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  • Kanzlerin bringt Zockern kein Geld

    Wettanbieter Intertops sieht eher Schlämmer als Steinmeier als Kanzler

    Die Bundestagswahl ist längst entschieden. Angela Merkel bleibt Kanzlerin und führt eine schwarzgelbe Regierung. So sehen es wenigstens Kunden des Wettanbieters Intertops. Je geringer die Quote für ein Ergebnis ist, desto wahrscheinlicher ist es. Setzt ein Zocker auf Merkel als künftige Kanzlerin, zahlt Intertops pro Euro gerade einmal sieben Cent Gewinn zurück. Wer auf Frank Walter Steinmeier setzt, erhält für jeden gesetzten Euro sieben zurück. Der Unterschied in der Quote entspricht etwa dem üblichen bei einem Fußballspiel zwischen Bayern München und einem drittklassigen Verein. Sollte es Oskar Lafontaine ins dritthöchste Amt schaffen, könnten seine Wettanhänger ein kleines Vermögen einheimsen. Für 100 Euro Einsatz gäbe es 50.000 Euro zurück. Wie wenig dem Spitzenmann der SPD der Sieg zugetraut wird, zeigt eine Spaßwette. Die Frage, ob eher der Filmkandidat Horst Schlämmer oder der echte Sozialdemokrat den Gipfel erringen könnte, beantworten die Zocker eindeutig. Schlämmer werden der Quote nach doppelt so hohe Chancen eingeräumt.

    Enger geht es bei der Frage nach den Regierungsparteien zu. Das Wahlergebnis sieht die Union mit 34 Prozent vor der SPD mit 26 Prozent. Die FDP wird nach Ansicht der Glücksritter mit 13 Prozent drittstärkste Kraft vor der Linken mit elf Prozent und den Grünen mit zehn Prozent.

    Schwarzgelb ist mit einer Quote von 1,75 zu eins Favorit vor einer großen Koalition, die den 2,3-fachen Gewinn einbringt. Jamaika und die Ampel sind mit einer Quote von 12:1 weit abgeschlagen

  • G20 gehen an´s Eingemachte

    Die Regulierung der Finanzmärkte beschränkt Gehälter und Gewinne

    Eine neue und unerwartete Erfahrung machte unlängst Wolfgang Ziebart. Der ehemalige Vorstand des Chip-Herstellers Infineon erhielt die Nachricht, dass seine Pension gekürzt würde. Das Unternehmen ist nicht mehr bereit, Ziebart ab diesem September die gut 500.000 Euro jährlich als Altersgeld zu bezahlen, die einst vereinbart worden waren. Begründung: Die wirtschaftliche Situation der Firma habe sich nach Ziebarts Ausscheiden im Frühjahr 2008 verschlechtert, demzufolge müssten die letzten Gehaltszahlungen aufgrund des alten Vertrages um etwa ein Viertel sinken – und damit auch die Pension.


    So wie Ziebart dürfte es künftig einer Reihe von Managern gehen – möglicherweise Ex-Arcandor-Chef Middelhoff und den früheren Vorständen von BMW. Denn das politische Umfeld für die Unternehmen hat sich seit dem Beginn der Finanzkrise stark geändert. So werden die Regierungen der mächtigsten Wirtschaftsnationen (G20) morgen (Freitag) bei ihrem Gipfel in Pittsburgh/USA beschließen, dass die Bonuszahlungen für Bankmanager, die in der Vergangenheit oft Dutzende Millionen betrugen, beschränkt werden. In dieser Logik liegt auch eine Verschärfung des deutschen Aktiengesetzes, die kürzlich in Kraft getreten ist.


    Deshalb freute sich Joachim Poss sehr über die Geschichte mit Ziebarts Ruhegeld. Denn nach Einschätzung des Fraktionsvize der SPD ist der Fall Ziebart das erste Beispiel dafür, dass das neue Aktiengesetz wirkt. Darin hat die große Koalition kürzlich festgelegt, dass der Aufsichtsrat die Bezüge des Vorstandes rückwirkend reduzieren soll, wenn sie nicht mehr in einem „angemessenen Verhältnis zur Lage der Gesellschaft stehen“.


    Die Gerechtigkeitsdebatte über die horrenden Gehälter von Managern beschäftigt Deutschland schon einige Jahre – ohne die Finanzkrise wäre das Gesetz aber nicht so schnell geändert worden. Und erst recht hätte die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) nicht die neuen Möglichkeiten bekommen, die sie jetzt hat. Denn auch BaFin-Chef Jochen Sanio, Deutschlands oberster Bankenaufseher, kann nun, wenn er will, ungerechtfertigt hohe Gehälter und Erfolgsbeteiligungen untersagen.


    Das ist ein Anfang – aber der morgige Beschluss der G20 könnte noch mehr ermöglichen. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) will erreichen, dass die Bonuszahlungen ein bestimmtes Verhältnis zum Fixgehalt eines Managers nicht überschreiten. Und ein zweiter Ansatz ist im Gespräch: eine feste Relation zwischen Boni und Gewinn. Dass Banken 60 Prozent ihres Profits als Milliarden-Regen über den Wertpapierhändlern und Vorständen niedergehen lassen, wäre dann nicht mehr möglich.


    Zwar bleiben auch mit den neuen Regelungen Millionen-Gehälter künftig weiter möglich – eine absolute Obergrenze wird ja nicht eingeführt. Allerdings ziehen die Regierungen die Schraube deutlich an. Der Rechtfertigungsdruck für die Unternehmen steigt. Man darf hoffen, dass Exesse seltener werden. Die Regulierung der Gehälter und Boni ist deshalb nicht überflüssig, sondern auch ein Versuch, die Gerechtigkeitskluft zu verringern.


    Die Boni-Frage ist ein Beleg dafür, dass die Regulierung der Finanzmärkte jetzt am Kern der Wirtschaft angekommen ist – beim Profit der Individuen und Unternehmen. Nun geht es an´s Eingemachte. Nicht nur bei den Gehältern, sondern auch bei den Gewinnen der Banken. Axel Weber, Präsident der Bundesbank und Hüter des Systems, sagte unlängst in kleinem Kreis, dass infolge der neuen Regulierung die Renditen sinken und die Geschäftsmodelle der Banken weniger profitabel würden. Diese Äußerung beinhaltete einen Teil Beschwichtigung der kritischen Öffentlichkeit, aber sie war auch eine Beschreibung des Kommenden.


    Die Regierungen der G20 werden beschließen, die Geschäfte der Banken zu bremsen. Sie wollen damit die risikoreichen Geschäfte erschweren, die zur Finanzkrise führten. Als Hebel nutzen die Regierungen verschärfte Vorschriften für das Eigenkapital der Institute. Während Banken ihre Geschäfte heute nur mit wenigen Prozent Aktienkapital und Rücklagen absichern müssen, wird diese Quote künftig auf bis zu acht Prozent steigen. Für jedes risikoreiche Geschäft halten die Finanzhäuser dann mehr eigenes Geld in Reserve. Und der Aufbau dieser Kapitalreserve reduziert den frei verfügbaren Gewinn.


    Was die G20 da machen, ist also nicht nur Kosmetik. Es kostet die Deutsche Bank, UBS, Barclays, Goldman Sachs und andere Institute Geld. Und reduziert damit das Risiko gefährlicher Spekulationen. Allerdings ist dieser Regulierungsprozess noch in der Schwebe. Konkrete Zahlen für die Höhe des Eigenkapitals gibt es bislang nicht, sie werden auch noch eine Weile auf sich warten lassen. Dies beinhaltet die Gefahr, dass die politische Dynamik nachlässt, Gras über die Krise wächst und die Regulierungsversuche verebben.


    Was aber in jedem Fall klar ist, ist dies: Den G20-Regierungen geht es nicht darum, die Gewinne derart einzuschränken, dass aus großen Banken wieder kleine werden. Weder Kanzlerin Angela Merkel noch Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy oder US-Präsident Barack Obama wollen den einheimischen Finanzsektor zerschlagen. Der Finanzkapitalismus bleibt intakt. Er wird nur etwas langsamer.

  • Die Banken-Bremser von Pittsburgh

    Nur viel Gerede beim G20-Gipfel gegen die Finanzkrise? Nein, die Bankenregulierung kommt.

    Ja, es gibt Bewegung. Das große Geld wird etwas gebremst. Dies dürfte das wichtigste Ergebnis des Gipfels der 20 wichtigsten Wirtschaftsnationen sein, deren Regierungen sich ab Donnerstag in Pittsburgh/ USA treffen. Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy, US-Präsident Barack Obama und die anderen 17 Regierungschefs verhandeln, stecken sie den Rahmen ab für eine stabilere internationale Wirtschaftsordnung. In Ansätzen ist diese bereits zu erkennen. Unsere Zeitung gibt einen Überblick über die Themen und möglichen Ergebnisse.


    Warum findet der G20-Gipfel statt?
    Die Regierungen wollen Lehren aus der Finanzkrise ziehen. Neu ist, dass sich daran nicht nur die alten, meist westlichen Industriestaaten beteiligen, sondern auch große Schwellenländer wie China, Indien, Indonesien und Brasilien.


    Werden die Banken beschränkt?
    Ja, die Regierungen wollen das Risiko von Bankgeschäften für Bürger und Staat reduzieren. Wenn die Institute mehr eigenes Geld in Reserve halten, so die Überlegung, sind sie besser gegen Verluste abgesichert und müssen nicht vom Steuerzahler gerettet werden. Heute schreibt das Bankenabkommen Basel II eine maximale Eigenkapitalquote von acht Prozent vor. Diese könnte künftig steigen. Die Schweizer Notenbank hat bereits 16 Prozent ins Gespräch gebracht. Konkrete Zahlen für die neue Eigenkapitalquote gibt es aber noch nicht.


    Gibt es schärfere Regeln für große Institute?
    Manche Institute sind so groß und wichtig für das Funkionieren des gesamten Finanzmarktes, dass die Staaten sie selbst im Falle gigantischer Verluste nicht pleitegehen lassen können. In Deutschland traf diese Analyse unter anderem auf die Hypo Real Estate und die Commerzbank zu, in den USA waren es Bear Stearns, Merill Lynch und andere. Wegen ihrer besonderen Bedeutung sollen solche Institute künftig noch mehr Eigenkapital zurücklegen als normale Banken. Kanzlerin Merkel hat es so ausgedrückt: „Keine Bank darf so groß werden, dass sie eine Regierung erpressen kann“.


    Verdienen die Banker bald weniger?
    Die Bonuszahlungen für Manager und Wertpapierhändler könnten sinken. Unter anderem Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) möchte ein bestimmtes Verhältnis der Boni zu den Fixgehältern der Banker festlegen, das erstere nicht überschreiten dürfen – beispielsweise drei zu eins. Die internationale Behörde für Finanzstabilität prüft zweitens, ob es sinnvoll wäre, die Erfolgsbeteiligungen auf einen gewissen Anteil vom Gewinn der jeweiligen Firma zu beschränken. Außerdem werden die Unternehmen verpflichtet, überhöhte Zahlungen im Falle von Verlusten zurückzufordern. Dahinter steht die Überlegung, dass die horrenden Boni, die an die Gewinne gekoppelt waren, die Investoren zu immer waghalsigeren Spielen trieben und damit zur Finanzkrise beitrugen. Eine Obergrenze für fixe und variable Gehaltsbestandteile ist aber nicht im Gespräch.


    Wer soll die Schäden der Krise bezahlen?
    Hunderte Milliarden Dollar und Euro bleiben bei den Staaten, letztlich den Steuerzahlern hängen. Aber mehr und mehr Politiker wollen auch die Verursacher beteiligen – sie machen sich stark für eine neue Steuer auf Finanzgeschäfte. Sogar EU-Wirtschafts- und Währungskommissar Joaquin Almunia hält dies mittlerweile für eine „sehr gute Idee“. Jede Finanztransaktion würde mit einer geringen staatlichen Abgabe belegt. Den Finanzmärkten entzöge man damit etwas Kapital und reduzierte das Risiko gefährlicher Spekulation. Zugleich würden die Staaten dutzende Milliarden Dollar und Euro von denen einkassieren, die die Krise verursacht haben. Der Haken an der Sache: Damit die Steuer wirkt, müssten die wichtigsten Finanzplätze mitmachen – London, New York, Tokio, Hongkong, Frankfurt. Danach sieht es augenblicklich nicht aus, besonders die britische und die US-Regierung haben Vorbehalte.


    Hat der Gipfel Sinn?
    Ja, seit dem G20-Gipfel von Washington 2008 ist viel passiert – vor allem auf der Ebene von Beschlüssen. Theoretisch nimmt der neue Regulierungsrahmen für Banken und Investoren Gestalt an. Die praktische Umsetzung jedoch fehlt bisher an vielen Punkten. „Wir müssen den Druck aufrechterhalten“, sagt deshalb ein hoher Beamter des Finanzministeriums. Fraglich ist, ob es dazu kommt. Sollte das Bundesfinanzministerium nach der Wahl an die CSU fallen, könnte auch dort der Elan nachlassen. Bundeskanzler Angela Merkel gibt sich freilich optimistisch: Die meisten internationalen Reformen müssten „bis Mitte 2010 stehen“, sagte sie kürzlich.

  • Harte Zeiten für Haushälter

    Die Staatsfinanzen geraten als Folge der Krise unter einen erheblichen Druck. Die Ausgaben steigen stärker als geplant, die Einnahmen gehen zurück und die Sozialkassen benötigen höhere Zuschüsse als ursprünglich erwartet. Deshalb glauben die meisten Ökono

    Bund, Länder und Gemeinden

    „Wir tappen im Dunkeln“, gesteht der Kieler Ökonom und Steuerschätzer Alfred Boss mit Blick auf die Kosten der Krise. Denn es bestehen noch erhebliche Unsicherheiten, wie hoch die Belastungen aus den vielen Rettungsschirmen für den Steuerzahler werden. Der Bund hat vor allem Garantien für Darlehen ausgesprochen. Bislang ist keine Bürgschaft fällig geworden. Im Gegenteil. Die Hilfspakete bringen dem Finanzminister erhebliche Zinszahlungen ein. Neun Prozent Jahreszins muss beispielsweise die Commerzbank für die Milliardeneinlage des Bundes bezahlen. Was in einigen Jahren unter dem Strich des Krisenmanagements steht, ist völlig offen.

    Leichter lassen sich die Effekte in den normalen Haushalten beziffern. Allein 113 Milliarden Euro neue Schulden macht die öffentliche Hand in diesem Jahr. 80 Milliarden davon entfallen auf den Bund. 133 Milliarden Euro werden Bund, Länder und Kommunen im kommenden Jahr an neuen Darlehen aufnehmen. Bis 2013 sinkt die Neuverschuldung dann auf 70 Milliarden Euro. Eigentlich wollte der Finanzminister 2010 erstmals einen ausgeglichenen Etat servieren.

    Krankenkassen

    Die Folgen der Gesundheitsreform sowie die steigende Arbeitslosigkeit bescheren den Krankenkassen hohe Defizite. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) erwartet in diesem und dem nächsten Jahr ein Minus von 10,5 Milliarden Euro bei den Krankenkassen. Damit besteht die Gefahr, dass viele Krankenkassen von ihren Mitgliedern Zusatzbeiträge erheben.

    Arbeitslosenversicherung

    In der Kasse der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit (BA) klafft eine gewaltige Lücke. Die Rücklagen von 18 Milliarden Euro werden am Jahresende aufgebraucht sein. Im kommenden Jahr erwartet das RWI ein Defizit von 18 Milliarden Euro. Die BA-Spitze ging sogar von über 20 Milliarden Euro aus. Die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung werden wohl spätestens 2011 steigen.

    Rentenversicherung

    Die Deutsche Rentenversicherung ist bislang weitgehend ungeschoren durch die Krise gekommen. Das Beitragsaufkommen blieb bislang stabil. Auf den Konten befinden sich fast 14 Milliarden Euro an Reserven. Davon dürfte die Rentenversicherung, wenn es nötig wird, noch auf gut zehn Milliarden Euro zurückgreifen, bevor die gesetzliche Mindestreserve in Sichtweite kommt.

    Steuereinnahmen

    Während die Ausgaben krisenbedingt explodieren, gehen die Einnahmen aus gleichem Grund zurück. 45 Milliarden Euro fehlen in diesem Jahr, 85 Milliarden Euro im nächsten. Steuerschätzer Alfred Boss vom Kieler Institut für Weltwirtschaft sieht trotz der konjunkturellen Erholung noch keinen Grund zur Entwarnung. Durch das leichte Wachstum kämen im kommenden Jahr vielleicht zwei bis drei Milliarden Euro mehr herein, sagt der Forscher. Von einer Trendwende kann also noch nicht gesprochen werden.

  • „Wir brauchen einen klaren Zeitplan für Klimaschutz“

    Michael Otto und andere Konzernchefs fordern mehr politische Anstrengungen gegen die Erwärmung der Atmosphäre

    Hannes Koch: Anlässlich der UN-Klimakonferenz in New York in dieser Woche fordern Sie und andere Unternehmer besseren Klimaschutz. Um wieviel sollten wir unseren Ausstoß von Kohlendioxid reduzieren, damit das Weltklima stabil bleibt?


    Dr. Michael Otto: In den Industrieländer muss der CO2-Ausstoß bis 2050 um bis zu 85 Prozent sinken. Das ist auch realistisch. Denn die Entwicklung umweltfreundlicher Energieversorgung und klimaschonender Antriebe kommt erstaunlich schnell voran.


    Koch: Sie erheben politische Forderungen. Haben Sie kein Vertrauen in die Anstrengungen der Bundesregierung und anderer Staaten?


    Otto: Wir wollen die Politik unterstützen. Und wir treten dem verbreiteten Eindruck entgegen, die Wirtschaft verschließe sich dem ernsthaften Schutz des Klimas. Viele Unternehmen sind bereit mitzumachen. Denn wir begreifen die Reduzierung des CO2-Ausstoßes auch als Chance für umweltfreundliche deutsche Exportprodukte.


    Koch: Sie stehen mit ihrer Initiative in der Welt der Wirtschaft noch recht alleine da.


    Otto: Das würde ich nicht so sehen. 500 große Unternehmen unterstützen bereits das Ziel, den weltweiten CO2-Ausstoß zwischen 50 bis 85 Prozent zu reduzieren. Es ist immer so, dass einige beginnen. Die Initiative zieht Kreise.


    Koch: Sie beklagen, dass es der Politik an konsequenten Zielen und einem klarem Zeitplan fehle.


    Otto: Deutschland ist in Europa ein Vorreiter des Klimaschutzes. Aber die internationalen Anstrengungen könnten stärker ausfallen. Schon bis 2020 müssten die Industrieländer ihre gesamte Klimabelastung durch CO2 um 40 Prozent reduzieren. Dazu sollten sie sich bei der Weltklimakonferenz in Kopenhagen im Dezember verpflichten. Und es ist richtig: Wir brauchen einen konsequenten, klaren Zeitplan mit überprüfbaren Zwischenschritten. Sonst verfehlen wir das Ziel, die Erwärmung der Erdatmosphäre bei zwei Grad zu stabilisieren.


    Koch: Das weltweite Wirtschaftswachstum, die permanente Erhöhung von Produktion und Konsum frisst die Klimaentlastung zumindest teilweise wieder auf. Ist das auch bei der Otto Gruppe so?


    Otto: Nein, wir haben beispielsweise den CO2-Ausstoß durch Verkehr in unserem Unternehmen zwischen 1993 und 2005 um die Hälfte reduziert. Container wurden sparsamer gepackt, Luftfracht teilweise durch Seeverkehr ersetzt und verbrauchsarme Fahrzeuge angeschafft. Vom heutigen Stand aus gerechnet wollen wir die Klimabelastung bis 2020 nochmals um 50 Prozent senken. Man sieht: Wachstum und Klimaschutz müssen nicht im Widerspruch zueinander stehen.


    Koch: Gilt diese These auch, wenn Sie die Auslagerung von vergleichsweise schmutziger Produktion im Textilbereich nach China oder Indien einkalkulieren?


    Otto: Das ist ein sehr schwieriges Thema. Den so genannten CO2-Fußabdruck können wir bisher erst für wenige Produkte berechnen. Bei T-Shirts haben wir das gemacht und festgestellt, dass die größte Klimabelastung erstaunlicherweise nicht aus den langen Verkehrswegen, sondern auch der Färbung der Stoffe resultiert. Deswegen sind wir an die chemische Industrie herangetreten, die daraufhin einen neuen, schonenderen Farbstoff entwickelte. Dieser wird nun in die Produktion eingeführt.


    Dr. Michael Otto (Jg. 1943) ist Vorsitzender des Aufsichtsrats der in Hamburg ansässigen Otto Gruppe, einem der weltweit größten Versandhändler.

    Konzerne für Klima
    500 Unternehmen weltweit haben am Dienstag das Kopenhagen-Kommuniqué veröffentlicht. Darin fordern sie die internationale Politik auf, den Ausstoß von Kohlendioxid bis 2050 um bis zu 85 Prozent zu reduzieren. Diese Ziele sollten die Industrieländer bei der Weltklima-Konferenz in Kopenhagen im kommenden Dezember beschließen. Beteiligt an dieser Initiative sind unter anderem die Allianz AG, Beluga Shipping (Hamburg) und die Otto Gruppe. Diese und andere Unternehmen haben sich auch in der deutschen „Initiative 2 Grad“ zusammengeschlossen – benannt nach dem Ziel, die Erwärmung der Atmosphäre auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Die Mitgliedsfirmen sind Vorreiter beim Klimaschutz, verpflichten sich aber nicht zu gemeinsamen Reduktionszielen.
    Koch

  • „Silber hat sich in der Haut abgelagert“

    Der Nutzen von Silberpartikeln in Alltagstextilien ist hoch umstritten. Kranken Menschen jedoch, kann die „Metallkleidung“ helfen. Prof. Dr. med. Margitta Worm, stellvertretende Leiterin des Allergie-Zentrums der Charité in Berlin, beantwortet die wichtig

    Mandy Kunstmann: Welchen Patienten kann Silber in der Kleidung helfen?

    Margitta Worm: Menschen, die an Neurodermitis leiden, kann das zum Beispiel helfen. Silber wirkt ja antibakteriell, sprich es tötet Bakterien ab. Bestimmte Bakterien lösen auf der Haut von Neurodermitikern Entzündungen aus. Wenn diese abgetötet werden, reduziert sich auch die Entzündung.

    Kunstmann: Müssen die Patienten dann alle Silberanzüge tragen?

    Worm: Nein, nicht unbedingt. Das hängt davon ab, wo sich die Hautentzündung abspielt. Ist sie zum Beispiel an den Ellenbogen, an Händen oder Füßen, können die betroffenen Stellen mit silberhaltigen Materialien abgedeckt werden – eben je nach Bedarf. Für Säuglinge gibt es sogar Strampler. Mützen und Schals gibt es übrigens auch.

    Kunstmann: Abgesehen von Neurodermitis, hilft Silber auch bei anderen Krankheiten?

    Worm: Ja. Offene Beine können mit Silberhaltigen Wundauflagen behandelt werden.

    Kunstmann: Übernehmen die Krankenkassen die Kosten für eine Behandlung mit Silbermaterialien?

    Worm: Nun, man kann versuchen, eine Kostenübernahme bei der Kasse zu beantragen. Eine Regelleistung ist die Behandlung aber keineswegs. Die Krankenkassen entscheiden das für den Einzelfall.

    Kunstmann: Helfen die Silberstoffe allen Neurodermitikern?

    Worm: Das hängt auch vom Einzelfall ab. Ist die bakterielle Besiedlung gering, erzielt man eher Erfolge mit der antientzündlichen Behandlung. Bei Patienten, die sehr viele Bakterien auf der Haut haben, können die Materialen unterstützend wirken.

    Kunstmann: Kann Silber nicht auch Allergien auslösen? Schließlich gibt es Nickelallergiker.

    Worm: Theoretisch ja. Schließlich können alle körperfremden Stoffe, wie eben Nickel oder auch Duftstoffe, allergische Reaktionen auslösen. Praktisch ist das aber noch nicht vorgekommen.          

    Kunstmann: Hilft Silber auch in anderer Form als in Textilien gegen Krankheiten?

    Worm: Früher gab es so genannte Rollkuren für Magenpatienten. Menschen die unter Magengeschwüren litten, bekamen silberhaltige Lösungen verabreicht. Damals hat man aber beobachtet, dass sich Silberpartikel bei einigen Patienten in der Haut ablagerten. Die sind dann regelrecht grau geworden. Das war aber eine andere Silberform als in den verwendeten Stoffen heute.
     Kunstmann: Ist Silber in den Textilien nicht eher gefährlich? Schließlich weiß man, dass es sich beim Waschen lösen kann. Könnte das Silber dann nicht auch in die Haut eindringen?

    Worm: Tatsächlich ist das derzeit Gegenstand der wissenschaftlichen Diskussion. Bisher gibt es dafür aber noch keine Hinweise.

    Kunstmann: Manche Menschen trinken Silberwasser. Das soll wie ein Antibiotikum wirken. Was halten Sie davon?

    Worm: Falls die Menschen eine Wirkung verspüren, halte ich das für einen Placeboeffekt. Die Mengen in dem Wasser sind viel zu gering für eine antibakterielle Wirkung. Wer einen wirklichen Effekt erzielen möchte, müsste wirklich sehr, sehr viel davon trinken.  

  • Raus aus dem Alltag und hinein in die Natur

    Wandern ist „in“ / Schicke und leichte Funktionstextilien liegen im Trend

    Berge erklimmen, mit dem Paddelboot Seenlandschaften erkunden oder auf dem Rad entlegenen Ortschaften entgegen brausen: Immer mehr Menschen zieht es in ihrer Freizeit an die frische Luft. Am liebsten schnüren die Deutschen ihre Wanderschuhe und ziehen mit dem Rucksack auf dem Rücken durchs Land. Vom verstaubten Wanderimage ist nichts mehr geblieben. Im Gegenteil: Moderne und farbenfrohe Kleidung macht aus den Pilgern einen willkommenen Hingucker. 

    Umfragen zufolge wandert jeder zweite Deutsche gelegentlich oder regelmäßig durch Wald und Flur. Die meisten legen die auserkorene Strecke lieber gemütlich zurück. Immer häufiger geht es dabei Querfeldein. Populär sind zum Beispiel Schnitzeljagden mit GPS-Gerät. Beim so genannten Geocaching („cache“ engl.: geheimes Lager), sucht man mit dem Navigationssystem einen Schatz, dessen Koordinaten zuvor im Internet veröffentlicht wurden. Das zieht auch Menschen an, die normalerweise für das Wandern nicht zu begeistern sind.

    Eigentlich kann der Spaziergänger auf deutschen Wegen kaum verloren gehen. Trotzdem wappnen sich dagegen immer mehr Ausflügler mit einem GPS-Gerät. Die modernen Wegweiser sind bereits für 100 Euro erhältlich. Es gibt dazu Spezialkarten für Wassersportler ebenso wie für Radfahrer. Eine gute digitale Karte ist oft teurer als das Gerät selbst und kostet locker einen dreistelligen Betrag.

    Am wichtigsten ist jedoch die richtige Kleidung für jedes Wetter und jede Aktivität. Festes Schuhwerk mit Profil gehört zum Beispiel zur Grundausrüstung eines jeden Wanderers. "Gute Schuhe kauft man am besten im Fachhandel und testet sie vor Ort“, empfiehlt der stellvertretende Geschäftsführer des Deutschen Wanderverbands Erik Neumeyer, „100 Euro sollte man dafür kalkulieren." Neben dem Rucksack ist auch eine wasserdichte aber atmungsaktive Regenjacke empfehlenswert.

    „Funktionskleidung ist absolut sinnvoll“, erklärt Wanderexperte Neumeyer. Beim Outdoorhändler Camp4 weiß man sogar schon über künftige Trends bei den funktionellen Bekleidungsstücken Bescheid. „Merino-Wollunterwäsche wird der Renner“,  prognostiziert Mitarbeiter Enriko Wolff die Aussichten für das Weihnachtsgeschäft. Egal ob Unterhemd oder -hose, T-Shirt oder Leggings, die feinfaserigen Textilien kratzen garantiert nicht, sind atmungsaktiv und regulieren den Wärmehaushalt ganz natürlich. Freilich, günstig ist die Wäsche nicht, scheint aber zu überzeugen: „Wer einmal Merino gekauft hat kommt wieder“, beobachtet der Mann vom Fach.

    Tatsächlich, mit seiner Prognose könnte Wolff Recht haben, schließlich warten die Hersteller inzwischen mit modischen Kollektionen in bunten Farben auf und setzen damit auf einen Trend: Funktionskleidung darf heute auch gut aussehen. Das stärker werdende Modebewusstsein der Kunden beobachtet man auch bei der Zeitschrift Outdoor: „Die Hersteller machen sich über das Design Gedanken“, berichtet Redakteur Frank Wacker, „die Produkte sind mittlerweile sehr modisch geworden.“

    Angesagte Farbtöne und fesche Schnitte sind aber nicht das einzige, auf das sich Outdoorfreunde freuen können: Getreu dem Motto „weniger ist mehr“ setzt die Branche immer stärker auf ultraleichte Stoffe. Das lässt die Pfunde bei Jacken, Zelten und Schuhen purzeln. Gerade einmal 250 Gramm bringt das wasserdichte und atmungsaktive Marmot Mica Jacket auf die Waage. „Rekordverdächtig“ nennt das die Outdoor-Redaktion. Mit der „wohl leichtesten“ Jacke aus Gore-Tex Pro Shell – einem, nach Händlerangaben, aus den strapazierfähigsten und atmungsaktivsten Geweben hergestelltem Material, das dauerhafte Wasser- und Winddichtigkeit bietet – wartet Adidas auf. Das Terrex Feather Jacket ist gerade einmal 325 Gramm leicht.

    Den Wunsch nach Leichtigkeit spürt auch der Fachhändler. „Soft Shells werden immer stärker nachgefragt“, beobachtet Wolff vom Camp4-Team das Käuferverhalten. Die bequemen Stoffjacken aus elastischem Material mit glatter Außen- und weicher Innenseite wehren bedingt Nässe ab, sind windabweisend bis winddicht und bedingt wasserdicht – ideal fürs Wandern. „Sie ersetzen das klassische Wanderhemd“, urteilt Outdoor-Mann Wacker. 

    Atmungsaktive Kleidung ist für sportliche Aktivitäten die erste Wahl. Wer jedoch mit seinem Funktionsanorak beim Skifahren oder Geocaching nicht unverhofft ins Schwitzen geraten möchte, sollte auf das passende Darunter achten. „Die beste Jacke nützt nichts, wenn man keine Unterwäsche trägt, die die  Feuchtigkeit so schnell wie möglich vom Körper wegleitet“, erklärt Wolff. Sowohl Textilien aus Kunstfaser als auch aus Merino-Wolle können das.

    Weil Kunstfaser leichter anfängt zu riechen, bearbeitet die Industrie die Materialien mit Silberionen nach. Das wirkt antibakteriell, die Wäsche bleibt länger frisch. Von  Silberhöschen und Co. als Alltagskleidung rät das Bundesinstitut für Risikobewertung jedoch ab. Die Textilien seien noch nicht ausreichend erforscht. Und mögliche allergische Reaktionen oder Resistenzbildungen nicht auszuschließen.

  • Gut beraten

    Die teuersten Outdoorjacken sind nicht unbedingt die besten/ Beim Kauf auf Schwachstellen achten

    Mit einer guten Funktionsjacke trotzt man ohne zu schwitzen strömendem Regen. Bis zu mehreren Hundert Euro kosten die „Wasserabweiser“ im Fachgeschäft. Auch Discounter haben die funktionellen Oberteile ab und an im Angebot. Zwar steigt mit jedem ausgegebenen Euro die Wahrscheinlichkeit, dass die Jacke hält was sie verspricht. Ein hoher Preis garantiert jedoch noch lange keine gute Qualität. 

    „Auf die Verarbeitung kommt es an“, erklärt Renate Ehrnsperger von der Stiftung Warentest worauf Kunden beim Kauf einer Outdoorjacke achten sollten. Denn wie wasserdicht die Jacke ist, hängt nicht allein vom Material, sondern auch von der Konstruktion ab. An Schwachstellen kann Wasser eindringen und den Aufenthalt im Freien schnell zu einer recht unangenehmen Angelegenheit machen.

    „Sogar mit einer 500 Euro teuren Jacke kann man baden gehen“, urteilt Redakteur Frank Wacker, der bei der Zeitschrift Outdoor selbst regelmäßig Jacken testet. Potentieller Schwachpunkt sind die Nähte. Zwar ist das Material der Jacke wasserfest, doch sobald eine Nadel durch den Stoff sticht, ist es mit dem Regenschutz dahin. Hersteller bringen deshalb Klebebänder auf die Nähte auf, die das Eindringen von Feuchtigkeit verhindern. „Käufer sollten darauf achten, dass die Klebebänder sauber aufgebracht sind“, erklärt Ehrnsperger. Auch undichte Reißverschlüsse bereiten Probleme. Sie müssen gut abgedeckt oder wasserabweisend  sein. Darüber hinaus ist ein Blick auf die Säume ratsam. Denn an ihnen kann sich die Nässe leicht hochziehen und nach innen gelangen. Sind sie regendicht, passiert das nicht.

    Mit Hilfe verschiedener Systeme schützen Hersteller ihre Textilien vor dem Eindringen von Feuchtigkeit. Mikroporöse Membranen zum Beispiel, wie Gore-Tex, haben so kleine Poren, dass nicht einmal der kleinste Regentropfen hindurchpasst. Wasserdampfmoleküle hingegen, können ohne Probleme entweichen. Auch unterschiedliche Beschichtungen machen Jacken regenundurchlässig. Den besten Stoff gibt es jedoch nicht. „Die Materialien haben unterschiedliche Stärken“, erläutert Fachmann Wacker. Kunden müssten so zum Beispiel abwägen, ob ihnen eine lange Haltbarkeit oder vielleicht doch ein geringes Gewicht wichtig sei.

  • Nachgezählt

    Auf 390 Millionen Wanderungen begeben sich die Deutschen im Jahr und ziehen dabei gut gerüstet durch das Land: 85 Prozent der Frischlufttouristen besitzen wetterfeste Jacken, die Hälfte hat mindestens ein paar Wanderschuhe im Schrank. Das hat das Europäische Tourismusinstitut (ETI) ausgerechnet. 

  • „Die Saat der nächsten Krise“

    Vor dem G20-Gipfel fordert US-Ökonom Nouriel Roubini die Regierungen auf, die Finanzmärkte „aggressiv zu regulieren“. Denn die Banker „gewinnen neue Kraft“. Er warnt: „Jetzt beginnt die nächste Welle riskanter Geschäfte“

    Hannes Koch: Prof. Roubini, Sie haben die Finanzkrise vorhergesagt und damit ins Schwarze getroffen. Können Sie auch den privaten Geldanlegern einen Rat geben? Was soll man in diesen unsicheren Zeiten mit seinen Ersparnissen machen – Aktien kaufen, ein Haus erwerben, das Geld schlicht ausgeben?


    Nouriel Roubini: Man sollte sehr vorsichtig sein. Ich warne davor, sich an der Rallye der Aktienkurse zu beteiligen. Wir sehen zwar Zeichen einer wirtschaftlichen Erholung, aber man weiß nicht, wie sich die Dinge weiterentwickeln. Ich rate zu möglichst sicheren, risikolosen Anlagen. Eine gute Möglichkeit sind beispielsweise Staatsanleihen. Die bringen zwar wenig Zinsen, doch auch die Gefahr des Wertverlustes hält sich in Grenzen.


    Koch: Sie sind skeptisch, was den gegenwärtigen leichten Aufschwung betrifft. Anfang des Jahres haben Sie vor einer langen Stagnation gewarnt. Wie beurteilen Sie die Aussichten jetzt?


    Roubini: Glücklicherweise hat sich die Lage besser entwickelt, als wir vor Monaten annahmen. Das liegt zum Teil am entschlossenen Eingreifen der Regierungen, die schnell hunderte Milliarden mobilisierten, um die Talfahrt zu stoppen. Mit 50- bis 60-prozentiger Wahrscheinlichkeit nehmen wir nun an, dass die mittelfristige Entwicklung der Form des Buchstaben U ähnelt. In den nächsten Jahren werden wir zunächst eine blutleere und kraftlose Erholung erleben. Ein starker Aufschwung dürfte noch länger auf sich warten lassen.


    Koch: Das klingt nicht sehr hoffnungsvoll. Wie lange werden wir am Boden des U leben müssen?


    Roubini: Wahrscheinlich ein paar Jahre. Die Wachstumsrate wird in den entwickelten Ländern, etwa in Europa, um durchschnittlich ein Prozent pro Jahr schwanken. Außerdem beginnt das bescheidende Wachstum auf einem sehr niedrigen Niveau. Am Arbeitsmarkt dürfte es deshalb in absehbarer Zeit keine Entspannung geben. Eher im Gegenteil – die staatlichen Konjunkturprogramme, die bisher eine hohe Arbeitslosigkeit verhindert haben, laufen ja bald aus.


    Koch: Welche Gründe lassen Sie an einem starken Aufschwung zweifeln?


    Roubini: Vor allem, dass die USA vorerst als Wachstumslokomotive ausfallen. Denn die US-amerikanischen Verbraucher müssen mehr sparen als früher. Dieser negative Nachfrage-Effekt macht sich auf der ganzen Welt bemerkbar und wird von Deutschland, Japan oder China nicht ausgeglichen. Außerdem ist das Finanzsystem durch hohe Verluste und Abschreibungen beschädigt. Die Banken sind deshalb zurückhaltend mit Krediten an Unternehmen und Bürger.


    Koch: Trotzdem geht es auch Banken und Investoren wieder besser. Institute wie die Citigroup wollen deshalb die Rettungsmilliarden an die US-Regierung zurückzahlen. Könnte das dazu führen, dass die Reformbemühungen für die Finanzmärkte nachlassen?


    Roubini: Diese Sorge habe ich durchaus. Viele Banker gewinnen neue Kraft, um die staatlichen Versuche der Regulierung zurückzuweisen. Gleichzeitig tun die Regierungen weniger als notwendig. Damit sähen wir möglicherweise die Saat der nächsten Krise. Eine neue Spekulationsblase könnte zu einem wirklichen Zusammenbruch des Weltfinanzsystems führen.


    Koch: War das vergangene Jahr ein verlorenes Jahr für die Bemühung, den Finanzmärkten einen stärkeren Rahmen zu geben?


    Roubini: Nein, das würde ich nicht sagen. Nach dem Kollaps der Investment-Bank Lehman Brothers im September 2008 musste man das Finanzsystem erst einmal stabilisieren. Zu starke regulierende Eingriffe hätten den Absturz möglicherweise beschleunigt. Aber jetzt ist die richtige Zeit gekommen, um mehr Regulierung durchzusetzen. Doch das politische Momentum für die Reform schwindet schnell. Die großen Banken lehnen sich zurück. Sie wissen: Einen weiteren Bankrott wie Lehman kann sich niemand leisten, sie werden in jedem Fall vom Staat gerettet. Die Manager meinen also, wieder freie Hand zu haben. Und deshalb beginnt jetzt die nächste Welle riskanter Geschäfte.


    Koch: Warum setzen sich die Politiker nicht durch, haben sie Angst vor den Banken?


    Roubini: Das ist das falsche Wort. Der Finanzsektor übt einen erheblichen Einfluss auf die Politik aus. Man kennt sich persönlich, die Lobbyorganisationen und Verbände sind allgegenwärtig. Davon sollte sich die Politik jetzt distanzieren. Sie muss bei der Regulierung aggressiver vorgehen. Die globale Erholung wäre genau der richtige Zeitpunkt, um die Reform-Agenda voranzutreiben.


    Koch: US-Präsident Barack Obama und sein Finanzminister Timothy Geithner haben in ihren jüngsten Reden wirksame Reformschritte versprochen. Das klang aber auch ein bisschen hilflos.


    Roubini: Obama spricht die richtigen Punkte an. Und das Programm der Wirtschaftsnationen der G20-Gruppe ist ebenfalls gut. Wenn es tatsächlich umgesetzt würde, wären wir einen großen Schritt weiter. Die Politik muss die Banken verpflichten, ihren Kredithebel zu verringern. Die Institute sollen künftig weniger geliehenes Kapital, sondern mehr eigenes Geld verwenden. Dadurch sänke das Risiko nicht nur für die Institute, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt. Außerdem brauchen wir ein neues Insolvenzrecht für systemrelevante Banken. Sie sollten zwei Vorschriften erfüllen: Der Finanzaufsicht einen Organisationsplan vorlegen, damit diese im Notfall weiß, welche Teile der Banken für das Funktionieren der Wirtschaft existenziell sind und welche nicht. Zweitens müssen die Institute genug Kapital zurücklegen, um einen größeren Teil der möglichen Verluste selbst zu tragen. Sind beide Voraussetzungen erfüllt, könnte die Regierung ein Institut im Notfall geordnet aufspalten und abwickeln. Bei Lehman war all das nicht gegeben.


    Koch: Die Regierungen sind in einer paradoxen Situation: Einerseits können sie die großen Banken nicht pleitegehen lassen, andererseits überfordern sie die enormen Summen für die Bankenrettung. Wäre es da nicht ein folgerichtiger Schritt, große Banken in kleinere aufzuspalten?


    Roubini: Einer der negativen Effekte der Krise besteht darin, dass einige der großen Banken noch größer geworden sind. Weil sich die Regierung nicht anders zu helfen wusste, hat sie JP Morgan gedrängt, Bear Stearns zu übernehmen. Die Bank of America schluckte die Institute Countrywide und Merill Lynch, Wells Fargo besitzt nun die ehemals unabhängige Wachovia. Um diesen Prozess langfristig rückgängig zu machen, muss die Politik finanzielle Anreize setzen.


    Koch: Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy diskutieren darüber, die Eigenkapitalregeln progressiv auszugestalten. Je größer das jeweilige Institut ist und je mehr Risiko es eingeht, desto mehr eigenes Geld müsste es in Reserve halten. Richtig oder falsch?


    Roubini: Eine progressive so genannte capital surcharge vorzuschreiben, ist eine sehr gute Idee. Dies würde gefährliches Wachstum im Bankensektor bremsen. Dies könnte langfristig dazu führen, dass schiere Größe für die Institute keinen Sinn mehr hat, weil sie zu teuer wird. Das Ergebnis wäre die Aufspaltung in Teil-Banken. So verstehe ich auch die neue Eigenkapitalregelung, die die Schweizer Nationalbank für die Institute Credit Suisse und UBS angekündigt hat. Die beiden Institute müssen bald nicht mehr acht Prozent Eigenkapital nachweisen wie bisher, sondern das Doppelte – 16 Prozent.


    Nouriel Roubini (51) lehrt und forscht als Professor für Ökonomie an der Stern School of Business der New York University. Seine private Firma Roubini´s Global EconoMonitor (www.rgemonitor.com) analysiert täglich die Weltlage. Weil er früh auf die Gefahr einer Finanzkrise hinwies, ist er einer gefragtesten Ökonomen der Gegenwart. Geboren in Istanbul, lebte er im Iran, in Israel und Italien. Nun wohnt er in den USA. Als Sprachen, die er spricht, gibt er an: Englisch, Französisch, Italienisch, Hebräisch, Persisch.

  • Merkels neue Kleider

    Kommentar zu Banker-Boni von Hannes Koch

    Im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ flaniert der Regent in großartigen Gewändern, die angeblich nur die Schlauen sehen können. Aus Angst, für dumm gehalten zu werden, schweigen alle, bis ein Kind ruft: „Aber er hat ja gar nichts an!“ So ähnlich könnte es Angela Merkel mit der Regulierung der Banken und der Reduzierung der Boni gehen. Wenn sich ihre Versprechungen als Gaukelei erweisen, wird es peinlich für die Bundeskanzlerin.


    Internationale Verhandlungen wie der G20-Gipfel nächste Woche in den USA haben zwei große Vorteile. Alles sieht total wichtig aus, und damit auch die Kanzlerin. Außerdem ist alles total weit weg vom praktischen Leben. Spezialisten verstehen, was da passiert, normalen Menschen können die Politiker aber Gott-weiß-was über die Ergebnisse erzählen. Zum Beispiel: Die millionenteuren Erfolgsbeteiligungen der Banker werden jetzt wirklich reduziert. Stimmt aber gar nicht. Bisher ist alles nur Theorie, die Welt als Wille und Vorstellung von Politikern. Praktisch wirken die Regelungen frühestens in ein paar Jahren, wenn überhaupt.


    Ähnliches gilt für fast alle anderen Themen, die die G20-Regierungen verhandeln. Höheres Eigenkapital für risikoreiche, systemrelevante Banken? Eine super Idee! Sie könnte sogar dazu führen, dass große Institute sich in kleinere aufspalten, weil ihre Geschäfte sonst zu teuer würden. Allerdings mag man nicht so recht daran glauben, dass die USA, die Schweiz oder Deutschland ihren Banken das Wachstum verbieten. Warten wir´s ab!


    Angela Merkel hat ihr Ansehen mit dem Erfolg der Regulierung verknüpft. Bis 2010 müsse alles unter Dach und Fach sein, hat sie gesagt. Funktioniert das nicht, wird sich der Eindruck festsetzen: Es läuft alles weiter wie bisher! Bei dieser Bundestagswahl wird Merkel das nicht mehr schaden, möglicherweise aber der nächsten.

  • Boni-Bremse für Banker

    Zusammen mit den EU-Regierungschefs will Kanzlerin Merkel die Bonuszahlungen auf ein „angemessenes“ Maß reduzieren. Debatte über Tobin-Steuer beim G20-Gipfel in Pittsburgh fraglich

    Schärfere Regelungen für Bonuszahlungen in Banken will Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammen mit den Regierungschefs der Europäischen Union durchsetzen. „Konkrete Ergebnisse“ in dieser Richtung müsse der Gipfel der wichtigsten Wirtschaftsnationen (G20) nächste Woche in Pittsburgh/ USA erbringen, sagte Merkel am Freitag in Berlin. Ein zentraler Punkt ist dabei, dass Erfolgsbeteiligungen von Bankern künftig in einem bestimmten Verhältnis zu ihrem Festgehalt stehen sollen. Astronomische Boni von 50 oder mehr Millionen Euro pro Jahr wären dann zumindest schwerer zu begründen.


    Am Donnerstag beriet Merkel mit ihren EU-Kollegen. Am Freitag Vormittag saß sie dann in pastellweißem Kostüm in der Bundespressekonferenz, um ihre Botschaft zur Bundestagswahl zu verkünden. Ein wichtiger Teil: Merkel will die Regulierung der globalen Finanzmärkte vorantreiben. Bei den Wählern soll nicht der Eindruck entstehen, die Institute kämen wieder ungeschoren davon und könnten weitermachen wie vor der Krise. Populäre Themen sind dabei die Gier der Banker und ihre teilweise horrenden Gehälter.


    Wie hoch die Boni im Verhältnis zum Festgehalt eines Bankmanagers oder Aktienhändlers genau sein dürfen, will die EU nicht festlegen. Auch für die Höhe des Fixgehaltes gibt es keine absoluten Obergrenzen. Diese verlangt beispielsweise die Linkspartei. Die EU-Regierungen wollen aber durchsetzen, dass sowohl die Boni, als auch die Gehälter „angemessen“ sein müssen. Die Bezahlung soll an den langfristigen Erfolg des Unternehmens gekoppelt werden. Wenn die jeweilige Bank stattdessen einen Verlust erwirtschaftet, dürften keine Erfolgsbeteiligungen fließen. Im Extremfall könnte der Aufsichtsrat ungerechtfertigte Zahlungen sogar zurückfordern.


    Ob diese Wünsche beim G20-Gipfel ab Donnerstag kommender Woche in Pittsburgh eine Chance haben, ist unklar. Skepsis gegen allzu starke Regulierungen herrscht traditionell bei der britischen und US-amerikanischen Regierung. Selbst wenn sich G20 auf harte Richtlinien einigen würde, bliebe aber die Frage der Umsetzung. Denn G20-Beschlüsse sind keine Gesetze. Die können nur Staatenverbünde wie die EU oder die Nationalstaaten formulieren. In jedem Fall dürfte es noch lange dauern, bis die neuen Gehaltsregeln praktisch wirksam werden.


    In Deutschland stehen ähnliche Vorschriften bereits im Aktiengesetz, das die große Koalition unlängst verschärft hat. Allerdings fehlt bislang, dass Boni eine bestimmte Höhe im Vergleich zum Festgehalt nicht überschreiten dürfen. Außerdem gelten die Regelungen nur für Vorstände von Aktiengesellschaften, nicht aber für Händler, die oft viel mehr verdienen.


    Die meisten internationalen Vereinbarungen zur Regulierung der Finanzmärkte sollten „bis Ende 2009 oder Mitte 2010“ stehen, sagte Merkel. Nächstes Jahr will die Kanzlerin „eine klare Bilanz ziehen, was erreicht worden ist“.


    Merkel zufolge wollen zumindest einige EU-Regierungen in Pittsburgh über neue internationale Steuern für die Finanzmärkte sprechen. Die so genannten Tobin-Steuern – benannt nach dem US-Ökonomen James Tobin – könnten bestimmte spekulative Geschäfte verhindern und den Investoren einen Beitrag zur Finanzierung der Krisenschäden abverlangen. Ob es an diesem Punkt zu Beschlüssen kommt, ist aber unsicher. Außerdem planen die EU und die G20 schärfere Eigenkapitalbestimmungen für Banken, wodurch man das Risiko der Geschäfte reduzieren will.


    Zur bundesdeutschen Politik sagte Merkel, die von ihr angestrebte Regierung aus Union und FDP werde im ersten Halbjahr der neuen Legislaturperiode einen Plan für Senkungen der Lohn- und Einkommensteuer ausarbeiten. Prüfen müsse man außerdem, ob die Steuern für Erbschaften und Unternehmen zu hoch seien.

  • Elektroindustrie steht vor Entlassungswelle

    Verband erwartet Abbau von 30.000 Stellen / Abwärtstrend gestoppt

    In der Elektroindustrie droht ein beträchtlicher Stellenabbau. Der Verlust von 30.000 Arbeitsplätzen sei wahrscheinlich, sagte der Chef des Zentralverbands Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI), Klaus Mittelbach, am Freitag in Berlin. Derzeit zählen die meist mittelständischen Firmen der Branche noch 826.000 Beschäftigte, fast so viele wie zu Jahresbeginn. Allerdings ist jeder siebente in Kurzarbeit. „Die Unternehmen tun alles, um die Arbeitsplätze zu erhalten“, versichert Mittelbach. Denn im kommenden Aufschwung würden die Fachleute dringend benötigt. Die Unternehmen stellen teilweise sogar weiter neue Leute ein. Momentan fehlen fast 50.000 Ingenieure.

    Der Talfahrt des Industriezweigs ist anscheinend beendet. 2009 rechnet der Verband mit einem Umsatzminus von 20 Prozent. Die einzelnen Kennzahlen lesen sich dramatisch. Der Auftragseingang brach um mehr als ein Drittel ein, die Kapazitäten sind nur zu 72 Prozent ausgelastet. So gering war dieser Wert zuletzt 1975. Laut Mittelbach sind nun wieder erste Aufwärtstendenzen spürbar. Bis die Krise überwunden ist, wird es jedoch noch lange dauern. „Wir brauchen zwischen vier und sieben Jahre, bis wir wieder auf das Niveau von 2008 kommen“, vermutet der ZVEI-Chef.

    Die Unternehmen haben vor allem Furcht vor einer Kreditklemme. Die Finanzierung fällt den Firmen immer schwerer. Im März berichteten noch fünf Prozent von Problemen bei der Kreditvergabe, im Juni schon 57 Prozent. Der Verband fordert daher politischen Flankenschutz, damit die Darlehensvergabe wieder in Gang kommt. Sonst könnten die im nächsten Aufschwung zu erwartenden Aufträge womöglich nicht vorfinanziert werden.

  • Benzinpreise vor rasantem Preisanstieg?

    Mehr als drei Euro pro Liter laut Studie schon im nächsten Jahrzehnt / Bahnen erwarten viele Umsteiger und deshalb Kapazitätsengpässe

    Die Benzinpreise steigen im nächsten Jahrzehnt schneller in die Höhe als erwartet. „In zehn Jahren wird der Liter mindestens drei Euro kosten“, schätzt der Verkehrsexperte Heinrich Strößenreuther. 2024 könne die magische Grenze von fünf Euro erreicht werden. Basis der Prognose ist eine jährliche Steigerung des Ölpreises um zehn Prozent, die der Hamburger Bahn-Berater für wahrscheinlich hält. Dagegen geht das Bundesverkehrsministerium in seinen Annahmen von einem minimalen Zuwachs beim Ölpreis aus. Die Bundesregierung rechnet Ende des nächsten Jahrzehnts mit Kosten von bis zu 42 Dollar pro Barrel. Diese Prognose hält Strößenreuther angesichts der letzten Entwicklungen für überholt.

    Sollte der Trend zum teuren Öl anhalten, hätte dies deutliche Veränderungen im Mobilitätsverhalten der Deutschen zur Folge. Einer Umfrage der Firma Beraterfirma VI-Partner zufolge ist jeder fünfte Bürger wegen der hohen Benzinpreise häufiger auf die Bahn umgestiegen. Bei einem Literpreis von fünf Euro würde der Schienenverkehr noch mehr Fahrgäste hinzugewinnen. „Das Wachstum der Schiene wird sich in den nächsten Jahren dramatisch beschleunigen“, sagt der Chef des Verbands Allianz pro Schiene, Dirk Flege. Grund dafür ist nicht nur der Ölpreis. Es findet auch ein kleiner Bewusstseinswandel statt. Junge Leute verzichten häufiger auf ein eigenes Auto und sind mit anderen Verkehrsmitteln unterwegs. Dies geht aus der letzten Mobilitätsstudie der Bundesregierung hervor.

    Der Verband schlägt nun Alarm. „Weder die Bahnen noch die Politiker sind auf den Anstieg vorbereitet“, warnt Flege und fordert von der nächsten Bundesregierung einen Masterplan für den Personenverkehr und höhere Investitionen in das Bestandsnetz. Dem Bundesverkehrsministerium wirft die Allianz Ignoranz vor. Die Planungsgrundlagen der Beamten seien nicht nachvollziehbar und einseitig auf den Straßenverkehr hin ausgerichtet.

    Die Bahnunternehmen glauben nicht, dass die wachsende Fahrgastzahl allein durch eine bessere Auslastung der Züge aufgefangen werden kann. Vielmehr müsse das Netz durchlässiger werden, damit mehr Waggons über die Schienen rollen können. Oft könnten schon kleine bauliche Veränderungen Engpässe beseitigen, erläutert der Chef von Keolis, Hans Leister, „das kann schon eine verlegtes Signal sein.“ Auch die Deutsche Bahn sieht die Problematik. Ein Wachstum der Beförderungsleistung um wenigstens 60 Prozent sei realistisch. Die Unternehmen wollen nun gemeinsam Druck auf Bund, Länder und Kommunen ausüben, damit es zu einer gemeinsamen Planung der Infrastruktur kommt. Denn sonst drohen den Kunden langfristig nicht nur überfüllte Züge, sondern auch kräftige Fahrpreissteigerungen aufgrund der großen Nachfrage.

  • Ein windiges Geschäft

    Windparks vor der deutschen Küste sollen bald in großem Umfang zu einer sauberen Stromversorgung beitragen. Investoren für den Bau der Seekraftwerke stehen in den Startlöchern. 25 Standorte wurden bereits genehmigt, drei in der Ostsee, der Rest in der Nordsee. Insgesamt 40 Windparks will die Bundesregierung zunächst zulassen. Bisher liefert nur die Versuchsanlage Alpha-Ventus Strom. Die sechs Windräder wurden 45 Kilometer nördlich der Insel Borkum in 40 Meter tiefem Wasser installiert. Die ersten kommerziellen Anlagen könnten nach Plänen der verschiedenen Betreibergesellschaften im nächsten oder übernächsten Jahr ans Netz gehen. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee misst dem weiteren Ausbau eine wichtige Rolle bei der künftigen Energieversorgung bei. „Allein aus der Nordsee können 6,8 Millionen Haushalte zusätzlich mit Strom versorgt werden“, sagt der Minister. Der Anteil der Windkraft an der Stromversorgung soll im kommenden Jahrzehnt von derzeit gut sechs Prozent auf 30 Prozent gesteigert werden, vor allem durch Offshore-Anlagen.

    Von den Windparks gehen keine Gefahren aus. Die Bundesregierung hat an diesem Mittwoch einen Raumordnungsplan beschlossen, der den Anlagen abseits der Schifffahrtswege gelegene Standorte zuweist. Damit wurde auch der Umweltschutz festgeschrieben. In den ökologisch wertvollen Küstengebieten dürfen sich die Windräder nicht drehen. Vielmehr müssen die Betreiber bis zu 120 Kilometer ins Meer hinausfahren, wenn sie Windkraftwerke errichten wollen. Inwieweit sich die Anlagen selbst verlässlich betreiben lassen, muss der Praxistest erweisen. Denn bisher wird Strom in anderen Ländern nur nahe der Küsten gewonnen. Die Bedingungen auf hoher See sind noch nicht erprobt. Heftige Orkane stellen zumindest kein gefährliches Problem dar. Bei zu starkem Wind werden die Turbinen abgeschaltet und die Rotoren so gedreht, dass keine Schäden entstehen.

    Vor der ersten Stromernte steht ein harter Arbeitseinsatz, wie das Beispiel Alpha-Ventus zeigt. „Es ist ein unglaublicher Aufwand“, erläutert Unternehmenssprecher Lutz Wiese. Die größte Herausforderung sei die Verankerung der Windräder im Meer. Dafür rammt die Gesellschaft, die von den großen deutschen Versorgern gegründet wurde, zwei Meter dicke Stahlfüße in den Schlick. Diese Zylinder halten das 700 Tonnen schwere und 40 Meter hohe Fundament eines Windrads. Darauf wird schließlich die Stromerzeugungsanlage installiert. Außerdem muss ein Seekabel zum Ufer verlegt werden, damit der Strom auch ins Netz an Land eingespeist werden kann. Zuständig ist dafür der Netzbetreiber im jeweiligen Küstenabschnitt. Die Kabel werden etwa 1,5 Meter in den Meeresgrund eingegraben, oder „eingespült“, wie die Fachleute sagen.

    Der überwiegende Teil der Projekte wird von großen Versorgungsunternehmen geplant. Auch die Stadtwerke mischen mit. So haben zum Beispiel in Baden-Württemberg kommunale Unternehmen eine Offshore-Gesellschaft gegründet. Branchenfremde Investoren gibt es nur wenige. Noch sind die Kosten für die Windparks sehr hoch. Während ein herkömmliches Kraftwerk pro Megawatt Kapazität bis zu 1,8 Millionen Euro kostet, verschlingen die Windräder auf See zwischen drei und vier Millionen Euro. Trotzdem werden die Windparks auf lange Sicht Gewinne einfahren, weil die Einspeisung ins Stromnetz und damit die Einnahmen garantiert sind. Die Kosten für die Anbindung der Felder ans Stromnetz an Land werden über den Strompreis auf alle Kunden in ganz Deutschland umgelegt. Der Bundesverband Windenergie berichtet von Problemen bei der Vorbereitung der Projekte. Die Netzbetreiber würden kein Kabel verlegen, solange die Finanzierung nicht stehe. Die Banken wiederum verweigerten Darlehen, wenn die Kabelanbindung nicht fest zugesagt worden sei.

    Die große Furcht der Seebäder vor verschandelten Panoramablicken auf das Meer gehört der Vergangenheit an. Die Windparks sind vor der Küste aus nicht sichtbar.

  • Schleichende Entwertung?

    Kommentar

    Der Goldpreis steigt und steigt. Mit einem wachsenden Verwendungsbedarf am Edelmetall hat diese Entwicklung allerdings wenig zu tun. In der Industrie wird vergleichsweise wenig davon verbraucht, die Schmuckindustrie leidet unter der Wirtschaftskrise. Außerdem ist das Angebot gar nicht gering. Die Zentralbanken trennen sich nach und nach von ihrem Goldschatz. Der Preis wird folglich weder von einem fehlenden Angebot, noch von einer „echten“ Nachfrage getrieben.

    Es gibt einige Regelmäßigkeiten, die den Anstieg erklären helfen. So steigt der Goldpreis in US-Dollar gerechnet immer, wenn der Euro an Stärke gewinnt. Das war in den letzten Wochen der Fall. Auch in Krisenzeiten bewegt sich der Goldpreis nach oben. Käufer sind vor allem professionelle Anleger, die sich vor Verlusten an anderer Stelle schützen wollen oder schlicht auf steigende Preise spekulieren.

    Einiges spricht allerdings für andere Motive der Kauflust beim edlen Metall. Als Folge der Finanzkrise haben die Zentralbanken die Finanzmärkte mit billigem Geld geflutet. Das Kapital will irgendwo untergebracht werden. Das ist derzeit gar nicht einfach. Gekauft wird alles, was einen beständigen Sachwert verspricht. Aktien, Rohstoffe und Edelmetalle gehören dazu. Dahinter steht wohl die Furcht vor erheblich anziehenden Inflationsraten und einer massiven Abwertung des Dollar. Insofern erscheint die Ansicht vieler Analysten fraglich, die den Goldkurs bald wieder auf Sinkflug gehen sehen. Genauso gut kann das begrenzt vorhandene Metall noch viel teurer werden. Es heißt doch immer, dass die Finanzmärkte realen Entwicklungen ein halbes Jahr voraus sind. In diesem Fall droht im kommenden Jahr ein deutlicher Anstieg der Teuerungsrate. Verwunderlich wäre es nicht, denn auch in der Politik wird gelegentlich darüber nachgedacht, das gewaltige Schuldenproblem durch eine schleichende Geldentwertung zu lösen.

  • Ein windiges Geschäft

    Windparks vor der deutschen Küste sollen bald in großem Umfang zu einer sauberen Stromversorgung beitragen. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den so genannten Offshore-Windparks:

    Wann werden Windparks auf hoher See nennenswert zur Energieerzeugung beitragen?

    Investoren für den Bau der Seekraftwerke stehen in den Startlöchern. 25 Standorte wurden bereits genehmigt, drei in der Ostsee, der Rest in der Nordsee. Insgesamt 40 Windparks will die Bundesregierung zunächst zulassen. Bisher liefert nur die Versuchsanlage Alpha-Ventus Strom. Die sechs Windräder wurden 45 Kilometer nördlich der Insel Borkum in 40 Meter tiefem Wasser installiert. Die ersten kommerziellen Anlagen könnten nach Plänen der verschiedenen Betreibergesellschaften im nächsten oder übernächsten Jahr ans Netz gehen. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee misst dem weiteren Ausbau eine wichtige Rolle bei der künftigen Energieversorgung bei. Nach den bisherigen Plänen können danach bald über acht Millionen Haushalte von den Rotoren auf See mit Elektrizität versorgt werden. Der Anteil der Windkraft an der Stromversorgung soll im kommenden Jahrzehnt von derzeit gut sechs Prozent auf 30 Prozent gesteigert werden, vor allem durch neue Offshore-Anlagen.

    Können die Windräder sicher betrieben werden?

    Von den Windparks gehen keine Gefahren aus. Die Bundesregierung hat an diesem Mittwoch einen Raumordnungsplan beschlossen, der den Anlagen abseits der Schifffahrtswege gelegene Standorte zuweist. Damit wurde auch der Umweltschutz festgeschrieben. In den ökologisch wertvollen Küstengebieten dürfen sich die Windräder nicht drehen. Vielmehr müssen die Betreiber bis zu 120 Kilometer ins Meer hinausfahren, wenn sie Windkraftwerke errichten wollen. Inwieweit sich die Anlagen selbst verlässlich betreiben lassen, muss der Praxistest erweisen. Denn bisher wird Strom in anderen Ländern nur nahe der Küsten gewonnen. Die Bedingungen auf hoher See sind noch nicht erprobt. Heftige Orkane stellen zumindest kein gefährliches Problem dar. Bei zu starkem Wind werden die Turbinen abgeschaltet und die Rotoren so gedreht, dass keine Schäden entstehen.

    Wie werden die Windparks gebaut?

    Vor der ersten Stromernte steht ein harter Arbeitseinsatz, wie das Beispiel Alpha-Ventus zeigt. Die größte Herausforderung ist die Verankerung der Windräder im Meer. Dafür rammt die Gesellschaft, die von den großen deutschen Versorgern gegründet wurde, zwei Meter dicke Stahlfüße in den Schlick. Diese Zylinder halten das 700 Tonnen schwere und 40 Meter hohe Fundament eines Windrads. Darauf wird schließlich die Stromerzeugungsanlage installiert. Außerdem muss ein Seekabel zum Ufer verlegt werden, damit der Strom auch ins Netz an Land eingespeist werden kann. Zuständig ist dafür der Netzbetreiber im jeweiligen Küstenabschnitt. Die Kabel werden etwa 1,5 Meter in den Meeresgrund eingegraben, oder „eingespült“, wie die Fachleute sagen.

    Ist der Betrieb schon wirtschaftlich und wer steckt dahinter?

    Der überwiegende Teil der Projekte wird von großen Versorgungsunternehmen geplant. Auch die Stadtwerke mischen mit. So haben zum Beispiel in Baden-Württemberg kommunale Unternehmen eine Offshore-Gesellschaft gegründet. Branchenfremde Investoren gibt es nur wenige. Noch sind die Kosten für die Windparks sehr hoch. Während ein herkömmliches Kraftwerk pro Megawatt Kapazität bis zu 1,8 Millionen Euro kostet, verschlingen die Windräder auf See zwischen drei und vier Millionen Euro. Trotzdem werden die Windparks auf lange Sicht Gewinne einfahren, weil die Einspeisung ins Stromnetz und damit die Einnahmen garantiert sind. Die Kosten für die Anbindung der Felder ans Stromnetz an Land werden über den Strompreis auf alle Kunden in ganz Deutschland umgelegt. Die Windbranche berichtet von Problemen bei der Vorbereitung der Projekte. Die Netzbetreiber würden kein Kabel verlegen, solange die Finanzierung nicht stehe. Die Banken wiederum verweigern demnach Darlehen, wenn die Kabelanbindung nicht fest zugesagt wird.

    Sehen Touristen an den Seestränden künftig hässliche Rotoren statt endlosem Meer?

    In den Seebädern ging zunächst genau diese Furcht um. Einheimische und Touristen müssen sich jedoch keine Sorgen machen. Die Windparks sind vor der Küste aus nicht sichtbar.

  • Untersuchungsausschuss zur Finanzkrise endet unentschieden

    Opposition bringt Koalition nicht ernsthaft in Schwierigkeiten. Strukturelle Defizite der deutschen Bankenaufsicht bei Pleite und Rettung der Münchner Bank HRE aber offensichtlich

    Mit völlig unterschiedlichen Schlussfolgerungen von Regierung und Opposition endet am Freitag der Untersuchungsausschuss des Bundestages zur Pleite und Rettung der Münchner Bank Hypo Real Estate. Die Ausschuss-Mehrheit aus Union und SPD verteidigt das Vorgehen der Regierung. Die Opposition hingegen versucht der Regierung in einem umfangreichen Sondervotum schwerwiegende Fehler nachzuweisen. Unter dem Strich bleibt eine wesentliche Erkenntnis: Die Bankenaufsicht in Deutschland ist nicht so gut aufgestellt, wie es notwendig wäre.


    Nach der Insolvenz der US-Bank Lehman Brothers stand die HRE im September 2008 ebenfalls kurz vor der Pleite. Um den Zusammenbruch der Bank und möglicherweise weiterer Institute zu verhindern, haben Staat und private Banken die HRE mittlerweile mit einer Summe von 102 Milliarden Euro abgesichert. 90 Prozent der Aktien gehören dem Bund, rund drei Milliarden öffentlicher Mittel sind bereits geflossen. Es könnten noch wesentlich mehr werden – teilweise ist die Rede von bis zu 20 Milliarden Euro aus Steuermitteln.


    Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher der Grünen, kritisierte, Bafin-Chef Sanio habe die ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten gegenüber der maroden HRE nicht genutzt. Aufgrund des Kreditwesengesetzes habe die BaFin bereits im Sommer 2008 in die Geschäfte der Münchner Bank eingreifen können und müssen, um Schlimmeres zu verhüten, so Schick.


    Die Abgeordneten der Union, vor allem aber die SPD-Vertreter stellten sich vor Finanzminister Steinbrück und wiesen diesen Vorwurf zurück. Die HRE habe im Sommer 2008 „alle gesetzlichen Kennziffern erfüllt. Die BaFin hätte daher in die Geschäfte der HRE gar nicht eingreifen dürfen. Sonst wäre an die Märkte ein verheerendes Signal gesendet worden, mit fatalen Folgen für die HRE“, sagte Ausschuss-Obfrau Nina Hauer (SPD) gegenüber dieser Zeitung. Die staatlichen Kontrollmaßnahmen hätten den Geschäftspartnern der Bank signalisiert, dass diese kurz vor der Pleite stünde, den Bankrott also erst herbeigeführt, lautet die Essenz dieses Arguments. Klingt plausibel – daran knüpft sich allerdings die Frage, wie die staatliche Bankenaufsicht überhaupt funktionieren soll, wenn ihre Durchsetzung von den Investoren immer als Zeichen wahrgenommen wird, sich zurückzuziehen?


    Dazu fällt auch Schick keine zufriedenstellende Antwort ein. Er zieht sich darauf zurück, dass den Grünen als kleine Oppositionspartei die Ressourcen fehlten, „perfekte Gegenmaßnahmen“ zu entwickeln. „Die Defizite muss die Regierung beheben“, so Schick. Die Bankenaufsicht im Hinblick auf Extremfälle wie die HRE zu verbessern, ist allerdings ein tatsächlich schwieriges Unterfangen.Auch die Bundesregierung hat dafür bisher keine Lösung.


    Eine ähnlich komplizierte Gefechtslage zeigte sich an einem anderen Punkt. Die Opposition warf Steinbrück und Sanio vor, viel zu spät, nämlich erst im September 2008, konsequent auf die Notlage der HRE reagiert zu haben, die sich schon viel länger abgezeichnet hätte. Dieser Vorwurf trifft einerseits zu, allerdings ist auch das Gegenargument der Regierungsfraktionen nicht von der Hand zu weisen: Richtig abwärts gegangen sei es mit HRE erst nach dem Zusammenbruch der Lehman-Bank in New York Mitte September 2008. „Keiner der Berichte im Frühjahr und Sommer 2008 enthielt Hinweise auf eine existenzbedrohende Situation“, sagte Hauer. Unentschieden auch in diesem Fall, der Untersuchungsausschuss endet Remis.