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  • Rauch ohne Feuer

    Kommentar

    Das Urteil des Bundesgerichtshofs zur Bindung von Öl- und Gaspreisen führt in die Irre. Es besagt lediglich, dass eine bestimmte Vertragsklausel nicht zulässig ist. Weder wird die auf dem Weltmarkt traditionelle  Koppelung beider Preise aufgehoben, noch können Verbraucher jetzt auch sinkende Preise hoffen. Die vielen Reaktionen auf das Urteil mögen einen anderen Eindruck vermitteln. Tatsächlich steigt hier jede Menge Rauch auf, ohne dass ein Feuer brennt.

     

    Gaskunden fühlen sich schon seit Jahren schon verschaukelt. Mit der Begründung steigender Ölpreise haben ihnen die Gasversorger hemmungslos in die Tasche gegriffen. Denn deren Preisgestaltung ist im Grunde nur begrenzt nachvollziehbar. Da sinkende Ölpreise sich bei weitem nicht im gleichen Umfang beim Gaspreis niederschlagen, legt die Vermutung ungerechtfertigter Profite nahe. An alldem wird das Karlsruher Urteil nichts ändern.

     

    Über die Koppelung beider Preise entscheidet auch kein deutsches Gericht. Letztlich werden wird darüber auf den Weltmärkten entschieden. Es gibt sogar Anzeichen für ein Ende der Parallelfahrt. Wünschenswert wäre dies allemal, denn mittlerweile entwickelt sich der Ölpreis weniger nach Angebot und Nachfrage als vielmehr aufgrund von Spekulationen oder Kartellabsprachen der Förderländer. Warum Gaskunden darunter leiden sollen, ist nicht einzusehen.

     

    Die hohen Preise für Erdgas in Deutschland haben neben den tatsächlich anfallenden Beschaffungskosten vor allem einen Grund. Es gibt noch keinen funktionierenden Wettbewerb beim Gas. So können die Versorger die Bedingungen immer noch weitgehend frei bestimmen und sich an den Verbrauchern schadlos halten. Wer niedrigere Gaspreise will, muss die Rahmenbedingungen für mehr Wettbewerb schaffen. Das ist zwar gerade beim Gas nicht leicht. Doch schien es bisher so, als fehle dazu auch der politische Wille.

     

     

  • Mindestlohn wird zum Modell

    Millionen Beschäftigte sind inzwischen durch Lohnuntergrenzen geschützt – und die Zahl wächst. Auch 600.000 Altenpflegerinnen bekommen bald einen Mindestlohn. Weitere Branchen werden folgen

    Die Verhandlungsführer haben ihre Pressemitteilungen bereits vorbereitet. Wenn der Mindestlohn in der Altenpflege beschlossen wird, wollen die Sozialverbände die Erklärungen sofort verschicken. Darauf, dass es bereits morgen (Donnerstag, 25.3.) soweit sein könnte, deutet einiges hin. „Es sieht nicht danach aus, dass es schiefgeht“, sagte einer der Verhandler gegenüber dieser Zeitung. Behält er Recht, sind bald 600.000 Altenpflegerinnen und Pfleger in Deutschland durch einen Mindestlohn geschützt.

    Die Lohnuntergrenze wird vorläufig bei gut 8,50 Euro pro Stunde liegen. Vereinbaren wollen die evangelische Diakonie, die katholische Caritas, die privaten Heimbetreiber, weitere Verbände, sowie die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di aber auch einen Stufenplan, damit die Untergrenze nach und nach ansteigt.

    Alle Betreiber von Pflegeheimen und ambulanten Diensten in ganz Deutschland sind dann künftig an diesen Tarif gebunden, alle Beschäftigten haben im Gegensatz zu heute ein einklagbares Recht auf den Mindestlohn. Gegenwärtig kommt es oft vor, dass Pflegerinnen nur fünf oder sechs Euro pro Stunde erhalten, in Ostdeutschland vielfach noch weniger.

    Am Donnerstag treffen sich die Tarifparteien der Altenpflege zu ihrer wahrscheinlich letzten Sitzung. Danach prüft der Tarifausschuss beim Bundesarbeitsministerium den Vorschlag. Stimmt auch dieser erweiterte Kreis aus Verbänden und Gewerkschaften zu, wird Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) den Mindestlohn für allgemeinverbindlich erklären. Selbst die notorisch regulierungsfeindliche FDP hat in Gestalt von Gesundheitsminister Philipp Rösler ihre Zustimmung erteilt.

    In den vergangenen Wochen hatten bereits 800.000 Gebäudereiniger, 80.000 Dachdecker und 180.000 Wachleute Mindestlöhne erhalten. Zusammen mit der Baubranche und einigen anderen kleineren Branchen schützen die Lohnuntergrenzen nun etwa 2,5 Millionen Beschäftigte.

    Und weitere Branchen kommen bald hinzu. Diese Woche noch wollen die kleinen Christlichen Gewerkschaften den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und die Branchenverbände auffordern, einen Mindestlohn für die Zeitarbeitsfirmen zu vereinbaren. Dort arbeiten rund 800.000 Beschäftigte.

    In der vergangenen Legislaturperiode war der allgemeinverbindliche Mindestlohn in der Zeitarbeit noch am Widerstand der Union gescheitert. Denn es gab zwei konkurrierende Tarifverträge. Die CDU berief sich auf den niedrigen Tarif, den die Christlichen Gewerkschaften mit dem Arbeitgeberverband AMP abgeschlossen hatten. Die SPD dagegen wollte den höheren Mindestlohn des DGB und der beiden großen Verbände BZA und IGZ durchsetzen.

    Nach neuen Verhandlungen liegen die Mindestlohn-Vorschläge beider Seiten nun jedoch auf ähnlicher Höhe – 7,60 Euro pro Stunde im Westen und rund 6,50 Euro im Osten. Gemeinsamen Gesprächen, die von der Leyen fordert, stünde nichts im Wege, wenn auch der DGB mitmachen würde. Noch aber weigert sich die große Gewerkschaft. DGB-Vorstand Reinhard Dombre ist sauer auf die kleinen Konkurrenzorganisationen, die ihn jahrelang genervt haben. Das allerdings wird sich ändern. Dem allgemeinverbindlichen Mindestlohn in der Zeitarbeit wird sich der DGB am Ende nicht verweigern.

    Der Grund für die allgemeine Bewegung ist einfach zu benennen: Er hängt vor allem mit einem schlichten Termin zusammen: Ab dem 1. Mai 2011 herrscht Freizügigkeit für die meisten Arbeitnehmer der Europäischen Union. Dann dürfen Beschäftigte aus Polen, der Slowakei, den baltischen Staaten und anderen Ländern problemlos in Deutschland arbeiten. Damit wird die Konkurrenz gerade in einfachen, ohnehin schlecht bezahlten Tätigkeiten zunehmen.

    Um Billigkonkurrenz aus dem Osten zu erschweren, werden sich die Tarifpartner deshalb nicht nur in der Zeitarbeit zusammenraufen. Neue Vereinbarungen über Mindestlöhne stehen auch im Einzelhandel und bei der Post auf der Tagesordnung. Schließlich würden damit rund sechs Millionen Beschäftigte in Deutschland durch Lohnuntergrenzen abgesichert – etwa 15 Prozent aller Erwerbspersonen.

  • Der Boom der befristeten Jobs

    Weiterhangeln von Stelle zu Stelle: Für viele Beschäftigte in Deutschland gehört das mittlerweile zum beruflichen Alltag. Befristete Jobs von einer Woche, drei Monaten oder einem Jahr nehmen stark zu. Sichere, unbefristete Arbeitsplätze sind in manchen Br

    Fast jeder zweite Arbeitnehmer, der eine neue Stellen findet, bekommt heute einen befristeten Arbeitsvertrag. Das geht aus Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt in Nürnberg (IAB) hervor. Und insgesamt arbeiten rund 2,7 Millionen von etwa 30 Millionen abhängig Beschäftigten in Deutschland auf zeitlich begrenzten Stellen. Wie das Statistische Bundesamt bekanntgab, betrug der Anteil befristeter Arbeitsplätze im Jahr 2008 bereits 8,9 Prozent betrug. 1991 waren erst 5,7 Prozent der Arbeitsplätze befristet.

    Viele Beschäftigte leiden unter dieser Situation. Sie beklagen, angesichts der beruflichen Unsicherheit weder ihrem Kinderwunsch nachgeben, noch an ihre finanzielle Lebensplanung denken zu können. Andere Beschäftigte sind mit der neuen Lage aber auch ganz zufrieden – in Agenturen und Designbüros ist befristete Beschäftigung völlig normal. Die Unternehmen preisen die Vorteile: Befristete Beschäftigte wird man leichter los. Sie verursachen weniger Kosten.

    Und die Bundesregierung plant, die befristete Beschäftigung weiter auszudehnen. Das Vorhaben steht im Koalitionsvertrag, ein Gesetz ist in Vorbereitung. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) betont, dass die Flexibilität der Arbeitnehmer dazu beitrage, die Arbeitslosigkeit zu verringern. Wenn dieses Modell allerdings „zum Standard wird, ist das für die Entwicklung unserer Gesellschaft verheerend“, sagt Frank-Jürgen Weise, der Chef der Bundesagentur für Arbeit.

    Wie gehen die Beschäftigten mit der Situation um, wie sieht befristete Beschäftigung konkret aus? Und was sagen die Arbeitgeber? Hier einige individuelle Fälle.

    Arbeitnehmer

    Kathrin Fuchss Portela, Physikerin

    Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

    Die 33jährige Physik-Doktorin Kathrin Fuchss Portela hangelt sich trotz bester Zeugnisse von einer befristeten Arbeitsstelle zu nächsten. Ihre beiden letzten Jobs: Über eine Zeitarbeitsfirma arbeitete sie befristet bei Carl Zeiss SMT AG, nun hat sie eine Stelle als Post-Doktorandin an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen.

    Fuchss Portela hat den Eindruck, dass „die meisten Stellen für Physiker befristet sind. Das ist eine sehr bedenkliche Entwicklung.“ Die Naturwissenschaftlerin beklagt, dass sie und ihr Ehemann, ein Physiker brasilianischer Nationalität, sich nicht um ihre Lebensplanung kümmern könnten. „Es ist schwierig, uns für Kinder zu entscheiden, den Kauf eines Hauses zu planen oder eine private Rentenversicherung abzuschließen. Wir haben keine Arbeitsplätze, auf die wir uns verlassen könnten.“ Ihnen fehlt ein dauerhaftes Zuhause in einer mehr als provisorisch eingerichteten Wohnung. „Wenn der nächste Arbeitsplatzwechsel und Umzug ja sowieso schon wieder absehbar sind, wozu soll man dann die Bilder aufhängen?“ Außerdem ist das Geld knapp: Die Bezahlung nehme von Stelle zu Stelle ab, sagt Fuchss Portela.

    „Ich glaube, in Deutschland ist die Hürde des Kündigungsschutzes zu hoch“, meint die Wissenschaftlerin. Viele Unternehmen würden Beschäftigte nur befristet einstellen, weil sie Angst hätten, sie im Falle wirtschaftlicher Probleme nicht kündigen zu können. In den USA, wo Fuchss Portela eine zeitlang auf einer unbefristeten Stelle gearbeitet hat, sei das ihrer Meinung nach besser geregelt. Dort gebe es so gut wie keinen Kündigungsschutz, allerdings würden junge Wissenschaftler auch viel leichter unbefristete Arbeitsverträge erhalten.

    Daniel Hausmann, Projektmanager

    Werbeagentur, Peking

    Daniel Hausmann (27, Name geändert) arbeitet in der Niederlassung einer großen deutschen Werbe- und Design-Agentur in Peking. Der Projektmanager begann seine Tätigkeit vor zweieinhalb Jahren und erhielt damals zunächst einen Vertrag, der auf ein Jahr befristet war. Für die Zeit danach wurde ihm ein unbefristeter Vertrag in Aussicht gestellt.

    Doch dazu sollte es einstweilen nicht kommen. Stattdessen bot ihm die Firma einen weiteren Jahresvertrag an, den Hausmann akzeptierte. Dann war es schließlich soweit. Er bekam einen neuen Arbeitsvertrag ohne Zeitbegrenzung.

    „Ich weiß nicht, ob ich mich jetzt viel sicherer fühle als vorher“, sagt Hausmann, „wenn die Firma will, kann sie auch diesen Vertrag schnell beenden“. Aber die gewisse Unsicherheit schreckt ihn nicht. Er ist optimistisch: „Ich würde dann zu einer anderen Agentur wechseln“. In der Werbebranche und in seinem Alter zumal sei es sowieso nicht üblich, lange bei einem Arbeitgeber zu bleiben.

    Mona Frias, Betriebsrätin
    Schlecker, Berlin

    Mona Frias arbeitet seit 1995 als Betriebsrätin bei der Drogerie-Discount-Kette Schlecker in Berlin. Neue Mitarbeiter würden als Aushilfen ausschließlich auf befristeter Basis eingestellt, sagt Frias. Schlecker vergebe Arbeitsverträge beispielsweise an Verkäuferinnen mit nur einer Woche Laufzeit. Danach würde der Arbeitsvertrag je nach Bedarf erneuert. Der Betriebsrat lehne dieses Verfahren regelmäßig ab, könne sich juristisch gegen das Unternehmen aber nicht durchsetzen.

    Frias kennt Mitarbeiterinnen, die mit Wochenverträgen seit sechs Jahren bei Schlecker arbeiten. Das Gesetz erlaubt dagegen befristete Arbeitsverträge grundsätzlich nur bis zu zwei Jahren. Schlecker erklärt, dass „Befristungen auch mit kurzen Laufzeiten vorkommen“. Auch die gesetzlich nicht vorgesehene Aufeinanderfolge von „mehr als vier solcher befristeten Arbeitsverträge“ werde praktiziert. „In diesem Zusammenhang darf nicht übersehen werden, dass es Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gibt, die aus individuellen Motiven ganz bewusst und gezielt auch über längere Zeiträume hinweg immer wieder solche befristeten Arbeitsverträge annehmen, weil dies ihrer Lebenssituation entgegenkommt“, sagt Schlecker-Sprecher Florian Baum.

    Betriebsrätin Frias weist die betroffenen Mitarbeiter immer wieder daraufhin, dass sie infolge der aufeinanderfolgenden Kurzzeitverträge eigentlich Anspruch auf unbefristete Arbeitsverträge hätten. "Aber die wenigsten klagen sich ein", sagt Frias. Als Grund nennt sie Angst vor Schikanen durch das Unternehmen und vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. In der Vergangenheit, so erinnert sich die Betriebsrätin, habe Schlecker Mitarbeiterinnen aus Berlin nach Brandenburg versetzt, weil sie sich gewehrt hätten.

    Heike Lubitsch, Arbeitsberaterin

    Bundesagentur für Arbeit, Freiburg

    Die Sozialpädagogin Heike Lubitsch (45, Name geändert) arbeitete in den Jahren 2005 bis 2007 mehrfach als Arbeitsberaterin bei der Bundesagentur für Arbeit in Freiburg, wo sie Erwerbslose und Unternehmen betreute. Ihre Tätigkeit bei der öffentlichen Arbeitsvermittlung begann auf der Basis eines befristeten Vertrages mit der Laufzeit von einem Jahr. Im Anschluss erhielt Lubitsch einen weiteren Arbeitsvertrag mit derselben Laufzeit.

    Dann war erstmal Schluss. Das Teilzeitgesetz sieht längere Befristungen als zwei Jahre nur unter bestimmten Bedingungen vor. Lubitsch machte also eine Zwangspause – und erhielt nach vier Monaten abermals einen Kurzfrist-Vertrag bei der Bundesagentur. Dieser lief freilich nur noch acht Monate. Man stellte ihr die Verlängerung ins Jahr 2008 in Aussicht. „Kurz vor Weihnachten bekam ich einen Anruf“, berichtet Lubitsch, „man sagte mir, der Vertrag könne wegen Geldmangels nicht verlängert werden“. Danach war sie selbst fünf Monate arbeitslos und fand schließlich eine neue Stelle bei einem privaten Qualifizierungsträger.

    In der vergangenen Woche hat das Bundesarbeitsgericht die damalige Praxis der Bundesagentur, Arbeitsplätze teilweise bis zu drei Jahre zu befristen, als unrechtmäßig beurteilt. Wer damals eine solchen Vertrag hatte und klagte, kann nun auf Nachzahlung hoffen.

    Arbeitgeber

    Christoph Humberg, Personalleiter

    MTU Maintenance, Hannover

    Die MTU Maintenance Hannover am Flughafen Langenhagen überholt Flugzeug-Triebwerke und beschäftigt regelmäßig befristete Arbeitskräfte. Das Unternehmen stellt neue Beschäftigte zunächst als Zeitarbeiter ein, dann folgen befristete Arbeitsverträge, danach kommt es häufig zur Festanstellung. „Die Chancen, schließlich einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu erhalten, sind hoch“, sagt Personalchef Christoph Humberg (40). In den vergangenen drei Jahren habe er rund 200 Beschäftigten, die als Zeitarbeiter angefangen hätten, feste Verträge gegeben.

    MTU Maintenance nutze befristete Verträge, um flexibel zu bleiben, sagt Humberg. Es sei dann leichter möglich, die Kosten anzupassen und das Unternehmen auf die schwankende Auftragslage einzustellen. „Ich habe eine Verantwortung für den Erhalt des Standorts“, begründet Humberg.

    Bei der MTU beruhen die befristeten Arbeitsverträge nicht nur auf dem Teilzeitgesetz, dass die Befristung in der Regel auf 24 Monate begrenzt. Zusätzlich haben die Gewerkschaft IG Metall und der Arbeitgeberverband NiedersachenMetall die gesetzliche Öffnungsklausel genutzt und einen Tarifvertrag abgeschlossen, der Kurzzeit-Verträge bis zu vier Jahren pro Beschäftigtem erlaubt. In der Wirtschaftskrise des Jahres 2009 sollte diese Regelung helfen, Jobs zu sichern. Sie gilt jetzt allerdings weiter – auch im Aufschwung.

    Holger Koch, Geschäftsführer

    Trendence Institut GmbH, Berlin

    Das Berliner Trendence Institut hat sich auf „Employer Branding“ spezialisiert – es berät Unternehmen, ihr Image als Arbeitgeber zu verbessern. Von 54 Beschäftigten arbeiten zehn mit befristeten Verträgen.

    „Der Grund liegt in der Projektstruktur unserer Arbeit“, sagt Trendence-Geschäftsführer Holger Koch (40). Die Beratungsaufträge für Kunden nehmen typischerweise drei, vier oder auch sechs Monate in Anspruch. Dafür braucht Trendence oft Mitarbeiter mit speziellen Sprachkenntnissen, beispielsweise Japanisch oder Indonesisch. Diese stellt Koch deshalb für den jeweiligen Auftrag befristet ein. „Weil die Dauer der Arbeit begrenzt ist, hat es keinen Sinn, unbefristete Verträge abzuschließen“, so Koch.

    Die Mitarbeiter der Stammbelegschaft, die im Jahresdurchschnitt mit Arbeit ausgelastet sind, haben aber alle unbefristete Arbeitsverträge. „Auch bei Neuneinstellungen vergeben wir immer Verträge ohne Begrenzung“, so Koch.

    Beate Niemann, Abteilungsleiterin Personal

    Technische Universität Berlin

    Wissenschaftliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen werden an der TU Berlin meist befristet eingestellt. Diese Regel beispielsweise für Doktoranden und Post-Doktoranden praktizieren auch andere Hochschulen. So weist die Freie Universität Berlin daraufhin, dass auch Juniorprofessoren Zeitverträge erhalten.

    Beate Niemann (43), die Leiterin der Abteilung Personal und Recht, begründet: „In ihrer Qualifikationsphase müssen viele Wissenschaftler die Möglichkeit haben, sich zu profilieren“. Würden stattdessen unbefristete Stellen vergeben, sei die Universität für den Nachwuchs nicht durchlässig. Dieses „Erneuerungsinteresse“ der Hochschulen spiegelt sich im Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Dort ist festgelegt, dass Nachwuchswissenschaftler bis zu zwölf Jahren mit befristeten Verträgen beschäftigt werden dürfen.

    Verträge mit begrenzter Laufzeit haben auch deshalb zugenommen, weil die Universitäten viele Forschungsprojekte mit Drittmitteln der Wirtschaft finanzieren. Die Zusagen sind in der Regel an bestimmte Vorgaben und Ziele geknüpft, die in einer definierten Zeit erreicht werden müssen. Danach ist Schluss – auch mit den Stellen. Vor 20 oder 30 Jahren war diese Kurzfristorientierung an den Hochschulen weniger stark ausgeprägt, da mehr Geld aus öffentlichen Töpfen kam.

    Carsten Weißelberg, Technischer Geschäftsführer

    Harz Guss Zorge GmbH

    Als die Wirtschaftskrise des Jahres 2009 kam, beschäftigte die Eisengießerei im Harz 453 Mitarbeiter, davon rund 80 mit befristeten Verträgen. „Das hilft uns, auf Marktschwankungen zu reagieren“, begründet Carsten Weißelberg (53), Technischer Geschäftsführer der Firma, die unter anderem Gussteile für Nutzfahrzeuge herstellt. In den vergangenen 15 Jahren sei der Markt dynamischer geworden. Auftragsspitzen und ruhige Phasen wechselten sich schneller ab, sagt Weißelberg. Um bei geringer Auftragslage nicht in wirtschaftliche Schieflage zu geraten, greift Harz Guss zu befristeten Verträgen – dann können Personalkosten schnell der wirtschaftlichen Situation angepasst werden.

    Viele der befristet Beschäftigten mit Verträgen von sechs Monaten oder einem Jahr machen körperlich harte Arbeit. Sie bedienen die Formanlage oder schleifen die überstehenden Grate von den Gussteilen. Etwa 40 Prozent der Kurzzeit-Mitarbeiter werde im Anschluss in unbefristete Verträge übernommen, schätzt Weißelberg, „wir konnten vielen Beschäftigten eine Perspektive bieten, weil der Betrieb permanent wuchs.“

    Der Geschäftsführer plädiert dafür, die Befristung über die im Gesetz vorgesehene dreimalige Verlängerung hinaus auszudehnen. Begründung: In der Krise habe Harz Guss alle Arbeitsverträge mit Befristungen auslaufen lassen. Die erneute befristete Einstellung sei rechtlich oft schwierig bis unmöglich. So stehe die Firma nun vor der Situation, im Aufschwung neue flexible Mitarbeiter zu brauchen, auf die erfahrenen, ehemals befristeten Mitarbeiter des vergangenen Jahres aber nicht mehr zurückgreifen zu können. "Wenn die Bundesregierung die Zahl der aueinanderfolgenden befristeten Arbeitsverhältnisse erhöhen würde, könnte man solche engpässe künftig vermeiden, sagt Weißelberg.

  • Die Zorn-Abgabe

    Kommentar zur Bankenabgabe von Hannes Koch

    Eine wirtschaftsfreundliche Regierung erlegt der Großfinanz eine Sondersteuer auf. Wer hätte damit vor ein paar Monaten gerechnet? Wenn bislang ein Beleg für die These fehlte, dass die Finanzkrise die Koordinaten des politisch-ökonomischen Systems verschoben hat, dann ist er nun erbracht. Selbst FDP-Chef Guido Westerwelle stellt sich vor die Kameras, um die geplante Bankenabgabe zu begründen – wohlgemerkt: eine Steuererhöhung, keine Steuersenkung.

    Damit liegt aber auch schon die erste Erklärung nahe, warum die christlich-liberale Bundesregierung eine Sondersteuer für Finanzinstitute – nichts anderes ist die geplante Bankenabgabe – eintreiben will. Die Zorn der Bevölkerung erzwingt diesen Schritt, auch wenn er Merkel, Schäuble und Westerwelle innerlich zuwiderlaufen mag. Doch Schwarz-Gelb kann ähnliche Initiativen in den USA, Großbritannien und Frankreich nicht ignorieren. Was dort möglich ist, so meinen viele Bürger, stehe auch hier auf der Tagesordnung: die Beteiligung der Finanzkonzerne an den gigantischen Kosten der Krise.

    Leider allerdings geht es nicht um hunderte Milliarden Euro, die die aktuelle Krise verschlingt. Die müssen wir, die Steuerzahler, weiter alleine finanzieren. Die Regierung beschränkt sich offenbar darauf, dass die Banken einen Fonds für ihre eventuell nächste Rettung ansparen sollen. Diese Lösung erscheint gleichermaßen notwendig und weise, aber trotzdem zu kurz gesprungen. Denn sie lässt zwei fundamentale Fragen unbeantwortet: Wie kann man die faire Verteilung der gegenwärtigen Lasten bewerkstelligen? Und woher soll das Geld zur Sanierung des Bundeshaushaltes kommen?

  • „Man kann Wählerstimmen nicht kaufen“

    Parteienfinanzierung

    Die rote Fahne auf dem Dach des schmucken Neubaus im Berliner Bezirk Kreuzberg weist Besuchern den Weg zur Parteizentrale der SPD. Der Standort ist fast ein Symbol für den Zustand der Partei. Ein paar Hundert Meter weiter nördlich tummelt sich die politische und gesellschaftliche Elite im schicken Bezirk Mitte. Nicht viel weiter weg in anderer Richtung rechnen viele Familien eher mit Cent als mit Euro. Dazwischen residieren die Sozialdemokraten. Von ihrem Fenster in der vierten Etage des Willy-Brandt-Hauses aus schaut Barbara Hendricks auf die ärmere Seite. Die Schatzmeisterin der SPD sitzt in einem nüchtern eingerichteten Büro, in dem moderne Kunst die Farbtupfer setzt und ständig die neuesten Nachrichten über den Bildschirm des Fernsehers in der Ecke laufen.

     

    Die 57-jährige Politikerin aus Kleve muss beide Seiten im Blick behalten. Bundespolitisch muss die Partei kampfstark bleiben und über genügend Geld für Wahlkämpfe und Kampagne verfügen. Im Beritt der kleinen Leute wird die Parteiarbeit finanziert, von Flyern über Infostände bis hin zur regionalen Veranstaltung. Als Staatssekretärin im Finanzministerium hat Hendricks gezeigt, dass sie mit Zahlen umgehen kann. Das ist im Unternehmen Partei auch nötig. 2008 nahmen die Sozialdemokraten 167 Millionen Euro ein, soviel wie ein größeres, mittelständisches Industrieunternehmen.

     

    In den letzten Jahrzehnten ist die Parteienfinanzierung immer wieder ins Gerede gekommen, zuletzt, als die CDU Firmen gegen Geld Gesprächszeit mit Ministerpräsident Jürgen Rüttgers anbot. „Das hat mit Sponsoring nichts zu tun“, ärgert sich Hendricks. Denn der daraus entstehende Imageverlust trifft alle Parteien. Es gab schon weitaus gravierendere Verstöße gegen die Etikette. Wie in einem schlechten Krimi nahm zum Beispiel der frühere CDU-Schatzmeister Walter Leisler-Kiep einen Koffer voll mit Geldscheinen des einstigen Waffen-Lobbyisten Karlheinz Schreiber konspirativ entgegen. In den siebziger Jahren speiste der Industriemagnat Flick alle Bundestagparteien mit Millionenzuwendungen aus schwarzen Kassen.

     

    Vor allem diese großen Affären haben das Vertrauen in die Parteien und ihre Unabhängigkeit von der Wirtschaft in Frage gestellt. Gegen die pauschale Kritik wehrt sich Hendricks. „Wir sind nicht käuflich“, stellt die Bundestagsabgeordnete klar. Von Spenden und Sponsoren lasse sich die SPD nicht beeinflussen. Tatsächlich ist der Anteil von Firmenspenden am Etat mit 2,7 Millionen Euro im Jahr 2008 gegenüber den wichtigsten Einnahmequellen gering. 46 Millionen brachten Mitgliedsbeiträge ein, gut 43 Millionen staatliche Zuschüsse. 22 Millionen Euro führten Abgeordnete und andere Mandatsträger an die Partei ab und fast ebenso viel brachten die Beteiligungen und Vermögenswerte der SPD ein.

     

    Entsprechend vielseitig ist auch das Arbeitsgebiet der Schatzmeisterin. „Spenden werben ist nicht meine Hauptaufgabe“, sagt Hendricks. Einmal jährlich schreibt die Politikerin Unternehmen an und bittet um Unterstützung. Ansonsten kümmert sich eine Halbtagskraft um Gaben für die Bundespartei. Hendricks kümmert sich eher darum, dass es bei den Beteiligungen der SPD gut läuft. Die Partei ist einer der großen Medienkonzerne, der Anteile an einem guten Dutzend Tageszeitungen und einigen Druckhäusern hält. Fast zwölf Millionen Euro bringt das Unternehmen SPD der Schatzmeisterin im Jahr ein. Ins operative Geschäft mischt sich die Partei nicht ein. Kritiker vermuten aber, dass die Partei die Medien schon einmal vor ihren Karren spannt.

     

    Die eigene wirtschaftliche Tätigkeit unterscheidet die SPD von den anderen Bundestagsparteien. Bei der CDU spielen Spender und Sponsoren zum Beispiel eine deutlich größere Rolle. Die Christdemokraten haben 2008 148 Millionen Euro eingenommen. Sieben Millionen Euro ließ die Wirtschaft springen, 13,5 Millionen Euro spendeten Privatpersonen. Auch das Sponsoring wird eine immer wichtigere Geldquelle. Allerdings wird dieses Aufkommen nicht aufgeschlüsselt. In der vom Bundestag veröffentlichten Liste der Großspenden liegt die CDU weit vorne. Doch auch hier bringen Mitglieder und Staat mit zusammen 84 Millionen Euro den größten Teil des Etats auf. FDP und CSU erfreuen sich ebenfalls zahlungskräftiger Spender. Nur die Grünen und die Linke gehen fast leer aus.

     

    Die hohen staatlichen Zuschüsse erklären sich aus dem Auftrag des Grundgesetzes an die Parteien. So sollen die politische Bildung und Meinungsbildung befördern. So erhalten sie für jede bei Wahlen abgegebene Stimme einen kleinen Betrag. Für die ersten vier Millionen Stimmen gibt es 85 Cent, für jede weitere 70 Cent. Allerdings muss ein Stimmanteil von 0,5 Prozent bei bundesweiten Wahlen oder einem Prozent bei Landtagswahlen überschritten werden. Das lausige Wahlergebnis bei der Bundestagswahl macht der SPD daher schwer zu schaffen. 3,5 Millionen Euro weniger gab es dafür. Diese Summe muss Hendricks irgendwo einsparen.

     

    Wie wichtig eine gute finanzielle Ausstattung ist, lässt sich nicht recht nachweisen. „Man kann Wählerstimmen nicht kaufen“, erläutert die Schatzmeisterin. Wohl aber lässt sich die öffentliche Meinung mit Kampagnen beeinflussen. Auch deshalb gibt es viele Kritiker des heutigen Systems der Parteienfinanzierung. Dazu gehört zum Beispiel die Organisation LobbyControl. „So große Geldsummen fließen nicht aus Wohltätigkeitsgrünen“, glaubt Geschäftsführerin Heidi Klein. Die Gesetzgebung werde wohl nicht direkt beeinflusst, doch die Pflege der politischen Landschaft zahle sich aus. Deshalb fordern die Kritiker mehr Transparenz. Spenden und Sponsoreneinnahmen sollen gedeckelt und das Aufkommen durch eine unabhängige Kommission kontrolliert werden.

     

    Noch weiter geht der frühere baden-württembergische Wirtschaftsminister Dieter Spöri, der auch in der SPD ist. Er fordert ein absolutes Verbot für Firmenspenden und Sponsoring, damit erst gar nicht der Anschein von Käuflichkeit erweckt wird. Der Politiker glaubt nicht, dass die politische Arbeit darunter leiden muss. Dies würden allein die Wahlkämpfe zeigen. „Je mehr der Aufwand für Parteiapparate und Werbebudgets gestiegen ist, desto unterschiedloser wurden die Positionen der Parteien

  • Druck zur Gebührensenkung wächst

    Banken und Sparkassen uneins über künftige Automatengebühren / Auswüchse sollen aber beendet werden

    Die hohen Gebühren für das Abheben von Bargeld an 
    fremden Geldautomaten könnten bald der Vergangenheit angehören. Die
    beiden großen Bankenverbände suchen eine neue Gebührenregelung. Momentan
    müssen Kunden oft zehn Euro bezahlen, wenn sie am Automaten einer
    fremden Bank etwas abheben wollen. Die Höhe der Kosten ist dabei nicht
    immer leicht erkennbar.

    Der Ärger über die kaum nachvollziehbaren Gebühren ist mittlerweile
    groß. Der Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv)
    spricht gar von Wucher. "Deshalb muss die Politik eingreifen und die
    Gebühren deckeln", verlangt Gerd Billen. Verbündete für diesen Vorschlag
    finden sich in der SPD. "Eine angemessene Gebühr dürfte zwei Euro nicht
    übersteigen", sagt deren verbraucherpolitische Sprecherin Elvira
    Dobrinski-Weiß. Auch in der Union ist das Unbehagen über die momentane
    Praxis groß. Verbraucherministerin Ilse Aigner will über das weitere
    Vorgehen aber erst entscheiden, wenn die Ergebnisse einer Prüfung des
    Bundeskartellamts vorliegen.

    Die Behörde reagiert damit auf die Beschwerden von Verbrauchern und
    Kreditinstituten. Inzwischen hat das Amt 280 Banken und Sparkassen
    angeschrieben. Dabei interessiert die Wettbewerbshüter vor allem, wie
    die Institute Bargeldabhebungen untereinander berechnen. Denn auch hier
    schlagen einige Geldhäuser gnadenlos Gebühren drauf. Nach Angaben des
    Bundesverbands der Deutschen Banken (BdB) kann das Abheben am fremden
    Geldautomaten die kontoführende Bank schon einmal 20 Euro kosten. Auch
    aufgrund dieser so genannten Interbankengebühren werden die Verbraucher
    am Ende kräftig zur Kasse gebeten. Das Kartellamt rechnet noch im März
    mit den Antworten, die schnell ausgewertet werden sollen.

    Union und FDP wollen keine staatliche Preisvorgabe einführen. Der
    Vorsitzende des Verbraucherausschusses, Hans-Michael Goldmann (FDP)
    plädiert für eine Selbstverpflichtung der Banken. Ihm schwebt ein
    Gebührenkorridor von fünf bis sieben Euro pro Abhebung vor. Die CDU will
    vor allem mehr Klarheit am Automaten. Der Preis für eine Abhebung soll
    dem Kunden deutlich vor Augen geführt werden, damit dieser zu einer
    anderen Bank gehen kann, wenn es ihm zu teuer wird.

    Auch die Kreditwirtschaft selbst sucht neue Wege. Sparkassen und
    Privatbanken vertreten aber noch unterschiedliche Positionen. Die Banken
    wollen einen Preisdeckel für die Berechnung der Abhebungen untereinander
    einführen. Die Sparkassen hingegen plädieren für eine Abschaffung der
    Interbankengebühr. Nur am Geldautomaten selbst sollen Kosten geltend
    gemacht werden. "Dann tritt erstmals Wettbewerb ein", glaubt eine
    Sprecherin des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV). Der
    Streit zwischen den Verbänden geht auf differierende Interessenslagen
    zurück. Die Sparkassen haben mit über 25.000 Geldautomaten das größte
    Netz installiert. Sie wollen den Betrieb insbesondere in den dünn
    besiedelten Gebieten nicht kostengünstig in den Dienst der Konkurrenz
    stellen. Die Geschäftsbanken befürchten wiederum, dass die Sparkassen
    Kunden anderer Institute über dort hohe Gebühren abkassieren, wo es
    keine Geldautomaten anderer Unternehmen gibt. In der nächsten Woche
    treffen sich die Branchenvertreter, um einen Kompromiss auszuhandeln.

  • Die Mär vom armen Mittelstand

    Die Bundesregierung will die Steuerprogression mildern und den Mittelstandsbauch verringern. Beides ist nicht so dramatisch, wie viele meinen

    In der Union wird erwogen, noch vor der NRW-Landtagswahl im Mai ein Konzept für eine kleine Steuerreform zu präsentieren. Unter anderem Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) will damit den sinkenden Umfragewerten entgegenwirken. Im Mittelpunkt dieser Steuerreform könnte stehen, die so genannte kalte Progression zu mildern, den schleichenden Anstieg der Steuerbelastung infolge von Lohnerhöhungen.

    Regierungssprecher Ulrich Wilhelm freilich dementierte: „Das Thema Steuern wird bei dem Gespräch der Parteivorsitzenden am kommenden Sonntag nicht auf der Tagesordnung stehen.“ Die Süddeutsche Zeitung hatte zuvor berichtet, die Spitze der Koalition könnte schnell die Grundzüge einer Steuerreform mit einem Entlastungsvolumen von fünf bis zehn Milliarden Euro festlegen. Dies liefe allerdings den Absichten der FDP zuwider. Dementsprechend wies Volker Wissing, der finanzpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, die Überlegungen zurück: „Es bleibt bei dem, was die Koalition vereinbart hat“. Die Steuerreform müsste demnach ein Volumen von rund 20 Milliarden Euro umfassen.

    Die umstrittene „kalte Progression“ dient Teilen der Union, der FDP und dem Bund der Steuerzahler als Begründung für die vermeintlich ungerechte Belastung der Bürger. Hinter dem Begriff verbirgt sich dieser Umstand: Durch Lohnerhöhungen steigen die Verdienste. Dadurch nimmt auch die Steuerbelastung zu, denn die Bürger rutschen durch ihre höheren Einnahmen in höhere Steuerklassen. Ohne offizielle Steuererhöhungen nimmt der Staat also von Jahr zu Jahr mehr ein. Wie hoch diese Mehreinnahmen ausfallen, ist nur sehr schwer zu berechnen. Zahlen hat nicht einmal der Bund der Steuerzahler. Um den Effekt auszugleichen, reduziert das Bundesfinanzministerium den Steuertarif ab und zu leicht – zuletzt Anfang 2010. Einen festen Turnus für diese Anpassungen gibt es freilich nicht.

    Die kalte Progression, so sagen die liberalen Befürworter der Steuerreform, belaste vor allem die Mittelschicht und den Mittelstand. Die schleichenden Steuererhöhungen würden also den so genannten Mittelstandsbauch aufblähen. Dieser Begriff soll aussagen, dass die eigentlichen Leistungsträger besonders unter hohen Steuersätzen zu leiden hätten. Stimmt das?

    Die Steuersenkungen des vergangenen Jahrzehnts haben stark die unteren Einkommensgruppen und Wohlhabenden begünstigt. Bei geringen und mittleren Einkommen bedeutet das: Ein verheiratetes Paar mit zwei Kindern zahlt bis zu einem Jahresbruttoeinkommen von fast 40.000 Euro gar keine Steuern mehr. Das ist unter anderem das Ergebnis der hohen Grundfreibeträge von 7008 Euro pro Kind und 8004 Euro pro Erwachsenem. Oberhalb der Grundfreibeträge allerdings steigt die Steuerzahlung recht schnell an. Zwei Beispiele aus dem Abgabenrechner des Finanzministeriums belegen dies. Demnach zahlt ein alleinstehender Beschäftigter mit 8.000 Euro Einkommen null Steuer, mit 20.000 Euro schon 2.849 Euro Steuer, mit 30.000 Euro fast 6.000 Euro Steuer. Jenseits 70.000 Euro Jahresverdienst nimmt die Belastung dank des gesenkten Spitzensteuersatzes für Reiche nur noch ganz allmählich zu. Das heißt: Wenn Facharbeiter und andere Bürger mit mittleren Einkommen den Eindruck haben, die Steuer würde bei ihnen besonders zuschlagen, liegen sie nicht ganz falsch.

    Andererseits weist das Bonner Institut für Finanzen und Steuern die Mär vom armen, steuerlich ausgeplünderten Mittelstand zurück. Ein Vergleich des Steuertarifs von 1990 und 2007 beweist, dass die Steuerbelastung mittlerer Einkommen zwar gestiegen ist, aber nur minimal. Die Mehrbelastung, also die zunehmende Fülle des Mittelstandsbauchs infolge auch der kalten Progression liege bei nur einem Prozent, schreibt das Institut.

  • „Manche Berufe sind zu wenigen bekannt“

    Auch in diesem Jahr wird es für Ausbildungsplätze in den begehrtesten Jobs mehr Bewerber als Stellen geben. Doch das ist kein Grund für Schulabgänger, die Flinte ins Korn zu werfen. Über chancenreiche Berufe und Alternativen zur Lehre weiß Günter Walden b

    Frage: Welche Ausbildungsberufe sind derzeit besonders aussichtsreich?

    Günter Walden: Prognosen über die in Zukunft besonders gebrauchten Arbeitnehmer sind schwierig. Außerdem ist nicht jeder Beruf für jeden aussichtsreich. Wichtiger ist es für Bewerber, eine für ihn oder sie geeignete Ausbildung zu suchen. Ein Interesse an der Tätigkeit ist auch wichtig. Denn die Wahrscheinlichkeit von beruflichem Erfolg ist höher, wenn die Arbeit engagiert erledigt wird. Umgekehrt gilt dies auch. Ohne Spaß am Job scheitert man eher. Grundsätzlich gelten aber die MINT-Berufe als besonders zukunftsträchtig, also Ausbildungen, die Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik zum Inhalt haben. Wir müssen mehr Menschen dafür interessieren. Da gibt es noch einen Nachholbedarf bei der Ausbildung. Auch Berufe im Dienstleistungsbereich werden in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen.

    Frage: Welche Berufe werden bislang noch nicht genügend wahrgenommen?

    Walden: Bei den dualen Ausbildungen gibt es einige noch nicht entdeckte Perlen. Der Fachinformatiker bzw. die Fachinformatikerin ist so ein Beispiel. Fachinformatiker realisieren Softwareprojekte nach Kundenwunsch. Hier analysieren Sie IT-Systeme und planen diese. Daneben schulen Sie auch Benutzer.Das ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. In den letzten Jahren sind neue, interessante und qualifizierte Berufe mit besten Perspektiven entstanden. Dazu zählen der Fachangestellte für Markt- und Sozialforschung oder der Personaldienstleistungskaufmann. Milchtechnologen und Produktionstechnologen sind ebenfalls ebenfalls attraktive neue Berufe .

    Frage: Gibt es eine Rangliste der Ausbildungsberufe?

    Walden: Es gibt 349 duale Ausbildungsberufe von A wie Änderungsschneiderin bis Z wie Zweiradmachaniker. Doch drei Viertel der Ausbildungsverträge entfallen auf nur 44 Berufe. Spitzenreiter bei den Männdern ist der Kfz-Mechatroniker, gefolgt vom Einzelhandelskaufmann, dem Industriemechaniker und dem Koch. Bei jungen Frauen ist die Konzentration auf wenige Berufe noch ausgeprägter. Die meisten Lehrverträge entfallen auf die Einzelhandelskauffrau, die Verkäuferin, die Bürokauffrau und die medizinische Fachangestellte.

    Frage: Wie entwickeln sich die Vergütungen?

    Walden: 2009 sind die Ausbildungsvergütungen um 3,7 Prozent angestiegen. Das war der stärkste Anstieg seit 14 Jahren. In Westdeutschland verdient ein Azubi im Durchschnitt 679 Euro monatlich, im Osten 595 Euro. Allerdings ist die Vergütung von Beruf zu Beruf sehr unterschiedlich. Am meisten erhalten mit Abstand die Binnenschiffer/innen mit 949 Euro im Monat. Überdurchschnittlich hoch fällt die Bezahlung auch im Bauhauptgewerbe, bei Mechatronikern sowie im Bank- und Versicherungsgewerbe aus. Am unteren Ende der Rangliste finden sich Maler und Lackierer mit 449 Euro im Westen und 388 Euro im Osten sowie Friseurinnen, Floristen und Bäcker.

    Frage: Welche Anforderungen sollten Bewerber grundsätzlich mitbringen?

    Walden: Da gibt es mit dem Hauptschulabschluss zunächst nur eine formale Voraussetzung. Grundsätzlich müssen die Bewerber natürlich ausbildungsreif sein. Sie müssen genügend Grundkenntnisse mitbringen, zum Beispiel in Deutsch und Mathematik. Zudem werden Tugenden wie Zuverlässigkeit, Arbeitsmotivation und Pünktlichkeit verlangt. Darüber hinaus unterscheiden sich die Anforderungen von Beruf zu Beruf. Wer in den MINT-Berufen eine Ausbildung machen will, sollte gute Noten in Mathematik und Naturwissenschaften vorweisen können. Von kaufmännischen Bewerbern wird neben guten Matheleistungen auch ein gutes Deutsch erwartet. In handwerklichen Berufen wiederum ist auch Geschick gefragt. Letztlich suchen sich die Betriebe die jeweils besten Jugendlichen aus. Gute Noten sind also wichtig. Wer dort nicht mithalten kann, ist aber keineswegs chancenlos. In manchen Berufen haben die Betriebe Nachwuchssorgen und Ausbildungsplätze nicht besetzen. Dazu gehören zum Beispiel Bäcker, Fleischer oder Fachverkäuferinnen im Lebensmitteleinzelhandel.

    Frage: Bilden die Betriebe trotz Kurzarbeit und Auftragsmangel genügend aus?

    Walden: Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Ausbildungsplätze um acht Prozent zurückgegangen. Gründe waren einerseits die wirtschaftliche Krise, andererseits die ebenfalls rückläufige Zahl der Schulabgänger. Wir gehen auch 2010 davon aus, dass das Stellenangebot leicht zurückgehen wird. Das Interesse von Jugendlichen an Ausbildungsplätzen ist dabei deutlich höher als die Zahl der tatsächlich abgeschlossenen Ausbildungsverträge. Vielen Jugendlichen gelingt die Einmündung ins duale System nicht und sie ergreifen Alternativen. Hier gibt es besonders im Bereich der berufsbildenden Schulen ein vielfältiges Angebot. Häufig gelingt dann nach dem Besuch einen entsprechenden Bildungsgangs die Aufnahme einer betrieblichen Lehre.

  • Von der Leyen will Kurzzeit-Jobs ausbauen

    Koalition bereitet Gesetz vor, um die Befristung von Arbeitsplätzen zu erleichtern. Gewerkschaften: „Abbau des Kündigungsschutzes durch die Hintertür“. Zahl der befristeten Stellen hat stark zugenommen.

    Trotz einer stark zunehmenden Zahl von Kurzzeit-Jobs will die Bundesregierung die Liberalisierung des Arbeitsmarktes weiter vorantreiben. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) arbeitet an einem Gesetz, um die Befristung von Arbeitsverträgen zu erleichtern. Mehr Beschäftigte müssten dann damit rechnen, keinen unbefristeten Vertrag mehr zu erhalten, sondern Jobs mit Zeitbegrenzung auf beispielsweise zwei Jahre. Nach Informationen dieser Zeitung will das Arbeitsministerium den Gesetzentwurf voraussichtlich im Mai an den Bundestag schicken.

    Das Bundesamt für Statistik hatte zuvor bekanntgegeben, dass der Anteil befristeter Arbeitsplätze im Jahr 2008 bereits 8,9 Prozent betrug. Rund 2,7 Millionen von etwa 30 Millionen abhängig Beschäftigten in Deutschland arbeiteten demnach auf zeitlich begrenzten Stellen. 1991 waren erst 5,7 Prozent der Arbeitsplätze befristet.

    Die neuen Zahlen heizen nun den Streit zwischen Bundesregierung und Opposition an. SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte: „Wir wollen die befristete Arbeit zurückdrängen“. Die Begründung für diese Haltung liefert die gewerkschaftliche Hans-Böckler-Stiftung. Deren Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (WSI) erklärte am Mittwoch, die Koalition betreibe „den Abbau des Kündigungsschutzes durch die Hintertür“. Befristete Stellen bedeuteten für die Beschäftigten mehr Unsicherheit und Druck.

    Union und FDP wollen dagegen tun, was sie im Koalitionsvertrag festgelegt haben. Dort heißt es, dass die Unternehmen mehr Möglichkeiten erhalten sollen, Arbeitsverträge zeitlich zu begrenzen, ohne dafür eine juristisch überprüfbare Begründung liefern zu müssen. Heute dagegen ist die Befristung ohne Begründung stark reglementiert. In vielen Fällen müssen die Firmen konkrete Argumente anführen, wenn sie die Vertragsdauer für eine Stelle begrenzen wollen. Durch die geplante Liberalisierung würde die Zahl der Kurzzeit-Jobs vermutlich weiter steigen.

    Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt in Nürnberg (IAB) erfolgt heute schon fast jede zweite Neueinstellung (47 Prozent) befristet. Besonders davon betroffen sind junge Leute. „In der Altersgruppe der 20- bis 25-Jährigen arbeitete 2008 gut jeder Vierte mit befristetem Vertrag“, weiß das Statistische Bundesamt. Viele der jungen Arbeitnehmer machen freilich Studentenjobs, so dass man aus der Zahl der Befristungen nicht unbedingt soziale Unsicherheit herauslesen kann. Etwas anders dürfte es bei Wissenschaftlern, Gebäudereinigern und anderen Dienstleistungen aussehen – auch dort ist der Anteil der begrenzten Stellen sehr hoch. Frauen erhalten in vielen Branchen öfter Kurzzeit-Jobs als Männer.

    Die Frage ist nun, wie die Entwicklung einzuschätzen ist – positiv oder negativ? Daten darüber, ob traditionelle, unbefristete Arbeitsplätze zunehmend durch kurze Jobs ersetzt werden, seien nicht vorhanden, heißt es beim IAB. Auch belastbare Erkenntnisse darüber, ob Firmen neue Stellen nur deshalb einrichten, weil sie sie befristen können, liegen nicht vor. Die Frage „Schafft Befristung zusätzliche Arbeit?“ lässt sich seriös kaum beantworten.

    Andererseits kann das Nürnberger Institut mit dieser Zahl aufwarten: Fast die Hälfte derjenigen, die erst befristet eingestellt werden, erhält von derselben Firma später auch eine Stelle ohne zeitliche Begrenzung. Dies unterstützt die Annahme von Union und FDP, dass Kurzzeit-Jobs für viele Beschäftigte eine Brücke in normale Arbeitsverhältnisse darstellen.

    Dieser augenblicklich opportunen Einstellung scheint das Arbeitsministerium freilich noch nicht ganz zu vertrauen. Entgegen den Zahlen des Statistikamtes erklärte eine Sprecherin am Mittwoch, „insgesamt kann man nicht von einem signifikanten Anstieg befristeter Beschäftigung sprechen“. Der Zuwachs zwischen 1991 und 2008 beruhe im wesentlichen auf einer Veränderung der statistischen Berechnungsmethoden.

    Das Statistik-Amt in Wiesbaden wies diese Einschätzung umgehend zurück. Die Zahlen seien belastbar, die neue Berechnungsmethode habe den Anstieg befristeter Beschäftigung allenfalls „etwas überzeichnet“.

  • Ost-Renten im freien Fall

    Arbeitslosigkeit drückt Rente unter die Grundsicherung

    Die jüngeren Ostdeutschen müssen sich auf eine dramatisch sinkende Rente einstellen. Dies ergibt sich aus einer Langzeitstudie, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) für die Deutsche Rentenversicherung angefertigt hat. Die mittlere Rente der Altersjahrgänge von 1942 bis 1946 liegt in den neuen Ländern noch bei 1031 Euro im Monat. Die zwischen 1967 und 1971 geborenen Männer müssen sich später mit 624 Euro begnügen. Bei den Frauen sinkt die Monatszahlung von 790 Euro auf 536 Euro

     

    Im Westen bleiben die Ruhestandsgelder dagegen fast stabil. Die heutigen Rentner erhalten im Mittel 1133 Euro, heute 40-jährige können mit einer Zahlung von 1053 Euro rechnen. Durch die höhere Erwerbstätigkeit steigen die Renten der Frauen in den alten Ländern sogar leicht von 556 Euro auf 634 Euro an. Die Zahlen sind um Einflüsse wie die Inflation oder Lohnsteigerungen bereinigt, damit die verschiedenen Jahrgänge überhaupt miteinander verglichen werden können.

     

    Für die Entwicklung im Osten sieht der DIW-Forscher Viktor Steiner vor allen zwei Ursachen. „Gründe sind die hohe Arbeitslosigkeit seit der Wiedervereinigung und die Rentenabsenkung“, berichtet der Forscher. Die Verteilung der Renten zeigt das Ausmaß des Problems. Bei den zwischen 1937 und 1951 geborenen West-Männern kommen 36 Prozent auf mehr als 1200 Euro Rente. Im Osten liegt dieser Anteil nur bei elf Prozent. Dort erhält fast jeder zweite weniger als 900 Euro. Bei den jüngeren spitzt sich die Situation deutlich zu. Nur ein Prozent der nach 1952 geborenen Ostdeutschen kann auf mehr als 1200 Euro Altersgeld hoffen. Knapp 52 Prozent werden bis zu 900 Euro bekommen, nahezu ein Drittel rutscht unter die Grundsicherungsmarke von 600 Euro. In den alten Ländern sieht es ungleich besser aus. Bei den jüngeren Frauen ist die Verteilung der Rentenansprüche dagegen fast identisch.

     

    Den wichtigsten Ansatzpunkt für Reformen sieht das DIW in einer Förderung sozialversicherungspflichtiger Arbeit. Außerdem plädiert das Institut dafür, das Renteneintrittsalter an der steigenden Lebenserwartung auszurichten. Zudem sollen die private Altersvorsorge bis zum Grundsicherungsniveau verpflichtend und Renten von Geringverdienern aus Steuermitteln aufgestockt werden.

     

     

     

  • Bahngewerkschaften fordern sechs Prozent

    Auch Beschäftigungssicherung wird verhandelt

     

    Die beiden Gewerkschaften Transnet und GDBA wollen bei den anstehenden Tarifverhandlungen mit der Bahn eine Einkommenserhöhung von sechs Prozent durchsetzen. Davon solle aber nur ein Teil in höhere Löhne fließen. Auch bei den Arbeitszeiten und den Zulagen soll der Konzern Zugeständnisse machen. „Eine Lohnpause wäre in der aktuellen Situation das völlig falsche Signal“, stellte Transnet-Chef Alexander Kirchner klar.

     

    Die Tarifverträge der beiden großen Bahngewerkschaften für rund 165.000 Beschäftigte im Konzern laufen Ende Juli aus. Die Lokführergewerkschaft GdL sitzt nicht mit im Boot, sondern verhandelt seit der letzten Tarifrunde eigenständig. Transnet und GDBA peilen ein Gesamtpaket an. Auch in der gegenwärtigen Krise halten beide Organisationen die Forderung für vertretbar. Der Konzern werde in der kommenden Woche wieder einen Milliardengewinn bekannt geben, begründeten die Gewerkschaften ihren Anspruch.

     

    Außerdem wollen Bahn und Gewerkschaften zeitgleich einen neuen Beschäftigungspakt aushandeln. Ende 2010 läuft die geltende Vereinbarung aus. Bis dahin sind betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen. „Dieser Tarifvertrag hat sich bewährt“, sagte Kirchner. Er müsse jedoch durch neue Regelungen für Nachwuchskräfte und ältere Arbeitnehmer ergänzt werden.

     

    Auf der Tagesordnung steht ferner ein Flächentarifvertrag für die Bahnbranche. Dazu müssten allerdings die nicht zur Deutschen Bahn gehörenden Privatbahnen mit an den Tisch. Deren Bereitschaft, die vergleichsweise hohen Tarife des Staatskonzerns zu bezahlen, ist allerdings gering. Der Branchenprimus unterstützt die Forderung aus eigenem Interesse. Das Unternehmen will die Gewerkschaftsforderungen derzeit nicht kommentieren.

     

     

     

     

  • Gabriels Spiel mit der Angst

    Kommentar zur SPD-Hartz-Reform von Hannes Koch

    Hartz macht Angst. Die harte Reform der Schröder-Jahre lässt auch Berufstätige ahnen, wie schnell der Abstieg auf Sozialhilfe-Niveau geschehen kann. Die daraus resultierende Sorge vieler Bürger ist ein wesentlicher Grund für die schlechten Wahlergebnisse der SPD, die Identitätskrise der Partei und den Aufstieg der Linken.

    Gegen diese Furcht setzt SPD-Chef Sigmar Gabriel nun die Korrektur der Hartz-Gesetze. Dieser Versuch ist einerseits überfällig, denn die Union und selbst die FDP arbeiten mit Erfolg daran, das SPD-Markenimage der sozialen Gerechtigkeit mit eigenen Konzepten zu schwächen. Andererseits schießt Gabriel über das Ziel hinaus. Die SPD plant nun nichts weniger, als das Arbeitslosengeld bis zu 36 Monate zu zahlen. CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl war 1987 im Vergleich dazu bescheiden: Er ließ die Unterstützung nur auf 32 Monate verlängern.

    Gabriels Ansage ist reine Oppositionspolitik, die niemals realisiert wird. Sollte die SPD ab 2013 oder 2017 im Bund wieder reagieren, wird die Partei feststellen, dass ihr Versprechen ziemlich teuer kommt. Das dürfte auch der Grund sein, warum die Sozialdemokraten die Kosten lieber erst gar nicht ausgerechnet haben. Dieses Verfahren erscheint im heutigen Politikbetrieb zwar normal, doch gleichwohl unseriös und unehrlich. Das ist keine Politik gegen, sondern ein Spiel mit der Angst der Bürger.

  • Arbeitslosengeld länger als unter Kohl

    Die SPD korrigiert Schröders Agenda 2010 und verspricht den Erwerbslosen Arbeitslosengeld für drei Jahre. Unter der früheren CDU-Regierung wurde es höchstens 32 Monate gezahlt

    Die SPD will das Arbeitslosengeld auf maximal drei Jahre verlängern. Das erklärte SPD-Chef Sigmar Gabriel am Montag in Berlin anlässlich der Präsentation des Konzeptes „Fairness auf dem Arbeitsmarkt“. Sollte eine Bundesregierung das Konzept jemals realisieren, würde das Arbeitslosengeld dann länger gezahlt, als vor den Hartz-Reformen.

    Nach den anderen Parteien hat damit auch die SPD eine Korrektur der Hartz-Gesetze vorgelegt. Diese Änderung ist für die SPD besonders wichtig und zugleich schmerzhaft, weil die Agenda 2010 ein Produkt der rot-grünen Ära unter Bundeskanzler Gerhard Schröder war. Die umstrittenen Hartz-Gesetze sind dafür verantwortlich, dass die Sozialdemokraten in den vergangenen Jahren in Umfragen auf 25 Prozent absackten.

    Heute ist das Arbeitslosengeld I, das die Bundesagentur als Versicherungsleistung auszahlt, auf maximal zwei Jahre begrenzt. Danach rutschen die Erwerbslosen in jedem Fall auf das niedrige Arbeitslosengeld II ab (Hartz IV). Unter bestimmten Bedingungen will der SPD-Vorstand die Bezugsdauer nun auf „bis zu 36 Monate ausdehnen“, wie Gabriel sagte. In den Genuss der längeren Zahlung sollen ältere Erwerbslose kommen, wenn sie eine anerkannte, hochwertige Qualifizierungsmaßnahme absolvieren. Über diesen Beschluss soll der SPD-Parteitag im September abstimmen.

    Die SPD-Führungsriege aus Gabriel, Frank-Walter Steinmeier, Olaf Scholz und Andrea Nahles schlägt auch ein höheres Arbeitslosengeld II vor. Wenn sie von ALG I auf ALG II sinken, erhalten Erwerbslose heute ein zusätzliches Übergangsgeld von maximal 160 Euro. Die SPD will diese Extrazahlung anheben, allerdings in Abhängigkeit von der früheren Beschäftigungsdauer des Betroffenen. Details hat der Parteivorstand noch nicht ausgearbeitet.

    Außerdem soll das Vermögen von Erwerbslosen nicht mehr auf die Hartz-IV-Leistungen angerechnet werden. Bisher müssen Langzeitarbeitslose den großen Teil ihres angesparten Kapitals aufbrauchen, bevor sie Arbeitslosengeld II erhalten. Um diese von vielen als unfair empfundene Regelung abzumildern, hat die schwarz-gelbe Regierung unlängst die Grenze für das sogenannte Schonvermögen angehoben. Von dieser Verbesserung sind freilich nur wenige Arbeitslose betroffenen, da die meisten nicht viel Geld angespart haben.

    Wie Nordrhein-Westfalens SPD-Chefin Hannelore Kraft in der vergangenen Woche bereits angedeutet hat, will die SPD auch den öffentlichen Arbeitsmarkt für diejenigen ausbauen, die keine Chancen auf eine reguläre Stelle haben. 200.000 soziale Arbeitsplätze in Städten und Gemeinden sollen zusätzlich entstehen. Nach Berechnungen der Sozialdemokraten würde das rund drei Milliarden Euro pro Jahr kosten.

    Über die Kosten des höheren Arbeitslosengeldes und der anderen Maßnahmen wollten Gabriel und Scholz keine Angaben machen. Die SPD-Chef sprach sich aber dafür aus, den Arbeitslosenbeitrag nach der Krise nicht wieder zu senken, sondern die Einnahmen für die Arbeitsmarktpolitik auszugeben. Der Wirtschaft stellen die Sozialdemokraten weiterhin in Aussicht, einen bundesweiten, gesetzlichen Mindestlohn von rund 8,50 Euro festzulegen.

    Die SPD hat ihre Vorschläge auch deshalb jetzt vorgelegt, weil sie damit in den Wahlkampf für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen Anfang Mai eingreifen will. NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) hat eine Überarbeitung der Agenda 2010 gefordert. Auch er spricht über ein längeres Arbeitslosengeld I.

    Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts muss die Bundesregierung zudem die Hartz-IV-Leistungen für Kinder verbessern. Dazu sagte Gabriel, dass seiner Meinung nach die Regelsätze steigen müssten. Ferner will die Bundesregierung den Erwerbslosen zu gestatten, mehr eigenen Lohn zum Arbeitslosengeld II hinzuzuverdienen.

    Eine weitere Ebene der Debatte haben in den vergangenen Wochen Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU), FDP-Chef Guido Westerwelle und CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt bestritten. Sie verlangten, dass Hartz-IV-Empfängern schärfere Sanktionen drohen müssten, sollten sie angebotene Arbeiten verweigern.

  • CSU will Solarförderung nachbessern

    Der Neubau auf bestimmten Ackerflächen soll möglich bleiben, der Zuschuss für Solarstrom weniger stark sinken

    Bei der Förderung von Solaranlagen wird es wohl nicht zu der umstrittenen Absenkung kommen, die CDU-Umweltminister Norbert Röttgen plant. Georg Nüßlein, der wirtschaftspolitische Sprecher der CSU-Landesgruppe im Bundestag, stellte in Aussicht, dass die Flächenbeschränkung gelockert die finanzielle Förderung weniger stark reduziert werde. Röttgens Pläne, die das Bundeskabinett bereits abgesegnet hat, gingen „entschieden zu weit“, sagte auch Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil.

    Am Freitag trafen sich Zeil und Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) in München mit den Vertretern von Solarfirmen und ihren Verbänden. Wie die Länder Thüringen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und andere befürchten auch bayerische Landespolitiker Schaden für die heimische Solarindustrie und Landwirtschaft. Um die vermeintlich zu hohe Förderung von Solarstrom zu reduzieren, will Röttgen die Zuschüsse dieses Jahr um weitere 16 Prozent kürzen und den Neubau von großen Solaranlagen auf Ackerflächen verbieten.

    Besonders über das geplante Verbot ist Zeil erzürnt: „Diese Regelung würde faktisch das Aus für die Freiflächen-Photovoltaik in Deutschland bedeuten.“ Kompromisslösungen lägen bereits vor, sagte Zeil. Laut Nüßlein denkt man beispielsweise darüber nach, Solaranlagen im Umkreis von Gewerbegebieten zu genehmigen. Dabei dürfe es aber nicht zur „Zersiedlung der Landschaft“ kommen.

    Auch die geplante starke Degression der Einspeisevergütung für Solarstrom stellt die CSU in Frage. Der Zuschuss, den alle Stromverbraucher tragen, sank Anfang 2010 turnusgemäß um acht Prozent. 2011 würde er um weitere zehn Prozent abnehmen. Zusätzlich plant Röttgen nun eine Verringerung von 15 bis 16 Prozent. Dazu sagte Wirtschaftsminister Zeil: „Die geplante Absenkung der Einspeisevergütung von insgesamt rund 35 Prozent binnen eines Jahres könnte zu einem übermäßigen Einbruch des Photovoltaikmarktes führen.“ Ein Kompromiss könnte darin bestehen, den Degressionsschritt zu Beginn des kommenden Jahres zu mildern oder hinauszuschieben. Die FDP-Fraktion im Bundestag zeigte sich „offen“ für eine Änderung des Röttgen-Plans. Im April berät der Bundestag über das Vorhaben.

  • Schäuble: Verschuldete Euro-Länder notfalls ausschließen

    Damit der Euro so hart bleibt, wie es die D-Mark war, will der Bundesfinanzminister einen Europäischen Währungsfonds gründen. „Staatsbankrott muss möglich bleiben“

    Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat sich dafür ausgesprochen, hoch verschuldete Staaten notfalls aus der Eurozone auszuschließen. Dies müsse das letzte Mittel sein, wenn auch die Regeln eines neuen Europäischen Währungsfonds nicht mehr wirkten, schrieb der Minister in einem Gastbeitrag für die Freitag-Ausgabe der Financial Times.

    Vor dem Treffen der europäischen Finanzminister am kommenden Dienstag hat die Bundesregierung damit einen Pflock eingeschlagen: Sie peilt die Gründung eines Europäischen Währungsfonds an, der wie der Internationale Währungsfonds (IWF) Ländern mit Zahlungsbilanzdefiziten Kredite geben soll. Ausgelöst wurde die Debatte durch die hohe Verschuldung Griechenlands und den vorübergehend sinkenden Wert des Euro. Schäuble lehnt es ab, den IWF zu Hilfe zu holen – Europa müsse seine Probleme selbst lösen können. Sein Plädoyer für einen Europäischen Währungsfonds (EWS) ist außerdem ein Signal an die Bundesbürger: Wir tun alles dafür, dass der Euro so hart bleibt, wie es die D-Mark früher war.

    Der EWS soll an verschuldete Ländern Notkredite auszahlen können, schreibt Schäuble in seinem FT-Beitrag. Dadurch bekämen sie die Möglichkeit, ihre Staatsfinanzen wieder ins Lot zu bringen. Parallel zur finanziellen Unterstützung solle der Fonds aber harte und wirksame Maßnahmen durchsetzen, damit das betreffende Euro-Land seine Verschuldung reduziere und die gemeinsame Währung nicht in Gefahr bringe. Eine Sanktion könne sein, so Schäuble, den betroffenen Staat vorübergehend aus den Entscheidungsprozessen der Eurozone auszuschließen. Am Ende müsse die Drohung stehen, ihm die Mitgliedschaft in der gemeinsamen Währung zu entziehen. „Im Prinzip muss es auch möglich bleiben, dass ein Staat bankrott geht“, schreibt Schäuble. Nur durch derartige Hartherzigkeit lasse sich der unsoliden Wirtschaftspolitik mancher Regierung vorbeugen.

    Was von diesen Vorschlägen schließlich umgesetzt wird, muss man sehen. Die französische Regierung unterstützt die Fonds-Idee, die Bundesbank hat sich skeptisch geäußert, und die Europäische Zentralbank zurückhaltend.

    Im Umkreis der Debatte hatte das Handelsblatt berichtet, Schäuble trete Merkel zu forsch auf. Bei der Regierungspressekonferenz am Freitag wiesen die SprecherInnen des Kanzleramtes und des Finanzministeriums die These vom Streit zwischen Merkel und Schäuble allerdings zurück.

  • Der Druck, eine saubere Jugendbiografie abzuliefern

    Abschluss in der Tasche und hinaus in die Welt der Erwachsenen: Nach der Schule fängt für Jugendliche ein neuer Lebensabschnitt an. Soziologe Wolfgang Gaiser vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München erklärt, welche Probleme Berufs- und Studienanfänge

    Mandy Kunstmann: Herr Gaiser, die Schule ist endlich aus, das Abschlusszeugnis in der Hand. Welche Schwierigkeiten kommen auf Jugendliche dann zu?

    Wolfgang Gaiser: Das hängt ganz davon ab, welchen Abschluss die Schüler in der Tasche haben. Hauptschüler haben Probleme damit, ihre Wunschausbildung zu bekommen. Sie wollen einen zukunftsträchtigen Beruf erlernen. Sie möchten zum Beispiel KfZ-Mechaniker bei BMW werden und nicht irgendwo in einer langweiligen Werkstatt auf dem Lande arbeiten, wo sie nach der Ausbildung keine Stelle bekommen. Die großen Betriebe sieben jedoch extrem aus.

    Kunstmann: Und wie geht es den Abiturienten?

    Gaiser: Abiturienten stehen unter Stress. In den Bundesländern, in denen die Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre verkürzt worden ist, müssen die Schüler den Stoff schließlich in kürzerer Zeit packen. Wenn sie dann die auf die Universität gehen wollen, müssen sie heute in ein verschultes System einsteigen, das wiederum Druck ausübt.

    Kunstmann: Schadet der Bachelor, also das Kurzstudium, den jungen Leuten?

    Gaiser: Es ist fraglich, ob das Bachelor-System mit seiner Verdichtung und Formierung den jungen Leuten wirklich zugute kommt. Die Zeit, in der das Studium eine schöne Phase des sich Ausprobierens war, ist vorbei.

    Kunstmann: Wie groß ist der Druck, den unsere Gesellschaft auf die jungen Menschen ausübt?

    Gaiser: Der ist enorm. Junge Menschen stehen heute gänzlich unter öffentlicher Kontrolle. Von ihnen wird erwartet, mit 25 Jahren eine saubere Jugendbiografie abzuliefern. Alles ist heutzutage schließlich mit Zeugnissen versehen. An der Schule gibt es Noten, an der Uni Scheine oder Praktika-Beurteilungen und sogar das freiwillige soziale Jahr wird bewertet.

    Kunstmann: Ist dieser Leistungsdruck schädlich?

    Gaiser: Tatsächlich kann zu viel Druck schaden. Wir beobachten, dass Depressionen unter Jugendlichen zunehmen. Zornausbrüche oder Rückzugstendenzen treten auch immer häufiger auf.

    Kunstmann: Gibt es Jugendliche, die besonders gefährdet sind.

    Gaiser: Nicht jeder wird in Depression verfallen oder an Wutausbrüchen leiden. Ein starker Familienzusammenhalt oder ein guter Freundeskreis können die Belastungen auffangen.

    Kunstmann: Nicht jeder ist mit einem starken sozialen Umfeld gesegnet…

    Gaiser: … und die Schere zwischen denen, die auf der Strecke bleiben und denen, die eine internationale Karriere hinlegen, weil sie genügend Unterstützung haben, wird immer breiter.

    Bio-Box: Wolfgang Gaiser arbeitet seit 1972 beim Deutschen Jugendinstitut (DJI). Der 63-Jährige Diplom-Soziologe und Doktor der Sozialwissenschaften ist bei dem Münchner Institut Grundsatzreferent für Jugendforschung.

  • Bloß nicht Abwarten

    Wer kurz vor dem Abitur noch nicht weiß, welchen Weg er danach einschlagen soll, riskiert unnötige Enttäuschungen/ Für die Entscheidungsfindung gibt es Tricks

    „Ich hätte damals sogar Medizin studieren können“, erzählt Ina Walter. „Doch ich wusste nicht, dass mir die Zeit nach dem Abi als Wartezeit angerechnet wird.“ Gänzlich unvorbereitet stürzte sich die 32-Jährige Wahlberlinerin damals in das Unileben. Letztendlich entschied sie sich für den Studiengang Lebensmitteltechnik. Mittlerweile sechs Jahre studiert sie das Fach und ist sich immer noch nicht ganz sicher, ob das der richtige Weg ist. So wie Ina Walter geht es vielen jungen Menschen. Ohne genau zu wissen, welcher Job für sie der richtige ist, gehen sie nach dem Abi der Arbeitswelt entgegen.

    Aufschieben und bloß nicht an später denken, das scheint unter deutschen Oberstufenschülern eine gängige Strategie – zumindest was die Berufsplanung angeht. Knapp jeder zweite Schüler macht sich erst im letzten Jahr vor dem Abschluss darüber Gedanken, wie der weitere Bildungswegs aussehen soll. Jeder Zehnte hat sich sogar ein halbes Jahr vor den Abi-Prüfungen noch nicht mit dem Thema beschäftigt. Das hat eine Befragung des Hochschul-Informations-Systems (HIS) ergeben. Dabei riskieren Jugendliche, die sich unvorbereitet ins Berufsleben begeben, unnötige Enttäuschungen.

    „Viele Studienabbrüche und manches Unglück kann man vermeiden, wenn man zumindest in etwa die Zielrichtung weiß“, sagt die Münchner Karriereberaterin Madeleine Leitner. „Natürlich hat die Abiprüfung Priorität, aber man sollte sich möglichst bald und intensiv mit der Zeit danach beschäftigen.“ Schließlich gehe es ja um den Rest des Lebens.

    Jugendlichen, die auf der Suche nach dem passenden Job sind, empfiehlt die Diplom-Psychologin zuerst einmal drei bis fünf Jobideen zu entwickeln und diese dann auf ihre Realität zu prüfen. Wer in die Betriebe hineinhört und Gespräche mit den Menschen die dort arbeiten führt, erfährt, wie der berufliche Alltag aussieht, welche Aufstiegschancen es gibt oder welche Ansprüche mit dem Job verbunden sind. Informationsveranstaltungen an den Universitäten findet Leitner weniger hilfreich. „Dort ist häufig nur Hochschulpersonal anwesend“, bemängelt die Beraterin. „Die wenigsten möchten doch aber Dekan oder Professor werden.“

    Vielen jungen Menschen fällt es schwer sich zu entscheiden, welchen beruflichen Weg sie einschlagen sollen. Nur sieben Prozent der Jugendlichen gaben bei der HIS-Befragung an, keine besonderen Schwierigkeiten bei der Wahl des künftigen Werdegangs zu haben. Wer auf der Suche nach dem Traumjob ist, sollte zu allererst genau wissen, wo die eigenen Talente liegen. „Erst wenn ich meine Fähigkeiten kenne kann ich auf Jobsuche gehen“, erklärt Leitner. Wo die eigenen Stärken liegen, lässt sich jedoch nicht immer einfach herausfinden. „Menschen sind oft besonders betriebsblind für das, was sie am besten können“, so die Psychologin. „Was sie gut können ist für sie so selbstverständlich, dass es ihnen gar nicht auffällt.“

    Auf die Suche nach den eigenen Talenten müssen sich Schüler nicht alleine begeben. Unterstützung bekommen sie von Berufs- oder Studienberatern. Und auch im Internet gibt es Hilfe. Eine gute Möglichkeit die eigenen Fähigkeiten ausfindig zu machen, ist der kostenlose Online-Test Borakel der Universität Bochum. Im Internet unter www.ruhr-uni-bochum.de/borakel/ ist er zu finden. Auch das Internet-Tool Explorix (www.explorix.de) hilft die eigenen Stärken zu erkennen. Die Teilnahme kostet 11,50 Euro.

    Studentin Ina steuert möglicherweise an ihrem Traumjob vorbei. „Ich glaube, ich hätte lieber Chemie studieren sollen“, gibt sie zu bedenken. Karriere-Expertin Leitner rät jedem, der merkt, dass er die falsche Richtung eingeschlagen hat, möglichst bald die Strategie zu ändern. „Menschen, die auf einem falschen Weg sind, tendieren dazu, noch mehr ins Abseits zu gehen.“
    Wer glaube, wenn er erst einmal zu Ende studiert habe, werde er schon eine Lösung finden, liege meist falsch.

    Welches die starken Seiten ihrer Klienten sind, erfährt die Beraterin übrigens indem sie deren Lebensgeschichten analysiert. „Meine Kunden schreiben Episoden aus ihrem Leben auf in denen sie etwas besonders gut gemacht oder die ihnen Freude bereitet haben“, sagt sie. Ein unglücklicher Jurist habe so zum Beispiel von seinem Vertriebstalent erfahren. Als Student hatte er einmal eine Konferenz organisiert. Mühelos ist ihm die Finanzierung gelungen – so mühelos, dass ihm das verborgene Talent gar nicht aufgefallen war. Heute ist der studierte Jurist Unternehmensberater für Anwaltskanzleien und um einiges glücklicher.  

  • Hier gibt es Geld für die Ausbildung

    Studiengebühren, Lernmaterialien, Miete und Taschengeld: Eine gute Ausbildung kostet Geld. Nicht nur mithilfe der Eltern oder einem Nebenjob lässt sich der Besuch einer Schule oder Universität finanzieren. Auch vom Staat und von privaten Unternehmen gibt es finanzielle Hilfen.

    Stipendien: Am kostengünstigsten finanziert sich eine Ausbildung durch ein Stipendium. Zuwendungen für Auslandssemester gibt es zum Beispiel vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). Der Markt an Stipendiengebern ist vielfältig. Das sind auch die Voraussetzungen für die Förderung. Überdurchschnittliche Leistungen, finanzielle Bedürftigkeit oder besonderes Engagement sind nur einige Beispiele. Bei der Suche nach einem geeigneten Programm hilft das Bundesministerium für Bildung. Unter   www.stipendienlotse.de finden interessierte Angebote von 462 Anbietern.

    BAföG: Die staatliche Zuwendung gibt es nicht nur für das Studium an Hochschulen. Auch Ausbildungen an allgemein- und berufsbildenden Schulen, an Kollegs, Akademien oder Fernunterrichtslehrgänge werden unterstützt. Allerdings existiert eine Altersgrenze. BAföG erhalten junge Menschen, die bei Beginn der Ausbildung das 30. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Ebenso für Schuljahre oder Praktika im Ausland gibt es die Mittel, denn auf Deutschland ist die staatliche Unterstützung nicht beschränkt. Wie hoch die Zahlungen ausfallen, hängt davon ab, ob Auszubildende bei ihren Eltern wohnen und für welche Ausbildung sie sich entschieden haben. Schüler bekommen das Geld in der Regel, solange sie die Bildungsstätte besuchen. Sie müssen es nicht zurückzahlen. Studenten werden in der Regelstudienzeit unterstützt. Sie müssen die Hälfte der Summe später in niedrigen Raten begleichen. Unter www.das-neue-bafoeg.de gibt es weitere Informationen.

    Bildungskredit: Volljährige Schüler und Studenten können unter bestimmten Voraussetzungen auch den zinsgünstigen Bildungskredit der KfW in Anspruch nehmen. Älter als 35 Jahre dürfen sie allerdings nicht sein. In monatlichen Raten von 100 Euro, 200 Euro oder 300 Euro wird das Darlehen ausgezahlt. Bis zu 7.200 Euro können innerhalb eines Ausbildungsabschnittes gewährt werden. Nach Ablauf einer tilgungsfreien Zeit von vier Jahren muss der Kredit in monatlichen Raten von 120 Euro zurückgezahlt werden. Auch andere Banken bieten Darlehen. Vor dem Kreditabschluss empfiehlt es sich mehrere Angebote zu vergleichen. einen Studienkreditrechner hält die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg im Internet unter www.vz-bawue.de bereit.