Blog

  • Erbschaft: So lassen sich Steuern und Gebühren sparen

    Wer ein Erbe antritt, muss mit allerlei Kosten rechnen. Zum einen hält der Staat seine Hände auf und pocht auf seinen Anteil. Vor allem bei großen Summen kassiert der Fiskus Steuern ein. Zum anderen zieht auch die Abwicklung des Nachlasses mal hier, mal da eine Gebühr nach sich. Ganz legal lassen sich die Zahlungen minimieren.

    Banken oder Grundbuchämter pochen beispielsweise auf einen Erbschein, wenn sie Geld herausrücken oder eine Immobilie umschreiben sollen. Wie viel eine solche Bestätigung kostet, richtet sich nach der Höhe des Erbes. „Bei einem Nachlass von 200.000 Euro fallen für Beantragung und Aushändigung des Dokuments jeweils 357 Euro an“, rechnet der Anton Steiner, Fachanwalt für Erbrecht, vor. „Ein notarielles Testament erspart den Erben in der Regel den Erbschein“, so Steiner. Allerdings habe der Erblasser im Vorfeld höhere Kosten, weil er für den Gang zum Notar auch ein paar Geldscheine locker machen muss.

    Die meisten Erben müssen keine Angst vor dem Finanzamt haben. Nur bei recht hohen Summen langt das Finanzamt zu. Steuerfrei bleibt alles, was den so genannten Freibetrag nicht überschreitet. Wie hoch dieser ausfällt, richtet sich danach, wie eng Erbe und Erblasser miteinander verwandt waren. Für Ehegatten und eingetragene Lebenspartner gilt zum Beispiel ein Freibetrag von 500.000 Euro. Kinder und Stiefkinder haben 400.000 Euro frei. Treten Eltern das Erbe an, müssen sie 100.000 Euro nicht versteuern. Für sonstige Verwandte wie Geschwister, Nichten oder Onkel gelten 20.000 Euro.

    Bei einem größeren Vermögen, einer entfernten Verwandtschaft oder einer Bekanntschaft kann die Besteuerung schnell zum Problem werden. Dann kann es sinnvoll sein, einen Teil des Besitzes schon vor dem Erbfall zu verteilen. Zwar gelten für  Schenkungen fast ausnahmslos die gleichen Freibeträge wie für Erbschaften. Doch die Beträge können alle zehn Jahre erneut in Anspruch genommen werden. Durch diesen Vorteil lassen sich auch hohe Werte ohne Steuerabzug vermachen.

    „Eine Schenkung ist das wichtigste Instrument, um die Erbschaftsteuer zu schmälern“, erläutert Rechtsanwalt Steiner. Gleichzeitig warnt der Jurist allerdings vor vorschnellen Zuwendungen. „So etwas sollte gut überlegt sein“, rät er. Wer wisse zum Beispiel, ob er später einmal zum Pflegefall wird und deshalb mehr Geld im Alter benötigt. Auch fühlten sich viele Ältere in der Immobilie nicht mehr wohl, wenn den Kindern das Häuschen gehört.

    Im schlimmsten Fall bringt der Antritt des Erbes anstelle des erhofften Geldsegens finanzielle Verluste mit sich. Da müssen Schulden müssen beglichen, Steuern nachgezahlt oder Bankdarlehen beglichen werden. In der Regel haben die „Bedachten“ sechs Wochen Zeit, um das Erbe  ausschlagen. Ein Wermutstropfen bleibt: Auch das ist nicht umsonst. „Wer ein Erbe ausschlagen möchte, muss das beim Nachlassgericht oder beim Notar zu Protokoll gegeben“, so Steiner. Und dafür fällt eine Gebühr an. 

  • Schlechte Karten für alte AKW

    Umweltminister Röttgen präsentiert neue Kriterien für Sicherheitscheck der Atomkraftwerke. Den Absturz eines vollbetankten Airbus A380 würde wohl keines überstehen

    Bis Mitte Juni will Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) einen neuen gesellschaftlichen Atomkonsens herstellen. Diesen solle der Bundestag als Novelle des Atomgesetzes beschließen und damit die Frage beantworten: Welche deutschen Atomkraftwerke dürfen nach der Katastrophe von Fukushima noch wie lange weiterlaufen? Die Basis dafür soll die neue Sicherheitsüberprüfung der Anlagen liefern, deren Grundzüge Röttgen am Donnerstag vorstellte.

    Bis zum 15. Mai werden Experten alle 17 deutschen Atomkraftwerke anhand neuer Kriterien untersuchen, die die Reaktorsicherheitskommission ausgearbeitet hat. Das Ergebnis werde veröffentlicht, stellte Röttgen klar. Danach habe man einen Monat Zeit für die politische Entscheidung.

    Ein wesentliches Thema des Sicherheitschecks wird sein, ob die Kraftwerke Terrorangriffe mit großen Passagierflugzeugen so überstehen, dass es nicht zur weitreichenden Verseuchung durch austretende Radioaktivität kommt. Bisher ist das nicht gewährleistet. Besonders die älteren Anlagen würden Flugzeugabstürzen kaum standhalten.

    In den kommenden Wochen will die Kommission deshalb neue Kriterien anwenden, um die Risiken zu bewerten. „Wir werden die gängigen Flugzeugtypen betrachten“, sagte Rudolf Wieland, Chef der Reaktorsicherheitskommission. Nehmen die Wissenschaftler diese Ankündigung ernst, müssten sie überprüfen, ob die Atomkraftwerke auch gezielte Attacken mit einem vollbetankten Airbus A380 überleben würden.

    Nach Einschätzung des Öko-Instituts ist das fraglich. Wissenschaftlerin und Ingenieurin Simone Mohr sagte gegenüber der taz: „Vermutlich überstünde keines der deutschen Atomkraftwerke einen gezielten Terrorangriff mit einem A380.“ Außerdem könnte die Nachrüstung so teuer werden, dass es sich für die Energieunternehmen nicht mehr lohnte, ihre Kraftwerke weiter Strom produzieren zu lassen. Bereits 2004 hatte das Bundesamt für Strahlenschutz den Firmen empfohlen, die Kraftwerke Biblis A, Brunsbüttel, Isar 1, Obrigheim und Philippsburg 1 abzuschalten, weil sie keinen ausreichenden Schutz gegen Flugzeuge aufwiesen.

    Als Folge von Fukushima wird die Reaktorkommission auch untersuchen, ob die AKW gegen stärkere Erdbeben, als bisher unterstellt, gewappnet sind. Wäre das nicht der Fall, müssten sie eventuell auch dafür nachgerüstet werden. Zudem wollen die Wissenschaftler überprüfen, wie die Kraftwerke auf größere Hochwasser der Flüsse und stärkere Flutwellen an den Küsten reagieren.

    Ein heikles und für die Betreiber teures Thema ist auch dieses: Müssen sie die Notstromversorgung der Reaktoren so verbessern, dass diese bis zu 72 Stunden mit Batteriestrom gekühlt werden können? Heute reicht der Nachweis, dass die Batterien zwei Stunden halten, sagte Röttgen. In Fukushima hatte der Tsunami die Notstromaggregate zerstört. Kurz darauf fielen auch die Batterien aus.

    Röttgen und Wieland argumentierten, dass die neuen Kriterien viel schärfer seien als die alten. Nach der Fukushima-Erfahrung unterstelle man einerseits größere Naturkatastrophen. Zusätzlich würden die Folgen untersucht, falls mehrere Naturereignisse, Unglücke und Pannen zusammenträfen. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin, bis 2005 selbst Umweltminister, kritisierte dagegen: „Der Kommission wurden keine Maßstäbe für die Überprüfung der Sicherheit mitgegeben, sondern lediglich unverbindlich und schwammig Themen aufgelistet.“

    In den kommenden sechs Wochen sollen „80 bis 100“ Wissenschaftler in sieben Fachteams die Atomkraftwerke durchforsten. Die Gesellschaft für Reaktorsicherheit leitet die Untersuchung und zieht andere Einrichtungen wie den TÜV oder das Öko-Institut hinzu. Die meiste Arbeit findet an den Schreibtischen beim Studium von Unterlagen statt. Falls notwendig, sollen die Prüfer den AKW aber auch Besuche abstatten.

    Was bei der Untersuchung herauskommt, ist offen. Röttgen rechnete gestern mit einem „differenzierten Ergebnis“. Dieses dürfte von der Härte der Kriterien abhängen, die die Wissenschaftler tatsächlich anwenden. Die sieben ältesten Atomkraftwerke, die gegenwärtig abgeschaltet sind, haben schlechtere Karten, als die neueren. Fraglich bleibt auch, ob die Strommengen der dann ausgemusterten Kraftwerke auf die übrig bleibenden übertragen werden dürfen.

  • Der Weg zum neuen Atomkonsens

    Wie die Bundesregierung ihr Atommoratorium durch schärfere Sicherheitschecks nachträglich legitimiert

    In ihrer Atompolitik hat die schwarzgelbe Bundesregierung gegenwärtig ein dickes Problem. Als Reaktion auf die Katastrophe von Fukushima haben die Führungen von CDU, CSU und FDP in einer Hauruck-Aktion sieben alte Atomkraftwerke abschalten lassen. Dieses politische „Moratorium“ ist juristisch fragwürdig, sagen viele Experten. Mittels neuer Sicherheitsanforderungen, die Umweltminister Norbert Röttgen am Donnerstag vorstellte, und einer Novellierung des Atomgesetzes versucht die Regierung nun, rechtlich sicheren Boden zu gewinnen.

    Das Moratorium der Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke, das Kanzlerin Angela Merkel vor knapp drei Wochen verkündete, ist ein politischer Akt ohne ausreichende Rechtsbasis. Das haben Gerichte zwar noch nicht festgestellt. Doch darauf deutet die Einschätzung vieler Juristen hin.

    Unter anderem Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) argumentiert zwar mit Paragraf 19 des Atomgesetzes. Die staatliche Atomaufsicht kann demnach die Energieunternehmen anweisen, „Gefahren für Leben und Gesundheit“ zu beseitigen. Rechtfertigt dieser Paragraf aber die Abschaltung der alten AKW? In Deutschland gab es ja kein Erdbeben und auch keinen Tsunami. Möglicherweise können die Kraftwerksfirmen also Schadensersatz einklagen, was den Bund hunderte Millionen Euro kosten kann.

    Mit der neuen Sicherheitsüberprüfung will Röttgen nun nachweisen, dass infolge der Fukushima-Katastrophe sich die Risiko- und Gefahreneinschätzung auch im Hinblick auf die deutschen Atomkraftwerke geändert hat. Ein Beispiel: Die Reaktorsicherheitskommission wird untersuchen, ob die AKW gegen stärkere Erdbeben, als bisher unterstellt, gewappnet sind. Zudem wollen die Wissenschaftler überprüfen, wie die Kraftwerke auf größere Hochwasser der Flüsse und stärkere Flutwellen an den Küsten reagieren.

    Ein wesentliches Thema des Sicherheitschecks wird auch sein, ob die AKW Terrorangriffe mit großen Passagierflugzeugen überstehen. „Wir werden die gängigen Flugzeugtypen betrachten“, sagte Rudolf Wieland, Chef der Reaktorsicherheitskommission. Nehmen die Wissenschaftler diese Ankündigung ernst, müssten sie überprüfen, ob die Atomkraftwerke auch gezielte Attacken mit einem vollbetankten Airbus A380 verkrafteten. Bisher ist das nicht gewährleistet. Besonders die älteren Anlagen hielten Flugzeugabstürzen kaum stand. Zusätzlich würden die Folgen untersucht, falls mehrere Naturereignisse, Unglücke und Pannen zusammenträfen, sagte Röttgen.

    Mit den Ergebnissen des harten Sicherheitstests kann der Minister die Schnellabschaltung der alten AKW nachträglich legitimieren. Und auch den neueren kann Röttgen das Leben schwer machen. Außerdem übt der Sicherheitscheck Druck auf die Energieunternehmen aus. Diese sind in den kommenden Monaten möglicherweise bereit, noch weitere Kraftwerke zu opfern, damit wenigstens einige weiterlaufen. Diesen neuen Konsens würden Regierung und Bundestag in eine abermalige Novellierung des Atomgesetzes gießen. Damit wären Klagen der Unternehmen die Grundlage entzogen.

  • Bahn pocht auf sichere Stromversorgung

    Fuhrpark wird in den nächsten Jahren moderner / Gespräch mit neuer Landesregierung über Stuttgart 21 gesucht / Razzia der EU-Ermittler

    Die sich abzeichnende Energiewende könnte der Deutschen Bahn (DB) Schwierigkeiten bereiten. Der jetzt abgeschaltete Reaktor Neckarwestheim I lieferte acht Prozent des Stroms für den Betrieb der Züge. „Die Energieversorgung ist trotzdem gesichert“, stellte Bahnchef Rüdiger Grube klar, forderte aber für die langfristige Versorgungssicherheit eine rasche Baugenehmigung für das Kohlekraftwerk Datteln 4 in Nordrhein-Westfalen. „Wir kaufen zudem alles auf, was zu vertretbaren Konditionen am Markt für regenerative Energien verfügbar ist“, versicherte der Manager.

    Mittlerweile ist die Bahn auch selbst zum Produzenten von Ökostrom geworden. Drei Windparks wurden aufgekauft und auf brach liegenden Bahnflächen sollen Solarkraftwerke entstehen. Allerdings reicht dies für den Betrieb der Züge bei weitem nicht aus. Elf Terrawattstunden Strom verbraucht die Bahn jährlich, soviel wie die Städte Hamburg oder Berlin. Gerade einmal 37 Megawattstunden liefern die konzerneigenen Windfarmen. Das kritische Bündnis „Bahn für Alle“ hält eine vollständige Versorgung mit Windenergie für machbar. „Man bräuchte 270 Windparks dieser Größe, um den gesamten Strombedarf der DB zu decken“, heißt es im Alternativen Geschäftsbericht der Initiative.

    Stromprobleme ganz anderer Art könnte eine Untersuchung der EU-Kommission bringen. Wie jetzt bekannt wurde, haben deren Ermittler am Dienstag dieser Woche Geschäftsräume von Konzerngesellschaften durchsucht. Die Fahnder gehen dem Verdacht nach, dass die DB eigenen Unternehmen Fahrstrom preiswerter verkauft als Konkurrenzbahnen. Sollte sich die Vermutung am Ende der wohl langwierigen Ermittlungen bestätigen, droht dem Konzern eine hohe Geldstrafe.

    Das große Thema Stuttgart 21 geht die DB ruhig an. Nach der Regierungsbildung in Baden-Württemberg im Mai am Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 will Grube das Gespräch mit dem neuen Ministerpräsidenten suchen und die Arbeiten an dem umstrittenen Bahnhof wieder aufnehmen. Bis dahin werde der Konzern keine neuen Fakten schaffen, „weder in baulicher Hinsicht noch bezüglich der Vergabe von Aufträgen“, betonte Grube auf der Bilanzpressekonferenz des Unternehmens in Berlin. Auch werde weiter mit Hochdruck an dem Stresstest für die unterirdische Station gearbeitet, der im Schlichtungsverfahren um das umstrittene Vorhaben vereinbart wurde. Nachgiebig zeigt sich der Vorstand indessen nicht und kündigte erneut Schadenersatzklagen für den Fall an, dass sich das Land nicht an die abgeschlossenen Verträge hält.

    Unterdessen erholt sich die Bahn wirtschaftlich wieder von den schweren Einbrüchen im Transportmarkt während der Krise. Der Umsatz erhöhte sich um fast 14 Prozent auf über 33 Milliarden Euro. Gut eine Milliarde Euro blieben als Jahresergebnis 2010 in der Kasse hängen. Die Hälfte des Betrags kassiert der Bund als Dividende. In diesem Jahr rechnet der Vorstand mit weiter steigenden Umsätzen und Gewinnen. Ohne die technischen Pannen wäre das Ergebnis wohl deutlich besser ausgefallen. Ins Kontor geschlagen hat zum Beispiel die Berliner S-Bahn, deren Pannenserie einen dreistelligen Millionenbetrag kosteten.

    Die Fahrgäste können auf entspannte Reisen hoffen. Denn in den nächsten Jahren verbessert sich die Ausstattung des Fuhrparks erheblich. In diesem Jahr rollen die generalüberholten ICE wieder aus der Werkstatt. 2012 kommen 16 Züge des ICE 3 neu und die überholte IC-Reihe wieder auf die Gleise. 2013 schließlich werden Doppelstockwagen für den Fernverkehr ausgeliefert.

    Kritiker der Deutschen Bahn sind mit dem Kurs des Unternehmens trotz der positiven wirtschaftlichen Entwicklung unzufrieden. Der Verkehrsexperte der Grünen, Anton Hofreiter, fordert eine Zerschlagung des Konzerns. Es sei unverständlich, warum ein deutsches Staatsunternehmen in anderen Ländern der Welt aktiv werde, sagt der Bundestagsabgeordnete. Hofreiter plädiert für eine Trennung des Netzes und die Reinvestition der Trassengewinne in die Schienenwege. Die Logistik könne verkauft werden. Im Personenverkehr solle sich der Konzern dann im Wettbewerb behaupten. Auch die verkehrspolitische Sprecherin der Linken, Sabine Leidig, will mehr gesellschaftlichen Einfluss auf die DB ausüben. „Es braucht eine grundlegende Revision der Bahnreform“, verlangt die Politikerin.

  • Selbst Managerinnen haben Bürgerrechte

    Kommentar zur Frauenquote von Hannes Koch

    Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist weiblich. Der Anteil der Chefinnen in großen deutschen Unternehmen dagegen beträgt drei Prozent. Aus diesem Gegensatz kann man nur schließen, dass die historisch bedingte Benachteiligung von Frauen immer noch wirkt. Der berufliche Aufstieg wird ihnen zum Teil verwehrt. Klingt altmodisch? Die Frauenbewegung der 1970er Jahre lässt grüßen? Jedenfalls widerspricht dieser Zustand unserer Verfassung. Dort heißt es in Artikel 3, dass niemand wegen seines oder ihres Geschlechts diskriminiert werden darf. Auch Managerinnen haben Bürgerrechte.

    Deshalb reicht es nicht, was die Personalchefs der großen deutschen Konzerne auf Drängen von CDU-Frauenministerin Kristina Schröder am Mittwoch angeboten haben. Langsam soll der Anteil von Frauen in den Top-Jobs der Wirtschaft nun steigen – immer nach Belieben der Firmen selbst. Eine gesetzliche Quote von beispielsweise 30 Prozent, die Arbeitsministerin Ursula Von der Leyen (CDU) fordert, wird es vorläufig nicht geben.

    Diese aber wäre notwendig. Denn die Einhaltung von Bürgerrechten steht laut Verfassung nicht zur Disposition – weder der Regierung noch des Vorstandes irgendeiner Aktiengesellschaft. Regierung, Bundestag und Bundesrat müssen die Bürgerrechte gewährleisten – natürlich sofort und per Gesetz. Wann und womit denn sonst?

    Um das Misslingen ihrer freiwilligen Versprechen zu beweisen, hatten die Firmen nun genug Zeit. Zehn Jahre sind seit ihrer erstmaligen Zusage ins Land gegangen. 2001 bereits hatten sie angekündigt, den Frauenanteil in Vorständen und Aufsichtsräten deutlich zu erhöhen. Passiert ist seitdem kaum etwas.

    Die Unternehmen jetzt zum Fortschritt zu zwingen, wird ihnen nicht schaden. Wer die gut ausgebildete Hälfte der Bevölkerung quasi automatisch von Führungsaufgaben ausschließt, ist offenbar ein schlechter Manager. Das Interesse seines Betriebs und seiner Beschäftigten scheint ihm nicht am Herzen zu liegen. Betriebswirtschaftliche Nachteile nimmt er billigend in Kauf. Vorstände, die so handeln, bedürfen neuer, besser qualifizierter Kolleginnen.

  • Großunternehmen wollen mehr Chefinnen

    DAX-Konzerne sagen Bundesregierung zu, mehr Frauen in Führungspositionen einzustellen. Arbeitsministerin Von der Leyen sieht „Licht und Schatten“

    Noch in diesem Jahr wollen die 30 größten deutschen Aktiengesellschaften neue Ziele für ihren künftigen Frauenanteil in Vorständen und Aufsichtsräten veröffentlichen. Das sagten die Personalvorstände der DAX-30-Unternehmen am Mittwoch der Bundesregierung zu. Mehrere Ministerinnen hatten in den vergangenen Monaten mit unterschiedlicher Vehemenz darauf gedrängt, dass die niedrige Zahl führender Managerinnen rasch steigen müsse. Unsere Zeitung beantwortet die wichtigsten Fragen.

    Wieviele Frauen arbeiten heute in Top-Jobs?

    In den 160 größten deutschen Aktiengesellschaften sind gegenwärtig nur drei Prozent der Vorstandsposten mit Frauen besetzt. Bei den Aufsichtsräten liegt der Anteil um zehn Prozent. Der Mittelstand verzeichnet dagegen zum Teil deutlich höhere Werte.

    Haben Frauen in unseren Nachbarländern bessere Chancen?

    In Norwegen sind fast 40 Prozent aller Aufsichtsratsposten mit Managerinnen besetzt. Deutlich über 20 Prozent haben Finnland und Schweden. Aber auch Dänemark, die Niederlande und Großbritannien liegen vor Deutschland, das dennoch leicht über dem Durchschnitt der 27 EU-Staaten rangiert.

    Kann der Plan von Frauenministerin Schröder helfen?

    Nach dem Treffen mit der Regierung am Mittwoch bedankte sich Siemens-Personalchefin Brigitte Ederer für „den hilfreichen Druck der Politik“. In den Unternehmen kommt eine neue Dynamik in Gang. Familien- und Frauenministerin Kristina Schröder (CDU) will mit ihrem gerade veröffentlichten Stufenplan nun erreichen, dass sich die Zahl weiblicher Vorstände und Aufsichtsräte bis 2013 im Durchschnitt verdreifacht. Für den Fall, dass das nicht funktioniert, droht Schröder mit einer „gesetzlichen Pflicht zur Selbstverpflichtung“. Soll heißen: Die Firmen wären dann per Gesetz gezwungen, sich höhere Ziele zu setzen. Wie diese aussähen, bliebe ihnen aber selbst überlassen. Weil die Wirtschaft freilich Angst vor schlechtem Ruf hat, dürfte sich allmählich etwas verbessern.

    Was will Arbeitsministerin Von der Leyen?

    Eigentlich befürwortet Ursula von der Leyen (CDU) eine gesetzlich festgeschriebene Quote von rund 30 Prozent Frauen in Führungspositionen. Damit konnte sie sich bei Kanzlerin Angela Merkel aber nicht durchsetzen. Um nicht allein dazustehen und überhaupt etwas erreichen, stellt sich Von der Leyen nun hinter den weicheren Plan von Frauenministerin Schröder.

    Wie argumentieren Firmen und Verbände?

    Die veröffentlichte Meinung aus Vorständen und Wirtschaftsverbänden geht überwiegend in die gleiche Richtung: Eine gesetzliche Frauenquote für Managerinnen lehnt man ab. Stellvertretend hat das am Mittwoch noch einmal Heinrich Driftmann, der Präsident der Industrie- und Handelskammern, formuliert. Viele Vorstände fühlen sich durch eine Quote zu sehr gebunden. Sie sagen, besonders für technische Führungsaufgaben ließen sich schwer Frauen finden, weil zu wenige diesen Berufsweg einschlügen.

    Kennen andere Länder eine Quote?

    Ja, feste Anteilsregelungen für Frauen in Führungsgremien gibt es unter anderem in Spanien, Norwegen und Frankreich. In weiteren Staaten, beispielsweise Österreich, wird darüber diskutiert.

    Welche Vorteile hat ein höherer Frauenanteil?

    Grundsätzlich verfügen Frauen und Männer über ähnliche Qualifikationen und Talente. Firmen verzichten deshalb auf Kenntnisse, die ihnen nützlich sein könnten, wenn sie die Hälfte der möglichen Bewerber von Führungsaufgaben ausschließen. Das kann zu betriebswirtschaftlichen Nachteilen führen.

  • Freiwilligkeit statt Quote für Managerinnen

    CDU-Arbeitsministerin Von der Leyen rückt von gesetzlicher Festlegung des 30-Prozent-Ziels für Frauen in Firmenvorständen ab. Neue Selbstverpflichtung der Wirtschaft soll es richten

    Im Januar noch plädierte Arbeitsministerin Ursula von der Leyen für eine gesetzliche Frauenquote bei Führungskräften. Einen Anteil von 25 bis 30 Prozent brachte die CDU-Ministerin ins Gespräch – und erregte den Widerspruch der Kanzlerin. Um wenigstens etwas durchsetzen, unterstützt von der Leyen nun den weicheren Plan von Familienministerin Kristina Schröder, die eine Art gesetzliche Selbstverpflichtung für Unternehmen anpeilt.

    Am Mittwoch trifft sich die Regierung mit den Personalvorständen der 30 Konzerne des Deutschen Aktienindex (DAX). Schröders Diskussionsvorschlag sieht so aus: 1.200 börsennotierte und mitbestimmte Unternehmen sollen bis 2013 den Anteil von Frauen in ihren Vorständen und Aufsichtsräten im Durchschnitt verdreifachen. Bislang sind in den Firmen der vier Aktienindizes DAX, MDAX, SDAX und TecDAX nur drei Prozent der Vorstände und zehn Prozent der Aufsichtsräte weiblich. Für einzelne Unternehmen bestünde keine bindende Verpflichtung, mehr Managerinnen zu berufen – die Wirtschaft müsste den höheren Frauenanteil nur im Durchschnitt erreichen.

    Für den Fall, dass das bis 2013 nicht klappt, droht Schröder mit einem Gesetz. Wann dieses genau kommen soll, konnte ein Sprecher am Dienstag nicht sagen. Von der Leyen wünscht, dass wenigstens die Selbstverpflichtung schnell mit einem Gesetz untermauert wird. Ob und wie die CDU-Ministerinnen ihre Vorstellungen durchsetzen können, ist fraglich: Bei einer Vorbesprechung in der vergangenen Wochen machten Wirtschaftsminister Rainer Brüderle und Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (beide FDP) nicht den Eindruck, als würden sie das Vorhaben unterstützen.

    Die DAX-Konzerne sollen am Mittwoch Vorschläge unterbreiten, wie sie die Zahl weiblicher Führungskräfte selbstständig erhöhen könnten. Schröder regt in ihrem Stufenplan an, zunächst die „Rahmenbedingungen“ zu verbessern. Dazu würden beispielsweise flexiblere Arbeitszeiten in Unternehmen gehören. Auch sollen die Firmen das Prinzip der Frauenförderung ernst nehmen, das im Verhaltenskodex für deutsche Aktiengesellschaften niedergelegt ist. Vor rund zehn Jahren hatten sich Wirtschaftsverbände bereits einmal verpflichtet, mehr Frauen in die Leitungsebene zu holen – mit bis heute geringem Erfolg.

  • „Die kritische Masse erreichen“

    Aufsichtsrätin Frauke Vogler plädiert für die Frauenquote in Führungspositionen der Wirtschaft

    Hannes Koch: Frau Vogler, Sie sitzen im Aufsichtsrat des Solarherstellers Q-Cells. In diese Führungsposition haben Sie es aus eigener Kraft geschafft. Wieso plädieren Sie trotzdem für eine gesetzliche Quote, die die Besetzung von leitenden Posten mit Frauen vorschreiben würde?

    Frauke Vogler: Heute nutzen die Unternehmen die Qualifikationen von Frauen in Leitungspositionen kaum. Das Potential geeigneter Bewerberinnen nicht aufzugreifen, bringt betriebswirtschaftliche Nachteile mit sich. Deshalb ist es geboten, dass mehr Frauen in Führungspositionen aufsteigen. Dies allerdings passiert nicht von alleine. Vor zehn Jahren bereits haben sich die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft selbst verpflichtet, die Zahl von Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten signifikant zu erhöhen. Einen messbaren Erfolg hatten dieser und andere Versuche bis heute nicht.

    Koch: Sind Frauen die besseren Manager?

    Vogler: Nein, pauschal kann man das natürlich nicht sagen. Aber es gibt durchaus Beispiele, bei denen eine Kandidatin mit den richtigen Qualifikationen Positives im Unternehmen hätte bewirken können. Wenn Firmen auf solche Chancen verzichten, schaden sie sich selbst.

    Koch: Wie sollte die Quote aussehen?

    Vogler: Der Gesetzgeber müsste festlegen, dass mindestens 25 Prozent der Sitze in Vorständen und Aufsichtsräten mit weiblichen Kandidatinnen besetzt werden. Damit würden wir die kritische Masse erreichen.

    Koch: Warum nur 25 Prozent und nicht die Hälfte aller Führungspositionen?

    Vogler: Weil 25 Prozent vermutlich ausreichen, um einen Prozess in Gang zu setzen, der sich selbst verstärkt und nicht mehr rückgängig zu machen ist. Positionen werden auch nach dem Ähnlichkeitprinzip besetzt: Männer wählen eher Männer aus, Frauen eher Frauen. Sitzen erst genug Managerinnen in wichtigen Positionen, steigt der Frauenanteil in den Führungsetagen von alleine weiter.

    Koch: Führt die Frauenquote zur Benachteiligung von Männern?

    Vogler: Für den einzelnen Mann kann das einen Nachteil bedeuten, falls er einer gleich gut qualifizierten Kandidatin im Auswahlverfahren unterliegt. Gesamtgesellschaftlich sollten wir das aber als Kompensation für die Hindernisse betrachten, die Frauen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten überwinden mussten, wenn sie aufsteigen wollten.

    Koch: Verhindern Männer in Unternehmen das Fortkommen der Frauen – oder ist das ein Vorurteil?

    Vogler: Nein, das ist kein Vorurteil. Männer behindern Frauen, weil sie sich etwa männliche Nachfolger suchen. Dieser Auswahlprozess erfolgt oft nicht absichtsvoll, sondern intuitiv. Junge Männer werden bevorzugt und junge Frauen im selben Team erscheinen oft gar nicht als geeignete Kandidatinnen.

    Koch: Wie haben Sie es in Aufsichtsrat von Q-Cells geschafft?

    Vogler: Ich habe die Berufung meinem eigenen beruflichen Netzwerk zu verdanken. Weil ich als Anwältin und Steuerberaterin schon früher Mandanten aus der Solarindustrie betreute, brachte ich Branchenkenntnisse und Fachkompetenz für den Prüfungsausschuss des Aufsichtsrates mit. Deshalb wurde ich gefragt.

    Koch: Viele Frauen verfügen ebenfalls über hohe Qualifikationen und packen es trotzdem nicht. Welche Fehler haben Sie vermieden, die andere Kandidatinnen behindern?

    Vogler: Ein wichtiger Punkt war wahrscheinlich, dass ich nicht zu lange mit der Antwort gezögert habe. Nach einer Stunde habe ich zugesagt. Frauen neigen dazu, zu lange zu überlegen. Nach zwei Tagen aber ist die Chance möglicherweise vertan.

    Koch: Müssten nicht Frauen zunächst mit den eigenen Verhaltensfehlern aufräumen, bevor eine Frauenquote gerechtfertigt wäre?

    Vogler: Nein, wir brauchen jetzt den Druck, der Unternehmen veranlasst, aktiv nach weiblichen Führungskräften zu suchen. Wenn die Nachfrage steigt, werden auch die Frauen ihr Verhalten anpassen und eigene Hemmnisse aus dem Weg räumen. Es muss Veränderung auf beiden Seiten geben.

    Bio-Kasten

    Frauke Vogler (45) ist Partnerin der Berliner Kanzlei Vogler-Roessink-Chalupnik. Die seit 1999 selbstständige Rechtsanwältin und Steuerberaterin sitzt im Aufsichtsrat der Solar-Firma Q-Cells in Bitterfeld.

  • Versicherung gegen den Biosprit

    Shell will notfalls für kaputte Motoren aufkommen / Police mit Haken

    Autofahrer können sich jetzt kostenlos gegen Motorschäden durch das Benzingemisch E10 versichern. Die Tankstellenkette Shell bietet ab sofort eine derartige Police an. „Wir wollen unseren Kunden Sicherheit geben“, sagte der Chef der Sparte, Jörg Wienke, am Dienstag in Berlin.

    Die Idee hat die Deutsche Familienversicherung (DFV) ausgetüftelt. Shell-Kunden können sich im Internet vor oder innerhalb von drei Tagen nach dem Tanken registrieren lassen. Es müssen aber wenigstens 30 Liter gezapft werden. Dann erhalten sie eine Versicherungsnummer und einen Versicherungsschein zugesandt. Die Police erhalten Autofahrer kostenlos. Shell übernimmt die Prämie.

    Es gibt allerdings einige Haken bei der Offerte. Sie gilt nur für Fahrzeuge, deren Hersteller dem jeweiligen Modell die E10-Tauglichkeit attestiert hat. Außerdem darf der Wagen nicht vor 1995 erstmals zugelassen worden sein. Schließlich beträgt die Laufzeit der Versicherung nur 18 Monate. Langzeitschäden wären folglich nicht abgedeckt.

    Wenn der Motor tatsächlich unter der erhöhten Ethanol-Beimischung leidet, springt die DFV ein. Ein Gutachter der Dekra untersuche das Auto, erläutert DFV-Sprecher Stefan Knoll. Sei der Biosprit für den Defekt ursächlich, reguliere die Versicherung Schaden innerhalb von 48 Stunden. Eine Voraussetzung gibt es allerdings. „Sie müssen 80 Prozent des verbrauchten Benzins bei Shell getankt haben“, sagt Knoll. So hat die Akzeptanzwerbung für den Ölkonzern mit einer Bindung der Kunden an die Marke eine einträgliche Nebenwirkung.

    Als Nachweis dient die Kilometerangabe bei Abschluss des Vertrags und die Vorlage von Kreditkartenabbuchungen oder Tankquittungen. Wie viele Schadensfälle das Unternehmen für die Kalkulation des Tarifs angenommen hat, will der Sprecher ebenso wenig verraten wie die von Shell dafür bezahlten Prämien. „Wir haben Rückversicherungsschutz eingekauft“, gibt Knoll aber zu. Das heißt, die DFV sieht durchaus Risiken in diesem Geschäft.

    Hintergrund des Angebots ist der anhaltende Boykott der Autofahrer gegen das Gemisch auf Benzin und Ethanol, genannt E10. Die Mineralölwirtschaft muss zehn Prozent des Biosprits beimengen und sitzt nun auf vollen Tanks. Obwohl der Autoindustrie verbindlich erklärt hat, dass 90 Prozent der Fahrzeuge E10 problemlos vertragen, tanken viele Kunden lieber Kraftstoff mit einem geringeren Ethanolanteil. Mit der Versicherung will Shell den Autofahrern die Bedenken nehmen, ihr Motor könne durch E10 Schaden nehmen.

    Momentan verkauft Shell nach eigenen Angaben etwa die Hälfte des Absatzes als E10. 90 Prozent sollten es sein. „Wenn wir so weiter machen, werden wir die Quote nicht erreichen“, befürchtet Wienke. Dann drohen Millionenstrafen. So suchen die Hersteller Hände ringend nach neuen Wegen, die Akzeptanz des Biosprit zu erhöhen.

  • Der Trend läuft gegen den XL-Minister

    Nach den Wahlniederlagen vom Wochenende ist besonders FDP-Wirtschaftsminister Rainer Brüderle angezählt. Die Liste seiner Erfolge erscheint kurz.

    Nach den für die FDP verlustreichen Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz steht neben Parteichef Guido Westerwelle besonders Wirtschaftsminister Rainer Brüderle unter Druck. Die Liste seiner politischen Erfolge ist kurz. Darüber können auch wohlklingende Ankündigungen und gelungene Show-Einlagen nicht hinwegtäuschen.

    Im Gegensatz zu seinen Partei- und Ministerkollegen Dirk Niebel (Entwicklung) und Philipp Rösler (Gesundheit) sucht Brüderle die Öffentlichkeit und die Kameras. Nicht immer aber gelingen diese Auftritte. In der vergangenen Woche machte der Wirtschaftsminister eine denkbar schlechte Figur, als er vor Managern die Abschaltung von sieben Atomkraftwerken als kurzfristige Geste im Wahlkampf entlarvte.

    Durch eine Indiskretion gelangten die Äußerungen in die Presse, verschlechterten die Lage von Schwarz-Gelb vor dem Wahlsonntag und sind nun eine Gefahr für Brüderle selbst. Als Landesvorsitzender der am Wiedereinzug in den Landtag gescheiterten pfälzischen Liberalen musste sich der Minister am Montag direkt angesprochen fühlen, als FDP-Generalsekretär Christian Lindner seiner Partei einen "offenen Diskussionsprozess über personelle und politische Konsequenzen" empfahl.

    In der Bundesregierung versucht Brüderle stark zu sein, ist es aber nicht. In wichtigen wirtschafts- und sozialpolitischen Themen kann er liberale Positionen kaum durchsetzen. Während er sich dagegen wandte, dass Deutschland zusätzliche Milliarden für die Stabilisierung der Euro-Zone zahlt, sagten CDU-Finanzminister Wolfgang Schäuble und Kanzlerin Angela Merkel genau dies gegenüber der EU zu.

    Das liberale Lieblingsprojekt einer neuerlichen Steuersenkung bringt Brüderle zwar immer wieder ins Gespräch, mehr als minimale Zugeständnisse machte die Union bislang freilich nicht. Hier weiß Schäuble viele Bürger hinter sich, die angesichts der massiven Staatsverschuldung den Sinn niedriger Steuern zum jetzigen Zeitpunkt nicht nachvollziehen wollen.

    Um einem Kompromiss zwischen Union und SPD, den Merkel wünschte, nicht im Wege zu stehen, stimmte Brüderle sogar der staatlichen Festsetzung eines Mindestlohns für Zeitarbeitsfirmen zu. Auch dieser Punkt widerspricht der aktuellen liberalen Programmatik und trägt dazu bei, dass Mittelständler und andere liberale Traditionswähler Zweifel am Kurs der FDP hegen.

    Die Probleme in der Bundesregierung lassen sich durch gewisse Erfolge, die Brüderle durchaus auch zu verzeichnen hat, nicht ausräumen. Unlängst formulierte Brüderles Ministerium ein neues Telekommunikationsgesetz. Demnach sind die früher oft teuren Telefonwarteschleifen künftig teilweise kostenlos. Und der von Brüderle eingesetzte Kreditmediator Hans-Joachim Metternich hat hunderten Firmen geholfen, Kredite doch noch zu erhalten, die die Banken nicht gewähren wollten.

    Außerdem kündigte der FDP-Minister eine groß angelegte Initiative zum Ausbau der Stromnetze an, um den erneuerbaren Energien den Weg zu ebnen. Nach der ursprünglichen Pro-Atom-Politik der FDP ist aber auch dies kein Vorhaben, mit dem die Liberalen punkten können. Selbst wenn der Wirtschaftsminister die ökonomische Erholung Deutschlands nach der Finanzkrise als „XL-Aufschwung“ für sich reklamiert, ist Brüderle in den Augen vieler Bürger und Parteimitglieder kein Aktiv-, sondern eher ein Passivposten. Der Trend läuft gegen ihn.

  • "Koalition mit CDU nahezu ausgeschlossen"

    Interview mit Bärbel Höhn, grüne Fraktionsvize, zur Baden-Württemberg-Wahl und zum Atomausstieg

    Frage: Frau Höhn, die Grünen wollen den schnellen Atomausstieg. Drohen dann nicht höhere Strompreise für Verbraucher und Unternehmen?

    Bärbel Höhn: Wenn man alle Atomkraftwerke (AKW) sofort abschalten würde, hätte es Auswirkungen auf den Preis. Aber wir wollen zunächst nur die alten Meiler stilllegen und die anderen Meiler in der nächsten Legislaturperiode. Das würde sich kaum im Strompreis niederschlagen. Nach der Abschaltung der acht AKW jetzt hat sich der Börsenpreis am Spotmarkt für Strom auch nicht bewegt, denn Deutschland produziert Überschüsse an Elektrizität.

    Frage: Aber der Netzausbau für die erneuerbaren Energien kostet viele Milliarden Euro. Werden diese Investitionen nicht am Ende über höhere Preise von den Kunden bezahlt?

    Höhn: Das wird schon so sein. Aber die Netzinvestitionen schlagen viel weniger auf den Preis durch, als man meint. Ein durchschnittlicher Haushalt würde deutlich weniger als zehn Euro im Jahr dafür zahlen. Das Problem ist doch ein anderes. Wir brauchen einen Bundesnetzplan und ein gesellschaftlich konsensfähiges Energiekonzept. Den Konsens gab es unter Rot-Grün mit dem Ausstiegsplänen schon einmal. Schwarzgelb hat ihn mit der Laufzeitverlängerung aufgebrochen, so dass es jetzt keine Planungssicherheit mehr gibt. Wir brauchen wieder Planungssicherheit. Ein Bundesnetzplan wiederum kann intelligent gestaltet werden, wenn man zum Beispiel auf die dezentrale Kraft-Wärme-Kopplung für die Abdeckung der Spitzenlast setzt. In diesem Fall muss das Netz nicht so stark ausgebaut werden.

    Frage: Der Netzausbau stößt doch gerade bei Ihrer Wählern auf Widerstand.

    Höhn: So ist es nicht. 24 vordringliche Projekte werden derzeit umgesetzt. Bei dreien gibt es laut Bundesnetzagentur Verzögerungen aufgrund von Bürgerprotesten. Da beschweren sich aber Anhänger jeder Parteien. Man muss ernsthaft mit den Menschen reden und gemeinsam verträgliche Lösungen finden.

    Frage: Im Bundesumweltministerium wird ein neues Sicherheitskonzept für AKW erstellt. Wird Kernkraft damit nicht sicherer?

    Höhn: Vieles davon gab es im kerntechnischen Regelwerk schon vorher. Es wurde von Jürgen Trittin in Auftrag gegeben und unter Sigmar Gabriel fertiggestellt, aber vom amtierenden Minister Norbert Röttgen nie in Kraft gesetzt. Röttgen durfte bei der Bundestagsdebatte dazu nicht einmal reden. Nun muss man sehen, was die Reaktorsicherheitskommission tatsächlich vorschlägt. Da sitzt die versammelte Atomlobby, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Dazu ist der zuständige Abteilungsleiter des Umweltministeriums ein ehemaligen Atommanager. Die Branche darf quasi selber die Sicherheit der AKW überprüfen.

    Frage: Wirtschaftsminister Rainer Brüderle hat den Atomkurs der Regierung angeblich als Wahlkampfmanöver dargestellt. Wie bewerten Sie diese Aussage?

    Höhn: Teilnehmer dieser Runde bestätigen, dass er es gesagt hat. Nur er leugnet es nun. Die Protokollanten sollen jetzt Schuld daran sein. Das ist Wahltaktik hoch drei und Brüderle veräppelt die Menschen.

    Frage: Union und Grüne sind bei der Atompolitik völlig unterschiedlicher Auffassung. Ist das Modell einer Schwarz-Grünen Koalition damit nicht für lange Zeit vom Tisch?

    Höhn: Die Grünen in Baden-Württemberg haben eine Koalition mit der CDU nahezu ausgeschlossen. Dort gab es zwar eine gewisse Nähe der Grünen zu konservativen Positionen. Aber der Wahlkampf hat hier Spuren hinterlassen. Die CDU hat unseren Spitzenkandidaten Winfried Kretschmann aus Angst vor dem Verlust der Macht persönlich schwer angegriffen. Dazu kommen die Konflikte um die Atomkraft und Stuttgart 21. Aber am Ende muss jeder Landesverband selbst entscheiden, mit wem er koaliert.

    Frage: Die Politik wird immer kurzfristiger. Langfristige Strategien werden schnell wieder über den Haufen geworfen. Richten sich die Parteien nur noch nach aktuellen Stimmungen?

    Höhn: Das beobachte ich auch mit großer Sorge. Langfristige Politik wird in Wahlen nicht mehr honoriert. Statt dessen konzentrieren sich die Parteien darauf, in den letzten Wochen vor einer Wahl Wähler zu mobilisieren. Das ist eine Gefahr für die Demokratie. Eine Regierung könnte am Ende vier Jahre lang schlecht regieren und in den letzten drei Wochen noch die Basis für ihre Wiederwahl legen. Das ist problematisch und schürt die Politikverdrossenheit.

  • Euro-Rettung gegen Steuersenkung

    Weil die portugiesische Regierung wackelt, verschärft sich die Euro-Krise wieder. 2013 muss Deutschland in den Rettungsfonds einzahlen. Ab Donnerstag EU-Rat in Brüssel

    Die Euro-Krise ist noch nicht zu Ende. Sie zu überwinden, kostet auch Deutschland demnächst einige Milliarden. Dies sind die beiden Botschaften, mit denen die Bundesregierung beim heute (Donnerstag) in Brüssel beginnenden Europäischen Gipfel konfrontiert ist.

    In der portugiesischen Hauptstadt Lissabon wankte am Mittwoch die Regierung des sozialistischen Ministerpräsidenten José Sócrates. Die Opposition wollte einem neuerlichen Sparprogramm nicht zustimmen. Mit den geplanten Kürzungen im Gesundheitswesen, im Sozialsystem und bei öffentlichen Unternehmen beabsichtigt Sócrates, das Defizit im Staatshaushalt 2011 unter 4,6 Prozent der Wirtschaftsleistung zu drücken.

    Manche Investoren auf den internationalen Finanzmärkten bezweifeln, dass Portugal seine Staatsschulden in den Griff bekommt. Deshalb steigen die Zinsen, die das Land für neue Kredite zahlen muss. Finanzminister Fernando Teixeira dos Santos hatte am vergangenen Montag erstmals öffentliche Hilfen aus dem Euro-Rettungsfonds EFSF in Erwägung gezogen. Sollte es dazu kommen, wäre Portugal nach Griechenland und Irland der dritte Euro-Staat, der von seinen europäischen Nachbarn vor dem Bankrott bewahrt wird.

    Für Hilfen des gemeinsamen europäischen Fonds EFSF muss Deutschland bislang nicht direkt zahlen. Der Fonds beschafft sich die nötigen Mittel unter anderem dadurch, dass er Anleihen ausgibt, die auch Deutschland garantiert.

    Mit dieser preiswerten Art der Euro-Stabilisierung dürfte es freilich bald vorbei sein. Beim Rat der EU-Regierungs- und Staatschefs in Brüssel steht der Europäische Stabilisierungsmechanismus (ESM) auf der Tagesordnung. Der ESM soll den EFSF ab 2013 ablösen und 700 Milliarden Euro bereithalten, um angeschlagene EU-Mitglieder zu unterstützen und die gemeinsame Währung gegenüber Angriffen von Investoren abzusichern. Einen Teil des Geldes sollen die EU-Staaten, darunter auch Deutschland, ab 2013 an den ESM überweisen.

    Die Frage ist nun, wie schnell und in welchen Beträgen. Während der Fraktionssitzung der Union im Bundestag am Dienstag machte Bundeskanzlerin Angela Merkel klar, dass sie auf die Bremse treten will. Wenn es nach ihr geht, zahlt Deutschland seinen Betrag nicht auf ein Mal, sondern ab 2013 in fünf Jahresraten zu 4,5 Milliarden Euro. Mit dieser Idee will Merkel ihre Kritiker in Union und FDP beruhigen, die die deutsche Großzügigkeit gegenüber verschuldeten EU-Mitgliedern bemängeln.

    Denn FDP und CSU fordern noch immer nennenswerte Steuersenkungen in dieser Legislaturperiode. Jeder Euro, der in den ESM fließt, schränkt diese Möglichkeit ein. Das weiß auch Norbert Barthle, Haushaltspolitiker der CDU: „Ab 2013 wird der Spielraum geringer“, so Barthle gegenüber dieser Zeitung. Aber auch davor ist nicht mehr viel Zeit. Der Bundeshaushalt für 2012 ist schon in der Beratung. Eine nennenswerte Steuersenkung, die die FDP zufriedenstellen dürfte, ist darin bislang nicht vorgesehen.

    Info-Kasten

    Paket für den Euro

    Drei Vorhaben wollen die Staats- und Regierungschefs der EU ab Donnerstag in Brüssel beschließen. Beim verschärften Stabilitätspakt geht es darum, dass künftig nicht nur die Überschreitung der maximalen Staatsverschuldung von drei Prozent pro Jahr, sondern auch der gesamten Staatsschuldenquote von 60 Prozent der Wirtschaftsleistung Anlass für ein Strafverfahren der EU sein kann. Beim Pakt für den Euro wollen die Länder ihre Wirtschaftspolitik annähern, um Ungleichgewichte zwischen mehreren Staaten zu verringern, die Auslöser von Spekulationsattacken sein können. Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) schließlich dient ab 2013 dazu, hoch verschuldete Euro-Staaten zu stützen, wenn sie sich nicht selbst helfen können.

  • Zwei Wochen Erbsen und Linsen

    Zivilschutz in Deutschland

    Gut 14 Kilogramm Brot und Kartoffeln, 17 Kilo Gemüse und elf Kilo Obst sollten eine Familie mit zwei kleinen Kindern stets im Vorratsschrank haben. Dazu kommen noch Milchprodukte, Getränke, Fleisch und Fett. Zwei Wochen kann die Familie sich mit dieser Reserve unabhängig ernähren. Das sagt zumindest der Bedarfsrechner des Bundesverbraucherministeriums für die private Notfallvorsorge.

    Schwere Erdbeben oder Flutwellen drohen hierzulande kaum. Doch Hochwasser, verheerende Stürme und Reaktorunfälle, Seuchen oder Terroranschläge können wenigstens regional für zeitweilig chaotische Zustände sorgen. Wie der staatliche Zivilschutz funktioniert, wissen nur wenige. Eine Lehre aus der Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 hat der Bund gezogen. Es wurden bundesweit Lebensmitteldepots angelegt, damit die Bevölkerung im Ernstfall mit dem nötigsten versorgt werden kann.

    Zwei Reserven hat der Bund angehäuft. In der „Notfallreserve Getreide“ werden Weizen und Hafer eingelagert. Die Silos stehen in der Nähe von Mühlen, damit daraus im Ernstfall rasch Mehl für die Versorgung mit Brot gemahlen werden kann. In der „Zivilen Notreserve“ hortet der Bund Erbsen, Linsen, Reis, Kondensmilch und Milchpulver. Das klingt nicht nach einem Gourmetmenü. Die Auswahl hängt neben dem Ernährungsbedarf auch mit der langen Haltbarkeit der Lebensmittel zusammen.

    15 Millionen Euro lässt sich der Bund die Aufbewahrung jährlich kosten. Die Läger sind über ganz Deutschland verteilt. Im Notfall können von Katastrophen betroffene Bundesländer, die für den Zivilschutz zuständig sind, Hilfen aus einem der mehr als 100 Reservestellen anfordern. Die Lage der Standorte wird geheim gehalten. „Die staatlichen Notreserven sollen dazu beitragen, kurzfristige Engpässe in der Versorgung der Bevölkerung zu überbrücken“, erläutert das Verbraucherministerium. Dabei denken die Behörden vor allem an einzelne Ballungsgebiete und Großstädte. Je nach Lage reichen die Lebensmittel für mehrere Wochen. Die Verteilung würden im Ernstfall das THW oder die Bundeswehr übernehmen.

    Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) führt noch weitere Reserven auf. Insbesondere für den Gesundheitsschutz hat die Behörde vorgesorgt. Gehortet werden beispielsweise Jodtabletten für den Fall, dass es in Deutschland nach einem Reaktorunfall zu erhöhten Strahlenwerten kommt. Auch Pockenimpfstoff und Antibiotika stehen für den Notfall bereit. In den Krankenhäusern lagern so genannte Basispakete mit Arzneien und Sanitätsmaterial. Jedes Paket hat einen Umfang, mit dem 250 Patienten, darunter 150 Schwerverletzte, drei Tage lang versorgt werden können. Die Basispakete wurden auf rund 100 Kliniken verteilt. Auch dafür halten sich die Kosten in Grenzen, weil die Krankenhausapotheken das Material ständig herausgeben und wieder auffüllen. Es muss also nicht laufend neu angeschafft werden.

    Schließlich ruhen in Salzkavernen, also in Hohlräumen von Salzgestein, an der Küste die Öl- und Gasvorräte des Bundes. Drei Monate lang reichen die Reserven.

    Kasten:

    Die Bundesregierung rät allen Bürgern, über die staatliche Notfallreserven hinaus auch privat vorzusorgen. Was jeder Haushalt vorrätig halten sollte und wie man sich im Ernstfall verhält, erklärt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in der kostenlosen Broschüre „Für den Notfall vorgesorgt“. Bestellen kann man sie schriftlich beim BKK, Postfach 18 67, 53008 Bonn, oder per Fax: (02 28 99) 550 -1620 und E-Mail: bestellservice@bbk.bund.de

  • Das Feuer bannen statt bändigen

    Der komplette Atomausstieg bis 2020 ist möglich. Aber auch Erdöl und Kohle können wir bis 2050 ersetzen, sagt Energieforscher Jürgen Schmid

    Politiker sind frei, radikale Entscheidungen zu treffen. Auch wenn sie gerne auf die scheinbaren Grenzen verweisen, die ihr Handeln vermeintlich einengen. Ein gutes Beispiel für die Macht, die Volksvertreter in dieser komplizierten Welt trotz allem ausüben können, ist die Entscheidung der Bundesregierung für die Abschaltung der alten Atomkraftwerke. Vor ein paar Wochen noch hat die Regierung diese Variante nicht einmal in Erwägung gezogen. Nun, da die Debatte durch die Atomkatastrophe von Fukushima eine neue Dynamik erhalten hat, zeigt sich: Es ist noch viel mehr möglich – der komplette Ausstieg aus der Atomkraft.

    Was aber hat sich durch Fukushima geändert? Die Aufmerksamkeit hat sich verschoben. Die Antennen der öffentlichen Meinung nehmen jetzt andere Signale wahr. Botschaften, die vor Monaten noch ungehört verhallten, sind nun Top-Meldungen. Wissenschaftler wie Jürgen Schmid vom Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesysteme in Kassel (Iwes) geben augenblicklich den Takt der Diskussion vor. „Wir können bis 2020 ohne Probleme vollständig aus der Atomenergie aussteigen“, sagt Schmid. „Das atomare Risiko brauchen wir nicht einzugehen“, fügt er hinzu, „wenn wir es richtig machen, haben wir tragfähige Alternativen.“

    Für den relativ kurzfristigen Zeitraum bis 2020 sehen diese nach Schmids Angaben so aus: Vordringlich sei es, die erneuerbaren Energien beschleunigt auszubauen, vor allem die Windenergie auf der Nord- und Ostsee. Außerdem müsse man die alten Windparks an Land mit leistungsstärkeren Anlagen aufrüsten und zusätzliche Standorte für Windmühlen ausweisen. Dies betrifft vor allem die südlichen Bundesländer Hessen, Bayern und Baden-Württemberg. „Dort gab es bislang ein Kartell zur Verhinderung von Windkraftanlagen“, sagt Schmid.

    Hinzu kommt, dass die Leistung der Atomkraftwerke schon heute rechnerisch überflüssig ist. Der Strombedarf Deutschlands kann auch ohne sie gedeckt werden. Während die Deutschen gleichzeitig maximal 80 Gigawatt (80 Milliarden Watt) Strom abrufen, beträgt die Kapazität aller Elektrizitätskraftwerke gut 96 Gigawatt. Würden die sieben alten AKW abgeschaltet, die die Bundesregierung vorübergehend stillgelegt hat, bliebe noch eine Kraftwerksleistung von 88 Gigawatt. Ganz ohne Atomkraftwerke sänke das mögliche Angebot auf rund 80 Gigawatt – etwa die Menge des aktuellen Strombedarfs. Die nötige Reserve, die dann nicht mehr vorhanden wäre, könnten zusätzliche Wind- oder Gaskraftwerke bereitstellen.

    Mit diesen Schritten allerdings wäre nur eine der beiden großen energetischen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte bewältigt. Bleiben der Klimawandel und die Notwendigkeit, aus dem fossilen Energiesystem auszusteigen, das auf der Verbrennung von Kohle und Erdöl beruht. Doch auch hier senden das Umweltbundesamt, der Sachverständigenrat für Umwelt, der die Regierung berät, und viele Forschungseinrichtungen optimistische Nachrichten. Stellvertretend für sie sagt Jochen Flasbarth, der Präsident des Umweltbundesamtes in Dessau: „Bis 2050 können wir den Strom vollständig aus erneuerbaren Energien beziehen.“

    Damit das gelingt, müssen wir allerdings viel sparsamer mit Energie umgehen, als heute. In Privathaushalten lassen sich beispielsweise bis zu 50 Prozent des Strombedarfs verringern, sagt Energieberater Dieter Seifried. Leuchtdioden und sparsame Waschmaschinen müssten dann zur Grundausstattung in jedem Haushalt gehören. Die Industrie würde auf effiziente Elektromotoren umsteigen.

    Insgesamt bringt Iwes-Forscher Schmid den anstehenden Strukturwandel auf diesen Punkt: „Am Anfang der Zivilisation haben die Menschen das Feuer gebändigt. Nun müssen wir das Feuer bannen.“

    Das wird natürlich nicht grundsätzlich und überall funktionieren. Aber die Richtung ist beschrieben. Die einfache Idee dahinter: In vielen Verbrennungsprozessen lässt sich am Ende nur ein Teil der Energie nutzen, die in den verfeuerten Ressourcen gespeichert war. Atomkraftwerke weisen beispielsweise nur einen Wirkungsgrad von 34 Prozent auf – zwei Drittel der vorhandenen Energie werden an die Umwelt abgegeben. Große Kohle-, Gas- und Öl-Kraftwerke nutzen ihren Brennstoff zu 30 bis 50 Prozent. Statt dieser Verschwendung ist es besser, sie durch Wind- und Solar-Kraftwerke zu ersetzen.

    Und auch die Biomasse wird eine Rolle spielen. Allerdings sollte man Energiepflanzen nicht als Treibstoff in uneffektiven Verbrennungsmotoren verfeuern, sondern zu Biogas vergären. Dies lässt sich dem Erdgas im öffentlichen Netz beimischen, um Blockheizkraftwerke zu speisen, die in Gebäuden gleichzeitig Strom und Wärme produzieren.

    Laut Iwes-Forscher Schmid muss man sich keine großen Sorgen wegen vermeintlich exorbitanter Kosten machen, die der Umstieg auf das neue Energiesystem verursachen könnte. Wenn man es klug anstelle, werde die Ökostromumlage, die alle Privatverbraucher für die erneuerbaren Energien zahlen, „weit unter fünf Cent pro Kilowattstunde Strom bleiben“. Heute beträgt die Umlage 3,5 Cent. Wichtige Gründe für die moderate Entwicklung: Die Öko-Kraftwerke werden effektiver, gleichzeitig steigen die Preise für konventionelle Energieträger und Verschmutzungszertifikate. Die Wettbewerbsfähigkeit der erneuerbaren Energien nimmt also zu. Zwischen 2020 und 2030 dürfte ein entscheidender Punkt erreicht sein: Dann wird das neue Energiesystem billiger als das konventionelle.

  • Grüne verklagen Regierung wegen Finanzkrise

    Klage beim Bundesverfassungsgericht: Bundesregierung soll Informationen über Bankenaufsicht herausrücken, damit das Parlament seine Kontrollrechte wahrnehmen kann

    Die Bundesregierung verhindere die Aufarbeitung der Finanzkrise, beklagen die Grünen. „Weil die Regierung Auskünfte auf unsere Fragen verweigert, ist die parlamentarische Kontrolle nicht gewährleistet“, sagte Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher der Grünen. Bezüglich der gescheiterten Sächsischen Landesbank und anderer Finanzinistitute könne das Parlamente deshalb nicht beurteilen, ob die staatliche Bankenaufsicht Fehler gemacht habe. Um die Informationen von der Regierung doch noch zu erhalten, reichen die Grünen nun mit Hilfe des Juristen Christoph Möllers von der Humboldt-Universität Berlin eine Organklage beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ein.

    Die ehemalige Sächsische Landesbank war 2007 an den Rand des Bankrotts geraten, weil sich ihre Ableger in Irland massiv verspekuliert hatten. Landesbanken und Land sprangen mit Milliarden Euro öffentlicher Hilfe ein. Schließlich wurde die marode Sachsen LB von der Landesbank Baden-Württemberg übernommen und aufgelöst.

    Die Grünen interessiert nun, ob die deutsche Bankenaufsicht ihre Kontrollbefugnisse gegenüber der Sachsen-LB wahrgenommen hat und das Desaster möglicherweise hätte verhindern können. In mehreren parlamentarischen Anfragen baten die Grünen die Bundesregierung um Informationen, an welchen Sitzungen der Landesbank Bankenaufseher teilgenommen hatten.

    Diese Auskünfte gab die Regierung zunächst nur spärlich. Auf mehrmaliges Nachfragen lieferte das Bundesfinanzministerium zwar konkretere Informationen – allerdings unter Geheimhaltung. Die Berichte lagen in der Geheimschutzstelle des Bundestages aus. Die Folge: Schick und andere Experten können die Angaben nicht in der öffentlichen Auseinandersetzung verwenden.

    Diese Antwortpraxis der Regierung hebele die verfassungsmäßigen Informations- und Kontrollrechte des Bundestages aus, argumentieren die Grünen und Jurist Möllers nun. Wenn wichtige Informationen nicht öffentlich seien, habe das Parlament beispielsweise keine Chance, die Bankenaufsicht zu verbessern.

    Auch in seinem Recht, den Bundeshaushalt aufzustellen und die Staatsfinanzen zu kontrollieren, sei der Bundestag beschnitten, so die Grünen. Diese Klage bezieht sich nicht nur auf die öffentliche Unterstützung maroder Finanzinstitute, sondern auch auf die Deutsche Bahn AG. Die privatrechtliche Aktiengesellschaft, die zu 100 Prozent in Staatsbesitz ist, erhalte jedes Jahr zwar Milliarden Euro aus Steuermitteln, stelle aber nur unzulängliche Informationen über ihre Investitionsprojekte zur Verfügung, beklagte der grüne Verkehrspolitiker Anton Hofreiter.

    Möllers und die Grünen rechnen damit, dass das Verfassungsgericht über die Klage noch in dieser Legislaturperiode entscheidet.

  • Mercedes-Stern für Pferde

    Bundestagsabgeordnete schauen zu, wie Fohlen das Brandzeichen erhalten. Pferdezüchter wehren sich gegen geplantes Verbot des so genannten „Schenkelbrandes“

    Diese Szene gehört in jeden zweiten Western: Am Brandzeichen des Pferdes erkennt John Wayne, dass der Gaul geklaut ist. Der Dieb muss hängen.

    Nicht nur im Amerika des 19. Jahrhunderts war das Brandzeichen wichtig. Noch heute halten es Pferdezüchter für unverzichtbar. Auch in Deutschland, im Münsterland, in Sachsen-Anhalt und anderen Regionen mit Zucht-Tradition.

    Am kommenden Montag lädt die Deutsche Reiterliche Vereinigung deshalb zur „praktischen Demonstration“ in den Dressurstall Eichkamp in Berlin. Mehrere Fohlen sollen dann life gebrandmarkt werden – um die Meinungsbildung der Bundestages zu fördern. 15 bis 20 Abgeordnete des Agrarausschusses hätten sich bereits angesagt, sagt die Reiterliche Vereinigung.

    Hintergrund der Veranstaltung: Auf Betreiben des Deutschen Tierschutzbundes hat der Bundesrat das Verbot des „Schenkelbrandes“ gefordert. CSU-Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner möchte das Brandzeichen ebenfalls abschaffen. Viele Pferdezüchter dagegen wollen es unbedingt behalten. Unter anderem CDU-Abgeordneter Dieter Stier aus Weißenfels, selbst Pferdezüchter, will das Verbot des Brandzeichens via Agrarausschuss aufhalten und plädiert für eine „sachliche Debatte“ aufgrund persönlicher Beobachtung.

    Der Ortstermin soll zeigen, „das geht ganz schnell. Die Fohlen reagieren wenig oder überhaupt nicht“, sagt Stier. Das „Anbringen des Schenkelbrandes“ läuft so ab: Man presst dem Fohlen einen glühenden Metallstempel auf die hintere Backe. Es raucht und zischt.

    Die Frage zu beantworten, ob das Brandmal für die Pferde eine Drangsal ist, erscheint schwierig: Man kann sie ja nicht zur Rede stellen. Thomas Schröder, Geschäftsführer des Deutschen Tierschutzbundes, meint aber: „Das ist eine Verbrennung dritten Grades, die natürlich Schmerzen verursacht.“

    Dass die Prozedur die Pferde schmerzt, bestreitet Klaus Miesner nicht. Der Zuchtspezialist der Reiterlichen Vereinigung führt dafür aber einen „vernünftigen Grund“ ins Feld: „Unsere Pferde sollen weltweit identifizierbar sein.“ Die unauslöschlichen Symbole auf der Haut – stilisierte Wappen, Geweihe, Inititialen – geben Aufschluss über reine Rasse und Herkunft der Pferde. Die eingeprägte Nummer führt zu einer Datenbank der Züchter.

    Als „Zeichen für Wirtschaftsgüter, die man möglichst hochpreisig verkaufen will“, kritisiert Tierschützer Schröder die Brandzeichen – eine Art Mercedes-Stern für Pferde. Er empfiehlt eine schmerzärmere Variante der Codierung. Dabei wird den Pferden ein „Transponder“, ein Chip, in die Halsmuskeln injeziert, der so groß ist wie ein Reiskorn.

    Dieses Verfahren bevorzugt die EU. Die Züchter können es dagegen nicht leiden. Auch „das Implantieren des Transponders stellt eine schmerzende Verletzung der Pferde dar“, schreibt die Reiterliche Vereinigung. „Es kann zu Entzündungen und Ausbildung von Tumoren führen.“ Um die Nachteile zu demonstrieren, soll auch diese Behandlung am Montag am lebenden Objekt vorgeführt werden. Vom Detail-Streit der Spezialisten einmal abgesehen – welches Verfahren würden Sie wählen: das archaische oder das moderne?

  • Lehrer ohne Klassenzimmer

    Wer Wissbegierige beim Lernen via Internet unterstützen möchte, kann sich zum Onlinetrainer weiterbilden/ Die Kurse sind vielfältig – und von unterschiedlicher Qualität

    Die Internetverbindung steht, Kopfhörer und Mikrofon sind ordentlich platziert. Und schon kann es losgehen mit dem Lernen. Sowohl Universitäten als auch Unternehmen und Bildungseinrichtungen nutzen heute moderne Technik für die  Wissensvermittlung. Der Trend hin zum E-Learning eröffnet ein neues Arbeitsfeld für Trainer und Lehrer – und das ist vielfältig.

    „Der Bereich der Wissensvermittlung und des Coachings via Internet wird immer größer“, sagt Inga Geisler,  stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbands für Online-Bildung (BVOB). Der Vorteil liegt klar auf der Hand: Mithilfe des Internets können die Anbieter ohne große Umstände und Kosten eine sehr große Zielgruppe erschließen.

    Laut Hightech-Verband BITKOM setzen etwas mehr als die Hälfte der Großunternehmen und jeder vierte Mittelständler E-Learning zur Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter ein. Dabei haben sie die Wahl zwischen vielen unterschiedlichen Lernszenarien – vom Live-Unterricht im virtuellen Raum über begleitetes Lernen bis hin zur unbetreuten Lernplattform. 5.000 bis 8.000 Trainer dürften hierzulande ihrer Arbeit nachgehen, schätzt Geisler. Eine offizielle Statistik gibt es nicht. Das liegt wohl unter anderem daran, dass es sich bei der Berufsbezeichnung des Onlinetrainers um keine geschützte handelt. Praktisch jeder kann sich so nennen. Und so kursieren neben dem Begriff Onlinetrainer noch jede Menge andere Begriffe. Da gibt es den Teletutor, den E-Moderator oder den Online-Instructor. Staatlich anerkannt ist die Ausbildung nicht.

    Inga Geisler die seit sieben Jahren selbst in diesem Job tätig ist, erklärt das Begriffswirrwar: „Onlinetrainer arbeiten synchron oder asynchron“, sagt sie. Bei ersterem kommunizierten die Beteiligten im virtuellen Raum in Echtzeit und sehen sich in der Regel per Foto oder über eine Webcam. In diesem Fall spreche man von einem Live-Online-Trainer. Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass der Online-Trainer ein Fachgebiet virtuell betreut. Dann tauscht er sich zum Beispiel mit einer Gruppe Lernender über ein Forum aus. Er begleitet das Seminar, motiviert, postet Einträge und strukturiert die Weiterbildung. Manchmal wird er dabei von einem Tele-Tutor unterstützt, dessen Aufgabe allein darin besteht, die Gruppe beim Lernen zu begleiten.

    Und dann gibt es da noch die Drehbuchautoren für Lernmedien. „Deren Aufgabe ist es, webbasierte Trainings zusammenzustellen und den Programmierern Anweisungen zu geben, wo sie bestimmte Inhalte – ob Videos oder Texte – in der Anwendung platzieren sollen“, erläutert Geisler. „Drehbuchautoren müssen sehr gut methodisch und didaktisch geschult sein“, sagt sie. Gut geschult sollte allerdings  jeder sein, der sich zum Online-Trainer ausbilden lässt. Gerade weil ein einheitliches Berufsbild noch nicht existiert, ist eine gute Qualifikation wichtig, findet Geisler. Einfach mal so werde man eben nicht zum Onlinetrainer.

    Erst jüngst hat die Stiftung Warentest vier Weiterbildungen zum Onlinetrainer unter die Lupe genommen. Zwischen 455 und 1175 Euro müssten die Teilnehmer für die vier- bis zehnwöchigen Kurse berappen. Dabei erwies sich, das billigste Angebot als am wenigsten geeignet. Zwei Kurse – die bei Daten + Dokumentation und bei der HFU Akademie der Hochschule Furtwangen – überzeugten die Warentester inhaltlich mit sehr hoher Qualität. Insgesamt etwas schlechter, aber dennoch passabel schnitt der Kurs bei der TLA TeleLearn Akademie ab.

    In der Regel sind es Lehrer, Dozenten oder Coaches, die sich für das E-Learning fit machen und ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern wollen. Ob die Schulung sich in barer Münze bezahlt macht, lässt sich pauschal nicht beantworten. Die Honorare reichen von ganz unten nach ganz oben. Das kann bei 23 Euro pro Stunde anfangen, wobei die Grenze nach oben offen ist.

    Kasten/ Onlinetrainer:

    Tipps für die Weiterbildung:

    Wer sich zum Onlinetrainer weiterbilden möchte, hat die Qual der Wahl. Denn die Kurse bilden für sehr unterschiedliche Aufgaben aus – von der Lernbegleitung bis zum Unterricht im virtuellen Klassenzimmer. „Die Kurstitel helfen oft nicht weiter“, urteilt die Stiftung Warentest und rät zu Schnupperkursen, falls diese angeboten werden. Wer nicht sicher ist, welches Berufsbild für ihn infrage kommt, kann sich an den Berufsverband für Online-Bildung (BVOB) wenden (Kontaktdaten im Internet unter www.bv-online-bildung.de). Dort sollen demnächst auch Adressen von Weiterbildungsinstituten zu finden sein.

  • „Mit Stromsparen Atomausstieg bis 2015“

    Deutschland könne durch sparsamere Nutzung seinen Stromverbrauch um „30 bis 40 Prozent verringern“, sagt Energieberater Dieter Seifried. Alleine beim Licht sei es in Privathaushalten möglich, vier Fünftel der Elektrizität sparen

    Hannes Koch: Wegen der Atomkatastrophe in Japan will die Bundesregierung sieben Atomkraftwerke zumindest vorübergehend abschalten. SPD-Chef Sigmar Gabriel fordert, gleich komplett aus der Atomenergie auszusteigen. Hätten wir dann noch genug Strom, um unsere Millionen Kühlschränke, Klimaanlagen und Motoren zu betreiben?

    Dieter Seifried: Ja, auch kurzfristig können wir die alten AKW stilllegen, ohne dass es zu Engpässen kommt. Die maximale gleichzeitige Stromnachfrage der Deutschen lag bisher bei rund 80 Gigawatt pro Jahr. 96 Gigawatt beträgt dagegen die Leistung aller deutschen Kraftwerke. Die Anlagen können demnach mehr Strom produzieren, als wir heute verbrauchen. Deshalb exportiert Deutschland elektrische Energie. Und wenn wir uns mehr anstrengen würden, den Stromverbrauch zu reduzieren, könnten wir schon 2015 ganz ohne Atomkraftwerke auskommen.

    Koch: Um das Klima zu schützen, sollen aber auch alte Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. Droht Deutschland eine Stromlücke, wenn man gleichzeitig auf Atom und Kohle verzichtet?

    Seifried: Nicht, wenn wir alle Möglichkeiten nutzen, den Stromverbrauch zu senken. Insgesamt ließe sich der Konsum von Elektrizität in Deutschland um 30 bis 40 Prozent verringern. Dann könnten wir nicht nur auf die AKW, sondern auch auf viele fossile Kraftwerke verzichten. Das Einsparpotential in der Industrie beträgt etwa 20 Prozent, bei Privathaushalten, Kleinverbrauchern und in öffentlichen Gebäuden bis zu 50 Prozent.

    Koch: Wie kann man im Privathaushalt schnell viel Strom sparen?

    Seifried: Beginnen Sie bei der Beleuchtung Ihrer Wohnung. Ersetzen Sie die alten Glühbirnen durch Energiesparleuchten und die Halogenlampen durch moderne LED-Strahler. Das bringt beim Licht eine Einsparung von 80 Prozent der Energie.

    Koch: Die meiste Elektrizität verbrauchen aber die großen Elektrogeräte.

    Seifried: Wer seinen zehn Jahre alten Kühlschrank durch ein neues Gerät der Sparkategorie A+ ersetzt, senkt den Stromeinsatz auch an dieser Stelle um 60 bis 80 Prozent. Wenn man eine Waschmaschine nutzt, die das Wasser aus der Warmwasser-Leitung holt, anstatt es elektrisch zu erhitzen, spart man etwa die Hälfte des Stromverbrauchs der Waschmaschine ein. Außerdem ist es ratsam, alle Netzgeräte und Stand-by-Mechanismen an Computern und Unterhaltungselektronik mit schaltbaren Steckdosenleisten vom Netz zu trennen, wenn die Geräte nicht gebraucht werden. Und auf Stromheizungen sollte man grundsätzlich verzichten.

    Koch: Viele Bürger beanspruchen pro Kopf zunehmend mehr Wohnraum. Damit steigt der individuelle Stromverbrauch. Auch TV-Geräte werden größer und leistungsstärker. Können wir an unserer bisherigen Definition von Lebensqualität festhalten oder geht es irgendwann um Verzicht?

    Seifried: Jeder kann sich überlegen, ob er einen Bildschirm mit zwei Meter Diagonale braucht oder ob vielleicht 80 Zentimeter reichen. Wer tagsüber im Büro arbeitet, muss seine Wohnung während dieser Zeit nicht unbedingt heizen. Erst abends die Heizung anzustellen, erfüllt den Zweck ebenso. Deshalb ist eine gewisse Änderung von Konsummustern sicher nicht falsch. Angesichts des Niveaus, auf dem wir leben, würde ich das aber nicht als Verzicht bezeichnen.

    Koch: Ist es in Unternehmen gleichermaßen einfach, den Stromverbrauch zu senken, wie in Privathaushalten?

    Seifried: Das hängt von der jeweiligen Branche ab. In Bürogebäuden spielen Beleuchtung und Lüftung eine große Rolle. Dort lässt sich der Stromverbrauch wirtschaftlich um etwa 30 bis 50 Prozent verringern. In Produktionsunternehmen ist das schwieriger und von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich. Aber auch da stellen wir fest, dass der Stromverbrauch in den vergangenen Jahren mehr oder weniger konstant geblieben ist, während die Leistung der Firmen stieg. Viele Unternehmen senken also permanent den Stromverbrauch pro produzierter Einheit.

    Koch: Weniger Elektrizität zu nutzen kann dazu beitragen, die Umwelt- und Gesundheitsrisiken der atomaren und fossilen Erzeugung zu verringern. Reduziert Stromsparen aber auch unsere Stromrechnung?

    Seifried: Unter dem Strich schon. Zwar können die Preise steigen, die die Energieerzeuger in Rechnung stellen. Parallel aber sinken Verbrauch und Kosten bei den Privathaushalten, die ihr Einsparpotential nutzen.

    Bio-Kasten

    Dieter Seifried (62) arbeitet als Energieberater und Gutachter. Er ist Gründer und Geschäftsführer des Büros Ö-Quadrat in Freiburg/ Baden-Württemberg, das Konzepte für die Energiewende erstellt.

    Info-Kasten

    Sparen und Erneuern

    Neben Einsparungen beim Stromverbrauch ist der Ausbau der Erneuerbaren Energien die zweite große Strategie, um die Elektrizitätsgewinnung aus Uran und fossilen Rohstoffen wie Kohle überflüssig zu machen. Bis 2050 könne Deutschland seinen Strom komplett aus Regenerativen Energien beziehen, sagt Jochen Flasbarth, der Präsident des Umweltbundesamtes. Übergangsweise brauche man bis dahin auch Kohlekraftwerke, aber nicht mehr als heute in Betrieb oder im Bau seien. Einige große Erdgaskraftwerke müssten allerdings zusätzlich errichtet werden.