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  • Lesenswert

    Literatur für den Berufserfolg

    Strategische Berufsberatung: Wer nicht nur irgendeinen Job, sondern den Traumjob sucht, bekommt vom amerikanischen Buchautor Richard Nelson Bolles Unterstützung. In seinem Bestseller „Durchstarten zum Traumjob. Das ultimative Handbuch für Ein-, Um- und Aufsteiger“ zeigt er, wie jeder den passenden Arbeitsplatz finden kann. Das Buch erklärt, warum die konventionellen Methoden der Arbeitssuche oft ergebnislos bleiben und welche Strategien wirklich zum Erfolg führen. 

    Praktische Selbstanalyse: Wer nicht nur irgendeinen, sondern seinen Traumjob sucht, muss seine Talente und Fähigkeiten genau kennen. Nur dann lässt sich herausfinden, welcher Beruf am besten zu einem passt. Mit dem Arbeitsbuch „Durchstarten zum Traumjob – Das Workbook“ hilft Bolles Jobsuchenden ihre eigenen Stärken zu erkennen. Das eigenständige Buch zur Berufsorientierung konzipiert, eignet sich aber auch als Ergänzung zu „Durchstarten zum Traumjob. Das ultimative Handbuch für Ein-, Um- und Aufsteiger“.

    „Durchstarten zum Traumjob. Das ultimative Handbuch für Ein-, Um- und Aufsteiger“ (2009, 9. aktualisierte Auflage) ist für 24,90 Euro im Buchhandel erhältlich. Das Arbeitsheft „Durchstarten zum Traumjob – Das Workbook“ (2007, 3. aktualisierte Auflage) gibt es für 17,90 Euro. Beide Bücher sind im Campus-Verlag erschienen.

  • Karriere als Kreuzfahrer

    An Bord eines Cruisers lockt der schnelle berufliche Aufstieg/ Die Voraussetzungen für die Jobs auf See sind jedoch hoch

    „Ich selbst will später unbedingt in die Kreuzfahrtbranche“, erklärt das blonde zierliche Mädchen im Hosenanzug. „Da kommt man in relativ kurzer Zeit sehr weit rum.“ 20 Jahre ist Udine Handorf alt und studiert im zweiten Semester Tourismusmanagement an der Karlshochschule International University in Karlsruhe. In Halle 5.1 der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin erklärt sie Schülern, welche beruflichen Möglichkeiten sich hinter ihrem Studiengang verbergen. Mit dem Plan, später einmal auf einem Kreuzliner zu arbeiten, hat sie selbst schon einen Schritt in Richtung einer viel versprechenden Berufslaufbahn gemacht. Denn die Arbeit an Bord gilt als Karrieresprungbrett im Reisesektor.

    Die Palette der gefragten  Berufe ist groß. An Bord werden Kabinenstewards, Konditoren, Köche Barkeeper, Schiffsingenieure, Fitnesstrainer,  Animateure oder Physiotherapeuten gebraucht.

    „Wer in seinem Lebenslauf eine Referenz aus der Kreuzfahrt vorweisen kann, hat einen enormen Marktwert“, erklärt Frank Fleischmann. Der Pressesprecher der Suhler Agentur für Arbeit weiß, welche Vorteile eine Anstellung auf See mit sich bringt. „Auf einem Schiff gewinnen die Leute hochwertige Kenntnisse“, sagt er. „Die Tätigkeit ist vergleichbar mit der Arbeit in einem Vier- oder Fünf-Sterne Hotel.“ Zudem gebe es auf den schwimmenden Herbergen flache Hierarchien und weniger Personal als an Land. Da falle es eher auf, wenn jemand gute Leistungen bringe. „Da sind auch die Chancen für einen Aufstieg höher“, so Fleischmann.

    Regelmäßig organisieren die Arbeitsvermittler die Jobbörse „Meer Arbeit“. „Wir wollen motivierte Bewerber und angebotsstarke Unternehmen auf unkomplizierte Weise zusammenzubringen“, sagt Sprecher Fleischer. Auch wenn die Treffen zwischen Firmen und potentiellen Mitarbeitern in dem Thüringer Städtchen stattfinden, regional beschränkt ist die Vermittlung nicht. Jeder, der an einem Job in der Kreuzfahrtbranche interessiert ist, kann vorbeikommen und Unternehmen wie AIDA Cruises, die Peter Deilmann Reederei oder TUI kennen lernen. Die Chancen durch das persönliche Treffen eine Tätigkeit an Bord zu ergattern, stehen gut. „Von den rund 1.000 Besuchern interessieren sich 500 tatsächlich für einen Job“, erläutert Fleischmann. Zuletzt habe man über 150 Stellen vermitteln können.

    Für die Arbeit auf See gibt es allerdings hohe Voraussetzungen. Nur wer entsprechende Vorkenntnisse mitbringt, hat Aussicht auf die berufliche Weltreise. Eine Ausbildung im Tourismusbereich und Arbeitserfahrung sind Pflicht. Optimal sollten die Bewerber ein halbes bis eineinhalb Jahre in einem Hotel, Restaurant oder vielleicht einem Freizeitpark gearbeitet haben. Und wen es auf ein Hochseeschiff zieht, der sollte möglichst schon Erfahrungen auf einem Flussschiff gesammelt haben.     

    Die hohen Anforderungen in der Hotellerie und Gastronomie kennt auch Michaela Spiegel. Auf der ITB ist sie Karriereberaterin am Stand der Internet-Jobbörse YourCareerGroup (www.ycg.de). Im beruflichen Alltag ist die 37-Jährige Personaldirektorin bei ArabellaStarwood Hotels. „Ausbildung, Auslandserfahrung und Englischkenntnisse sind Grundvoraussetzungen“, erzählt sie. Eigentlich findet sie, sollte die Branche in dieser Hinsicht flexibler werden. Auch Quereinsteiger verdienten es, berücksichtigt zu werden, weil sie oftmals viel motivierter seien. „Ein KfZ-Mechaniker, der schon lange mit einem Job als Koch liebäugelt, bringt vielleicht mehr Leidenschaft mit als jemand mit einer Ausbildung.“   

    Der Kreuzfahrtenmarkt gehört zu den am stärksten wachsenden touristischen Segmenten. Laut Deutschem Reiseverband (DRV) hat sich die Passagierzahl allein bei den Fahrten auf den Weltmeeren in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. 2009 wurde erstmals die Zahl von über einer Million Hochseekreuzfahrern überschritten.

    Der Trend geht also hin zum Urlaub auf dem „schwimmenden Hotel“. Bei der Online-Stellenvermittlung Joborama (www.joborama.de) beobachten die Mitarbeiter noch eine weitere Entwicklung – und zwar mit Sorge. „Es werden immer mehr Praktika ausgeschrieben“, bemängelt der Leiter der auf die Bereiche Sport, Fitness, Wellness, Tourismus, Hotellerie und Gastronomie spezialisierten Börse, Uwe Wasserloos. Udine, der blonden Studentin im adretten Anzug, und ihren Kommilitonen empfiehlt er, bloß nicht zu viele Praktika zu machen. Ein einziges könne schließlich reichen, „um den Fuß in die Tür zu kriegen“. 

  • Brüderles laues Lüftchen

    Kommentar zu Rainer Brüderle von Hannes Koch

    Wer Rainer Brüderle wohlwollend betrachtet, wird sagen, dass der Wirtschaftsminister der FDP bislang keine Fehler gemacht habe. Wer den rheinland-pfälzischen Politiker kritisch sieht, urteilt dagegen, man könne gar nicht erkennen, was Brüderle so treibe.

    Das stimmt nicht. Wahrnehmbar war Brüderle als einer der Mitwirkenden am Wachstumsgesetz der schwarz-gelben Koalition und der darin enthaltenen Steuersenkung für Hotels. Außerdem hat er ein Entflechtungsgesetz für Konzerne angekündigt, um deren Macht im Extremfall einzudämmen. Und drittens hat er einen Kreditmediator berufen, der unter gutem Zureden Banken davon überzeugen soll, Unternehmen Geld zu leihen. Der Erfolg dieser Mission ist bislang offen.

    Ist das die überzeugende Halbjahresbilanz eines Wirtschaftspolitikers, der jahrelang darauf warten musste, endlich wieder regieren zu können? Wer Brüderle neutral beobachtet, ist erstaunt über die Gemütlichkeit seines Handelns und die Leere seiner Statements. Mehr als das einförmige Bekenntnis zu Wachstum und Marktfreiheit ist da nicht zu hören. Vielleicht besteht in dieser Nicht-Politik aber die eigentliche Raffinesse. Wer nichts tut, unterstützt diejenigen, die ohnehin profitieren.

  • Banken sollen Mittelstand besser unterstützen

    Kreditgipfel: Öffentliche KfW-Bankengruppe verlängert Export-Kreditprogramm. Vermittler Metternich nimmt bald Anfragen von hilfesuchenden Betrieben entgegen. Wirtschaftsminister Brüderle fordert Banken zum Handeln auf

    Noch ist das Büro von Hans-Joachim Metternich nicht zu erreichen. Stattdessen meldet sich ein Callcenter, das verspricht, eine Nachricht weiterzureichen. Mittelständler, die dringend einen Kredit brauchen, ihn von der Bank aber nicht bekommen, müssen sich also noch etwas gedulden. Ab Ende des Monats erst nimmt Kreditmediator Metternich Anträge von hilfesuchenden Firmen entgegen.

    Im Auftrag von Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) soll Metternich, der ehemalige Chef der rhein-pfälzischen Investitionsbank, vermitteln, wenn Banken den Kreditwunsch einer Firma ablehnen. Noch allerdings ist die Beratung nicht angelaufen. „Es ist schwierig, das Verfahren umzusetzen“, heißt es beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Fraglich ist unter anderem, wie Metternichs Mitarbeiter die notwendigen Informationen erhalten, um die tatsächliche Kreditwürdigkeit der Hilfesuchenden zu beurteilen.

    Damit die Zusammenarbeit möglichst schnell vorankommt, trafen sich beim DIHK in Berlin am Donnerstag Metternich und Brüderle mit den Spitzenverbänden der Wirtschaft und der Banken. „Alle Beteiligten unterstützten den Kreditmediator bei seinen Bemühungen, Lösungen für Unternehmen zu finden“, hieß es in der vorbereiteten Erklärung.

    Angesichts der Wirtschaftskrise scheinen zumindest einige Unternehmen einer gewissen Hilfe zu bedürfen. Einer aktuellen Umfrage des DIHK zufolge beklagen 28 Prozent der Firmen Finanzierungsprobleme. 25 Prozent berichten von schlechteren Kreditbedingungen als vor der Krise. Dazu gehören etwa höhere Zinsen oder das Verlangen der Banken nach größeren Sicherheiten. Betroffen sind nicht zuletzt größere Mittelständler, deren Finanzierungsbedarf die Möglichkeiten von Sparkassen und Volksbanken übersteigen. Gerade die großen Finanzinstitute sind infolge der Krise vorsichtiger geworden.

    Eine „flächendeckende Kreditklemme“ sehe er zwar nicht, sagte Brüderle, „aber es zeichnen sich erste Engpässe ab. Die Banken können mehr als sie bisher tun.“ Bundestagsopposition und Gewerkschaften haben wiederholt kritisiert, dass die Notenbanken den großen privaten Instituten billiges Geld zu Verfügung stellten, diese die Mittel aber zu wenig an die Wirtschaft weiterreichten.

    Wie am Donnerstag bekannt wurde, hat gerade die öffentliche KfW-Bankengruppe ein Kreditprogramm bis Ende des Jahres verlängert, das Exportunternehmen unterstützt. Dabei kauft die KfW Finanzinstituten Unternehmenskredite ab. Sie verschafft den Banken damit liquide Mittel und ermöglicht ihnen so, weitere Kredite an Firmen auszureichen.

    Weiterhin wird daran gedacht, den Zugang der Banken zu so genannten Globalkrediten der KfW zu erleichtern. Die öffentliche Bank könnte künftig einen größeren Teil der Haftung übernehmen. Ferner prüft Brüderles Ministerium, ob der Staat eine Haftung für die Verbriefung von Unternehmenskrediten übernehmen könnte. Über diese Maßnahmen ist freilich noch nicht entschieden.

    Die grüne Mittelstandsbeauftragte Christine Scheel forderte, „die PR-Veranstaltung Kreditmediator zu beenden“. Das Geld könne „effektiver an anderer Stelle verwendet werden“, so Scheel. Die Bundesregierung solle mittleren und kleineren Firmen vor allem besseren Zugang zu Krediten für Betriebsmittel wie beispielsweise Maschinen verschaffen.

  • Bund will pünktliche Bahn

    Regierung bestimmt neuen Aufsichtsratschef / Bahn wird Chefsache

    Die Bahn soll sich künftig mehr um ihr Kerngeschäft kümmern und wieder pünktlicher, kundenfreundlicher und zuverlässiger werden. Diese Aufgabe will der angehende Vorsitzende des Aufsichtsrats des Unternehmens, Utz-Hellmuth Felcht, durch den Bahnvorstand zuvorderst gelöst wissen. Erst wenn der gute Ruf der Bahn wieder hergestellt sei, könne an andere Ziele wie einen Börsengang gedacht werden, sagte der Chefkontrolleur am Mittwoch in Berlin.

    Kurz zuvor hatte das Bundeskabinett die Berufung des studierten
    Chemikers bestätigt. Der Manager übernimmt in zwei Wochen den Posten von Werner Müller, der sich nicht mehr um eine Vertragsverlängerung bemühen wollte. Felcht gilt als guter Bekannter von Verkehrsminister Peter Ramsauer, der dessen "absolute Zuverlässigkeit und Gradlinigkeit" lobte.

    Der CSU-Politiker will die Bahn zur Chefsache machen und sich intensiv um die Weiterentwicklung des Unternehmens kümmern. Dabei geht es auch um einige wichtige Entscheidungen des Eigentümers Bund. Insbesondere die Zukunft des Schienennetzes muss noch geklärt werden. Eine Trennung von Netz und Betrieb ist derzeit nicht die favorisierte Lösung. Eher wird der Bund dafür sorgen, dass die mit den Trassen erwirtschafteten Gewinne vom Konzern wieder in das Schienennetz gesteckt werden.

    Neben Felcht wurden fünf weitere Aufsichtsräte vom Bundeskabinett
    ausgetauscht. Die Neuorientierung der Bahn erfordere auch diese
    personellen Wechsel, sagte Ramsauer. Im Unternehmen selbst wurden bereits fast alle alten Vorstandsmitglieder durch andere Manager ersetzt. "Viele Träume haben sich als Schäume erwiesen", kritisierte Ramsauer den früheren Börsenkurs des Konzerns.

    Die Teilprivatisierung bleibt für die schwarzgelbe Koalition allerdings
    ein langfristiges Ziel. Auch an der Unternehmensstrategie wird sich nur wenig ändern. Das Unternehmen wird weiterhin im weltweiten
    Transportgeschäft tätig bleiben und will in Europa kräftig expandieren. "Mit diesem Mix hat sich die Bahn als weitgehend erfolgreich erwiesen", stellte der designierte Aufsichtsratschef fest. Längere Gespräche mit Ramsauer und Bahnvorstand Rüdiger Grube über die zukünftige Entwicklung seien übereinstimmend verlaufen.

    Die Bahngewerkschaften Transnet und GDBA forderten Felcht auf, sich auch als Sachwalter der Beschäftigten zu verstehen. Außerdem müsse der Vorsitzende ein klares Bekenntnis zum integrierten Konzern abgeben, forderten die Gewerkschaftsvorsitzenden Alexander Kirchner und Manfred Hommel.

    Kasten Vita:

    Der Chemiker

    Der designierte Aufsichtsratsvorsitzende der Bahn kommt aus der
    Chemiebranche. Utz-Hellmuth Felcht hat es als Chemiker bis zum Professor gebracht. Seit 1977 ist der heute 63-jährige in der Wirtschaft tätig. Der Westfale stieg in den Vorstand der Hoechst AG auf und wurde später Vorstandschef des Chemieunternehmens SKW Trostberg. Den wichtigsten Posten erreichte er 2001 als Chef der Degussa AG. Das Unternehmen ging im Mischkonzern Evonik auf, der maßgeblich vom bisherigen Aufsichtsratschef der Bahn, Werner Müller, gebildet wurde. Beide Manager konnten nicht miteinander. Im internen Machtkampf unterlag Felcht, der seinen alten Widersacher nun bei der Bahn beerbt.

    Der künftige Aufsichtsratsvorsitzende muss mit einem Makel sein Amt antreten. Die von der Bundesregierung zunächst auserkorenen Kandidaten konnten oder wollten die Bahn nicht kontrollieren.

  • Der Währungsfonds, das unbekannte Wesen

    Griechenland-Krise: Viele reden über den Europäischen Währungsfonds, ohne viel zu wissen. Manche in der Regierung wollen den Ball lieber flach halten

    Ein neuer Europäischer Währungsfonds könnte Staaten wie Griechenland aus der Krise helfen. Seit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble diese umstrittene Idee am Wochenende geäußert hat, ist die Debatte in vollem Gange. Aus der Regierung ist derweil zu hören, dass der vermeintliche Plan zur Gründung eines Fonds auf einer missverständlichen Interpretation beruhe.

    Keinesfalls gehe es darum, eine neue Institution zu gründen, die in Konkurrenz zum Internationalen Währungsfonds treten solle, heißt es aus Regierungskreisen. Gedacht werde eher an einen Kreditausschuss mit wenigen Mitarbeitern, die dem Rat der Finanzminister der Euro-Gruppe zuzuordnen sei. Es könne sich um ein Sekretariat oder eine Agentur handeln, in der auch Vertreter der europäischen Zentralbank säßen.

    Finanzminister Schäuble (CDU) hatte in einem Interview mit der Welt am Sonntag gesagt: „Wir sollten in Ruhe darüber diskutieren, welche Konsequenzen aus der Griechenland-Krise zu ziehen sind. Dabei sollten wir keine Vorschläge von vornherein ausschließen, auch nicht die Einrichtung eines Europäischen Währungsfonds.“ Damit bezog sich Schäuble auf den in Washington ansässigen Internationalen Währungsfonds (IWF), dem 186 Staaten angehören. Der IWF springt mit Krediten ein, wenn Mitgliedsländer in Zahlungsproblemen stecken, und legt ihnen im Gegenzug Bedingungen für ihre Wirtschaftspolitik auf.

    Im Gegensatz zu der mächtigen Washingtoner Institution denkt man in Berlin eher über einzelne Instrumente nach. Im Hinblick auf Staaten, die wie Griechenland von Überschuldung bedroht seien, müsse man zwei Fragen beantworten: Woher könne diese Länder Kredite zu akzeptablen Zinsen erhalten, und welche Bedingungen müssen sie als Gegenleistung erfüllen?

    Der Hilfsmechanismus könne in Anlehnung an ein Verfahren stattfinden, das die Europäische Kommission schon heute praktiziere, heißt es. Dabei würden Kredite aufgenommen, um notleidenden Ländern zu helfen. Anders als beim IWF würden die Staaten der Euro-Gruppe keine Beiträge in den Fonds einzahlen. Letzteres hat am Mittwoch Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) gefordert und sich für schnelle Vorbereitungen ausgesprochen.

    Die Kreise betonten, dass man nur ein Instrument plane, das als letzte Möglichkeit eingesetzt werden solle. Normale Kredite bei Zahlungsbilanzproblemen, wie sie der IWF ausreiche, stünden nicht zur Debatte. Die Drohung der Zahlungsunfähigkeit gegenüber Staaten der Eurozone müsse erhalten bleiben, um die jeweilige Regierung zur Verringerung ihrer Verschuldung zu bewegen.

    Um einen neuen Mechanismus gegen die Überschuldung von Euroländern zu schaffen, müssten europäische Verträge geändert werden, sagte am Mittwoch Regierungssprecher Christoph Steegmanns. Es gehe um eine „Härtung des Stabilitätspaktes“, ergänzte Schäubles Sprecher Michael Offer. Politiker der Fraktionen von Union und FDP im Bundestag äußerten sich derweil kritisch zur Idee des Währungsfonds. Auch Bundesbank-Chef Axel Weber hält ein solches Instrument für problematisch. Für die Lösung der Griechenland-Krise käme es ohnehin zu spät – die Planungen dürften einige Zeit in Anspruch nehmen.

  • Der freundliche Herr Grube

    Der Bahnchef macht fast alles anders als sein Vorgänger / Porträt eines
    arbeitswütigen Vorstands

    Tief im Tunnel unter einem Bergmassiv im sachsen-anhaltinischen Ort
    Saubach hallen die Sirenen noch nach, als Bahnchef Rüdiger Grube zum Gewaltschlag ausholt. Per Knopfdruck jagt der Bauherr 90 Kilogramm Dynamit und damit jene Felswand in die Luft, die zwei ICE-Tunnelstücke noch voneinander trennt. Die Detonation lässt den Berg und die versammelten Ehrengäste erzittern. Kurz darauf taucht der Begrüßungstrupp der Arbeiter von der anderen Seite der Baustelle aus der alles bedeckenden Staubwolke auf. Das bedeutet, der Bau der umstrittenen Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen München und Berlin ist wieder ein Stück weit vorangekommen. Milliarden gibt der Bund für die Prestigeverbindung aus, die in den ersten Einheitstagen geplant wurde und vermutlich nie wirtschaftlich betrieben werden kann. Anderswo fehlt das Geld für die Beseitigung kleiner Engpässe im Netz dringend. Doch Grube meckert nicht. Er tut seinen Dienst im Auftrag der Bundesregierung, stets freundlich, überaus höflich, immer dezent und trotzdem präsent.

    Der 58-jährige verkörpert das krasse Gegenstück zu seinem Vorgänger, dem verbalen Raufbold Hartmut Mehdorn. Vor 312 Tagen hat der frühere Daimler-Manager einen der schwierigsten Spitzenjobs übernommen, den die deutsche Wirtschaft zu bieten hat. "Ich habe es unterschätzt", bekennt das meist lächelnde Arbeitstier, den die Verhältnisse zum Workoholic gemacht haben. Vier Stunden Schlaf langen Grube. Abends um zehn verabschiedet er sich von offiziellen Veranstaltungen. Zuhause wird dann noch die Post erledigt. Die Familie spielt da mit. Dafür verbringt der zweifache Vater die verbleibende Zeit am Wochenende mit seiner Frau und den beiden schon fast erwachsenen Kindern.

    Die viele Arbeit ist Grube gewohnt, die vielen Probleme im Unternehmen nicht. Zunächst musste der Datenskandal der Bahn aufgeklärt werden. Dann stellte sich heraus, dass der Konzern mit gekauften PR-Leuten die öffentliche Meinung beeinflusst hat. Es folgte die Entdeckung von Listen mit den Krankheiten einzelner Beschäftigter. Anschließend standen erhebliche technische Probleme auf der Tagesordnung. Ein großer Teil der ICE-Flotte fällt schon lange aus. Schließlich blamierte sich die Bahn mit einem teilweisen Ausfall der Berliner S-Bahn bis auf die Knochen und ruinierte gleichzeitig den ohnehin schlechten Ruf noch weiter. Von der Wirtschaftskrise, die über den nachlassenden Güterverkehr auf der bahn lastet, ganz zu schweigen. Trotzdem wird Grube Ende März eine Bilanz vorlegen, die sich mit einem Gewinn von mehr als 1,5 Milliarden Euro sehen lassen kann.

    Das hat wohl auch mit der zupackenden Art des Vorstands zu tun. Hinter der freundlichen Fassade verbirgt sich ein knallharter Chef, wenn etwas schief läuft. Vom System Mehdorn ist nicht viel geblieben, weil Grube ohne Umschweife mit der Kehrmaschine durch die Chefetage gerast ist. Statt Börsengang und Gewinnmaximierung ohne Rücksicht lautet die Parole nun, Konzentration auf das Brot- und Buttergeschäft mit der guten alten Eisenbahn. Grube muss den Namen Mehdorn nicht einmal in den Mund nehmen, um sich von ihm zu distanzieren. Das wäre auch unhöflich. Er verweist nur auf die Fakten. "Ich haben nicht ohne Grund fast alle Vorstände ausgetauscht", erwidert er auf die Frage nach Fehlern der Vergangenheit. Nur einer durfte bleiben und führt nun geräuschlos das Logistikgeschäft, mit dem Mehdorn einst die Welt erobern wollte. Dafür kam ein Vorstand für die immer wieder versagende Technik hinzu und einer für den richtigen Umgang mit Daten und dem Recht. Der früher für den Datenschutz zuständige Vorstand habe nicht einmal gewusst, dass er für diese Aufgabe verantwortlich war, erinnert sich Grube. Das lässt tiefe Einblicke in die Ära Mehdorn zu.

    Mit dem Blick zurück hält sich Grube nicht gerne auf. Dabei ist sein
    Karriereweg ebenso beeindruckend wie selten. Der Sohn eines Landwirts wächst im Hamburger Land auf und absolviert zunächst nur die Hauptschule. Er wurde Flugzeugbauer und absolvierte später erst ein Fachhochschul-, dann noch ein Universitätsstudium und wurde
    Berufsschullehrer. Erst mit Ende dreißig begann Grubes Managerkarriere beim Flugzeugbauer Dornier, der steil aufwärts führte und ihm bei der Bahn den bislang wichtigsten Posten einbrachte.

    Dieser Werdegang erklärt auch den immensen Fleiß des Managers, der sich mit 15-Kilometer-Läufen am Wochenende fit hält. "Ich bin kein Überflieger, ich musste mir alles erarbeiten", gibt Grube zu. Dieses Erarbeiten müssen ging dann in Fleisch und Blut über. Er wurde der Mann für die schwierigen Verhandlungen, löste für Daimler die Welt-AG mit Chrysler und Mitsubishi auf, handelte einen Umbau der Spitze des europäischen Gemeinschaftsunternehmens EADS auf. Letzteres mussten die Regierungschefs von Deutschland und Frankreich absegnen. So lernte Grube Angela Merkel kennen, die ihn danach, lange vor Mehdorns Abgang fragte, ob er sich den Spitzenposten bei der Bahn vorstellen könne.

    Geschickt agiert Grube in der für die Bahn so wichtigen Politik. Mehdorn betrachtete den Bundestag und das Verkehrsministerium von oben herab und ließ keine Gelegenheit aus, die Volksvertreter und den Eigentümer zu brüskieren. Grube macht sich überall Freunde. "Das ist ein sympathischer, einnehmender Typ", sagt Dirk Flege vom Lobbyverband Allianz pro Schiene. Auch die grünen Abgeordneten, die eine grundsätzlich andere Bahnpolitik fordern, sind vom Auftreten Grubes angetan. Allerdings müssten den Worten jetzt auch Taten folgen, verlangt der Abgeordnete Hofreiter.

    Bislang war Aufräumen im Bahnkonzern angesagt. Jetzt muss eine
    Vorwärtsstrategie her. Grube überlässt die Vorgaben dafür
    Verkehrsminister Peter Ramsauer. Der wiederum hat außer Bekenntnissen zum Schienenverkehr noch nicht viel zuwege gebracht. In den nächsten Jahren fehlen mehr als zwanzig Milliarden Euro, um die Schienenwege wie geplant auszubauen. Von der Finanzierung der Infrastruktur hängt viel ab, wenn mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene geholt werden soll.

    Grube selbst hat eine Strategie entwickelt, die viele Bahnkunden hoffen lassen kann. Die alten Ziele, eine Teilprivatisierung und das weltweite Transportgeschäft, rücken in den Hintergrund. Stattdessen setzt Grube auf das Kerngeschäft Eisenbahn. Zunächst will die Bahn
    kundenfreundlicher werden. Der Vorstand geht schon mal voran. Jeden Tag ruft Grube ein paar unzufriedene Kunden an, die sich bei ihm persönlich beschwert haben. Mitunter glaubt ihm dann niemand, dass er wirklich der Bahnchef ist und er muss ein paar biographische Fragen beantworten, die am anderen Ende der Leitung schnell gegoogelt werden. Auch bei der Schülerin aus Brandenburg, die in bitterkalter Winternacht wegen einen angeblich ungültigen Fahrscheins aus dem Zug geworfen wurde, hat der
    Vorstand angerufen und sich mit Freifahrschein und Blumen entschuldigt.

    Vier Punkte stehen auf der Wunschliste der Bahn obenan. Eine
    Kundenoffensive soll für zufriedene Fahrgäste sorgen. Dazu gehört zum Beispiel eine Änderung der Abo-Regelung bei der Bahncard, die für viel Verärgerung gesorgt hat. Die Technik soll sicherer werden. Da verspricht Ramsauer Rückendeckung, der die Hersteller der Züge verstärkt für Fehler mit in die Haftung nehmen will. Drittens will Grube ins rollende Material investieren und 300 neue Züge bestellen. Schließlich, das wird der für das Unternehmen vielleicht wichtigste Schritt sein, will die Bahn verstärkt andere europäische Märkte erobern und Verbindungen in die Nachbarländer aufbauen. Zugverbindungen nach Lyon, Palermo oder London
    stehen auf der Wunschliste.

    Nur eines mag Grube gar nicht. Das ist die Diskussion um eine Trennung des Schienennetzes von den Transportsparten. Wenn der Konzern nicht als Ganzes erhalten bleibt, will er das Handtuch werfen. "Das ist mit mir nicht zu machen", droht der Bahnchef mit Rücktritt.

  • Einmal um die ganze Welt

    ITB-Infokasten

    Die 44. Internationale Tourismusbörse (ITB) wird heute für das 
    Fachpublikum eröffnet und dauert bis zum kommenden Sonntag. An den
    beiden Wochenendtagen ist die weltgrößte Leistungsschau der
    Reisewirtschaft auch für das normale Publikum geöffnet. Die Tageskarte
    kostet 14 Euro. Geöffnet ist von 10-18 Uhr.

    Auf rund 160.000 Quadratmetern zeigen die Aussteller die neuesten Trends
    beim Urlaub. Zielregionen aus fast allen Ländern der Welt stellen sich
    auf den oft phantasievoll gestalteten Ständen vor.

  • Reisen in diesem Jahr günstiger

    Urlaubsindustrie kommt gut durch die Krise / Griechenland-Krise
    weitgehend folgenlos

    Urlaubsreisen werden in diesem Jahr preiswerter. "Die 
    Reisepreise sind deutlich gesunken", sagte der Chef des Deutschen
    Reiseverbands (DRV), Klaus Laepple, kurz vor der Eröffnung der
    Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin. Den von
    Schnäppchenjägern erhofften Preiskampf werde es allerdings nicht geben.
    Für den Nachlass bei den Offerten sorgt die Wirtschaftskrise. In einigen
    Zielgebieten ist die Zahl der Gäste aus den besonders gebeutelten
    Ländern stark gesunken. Die schwache Nachfrage nutzen die Veranstalter
    aus und setzen bei den Hoteliers niedrigere Zimmerraten durch. Außerdem
    ist Flugbenzin nicht mehr so teuer. Laut Laepple geben die Unternehmen
    die Kostenvorteile an die Kundschaft weiter.

    Insgesamt blickt die Branche zuversichtlich auf die anstehende
    Sommersaison. In diesem Jahr rechnet der DRV mit stabilen
    Teilnehmerzahlen bei den organisierten Ferientrips. Damit kommt die
    Industrie vergleichsweise günstig wieder aus der Krise heraus. 2009
    mussten die Veranstalter ein Umsatzminus von drei Prozent verkraften.
    Dem ging allerdings ein Rekordjahr voraus. Mit fast 21 Milliarden Euro
    erwirtschafteten die Anbieter immer noch einen Spitzenwert. "Wir sind
    mit einem blauen Auge davon gekommen", atmet Laepple auf. Schwer
    gelitten haben jedoch die auf Geschäftsreisen spezialisierten
    Vermittler. Ihnen ging ein Viertel des Umsatzes verloren.

    Ferienreisen stehen bei den Bundesbürgern weiterhin hoch im Kurs.
    Deutschland bleibt das beliebteste Reiseziel und konnte seinen
    Spitzenplatz sogar noch ausbauen. Von den 76 Millionen Urlaubsfahrten
    führten 40 Prozent an ein Ziel im Heimatland. Zieht es die Urlauber ins
    Ausland, rangiert Spanien wieder vorne, gefolgt von Italien und
    Österreich. Am meisten neue Gäste konnte die Türkei gewinnen, vor allem
    aufgrund vielfältiger All-Inklusiv-Angebote. Bei den Fernreisen erleben
    mit Kenia, Sri Lanka und Thailand altbekannte Ziele eine Renaissance.

    Die Finanzkrise Griechenlands wird nach Einschätzung des DRV kaum
    Auswirkungen für den Tourismus haben. Betroffen sein könnten jedoch
    Individualreisende, die sich auf höhere Preise einstellen müssen, weil
    die Regierung in Athen Steuern erhöhen muss. Pauschalurlauber sind nach
    Verbandsangaben nicht davon betroffen, weil sie zu festen Katalogpreisen
    buchen.

    Die Wirtschafts- und Finanzkrise wirkt sich laut Laepple an unvermuteter
    Stelle auf den Tourismus aus. "Die Werteorientierung der Verbraucher hat
    sich verändert", stellt der Experte fest. Die Urlauber setzen auf
    Markenanbieter und individuell ausgefeilte Produkte. Zudem steigt die
    Nachfrage nach sinnstiftenden Reisen, zum Beispiel Urlaub mit sozialer
    Arbeit oder Entdeckertouren.

    Die gute Branchenstimmung spiegelt sich auch auf der ITB wieder. Mit
    11.127 Ausstellern auf 187 Ländern ist die Leitmesse der Touristik
    erneut ausgebucht. Alle wichtigen Anbieter sind in den Berliner
    Messehallen vertreten. Im vergangenen Jahr zählte die Messegesellschaft
    fast 180.000 Besucher. Partnerland ist in diesem Jahr die Türkei, die
    mit Istanbul als Kulturhauptstadt Europas, den historischen Stätten
    sowie den Badezielen am Mittelmeer auf Gästefang geht.

  • Immerhin eine kleine Tätigkeit

    Faktencheck: Hat SPD-Chefin Kraft Recht mit ihrem Vorschlag, Erwerbslosen mehr öffentlich finanzierte Niedriglohnjobs zu verschaffen? Sie liegt eher richtig als falsch.

    Es gibt jede Menge Arbeit, die nicht getan wird, andererseits viele Menschen, die nichts zu tun haben. Deshalb will NRW-SPD-Chefin Hannelore Kraft den öffentlichen Beschäftigungssektor für Erwerbslose ausbauen. Dafür muss sie jetzt von allen Seiten, unter anderem der CDU und den Gewerkschaften, Kritik einstecken.

    Trotzdem hat die SPD-Chefin ein tatsächliches Problem benannt, das seit Jahrzehnten nicht gelöst wird. Politiker und Jobcenter tun meist so, als könnten sie für jeden Arbeitslosen eine neue Stelle finden. Das aber ist unrealistisch. Für rund „1,2 Millionen Langzeitarbeitslose mit besonderen Handicaps“ gäbe es schlicht keine entsprechenden Lohnjobs, meint Kraft.

    Dieser Hinweis geht grundsätzlich in die richtige Richtung – wenngleich die Zahl etwas zu hoch gegriffen erscheint. Ulrich Walwei, Vizechef des Forschungsinstituts der Bundesagentur für Arbeit, schätzt, dass die Lage für etwa 600.000 Hartz-IV-Empfänger bundesweit ziemlich aussichtslos ist. „Es gibt einen großen Sockel der Langzeitarbeitslosigkeit“, sagt Walwei, „viele Personen haben es ganz schwer, eine Stelle auf dem regulären Arbeitsmarkt zu finden“.

    Als Lösung schlägt Kraft nun vor, mehr niedrig bezahlte Stellen im öffentlichen Sektor anzubieten. Im Unterschied zu FDP-Chef Westerwelle droht die SPD-Chefin Arbeitslosen nicht mit Kürzung der Unterstützung und Repression, sondern hofft auf ihre Freiwilligkeit. Sie plädiert dafür, als Anreiz zusätzlich zum Arbeitslosengeld II „einen symbolischen Aufschlag“ zu zahlen.

    Das läuft darauf hinaus, mehr so genannte Ein-Euro-Jobs einzurichten. Davon gibt es heute bundesweit rund 300.000. Die Langzeitarbeitslosen sind beispielsweise in Pflegeheimen beschäftigt, wo sie Spaziergänge mit alten Bewohnern machen, die mangels Personal sonst ausfallen würden. Zusätzlich zu Hartz-IV erhalten die Aushilfen etwa einen Euro pro Stunde – ein minimales Zubrot als kleine Anerkennung.

    Wäre es nun sinnvoll, mehr von diesen Stellen einzurichten? „Nein“, sagt Annelie Buntenbach vom Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Der DGB spricht sich zwar regelmäßig für mehr Beschäftigung im öffentlichen Bereich aus, lehnt aber die Bezahlung auf Almosen-Niveau ab. Das Problem an dieser Haltung: Sie ist ehrenhaft, aber wirklichkeitsfremd. Viele Städte haben kein Geld, zusätzliche, vernünftig bezahlte Stellen einzurichten. Ein-Euro-Jobs erscheinen aus der Sicht kommunaler Kämmerer gerade noch finanzierbar. Pluspunkt für Kraft.

    Wäre es denn nun möglich, die aktuellen 300.000 Ein-Euro-Jobs zu verdoppeln – Fall gelöst? Forscher Walwei ist skeptisch: „Das halte ich für problematisch. Diese Tätigkeiten könnten zunehmend in Konkurrenz zu privatwirtschaftlichen Arbeitsverhältnissen treten“. Bisher ist öffentlich subventionierte Beschäftigung von Erwerbslosen so geregelt: Sie darf nur stattfinden, wenn sie die normalen Arbeitsplätze auf dem „ersten Arbeitsmarkt“ nicht gefährdet. Darauf achten Wirtschaftsverbände und Unternehmen peinlich genau.

    Das Gebot der Zusätzlichkeit ist ein Grund dafür, warum der offensichtlich absurde Zustand fortdauert: Es gibt jede Menge sinnvoller Arbeit, aber die Arbeitslosen dürfen sie nicht erledigen. Vor zwölf Jahren machte der Münchner Soziologe Ulrich Beck einmal einen trickreichen Vorschlag, um diesem Missstand abzuhelfen. „Bürgerarbeit“ nannte er sein Konzept. Arbeitslose könnten in Pflegeheimen arbeiten, Sozialarbeit leisten und Umweltschutz betreiben – ohne Bargeld zu erhalten, so Beck damals. Der Staat würde ihnen stattdessen immaterielle Anerkennungen zuteil werden lassen – öffentliche Ehrungen beispielsweise. Beck stellte sich das als Offensive der Ehrenamtlichkeit vor. So richtig durchgesetzt hat sich dieser Vorschlag freilich nicht.

  • Die Banken werden zahlen

    Die Bundesregierung prüft, ob sie eine Sonderabgabe für Banken erheben kann, um die Institute an den Kosten der Krise zu beteiligen. Ist das eine Beruhigungspille oder realistisch?

    Mit Milliarden Euro sollen sich die Banken an den Kosten der Finanzkrise beteiligen und für die Zukunft vorsorgen. Deshalb könnte die Regierung demnächst eine „Sonderabgabe“ erheben, sagte am Montag Michael Offer, der Sprecher von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble: „Bis April werden wir einen eigenen Vorschlag vorlegen“.

    Was hat die Regierung genau vor?

    Schäuble lässt prüfen, ob es sinnvoll ist, einen neuen Fonds einzurichten. In diesen könnten Beiträge der deutschen Banken und Versicherungen fließen. Das Geld würde für zwei Zwecke verwendet. Erstens übernähmen die Institute einen Teil der Kosten, die die Finanzkrise verursacht hat, zweitens würden sie für künftige Probleme vorsorgen. Denn parallel zum Fonds arbeitet die Regierung ein Gesetz aus, dass die Abwicklung maroder Banken ermöglicht. Die dafür notwendigen Milliarden sollen die Institute selbst ansparen.

    Wieviel Geld sollen die Banken aufbringen?

    Zu Details und Summen sagt das Finanzministerium noch nichts. Gemessen an den zu erwartenden Kosten der Krise, die bislang die öffentlichen Haushalte und damit die Steuerzahler tragen, ginge es um 20 bis 100 Milliarden Euro alleine in Deutschland. „Bluten müssen die Eigentümer der Institute, die sonstigen Risikokapitalgeber, danach auch noch die restlichen Gläubiger“, sagt Jochen Sanio, der Chef der Bankenaufsicht BaFin, „sie alle müssen bis an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit in Anspruch genommen werden“. Große Beträge allerdings würden die Gewinne der Institute erheblich senken. Weshalb Sanio im Hinblick auf die kommenden Jahre auch skeptisch ist: „In der Krise sind die erforderlichen hohe Einzahlungen schwer vorstellbar.“

    Sollen alle Institute zahlen, auch die Volksbanken?

    Für die Finanzkrise sind nicht alle Banken in gleichem Maße verantwortlich. Die Deutsche Bank, die Commerzbank, die Münchner Hypo Real Estate und andere Institute hatten Milliarden Euro in risikoreiche Papiere investiert, die einen großen Teil ihres Wertes verloren. Die transnationalen Privatbanken, die Ableger der angelsächsischen Investmentbanken und die Landesbanken müssten auf jeden Fall zahlen. Die Sparkassen, denen die Landesbanken teilweise gehören, und die Volksbanken wehren sich allerdings. Sie fordern, den Beitrag zum Fonds nicht an der Bilanzsumme, sondern am Risiko zu bemessen, dass die jeweilige Bank eingeht. Um einen gewissen Beitrag werden aber auch die regionalen und genossenschaftlichen Institute nicht herumkommen.

    Planen andere Staaten ähnliches?

    Ja. US-Präsident Barack Obama hat bereits angekündigt, den in Nordamerika aktiven Instituten rund 100 Milliarden Dollar abknöpfen zu wollen. Schweden erhebt eine jährliche Gebühr als Vorsorge für Krisenzeiten. Der Internationale Währungsfonds (IWF) sortiert Vorschläge und Pläne, um ein international abgestimmtes Verfahren zu ermitteln.

    Ist die Tobinsteuer aus dem Rennen?

    Im Finanzministerium arbeiten die Fachleute sowohl an der Sonderabgabe, als auch an einer internationalen Steuer auf Finanztransaktionen. Bei diesem Vorhaben, das die globalisierungskritische Organisation Attac seit Jahren einfordert, würde auf jedes Finanzgeschäft eine geringe Abgabe erhoben. Die Einnahmen wären viel höher als im Falle einer Sonderabgabe.

    Wie wahrscheinlich ist es, dass die Sonderabgabe kommt?

    In der Bundesregierung wehrt sich die FDP, aber das Finanzministerium ist CDU-Hand. Schäuble wird sich durchsetzen, wenn er will. Angesichts der Debattenlage auf internationaler Ebene erscheint es wahrscheinlich, dass die Banken ein paar Milliarden zahlen müssen. Wieviel, steht in den Sternen.

  • Kein Durchblick

    Kommentar zur Verkehrswegeplanung

    Bei Bau von Straßen oder Schienenwegen fehlt fast jede Transparenz. Was, wann und wo gebaut wird, entscheiden Politiker und Beamte in kleinen Zirkeln. Das muss sich ändern.


    Verkehrsprojekte üben auf Politiker einen gewaltigen Reiz aus. Sie bringen vielen Bürgern einen spür- und sichtbaren Nutzen. Den Politikern selbst natürlich auch. Sie lassen sich gleich mehrfach feiern, erst beim Beschluss über den Bau, dann bei der Grundsteinlegung und schließlich zur Eröffnung eines Projektes. Der tatsächliche Bedarf spielte gegenüber dem populistischen Kalkül oft eine untergeordnete Rolle. Bis heute hat die Öffentlichkeit keinen Durchblick, nach welchen Gesichtspunkten die Verkehrswegeplanung aufgestellt wird. Das rächt sich nun. Es wurden mehr Vorhaben beschlossen als finanzierbar sind. Und superteure Prestigebauten wie die Fehmarnbelt-Brücke drohen die knappen Mittel zu verschlingen, weil die Regierung durch internationale Verträge gebunden ist.


    Die mittlerweile offensichtliche Diskrepanz zwischen Wollen und Können ist ein guter Moment für einen Neuanfang. Die dringendsten Nadelöhre müssen nachvollziehbar bestimmt und dann zügig erweitert werden. Dazu gehören beispielsweise die Strecken entlang des Rheins oder durch das Ruhrgebiet. Bei der Auswahl sollte die Funktionalität des Gesamtnetzes über den Belangen einzelner Regionen stehen. Denn sonst droht dem Verkehrssystem mittelfristig der Kollaps. Die Zeit kostspieliger Wahlgeschenke gehört ins Archiv. Transparenz und Vernunft sollten die Entscheidungen leiten.


    Doch zunächst ist der Verkehrsminister gefragt. Mit großen Worten hat er allen Verkehrsträgern viel versprochen. Welche Taten folgen sollen, lässt der Minister offen. Peter Ramsauer hat die Chance für einen Neuanfang. Er muss sie nur nutzen.

  • Die Herausforderung kommt erst noch

    Kommentar zum Bundeshaushalt von Hannes Koch

    Jeden vierten Euro ihrer Ausgaben muss die Bundesregierung dieses Jahr leihen. Rund 80 von 320 Milliarden Euro des Bundeshaushaltes, der am Donnerstag besiegelt wurde, stammen aus der Neuverschuldung. Das klingt dramatischer, als es ist. Gemessen am Umfeld der schärftsten Finanz- und Wirtschaftskrise seit 1929 ist Deutschland noch gut davon gekommen. Ein Haushaltsdefizit von sechs Prozent der Wirtschaftsleistung ist viel weniger als in den USA, Großbritannien – und eben auch Griechenland. Dort ist die Lage katastrophal, hier nur dramatisch.


    Mit ihrem ersten Haushalt hat die schwarz-gelbe Regierung einen Schnellschuss hingelegt. In der kurzen Zeit seit der Bundestagswahl haben Kanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble kaum Akzente gesetzt, die nicht auch die Vorgängerregierung unter Beteiligung der SPD so gewählt haben könnte. Die echten Herausforderungen beginnen nun erst. Denn es ist klar, dass sich das Haushaltsdefizit nicht von alleine auflöst. Die Hoffnung, es würde durch zunehmendes Wirtschaftswachstum in den kommenden Jahren neutralisiert, dürfte sich als Trugschluss erweisen. Denn nach dem großen Crash steht es um die Wachstumsaussichten der Industrieländer nicht zum Besten.


    Um die Schulden einigermaßen sozialverträglich zu reduzieren, gibt es nur einen Weg. Die Regierung muss auch ihre Einnahmen erhöhen – und zwar aktiv, indem sie Steuern, Sozialabgaben oder sonstige Gebühren anhebt. Natürlich sollte sie dabei Rücksicht auf die Belastbarkeit der Firmen und Bürger nehmen. Die Sozialabgaben für kleine und die Steuern für mittlere Einkommen haben in vielen die Fällen die Grenze des Erträglichen erreicht. Doch hohe Einkommen und Vermögen kommen häufig zu gut weg. Absurd erscheint es beispielsweise, dass ganze Bevölkerungsgruppen wie Beamte und viele Selbstständige nicht verpflichtet sind, in die gesetzliche Sozialversicherung einzuzahlen. Die Zeit für solche Reformen wird kommen, auch wenn sich die FDP massiv dagegen wehrt.

  • Der Bund hat sich verhoben

    Für die geplanten Bahnstrecken fehlen über 20 Milliarden Euro/ Politische Nettigkeiten rächen sich jetzt

    Der Ausbau des bundesweiten Schienennetzes ist an vielen Stellen gefährdet. Denn der Bund hat weit mehr versprochen, als er nun halten kann. "Es fehlen weit über 20 Milliarden Euro, um das alles zu finanzieren", sagt der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, Winfried Hermann von den Grünen. Jetzt droht ein monatelanges Geschacher um die Prioritäten im Streckennetz.

    Die Fakten liegen nun auf dem Tisch, nachdem wochenlang über ominöse Streichlisten spekuliert wurde. Dabei gibt es die abschließende Aufzählung der toten Projekte noch gar nicht. Die Bahn hat lediglich alle Vorhaben einmal aufgeführt und in finanzierte und noch nicht mit Mitteln bedachte Bauten unterteilt. Das Ergebnis ist allerdings ernüchternd genug. Nur für den Bau von 33 Trassenabschnitten ist in der Haushaltsplanung Geld vorgesehen. Dazu gehört etwa das Projekt Stuttgart 21, ein Teil des Streckenausbaus von Emmerich nach Oberhausen oder der
    Rheinschiene von Karlsruhe nach Basel. Schon in der zweiten Kategorie stehen große Fragezeichen hinter den Vorhaben. Bei den betroffenen sieben Bauten wird zwar die Planung finanziert. Doch für die spätere Fertigstellung ist noch kein Euro gesichert. Das betrifft zum Beispiel die Verbindung von Ulm nach Lindau, aber auch ein regionale so wichtiges Projekt wie den Rhein-Ruhr-Express (RRX) von Düsseldorf nach Duisburg oder die so genannte Y-Trassen von Hamburg und Bremen nach Hannover.

    Für mehr als 50 Vorhaben, für die ein dringender Bedarf gesehen wird, gibt es bisher überhaupt keine Finanzierungsgrundlage. Dazu gehören viele bedeutsame Planungen wie der Schienenneubau zwischen Frankfurt und Mannheim, die Rheinbrücke nach Basel und der Ausbau der Trasse zwischen Köln und Aachen. Schließlich umfasst eine vierte Aufstellung noch 16 international vertraglich vereinbarte Projekte, deren Bezahlung noch in den Sternen steht. Dazu gehören die Strecken von Dresden und Nürnberg nach Tschechien, der viergleisige Ausbau der Rheinschiene, der Ausbau Düren-Aachen oder die Verbindung von Dresden nach Berlin. Jährlich müssten 1,8 Milliarden Euro aufgebracht werden, damit die Strecken in diesem Jahrzehnt fertig werden. Tatsächlich weist die Haushaltsplanung 600 Millionen Euro weniger aus. Bis zum Ende der Planungszeit 2025 fehlt ein zweistelliger Milliardenbetrag.

    "Die größten Sorgen bereitet uns die vierte Kategorie", räumt Grube ein. So hat die letzte Regierung zum Beispiel mit Dänemark eine Brücke über den Fehmarnbelt vereinbart. Wie die Bahnanbindung bezahlt werden kann, interessierte bei dem Renommierprojekt nicht. Grubes Furcht ist, dass die teuren Prestigetrassen aufgrund der internationalen Verpflichtungen durchgezogen werden, und für die für den reibungslosen Verkehr wichtigen Bauten kein Geld mehr da ist.

    Das Finanzierungsproblem erkennen alle Parteien. Nun soll
    Verkehrsminister Peter Ramsauer Farbe bekennen. Der Minister hat sich zuletzt für die Verlagerung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene stark gemacht, allerdings nur verbal. Ein griffiges Verkehrskonzept steht noch aus. Und es erscheint zweifelhaft, ob Ramsauer selbst bei bestem Willen auch nur einen Euro zusätzlich bekommt. Die Deutsche Bahn wird wohl einige hundert Millionen Euro jährlich zusätzlich für die Infrastruktur herausrücken müssen. Denn die Koalition fordert, dass die Gewinne aus dem Netzbetrieb wieder investiert werden, statt den Gewinn des Konzerns zu erhöhen. Abgeordnete der Grünen und der SPD wollen die Bedarfsplanung noch einmal nach wichtigen und unwichtigen Posten durchforsten lassen. Denn viele der zugesagten Projekte dienen eher Zugeständnissen an mosernde Landräte und Bürgermeister als einem reibungslosen Gesamtnetz. Am Ende wird vermutlich keine Streichliste stehen, aber ein neuer Zeitplan. Die wichtigen Strecken werden gebaut, nur wann, das ist die Frage.

  • „Die Patientenverfügung ist kein Schlichtungsdokument“

    Patienten, die zu Professor Thomas Meyer kommen, haben manchmal nur noch wenige Monate zu leben. Sie leiden an ALS, also an Amyotropher Lateralsklerose, einer fortschreitenden Erkrankung des zentralen Nervensystems. Der 43-Jährige leitet die Ambulanz für

    Mandy Kunstmann: Warum braucht man eine Patientenverfügung?

    Thomas Meyer: Das Dokument ist eine Orientierungshilfe für den Arzt. Sie sagt ihm, welche die Therapieform ist, die sich der Patient wünscht. Leidet jemand beispielsweise unter Atemnot und ist bewusstlos, kann das Papier dem Mediziner verraten, ob ein Beatmungsgerät oder ein bestimmtes Medikament die geeignete Therapieform ist.     

    Kunstmann: Die Verfügung vermeidet also Konflikte zwischen Arzt und Patient beziehungsweise seinen Angehörigen?

    Meyer: Konfliktpotential ist oft gar nicht da. Die Patientenverfügung ist ja kein Schlichtungsdokument. Der Kranke beschreibt seine Wertmaßstäbe gegenüber seinem Leben und auch seinem Tod. Das Schriftstück ist keine Sache von wenigen Minuten und sollte frühzeitig und nicht erst im Krankenhaus verfasst werden.

    Kunstmann: Gibt es bestimmte Vorschriften wie eine Patientenverfügung aufgesetzt sein muss?

    Meyer: Tatsächlich braucht das Dokument eine bestimmte Form. Nicht immer erfüllen die Verfügungen meiner Patienten die Vorgaben. Wichtig ist zum Beispiel die eigene Unterschrift. Die war früher nicht Pflicht.

    Kunstmann: Wie häufig sollte ich das Schreiben aktualisieren?

    Meyer: Dafür gibt es keine Richtlinien. Eine Patientenverfügung ist umso besser, desto konkreter sie ist. Setzt ein gesunder Mensch das Schreiben auf, kann er nur allgemein formulieren, welche Maßnahmen er im zukünftigen Krankheitsfall ablehnen möchte. Wird dieser Mensch zum Patienten, ist es wichtig, die Verfügung zu ändern. Jetzt kann er die Erkrankung konkret benennen und gegebenenfalls seine Wertvorstellungen erneuern.

    Kunstmann: Was passiert, wenn im Notfall keine Patientenverfügung vorliegt?

    Meyer: In einer Notsituation wird der Arzt in jedem Fall mit der Maximaltherapie anfangen und den Patienten stabilisieren. Er wird zum Beispiel einen Bewusstlosen mit Atemnot künstlich beatmen. Hat der Mediziner genügend Zeit, wird er im Anschluss versuchen, den „vermutlichen Patientenwillen“ zu ermitteln. Dazu kann er die Familie befragen. Sind keine Vorsorgebevollmächtigten oder  Angehörige vorhanden, wendet er sich an das Gericht und lässt einen amtlichen Betreuer stellen. Der Arzt entscheidet dann gemeinsam mit dem Betreuer, der die Belange des Patienten aus seiner vermutlichen Sicht vertritt.

    Kunstmann: Fällt es den Menschen schwer, sich mit dem Thema „Patientenverfügung“ auseinanderzusetzen?

    Meyer: Nach wie vor fällt es den ihnen schwer, sich damit zu beschäftigen. Das liegt daran, dass das Thema „Patientenverfügung“ in unserer Gesellschaft nicht präsent ist und häufig negativ diskutiert wird. Das Dokument hat den Nimbus, es ginge darum eine Fehlbehandlung zu verhindern. Das kann im Einzelfall zutreffen, berührt aber die eigentliche Absicht einer Patientenverfügung. Wir sollten vielmehr die Patientenverfügung als Brief an den Arzt verstehen, der ihm die eigene Therapievorstellung beschreibt.

    Bio-Box: Thomas Meyer ist seit 2002 Leiter der Ambulanz für ALS und andere Motoneuronenerkrankungen der Berliner Charité. Der 43-jährige Professor war zuvor in Ulm als Facharzt für Neurologie tätig. Er hat an der dortigen Uniklinik habilitiert.

  • Ohne Vollmacht schlechte Karten

    Nur wenn eine Vorsorgeverfügung vorliegt, dürfen Angehörige Entscheidungen für ein Familienmitglied treffen, das dazu selbst nicht mehr in der Lage ist

    Bis zur blöden Wurzel im Stadtwald war das Leben noch ganz normal. Doch für den Jogger, der an der Kante stürzt und sich den Kopf aufschlägt, ändert sich in Sekunden das ganze Leben. So ein Unglück kann jedem passieren. Die Passantin wird vom Auto überfahren und verliert das Bewusstsein, dem Inlineskater wird die Treppe zum Verhängnis. Plötzlich sind die Betroffenen nicht mehr Herr ihrer selbst – nicht nur im medizinischen Sinne. Der Arzt muss nun über das Wohl des Patienten entscheiden, darf es aber nicht. Er benötigt die Einwilligung eines Bevollmächtigten und wendet sich deshalb an das Gericht. Liegt dort keine Vorsorgeverfügung vor, bestellen die Richter einen amtlichen Betreuer der fortan über die Angelegenheiten des Kranken entscheidet.

    Die wenigsten Bürger sind für den Ernstfall gewappnet und haben ein entsprechendes Papier aufgesetzt. „Lediglich acht Prozent haben konkrete Schritte unternommen“, bedauert der Berliner und Dresdener Jurist Lutz Arnold die Situation in Deutschland. Die amtlichen Fürsorger verwalten die Finanzen und das Leben des Betroffenen. Sie müssen dafür Sorge tragen, dass das Vermögen des Patienten erhalten bleibt. „Zu ihren ersten Aufgaben gehört es, eine Inventur im Hause des Betroffenen durchzuführen und die Vermögenswerte aufzulisten“, so der auf immaterielle Lebensvorsorge spezialisierte Rechtsanwalt. Richtet ein Fürsorger durch seine Arbeit einen Schaden an, kann dagegen fast nie geklagt werden. „Verkauft er zum Beispiel ein Grundstück unter Wert, anstelle für 80.000 Euro nur für 8.000 Euro, kann man nur dagegen vorgehen, wenn man selber eine Vollmacht hat“, sagt Arnold. Diese hätten jedoch die meisten Angehörigen gerade nicht.

    Es ist ein Irrglaube, dass Angehörige automatisch als Entscheidungsträger einspringen, wenn jemand selbst dazu nicht mehr in der Lage ist. Sind rechtsverbindliche Erklärungen oder Entscheidungen gefordert, dürfen Ehegatten oder Kinder den Betroffenen nicht gesetzlich vertreten. Nur gegenüber minderjährigen
    Sprösslingen haben Mutter und Vater ein umfassendes Sorgerecht und damit die Vertretungsbefugnis. Für einen Volljährigen können die Angehörigen nur in zwei Fällen entscheiden: entweder aufgrund einer Vorsorgevollmacht oder einer gerichtlichen Bestellung zum Betreuer.

    Zum Betreuer wird ein Familienmitglied durch die so genannte Betreuungsverfügung. Sie regelt, wer über die rechtlichen und wirtschaftlichen Angelegenheiten des Kranken entscheiden soll und ist unverbindlich. Richter können das Dokument also ignorieren. Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn eine nunmehr entscheidungsunfähige Mutter ihre Tochter als „Managerin“ für den Ernstfall bestimmt hat, diese aber weit entfernt lebt. Der Richter hat ein eigenes Ermessen und darf sich deshalb anstelle für den Sohn entscheiden, der in der Nähe des Krankenhauses wohnt.

    Sowohl die am Gericht gelisteten Betreuer als die „Wunschfürsorger“ müssen sich vor dem Staat verantworten. In regelmäßigen Abständen werden die eingesetzten Betreuer überprüft. Diese Kontrollinstanz fehlt bei der Vorsorgevollmacht und macht sie dadurch zu einem sehr mächtigen Instrument. „Nur wer vollstes Vertrauen in die Person hat, die im Zweifelsfall bis an das Lebensende für einen entscheidet, sollte sich für diese Version der Vorsorgeverfügung entscheiden“, so Arnold. Andererseits zeichne sich das Schreiben durch seinen verbindlichen Charakter aus. Gerichte müssen die Vollmacht anerkennen und dürfen keine andere Person als festgelegt als Bevollmächtigten einsetzen.   

    Was nützten jedoch sämtliche Vorsorgevorkehrungen, wenn sie im entscheidenden Moment nicht gefunden werden. Das Justizministerium Baden-Württemberg rät dazu, das Dokument gebührenpflichtig im Zentralen Vorsorgeregister der Bundesnotarkammer (Bundesnotarkammer, Zentrales Vorsorgeregister, Postfach 080151, 10001 Berlin; www.vorsorgeregister.de) registrieren zu lassen. In der Infobroschüre „Vorsorgevollmacht und Betreuungsverfügung“ hält das Ministerium dazu Musterformulare parat. Das Heft kann im Internet unter www.jum.baden-wuerttemberg.de kostenlos herunter geladen oder bestellt werden. Anwalt Arnold empfiehlt stets ein kleines Kärtchen bei sich zu haben, auf dem vermerkt ist, wo die Verfügung oder die Vollmacht aufbewahrt wird. Ideal sei es, dieses hinter die Versichertenkarte der Krankenversicherung zu klemmen.

    Expertenrat ist bei der Abfassung der Dokumente übrigens nicht zwingend erforderlich. Die Hilfe vom  Rechtsanwalt oder vom Notar ist jedoch besonders dann zu empfehlen, wenn umfangreiches Vermögen vorhanden ist oder mehrere Bevollmächtigte einsetzt werden sollen.

  • Ohne Murks aus dem Netz

    Beim Verfassen einer Patientenverfügung gilt es, einige Regeln zu beachten/ Nicht alle Tipps aus dem Internet sind nützlich

    Mit einer  Patientenverfügung können Kranke selbstbestimmt leben – auch wenn sie nicht mehr in der Lage sind, eigene Entscheidungen zu treffen. Das Dokument ist allerdings nur wirksam, wenn es bestimmte Vorgaben erfüllt.

    Eine Patientenverfügung legt fest, in welcher Art und Weise ein Arzt bestimmte Behandlungen vornehmen soll. Für den Fall einer Hirnschädigung kann der Verfasser beispielsweise bestimmen, ob alles medizinisch Mögliche getan werden soll, um ihn am Leben zu erhalten oder ob lebenserhaltende Maßnahmen unterlassen werden sollen. Das Schriftstück enthält darüber hinaus auch die eigenen Wertvorstellungen. Das erleichtert es dem behandelnden Arzt, den Willen des Patienten zu erkennen.

    Nur wenn der Text eindeutig formuliert, auf die jeweilige Situation bezogen und in Schriftform verfasst ist, ist er gültig. Im Internet kursieren viele Tipps die beim Verfassen der Patientenverfügung helfen sollen. Blind auf die Ratschläge im weltweiten Netz zu vertrauen, ist allerdings keine gute Idee. „Da steht manchmal nur Murks drin“, bringt es ein Anwalt auf den Punkt. Eine Aussage wie „Falls keine Aussicht auf Besserung besteht, wünsche ich nicht länger künstlich am Leben gehalten zu werden“ ist solch ein „Murks“ weil sie  interpretationsbedürftig und damit nicht rechtskräftig ist. Schließlich kann der Mediziner nicht in die Zukunft schauen und hundertprozentig sagen, dass keine Genesung eintreten wird. Auch lässt sich darüber streiten, was denn genau unter „künstlich am Leben gehalten zu werden“ zu verstehen ist. Zählen hierzu etwa auch Medikamente oder vielleicht die Ernährung über eine Sonde?

    Seit dem 1. September 2009 gelten strengere Regeln für das Verfassen der wichtigen Texte. Patientenverfügungen sind seither nur dann wirksam, wenn sie auch vom Aussteller eigenhändig mit Namensunterschrift oder durch ein notariell beglaubigtes Handzeichen unterzeichnet worden sind. Revidieren lässt sich das Schriftstück praktisch mit einem Augenzwinkern. Ein Zeichen an den behandelnden Arzt genügt, um die zuvor niedergeschriebenen Bestimmungen für nichtig zu erklären.

  • Die Familie bekommt am wenigsten Geld

    Betreuende Angehörige erhalten geringe Mittel aus der Pflegeversicherung/ Einige Unternehmen kommen pflegenden Mitarbeitern weiter entgegen als es der Staat vorschreibt

    Die Pflege von alten Menschen übernehmen heute Heime, ambulante Dienste oder Angehörige. Finanziellen Beistand gibt es von der gesetzlichen Pflegeversicherung. Wenn sie Angehörige betreuen, erhalten Familienmitglieder weniger Mittel als eine stationäre Einrichtung.

    Die Umsorgung im Heim wird mit monatlich 1023 Euro in der Pflegestufe I unterstützt. Kosten für Unterkunft und Verpflegung tragen die Betroffenen selbst. Reichen Rente oder Vermögen dafür nicht aus, springen die Kinder und im Zweifelsfall das Sozialamt ein. Findet die Betreuung zuhause statt, gibt es deutlich weniger Unterstützung. Für einen Pflegedienst zahlt die Versicherung monatlich 440 Euro als Sachleistung in der ersten Pflegestufe. Übernehmen Angehörige die Betreuung, bekommen sie in diesem Fall 225 Euro Pflegegeld. Sachleistungen und Pflegegeld können kombiniert werden. Dann gibt es jeweils aber nicht mehr die vollen Leistungen.

    Familienmitglieder, die einen Kranken zuhause umsorgen, können sich vom Arbeitgeber für bis zu sechs Monate frei stellen lassen. In dieser gesetzlich geregelten Pflegezeit erhalten sie jedoch keinen Lohn. Einige, vor allem große Unternehmen, ermöglichen ihren Mitarbeitern eine bezahlte Auszeit. Die Hans-Böckler-Stiftung schätzt, dass zehn bis zwölf Prozent der Firmen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – und somit häufig auch die Pflege – betrieblich geregelt haben. Üblich sei die Freistellung in Form eines Sabbaticals, also bezahlter Freizeit, die durch Lohnverzicht oder Überstunden ausgeglichen wird.