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  • Das Ministerium für Stil und Mumm

    Wie Wirtschaftsminister zu Guttenberg mit Glück und Geschick zum Shootingstar wurde

    Angst vor dem Volk kennt der Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg nicht. Als vor dem Berliner Wirtschaftsministerium im Frühjahr rund 5.000 Beschäftigte des Warenhauskonzerns Karstadt für Staatshilfen demonstrierten, scheute der neue Medienstar unter den Politikern nicht, sondern nahm ein Mikrofon in die Hand und erklärte seine skeptische Sicht der Dinge. „Ich spreche jetzt mit den Leuten“, sagte er anschließend und verschwand in der Menschenmenge. Die Personenschützer ließ er einfach stehen.

    Solche Bilder haben dem fränkischen Freiherrn in kürzester Zeit eine ungeahnte Popularität eingebracht. Wo der Baron auftritt, strebt das Fußvolk scharenweise hin. Unternehmer feiern den Wirtschaftsminister mit stehenden Ovationen, im konservativen Allgäu stehen junge Frauen vor einer Wahlkampfveranstaltung Schlange für einen Blick auf den blaublütigen Minister. Nach nicht einmal sechs Monaten im Amt hat zu Guttenberg fast alle Kollegen abgehängt. Im Ranking der beliebtesten Politiker hat er sich hinter Kanzlerin Angela Merkel auf den zweiten Platz vorgearbeitet. 
    Der Turbostart auf der Regierungsbank wirft auch Fragen auf. Welche Strategie verfolgt der Freiherr und wer hilft bei der Umsetzung im Hintergrund? Die Antworten darauf sind erstaunlich einfach. „Mir ist kein Berater bekannt“, sagt Regierungssprecher Klaus Vater. Auch Steffen Moritz, der Sprecher des Wirtschaftsministeriums, bestreitet, dass im Hintergrund ein gewiefter Profi die Fäden zieht. Der Minister entscheide selbst, erläutert Moritz. 

    Dabei gilt der Franke durchaus nicht als beratungsresistent. Er nimmt Tipps von anderen an oder verwirft sie. Nach welchen Kriterien der öffentliche Auftritt geplant und dosiert wird, wird nicht verraten. Ein Interview mit seinem Sprecher über die Medienstrategie des Hauses verweigerte zu Guttenberg. Auf eine gute fachliche Beratung ist der noch unerfahrene Minister vor allem inhaltlich angewiesen. Im Haus gilt Staatssekretär Walther Otremba als wichtigster Helfer, wenn es um wirtschaftspolitische Aussagen geht. Auch ansonsten verlässt sich der Minister auf die Beamten im eigenen Haus. In der Chefetage ging beim Amtsantritt im Februar noch die Angst um, zu Guttenberg bringe seinen eigenen Beraterstab mit. Die Sorge um  Posten war unbegründet. Der CSU-Mann beließ bis hin zum Sprecher und der Büroleitung alles beim alten.

    So erlebt Moritz nun den dritten Ressortchef nach Wolfgang Clement (SPD) und Michael Glos (CSU). Der Vergleich zwischen ihnen zeigt einen der Pluspunkte des Senkrechtstarters. Der 37-jährige Franke braucht keine ausgedruckten Papiervorlagen, sondern arbeitet sich mit Hilfe elektronischer Medien schnell in neue Themen ein. Bei Glos und Clement stand nicht einmal ein Computer auf dem Schreibtisch. Der große Altersunterschied zu seinen Vorgängern ist in Hinsicht auf die Lernfähigkeit ein Vorteil des jungen CSU-Mannes.

    Die Frage nach der politischen Strategie zu Guttenbergs ist nicht ganz so einfach zu beantworten. „Er hat keine, sondern entscheidet je nach Situation“, glaubt der Korrespondent einer großen Frankfurter Zeitung. Die Parlaments- und Regierungskorrespondenten beäugen den Shootingstar mit einer Mischung aus Anerkennung und inhaltlicher Kritik. Denn wirtschaftspolitisch zustande gebracht hat zu Guttenberg bislang eigentlich nichts Nennenswertes. Viel mag als Ersatzspieler am Ende einer Legislaturperiode zwar nicht drin gewesen sein. Doch wird im Nichtstun auch ein Prinzip des Freiherrn sichtbar. Zu Guttenberg bietet auf diese Weise keinerlei Angriffsflächen. Kratzer auf dem Lack sollen möglichst vermieden werden.

    Mit Glück, Geschick und einer gewissen Abschottung ist dies bisher meist gelungen. Fortuna half vor allem am Anfang. Als zu Guttenberg antrat, beherrschte die Rettung von Opel die Schlagzeilen. „Er musste auf einen rasenden Zug aufzuspringen und nutzte die Chance, so wahrgenommen zu werden“, erinnert sich Moritz. Die komplexen Themen des Ressorts, zum Beispiel die Energiepolitik, konnte der Minister so erst einmal links liegen lassen. Die schnell mögliche Einarbeitung in ein Einzelthema genügt zum Nachweis der Kompetenz. Die sich daraus ergebenen Möglichkeiten nahm zu Guttenberg ebenso mutig wie konsequent an. Höhepunkt der Kampagne in eigener Sache war das Rücktrittsangebot in der langen Opel-Nacht im Frühsommer. Zur Erinnerung: Während Kanzlerin Angela Merkel, die SPD-Spitze und die Ministerpräsidenten der Opel-Länder das Übernahmekonzept des Zulieferers Magna bevorzugten, plädierte zu Guttenberg für eine Insolvenz der Autofirma, trat als ordnungspolitischer Hardliner vor die Kameras und zeichnete das Bild des Unbeugsamen. Mutig war dieses Vorgehen allemal. Da legte sich ein Newcomer mit der alten Elite an – und gewann das Spiel. Im Wirtschaftsministerium gingen reihenweise Mails ein, die den Baron in der Ablehnung des Rettungsplans unterstützten und auf der Popularitätsskala ging es fortan steil bergauf.

    „Kompetenz ist wichtiger als ein Programm“, weiß der langjährige Wahlkampfmanager der Union, Peter Radunski (siehe Interview). Im monatelangen Gezerre um die Zukunft von Opel hat zu Guttenberg keine Gelegenheit zur Demonstration von Sachkenntnis vor laufenden Kameras ausgelassen. Nach beinahe jeder Spitzenrunde lud das Ministerium zu einem in der Hauptstadt unüblich eingeschränkten Pressestatement ein. Der Ressortleiter verkündete mit ernster Miene ein paar Sätze zum Sachstand. Dann wurden allenfalls zwei oder drei Fragen der Journalisten zugelassen und der Freiherr entschwand wieder. So konnte kein Korrespondent tiefer bohren als erwünscht.

    Auch die wirtschaftspolitischen Reden zu Guttenbergs zielen auf die Vermeidung von Fehlern und die Imagebildung ab. Der CSU-Mann profiliert sich als Verfechter der sozialen Marktwirtschaft, als moderner Konservativer und Förderer der Leistungseliten. „Selbstdisziplin, Gerechtigkeitssinn, Ehrlichkeit, Fairness, Ritterlichkeit, Maßhalten, Gemeinsinn, Achtung vor der Menschenwürde des anderen, feste sittliche Normen“, zitiert zu Guttenberg in einem Wahlbeitrag die gesuchten Werte für den idealen Teilnehmer an Markt und Wettbewerb. Damit füllt der Franke eine große personelle Lücke in der Union und der Politik insgesamt, von der weite Teile der die Bevölkerung mehr Verlässlichkeit und Gemeinsinn erwarten. Ein gewisser Hang zur Schwulstigkeit und zum Pathos schwingt bei dem Adligen gelegentlich auch mit. So attestiert sich zu Guttenberg im Vorwort seiner Dissertation eine „verwegene Charakter- und Lebensmelange“.

    „Das ist der beste Selbstdarsteller in Berlin“, urteilt Sascha Buchbinder, der als Korrespondent des Züricher Tages-Anzeigers das Geschehen verfolgt. Zu Guttenberg besetze nur lauter Leerstellen und liefere inhaltlich nichts. Diese Schwäche wird von den Journalisten immer häufiger festgestellt. Mit perfekten Auftritten und Mut zur Auseinandersetzung wird die inhaltliche Schwäche kaschiert. Das Wirtschaftsressort ist zum Ministerium für Stil und Mumm geworden. Bis zur Wahl mag der Minister mit seiner Strategie noch durchkommen. Auf Dauer sind Taten gefragt. Allerdings zweifelt auch kein Beobachter an einem sicheren Posten zu Guttenbergs im nächsten Bundeskabinett. Wer es unter die Top Ten der beliebtesten Deutschen geschafft hat, ist für die Kanzlerin kaum entbehrlich.

    Medial ist der Freiherr längst zum Selbstläufer geworden. Das erste Interview bekam standesgemäß die Frankfurter Allgemeine Zeitung, danach kam Bild dran. Besonders gepflegt wird laut Ministerium noch der Kontakt zu den Heimatzeitungen. Um gute Bilder und Aufmerksamkeit muss sich zu Guttenberg längst nicht mehr selbst bemühen. Selbst eine im Stern jüngst veröffentlichte, äußerst wohlmeinende Titelgeschichte geht auf das Interesse der Parlamentsredaktion des Magazins zurück. „Er geht intuitiv mit der Presse um“, schätzt Stern-Korrespondent Andreas Hoffmann.

    Gerne hätten die Hamburger den Minister als schwarzen Ritter verkleidet auf das Titelbild gebracht. Doch da wollte zu Guttenberg nicht mitspielen. Denn obwohl er kaum eine Gelegenheit auslässt, die für Aufmerksamkeit sorgt, hat er die Gefahren einer allzu selbstherrlichen Darstellung kennen lernen müssen. Bei einem Besuch in New York bedrängten mitreisende Fotografen den Politiker massiv, auf dem Times Square mit ausgebreiteten Armen zu posieren. Ein Bild, das inmitten der Wirtschaftskrise bei jedem anderen verheerend gewirkt hätte. Doch der Fehler blieb nicht lange haften.

    Überhaupt kommt zu Guttenberg trotz mancher Schwäche bislang ungeschoren davon. Schon der erste Auftritt als Wirtschaftsminister war eher peinlich. Er präsentierte sich den versammelten Journalisten als mittelständischer Unternehmer, obschon die genannte Firma lediglich das eigene, allerdings beträchtliche Familienvermögen von einigen hundert Millionen Euro verwaltet.

    Sechs Wochen vor der Bundestagswahl gelang es der SPD zum ersten Mal, eine kleine Schramme in den Imagelack zu ziehen. Der Wirtschaftsminister hat von einer Anwaltskanzlei einen Gesetzentwurf zur Entmündigung taumelnder Banken schreiben lassen, statt die eigenen Beamten zu bemühen. Ansonsten haben die Genossen ein Problem. Sie können den Baron nicht fassen. Der Franke ist weiterhin in den Medien omnipräsent. Auch Berichte in den Klatschspalten sind willkommen. Da rückt Gattin Stephanie dem Baron bei den Salzburger Festspielen in der Bild-Zeitung die Fliege gerade. Auch für die „Bunte“ ließ sich Frau Ministerin ablichten.

    Wie lange sich der Politstar im Lichte sonnen darf, ist die spannende Frage. Zu Guttenberg rechnet selbst mit härteren Zeiten, spätestens wenn die Arbeitslosenzahlen stark steigen. Nach der Wahl muss die neue Regierung, der er aller Wahrscheinlichkeit nach angehören wird, auch unpopuläre Entscheidungen treffen. Da das Wirtschaftsressort im Falle einer Koalition von Union und FDP von den Liberalen besetzt wird, könnte zu Guttenberg das Finanzministerium anstreben. Die Chefs in der Wilhelmstraße zählen von Amts wegen in der Regel zu den beliebtesten Regierungsmitgliedern, zumal bald wohl ein harter Sparkurs angezeigt ist. Aber wegzudenken ist zu Guttenberg nicht mehr. Mit Glück und Geschick hat er sich für die höchsten Ämter empfohlen. „Das war ein zufälliger Riesenerfolg“, urteil der Reuters-Chefreporter Gernod Heller, „damit hat die Wirtschaftspolitik der CDU wieder ein Gesicht bekommen“. 

  • „Kompetenz ist wichtiger als ein Programm“

    Für den Politikberater und langjährigen CDU-Wahlkampfmanager Peter Radunski stillt Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg die Sehnsucht der Deutschen nach charismatischen und ehrlichen Politikern. Der Experte weiß aus eigener Erfahrung, wie Politi

    Frage: Erkennen Sie eine Kommunikationsstrategie hinter der Erfolgsgeschichte des Wirtschaftsministers zu Guttenberg?

    Peter Radunski: Er hat das größte Defizit der deutschen Politik erkannt. Außer Angela Merkel findet doch kaum noch jemand größere Aufmerksamkeit. Es mangelt an frischen Gesichtern und munteren Geistern. Diese Lücke füllt er. Zu Guttenberg stillt die Hoffnung auf einen deutschen Obama. Er hat einen schönen Namen, ist jung und hat perfekte Manieren. Seine Auftritte liefern gute Bilder. Wie er spricht und sich darstellt weist auf Talent und eine große menschliche Ausstrahlungskraft hin. Diese Stärke kommt von innen heraus.

    Frage: Wirtschaft interessiert die meisten Menschen wenig. Wie lässt sich die Popularität des neuen Hoffnungsträgers erklären?

    Radunski: Da ist zum einen der Gegensatz zu seinem Vorgänger Michael Glos, der im Amt äußerst farblos blieb. Zum anderen haben Wirtschaftsminister vor allem eine Aufgabe: Sie müssen erklären, was passiert und für gute Stimmung sorgen. Zu Guttenberg kommt dabei ausgezeichnet herüber. Er gibt sich kompetent. Kompetenz ist in der Politik inzwischen wichtiger als ein Programm. Für die Union ist dies ein Glücksfall.

    Frage: Was können andere Politiker daraus lernen?

    Radunski: Die Politik behandelt die Wählerschaft insgesamt schlecht. Es ist ein Fehlschluss, mit unglaubwürdigen Versprechen und fehlenden Fakten Erfolg haben zu können. Die Politik muss wieder zur strategischen Arbeit zurückfinden, das heißt Ziele setzen und Vorgänge verständlich erklären.

    Frage: Wird das Spitzenpersonal schlecht beraten?

    Radunski: Die wenigsten Politiker leisten sich professionelle Berater. Die Imagebildung wird nicht ernst genug genommen und es fehlt auch das Geld dazu. Meist berät das engere Umfeld die Abgeordneten und Minister. Es ist fraglich, ob so ein gutes Außenbild des Politikers entsteht.

  • Ignoranten

    Kommentar

    Den Herstellern von Kinderwagen sind ihre kleinen Endkunden offenkundig überwiegend schnuppe. Anders lässt sich die geringe Lernfähigkeit der Branche nicht erklären. Schon mehrfach hat die Stiftung Warentest eine unangemessene Schadstoffbelastung der Produkte festgestellt. Der jüngste Test zeigt, dass sich daran nichts geändert hat. Diese Ignoranz ist nicht nachvollziehbar.

    Die Firmen können sich zwar auf die geltende Gesetzeslage berufen. Danach sind ihre Kinderwagen verkehrsfähig, das heißt, die geltenden Richtlinien werden eingehalten. Das liegt aber in erster Linie an einem Versäumnis des Gesetzgebers. Solange es keine Grenzwerte für bestimmte Stoffe gibt, können diese eben auch nicht überschritten werden. Diese Lücke muss möglichst bald geschlossen werden.

    Der Verweis auf Recht und Ordnung zieht außerdem nicht. Gerade von denen, die Produkte für Kinder anfertigen, kann eine besondere Sorgfalt verlangt werden. Wenn möglicherweise gesundheitsgefährdende Chemikalien gefunden werden, sollte schon aus Gründen der Vorsorge auf eine andere Produktionsweise umgestiegen werden. Das gebietet ein verantwortliches unternehmerisches Handeln, auch wenn der Gesetzgeber dies nicht ausdrücklich vorschreibt. Natürlich ist es aufwändig, in Fabriken irgendwo am Rande der Welt auf die Einhaltung der erwünschten Standards zu achten. Doch die Eltern erwarten dies, und zwar zu Recht, zumal sich die Hersteller ihre Produkte gut bezahlen lassen.

    Eltern müssen sich trotz der alarmierenden Testergebnisse wohl keine unmittelbaren Sorgen machen. Eine akute Gesundheitsgefahr besteht bei keinem Produkt. Die langfristigen Risiken sind jedoch schwer abzuschätzen. Deshalb werden sicher viele Eltern zu den zwar immer noch nicht guten, aber wenigstens erträglichen Kinderwagen greifen und so mit den Füßen über das Verhalten mancher Hersteller abstimmen. Vielleicht denken die betreffenden Unternehmen unter diesem Druck ja um. Zeit dafür wird es.

  • Kinderwagen voller Schadstoffe

    Warentest findet kein gutes Modell / Auf teure Modelle mangelhaft

    Viele Kinderwagen sind mit Schadstoffen belastet oder zeigen funktionale Schwächen. Von 14 durch die Stiftung Warentest untersuchten Modellen erhielten deshalb zehn die Note „mangelhaft“. Selbst die drei Spitzenreiter wurden lediglich als befriedigend eingestuft. „Insgesamt ist das Ergebnis sehr enttäuschend“ sagte der stellvertretende Chefredakteur der Zeitschrift Test, Peter Gurr.

    Die Tester haben gängige Modelle ausgesucht, die immerhin bis zu 910 Euro kosten. Ein hoher Preis ist noch lange keine Garantie für gute Ware. Vor allem die chemische Belastung ist bei vielen Kinderwagen beträchtlich. In den Kunststoffteilen fanden die Chemiker zum Beispiel Weichmacher, die die Fortpflanzungsfähigkeit beinträchtigen können oder krebserregende Stoffe wie Flammschutzmittel und Formaldehyd. Gegen Gesetze verstoßen die Hersteller dabei nicht. Es gibt schlicht keine geregelten Grenzwerte für diese Stoffe. „Wir haben die paradoxe Situation, dass der Schadstoffgehalt von Kinderwagen für Puppen weitergehend geregelt ist als der, in dem das Kind selbst sitzt“, stellt Untersuchungsleiter Holger Brackemann fest. Eine akute Gesundheitsgefährdung geht von den Kinderwagen nicht aus.

    Mängel stellte die Stiftung auch bei der Handhabung und Gestaltung der Wagen fest. Zu große oder zu kleine Sitze, schlecht erreichbare Bremsen und Klemmfallen führten zu einer schlechten Bewertung.

    Testsieger war der Bugaboo Cameleon, der mit gut 900 Euro auch das teuerste Modell war. Die beiden Kinderwagen Teutonia Mistral S und Zekiwa Alu-Cross schnitten ebenfalls befriedigend ab, sind aber mit 550 Euro und 299 Euro deutlich preiswerter. Ausreichend benotet wurde noch der 550 Euro teure Hartan Topline S. Alle anderen fielen durch. Dze Stiftung rät Eltern vom Kauf eines mangelhaften Kinderwagens ab. Ein Rückgaberecht für bereits erworbene Modelle gibt es nicht, da alle Produkte zugelassen sind. Die Warentester fordern nun, dass für Kinderwagen wenigstens dieselben Anforderungen wie an Spielzeug gestellt werden.

    Verärgert sind die Tester über das Verhalten der Hersteller. Bei zurück liegenden Tests von Buggys, Kinderstühlen und Laufrädern wurden ebenfalls Schadstoffe gefunden. Geändert hat sich seither offenkundig nichts.

  • Der Glanz in ihren Augen

    Welchen Wert Gold heute hat

    Der Schatz liegt im Keller. Heiko Ganß (41), der Geschäftsführer des Edelmetall-Händlers pro Aurum in Berlin, steigt die Wendeltreppe hinunter. Zwei mächtige, fast mannshohe Tresore stehen hier – die 35 Zentimeter starken Stahltüren sind offen. Drinnen auf den Borden liegen sie: die Gold-, Platin-, Silbermünzen und Barren jeder Größe und Herkunft.


    Wiegt man eine Gold-Münze in der Handfläche, schimmert sie rötlichgolden. Ein gewisses warmes Leuchten scheint von dem südafrikanischen Krügerrand auszugehen. Plötzlich öffnet sich eine alte Welt aus Magie, Mystik und Gedichten. Wie heißt es in Heinrich Heines „Loreley“? „Die schönste Jungfrau sitzet / Dort oben wunderbar / Ihr goldenes Geschmeide blitzet / Sie kämmt Ihr goldenes Haar / Sie kämmt es mit goldenem Kamme / Und singt ein Lied dabey / Das hat eine wundersame / gewaltige Melodey“.


    Kleine, in den arabischen Emiraten geprägte Barren tragen als Verzierung und Erkennungszeichen die fein stilisierte „Rose von Dubai“. Der australische „Koala“, eine vier Zentimeter große Münze, zeigt vorne den kuscheligen Bär, der sich an einen Ast schmiegt, auf der Rückseite das Profil der englischen Königin Elisabeth II.


    Heiko Ganß nimmt einen Ein-Kilo-Barren Gold aus dem Tresor. Seine Maße betragen nur 12 mal 5 mal 0,8 Zentimeter, wegen der hohen physikalischen Dichte des Materials ist er aber erstaunlich schwer. „Legt man den Kunden so einen Goldbarren auf den Tisch, gehen bei ihnen die Mundwinkel hoch“, sagt er.


    Deutschland lebt im Goldrausch. An den vorläufigen Höhepunkt vor ein paar Monaten kann Ganß sich bestens erinnern. So einen Ansturm hatte er noch nie erlebt. „Die Leute standen bis auf die Straße. Wir waren nahezu ausverkauft.“ Gold, Platin, Silber, Barren, Münzen, ganz egal, die Käufer schleppten alles raus, was der Edelmetallhandel an der Berliner Hardenbergstraße vorrätig hatte und beschaffen konnte – selbst Granulat, Säckchen mit Gold- und Silberkrümeln, nahmen die Leute mit. Hauptsache, sie gingen nicht leer aus.


    Es waren die Tage nach dem 5. Oktober 2008. An jenem Sonntag hatten Angela Merkel und Peer Steinbrück verkündet, dass der deutsche Staat die Spareinkommen der Bundesbürger garantiere. Ab Montag aber passierte das Gegenteil des Absichtigten – teilweise zumindest. Die beruhigend gemeinte Zusage von Kanzlerin und Finanzminister machte viele Menschen erst richtig darauf aufmerksam, wie schlecht es um ihre Ersparnisse bestellt sein könnte.


    Ein Kunde habe sich erkundigt, so berichtet Ganß, wieviel Zuladung sein Pkw maximal vertrage. Die Auskunft der Autofirma lautete: 650 Kilo würden die Achsen wohl aushalten. Also bestellte der Mann bei pro aurum 650 Kilogramm Silber in Barren und wuchtete sie in den Kofferraum. Er zahlte rund 270.000 Euro.


    Ein paar Jahre früher hätte solch ein Kauf nicht mal die Hälfte gekostet. So teuer wie in der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise waren Edelmetalle noch nie. Mitte August 2009 kostete eine Feinunze Gold (31,1 Gramm) fast 940 Dollar . Das bisherige Allzeithoch war im März 2008 mit über 1.000 Dollar erreicht. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren musste man für Gold nur etwa ein Drittel bezahlen, vor 30 Jahren weniger als ein Viertel.


    Die Krise hat Deutschland zum Goldstaat Nr. 1 gemacht. 2008 haben Anleger hierzulande 108 Tonnen Gold gekauft – mehr als in jedem anderen Land der Welt. Goldshops und Ankaufsstellen seriöser und windiger Art sprießen allerorten. Die Nachfrage scheint keine Grenzen zu kennen.


    Das bringt Goldhändler Ganß aber nicht aus der Ruhe. Er ist ein bedächtiger Mann mit etwas schütterem, dunkelgrauem Haar, Mittelscheitel und einem Anflug von Solariumsbräune. Jetzt lehnt mit der linken Schulter an einem seiner Stahlschränke. Was ihn selbst am Gold fasziniere? Seine Tochter sei zweieinhalb Jahre alt, erzählt er, das Edelmetall solle später als Mitgift dienen. „Vielleicht sagt meine Tochter irgendwann: `Papa war ein schlauer Fuchs`.“ Der Händler hofft, dass die Zeit und der steigende Goldpreis aus seinem kleinen Schatz einen großen machen.


    Aber darin soll die ganze Motivation bestehen? Nein, antwortet Ganß und wiegt den Kilo-Barren in seiner Hand: „Gold hat seinen Glanz“. Und nun überstrahlt sein Gesicht ein glückliches, fast beseeltes Lächeln. In derartige Zustände plötzlicher Verzückung verfallen nicht wenige Menschen, die sich mit Gold beschäftigen. Ist es das, was Goethe meinte, als er schrieb: „Zum Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Ach wir Armen.“?


    Es ist ein besonderer Stoff, den die Menschen seit mehr als 5.000 Jahren fördern und verarbeiten. Schon die griechische Sage erzählt von der Jagd der Argonauten nach dem goldenen Vlies. Auf der Suche nach Gold begingen die Menschen grausamste Verbrechen. In der Bibel steht das goldene Kalb für Gier und Gottesferne. Und doch ruft Gold auch die genau gegenteilige Vorstellung hervor. So gilt das „goldene Zeitalter“ in der Mythologie als versunkenes Paradies zu Beginn der Menschheitsgeschichte. Zerstörung, Tod, Sehnsucht, Glück: Gold ist ein magisches Material, das die Menschen je nach Lage mit den unterschiedlichsten Wünschen, Hoffnungen und Empfindungen aufladen.


    Auch mit Angst und ihrem Gegenteil, dem Bedürfnis nach Sicherheit. Dieses ist es, was jetzt in der Krise die entscheidende Rolle spielt. Um ihren Kunden die Vorteile des Edelmetalls zu beschreiben, bedienen sich die Goldhändler eines zentralen Argumentes. „Gold erhält die Kaufkraft“, so Heiko Ganß. Soll heißen: Wer in Gold investiert, entgeht zwei Gefahren. Erstens: Man besitzt ein Zahlungsmittel, das auch dann noch vorhanden ist, wenn die Banken zusammenbrechen. Zweitens: Weil die Regierungen hunderte Milliarden Dollar auf die Märkte werfen, um die Wirtschaft am Laufen zu halten, nimmt die Kaufkraft der Währungen ab. Ganß: „Der Wert von Papiergeld ist von Inflation bedroht.“ Bei Gold sei das anders. „Durch seinen inneren Wert bietet es Sicherheit“, erklärt der Berliner Geschäftsführer von pro aurum.


    Das ist eine starke Behauptung. Aber ist das Edelmetall wirklich so sicher? „Das denkt man ja“, sagt Gerhard Wegner*, der als privater Kunde viel Gold gekauft hat. Der 70jährige ehemalige Besitzer einer chemischen Reinigung im dem Berliner Bezirk Neukölln ist zu 90 Prozent überzeugt, dass seine private Investitionsentscheidung richtig ist. Aber es bleibt ein Restzweifel. Als die Finanzkrise ausbrach, haben Wegner und seine Frau Silvia erlebt, dass sie mit „Aktien reichlich Verlust gemacht haben“. Das ist bitter, denn in die Rentenversicherung haben sie früher kaum eingezahlt.


    Nun wollen sie richtig handeln. „Ungefähr den Wert eines Audi-Geländewagens“ habe er gegenwärtig in Goldbarren investiert, sagt der Rentner. Macht über den Daumen 100 Feinunzen oder knapp 70.000 Euro. Für Gold hat Wegner sich entschieden, weil er die Angst spürt, dass „die Scheine irgendwann nichts mehr wert sind“.


    Inflation des Geldes – dieses Risiko kalkuliert man durchaus ein. Gleiches müsste eigentlich für Gold gelten. Seltsamerweise eilt ihm jedoch der Ruf der Stabilität voraus. Zu Unrecht: Denn seit der so genannte Goldstandard, der feste Wechselkurs zwischen Dollar und Gold, 1971 zusammenbrach, schwankt der Kurs des Edelmetalles beträchtlich. Anfang der 1980er Jahre war mit über 800 Dollar pro Unze ein erster Rekord erreicht. Danach setzte eine Entwicklung ein, die Goldbesitzer nur ungern zur Kenntnis nehmen: Der Kurs brach dramatisch ein. Wer Edelmetall teuer erworben hatte, musste abwarten oder es im Extremfall mit zwei Drittel Verlust verkaufen. Der vorläufig niedrigste Wert lag 2001 bei weniger als 260 Dollar. Und jetzt rollt die nächste Spekulationswelle. Verantwortlich dafür sind die Angstkäufer, Spekulanten und Privatinvestoren. Kein gutes Vorzeichen für eine sichere Wertanlage.


    Goldschmiedemeister Norbert Strahler (52) betreibt sein Atelier am Kudamm. Beste Lage, alteingesessener Betrieb. Außerdem ist Strahler Obermeister der Goldschmiede-Innung, die seit 1555 existiert. Sein weißes Sporthemd weht, sein hellblondes Haar schwebt über der hohen Stirn, die rötlichen Augenbrauen heben sich, als er schwungvoll ein schwarzes Kästchen aus dem Panzerschrank zieht. Wieder dieser Glanz in den Augen, als er sagt: „Die Gestaltbarkeit von Gold weckt tiefe Befriedigung. Seine polierte Oberfläche gleicht einem Spiegel. Es ist beständig und ewig.“


    Strahler hebt den Deckel der kleinen Schatzkiste, in der er die schönsten Stücke aus alter Zeit aufbewahrt. „Sie einzuschmelzen wäre zu schade. Da würde mir das Herz bluten“. Zum Beispiel dieser Biedermeier-Ring aus dem 19. Jahrhundert: ein blauer Saphir, eingefasst von Edelmetallkügelchen. Das schwierige Verfahren des Granulierens beherrschen heute nur noch wenige Juweliere.


    Preziosen der Vergangenheit werden Strahler jetzt öfter angeboten. Das macht die Krise. Wer Geld braucht, versucht, vom hohen Goldpreis zu profitieren. „Alte Damen kommen zu uns, weil sie die Miete nicht mehr zahlen können“, sagt der Goldschmied. Das ist die eine, die kurzfristige Dimension. Aber es gibt auch die zweite, die Sicht auf die langfristige Entwicklung. „Vor 30 Jahren stand Goldschmuck viel höher im Kurs als heute. Früher trugen die Moderatorinnen im Fernsehen ein Collier, heute zeigen sie nackten Hals.“


    Die kulturelle Bedeutung des Goldes ist nicht statisch, sie schwankt. Das gilt erst recht für historische Zeitspannen. Als die Berliner Goldschmiede ihre Innung im 16. Jahrhundert gründeten, arbeiteten die 23 Handwerker ausschließlich für den Adel und die Kirche. In Berührung mit dem Edelmetall kam überhaupt nur eine sehr schmale Elite. Das änderte sich im 18. Jahrhundert. „Damals begann die Demokratisierung des Goldes“, sagt Strahler. Auch das Bürgertum wollte und durfte Gold besitzen. Indem mehr Menschen Zugang zu dem begehrten Material erhielten, sank allerdings die Wertschätzung, die man ihm entgegenbrachte. Was viele besitzen, ist nicht mehr exklusiv.


    Im Laufe der Geschichte nimmt der Wert des Goldes also ab. Das bedeutet auch, dass man sich heute für eine Feinunze Gold weniger kaufen kann als vor 100 Jahren. Anfang des 20. Jahrhunderts beispielsweise bekam man ein Auto mit Verbrennungsmotor, ein revolutionäres Luxusgut, für ungefähr 40 Feinunzen. Heute dagegen erhält man dafür nur noch ein schnödes Mittelklassemodell. Im Vergleich zum durchschnittlichen Lebensstandard hat Gold also massiv verloren. „Die Kaufkraft des Goldes war früher deutlich höher“, erklärt der Historiker Michael North, Autor des Buches „Kleine Geschichte des Geldes“. „Seine Funktion als Wert- und Kaufkraftspeicher lässt nach“.


    Der doppelte Charakter des Goldes – seine abnehmende ökonomische und seine zunehmende magische Rolle – sind nirgendwo besser zu erkennen, als dort, wo der Stoff geschmolzen wird. Die Firma Heraeus in Hanau: Hierhin liefern Juweliere wie Norbert Strahler den alten Schmuck, um ihn für eine neue Verarbeitung als reines Gold zurückzuerhalten. Von hier beziehen Goldhändler wie Heiko Ganß ihre Barren.


    Bei Heraeus gibt es einen schicken Handelsraum, oval, ockerfarbene Kurven sind auf die Glaswände gedruckt. Die Innenarchitekten haben sich voll ausgelebt. An sechs Arbeitsplätzen mit jeweils vier Bildschirmen können die Händler die Reuters-Ticker verfolgen, die Kurse und die Nachrichten, sie können kaufen und verkaufen. An der Stirnseite zeigen Uhren die Zeit in den Goldmetropolen: New York, London, Hongkong, Hanau, Tokyo.


    Wolfgang Wrzesniok- Rossbach (45) ist seit Jahren im Geschäft, früher bei der Dresdner Bank, jetzt bei Heraeus, dem weltweit größten industriellen Goldhändler. Der Leiter für Marketing und Handel hat einen nüchternen Blick auf die Entwicklung. „Lange Zeit war es ein Zahlungsmittel, heute dient es eher der virtuellen Wertaufbewahrung oder nur noch als Sammlerobjekt. Während die psychologische Bedeutung des Goldes als `sicherer Hafen` zuletzt zunahm“, schwinde seine ökonomische Stellung.


    Und tatsächlich: In der Schmelze ein paar hundert Meter entfernt haftet dem Gold gar nichts Besonderes an. Goldschmiedin Stephanie Künesch bringt eine Blechschale voller Ringe, Armbänder, Halsketten und Ohrringe – die Schmuck gewordenen Liebesbeweise, Heiratsversprechen, Schwüre und Spanien-Urlaube der vergangenen Jahrzehnte. Oben auf dem kleinen Berg liegt ein Kettchen mit güldenen Buchstaben: „Edyta“ hieß die Trägerin.


    Hinfort damit! Künesch, blass-rot-gelb kariertes Hemd von Schoeffel, Kniehose, Outdoorschuhe, Pferdeschwanz, entleert die Schale in einen schmutzigen, schwarz-grauen Tiegel. „Steckt man im Prozess der Produktion, übt Gold keine besondere Faszination aus“, sagt die 43jährige Frau, die bei Heraeus das Goldrecycling leitet. „Es ist ein Material wie viele andere“.


    Nun bringt das Magnetfeld unter dem Tiegel das Gold zum Schmelzen. Edyta löst sich auf, t und a sind noch zu erkennen, die anderen Buchstaben bereits in der gleißend weißen Lava untergegangen. 1.200 Grad, der Höllenbrei spuckt, spritzt, blubbert, und Flammen züngeln heraus.


    Aber dann kommt er doch wieder, der magische Moment. Küneschs Kollege hat sich den Hitzeschutzhelm mit dem verspiegelten Visier aufgesetzt, die dicken Handschuhe übergestreift und mit einer meterlangen Zange den glühenden Tiegel gegriffen. Jetzt schüttet er ihn aus. Der goldene Strom ergießt sich in die Graphit-Form, die das flüssige Metall zum Barren zwingt. Fasziniert betrachtet die Goldschmiedin die dampfende, bebende, leuchtende Oberfläche. „Es hat eine wunderbare, warme, orangerote Farbe“, sagt sie, ihr Gesicht glänzt, „beim Ausschmelzen sieht das Gold doch sehr schön aus“.


    * Name geändert

  • Neue Töne aus Großbritannien

    Für eine neue Steuer auf Bankgeschäfte spricht sich der Chef der britischen Finanzaufsicht FSA, Adair Turner, aus. Als Reaktion auf die Krise will er mit Hilfe der Tobin-Steuer den „aufgeblähten Finanzsektor“ reduzieren

    Diese Idee bricht mit der alten Logik der Finanzmärkte. Mehr Geld, mehr Risiko, mehr Profit – so kann es nach Ansicht von Adair Turner, dem Vorsitzenden der britischen Finanzaufsicht FSA, nicht weitergehen. Um den „aufgeblähten Finanzsektor“ nach der Krise zu verkleinern, schlägt der Chef der Financial Services Authority unter anderem die Einführung einer neuen „Steuer auf Finanztransaktionen“ vor.


    Im Gespräch mit der Zeitschrift „Prospects“ nannte Turner auch gleich das konfliktträchtige Schlagwort, unter dem diese Idee in Frankreich, Deutschland, Belgien und einigen anderen Ländern bislang bekannt ist: Tobin-Steuer, benannt nach dem US-Ökonomen James Tobin. Der Sinn einer solchen Steuer ist es, die Geschäfte auf den Finanzmärkten zu verlangsamen und einen Teil des Gewinns aus Finanztransaktionen zugunsten des Staates abzuschöpfen.


    Bislang war die Tobin-Steuer in Großbritannien kaum bekannt. Das könnte sich nun ändern. Turner, der seit 2005 ehrenhalber den Titel eines Barons von Ecchinswell trägt, hat sich schon früher als Vordenker betätigt. So sitzt er der Regierungskommission für die Bekämpfung des Klimawandels vor. Mitarbeiter von Großbritanniens Schatzkanzler Alistair Darling gingen auf Distanz zu dem Steuervorschlag. Die Regierung versucht, eine starke Regulierung des Finanzwirtschaft zu verhindern, um die Geschäfte der Banken in der Londoner City nicht zu sehr zu beeinträchtigen.


    Zur Tobin-Steuer sagte Turner, diese sei „lange Zeit ein Traum von Entwicklungsökonomen und Klimaschützern gewesen“. Wenn andere Maßnahmen wirkten, solle man die Steuer jetzt jedoch als Regulierungsinstrument angesichts der Finanzkrise in Betracht ziehen. Turner räumte allerdings ein, dass es „sehr schwer werde, ein globales Einverständnis darüber zu erzielen“.


    Idealtypisch würde die Tobin-Steuer so wirken: Der Staat könnte bestimmte Arten von Geschäften – Spekulation mit Devisen, Papieren oder Aktien – mit einer neuen Steuer belegen. Diese würde den Spekulationsgewinn reduzieren und die entsprechende Transaktion dadurch uninteressanter machen. In einem angenehmen Nebeneffekt nähme der Staat dadurch einige Milliarden Pfund, Euro oder Dollar pro Jahr ein, die er angesichts der horrenden Ausgaben zur Linderung der Finanzkrise gut gebrauchen kann.


    Verbreitet wird die Idee seit zehn Jahren von der globalisierungskritischen Organisation Attac. Das französische, kanadische, belgische und österreichische Parlament haben sich mittlerweile dafür ausgesprochen. Im Wahlprogramm der SPD für die Bundestagswahl Ende September findet sich eine Mini-Version der Tobin-Steuer. Eingeführt wurde sie bislang aber nirgendwo. Der Grund: Die Nationalregierungen haben Angst, im Wettbewerb der Börsenstandorte ins Hintertreffen zu geraten. Jedes Land wartet darauf, dass andere, möglichst auch die USA und Großbritannien, mitmachen.


    Von der Steuer auf Finanztransaktionen abgesehen, plädiert FSA-Chef Turner dafür, die Gehälter und Boni der Banker durch staatliche Abgaben zu reduzieren und die Vorschriften für Banken zu verschärfen. Diese müssten mehr eigenes Geld in Reserve halten, um ihr Risiko zu reduzieren, sagte Turner. Seiner Ansicht nach ist der Finanzsektor über eine „sozial vernünftige Größe hinaus gewachsen“. Manche der Geschäfte, die Banken und Anlagefirmen tätigten, seien „überflüssig“.

  • Der Weltmeister und sein Konkurrent

    China verkaufte im ersten Halbjahr 2009 mehr Waren ins Ausland als Deutschland. Steht deshalb das deutsche Exportmodell in Frage? Die Debatte hat begonnen

    Die ökonomisch und psychologisch wichtige Stellung Deutschlands als Exportweltmeister scheint gefährdet. Denn erstmals verkaufte China mehr Waren ins Ausland als die bundesrepublikanische Wirtschaft. Das haben Berechnungen der Welthandelsorganisation WTO für die ersten sechs Monate diesen Jahres ergeben. Neben der aktuellen Krise, die die exportorientierte deutsche Wirtschaft besonders hart trifft, ist dies ein weiteres Signal, dass das bisherige ökonomische Erfolgsmodell ins Wanken geraten und eine Neuorientierung notwendig werden könnte.


    Die chinesischen Unternehmen belieferten den Weltmarkt von Januar bis Juni 2009 mit Waren im Wert von 521,7 Milliarden Dollar (365 Milliarden Euro). Deutschland exportierte im gleichen Zeitraum Güter und Dienstleistungen, die 521,6 Milliarden Dollar einbrachten. Der chinesische Vorsprung sei freilich minimal, sagte WTO-Chefvolkswirt Patrick Low. Auch lasse sich gegenwärtig nicht sagen, wer am Ende des Jahres die Nase vorne habe. Weil die weltmarktorientierte chinesische Wirtschaft aber schon seit Jahren viel stärker wächst, dürfte Deutschland seinen Spitzenplatz als Exportweltmeister mittelfristig in jedem Fall einbüßen.


    2008 erzielten deutsche Firmen Einnahmen von 993 Milliarden Euro, indem sie Autos, Maschinen und andere Waren ins Ausland verkauften. Über 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wurden im Export erwirtschaftet. Das Kopf-an-Kopf-Rennen mit China ist nun einer von mehreren Hinweisen auf die Probleme der gegenwärtigen Exportorientierung. So hat Deutschland durch den Einbruch der Weltmärkte im Zuge der aktuellen Krise besonders starke Einbußen hinnehmen müssen. 2009 könnte die Wirtschaftsleistung um bis zu sechs Prozent sinken. Daran knüpft sich jetzt die wirtschaftspolitische Debatte, ob es mit der Exportstrategie künftig so weitergehen kann wie bisher.


    Eine „Abkehr von der Exportstrategie“ fordert Ökonom Gustav Adolf Horn, der das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie (IMK) leitet. Denn der hohe deutsche Exportanteil fördere die Verschuldung beispielsweise in den USA und bilde damit eine Ursache der Finanzkrise, so Horn. Ein Beispiel: US-Bürger kauften auf Kredit Fahrzeuge von BMW, Daimler, Porsche oder Volkswagen. Mit ihren hohen Gewinnen erwarben deutsche Unternehmen und Banken umgekehrt risikoreiche US-Wertpapiere und finanzierten damit die dortige Verschuldung.


    IMK-Forscher Horn argumentiert außerdem, dass deutsche Firmen auch deshalb so erfolgreich im Export seien, weil sie die Lohnsteigerung der Beschäftigten in engen Grenzen hielten. Dadurch könnten die Arbeitnehmer weniger konsumieren, was im Inland Nachfrage und Arbeitsplätze koste.


    Andere Akzente setzt dagegen Christian Dreger, der Abteilungsleiter für Konjunktur beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Er verweist auf die Vorteile, die die Exportstrategie biete. Deutschland werde durch die augenblickliche Schwäche des Weltmarktes zwar stark getroffen, könne aber auch überdurchschnittlich stark profitieren, wenn die globale Wirtschaft wieder anziehe. Dreger betont, dass der Verzicht auf zu hohe Lohnsteigerungen die Zunahme der Arbeitsplätze in Deutschland vor der Krise erst ermöglicht habe.


    Angesichts der zunehmenden chinesischen Exporte müsse man sich keine allzu großen Sorgen machen, so Dreger. Schließlich verkaufe China vornehmlich Konsumgüter wie Textilien und Unterhaltungselektronik. Deutschland bediene dagegen einen anderen Markt, indem es seinen hohen Exportüberschuss in erster Linie mit Investitionsgütern wie Maschinen erziele. Die ökonomische Stellung der bundesrepublikanischen Firmen und des deutschen Wohlstandsmodells sei durch das chinesische Wachstum deshalb vorläufig kaum gefährdet, sagt Dreger.

  • Sozial ist Spitze

    Kommentar von Hannes Koch

    Nicht nur Individuen, auch Nationen fühlen sich gut, wenn sie Spitze sind. Seit dem Zweiten Weltkrieg spielte die wirtschaftliche Stärke eine besondere Rolle für das kollektive Selbstbewusstsein vieler Deutscher. Die harte D-Mark wurde zwar ausrangiert, doch nun erfreut sich der Titel des „Exportweltmeisters“ großer Beliebtheit. Deshalb ist es schmerzlich, wenn dieses Symbol bald ebenfalls fällt.


    Demnächst könnte es tatsächlich soweit sein. Denn im ersten Halbjahr hat China wertmäßig erstmals mehr Güter exportiert als Deutschland. Und doch ist es kein Grund zur Depression, wenn 1,2 Milliarden Chinesen mehr Waren verkaufen als 80 Millionen Deutsche. Hiesige Produkte – seien es Autos, Maschinen, Taschenlampen oder Solaranlagen – sind oft von so guter Qualität, dass die Kunden lieber das teure Original als ein billiges Plagiat kaufen. Diese Substanz wird bleiben, auch wenn sich die Gewichte der Weltwirtschaft stärker nach Asien verschieben.


    Andererseits kann es sogar vorteilhaft sein, den deutschen Leistungsbilanzüberschuss – viele Exporte, weniger Importe – zu verringern. Denn die bisherige Exportorientierung hat ihren Preis: Sie wird auch erkauft mir relativ niedrigen Löhnen, die die deutschen Produkte im Ausland noch konkurrenzfähiger machen. Wer diese Strategie überzieht, stellt langfristig aber die Leistungsbereitschaft der Beschäftigten in Frage. Etwas höhere Löhne und etwas niedrigere Exporte könnten deshalb dazu führen, dass Deutschland auf andere Art Spitze bleibt – beim sozialen Ausgleich zwischen den Unternehmen und ihren Beschäftigten.

  • Aus für Krümmel und Gorleben?

    Politiker zweifeln an Zuverlässigkeit von Vattenfall / Gabriel gibt Endlager keine Chance mehr

    SPD und Grüne wollen den Atommeiler Krümmel bei Hamburg nicht wieder ans Netz lassen. „Wir sind dafür, dem Betreiber Vattenfall die Zuverlässigkeit abzusprechen und Krümmel stillzulegen“, sagte die Umweltexpertin der Grünen, Bärbel Höhn, nach einer Sondersitzung des Umweltausschusses im Bundestag. Der Konzern habe aus früheren Störfällen nichts gelernt. Auch Umweltminister Sigmar Gabriel nannte das Sicherheitsverhalten des schwedischen Konzerns „katastrophal“. Es gebe Anzeichen dafür, dass der Betreiber unzuverlässig sei. Dann könne dem Unternehmen die Betriebsgenehmigung für den Reaktor entzogen werden.

    Krümmel ist eines der ältesten Atomkraftwerke. 2007 musste es wegen eines Trafobrandes abgeschaltet werden. Erst im Juni 2009 wurde wieder Strom erzeugt, allerdings nur zwei Wochen lang. Dann fiel wieder ein Trafo aus und sorgte für eine Schnellabschaltung, nach der ein Teil des Hamburger Stromnetzes zusammenbrach. Überdies gab Vattenfall zu, dass es auch innerhalb des Reaktors ein Problem gibt. Im Kühlwasser befinden sich Fremdkörper, die die Brennstäbe beschädigen können.

    Die Pannenserie deutet nach Ansicht von SPD und Grünen auf eine vernachlässigte Sicherheitskultur Vattenfalls hin. Das Unternehmen hat laut Gabriel diverse Zusagen bei den Sicherheitsvorkehrungen nicht eingehalten. Außerdem klagen die Schweden gegen eine Vorgabe der Aufsichtsbehörden, die Kommunikation in der Leitwarte aufzuzeichnen, um nach Störfällen den Ursachen dafür auf die Spur zu kommen. All dies deutet Gabriel zufolge auf die Unzuverlässigkeit Vattenfalls hin. Doch müssen die Behörden den Augenschein juristisch hieb- und stichfest beweisen. Wann ein entsprechendes Gutachten vorliegt, konnte der dafür zuständige schleswig-holsteinische Minister Christian von Boetticher nicht sagen. Dies könne Monate dauern, erklärte der CDU-Politiker den Abgeordneten.
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    Scharfe Kritik übte Gabriel auch an Bayern und Niedersachsen. Beide Länder würden eine Überprüfung ihrer Atombehörden verweigern. Der Minister fordert, dass die Überwachung der Atommeiler zur Bundesangelegenheit wird.

    Mit Sicherheitsfragen gehen offenkundig nicht nur die Betreiber mitunter zu lässig um, sondern auch die Politik. Anfang der achtziger Jahre seien Bedenken gegen ein Endlager für Atommüll im Salzstock Gorleben aus politischen Gründen beiseite gewischt worden, erläuterte Gabriel. Die Gutachter für Gorleben waren demnach dieselben, die den mittlerweile durchwässerten Schacht Asse untersucht und für sicher erklärt haben.

    „Gorleben ist tot“, stellte Gabriel klar, der eine weitere Erkundung des Salzstocks in Niedersachsen für unmöglich hält. Denn die Nutzungsverträge mit den Grundstückseigentümern rund um Gorleben laufen in sechs Jahren aus. Diese Zeit reicht laut Gabriel für eine ordentlich Sicherheitsprüfung des Standortes nicht aus.

    Die SPD will die Suche nach einem geeigneten Lagerplatz für schwer verseuchte Stoffe neu beginnen. Damit kämen auch Standorte in Süddeutschland in Betracht, zum Beispiel im Schwarzwald. Auch deshalb haben gerade die Südländer bislang auf eine Festlegung auf Gorleben gedrängt.

  • Verbraucher wollen mehr Schutz

    Politiker sollen sich mehr kümmern / Künftig müssen Gesetze auf Wirkung für Konsumenten geprüft werden

    Ein kleiner Absatz in der zum 1. Juni geänderten Geschäftsordnung der Bundesministerien könnte Verbrauchern eine Menge Arbeit ersparen. Seither müssen alle Gesetzesvorhaben auf ihre Auswirkungen auf die Verbraucher hin untersucht werden. Bislang mussten nur erwartete Preissteigerungen angegeben werden. Zudem soll das Verbraucherministerium genauso früh in das Verfahren eingebunden werden wie das Wirtschaftsministerium. Selbst Fachleuten ist die Neufassung entgangen. „Das ist ein Meilenstein“, freut sich der Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv), Gerd Billen. Der vzbv hatte den Konsumentencheck lange vergeblich gefordert.

    Spannend wird die Umsetzung in die parlamentarische Praxis. Denn erst dort entscheidet sich, wie ernst die Politik die Verbraucherbelange nimmt. Mit dem Vertrauen in der Politik ist es auch in diesem Zusammenhang nicht weit her. Eine Umfrage des vzbv zeigt, dass 80 Prozent der Bevölkerung einen besseren Verbraucherschutz erwarten. Drei von vier Bürgern beziehen die Ideen der Parteien dazu in ihre Wahlentscheidung ein.

    Den größten Handlungsbedarf erkennen die Wähler im Gesundheitssystem, beim Datenschutz, dem Energiemarkt sowie bei Finanzdiensten und Lebensmitteln. So fordern mehr als 90 Prozent, dass sie selbst über die Verwendung persönlicher Daten bestimmen sollten. 84 Prozent der Befragten sehen in der Gleichbehandlung von Privatpatienten und gesetzlich Versicherten eine wichtige Aufgabe und auch eine stärkere Überprüfung der Finanzprodukte für Privatanleger steht bei den Bürgern hoch im Kurs. Bei der Bewertung ihrer Verbraucherpolitik schneiden die meisten Parteien miserabel ab. Lediglich den Grünen attestieren immerhin 28 Prozent der Befragten den Einsatz für die Konsumenteninteressen. Die Union kommt nur auf 14 Prozent, die SPD auf zehn Prozent.

  • Waffengleichheit

    Kommentar

    Das Internet hat seine Unschuld schon lange verloren. Das gilt nicht nur für kriminelle Umtriebe, von denen mittlerweile jeder weiß. Auch im Kleinen wird das Netz zum eigenen Vorteil genutzt, wann immer es geht. So ist es weder überraschend noch kritikwürdig, wenn sich Arbeitgeber vor der Einstellung eines Bewerbers online auf die Suche nach Informationen über die Kandidaten begeben. Wer diese Möglichkeit nicht einkalkuliert und bedenkenlos Persönliches im Netz preisgibt, ist bestenfalls naiv, ansonsten einfach dumm.

    Gegen Unbedarftheit helfen auch keine Gesetze. Hier sind allein die eigene Verantwortung und eine kritische Haltung gegenüber den vielen tollen Möglichkeiten im Internet gefragt. Gefordert sind jedoch Eltern und Schulen. Offenkundig sind die Risiken der virtuellen Selbstdarstellung längst nicht gut genug bekannt. Das muss sich ändern.

    Den Arbeitgebern, die allein aufgrund der aus dem Internet bezogenen Informationen jemanden zum Vorstellungsgespräch ein- oder ausladen, sei etwas anderes gesagt. Der Schuss kann schnell nach hinten losgehen. Denn immer mehr Bewerber frischen ihr farbloses Profil im Netz bewusst auf und vermitteln so einen viel besseren Eindruck von sich selbst. Es herrscht also in gewisser Weise Waffengleichheit.

  • Internetauftritt kann Karrierebremse sein

    Arbeitgeber suchen im Netz Informationen über Bewerber / Persönliche Äußerungen können Chancen vermasseln

    Das Internet kann für Stellensuchende zur Karrierefalle werden. Einer Studie des Bundesverbraucherministeriums zufolge suchen viele Unternehmen gezielt Webseiten mit Informationen über Bewerber. 28 Prozent von 500 befragten Personalmanagern gehen online auf Spurensuche.

    Die im Netz gewonnenen Informationen fließen in das Auswahlverfahren ein. Jede vierte Firma, die so verfährt, hat Bewerber schon einmal aufgrund dessen Selbstdarstellung im Internet abgelehnt oder gar nicht erst zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Allerdings hat gut die Hälfte der Personalstellen Informationen gefunden, die Kandidaten erst interessant werden ließen. Auch sehr persönliche Informationen sind gefragt. So stöbert ein Drittel der Unternehmen gezielt in sozialen Netzwerken wie Facebook, StudieVZ oder My Face, bevor eine Personalentscheidung getroffen wird. Die Nutzer dieser Webseiten tauschen vornehmlich persönliche Nachrichten aus oder kommunizieren über ihre Hobbys und anderweitige Vorlieben.

    Kaum noch Chancen haben Bewerber, die sich im Internet negativ über ihre Arbeit oder den Chef äußern. Drei Viertel beurteilen derlei Äußerungen negativ. Sehr private Inhalte kommen bei fast jeder zweiten Personalstelle schlecht an. Bilder vom Trinkgelage angehender Azubis auf einer Party können deren Zukunftschancen deutlich schmälern. Umgekehrt helfen manche Informationen auch bei der Einstellung. Angaben zu Hobbys oder einem sozialen Engagement steigern bei 60 Prozent der Onlinefahndern das Interesse am Kandidaten.

    Das Ministerium ließ nur Unternehmen befragen. Gezielte Onlinerecherchen könnten aber auch von anderen Arbeitgebern durchgeführt werden. „Da ist der öffentliche Dienst weitgehend sauber“, schätzt der Sprecher der Bundesregierung, Klaus Vater.

    Verbraucherministerin Ilse Aigner warnt vor allzu großer Offenheit im Netz. „Die unbekümmerte Preisgabe persönlicher Daten im Netz kann zu Stolperstein für die berufliche Karriere werden“, befürchtet die CSU-Politikerin. Rechtlich sind die Spähaktionen in Ordnung. Die Informationen im Internet können, wenn sie für alle frei zugänglich sind, auch von jedem ganz legal eingesehen werden. Experten raten daher schon seit langem zu großer Vorsicht. Persönliche Fotos können beispielsweise kaum mehr entfernt werden, wenn sie erst einmal den Weg ins Netz gefunden haben.

    Weltweit werden ständig Daten aus dem Internet kopiert, weitergegeben oder archiviert. Niemand kann genau wissen, wo seine Informationen schon abgespeichert worden sind. Suchmaschinen zeigen mitunter noch lange nach der Löschung den Hinweis auf einen Eintrag. Das Onlinemagazin Netzwelt macht schon einen Gegentrend aus. Immer häufiger feilen Internetnutzer mit Hilfe von Profis an einem bestimmten Image im Netz.

  • Bauern mit schlechter finanzieller Ernte

    Getreidepreise im Sturzflug / Landwirtschaft steckt mitten im Umbruch

    Die Landwirte fahren in diesem Jahr eine gute Ernte ein. „Die Mengen und Qualitäten sind zufrieden stellend“, sagte der Präsident des Deutschen Bauernverbands (DBV), Gerd Sonnleitner, am Freitag in Berlin. Fast 50 Millionen Tonnen Getreide haben die Betriebe von den Feldern geholt, etwas weniger als im vergangenen Jahr. Doch der Ertrag liegt acht Prozent höher als im langjährigen Durchschnitt.

    Dennoch ist der DBV höchst besorgt. „m meisten Nerven kostet es, dass die Getreidepreise um nahezu die Hälfte abgestürzt sind“, klagte Sonnleitner. Nicht einmal mehr die Produktionskosten kommen laut DBV beim Verkauf derzeit wieder herein. Der Verband rät den Landwirten, die Ernte zunächst zu behalten und erst bei steigenden Preisen abzugeben.

    Die großen Preisschwankungen bereiten dem Nahrungsstand zunehmend Probleme. Auch der Klimawandel erhöht die Unsicherheit. Starkregen oder Hagel, Stürme und Frostperioden fallen stärker aus als früher. Zudem bringt die Globalisierung unliebsame Nebenwirkungen mit sich. Tierseuchen und Pflanzenschädlinge folgen den internationalen Waren- und Touristenströmen. Risikovorsorge wird deshalb mehr und mehr zur Pflicht für die Höfe.
    Dabei fordert der DBV mehr öffentliche Unterstützung, zum Beispiel bei der noch jungen Versicherung gegen Wetterschäden. Der Bund will auf diese Policen 19 Prozent Versicherungssteuer erheben. „Das können wir nicht akzeptieren“, wetterte Sonnleitner, weil die Eigenvorsorge der Landwirte so behindert werde.

  • „Fotos von Alkoholexzessen sind sicher nicht von Vorteil“

    „Fotos von Alkoholexzessen sind sicher nicht von Vorteil“

    Immer mehr Menschen nutzen Online-Plattformen wie StudiVZ oder Facebook, um mit Freunden zu kommunizieren. Über den Reiz virtueller Freundschaften und die damit verbundenen Gefahren sprach unsere Mitarbeiterin Mandy Kunstmann mit Astrid Carolus, Medienpsychologin an der Universität des Saarlandes.
     
    Frage: Oft forschen Arbeitgeber Bewerber im Internet aus. Sollte man also darauf verzichten, sich in Online-Gemeinschaften zu präsentieren?

    Astrid Carolus: Grundsätzlich zeigt das Vorgehen der Unternehmen, wie leicht es ist, an persönliche Daten zu gelangen. Vielen Internetnutzern ist dies nicht bewusst. Das kann zum Problem werden: Wer sich in einem sozialen Netzwerk ein Profil anlegt, sollte sich auf jeden Fall der Gefahr bewusst sein, dass jeder – Freunde genauso wie Eltern und  Lehrer – die persönlichen Angaben und Äußerungen sehen kann. Also auch Menschen, vor denen man die Informationen lieber geheim halten würde. Manche Angaben im Netz bleiben daher nicht folgenlos. Wenn ein potentieller Arbeitgeber strikt gegen Alkohol ist, der Bewerber sich auf einem Foto aber im Alkoholexzess präsentiert, ist das sicher nicht von Vorteil.

    Frage: Dann ist die Zurschaustellung also zu gefährlich?

    Die Frage ist nicht, ob man sich im Internet präsentiert oder nicht, sondern wie sensibel man mit den eignen Daten umgeht. Man sollte sich in einem ersten Schritt fragen, welche Daten man online stellen möchte und in einem zweiten, wer auf diese Daten zugreifen darf. Denn jede Netzwerkseite bietet die Möglichkeit, den Zugriff so einzuschränken, dass nur bestimmte Nutzer die eigenen Angaben sehen können.

    Frage: Was suchen Menschen in sozialen Netzwerken? Haben sie keine echten, so dass sie auf virtuelle angewiesen sind?

    Carolus: Die Communities sprechen etwas Wesentliches im Menschen an: das Bedürfnis, in Kontakt zu sein. Und dieses Begehren kann durch virtuelle Communities gemütlich von zuhause aus bedient werden. Online-Netzwerke ersetzen aber keineswegs reale Netze. Sie ergänzen diese lediglich.

    Frage: Gelingt es Außenseitern, durch solche Plattformen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und Freunde zu gewinnen?

    Carolus: Schwächere haben im Internet einen grundsätzlichen Vorteil: Die anderen User können nicht erkennen, wie man aussieht, wie man spricht oder ob man ein Mann oder eine Frau ist. Im Internet kann man sich eben komplett anders darstellen. Für Menschen, die beispielsweise unter einer gänzlich falschen Identität neue Leute kennen lernen möchten, sind virtuelle Communities jedoch weniger geeignet.

    Frage: … warum?

    Carolus: Weil die soziale Kontrolle dort vergleichsweise hoch ist. Denn im SNS umgibt man sich immer auch mit Kontakten aus dem „echten Leben“, also mit Freunden aus der Schule, dem Dorf oder mit Familienmitgliedern. Mit einer falschen Identität ist dies kaum möglich. Somit sinkt die Glaubwürdigkeit und gleichzeitig auch die Chance, im Netzwerk akzeptiert zu werden.

    Frage: … und was ist mit den Stärkeren?

    Carolus: Leute, die sich im realen Leben eh schon gut darstellen können, können das auch Online ganz gut.

    Frage: Geht es denn den Menschen besser, wenn sie mehr Freunde haben?

    Carolus: Da der Mensch ein soziales Wesen und kein Einzelgänger ist, ist er auf soziale Kontakte angewiesen. Sein Empfinden hängt entsprechend stark davon ab. Die Antwort lautet also: ja. Für Netzwerk-User ist es eine ganz zentrale Frage, wie viele Freunde sie haben. Hier scheint zu gelten: je mehr, desto besser. Wer keine oder wenig Freunde hat, fällt dann schon auf. Interessant ist folgendes: Im normalen Leben gelten um die 120 Freunde als Obergrenze. So viele kann man sich gerade noch merken. Netzwerker aber, liegen locker im 500er Bereich.

    Frage: Welchen Nutzen bringen Communities eigentlich den Teilnehmern?

    Carolus: Die Plattformen stillen das Grundbedürfnis, mit Menschen in Kontakt zu treten. Sie ermöglichen es den Teilnehmern, Beziehungen zu pflegen und mit anderen zu kommunizieren. Auch das Dazugehörigkeitsbedürfnis wird befriedigt. Musikanhänger können sich beispielsweise mit Gleichgesinnten austauschen. Und Fußballfans können andere Menschen treffen, die genau den gleichen Lieblingsclub haben.

    Frage: Wird unsere Welt in Zukunft nur noch aus virtueller Kommunikation bestehen?

    Carolus: Viele befürchten, dass sich die einzelnen Mitglieder unserer Gesellschaft immer mehr zurückziehen und nur noch über den Computer agieren – dass die Face-to-face-Kommunikation, also die direkte Verständigung, zurückgeht. Man kann die Situation aber auch anders verstehen und die  virtuelle Kommunikation als eine Reaktion auf die globalisierte Welt betrachten. In der heutigen Zeit leben Familien und Freunde eben nicht mehr wie früher ein ganzes Leben lang in engster Nachbarschaft zusammen. Oftmals verlassen wir aus beruflichen Gründen die Heimat und ab dann wird es eben schwieriger, sich tatsächlich zu sehen, und im persönlichen Gespräch auszutauschen. Soziale Netzwerke helfen hier weiter und ermöglichen es uns, unabhängig von Ort und Zeit, mit anderen in Kontakt zu treten und zu kommunizieren.

    Frage: Abgesehen von Gefahren wie Datenklau oder Angriffen von Hackern – bergen soziale Netzwerke auch „menschliche“ Risiken?

    Carolus: Gerade für Kinder sehe ich eine Gefahr. Bereitwillig geben sie auf den Sozialen Netzwerkseiten all ihre Daten an. Und oftmals wissen die Eltern nicht einmal davon oder verstehen gar nicht genau, was ihre Kinder eigentlich im Computer machen. Kriminelle haben da ein leichtes Spiel. Sich als Erwachsener ein Profil eines 16-Jährigen anzulegen, ist eine Sache von zwei Minuten. Auch Cybermobbing ist ein großes Problem. Minderjährige, die im Internet gedemütigt werden, wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Hier brauchen wir Schulungen in denen Kinder, aber auch ihre Eltern und Lehrer, lernen, wie sie damit umgehen können.

    Frage: Können Communities abhängig machen?

    Carolus: Das hängt davon ab, wie man Abhängigkeit definiert. Es gibt Leute, die den ganzen Tag online sind – auch in Sozialen Netzwerken. Ebenso wie bei manchen Menschen den ganzen Tag der Fernseher läuft. Einschränkend muss man aber darauf hinweisen, dass kaum jemand ununterbrochen zum Fernseher schaut bzw. im Netzwerk tatsächlich aktiv ist. In diesen Fällen handelt es sich um „Nebenbeimedien“. Problematisch wird es, wenn das Online-Engagement dem Individuum in irgendeiner Weise schadet. Wenn andere Bereiche des sozialen Lebens beeinträchtigt werden, Kinder beispielsweise Gleichaltrige gar nicht mehr „offline“ treffen oder Erwachsene ihr komplettes soziales Leben im Internet austragen.

    Frage: Nutzen Frauen soziale Netzwerke anders als Männer?

    Carolus: Ja. Frauen nutzen die virtuellen Plattformen etwas stärker als Männer. Das ist nicht überraschend, da Frauen in der Regel sozialer und kommunikativer sind. In den Foren stellen sich Frauen als Frauen dar. Das heißt, sie präsentieren sich in frauentypischen Rollen, also als attraktiv und begehrenswert auf der einen Seite, als fürsorgliche Mutter auf der anderen. Männer betonen männertypischen Facetten – sie legen Wert auf Status und zeigen sich zum Beispiel als Besitzer eines teuren Autos. Das alles ist nicht unlogisch, schließlich schauen sich andere die Bilder an. Und man möchte die Plattform nutzen, um sich potentiellen Partnern vorzustellen. Auch wenn viele das nicht zugeben wollen, es geht neben dem Thema Freundschaft doch zumindest unterschwellig auch um die Liebe.
       
     

  • Abzocke mit geklauten Identitäten

    Online-Communities machen es leicht, soziale Kontakte zu pflegen/ Doch aufgepasst: Cyberkriminelle haben die Plattformen im Visier

    „Am Samstag hätte ich noch behauptet, dass mir so etwas nie passieren könnte“, erzählt Franz Patzig in seinem Internet-Tagebuch, „heute weiß ich es besser.“ Vor kurzem fiel der  Blogger Betrügern zum Opfer. In gutem Glauben half er einer Freundin mit 150 Euro aus der Patsche. Über Facebook hatte sie ihn kontaktiert und gejammert, mittellos in London festzusitzen. Dass es gar nicht seine Bekannte war, die ihn um Unterstützung bat, erfuhr er kurze Zeit später: „Mein Mitgliedskonto wurde gehackt“, schrieb Lisa.

    „Die Betrüger werden immer erfinderischer“, berichtet Matthias Gärtner, über die Angriffe von Hackern auf Online-Communities wie Facebook, Xing oder StudiVZ.      
    Der Pressesprecher des Bundesamts für Sicherheit und Informationstechnik (BSI) kennt die Gefahren, die soziale Netzwerke bergen. Die Szene werde immer professioneller und oberstes Ziel der Hacker sei es, mit Angriffen Geld zu machen. Verteufeln dürfe man das ganze freilich nicht. „Man muss sich aber der Gefahr bewusst sein und ein Stück gesundes Misstrauen an den Tag legen“, klärt Gärtner auf.

    Auch Medienwissenschaftler Hendrik Speck weiß um das Gefahrenpotential der Online-Netzwerke: “Ein grundsätzliches Problem entsteht durch den freizügigen Umgang mit den eigenen Daten.“ Den Plattformen sei es dadurch möglich, umfassende Datensammlungen zu erstellen, und die Informationen mit Werbepartnern zu teilen. Auf „mehr Daten als Einwohnermeldeämter“ hätten die Netzwerkfirmen Zugriff. Da hilft nur, sparsam mit den eigenen Daten umzugehen.  

    Noch mehr ärgert sich Speck über  internationale Netzwerke: „Facebook zum Beispiel, sitzt in den Vereinigten Staaten – deutsche Datenschutzbestrebungen erzeugen  deshalb bei dem Unternehmen im besten Fall ein freundliches Lächeln.“ So sei es kein Problem für die Betreiber, die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) zu ändern und Nutzerdaten oder gleich die ganze Website weiterzuverkaufen.  

    Online, unter www.bsi-fuer-buerger.de, finden Surfer Tipps rund um die Sicherheit im Internet. Hier erfährt man zum Beispiel, wie man sich komplizierte Passwörter einfach merken kann. Dazu lohnt ein Blick auf die Seite www.buerger-cert.de. Dort warnen Experten vor Viren, Würmern und Sicherheitslücken in Computeranwendungen

  • Das Mitmach-Web

    Internet-Communities werden immer populärer/ Auch internationale Gemeinschaften finden hierzulande Anhänger

    Leute treffen im Internet: Seit dem Web 2.0 kein Problem mehr. Vor allem junge Menschen begeben sich auf virtuelle Plattformen, um mit Freunden über Musiktrends zu diskutieren, oder um mit ehemaligen Schulkameraden das nächste Klassentreffen zu organisieren. Doch was ist eigentlich dieses „Web Zweinull“? Welches sind die beliebtesten Netzwerke, und wie kommt man rein in die so genannten Communities (engl.: Gemeinschaften)?
     
    Die Zahl 2.0 bedeutet nichts anderes, als dass es sich um die zweite Version des Internets handelt. Web 1.0 war nichts weiter als eine Einbahnstraße. Internetnutzer konnten sich Webseiten anschauen, mehr aber auch nicht. Seit 2004 werden interaktive Webseiten immer populärer. Man kann sich mit anderen austauschen. Seither schießen soziale Netzwerke wie Pilze aus dem Boden.

    Die Auswahl an „Online-Stammtischen“ ist riesig. Egal ob Star-Trek-Fan oder Tierliebhaber –Communities gibt es mit den unterschiedlichsten Schwerpunkten und für die verschiedensten Zielgruppen. Allein unter dem Stichwort „Community“ liefert Google 1.460.000.000 Treffer. Hier ist ein Überblick über die bekanntesten Netzwerke in Deutschland:

    Für alle:
    Sowohl die deutsche Plattform MeinVZ mit 3,5 Millionen Mitgliedern,  als auch die US-amerikanische Seite FaceBook mit weltweit 250 Millionen Anhängern, richten sich an kein bestimmtes Publikum. Hier sucht man nach ehemaligen Arbeitskollegen, findet Partner für die Freizeit oder bleibt einfach mit Freunden in Kontakt.

    Für Schüler und angehende Akademiker:
    Auf StudiVZ (knapp sechs Millionen Mitglieder) und
    SchülerVZ (fast fünf Millionen Teilnehmer) finden Studenten und Schüler ihren eigenen virtuellen Raum. Aus Jugendschutzgründen kann beim Schülernetzwerk nur Mitglied werden, wer von einem bereits angemeldeten Freund eingeladen wird.  

    Für alte Bekannte:
    In der 6,5 Millionen Mitglieder starken Community Wer-kennt-wen findet man Freunde, Kollegen und Mitschüler. Auch hier gilt: Wer dabei sein will, muss sich von einem Bekannten einladen lassen. Speziell für die Suche nach Schulfreunden ist StayFriends ausgelegt. Auf der Plattform mit mittlerweile acht Millionen registrierten Nutzern, kann gezielt nach einzelnen Personen, Schulen und Abschlussjahrgängen gesucht werden.

    Für Freischaffende und Angestellte:
    Musiker und Künstler finden ihren Platz in der MySpace-Gemeinschaft, die inzwischen über 200 Millionen Mitglieder rund um den Globus verzeichnet. Geschäftskontakte knüpft man bei Xing (mehr als acht Millionen Nutzer weltweit) oder LinkedIn (über 40 Millionen internationale Teilnehmer).

    Für Lokalpatrioten:
    Wer sich für Menschen in seiner näheren Umgebung interessiert, schaut bei www.lokalisten.de vorbei. Mittlerweile drei Millionen Nutzer hat die Gemeinschaft in Deutschland schon.

    Für Kurzangebundene:
    Beim Online-Dienst Twitter können sich Mitglieder gegenseitig Nachrichten mit maximal 140 Zeichen senden. Das Besondere dabei ist, dass die Texte auch ohne das Internet per SMS vom Mobiltelefon aus verbreitet werden können. Wer hier mitmachen möchte, sollte sich nicht nur kurz fassen können, sondern auch über Grundkenntnisse in Englisch oder Japanisch verfügen. Denn das sind derzeit die beiden einzigen Sprachen in denen das  Anmeldeformular ausgefüllt werden kann.

    Die Registrierung bei einer Community dauert in der Regel nur wenige Minuten. Schließlich wird man „nur“ nach Namen, Geschlecht, Geburtsdatum, Emailadresse und Passwort gefragt. Das erforderliche Abtippen des Sicherheitscodes allerdings, kann zum Geduldspiel werden. Denn der kommt in handschriftlichen Buchstaben daher, und ist nicht immer leicht zu entziffern. Manchmal benötigt es mehrer Anläufe, bevor der Wirrwarr aus Zahlen und/oder Buchstaben richtig eingegeben ist.

    Etwas Geduld sollte auch mitbringen, wer auf der Suche nach den deutschen Versionen der internationalen Webseiten (ausgenommen Twitter) ist. Internet-Suchmaschinen spucken für gewöhnlich zuerst die Treffer für die Community im Ausland aus. Erst einige Suchergebnisse später erscheint der Link zur deutschen Seite.

  • Der Traum ist aus

    Gewinneinbruch bei der Bahn / Nix mehr los in der Logistik / Grube schließt Stellenabbau nicht aus

    Die erste Zwischenbilanz als Chef der Deutschen Bahn hat sich Rüdiger Grube sicher angenehmer vorgestellt. Doch 112 Tage nach Übernahme des Postens muss der Konzern an allen Ecken und Enden kämpfen. Die Wirtschaftskrise macht der Bahn schwer zu schaffen. Im ersten Halbjahr ging der Gewinn um 40 Prozent auf knapp 550 Millionen Euro zurück. Der Umsatz sank um 14 Prozent auf gut 14 Milliarden Euro. „Wir schreiben weiterhin schwarze Zahlen“, konnte Grube wenigstens eine gute Nachricht verkünden.

    Dies gilt nicht für alle Geschäftsbereiche. Der Güterverkehr ist ins Minus gerutscht. Fast 130 Millionen Euro butterte das Unternehmen hier zu. Grund ist die weltweite Wirtschaftskrise, die mit der Stahl-, Chemie- und Autoindustrie besonders jene Branchen trifft, die besonders viele Güter auf der Schiene transportieren. „Die Stahlproduktion ist auf dem Niveau der 50er Jahre“, verdeutlicht Grube den Einbruch im Stammgeschäft. Bei LKW-Transporten sowie dem Frachtgeschäft in der Luft und zur See sieht es nicht viel besser aus. Hier gingen die Erlöse um fast 25 bis 30 Prozent zurück. Der Gewinn reduzierte sich um fast 80 Prozent.  

    Der Traum vom weltweit einträglichen Logistikgeschäft ist erst einmal ausgeträumt. Grube kündigte an, dass vorläufig keine weiteren Unternehmen zugekauft werden. Dabei wollte der Konzern bisher vor allem in dieser Sparte wachsen und mit dieser Aussicht private Investoren ködern. Daraus wird vorerst nichts. „Wir sehen noch keine Anzeichen für eine Stabilisierung“, räumte Finanzchef Diethelm Sack ein. Die Bahn rechnet mit einer mehrjährigen Durststrecke. Erst in fünf Jahren kann das Unternehmen demnach den Stand von 2008 wieder erreichen.

    Als Hort der Stabilität erweist sich derzeit der Personenverkehr. Zwar gingen auch im Fernverkehr die Umsätze zurück. Doch lag dies vornehmlich am ausgedünnten ICE-Verkehr. Auf den Regionalstrecken konnte die Bahn sogar höhere Erlöse verzeichnen. Dennoch will Grube keinen grundsätzlichen Strategiewandel hin zum reinen Inlandsgeschäft vollziehen. Dafür stehe er nicht zur Verfügung, stellte der Vorstand klar.

    Mit einem rigiden Sparkurs will Grube durch die Krise kommen. Die Kosten sollen um zwei Milliarden Euro jährlich gesenkt werden. Einsparungen in der Verwaltung sollen allein ein Zehntel davon bringen. So streicht Grube etwa eine ganze Hierarchieebene ein. Auch einen Stellenabbau schließt der Vorstand nicht mehr aus. Derzeit sind 8.000 der 240.000 Beschäftigten auf Kurzarbeit gesetzt. Die Zahl könnte bis zum Jahresende auf 10.000 ansteigen. Wenn die Krise anhält, werden Stellen abgebaut. Betriebsbedingte Kündigungen soll es aber weiterhin nicht geben.

    Ein paar Lichtblicke hat Grube dennoch ausmachen können. Im Unternehmen wurde aufgeräumt. Etliche Manager und Vorstände mussten als Folge der Datenskandale und der Missstände bei der Berliner S-Bahn gehen und wurden durch unbelastetes Personal ersetzt. Auch das Verhältnis zur Politik hat sich nach Einschätzung des Bahnchefs wieder verbessert.

    Eine Reaktion aus dem Bundestag auf die Bilanz lässt anderes vermuten. „Die Halbjahreszahlen sind noch schlechter, als sie auf den ersten Blick erscheinen“, kritisierte der verkehrspolitische Sprecher der Union, Dirk Fischer, die Geschäftspolitik. Nur die staatlichen Zuschüsse hätten der Bahn zu schwarzen Zahlen verholfen. Fischer warf den für die Bahn zuständigen SPD-Ministern ein Versagen in ihrer Beteiligungspolitik vor.

    Einen Ausblick auf das Gesamtjahr wollten die Vorstände noch gar nicht wagen. Offen ist auch noch, ob die Fahrpreise im Dezember wie zuletzt in schöner Regelmäßigkeit angehoben werden. „Darüber wird im Herbst entschieden“, kündigte Grube an.

  • Schwere Jahre

    Kommentar

    Der Bahn stehen schwere Jahre ins Haus. Die Hoffnung auf stetig wachsende Gewinne aus dem internationalen Transportgeschäft hat sich nicht erfüllt. Die Krise der Weltwirtschaft hat die Logistikbranche besonders hart getroffen. Wenn nicht produziert wird, muss auch nichts transportiert werden. Hort der Stabilität sind allein der Personenverkehr in Deutschland und der Betrieb des staatlich subventionierten Netzes. Damit ist der Börsengang für viele Jahre unmöglich geworden. Es gibt schlicht keine „Story“ mehr, mit denen Investoren angeworben werden können.

    Jetzt zeigt sich auch das hohe Risiko, dass der frühere Bahnchef Hartmut Mehdorn mit Blick auf die Börse eingegangen ist. Da wurden auf Pump Beteiligungen zugekauft, die heute sicher weniger wert sind und ein gewaltiger Schuldenberg aufgetürmt. Für Zinsen gingen allein im ersten Halbjahr 450 Millionen Euro drauf. In schlechten Zeiten ist dies eine enorme Belastung.

    Diese Entwicklung scheint also jenen Kritikern Recht zu geben, die die Bahn gerne als rein inländisches Verkehrsunternehmen sehen würden. So einfach ist es nicht. Von der Krise sind alle Transportunternehmen betroffen, vielfach noch stärker. Die zweigleisige Geschäftsstrategie der Deutschen Bahn bewährt sich eher. Trotz eines denkbar schlechten Umfelds schreibt der Konzern nach wie vor schwarze Zahlen. Wenn die Konjunktur irgendwann einmal wieder richtig anspringt, werden auch die momentan weniger lukrativen Sparten wieder kräftige Gewinne abwerfen.

    Statt einer völligen Neuausrichtung ist vielmehr Geduld und Bescheidenheit gefragt. Dann kann die Bahn am Ende international auf der Gewinnerseite stehen, auch wenn es jetzt gerade nicht so aussieht.