorlieb nehmen. Denn nicht immer entscheidet die Größe des Tieres, ob es im ungemütlichen Laderaum oder in der Passagierkabine unterkommt.

    Ob Tiere auf Flügen erlaubt sind und wie deren Mitnahme gehandhabt wird, ist von  Fluggesellschaft zu Fluggesellschaft unterschiedlich. Bei Airberlin beispielsweise dürfen Passagiere Hunde oder  Katzen mit in die Kabine nehmen, wenn sie in einem geeigneten Behältnis untergebracht sind. Maximal sechs Kilogramm darf der Behälter allerdings samt Inhalt wiegen. Zwei Kilo dürfen es bei der Lufthansa sein. Größere Hunde oder Katzen reisen mit der Fracht.

    Selbst wenn sie noch so winzig sind: Bestimmte Tiere wie Vögel oder Nager akzeptieren viele Airlines nur im Ladebereich. „Hamster, Mäuse oder Meerschweinchen reisen im Frachtraum und in einer auslaufsicheren Box, die entweder aus Metall oder mit Maschendraht
    gesichert ist“, erläutert Airberlin Mitarbeiterin Silke Manitz die Bedingungen ihrer Fluggesellschaft. Auch Vögel reisen hier im Frachtraum. Fische oder Schildkröten sind auf Anfrage und exotische Tiere wie Schlangen oder Spinnen wegen der speziellen klimatischen Anforderungen gar nicht möglich.

    Stabile Boxen, die mit Wassernapf und Aufsaugmaterial ausgestattet sind, schreiben die Gesellschaften für die Verladung vor. Das Tier muss in natürlicher Haltung in der Transportkiste stehen, sitzen, liegen und sich umdrehen können.
    Manch eine Airline stellt die Boxen gegen Aufpreis zur Verfügung. Bei anderen muss sich der Halter darum kümmern.

    Einige Hunde dürfen trotz Übergröße mit an Bord: „Blinden-, Gehörlosen- sowie andere vergleichbare Servicehunde, auf die Sie angewiesen sind, werden grundsätzlich auf allen Lufthansa Flügen kostenlos transportiert und dürfen auch mit in die Kabine“, heißt es auf der Webseite der Lufthansa. Mitstreiter Air Berlin formuliert das so: „Blinde Fluggäste können ihren Blindenhund selbstverständlich kostenfrei mit in den Fluggastraum nehmen.“