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  • Skandale gibt es trotz Kontrollen

    Zu wenig Kontrolleure und kein Mittel gegen Kriminalität

    Mit dem Dioxinskandal wird auch wieder über Art und Umfang der Kontrollen in Deutschland debattiert. Die Forderungen nach einer besseren Überwachung werden wieder lauter. Wie steht es also um die amtlichen Prüfungen?

    Die Kontrolle von Lebens- oder Futtermitteln liegt in den Händen der Bundesländer. Sie müssen mehr als eine Million Betriebe im Blick behalten. Die Bandbreite der Firmen ist groß und reicht von der Tierfutterindustrie über die Landwirte bis hin zu Nahrungsmittelherstellern, Restaurants und Imbissbuden. Der großen Zahl von Betrieben steht mit 2.500 Prüfern eine vergleichsweise kleie Zahl von Kontrolleuren gegenüber. Der Verband der Lebensmittelkontrolleure schlägt in diesen Tagen nicht zum ersten Mal Alarm. "Uns fehlen bis zu 1500 Kontrolleure, um spürbaren Überwachungsdruck auf die Branche ausüben zu können", kritisiert Verbands-Chef Martin Müller. Mitunter muss sich ein Prüfer um 1.200 Firmen kümmern.

    In den Bundesländern nehmen die Lebensmittelüberwachungs- und Veterinärämter die Kontrollaufgaben wahr. Nach den Gammelfleischskandalen der letzten Jahre hat es dabei deutliche Verbesserungen gegeben. So wurde eine zusätzliche Sicherheitsbarriere eingezogen, die sich im aktuellen Fall der Dioxinfunde als hilfreich erweist. Tierfutterhersteller oder Nahrungsmittelproduzenten müssen die Qualität der von ihnen eingesetzten Rohstoffe selbst kontrollieren und Buch über den Kauf von Rohwaren oder Zutaten führen. Bedenkliche Messwerte müssen den Behörden gemeldet werden. Auf diese Weise wurden die Behörden auch über die Dioxinbelastung infomiert. Die Dokumentationspflichten helfen dabei, die Herkunft und den Verbleib möglicherweise gesundheitsgefährdender Erzeugnisse schnell zu klären.

    Im aktuellen Fall führte die Dokumentation zur Ermittlung von bisher 4.700 Betrieben, die mit verseuchtem Tierfutter beliefert wurden. Sie wurden gesperrt, dürfen ihre Produkte also nicht mehr verkaufen, bis sie untersucht worden sind. „Der vorsorgende Verbraucherschutz hat Vorrang“, verteidigt das Bundesverbraucherministerium das Vorgehen, das insbesondere bei den Landwirten hohe Verluste verursacht. Für den Schaden muss am Ende der Verursacher haften. Am kommenden Montag will das Ministerium zusammen mit den landwirtschaftlichen Verbänden und Verbraucherschützern über Wege zur Schadensregulierung sprechen.

    Als Folge vergangener Skandale wurden auch die Informationsrechte der Behörden erweitert. Sie dürfen nun auch die Namen der betroffenen Unternehmen nennen. Das geschah in diesen Tagen zum ersten Mal. Doch Verbraucherschützer sind mit dem Überwachungssystem noch immer nicht zufrieden. Sie kritisieren fehlende Informationen für die Konsumenten darüber, welche Eier oder welches Fleisch mit Dioxin belastet ist. Sie verlangen daher weitergehende Informationspflichten der Ämter.

    Mit zusätzlichen Kontrollen können jedoch nicht alle Probleme gelöst werden. Wenn zum Beispiel Futtervorlieferanten bewusst und geheim zur Tierzucht ungeeignete billige Rohware einsetzen, weil so große Gewinne möglich werden, helfen Kontrollen nur bedingt.

  • Abnehmen per Mausklick

    Immer mehr Menschen setzen auf Online-Diäten/ Die lassen durchaus die Pfunde purzeln

    „Mit dem Abnehm Coach zur Traumfigur“, „Jetzt purzeln die Pfunde“ oder „Spielend abnehmen und gesund bleiben“: Online-Diäten locken mit allerlei Werbesprüchen. Die Abspeckprogramme liegen voll im Trend und können beim Loswerden lästiger Pfunde tatsächlich helfen. Doch nicht jede Internet-Kur bietet ein gutes Konzept und guten Service. Und: Für eine langfristige Ernährungsumstellung braucht es etwas mehr als nur digitalen Rat.

    „Manch einer hat mit einer Online-Diät schon 50 oder 60 Kilogramm abgenommen“, sagt Diätexperte und Buchautor Sven-David Müller. Und das funktioniert in der Regel so: Die Nutzer loggen sich für einige Euro im Monat in das Internetportal ein, das dann in punkto Ernährung, Bewegung und Lebensstil berät, Menü- und Trainingspläne ausspuckt und die Teilnehmer in Foren zusammenbringt. Hier und da gibt es sogar Expertenrat.

    Die digitalen Abspeckhilfen können durchaus punkten. Sie nützen Menschen, die es problematisch finden, in einer Gruppe abzunehmen. „Die Teilnehmer bleiben anonym und entgehen der Situation, dass jeder mitbekommt, wenn sich bei ihnen keine Abnehmerfolge einstellen oder sie vielleicht sogar noch ein paar Pfunde zulegen“, erläutert Autor Müller. Ein Chat ersetzt allerdings nicht die individuelle Beratung, warnt er.

    Auf die individuelle Beratung hat auch die Stiftung Warentest geachtet, als sie für die aktuelle Januarausgabe ihres test-Heftes zehn Online-Diäten unter die Lupe nahm. Das Fazit: Bei fast allen Portalen ist ein Gewichtsverlust wahrscheinlich – vorausgesetzt, der Nutzer macht aktiv mit. Eine gute individuelle Ernährungsberatung gibt es allerdings nur von drei Programmen: vom Testsieger eBalance der insgesamt „gut“ abschneidet, dem Drittplazierten „guten“ Abnehmcoach xx-well.com und Vida Vida mit der Gesamtnote „Befriedigend“. Auf dem zweiten „guten“ Platz landet das kostenlose Internetangebot der Apotheken Umschau. In punkto individueller Ernährungsberatung schneidet das Diätprogramm allerdings nur „ausreichend“ ab.

    Auch die Ernährungsberaterin Jutta Kamensky kann den digitalen Helfern durchaus etwas Positives abringen. „Sie können Abnehmwilligen helfen, die hier und da mal zu viel essen und zwei oder drei Kilo zu viel mit sich herumtragen“, sagt sie. Auch für Menschen, die nicht wüssten, wie sie Lebensmittel richtig zubereiten sollen, seien die Internet-Diäten hilfreich. Die meisten Betroffenen hätten jedoch ernsthaftere Probleme. Übergewichtigen mit einer langen Gewichtsgeschichte etwa oder Menschen die bei Stress oder Einsamkeit essen, nützten Online-Diäten reichlich wenig. Vielmehr benötigten sie eine Beratung durch einen Experten.

    Ähnlich sieht dies auch Diätassistent Müller: „Alleine abnehmen ist ausgeschlossen“, erläutert er und prescht mit einem Gedanken vor, den niedergelassene Ernährungsberater wohl nicht so gerne hören mögen: Ob ein Online-Programm oder eine Person beim Abnehmen hilft, ist gleichgültig. Auf jeden Fall braucht es den Dialog und ganz viele Informationen von außen. „Wer abnehmen möchte, sollte sich Rat von Experten holen, egal ob im Chat oder im richtigen Leben“, sagt Müller. „Wer dazu noch ein Buch zur Hand nimmt und sich mit Gleichgesinnten austauscht, ist auf dem richtigen Weg.“

    Zahl der Woche:

    Bis zu seinem 50. Geburtstag hat der Mensch im Schnitt schon 92.000 Mal etwas gegessen. Das hat Ernährungsberaterin Jutta Kamensky ausgerechnet. Ihr Fazit: Bei so vielen Wiederholungen läuft Essverhalten automatisch ab. Und weil es meist schmeckt und damit einen positiven Ausgang hat, ist es schwer zu ändern.

    Spar-Tipp:

    Online-Diäten: So schützen Sie sich vor Abzockern im Netz

    Berlin (mk) – Wer sich für eine Diät per Internet entscheidet, hat die Qual der Wahl. Zahlreiche Abspeckportale tummeln sich im weltweiten digitalen Netz. Selten sind sie kostenfrei wie etwa die „Gesund abnehmen“ der Apotheken Umschau. In der Regel zahlen die Mitglieder zwischen 20 und 60 Euro für eine dreimonatige Teilnahme. Ob das Angebot wirklich etwas taugt oder ob der Anbieter seinen Nutzern nur das Geld aus der Tasche ziehen möchte, verraten folgende Kriterien:

    Im Mittelpunkt sollten die Ernährungsumstellung und Sport stehen, sagt die Stiftung Warentest. Werbung für Medikamente, Spezialprodukte oder OPs ist nicht seriös. Auch übertriebene Versprechen sind dies nicht: Lobt der Anbieter den Teilnehmern das Blaue vom Himmel und verspricht drastische Gewichtsverluste, sollte man besser die Finger vom Programm lassen. Für realistisch erachten die Warentester 0,5 bis ein Kilo weniger auf den Hüften pro Woche. Dazu sollte der Energiebedarf 1.200 Kilokalorien nicht unterschreiten. 

    Gute Abspeckhelfer fragen zudem beim Anmelden nach Alter, Gewicht, Bauchumfang und Erkrankungen und nehmen Menschen mit Essstörungen, Minderjährige und Schwangere nicht auf. Bei der Auswahl sollten Nutzer auch unbedingt darauf achten, dass das Programm in ihren beruflichen und privaten Alltag passt und die Rezepte nicht zu zeitaufwendig daher kommen.

  • Von der Leyen im Hartz-Schwitzkasten

    Bei besserer Bildungsförderung für bedürftige Kinder und beim Mindestlohn für Zeitarbeiter geht die Bundesregierung auf die Opposition zu. Ein Erfolg der Verhandlungen über Hartz IV ist aber trotzdem fraglich. SPD-Politiker Hubertus Heil: Regierung muss n

    Kleine Kompromisse beim Bildungspaket für bedürftige Kinder und beim Mindestlohn hat die rot-grüne Opposition der Bundesregierung im Rahmen der Hartz-Verhandlungen abgerungen. So stellt Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) eine Lohnuntergrenze für Leiharbeiter in Aussicht, die die FDP bislang ablehnte. Der Opposition aus SPD, Grünen und Linken reichen solche Zugeständnisse aber nicht. SPD-Fraktionsvize Hubertus Heil sagte gegenüber dieser Zeitung: „Arbeitsministerin von der Leyen hat sich bisher in der Substanz nicht bewegt.“ Heil forderte deutliche Verbesserungen beim Bildungspaket und beim Regelsatz für Hartz-IV-Empfänger.

    Erstmals seit der Bundestagswahl 2009 haben SPD und Grüne die schwarz-gelbe Koalition im Schwitzkasten. Weil die neuerliche Hartz-Reform der Zustimmung des Bundesrates bedarf, in dem Union und FDP aber keine Mehrheit mehr haben, können Landesregierungen mit sozialdemokratischer und grüner Beteiligung einige Gesetze der Bundesregierung blockieren. Ab Freitag tagt deshalb erneut der Vermittlungsausschuss zwischen Bundestag und Bundesrat.

    Das wichtigste Anliegen der Opposition betrifft das Bildungspaket. Die Regierung hat beschlossen, Kindern, deren Eltern Hartz IV bekommen, mehrere hundert Euro jährlich unter anderem für Schulausflüge, Schulessen und Unterrichtsmaterial zusätzlich zur Verfügung zu stellen. Damit diese Leistungen die richtigen Kinder erreichen und nicht verpuffen, fordert die SPD nun, in möglichst vielen Schule neue Sozialarbeiter einzustellen.

    Bei rund 40.000 Schulen würde das rund 2,4 Milliarden Euro pro Jahr kosten, heißt es in einem Schreiben des Arbeitsministeriums an die SPD-Länder, das dieser Zeitung vorliegt. Von der Leyens Urteil: zu teuer. Allerdings wäre die SPD auch mit einem Einstieg zufrieden. „Nicht alles muss sofort passieren, sondern kann auch Schritt für Schritt aufgebaut werden“, sagte Heil, „wir brauchen einen klaren Fahrplan, um flächendeckend Schulsozialarbeit zu organisieren.“ In von der Leyens Ministerium sieht man hier Verhandlungsspielraum. Bei einem anderen Punkt des Bildungpakets ist die Ministerin der Opposition immerhin schon etwas entgegengekommen: Nicht nur Kinder aus Hartz-IV-Familien, sondern auch aus Haushalten mit geringen Einkommen könnten in den Genuss der neuen Leistungen kommen.

    Beim Kern der schwarz-gelben Hartz-Reform gibt es dagegen keine Bewegung. Von der Leyen will den monatlichen Hartz-IV-Satz um fünf Euro auf 364 Euro aufstocken. SPD und Grüne zweifeln am Berechungsverfahren, sagen aber nicht, um wieviel höher die Zahlung ausfallen sollte. Heil: „Wir fordern einen fairen Regelsatz. Es geht nicht darum, Zahlen zu würfeln, sondern die Leistungen transparent zu berechnen, wie es das Verfassungsgericht verlangt.“

    Ob die Kontrahenten bald zu einem Kompromiss finden, hängt nun auch davon ab, wie sie ihre jeweilige Resonanz in der Öffentlichkeit einschätzen. Von der Leyen verfügt über ein starkes Argument, indem sie der Opposition vorwirft, die Auszahlung der zusätzlichen fünf Hartz-Euro und der neuen Bildungsleistungen zu blockieren. SPD und Grüne dagegen versuchen Punkte zu machen, indem sie die Regierung als unsozial darstellen und eine stärkere Anhebung der Sozialleistungen verlangen.

  • Der Aufschwung hält an

    Mit weiterem Wachstum und mehr Arbeitsplätzen rechnen die Berliner Ökonomen des DIW. Verbraucher geben mehr Geld aus und stabilisieren die Wirtschaft

    Die Bundesbürger können auf eine gute Wirtschaftsentwicklung in den kommenden zwei Jahren hoffen. Nach dem starken Wachstum 2010 von 3,7 Prozent, werde die Wirtschaft auch in 2011 kräftig zulegen, schätzt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Präsident Klaus Zimmermann sagte am Dienstag, vermutlich werde die deutsche Ökonomie 2011 um 2,2 Prozent wachsen.

    Für die Arbeitnehmer heißt das, dass die Arbeitslosigkeit weiter sinken wird – allerdings nicht mehr so schnell wie in den vergangenen Monaten. Die Zahl der Arbeitslosen werde um drei Millionen herum schwanken, prognostiziert das DIW. Damit betrachten die Berliner Forscher die Lage im Vergleich zu vielen Kollegen eher skeptisch. So rechnet das gewerkschaftsorientierte Institut für Makroökonomie (IMK) mit besseren Werten: 2,5 Prozent Wachstum und weniger als drei Millionen Arbeitslose in diesem Jahr.

    Weil sich die Leute keine großen Sorgen um ihre Arbeitsplätze machen müssten, sei „die Stimmung der Konsumenten gut“, sagte DIW-Forscher Ferdinand Fichtner. Die Bundesbürger neigten also dazu, mehr Geld auszugeben, was den Geschäften und Unternehmen gute Einnahmen beschere und wiederum die Wirtschaft insgesamt unterstütze. Die Forscher glauben, dass sich deshalb die deutsche Wirtschaft in den kommenden Jahren etwas ausgeglichener entwickeln wird als in der Vergangenheit. Der Export verliere einen Teil seiner beherrschenden Stellung und die Binnennachfrage werde stärker.

    Dies ist eine gute Nachricht besonders für Ostdeutschland. Im Zuge des gegenwärtigen Aufschwungs würden die östlichen Bundesländer gegenüber dem Westen aufholen, sagte DIW-Forscher Christian Dreger. Der Grund: Die dortigen Unternehmen lebten eher vom direkten Konsum der Verbraucher und böten überwiegend Dienstleistungen an. Diese Bereiche würden in nächster Zeit eher profitieren als die Exportunternehmen, die vornehmlich in Bayern und Baden-Württemberg sitzen.

    Für 2012 rechnet das DIW dann mit einer Verlangsamung der Konjunktur. Das Wachstum werde auf 1,3 Prozent zurückgehen. „Das ist aber keine Eintrübung, sondern eher eine Normalisierung“, sagte Ökonom Fichtner.

    Als Risiko für die Zukunft betrachten die Forscher die Euro-Krise. Um die Lage in den Griff zu bekommen, müsse die Euro-Gruppe eine gemeinsame, glaubwürdige Sparpolitik zur Eindämmung der öffentlichen Schulden entwickeln, erklärte DIW-Chef Zimmermann. Außerdem führe kein Weg daran vorbei, dass Staaten wir Griechenland und Irland einen Teil ihrer Schulden annulierten.

    Info-Kasten

    Arbeitslosigkeit steigt an

    Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist zum Jahresende 2010 stärker angestiegen als erwartet. Im Dezember waren wieder etwas über drei Millionen Menschen offiziell erwerbslos, erklärte die Bundesagentur für Arbeit am Dienstag. Die Arbeitslosenquote stieg um 0,2 auf sieben 7,2 Prozent. Frank-Jürgen Weise, der Chef der Bundesagentur, begründete den Anstieg mit dem frühen und starken Wintereinbruch. Dadurch hätten vor allem Bauunternehmen ihre Arbeit einstellen müssen. Insgesamt halte der Wirtschaftsaufschwung aber an, die Folgen der Finanzkrise seien nahezu überwunden, so Weise. Die höchste Arbeitslosigkeit verzeichnete im Dezember Berlin mit 12,8 Prozent, gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Am besten sieht es aus in Bayern – dort beträgt die Arbeitslosigkeit nur vier Prozent.

  • Hoffnungsvolle Zeichen

    Kommentar zur Erwerbstätigkeit von Hannes Koch

    Die schnelle Erholung der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes nach der Finanzkrise sind ein Anlass zur Freude. Nicht nur die Zahl der Stellen insgesamt steigt, sondern auch die Qualität der Arbeitsplätze nimmt zu. Es sind weniger Niedriglohnjobs und geringfügige Beschäftigungsverhältnisse darunter. Dagegen wächst auch die Zahl der versicherten Vollzeitstellen, von denen die Arbeitnehmer vernünftig leben können.

    Diese hoffnungsvolle Entwicklung allerdings widerspricht dem langfristigen Trend. Eigentlich nehmen seit Jahrzehnten die unregulierten Beschäftigungsverhältnisse stärker zu. Dass es nun anders ist, hat zwei Gründe. Aus Angst vor dem großen Kollaps rückten Politik und Wirtschaft während der Finanzkrise eng zusammen und vereinbarten, auf die Kündigung der festen Mitarbeiter zu verzichten. Außerdem fällt die Erholung nun so kräftig aus, dass die Unternehmen Vollzeit-Mitarbeiter brauchen, und nicht nur Teilzeit-Ersatzkräfte.

    Beides sind Ausnahmeerscheinungen. Um die positive Entwicklung mittelfristig fortzusetzen, sollten Regierung, Unternehmerverbände und Gewerkschaften demnächst nicht wieder in die alte Tradition des Jeder-gegen-Jeden verfallen.

  • Es arbeiten so viele Menschen wie noch nie

    Mit 40,4 Millionen erreicht die Erwerbstätigkeit ihren Höchststand seit 1991. Geringfügige Stellen gehen zurück, Vollzeit-Arbeitsplätze nehmen zu. Langfristig sinkt das Arbeitsvolumen und die Arbeit wird auf mehr Personen verteilt

    Das Jahr 2011 beginnt mit einer guten Nachricht für die Arbeitnehmer in Deutschland. Die Zahl der Erwerbstätigen ist 2010 auf ihren Höchststand gestiegen, die Erwerbslosigkeit entsprechend gesunken. Das berichtete das Bundesamt für Statistik am Montag. Der Grund liegt im wesentlichen in der erstaunlich schnellen Erholung der deutschen Wirtschaft nach der Finanzkrise. Damit wachsen auch 2011 die Chancen für Arbeitslose, eine neue Stelle zu finden.

    2010 arbeiteten in Deutschland so viele Menschen wie nie zuvor im vereinigten Deutschland. 40,37 Millionen Bürger verdienten Lohn oder Einkommen. Gleichzeitig nahm die Erwerbslosigkeit ab. Im Durchschnitt des Jahres 2010 lag sie bei nur noch 2,93 Millionen Erwerbslosen, was einer Quote von 6,8 Prozent entsprach.

    Diese Zahlen sind etwas niedriger als die der Bundesagentur für Arbeit, weil das Statistische Bundesamt auch noch sehr kleine Jobs als Arbeit zählt und deshalb die Zahl der Arbeitslosen rechnerisch geringer ausfällt. Die BA gibt ihre aktuelle Arbeitsmarkt-Statistik am heutigen Dienstag bekannt.

    Interessant ist, dass die Situation am Arbeitsmarkt sich insgesamt zugunsten der Beschäftigten verbessert. So hat beispielsweise auch die Zahl der geringfügigen Arbeitsverhältnisse seit ihrem Höhepunkt von 4,94 Millionen im Winter 2007 auf zuletzt 4,83 Millionen abgenommen (September 2010). Parallel dazu stieg die Menge sowohl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze, als auch der Vollzeitstellen nach Angaben der Bundesagentur um mehrere Hunderttausend an.

    Offenbar brauchen die Unternehmen mehr feste Beschäftigte, um die Aufträge abzuarbeiten, die der Wirtschaftsboom ihnen beschert. Das bedeutet auch: Die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer und Gewerkschaften wird besser, wenn sie höhere Löhne durchsetzen wollen.

    Die Frage ist allerdings, aber die aktuelle Entwicklung den langfristigen Trend umkehrt. Denn eigentlich nehmen seit langem die regulären, traditionellen Arbeitsverhältnisse ab, die flexiblen, weniger regulierten (Minijobs, Teilzeit, Leiharbeit, Niedriglohnstellen) hingegen zu.

    Beachtung verdient auch ein langfristiger Trend. Seit Jahrzehnten sinkt das Arbeitsvolumen in Deutschland. 1991 leisteten die deutschen Beschäftigten fast 60 Milliarden Stunden. Im vergangenen Jahr waren es dagegen noch etwa 57,4 Milliarden. Unter dem Strich heißt das: Durch geringe Wachstumsraten und steigende Produktivität nimmt die Menge der Arbeit insgesamt ab, wird aber auf mehr Personen verteilt – eigentlich eine vernünftige Tendenz. Das Ziel der Vollbeschäftigung rückt zumindest näher.

    Die Früchte des Erfolgs sind regional freilich unterschiedlich verteilt. Fast überall in Ostdeutschland liegt die Erwerbslosigkeit über den Werten des Westens. Das Spektrum reicht von einer Arbeitslosenquote von 11,7 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern bis zu 3,8 Prozent in Bayern (November 2010).

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    Abschied von Heavy Metal

    Die modernen Beschäftigten arbeiten anders als früher. Industrie und Gewerbe bieten zunehmend weniger Jobs. Dafür wächst der Dienstleistungssektor. Dort arbeiteten 2010 durchschnittlich 330.000 Beschäftigte mehr als 2009. Beratungsleistungen aller Art, Gesundheit, Pflege, Kultur und Hilfsdienste nehmen zu. Im produzierenden Gewerbe waren dagegen 136.000 Personen weniger beschäftigt. Branchen wie Metallverarbeitung oder Elektroindustrie kommen tendenziell mit weniger Leuten aus. Durch höheren Kapitaleinsatz, mehr Maschinen und Datenverarbeitung wachsen die produzierten Stückzahlen trotzdem permanent. Dieser Strukturwandel, der in anderen Industrieländern ähnlich abläuft, beruht auf einer langfristigen Entwicklung. 1991 waren knapp 60 Prozent der Arbeitnehmer als Dienstleister tätig, heute sind es 73,5 Prozent. Parallel dazu sank der Anteil der Erwerbstätigen im produzierenden Gewerbe von 29 Prozent 1991 auf 19 Prozent 2010. Gegenüber diesen beiden beherrschenden Sektoren spielt die Land- und Forstwirtschaft kaum noch eine Rolle. Dort arbeiteten 2010 nur noch 2,1 Prozent der Beschäftigten. Vor zehn Jahren waren es noch 3,9 Prozent.

  • Der Tod des Euro ist zu teuer

    Trotz Krise wird uns die Gemeinschaftswährung erhalten bleiben. Denn ein Bruch würde zum ökonomischen Kollaps führen. Das wissen die Regierungen.

    Wenn das Jahr 2010 eine bahnbrechende politische Erkenntnis gebracht hat, dann war es diese: Die Finanzkraft von Staaten ist endlich. Nicht nur in Afrika oder Lateinamerika können Regierungen bankrott gehen. Selbst in Europa liegt die Pleite von Euro-Staaten im Bereich des Möglichen. Wissenschaftler wie Harvard-Professor Kenneth Rogoff haben darüber zwar schon dicke Bücher geschrieben, aber im Bewusstsein auch der deutschen Bürger hat sich dieser Gedanke erst in diesem Jahr verankert.

    Dabei betrifft die Möglichkeit des Staatsbankrotts nicht nur periphäre Länder wie Island, Griechenland und Irland, sondern auch das Zentrum Europas. Die Zinsen deutscher Staatsanleihen sind unlängst beträchtlich gestiegen: Die Bundesregierung und die Steuerzahler müssen den Käufern der Schuldscheine einen höheren Preis bezahlen. Damit wachsen auch hier die Kosten der öffentlichen Verschuldung – zusätzlich zu den Milliarden-Ausgaben, die ohnehin schon zur Bewältigung der Finanzkrise aufgebracht wurden.

    Zwar schwebt Deutschland nicht in der unmittelbaren Gefahr der Pleite. Innovationskraft, Wachstum, Produktivität und internationale Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft sind hoch, die Arbeitslosigkeit hält sich im Rahmen. Und doch knirscht es im Gebälk: Denn auch die viertgrößte Nationalökonomie der Welt wäre überfordert, die gesamte Euro-Zone zu retten. Schon heute garantiert Deutschland einen beträchtlichen Teil des Euro-Rettungspaktes. Für Irland, Portugal und Spanien ist genug Platz unter dem bestehenden 750-Milliarden-Euro-Rettungsschirm, aber spätestens bei einer drohenden Zahlungsunfähigkeit Italiens würden sich andere Fragen stellen. Dann könnten die internationalen Investoren, die deutsche Staatsanleihen kaufen, an der Stabilität auch der deutschen Finanzen zu zweifeln beginnen. Im Ergebnis stünde nicht nur die Euro-Mitgliedschaft einzelner Länder, sondern die Währung insgesamt zur Disposition.

    Die Lage ist so: Staaten haben kein eigenes Geld. Alles, was sie brauchen, müssen sie sich entweder bei den Bürgern als Steuern und Abgaben oder bei den internationalen Investoren durch den Verkauf von Staatsanleihen besorgen. Weil die Regierungen derzeit sehr schnell sehr große Summe benötigen, steigt der Zinssatz der Anleihen, also der Preis, den die Investoren als Gegenleistung für Kredite verlangen. Letztlich sind die Staaten schwach und die Akteure auf den Finanzmärkten sitzen am längeren Hebel. Damit schaffen es die großen internationalen Banken, Fonds und Investoren, auf Kosten der Regierungen sehr ordentliche Geschäfte zu machen. Höhere Zinsen für Staatsanleihen spülen Milliarden Euro auf die Konten der Gläubiger – eine gigantische Umverteilung zugunsten derjenigen, die genügend Kapital besitzen, um es zu verleihen.

    Für die Investoren ist die Euro-Krise eine lukrative Angelegenheit. Auch deshalb ist sie noch nicht vorbei. Die Zinsen portugiesischer Staatsanleihen sind unlängst stark gestiegen. Zwar erscheint die Ökonomie Portugals grundsätzlich einigermaßen stabil, doch die steigenden Kosten der Verschuldung könnten die Staatsfinanzen überfordern. Ein weiterer Fall für den Rettungsschirm kann dann Spanien werden. Im Vergleich zu Portugal kommt hier verschärfend hinzu, dass die Arbeitslosigkeit bei 20 Prozent liegt und die Banken auf Milliarden fauler Kredite für halb fertige oder leer stehende Immobilien sitzen. So könnte die Ansteckung weiter von einem Land zum anderen fortschreiten – als nächste Ziele stehen bereits Italien und selbst Belgien auf der Liste der Analysten.

    In dem Maße, wie die Krise um sich greift, werden aber auch die europäischen Regierungen weitere Schutzwälle errichten. So dürften sie den Rettungsschirm aufstocken. Statt heute 750 Milliarden Euro stellen sie dann vermutlich 1,5 Billionen Euro oder mehr zur Verfügung. Aus diesem Budget können sich bedrohte Staaten Geld zu niedrigeren Zinsen leihen, als sie sie auf dem Finanzmarkt bezahlen müssten. Für die Investoren sind derartige Ansagen ein Zeichen, dass sie die Preistreiberei bei den Zinsen nicht mehr weiter treiben können und sollten.

    Dagegen, den Rettungsschirm auszuweiten, wehrt sich die Bundesregierung aber ebenso wie gegen die so genannten Euro-Bonds. Das sind gemeinsame Anleihen aller Euro-Staaten, die bisher nur in geringem Umfang verkauft werden. Würde man mehr davon auflegen, hätte das einen entscheidenden Vorteil: Für bedrohte Länder würde sofort der Zinssatz sinken, weil sie von der Bonität der starken Staaten wie Deutschlands, Österreichs und den Niederlanden profitierten. Weil sich die Krise auf diese Art vermutlich eindämmen ließe, hat Luxemburgs Ministerpräsident Jean-Claude Juncker die Euro-Bonds unlängst wieder ins Gespräch gebracht. Aber Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble lehnen den Plan mehr oder weniger ab. Ihr Argument: Deutschland müsste im Vergleich zu heute höhere Zinsen zahlen, was den Bundesbürgern nicht zuzumuten sei.

    Nicht unwahrscheinlich erscheint es trotzdem, dass auch die Euro-Bonds demnächst kommen. Denn fast alle europäischen Regierungsparteien wissen, dass der Austritt eines Landes oder mehrerer Staaten aus der Euro-Zone ein ökonomisches und politisches Desaster verursachen würde. Diesen Fall will man unbedingt vermeiden. Die Kosten wären enorm.

    Würde ein Staat wie Griechenland oder Irland seine alte Währung wieder einführen, wäre er sofort vom internationalen Finanzmarkt abgeschnitten. Da der stabilisierende Rückhalt des Euro fehlte, kauften Investoren keine Staatsanleihen des betreffenden Staates. Ohne ausreichende Finanzkraft brächen der öffentliche Dienst, das Sozial- und Gesundheitssystem zusammen. Unternehmen machten pleite, die Arbeitslosigkeit stiege rasant. Die Regierung, die den Austritt beschloss, würde diesen Kollaps wohl nicht überleben. Träten mehrere Euro-Mitglieder gleichzeitig aus, potenzierten sich die negativen Folgen.

    Und wie stünde Deutschland da, entschlösse sich die Bundesregierung, die D-Mark wieder einzuführen, weil ihr die Rettung der gemeinsamen Währung zu teuer ist? Viel schlechter als heute. Auf einen Schlag würden die deutschen Unternehmen große Teile ihres Exportmarktes verlieren. Denn der Umtauschkurs der D-Mark stiege stark und verteuerte die Exporte entsprechend. Den Nachbarn fehlte schlicht das Geld, die Maschinen und Autos made in Germany zu erwerben. Der Effekt auch hier: Wirtschaftskrise und steigende Arbeitslosigkeit. Einen vergleichbaren Weg schlug 1990 die DDR ein, als sie aus dem Rubelsystem austrat und die starke D-Mark einführte. Es folgte ein Jahrzehnt Abwicklung, Rückbau und Sanierung. Hinzu käme heute, dass die deutschen Banken einen guten Teil ihrer Auslandsguthaben verlören, da diese dann nicht mehr im wertstabilen Euro, sondern in irgendwelchen Weichwährungen notiert würden. Die Kosten dieses Durcheinanders würden die Kosten der Euro-Rettung bei weitem übersteigen.

    Die Frage ist also nicht, ob der Euro gerettet wird, sondern wie und vor allem: wie schnell. Neben einem größeren Rettungsschirm und den Euro-Bonds ist auch das übrige Programm im Prinzip bekannt. Wenn die Staaten ihren Euro behalten wollen – und davon kann man ausgehen – so müssen sie mehr und mehr Kompetenzen nach Brüssel abgeben. Die Steuer-, Finanz- und Haushaltspolitik der Nationalstaaten wird dann zunehmend europäisch. Nur so kann man den Investoren vermitteln, dass nicht ein Staat schwächer ist als der andere und ein lohnendes Objekt für Spekulationsattacken darstellt. Die Euro-Krise könnte als Katalysator dafür wirken, dass aus der Europäischen Union die Vereinigten Staaten von Europa werden.

  • „Einige werden ihre Jobs verlieren“

    Ab Mai 2011 dürfen sich Beschäftigte aus Polen, Tschechien oder der Slowakei hierzulande ansiedeln und arbeiten. Und Leiharbeitsfirmen aus diesen Staaten können hier ihre Dienste anbieten – zu den Arbeitsbedingungen im Heimatland. Dann gelten in Deutschla

    Frage: Herr Brücker, müssen die Deutschen um ihre Arbeitsplätze bangen, wenn sich der Arbeitsmarkt durch die Arbeitnehmer- und Dienstleistungsfreizügigkeit öffnet?

    Herbert Brücker: Beides muss man getrennt betrachten. Wenn wir uns zunächst die Arbeitnehmerfreizügigkeit ansehen, dann ist mit einem gewissen Anstieg der Zuwanderung zu rechnen. Das haben wir in Großbritannien und Irland auch schon erlebt, als dort der Arbeitsmarkt geöffnet wurde. In beiden Ländern gab es eine deutliche Zuwanderung. Inzwischen ist der Zuwachs durch die Finanzkrise aber weniger geworden. Und aus Irland wandern sogar mehr Leute ab.
    Frage: Aber muss man nicht mit hunderttausenden Zuwanderern rechnen, die den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen?

    Brücker: Nein. Durchschnittlich 250.000 Migranten werden pro Jahr aus den östlichen Beitrittsländern in die westlichen EU-Länder kommen. Zwischen 45 und 60 Prozent davon werden zwar nach Deutschland ziehen. Das wird sich aber kaum auf den Arbeitsmarkt auswirken. Einige Einheimische werden dadurch zwar ihre Jobs verlieren, dafür werden andere gewinnen. Insgesamt wirkt sich die Migration weitgehend neutral auf den Arbeitsmarkt aus.

    Frage: Werden Sprachbarrieren nicht viele davon abschrecken, nach Deutschland zu gehen?

    Brücker: Tatsächlich spricht die Sprache nicht für Deutschland. Andererseits haben wir günstige wirtschaftliche Bedingungen und eine gute geografische Lage, was auf Großbritannien und Irland weniger zutrifft. Auch wenn die geografische Nähe wegen der Billigflieger nicht mehr so eine wichtige Rolle  spielt, dürfte die zunehmende Fremdenfeindlichkeit der Briten viele Auswanderungswillige abschrecken.

    Frage: Wird es die Löhne drücken, wenn 100.000 zusätzliche Arbeitnehmer hierzulande ihre Arbeit anbieten?

    Brücker: In dieser Größenordnung wird sich das nicht negativ auf die Löhne auswirken. Kurzfristig werden die Löhne sinken und die Arbeitslosigkeit ansteigen. Doch auf lange Sicht wird Deutschland von der Zuwanderung gesamtwirtschaftlich profitieren. Die Produktion und der Anteil der Beschäftigten am Arbeitsmarkt werden steigen. Denn die meisten Zuwanderer werden arbeiten. Das entlastet die Rentenkassen und verbessert die Altersstruktur.

    Frage: Und welche Auswirkungen wird die Dienstleistungsfreizügigkeit mit sich bringen?

    Brücker: Wenn eine polnische Firma ihre Dienstleistungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt anbietet, bedeutet das im Extremfall, dass sie polnische Löhne zahlt. Das würde die Wettbewerbsbedingungen verzerren. Allerdings schützt das Entsendegesetz die meisten sensiblen Branchen wie das Bau- und Reinigungsgewerbe durch die Allgemeinverbindlichkeitserklärung von Tariflöhnen oder branchenspezifische Mindestlöhne vor ruinösem Wettbewerb. Dann müssen deutsche Löhne bezahlt werden.

    Frage: Wird die Öffnung des Arbeitsmarkts den Fachkräftemangel in der Gesundheitsbranche beheben?

    Brücker: Nur bei den examinierten Kräften sehen wir einen chronischen Mangel. Wir hoffen, dass sich die Situation verbessert, wenn sich der Arbeitsmarkt öffnet. Es wäre aber naiv zu denken, dass wir massenhaft Angebote von Fachkräften bekommen. Es zieht ja eher junge Leute nach Deutschland. Die sind zwar gut ausgebildet, wollen aber eher einen coolen Job wie Barkeeper oder DJ machen und danach wieder in ihr Heimatland zurückkehren. Der Arbeitsmarkt honoriert Auslandserfahrungen, egal welcher Art. Unter die coolen Berufe fällt der Pflegeberuf mit Sicherheit nicht.

    Bio-Box: Herbert Brücker (50) ist Leiter der Abteilung für internationale Vergleiche und europäische Integration des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Der Professor für Volkswirtschaftslehre ist seit 2005 bei der Nürnberger Forschungseinrichtung tätig.

  • Das neue 2011

    Gesetzesänderungen bei Steuern und Arbeit

    Zum Jahresbeginn 2011 treten einige Gesetzesänderungen in Kraft, die für manche Bürger Vorteile, für andere aber auch Nachteile bringen können. Unsere Zeitung fasst wichtige Punkte zusammen.

    Von den Veränderungen im Steuerrecht profitieren LehrerInnen und andere Heimarbeiter. Denn häusliche Arbeitszimmer werden wieder in größerem Umfang steuerlich absetzbar sein. Rückwirkend ab 2007 kann man 1.250 Euro in der Steuererklärung geltend machen. Dies gilt für alle Berufstätigen, die zur Ausübung ihrer Arbeit nur den häuslichen Raum zur Verfügung haben. Außerdem profitieren diejenigen, die zwar aushäusig in einem Unternehmen oder einer Institution arbeiten, dort aber keinen ausreichenden Arbeitsplatz vorfinden. Beispielsweise LehrerInnen können zwar das Lehrerzimmer in der Schule nutzen, haben dort aber oft zu wenig Platz oder keinen Computer.

    Auch homosexuelle Ehepartner werden besser gestellt. Schwule und Lesben, die in eingetragenen Partnerschaften leben, erhalten künftig die gleichen Bedingungen bei der Erbschaftssteuer wie heterosexuelle Ehepaare. Bisher unterlagen sie höheren Steuersätzen und mussten mehr Steuern zahlen. Nun werden die Steuersätze angeglichen. Bei über die Freigrenzen hinausgehenden vererbten Summen gilt beispielsweise bis 75.000 Euro ein Steuersatz von sieben Prozent, bis 300.000 Euro von elf Prozent und so weiter. Für noch nicht abgeschlossene Fälle greift die Gleichstellung rückwirkend bis 2001.

    Eine Einschränkung haben Bundestag und Bundesrat für die diejenigen Steuerpflichtigen beschlossen, die haushaltsnahe Dienstleistungen von der Steuer abziehen wollen. Die Ausgaben beispielsweise für Handwerker sind künftig nur noch dann absetzbar, wenn die Arbeiten nicht schon anderweitig öffentlich gefördert wurden, etwa durch Programme der KfW-Bankengruppe.

    In verschiedenen Branchen steigen die bundesweit verbindlichen Mindestlöhne. So müssen Beschäftigte der Abfallwirtschaft ab 1. Januar 2011 mindestens 8,24 Euro brutto erhalten. Im Elektrohandwerk gilt dann die neue Untergrenze von 8,40 Euro in Ostdeutschland einschließlich Berlin und 9,80 Euro in den alten Bundesländern.

    In der Sozialversicherung verändern sich die Beitragsbemessungsgrenzen, bis zu der die Beiträge der Beschäftigten mit ihrem Einkommen steigen. Die Beitragsbemessungsgrenze für die Krankenversicherung (Ost und West) sinkt beispielsweise von 3.750 auf 3.712,50 Euro. Dies hängt mit den im Zuge der Wirtschaftskrise reduzierten Arbeitnehmereinkommen zusammen.

  • Verdeckte Ermittler im Dienste der Bankkunden

    Bundesregierung will Beratung heimlich kontrollieren / Bis zu 50.000 Euro Bußgeld möglich

    Die Bundesregierung will schlechten Bankberatern mit getarnten Ermittlern auf die Spur kommen. Dies kündigte Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) an. Unter Führung der Bankenaufsicht (BaFin) sollen die Fahnder den rund 2.000 Kreditinstituten in Deutschland auf die Finger schauen. „Es kann nicht sein, dass gerade in den Beratungsgesprächen gesetzliche Vorgaben teilweise bewusst umgangen werden. Dem müssen wir einen Riegel vorschieben“, begründet Aigner die schärfere Gangart gegen unseriöse Praktiken.

    Wie die Kontrollen genau aussehen werden, wollen weder das BaFin noch das federführende Finanzministerium derzeit sagen. Klar ist nur, dass keine Beamten der Behörde dafür eingesetzt werden. „Es werden externe Mitarbeiter sein“, sagt eine Sprecherin des Finanzministeriums.

    Die Ermittler sollen als Kunden auftreten, die ihr Geld gut anlegen wollen. Solche Scheinberatungen führt auch die Stiftung Warentest regelmäßig durch. Zuletzt gab die Branche dabei im Sommer ein verheerendes Bild ab. Sechs der 21 überprüften Kreditinstitute wurden als mangelhaft benotet, nur drei erhielten als Spitzenreiter befriedigende Leistungen attestiert. Oft wurden die vorgeschriebenen Beratungsprotokolle nicht oder unzureichend erstellt. Auch fragten die Berater selten nach den Vermögensverhältnissen der Kunden. Die Verkäufer am Banktresen rieten zuweilen auch riskante Anlagen, obwohl die Testkunden ihr Erspartes ausdrücklich sicher anlegen wollten.

    Nun ist der Verbraucherministerin der Kragen geplatzt. Aigner hat Finanzminister Wolfgang Schäuble zum Handeln bewegt. Die Finanzaufsicht selbst sah lange Zeit keine Möglichkeit der direkten Kontrolle. Über den Einsatz externer Ermittler wird diese gesetzliche Einschränkung nun umgangen. Die Überprüfungen sollen 2011 aufgenommen werden. Auf die Ergebnisse der Stiftung Warentest können die Behörden nicht zurückgreifen, weil deren Testkunden anonym bleiben müssen. Werden die Fahnder im Dienst des Verbrauchers fündig, also schlecht beraten, kann es für das betreffende Institut teuer werden. Laut Verbraucherministerium sieht das Wertpapierhandelsgesetz in diesem Falle Bußgelder von bis zu 50.000 Euro vor.

    Die Bundesregierung arbeitet seit geraumer Zeit an einem besseren Schutz der Bankkunden. Viele Anleger haben in der Finanzkrise Geld verloren, weil sie sich der Risiken ihrer Geldanlage nicht bewusst waren. Deshalb wurde zu Jahresbeginn bereits die Pflicht zur Protokollierung der Beratungsgespräche eingeführt. Auch soll eine Art Beipackzettel ab dem kommenden Frühjahr die Kunden über Kosten und Risiken einer Geldanlage aufklären. Darauf haben sich anfangs nur wenige Banken freiwillig eingelassen. Kritiker monieren, dass die Regelung einen Haken hat, weil die Kunden den Beipackzettel erst während der Beratung erhalten müssen. Ein Vergleich im Vorfeld der Anlageentscheidung werde damit verhindert, kritisieren Verbraucherschützer. Immerhin will Aigner auch hier an einer Stelle nachbessern. Die Kunden sollen anhand der Beschreibung erkennen, ob der Bankberater eine Provision kassiert oder unabhängige Ratschläge erteilt.

  • Gute Idee

    Kommentar

    Diesmal hat Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner ihren Job gut gemacht. Der Staat wird die Beratungsqualität der Banken künftig selbst stärker kontrollieren. Damit schlägt die Ministerin der Finanzaufsicht ein Schnippchen. Die Behörde hat sich lange dagegen gesträubt, auch für den einfachen Sparer Schutzdienste zu leisten. Und auch im Bundesfinanzministerium war der Ehrgeiz zu einem besseren Verbraucherschutz in der Vergangenheit nicht sonderlich ausgeprägt. Aigner hat sich in diesem Fall durchgesetzt, obwohl ihr Ministerium dabei faktisch wenig zu sagen hat.

    Nun kommt es auf die praktische Umsetzung der Kontrollen an. Dabei wird sich zeigen, ob die verdeckten Ermittlungen am Ende nicht doch nur den berühmten Tropfen auf den heißen Stein darstellen. Denn wie viele Testkunden im Auftrag des Staates unterwegs sein werden, ist noch nicht bekannt. Es müssen schon so viele sein, dass kein Institut darauf hoffen kann, am Besuch eines Ermittlers vorbei zu kommen. Denn die Strafen für eine schlechte Beratung sind im Vergleich zu den Erträgen aus dem Verkauf ungeeigneter Produkte noch immer niedrig.

    Für eine umsichtigere und gesetzestreue Beratung wird allerdings alleine schon die Ankündigung besserer Kontrollen sorgen. Die Sparer werden es dankbar aufnehmen.

  • Das Millionen-Geschäft mit der Bibel

    Kein Buch wurde bisher so oft übersetzt wie die Heilige Schrift. In jüngster Zeit aber sind Comics erfolgreicher. Serie „Wirtschaftsfaktor Gott“

    Gottes Wort kennt keine Grenzen. Selbst ins Klingonische wird die Bibel übersetzt. Das ist die Sprache der außerirdischen Krieger aus der Filmserie Star-Trek. Daran arbeiten Wissenschaftler seit 1994. Das Buch Esther und Ruth, sowie mehrere Psalmen haben sie bereits fertig.

    Mit dem Alten und Neuen Testament auf Klingonisch werden die Herausgeber vermutlich kein Geld verdienen. Doch insgesamt sind Herstellung und Vertrieb der Bibel ein profitträchtiges Unternehmen – auch wenn es vordergründig nicht um Gewinn, sondern die Verbreitung des Glaubens geht. Allerdings lassen sich die christlichen Kirchen nur ungern in die Bibel-Bilanzen schauen.

    Schon die oft geäußerte These, die christliche Bibel sei weit vor der Mao-Bibel und dem islamischen Koran das meistverkaufte Buch der Welt, ist nicht zu belegen. Belastbare Statistiken existieren nicht, allenfalls Schätzungen. Danach wurden bislang zwei bis drei Milliarden Exemplare der Heiligen Schrift weltweit verbreitet. Sicher zu sein scheint: „Die Bibel ist das Buch, was in die meisten Sprachen übersetzt wurde.“ Dies sagt Jens Bammel, der Generalsekretär des Internationalen Verlegerverbandes in Genf. Nach Auskunft der Deutschen Bibelgesellschaft in Stuttgart liegt die Vollbibel – Altes plus Neues Testament – in 459 Sprachen vor, das Neue Testament sogar in 1.213 Idiomen.

    In jüngster Zeit scheint sich die Lage aber zu ändern. Darauf deutet der Index Translationum der Weltkulturorganisation Unesco hin. Den Zahlen der Vereinten Nationen seit 1979 zufolge steht die Übersetzung der Bibel in andere Sprachen nur noch auf Platz 13. Erfolgreicher sind unter anderem die Comic-Werke Walt Disneys, die Bücher Agatha Christies, Jules Vernes, Enid Blytons, Grimms und Andersens Märchen, aber auch die Schriften Wladimir Iljitsch Lenins.

    Im Jahr 2009 seien 29 Millionen Bibeln weltweit verkauft oder verbreitet worden, erklärt die Internationale Bibelgesellschaft. Wieviel Geld das bringt, will die Deutsche Bibelgesellschaft nicht erläutern. Nimmt man aber an, dass eine Bibel zehn Euro kostete, so würde alleine der Vertrieb des Christlichen Buches einen Umsatz von rund 300 Millionen Euro pro Jahr generieren.

    Hinzu kommt das lukrative Geschäft mit den Verwertungsrechten. Die Gebühren hierzulande vereinnahmt die Deutsche Bibelgesellschaft, die die Rechte an der Luther-Bibel im Auftrag der Evangelischen Kirche (EKD) verwaltet. Über die Höhe der Einnahmen bewahre man Stillschweigen, sagt Sprecher Florian Theuerkauff. Geschmälert wird der Erlös allerdings dadurch, dass die Autorenrechte in der Regel 70 Jahre nach dem Tode des Urhebers verfallen. Die alten Text-Varianten der Bibel dürfen deshalb alle Bürger drucken und verkaufen.

  • Handel mit religiösem Heimatgefühl

    Christliche Devotionalien erfreuen sich zunehmender Beliebheit. Serie „Wirtschaftsfaktor Gott“

    Es riecht nach katholischer Kirche in dem kleinen Geschäft. Das kommt von den Dutzenden Sorten Weihrauch, die „Ave Maria“ verkauft. Von den hohen Regalen blicken mehrere Gekreuzigte herab, und auch die Jungfrau Maria ist zahlreich vertreten.

    Seit 15 Jahren betreibt die aus dem Schwarzwald stammende Latein- und Ethiklehrerin Ulrike Schuster ihren barocken Laden für Devotionalien im nüchternen Berlin. Sie sagt, sie sei gläubig, aber nicht humorlos. Darum kann man bei Ave Maria Putten, Altarkerzen, Krippen und Kreuze an Halsketten kaufen. Aber auch Religionstrash darf nicht fehlen, etwa die durchsichtigen Plastikflaschen in Madonnenform mit Schraubverschluss auf dem Kopf, in die man heiliges Wasser einfüllt und verschenkt.

    Devotionalien sind Gegenstände, die zu religiöser Andacht dienen. In der Weihnachtszeit verkaufen sie sich gut. Aber der eigentliche Boom kommt traditionell in der ersten Jahreshälfte, erklärt Angela Burger von der Firma Anzmann in Augsburg. Dann wird im Süden Deutschlands tausendfach die Heilige Kommunionen gefeiert.

    Insgesamt nehme die Nachfrage nach religiösen Geschenkartikeln in den vergangenen Jahren zu, meint Martin Eckenroth, der in der Benediktinerabtei Maria Laach arbeitet. Er führt dies auf ein wieder zunehmendes spirituelles Bedürfnis zurück. Diese Nachfrage weiß die Abtei in der Eifel auf vielfältige Art zu befriedigen. Neben Engelchen und Kerzenhaltern stellt die Manufaktur des Klosters unter anderem Geschirr, Möbel und raumgreifende Plastiken her.

    Mit Zahlen zu Umsatz und Gewinn ist man in Maria Laach wie in fast allen religiösen Betrieben extrem zurückhaltend. Durchblicken lässt man nur soviel: Die Abtei mit rund 200 Arbeitsplätzen und 50 Ordensbrüdern finanziert sich zum guten Teil durch den Verkauf der selbst produzierten Waren und Devotionalien. Also muss der Umsatz in die Millionen Euro gehen.

    Gesamtwirtschaftlich handelt es sich trotzdem um eine kleine Nische. Anzmann ist ein großes von rund zehn einschlägigen Unternehmen in Deutschland, beschäftigt sechs Personen plus einige Heimarbeiter und erzielt einen Umsatz von größenordnungsmäßig einer Million Euro pro Jahr.

    Vielen Kunden, die den Laden Ave Maria besuchen, scheint es um ein gewisses religiöses Heimatgefühl zu gehen. Exil-Südamerikaner kaufen, um gut über den Nord-Winter zu kommen, Heiligenbildchen und Medaillons. Aber auch Protestanten verirren sich in das Devotionaliengeschäft. Besonders skandinavische Touristen neigten zu einem gewissen religiösen Prunk, hat Schuster beobachtet. Wahrscheinlich könnten sie in ihrer Heimat sonst die dunkle Jahreszeit nicht überleben, vermutet die Händlerin.

  • Die Grenzen der Moral

    Kirchenbanken versprechen ethische Geldanlage, wollen ihre Ansprüche aber nicht immer einhalten. Serie „Wirtschaftsfaktor Gott“

    Die „Moralisierung des Marktes“ beschreibt der Konstanzer Kulturwissenschaftler Niko Stehr. Die Bürger würden zunehmend Produkte nachfragen, die gewissen ethischen Kriterien genügten. Weil dieser Sinneswandel auch für die Geldanlage gilt, erfreuen sich manche Institute wachsender Attraktivität – darunter die acht deutschen Kirchenbanken. Ob diese ihre hohen moralischen Ansprüche aber immer erfüllen, darf man bezweifeln.

    Mit ihrer Bilanzsumme von rund 31 Milliarden Euro (2009) gehören die fünf katholischen und drei evangelischen Institute zwar zu den kleinen Geldhäusern im Lande. Zum Vergleich: Alleine die Deutsche Bank bringt es auf eine Bilanzsumme von 1.500 Milliarden. Doch der Anteil alternativen Investments steigt an. Davon profitieren nicht nur sozial und ökologisch ausgerichtete Institute wie die GLS-Bank und die Umweltbank, sondern eben auch die konfessionell gebundenen Finanzhäuser.

    Wegen ihrer Verbindungen zu den Kirchen versuchen diese, besonders hohe Maßstäbe anzulegen. Das Verkaufsargument, mit dem sie neben traditionellen Kunden wie Landeskirchen und Diakonie zunehmend auch Privatanleger ansprechen, lautet „Glaubwürdigkeit“. Die Aktien von aus christlicher Sicht moralisch fragwürdigen Unternehmen sollen in den Fonds nicht enthalten seien. Firmen aus den Bereichen Alkohol, Atomenergie, Glücksspiel, Pornografie, Tabak und Rüstung werden für tabu erklärt.

    Und auch in ökologischer Sicht will man führend sein. Ein Beispiel für diese Anlagestrategie bietet die evangelische Bank für Kirche und Diakonie mit Hauptsitz in Dortmund. Um die Kunden von den hohen ethischen Standards der Geldanlage zu überzeugen, hat man extra einen „Nachhaltigkeitsfilter“ entwickelt.

    Unter anderem mit Hilfe dieses Instruments empfiehlt die KD-Bank ihren Kunden den Fonds „KCD-Union Nachhaltig Aktien“. Nach Auskunft der Fondsgesellschaft Union Investment fließt damit ein Teil des Anlagekapitals in Aktien des britisch-australischen Bergbau-Unternehmens Rio Tinto. Das aber ist eine für ethisch motivierte Geldanleger problematische Entscheidung: Stand Rio Tinto in den vergangenen Jahren doch unter massiver Kritik wegen Korruption und Wasserverschmutzung.

    Die Unternehmenspolitik des Bergbau-Konzerns will KD-Bank-Sprecherin Susanne Hammans nicht kommentieren. Sie sagt aber: „Es ist nach unserer Einschätzung wichtig, dass nachhaltige Aspekte bei der Geldanlage eine Rolle spielen und in einem angemessenen Verhältnis zu den Kriterien Rendite, Liquidität und Sicherheit Berücksichtigung finden.“ Selbst eine Bank mit höchsten Ansprüchen scheint mitunter die Renditeerwartung über die ethischen Standards zu stellen.

  • Entwicklungshelfer als Nervensägen

    In der Entwicklungspsolitik spielt die Kirche nach dem Staat die wichtigste Rolle. Serie „Wirtschaftsfaktor Gott“

    Die Christliche Initiative Romero nervt. Das beabsichtigt die Entwicklungsorganisation aus Münster aber auch. Ein bisschen sollen sich die Bürger an ihr reiben, vor allem jedoch Unternehmen wie Adidas, Puma oder die US-Marke The North Face. Immer wieder recherchieren und dokumentieren die Münsteraner, wie wenig Geld Arbeiterinnen in den Textilfabriken Lateinamerikas oder Chinas wirklich verdienen. Die Forderung der CIR an die Adresse der Konzerne lautet: Zahlt Euren Beschäftigten Löhne, von denen sie auch leben können.

    Den Namenszusatz „Romero“ hat sich die Initiative gegeben, weil sie den Kampf für Gerechtigkeit fortsetzen will, den Oscar Romero führte, der 1980 ermordete Erzbischof von El Salvador. Die unabhängige CIR nimmt kein Blatt vor den Mund, sie arbeitet konfliktorientierter als die Entwicklungsorganisationen der großen Kirchen. Rund 1,8 Millionen Euro aus Spenden und öffentlichen Zuschüssen konnte die Initiative 2009 für ihre politische Arbeit einsetzen.

    Das sind bescheidene Mittel im Vergleich zu den Summen, die die Helfer der evangelischen und katholischen Kirche zur Verfügung haben. Die offizielle katholische Entwicklungsorganisation Misereor gab 2009 rund 177 Millionen Euro aus. Beim Evangelischen Entwicklungsdienst EED waren es 169 Millionen. Und die katholische Caritas investierte rund 43 Millionen Euro.

    Nach dem Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ), das die staatliche deutsche Entwicklungshilfe betreibt, spielen die kirchlichen Organisationen die größte Rolle. Diese Stellung basiert nicht zuletzt auf großzügigen Zuweisungen aus öffentlichen Mitteln: Alleine aus dem Etat des BMZ erhielten die großen kirchlichen Hilfsorganisationen 2010 rund 212 Millionen Euro.

    Misereor, EED, Caritas und andere investieren dieses Geld nicht nur in Zelte, Decken und Medikamente, um den Opfern von Naturkatastrophen und Kriegen zu helfen. Ebenso geht es darum, die strukturellen Ursachen von Armut zu bekämpfen. Viele Mittel fließen in den Aufbau zukunftsträchtiger Bildungssysteme, die Vermarktung regionaler Produkte und die politische Bildung.

    Und auch die großen kirchlichen Entwicklungsorganisationen begreifen sich teilweise als politische Lobby der Entwicklungsländer. Wenn etwa Misereor anprangert, dass billige deutsche Nahrungsmittelexporte den Lebensunterhalt afrikanischer Bauern zerstören, macht diese Kritik Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle und einigen deutschen Unternehmen keine Freude. Dann ist der Unterschied zwischen einer kleinen konfliktbereiten Organisation wie der Christlichen Initiative Romero und einem einflussreichen Hilfswerk wie Misereor nicht mehr groß.

  • Der Geschäftszweig Nächstenliebe

    Wo immer soziale Dienste gefordert sind, stehen die Kirchen weit vorne

    In einer Jesusepisode des Neuen Testaments steht ein Samariter für die tätige Nächstenliebe. Ein Verletzter lag am Wegesrand. Während die Würdenträger achtlos am Blutenden vorbeizogen, half der Samariter mit Verbandszeug und einer Unterkunft. Diese Haltung haben sich die Kirchen, zumindest verbal, auf die Fahne geschrieben. Soziale Dienste für Menschen stehen auf der Liste der Aktivitäten von Katholiken und Protestanten weit oben.

    Aus dem legendären guten Samariter sind im Verlauf der Jahrhundert gut organisierte Träger von sozialen Diensten geworden. Der Ende des 19. Jahrhunderts gegründete katholische Caritasverband ist in Deutschland der größte Träger mit fast einer halben Million Beschäftigten. Es gibt kaum einen Sektor, in dem die Caritas, benannt nach dem lateinischen Wort für Nächstenliebe, nicht vertreten ist. Auf Seiten der evangelischen Kirche gibt es mit dem Diakonischen Werk ein entsprechendes Pendant.

    Die Jahresstatistiken der beiden Trägerorganisationen zeigt die Spannweite der Angebote. Allein die Caritas betreibt 539 Kliniken und fast 1.800 Sozialstationen oder ambulante Dienste. Dazu kommen nahezu 2.000 Altenpflegeeinrichtungen. Auch bei der Kinder- und Jugendhilfe, in der Ausbildung des Pflegepersonals und bei der Betreuung von Familien ist das katholische Werk stark vertreten.

    Selbst die umstrittene Schwangerschaftsberatung hat die Kirche nie aufgegeben. 270 Beratungsstellen verzeichnet die Aufstellung. Heikel wurde diese Aufgabe mit der gesetzlichen Freigabe von Abtreibungen. In den Augen der katholischen Kirche handelt es sich dabei um die Tötung von ungeborenem Leben. Aus der Beratung wollte sich die Kirche dennoch nicht verabschieden. Nun können sich Schwangere helfen lassen. Doch der für einen Abbruch notwendigen Beratungsschein wird nicht ausgestellt.

    Das Gesundheits- und Pflegewesen in Deutschland würde ohne die christlichen Werke zusammenbrechen. Umsonst sind diese Leistungen allerdings nicht. Die Auftraggeber vergüten die Leistungen der einzelnen Einrichtungen. Umsatz und Gewinn aus dieser Tätigkeit sind Geheimsache. Dabei geht es aber um viele Milliarden Euro im Jahr. Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) schätzte in einer der wenigen vorhandenen Studien das Umsatz der fünf großen Wohlfahrtsverbände auf 55 Milliarden Euro. Der Kirchenkritiker Carsten Frerk schreibt allein dem Diakonischen Werk knapp 50 Milliarden Euro zu. Genau weiß es außerhalb der Organisation niemand. Genauso im Dunkeln bleibt der Ertrag. Eines schreibt die Satzung allerdings vor. Gewinne dürfen nicht ausgeschüttet werden. Sie sollen also allein der weitere sozialen Arbeit dienen.

  • „Gott kann man nicht bestreiken“

    Nach dem Staat sind die Kirchen der größte Arbeitgeber in Deutschland / Sonderrechte sorgen für Kritik

    Pfarrer im Arbeitskampf oder kirchliche Pfleger im Ausstand? Das hat es bisher nicht gegeben. „Gott kann man nicht bestreiken“, glaubt Pastor Günther Barendorff, der Sprecher der Diakonie Rheinland-Westfallen-Lippe. Kurz zuvor hat ein Gericht Streikaufrufe der Gewerkschaft Verdi für die Diakonie gestoppt. Im kommenden Januar wird wohl die nächste Instanz darüber befinden, ob der christliche Auftrag zur Nächstenliebe mit der Wahrnehmung von Arbeitnehmerrechten vereinbar ist.

    Grund des Streites der im Grundgesetz verankerte Sonderstatus der Kirchen in Deutschland. Betriebsräte und Mitbestimmung kann es, muss es aber nicht geben. Streiks sind erst recht nicht erwünscht. Gegen die in der Wirtschaft sonst üblichen Gepflogenheiten der Konfliktbereinigung bis hin zum Arbeitskampf stellen beide Konfessionen den „dritten Weg“. Meinungsverschiedenheiten räumt eine Schlichtungskommission aus dem Weg.

    Mit gut 1,3 Millionen Beschäftigten sind die beiden großen Amtskirchen nach dem öffentlichen Dienst zusammengenommen der größte Arbeitgeber des Landes. Allein für das Diakonische Werk sind derzeit 435.000 Menschen in 27.000 Einrichtungen tätig. Die katholische Caritas als größter gemeinnütziger Träger kommt sogar auf 590.000 Beschäftigte. Dazu kommen noch das direkt bei den Kirchen angestellte Personal, also zum Beispiel Pfarrer und Gemeindehelfer, sowie die in den zugehörigen Unternehmen Tätigen.

    Zu den Aufgaben der Werke gehört vor allem die Pflege. Das Bundesarbeitsministerium beziffert den Marktanteil der gemeinnützigen Träger in der stationären Pflege auf 55 Prozent. Damit haben die Kirchen den privaten Pflegeunternehmen klar den Rang abgelaufen.

    Kirchen und Unternehmen stehen im Wettbewerb. „Wir beobachten seit etwa fünf Jahren eine zunehmende Marktorientierung der Diakonie“, sagt Verdi-Sprecher Jan Jurczyk. Die Gewerkschaft wirft evangelischen Sozialdiensten Lohnddruck vor, um durch günstigere Angebote als die Konkurrenz an die öffentlichen Aufträge zu kommen. Die arbeitsrechtliche Sonderstellung ermögliche dies, weil den Arbeitnehmern weniger Rechte zugestanden würden. Laut Verdi liegen die Löhne bei der Diakonie teilweise um bis zu 20 Prozent unter denen des öffentlichen Dienstes. Die Caritas hält dagegen mit den öffentlichen Tarifen Schritt.

    Der besondere Status der Kirchen stammt noch aus der Weimarer Zeit und wurde unverändert ins Grundgesetz übernommen. Danach verwalten die Religionsgemeinschaften ihre Angelegenheiten selber. Das weltliche Arbeitsrecht gilt nur eingeschränkt. Notfalls müssen Kirchenrichter Streitfälle entscheiden.

    So viel Nächstenliebe wie in der Bibel legen die kirchlichen Unternehmungen oft nicht an den Tag. „Man merkt nicht, dass es ein christlicher Betrieb ist“, sagt die Mitarbeiterin eines evangelischen Dienstes. Die Sozialträger haben für die Pflege auch nur Mindestlöhnen von 7,50 Euro im Osten und 8,50 im Westen zugestimmt. Wenig Geld für einen harten Job. Und mitunter reagiert vor allem die katholische Kirche hart, wenn Beschäftigte gegen christliche Grundsätze verstoßen. Ein zweiter Eheschluss nach der Scheidung ist zum Beispiel ein Kündigungsgrund. Auch dies ist durch die Verfassung abgesichert.

  • Touristen suchen sinnstiftende Reisen

    Pilgerreisen und Klosteraufenthalte sind ein wachsender Nischenmarkt

    Der Apostel Paulus kam viel herum. Missionsreisen führten ihn weit fort von seinem Wohnort Damaskus in Regionen, in denen die Deutschen heute gerne Urlaub machen. Zypern, Griechenland, Malta und schließlich Rom sind wichtige Stationen dieses urchristlichen Fremdenverkehrs. Nicht einmal ein Schiffbruch im Sturm vor Malta konnten den Verkündigungswillen des Begründers der ersten Gemeinden stoppen.

    Gläubige und einfach nur interessierte Touristen nehmen noch heute Paulus Spuren auf. Reisen an die heiligen Stätten des alten und neuen Testaments, durch Israel, Ägypten oder die Türkei, erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Rom, Sitz des Papstes und Zentrum der katholischen Kirche, steht bei den neuzeitlichen Pilgern auch hoch im Kurs. 20 Millionen Gäste reisen jährlich in die italienische Hauptstadt, wo Paulus der Legende nach von Kaiser Nero zum Tode verurteilt wurde.

    Christliche Reisen sind ein kleiner Wachstumszweig im harten Tourismusgeschäft. „Da zerstören wir Mythen“, sagt Georg Röwenkamp, der Chef des mit der evangelischen Kirche verbandelten Unternehmens Biblische Reisen in Stuttgart. Seine Reiseleiter bringen den Gästen beispielsweise bei, dass die Mauern von Jericho doch nicht wie in der Bibel dargestellt von Posaunenklängen zum Einsturz gebracht wurden. Das Heilige Land ernährt so auch anderswo viele Menschen. 20.000 Teilnehmer zählt Röwenkamp im Jahr. Bis zu 30 Millionen Euro Umsatz bringen die Bibeltouren allein diesem Veranstalter ein.

    „Die Nachfrage nach sinnstiftenden Reisen wächst“, beobachtet die Sprecherin des Deutschen Reiseverbands (DRV), Sibylle Zeuch. Noch seien religiös motivierte Touren allerdings ein Nischenmarkt. Das Angebot ist vielfältig. Pilger wandern auf dem Jakobsweg und gestresste Städter suchen Ruhe in der Abgeschiedenheit der Klöster. Allein die Liste der Reisebüros und Veranstalter mit entsprechenden Angeboten umfasst mehr als 100 Anbieter. Dabei gehen Erholung, Einkehr und Missionierung gelegentlich ineinander über, etwa bei der erzkonservativen und umstrittenen Piusbruderschaft.

    Die Kirchen selbst mischen bei dem Geschäft auch kräftig mit. Ihnen gehören direkt oder indirekt viele Hotels und Jugendherbergen, Familienbegegnungsstätten und Reiseveranstalter. Aber auch weltliche Geschäftsleute profitieren vom religiösen Erbe. Was wäre Köln ohne den Dom touristisch wert? Mehr als eine halbe Millionen Besucher zählt das Weltkulturerbe am Rhein. Die Gäste lassen neben den 2,50 Euro für den Turmbesuch auch anderswo viel Geld in der Stadt.

    Vom Leiden Jesu lebt auch Oberammergau alle zehn Jahre besonders gut. Die bayrische 1000-Seelen-Gemeinde veranstaltet seit dem Pestjahr 1633 seine Passionsspiele als Folge eines Gelübdes. 500.000 Besucher wollten in diesem Jahr die Mammutaufführung mit 2.500 Darstellern sehen. In Oberammergau blieben erkleckliche 25 Millionen Euro an Gewinn hängen. So wird das Gelübde immer wieder gerne erfüllt. Der nächste touristische Höhepunkt christlicher Touren zeichnet sich schon ab. 2017 jährt sich die Veröffentlichung der Thesen Martin Luthers zum 500. Mal. Die Tourismuswerber in Thüringen oder Sachsen-Anhalt ködern schon jetzt mit diesem religiösen Vermächtnis Gäste.