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  • Es muss nicht immer Google Maps sein

    Der US-Konzern scheint bei Navigation das Maß der Dinge. Dabei nutzt die Industrie viel anspruchsvollere Karten europäischer Hersteller.

    Einsteigen, Adresse eingeben, losfahren: Fast jedes Auto hat heutzutage ein Navigationssystem, das mehr oder weniger kompliziert zu bedienen ist. Oft ist der Griff zum Mobiltelefon mit Google Maps schneller und gewohnter. Es wirkt, als habe der US-Konzern das Thema Straßennavigation weltweit fest im Griff, als seien seine Karten das Maß der Dinge. Doch das trügt: Vor allem in der Industrie sind andere wichtiger.

    In Deutschland lieferten Bosch und Blaupunkt in den 90er Jahren erste Navigationsgeräte, meist verbunden mit dem Autoradio. Später hießen die Hersteller Tomtom und Garmin, das Gerät hing gern mit einem Saugnapf befestigt in der Windschutzscheibe. Die Technik wanderte ins Bordsystem der Fahrzeuge. Und dann überrollte Google alles mit seiner einfach zu bedienenden Kartennavigation – dank Mobiltelefon überall verfügbar, wo es Netz gibt. Für Fußgänger und Autofahrer gleichermaßen geeignet.

    Und die Hersteller der ersten Stunde? Gibt es noch. US-Hersteller Garmin ist allerdings inzwischen vor allem mit Fitness- und Outdoor-Uhren im Geschäft. Tomtom aus den Niederlanden verkauft zwar noch Navigationsgeräte, liefert aber vor allem Karten. Und dann ist da noch ein Unternehmen, das vor allem Experten kennen, ohne dessen Karten aber in vielen Autos nichts geht: Here, mit Sitz in den Niederlanden und Entwicklung in Berlin.

    Mit reinen Straßenkarten haben die modernen Karten wenig zu tun. Sie liefern Informationen zu Spritpreisen, Staus, Schnee – in Echtzeit. Sie nutzen dafür nicht nur die Daten, die die Firmen mit eigenen Kamerawagen erheben, sondern auch Informationen aus anderen Fahrzeugen. Schalten zum Beispiel besonders viele Autos die Wischer in bestimmten Gebieten ein, wissen die Bordcomputer anderer Fahrzeuge, das sie auf eine Regenfront zusteuern.

    Präzise Karten werden immer wichtiger. Für effizientere Routenplanung, verbesserten Transport von Waren, autonomes Fahren. Experten schätzten den Markt für Navigation, Karten und Apps 2022 auf 15 bis 16 Milliarden Euro. 2027 sollen es 27 Milliarden Euro sein. Nur ein Beispiel: Mit intelligenten Karten kann der Weg eines Paketzustellers je nach Wetter und Verkehrssituation in Echtzeit optimiert werden. Im Idealfall wird weniger Sprit verbraucht und die Zustellzeit verbessert. Weltweit werden jede Sekunde angeblich 5000 Pakete zugestellt, da ist Zeit tatsächlich Geld.

    Obwohl der Markt lukrativ ist, gibt es im Wesentlichen nur fünf Anbieter, die digitale Karten selbst erstellen: Neben Google sind das Tomtom, Here und Apple. Etwas außer wirtschaftlicher Konkurrenz läuft das von der Gemeinschaft getragene Openstreetmap, bei dem Nutzer weltweit die Karten erstellen und ununterbrochen verbessern. Alle haben eigene Navigations-Apps für den normalen Endkunden.

    Tomtom beliefert besonders Kunden in der Autoindustrie. Neben klassischen Karten für die Navigation hat Tomtom auch solche mit Informationen zu Kurvenradien und Steigungen im Programm. Und Verkehrsdaten. Das Unternehmen setzte 2022 mit 3800 Beschäftigten 536,3 Millionen Euro um. Es ist börsennotiert, 44,7 Prozent halten noch die vier Gründer.

    Ein großer Kunde der Niederländer ist Apple. Der US-Konzern verwendet für seinen Kartendienst Echtzeitdaten von Tomtom, etwa zur Verkehrslage. Sonst vermisst Apple wie Google, Here und Tomtom auch mit eigenen Fahrzeugen die Straßen. Auch Personen mit Rucksackkamera sammeln Material, um etwa in der Kartenansicht am Rechner oder Smartphone bei Sehenswürdigkeiten eine Rundumsicht zu bieten. Das Apple-Angebot ist vor allem für den eigenen Kosmos, verkauft werden die Daten nicht.

    Hinter Here stehen Audi, BMW, Bosch, Continental, Mercedes, Intel, Mitsubishi, NTT und Pioneer. Das Unternehmen sieht sich selbst als Nummer 1 der Welt für Karten-Datenplattformen. 6100 Mitarbeiter setzten 2023 928 Millionen Euro um. Die Kamerafahrzeuge des Unternehmens erfassen nicht nur Bilder einer Straße, sondern mit einem speziellen Radar auch Punktwolken. Solche Daten sind für hochpräzise Spezialkarten nötig. Sie überforderten den normalen Autofahrer, sind für den rollenden Computer mit seinen Assistenzfunktionen aber unerlässlich.

    Ohne sogenannte HD-Karten (High Definition, hochauflösend) können Autos nicht autonom fahren. Eine solche Karten besteht nicht nur aus stilisierten Straßenzügen, sie enthält auch Informationen zu Bordsteinkanten, Bäumen, Schildern, Bebauung, dazu kommen eigene Sensordaten des Autos, Verkehrs- und Wetterinformationen sowie Daten anderer Autos. So nutzt die Mercedes S-Klasse für den Staupiloten eine HD-Karte von Here. Dabei fährt das Auto im Stau ohne Fahrer selbstständig, das sogenannte Level 3 von 5 beim autonomen Fahren.

    Garmin konzentriert sich vor allem auf Fitnessuhren und Geräte für Outdoornavigation. Auch im Programm: elektronische Fluginstrumente und Schiffsnavigation. Inzwischen gibt es auch Karten-Anwendungen für Autos. Der Bereich wächst kräftig. Insgesamt setzte Garmin, Zentrale in Kansas City, rechtlicher Sitz im Schweizer Schaffhausen, 4,86 Milliarden Euro um. 19.700 Beschäftigte arbeiten für das Unternehmen. Karten allerdings kauft Garmin weitgehend zu, etwa von Here.

    Und Google? Die Tochter des US-Konzerns Alphabet verdient Geld vor allem mit Werbung. Experten schätzen den Maps-Umsatz auf 4,3 Milliarden Dollar. Google selbst schweigt sich aus. In der Autoindustrie haben sich die Karten bisher nicht durchgesetzt. Allerdings navigiert der Mercedes-Bordcomputer für inzwischen mit Google Maps.

  • Die Banken sind sicher

    Finanzsystem in Deutschland hat Zinsanstieg gut verarbeitet. Dennoch mehr Rücklagen gefordert

    Neben all den bedrückenden Nachrichten über Kriege, steigende Preise und Haushaltsengpässe liefert die Bundesbank jetzt eine gute: Das Finanzsystem in Deutschland ist angesichts all der Unsicherheit stabil und hat gut verkraftet, dass die Leitzinsen in nie gekanntem Tempo gestiegen sind. Claudia Buch, Vizepräsidentin der Bundesbank, mahnte aber zugleich, die Institute müssten widerstandsfähiger werden.

    Das ist wichtig, weil Banken und Sparkassen unter anderem die Wirtschaft mit ihren Krediten am Laufen halten. Schwächeln die Institute, können viele Unternehmen nicht so viel investieren, etwa keine neuen Maschinen kaufen. Und wenn Privatleute den Banken und Sparkassen nicht mehr vertrauen, wollen sie ihr Geld abziehen – mit unabsehbaren Folgen. Deshalb haben die Aufsichtsbehörden im Zuge der Finanzkrise 2008 die Regeln und Vorgaben für den Finanzsektor verschärft. Die deutschen Banken, Sparkassen und Versicherer waren für Krisen entsprechend besser gewappnet.

    Weil die Inflation nach der Corona-Pandemie und dem Angriff Russlands auf die Ukraine kräftig stieg, hat die europäische Zentralbank die Leitzinsen drastisch erhöht. Das Niveau entspreche etwa dem von 2005, sagt Bundesbankvizepräsidentin Buch. Die Banken verdienen wieder mehr Geld mit Krediten, Versicherer können die von ihnen garantierte Mindestverzinsung etwa von Lebensversicherungen leichter erreichen. Und weil die Banken und Sparkassen die Zinsen nicht in voller Höhe an die Sparkunden weitergegeben haben, sind die Gewinne gestiegen. Die Bundesbank bezifferte die nicht weitergegebene Summe mit 29 Milliarden Euro.

    Allerdings müssen viele Institute ihre Anlagen neu bewerten, was der Bundesbank zufolge vielerorts die stillen Reserven aufgebraucht hat. In manchen Instituten schlummern jetzt stille Lasten – Verluste, die erst beim Verkauf etwa eines Wertpapiers sichtbar werden. Gleichzeitig nehmen wegen der hohen Zinsen und der Unsicherheit darüber, wie sich die wirtschaftliche Lage entwickelt, nicht mehr so viele Unternehmen oder Privatleute Kredite auf. Weil die Konjunktur in Deutschland schwächelt, wollen viele zudem kaum investieren, halten sich also auch bei Krediten zurück.

    Und dann ist da der Strukturwandel. Die konjunkturelle Schwäche mischt sich mit der Überalterung der Gesellschaft, Digitalisierung, dauerhaft hohen Energiepreisen und dem Zwang zur Klimawende. Neue Geschäftsmodelle entstünden, „wer genau die Gewinner der Transformation sind, wissen wir heute nicht“, sagte Buch. Die Unsicherheit sei hoch. Mit Folgen für Banken und Versicherungen: Fallen Kredite aus? Ist genug Geld zurückgelegt? Hinzu kommen aus Sicht der Bundesbank Risiken durch Cyberangriffe.

    Vor einiger Zeit hat die Europäische Zentralbank die Banken und Versicherungen einem sogenannten Stresstest unterzogen. Er prüfte die Widerstandskraft unter aus heutiger Sicht extremen Krisenannahmen. „Ein signifikanter Teil der deutschen Banken würde aufsichtliche Anforderungen an das Kapital unterschreiten“, sagte Buch. Anders gesagt: Ihnen fehlen Rücklagen. Sie müssen jetzt nachbessern.

    Untersucht hat die Bundesbank in einem weiteren Stresstest, wie der klimapolitische Wandel die Institute treffen würde. Die Risiken seien für die Branche verkraftbar, sagte Buch. „Die Sorge vor Verlusten im Finanzsektor sollte einer guten Klimapolitik nicht im Wege stehen.“ Sie sieht in einer geordneten und transparenten Energiewende einen Vorteil. Er könne den Finanzsektor vor größeren Verlusten bewahren.

    Insgesamt empfiehlt die Bundestagsvizepräsidentin den Banken und Versicherungen, sich widerstandsfähiger zu machen. Die Institute hätten jetzt Chancen, sich mehr Puffer aufzubauen. „Sie können jetzt die gute Situation nutzen, um ihre Resilienz zu stärken“, sagte Buch mit Blick auf die gestiegenen Gewinne.

    Die Europäische Zentralbank hatte zuvor gewarnt, die europäischen Finanzmärkte seien nach wie vor sehr anfällig. Die Finanzstabilität im Euro-Raum sei fragil. Die EZB nannte schwaches Wachstum, hohe Inflation und erhöhte geopolitische Spannungen bei gleichzeitig teureren Krediten und zunehmend strengerer Vergabe, was zunehmend die Wirtschaft belastet.

  • Das Geheimnis der Himbeere

    Haribo gönnt sich zum Geburtstag der Mix-Tüte Color-Rado eine Umfrage zum Naschverhalten der Deutschen

    Fast täglich erscheinen kuriose Umfragen. Zur Duschdauer oder zur Aufstehzeit der Deutschen zum Beispiel. Vieles will niemand wirklich wissen, es unterhält aber. Manches beeinflusst die Politik: Sachsen-Anhalt entwickelte einen Werbeslogan aus der Aufstehumfrage. Und jetzt kommt Haribo. Die Firma hat sich zum 60. Geburtstag von Color-Rado eine exklusive und repräsentative Umfrage gegönnt. Wer mag was aus der großen Mix-Tüte, die es in dieser Form nur in Deutschland gibt? Sauber sortiert nach Bundesländern und mit interessanten Parallelen zu regionalen Befindlichkeiten.

    Reine Werbung? Nun ja. Praktisch jeder Deutsche kennt das Produkt in der roten Tüte, kann etwas dazu sagen. Für Small Talk bei der Fortbildung taugt es genauso wie für einen Plausch im Fitnessstudio. Ganz abgesehen von einem tiefgreifenden Gespräch im ICE, wenn der Zug mal wieder irgendwo auf freier Strecke wartet. Zum Beispiel darüber, was absolut überflüssig in der Tüte ist. Ein bisschen (umfragegestütztes) Wissen kann da helfen.

    Haribo hat das Produkt 1963 erfunden. Geplant war es als Werkschau. Alles, was das Unternehmen so herstellte, sollte rein in die Tüte. Inzwischen gibt es deutlich mehr Produkte als jene 40 verschiedenen Teile, die da im Bonner Werk zusammengemischt werden. Der Mix im Beutel ist Zufall – und verschafft dem Kundenservice Arbeit. Denn dort beschweren sich die Fans, die ihre Lieblingssorte, etwa gelbe Frösche, nicht in ausreichendem Maße finden.

    Doch jetzt zum wirklich Wichtigen: Wer isst eigentlich diese furchtbaren Kokosstücke mit Lakritz? Und warum gibt es das kleine Obst aus Fruchtgummi nur in diesen Tüten und nicht sortenrein extra zu kaufen? Die zweite Frage ist einfach zu beantworten: Weil Haribo sie nur für den Mix herstellt und das nicht ändern will. Und auch die kleinen Vampire aus Lakritz und Fruchtgummi sind als extra Kaufanreiz gedacht. Was die Kokosstücke betrifft, ist die Antwort dank der Umfrage endlich klar: Bayern. Konfekt Kokos eckig, wie es offiziell im Firmenjargon heißt, ist dort die Lieblingssorte. Wie die Politik des Bundeslandes ist auch die erste Wahl aus der Haribo-Tüte ein Alleinstellungsmerkmal.

    Sonst ist die Himbeere klarer Favorit. In neun von 16 Bundesländern wird sie zuerst gegessen. In Bremen und Hamburg etwa, in Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen. Allerdings bleibt sie in neun von 16 Bundesländern auch bis zuletzt in der Tüte. Bremen ist da besonders extrem: 25 Prozent der Befragten greifen sofort zum zuckrigen Obstnachbau mit Gelee, bei 19 Prozent käme er am besten gar nicht in die Tüte. Eine Tauschbörse könnte sich hier vielleicht lohnen.

    Ebenfalls beliebt in einigen Bundesländern: Konfekt Schoko eckig. Etwa in Thüringen und Baden-Württemberg. Letztere können sich auch mit der Himbeere nicht anfreunden. Und in Bayern liegt Lakritz bis zuletzt in der Tüte. Dabei würde die Himbeere ohne Lakritz nicht so würzig schmecken. Jedenfalls behaupten das die Spezialisten des Familienunternehmens. Die Mischung macht’s offenbar.

    Was die Umfrage auch ergab: Die Mehrheit der Fans im Osten breitet gern den Tüteninhalt auf dem Tisch aus, bevor er gegessen wird. Vermutlich wird auch genau sortiert. Im Südwesten dagegen muss es effizienter sein. Dort reicht ein Griff in die Tüte. Der Norden und Nordrhein-Westfalen sind da konservativer und holen vor dem Naschen lieber die Porzellanschale raus.

    Auffällig: Die Schleswig-Holsteiner, die im Glücksatlas 2023 wie schon in den Vorjahren auf Platz 1 liegen sind Himbeer-Fans. Gibt es da vielleicht einen Zusammenhang? Die Ergebnisse für Mecklenburg-Vorpommern zeigen: nein. Die Einwohner, laut Umfrage die erneut unglücklichsten in Deutschland, lieben auch Himbeeren. Im gleichen Maße allerdings bleibt die Frucht bis zuletzt in der Tüte.

    Und das ehemalige Land der Frühaufsteher? Sachsen-Anhalt liebt den hellroten Goldbären und kann sich eher nicht für rote Vampire begeistern. Beide Ergebnisse der Haribo-Umfrage sind einzigartig. Ob das allerdings mit dem Slogan #moderndenken zu tun hat, mit dem das Land wirbt, oder mit Geschmacksverirrung, wäre ein Thema für den nächsten ICE-Stillstand kurz hinter Halle.

  • Das Kreuz mit den Schulden

    Weniger Bundesbürgern droht die Pleite. Doch die Zahlen der Statistiker täuschen

    Hohe Energiepreise, teure Lebensmittel, unsichere wirtschaftliche Zukunft: Die Bundesbürger haben es schwer, mit ihrem Geld auszukommen. Dennoch ist die Zahl der überschuldeten Personen gesunken – das fünfte Jahr in Folge, wie der Schuldneratlas 2023 von Creditreform zeigt. Dabei hatten die Experten im vergangenen Jahr einen hohen Anstieg erwartet. Und auch für 2024 sind sie pessimistisch.

    „Es wird mehr Überschuldete geben“, sagte Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform. Eine konkrete Zahl wollte er nicht nennen. Nach Ansicht von Creditreform gibt es zahlreiche Hinweise dafür, dass die Wende zum Schlechten kommt. So stehe vor allem der Mittelstand unter Druck, sagte Hantzsch. Die Corona-Pandemie, der Ukrainekrieg und seine Folgen, die Energiekrise, die Klimatransformation der Wirtschaft – all das belaste die Firmen und schlage sich in schlechten Konjunkturwerten nieder. In anderen Worten: Es läuft nicht rund, Arbeitsplätze sind in Gefahr. Und Arbeitslosigkeit ist der wichtigste Grund, warum Menschen überschuldet sind. Der Mittelstand stellt in Deutschland die Mehrzahl der Arbeitsplätze.

    Für 2023 geht Creditreform im 20. Schuldneratlas von 5,65 Millionen Menschen aus, die überschuldet sind, also ihre Kredite nicht bedienen, Rechnungen nicht bezahlen können. Das sind 233.000 weniger als 2022. Damit sind 8,15 Prozent der Bundesbürger zahlungsunfähig, der niedrigste Wert der vergangenen zehn Jahre. Und das, obwohl es seit Gründung der Bundesrepublik nie so viele Krisen auf einmal gegeben hat.

    Ein Grund: Während der Corona-Krise haben viele Menschen gespart, wegen der Ausgangsbeschränkungen war Einkaufen nur begrenzt möglich. Insgesamt handeln die Bundesbürger angesichts der unsicheren Zeiten offenbar deutlich verantwortungsvoller, als die Experten bisher gedacht haben. Außerdem milderten staatliche Eingriffe die Krisenfolgen. Hantzsch nannte unter anderem die kräftige Erhöhung des Mindestlohns, den die Ampel-Regierung verordnet hatte. Gleichzeitig stellte sich keine Energienotlage ein, von der die Creditreform-Experten noch 2022 ausgingen.

    Dennoch sind sie pessimistisch für 2024: Denn die Zahlen sehen vor allem wegen eines statistischen Effekts gut aus. Das hat mit der Datenbasis zu tun. Creditreform betrachtet 250.000 Personen weniger als in den vergangenen Jahren. Denn die Bonitätsauskunft speichert Daten zur sogenannten Restschuldbefreiung nur noch sechs Monate statt drei Jahre. Wie die Konkurrenz der Schufa reagiert sie damit auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs, der die lange Speicherdauer als unzulässig erachtete. Wer eine Privatinsolvenz durchlaufen hat, kann bei Null wieder anfangen, die Restschulden werden erlassen.

    Weil sich die Datenbasis geändert hat, scheinen die Creditreform-Zahlen positiver, „aber die Wirklichkeit ist nicht so“, sagte Michael Goy-Yun, Geschäftsführer von Boniversum, das zur Creditreform-Gruppe gehört. Nach alter Rechnung wäre die Zahl der Überschuldeten um 17.000 gestiegen, wie Wirtschaftsforscher Hantzsch sagte. Die Quote würde 8,51 Prozent betragen. Es wäre das erste Plus seit 2019.

    Auch anderes deutet aus Sicht der Experten darauf hin, dass mehr Personen künftig Probleme mit ihrem Geld bekommen. So unterscheidet Creditreform in harte und weiche Überschuldung. Bei ersterer steht praktisch der Gerichtsvollzieher vor der Tür, bei letzterer kann ein Schuldner mehrfach seine Rechnungen nicht zahlen, es gibt aber noch keine Klagen. Diese weiche Überschuldung ist deutlich gestiegen, laut Creditreform ein Zeichen, dass mehr Leute Probleme mit ihren Rechnungen bekommen werden.

    Vor allem bei denjenigen, die unter 30 Jahre alt sind, steigt die Überschuldung auch nach neuer Rechnung. Ein Grund könnte Goy-Yun zufolge der Trend zu „Buy now, pay later“ sein, wie Goy-Yun sagte. Onlineshops liefern dabei eine Bestellung, der Kunde kann beim Bezahldienstleister in Raten zahlen oder zu einem späteren Zeitpunkt – nichts anderes als ein Kreditgeschäft. Dabei kann der Kunde schon mal den Überblick über seine Finanzen verlieren.

    Auch sonst zeigen die aktuellen Zahlen nicht unbedingt, wie es wirklich aussieht. So sind zwar mehr Erwachsene im Alter von 18 bis 29 Jahren überschuldet als 2022, aber die Quote sank von 15,7 Prozent 2013 auf 6,73 Prozent 2023. Von denen die älter als 70 sind, sind 2023 weniger überschuldet als 2022. In den vergangenen elf Jahren stieg die Quote aber von 0,9 auf 2,96 Prozent. Für Boniversum-Geschäftsführer Goy-Yun ein Zeichen, dass Altersarmut ein wichtiges politisches Thema wird.

    In Ostdeutschland betrug die Schuldenquote 8,53 (Vorjahr 8,93) Prozent. Sie ist stärker geschrumpft als im Westen (8,08 zu 8,4 Prozent). Allerdings gibt es einen großen Unterschied zwischen Nord und Süd. Die Grenze verläuft sehr grob zwischen Bonn, Erfurt und Dresden. Die fünf Kreise und Städte mit der geringsten Überschuldungsquote liegen mit Werten zwischen 3,54 und 4,17 in Bayern.

    Am meisten Probleme mit dem Geld haben Menschen in Bremerhaven (19,02 Prozent), Pirmasens (Saarland, 16,72 Prozent) und Neumünster (Schleswig-Holstein, 16,62 Prozent). Insgesamt sind die Quoten nur in sechs der 400 Kreise und kreisfreien Städte gestiegen. Ein positives Zeichen. Doch bei der weichen Überschuldung ging es in mehr als 220 Kreisen und Städten nach oben. Für Boniversum-Geschäftsführer Goy-Yun ein weiteres Zeichen, dass es für viele Menschen schwieriger wird. Allerdings lagen die Experten ja auch in den vergangenen Jahren falsch.

  • Der Mann, der die Züge stoppen kann

    Der Chef der GDL ist ein begnadeter Stratege

    Claus Weselsky startet seine letzte Tarifrunde. Der Chef der GDL ist ein begnadeter Stratege.

    Von Björn Hartmann

    An diesem 9. November ist es wieder soweit. Die Tarifrunde zwischen Deutscher Bahn und der Gewerkschaft der Lokführer (GDL) startet offiziell. Schon jetzt ist klar: Es wird hart, Fahrgäste müssen sich auf Zugausfälle einstellen. Denn auf Gewerkschaftsseite arbeitet ein begnadeter Stratege, der wie schon in den Tarifrunden vorher das Beste für seine Mitglieder herausholen will und vor wenig zurückschreckt: Claus Weselsky. Bisher war er immer erfolgreich.

    Bereits im Juli hat der GDL-Chef angekündigt, die Gewerkschaft gründe eine eigene Leiharbeitsfirma für Lokführer – als Konkurrenz zur Bahn. Ende Oktober gab es dann einen Tarifforderungskatalog, den Bahn-Personalvorstand Martin Seiler als nicht darstellbar bezeichnete. 50 Prozent Plus hatte sein Team errechnet. Weselsky gab dann noch ein paar kämpferische Interviews, bei denen klar wurde: Die GDL könnte im wichtigen Weihnachtsverkehr streiken.

    Die Feiertage sind für den Gewerkschaftschef kein Grund, nicht zu streiken. Schon 2021, bei der letzten Tarifrunde, als gerade ein Hochwasser das Ahrtal verwüstet hatte, sagte Weselsky, wenn man danach ginge, sei nie der richtige Zeitpunkt für einen Streik. Bahnfahrer können sich also auf leere Bahnhöfe einstellen. Denn Weselsky ist niemand, der einfach einknickt.

    Kompromisslos in der Sache sei er, hört man immer wieder. Das bedeutet: Er will gewinnen. Das bedeutet auch, dass er erst aufhört, wenn die Gegenseite, vom Tarifpartner würde er wohl eher nicht reden, kapituliert. Das würde er allerdings nie so formulieren, er spricht dann eher von Einsicht.

    Wie das läuft, konnten Bahnfahrer und Konzern 2021 erleben und vor allem 2014/15. In elf Monaten gab es damals neun Streikwellen, 765 Stunden standen die Züge, hat das „Handelsblatt“ damals ausgerechnet. Eine gute halbe Milliarde Euro kostete der Arbeitskampf demnach die deutsche Volkswirtschaft. Weselsky war es vielleicht nicht egal, aber er nahm es in Kauf, schließlich ging es um die Lokführer, die er als GDL-Chef vertreten hat. Und um die Zugbegleiter, die er vertreten wollte. Und das Überleben der GDL neben der weitaus größeren Eisenbahnergewerkschaft EVG.

    Weselsky ist jedes tarifpolitisch effiziente Mittel Recht, und das bedeutet: Streik. Bis zum letzten. Auch wenn man angefeindet wird, als Buhmann der Nation da steht. Wenn man bedroht wird. Wenn man mehrere Kilo Gewicht verliert während des Ausstands, wie Weselsky der „Süddeutschen Zeitung“ erzählte, der er vor Jahren sein privates Fotoalbum öffnete. Dabei blieb Weselsky immer souverän. Geradezu legendär, wie er reagierte, als die Telefonnummer der GDL während der Streiks 2014/15 in der „Bild“ veröffentlicht wurde. Der Gewerkschaftschef schaltete die Rufumleitung ein – zum damaligen Bahnchef Rüdiger Grube.

    Weselsky wurde im Februar 1959 in Dresden als drittes Kind einer Arbeiterfamilie geboren. Aufgewachsen ist er in Kreischa bei Dresden. Er lernte Triebfahrzeugschlosser und wurde Lokführer für Diesel- und E-Loks bei der Reichsbahn. Die letzte steuerte er 1992 – durchs Elbtal bei Bad Schandau, für ihn eine der schönsten Strecken Deutschlands.

    1990 arbeitete Weselsky als Personal- und Betriebsrat, stieg dann in der GDL auf, 2006 wählten ihn die Mitglieder zum Vize-Vorsitzenden. Beim ersten Bahnstreik 2007/2008, als die GDL einen eigenen Tarifvertrag für die Lokführer erstritt, arbeitete er an der Strategie im Hintergrund, nach außen trat sein GDL-Chef Manfred Schell auf. Die harte Linie stammte von Weselsky, der dann 2008 Schells Nachfolger wurde.

    Seither hat er die Gewerkschaft auf sich zugeschnitten, manche sagen, er regiere autokratisch. Mit Schell hat er sich überworfen, der ehemalige Ehrenvorsitzende wurde aus der Gewerkschaft ausgeschlossen, ebenso einige weitere hohe Funktionäre. Je nach Seite ging es um nicht gezahlte Mitgliedsbeiträge und Intrigen oder das Entfernen störender Mitglieder. Schell jedenfalls verglich Weselskys Führungsstil mit dem von Diktatoren wie Assad und Mao.

    Die Gewerkschaft war die erste, die sich in der zerfallenden DDR 1990 wieder bildete. Die Lokführer schlossen sich ihr gern an. 1993 mit der Fusion von Reichsbahn (Ost) und Bundesbahn (West) kam die GDL zur Deutschen Bahn. Besonders hoch ist der Organisationsgrad im Osten. Und die Gewerkschaft hat den entscheidenden Vorteil einer Spartengewerkschaft: Ohne Lokführer steht die Bahn. Zu dieser Macht kommt das Talent Weselskys, unfassbar hartnäckig zu sein.

    Er vertrete nur die Mitglieder seiner Gewerkschaft, sagte Weselsky 2021. Und das klang sachlich korrekt. Aber irgendwie auch schräg. Dass es Weselsky nur um bessere Bedingungen für die Lokführer, Zugbegleiter und eigentlich auch alle anderen geht, nimmt man ihm nicht recht ab. Das liegt vor allem an der komplett aus der Zeit gefallenen Klassenkampfrhetorik, da der gierige Vorstand, hier die ausgebeuteten Lokführer. Dann ist er immer korrekt im Anzug gekleidet, das Haar gestutzt, der ergraute Oberlippenbart auch. Und: Er sächselt, mit Abstand der unbeliebteste Dialekt in Deutschland. Der Eindruck ist der eines Apparatschiks aus vergangener Zeit, der sich im Ton vergreift.

    Dabei ist Weselsky nichts ferner als sozialistische Politik. Er ist stolz, niemals in der SED gewesen zu sein, der Einheitspartei der DDR. Und 2007 trat er in die CDU ein, beschreibt sich selbst als konservativ. Weselsky ist in dem, was er sagt, klar auf das konzentriert, was er erreichen will: mehr Geld für die Mitglieder, mehr Macht für die Gewerkschaft. Und das wird er auch in dieser Tarifrunde versuchen – seiner wohl letzten. Er wird im Februar 65.

  • Karims langer Weg zur Schicht

    2026 nahmen wir einen jungen syrischen Geflüchteten bei uns auf. Der hilft mittlerweile mit, das Tesla-Werk in Brandenburg am Laufen zu halten.

    Wie soll ich Karim nennen? Meistens sage ich „unser ehemaliger Flüchtling“, wenn ich von ihm erzähle. Jetzt hält er das Land am Laufen.

    Wir treffen uns auf einem Gleis des Bahnhofs Ostkreuz in Berlin, wo die Regionalzüge nach Brandenburg abfahren. Karim, der eigentlich anders heißt, trägt eine graue Arbeitshose und feste Schuhe, unter der Regenjacke baumelt die Einlasskarte der Firma. Basecap mit Schirm nach hinten, Bart und Augenbrauen dunkel, er guckt wie immer ein bisschen finster. „Zur Arbeit jetzt, Scheiße“, sagt er, und dann: „Ich liebe meine Arbeit.“

    Im Zug fällt mir auf, dass einige der Passagiere ihre Schuhe ebenfalls mit roten Schnürsenkeln binden, wie Karim. Die gehören zur Arbeitsuniform des US-amerikanischen Autoherstellers Tesla. Eine halbe Stunde später hält der Zug in Fangschleuse, einem Dorf hinter der Berliner Stadtgrenze. Auf dem schmalen Bahnsteig drängeln sich nun zahlreiche junge Männer, die dasselbe tragen wie Karim. Sie streben zur Bushaltestelle. Zwei Gelenkbusse kommen. Im Nu sind sie voll. Es müssen an die 200 Arbeiter sein, die alle möglichen Sprachen sprechen, die meisten wohl zwischen 25 und 35 Jahren alt.

    Ein paar Minuten später an den Werkstoren treffen weitere Busse aus anderen Orten ein. Die jungen Leute drängeln sich durch die Drehkreuze auf das Fabrikgelände. Fast 14 Uhr: Gleich geht die Spätschicht los in Grünheide, wo Tesla Tag und Nacht seine Elektroautos baut.

    Zurzeit läuft wieder eine hitzige Debatte darüber, ob nicht zu viele Einwanderer nach Deutschland kommen. Manche Po­li­ti­ke­r:in­nen überbieten sich mit Forderungen, die Zahl der Ankommenden zu verringern. Während die Europäische Union höhere Zäune baut, herrscht hierzulande ein zunehmender Mangel an Arbeitskräften. Deshalb verlangt etwa der Deutsche Städte- und Gemeindebund, Geflüchtete sollten schneller Jobs annehmen dürfen, anstatt untätig herumzusitzen. Karims Geschichte ist ein Beispiel, wie Einwanderung, die viele als Problem empfinden, am Ende funktionieren kann.

    2016 kam Karim in meiner Familie an, aus dem Krieg in Syrien, auf der Flucht vor dem Islamischen Staat, seine Eltern tot, das Haus zerstört. Meine Tochter hatte ihn nachts in einem Club kennengelernt. Ihm zu helfen schien nötig. Wir nahmen ihn bei uns auf und versuchten, seinen Weg zu ebnen: Bürokratie, Papiere, Geld, Wohnung, Sprachkurs, ein bisschen Aufgehobensein. Er war oft müde, depressiv, ließ sich hängen, lag tagelang im Bett. Jedenfalls sahen wir das so. Sein Hineinfinden ins neue Leben im kalten Berlin ging uns nicht schnell genug. Wir waren überfordert.

    Nach einem knappen Jahr verschafften wir ihm woanders ein Zimmer, in das er zuerst nicht einziehen wollte. Er krallte sich an uns fest. Ich schrieb damals über unsere Kämpfe mit ihm. Der Artikel "Karim, ich muss Dich abschieben" erschien 2017.

    Danach ging es auf und ab. Manchmal strandete er fast auf der Straße – bis ein deutscher Freund eine kleine Wohnung für ihn fand, in der Karim sich wohlfühlte. Allmählich kam er auf die Füße. Diese Zeit ist beschrieben im Artikel "Sein Name an der Tür" von 2019.

    Später erzählte mir Karim, dass er einen Job gefunden habe in einer Filiale der Modekette Zara. Ich holte ihn dort ab: Nun war er einer der hippen Großstädter mit trickreich gefrästen Bärten, die Tou­ris­t:in­nen aus aller Welt bedienten. Er lud mich nach Neukölln in sein arabisches Lieblingsrestaurant ein. Sein Deutsch wurde besser, wir unterhielten uns, hatten Spaß.

    Einmal trafen wir uns nachts zufällig vor einem Club. Ich gehörte da eigentlich nicht mehr hin. Nach zwei Stunden Anstehen hätte mich die Türsteherin beinahe nach Hause geschickt. Karim rettete mich. Ohne ihn und seine Freunde, die den alten Mann adoptierten, wäre ich nicht reingekommen.

    Und jetzt Tesla. Ein unbefristeter Arbeitsvertrag mit allem Drum und Dran. Karim arbeitet am Band. In einer Schicht von acht Stunden müssen er und sein Team ungefähr 300 Fahrzeuge bearbeiten. Das bedeutet anderthalb Minuten Zeit, um die jeweiligen Teile einzubauen. Das ist harte, oft stressige Arbeit. Dafür bekommt Karim monatlich 2.200 Euro netto überwiesen.

    Das entspricht nach Angaben der Industriegewerkschaft Metall nicht dem Tarifgehalt. Für Karim bedeutet diese Bezahlung jedoch, dass er im deutschen Lebensstandard angekommen ist. Flucht- und Bittstellerstatus sind zu Ende. Per Whatsapp schreibt er mir: „Jetzt habe ich guten Job.“ Dann schickt er das listige Emoji mit der Sonnenbrille. „Ich bin auf der Suche neue Wohnung. Und will auch Familie machen vielleicht.“

    Manchen anderen in seinem Team geht es ähnlich. Mit zwei Deutschen arbeitet er zusammen, sagt Karim, außerdem mit acht Kollegen die Migrationshintergrund hätten, aber hier geboren seien. Und dann gäbe es noch die fünf jungen Männer, die wie er selbst seit 2015 eingetroffen seien, aus Afghanistan, Irak, Syrien. Das örtliche Büro der IG Metall berichtet, dass in den Beratungen „viele verschiedene Sprachen“ zu hören seien: Polnisch, Tschechisch oder auch Ukrainisch, Letzteres sprechen die neuen Kriegsflüchtlinge. Die migrantischen Arbeiter tragen einen guten Teil dazu bei, Tesla am Laufen zu halten. Ohne sie würde das Werk nicht funktionieren.

    Im Vergleich zu Benzinfahrzeugen seien die Elektro­autos von Tesla „gut für die Umwelt“, findet Karim. Außerdem meint er, dass Firmenchef Elon Musk „ein sehr kluger Mensch ist und sorgfältig nachdenkt, bevor er etwas unternimmt“. Die Einschätzungen über Musk und sein Unternehmen gehen weit auseinander. So berichtete der Stern kürzlich über viele Arbeitsunfälle und diverse Ökohavarien in Grünheide.

    Karim zu sehen, ist nun nicht mehr so einfach wie früher. Er hat jetzt einen eigenen Plan. Monatelang versuchen wir, einen Termin zu finden. Ist ein Treffen verabredet, kommt kurz vorher eine Whatsapp: „Keine Zeit, Arbeit macht mich richtig fertig.“ Beim nächsten Mal: „Freitag kann ich nicht. Müssen länger arbeiten, sagt Chef.“ Nervig, aber normal. Dann klappt es doch, in einem Schawarma-Grill in Kreuzberg. Karim kommt vorbei auf dem Weg zur nächsten Schicht. An der Theke bestellt er auf Arabisch. Er wählt aus den Speisen, die hinter der Glasscheibe auf der linken Seite der Auslage warten, rechts lässt er weg. Dort liegt das Gemüse. Er bestellt einen Riesenteller und bezahlt für mich mit.

    Beim Essen zeigt er ein Video. Holztisch, drumherum stämmige Jungs mit breiten Schultern und rasierten Nacken. Armdrücken, Karim gewinnt, großes Palaver. Ein deutscher Kollege habe ihn zum Grillen in den Garten eingeladen, erzählt er, „guter Mann“. Kürzlich verbrachte er mit einem Freund und dessen Mutter eine Urlaubswoche in Slowenien. Mit seinen Verwandten in Syrien telefoniert Karim kaum noch. Von dort gebe es fast nur schlechte Nachrichten, die wolle er sich vom Hals halten. Hier sei das Leben erfreulicher. Vermutlich wird es sehr lange dauern, bis er wieder in seine Heimat reisen kann, wenn überhaupt. Er hat Angst, dass sie ihn dort zum Militär einziehen und nicht mehr rauslassen.

    Für Januar 2024 habe er einen Termin beim Amt, berichtet er, um sich für den deutschen Pass zu bewerben. Dafür muss er unter anderem Deutschkenntnisse auf B2-Niveau nachweisen. Das ist die vierte von sechs Stufen beim Spracherwerb. „Das schaffe ich“, sagt Karim. Kann gut sein, dass er Recht behält.

  • Energiewende in Senegal

    Erdgas für Deutschland?

    Mit hoher Geschwindigkeit fährt das Marineschiff an den kleinen Fischerbooten vorbei. Das Geschütz auf dem Vorderdeck ist mit einer Plane abgedeckt. Die Motoren wühlen das Meerwasser auf zu einer Spur weißer Gischt. Soldaten auf der Brücke des zwei Stockwerke hohen Schiffes beobachten die Fischer. Der Abstand beträgt vielleicht 100 Meter.

    Diese Szene wurde vor einigen Monaten per Smartphone von einer der flachen Pirogen aus aufgenommen, mit denen die Fischer auf den Atlantik hinausfahren. Zu sehen ist ein Dutzend der bunt bemalten Boote. Das Bild springt hektisch hin und her. Das große Schiff wendet, kommt zurück. Die Fischer rufen, schreien, gestikulieren. Sie fühlen sich bedroht. Das beabsichtigt die Marine wohl auch. Sie will den Bootsbesatzungen den Weg blockieren.

    Vor der Küste des westafrikanischen Landes Senegal liegt unter dem Meeresboden ein bedeutendes Erdgasvorkommen, aus dem Anfang 2024 die Förderung beginnen soll. Um die Plattformen auf hoher See herum wurden Sperrgebiete eingerichtet, in denen keine Fischerei mehr stattfinden darf. Was zunächst nach einem lokalen Problem klingt, hat eine globale Dimension: Ist es angesichts der Klimaerwärmung jetzt noch ratsam, neue fossile Energiereserven zu erschließen? Auch Deutschland nimmt Einfluss auf den Konflikt: Bundeskanzler Olaf Scholz hat erklärt, Interesse am Import von Erdgas aus Senegal zu haben, um russische Lieferungen zu ersetzen. In Gesprächen mit Betroffenen in Senegal, Betreibern eines Solarkraftwerkes, Energie-ExpertInnen und PolitikerInnen will die taz klären, welche Auswirkungen die Gasstrategie mit sich bringt – und welche Alternativen es gäbe.

    Mame Moussé Ndiaye ist einer der Fischer, die in St.Louis leben, einer Küstenstadt im Norden, an der Grenze zu Mauretanien. Er ist aktiv in mehreren Berufsvereinigungen von Fischern – und nimmt sich Zeit für eine Bootstour in Richtung der Gasplattform, die der Küste am nächsten liegt.

    Die Piroge, das etwa zehn Meter lange, schmale Holzboot, wartet zwischen vielen anderen auf dem Sandstrand. Ndiaye und ein Freund schleppen Anker, Seile, Bojen, Tank und den 15-PS-Außenbordmotor herbei. Die äußeren Bordwände des Bootes sind in rot, blau, schwarz, gelb mit Schrift und Bildern verziert. Ein paar Jungs und Erwachsene helfen, die Piroge über Holzwalzen zum Wasser zu schieben. Als sie schwimmt, steigt man hinein, der Freund zieht mit dem Starterseil den Motor an, der hohe Bug bäumt sich über der ersten Brandungswelle auf. Dann Gas geben, das Boot taucht ins Wellental. Die nächste Schaumkrone bricht, im Nu ist man nass, was bei 23 Grad Wassertemperatur aber nichts macht. Drei, vier Mal geht das so, dann bleibt die Brandung hinter der Piroge zurück.

    Vielleicht einen Kilometer links fährt langsam das Marineschiff, anscheinend dasselbe wie im Video. „Sie passen auf, dass wir der Gasplattform nicht zu nahe kommen“, ruft Ndiaye gegen den Lärm des Windes und der Wellen an. Er steht in der Mitte der Piroge, bewegt sich kaum, gleicht alle Bewegungen des Bootes mit seinem Körper aus. Seine weiße Shorts ist klatschnass, die Zigarette in seiner Faust bleibt trocken.

    Ein paar Kilometer mit Vollgas raus aufs Meer – und die Häuser von St.Louis sind nur noch klein am Horizont zu sehen. Vorne aber, in westlicher Richtung, hebt sich allmählich eine längliche Struktur aus dem Dunst: die Gasplattform. Rot, gelb, weiß und grau schimmern hohe Schiffsaufbauten, Kräne, Schornsteine, Radaranlagen. Die Fabrik auf dem Meer besteht aus einem 1.200 Meter breiten stählernen Wellenbrecher und einem dahinter liegenden künstlichen Hafen, in dem die Pipelines aus der Tiefsee enden. Dort soll das Gas verflüssigt (LNG – liquified natural gas) und mit Tankern exportiert werden – vielleicht irgendwann auch nach Deutschland.

    Die Fabrik schwimmt nicht. Sie steht auf dem Meeresboden, der hier, so nahe der Küste, nur noch 30 Meter unter dem Wasserspiegel liegt. Diese Lösung wurde gewählt, um die Installationen zur Sicherheit fest zu verankern. Ausgerechnet hat man aber eine Stelle ausgewählt, wo sich ein ausgedehntes Riff aus Felsen und Korallen befindet. Der Fischreichtum ist groß. „Das Riff liefert alles“, sagt Ndiaye – nicht nur für den Verkauf, sondern auch für die täglichen Mahlzeiten der Fischerfamilien.

    Nun sind aber seit etwa zwei Jahren große Wasserflächen über dem Riff für die Fischer gesperrt. Die Marine verhindert die Arbeit dort. Die Verbotszone direkt vor St.Louis umfasst 500 Meter von der Gasplattform aus in alle Richtungen, was auf mehrere Quadratkilometer hinausläuft. Eine weitere Spreezone liegt weiter draußen auf dem Meer. Ndiaye: „Viele Boote fahren deshalb kaum noch raus.“ Manche Fischer verlören „ein Viertel ihres Einkommens, andere die Hälfte“, heißt es beim Nationalen Verband der Fischer.

    Kann das sein? Der Ozean dehnt sich schier unendlich. Spielen ein paar Quadratkilometer wirklich eine Rolle? „Da hinten“, sagt Ndiaye und weist vom Boot aus in die Ferne, „beginnt schon Mauretanien“. Dort im Norden der Stadt ist der Fischfang für senegalesische Boote untersagt, es sei denn, die Eigentümer leisten sich eine kostenträchtige Lizenz. Und im Süden von St.Louis seien die Fischvorkommen nicht so reichhaltig. Das ist vor allem ein Problem für die kleinen Pirogen, die für weite Strecken und die hohe See nicht taugen.

    Jetzt wendet das Boot, es geht zurück zum Ufer. Mit Vollgas setzt man auf den Sand. Motor hochklappen, die Jungs sind zur Stelle und ziehen die Piroge hoch ins Trockene. Alleine auf diesem Stück des Strandes liegen hunderte Gefährte dicht an dicht. Der Lebensunterhalt von rund 3.000 Familien hänge von ihnen ab, sagt die Fischer-Vereinigung. Auf der Langue de Barbarie, der nur über Brücken zu erreichenden, langgestreckten Halbinsel vor St.Louis, leben eigentlich fast alle Leute irgendwie vom Fisch – wenn sie selbst keinen fangen, mittelbar von den Einkünften der Fischer – als Händlerinnen, Bootsbauer, Mechaniker, Kneipiers. So mag es sein, dass schließlich zehntausende Einwohner:innen negativ vom Gasprojekt betroffen sein könnten.

    Grundsätzlich bietet die Regierung in der Hauptstadt Dakar den Geschädigten Kompensationen, Umschulungen und Ersatzarbeitsplätze in der Gasindustrie an. Bisher hätten sie aber keine Hilfen erreicht, sagen die Vertreter der Fischer. Von der Regierung ist dazu keine Auskunft zu bekommen. Deren politische Position sieht so aus: Für das ganze Land ist das Gas so wichtig, dass die Vorteile die möglichen Nachteile für die Fischer von St.Louis bei Weitem übersteigen.

    Die Probleme der lokalen Bevölkerung sind ein Teil einer größeren Auseinandersetzung. 2015 fand das US-Unternehmen Kosmos das Erdgas, nach dem es suchte – 125 Kilometer vor der senegalesischen Küste, unter dem dort 3.000 Meter tiefen Meeresboden. Heute gehören dem britischen Energiekonzern BP 56 Prozent, Kosmos 27 Prozent, dem staatlichen senegalesischen Unternehmen Petrosen 10 Prozent und Mauretanien 7 Prozent der Anteile. Das Vorhaben heißt jetzt Greater Tortue Ahmeyim (GTA). Von den Bohrungen in der Tiefsee führen nun Pipelines auf dem Meeresboden zu einem Schiff etwa 45 Kilometer vor der Küste, wo das Gas gereinigt werden soll. Von dort wird der Rohstoff in Unterwasserröhren zur Gasplattform vor St.Louis strömen.

    BP schätzt die gesamte Gasmenge auf etwa 400 Milliarden Kubikmeter. Zum Vergleich: Die bekannten Gasreserven Saudi-Arabiens betragen etwa sechs Billionen Kubikmeter. GTA ist im Weltmaßstab ein eher kleines Vorkommen, wobei das erst der Anfang der Gasökonomie im Senegal sein könnte. Südlich vor der Küste des Landes liegen zwei weitere Gasfelder, deren Ausbeutung geplant ist.

    Die Regierung des Senegal setzt große Hoffnungen in diese neue Art der Energieversorgung. „Die meisten Menschen auf dem Land nutzen noch Holzkohle“, sagt Mamadou Fall Kane. Als energiepolitischer Berater des senegalesischen Präsidenten ist er im Januar 2023 per Video in eine Ausschusssitzung des Bundestages zugeschaltet. Etwa ein Drittel der Bevölkerung habe bisher keinen Zugang zu Strom, erklärt Kane auf Französisch. Das Gas betrachtet die Regierung deshalb als einen Schlüssel zur Entwicklung des Landes. Geplante Schritte: Das bisher in Stromkraftwerken als Brennstoff verwendete Schweröl wird durch Gas ersetzt, wodurch der Ausstoß klimaschädlicher Abgase sinkt. Neue Gaskraftwerke sollen die gesamte Bevölkerung mit Strom versorgen. Gas aus Gasflaschen ersetzt dann Holzkohle beim Kochen, was der Entwaldung entgegenwirkt. Senegal könnte mit eigener Energie seine Industrie aufbauen, beispielsweise die Produktion von Dünger. Schließlich spart der Staat Geld für importiertes Öl, kann andererseits aber eigenes Gas exportieren, was zusätzliche Einnahmen für den Haushalt bringt.

    Die Klimaschutz-Organisation Fridays for Future (FFF) hält das Gegenteil für richtig. “Das Gas muss unter dem Meeresboden bleiben”, sagt Yero Sarr von FFF Senegal. Der Student der Physik und Chemie begründet das mit den potenziellen Schäden für die lokale Wirtschaft und das Weltklima. Unterstützung erhält er auch von der grünen Bundestagsabgeordneten und Energiepolitikerin Lisa Badum: „Senegal hat das Potenzial für eine Versorgung mit 100 Prozent erneuerbarer Energie.“ Eine aktuelle Studie von Germanwatch und New Climate Institute belegt, dass genug Sonnen- und Windenergie produziert werden können, um den Wohlstand im Senegal zu steigern – auch ohne Erdgas.

    Etwa 60 Kilometer südöstlich der am Meer liegenden Hauptstadt Dakar dehnt sich flaches, trockenes, wenig besiedeltes Land. Ockerfarbener, rötlicher Boden, einzelne Bäume, Sträucher, dazwischen große Neu- und Rohbauten, halbfertige Kreisverkehre, moderne Straßen – hier entsteht der neue Regierungssitz. Dann Strommasten, eine weiße Mauer, das Metalltor rollt zur Seite – Ankunft im Solarkraftwerk Diass.

    Mame Ndiémé Ndong arbeitet seit 2016 beim staatlichen Stromunternehmen Senelec. Sie hat in Dakar studiert, ist Elektroingenieurin, spezialisiert auf erneuerbare Energie. „Das ist innovativ“, sagt sie und führt in die Schaltzentrale. Auf drei Bildschirmen sieht man, wie viel Strom die Anlage gerade produziert. Wegen der intensiven Einstrahlung und vielen Sonnenstunden ist die Ausbeute um bis zu 70 Prozent höher als in Mitteleuropa – obwohl draußen der Wind die Module ständig einstaubt, so dass deren typische blaue Farbe kaum zu sehen ist. In hunderten Meter langen Reihen sind die Energieplatten auf Pfosten montiert und liefern Energie, ohne dass irgendeine Ressource aus der Erde geholt und verbrannt werden müsste. Ungefähr einen Kilometer lang und 400 Meter breit ist das Gelände. Finanziert hat das zum guten Teil die KfW, die Entwicklungsbank der Bundesregierung.

    „Da kommt der Traktor“, sagt Ndong. Sie trägt Jeans, weißes Kopftuch und dunkle Sonnenbrille gegen das brutal helle Licht. Rechts am Fahrzeug ist eine lange, rotierende Bürste angebracht, die die Photovoltaik-Module mit Wasser reinigt. Regelmäßig fährt ein Beschäftigter die Reihen ab, damit die Platten hohen Ertrag bringen.

    Heute machen die erneuerbaren Energien gut 30 Prozent der installierten Kapazität zur Stromerzeugung im Senegal aus. Das sind rund 400 MW (Megawatt, Millionen Watt), weniger als ein Prozent der deutschen Solaranlagen. Mehr wäre durchaus möglich, auch viel mehr. „Wir haben genug Sonne und genug Land. Senegal ist dünn besiedelt“, sagt Ndong. Und ein Schritt in diese Richtung wurde gerade verabredet. Frankreich, Deutschland und weitere Staaten wollen Senegal 2,5 Milliarden Euro geben, damit der Anteil der Ökoenergien auf 40 Prozent steigt. Aber die Regierung lege Wert darauf, beides zu machen, sagt Ndong – Ökostrom und Erdgas parallel. Das sei eine „politische Entscheidung“. Von Senegals Energieministerin Aissatou Sophie Gladima ist bekannt, dass sie meint, ihr Land müsse auf „zwei Beinen“ laufen.

    Braucht Senegal wirklich beides – Erdgas und erneuerbare Energie? Der ausschlaggebende Vorteil der Gasökonomie besteht in den zusätzlichen Erlösen, die anfangs 20 Prozent der Staatseinnahmen ausmachen könnten. Denn ein großer Teil der fossilen Ressourcen des GTA-Feldes soll erstmal exportiert werden, wie Präsidentenberater Kane in einer Mail an die taz betont. Die später zu erschließenden Felder seien dann eher für den Eigenbedarf bestimmt. Wobei neue Gaskraftwerke und Pipelines, die der Versorgung der eigenen Bevölkerung dienen könnten, bisher nur auf dem Papier existieren.

    „Großes Verständnis“ äußert SPD-Bundestagsabgeordneter Karamba Diaby, für das Interesse der Regierung, Geld einzunehmen, um es in Entwicklung zu investieren, in Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Straßen, Stromleitungen. Diaby wurde im Senegal geboren. Der dortige Wohlstand liegt, je nach Berechnung, bei drei bis acht Prozent des deutschen. „Der Begriff Energiewende bedeutet hier etwas anderes“, sagt Fabian Heppe, der Vertreter der grünen Heinrich-Böll-Stiftung in Dakar, „hier geht es zunächst um Energie für alle.“

    Die Nachteile der Gasstrategie: erstens mögliche Korruption und ungerechte Verteilung des Reichtums. Negative Beispiele sind Nigeria und Angola. Zweitens: Deutschland und viele reiche Staaten wollen ihren Gasverbrauch verringern, um bis Mitte des Jahrhunderts klimaneutral zu werden. Investiert Senegal also in eine sterbende Technologie? Der wesentliche Nachteil besteht aber im zusätzlichen Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase infolge der Ausbeutung des Erdgases.

    Der Verzicht darauf macht den entscheidenden Vorteil der erneuerbaren Energien aus. Außerdem würden Öko-Kraftwerke zusätzliche Arbeitsplätze für die einheimische Bevölkerung bringen, während die Gasökonomie die Fischerei bedrohe, erklärt FFF-Aktivist Sarr. Ein Nachteil der Erneuerbaren: Ökoenergie lässt sich auf absehbare Zeit höchstens in die Nachbarländer, nicht aber weltweit exportieren, was weniger Einnahmen im Vergleich zum Gas bedeutet.

    Und welche Rolle spielt nun Deutschland in diesem Konflikt? Als Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) im Mai 2022 nach Senegal reiste, kündigte er zusammen mit Präsident Macky Sall Kooperationen bei der Gasförderung an. Die Reise fand kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine statt, Gas aus Osten sollte schnell ersetzt werden. Auch in diesem Jahr ist aus dem Bundeskanzleramt zu hören, dass der westafrikanische Staat ein potenzieller Flüssiggas-Lieferant sei. Präsidentenberater Kane schreibt, Senegal sei offen für Lieferungen nach Deutschland. Und laut ihrer geplanten, neuen Leitlinien für die staatliche Exportversicherung könnte die Bundesregierung Gasinfrastruktur in Senegal möglicherweise auch künftig finanziell fördern.

    Praktisch ist, soweit bekannt, bisher aber nichts passiert. Deutschland kann seinen Gasbedarf ohne Probleme aus anderen Quellen decken. Grünen-Politikerin Badum fordert, den „Gasdeal mit Senegal nun endlich zu beerdigen“. In einem Streitgespräch mit Diaby im Spiegel sagt sie: „Die Welt braucht keine neuen Gasfelder.“ Diaby antwortet hart darauf: „Das ist neokoloniales Denken.“ Er will von seiner Koalitionskollegin wissen, warum ein reicher Staat wie Katar Gas fördern dürfe, ein armer wie Senegal aber nicht? Diese Frage stellen sich auch MitarbeiterInnen des Entwicklungsministeriums (BMZ) in Berlin. Dort weiß man, dass die Bevormundung anderer Regierungen keine gute Idee ist. Faktisch lässt sich das SPD-geführte BMZ deshalb auf eine Doppelstrategie ein: Gas und Erneuerbare. Wobei eine BMZ-Sprecherin betont: “Mit deutschen Entwicklungsgeldern wird keine Gasinfrastruktur finanziert.”

    Nun könnte so weitergehen: Senegal beginnt bald, das Erdgas vor der Küste zu exportieren und gewisse Mengen selbst zu nutzen. Dabei spielt der kleine Anteil des Eigenverbrauchs für das Weltklima kaum eine Rolle. Denn das arme Land mit seinen 17 Millionen Menschen verursacht nur 0,07 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen.

    Anders sieht es beim Export aus. Deutschland ist für etwa zwei Prozent der klimaschädlichen Abgase weltweit verantwortlich. Kaufen wir und andere reiche Staaten das Erdgas aus Westafrika, um das hiesige Wohlstandsmodell am Laufen zu halten, verschärft dies das Klimaproblem erheblich. So betrachtet liegt die Hauptverantwortung im Norden, nicht im Süden. Deshalb fordern viele Klimaaktivist:innen, dass die reichen Staaten ihren Verbrauch fossiler Energie deutlich und schnell einschränken müssten. Die Konsequenz dieser Forderung würde dann lauten: Das Gas des Senegal sollte eigentlich unter dem Meer bleiben. Daraus erwächst allerdings ein Dilemma: Mit den Exporteinnahmen fiele auch der Eigenverbrauch weg, denn mit diesem alleine lässt sich das teure Förderprojekt nicht finanzieren. Realistisch betrachtet wird das Gas also fließen.

    Dazu passt diese Erwägung: Was passierte wohl, wenn Deutschland jetzt ein riesiges Gasfeld unter der Lüneburger Heide entdeckte? Ließe man den begehrten Rohstoff dort schlummern? Hypothetische Fragen. Realistische Antwort: Auch in diesem Fall würde das Prinzip Gegenwart das Prinzip Zukunft schlagen.

    Zurück von der Bootstour in St.Louis wird nun der Außenbordmotor abgeschraubt und über den Strand nach Hause getragen. Indem er das Boot ausräumt, macht Moussé Ndiaye sich weiter Gedanken: „Für uns Fischer ist das Gas schlecht, für den Senegal aber ist es gut.“ Wenn man es jetzt schon gefunden habe, solle man es auch nutzen, meint der Mann, dessen Lebensunterhalt gefährdet ist.

    Allerdings sei der Staat dann auch gefordert, das Geld gut zu investieren, sagt Ndiaye. Die Fischer bräuchten Hilfe bei den Lizenzen für die Fangfahrten in mauretanischen Gewässern. Und am besten würde neben der Sperrzone im Meer ein künstliches Riff aufgeschüttet, um die Einkommen der Fischer zu sichern. Solche Wünsche stießen bei der Regierung und BP bisher aber auf taube Ohren. Einer der Nachbarn, die Moussé beim Ausladen helfen, sagt: „Die Fischerei hat hier keine Zukunft. Ich hoffe, dass meine Kinder Staatsdiener werden.“
     

  • Alles für die Katz – und den Hund

    Welche Versicherungen sinnvoll sind und wo sich sparen lässt

    Vom Guppi über Hamster und Siamkater bis zur Deutschen Dogge: Insgesamt 34,9 Millionen Haustiere lebten im vergangenen Jahr in deutschen Haushalten, darunter 15,2 Millionen Hunde und 10,6 Millionen Katzen. In der Regel bereiten die Tiere Freunde, zwingen Frauchen und Herrchen zu Spaziergängen oder beruhigen beim langen Blick aufs Aquarium. Doch was, wenn etwas schief geht? Auch Tiere lassen sich versichern, sollten sie Schäden anrichten oder krank werden. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Welche Versicherungen gibt es und welche brauche ich?

    Über zwei Versicherungen sollten Tierbesitzer nachdenken: Krankenversicherung und Haftpflicht. Die Krankenversicherung deckt Kosten für ärztliche notwendige Behandlungen ab. Eine Sonderform ist die OP-Versicherung, die in der Regel nur für stationäre Kosten und Nachbehandlung gilt. Eine Haftpflichtversicherung kommt für Schäden auf, die ein Haustier verursacht, und für die Folgekosten.

    Wann ist eine besondere Haftpflichtversicherung sinnvoll?

    Viele Tiere sind bereits in der privaten Haftpflichtversicherung mit erfasst, vor allem kleinere. Aber: „Anders als Katzen, Kaninchen oder Hamster sind Hunde nicht in der Privathaftpflicht mit abgedeckt“, sagt Michael Nischalke, Experte der Stiftung Warentest. „Der Halter haftet für alles, was der Hund tut. Und trotz aller Vorsorge kann immer etwas passieren. Das muss kein Biss sein, das Tier kann auch auf die Straße rennen und einen Unfall verursachen.“ Dann wird es richtig teuer. Der Verband der Versicherungswirtschaft (GDV) berichtet von mehr als 80.000 Fällen jährlich, in denen die Hundehalterhaftpflicht zahlt – im Schnitt 1000 Euro. Bei mehr als 100 Fällen jedes Jahr übersteigt die Schadenssumme sogar 50.000 Euro.

    Welche Sonderregeln gelten für Hunde?

    In Berlin, Hamburg, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen ist eine Tierhalterhaftpflicht für alle Hunde zwingend vorgeschrieben. In den anderen Ländern bestehen Listen von Rassen, bei denen die Verwaltung annimmt, sie seien gefährlich, American Staffordshire-Terrier etwa, Bullterrier und Rottweiler. Wer sie hält, muss eine Versicherung abschließen. Nur in Mecklenburg-Vorpommern besteht keine Versicherungspflicht. Experte Nischalke empfiehlt: „Unabhängig davon, ob eine Tierhalterhaftpflicht vorgeschrieben ist, sollte ein Hundehalter unbedingt eine haben.“

    Was leistet eine Hundehalterhaftpflicht?

    Sie zahlt für Personenschäden, wenn der Hund jemanden beißt, die Behandlungskosten, Schmerzensgeld und für die Folgekosten, weil die Person zum Beispiel drei Monate nicht arbeiten kann. Versichert sind auch Sachschäden wie der zerfetzte Kamelhaarmantel. Und es gibt in der Regel Geld, wenn der Mischlingsrüde ungewollt eine Rassehündin deckt. Bezahlt werden zum Beispiel die Kosten, die entstehen, weil die Hündin nicht mehr zur Zucht verwendet werden kann. Die Versicherung hilft auch, unberechtigte Schadenersatzansprüche abzuwehren. Wichtig: Für eigene Schäden, etwa wenn der Hund ein Familienmitglied beißt, haftet die Versicherung nicht.

    Worauf sollte man achten?

    Die Experten der Stiftung Warentest empfehlen eine Versicherungssumme von mindestens zehn Millionen Euro. Geklärt werden muss, ob die Nachbarin versichert ist, wenn sie mit dem Hund rausgeht, und was im Fall eines Verstoßes gegen Halterpflichten passiert, etwa, weil der Hund keinen Maulkorb getragen hat. Und wer verreist, sollte auf einen Auslandsschutz achten.

    Was kostet eine Haftpflichtversicherung für den Hundehalter?

    „Gute Angebote gibt es schon ab 50 Euro“, sagt Warentest-Experte Nischalke. Vergleichsportale wie Check24 oder Verivox geben einen Überblick. Und bei einer Versicherung nachzufragen, lohnt sich immer.

    Wie ist das mit Pferden?

    Auch Pferde sind nicht in der Privathaftpflicht eingeschlossen. Anders als bei Hunden ist aber keine gesonderte Haftpflichtversicherung vorgeschrieben. Experten empfehlen sie allerdings. Die Tiere wiegen mehrere hundert Kilo. Wenn sie sich erschrecken und fliehen, können sie große Schäden anrichten. Wie beim Hund muss Halter oder Halterin dafür zahlen – auch wenn er oder sie kein Verschulden trifft. Wichtig: Nicht immer sind fremde Reiter mitversichert. Wer die Tochter von Freunden aufs Pferd lassen will, sollte das bei Abschluss der Police berücksichtigen.

    Und Echsen, Schlangen und Vogelspinnen?

    Auch solche eher exotischen Tiere sind in der Regel nicht in der Privathaftpflicht versichert. Auch hier haften Halter oder Halterinn vollständig für Schäden. Weil es im Vergleich zur Zahl der Hunde und Katzen recht wenig solcher Exoten gibt, fehlen meist Standardhaftpflichtverträge wie für Pferde. Der GDV empfiehlt, den eigenen Haftpflichtversicherer anzusprechen.

    Was zahlt eine Tierkrankenversicherung?

    Grundsätzlich trägt eine Tierkrankenversicherung die Kosten für Tierarzt, Behandlung, Operation und Medikamente. Dabei ist unerheblich, ob der Hund in eine Glasscherbe getreten ist oder die Nieren einer Katze ausfallen. Auch Impfungen übernimmt die Versicherung. Allerdings müssen Tierhalter meist doch noch etwas selbst zahlen, oft gibt es Ausschlüsse im Kleingedruckten. Grundsätzlich muss jeder Tierhalter die Behandlung bezahlen und die Rechnung dann bei der Versicherung einreichen.

    Wann lohnen sich Krankenversicherungen für Tiere?

    Ist das Haustier krank, kann es teuer werden, vor allem, wenn Hund oder Katze operiert werden müssen, etwa nach einem Knochenbruch. Da werden schnell mehrere tausend Euro fällig. Allerdings sind auch die Versicherungen nicht billig. Ende 2022 ermittelte Finanztest für eine sechs Monate alte Katze, die draußen herumzog, zwischen 65 und 192 Euro Beitrag im Jahr. Ist die Katze älter können es auch schon mal bis zu 592 Euro werden. Auch bei Hunden gibt es Unterschiede bei den Preisen der Policen. So haben manche Rassehunde absehbar Probleme: So neigen Boxer zu Herz-Kreislauferkrankungen, Dalmatiner haben es oft an den Ohren. Ältere Tiere sind teurer, weil anfälliger, größere auch. Wer ein Haustier krankenversichern will, muss also abwägen, ob sich die Ausgaben über die Lebensdauer des Tieres rechnen.

    Geht es auch günstiger?

    Manche Policen bieten eine Selbstbeteiligung an, das senkt die Kosten der Versicherung, man muss dann allerdings im Krankheitsfall auch zahlen. Manch Halter oder Halterin wählt einen anderen Weg: Jeden Monat einfach eine kleine Summe zum Beispiel über einen Sparplan zurücklegen. Auf das Geld kann man im Bedarfsfall zurückgreifen. Bleibt das Tier gesund, bildet sich nebenher noch eine nette Rücklage für später.

  • Pillen-Blockbuster aus Deutschland

    Wie Pharmafirmen am Standort D Hightech-Arzneien entwickeln

    Auch in diesem Herbst wird wieder über Medikamentenknappheit diskutiert. Es fehlen Antibiotika und Fiebersäfte. Dabei hat die hiesige Pharmabranche deutlich mehr zu bieten. Firmen forschen an Medikamenten gegen Alzheimer, Krebs, Sehverlust, entwickeln innovative Heilverfahren. Der Standort ist im internationalen Wettbewerb immer noch vorn dabei. Aus Deutschland kommen vielleicht keine Massenmedikamente mehr, dafür aber zahlreiche Hightech-Arzneien.

    In den vergangenen zehn Jahren entstanden unter anderem Medikamente gegen Diabetes Typ 2 (Altersdiabetes) und damit verbundene Herz-Kreislaufprobleme, gegen Lungenkrebs, Knorpeldefekte, Schuppenflechte und Brustkrebs in Deutschland sowie nicht zuletzt der wesentliche Impfstoff gegen das Corona-Virus. Auch das Verhütungspflaster ist eine maßgeblich deutsche Erfindung.

    Alle diese Medikamente werden international verkauft, zum Teil mit Umsätzen jenseits der Milliardengrenze – sogenannte Blockbuster. Aus Deutschland gingen 2022 Arzneimittel im Wert von 101,64 Milliarden Euro ins Ausland, das entspricht rund 6,5 Prozent aller deutschen Exporte. In der Branche arbeiteten 2022 fast 139.000 Beschäftigte in mehr als 600 pharmazeutischen Unternehmen. „Die pharmazeutische Industrie in Deutschland ist stark mittelständisch geprägt“, sagt Matthias Wilken Geschäftsführer für Märkte und Versorgung des Pharmaindustrieverbands BPI. „Viele Arzneimittel der Grundversorgung werden von kleinen oder mittleren Unternehmen produziert.“

    Bekannt sind jedoch vor allem Traditionsunternehmen wie Bayer, Boehringer Ingelheim, Merck und neue Firmen wie Biontech. Letztere ist zwar bekannt für den Corona-Impfstoff, arbeitet aber hauptsächlich an therapeutischen Impfstoffen gegen Krebs. Sie sollen verbunden mit anderen Medikamenten das Immunsystem des Menschen so anregen, dass es selbst gegen Tumorzellen vorgeht. Ansätze bisher versuchen, diese Zellen mit einem Medikament auszuschalten. Biontech arbeitet mit mRNA, einer Art Plan, nach der die menschliche Zelle dann die Abwehr zum Beispiel des Coronavirus baut. Bei dieser innovativen Technik ist Deutschland nach Angaben des Verbands der forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) international besonders stark, sowohl bei der Forschung an Medikamenten als auch in der Herstellung.

    Arzneimittel zu entwickeln, dauert und ist teuer. Von der Idee bis zum fertigen Medikament rechnet die Branche im Schnitt mit 13,5 Jahren. Die Wirkstoffe müssen entdeckt und im Labor geprüft werden. Dann werden sie in drei verschiedenen Phasen getestet, zuletzt in aufwendigen klinischen Studien an sehr vielen Kranken in mehreren Krankenhäusern. Die Studien sollen zeigen, dass das Medikament auch wirklich hilft und die Nebenwirkungen im Rahmen bleiben. In der Regel schafft es nur eins von zehn Medikamenten an den Markt. Die Entwicklungskosten bezifferten die Berater von Deloitte zuletzt auf durchschnittlich rund 2,3 Milliarden Dollar (2,2 Milliarden Euro).

    Ist das Medikament am Markt, verdienen die Konzerne Geld. So setzte Boehringer Ingelheim allein mit dem Diabetes-Medikament Jardiance im vergangenen Jahr 5,8 Milliarden Euro um, Bayer mit dem Blutgerinnungshemmer Xarelto 4,52 Milliarden Euro. Dabei bleibt einiges an Gewinn übrig. Doch irgendwann läuft der Patentschutz aus, bis dahin muss ein Ersatzprodukt entwickelt werden. Sonst steckt ein Unternehmen in Schwierigkeiten. Deshalb gehört Pharma zu jenen Branchen, die besonders viel investieren.

    Boehringer Ingelheim steckte im vergangenen Jahr 4,58 Milliarden Euro in Forschung der Pharmasparte, Bayer 3,4 Milliarden Euro, Merck 1,7 Milliarden Euro. Insgesamt sind es in der deutschen Branche 16,5 Prozent des Umsatzes. Das Geld fließt aber nicht alles nach Deutschland. „Die pharmazeutische Industrie ist global aufgestellt. Die großen deutschen Hersteller forschen und produzieren inzwischen auch im Ausland. Umgekehrt betreiben viele Konzerne aus anderen Ländern Forschung und Werke in Deutschland“, sagt Wilken.

    So hat der der Schweizer Pharmakonzern Roche in Mannheim seinen drittgrößten Standort weltweit, produziert auch Medikamente gegen Krebs am Rhein. Der US-Konzern Abbvie im benachbarten Ludwigshafen arbeitet unter anderem an Medikamenten gegen Alzheimer und Parkinson. Und eines der Topmedikamente des Unternehmens gegen Schuppenflechte stammt ebenfalls aus deutscher Forschung – Boehringer hat es entwickelt. Die französische Sanofi forscht in Frankfurt. Der Stifterverband hat ausgerechnet, dass die gesamte Branche 2021 allein in Deutschland 8,54 Milliarden Euro ausgab.

    Doch der Pharmastandort D leidet. „Deutschland hat Stärken, bleibt aber hinter seinen Möglichkeiten“, sagt ein Manager, der nicht zitiert werden möchte. Unter den nach Umsatz größten Pharmakonzernen der Welt findet sich mit Bayer das erste deutsche Unternehmen auf Rang 6. Davor liegen vier US-Konzerne und die Schweizer Roche. Pfizer, die Nummer 1, ist fast doppelt so groß wie Bayer.

    Und auch bei klinischen Studien hat Deutschland verloren. Die Bundesrepublik lag mal auf Rang zwei hinter den USA. Inzwischen haben China, Großbritannien und Spanien überholt, wie es beim VFA heißt. Papierkram bremst. So dauert es bis zu einem Jahr, bis eine Studie genehmigt ist, zudem wird jede Studie einzeln ausgehandelt. Andere Länder arbeiten mit Standardverträgen.

    Und dann ist da noch die Politik. Aus Sicht der Branche ginge da deutlich mehr als bisher. Eine Sorge: Jede Bundesregierung schraubt an den Regeln des Gesundheitssystems. Oder wie BPI-Manager Wilken es formuliert: „Die Forschung und Entwicklung an neuen Arzneimitteln sind sehr risikoreich. Stabile und verlässliche politische Rahmenbedingungen sind daher sehr wichtig.“

  • Reform nötig

    Zur Arzneimittelknappheit

    Auch in diesem Herbst drohen wieder Engpässe bei bestimmten Medikamenten. Die Produktion lohnt sich in Europa nicht mehr und die Firmen in Asien kommen nicht nach. Oder der Hersteller verkauft die Medikamente lieber in anderen Ländern als in Deutschland, weil er hier nichts verdient. Das Bundesgesundheitsministerium steuert gegen. Das lindert vielleicht die Symptome, trifft aber nicht die Ursache. Es fehlen ja nicht nur Medikamente: Die Krankenhäuser ächzen, nicht nur auf dem Land gehen die Ärzte aus, Fachärzte sind auf Monate ausgebucht, Praxispersonal ist schwer zu finden. Das Gesundheitssystem benötigt eine tiefgreifende Kur.

    Das deutsche System ist kompliziert, unter anderem weil der Gesundheitsmarkt nicht so funktioniert wie andere. Wer aus einer Kopfwunde blutet, möchte behandelt werden, und hat nicht die Zeit, sich mehrere Praxen anzuschauen, um dann eine auszusuchen. Ganz abgesehen davon fehlt ein Überblick über Therapien und Kosten. Ärzte, Apotheken, Medikamentenhersteller wiederum wollen Geld verdienen. Die Kassen bezahlen. Um das im Gleichgewicht zu halten, werden, vereinfacht gesagt, Preise bestimmt. Es gibt überall Festbeträge, Pauschalen, Rabatte, Bremsen, Kontrollen. Auch der Beitrag für die Krankenkassen ist im Wesentlichen staatlich festgelegt.

    Die letzte Reform ist 20 Jahre her, damals war das Smartphone noch nicht erfunden. Zeit, um das System einmal grundsätzlich zu durchforsten. Die Digitalisierung könnte die Effizienz deutlich verbessern, wenn sie nicht aus vielen Richtungen torpediert würde. Sicher lässt sich auch die Verwaltung vereinfachen: Warum zum Beispiel gibt es im Gesundheitssystem immer noch Abrechnungsapparate in jedem Bundesland? Dadurch wird Geld frei, für Behandlungen, Ärzte, Medikamentenhersteller. Und idealerweise ist dann auch alles in der Apotheke verfügbar.

  • Erststart in der Nordsee

    2024 hebt eine Rakete von einem Schiff ab

    Jetzt ist es soweit. Im April kommenden Jahres startet erstmals eine Rakete von Deutschland aus ins All. Abheben wird sie in der Nordsee von einem Schiff aus, wie Siegfried Russwurm, Präsident des Industrieverbands BDI, zum Start des Weltraumkongresses in Berlin sagte. Noch ist es ein Testflug, doch das Firmenkonsortium hinter der Idee verspricht sich in Zukunft deutlich mehr Starts und gute Geschäfte. Die mobile Startrampe ist Teil des New Space, der Kommerzialisierung der Raumfahrt.

    Immer mehr Industrien setzen auf das All: Weil sie den Überblick haben liefern, Satelliten präzise Wetterdaten, um Wind- und Solaranlagen effizienter betreiben zu können. Schienennetze und Straßen können aus dem All untersucht werden. Autonomes Fahren ist auf dauerhafte stabile Kommunikation und präzise Daten angewiesen. Und Daten zu Bodengüte, Wetter und Pflanzenwachstum helfen der Landwirtschaft, Felder präziser zu bewirtschaften. Geplant sind auch fliegende Fabriken und Bergbau auf dem Mond.

    Bekannte Dienste sind der Positionsdienst GPS und Starlink, das stabiles Internet übers All anbietet und im Ukraine-Krieg die Kommunikation sicherstellt. Auch nach der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal, als die Telefonnetze zerstört waren, wurde es genutzt. Hatte der Markt für Dienste über Satelliten 2021 noch einen Umfang von 320 Milliarden Euro weltweit, schätzt ihn die Beratungsfirma Roland Berger 2040 auf 1,25 Billionen Euro.

    Um solche Dienste anbieten zu können, sind ganze Schwärme von Satelliten nötig und günstige Raketen, die sie in schneller Folge ins All bringen. Weltweit versuchen Unternehmen, Satelliten zu verkleinern und industriell in großen Mengen herzustellen, um die Kosten zu senken. BST in Berlin etwa. Und auch Raketen sollen kleiner und billiger werden, allein in Deutschland entwickeln drei Firmen, RFA in Augsburg, Isar Aerospace in Ottobrunn bei München und HyImpulse in Neuenstadt, Baden-Württemberg, solche Microlauncher. Sie sind mit knapp 30 Metern Höhe deutlich kleiner als die Ariane 6 der Europäer (63 Meter) oder die Falcon 9 des US-Unternehmen Space X (gut 70 Meter).

    All die Raketen müssen auch in den sogenannten Low Earth Orbit (Leo) in gut 500 Kilometer Höhe geschossen werden. Schweden und Norwegen haben sehr weit im Norden bereits Raketenstartplätze, auf der schottischen Insel Unst entsteht gerade ein weiterer. Das deutsche Festland ist zu dicht besiedelt, bleibt die Nordsee. Hinter dem Konsortium, dass ein Schiff als Startplatz anbietet, stehen unter anderem die Spezialreederei Harren Group, der Satellitenbauer OHB und BLG Logistics aus Bremen. Startplatz ist ein Entenschnabel genanntes Gebiet am äußersten Rand der Ausschließlichen Deutschen Wirtschaftszone.

    „Wer im All nicht vorne mit dabei ist, wird auf der Erde kein Technologieführer sein“, sagte BDI-Präsident Russwurm. Noch entwickelt sich die Industrie weltweit, doch bereits jetzt zeichnet sich ab, dass Deutschland seine gute Position kaum halten wird. So investieren die USA, Frankreich und China deutlich mehr öffentliches Geld in den Raumfahrtsektor als Deutschland. Die Idee: Der Staat bestellt, die Privatwirtschaft findet Lösungen.

    Gerade hat die Bundesregierung das Budget für Raumfahrt sogar gekürzt. Dabei sind Raumfahrt und New Space im Koalitionsvertrag als zentrale Zukunftstechnologien festgelegt. Zweifel daran, ob Deutschland es mit der Raumfahrt ernst meint, bremsen die Branche hierzulande, wie die Roland-Berger-Studie ermittelt hat. Matthias Wachter, Beim BDI verantwortlich für New Space spricht gar vom „Mühlstein der Bundespolitik“.

    Wenn der Staat wenig investiert, bleiben auch private Investitionen aus. In den vergangenen zehn Jahren waren es insgesamt 0,9 Milliarden Euro in Deutschland, 1,3 Milliarden Euro in Frankreich. In China flossen 62,2 Milliarden Euro, in den USA sogar 73 Milliarden Euro. Neben dem Geld fehlen in Deutschland Fachkräfte. Dabei rechnen 52 Prozent der Unternehmen damit, dass Hilfe aus dem All sie konkurrenzfähiger macht, wie Roland Berger ermittelt hat. Offenbar kennen außerdem insgesamt zu wenig Menschen überhaupt weltraumgestützte Projekte und Dienste – was die Akzeptanz einschränkt.

    Und dann ist da noch die Umwelt. Mehr Starts und mehr Satelliten bringen auch mehr Weltraumschrott. Schon jetzt zirkulieren viele Altsatelliten und Raumschiffreste in einer Art Müllorbit um die Erde. Ab und an stürzt ein Teil ab. Was nicht verglüht, landet auf der Erde. Das macht derzeit drei Prozent allen Materials aus, das in die Atmosphäre eintritt, wie eine Studie der Universität Braunschweig ergab. Es könnten bis zu 40 Prozent werden. Die Folgen sind noch unklar.

    Space X arbeitete deshalb an wiederverwendbaren Raketen. Und auch die neue Ariane 6-Rakete der Europäer wird in Teilen mehrfach einsetzbar sein. Die europäische Raumfahrtagentur Esa investiert 100 Millionen Euro in eine Art Müllwagen fürs All. Bei dem Projekt soll Satellitenschrott eingesammelt werden. Um die Umweltfolgen beim Start zu verringern, experimentiert der Raketenbauer HyImpulse praktisch Kerzenwachs statt Kerosin als Brennstoff.

  • Neuerfindung der Währung

    Die EZB entscheidet über digitalen Euro. Deutsche Banken sehen Risiken

    Phase 1 ist beendet. Zwei Jahre lang hat die Europäische Zentralbank überlegt, wie ein neuer, rein digitaler Euro aussehen könnte. An diesem Mittwoch will der Rat der Bank entscheiden, ob Phase 2 beginnt, ob das neue E-Bargeld eingeführt werden soll. Experten rechnen mit einem Ja. Der digitale Euro gilt als Prestigeprojekt. Doch Kreditinstitute sind skeptisch – unter anderem wegen der zusätzlichen Macht, die die Zentralbank bekommen könnte.

    „Die deutschen Banken unterstützen den digitalen Euro grundsätzlich, aber wir sehen einige Risiken“, sagt Heiner Herkenhoff, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands, in dem private Geldinstitute wie Deutsche Bank, Commerzbank und ING organisiert sind. Da ist etwa die Sicherheit des Finanzsystems. Was für viele zu technisch klingt, betrifft aber doch alle, wie sich 2008 in der Finanzkrise zeigte. Damals drohte das Vertrauen ins Geld zu schwinden – mit unabsehbaren Folgen für Wirtschaft und Zusammenleben.

    „Der digitale Euro könnte eine Art digitalen Bankrun auslösen, wenn alle Verbraucher im Fall einer Krise ihr Geld plötzlich abziehen wollen“, sagt Herkenhoff. „Das würde die Finanzstabilität der Euro-Zone gefährden. Die EZB muss hier vorsorgen.“ Und dann ist da noch so etwas wie die Sinnfrage: „Unklar ist bisher noch, was der digitale Euro den Verbrauchern genau bringt außer einer weiteren Möglichkeit, zu bezahlen“, sagt Herkenhoff.

    Der digitale Euro wird eine Art Bargeld. Nur, dass er nicht als Scheine oder Münzen vorliegt, sondern virtuell. Auch sonst gibt es Parallelen. Wie klassisches Bargeld in einem Portemonnaie lässt sich der digitale Euro in einer digitalen Brieftasche (englisch: Wallet) aufbewahren. Eingeführt werden soll er, weil die Verbraucherinnen und Verbraucher zunehmend digital bezahlen. Dabei dominieren bisher US-Firmen wie die Kreditkartenunternehmen Mastercard und Visa oder Bezahldienste wie Apple Pay, Google Pay und Paypal. Die EZB will eine schnelle und sichere Möglichkeit anbieten, die beim Schuhhändler genauso funktioniert wie beim Bäcker – und ebenso anonym ist wie Bargeld. Es wäre eine einheitliche europäische Lösung, die es so bisher nicht gibt.

    Technisch ist das alles anspruchsvoll. Er wird voraussichtlich auf einer vollkommen neuen Infrastruktur basieren, die anders funktioniert als die bestehende etwa für Karten. „Für den digitalen Euro arbeitet die EZB an einem einheitlichen europäischen Zahlungssystem. Parallel entwickeln auch die europäischen Geldinstitute ein solches System“, sagt Herkenhoff.

    Die Sorge: Die EZB konzentriert zu viel Macht auf sich. „Wenn die EZB ein eigenes Zahlungsverkehrssystem aufbaut, wäre sie Notenbank, Aufsicht und Wettbewerber zugleich“, erklärt der Bankenverbandschef. Ganz unabhängig davon, wer das Zahlungssystem für den digitalen Euro aufbaut: Banken und Handel benötigen wohl künftig zwei Systeme, um klassische Zahlungen einerseits und die mit digitalem Euro andererseits abzuwickeln. Das kostet zusätzlich Geld.

    Zudem fehlen den deutschen Banken wichtige Erkenntnisse. „Die EZB sollte dringend untersuchen, welche Folgen der digitale Euro für die Wirtschaft und die Stabilität des Finanzmarkts hat. Und zwar, bevor die Währung überhaupt eingeführt wird“, sagt Herkenhoff. „Und zwar, bevor die Währung überhaupt eingeführt wird.“ Er fordert zudem eine breite politische und vor allem öffentliche Debatte. „Das sehen wir bisher noch nicht.“ Man müsse genau erklären, was die Währung solle und wie sie funktioniere, sonst sei die Akzeptanz gering, sagt der Bankenverbands-Chef. Bei allem sei wichtig: „Es gibt auch weiterhin klassisches Bargeld. Die EU-Kommission hat das so festgelegt und das finden wir auch richtig.“

    Beobachter erwarten, dass der EZB-Rat am Mittwoch entscheidet, die Einführung des digitalen Euro vorzubereiten. Offenbar sollen drei oder vier Notenbanken in Euro-Ländern federführend jeweils bestimmte technische Aspekte entwickeln. Auch die Bundesbank will dem Vernehmen nach in größerem Umfang dabei sein. Dann soll sich auch herausstellen, inwieweit die Banken und Sparkassen eingebunden werden.

    Unklar ist bisher, wann der digitale Euro starten kann. Im Juni hatte die EU-Kommission ein entsprechendes Gesetz vorgelegt, die EU-Staaten und das Europäische Parlament müssen noch zustimmen. Das dauert. Und die EU-Parlamentswahl im kommenden Jahr könnte das Projekt noch verzögern. Burkhard Balz, Vorstandsmitglied der Bundesbank, schätzt, dass der rechtliche Rahmen nicht vor Ende 2024 steht. Beim Hamburger Bankenaufsichtstag diese Woche sprach er davon, dass der digitale Euro vier bis fünf Jahre bis zur Marktreife braucht. Der Bankenverband rechnet frühestens mit 2028.

    Viele Zentralbanken weltweit arbeiten an digitalen Währungen. Auslöser war der US-Konzern Facebook, der mit Libra eine eigene digitale Währung herausbringen wollte. Die Notenbanken wollten das Thema nicht einem Unternehmen überlassen. Es begann eine Art Wettlauf untereinander und mit Libra: Wer schafft es als erstes? Facebook benannte Währung erst in Diem um und stieg dann 2022 aus – unter anderem unter dem Druck der US-Notenbank Fed. Seither planen Zentralbanken in vielen Ländern etwa in China, Indien, Ghana, Saudi-Arabien, Uruguay und den USA weiter, aber mit abnehmendem Elan. Die EZB gehört zu denen, die die digitale Währung noch vorantreiben. Auf den Bahamas und Jamaika, in Nigeria sowie in Kambodscha gibt es bereits E-Bargeld.

  • Schmerzliche Lücken in der Apotheke

    Wieder werden Medikamente knapp. Besonders in Deutschland

    Jedes Jahr zum Herbstanfang starten auch wieder Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Normalerweise lassen sich die saisonalen Krankheiten gut behandeln – 2022 allerdings fehlten in den Apotheken zahlreiche Medikamente. Und auch dieses Jahr könnte es Lücken geben. Großhändler wie Noweda und Phoenix warnen vor Engpässen. Vor allem Antibiotika fehlen bereits. Ein Grund ist das deutsche Gesundheitssystem.

    Die Apotheker sind besorgt: „Wir fürchten, dass sich die Arzneimittelknappheit in den kommenden Herbst- und Wintermonaten wieder verstärkt. Die Aussagen des pharmazeutischen Großhandels deuten darauf hin“, sagt Benjamin Rohrer vom Bundesverband Abda. Die Lage erinnert an den vergangenen Winter. Damals waren frei verkäufliche Mittel wie Fiebersäfte vor allem für Kinder in Deutschland fast nicht zu bekommen. Engpässe gab es auch bei verschreibungspflichtigen Medikamenten, vor allem Antibiotika, Blutdrucksenkern und Diabetesmitteln.

    Im vergangenen Herbst und Winter waren viel mehr Menschen krank als üblich, weil die Schutzmaßnahmen der Corona-Pandemie wegfielen, etwa die Maskenpflicht. Die Nachfrage vor allem bei Kinderarzneimitteln war höher als üblich. Das Angebot hielt nicht mit. Für diesen Winter sieht das Bundesgesundheitsministerium die Lage als deutlich besser an. „Bei Vermeidung von Hamsterkäufen ist die Versorgung mit Kinderarzneimitteln im Herbst-Winter 2023/2024 weitgehend gesichert“, heißt es in einem Fünf-Punkte-Plan.

    Um Engpässe zu vermeiden, steuert die Bundesregierung grundsätzlich gegen. Seit Sommer gilt ein Gesetz mit dem Kürzel ALBVVG, das einige hausgemachte Gründe beseitigen soll. Es geht vor allem ums Geld. Im vergangenen Jahr kostete Gesundheit in Deutschland 498,1 Milliarden Euro, wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat. Mehr als die Hälfte zahlten die gesetzlichen Krankenversicherungen. Und deren Ausgaben steigen. 2022 waren es 288,8 Milliarden Euro. Die Einnahmen liegen trotz erhöhter Zusatzbeiträge darunter. Der Staat schießt jedes Jahr 14,5 Milliarden Euro zu.

    Damit die Kosten nicht übermäßig zulegen, gibt es seit Jahren verschiedene Bremsen im System. So können Krankenkassen mit den Herstellern Rabattverträge aushandeln. Wer bei der Krankenkasse X versichert ist und einen bestimmten Wirkstoff benötigt, bekommt in der Apotheke dann ein Medikament der Firma Y, mit der die Kasse einen Vertrag hat. Solche Rabattverträge gelten für den größten Teil der Generika, jener Medikamente, die Firmen nach dem Ablauf des Patentschutzes günstiger herstellen können. Für den Rest gibt es eine Obergrenze, die nach Angaben des Bundesverbands der pharmazeutischen Industrie (BPI) die Preise von 2009 festschreibt. Solche Nachahmerpräparate machen rund 80 Prozent der Rezepte aus.

    Es wird knapp kalkuliert. Und wenn sich in diesem Umfeld Energie und Rohstoffe verteuern, Hersteller aber die eigenen Preise nicht anheben können, verabschieden sie sich aus dem Markt. Verstärkt wird das durch einen anderen Effekt: „In Deutschland beispielsweise schreiben Kassen viele Arzneimittel exklusiv aus, wodurch oft nur ein Anbieter berücksichtigt wird und viele andere nicht am Markt und an der Versorgung teilnehmen können“, sagt Andreas Aumann vom BPI. Und so waren im vergangenen Winter etwa in niederländischen Apotheken Arzneimittel zu finden, die es in Deutschland nicht mehr gab.

    Die Preisbremsen haben aus Sicht der Apotheker und der Industrie auch dem Produktionsstandort Deutschland geschadet. „Wegen der Rabattverträge haben sich die Hersteller beim Preis unterboten. Irgendwann war es für die Generika-Firmen nicht mehr interessant, hierzulande herzustellen“, sagt Abda-Sprecher Rohrer. „Jetzt kommen die meisten Bestandteile der Fertigarzneimittel, besonders die Wirkstoffe, aus Asien, wo billiger produziert werden kann.“

    In Zeiten friedlichen Welthandels war die internationale Arbeitsteilung für alle von Vorteil. Seit 2022 gilt: „Generell sind die globalen Lieferketten in Zeiten geopolitischer Spannungen und Pandemien sehr instabil“, sagt BPI-Sprecher Aumann. „Dadurch kann es kurzfristig immer wieder zu Lieferschwierigkeiten kommen.“ Das betrifft alle europäischen Staaten gleich. Deshalb setzt sich die Bundesregierung für eine gemeinsame Lösung mit den EU-Partnern ein, wie ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums sagt. Es geht unter anderem darum, zusätzliche Lieferanten zu finden und Fabriken in Europa zu halten oder wieder anzusiedeln.

    Solche Ansätze enthält auch das ALBVVG von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). So sind für Kinderarzneimittel zum Teil die Festbeträge aufgehoben, Rabattverträge gestrichen. Das Gesetz gibt Apothekern mehr Freiheit, gleichwertige Medikamente abzugeben, wenn das verschriebene nicht lieferbar ist. Und es sieht mehr Lagerung vor, wobei unklar ist wie etwas gelagert werden soll, wenn schon gar nicht beschafft werden kann.

    „Wir haben durchaus den Eindruck, dass die Politik und auch der Minister diese dringenden Probleme erkannt hat, bisher waren die Lösungsansätze aber viel zu zaghaft und können so den zunehmenden Engpässen nicht hinreichend entgegenwirken“, erklärt BPI-Sprecher Aumann. Auch die Apotheker sind skeptisch: „Das Gesetz hat richtige Ansätze. Es wirkt aber erst in einigen Jahren richtig. Bis eine Fabrik gebaut ist und die Arzneimittel in den Markt kommen, dauert es mehrere Jahre.“ Bis dahin fordern die Apotheken maximale Freiheit beim Austausch von lieferbaren gegen nicht-lieferbare Medikamente. Und mehr Geld für den „enormen Mehraufwand beim Management der Lieferengpässe“.

    Die Kassen, die zahlen müssen, sind wenig begeistert. Der Verband der Ersatzkassen, in dem unter anderem TK, Barmer und DAK organisiert sind, sieht vor allem steigende Kosten, aber keine bessere Versorgung. In einer Stellungnahme heißt es: Mit dem Gesetz würden „die Versicherten und Arbeitgeber werden mit Ausgabenrisiken in Milliardenhöhe belastet“.

  • Bis zum Totalverlust

    Was bei Kryptowährungen zu beachten ist

    Im vergangenen Jahr hat die Pleite der Kryptobörse FTX das Vertrauen vieler Anleger in die Branche erschüttert. Milliarden Kundeneinlagen sind verschwunden. Gründer und Ex-Chef Sam Bankman-Fried steht deshalb jetzt in den USA vor Gericht. Die Börsenaufsicht dort geht gegen andere Anbieter vor. Und die EU hat gerade die gesamte Branche reguliert. Lohnen sich Kryptowährungen als Anlage? Und was muss der Sparer beachten? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Was ist eine Kryptowährung?

    Eine Kryptowährung ist ein virtueller Wert. Mit einigen dieser Werte kann auch bezahlt werden, weil Geschäfte oder Banken sie akzeptieren. Kryptografie beschäftigt sich in der Informatik mit Verschlüsselungstechnologien. Sie sind wichtig, um die virtuellen Werte zu sichern und auch zum Teil erst zu erschaffen. Der Begriff Währung ist irreführend, weil hinter der Kryptowährung keine Notenbanken oder Staaten stehen, die den Wert garantieren. Der Begriff hat sich aber durchgesetzt.

    Seit wann gibt es Kryptowährungen?

    2009 veröffentlichte Satoshi Nakamoto die Software und die Theorie zum Bitcoin. Ziel war eine dezentrale Währung ohne Notenbanken oder den Einfluss anderer Gruppen. Satoshi Nakamoto ist ein Pseudonym. Wer sich dahinter verbirgt, ist nicht bekannt. Der Bitcoin wird anhand immer komplizierter werdender Aufgaben errechnet. Die Gesamtmenge ist auf rund 21 Millionen begrenzt. Diese erste Kryptowährung ist heute am meisten verbreitet. Zweitgrößte ist inzwischen Ether. Wie viele Kryptowährungen im Umlauf sind, ist unklar. Experten schätzen sie auf weit mehr als 20.000 weltweit. Nicht alle werden auf Börsen gehandelt. Ausgeben kann sie praktisch jeder, der die Technik beherrscht.

    Welche Arten gibt es?

    Ganz grundsätzlich arbeiten Kryptowährungen mit einem von zwei Ansätzen: Sie werden berechnet wie Bitcoin oder sie orientieren sich an anderen Werten, sind etwa 1:1 mit dem Dollar gekoppelt. Diese sogenannten Stablecoins (englisch: Stabile Münzen) sollen sicherer sein. Die Koppelung ist aber nicht garantiert.

    Wo komme ich dran?

    Am einfachsten lassen sich Kryptowährungen über spezielle Börsen kaufen. Die größte weltweit gemessen am Umsatz ist Binance. In Deutschland sind etwa die Börse Stuttgart mit BSDEX und der App Bison sowie bitcoin.de der Frankfurter Futurum Bank dabei. Verwahrung und technische Abwicklung werden den Kunden dabei abgenommen. Auch manche Banken und Zahlungsabwickler bieten an, Kryptowährungen zu erwerben und aufzubewahren, etwa Paypal (USA).

    Wie sicher sind Kryptowährungen und -börsen?

    In der Kryptowelt herrscht eine gewisse Skepsis, staatlichen Institutionen gegenüber. Und damit auch vor staatlicher Kontrolle. Was Unabhängigkeit verspricht, ermöglicht auch Scharlatanen, Geld zu machen. So verloren Anleger mit der Kryptowährung OneCoin viel Geld. Ermittler weltweit sehen in ihr ein Schneeballsystem. Einer der Initiatoren wurde wegen unter anderem wegen Betrugs zu 20 Jahren Haft verurteilt. Die Pleite der FTX im vergangenen Jahr kostete Anleger ebenfalls Milliarden. Die angeblich verwahrten Kundeneinlagen nutzte das Unternehmen für andere Geschäfte. Gründer Bankman-Fried drohen mehr als 100 Jahre Strafe.

    Wie lange schauen sich staatliche Stellen das an?

    Die Europäische Union hat im Juli erstmals einheitliche Regelungen erlassen. Die Anleger sollen so besser geschützt werden. Für Kryptobörsen, die in der EU handeln wollen, ist eine Genehmigung nötig, ebenso für Herausgeber einer neuen Kryptowährung. Vorgesehen sind Strafen für Insiderhandel und Marktmanipulation. Zudem soll es eine schwarze Liste der Firmen geben, die sich nicht an die neuen Regeln halten. Das Mica (Markets in Crypto-Assets, Kryptomärkte) genannte Gesetzespaket gilt als wegweisend. Teile gelten bereits am Juli 2024, vollständig tritt es Anfang 2025 in Kraft. In den USA gehen unter anderem die Aufsichtsbehörden SEC und CFTC unter anderem gegen Binance vor. Sie werfen dem Handelsplatz vor, keine Lizenz für den Handel bestimmter Produkte zu haben. In Deutschland ergibt die Finanzaufsicht Bafin bereits heute Lizenzen für Firmen, die Kryptowährungen verwahren wollen. Blocknox der Stuttgarter Börse etwa besitzt eine, die Deutsche Bank hat eine beantragt.

    Eignen sich Kryptowährungen als Geldanlage?

    Wer Bitcoin 2010 zum Start gekauft hat, zahlte weniger als 0,07 Cent. Am 9. November 2021 war ein Bitcoin fast 69.000 Dollar wert. Sagenhafte Gewinne sind also möglich, was nur im Nachhinein zu erkennen ist. Derzeit kostet ein Bitcoin dem Onlineportal Coinmarketcap zufolge allerdings nur etwas mehr als 27.000 Dollar. „Für einen normalen Anleger, der langfristig sparen möchte und auf Rendite setzt, ist eine Kryptowährung nicht geeignet“, sagt Simeon Gentscheff, Experte für Kryptowährungen bei Finanztest. „Sie ist eine sehr spekulative Anlageform und schwankt sehr stark. Wer in Kryptowährungen anlegt, muss bereit sein, auch sehr hohe Verluste bis hin zum Totalverlust in Kauf zu nehmen.“ Und: „Es gibt keine Garantie für Rendite.“ Am weitesten verbreitet sind mit Abstand Bitcoin und Ether.

    Was sollten Anleger beachten?

    „Wer sich entschieden hat, eine Kryptowährung zu kaufen, sollte schauen, ob die Handelsplattform mit einem Verwahrer zusammenarbeitet, der eine Lizenz der Bundesfinanzaufsicht besitzt“, sagt Finanztest-Experte Gentscheff. „Wichtig ist auch, sich vorher über die Kosten von Kauf und Verkauf sowie eventuell anfallende Verwahrentgelte zu informieren.“

  • Richtig

    Zur NRW-Wende im Cum-Ex-Fall

    Systematisch haben Banken und Investoren den deutschen Staat jahrelang um Milliarden betrogen. Die Abteilung H der Kölner Staatsanwaltschaft arbeitet seit Jahren hartnäckig daran, den sogenannten Cum-Ex-Skandal juristisch aufzuarbeiten. Statt sich mit den Erfolgen zu schmücken und die Abteilung zu unterstützen, hat Nordrhein-Westfalens Justizminister Benjamin Limbach mindestens ungeschickt gehandelt, als er mit einer Reform die Arbeit der Staatsanwaltschaft verbessern wollte. Tatsächlich hätte sie die Arbeit der Ermittler deutlich behindert. Dass er jetzt davon ablässt, ist richtig.

    Cum-Ex-Fälle sind kompliziert, oft sind mehrere Banken und Finanzinvestoren beteiligt. Die, die in den Instituten mit dem Thema zu tun hatten, reden wenig, wenn sie gefunden werden. Material ist nur schwer sicherzustellen. Die Staatsanwälte müssen eng zusammenarbeiten, sich in Kleinarbeit mühsam einen Überblick verschaffen.

    Mehr Staatsanwälte, die das Geschäftsgebaren der Banken durchleuchten, sind in solch einer Lage sicher hilfreich. Wenig hilfreich ist, eine weitere Abteilung mit zusätzlicher Führungsstruktur aufzubauen, wie Limbach plante. Die Kommunikation leidet, womöglich ermitteln beide Abteilungen unterschiedlich oder gar parallel in denselben Fällen. Im schlimmsten Fall gibt es einen Wettstreit der Abteilungen, wer denn besser ist – zu Lasten des Inhalts.

    Derzeit hat die Abteilung H 36 Stellen. Wenn der Minister etwas verbessern will, sollte er sie aufstocken und die Beschäftigten von anderen Aufgaben freistellen, damit sie sich darauf konzentrieren können, Steuerbetrüger ausfindig zu machen und Geld zurückzuholen. Das lohnt sich für den Staat, diejenigen, die ehrlich Steuern zahlen, und letztlich auch für den Minister.

  • Wo der Goldbear vom Band hüpft

    Haribo will in den USA wachsen. Ein seltener Blick ins neue Werk

    Vom Flughafen Chicago zur Fabrik sind es gut 70 Kilometer nach Norden. Interstate 94, acht Spuren, links und rechts Gewerbe, Bäume, ein Freizeitpark, sehr viel flaches Land. Kurz hinter der Grenze nach Wisconsin erhebt sich dann linker Hand die graue Halle mit dem gut 30 Meter hohen Haribo-Schriftzug. Drumherum Rasen, so grün wie die Goldbären aus der US-Tüte. 12488, Goldbear Drive, Pleasant Prairie, Wisconsin – willkommen in der modernsten Fabrik des deutschen Familienunternehmens. Und im wohl größten Markt der Welt für Süßigkeiten, den Haribo gerade erobert.

    Hakan Zar steht in der Halle, gut zwei Fußballfelder lang und eines breit, und testet die noch lauwarmen glänzenden Goldbears, die hier vom Band hüpfen. Er lächelt. Der Geschäftsführer Produktion und Technik von Haribo of America ist einer derjenigen, die wissen, wie ein neuer Standort schnell auf Hochtouren gebracht wird. Jahrelang hat er im Werk Istanbul gearbeitet, 2021 zog er mit der ganzen Familie in die USA. Wann gilt es schon einmal, ein Werk auf einem neuen Kontinent aufzubauen?

    Bisher lieferte Haribo unter anderem aus dem Stammwerk im rheinland-pfälzischen Grafschaft Goldbears über den Atlantik, zusammen mit anderen Süßigkeiten gut 4000 Container jedes Jahr. Doch die Amerikaner sind offenbar dem Lächeln der Bären verfallen, dem Zucker oder der Verkaufsstrategie, denn schließlich geht es hier ums Geld verdienen. Sie wollen jedenfalls mehr, trotz Preiserhöhungen, so dass sich aus Sicht des Unternehmens eine Fabrik in den USA rechnet. 2019 kauften die Deutschen das Land, damals noch Felder. 2020 begann der Bau. Im selben Jahr schloss das Haribo sein Werk in Sachsen, zu klein, zu veraltet, wenig Wachstumschancen. Ganz anders als hier in den Weiten Wisconsins.

    „Das Werk ist aufgebaut wie unsere anderen Werke auch“, sagt Hakan, während er einen Goldbear kaut. „Entscheidend sind die Menschen. Die sind sehr engagiert. Sie wollen dieselbe Qualität wie in Deutschland. Und sie wollen schnell sein.“ John Veidt zum Beispiel, der neben Hakan steht. Der Werksleiter erzählt, wie er am 7. Juli 2021 den Schlüssel zum leeren Gebäude bekam. Dass die Kollegen nicht glaubten, sie könnten Anfang Dezember 2022 starten. „Sind wir aber. Wir haben noch alles von Hand angemischt, aber wir haben die ersten Goldbären hergestellt.“

    Besonders stolz sind Hakan und John, weil der erste reine Goldbear auf die Woche genau 100 Jahre nach dem legendären ersten „Tanzbären“ des Firmengründers Hans Riegel vom Band lief. Wobei Riegel seine Bärenform noch ruhig in der heimischen Küche in Stärke drückte und dann die Frucht-Mischung eingoss. Hier in der hellgrauen Halle – rund 6800 Kilometer entfernt von Bonn und ein gutes Jahrhundert später – herrscht der Takt der edelstahlgrauen Hochpräzisionsmaschinen, intern Mogul genannt. Bären stempeln, Masse einspritzen, Bären stempeln, Masse einspritzen. Am Ende der Anlage nimmt ein Roboter die Stärke-Paletten mit frischen Bären ab und fährt sie zum Abkühlen. Über allem hängt der Geruch von warmem Zucker. Und schon nach wenigen Monaten überzieht eine feine weiße Stärkeschicht fast alles in der Halle.

    Die Fabrik liefert derzeit 30 Millionen Goldbären pro Tag, die anderen 15 Werke zusammen weitere 160 Millionen. Die Rezepturen sind im Wesentlichen überall gleich. Doch im US-Markt tritt der Goldbär in fünf Sorten auf statt in sechs wie im Rest der Welt. Es gibt keinen Apfel. Dafür schmeckt der grüne nach Erdbeere. Und auch die Farben der Tierchen, die da vor Werksleiter John und Produktionschef Hakan springen, sind deutlich bunter als im Rest der Welt – die Amerikaner mögen’s gern knallig.

    „Die USA sind der wichtigste Markt außerhalb Deutschlands und Nummer zwei nach unserem Heimatmarkt“, sagt Herwig Vennekens, Geschäftsführer Marketing und Vertrieb der deutschen Haribo-Holding. Er sitzt im Konferenzraum der US-Zentrale, 7. Stock eines Bürogebäudes mit Blick zum Chicagoer Flughafen O’Hare. „Unser Marktanteil in den USA beträgt etwa 20 Prozent. In Deutschland sind es knapp 60 Prozent. Aber die Zahl der Haushalte in Amerika ist deutlich höher.“ Und die Wachstumschancen sind größer.

    „Der Fruchtgummimarkt in den USA umfasst derzeit 2,7 Milliarden Dollar jährlich und er wächst“, sagt US-Chef Rick LaBerge, der drahtig durch den Raum läuft. „Gleichzeitig gewinnen wir Marktanteile.“ Nummer 1 sind sie inzwischen, vor sechs Jahren war es noch Platz 10. Die Konkurrenten heißen etwa Mars Wrigley, Mondelez und Hershey aus den USA sowie Ferrero aus Italien, Multi-Milliarden-Konzerne und deutlich größer als Haribo, das sich bei konkreten Zahlen seit Jahren zurückhält. Branchenexperten schätzen den Umsatz auf weltweit mehr als drei Milliarden Euro.

    Seit 1982 ist Haribo in Amerika auf dem Markt. In Chicago, weil die Metropole am Lake Michigan als Süßigkeiten-Hauptstadt gilt. Entsprechend ist Fachpersonal zu bekommen. Dass Geschäft lief, aber erst in den vergangenen Jahren startete das Unternehmen richtig durch. Von 2017 bis 2022 gab es ein Umsatzplus von mehr als 100 Prozent. Für 2023 rechnet Rick mit 568 Millionen Dollar (540 Millionen Euro) – erstaunlich offen für Haribo. Und: „Wir planen, den Umsatz in den nächsten fünf, sechs Jahren zu verdoppeln.“

    Ohne eigene Produktion ist das kaum möglich. Gut 300 Millionen Euro hat das Unternehmen in die Fabrik gesteckt. Wobei bereits jetzt klar ist: „Die Nachfrage in den USA ist so groß, dass andere Haribo-Werke beispielsweise aus Deutschland, Spanien, Türkei und Brasilien uns weiter beliefern werden“, sagt Rick. Ist das Werk schon zu klein?

    Am Goldbear Drive ist genug Platz, um anzubauen. Vom Werk zur nächsten Straße sind es mehrere hundert grasige Meter. Aber bis eine zweite Fabrik kommt, wird es noch dauern. „Wir sind in jeder Region der Welt in den letzten Jahren mit zweistelligen Prozentzahlen gewachsen. Deshalb planen wir Erweiterungen unserer Kapazitäten“, sagt Konzern-Vertriebschef Vennekens. „Die nächste neue Fabrik bauen wir in der Türkei, ein neues Werk neben dem bestehenden in Istanbul.“

    Zudem ist die Produktion im US-Werk noch nicht vollständig hochgefahren, trotz des Tempos, das Hakan, John und die gut 200 Beschäftigten der Fabrik vorlegen – die Hälfte der stark wachsenden US-Belegschaft. Bereits jetzt fertigen die Anlagen im Stakkato Bären. Im kommenden Jahr soll die Kapazität verdoppelt werden. Dann will John auch Twin Snakes herstellen, Paare aus süßen und sauren Schlangen, das zweitwichtigste Produkt. Derzeit kommt es noch aus Deutschland.

    Auch im Erdgeschoss der Fabrik hängt immer noch der Zuckergeruch, dabei geht es hier nur um Verpackung. Es klackert laut, wenn die Bären an einer Art Edelstahl-Karussell gewogen werden und portioniert genau dann fallen, wenn die Maschine die Tüte aus einer bedruckten Folienbahn faltet und verschweißt. 816 Gramm im Sekundentakt. John steht am Förderband. Neben ihm tanzt das zackige Ballett der Saugroboterarme: Tüte anheben, schwenken, ablegen, anheben, schwenken, ablegen. Kartons falten, kleben, stapeln. Und dann kommt der Gabelstapler und bringt die gefüllte Palette ins Lager.

    Von einer anderen Verpackungsmaschine laufen kleine Tüten mit jeweils wenigen Bären. Das Format ist gerade wegen Halloween gefragt. Am 31. Oktober sind sehr viele verkleidete Kinder auf der Suche nach Süßigkeiten, deutlich mehr als in Europa. Gut 500 kommen allein bei US-Chef Rick zu Hause vorbei, was vielleicht auch daran liegt, dass in der Nachbarschaft bekannt ist, wo er arbeitet.

    Um auf den Ansturm vorbereitet zu sein, kaufen Amerikaner deshalb Riesenbeutel mit teils mehr als 300 kleineren Tüten voller Süßigkeiten. In diesem Jahr ist Haribo gelungen, in Beuteln des Hershey-Konzerns neben Mini-Schokoriegeln verpackt zu werden. Es zeigt die Macht, die Haribo inzwischen im US-Markt hat. Und es verspricht gutes Geschäft. Wie auch Weihnachten, Valentinstag und Ostern. Und das ganz normale Marktwachstum. Aus Sicht von Rick geht jedenfalls noch mehr: „Wir sind erst am Anfang der Reise in den USA.“

  • Bitteres Jahr für Sparer

    Geldvermögen weltweit schrumpfen. Besonders Deutsche verlieren Geld

    Für Deutschlands Sparer hat sich das vergangene Jahr nicht gerechnet. Das Geldvermögen der Bundesbürger schrumpfte kräftig, mehr noch als in der Finanzkrise 2008 und stärker als das globale Geldvermögen, wie der Allianz Global Wealth Report zeigt. Die Chancen, dass es 2023 besser läuft, sind groß: Die Deutschen deckten sich in einem Maße mit Wertpapieren ein, wie nie zuvor – langfristig hat sich solch ein Verhalten bisher ausgezahlt.

    Von einem Jahr des Schreckens sprach Ludovic Subran, Chefvolkswirt der Allianz. Das globale Geldvermögen sei um 2,7 Prozent geschrumpft – der stärkste Rückgang seit der Finanzkrise 2008. Damals betrug das Minus 7,8 Prozent. Das Geldvermögen weltweit bezifferte er zum Stichtag 30. September 2022 auf rund 233 Billionen Euro.

    Für Deutschland errechneten die Experten ein Minus von 4,9 Prozent – mehr als in der Finanzkrise. Damals verloren die hiesigen Sparer nur 4,5 Prozent. Insgesamt haben die Bundesbürger demnach 7,5 Billionen Euro gespart. Zum Geldvermögen zählen Bankeinlagen wie Tagesgeldkonten, Wertpapiere und Fonds sowie Versicherungen, zum Beispiel ein Riestervertrag. Nicht eingerechnet sind Immobilien und staatliche Rentenansprüche.

    Nach dem Ende der Corona-Pandemie erholten sich die Volkswirtschaften rund um die Welt. Die Nachfrage nach Produkten stieg, das Angebot konnte nicht mithalten, die Preise zogen an. Der Angriff Russlands auf die Ukraine und die folgende Unsicherheit trieb die Preise weiter. In der Folge erhöhten die Notenbanken die Leitzinsen kräftig, um die Inflation einzudämmen. Die Aktienmärkte brachen teilweise ein, auch Zinspapiere wie staatliche Anleihen verloren an Wert – allerdings nur auf dem Papier. Wer nicht verkauft hat, konnte inzwischen wieder steigende Kurse sehen.

    Die deutschen Anleger, lange sehr sicherheitsbedacht, haben in den vergangenen Jahren die Aktie für sich entdeckt. Allein 2022 investierten sie mehr Geld in solche Papiere als alle anderen Westeuropäer zusammen, wie Arne Holzhausen, Leiter Insurance and Wealth Markets bei der Allianz sagte. „Die Deutschen sind Kapitalmarktfans geworden.“ Das bietet gute Chancen auf künftige Vermögensgewinne. Denn langfristig lagen die Aktienmärkte deutlich im Plus.

    Bereits für 2023 erwartet die Allianz, dass die weltweiten Geldvermögen um sechs Prozent wachsen. Die Kapitalmärkte seien bisher gut gelaufen, sagt Holzhausen. Allerdings rechnen die Experten mit einer weltweiten Inflation von ebenfalls sechs Prozent. Das bedeutet: Ende 2023 können Sparer für ihr dann gestiegenes Geldvermögen genauso viel kaufen wie Ende 2022, weil alles teurer geworden ist. Für Deutschland rechnen die Autoren des Reports mit einem Vermögensplus von drei Prozent.

    Die Schulden weltweit sind dem Report zufolge 2022 noch um 5,7 Prozent gestiegen, deutlich weniger als in den Jahren zuvor. Wegen der hohen Zinsen überlegen sich viele Menschen, ob sie einen Kredit aufnehmen sollten. Insgesamt waren die Menschen mit 55,8 Billionen Euro verschuldet. Für Deutschland gibt der Berichte 2,2 Billionen Euro an.

    Über das größte Geldvermögen verfügten wie 2021 auch die Amerikaner. Nach Abzug aller Schulden hatten sie pro Kopf 251.860 (Vorjahr: 259.780) Euro gespart. Auf Rang 2 folgt die Schweiz mit 238.780 (237.110) Euro vor Dänemark 163.380 (183.610) Euro. Deutschland stand auf Rang 19 mit 63.540 (69.290) Euro – hinter Österreich und vor Malta. China steht mit 15.960 (15.400) Euro auf Rang 34.

    Weltweit den größten Anteil am Geldvermögen haben die USA: Fast die Hälfte (47,4 Prozent) liegt in Aktiendepots, Pensionskassen und Wertpapieren der Amerikaner. Der Wert hat sich in den vergangenen 20 Jahren nicht verändert – für Holzhausen ein Zeichen, welche „enorme Geldmaschine die US-Wirtschaft“ ist. Großer Gewinner in der Langzeitbetrachtung ist China. Das Land habe einen beispiellosen Aufstieg erlebt, sagte Holzhausen. So stieg der Anteil am Weltgeldvermögen von etwa 2,3 Prozent 2002 auf 14,1 Prozent 2022. Anteile abgeben mussten vor allem Westeuropa und Japan.

    Besonders bei den Reichen legte China zu. 2002 ließ sich kaum messen, wie hoch der Anteil an Chinesen unter den sehr Reichen war. 2022 waren es 21,9 Prozent. Ein beispielloser Sprung, wie Holzhausen sagte. Die meisten sehr Reichen waren im vergangenen Jahr Amerikaner, 20,3 Prozent Westeuropäer.

    Die Ungleichheit weltweit hat sich dem Report zufolge in den westlichen Industrieländern in den vergangenen 20 Jahren kaum verändert. Gestiegen ist sie vor allem in Schwellenländern wie Russland China, Mexiko und Brasilien, gesunken in Südkorea, der Türkei, Irland und Peru. In den Industrienationen, auch in Deutschland hat sich wenig getan. Beunruhigend nannte das Allianz-Experte Holzhausen, schließlich sei die Ungleichheit das große soziale Thema. Der Handlungsspielraum der Politik sei in den vergangenen Jahren eher kleiner als größer geworden.

    Die Allianz nutzt für den Report offiziell verfügbare Daten etwa von Zentralbanken. In manchen Schwellenländern ziehen die Experten auch Bankbilanzen, Zahlen von Versicherern und Fonds sowie Daten über die regionalen Aktienmärkte heran und berechnen daraus das Geldvermögen. Länder, in denen die Datenlage unsicher ist, werden nicht erfasst. Insgesamt untersucht der Report 60 Länder.

  • Bitte reden!

    Zum Chemiegipfel in Bonn

    Kommende Woche treffen sich in Bonn Konzerne, Umweltverbände und Politiker aus aller Welt, um über krankmachende Chemie zu sprechen – wieder einmal. Warum wird dermaßen viel geredet? Wenn die Stoffe giftig sind, sollten sie verboten werden. Fertig. Aber so einfach ist es nicht.

    Grundsätzlich kommen wir ohne Chemie nicht aus. Sehr viele Stoffe sind nützlich. Ohne sie würde Regen nicht von Jacken abperlen, die gleichzeitig frische Luft durchlassen. Chemie steckt in Autos, Cremes, lebensmittelechten Verpackungen, Matratzen. Und die sollten bereits jetzt frei sein von giftigen Stoffen.

    Bei vielen Chemikalien sind Wissenschaftler uneins, ob und wie gefährlich sie sind, etwa beim Pflanzenschutzmittel Glyphosat. Ersatzstoffe sind zudem weniger wirksam. Und ob diese allein oder im Mix mit anderen Chemikalien gefährlich sind, ist auch nicht sicher. Außerdem gibt es nicht überall dieselben Schädlinge. Wirkstoffe, die sich in Europa einfach verbieten ließen, sind vielleicht in Afrika unumgänglich, um die Ernten zu schützen. Mancher Stoff zum Beispiel aus der Gruppe der umstrittenen Ewigkeitschemikalien PFAS ist zwingend nötig, um Medikamente oder Dichtungen herzustellen, im Endprodukt aber nicht enthalten. Ohne den Stoff kein Produkt.

    Jedes Verbot muss auch kontrolliert werden. Nicht alle Länder weltweit können das gewährleisten. Gerade in ärmeren Staaten sind andere Aufgaben wichtiger, zum Beispiel die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Auch Korruption verhindert oft wirksame Kontrollen.

    Und bei allem gilt: Wenn Länder Verbote nicht mittragen oder ignorieren, nützen sie auch nichts. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis das hochgiftige Schädlingsbekämpfungsmittel DDT weltweit aus dem Verkehr gezogen wurde. Es ist also kompliziert. Und deshalb muss viel geredet werden.