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  • Online-Banking wird papierlos

    Zwei neue Systeme sollen elektronische Überweisungen sicherer und bequemer machen/ Banken verabschieden sich allmählich vom alten Verfahren mit gedruckten Transaktionsnummern

    Cyberkriminelle werden immer erfinderischer. Deshalb tüfteln die Spitzenverbände der deutschen Kreditwirtschaft seit Jahren daran das Online-Banking sicherer zu machen. „MobileTAN“ und „chipTAN“ heißen die neuesten Verfahren, die Kunden vor Gaunern bei elektronischen Bankgeschäften schützen sollen.

    3.500 Euro im Schnitt erbeuten Betrüger, wenn sie sich illegal  Zugriff auf ein Konto in der digitalen Welt verschaffen. Fünf Prozent der Internet-Nutzer – das sind 2,5 Millionen Deutsche – haben schon einen finanziellen Schaden durch Datendiebstähle oder Schadprogramme erlitten. Das meldete der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (BITKOM). Schon Mitte 2009 erklärte das Bundeskriminalamt (BKA) das übliche iTAN-Verfahren als unsicher. Für Kriminelle sei das System keine Hürde mehr hieß es.

    iTAN:
    Das Kürzel iTAN steht für „indizierte Transaktionsnummer“ und bedeutet, dass die Bank beim Abschluss einer Überweisung im Internet nach einer bestimmten Transaktionsnummer (TAN), quasi der Unterschrift des Kunden, fragt. Die TAN erhalten Nutzer von ihrer Bank –in Form einer Liste und durchnummeriert. Die gedruckten Zahlenreihen werden schon bald der Vergangenheit angehören. Ende 2012 ist wahrscheinlich Schluss.    

    Schon im Januar hat die Postbank den Versand der iTAN-Listen eingestellt. Ab Mitte April ist die komplette Abschaltung von iTAN vorgesehen. Dann sollen Kunden über die neuen Verfahren mobileTAN und chipTAN ihre elektronischen Bankgeschäfte tätigen. Das können sie auch jetzt schon. Auch andere Kreditinstitute wie zahlreiche Sparkassen und Volksbanken bieten die Verfahren an, teils unter anderem Namen. Und so funktionieren sie:

    chipTAN:
    Bei chipTAN (auch Sm@rtTAN plus oder chipTAN comfort) benötigt der Nutzer ein spezielles Lesegerät, den so genannten TAN-Generator, der die TAN generiert. Hat der Kunde den Überweisungsauftrag am heimischen Computer eingegeben, hält er das handliche Gerät mit eingesteckter EC-Karte vor den Bildschirm, auf den die Bank einen Schwarzweiß-Blinkcode (Flickercode) sendet. Der Code enthält die Überweisungs- und weitere Daten die zur Berechnung der TAN notwendig sind und wird über optische Sensoren vom Gerät eingelesen. Anschließend zeigt der Generator den Überweisungsbetrag und das Konto auf einem kleinen Display an. Anschließend muss der Kunde sämtliche Daten bestätigen. Erst dann erhält er die TAN. „Eine Manipulation der Transaktion durch einen Betrüger oder Trojaner sollte normalerweise sofort auffallen“, sagt Julia Topar, Pressesprecherin beim Bundesverband deutscher Banken (BdB).

    mobileTAN:
    Bei der Variante mobileTAN (auch mTAN oder smsTAN) wird dem Online-Banking-Kunden nach Übersendung der Überweisung im Internet von der Bank per SMS eine TAN auf sein Mobiltelefon gesendet. „Der Auftrag muss mit dieser TAN – deren Gültigkeitsdauer zeitlich begrenzt ist –  bestätigt werden“, erläutert Sprecherin Topar. Vorteil: Man muss für Überweisungen unterwegs keine TAN-Liste dabei haben. Auch der Verlust des Mobiltelefons wird im Regelfall eher vom Nutzer bemerkt, als der Verlust der Bankkarte oder des TAN-Bogens.

    So sicher sind die Systeme:
    „ChipTAN und mobileTAN stellen eine Weiterentwicklung der bewährten TAN-Verfahren in punkto Sicherheit, Nutzerkomfort und Akzeptanz dar“, sagt BdB-Sprecherin Topar. Das besondere an mobileTAN und chipTAN sei, dass die Transaktionsnummer jeweils für eine bestimmte Transaktion errechnet werde. Für Betrüger sei sie in der Regel wertlos. „Durch den SMS-Versand der TAN gilt mobileTAN als sicherer als iTAN“, so Topar. Einen Haken hat das System mit dem Mobiltelefon dennoch. Es verliert seine Sicherheit, wenn der Kunde für die Online-Überweisung dasselbe Mobiltelefon verwendet, an das die Bank die SMS mit der TAN schickt.

    So schnell geht die Umstellung:
    Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) rechnet damit, dass das Gros der Sparkassen bis Ende des Jahres zumindest eines der beiden neuen Sicherheitsverfahren anbietet. Das Rennen wird dabei wohl eher die Variante mit dem um die zehn Euro teuren TAN-Generator machen. „Zwei Drittel der Kunden, die die neuen Verfahren verwenden, nutzen chipTAN“, so Michaela Roth, Pressesprecherin des Verbandes. Verbindlich sind die Systeme Verfahren allerdings nicht. Jedes Bankinstitut kann selbst entscheiden, ob und welches der Verfahren es anwendet.  

  • Flexibilität oder Ausbeutung

    Kommentar zu guten und schlechten Jobs von Hannes Koch

    Sicher ist nicht immer gut, unsicher nicht immer schlecht. Viele Menschen leben lieber schnell und wandelbar als langsam und beständig. Möglicherweise nimmt der Anteil des zweitens Typs sogar zu. Jedenfalls kann man aus der wachsenden Zahl irregulärer Jobs, den das IAB-Institut der Bundesagentur für Arbeit vermeldet, nicht umstandslos schließen, dass unsere Gesellschaft unsozialer wird. Sie wird anders, aber nicht unbedingt ungerechter.

    Um beispielsweise Kinderbetreuung und Arbeit zu verbinden, fordern gerade viele Familien, dass die Unternehmen ihnen mehr Teilzeit-Stellen anbieten mögen. Wenn die Firmen diesem Anliegen nachkommen und die Arbeitsplätze vernünftig bezahlen und ausgestalten, bedeutet das Fortschritt, nicht Rückschritt.

    Andererseits dürfen die Erwerbstätigen nicht durch Politik und Wirtschaft gezwungen werden, irgendwelche befristeten, kleinen, mies entlohnten Jobs zu machen, wenn sie eigentlich vernünftige Stellen suchen. Beispielsweise ist die Bundesregierung gefordert, sicherzustellen, dass Leiharbeiter nach einer Übergangszeit den gleichen Lohn erhalten wie ihre festangestellten Kollegen. Sonst verkommt Flexibilität zu Ausbeutung.

  • Fast jeder zweite Job ist anormal

    Rund 45 Prozent der deutschen Erwerbstätigen arbeiten auf flexiblen, modernen Stellen. 55 Prozent haben normale Vollzeitarbeitsplätze. Warnung vor Spaltung des Arbeitsmarktes

    Etwa 55 Prozent der deutschen Erwerbstätigen arbeiten noch auf Stellen, die früher als „normal“ galten – unbefristet, sozialversichert, Vollzeit, staatlich nicht alimentiert. Die übrigen 45 Prozent der Beschäftigten haben Arbeitsplätze, die irgendwie flexibel und modern sind. Dazu gehören beispielsweise Teilzeitjobs, befristete Stellen, Zeit- und Leiharbeit und geringfügig bezahlte Tätigkeiten.

    Früher war der Anteil der Normalarbeitsverhältnisse höher. Vor 15 Jahren betrug er rund 66 Prozent. Seitdem hat der Anteil der normalen Arbeitsplätze um ungefähr elf Prozent abgenommen. Trotzdem sei „das Normalarbeitsverhältnis kein Auslaufmodell“, sagte Joachim Möller am Donnerstag in Berlin. Der Direktor des Forschungsinstituts der Bundesagentur für Arbeit (IAB) warnte gleichwohl: „An den Rändern bröckelt es, die Arbeitswelt driftet auseinander“.

    Einerseits können Beschäftigte, die gute Jobs haben, immer noch relativ sicher sein. Die durchschnittliche Beschäftigungsdauer auf normalen Arbeitsplätzen ist in den vergangenen 20 Jahren sogar von 10,3 auf 10,8 Jahre angestiegen. Allerdings gibt es auch die andere Seite: Jeder Zweite, der eine neue Stelle findet, muss sich erst einmal mit einem befristeten Vertrag begnügen. Und besonders Jüngere unter 30 Jahren wechseln schneller. Früher arbeiteten sie durchschnittlich 800 Tage in derselben Firma, heute sind es nur noch 600 Tage.

    In dieser Entwicklung spiegeln sich ökonomische Veränderungen. So wächst der Dienstleistungssektor, wo flexibler gearbeitet wird als in der alten Werkhallen der Industrie. Hinzu kommen politischen Reformen wie die Hartz-Gesetze, die die geringfügigen Minijobs und die Leiharbeit fördern. Aber auch neue Bedürfnisse der Menschen machen sich bemerkbar. „Die Leute wollen häufig flexibel arbeiten“, sagte IAB-Direktor Möller.

    Beispiel Teilzeit: Diese hat sich in den vergangenen 15 Jahren auf 8,7 Millionen Erwerbstätige verdoppelt. Dies gilt besonders für Frauen, die häufig Teilzeitarbeit wählen, um Beruf und Kindererziehung zu kombinieren. Oft ist das freilich kein freiwilliges Modell, denn es fehlen Betreuungsplätze für Kinder.

    Einen großen Anteil der modernen Stellen machen auch die geringfügigen Jobs aus. Es sind mittlerweile 4,8 Millionen. Hinzu kommen etwa eine Million Leiharbeiter. Diese werden im Durchschnitt 20 Prozent schlechter bezahlt als ihre Kollegen auf festen Stellen. Nur rund zehn Prozent von ihnen finden im Anschluss eine reguläre Beschäftigung. 90 Prozent bleiben längere Zeit Leiharbeiter.

    Zählt man Teilzeit, befristete Beschäftigung, Leiharbeit, geringfügige Jobs und prekäre Selbstständige (viele Ein-Personen-Betriebe) zusammen, kommt man auf etwa 18 Millionen Beschäftigte. Insgesamt arbeiten in Deutschland rund 40 Millionen Erwerbstätige.

    Dass die Entwicklung in diese Richtung weiterläuft, ist keine Notwendigkeit. „Wenn man nicht aufpasst, kommt es zur weiteren Spaltung“, warnte Möller. Die Politik könne allerdings auch gegensteuern. Als Beispiel nannte er den möglichen Entzug der steuerlichen Förderung für Mini-Jobs. Die verlören dann ihre Attraktivität für Arbeitgeber, die folglich reguläre Beschäftigte einstellen müssten.

    Info-Kasten

    Leiharbeit

    Zeit- und Leiharbeiter in Deutschland verdienen 20 Prozent weniger als reguläre Beschäftigte. Nach Auskunft des IAB ist das in Dänemark anders: Dort würden Leiharbeiter besser bezahlt als feste Arbeitskräfte, sagte IAB-Direktor Joachim Möller. Um die Nachteile der hiesigen Leiharbeiter auszugleichen, schlägt er vor, ihre Bezahlung mit einem verpflichtenden Stufenmodell innerhalb von sechs Monaten auf das Lohnniveau der im gleichen Betrieb beschäftigten Stammbelegschaft anzuheben.

    Grafikmaterial gibt es hier:

    http://doku.iab.de/kurzber/2011/kb0411.pdf

    Zahlen hier:

    http://www.iab.de/presse/030311z

  • Der dreifache Staatsbankrott kommt

    Besuch bei Schäuble: Für Griechenland, Irland und Portugal prognostiziert US-Bestseller-Ökonom Kenneth Rogoff die baldige Staatspleite. Auch Spanien sei nicht weit davon entfernt

    Wie viele angelsächsische Gelehrte hält Kenneth Rogoff witzige Vorträge mit hübschen Anekdoten. „Was sollen wir nur gegen die gigantischen Staatsschulden unternehmen?“, sei er kürzlich von Besuchern eines Vortrages gefragt worden, erzählte der US-Wirtschaftsforscher. „Wahrscheinlich werden die Steuer steigen“, antwortete Rogoff. „Meine auch?“, so die Reaktion des Besuchers.

    Ausmaß und Folgen der stark steigenden Staatsverschuldung in den USA und Europa seien den meisten Bürgern und Politikern nicht klar, betonte Rogoff bei seinem Vortrag am Mittwoch Abend im Bundesfinanzministerium. Dieses Defizit lasse sich aber schnell beheben, deutete der nicht uneitle Harvard-Ökonom an und projezierte das Cover seines aktuellen Bestsellers an die Wand des Saales: „Dieses Mal ist alles anders“ analysiert die Geschichte der weltweiten Staatspleiten seit dem 14. Jahrhundert.

    Eine Lehre daraus: Die Höhe der Schulden in vielen vermeintlich reichen Ländern hätten auch infolge der Finanzkrise mittlerweile Dimensionen erreicht, bei der in früheren Fällen die Staatspleite, Inflation oder eine andere Form des Zahlungsausfalls eintrat.

    Die gesamte öffentliche und private Verschuldung der USA Anfang 2010 bezifferte Rogoff beispielsweise auf rund 350 Prozent der dortigen Wirtschaftsleistung – etwa 55 Billionen Dollar (55.000 Milliarden). Um diese lustige Summe zurückzuzahlen, müsste die USA-Bevölkerung also dreieinhalb Jahre ausschließlich für diesen Zweck arbeiten und dürfte nichts essen, trinken oder anderweitig konsumieren.

    In Europa sieht es ein bisschen besser aus. Aber dass mindestens Griechenland, Irland und Portugal am Rande der Pleite stehen, da ist sich Rogoff sehr sicher. „Dort ist es unvermeidlich“, sagte der Ökonom, einen Teil der Schulden zu annulieren. Das heißt beispielsweise: Die Investoren und Bürger, die Staatsanleihen dieser Länder gekauft haben, bekommen am Ende der Laufzeit der Papiere nicht 100 Prozent ihres eingesetzten Kapitals zurück, sondern nur 50 oder 70 Prozent. Und auch Spanien sei vom Bankrott bedroht, so Rogoff.

    Dabei kann die Entschuldung verschiedene Formen annehmen. Die eine besteht in der offiziellen Erklärung der staatlichen Zahlungsunfähigkeit. Eine weitere Variante heißt „Inflation“: Die jeweilige Notenbank toleriert eine höhere Geldentwertung, wodurch nicht nur die Staatsschulden, sondern auch die privaten Vermögen abnehmen. Diese Möglichkeit sei in Europa allerdings ausgeschlossen, meinte Rogoff: Die Europäische Zentralbank nehme es sehr ernst, die Inflation niedrig zu halten. Eine dritte Möglichkeit ist die Kürzung der einst zugesagten öffentlichen Ausgaben, etwa der Renten.

    Eine offizielle Umschuldung, wie sie Rogoff für einige Euro-Staaten kommen sieht, sei in jedem Fall ein „Schock“. Denn nicht nur Banken verlören dabei Geld, sondern auch Bürger, die Staatsanleihen besäßen. Weitere Folgen: Teurere Kredite, weniger Investitionen, weniger Wachstum, weniger Jobs.

    Und was soll Europa jetzt tun? Griechenland, Irland und Portugal sofort in die Pleite schicken, Hilfe verweigern? „Ich bin Akademiker“, gab sich der Mann mit der Halbglatze zurückhaltend. „Taktische“ Ratschläge wollte Rogoff dem gespannt wartenden Finanzstaatssekretär Steffen Kampeter nicht geben. Nur so viel: Je länger man warte, desto teurer werde es.

    Und noch eine Schlussfolgerungen seiner Forschungen wollte Rogoff plazieren: Er halte es für falsch, wenn, wie in der Finanzkrise geschehen, der Staat die Schulden bankrotter Privatinvestoren und Banken übernähme und garantiere. Denn das Ende sehe immer so aus: Irgendwann sei der Staat selbst pleite.

  • Warteschleife ade

    TKG-Novelle

    Das Bundeskabinett hat die Novelle des Telekommunikationsgesetzes (TKG) beschlossen. Darin sind auch viele Regelungen enthalten, die Verbrauchern zugute kommen. Das Gesetz soll noch in diesem Jahr in Kraft treten. Was ändert sich dadurch?

    Kunden

    Die Zeit in der Warteschleife von Telefon-Servicenummern muss nach einer Übergangszeit von einem Jahr kostenlos sein. Die Übergangsregelung soll den Unternehmen Zeit für die technische Umstellung geben. In den erste drei Monaten, nachdem das TKG in Kraft tritt, bleibt alles wie gehabt. Danach sind neun Monate lang die ersten zwei Minuten in der Warteschleife gratis.

    Die bisher verlangten Gebühren haben viele Verbraucher verärgert. Denn je nach Rufnummer kann die nutzlos verbundene Zeit recht teuer werden. Eine Stichprobe der Grünen im vergangenen Jahr legt den Verdacht nahe, dass Unternehmen ihre Kunden ganz gezielt eine Weile warten lassen. Bei einer Esoterik-Hotline wurden die Tester 22 Euro los, bevor sich am anderen Ende der Leitung jemand meldete. In die Kritik sind aber vor allem Billigflieger geraten. Die Grüne Verbraucherexpertin Bärbel Höhn hält die lange Übergangsfrist für überflüssig. „Da gibt es Softwarelösungen, die bereits einige Firmen nutzen“, verlangt die Politikerin ein sofortiges Ende der Gebühren.

    Mieter und Häuslebauer

    Bei Umzug werden die Rechte der Telefonkunden gestärkt. Die Anbieter dürfen die Laufzeit der Verträge nicht mehr verändern, wenn ihr Dienst am neuen Wohnort fortgeführt wird. Auch erhalten Mieter oder Eigenheimbesitzer nach dem Einzug ein dreimonatiges Sonderkündigungsrecht, wenn die Telefon- oder Internetfirma ihre Leistung an der neuen Adresse gar nicht bieten kann.

    Telefonkunden

    Der Wechsel des Anbieters wird erleichtert. Denn der Dienst, also zum Beispiel der Festnetzanschluss zuhause, darf für die Umstellung vom alten zum neuen Tarif höchstens einen Tag unterbrochen werden. Außerdem werden die Telekommunikationsfirmen verpflichtet, das die alte Rufnummer beim neuen Anbieter innerhalb eines Tages freigeschaltet wird. Das TGK lässt künftig auch die Möglichkeit zu, Call-by-Call-Firmen per Verordnung zur Angabe von Preisen zu verpflichten. So sollen Anrufer auf plötzliche Preissprünge aufmerksam werden.

    Telefon- und Internetanbieter

    Die Unternehmen müssen künftig verbraucherfreundlicher werden und zum Beispiel immer auch ein Vertragsmodell anbieten, der höchstens zwölf Monate läuft. Als Obergrenze für die Bindung des Kunden sind zwei Jahre vorgesehen. Außerdem werden die Firmen zur Angabe der Kosten bei einem Wechsel des Kunden zur Konkurrenz verpflichtet, zum Beispiel der Gebühr für die Mitnahme der Rufnummer. Verärgert Internetnutzer wird freuen, das Anbieter von DSL-Anschlüssen die Mindestgeschwindigkeit ihrer Verbindung künftig angeben müssen.

    Abofallen-Opfer

    Wer aus Versehen in eine Abofalle getappt oder einer anderen Gebührenschleicherei zum Opfer zum Opfer gefallen ist, kann die Zahlung der verlangten Gebühren bald leichter verweigern. Oft treiben die dubiosen Firmen ihre Forderungen über die normale Telefonrechnung ein. Zog der Kunde den unberechtigt verlangten Betrag einfach ab, nutzte es wenig, weil der Abzug anteilig auf alle Rechnungsposten verteilt wurde. Künftig wird zuerst die Forderung der Telefongesellschaft bedient. Abzocker gehen leer aus oder müssen ein Mahnverfahren einleiten.

    Landbewohner

    Außerhalb der Städte funktioniert das Internet noch immer schlecht und oft auch gar nicht. Es fehlt an einem leistungsfähigen Netz. Darunter leiden neben den Unternehmen, die auf schnelle Datenleitungen angewiesen sind, auch private Surfer. Bis spätestens 2018 soll die gesamte Bundesrepublik über fixe Datenleitungen verfügen. Auf rund 100 Milliarden Euro taxiert der Bundesverband der Deutschen Industrie die dafür anfallenden. Am Ende wird jeder Betrieb und jeder Haushalt einen bezahlbaren Zugang zum Hochgeschwindigkeitsnetz erhalten. Damit Unternehmen in den Ausbau der Netze investieren, darf die Regulierungsbehörde bei der Festlegung der späteren Gebühren für die Kunden großzügig vorgehen.

  • Die Deutschen verdienen zu wenig

    Ausnahmsweise einig: Wirtschaftsforscher aller Strömungen raten zu Lohnsteigerungen von durchschnittlich drei Prozent in 2011. Bezahlung im deutschen Dienstleistungssektor liegt unter dem europäischen Durchschnitt

    Ökonomen ermuntern die deutschen Arbeitnehmer und Gewerkschaften, mehr Lohn zu verlangen. Erhöhungen um drei Prozent pro Jahr würden die Wirtschaft nicht schädigen, sondern seien im Gegenteil sinnvoll, sagen sowohl unternehmens- wie gewerkschaftsnahe Forscher. Im europäischen Vergleich sind die deutschen Lohnkosten immer noch niedrig.

    „Der Verteilungsspielraum liegt in diesem Jahr bei einem Lohnzuwachs von durchschnittlich drei Prozent“, sagt Christoph Schröder vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. „Dies wäre kein Übel, wenngleich eine etwas geringere Steigerung den Firmen und dem Arbeitsmarkt zugute käme.“ Ähnlich sieht das sein Kollege Ferdinand Fichtner von Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. „Eine Lohnsteigerung von durchschnittlich drei Prozent würde die Unternehmen nicht überfordern“, so Fichtner. Und Gustav Adolf Horn vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie (IMK) in Düsseldorf legt noch etwas drauf: „Der effektiv ausgezahlte Lohn sollte um drei bis 3,5 Prozent zunehmen.“

    Die neue Einigkeit beruht darauf, dass Ökonomen der sonst zerstrittenen Richtungen inzwischen der Binnennachfrage eine größere Bedeutung beimessen. Selbst FDP-Wirtschaftsminister Rainer Brüderle befürwortet mittlerweile höhere Löhne, weil sie die Konsumlust der Bürger und das Wachstum unterstützten.

    Der Lohnzuwachs von drei Prozent, so meinen die Ökonomen, sollte im Durchschnitt der Wirtschaft erzielt werden. Ob das in diesem Jahr gelingt, ist allerdings fraglich. Denn in wichtigen Branchen, wie etwa der Metallindustrie, finden vorerst keine umfassenden Tarifverhandlungen statt. So verhandeln die Metaller nur für die ostdeutsche Stahlindustrie. Und bei der Bahn lag der Abschluss des neuen Tarifvertrages unter zwei Prozent pro Jahr.

    Die deutschen Arbeitnehmer könnten durchaus mehr Lohn erhalten, ohne die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft zu gefährden. Ein neuer europäischer Vergleich des Instituts für Makroökonomie zeigt, dass die deutschen Lohnkosten nicht zu hoch sind. In der hiesigen Privatwirtschaft erhielten Beschäftigte 2009 demnach durchschnittlich 29 brutto pro Arbeitsstunde – 60 Cent mehr als der Durchschnitt des Euroraumes. Spitzenreiter mit 37,20 Euro weit vor Deutschland ist Belgien, dann folgen Dänemark, Frankreich, Luxemburg, Schweden und die Niederlande.

    Bei den Arbeitskosten pro Stunde im verarbeitenden Gewerbe liegt Deutschland deutlich über dem europäischen Durchschnitt, im Dienstleistungsbereich aber darunter. Seit 2000 und auch während der Finanzkrise sind die Arbeitskosten in Deutschland weniger stark gestiegen, als im europäischen Durchschnitt.

    Die Ökonomen leiten daraus ab, dass ein kräftiger Lohnzuschlag die deutsche Konkurrenzfähigkeit gegenüber dem Ausland nicht gefährden würde. Die Faustformel für eine Lohnerhöhung sieht so aus: Inflationsausgleich von etwa zwei Prozent plus Beteiligung am Zuwachs der Leistungsfähigkeit (Produktivität) von einem Prozent macht drei Prozent.

    Nicht nur DIW-Mitarbeiter Fichtner weist allerdings daraufhin, dass die Lohnsteigerung von Branche zu Branche unterschiedlich ausfallen müsse. So könne die erfolgreiche Exportwirtschaft mehr leisten als drei Prozent, während viele Unternehmen beispielsweise des Einzelhandels dazu nicht in der Lage seien.

  • Atomarer Mittelweg

    Kommentar zur Atom-Klage von Hannes Koch

    Die Klage gegen die längeren Atomlaufzeiten vor dem Bundesverfassungsgericht hat keine schlechten Aussichten – soweit sich das in juristischen Dingen überhaupt prognostizieren lässt. Sollten die klagenden Bundesländer Recht bekommen, wäre dies aber nicht nur eine Niederlage für die Bundesregierung, sondern auch eine Chance, den gesellschaftlichen Frieden wiederherzustellen.

    Fünf Länder mit SPD-Regierungsbeteiligung klagen dagegen, dass die Bundesregierung die Laufzeiten der Atomkraftwerke um mindestens 14 Jahre verlängert hat. Die Argumente der Kritiker haben Hand und Fuß: Plausibel können die Länder nachweisen, dass auf ihre Behörden mehr Aufgaben und Arbeit zukommen, wenn die AKW länger laufen. Deshalb, so sagen sie, sei es geboten, den Bundesrat in die Abstimmung einzubeziehen. Hinzu kommt, dass selbst einige Gutachter der Regierung diese Erwägungen teilten. Um das Gesetz jedoch unbschadet durchzubringen, hat Schwarz-Gelb darauf verzichtet, den Bundesrat zu fragen – ein möglicherweise entscheidender Fehler.

    Aber nicht nur juristisch hat die Regierung für neue Konflikte gesorgt, sondern auch gesellschaftlich. Eigentlich war der alte, schmerzhafte Streit über die Atomkraft seit dem rot-grünen Konsens von 2002 beigelegt. Nur die Atomkonzerne hatten immer noch etwas zu nörgeln. Dank ihres Energiekonzeptes und längerer Atomlaufzeiten darf sich die Regierung nun auf weitere Jahre mit Demos, Blockaden und Gerichtsverfahren freuen.

    Deshalb läge in einem Sieg der Länder vor dem Verfassungsgericht auch die Chance, den Konflikt erneut zu befrieden. Die Bundesregierung müsste Abschied nehmen von ihrer harten Haltung. Die Länder würden ihr im dann anstehenden Vermittlungsverfahren vielleicht etwas entgegenkommen. Und der Mittelweg einer eher symbolischen Verlängerung der AKW-Laufzeiten um vier Jahre wäre möglicherweise für alle Beteiligten tragbar.

  • Die Länder fühlen sich übergangen

    Gegen die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken reichen fünf Landesregierungen, sowie SPD und Grüne Verfassungsklage in Karlsruhe ein

    Die schwarz-gelbe Bundesregierung hat beschlossen, die Laufzeiten der Atomkraftwerke zu verlängern. Dagegen klagen beim Bundesverfassungsgericht nun fünf Bundesländer, sowie die sozialdemokratischen und grünen Abgeordneten des Bundestages.

    Wer klagt genau?

    Es sind die Länder Berlin, Brandenburg, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, wo in unterschiedlicher Kombination SPD, Grüne und Linke regieren. Gleichzeitig klagen die Bundestagsabgeordneten der SPD und Grünen.

    Was wollen die Kläger erreichen?

    Im September 2010 hat die schwarz-gelbe Koalition im Rahmen ihres neuen Energiekonzeptes beschlossen, die Laufzeit älterer Kraftwerke um acht Jahre, die Betriebsdauer neuer AKW, die nach 1980 ans Netz gegangen sind, um 14 Jahre zu verlängern. Die Kläger wollen dagegen erreichen, dass es beim 2002 beschlossenen rot-grünen Atomausstieg bleibt. Bremens grüner Umweltsenator Reinhard Loske will beispielsweise durchsetzen, dass das benachbarte Atomkraftwerk Unterweser baldmöglichst den Betrieb einstellt. Der rheinland-pfälzische Staatssekretär Karl-Heinz Klär wandte sich am Montag unter anderem gegen das Kraftwerk Biblis, das „in den vergangenen zehn Jahren 220 Störfälle“ gemeldet habe.

    Welches ist das wichtigste Argument der Länder?

    Union und FDP haben den Bundesrat, die Vertretung der Länder, beim Beschluss über das Energiekonzept nicht beteiligt. Weil sie nicht abstimmen durften, sehen sich die Länder in ihren Rechten verletzt. Wegen der längeren Laufzeiten der Atomkraftwerke käme auf die Aufsichtsbehörden der Länder mehr Arbeit zu, argumentierte Nordrhein-Westfalens Umweltminister Johannes Remmel. Bremens Umweltsenator Loske führte ins Feld, die Polizei des Landes müsse ständig Atomtransporte in den Häfen schützen. Wegen dieser direkten Betroffenheit der Länder dürften die längeren Laufzeiten nicht ohne ihre vorherige Mitwirkung umgesetzt werden, lautet die Kritik.

    Was kritisieren die Abgeordneten?

    Die Fraktionschefs von SPD und Grünen, Frank-Walter Steinmeier und Jürgen Trittin, bemängelten am Montag, dass die von Union und FDP beschlossene 12. Novelle des Atomgesetzes unter anderem eine Möglichkeit biete, die Sicherheitsstandards für Atomkraftwerke gegenüber dem bisher Notwendigen zu senken. Ohne diese Hintertüre, argumentierte die Opposition, sei es gar nicht möglich, alte Atomkraftwerke weitere Jahre in Betrieb zu halten. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) weist diesen Verdacht zurück.

    Wie sind die Aussichten der Klage?

    Wie das Bundesverfassungsgericht entscheiden wird, ist nicht abzusehen. Länder und Bundestagsopposision hoffen auf ein baldiges Urteil. Es kann aber auch zwei bis drei Jahre dauern.

    Wie sähe die politische Wirkung aus?

    Weist das Gericht die Klage zurück, wäre das ein Sieg von Schwarz-Gelb. Gäbe das BVG der Klage statt, würde die Merkel-Regierung um das Energiekonzept gebracht, einen ihrer wenigen Erfolge.

  • Inflation ist noch keine große Gefahr

    Inflation I: Durch weltweites Wachstum und zu großen Geldnachschub steigen die Preise. Doch Ökonomen sind optimistisch, dass die Inflation im Rahmen bleibt

    Nicht immer ist Politik so erfolgreich wie in diesem Fall. Seit 30 Jahren haben die Regierungen der westlichen Industriestaaten versucht, die Inflation niederzudrücken – und es ist ihnen gelungen. Neuerdings aber hat das I-Wort wieder Konjunktur. Laufen wir wie in den 1970er Jahren heute Gefahr, dass die steigenden Preise die Kaufkraft der Arbeitnehmer-Einkommen entwerten?

    Zunächst einmal: Die Preise von Industrieprodukten und Dienstleistungen steigen schneller als im vergangenen Jahr. Die Inflationsrate kletterte im Februar 2011 im Vergleich zum Vorjahresmonat auf zwei Prozent, erklärte das Statistische Bundesamt. Im Durchschnitt des Jahres 2010 hatten sich die Preise dagegen nur um durchschnittlich 1,1 Prozent erhöht.

    Trotzdem ist die Mehrheit der Ökonomen einig, dass sich die Deutschen keine allzu großen Sorgen machen müssten. „Es besteht keine ernsthaft problematische Situation“, sagt etwa Ferdinand Fichtner, Konjunkturforscher am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Das gelte auch, wenn die Preiserhöhungen im kommenden Jahr über zwei Prozent hinausgingen, so Fichtner.

    Dass die Preise augenblicklich stärker steigen als früher, hat weltwirtschaftliche Gründe. In Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien wächst die Wirtschaft rasant. Die positive Auswirkung für die dortige Bevölkerung: Die Armut geht zurück und der Wohlstand nimmt zu.

    Menschen mit höherem Einkommen aber konsumieren anders. Beispielsweise kaufen sie mehr Elektrizität und Fleisch. Die höhere Nachfrage bewirkt dann, dass die Preise anziehen, was sich auch in Europa bemerkbar macht. Weil die Aufholjagd der südlichen Länder nicht in ein paar Jahren erledigt ist, werden uns höhere Inflationsraten wohl eine längere Zeit begleiten.

    Hinzu kommen die bedenklichen Auswirkungen der Finanzkrise. Um den Zusammenbruch der Wirtschaft zu verhindern, haben die Regierungen unter anderem in den USA und Europa mittels Staatsverschuldung Billionen Euro in die Märkte gepumpt. Die Besitzer dieses Geldes suchen nun profitable Investitionsmöglichkeiten. „Die Anleger wissen nicht, wohin mit dem vielen Geld“, sagt DIW-Mitarbeiter Fichtner. „Deshalb trägt die Finanzspekulation zum Preisanstieg bei Energie und Lebensmitteln bei“. Die Gefahr neuer Spekulationsblasen sieht der Ökonom auch bei den steigenden Aktienkursen und der größeren Zahl von Firmenübernahmen.

    Diese Risikofaktoren existieren zwar. Doch die Europäische Zentralbank hat bereits angekündigt gegenzusteuern. Viele Ökonomen erwarten, dass EZB-Präsident Jean-Claude Trichet die Leitzinsen im Herbst erhöht. Bisher liegen sie beim historisch niedrigen Satz von einem Prozent. Höhere Zinsen bedeuten, dass es für Banken und Unternehmen teurer wird, Geld zu leihen und zu investieren. Das senkt die Nachfrage und dämpft die Preissteigerungen. Andere Zentralbanken werden ebenso handeln und den Geldnachschub wieder drosseln. Wenn das klappt, können die Preissteigerungen im Rahmen bleiben.

    Auch an einem anderen Punkt ist DIW-Mitarbeiter Fichtner optimistisch: „Überhöhte Lohnforderungen sind nicht zu erwarten.“ In den 1970er Jahren haben Gewerkschaften nicht selten zweistellige Forderungen gestellt und damit die Inflation zusätzlich angeheizt. Heute sind die deutschen Arbeitnehmerorganisationen in der Regel zufrieden, wenn sie Lohnsteigerungen von drei oder vier Prozent durchsetzen.

  • Mit wenigen Ausnahmen stabile Preise

    Inflation II: Die Verbraucherpreise für Benzin, Strom, Gas und Lebensmittel steigen spürbar. Die meisten anderen Waren verteuern sich aber kaum

    Der Blick auf die Preisanzeigen der Tankstellen jagt Autofahrern in diesem Tagen einen Schrecken ein. Weit über 1,50 Euro kostet der Liter Superbenzin bereits, auch der Dieselpreis ist jenseits der Marke von 1,40 angelangt. Der kräftige Preissprung wird von den Konzernen mit den Unruhen im Ölförderland Libyen begründet. Kostet der Liter Sprit bald zwei Euro?

    Wenn es auch in anderen Förderregionen zu Aufständen kommen sollte, wird der Ölpreis weiter in die Höhe schnellen. Zusätzlich steigt durch das Wirtschaftswachstum besonders in Asien und Lateinamerika die weltweite Nachfrage nach Öl. Parallel dazu wird es schwieriger, neue Erdölquellen zu erschließen. Und beim Diesel kommt noch eine Besonderheit hinzu. Es fehlen Raffinerien zur Herstellung des Treibstoffs, der zudem als Heizöl verkauft wird. Auch dieses mangelnde Angebot treibt den Preis. Deshalb werden die Verbraucher für Kraftstoff langfristig wohl mehr Geld ausgeben müssen, selbst wenn sich die Lage in Nordafrika wieder beruhigt.

    Auch beim Gas wird sich die Teuerung in den nächsten Jahren bemerkbar machen. Der Gaspreis ist noch immer an den Ölpreis gekoppelt. Sollte dieser krisenbedingt hoch bleiben, wird nach einiger Zeit auch das Gas zum Heizen oder Kochen teurer.

    Bei Elektrizität wirken weitere Faktoren preistreibend. So steigt die Umlage für Ökostrom an, die die Privatkunden zahlen, und verteuert jede Kilowattstunde. Bald müssen außerdem neue Stromleitungen gebaut werden, damit die zusätzliche Energie beispielsweise aus den Windparks in der Nordsee zu den Verbrauchern gelangt. Die Milliardenkosten für den Netzausbau werden sich die Versorger mittels höherer Strompreise zurückholen.

    Der zweite entscheidende Faktor für die höhere Inflationsrate von zwei Prozent im Februar 2011 ist die Preissteigerung bei Lebensmitteln. Ende des Jahres 2010 lag die Inflationsrate bei Nahrungsmitteln um 2,5 Prozent über der durchschnittlichen Inflationsrate. Einer der wesentlichen Gründe dafür ist das hohe Wirtschaftswachstum in Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien. Die Menschen dort werden wohlhabender, wodurch ihre Nachfrage nach Fleisch und anderen höherwertigen Lebensmitteln, sowie nachfolgend die Weltmarktpreise steigen. Hinzu kommt die Finanzspekulation mit Nahrungsrohstoffen, die sich aufgrund unzureichender Daten aber bislang schwer beziffern lässt.

    Trotz der stärker steigenden Preise für Energie und Nahrungsmittel bleibt die gesamte Inflationsrate, in die alle in Deutschland verkauften Waren einbezieht, vergleichsweise niedrig. Es dauere einfach eine gewisse Zeit, bis sich höhere Rohstoffkosten in den Verbraucherpreisen niederschlügen, erklärt Ökonom Ferdinand Fichtner von Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Außerdem könnten die Industrieunternehmen wegen des scharfen Wettbewerbs nicht jede Kostensteigerung umstandslos an die Endkunden weiterreichen. Deswegen bestehe vorläufig keine große Gefahr, so Fichtner, dass die „Kerninflation“ für alle Waren ohne Energie und Nahrungsmittel über zwei bis drei Prozent pro Jahr hinaus steige.

    Auch den Arbeitnehmern glaubt der Ökonom eine optimistische Botschaft schicken zu können. Nicht unwahrscheinlich sei es, dass die zwischen Unternehmensverbänden und Gewerkschaften in diesem Jahr zu verhandelnden Lohnsteigerungen den inflationsbedingten Kaufkraftverlust ausgleichen könnten. Fichtner rechnet damit, dass die Firmen ihrem Personal rund ein Prozent mehr Lohn zugestehen, um die Produktivitätssteigerung weiterzureichen. Hinzu käme ein Inflationsausgleich von etwa zwei Prozent. Diese durchschnittlichen Lohnerhöhungen von rund drei Prozent wären nach Fichtners Einschätzung volkswirtschaftlich tragbar und würden die Inflation nicht zusätzlich antreiben. „Die Akteure haben aus den Fehlern der 1970er Jahre gelernt“, sagt der Wirtschaftsforscher.

  • Der Inflation ein Schnippchen schlagen

    Inflation III: Die steigende Inflation kann das private Vermögen bedrohen. Was sollten Privatanleger wissen?

    In der nächsten Zeit wird die Inflationsrate wahrscheinlich nicht dramatisch steigen – aber sie zieht an. Für dieses Jahr rechnen viele Ökonomen mit einer Preissteigerungen von durchschnittlich zwei Prozent, 2012 etwas mehr. Weil wir aber aus einer Zeit sehr niedriger Inflation kommen, müsse man sich über leicht höhere Werte „keine Sorgen“ machen, sagt Karin Baur von der Zeitschrift Finanztest. Welche Bedeutung hat die Inflation dennoch für Ersparnisse und Vermögen? Unsere Zeitung analysiert die wichtigsten Wirkungen.

    Sparkonten

    Eine Inflationsrate von 1,9 Prozent, wie im Januar gemessen, bedeutet: Die Kaufkraft des Geldes nimmt pro Jahr um diesen Prozentsatz ab. Die Guthaben-Zinsen für Sparkonten liegen dagegen nur bei einem Prozent oder leicht darüber. Das heißt: Anleger, die nur auf ihr Sparkonto vertrauen, machen Verlust. Die Kaufkraft ihres Kapitals sinkt schneller, als sie der Zuwachs durch Zinsen ausgleicht.

    Festgeldkonten

    Für diese Art des Sparens bieten Banken höhere Zinsätze von bis zu zwei Prozent. Weil das Geld nur für beispielsweise ein oder zwei Jahre festgelegt ist, kann man danach einen neuen Vertrag zu höherem Zinssatz abschließen, der auch die künftige Inflationsrate ausgleicht. Damit fährt man besser als mit dem Sparkonto.

    Festverzinste Wertpapiere

    Ähnliches gilt für Staatsanleihen mit festem Zinssatz, zum Beispiel deutsche Bundesanleihen. Karin Baur von Finanztest rät hier ebenfalls zu kurzen bis mittleren Laufzeiten. Nach dem Auslaufen erhält man sein Geld zurück und kann dann eine aktuelle Anleihe mit eventuell höherem Zinssatz erwerben. Nach Berechnungen von Finanztest haben Anleger mit einjährigen Bundesanleihen in den vergangenen 40 Jahren die Inflationsrate fast immer ausgeglichen – wobei die Rendite gering ausfiel.

    Immobilien

    Wer in Eigentumswohnungen oder Häuser als Kapitalanlage investiert, kann verhindern, dass die Kaufkraft seines Kapitals durch Inflation abnimmt. Andererseits profitiert er möglicherweise durch inflationsbedingt steigende Mieten. Dieser Mechanismus funktioniert jedoch nur, wenn die Immobilie in einer guten Lage steht, die zumindest Wertstabilität garantiert und entsprechende Mieteinnahmen bringt. Finanztest-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen rät, dass der Kaufpreis einer als Kapitalanlage gedachten Immobilie „das 15- bis 20-Fache der erzielbaren Nettokaltmiete“ nicht übersteigen sollte.

    Gold

    Mit fast 1.415 US-Dollar pro Feinunze (1.032 Euro, 24.2.11) hat der Preis des Goldes ein „sehr hohes Niveau“ erreicht, schreiben die Experten des Edelmetallhändlers Heraeus in Frankfurt am Main. Die Botschaft: Mit einem weiteren starken Anstieg des Goldpreises sollte man nicht unbedingt rechnen. Entgegen seinem Ruf der Sicherheit bietet Gold keinen automatischen Schutz gegen Kaufkraftverlust. Der Gold-Kurs schwankt teilweise stark und beschert den Anlegern mitunter große Verluste.

    Silber

    Auch der Silberpreis ist laut Heraeus „dramatisch angestiegen“ (24.2.11: 33 Dollar/ Feinunze, 24 Euro). Und auch hier ging es in den vergangenen Jahren teilweise massiv hoch und runter. Für Privatanleger heißt es deshalb: Vorsicht.

    Aktien

    Wer die Inflation ausgleichen will, kann eine Investition in Aktien und Aktienfonds in Erwägung ziehen. Wesentliche Indizes von Aktienwerten wie der Deutsche Dax haben sich im vergangenen Jahr gut entwickelt. Wegen der wirtschaftlichen Erholung nach der Finanzkrise steigen die Kurse möglicherweise auch in der näheren Zukunft noch weiter. Was für Deutschland zureffen mag, muss allerdings nicht für andere Weltregionen gelten, etwa die USA, wo die ökonomische Entwicklung fragiler ist. Ein weiterer Risikofaktor: Die Aufstände in Arabien, die den Erdölpreis steigen lassen und damit die Aktienkruse drücken.

    Altersvorsorge

    Bei Lebensversicherungen könnte die Überschussbeteiligung zugunsten der Anleger bald wieder zulegen, denn die Versicherungsunternehmen profitieren von den vermutlich steigenden Zinsen von Staatsanleihen. Gleiches gilt für private und kapitalgestützte Verträge wie die Riester-Rente.

    Festverzinste Firmenanleihen

    Bei längeren Laufzeiten von mehreren Jahren sollte man vorsichtig sein. Würde die Inflationsrate steigen, fräße sie den festgelegten Zins von Unternehmensanleihen allmählich auf. Ähnlich wie bei Staatspapieren sind kürzere Laufzeiten augenblicklich besser.

    Investitionen im Ausland

    Zwar ist das Geld außerhalb der Eurozone vor einem Wertverlust der Gemeinschaftswährung sicher, aber die Währung, in der die Anlage investiert wird, kann aus vielen Gründen ebenfalls an Wert verlieren.

  • Angelockt und abgezockt

    Immer wieder schaffen es Immobilienvermittler, überteuerte Wohnungen unters Volk zu bringen – und ihre Opfer in die Pleite zu treiben

    Verbraucherschützern sind sie ein Dorn im Auge. Wer auf sie hereingefallen ist, dem droht nicht selten der finanzielle Ruin. Immer wieder gelingt es dubiosen Vermittlern, ahnungslosen Bürgern überteuerte Eigentumswohnungen oder gar Schrottimmobilien aufzuschwatzen. Die Abzockmaschen sind so gut ausgetüftelt, dass im Prinzip jeder in die Falle tappen könnte.

    „Die Abzockerei beginnt fast immer mit einem Telefongespräch und einer Meinungsumfrage zum Steuersystem: Finden Sie, dass Sie zu viele Steuern zahlen?“, sagt Ariane Lauenburg, Redakteurin bei der Zeitschrift Finanztest. Das Perfide: Am anderen Ende der Leitung sitzen meist Studenten, die sich nichts ahnend für drei oder vier Euro Stundenlohn in einem Call-Center etwas dazu verdienen. Wenig später folgt dann ein weiteres Telefonat, in dem der Anrufer dem Opfer die Ergebnisse mitteilt.

    „Da heißt es dann, dass 90 Prozent der Befragten der Meinung sind, zu viele Steuern zu zahlen. In Ihrem Fall habe ich ein ganz besonders tolles Steuersparmodell“, so Lauenburg. Gleich schnappt die Falle zu: Jetzt nämlich fragt der Mitarbeiter, wann man Zeit habe, Mittwoch 16 Uhr oder Freitag 19 Uhr. Und schon ist der Angerufene überrumpelt, weil er sich für eine der beiden Möglichkeiten entscheidet.

    Mit dem Erwerb von Immobilien als Kapitalanlage werden seit den 1990er Jahren private Anleger gelockt. „Der geschätzte jährliche Schaden, den die Verbraucher durch solche und andere Produkte des Grauen Kapitalmarkts erleiden, geht in die Milliarden“, sagt Sascha Straub, Referent für Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Bayern. „Über Vorträge, Telefonakquise oder beispielsweise direkte Ansprache durch einen Verwandten werden potentielle Anleger geködert“, erläutert der Jurist. Unseriöse Vermittler erkenne man daran, dass sie Steuervorteile und hohe Renditen versprechen, die Risiken aber verschweigen.

    Doch zurück zum Telefongespräch: Der potentielle Käufer hat also einem Treffen zugestimmt, welches auch noch in seiner Wohnung stattfindet. „Das Treffen dient allein dem Zweck, herauszufinden, wie viel Geld der Betroffene locker machen kann“, erläutert Expertin Lauenburg. Sämtliche Unterlagen von Kontoauszügen bis hin zu Sparverträgen werden gesichtet. „Das Opfer legt so zusagen einen regelrechten Finanzstriptease hin“, erläutert die Redakteurin. Dass es sich bei allem um eine „Steuerspar-Immobilie“ handelt, ahne es immer noch nicht.

    Der Betrug geht weiter. Im Anschluss wird der künftige Immobilienbesitzer in ein Büro eingeladen. Mit einem teueren Auto wird er dorthin gebracht und dann solange bearbeitet, bis er bereit ist, eine Patenschaft für ein Denkmalprojekt zu übernehmen. Das koste so gut wie nichts, durch die Steuerersparnis würde sich das Ganze von selber tragen und dem Anleger später einen schönen Gewinn bescheren. Schließlich ist das Opfer weichgekocht und bereit zu unterschreiben. 

    „Die Leute werden dann zum Notar gefahren und unterschreiben dort den Kaufvertrag für eine vermietete Eigentumswohnung als Kapitalanlage“, so Redakteurin Lauenburg. Der Knackpunkt: Die Verbraucher haben die Immobilie erstens nicht gesehen, haben zweitens dafür eigentlich nicht das nötige Kapital und nehmen einen Kredit auf. Drittens gibt das Mietobjekt die versprochenen Einnahmen nicht her, weil der Vermittler die Mieten schön gerechnet hat oder weil die Wohnung anstelle in der glitzernden Innenstadt mitten in der Pampa liegt.

    „Die Betroffenen rufen uns an und haben Angst, wir würden denken, dass sie total blöd sein müssen, auf ein solches Geschäft hereingefallen zu sein“, sagt Redakteurin Lauenburg. Aber hinter dem Betrug stecke ein ausgetüfteltes Überrumpelungssystem. Doch wie kommen Betrogene nun aus den Verträgen heraus? Die Verbraucherzentralen zumindest sind machtlos, weil der Eigentümer in diesem Fall als Vermieter auftritt und nicht als privater Endverbraucher.

    „Hier hilft ein Anwalt“, sagt Liza Banzhaf von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Wie hoch die Chancen stehen, aus einem ungewollten Vertrag herauszukommen, lässt sich pauschal nicht beantworten. Es kommt auf die Umstände an. Experten zufolge funktioniert die Rückabwicklung, wenn festgestellt wird, dass der Kaufpreis sittenwidrig überteuert ist, die Käufer über die monatlichen Belastungen getäuscht oder die Informationspflichten verletzt wurden. Das muss der Käufer allerdings beweisen. 

  • „Es mangelt an Zivilcourage!“

    Das Interview

    Immer wieder schockieren brutale Überfälle in U- und S-Bahnen die Öffentlichkeit. Das Gefühl der Unsicherheit ist unter den Fahrgästen weit verbreitet. Das Problem beschäftigt auch den Leiter der Konzernsicherheit der Deutschen Bahn, Prof. Gerd Neubeck. Der frühere Richter und Berliner Vize-Polizeipräsident setzt auf Prävention. Neubeck ist 59 Jahre alt und verheiratet.

    Frage: Im Restaurant oder Einkaufszentrum garantieren die Betreiber die Sicherheit der Kunden. Warum können sich die Fahrgäste im Nahverkehr nicht auf den Schutz der Unternehmen verlassen, zumal die Bahn Personal an den Bahnhöfen eingespart hat?

    Gerd Neubeck: Grundsätzlich sind neben dem Staat die Unternehmen für die Sicherheit verantwortlich. Aber bei der Bahn sind die Dimensionen ganz andere. Im Kaufhaus postieren sie einen Wachmann am Eingang, der alles kontrollieren und gegebenenfalls einschreiten kann. Das ist bei den 5.700 Bahnhöfen und täglich 27.000 Zügen schlicht unmöglich. Als DB machen wir schon heute viel für die Sicherheit. Zusätzlich haben wir beschlossen, in diesem Jahr nochmals unsere Sicherheitskräfte um 500 auf 3.700 zu erhöhen. Dazu kommen noch die rund 5.000 Bundespolizisten.

    Frage: Warum wächst trotzdem die Gefahr, brutal überfallen zu werden?

    Neubeck: Ich kann ein Stück weit beruhigen: Schon heute ist die Bahn sicherer als die meisten anderen öffentlichen Räume, da sind alle Statistiken eindeutig. Aber die Gewaltbereitschaft steigt insgesamt, das ist ein Gesellschaftsproblem. Die Ursachen sind vielfältig. Es gibt einen Verlust von Werten, schon junge Menschen vereinsamen und wollen mit einem Gewaltausbruch aus der Masse herausragen. Auch Computerspiele leisten einen Beitrag. Darauf muss eben die gesamte Gesellschaft reagieren – das können wir allein als DB nicht ausgleichen.

    Frage: Aber immer häufiger reagieren nicht einmal Zeugen auf Übergriffe, in dem sie helfen oder Hilfe holen. Sind wir ein Volk von Feiglingen?

    Neubeck: Es mangelt an Zivilcourage. Das Risiko, selbst in eine schwierige Lage zu kommen, wird von vielen nicht in Kauf genommen. Das ist teilweise auch verständlich. Sich allein gegen Gewalttäter zu stellen ist unvernünftig. Aber in diesem Fall kann man andere ansprechen und gemeinsam einschreiten oder laut um Hilfe rufen. Dann verschwinden die Täter oft schon. Nur die Augen verschließen darf niemand.

    Frage: Reichen denn die Strafen für die Täter aus?

    Neubeck: In so einer Situation denkt kein Täter an das Strafmaß. Höhere Strafen würden da nichts bewirken. Das ist eher im Vorfeld abschreckend. Im Erwachsenenstrafrecht wurde der Strafrahmen bei Körperverletzungen verschärft. Früher wurde ein Diebstahl oft härter bestraft. Bei den Jugendlichen sind spürbare und schnelle Sanktionen nötig. Daran hapert es noch. Wichtig ist aber, dass es erst gar nicht zu diesen Situationen kommt. Dazu tragen wir mit der verstärkten Präsenz von Mitarbeitern mit Videoüberwachung und Notrufsäulen bei. Noch wichtiger ist jedoch die Prävention auf Seiten der Täter.

    Frage: Versagen die Eltern, der Staat oder auch die Unternehmen?

    Neubeck: Es gibt überall Nachholbedarf und es müssen alle anpacken. Die Deutsche Bahn wird in diesem Jahr in Schulen und Jugendeinrichtungen gehen. Dort bieten wir Trainings an, damit Konflikte gewaltfrei vermieden oder bewältigt werden können. Es wäre schön, wenn andere Unternehmen mitmachen würden. Auch mancher Ausbilder im Betrieb sollte den Azubis deutlich machen, dass es im Umgang untereinander bestimmte Regeln gibt. Gefragt sind auch die Eltern. Viele sind überfordert damit, einerseits zu arbeiten und die Familie zu ernähren, andererseits noch Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und ihnen Werte zu vermitteln. Und mitunter spart der Staat kurzsichtig bei der Hilfe für Jugendliche. Das ist auf lange Sicht teuer: Sehen Sie sich die Schäden durch Vandalismus und Grafitti an. 50 Millionen Euro muss allein die DB zur Beseitigung aufbringen. Das Geld würden wir lieber für den Kunden einsetzen.

  • Neue Firmenstiftung für den Klimaschutz

    Energie aus Abfall, Frachtschiffe mit Segeln – die Stiftung 2 Grad will klimaschonende Verfahren in der Wirtschaft voranbringen

    Aus Abfällen lässt sich immer noch etwas herausholen – in diesem Fall jede Menge Energie. Mit „Ecoloop“ entwickelt der Baustoff-Hersteller Xella gerade ein neues Verfahren. Aus einem Gemisch kohlenstoffhaltiger Abfälle, Pflanzenresten und Kalk lässt sich dabei ein Synthesegas gewinnen, das man als Brennstoffersatz für Kohle oder Erdöl nutzen kann. Erstmals will die Firma die Methode demnächst in einem Kalkwerk im Harz anwenden.

    Auf die Idee sind die Xella-Ingenieure gekommen, weil Kalk für die Baumaterial-Firma (Ytong, Silla) ein Grundstoff ist. Möglicherweise aber interessieren sich noch weitere Unternehmen für das innovative Verfahren. Auch deshalb ist die ehemalige Haniel-Tochter kürzlich der neuen Unternehmensstiftung 2 Grad beigetreten, die Maßnahmen des Klimaschutzes in der Wirtschaft voranbringen will.

    Xella mit Zentrale in Duisburg, sowie Standorten in NRW, Brandenburg, Niedersachsen, Hessen, Baden-Württemberg und anderen Ländern, gehört mittlerweile den Investment-Firmen PAI Partners und der Großbank Goldman Sachs. Neben dem Baustoff-Hersteller wirken fünf weitere Firmen in der Klimaschutz-Stiftung mit: die Deutsche Bahn AG, der norddeutsche Energiekonzern EWE, die M + W Group, die unter anderem Solarkraftwerke plant und baut, der Handelskonzern Otto und der Sportartikel-Produzent Puma.

    Die Stiftung ist eine Schwesterorganisation der schon bestehenden „Initiative 2 Grad“, in der sich weitere Unternehmen zusammengeschlossen haben. Mit ihrem Namen beziehen sich die Firmen auf das politische Ziel, die Erwärmung der Erdatmosphäre möglichst auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, um die schädlichen Folgen des Klimawandels in Grenzen zu halten.

    Zunächst hat die gemeinnützige Stiftung 500.000 Euro pro Jahr aus Beiträgen der Mitgliedsunternehmen zur Verfügung. Damit will man den Austausch zwischen Wissenschaftlern und Unternehmern fördern. Die Notwendigkeit dafür begründet Marek Wallenfels, der Geschäftsführer der Stiftung, so: „Wissenschaftliche Institute dringen mit ihren Erkenntnissen zur Klimapolitik oft nicht in die Wirtschaft durch.“ Vielfältiges Wissen über den Klimawandel sei zwar vorhanden, werde in der Praxis aber zu wenig umgesetzt „Die Stiftung soll deshalb Wissenschaft und unternehmerischen Alltag zusammenbringen“, so Wallenfels.

    Die beteiligten Unternehmen haben nichts dagegen, wenn ihr Name durch die Mitwirkung in Initiative und Stiftung mit dem positiven Anliegen des Klimaschutzes in Verbindung gebracht wird und der Verkauf ihrer Produkte steigt. Die Firmen haben sich allerdings auch eine gewisse Glaubwürdigkeit beim Klimaschutz erarbeitet.

    So lässt die Bremer Reederei Beluga, Mitglied der Initiative, eines ihrer Frachtschiffe teilweise von einem riesigen Zugdrachen übers Meer schleppen. Wenn der Wind günstig steht, fliegt der Kite voraus und überträgt seine Zugkraft per Seil auf das Schiff. Das spart den Motoren tonnenweise Treibstoff. Der Kohlendioxidausstoß sinkt.

    Auch der Handelskonzern Otto, dessen Eigentümer Michael Otto den Anstoß für Initiative und Stiftung gab, versucht Klimaschutz zu praktizieren. Seit 1994 habe die Otto-Tochter Hermes ihren Kohlendioxid-Ausstoß pro Warensendung um 40 Prozent reduziert, sagt das Unternehmen.

    Ob die Firmen von einzelnen positiven Beispielen abgesehen insgesamt allerdings klimaschonend arbeiten, bleibt fraglich. Bei Xella beispielsweise existieren keine Zahlen zur Gesamtklimabilanz. Der Energiekonzern EWE, ebenfalls ein Stiftungsmitglied, hat sich zwar den Verkauf sauberen Stroms aus erneuerbaren Quellen auf die Fahnen geschrieben, vertreibt aber zu fast 70 Prozent Energie aus Atom- und Kohlekraftwerken.

    Fotos zu Skysail finden Sie hier:

    http://www.skysails.info/deutsch/infothek/presselounge/fotos-grafiken/ms-beluga-skysails/

  • Bildung füllt den Geldbeutel

    Ein Studium zahlt sich nicht nur für den Einzelnen aus. Auch der Staat profitiert – selbst wenn er die Kosten dafür vorstreckt. Am Donnerstag verhandelte der Landtag in Nordrhein-Westfalen, ob er die Studiengebühren wieder abschafft

    Einige Bundesländer kassieren sie: die Studiengebühren. Andere hatten die Extrazahlungen zwar eingeführt, einige Zeit später aber wieder abgeschafft. Bis zu 500 Euro können die Universitäten pro Semester vom Akademikernachwuchs verlangen. Trotzdem ist diese Summe nur ein Bruchteil dessen, was der Staat für jeden einzelnen Studienplatz aufwenden muss.

    „7.000 Euro kostet ein Studienplatz im Durchschnitt im Jahr“, sagt Axel Plünnecke vom Institut für Wirtschaft (IW) Köln. Beim Großteil der Bundesländer springt der Staat und somit der Steuerzahler für die volle Summe ein. Nicht jeder Student ist jedoch gleich teuer. Zum einen spielt es eine Rolle, welchen Beruf der- oder diejenige später einmal ergreifen möchte. So kommt ein Medizinstudent der Volkswirtschaft mit weit über 10.000 Euro teurer zustehen als ein angehender Betriebswirt oder eine Geisteswissenschaftlerin. Zum anderen schwanken die Summen, die die einzelnen Hochschulen in Studiengänge investieren.

    Durchschnittlich 3.540 Euro haben die Universitäten zum Beispiel für die Lehre eines Kunststudenten im Jahr 2008 berappt. 5.550 Euro waren es für einen Ingenieur. Das hat das Hochschul- Informations-System für das Bachelor-Studium in Berlin, Bremen, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern ausgerechnet. Auch Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein waren an der Studie beteiligt. Am niedrigsten fielen die Kosten mit 2.040 Euro an der Universität Greifswald aus. Die Humboldt Universität in Berlin griff mit 4.560 Euro am tiefsten in die Tasche.

    Doch nicht nur dem Staat kostet die Lehre der jungen Menschen etwas. Auch die Studenten haben Ausgaben. Während ein angehender Akademiker, der einen Mastertitel anstrebt, nach ganzen drei Jahren längst noch nicht mit Bücher wälzen und Büffeln fertig ist, verdienen andere Gleichaltrige schon gutes Geld – vielleicht als Mechatroniker oder Rechtsanwaltsgehilfin. Hat ein Berufsanfänger monatlich 2.000 Euro beisammen, schafft es dagegen der Student mit Bafög und Unterstützung der Eltern gerade einmal auf 1.000 Euro pro Monat. Innerhalb von zwei Jahren gehen ihm also 36.000 Euro durch die Lappen. Rentiert sich das Studium da überhaupt?

    Ja, das Geld ist eine gute Investition. Hochschulabsolventen erzielen in der Regel deutlich höhere Einkommen. So verdient ein westdeutscher Akademiker IW-Berechnungen zufolge pro Stunde 78 Prozent mehr als ein Hilfsarbeiter. Diese Zahl mag erstaunlich niedrig anmuten. Sie kommt aber dadurch zustande, dass das Wirtschaftsinstitut die unbezahlten Überstunden, die Gelehrte häufiger leisten, gleich mit einberechnet. Auch gegenüber Fachkräften, die in den alten Bundesländern pro Stunde 26 Prozent mehr erreichen als Menschen ohne Abschluss, stehen Mediziner oder Wissenschaftler viel besser da. Ebenso sind die Aussichten auf einen Arbeitsplatz für Höherqualifizierte besser als für andere. In den neuen Bundesländern verdienen Akademiker zwar in der Regel weniger – im Schnitt bekommen sie dennoch 50 Prozent mehr pro Stunde als unqualifizierte Arbeitnehmer.

    „Während von den Menschen ohne Berufsabschluss nur rund die Hälfte in Lohn und Brot stehen, sind es von jenen mit Berufsausbildung 75 Prozent und von den Akademikern annähernd 86 Prozent“, heißt es aus dem IW Köln. Deutlich wird die Bildungsrendite am Ende des Berufslebens. Während ein Facharbeiter inklusive seiner Altersvorsorge rund 162.000 Euro zusammenspart, erwirtschaften Akademiker durchschnittlich fast eine halbe Million Ersparnisse.

    Und was hat der Staat davon, dass er für die Ausbildung von Naturwissenschaftlern, Informatikern oder Juristen aufkommt? Wissen steigert die Produktivität. Davon profitieren die Unternehmen, die mit guten Leuten höhere Gewinne erzielen und mehr Steuern zahlen. Auch die Akademiker zahlen vergleichsweise hohe Steuern und Sozialabgaben. So profitiert die ganze Volkswirtschaft von einer guten Ausbildung.

    Studiengebühren halten im Übrigen nicht vom Studieren ab. „Zwischen 2006 und 2008, also in der Zeit in der Studiengebühren eingeführt worden sind, können wir keine Effekte beobachten“, so
    IW-Bildungsökonom Plünnecke. Die Anzahl der Studienbeginner pro Semester habe sich in den Ländern mit und ohne Studiengebühren in etwa gleich entwickelt. Schließlich greift der Staat Studierenden, die finanziell schlechter dastehen, unter die Arme. „Bafög ist ganz wichtig“, sagt Plünnecke.

  • Fünf Euro plus eine Currywurst

    Fragen und Antworten zur Hartz-IV-Reform

    Um wie viel steigt der Regelsatz beim Arbeitslosengeld II nun wirklich?

    Es bleibt grundsätzlich bei der ursprünglich angestrebten Erhöhung des Regelsatzes von 359 Euro auf 364 Euro für die rund 4,7 Millionen Hartz-IV-Empfänger. Die Opposition konnte aber einen weiteren Zuschlag von drei Euro am Anfang 2012 durchsetzen. Dieser Betrag soll die Preissteigerungen bei den Lebenshaltungskosten im ersten Halbjahr 2010 abdecken. Dazu erhalten die Betroffenen im nächsten Jahr noch einen Ausgleich für die Teuerung, die danach zu verzeichnen ist. Die Sätze für Kinder bleiben gleich. Im Alter von weniger als sechs Jahren bekommen sie 215 Euro, bis sie 14 sind 251 Euro und danach 287 Euro. Die Kinder können sich nicht auf drei Euro mehr im nächsten Jahr freuen. Hier steht nur fest, dass der Preisausgleich, wenn es überhaupt einen gibt, deutlich niedriger ausfallen wird.

    Ab wann gilt diese Regelung?

    Die Regelung gilt rückwirkend zum 1. Januar 2011. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen rechnet mit einer Auszahlung des höheren Betrags ab dem 1. April. Für die ersten drei Monate des Jahres erhalten die Betroffenen dann einen Nachschlag von 15 Euro.

    Was hat die Opposition durch die langen Verhandlungen erreicht?

    Neben dem Extraaufschlag von drei Euro legte die Bundesregierung auch beim Bildungspaket etwas drauf. 120 Millionen Euro stehen in den nächsten drei Jahren für Sozialarbeiter an den Schulen zur Verfügung. Außerdem wurden Mindestlöhne für drei Branchen vereinbart. Bei der Leiharbeit, im Sicherheitsgewerbe und bei Weiterbildungsunternehmen wird künftig eine Lohnuntergrenze eingezogen. Hier hatte sich insbesondere die FDP bisher quer gestellt. Die Mindestlöhne sollen einen Dumpingwettbewerb verhindern, den viele Experten erwarten, wenn im Mai die europäischen Grenzen für Dienstleistungen fallen.

    Wie hoch sind die Mindestlöhne?

    Bei den Leiharbeitern beträgt der Mindestlohn, den Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften ausgehandelt haben, 7,59 Euro pro Stunde im Westen und 6,89 Euro in den neuen Ländern. Hier würden trickreiche Abweichungen von der Untergrenze unterbunden. Die Arbeitgeber der Branche sehen die Einigung weniger klar. Es sei immer noch offen, wie hoch der Mindestlohn tatsächlich sein wird, kritisiert der Bundesverband Zeitarbeit. Im Wach- und Weiterbildungsgewerbe legen die Tarifparteien einen Mindestlohn fest, der dann gesetzlich verankert wird. Nach wie viel Monaten Leiharbeiter und die Stammbelegschaften gleich bezahlt werden müssen, bleibt auch noch offen. Erst wenn die Tarifparteien sich darüber nicht innerhalb eines Jahres einigen können, will die Bundesregierung aktiv werden.

    Wie geht es mit dem Bildungspaket weiter?

    Auch die Leistungen für die Kinder werden, wenn Ausgaben dafür belegt werden, rückwirkend ausgezahlt. Das Paket sieht monatlich zehn Euro für den Sportverein oder den Musikuntericht vor. Zuschüsse gibt es auch für Schulausflüge. Außerdem bezahlen die Ämter ein Starterpaket für Hefte und Stifte von 100 Euro im Jahr, Nachhilfe bei Bedarf und zwei Euro Zuschuss zum Mittagessen.

    Warum konnten sich Bund und Länder auf einmal so schnell einigen?

    Dafür gibt es zwei Gründe. So ist der öffentliche Druck angesichts des Kleinkriegs um ein paar Euro mehr vor dem Hintergrund der Milliardenhilfen für Banken immer größer geworden. Andererseits haben die Länder handfeste Eigeninteressen an einer Lösung. Denn der Bund versüßt den Kommunen den Kompromiss mit vielen Milliarden Euro. Denn künftig bezahlt die Bundesregierung die Ausgaben für die Grundsicherung im Alter. Das sind allein bis 2014 rund zölf Milliarden Euro. Da die Altersarmut zunimmt, werden auch diese Ausgaben weiter steigen. Die Kommunen werden also deutlich entlastet.

    Ist der Kompromiss ein Erfolg?

    Darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Kritik setzt es vor allem von Gewerkschaften und Sozialverbänden. Der DGB kritisiert, dass das Prinzip gleicher Lohn für gleiche Arbeit weiterhin nicht gilt. Der Paritätische Wohlfahrtsverband hält die Anhebung um fünf Euro für zu wenig. Das sei erbärmlich, schimpft der Verband.

  • „Ägypten muss eine liberale Demokratie werden“

    Die ägyptische Bloggerin Dalia Ziada sagt: „Demokratie ist nicht westlich oder östlich. Sie ist eine Regierungsform, die die Rechte der Menschen schützt.“ Sie warnt davor, dass die Moslem-Bruderschaft einen „religiösen Staat errichten“ wolle

    Hannes Koch: Sie sind eine der bekanntesten Bloggerinnen Ägyptens und haben am Aufstand auf dem Tahrir-Platz teilgenommen. Wie stellen Sie sich das politische System ihres Landes in der Zukunft vor?

    Dalia Ziada: Wir wollen ohne Angst leben. Wir wollen frei sprechen, öffentlich diskutieren und schreiben, was uns am Herzen liegt. Vor einem Jahr habe ich eine regimekritische Untersuchung veröffentlicht. Am nächsten Morgen standen Polizisten vor meinem Büro. Als ich morgens ankam, sah ich sie rechtzeitig und bin ihnen gerade noch entgangen. Sie behandeln uns wie Kriminelle. Das soll ein Ende haben. Ägypten muss eine liberale Demokratie werden.

    Koch: Eine Demokratie westlicher Prägung?

    Ziada: Demokratie ist nicht westlich oder östlich. Sie ist eine Regierungsform, die die Rechte der Menschen schützt. Zum Beispiel die Gleichberechtigung der Frauen.

    Koch: Was würde sich dann ändern?

    Ziada: Frauen in Ägypten haben heute grundsätzlich das Recht zu arbeiten und Geld zu verdienen. Aber die meisten bleiben doch zu Hause, obwohl viele ein anderes Leben führen möchten. Das hat mit dem Artikel 11 unserer Verfassung zu tun. Darin ist von den „Pflichten der Frauen gegenüber ihren Familien“ die Rede. Nicht nur diesen Artikel wollen wir ändern. Frauen müssen mehr Zugang zu Bildung und zur Politik bekommen.

    Koch: Sie sind gläubige Muslimin. Soll das neue Ägypten religiöser werden als das alte?

    Ziada: Keinesfalls, unser Land ist kein zweiter Iran. Der Glaube an Gott gehört zur Privatsphäre und hat in der Politik nichts zu suchen. Religion darf nicht dazu dienen, die Menschen zu kontrollieren. Ich bin dagegen, aus Ägypten einen islamistischen Staat zu machen.

    Koch: Haben Sie Angst, dass die einflussreiche Moslem-Bruderschaft genau das plant?

    Ziada: Ja, die Moslem-Bruderschaft will einen religösen Staat errichten. In ihrem Programm von 2008 steht, dass Frauen und Christen keine führende Rolle in der Politik spielen sollten. Derartige Absichten bestreitet die Moslem-Bruderschaft zwar, aber ich glaube ihr nicht. Zum Glück wird sie nicht viel Unterstützung erhalten bei ihrem Versuch, das islamische Recht der Scharia einzuführen.

    Koch: Was macht Sie so sicher?

    Ziada: Mehr als 50 Prozent der Menschen in unserem Land sind jünger als 25 Jahre. Die meisten von ihnen sind gegen die Moslem-Bruderschaft und gegen einen religiösen Staat. Hinzu kommen Christen und Juden, die 15 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die Moslem-Bruderschaft kann höchstens ein Drittel der Wähler hinter sich versammeln. Und das reicht nicht, um ihre Ziele durchzusetzen.

    Koch: Welche nächsten Schritt müssten die Aktivisten unternehmen, damit die Revolution nicht verloren geht?

    Ziada: Am wichtigsten ist es, das zu sichern, was wir bisher erreicht haben. Die Regierung muss uns Garantien geben, dass sie nicht wieder alles zurückdreht, wenn die Menschen nicht mehr auf der Straße sind. Ein Punkt dabei ist die Garantie der Straffreiheit für alle, die die Regierung kritisieren.

    Koch: Wie wollen Sie das erreichen?

    Ziada: Wir müssen schnell eine Führung benennen, die unsere Interessen offiziell vertreten kann. Einer, der auf jeden Fall dazu gehören sollte, ist Wael Ghoniem von der Gruppe „Khaled Saed“, die auf facebook hunderttausende Anhänger hat. Wael Ghoniem sollte an den Verhandlungen mit der Regierung teilnehmen.

    Koch: Und Sie – würden Sie auch eine Rolle übernehmen?

    Ziada: Wenn man mich fragte, würde ich mitmachen. Im Augenblick ist allerdings alles sehr unübersichtlich. Es ist schwierig, an die richtigen Leute heranzukommen.

    Dalia Ziada (29) betreibt einen in Ägypten bekannten Internet-Blogg. Sie hat mehrere internationale Preise erhalten, veröffentlicht unter anderen in der Washington Post und arbeitet bei der Bürgerrechtsorganisation American Islamic Congress in Kairo.

  • „Frauen sind gefordert, mehr zu fordern“

    Aufsichtsrätin Frauke Vogler rät Frauen, eigene Netzwerke aufzubauen, um Führungspositionen in der Wirtschaft zu erobern

    Hannes Koch: Frau Vogler, Sie sitzen im Aufsichtsrat des Solarherstellers Q-Cells und sind damit eine von recht wenigen Frauen in Führungspositionen der Wirtschaft. Wie haben Sie es dorthin geschafft?

    Frauke Vogler: Ich habe die Berufung meinem eigenen beruflichen Netzwerk zu verdanken. Weil ich als Anwältin und Steuerberaterin schon früher Mandanten aus der Solarindustrie betreute, brachte ich Branchenkenntnisse und Fachkompetenz für den Prüfungsausschuss des Aufsichtsrates mit. Deshalb wurde ich gefragt.

    Koch: Viele Frauen verfügen ebenfalls über hohe Qualifikationen und packen es trotzdem nicht. Welche Fehler haben Sie vermieden, die andere Kandidatinnen behindern?

    Vogler: Ein wichtiger Punkt war wahrscheinlich, dass ich nicht zu lange mit der Antwort gezögert habe. Nach einer Stunde habe ich zugesagt. Frauen neigen dazu, zu lange zu überlegen. Nach zwei Tagen aber ist die Chance möglicherweise vertan.

    Koch: Können sich Frauen auf so ausgeprägte Netzwerke stützen wie Männer – gibt es weibliche Burschenschaften?

    Vogler: Organisierte Netzwerke berufstätiger Frauen existieren nur wenige. Eines davon ist Soroptimist International. Die eigenen Verbindungen müssen Frauen meistens selbst aufbauen. Kontakte zu pflegen gehört ja zu den besonderen weiblichen Sozialkompetenzen. Diese Fähigkeit sollten sie auch im beruflichen Interesse zielgerichtet nutzen. Empfehlen würde ich ebenso, dass Frauen sich ältere, erfahrene Managerinnen als Mentoren suchen, um von ihnen zu lernen.

    Koch: Welches sind die wesentlichen politischen Gründe für Karrierebrüche von Frauen?

    Vogler: Dass das öffentliche Betreuungsangebot für Kinder qualitativ und zeitlich oft nicht ausreicht, ist ein ganz wesentliches Problem.

    Koch: Frauen werden durchschnittlich um 23 Prozent schlechter bezahlt als Männer in ähnlichen Tätigkeiten. Welche Rolle spielt die geringere Dotierung, wenn es darum geht, ob die Frau oder der Mann überwiegend für Haushalt und Kinder zuständig ist?

    Vogler: Ehepartner führen diese Debatte nicht immer mit plausiblen Sachargumenten. Aber natürlich haben Frauen potentiell einen Nachteil in der ehelichen Auseinandersetzung, wenn der Mann auf sein höheres Gehalt verweisen kann.

    Koch: Was ist der entscheidende Hebel, um die Bezahlung in den Unternehmen anzugleichen?

    Vogler: Frauen sind gefordert, mehr zu fordern. Sie sollten recherchieren, was Männer auf einer entsprechenden Position verdienen und dasselbe Gehalt verlangen. Von falscher Bescheidenheit kann ich nur abraten. Damit gibt man Geringschätzung für die eigene Leistung zu Protokoll. Gerade Frauen müssen auf ihre finanziellen Interessen achten und nicht die üblichen Einstellungspakete akzeptieren, die vermeintliche Zugeständnisse wie beispielsweise Teilzeit-Tätigkeiten enthalten.

    Koch: Raten Sie Frauen, mehr zu arbeiten?

    Vogler: Für die eigene Karriere ist es wichtig, nach der Elternzeit so schnell wie möglich so viel wie möglich zu arbeiten. Das kann ein Teilzeit-Arbeitsplatz sein – aber eher einer mit 30, als mit 20 Stunden pro Woche. Sonst funktioniert der berufliche Aufstieg nicht.

    Koch: Verhindern Männer in Unternehmen das Fortkommen der Frauen – oder ist das ein Vorurteil?

    Vogler: Nein, das ist kein Vorurteil. Männer behindern Frauen, weil sie sich etwa männliche Nachfolger suchen. Dieser Auswahlprozess erfolgt oft nicht absichtsvoll, sondern intuitiv. Junge Männer werden bevorzugt und junge Frauen im selben Team erscheinen oft gar nicht als geeignete Kandidatinnen.

    Koch: Wäre also die gesetzlich vorgeschriebene Mindestquote für Frauen in Beruf und Führungspositionen eine richtige politische Maßnahme?

    Vogler: Ja, davon habe ich mich inzwischen überzeugen lassen. Die Quote ist nicht elegant, aber das einzige wirksame Mittel. Wenn später die Zahl der Frauen in Führungspositionen groß genug ist, kann man die Quote wieder abschaffen.

    Bio-Kasten

    Frauke Vogler (45) ist Partnerin der Berliner Kanzlei Vogler-Roessink-Chalupnik. Die seit 1999 selbstständige Rechtsanwältin und Steuerberaterin sitzt im Aufsichtsrat der Solar-Firma Q-Cells in Bitterfeld.

    Info-Kasten

    Null Frauen

    Einen Index für den Frauenanteil in Führungspositionen der Wirtschaft hat am Donnerstag erstmals die Initiative „Frauen in die Aufsichtsräte“ (Fidar) veröffentlicht. Nur 6,5 Prozent der Aufsichtsrats- und Vorstandsposten in deutschen Aktiengesellschaften sind demnach mit Frauen besetzt. Sie haben zehn Prozent der Aufsichtsratsposten und drei Prozent der Vorstandsjobs inne. An der Spitze des Rankings steht mit jeweils drei Aufsichtsrats- und Vorstandssitzen das Konsumforschungsunternehmen GfK (Frauenanteil in der Führung: 40 Prozent). Dann folgen Douglas und Deutz. Die Hälfte der großen deutschen Unternehmen glänzt mit einem Frauenanteil in der Führung von exakt Null, darunter sind Fresenius, Hochtief und Linde. Befragt wurden alle 160 in den Aktienindizes DAX, MDAX, SDAX und TecDAX vertretenen Firmen.