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  • Kein Wettbewerb bei Strom und Gas

    Verbraucher bezahlen für Energie deshalb mehr als nötig / Regierungskommission beklagt Oligopol

    Privathaushalte und Unternehmen bezahlen in Deutschland mehr für Strom und Gas als nötig wäre. Zu diesem Ergebnis kommt die Monopolkommission der Bundesregierung in einem Gutachten zu den Energiemärkten. Der Kommissionsvorsitzende Justis Haucap sieht die Ursache dafür im nach wie vor fehlenden Wettbewerb. Es gebe zu wenige Anbieter, sagte der Wissenschaftler am Dienstag in Berlin. Vor allem bei den Stromerzeugern verhindere eine hohe Konzentration auf wenige Unternehmen eine wirksame Preiskonkurrenz. Fast neun von zehn Kilowattstunden gehen auf das Konto der vier großen Konzerne RWE, E.ON, Vattenfall und EnBW. Auf dem Gasmarkt sieht es nicht besser aus. Hier stehen vor allem die langfristig mit den Gasförderländern abgeschlossenen Lieferverträge einem funktionierenden Wettbewerb im Wege. Die Bindung des Gaspreises an den Ölpreis hält die Kommission dagegen für weiterhin wünschenswert. Sonst könnten die Gaststaaten den Preis womöglich einmal nach Belieben festsetzen. Da sind des Experten verlässliche Konditionen lieber.

    Haucap will den Markt gerne aufbrechen. Dann würden die Strompreise nach seiner Einschätzung zwar nicht sinken. Doch der erwartete weitere Anstieg könnte moderater ausfallen. Der Fachmann unterstellt den vier Großen zwar keine direkten Preisabsprachen, wohl aber eine Art gemeinschaftliches Verhalten. Die herrschenden Strukturen seien geeignet, „auf Wohlfahrt schädigende Weise auf die Preisgestaltung Einfluss zu nehmen“, formuliert es der Professor vorsichtig.

    Die Kommission will durch neue Anbieter mehr Wettbewerb im Strommarkt auslösen. Dabei plädiert das Gremium für langfristig verlässliche politische Rahmenbedingungen, damit das Angebot vor allem durch neue Kohlkraftwerke erweitert werden kann. Längere Laufzeiten für Atomkraftwerke hält Haupac für ebenso schädlich wie die ausgiebige Förderung erneuerbarer Energien. Beides würde die Rentabilität neuer Kohle- und Gaskraftwerke verringern und damit Investitionen in die Stromerzeugung unattraktiv machen.

    Auch könnte zusätzlich Strom importiert und damit das Angebot erhöht werden. Doch es mangelt an ausreichenden Leitungskapazitäten an den Grenzen. Haucap fordert daher den Ausbau der Übergangsstellen. Langfristig fordert der Experte einen europäischen Binnenmarkt für Strom. So gut dies für den Wettbewerb wäre, so nachteilig wäre es für ein umweltpolitisches Ziel. Denn in diesem Fall könnte Deutschland nicht mehr selbst bestimmen, wie der hier verbrauchte Strom erzeugt wird.

  • Deutschland steht vor längerer Durststrecke

    Laut DIW ist die Talsohle durchschritten / Langsame Erholung und steigende Arbeitslosigkeit

    Deutschland wird sich nur langsam von der wirtschaftlichen Krise erholen. Die Talfahrt selbst ist mittlerweile aber an ihrem Tiefpunkt angekommen. „Wir haben wieder Boden unter den Füßen“, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, am Mittwoch in Berlin.

    Die Vorausschau des Instituts verdeutlicht das Ausmaß des konjunkturellen Einbruchs. Um 6,4 Prozent schrumpft die Wirtschaft in diesem Jahr. 2010 erwarten die Forscher nur ein leichtes Plus von einem halben Prozent. Eine Rückkehr zu ansehnlichen Wachstumsraten ist noch nicht in Sicht. Deutschland wird Zimmermann zufolge länger als andere Ländern brauchen, um die Krise zu bewältigen. Denn die wichtigsten Kunden im Auslandsgeschäft kommen aus Europa. Doch sowohl im Osten als auch im Westen des Kontinents ist die Nachfrage nach Investitionsgütern „Made in Germany“ eingebrochen. Ein Motor, wie in China für den asiatischen Raum darstellt, ist hier nicht in Sicht.

    Das dicke Ende der Krise ist noch längst nicht überall in Sicht. Vor allem auf dem Arbeitmarkt herrsche Dank der Kurzarbeiterregelung eine „trügerische Ruhe“, erläuterte Zimmermann. Mittelfristig rechnet das DIW mit einem erheblichen Stellenabbau. Die durchschnittliche Arbeitslosenzahl steigt 2010 demnach um mehr als eine Million auf 4,7 Millionen.

    Wer noch einen Job hat, steht trotz Konjunkturflaute wenigstens statistisch noch gut da. Die Nettolöhne und –gehälter steigen weiter an. So bleibt der private Konsum auch 2010 eine treibende Kraft im Inland. Die Verbraucher sehen entspannten Zeiten entgegen, weil die Preise praktisch stagnieren. Die Forscher rechnen auch im kommenden Jahr mit einer Teuerungsrate von nur 0,4 Prozent.
     
    Von weiteren Konjunkturprogrammen hält das DIW wenig. Eher sollte der Staat mittelfristig wieder mehr investieren und so die Wirtschaft stützen. Steuererhöhungen lehnt Zimmermann ebenfalls ab.

  • Übertriebene Ängste

    Kommentar

    Eine Kuh, die gemolken werden soll, schlachtet der Bauer nicht. Dieses Prinzip beherzigt auch der Fiskus. In der Regel knöpfen die Finanzämter den Bürgern die dem Staat zustehenden Einkünfte zwar rigoros ab. Wenn ein Steuerzahler dadurch aber in die Pleite getrieben wird, sind immer Kompromisse drin, wird gestundet oder die Schuld darf abgestottert werden. Deshalb sind die existenziellen Ängste vieler Rentner vor einer nicht mehr zu bewältigenden Steuernachzahlung übertrieben. Niemand wird in den Abgrund getrieben. Das wäre auch nicht im Interesse des Staates, der von den Alten mit hohem Einkommen noch ein paar Jahre lang Steuern kassieren will.

    Sonderregelung für die säumigen Rentner kann es nicht geben. Das würde den Gleichbehandlungsgrundsatz vor dem Fiskus verletzen. Es gibt auch keinen Grund dafür. Seit Jahren gilt die Steuerpflicht für Rentner, die über ein entsprechendes Einkommen verfügen. Mit Unwissenheit kann sich da kaum jemand herausreden. Es war ausreichend viel Zeit für den Besuch beim Steuerberater, für Fragen an Verwandten oder das Lesen eines der vielen Ratgeber dazu. Wer sich darum nicht gekümmert hat und – obwohl steuerpflichtig – keine Erklärung beim Finanzamt angab, hat Steuern hinterzogen und sich damit grundsätzlich strafbar gemacht.

    Auch das Argument, bei den Reichen sei viel mehr zu holen, zieht nicht. Da könnte der Staat zwar sicher härter durchgreifen und durch verstärkte Prüfungen zusätzliche Abgaben herein holen. Das ändert aber nichts daran, dass sich alle an die geltenden Gesetze halten müssen. Das Bild vom armen, geschröpften Rentner, das der Sozialverband an die Wand malt, zieht ebenso wenig. Steuerpflichtig sind nur die Senioren mit vergleichsweise hohen Alterseinkünften. Diese Gruppe sollte genauso an der Finanzierung des Gemeinwohls beteiligt werden wie alle anderen Steuerzahler.

  • „Abzock-Schutz“ gegen Abofallen

    Neue Software warnt vor unseriösen Internet-Seiten

    Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) und die Zeitschrift Computer-Bild gehen gemeinsam gegen Internet-Betrüger vor. Zusammen haben sie am Montag in Berlin einen „Abzock-Schutz“ vorgestellt. Das kostenlose Programm ist ab heute im Internet erhältlich und warnt Surfer vor dem Besuch unseriöser Webseiten. Gleichzeitig fordert der  vzbv die Politik auf, Verbraucher bei Internet-Geschäften besser zu schützen.

    „Da entsteht ein absoluter Millionenschaden“, erklärt Hans-Martin Burr, Chefredakteur bei Computer-Bild und rechnet an einem Beispiel vor, wie viel Geld gewissenlose Online-Unternehemen mit ahnungslosen Kunden verdienen. Allein die Firma Content Service Limited, die die berüchtigte Abzock-Seite opendownload.de betreibt, habe im April dieses Jahres in einer einzigen Woche 160.000 Rechnungen zu je 96 Euro verschickt. Hätte die Hälfte der Betroffenen gezahlt, würde das Einnahmen von rund acht Millionen Euro bedeuten.  

    Gegen fiese Abzock-Fallen können sich Internetnutzer ab sofort besser schützen. Mit dem deutlichen Hinweis „Achtung! Diese Seite sollten Sie nicht besuchen“, warnt die von Computer-Bild entwickelte Software Online-Gänger, die im Begriff sind, eine betrügerische Webseite zu besuchen.

    „Das Programm lässt sich einfach in die Browser Firefox und Internet Explorer integrieren“, erklärt Burr. Herz der Software ist eine Datenbank, die bei jedem Start des Browsers aktualisiert wird. Verbraucherschützer, Anwälte und weitere Experten ergänzen die Liste der unseriösen Seiten ständig. Und auch Verbraucher selbst können verdächtige Online-Portale melden.  

    Seit Jahren gewinnt der vzbv gegen unseriöse Internet-Anbieter ein Verfahren nach dem anderen. Die Abzocke nimmt dennoch weiter zu. Deshalb fordern die Verbraucherschützer von der Politik, Verbraucher bei Online-Geschäften besser zu schützen. „Dass ein Angebot Geld kostet muss für jedermann erkennbar sein, etwa durch ein deutlich sichtbares Abfragefeld“, verlangt vzbv-Chef Gerd Billen. Darüber hinaus seien schärfere Sanktionen gegen die Hintermänner der Abzock-Seiten notwendig. „Anwälten, die im Auftrag der Betreiber Mahnschreiben wie Postwurfsendungen verschicken, muss die Zulassung entzogen werden“, fordert Deutschlands oberster Verbraucherschützer Billen.

    Abzock-Opfern rät der vzbv, Rechnungen nicht zu begleichen und sich im Zweifel an die örtliche Verbraucherzentrale zu wenden. Die Gefahr, von Anbietern verklagt zu werden, sei erfahrungsgemäß äußerst gering. „Das ganze System ist darauf angelegt, die Rechnungsempfänger zu verängstigen und direkt zur Zahlung zu bewegen“, weiß Billen, „an einer gerichtlichen Klärung haben die Anbieter gar kein Interesse.“  

     

  • Unrealistische Zahlen, richtige Richtung

    Wie Steinmeier vier Millionen Jobs schaffen will, bleibt ein Rätsel

    Vier Millionen neue Stellen bis zum Ende des nächsten Jahrzehnts will Frank-Walter Steinmeier mit einem umfangreichen Wirtschafts- und Bildungsprogramm schaffen. Arbeitslosigkeit soll im Jahr 2020 kein Thema mehr sein in Deutschland. Arbeitsmarktexperten sind allerdings skeptisch, ob das Ziel erreichbar ist. „Vollmundig“ nennt der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, das Versprechen, „wir haben erst einmal fünf Jahre mit der Krise zu kämpfen.“

    Beträchtliche Erfolge auf dem Arbeitsmarkt sind aber durchaus machbar. Das zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Zwischen 1998 und 2008 sind in Deutschland 2,4 Millionen Beschäftigte zusätzlich erwerbstätig geworden und die durchschnittliche Arbeitslosenzahl ging um eine Million auf 3,3 Millionen zurück. Allerdings sei der Zuwachs bis 2004 fast ausschließlich aus Teilzeitstellen entstanden, erläutert der Vizechef des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Ulrich Walwei. Ob sich ein solches Jobwunder in den nächsten zehn Jahren noch übertreffen lässt, erscheint dem Fachmann fraglich.

    Auch von der Vollbeschäftigung ist Deutschland noch weit entfernt. Allerdings hilft beim Erreichen dieses Ziels die demographische Entwicklung ein wenig mit. In den kommenden Jahren scheiden weitaus mehr Arbeitnehmer aus dem Berufsleben aus als Schulabgänger auf den Arbeitsmarkt kommen. Allein in diesem Jahr beträgt die Differenz 150.000. „Bis 2020 sind es ein bis zwei Millionen Arbeitnehmer weniger“, schätzt Walwei.

    Rein rechnerisch könnte Deutschland also im nächsten Jahrzehnt der Vollbeschäftigung nahe kommen. Doch in der Praxis sieht es anders aus. „Es gibt zu wenig Leute, die die Stellen besetzen können“, glaubt Zimmermann. Denn es scheiden viele Akademiker und bestens qualifizierte Facharbeiter aus dem Berufsleben aus. Arbeitslosigkeit ist aber vor allem ein Problem der weniger gut ausgebildeten. Für die gibt es bislang kaum ausreichend viele freiwerdende Stellen.

    Auf Kritik der Wissenschaftler stößt aber vor allem Steinmeiers Festlegung auf konkrete Zahlen und Daten. Wesentliche inhaltliche Ziele der SPD finden ihre Unterstützung. Steinmeier will mit einer Bildungsoffensive für ausreichend guten Nachwuchs sorgen. Dafür müssen die Reichen Federn lassen. Der Spitzensteuersatz soll auf 47 Prozent angehoben, die zusätzlichen Einnahmen als „Bildungssoli“ verwendet werden.

    Die neuen Jobs erhofft sich die SPD in erster Linie aus der Industrie. Mit Umwelttechnologien soll Deutschland Spitzenreiter unter den Exporteuren werden. Steinmeier will zum Beispiel die Entwicklung und Produktion von Elektroautos massiv fördern. Auch von Ökoenergien verspricht sich der Kandidat erhebliche wirtschaftliche Chancen. Insgesamt zwei Millionen Stellen sollen allein durch die ökologische Ausrichtung der Industrie entstehen. Das erscheint gewagt. Der Bundesverband Erneuerbare Energie rechnet bis 2020 zwar mit einer Verdoppelung der Branchenjobs. Das wäre aber gerade einmal ein Zuwachs um knapp 300.000 Stellen und noch weit von der Zielmarke entfernt.

    Noch nebulöser ist die zweite Jobmaschine der SPD. Im Gesundheitssystem erwartet Steinmeier eine Million zusätzliche Arbeitsplätze, zum Beispiel in der Altenpflege. Was zusätzliche Leistungen der Kranken- und Pflegeversicherung in diesem Umfang kosten würden, lässt der Politiker offen. Finanzieren müssten es wohl Besserverdienende und Beamte. Denn Steinmeier will die Bürgerversicherung. Alle sollen einkommensabhängige Krankenkassenbeiträge bezahlen. Die Privatversicherung soll ein Auslaufmodell werden.

  • Besserer Schutz vor Telefonwerbung

    Ab heute werden unerlaubte Anrufe bestraft / Widerrufen geht jetzt leichter

    Gehören unerlaubte Werbeanrufe jetzt der Vergangenheit an?Die Chance dafür ist zumindest gegeben. Denn für den Anrufer ist ein Verstoß nun riskant. Bis zu 50.000 Euro Bußgeld können Gerichte bei unerlaubten Werbeanrufen verhängen. Erlaubt ist Reklame am Telefon nur noch, wenn der Kunde zuvor ausdrücklich erklärt hat, dass er angerufen werden will. Als Einwilligung zählt nicht, wenn der Verbraucher irgendwann einmal anderswo Anrufen zugestimmt hat oder haben soll. Wie wehren sich Verbraucher, wenn sie trotz des Verbots von Call Centern behelligt werden? Die Anrufer dürfen ihre Identität nicht mehr verschleiern und ihre Rufnummer unterdrücken. Bis zu 10.000 Euro Bußgeld kann dies ab heute kosten. Mit Kenntnis der Rufnummer lässt sich der unerlaubte Werbeanruf zurückverfolgen. Folgende Informationen sollte der Angerufene erfragen: Den Namen des Anrufers sowie die Firma, für die er oder sie arbeitet, für welches Unternehmen geworben wird sowie Datum und Uhrzeit. Die Auskünfte dürften kaum verweigert werden, weil der Anrufer ja etwas verkaufen will. Mit den Informationen kann man sich an eine der Verbraucherzentralen oder die Zentrale zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs in Bad Homburg wenden. Beide Einrichtungen können die Firmenvertreter abmahnen. Dafür sollten Verbraucher ihr schriftliches Einverständnis erklären. Sollte die Rufnummer trotz Verbot unsichtbar bleiben, kann die Bundesnetzagentur eingeschaltet werden. Die Behörde verfolgt diese Ordnungswidrigkeit dann weiter.Können angeblich am Telefon geschlossene Verträge widerrufen werden?Für die meisten am Telefon geschlossenen Verträge galt bisher schon eine Widerrufsfrist. Neu ist, dass nun auch Zeitungs- und Zeitschriftenabos sowie Lotterieteilnahmen zwischen zwei und vier Wochen. Ein Detail ist für die Verbraucher besonders wichtig. Die Widerruffrist beginnt erst, wenn eine schriftliche Information über das Rücktrittsrecht beim Kunden eingegangen ist, zum Beispiel als Fax oder E-Mail. Häufig wurden Verbrauchern Verträge untergeschoben, die sie nie abgeschlossen haben. Ist es damit jetzt vorbei?Der Schutz gegen derlei Praktiken wurde verbessert. Bislang gab es kein Widerrufsrecht, wenn die angeblich bestellte Dienstleistung schon ausgeführt oder begonnen wurde. Fehlt die schriftliche Belehrung über das Rücktrittsrecht, kann der Kunde jetzt Dienstleistungsverträge widerrufen, die beispielsweise am Telefon oder im Internet abgeschlossen wurden. Die bis zum Widerruf erbrachte Leistung muss nur bezahlt werden, wenn darauf vor Vertragsabschluss hingewiesen wurde und der Kunde dem zugestimmt hat. Viele unseriöse Praktiken lohnen sich aufgrund der Gesetzesänderung nicht mehr.Gilt dies auch für untergeschobene Tarifwechsel beim Telefondienstanbieter?Die Branche ging zeitweilig besonders dreist auf Kundenfang. Damit ist jetzt Schluss. Für einen Anbieterwechsel benötigt die neue Telefonfirma eine Vollmacht des Kunden. Die Kündigung des alten Vertrags ohne Wissen und Billigung des Verbrauchers ist daher nicht mehr möglich. Hilft das Gesetz auch gegen Abofallen im Internet? Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) glaubt nicht, dass das Gesetz das Problem mit den Abofallen lösen wird. Aktuell bietet jedoch das Programm „Abzock-Schutz“ der Zeitschrift Computer-Bild Hilfe gegen virtuelle Gauner. Die Software kann im Internet kostenlos herunter geladen werden und warnt vor dem Besuch unseriöser Seiten. Gleichzeitig werden gebührenfreie Alternativen aufgezeigt. Dabei gäbe es nach Ansicht des vzbv wirkungsvolle Regelungen, die irreführende Geschäftspraktiken im weltweiten Netz verhindern könnten. Wenn die Anbieter wie in anderen Ländern kostenpflichtiger Dienste deutlich kennzeichnen müssten, wäre der Spuk mit Millionenschäden für die Surfer schnell vorbei.  

  • Schutzlos ausgeliefert

    Schluss mit betrügerischen Websiten / Jetzt gibt’s einen „Abzock-Schutz“

    Auf der Suche nach den eigenen Vorfahren, kostenloser Software, leckeren Rezepten oder Horoskopen im Internet geraten Verbraucher immer wieder in die Fänge von Abzock-Firmen. Kurz nach der Anmeldung für das vermeintlich kostenfreie Angebot flattern ihnen teure Zahlungsaufforderungen ins Haus. Damit soll nun Schluss sein. Die Zeitschrift Computerbild hat einen „Abzock-Schutz“ entwickelt.

    Die Geschäfte der Online-Betrüger laufen auf Hochtouren. Millionen Euro verdienen die skrupellosen Geschäftemacher an ahnungslosen Verbrauchern, die auf ihre vermeintlichen Gratis-Dienste hereinfallen. Benutzer, die nach kostenlosen Programmen stöbern, sind im Moment besonders gefährdet. „Sucht man im Internet nach frei verfügbarer Software, stößt man auf Werbebanner, die angeklickt werden können“, weiß Martin Madej vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). „Zunächst ist kein Preis angegeben“, erklärt der Jurist, „erst ganz zum Schluss, wenn man sich zum Download durchgeklickt hat, steht er irgendwo auf der Seite.“

    Nach Ansicht des Verbands liegt genau da – nämlich in der Wahrnehmung – das Problem. Denn nach dem vielen Durchklicken seien Verbraucher nicht mehr so achtsam und merkten gar nicht, dass der Service etwas koste. Schon lange fordern die  Verbraucherschützer deshalb von der Politik, Online-Kunden besser vor schwarzen Schafen in der digitalen Welt zu schützen. Bislang ohne Erfolg.

    Bisher liegt es in den Händen der Verbraucher, sich vor teuren „Internetspaziergängen“ zu schützen. Da kommt es gerade recht, dass die Macher von Computer-Bild einen „Abzock-Schutz“ entwickelt haben. Das zwei Megabyte große Programm warnt vor dem Besuch unseriöser Seiten und weist auf kostenlose Alternativen hin. Ab Montag liegt die Software der aktuellen Ausgabe des Magazins in Form einer CD bei und soll sogar kostenlos zum Download im Internet erhältlich sein.

    „Onliner“ können Abzock-Firmen jetzt also einfacher enttarnen. Ein Wermutstropfen bleibt jedoch: Auf Betriebssystemen von Macintosh läuft die Software nicht. Für Macianer heißt es forthin immer noch: Augen auf im World Wide Web.    

    Dass es jetzt eine Software gegen den Online-Betrug gibt, heißt aber noch lange nicht, dass Politiker sich nicht mehr um die rechtliche Grauzone kümmern brauchen. Der vzbv hat auch schon einen Vorschlag, wie das Problem mit den Abzock-Unternehmen behoben werden kann: mit der so genannten „Button-Lösung“. Demnach müsse bei Rechtsgeschäften im Internet zum einen deutlich auf die Kosten hingewiesen werden. Zum anderen müsse sichergestellt sein, dass der Verbraucher den Hinweis auch zur Kenntnis nimmt. Praktisch geht das zum Beispiel so: „Dieses Angebot ist kostenpflichtig!“ erscheint in großen Lettern auf dem Bildschirm, kurz bevor ein Kunde ein Geschäft eingeht, für das er bezahlen muss. Erst wenn er die Meldung mit einem Klick auf einen virtuellen Knopf (Button) bestätigt, kommt auch ein Vertrag zustande.

  • Ein Hang zum skandalösen

    Verbraucherschützer mischen sich manchmal zu viel ein

    Uran im Mineralwasser, Nickel in der Limonade, imitierte Nahrungsmittel oder Zertifikate für Jedermann: Bei diesen Themen schlägt die Stunde der Verbraucherschützer. Da wird angeprangert, Besserung gefordert und Beratung geboten. Immer häufiger drängt sich der fatale Eindruck auf, dass dabei mehr um die eigene Profilierung geht als um die Sache. Das gute Anliegen gerät auf eine schiefe Bahn, weil Verbraucherschutz auch nach Marktkriterien funktioniert. Wer als „der Gute“ Aufmerksamkeit erregt, kann Spender begeistern oder staatliche Gelder einfordern. Das sichert die Jobs der Verbraucherschützer.

    Es gibt kaum ein Thema, zu dem nicht flugs eine der vielen Organisationen zu Wort meldet. Vom Fahrgastverband, über den Lebensmittelschutzverein Foodwatch bis zum Bund der Versicherten wird die gesamte Palette des normalen Lebens von einer Lobby abgedeckt. Oben drüber schweben die Verbraucherzentralen und machen Druck auf die Politik. Fast immer stößt die Kritik an vermeintlich unhaltbaren Zuständen auf ein breites Medienecho, egal wie berechtigt sie tatsächlich ist.

    Verbraucherschützer haben Macht, auch wenn sie es gerne anders darstellen. Produkttests sind das beste Beispiel dafür. Die schlecht benotete Waschmaschine wird zum Ladenhüter, die untaugliche Sonnencreme bleibt im Regal liegen. So erfreulich diese Lobbyarbeit für den Kunden ist, zeigen sich doch auch bedenkliche Kehrseiten des wachsenden Einflusses. Mit dem Boom bei Ratgebern und Aufpassern steigt auch deren Fehlerquote.

    Immer häufiger werden Bagatellen zu Skandalen hoch gejazzt. Das gilt insbesondere bei Lebensmitteln, weil die Öffentlichkeit hier extrem sensibel reagiert. Da werden schon mal Rückstände in Nahrungsmitteln als giftig angeprangert, obwohl man Unmengen davon verspeisen müsste, bevor ein Schaden auftritt. Einer Limonade wurde von der Zeitschrift Ökotest ein höherer Zuckergehalt attestiert als angegeben. Es ging um die Frage, ob in einer Flasche 4,7 Stück Würfelzucker oder tatsächlich sechs Stück aufgelöst werden. Mitunter lässt sich der Eindruck gewinnen, es werde bei manchen Produkten einfach nur so lange gesucht, bis sich etwas Kritikwürdiges findet.

    Ein weiterer Trend ist ebenso bedauerlich. Unter dem Deckmantel des Verbraucherschutzes wird den Menschen immer mehr vorgeschrieben, wie sie leben sollten. Die Diskussion um die Ampelkennzeichnung ist ein Beispiel dafür. Es soll von Staats wegen festgelegt werden, was für den Kunden gut ist und was nicht. Ein Aufdruck ohne Signalfarben täte es auch. Wo Erziehung zwecklos ist wie beim Stichwort Gier, wird häufig das Opferbild gezeichnet. Hier sind die bösen Banken, dort die geprellten Anleger. Dabei ist doch wohl Eigenverantwortung bei der Geldanlage gefragt. Mit hohen Renditen sind nun einmal hohe Risiken verbunden. Ist ein Vollkaskoschutz der Verbraucher wirklich überall vonnöten?

    Aus Sicht der vielen Verbände und Einrichtungen schon. Denn Verbraucherschutz ist ein lukrativer Markt geworden, von dem eine Menge Leute ganz gut leben können. Entsprechend groß ist deren Interesse an öffentlicher Wahrnehmung. Die Hefte von Test oder Ökotest verkaufen sich halt besser, wenn die Prüfer bei Produkten oder Dienstleistungen auf unhaltbare Zustände stoßen. Die Verbraucherzentralen müssen die Millionenzuschüsse des Staates rechtfertigen, und nehmen sich dabei auch Themen an, die eigentlich gar nicht in ihr Ressort fallen. Zugleich stecken die bekanntesten Verbraucherschützer in einem echten Dilemma. Einerseits sollen sie Druck auf die Politik ausüben, andererseits sind sie finanziell von denselben Politikern abhängig. Ideal ist diese Konstruktion nicht.

    Dabei gibt es durchaus viel zu tun. Konsumenten sind auf ein faires Regelwerk in einer immer komplexeren Welt angewiesen. Die Verwirrung sollte aber durch künstliche Problematisierung nicht noch erhöht werden. Insbesondere die politisch einflussreichen Verbraucherzentralen sollten bescheidener werden und sich auf die Kernanliegen ihrer Klientel beschränken, statt ständig auf neue, öffentlich finanzierte Aufgabenfelder zu schielen.

    Auch die Medien müssen dazu lernen. Nicht jede gute Sache hält einer kritischen Betrachtung stand. Die Schwachstellen müssen auch hier benannt und die Organisationen so einer gesellschaftlichen Qualitätskontrolle unterworfen werden. Denn sonst verlieren Verbraucherschützer und Medien irgendwann erst ihre Glaubwürdigkeit, dann ihren Einfluss. Beide Pfunde sind zu wichtig, als dass sie leichtfertig geopfert werden sollten.

  • Der Preis des Wassers

    Früher war es oft ein Tabu, für Wasser Geld zu verlangen. Heute zeigt sich dagegen: Hat die wichtigste Ressource der Erde einen sozialverträglichen Preis, kommt die Entwicklung voran
    Von Hannes Koch und Wolfgang Mulke

    Die Wasseruhr beweist es. Jeder Tropfen Wasser wird abgerechnet. Das gilt nicht nur für die Bauern und Privathaushalte, sondern auch für den kommunalen Wasserversorger selbst. Hinter dem Verwaltungsgebäude des Water Supply Trusts am Kilimanscharo ragt ein Kupferrohr mit Wasserhahn aus dem Rasen. Darauf thront – sichtbar und demonstrativ – der blaue Wasserzähler. Wenn die Mitarbeiter der Wasserfirma im Ort Uroki ihren kleinen Park wässern, rotiert der Zeiger. Die Botschaft: Wasser hat seinen Preis, für jeden. Kostenlose Selbstbedienung und Korruption soll es nicht geben.


    In Tansania, am höchsten Berg Afrikas, ist die Wasseruhr ein revolutionäres Instrument. In dem ehemals sozialistischen Land war die Ressource Wasser früher kostenlos. Deshalb lohnte es sich nicht, die Verschwendung zu bekämpfen. Riesige Wassermengen gingen verloren. „Das System war grauenhaft ineffizient“, sagt Geografie-Professor Wolfram Mauser von der Universität München, der die Gegend um den Kilimanscharo unlängst bereiste. Zu wenig Wasser kam auf den Bananen- und Tabakplantagen, auf den Mais-Feldern und in den Privathäusern an, die Leitungen waren marode oder nicht vorhanden, und Krankheiten an der Tagesordnung.


    Wenngleich auch heute noch rund die Hälfte der tansanischen Bevölkerung keinen verlässlichen Zugang zu sauberem Trinkwasser hat, so verbesserte sich die Situation in den vergangenen Jahren doch entscheidend. So gibt es in Uroki und anderen Orten des Hai-Distrikts jetzt viele Leitungen und öffentliche Zapfstellen, die fast ausschließlich von Frauen verwaltet werden. Jeder Tropfen Wasser, den sich die Nutzer dort abholen, wird bezahlt und abgerechnet. Auch die Verwalterinnen selbst entrichten den festgesetzten Preis.


    Dieser Mechanismus verbreitet sich mehr und mehr Tansania. Abgesichert wird er durch das neue Wassergesetz, das nach Beratung durch die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) 2009 in Kraft getreten ist. „Das Gesetz schreibt unter anderem vor, dass die Wasserversorger ihre Betriebskosten und die Aufrechterhaltung der Infrastruktur durch die Preise finanzieren, die die Nutzer zahlen“, sagt GTZ-Berater Dirk Schäfer, der früher im Wasserministerium der tansanischen Metropole Daressalam arbeitete.


    Der Preis ermöglicht Investitionen


    „Der Preis zeigt: Wasser hat einen Wert“, beschreibt Geograf Mauser die Wirkung des neuen Systems. Dieser Wert aber ist nicht abstrakt, sondern hat positive Auswirkungen. Erst durch die Festlegung eines sozialverträglichen Wasserpreises für alle Nutzer kann der Water Supply Trust in Uroki die Einnahmen erwirtschaften, die er braucht, um die Dienstleistung der Wasserver- und entsorgung in ausreichender Qualität für möglichst viele Einwohner zu erbringen.


    Und das Wassergesetz trifft eine weitere Regelung, die heute allgemein als essenziell für die Verbesserung der Wasserversorgung betrachtet wird: Die Wasserversorger müssen im Besitz der Nutzer sein. Dieser Besitz kann unterschiedliche rechtliche Formen annehmen, darunter auch private, die Aktiengesellschaften ähneln. Der Water Supply Trust in Uroki gehört den Bauern, die er mit Wasser versorgt. Die Mitglieder kontrollieren das Management, lassen sich regelmäßig Bericht erstatten und legen gemeinsam die Preise fest. Neben dem Preismechanismus ist diese Partizipation die Basis dafür, dass die Nutzer das Funktionieren der Wasserversorgung als ihr Eigeninteresse betrachten. Die positiven Steuerungseffekte von Preis und Partizipation führen dazu, dass der Wasserversorger in Uroki wirtschaftlich arbeitet, das Netz aufrechterhält und Investitionen bezahlen kann. Die Qualität der Wasserversorgung nimmt zu und die Zahl der Anschlüsse wächst.


    London – die größte Aktion lizensierten Raubes


    Dass Wasser einen Preis hat, reicht aber alleine nicht aus, um positive Steuerungseffekte zu erzielen. Die britische Hauptstadt London liefert ein gutes Beispiel dafür, dass auch moderne Metropolen der westlichen Hemisphäre schnell Probleme mit der Wasserversorgung bekommen können, wenn die Politik nicht aufpasst.


    Die Geschichte vom schalen Wasser Londons reicht in die achtziger Jahre zurück. Die damalige Premierministerin Margaret Thatcher setzte auf die Privatisierung öffentlicher Unternehmen, zehn regionale Wasserversorger wurden verkauft, darunter auch Londons Unternehmen Thames Water.


    Thatcher erhoffte sich von den Investoren frisches Kapital zur Sanierung des aus dem 19. Jahrhundert stammenden, maroden Leitungsnetzes in der Hauptstadt. Doch statt zu investieren, sahnten Aktionäre und Management ab. Die Wasserpreise stiegen, die Investitionen blieben indessen aus. Die Tageszeitung Daily Mail schrieb von „der größten Aktion lizensierten Raubes in unserer Geschichte“.


    Eine Fehlkonstruktion bei der Privatisierung ermöglichte dem Unternehmen außergewöhnliche Gewinne. Eine Behörde sollte die Preise der regionalen Monopolisten kontrollieren. Die Versorger mussten ihre Preiskalkulationen einreichen. Als Basis dienten die erwarteten Kosten sowie die Investitionen. Aufgrund angeblich hoher Sanierungsanstrengungen genehmigte das Amt höhere Preise. Doch die Modernisierung stand nur auf dem Papier. Tatsächlich schöpften die Eigentümer die zusätzlichen Erträge ab und das Leitungsnetz verfiel weiter.


    1999 übernahm der deutsche Konzern RWE Thames Water und wollte damit den Grundstein für ein weltweites Wasserimperium legen. Mit den gewohnt sprudelnden Gewinnen finanzierte RWE die Expansion in andere Länder. Die Kundenzahl stieg von 15 Millionen auf 70 Millionen an. Für das gewaltige Leitungsnetz Londons mit einer Länge von fast 100.000 Kilometern für Wasser und Abwasser taten die neuen Besitzer nur das Nötigste.


    Dies bekamen die Londoner schnell zu spüren. 30 Prozent des frischen Wassers versickerte im Erdreich. In Hamburg gehen, zum Vergleich, nur fünf Prozent verloren. Der Wasserdruck veränderte sich ständig, mitunter kam nur ein dünnes Rinnsal aus dem Hahn. Auch die Wasserqualität ließ zu wünschen übrig. Zeitweilig pumpte die Londoner Firma Themsewasser aus dem Unterlauf ins Netz, um den Wasserverlust auszugleichen. So gelangten etwa Rückstände aus Krankenhausabfällen ins Trinkwasser, weil sie nicht herausgefiltert werden können. Erst als Bürgermeister Ken Livingston die Einwohner ironisch aufforderte, auf die Toilettenspülung zu verzichten und das Wasser lieber zum Teekochen zu verwenden, war das Maß voll. Der damalige Premierminister Tony Blair richtete eine neue Regulierungsbehörde ein, zwang die Wasserunternehmen zu hohen Investitionen und begrenzte die Renditen. 2006 trennte sich RWE von Thames Water.


    Kein privates, sondern ein öffentliches Gut


    Die Ressource Wasser gehört grundsätzlich allen Menschen. Fast immer ist sie im Besitz der Allgemeinheit. Privatbesitz an Wasser gibt es in der Realität kaum – auch nicht, wenn missverständlich von der „Privatisierung des Wassers“ die Rede ist. Wenn Gruppen von Menschen, Kooperativen, öffentliche Betriebe oder auch Privatunternehmen Wasser verteilen, verkaufen sie meist nicht die Ware Wasser, sondern sie bieten lediglich die Dienstleistung der Wasserver- und entsorgung an. Das Recht, diese Dienstleistung zu verkaufen, wird den Versorgern in der Regel von Staaten, Ländern oder Gemeinden für eine gewisse Zeit übertragen. Weil es so wichtig und grundlegend für das Wohlergehen von Menschen, Tieren und Natur ist, bezeichnet man Wasser als „öffentliches Gut“.


    Für nutzbares Süßwasser aus Flüssen, Seen, Quellen und tieferen Erdschichten gibt es meist auch keinen Markt wie beispielsweise für Autos oder Nahrungsmittel. Wasser steht fast immer im Rang eines natürlichen Monopols: Es existiert nur ein Bach, ein Grundwasserspiegel, ein See, aus dem sich die Menschen bedienen können. Ein Netz zur Wasserverteilung mit Tausende Kilometer langen Rohren und Millionen Hausanschlüssen zu bauen, ist zudem extrem teuer.


    Die Folge: Eine Konkurrenz zwischen mehreren Anbietern ist meist nicht möglich. Ein funktionierender Markt existiert in der Regel nicht. Damit fallen auch die Steuerungseffekte weg, die der Wettbewerb mit sich bringt. Beispielsweise sind weit überhöhte Monopolpreise möglich.


    Was aber bedeutet dies für den Zugang zur Ressource Wasser und ihren Preis? Weil es in der Regel keinen funktionierenden Markt mit Wettbewerb geben kann, muss die Wasserversorgung politisch reguliert werden. Während man früher isolierte Anstrengungen – Brunnenbau, Privatisierung – unternommen hat, um der vielfältigen Probleme Herr zu werden, hat sich mittlerweile der Ansatz des Integrated Water Ressources Managements (IWRM) herauskristallisiert. Man versucht, einen systemischen Ansatz zu finden, der beispielsweise den Bau von Wasserleitungen beinhaltet, aber auch die Partizipation der Nutzer, die Wirtschaftlichkeit und Transparenz der Wasserversorger, die Sozialverträglich des Preismechanismus, sowie die Wirksamkeit des gesetzlichen und regulatorischen Rahmens.


    Das Prinzip der politischen Steuerung gilt auch für die Preisbildung. Der Preis des Wassers ist kein Marktpreis, sondern ein politischer Preis. Darin müssen die Interessen aller Nutzer einfließen, damit es nicht zu sozialen, wirtschaftlichen und politischen Konflikten kommt. Die Festlegung eines politischen Preises für Wasser bringt zwei große Vorteile mit sich. Zum einen kann man die Höhe so definieren und staffeln, dass alle potenziellen Nutzer Zugang zum Wasser erhalten. Und zweitens dient der Preis als Instrument des Ressourcenmanagements. Er deutet an, dass Wasser nicht in unendlicher Menge vorhanden ist und setzt den Anreiz, es nicht zu verschwenden. Ein sozialverträglicher Preis gilt mittlerweile als eines der wichtigsten Steuerungsinstrumente, um die globalen Wasserprobleme in den Griff zu bekommen.


    Die Armen bekommen das Wasser kostenlos


    Ein wichtiges Prinzip, das in Tansania praktiziert wird, nennt GTZ-Mitarbeiter Schäfer: „Die Tarife müssen armutsorientiert sein“. Wie Geografie-Professor Mauser berichtet, legt die Mitgliederversammlung des Water Supply Trusts in Uroki fest, welche Einwohner das Wasser kostenlos erhalten, weil sie zu arm sind, um den Preis zu entrichten. Solventere Nutzer müssen an den öffentlichen Zapfstellen höhere Preise zahlen. Ähnliches gilt für das Wasser, das per Leitung nach Hause geliefert wird. Der niedrigste Preis liegt in der Größenordnung von 200 tansanischen Schilling pro Kubikmeter, was gegenwärtig etwa 11 Euro-Cent entspricht. Dies sei ein spürbarer Preis, „aber auch für tansanische Verhältnisse nicht teuer“, sagt Mauser.

  • Mit Heizen die Welt retten

    Firmenportrait Vaillant: Der Heiztechnik-Hersteller Vaillant wirbt um die strategischen Konsumenten

    Der türkisfarbene Porsche liegt schräg auf der Fahrbahn. Man kann sich vorstellen, wie der Motor dröhnte und die Reifen sangen, als der Tourenwagen in den 1970er Jahren die Kurven der Rennstrecke nahm. Auf der Frontscheibe prangt der Werbeschriftzug der Firma „Vaillant“. „So etwas würden wir heute nicht mehr tun“, sagt Ralf-Otto Limbach, der Geschäftsführer des Unternehmens.

    Das Foto der Rennszene hängt in Limbachs Büro in Remscheid, einer Industriestadt in der Nähe von Köln. Ein gelungenes Bild, es drückt Dynamik aus. Vor allem aber zeigt es, wie Vaillant sein Image in den vergangenen 30 Jahren verändert hat. Heute sponsort der Hersteller von Heiz- und Klimatechnik keine Autorennen mehr – das würde die falsche Botschaft senden. Jetzt positioniert man sich anders – als Klimaschützer.


    Die Firma sieht sich als Weltmarktführer für Heiz- und Warmwassergeräte, die in den Küchen, Badezimmern und Kellern von Wohngebäuden hängen. 26 Prozent seines Umsatzes in Westeuropa macht das Unternehmen inzwischen mit Heizungen, die Wärme und Strom aus erneuerbaren Quellen wie der Sonnenkraft erzeugen. Und selbst die Geräte, die wie früher Erdgas oder Öl verbrennen, nutzen die Primärenergie in Limbachs Augen inzwischen so effektiv, dass der Geschäftsführer den alten Begriff „Heizung“ gerne vermeidet und seine Produkte lieber als „Lösungen zum Energiesparen“ anpreist.


    Das Unternehmen mit seinen knapp 13.000 Beschäftigten an 15 Standorten weltweit – darunter China, USA und die Türkei – erwirtschaftete 2008 einen Jahresumsatz von rund 2,5 Milliarden. Es ist im Besitz der Gründerfamilie seit 1874. Die Produktpallette reicht von Gasbrennern über Sonnenkollektoren bis zu Holzpellet-Kesseln, die kleingehacktes und gepresstes Restholz klimaschonend in Raumwärme verwandeln. Die Firma stellt außerdem Blockheizkraftwerke zur gleichzeitigen und damit sparsamen Erzeugung von Wärme und Strom her, sowie Wärmepumpen, die die höheren Temperaturen unter der Erdoberfläche nutzen.


    Und in ein paar Jahren soll auch die Brennstoffzelle als Heizung auf den Markt kommen. Im Rahmen eines Pilotprojektes zusammen mit der deutschen Regierung hat sich die Firma verpflichtet, in den kommenden fünf Jahren 200 Anlagen zu installieren. Diese Technologie ist revolutionär, weil sie Strom aus der Reaktion von Wasserstoff und Sauerstoff zu Wasser erzeugt, was eine sehr hohe Energieausbeute im Verhältnis zur eingesetzten Primärenergie ermöglicht. „Die technischen Probleme sind grundsätzlich gelöst“, sagt Limbach. Allerdings sind die Anlagen noch so zu teuer, dass sie keinen großen Markt erreichen. Vorläufig wird das auch so bleiben. Limbach sieht Heizungen auf Basis der Brennstoffzelle vornehmlich „in großen Villen“ – High-End-Öko-Luxus für reiche Leute, die sich ihr ökologisches Gewissen etwas kosten lassen.


    Dieses Marktsegment ist zu klein, als dass damit ein Unternehmen, das mehr als zwei Millionen Wand-Heizungen pro Jahr produziert, über die Runden kommen könnte. Trotzdem steht die Brennstoffzelle beispielhaft für Limbachs Strategie. Denn der muntere 46jährige mit der hellen Hornbrille hat das Sponsoring für Porsche ersetzt durch die finanzielle Unterstützung der Internet-Community Utopia.de., die sich dem nachhaltigen Konsum widmet.


    Auf Utopia diskutieren und planen Zehntausende strategischer Verbraucher, wie sie die Welt mittels Konsum sozialer und ökologischer machen können. „Genau das sind die Leute, die unsere Produkte kaufen“, sagt Limbach. „Kaufen sollen“ müsste es eher heißen. Natürlich ist die Finanzspritze für Utopia auch ein Marketingtrick, um dem unspektakulären Produkt „Heizung“ mit dem neuen Dreh der Klimapolitik mehr Charme zu verleihen.


    Und doch geht das neue Bündnis über bloßes Marketing hinaus. In den vergangenen Jahren ist eine neue Käuferschicht heranwachsen, für die nicht nur Preis und Nutzwert eines Produktes zählen, sondern auch der politisch-moralische Wert der Waren. Mit seinen klimaschonenden Heizungen bietet Vaillant diesen Leuten die richtigen Produkte. Der Liason förderlich ist, dass Limbach sich teilweise selbst dieser Konsumentengruppe zugehörig fühlt. Die Kleidung, die er für sich und seine Kinder privat kauft, darf schon mal aus fairer Produktion stammen, muss aber trotzdem schick aussehen und kann ein paar Euro mehr kosten.


    In diesem Sinne könne man auch die schnöde „Heizung emotionalisieren“, ist Limbach überzeugt. Begeistert erzählt er von Hausbesitzern, die sich Sonnenkollektoren auf ihre Dächer montieren, weil sie den Nachbarn auf diese Art ihr Verantwortungsbewusstsein demonstrierten.


    Der Manager hat sich in den vergangenen Jahren selbst weiterentwickelt. Früher arbeitete Limbach unter anderem für den VW-Konzern. Dort leitete er das Südamerika-Geschäft und später das Marketing in der Zentrale. Aus dieser Zeit ist bei ihm der Eindruck hängengeblieben: „Die Entwickler in den Autokonzernen träumen immer noch von Motoren mit 600 PS“.


    Das Unternehmen Vaillant dagegen sei in die Zukunft aufgebrochen. Hier fühlt Limbach sich nicht als Teil des Problems, sondern als Teil der Lösung. Von 17 Millionen Heizungen in Deutschland, sagt er, seien 15 Millionen veraltet und würden die Umwelt über Gebühr belasten. Nur zwei Millionen Geräte seien auf dem Stand der Technik. Und noch eine Zahl nennt er: 35 Prozent der Primärenergie in einem Staat wie Deutschland würden in Raumwärme und Warmwasser investiert. Wenn man davon die Hälfte einsparen könnte, hätte Deutschland in den kommenden Jahren null Probleme, die internationalen Ziele zum Klimaschutz zu erreichen.


    Das sieht die Regierung in Berlin offenbar ähnlich. Seit Anfang des Jahres 2009 ist ein spezielles Gesetz in Kraft, das Bauherren, die ihre Heizungen ökologisch modernisieren, finanziell unterstützt. Etwas Besseres konnte Limbach und der Firma Vaillant gar nicht passieren.

  • Die ewige Arbeit

    Firmenportrait Herrenknecht: Der alte Mann und der Stein: Martin Herrenknecht ist der wichtigste Tunnelbauer der Welt

    Bäume fällen, nach Erz graben, den Acker pflügen. Menschliche Arbeit im ursprünglichen Sinne ist harter und schmutziger Kampf mit der Natur. Brechen, Biegen, Formen von Materie, um schwitzend und ächtzend Häuser und Boote zu bauen, Werkzeuge zu schmieden und Getreide wachsen zu lassen. Von diesen elementaren Tätigkeiten scheint unser modernes Leben in Büros, Flugzeugen und Clubs Jahrmillionen entfernt. Dass das brutale Ringen mit Berg und Stein trotzdem die Basis von sehr vielem ist, weiß Martin Herrenknecht.


    Der 66jährige Unternehmer mit dem weissgrauen Haarkranz und der breiten, gedrungenen Statur baut gigantische Bohrmaschinen. Aus den Werkhallen im Ort Schwanau in der südwestdeutschen Rheinebene stammen die Kolosse, die den Straßentunnel unter der Elbe in Hamburg, Verkehrsröhren in Kuala Lumpur und Metro-Schächte in Shanghai erschlossen haben. Seit 2002 fressen sich Herrenknecht-Maschinen durch das Gotthard-Massiv der Schweizer Alpen. Insgesamt 57 Kilometer Fels – das meiste ist bereits geschafft.


    „Weicheier kannst Du da nicht ranlassen“, sagt Herrenknecht. „Weicheier“ – dieses Wort benutzt der Chef gerne und oft. Es ist eine Botschaft: Herrenknecht kommt überall durch. „Es ist faszinierend, Maschinen zu bauen, die jede Widrigkeit überwinden“, sagt der Mann mit den hellen, schmalen Augen. Früher, als Tunnel noch vornehmlich mit Sprengstoff, Spitzhacke und Presslufthammer gebaut wurden, rechnete man mit jeweils einem Toten pro gegrabenem Kilometer. Dynamit, Steinschlag, Unfälle aller Art. Aber auch heute ist die Arbeit tief unter der Erde gefährlich. „Jeden Tag kann etwas passieren“, so Herrenknecht. Zu den Arbeitern, die dort unten schuften, fühlt er sich hingezogen: „Das sind zupackende, ehrliche Typen. Auf die kannst du dich verlassen“.


    Der größte Bohrer, den Herrenknecht bisher baute, hat einen Durchmesser von mehr als 15 Metern. Das entspricht der Höhe eines Wohnhauses mit vier Stockwerken. Dieses Ungetüm rotiert. Vorne sitzt eine riesige Platte, „Schild“ genannt. Sie ist bewehrt mit stählernen Zähnen und Klauen. In die Zwischenräume haben die Herrenknecht-Monteure eine Art Panzerung geschweißt, damit der Schild unter dem Druck nicht zerbricht. Das Ganze sieht aus wie die fürchterliche Waffe einer außerirdischen Art, die gekommen ist, um die Erde zu vernichten. Dieses Monster frisst sich in den Berg. Kein Stein hält ihm stand.


    In der Fachsprache der Ingenieure heißen diese Giganten „Tunnelvortriebsmaschinen“. Es gibt sie in unterschiedlichen Größen. „Über die kleinen schreibt niemand“, sagt Achim Kühn, der Pressesprecher des Unternehmens. Sie bohren Tunnel für Gas-, Wasser-, Elektro- und Kommunikationsleitungen – oft ferngesteuert und unspektakulär. Die großen Apparate dagegen schaffen Röhren, die Platz bieten für zwei nebeneinanderliegende U-Bahn-Gleise, Trassen für Hochgeschwindigkeitszüge und Autobahnen.


    Das bislang komplizierteste Vorhaben ist die Bohrung durch die Bergkette des Gotthard. An manchen Stellen drücken 500 Meter hohe Berge auf Bohrmaschine und Tunnel. Eine 440 Meter lange Fabrik auf Stelzen und Schienen drängt sich durch den Fels. Vorn zermalmt der rotierende Bohrkopf Granit und Gneis zu handgroßen Brocken, direkt dahinter sichert die Maschine die rohe Tunnelwand mit Stahlankern, bringt Metallmatten und Verstrebungen an, spritzt Beton. Ist der Koloss vorgerückt, liegt hinter ihm der grob ausgebaute Tunnel, in den die Bahn- oder Straßentechniker alles Weitere einfügen können.


    2017 soll die „neue Eisenbahn-Alpentransversale“ eröffnet werden. Sie wird nicht nur die Fahrtzeit zwischen Zürich im Norden und Bellinzona im Süden von 2,5 Stunden auf etwas mehr als 1,5 verkürzen, sondern soll die Schweiz auch teilweise auch vor den stinkenden Container-Lastern bewahren, die sich heute in nicht abreißender Kolonne durch die Dörfer quälen.


    Herrenknechts Apparate kosten Dutzende Millionen Euro. Zur Zeit hofft die Firma, deren Anteile sich komplett im Besitz der Familie befinden, auf einen Auftrag aus Russland im Wert von 70 bis 100 Millionen Euro. Um Moskau herum soll der vierte Autobahnring gegraben werden. Das Unternehmen, dass 2.500 Leute beschäftigt, bezeichnet sich als Weltmarktführer. 2008 stieg der Umsatz auf rund eine Milliarde Euro. Dabei scheint sich die Angst des Inhabers vor der Finanzkrise in Grenzen zu halten. Zwar werde es augenblicklich schwerer, neue Aufträge zu aquirieren, sagt Herrenknecht. Zu Stornierungen von laufenden Projekten sei es bisher aber nicht gekommen.


    Eigentlich lebt Martin Herrenknecht für seine Firma. Doch irgendwann merkte er: Immer nur Steine klopfen, ist auch langweilig. Das Unternehmen wurde ihm zu eng. In seinem Kopf setzte sich eine Idee fest: Von der Bearbeitung der Materie wollte er aufsteigen in höhere Sphären. In der CDU von Bundeskanzlerin Angela Merkel versuchte er, einen Wahlkreis für den Bundestag zu erobern.


    Herrenknecht meint, dass einiges schiefläuft in Deutschland. Ihn stört die „Technikfeindlichkeit der 1968er“, der politischen Generation des ehemaligen grünen Außenministers Joschka Fischer. Dass der Magnetzug „Transrapid“, das Ergebnis deutscher Ingenieurskunst, im eigenen Land nicht fahren darf, sondern nur in China, frustriert Herrenknecht, den studierten Maschinenbauer, zutiefst.


    Im Bundesparlament hätte er sich dafür eingesetzt, die Forscher zu unterstützen, die Ingenieure, die Erfinder und ihre Firmen. Er meint, dass Deutschland mehr in seine Jugend investieren müsse, mehr Geld ausgeben solle für bessere Schulen und Universitäten. Herrenknecht geht selbst mit gutem Beispiel voran, fördert eine Schule seiner Heimatstadt mit regelmäßigen Beträgen und finanziert Lehrstühle an Universitäten.


    Mit der Politik aber hat es nicht geklappt. Selbst Lothar Späth, ehemaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg und Aufsichtsrat der Tunnelfirma, schätzt Martin Herrenknecht zwar als Unternehmer, aber nicht als Politiker. „Ich werde alles dafür tun, dass Du nicht in den Bundestag einziehst“, soll Späth Herrenknecht einst klargemacht haben. So ging Herrenknecht in der Parteiversammlung leer aus, die Mehrheit blieb ihm versagt.


    Zurück von der Reise in die Politik, wird Herrenknecht seine Firma wie gewohnt größer machen und sie schließlich an seinen Sohn Martin-Devid weitergeben. An harter Arbeit herrscht grundsätzlich kein Mangel. Solange die Weltbevölkerung wächst und immer mehr Menschen in Städten leben, wird der Bedarf zunehmen, in den Untergrund auszuweichen.

  • Design und Moral

    Firmenportrait Wilkhahn: Die Firma Wilkhahn stellt hochwertige Büromöbel und Konferenzausstattungen her. Auch im Umgang mit den Beschäftigten will man Spitze sein, sagt Eigentümer Jochen Hahne

    Bei Wilkhahn dreht sich vieles um Design. Vor allem um Stil und Funktionalität von teuren Büromöbeln und Konferenztischen – aber auch um die Formung des Bildes der Firma in der Öffentlichkeit. Kürzlich erst gab das Unternehmen aus der Nähe von Hannover in Norddeutschland bekannt, sich weltweit für Sozialstandards in der Möbelbranche zu engagieren.


    Die wenigsten Unternehmer sind zu so etwas bereit. Und noch weniger setzen sich mit einer Person wie Berthold Huber, dem Vorsitzenden der deutschen Industriewerkschaft Metall, an einen Tisch, um einen entsprechenden Vertrag zu unterschreiben. Wilkhahn-Chef Jochen Hahne (50) tut es und begründet: „Gerade angesichts der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise muss man international klar definierte Wertorientierungen und Spielregeln etablieren“.


    Der Eigentümer des Familienbetriebes wohnte früher in Wohngemeinschaften, demonstrierte gegen Atomkraftwerke und verzichtet heute, wenn es geht, auf die Krawatte. Hätte bei der letzten Landtagswahl im Bundesland Niedersachsen die SPD und nicht die CDU von Bundeskanzlerin Angela Merkel gewonnen, wäre Hahne sozialdemokratischer Wirtschaftsminister geworden.


    Deshalb macht es ihm keine Probleme, eine Vereinbarung mit der Gewerkschaft zu unterschreiben, die den Beschäftigten in allen Wilkhahn-Niederlassungen und ihren Zulieferfirmen weltweit freie Lohnverhandlungen, Mindesturlaub und Mindestbezahlung garantiert.


    Das klingt gut, beinhaltet aber auch einen Trick. Die Vereinbarung kostet das Unternehmen zunächst gar nichts. Denn 450 von 600 Wilkhahn-Beschäftigten arbeiten im lauschigen und wohlhabenden Deutschland, wo Politik und Gewerkschaften schlechte Arbeitsverhältnisse oft zu verhindern wissen. Die übrigen 150 Mitarbeiter produzieren Möbel in Spanien und Australien, oder vertreten das Unternehmen in schicken Büros in den Metropolen dieser Welt. Die miesen Jobs, die die Gewerkschaft abschaffen will, gibt es bei Wilkhahn nicht.


    So ist der wohlklingende Vertrag bloß ein Symbol – allerdings ein sinnvolles. Bislang sind nur 60 transnationale Konzerne bereit, überall freie Gewerkschaftsaktivitäten zu garantieren, Kinderarbeit auszuschließen und dies auch überprüfen zu lassen. Vorreiter wie Wilkhahn setzen die Mehrheit unter Druck, ihrerseits Sozialstandards als verbindlich anzuerkennen. Der Firma selbst hilft die Vereinbarung natürlich auch: Moralischer Mehrwert fördert ebenso das Image des Exquisiten und Wertvollen wie herausragendes Design.


    Was Aussehen, Material und Technik der Tische, Stühle und Schränke betrifft, will Wilkhahn immer ganz vorne sein. Die Firma ist stolz darauf, die Design-Eleganz der in den 1930er Jahren gegründeten Bauhaus-Schule mit den Bedürfnissen der Gegenwart zu kombinieren. Wilkhahn leistet es sich, namhafte Designer zur Mitarbeit einzuladen. Für zahlreiche Produkte hat die Firma Auszeichnungen erhalten. Im Sinne der Verbindung von Nutzwert und Nachhaltigkeit bietet man den Kunden an, vor Jahrzehnten gekaufte Stühle reparieren, aufarbeiten und modernisieren zu lassen.


    Aber es gibt auch Flops der Produktentwicklung. Jochen Hahnes inzwischen verstorbener Vater Fritz beschrieb seinen Stil einmal mit der schönen Formulierung „management by accident“. Unvergessen sind zum Beispiel die Strandkörbe aus Polyester – aufwändig entworfen, toll anzusehen, von der Presse gefeiert. Aufgestellt wurden sie an der Ostsee. Leider allerdings trieben sie eines Morgens draußen auf dem Meer – die Sturmflut hatte sie hinausbefördert. Man hatte übersehen, dass die neumodischen Strandmöbel schwimmfähig sein könnten – im Gegensatz zu den traditionellen Strandkörben aus Holzgeflecht.


    Nicht zu den Sackgassen der Produktentwicklung gehören dagegen die Sitzreihen, mit denen Wilkhahn die Wartezonen ganzer Flughäfen ausrüstet – etwa in Dubai, Hongkong oder München. Ebensowenig die Einrichtungen für Konferenzsäle, die nicht nur Stühle und Tische, sondern auch Ton- und Kommunikationstechnik beinhalten. Als Deutschland 2007 die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union innehatte, wurde eine Konferenzausstattung von Wilkhahn für 74 Politiker an 49 Orten aufgebaut und nach Ende der Sitzung zum nächsten Gipfeltreffen weitertransportiert.


    Augenblicklich freilich sind die wirtschaftlichen Aussichten der Firma, die sich als ein globaler Marktführer der Branche sieht, nicht zum Besten. Die Finanz- und Wirtschaftskrise trübt die Perspektive von Wilkhahn – wie auch vieler anderer Unternehmen. Nachdem der Betrieb im Boomjahr 2007 noch ein Umsatzplus gegenüber dem Vorjahr von gut 20 Prozent realisierte und 94 Millionen Euro erreichte, sank der Umsatz 2008 auf rund 88 Millionen. Und auch für 2009 rechnet Wilkhahn mit einem Rückgang von rund fünf Prozent.


    Typisch für die im Unternehmen herrschende partnerschaftliche Atmosphäre freilich ist, dass die Unternehmensleitung und der Betriebsrat, die Vertretung der Beschäftigten, gemeinsam versuchen, die Opfer der Mitarbeiter in Grenzen zu halten. Um Einsparungen zu erwirtschaften, reduzierte man die Arbeitszeit auf 32 Stunden pro Woche und kürzte die Jahresgehälter entsprechend um etwa acht Prozent. Gekündigt wurde aber bislang niemand. „Wir wollen unsere motivierten und bestens ausgebildeten Beschäftigten so lange wie möglich halten, weil wir sie im nächsten Aufschwung dringend wieder brauchen“, sagt Wilkhahn-Sprecher Burkhard Remmers.


    Für einen relativen Luxus der Vergangenheit allerdings ist gegenwärtig überhaupt kein Geld vorhanden. Sein Sinn für soziale Gerechtigkeit führte Jochen Hahnes Vater einst dazu, den Gewinn der Firma jedes Jahr zwischen den Eigentümern und der Belegschaft aufzuteilen: Beide Seiten bekamen 50 Prozent. Die Hälfte der Mitarbeiter floss jeweils in einen Bonus-Lohn und Kapitalanteile am Unternehmen. Diese Anteile würden viele Wilkhahn-Rentner heute gerne verkaufen, um ihre Altersversorgung aufzubessern. Der Nachteil: Der Firma fehlt das Geld, ihre ehemaligen Beschäftigten auszuzahlen. Wie im Falle des Vertrages mit der Gewerkschaft gilt auch hier: Soziale Verantwortung zu demonstrieren ist schön. Nähme man sie ernst, würde sie allerdings auch Geld kosten.

  • Macher der Marke

    Firmenportrait Mennekes: Elektro-Fabrikant Walter Mennekes ist ein typisch deutscher Unternehmer, der täglich um seine Stellung auf dem Weltmarkt kämpft

    Am Panama-Kanal geht Walter Mennekes auf Risiko. „Auf dem Schiff dort benutzen sie sicher unsere Stecker“, rühmt sich der Unternehmer aus Deutschland. Die Mitglieder der Wirtschaftsdelegation, der deutsche Außenminister eingeschlossen, staunen nicht schlecht. Mennekes schreitet zum Fernrohr auf der Aussichtsplattform, sucht das Deck des riesigen Containerschiffes ab – und freut sich. Ja, dort hinten, dieses rote Etwas, das sei ein Starkstrom-Stecker, den seine Firma in Deutschland produziert habe.


    Außenminister Frank-Walter Steinmeier ist beeindruckt. Die Delegation murmelt anerkennend. Ein x-beliebiges Schiff und sofort ein Treffer. „Manchmal hat man Glück. Sonst hätte ich mich ins Loch verkrochen“, sagt Mennekes (61).


    Der Mann mit den kurzen, weißen Stoppelhaaren und dem fröhlichen Lachen ist Besitzer eines Unternehmens, das nach eigenen Angaben Weltmarktführer für elektrische Steckverbindungen ist, die nicht nur in der Seefahrt, sondern auch in der Industrie und auf dem Bau verwendet werden. In rund 90 Staaten dieser Erde erzielt Mennekes einen Umsatz von etwa 100 Millionen Euro pro Jahr. Trotzdem sind die Produkte nur Spezialisten bekannt. Mennekes hat einen Namen, aber keinen so bekannten wie Siemens, Daimler oder Bosch.


    Mennekes ist kein transnationaler Konzern mit 300.000 Beschäftigten, sondern ein Betrieb mit 800 Leuten, der irgendwo in den Mittelgebirgen des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen sitzt. Gerade deshalb aber ist die Firma repräsentativ für die Mehrheit der deutschen Wirtschaft. Das typische deutsche Unternehmen beschäftigt nicht Hunderttausende, sondern nur ein paar Dutzend oder höchstens ein paar Hundert Leute. Rund zwei Drittel aller Arbeitnehmer in Deutschland arbeiten bei solchen Firmen.


    Spricht man über diesen Sektor der Ökonomie, bezeichnet man ihn häufig als „Mittelstand“. Dieser Begriff findet keine präzise Entsprechung im Französischen, Spanischen oder Englischen. Er verweist auf die starre „ständische“ Gesellschaft des Mittelalters, in der die Menschen zeitlebens in Familie und sozialer Schicht gefangen waren. Der Wortbestandteil „Mitte“ beschreibt die Verortung in der modernen Gesellschaft – die komfortable Position im Zentrum der Wirtschaft, aber auch die gefährdete Stellung zwischen den antagonistischen Schichten der Arbeiterschaft und der Großindustrie.


    Diese zugleich stabile und prekäre Position bestimmt das Verhalten vieler mittelständischer Unternehmen – auch der Firma Mennekes. Denn anders als etwa BMW oder Bayer muss Walter Mennekes sich intensiver um Überleben und Bekanntheit seiner Firma bemühen.


    Einmal wurde ihm dieser Umstand besonders bewusst. Bei einem Wirtschaftsempfang versuchte er einem russischen Manager zu erklären, dass er Stecker produziere – erfolglos. Mangels kompatibler Sprachkenntnisse kam man über dauerndes Zuprosten nicht hinaus. Danach ließ Mennekes sich eine neue Visitenkarte anfertigen. Die ist ausklappbar, funktioniert wie ein kleiner Prospekt und zeigt Fotos der Produkte. Gerne zückt Mennekes auch ein kleines, von ihm entworfenes Büchlein, das seine Unternehmensphilosophie umreisst. Einer der wichtigen Sätze lautet: „Unsere Marke erkennt man daran, dass man sie erkennt“.


    Das ist eine Marketing-Sprechblase mit tieferem Sinn. Gerade kleine und mittlere Unternehmer wissen: Obwohl die Qualität ihrer Produkte oft hervorragend ist, reicht dieser Umstand nicht aus, um Geschäftserfolg zu erzielen. Vielmehr geht es darum, das Produkt mit Werten aufzuladen, und es den Kunden dadurch als etwas Besonderes erscheinen zu lassen. Die Kunst liegt darin, eine Marke zu kreieren.


    In diesem Fach ist Walter Mennekes offenbar sehr gut. Sein Maschinenbau-Studium finanzierte der Sohn des Firmengründers damit, dass er die väterlichen Produkte bei den Kunden persönlich anpries. Die direkte, originelle Ansprache und Werbung klappte bestens. Die Verkaufskünste seines Chefs beschreibt Betriebsratsvorsitzender Manfred Behle so: „Wer fünf Stecker kaufen will, nimmt schließlich 50“. Und selbst Georg Keppeler, der örtliche Chef der Industriegewerkschaft Metall, sagt: „Walter Mennekes hat die Marke Mennekes erst gemacht“.


    Mennekes versteht es nicht nur, seinen unspektakulären Produkten den Charme des Individuellen mitzugeben. Er erweckt überdies den Eindruck, nicht nur an seine Firma, sondern auch an das gesellschaftliche Ganze zu denken. Bundeskanzler Helmut Kohl ließ er einst einen Scheck über 100.000 D-Mark zukommen, verbunden mit der Aufforderung, Ausbildungsplätze für Jugendliche zu finanzieren. Die öffentlichkeitswirksame Aktion trug der Firma Bekanntheit und Renommé ein. Aber die bedauernswerte Situation vieler Jugendlicher, die keinen Ausbildungsplatz in der Wirtschaft finden, ist Walter Mennekes auch ein ehrliches Anliegen. „Keiner darf verlorengehen“, sagt er im Hinblick auf soziale Probleme und Kriminalität, „nicht auszubilden ist für die Gesellschaft viel teurer, als Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen“.


    Auch in anderer Hinsicht rühmt sich die Firma verantwortlichen Handels. Selbstverständlich entlohne er seine Beschäftigten gemäß des Tarifs, den die Metall-Gewerkschaft mit dem Arbeitsgeberverband ausgehandelt hat, so Mennekes. Und manche Arbeiter würden darüber hinaus noch deutlich besser bezahlt, bestätigt Betriebsrat Behle.


    Bei genauerem Hinsehen allerdings zeigt das Bild Risse. Vor einigen Jahren hat Patriarch Mennekes seinen Leuten drei Stunden unbezahlter Mehrarbeit pro Woche abgehandelt. Rechnet man die kostenlosen Überstunden ein, liegt die Bezahlung nach Angaben des Betriebsrates unter dem Tarif, nicht darüber. Firmenchef Mennekes weißt diese Kritik zurück: Auch mit verlängerter Arbeitszeit bezahle er knapp besser als notwendig. Wie dem auch sei: Derartige Kompromisse haben etwas mit der familiären Kultur mittelständischer Firmen zu tun. Chef, Manager und Belegschaft wohnen in einer Gegend, man begegnet sich bei der Karnevalsfeier und im Sportverein. Anders als in anonymen Großkonzernen schafft die Nähe gegenseitiges Verständnis und wechselseitige Verpflichtung.


    Ihren Wert gewinnt die Marke Mennekes außerdem durch die demonstrativ guten Beziehungen, die der Inhaber zur hohen Politik pflegt. Früh engagierte sich Walter Mennekes im Beirat der Hannover-Messe, wo er Bundeskanzler Helmut Kohl kennenlernte. Als dieser einst bei seinem Messerundgang den Stand der Firma besuchte, entschuldigte sich Mennekes scherzhaft für die rote Farbe seiner Stecker, die mit dem Schwarz der konservativen Kohl-Partei CDU nicht harmoniere. „Rot ist doch eine schöne Farbe“, ließ sich da aus der Delegation eine andere Stimme vernehmen. Sie gehörte Kohls Nachfolger, dem späteren sozialdemokratischen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Dessen Asien-Reise, zu der er auch Walter Mennekes einlud, dürfte die Geschäftsbeziehungen der Firma ebensowenig getrübt haben, wie die Lateinamerika-Reise, die SPD-Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Walter Mennekes an den Panama-Kanal führte.

  • Ruhe vor dem Sturm

    Kommentar

    Überall ist Krise, nur am Arbeitsmarkt geht der Abschwung weitgehend vorbei. Das ist die Ruhe vor dem Sturm. Die Kurzarbeiterregelung hat bislang schlimmeres verhindert. Die bisher moderate Entwicklung ist ein doppelter Erfolg der Bundesregierung. Denn das hohe Maß an Beschäftigung hält Menschen in Arbeit und die Konsumenten bei Laune.

    Die weiteren Aussichten sind düster. Bei den ersten Betrieben läuft die im Winter beantragte Arbeitszeitverkürzung demnächst aus. Schon im kommenden Monat könnte die Bilanz der Arbeitsagentur deshalb deutlich schlechter aussehen. Noch immer halten insbesondere mittelständische Industrieunternehmen, auf bessere Zeiten hoffend, an ihrer Stammbelegschaft fest. Doch ohne Aufträge gibt es keine Arbeit. Irgendwann muss auch der verständigste Arbeitgeber die Notbremse ziehen und Personal abbauen. Eine Weile werden die Konjunkturprogramme vielleicht noch ihre Wirkung entfalten. Danach geht es rasant abwärts.

    Sorge bereitet, dass im Köcher der Arbeitsmarktpolitiker nun keine Pfeile mehr sind. Wenn die Wirtschaft nicht wieder anspringt, steuern einige Regionen in Deutschland harten Zeiten entgegen. Gerade die Klassenbesten trifft es. Überall dort, wo man bisher auf den Titel des Exportweltmeisters stolz war, schlägt die Krise am stärksten zu.
    Nun muss die Suche nach neuen Wegen in der Arbeitsmarktpolitik beginnen, damit während der bevorstehenden Härteprobe möglichst viele Jobs erhalten bleiben. Die Aufgabe ist viel schwieriger als zu Beginn des Jahrzehnts. Damals waren verkrustete Strukturen für einen guten Teil der Arbeitslosigkeit verantwortlich. Das ließ sich ändern. Heute fehlt die Arbeit. Da ist die Politik machtlos.

  • Sparer büßten durch Krise 260 Milliarden Euro ein

    „Gefühlter Verlust“ höher als der tatsächliche / Pro Kopf 1.700 Euro verloren

    Die privaten Haushalte in Deutschland haben durch die Finanzkrise einen Wertverlust von 260 Milliarden Euro erlitten, im vergangenen Krisenjahr aber auch 120 Milliarden Euro neu zur Seite gelegt. Das gesamte Geldvermögen ging daher zwischen 2007 und 2008 um drei Prozent auf 4,4 Billionen Euro zurück. „Wir sind jetzt auf dem Stand von 2006“, sagte der Freiburger Forscher Bernd Raffelhüschen am Dienstag in Berlin. Im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge hat der Wissenschaftler die Folgen der Krise für die Sparer untersucht.

    Statistisch betrachtet hat jeder Einwohner 1.700 Euro eingebüßt. Die Wahrnehmung in der Bevölkerung ist allerdings ganz anders. Eine Umfrage des Instituts ergab, dass der gefühlte Verlust vier Mal so hoch war wie der tatsächliche. „Es ist eine massive Überschätzung da“, wundert sich Raffelhüschen. Ähnlich falsch lieben die Bürger sonst nur bei der Preisentwicklung. Die Teuerung wird oft höher eingestuft als die Inflationsrate tatsächlich ist. Hohe Verluste mussten vor allem Haushalte mit hohem Geldvermögen hinnehmen, die sich stark in Aktien oder Fonds engagiert haben. Rentner haben dagegen nur in seltenen Fällen in Erspartes verloren.

    Auf die langfristige Altersvorsorge wirkt sich die Finanzkrise vermutlich nur in geringem Umfang aus, es sei denn, die Wirtschaft bleibt im Dauertief stecken. Davon müsse derzeit niemand ausgehen, sagte der Forscher.

  • Ackermann kritisiert die Regierung

    Merkel und Steinbrück hätten den Zusammenbruch des Bankensystems riskiert, sagt der Chef der Deutschen Bank im Untersuchungsausschuss des Bundestages

    Jovial und wichtig schreitet Deutsche-Bank-Vorstand Josef Ackermann den runden Saal ab. Den Mitgliedern des Untersuchungsausschusses reicht er die Hand, dann posiert er für die Kameras. Als sei er nicht Zeuge, sondern Vorsitzender des Bundestagsgremiums, beginnt der Banker mit einer Erklärung. Und spart nicht mit Kritik an der Bundesregierung: Im vergangenen September hätten Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) den Zusammenbruch des deutschen Bankensystem riskiert.


    Der Vorstand der Deutschen Bank war am Dienstag in den Untersuchungsausschuss des Parlaments geladen, der den Beinahe-Bankrott der Münchner Bank Hypo Real Estate (HRE) im September 2008 aufklären will. Verursacht durch die Finanzkrise stand das Institut vor dem Untergang, weil ihre irische Tochter Depfa keine Kredite von anderen Banken mehr bekam. Um den Zusammenbruch der HRE und weiterer Institute in Deutschland zu verhindern, unterstützen die Deutsche Bank, andere Privatbanken und die Bundesregierung das angeschlagene Geldhaus schließlich mit über 100 Milliarden Euro.


    Die entscheidenden Verhandlungen fanden am Wochenende des 27. und 28. September 2008 statt. Ackermann äußerte sich im Ausschuss befremdet darüber, dass Steinbrücks Staatssekretär Jörg Asmussen erst so spät begann, sich an den Rettungsversuchen zu beteiligen. „Wir waren erstaunt, dass Asmussen nicht früher kam“, sagte Ackermann, „es ging Zeit verloren. Man hätte alles effizienter machen können“. Ackermann bemängelte auch, dass er erst spät in der Nacht von Sonntag auf Montag mit Kanzlerin Merkel telefonieren konnte. Wenn die Regierung die Privatbanken unter Druck setzen wollte, so habe sie diese Taktik sehr weit getrieben. Quasi in letzter Minute vor der Öffnung der asiatischen Börsen am Montag verkündete man damals die Rettung der HRE. Hätte man dies nicht geschafft, wären weitere Banken in den Abgrund gerissen worden, so Ackermann.


    Aus Sicht der Bundesregierung stellt sich dieses Wochenende freilich anders dar. Merkel, Steinbrück und Asmussen wollten die Deutsche Bank und andere private Institute drängen, möglichst viel Geld für die angeschlagene HRE zur Verfügung zu stellen. Steuermittel sollten nur als letzte Konsequenz zum Einsatz kommen. Deshalb ließ sich die Regierung bei den Verhandlungen zunächst nicht blicken. Infolge diesen Drucks übernahmen die privaten Institute tatsächlich einen wesentlichen Teil der Rettungsmilliarden.


    Andererseits nahm Ackermann die Bundesregierung aber auch vor Kritik der Bundestagsopposition in Schutz. „Heute sind wir alle klüger“, sagte der Banker. Der schnelle Zusammenbruch der HRE sei im Frühjahr und Sommer 2008 kaum vorhersehbar gewesen. Erst die Pleite der US-Bank Lehman Brothers habe ihn unausweichlich gemacht. Alle Beteiligten, Banken wie Regierungen, hätten die Brisanz der Lage falsch eingeschätzt.


    FDP, Linke und Grüne wollen den Untersuchungsausschuss nutzen, um der Regierung Versäumnisse nachzuweisen. Die Opposition argumentiert, die Bundesregierung sei unvorbereitet in die Rettungsaktion für die HRE hineingestolpert. Die Bankenaufsicht habe frühe Warnhinweise im Laufe des Jahres 2008 ignoriert, erklärte der finanzpolitische Sprecher der Grünen, Gerhard Schick.


    Dies führt die Opposition auf Mängel der Bankenaufsicht zurück. So hätten die Bundesbank und Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) darauf verzichtet, an Aufsichtsratssitzungen der HRE teilzunehmen, obwohl sie das Recht dazu gehabt hätten. Ein Krisenstab aus Bundesbank und Bafin habe ebenfalls nicht existiert, so Schick. FDP-Abgeordneter Volker Wissing forderte „personelle Konsequenzen“ der Regierung.


    Dass die Bankenaufsicht in Deutschland, Europa und weltweit Defizite habe, räumte auch Ackermann ein. Er habe sich in dieser Frage „vom Saulus zum Paulus“ gewandelt, sagte er. Früher habe er es abgelehnt, dass Institutionen wie die Bundesbank oder die BaFin tiefere Einblicke in private Banken erhielten. Heute dagegen halte er es für sinnvoll, „wenn jemand von außen bestimmte Dinge hinterfragt“.


    Dringend verbesserungsbedürftig sei beispielsweise das Liquiditätsmanagement mancher Banken. Bei der HRE sei plötzlich das Geld versiegt. Auf diesen Extremfall sei das Institut nicht eingerichtet gewesen, so Ackermann.

  • Kontrolle lernen

    Kommentar zur HRE von Hannes Koch

    In persönlichen Krisen lernt man sehr viel über sich und andere. Auch darüber, wie das Leben insgesamt funktioniert. In der Politik ist das ähnlich. Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise erzeugt viele Lernfortschritte. Selbst manche der Beteiligten – Banker und Politiker – sind bereit, aus ihren Fehlern zu lernen. Einer dieser alten Missstände, den der Untersuchungsausschuss zur Bankenkrise nun zutage fördert, sieht so aus: Die Bankenaufsicht war ihrer Aufgabe nicht gewachsen.


    Beispielsweise Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der am Dienstag im Ausschuss aussagte, lässt jetzt den Gedanken an sich heran, dass die staatliche Aufsicht über mächtige Privatunternehmen nicht unbedingt schlecht sein muss. Wären doch Spezialisten der Bundesbank möglicherweise in der Lage, Fragen zu stellen, auf die die Banker nicht selbst kommen. Wenn die Aufsicht richtig gemacht wird, kann sie die Beaufsichtigten weiterbringen, sie vor eigenen Fehlern bewahren. Und auch bei den Wirtschaftsliberalen der FDP sind interessante Veränderungen zu bemerken. Stellt sich doch ein Abgeordneter wie Volker Wissing nun vor die Kameras und fordert im Namen seiner Partei einen „starken Staat“.


    Tatsächlich waren der Staat und die Bankenaufsicht zu schwach, um ab 2007 rechtzeitig gegen die sich auftürmende Krise zu intervenieren. Im Falle der angeschlagenen Bank Hypo Real Estate (HRE) aus München fehlten den Aufsehern einerseits die notwendigen Informationen, andererseits die Möglichkeiten, in die Geschäfte einzugreifen. Die Konsequenzen daraus müssen lauten: Die Bankenaufsicht braucht mehr Personal, um komplexe Informationen schneller auswerten zu können. Und sie braucht neue gesetzliche Möglichkeiten, um den Banken risikoreiche Geschäftsmodelle im Notfall zu untersagen. Beides lässt sich ändern. Das haben wir nun gelernt.

  • Bei Verspätung gibt es Geld zurück

    Neue Fahrgastrechte sind heute in Kraft getreten

    Ab sofort bekommen Fahrgäste Geld zurück, wenn ihr Zug stark verspätet am Zielbahnhof ankommt oder ausfällt. Denn heute treten die neuen Fahrgastrechte in Kraft.

    Fahrpreiserstattung

    Kommt der Reisende wenigstens 60 Minuten zu spät am Ziel an, erhält er 25 Prozent des Fahrpreises erstattet. Ab 120 Minuten gibt es die Hälfte der Ticketkosten zurück. Auf Wunsch wird der Betrag auf das Konto des Kunden überwiesen.

    Übernachtung

    Die Eisenbahnunternehmen müssen Kunden eine kostenlose Hotelunterkunft anzubieten, wenn wegen der Unpünktlichkeit von mehr als einer Stunde oder eines ausgefallenen Zuges eine Übernachtung erforderlich wird.

    Zeitkarten

    Besitzer von Streckenzeitkarten, wie zum Beispiel Wochen- und Monatskarten, werden pauschal je Verspätung ab 60 Minuten entschädigt. Im Nahverkehr gibt es in der zweiten Klasse 1,50 Euro und in der ersten Klasse 2,25 Euro zurück. Allerdings werden erst  Entschädigungsbeträge über vier Euro ausgezahlt. Inhaber von Zeitkarten im Nahverkehr müssen also mehrere Verspätungen geltend machen. Im Fernverkehr werden in der zweiten Klasse fünf Euro und in der ersten Klasse 7,50 Euro erstattet.

    Nahverkehr

    Ist abzusehen, dass der Fahrgast sein Ziel wenigstens 20 Minuten verspätet erreicht, weil sein Zug unpünktlich ist oder gar ausfällt, kann er auf einen anderen Zug ausweichen. Die zusätzlichen Kosten dafür werden erstattet. Bei stark ermäßigten Fahrkarten, wie zum Beispiel dem „Schönes-Wochenende-Ticket“ oder Länder-Tickets, gilt diese Regelung jedoch nicht. Liegt die planmäßige Ankunftszeit darüber hinaus zwischen 0.00 Uhr und 5.00 Uhr und hat der Zug mindestens 60 Minuten Verspätung, kann der Fahrgast auch auf ein Taxi umsteigen. Vorraussetzung: Es stehen keine preisgünstigeren öffentlichen Verkehrsmittel mehr zur Verfügung. Maximal 80 Euro gibt es für die Taxifahrt zurück.

    Ans Geld kommen

    Die Bahnen haben ein einheitliches Formular entwickelt. Darin werden die wichtigsten Angaben zur betreffenden Reise, sowie die notwendigen Daten zur Überweisung der Erstattung abgefragt. Das Frankfurter Servicecenter Fahrgastrechte bearbeitet die Fälle dann und klärt beispielsweise intern, welches Bahnunternehmen für den unpünktlichen Zug verantwortlich ist. Der umfangreiche Vordruck ist nur auf den ersten Blick kompliziert.

    Streitfälle

    Die Bahnen müssen Kunden nur entschädigen, wenn sie für den unpünktlichen Zug verantwortlich sind. Verhindert höhere Gewalt wie ein Orkan die planmäßige Fahrt, oder legt ein Unfall oder Selbstmörder die Strecke still, besteht kein Erstattungsanspruch. Streitfälle können auch bei der Frage entstehen, wie lange die Verspätung tatsächlich gedauert hat. Eine neue Schlichtungsstelle, die im Dezember ihre Arbeit aufnehmen will, soll in Zweifelsfällen zwischen Bahnen und Kunden vermitteln.