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  • Klimakanzler abgetaucht

    Ampel-Koalition versenkt Zukunftsthema

    Hitzewellen, Überschwemmungen, Wirbelstürme – das Klima auf der Erde wandelt sich. Die Folgen für die Menschen sind dramatisch. Seit Jahrzehnten weisen Forscher wie auch jetzt wieder der Weltklimarat auf die Gefahren hin, sollte sich die Erde weiter erwärmen. Und seit Jahrzehnten weigern sich Politiker, auf die Wissenschaftler zu hören. Oder sie erkennen die Probleme, wollen Gegensteuern und verhaken sich im Klein-klein der Tagespolitik oder parteilicher Eitelkeiten. Womit wir bei der deutschen Politik wären.

    Die Ampel-Koalition hat das Thema Erderwärmung und Klimawandel erkannt, der Koalitionsvertrag wirkte auch noch zukunftsorientiert. Allein: eine klare Vorstellung, wie Deutschland 2035 aussehen soll, wo es beim Klimaschutz stehen will, ist nicht zu erkennen. Das ist aber nötig, um zu klären, welche Maßnahmen wie vorangetrieben werden sollen. Und dann müssen auch alle dahinterstehen. Stattdessen: Die Grünen schlagen viel vor, gern garniert mit mehr staatlichen Vorschriften. Und die FDP? Wirkt wie eine Verhinderungspartei, die immer nur sagt, was nicht geht. Von einer liberalen Fortschrittspartei darf man mehr erwarten.

    Im Ergebnis werden sofort wirksame Maßnahmen wie ein Tempolimit ignoriert. Und die Regierung diskutiert, ob wir 2035 mit ineffizienten E-Fuels im Porsche über Sylt brettern dürfen. Dafür werden schon mal EU-Entscheidungen blockiert. Zu hoffen bleibt, dass die Nordsee dann noch genug Sylter Straßen übrig gelassen hat. Die SPD und der Klimakanzler? Leider abgetaucht. So bitter es ist: Die Ampel-Koalition versenkt gerade ein wichtiges Zukunftsthema.

  • Eine Frage des Vertrauens

    Warum die EZB den Zins anhebt

    Isoliert betrachtet sind die drei Bankpleiten in den USA Folgen schlechten Managements oder falscher Anlegeentscheidungen. Und auch die Probleme der Crédit Suisse, der zweitgrößten Schweizer Großbank, beruhen auf Fehlern der Führung und hausinternen Skandalen, riskanten Investitionen und verschleppten Reformen. In normalen Zeiten wären die drei US-Banken verkauft worden, nach einigen Tagen hätten sich alle wieder beruhigt. Und auch die Crédit Suisse wäre betrachtet worden als das, was sie ist: ein Sanierungsfall. So war es bereits 2021, als eine Hedgefonds-Pleite die Bank Milliarden kostete. Aber die Zeiten sind nicht normal. Sie sind vielmehr unsicher. Und in solchen Zeiten zählt Vertrauen mehr als nackte Zahlen.

    Die Situation nach der Corona-Pandemie, der Angriff Russlands auf die Ukraine, die geopolitischen Spannungen zwischen den USA und China – das alles belastet die Maschinerie der Weltwirtschaft. Und den Bankensektor, der mit Krediten und Investitionen das Schmiermittel liefert. Hinzu kommt die Inflation: Weltweit stiegen die Preise zunächst, weil die Wirtschaft nach der Pandemie schneller ansprang als gedacht. Dann befeuerte der Krieg, in dem Russland Energie als Waffe gegen Europa einsetzte und in dessen Folge vor allem Gas und Öl teurer wurden, die Teuerung.

    Die Zentralbanken rund um den Globus hoben die Zinsen an, was sie immer tun, wenn die Inflation zu sehr steigt. Wenn Geld teurer wird, dämpft das Investitionen und Ausgaben – und die Preise. Hohe Zinsen, Krieg, Machtblöcke auf Kollisionskurs: In einer solchen Situation sind die Finanzmärkte sehr angespannt. Und dann lösen drei kleinere US-Banken, die insolvent gehen, Unsicherheit aus. Investoren zweifeln an der Branche weltweit, ziehen ihr Geld ab, trennen sich von Aktien jener Institute, die ohnehin schwächeln – wie die Crédit Suisse.

    Was passiert, wenn Vertrauen schwindet, ließ sich während der Finanzkrise 2008 sehen. Die US-Investmentbank Lehman, ein internationales Schwergewicht, rutschte in die Pleite. Weltweit misstrauten sich die Banken danach, verliehen sich untereinander kein Geld mehr – es könnte ja sein, es komme nicht zurück. Das bremst jegliche Investitionen, gefährdet die Gesamtwirtschaft. Um Vertrauen zu schaffen und die Wirtschaft am Laufen zu halten, pumpten die Notenbanken weltweit praktisch beliebig viel Geld in die Märkte – der Beginn der Nullzins-Politik, die erst im vergangenen Jahr endete. Gleichzeitig wurden die Regeln für Kreditinstitute verschärft.

    In der aktuellen Situation hat die US-Notenbank bereits versucht, die Märkte zu beruhigen. Die Schweizer Nationalbank brachte die Crédit Suisse dazu, umgerechnet rund 51 Milliarden Euro anzunehmen. Offiziell ist es eine Anleihe, tatsächlich aber die staatliche Rettung der Bank. Das stellte das Vertrauen erst einmal wieder her.

    Die Europäische Zentralbank steckte in einem besonderen Dilemma: Sie musste am Donnerstag über die Leitzinsen entscheiden. Angekündigt war, sie von 3,0 auf 3,5 Prozent anzuheben. Sollte die EZB eingehen auf die Aufregung an den Finanzmärkten und die Zinserhöhung kleiner ausfallen lassen? Oder vorgehen wie geplant? Die Notenbanker entschieden sich für letzteres. Ein klares Signal: Sie halten die Banken für solide und robust, die Lage für weniger dramatisch – und konzentrieren sich auf die Inflation. Denn isoliert betrachtet ist sie mit zuletzt 8,5 Prozent in der Euro-Zone immer noch weit entfernt von jenen zwei Prozent, die als optimal gelten.

  • Die große Gefahr

    DIW-Chef Fratzscher über die Lage der Banken

    Pleiten bei Banken in den USA, Rettung für eine Schweizer Großbank, Sorge ums eigene Geld: Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), erklärt die Lage und, ob sich die Finanzkrise von 2008 wiederholt.

    Warum hat die Pleite der SVB vergangene Woche, einer Bank im Silikon Valley, Folgen für die europäischen Banken?

    Marcel Fratzscher: Die Pleite der SVB in den USA hat keine direkten Implikationen für europäische Banken, denn – anders als in der globalen Finanzkrise – haben europäische Finanzinstitutionen nicht oder kaum direkt in die SVB investiert. Die Sorge gilt vielmehr einer Vertrauenskrise, dass also Investoren in Europa befürchten, dass europäische Banken ähnliche Probleme haben könnten und dass sie daher Bankaktien verkaufen und Einlagen abziehen. Die große Gefahr sind so genannte sich selbsterfüllende Erwartungen, bei der die Befürchtung von Bankinsolvenzen dafür sorgt, dass Einlagen von diesen Banken abgezogen werden und sich die befürchteten Bankinsolvenzen dann bewahrheiten.

    Die Pleiten von inzwischen drei US-Banken und die Rettung der großen Schweizer Bank Crédit Suisse mit 50,7 Milliarden Euro erinnern an den Beginn der Finanzkrise. Wie unterscheidet sich die Lage heute von der 2008?

    Fratzscher: Die Lage ist heute bei weitem nicht so besorgniserregend wie vor der globalen Finanzkrise 2008. Es sind heute die starken Zinserhöhungen der Notenbanken, die viele Finanzinstitutionen überrascht hat und die zu massiven Verlusten geführt haben. Das Problem heute ist also nicht die systemische Abhängigkeit zwischen Finanzinstitutionen oder unzureichender Vorsorge in Bezug auf Liquidität und Eigenkapital, sondern die ungewöhnlich aggressive Geldpolitik.

    Wie gefährdet sind deutsche Banken? Müssen sich Kunden um ihr Geld bei Finanzinstituten sorgen?

    Fratzscher: Alle großen Notenbanken müssen eine enorm schwierige Abwägung zwischen Preisstabilität und Finanzstabilität tätigen. Eine weitere Erhöhung der Zinsen ist zwar kurzfristig hilfreich, um die hohe Inflation schneller in den Griff zu bekommen. Diese weitere Erhöhung führt jedoch zu noch stärkeren Verlusten bei vielen Finanzinstitutionen und gefährdet daher die Finanzstabilität. Wenn diese Zinserhöhungen zu systematischen Problemen bei vielen Banken führen, dann laufen die Zentralbanken Gefahr, dass die Volkswirtschaften in eine Rezession fallen und damit die Preise zu stark fallen und mittelfristig die Zentralbanken wiederum ihr Mandat der Preisstabilität noch länger und weiter verfehlen.

    Im Zuge der Finanzkrise haben die Notenbanken über die Nullzinspolitik weltweit Geld in den Markt gepumpt. Zuletzt sind die Leitzinsen gestiegen, um die Inflation einzudämmen. Welche Folgen haben weitere Zinserhöhungen wie jetzt die der EZB?

    Fratzscher: Meine Befürchtung ist, dass die EZB den Bogen ein wenig überspannt hat und eine schwächere Zinserhöhung in den vergangenen Monaten klüger gewesen wäre, um manche Probleme der Finanzstabilität zu vermeiden, ohne das Ziel der Preisstabilität zu kompromittieren. Die EZB und andere Notenbanken müssen jedoch ihre Glaubwürdigkeit wahren und Souveränität und Ruhe signalisieren. Daher hat auch die EZB entschieden, den bisher versprochen Pfad der Zinserhöhungen fortzuführen, um nicht eine Panik oder Überreaktionen in den Kapitalmärkten auszulösen.

    Welche Aufgaben kommen auf die Bundesregierung tun?

    Fratzscher: Die Bundesregierung muss Ruhe bewahren und sich mit der eigenen Bankenaufsicht eng abstimmen, so dass vulnerable Banken in Deutschland frühzeitig identifiziert und notwendige Korrekturen eingeleitet werden können. Der Bundesfinanzminister läuft jedoch Gefahr, an Glaubwürdigkeit zu verlieren, da er nun versprochen hat, dass es keine Probleme im deutschen Finanzsystem gibt. Dies kann man jedoch so pauschal nicht sagen, zahlreiche Sparkassen mussten bereits deutliche Verluste einräumen und andere Finanzinstitutionen werden zweifelsohne folgen. Transparenz und Ehrlichkeit sind essenziell, um Glaubwürdigkeit und Handlungsfähigkeit zu wahren.

  • Abschied ist kein Verbot

    Die FDP wirft SPD und Grünen vor, Öl- und Gasheizungen verbieten zu wollen. Das stimmt nicht – nur in Neubauten sollen die fossilen Geräte nicht mehr installiert werden dürfen.

    Die Stimmung in der Bundesregierung ist gerade turbulent. Aktueller Quell großer Aufregung sind die Öl- und Gasheizungen. Diese mit fossiler Energie befeuerten Wärmelieferanten unter anderem in Wohnhäusern sollen in den kommenden Jahrzehnten allmählich aus dem Verkehr gezogen werden – einen entsprechenden Gesetzentwurf bereiten das Bau- und das Wirtschaftsministerium vor. Nun kritisiert die FDP, Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) wolle Öl- und Gasheizungen „verbieten“.

    Das erscheint aus zwei Gründen erstaunlich. Zum einen hat die Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP die Reform vor einem Jahr gemeinsam beschlossen. Wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine und der Notwendigkeit zum Klimaschutz will man von den fossilen Energien wegkommen.

    Zweitens ist im Gesetzentwurf keine Rede von einem kompletten Verbot fossil betriebener Heizungen – was für Hauseigentümer und Mieter teuer werden könnte. Die treffende Formulierung ist eher, dass Öl- und Gasheizungen „auslaufen“ sollen. Wobei Vorsicht geboten ist: Eine Variante des unfertigen Gesetzentwurfs mit dem Datum 15. Februar 2023 liegt dieser Zeitung zwar vor. Allerdings ist der Text noch nicht zwischen den Regierungsparteien abgestimmt, manche Formulierungen werden sich ändern.

    Ein zentraler Punkt ist dieser: Öl- und Erdgasheizungen, die in Ein- oder Mehrfamilienhäusern in Betrieb sind, haben 30 Jahre Bestandsschutz, gerechnet vom Zeitpunkt des Einbaus. Eigentümer, die sich beispielsweise 2010 eine neue Gasheizung in den Keller gestellt haben, dürfen sie bis 2040 weiterbetreiben. 2045 solle allerdings für alle fossilen Geräte Schluss sein, heißt es im vorliegenden Entwurf.

    Geht eine Heizung in bestehenden Gebäude allerdings so kaputt, dass sie ausgetauscht werden muss, ist sie ab Anfang 2024 durch eine ökologische Variante zu ersetzen. Dafür nennt der Gesetzentwurf verschiedene Möglichkeiten: etwa Öl- und Gasheizungen in Kombination mit Wärmepumpen, die mindestens 65 Prozent der Heizlast tragen. Die Idee: Die fossilen Heizungen arbeiten nur noch an den kalten Tagen, wenn die mit Ökostrom betriebenen Wärmepumpen das Duschwasser und die Heizungen nicht ausreichend erwärmen können. Weitere Varianten sind etwa Geräte, die mit Holz, Sonnenenergie oder Wasserstoff laufen. Um die Hausbesitzer:innen und Mieter:innen im Havariefall nicht zu überfordern, werde man „pragmatische Übergangslösungen und mehrjährige Übergangsfristen“ ins Gesetz schreiben, heißt es aus Regierungskreisen.

    „Nur in neuen Gebäuden sollen ab 2024 keine Öl- und Gasheizungen mehr eingebaut werden“, erklärte Christina-Johanne Schröder, Baupolitikerin der Grünen im Bundestag. In Neubauten dürften dann nur Fernwärmeanschlüsse, Wärmepumpen oder strombetriebene Geräte installiert werden, die möglichst mit Ökoenergie laufen.

    Trotzdem warf FDP-Klimapolitiker Michael Kruse Wirtschaftsminister Habeck eine „Verschrottungsorgie von Heizungen“ vor. Diese sei weder ökologisch noch ökonomisch sinnvoll. Auch FDP-Fraktionschef Christian Dürr betonte, dass seine Fraktion keinem „Verbot von Öl- und Gasheizungen“ zustimmen werde. Wobei er hinzufügte, dass ihm gar kein „Entwurf zum Verbot“ vorliege.

    Die Abstimmung des Gesetzes in der Regierung dürfte nun einige Wochen in Anspruch nehmen. „Ich bin mir sicher, dass die FDP auch mit an Bord ist“, sagte die Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion, Katja Mast. Für ihre Fraktion sei wichtig, dass es eine Förderung für den Umstieg auf umweltfreundliche Heizungen gebe.

    „Die Regelungen müssen so technologieoffen wie und pragmatisch möglich sein“, sagte Frank Ebisch vom Zentralverband des Sanitär- und Heizungshandwerks. „Die Regierung sollte die finanzielle Förderung so gestalten, dass der Umbau die Immobilieneigentümer nicht überfordert.“ Wärmepumpen seien nicht die einzige Lösung.

    Ähnlich äußerte sich der Verband der Heizungsindustrie. Vor dem „Hintergrund des heterogenen Gebäudebestands“ müssten unterschiedliche technische Lösungen zum Zuge kommen. „Nur mit einem umfangreichen Produktportfolio lassen sich die Ziele der Wärmewende für die Haushalte bezahlbar umsetzen.“ Diese Wünsche der Wirtschaft scheint die Bundesregierung aufzunehmen, indem sie eine Palette von Möglichkeiten anbietet – unter anderem Hybridlösungen mit Gas und Wärmepumpen, Sonnenenergie, Biomasse, Wasserstoff.

    In anderen europäischen Ländern ist der Umstieg auf klimafreundliche Wärmegewinnung in Gebäuden ebenfalls im Gange. Frankreich hat über vier Millionen Wärmepumpen installiert. Diese Geräte decken den Wärmebedarf in Norwegen bereits zu rund 60 Prozent sowie in Schweden und Finnland zu etwa 40 Prozent ab. Hierzulande kamen im vergangenen Jahr gut 200.000 Wärmepumpen hinzu, im Vergleich zu 600.000 Gasheizungen.

  • Die große Sparlücke

    Frauen können weniger zurücklegen

    Für die Altersvorsorge ist sie wichtig, aber wenige wollen oder können sich mit Geldanlage beschäftigen. Vor allem Frauen fühlen sich schlecht informiert, haben deutlich weniger Geld zur Verfügung als Männer und sorgen sich um ihr Auskommen im Alter, wie eine repräsentative Umfrage des Bankenverbands ergibt. Immerhin: Wenn sie investieren, stecken sie mehr Geld in Aktien, die langfristig mehr Ertrag versprechen als andere Anlagen.

    „Ohne finanzielle Unabhängigkeit gibt es keine Freiheit. Denn ohne eigenes Geld fehlt der Spielraum, Entscheidungen selbstbestimmt zu treffen“, sagt Henriette Peucker, Stellvertreterin des Hauptgeschäftsführers beim Bankenverband. „Vor diesem Hintergrund sind die Ergebnisse unserer Studie besonders ernüchternd: Frauen beurteilen ihre wirtschaftliche Situation nicht nur weniger gut, sondern haben monatlich im Durchschnitt tatsächlich auch rund 400 Euro weniger zur freien Verfügung als Männer.“ Die Marktforscher von Infas Pro aus Nürnberg befragten für die Studie Anfang Februar bundesweit mehr als 1300 Personen.

    Rund 1000 Euro können Frauen im Schnitt frei ausgeben. Wobei der Wert etwas durch besonders hohe Einkommen verzerrt ist: 72 Prozent der Befragten gaben an, über weniger als 1000 Euro verfügen zu können. Und das hat Folgen für die Altersvorsorge: Frauen können weniger zurücklegen. Etwas mehr als ein Viertel der Frauen spart bis zu 100 Euro monatlich, bei den Männern ist es ein Fünftel. Mehr als 200 Euro legen 28 Prozent der Frauen zurück, bei den Männern sind es 38 Prozent.

    Wer weniger sparen kann, hat später weniger zur Verfügung: Die Hälfte der Frauen erwartet der Studie zufolge, dass es ihnen im Alter nicht so gut gehen wird, bei Männern ist es mehr als ein Drittel. Aber auch diejenigen, die sich finanziell gut oder sehr gut aufgestellt sehen, müssen zum Teil ihren Lebensstil ändern. „71 Prozent der Frauen denken, dass sie sich zur Rente hin deutlich einschränken werden müssen, von den Männern glauben das von sich lediglich 55 Prozent“, sagt Peucker. „Diese Situation ist nicht hinnehmbar.“

    Frauen halten sich beim Sparen möglicherweise auch zurück, weil sie zu wenig über Finanzthemen wissen. 25 Prozent von ihnen  interessieren sich stark oder sehr stark für Finanz- und Wirtschaftsthemen, bei Männern sind es 49 Prozent. Letztere behaupten auch, sich gut in Geldfragen auszukennen: Drei Viertel der Männer sehen das so, aber nur knapp die Hälfte der Frauen. Vor allem beim Börsenwissen hapert es: 71 Prozent der Frauen und 52 Prozent der Männer erklärten, keine Ahnung davon zu haben, was an der Börse geschieht.

    Die Umfrage offenbart auch, dass viele Geldanlagen und Bankgeschäfte zu kompliziert finden. Das sagt nichts darüber, ob Geldanlagen und Bankgeschäfte wirklich schwierig und eher undurchsichtig sind. Das Gefühl könnte aber ein Grund sein, warum viele solche Themen nur ungern oder gar nicht angehen. Vor allem in der Schule und von den Banken wünschen sich alle Befragten mehr Informationen.

    Am wichtigsten bei der Geldanlage ist allen Befragten Sicherheit – mit weitem Abstand vor Gewinn und Verfügbarkeit. Im Vergleich zur Umfrage 2019 sind allerdings alle etwas mutiger geworden. Für künftige Geldanlagen können sich 43 Prozent der Männer vorstellen, ein höheres Risiko einzugehen. Frauen sind deutlich zurückhaltender: Bei Ihnen sind es nur 20 Prozent.

    Möglicherweise deshalb setzten sie 2023 wie auch schon 2019 am liebsten auf ein Sparbuch (36 Prozent) oder auf Tagesgeld (34 Prozent). Beide Anlageformen brachten in den vergangenen Jahren wegen der Niedrigzinsphase praktisch keine Erträge, hatten aber auch kein Verlustrisiko, anders als Aktien oder Aktienfonds. Und hier zeigt die Umfrage eine deutliche Änderung: „Frauen investieren wesentlich mehr in Aktien als noch 2019. Das ist eine erfreuliche Entwicklung“, sagt Peucker. „Heute besitzen 30 Prozent der Frauen Aktien, Fonds oder andere Wertpapiere – 2019 waren es nur 18 Prozent.“ Bei Männern sind es allerdings 47 Prozent. Wobei auch sie auf Tagesgeld (39 Prozent) und Sparbücher (32 Prozent) setzen.

    „Bei Frauen wie bei Männern haben Wertpapiere und Tagesgeld gegenüber 2019 am stärksten zugelegt, wobei fehlende Kenntnisse viele Frauen noch immer vom Wertpapierkauf abhalten“, fasst Bankenverbands-Vizechefin Peucker zusammen. „Wir stellen fest, dass die Distanz zwischen Frauen und Wirtschaft weiterhin groß ist. Nur wer die Vorteile eines Vermögensaufbaus an der Börse versteht, kann jedoch sinnvoll und langfristig vorsorgen.“

  • Das fehlende Vertrauen

    Gute Zahlen bei Bayer besänftigen kaum

    Ganz zum Schluss lächelt der scheidende Bayer-Chef doch noch. Eineinhalb Stunden haben er und sein Vorstandsteam die Zahlen für 2022 erklärt. Topp-Werte, üppige Dividende, sehr gute Produktpipeline, etwas verhaltener Ausblick. Eine geradezu klinisch reine Veranstaltung und im krassen Gegensatz zu dem, was in den vergangenen Wochen so Thema war: Zerschlagung, unzufriedene Großaktionäre, der mehr oder weniger unfreiwillige Abgang Baumanns. Was ist los beim größten deutschen Pharma- und Agrochemiekonzern?

    Rein von den Zahlen her läuft es: rund 51 Milliarden Euro Umsatz, preis- und währungsbereinigt 8,7 Prozent mehr als 2021, Betriebsergebnis um mehr als ein Fünftel gestiegen, Gewinn vervierfacht. Die Agrochemie-Sparte ist kräftig gewachsen, die Pharmasparte mit den verschreibungspflichtigen Medikamenten legt zu, hat zahlreiche vielversprechende Blockbuster in Planung oder auf dem Markt. Dahinter verbergen sich Medikamente mit einem Umsatz von jährlich mehr als einer Milliarde Euro. Und die kleine Sparte Consumer Health mit den frei verkäuflichen Arzneimitteln wie Aspirin und Bepanthen-Salbe gedeiht ebenfalls. Die Dividende soll um 20 Prozent auf 2,40 Euro je Aktie steigen. Warum also muss Baumann, der oberste von 101.000 Mitarbeitern Ende Mai vorzeitig gehen?

    „Bayer hat kein strategisches Problem, Bayer hat ein Vertrauensproblem. Das machte sich am Konzernchef fest“, sagt Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Als der Aufsichtsrat im Februar verkündete, Baumanns Vertrag vorzeitig auslaufen zu lassen, und als Nachfolger den Amerikaner Bill Anderson vorstellte, derzeit Pharmachef des Schweizer Konzerns Roche, sprang der Bayer-Aktienkurs nach oben, die internationalen Anleger überzeugte der Neue. „Mit Baumann wäre der Aktienkurs nie gestiegen“, sagt Tüngler. „Allein, dass der Kurs ausschlug, als sein Abschied bekannt wurde, zeigt, was möglich ist.“

    Baumann ist seit 35 Jahren im Konzern. Als er 2016 Chef wurde, hatte sein Vorgänger Bayers Wert in bisher ungeahnte Höhen getrieben. Baumann nutzte das und setzte einen jahrelang immer wieder diskutierten Plan um: den US-Konzern Monsanto kaufen, um weltweit die Nummer 1 bei Agrochemie zu werden. Die Idee: Die Weltbevölkerung wächst, die landwirtschaftliche Fläche nicht. Alle satt zu bekommen, erfordert ertragreichere Pflanzen, guten Pflanzenschutz, mehr Digitalisierung. Ein Zukunftsgeschäft.

    Bayer schluckte Monsanto für umgerechnet 60 Milliarden Euro, die bis dahin teuerste Auslandsübernahme durch einen deutschen Konzern. Inzwischen ist Bayer mit knapp über 56 Milliarden Euro insgesamt weniger wert, als der Zukauf gekostet hat. Die Übernahme brachte nicht nur Schulden, sondern auch Klagen wegen des Pflanzenschutzmittels Glyphosat, das Krebs auslösen soll, was aber nicht nachgewiesen ist. Von rund 154.000 Fällen sind inzwischen 109.000 beigelegt oder abgelehnt. Insgesamt hat Bayer 16 Milliarden Dollar für Vergleiche zurückgestellt, etwa 9,5 Milliarden Euro wurden ausgezahlt.

    Der Fall belastete den gesamten Konzern. Der Aktienkurs fiel. Und wie immer in den vergangene Jahren, wenn es nicht rund lief, tauchten diejenigen auf, die das Geschäftsmodell anzweifelten. Finanzinvestoren, die sich mit kleineren Anteilen an Konzernen beteiligen und aggressiv versuchen, ihr Ziel umzusetzen und mit Gewinn wieder auszusteigen. Hier halten sie drei einzelne Unternehmen für wertvoller als einen Bayer-Konzern mit drei Sparten.

    Nun ist das Vorgehen solcher aggressiver Investoren nicht von sich aus verwerflich, sie zeigen Probleme auf. Sind Strategie und Management gut, sieht keiner solcher Investoren eine gute Chance auf Gewinn. Bei Bayer allerdings bemängelten auch Deka und Union Investment, die großen Fondsgesellschaft der Sparkassen und der Genossenschaftsbanken, die Konzernführung und die Struktur des Unternehmens.

    Markus Manns, Fondsmanager bei Union Investment, sagt: „Werner Baumann verabschiedet sich mit einem soliden Zahlenwerk. Aber der Ausblick für dieses Jahr ist enttäuschend, genau wie der langsame Schuldenabbau.“ Die Anleger sahen das ähnlich: Bayers Aktienkurs fiel. Manns vermutet, dass der Ausblick absichtlich schwach ausfällt, um „Bill Anderson einen guten Start zu ermöglichen“. Wobei Manns der Zustand Bayers insgesamt nicht gefällt: „Baumann übergibt ein sanierungsbedürftiges Unternehmen, an dem die Schäden durch den „Hurrikan Glyphosat“ so gut es ging ausgebessert wurden und die ersten Reparaturarbeiten an der Bausubstanz begonnen haben.“

    Ob sich die Zerschlagung Bayers in drei Teile mit dem Abschied Baumanns erledigt hat? Unwahrscheinlich. Manns schlägt vor, Consumer Health über die Börse auszugliedern, um Bayer mit den anderen beiden Sparten zu retten. Die Aktionäre profitieren von einem solchen Spin-off, haben sie dann doch neben der Bayer-Aktie eine weitere im Depot. Das könnte die Finanzinvestoren beruhigen. Der Konzern profitiert eher nicht, bekommt er doch kein frisches Geld, um etwa Schulden zu tilgen oder das Pharma-geschäft zu stärken.

    Also verkaufen? Aktionärsschützer Tüngler ist nicht überzeugt: „Die Sparte Consumer Health jetzt zu verkaufen nur um des Verkaufens willen ist falsch. Lassen wir Bill Anderson erst einmal antreten und seine Strategie formulieren. Wenn dann Geld benötig wird etwa, um das Pharmageschäft aufzuwerten, kann man über Verkäufe nachdenken.“ Für Baumann ist das alles nicht mehr Thema. Auf die Frage, was er nach seinem Abschied bei Bayer machen werde, bricht sich beim 60-Jährigen nach gut eineinhalb Stunden maximal neutralen Verhaltens vor den Kameras der Bilanzpressekonferenz das Lächeln Bahn, wenn auch nur kurz: „Alles noch offen.“

  • Energie als Waffe

    Deutschland löst sich von russischem Gas

    Russland setzt im Krieg gegen die Ukraine auch Energie als Waffe ein – schließlich ist der Angreifer einer der größten Öl- und Gaslieferanten der Welt. Das traf vor allem Deutschlands Unternehmen und Haushalte. Inzwischen hat sich die Lage deutlich entspannt.

    Wie konnte es zum Energiemangel kommen?

    Jahrzehntelang hat Deutschland auf billiges Gas und Öl aus Russland gesetzt und sich so abhängig gemacht. 2021 kamen bis zu 55 Prozent des verbrauchten Gases aus Russland – unter anderem durch die Pipeline Nord Stream in der Ostsee. Öl floss durch die Druschba-(Freundschaft)-Pipeline. Der staatliche russische Energieriese Gazprom hatte über die Deutschland-Tochter Gazprom Germania zudem Zugriff auf deutsche Pipelines und Gasspeicher.

    Als Russland die Ukraine überfiel, waren die Speicher recht leer. Und der Weltmarkt gab zunächst nicht genug Gas her, um die russischen Liefermengen zu ersetzen. Gleichzeitig drohte Russland mit Lieferstopps. Die Sprengung der Ostseepipelines durch Unbekannte trug zusätzlich zur Unsicherheit bei. In der Folge legten die Energiepreise kräftig zu – und heizten die Inflation an, die nach dem Ende der Corona-Pandemie ohnehin schon gestiegen war. Zudem verteuerten sich Produkte, für deren Herstellung viel Energie nötig ist, Brot etwa. Im Schnitt kosteten Waren im vergangenen Jahr 6,9 Prozent mehr als 2021.

    Wie sehr hat es Deutschland getroffen?

    Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin beziffert die Verluste auf bis zu 100 Milliarden Euro. So viel hätte die Volkswirtschaft zulegen können, wäre Energie nicht infolge des Ukraine-Kriegs teurer geworden. Zudem musste der Staat in bisher ungeahntem Ausmaß  ins Marktgeschehen eingreifen: Er verstaatlichte Gazprom Germania, heute Sefe (Securing Energy for Europe), und Uniper. Den Düsseldorfer Energiekonzern, bisher größter Importeur von Gas aus Russland, vor der Pleite zu retten, kostet Milliarden. Zudem deckelt der Staat Gas und Strompreise für Industrie und Haushalte bis Frühjahr 2024. Und auch die schwimmenden Flüssiggastanker, über die jetzt Gas importiert wird, hat der Bund gemietet. Bezahlt wird das aus dem Bundeshaushalt und damit letztlich von allen. Das Ausmaß ist bisher nicht bekannt. Deutschland ist es allerdings binnen eines Jahres gelungen, sich von der Gasabhängigkeit zu befreien – ohne in eine tiefe Rezession zu stürzen.

    Woher bekommt Deutschland jetzt Gas und Öl?

    Norwegen ist zum wichtigsten Gaslieferanten Deutschlands aufgestiegen. Beide Länder sind über eine Pipeline in der Nordsee verbunden. Zuletzt kam nach Angaben des Branchenverbands Zukunft Gas gut ein Drittel des benötigten Gases aus dem skandinavischen Land. Über Pipelines liefern auch Belgien und die Niederlande, wo Gas per Schiff anlandet. Deutschland importiert inzwischen über mehrere schwimmende Flüssiggasterminals auch aus Qatar und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Experten erwarten, dass künftig die USA wichtigster Gaslieferant sein werden, weil sie viele Anlagen zum Verflüssigen des Gases haben und recht flexibel liefern können.

    Bei Öl war Deutschland nicht so abhängig von Russland wie bei Gas. Der Rohstoff wird weltweit eingekauft und kommt zu großen Teilen per Tanker. Künftig soll Kasachstan durch die Druschba-Pipeline liefern.

    Wird Energie wieder billiger?

    Die Großhandelspreise sinken seit Monaten. Kostete eine Megawattstunde des wichtigen Dutch TTF Ende August mehr als 308 Euro, sind es inzwischen knapp über 50 Euro. Ein Grund: Deutschland hat LNG-Terminals eröffnet. Inzwischen ist genug Gas in Europa vorhanden, der Winter ist mild, die Speicher sind gefüllt. Dennoch: Die Preise liegen immer noch über jenen rund 20 Euro je Megawattstunde, die im Schnitt vor Corona bezahlt werden mussten. Das es je wieder so billig wird, bezweifeln Experten. Und bis die sinkenden Großhandelspreise beim Endkunden ankommen, kann es noch dauern. Denn die Gasversorger kaufen Gas überwiegend mit länger laufenden Verträgen. Und die Kunden haben meist ebenfalls länger laufende Verträge. So dauert es, bis höhere Preise beim Gaskunden ankommen, ebenso sinken die Preise später.

    Welche Folgen hat der Ukraine-Krieg für die Energiewende?

    Weil Gas teuer und vor allem knapp war, musste vor allem Strom aus anderen Quellen kommen – vor allem aus Kohlekraftwerken. Dabei sollten die wegen des hohen CO2-Ausstoßes nach und nach abgeschaltet werden. Der Anteil der Kohle an der Bruttostromerzeugung stieg nach den Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen von 27,8 Prozent 2021 auf 31,4 Prozent 2022. Allerdings legten auch Windkraft und Photovoltaik von 28,5 auf 32,4 Prozent zu.

    Vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel heißt es, der Krieg habe den Umbau der deutschen Energieversorgung hin zu Erneuerbaren Energien beschleunigt. Wasserstoff-Technologie etwa wird plötzlich stärker verfolgt, weil energieintensive Industrien weg vom teuren Erdgas wollen. Neue Allianzen entstehen, etwa mit Australien oder Afrika, wo sehr viel Sonnen- und Windstrom zur Verfügung steht, um Wasserstoff umweltfreundlich herzustellen.

    Hat Deutschland die Krise hinter sich?

    Dank des milden Winters und weil viele Haushalte und Firmen sparen, verbraucht Deutschland weniger Gas als in einem durchschnittlichen Jahr. Deshalb sind die Speicher nach Zahlen von Gas Infrastructure Europe in Deutschland zu mehr als 71 Prozent gefüllt. Vor einem Jahr waren es am Vorabend des russischen Angriffs auf die Ukraine knapp 30 Prozent. Dennoch gilt der nächste Winter gilt als kritisch. Wichtig dabei: Haushalte und Industrie sparen weiter. Vor allem in der Industrie ist das nicht sicher. Denn einige Unternehmen haben schlicht Produktion still gelegt. Wenn die Nachfrage anzieht, sollten die Anlagen auch wieder hochgefahren werden.

    Wie lässt sich die Speicherkapazität erweitern?

    Deutschland gehört bereits zu den großen Speichernationen weltweit, steht für gut ein Viertel der europäischen Kapazität. Sind die Speicher voll, reichen sie für gut drei, ist es warm sogar für vier Monaten – für Haushalte und Industrie. Weil die Gasmengen so groß sind, werden sie unterirdisch gespeichert – in künstlich geschaffenen Hohlräumen in Salzstöcken oder natürlich entstandene Porenspeichern, oft ehemalige Gas oder Öllagerstätten. Neue Speicher ließen sich anlegen, das kostet allerdings. Bisher scheint sich das noch für kein Speicherunternehmen zu rechnen.

  • Wie der Krieg die Wirtschaft trifft

    Deutschland muss sich neu orientieren

    Russlands Angriff auf die Ukraine und die darauf folgenden Sanktionen haben die Weltwirtschaft seit Februar 2022 stark getroffen. Doch nicht alle Länder sind gleich belastet. Manche profitieren von den Folgen des Krieges – in Teilen sogar Deutschland.

    „Wegen des Ukraine-Kriegs und der Sanktionen dürfte die Weltwirtschaft grob um einen knappen Prozentpunkt weniger wachsen“, sagt Klaus-Jürgen Gern, Leiter internationale Konjunkturprognose beim Institut für Weltwirtschaft in Kiel. „Bei den fortgeschrittenen Volkswirtschaften in Europa sind es eher 1,5 bis zwei Prozentpunkte.“

    Hauptproblem für viele Länder waren die steigenden Energiepreise. Russland gehört zu den größten Öl- und Gasexporteuren der Welt. Die gelieferten Mengen ließen sich nur schwer in anderen Ländern bekommen. Entsprechend teurer wurden Gas und Öl. Auch herrschte eine gewisse Panik, was die Preise zusätzlich trieb.

    Russland wie die Ukraine sind große Getreideexporteure, auf die besonders ärmere Regionen der Welt angewiesen sind. Der Krieg und seine Folgen habe auch die Preise von Getreide steigen lassen, sagt Gern. „Das trifft arme Länder besonders, aber auch einige europäische Staaten, in denen die Menschen für Nahrungsmittel 25 Prozent und mehr ihres Einkommens ausgeben.“

    Vor allem westliche Staaten verhängten Sanktionen gegen Russland. „Entscheidend ist, dass Russland seine Importnachfrage nicht erfüllen kann, dass bestimmte Bauteile nur schwer und nicht in ausreichender Menge zu bekommen sind. Das betrifft auch Konsumgüter“, erklärt IfW-Konjunkturexperte Gern. Vor allem hochwertiges Material fehlt, besonders Halbleiter und Steuerungselektronik.

    So hält die staatliche russische Fluggesellschaft Aeroflot nur noch einen Teil ihrer Airbus-Maschinen in der Luft, weil sie andere als Ersatzteillager benutzen muss. Der Autohersteller Lada liefert Fahrzeuge jetzt ohne ABS und Airbag aus. „Die russische Wirtschaft wird primitiver“, heißt es beim Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft. Das hat auch damit zu tun, dass Fachkräfte das Land verlassen. Allein 100.000 IT-Fachkräfte verabschiedeten sich 2022 nach offiziellen Kreml-Zahlen.

    Viele russische Unternehmen versuchen, Teile über andere Länder zu beschaffen, wenn sie sie direkt im Westen nicht bekommen, etwa über China, Indien, Kasachstan, die Türkei. Das dauert und kostet deutlich mehr als früher, wie ein Beobachter sagt. Für die russischen Firmen seien die Mengen nicht kalkulierbar, ebenfalls nicht, ob die richtigen Teile kämen. Garantien gebe es auch nicht, etwa für Iphones des US-Herstellers Apple, die oft durch die Hände von mehreren Zwischenhändlern liefen. Sie verlangten auch deutliche Preisaufschläge – wegen des Risikos und weil der Bedarf in Russland hoch sei.

    Auch Bezahlen ist komplizierter. Seit viele russische Banken vom internationalen Zahlungsinformationsdienst Swift ausgeschlossen sind, laufen Finanzgeschäfte oft über Kasachstan. Das Land gehört dem russischen Wirtschaftsraum an, grenzt sich aber etwas ab. Und natürlich lassen sich kasachische Finanzdienstleister den Service extra bezahlen.

    Die westlichen Energiesanktionen treffen Russland empfindlich, weil 40 Prozent der Einnahmen aus dem Rohstoffexport stammen. Europa nimmt kaum noch Gas ab, kein Öl, keine Ölprodukte wie Diesel. Und auch der Ölpreisdeckel der EU lässt sich offenbar nicht so einfach umgehen. Europäische Versicherer dürfen keine Tanker mehr versichern, die russisches Öl transportieren, dass für mehr als 60 Dollar je Fass (159 Liter) verkauft wird. Derzeit liegt der Weltmarktpreis für russisches Öl sogar darunter, unter anderem weil vor allem China, Indien und die Türkei den Rohstoff zwar abnehmen, aber auf hohe Rabatte bestehen. Russland benötig geschätzt 70 Dollar je Fass, um genug einzunehmen.

    Angeblich nutzt Russland eine Schattenflotte aus Uralttankern, die nicht versichert sind, um sein Öl doch noch zu liefern. Auch soll das Öl mehrfach umgeladen werden, um die Quelle zu verschleiern. Zudem setzt der Kreml offenbar auf iranische Tanker, um doch noch Öl zu verkaufen. Dennoch: Russland will die Produktion drosseln.

    Weil die Rohstoffeinnahmen sinken, die Kriegsausgaben aber steigen, steckt der russische Staatshaushalt seit Dezember tief in den roten Zahlen. Allein das Minus von umgerechnet 23 Milliarden Euro im Januar entspricht schon 60 Prozent des für das Gesamtjahr geplanten Defizits. Grund sind dem Staat zufolge um 59 Prozent höhere Ausgaben, wohl vor allem für den Krieg. Gleichzeitig brachen die Einnahmen um 46 Prozent ein. Der Staat ging deshalb an seine Reserven, verkaufte Gold und chinesische Yuan. Trotz aller Probleme: Der Internationale Währungsfonds IWF erwartet jetzt, dass die Volkswirtschaft 2023 um bis zu 0,3 Prozent wächst – eine Folge der Kriegsindustrie. Noch im Herbst rechnete er mit einem Minus von 2,3 Prozent.

    Russland gehörte zu den wichtigen Handelspartnern Deutschlands. Aus Russland kamen Rohstoffe, geliefert wurden vor allem Maschinen, jetzt sind es pharmazeutische und landwirtschaftliche Produkte, die nicht sanktioniert sind. Als Folge der Sanktionen halbierte sich der Wert der Ausfuhren nach Russland 2022 fast. Für Einfuhren aus Russland zahlte Deutschland insgesamt 6,5 Prozent mehr – wegen der hohen Energiepreise. Russland rutschte von Rang 13 der Außenhandelspartner auf Rang 16 ab.

    Für Deutschland bedeuteten die Sanktionen und die Folgen vor allem ein Ende der billigen Energie und der Abhängigkeit von Russland. Deutschland ermöglichte binnen eines Jahres drei schwimmende Terminals für Flüssiggas. „Die Bundesrepublik hat sich mehr dem Weltmarkt geöffnet“, sagt Timm Kehler, Geschäftsführer des Branchenverbands Zukunft Gas. Noch 2021 bezog die Bundesrepublik rund 55 Prozent des Gases aus Russland, jetzt ist es praktisch nichts.

    So hat Norwegen Russland als wichtigsten deutschen Gaslieferanten abgelöst. Die Skandinavier sind per Pipeline mit Deutschland verbunden und liefern nach Angaben von Zukunft Gas derzeit rund ein Drittel des deutschen Verbrauchs. Perspektivisch werden dem Verband zufolge die USA wichtiger – wegen der vielen Flüssiggas-Terminals und der besonders flexiblen Förderung.

    „Der Krieg war ein Weckruf. Er hat den Umbau der deutschen Energieversorgung weg von fossilen hin zu Erneuerbaren Energien beschleunigt“, sagt IfW-Konjunkturforscher Gern. „Das löst auch Innovationen aus. In fünf Jahren werden wir weiter sein als ohne den Schock des Krieges.“ Dazu zählen eine Flüssiggas-Infrastruktur, Wasserstoff-Technologie und schnellere Verfahren. Die Kehrseite: „Die enormen Investitionen in den Energiesektor und die Verteidigung fehlen letztlich woanders.“

  • Diesel-Golf vor Gericht

    Ein wegweisendes Verfahren in Schleswig

    Im Saal 6 eines roten Klinkerbaus in Schleswig geht es am Montag (20. Februar) um Diesel-Motoren. Die mündliche Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht verspricht sehr viele technische Einzelheiten, die den meisten wenig sagen werden. Dennoch könnte ein Urteil Folgen für Millionen Autofahrer in Deutschland haben. Es geht um die Frage, ob ihre Fahrzeuge wegen fehlerhafter Abgasreinigung stillgelegt werden müssen.

    Die dritte Kammer des Gerichts befasst sich mit einer Klage der Deutschen Umwelthilfe gegen das Kraftfahrtbundesamt (KBA). Aus Sicht der Umweltschützer hat die Flensburger Behörde Software zugelassen, die die Abgase eines Dieselmotors – anders als versprochen – dauerhaft nicht richtig reinigen. Das KBA steht zu seiner Entscheidung. Und der VW-Konzern, der nicht beklagt, aber im Verfahren beigeladen ist, hält die Software für zulässig.

    Das Brisante: Es ist eine von 120 ähnlich gelagerten Klagen der Umwelthilfe gegen das KBA. Sollte die Behörde verlieren, werden die anderen wahrscheinlich auch gegen sie entschieden. Betroffen sind nach Angaben der Umwelthilfe mehr als fünf Millionen Fahrzeuge. Beobachter bezweifeln die Zahl, weil viele der Diesel-Autos mit der entsprechenden Technik bereits nicht mehr auf der Straße seien.

    Für die Umwelthilfe ist klar: Sollte das KBA vor Gericht unterliegen, müsse es zwingend mehrere Millionen Diesel-Fahrzeuge der Abgasnorm Euro 5 und 6 amtlich zurückrufen. VW wäre dann verpflichtet, eine wirksame Abgasreinigung nachzurüsten. Andernfalls müssten die Fahrzeuge nach Ansicht der Umweltschützer stillgelegt, die Halter entschädigt werden.

    Der Konzern sieht das anders: Es drohten weder behördliche Stilllegungen noch Hardware-Nachrüstungen. „Ebenso bleiben zivilrechtliche Klagen, die einen vermeintlichen Schadensersatzanspruch auf das Vorhandensein eines Thermofensters stützen, wie bisher erfolglos.“ Mit Thermofenstern werden Bereiche zwischen verschiedenen Außentemperaturen bezeichnet, in denen die Abgasrückführung aus technischen Gründen im Motor in Teilen oder ganz abschaltet.

    In dem konkreten Fall geht es um einen Golf mit einem Dieselmotor des Typs EA189 und der Abgasnorm Euro 5. Diese Motoren sind eng verbunden mit dem Abgasskandal, der den Volkswagenkonzern von September 2015 an erschütterte. Die eingebaute Software steuerte den Motor so, dass er auf dem Prüfstand saubere Abgaswerte lieferte, im Straßenverkehr waren die Stickoxid-Werte um ein Vielfaches höher. Betroffen waren gut elf Millionen Fahrzeuge des Konzerns. Insgesamt stellte VW gut 33 Milliarden Euro für die Folgen des Skandals zurück.

    In den USA kaufte das Unternehmen fast 400.000 Fahrzeuge zurück und verschrottete sie zum Teil. In Deutschland musste VW die Motorsoftware aktualisieren und die Schummel-Elemente beseitigen. Dabei prüfte das KBA auch „die temperaturabhängige Abgasrückführung in den Software-Updates für die EA189-Pkw“, habe sie als zulässig bewertet und genehmigt, heißt es bei VW. Das war 2016.

    Die Umwelthilfe sieht wenig Spielraum und hält Thermofenster wenn überhaupt nur in sehr wenigen Ausnahmefällen für nötig. Bei zahlreichen eigenen Messungen stellten die Umweltschützer immer wieder fest, dass Fahrzeuge mit Euro 5 und 6 auch bei eher unkritischen Temperaturen viele Schadstoffe ausstießen. Bei VW heißt es, das Thermofenster schütze „vor unmittelbaren Risiken für den Motor in Form von Beschädigungen oder Unfall. Die Risiken wiegen so schwer, dass sie eine konkrete Gefahr beim Betrieb des Fahrzeugs darstellen können.“ Inzwischen gilt die strengere Norm Euro 6d. Hier sind Thermofenster offenbar nicht nötig.

    Das Verfahren in Schleswig läuft schon etwas länger (Az. 3 A 113/18). Zuletzt wartete die dritte Kammer des Verwaltungsgerichts auf den Europäischen Gerichtshof, der einige Fragen klären sollte. So entschieden die Luxemburger Richter Anfang November vergangenen Jahres, dass die Umwelthilfe überhaupt klagen darf und nicht jeder einzelne, der ein entsprechendes Fahrzeug fährt, vor Gericht gehen muss. Und sie entschieden, wie schon dreimal im Juli 2022 in ähnlichen Fällen, das Abschalteinrichtungen wie das Thermofenster nur dann und in engen Grenzen zugelassen werden dürfen, wenn der Motor oder die Sicherheit des Fahrzeugs gefährdet sind. Und bei der enge der Grenzen liegen Umwelthilfe und Kraftfahrtbundesamt sowie VW offenbar weit auseinander.

    Das Thema braucht Zeit, möglicherweise wird noch ein Gutachten nötig. Die dritte Kammer befasst sich am Montag nur mit diesem einen Fall. Ob es bereits ein Urteil gibt, ist offen. Was aber sicher ist: Weitere Instanzen werden sich mit dem Golf und den Thermofenstern beschäftigen – entweder das Oberverwaltungsgericht oder, wegen der grundsätzlichen Bedeutung des Falles, gar direkt das Bundesverwaltungsgericht.

    Die Umwelthilfe klagt in der Regel durch alle Instanzen. Es ist anzunehmen, dass auch das Kraftfahrtbundesamt alle Rechtsmittel ausnutzen wird. Die Behörde will sich erst am Montag nach der Verhandlung zu dem Verfahren äußern.

  • Schub für Mondlandung

    Airbus baut Antriebsmodul für Artemis

    Alexander Gerst wirkt locker wie immer. „Eine Reise zum Mond dauert drei Tage“, sagt der deutsche Astronaut auf dem Podium bei Airbus in Bremen. „Der Mond liegt praktisch nebenan.“ Zumindest in Raumfahrtdimensionen sind 384.400 Kilometer zum Erdtrabanten nah – wenn man das richtige Fahrzeug hat. Für die Raumfahrtbehörden der USA und Europas, Nasa und Esa, ist das das Raumschiff Orion. Gerst hofft, zu den Europäern zu gehören, die den Mond betreten dürfen. Bisher waren dort nur Amerikaner unterwegs. Bereits 2025 soll es soweit sein.

    Die Zusammenarbeit ist komplex. Vier Raumfahrtagenturen unter Führung der Nasa sind am Artemis-Programm beteiligt. Benannt ist es nach der griechischen Mondgöttin. Geplant sind neben Flügen auch eine Raumstation, die um den Mond fliegt, und sogar ein Dorf auf dessen Oberfläche. Ein sehr wichtiger Teil des Programms kommt aus Deutschland: das Europäische Service Modul (ESM), das zusammen mit der Raumkapsel Orion bildet. Das ESM treibt das Raumschiff an, versorgt die Astronauten mit Luft, Wasser und Wärme, soll sie zum Mond und auch wieder zurückbringen. Sechs dieser Module soll Airbus bauen. Die Raumkapsel für die Astronauten liefern die Amerikaner.

    Weil der Mond-Plan spektakulär ist, gerade wieder machbar erscheint und wesentlich mit Airbus in Bremen zu tun hat, gewährt der Luft- und Raumfahrtkonzern einen seltenen Blick in Reinraum 1 und 2 – unter strengen Sicherheitsauflagen. Also: Schutzkittel anziehen, Haarnetz befestigen, Schutzhüllen über die Schuhe ziehen und durch die kleine Tür in Reinraum 1, der tatsächlich eine riesige Halle ist. Beigefarbene Wände, heller Boden, türkisfarbene Rolltore. Angenehme Temperatur. Recht trocken. Und es riecht nach nichts.

    Links die „blaue Lagune“, eine Zwischenebene aus blau gestrichenen Stahlträgern. Oben werden die matt silbernen Titantanks der Module mit kupferfarbenen Heizelemente beklebt, unten sitzen die Ingenieure an Computern. Rechts ein rundes Stahlgestell, umgeben von einem Gerüst. Dahinter steckt das Gehäuse von ESM-5, direkt aus Turin gekommen. Eine runde Konstruktion aus Karbon und Aluminiumwaben, etwa vier Meter im Durchmesser. „Sie wiegt etwas weniger als ein VW Golf“, sagt Lars Bauer, oberster Ingenieur für die ESM-Montage.

    Dass dieses nackte, eher unspektakuläre Gehäuse hier einmal Teil eines Raumschiffs wird, das Menschen zum Mond bringen soll, erfordert sehr viel Phantasie. In den kommenden Monaten werden Halterungen, und Rohre eingebaut, gut zwölf Kilometer Kabel verlegt, Sensoren und Tanks eingesetzt, insgesamt mehr als 20.000 Einzelteile. geliefert von mehr als 60 Firmen aus zehn Ländern. Hauptmaterialien sind Karbonfasern, Aluminium, Stahl und Titan, alles hochrein. Das Gewicht steigt auf das von gut dreieinhalb Golfs.

    Verantwortlich für den Space-Standort Bremen, für Mond und Mars bei Airbus ist Marc Steckling, offiziell Leiter Weltraumexploration. Das Komplizierteste am ESM? Steckling muss nicht lange überlegen: „Der Antrieb.“ Genauer: ein Haupt- und acht Hilfstriebwerke, dazu weitere 24, mit denen sich die Lage des Raumschiffs ändern lässt. Hier setzt Airbus auf Recycling: Die Triebwerke trieben bereits Space Shuttle an, waren mehrfach im All.

    Eine Halle weiter hängt ESM-4 in einem blauen Stahlgestell, das die Dimensionen eines kleinen Reihenhauses hat. Erste Kabel sind montiert, Rohre hängen heraus. Das Gestell kann das Modul anheben und drehen, damit die Ingenieure besser daran arbeiten können. Dieses Modul wird einmal mit Artemis-IV-Mission ins All geschossen und soll dann am sogenannten Lunar Gateway andocken, einer Raumstation von Nasa und Esa, die um den Mond fliegt. Von dieser „Tür zum Mond“ aus sollen dann Astronauten regelmäßig auf den Mond reisen. Die Raumstation soll auch Startpunkt für Flüge zum Mars sein.

    Begonnen hat die Zusammenarbeit von Nasa und Esa für die ESM im Mai 2011. Das erste Modul war 2018 fertig. Der Start wurde dann mehrfach verschoben, weil die Nasa Schwierigkeiten mit der neuen Rakete SLS hatte. Um größere Gewichte – das Orion-Raumschiff wiegt vollgepackt gut 22 Tonnen – Richtung Mond zu bringen, ist eine sehr große Rakete nötig. Letztlich startete Artemis I dann im Ende November 2022.

    Insgesamt sechs Module baut Airbus, das erste dürfte um die eine Milliarde Euro gekostet haben, die anderen sind günstiger, weil die Entwicklungskosten nicht mehr anfallen. Knapp über 200 Millionen Euro pro Stück werden genannt, auch dank der Klein-Serienfertigung. Für drei weitere Module, ESM-7 bis -9, arbeitet Airbus gerade an einem Angebot. Und sollten weitere Antriebe nötig sein, ist Airbus der erste Ansprechpartner. Ein Wechsel des Anbieters sei sehr aufwändig, sagt Philippe Deloo, bei der Esa zuständig für das ESM-Programm.

    Im Reinraum 1 nähert sich ESM-3 bereits der Fertigstellung. Das Modul hängt neben der „blauen Lagune“ in einem Stahlgestell. Von dem Gehäuse ist wegen der vielen Kabel und Rohre wenig zu sehen. Für den Laien ein einziges silbriges Wirrwarr, für den Profi alles sauber sortiert. Die Stellen, an denen später die Solarpanel angebracht werden, sind bereits rot markiert. Noch fehlen die vier Tanks mit jeweils 2100 Litern Treibstoff, die Tanks für Sauerstoff, Stickstoff und Wasser. Und auch die Triebwerke an der Unterseite fehlen noch.

    Wenn alles eingebaut ist, werden die Systeme getestet, wie Chefingenieur Bauer sagt. Sollte alles laufen, wird ESM-3 von außen mit Kühlpanels verkleidet und sieht dann erstmals aus wie das Teil eines Raunschiffs – ein Zylinder mit gut vier Metern Höhe. Das Arbeitstempo hier im Reinraum ist ruhig, Genauigkeit geht vor Tempo. Deshalb dauert es auch 16 Monate, bis ein Modul fertig ist.

    „Man darf Kleinigkeiten nicht als Kleinigkeiten abtun“, sagt Bauer. Was am Boden nichtig wirkt, kann im All schnell lebensbedrohlich werden. Deshalb stehen hier überall kleine silberne Kästen mit einer Art Tentakel, die Luftfeuchtigkeit, Raumtemperatur und Partikelkonzentration messen. Und deshalb untersuchen sie jetzt auch einen Fehler genauer, der bei der Artemis-I-Mission auftrat und als unkritisch eingestuft ist. Das Modul hat in bestimmten Situationen den Strom ausgeschaltet – kein Problem, wenn Astronauten an Bord sind, die wieder anschalten können. „Dennoch wollen wir verstehen, was passiert und warum“, sagt Esa-Spezialist Deloo.

    Artemis I war der Test für die bemannte Mondmission. Nasa und Esa schickten drei mit Sensoren vollgestopfte Puppen ins All, im Raumschiff den Mond umrundeten. Gesteuert wurde von der Erde aus. Die Ingenieure flogen Manöver, testeten die Möglichkeiten des Raumschiffs. Sehr erfolgreich, offenbar. „Wir hatten mit mehr negativen Überraschungen gerechnet“, sagte Deloo. Stattdessen gab es positive: So brauchte Orion nur gut drei Viertel des Treibstoffs, benötigte weniger Strom und erzeugte über die Solarpanels mehr Energie als gedacht.

    ESM-3 soll in der zweiten Jahreshälfte in die USA geschickt werden. Im Kennedy Space Center der Nasa in Florida, werden die Solarpanels angebracht und das Modul noch einmal intensiv durchgeprüft, bevor es über ein Adapter mit der Raumkapsel, beide vom US-Konzern Lockheed,  zum Orion-Raumschiff verbunden wird. 2025 soll es Astronauten bei Artemis III von Cape Canaveral Richtung Mond bringen. Sie sollen dann auch dort landen – erstmals seit 1972. Vorher ist noch eine bemannte Mondumrundung geplant: Artemis II im kommenden Jahr. Das dafür nötige ESM-2 aus Bremen wird bereits seit Oktober 2021 in den USA getestet.

    Während die Raumkapsel immer wieder eingesetzt wird, kommt kein ESM zur Erde zurück. „Dass es verglüht, ist schade, weil so viel Arbeit drinsteckt“, sagt Steckling. „Das Modul vor der Hitze von 2500 Grad beim Eintritt in die Atmosphäre zu schützen und es so wiederverwendbar zu machen, ist aber sehr teuer und deshalb nicht sinnvoll.“ Der Esa-Verantwortliche Deloo formuliert es etwas anders: „Es ist doch besser, als erfolgreicher Rockstar auf der Bühne zu sterben als nach einem langweiligen Leben unbekannt.“

  • Der Suchmaschinen-Krieg

    Microsoft greift mit KI Google an.

    Google ist seit Jahren bei Suchen im Internet das Maß der Dinge – noch. Der Multimilliarden-Markt bewegt sich. Microsoft greift den Konkurrenten mit einem neuartigen Programm an, das von künstlicher Intelligenz (KI) gesteuert wird. Die Technik begeistert bereits mehr als hundert Millionen Menschen weltweit – und wird die Arbeit vieler Menschen verändern.

    Was ist passiert?

    Im November machte ein US-Unternehmen namens OpenAI ein neuartiges Chatprogramm öffentlich. ChatGPT kann, richtig aufgefordert, Texte erstellen, Computercode tippen, Argumente liefern, Gedichte schreiben. Das Programm bestand schon werbewirksam US-Anwaltsprüfungen und ein Medizinexamen. Inzwischen haben mehr als 100 Millionen Menschen das Programm ausprobiert. Es nutzt KI. Experten sehen eine technische Revolution ähnlich dem ersten Iphone. Das Besondere: Der US-Software-Konzern Microsoft unterstützt OpenAI mit Rechenleistung und will um die zehn Milliarden Dollar (9,3 Milliarden Euro) in das Unternehmen stecken. Mit der KI-Technologie greift Microsoft jetzt den US-Suchmaschinen- und Softwarekonzern Alphabet (Google, Youtube, Android) an.

    Wie geht Microsoft vor?

    Microsoft will die KI-Technologie hinter ChatGPT in seine Cloud-Produkte für Unternehmen einbauen. Zudem wird die Suchmaschine Bing, die ein Randdasein fristet, aufgewertet. Auch der Internetbrowser Edge bekommt KI-Technologie. Google reagierte umgehend und verkündete, seine Suche durch eigene KI-Technologie aufzurüsten. Das Programm heißt Bard, die Technologie dahinter Lamda.

    Worum geht es?

    Vordergründig zeigt Microsoft, wie es sich die Suche der Zukunft vorstellt und das es technologisch vorn dabei ist. Und natürlich sind große Summen im Spiel. Denn eine Suchmaschine zu betreiben, bringt Geld. Microsoft erklärte bei der Präsentation der überarbeiteten Suchmaschine Bing, dass ein Prozent mehr Marktanteil zusätzlichen Milliardenumsatz bringe. Bisher dümpelt Bing nach Daten von Similarweb weltweit bei einem Marktanteil von drei Prozent herum, Google liegt bei knapp 91,1 Prozent. In Deutschland sind es knapp fünf zu knapp 90 Prozent. Ähnlich sieht es beim Umsatz aus: Microsoft setzte mit Anzeigen im Suchumfeld zuletzt weltweit 3,2 Milliarden Dollar um, Google 42,6 Milliarden Dollar. Mit der Künstlichen Intelligenz in der Suche will Microsoft also vor allem Menschen dazu bewegen, Bing zu nutzen, um dann die Werbeerlöse zu steigern.

    Wie wichtig sind die Neuerungen?

    Um das einschätzen zu können, lohnt ein Blick auf die Finanzmärkte. Der Börsenwert der Unternehmen bildet in der Regel ab, wie die Anleger die Zukunftschancen sehen. Als Google Bard vorstellte, gab der Chatbot in einem Werbevideo an, das James-Webb-Teleskop sei das erste, das einen Planeten außerhalb unseres Sonnensystems fotografiert hat. Die Antwort ist falsch. In der Folge verlor der Aktienkurs von Googles Mutterkonzern Alphabet bis zu 160 Milliarden Dollar. Und erholt hat sich der Kurs bisher nicht.

    Wer gewinnt?

    Schwer zu sagen. Dank ChatGPT sieht Microsoft plötzlich öffentlich als technologisch führend aus. Außerdem kann das Unternehmen ein funktionierendes Programm verfügbar machen. Allerdings ist der Marktanteil der Bing-Suche verschwindend. Alphabet, der Konzern hinter Google, hat mit der Suchmaschine eine marktbeherrschende Position mit entsprechend hohen Einnahmen. Völlig unvorbereitet ist das Unternehmen nicht, es hat eine eigene Technologie, die aber wohl noch nicht völlig marktreif ist. Entscheidend wird sein, wie einfach die Programme bedient werden können und wie frei verfügbar sie sein werden.

    Was unterscheidet ChatGPT und Bard?

    Microsoft lässt eine neuere Version von ChatGPT in seine Internetsuche Bing einfließen. Sie wirft dann nicht nur klassische Antworten als Liste aus, sondern liefert in einem Kasten zum Beispiel noch eine Zusammenfassung. Wie es aussieht, wird nur eine begrenzte Zahl an Anfragen in einem bestimmten Zeitraum möglich sein. Die Technik soll auch in den Internetbrowser Edge eingebaut werden, mit dem Microsoft gegen Googles Chrome und vor allem in Deutschland auch Firefox konkurriert. Über Bard ist nur bekannt, dass es in den kommenden Monaten nach intensiven Tests in die Google-Suche integriert werden soll.

    Wie funktionieren die Programme hinter ChatGPT und Bard?

    ChatGPT nutzt ein Programm namens GPT, das die Firma OpenAI entwickelt hat. Googles Bard fußt auf Lamda. Beide Programme nutzen neuronale Netze, angelehnt an das menschliche Gehirn. Die jeweilige Künstliche Intelligenz wird mit Daten aus dem Internet trainiert und nutzt dazu ein statistisches Modell. Weder Lamda noch GPT sind intelligent, sie können nur sehr genau vorhersagen, wie wahrscheinlich welche Worte eine sinnvolle Antwort ergeben. GPT-3, das ChatGPT nutzt, wurde mit 175 Milliarden Daten trainiert. Bing soll eine neuere Version nutzen.

    Wie genau sind die KI-Programme?

    Bards Fehler mit dem Weltraumteleskop zeigt schon, dass die Programme nicht alles wissen. Sie sind nur so gut, wie die Datenbasis, mit denen sie trainiert werden. Alle Fehler und Verzerrungen der Datenbasis übernimmt die KI. Sie weiß auch nicht was richtig und was falsch ist.

    Wie kann ich die neue Bing-Suche nutzen? Und wann Bard?

    Um die Künstliche Intelligenz in der Suche nutzen zu können, muss man sich anmelden. Unter www.bing.com/next gibt es eine entsprechende Schaltfläche. Microsoft informiert dann per Mail, wann man Zugriff hat. Für ChatGPT kann man sich einfach unter https://chat.openai.com/auth/login anmelden. Wegen der großen Nachfrage ist das Programm allerdings oft nicht erreichbar. Bard von Google ist derzeit nur für Profitester freigegeben. Das Programm soll noch intensiv auf Fehler getestet werden.

  • Weniger Kofferchaos

    Flugbranche verspricht bessere Abläufe

    Wer zu Ostern und im Sommer in die Ferne fliegen will, muss sich wohl wieder auf Wartezeiten an den Flughäfen einstellen. Die Branche arbeitet seit den teils chaotischen Szenen im Sommer 2022 daran, die Probleme in den Griff zu bekommen. Doch vor allem die Personalsituation ist weiter angespannt, wie Jost Lammers, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, sagte. Eine Garantie für einen weitgehend reibungslosen Reisesommer wollte er nicht geben.

    Die Deutschen wollen trotz höherer Lebenshaltungskosten wieder reisen. Und viele streben in den Süden – per Flugzeug. Die Fluggesellschaften erhöhen deshalb das Angebot, vor allem im Europaverkehr und auf Interkontinentalstrecken. Insgesamt bleibt die Zahl der in Deutschland angebotenen Sitzplätze aber zwölf Prozent hinter der von 2019 zurück, dem letzten normalen Jahr vor der Corona-Pandemie. Im restlichen Europa ist der Corona-Einbruch praktisch ausgeglichen.

    Kräftig zulegen können die Flughäfen Frankfurt und München, die Drehkreuze der Lufthansa. Sie profitieren vom wachsenden Europa- und Interkontinentalgeschäft und den Zubringerflügen der Lufthansa. Die meisten anderen Flughäfen wie Köln/Bonn, Düsseldorf, Stuttgart und Berlin wachsen auch, aber schwächer – Fluggesellschaften wie Ryanair und Easyjet haben ihr Angebot teils kräftig ausgedünnt und fliegen lieber anderswo in Europa, wo staatliche Gebühren niedriger, Erträge höher sind. Auch setzen sich die Bundesbürger lieber in Videokonferenzen oder fahren Zug und Auto zu Terminen, statt innerdeutsch zu fliegen.

    Mehr Angebot und mehr Reisende bedeutet mehr Ansturm an den Flughäfen. So dramatisch wie im vergangenen Jahr, als Fluggäste stundenlang am Check-in standen und ihre Flüge verpassten, Maschinen nicht entladen wurden und mit alten Koffern aber neuen Passagieren losflogen oder sich Kofferberge stapelten, soll es nicht mehr werden. „Um den Passagieren ein möglichst reibungsloses Reiseerlebnis bieten zu können, bereitet sich die Branche seit Monaten intensiv auf die bevorstehende Reisesaison vor“, sagt BDL-Präsident Lammers, im Hauptberuf Chef des Flughafens München.

    Mit dem Wegfall der Corona-Reisebeschränkungen wollten 2022 sehr viele Menschen verreisen, auch das Angebot stieg sprunghaft. Die Luftverkehrsbranche hatte während der Pandemie, als der Flugverkehr weitgehend eingestellt war, in großem Stil Personal gestrichen, das sich dann andere Jobs suchte. Die Situation jetzt ist anders. Flughäfen, Flugsicherung, Bundespolizei, Fluggesellschaften, Bodenverkehrsdienstleister verbesserten die Abläufe, sagte Lammers. Die Unternehmen hätten seit dem vergangenen Jahr daran gearbeitet, Personal einzustellen, um die Engpässe zu beheben. Der Markt sei schwierig, der Wettbewerb um Mitarbeiter auch im europäischen Ausland groß. Ob genug Personal vorhanden ist, sagte er auf Nachfrage nicht.

    Im vergangenen Jahr hatte die Branche versucht, türkische Abfertigungskräfte anzuwerben, um die Personallücken zu stopfen. Letztlich kamen nicht mehr als tausend, sondern weniger als 100 – unter anderem wegen Bürokratie und Zugangsbeschränkungen. Ähnliches ist für 2023 nicht geplant. Das neue Arbeitskräftezuwanderungsgesetz, das die Bundesregierung gerade vorbereitet, sollte die Lage künftig vereinfachen. Saisonbeschäftigten von außerhalb der EU soll es demnach erlaubt sein, mit einer Sondergenehmigung sechs Monate in Deutschland zu arbeiten, wie BDL-Hauptgeschäftsführer Matthias von Randow sagte.

    Auch die Abläufe an den Flughäfen sollen verbessert werden. Besonders die langen Schlangen an den Sicherheitskontrollen verärgern die Fluggäste immer wieder. Für die effiziente Sicherheitskontrolle sei wichtig, dass die Verantwortung für Personal, Technik und Abläufe in einer Hand liege, sagte Lammers. In München sind die Landesbehörden zuständig, der Frankfurter Flughafen hat zu Jahresbeginn die Verantwortung für die Sicherheitskontrollen übernommen. Dort, wo die Bundespolizei verantwortlich ist, kümmern sich mindestens drei verschiedene Stellen – was alles komplizierter macht.

    Beschleunigen könnten die Sicherheitskontrollen auch neue CT-Scanner, die in München und Frankfurt genutzt werden sollen. Sie durchleuchten Gepäck mehr als doppelt so schnell wie die alten Röntgengeräte. An anderen Flughäfen kommt die Technik wohl nicht mehr in dieser Sommersaison. In der Zukunft soll auch Digitalisierung die Staus an vielen Kontrollstellen beseitigen. Bisher müssen Flugreisende mehrmals Boardingpass, Ausweis oder Ticket zeigen, meist bilden sich Warteschlangen. Dabei sind die Daten bereits während der Buchung eingegeben worden. In Frankfurt, Hamburg und München werden gerade biometrische Verfahren getestet: Das System erkennt den Fluggast und lässt ihn passieren.

    Für dieses Jahr empfiehlt BDL-Präsident Lammers: Reisende sollte mehr Zeit einplanen, Online oder bereits am Vorabend einchecken. Jede Person sollte nur ein Handgepäckstück mitnehmen, was unnötige Wartezeit wegen zusätzlicher Gepäckabgaben ausschließe. „Wenn alle an einem Strang ziehen, wird ein reibungsloser Sommer machbar sein“, sagte er.

  • Die Bonitätsfrage

    Banken, Scoring und die Macht der Schufa

    Schufa. Schon allein der Name der Auskunftei bereitet manchen Menschen Sorge. Die Auskunftei liefert Hinweise über die Bonität von Kunden, vor allem wenn jemand einen Kredit aufnehmen möchte. Dabei sind die Informationen des Unternehmens nur ein Teil dessen, was Banken und Sparkassen für ein Darlehen prüfen.

    Es gibt ein Recht auf ein Girokonto. Wie sieht das bei Krediten aus?

    „Ein Recht auf Kredit gibt es nicht“, sagt Dirk Stein, Leiter Privatkundengeschäft und Verbraucherschutz beim Bankenverband. „Das ist immer eine Vereinbarung zwischen einer Bank und dem Kunden oder der Kundin.“ Wer einen Kredit benötigt, formuliert Wünsche, das Kreditinstitut prüft, unter welchen Bedingungen es die erfüllen kann.

    Wer bestimmt darüber?

    Auch wenn viele Menschen Auskunfteien, vor allem der Schufa, eine große Macht zuschreiben: „Über die Kreditvergabe entscheidet die Bank oder Sparkasse, bei der er beantragt wurde“, sagt Stein. „Sie entscheidet, mit wem sie Geschäfte machen will. Und sie bestimmt die Kriterien, zu welchen Konditionen, etwa Zinsen, Tilgung oder Laufzeit, sie den Kredit vergibt.“ Es kann also sein, dass jemand bei Sparkasse A keinen Kredit bekommt, bei Bank B aber schon.

    Welche Kriterien sind wichtig?

    Kreditinstitute geben dazu kaum Auskunft – Geschäftsgeheimnis. Aber es gibt einige grundsätzliche Regeln. „Geprüft wird zunächst die persönliche Kreditwürdigkeit: Ist jemand in der Lage und auch Willens, einen Kredit zurückzuzahlen?“ sagt Bankenverbandsexperte Stein. Dann schaue die Bank, ob die Person das auch wirtschaftlich könne. „Hier kann eine Bank oder Sparkasse auch die Informationen einer Auskunftei nutzen, muss es aber nicht.“ Wenn die eigenen Daten aus Sicht des Instituts ausreichen, kann es einen Kredit ohne die Schufa-Auskunft vergeben. Altkunden haben hier einen Vorteil, die Bank kennt sie und ihr Zahlungsverhalten. Neukunden werden mehr Nachweise vorlegen müssen. Die Berliner Sparkasse etwa nutzt „ein mathematisch-statistisches Verfahren, das die individuelle Kundensituation berücksichtigt. Einbezogen werden dabei unter anderem die Einkommenssituation, die Höhe der regelmäßigen Einnahmen und Ausgaben sowie sonstigen Verpflichtungen, etwa Unterhaltszahlungen oder andere Kredite, die bedient werden.“ Betrachtet würden auch die Auskunft der Schufa, das Zahlungsverhalten des Kunden oder der Kundin sowie bei Immobilienfinanzierungen eine Bewertung der Immobilie.

    Sind die Kriterien immer gleich?

    „Die Kriterien können sich unterscheiden je nach Bank oder Sparkasse. Und sie unterscheiden sich auch nach Art des Kredits“, sagt Bankenverbandsexperte Stein. Für einen Ratenkredit über 2000 Euro mit einer Laufzeit von zwei Jahren wird weniger umfangreich geprüft als für einen Immobilienkredit über 350.000 Euro, der 20 Jahre läuft. Hier fragt die Bank recht sicher eine Auskunftei.

    Warum gibt es Auskunfteien?

    Je genauer eine Bank einen Kunden einschätzen kann, desto weniger Kredite platzen. 1927 gründeten deshalb zahlreiche Institute die Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung, kurz Schufa. Sie sollte das gemeinsame Wissen über die Kunden bündeln. Nach Angaben der Schufa fielen heute mehr als zwölf Prozent aller Kredite in Deutschland aus, wenn es die Auskunftei nicht gebe. Dank der Bonitätsauskunft sollen es nicht einmal die Hälfte sein. Entsprechend können die Banken den Kunden günstigere Kredite gewähren. Die Schufa in Wiesbaden ist für Privatpersonen auch die mit Abstand wichtigste Auskunftei, aber nicht die einzige. Firmen wie Arvato Infoscore, Creditreform Boniversum oder Crif Bürgel bieten Kreditinstituten Informationen an. Die Banken müssen für ihre Abfragen in der Regel eine Gebühr zahlen.

    Was sammelt die Schufa und woher kommen die Daten?

    Die Schufa allein hat Daten von 68 Millionen Deutschen und sechs Millionen Firmen gesammelt. Dazu gehören Name, Adresse und Geburtsdatum, um Personen identifizieren zu können. Gespeichert sind unter anderem Daten zu laufenden Girokonten, zu Raten- und Immobilienkrediten, zur Zahl der Kreditkarten sowie zu Zahlungsausfällen und Privatinsolvenzen. Die Informationen stellen diejenigen bereit, die die Kreditwürdigkeit von Kunden abfragen. Die Schufa bedient sich auch bei amtlichen Bekanntmachungen und öffentlich zugänglichen Verzeichnissen, etwa dem Insolvenzregister. Nach drei Jahren müssen Informationen gelöscht werden – positive (etwa problemlos getilgter Kredit) wie negative (etwa Privatinsolvenz).

    Was gibt die Schufa an die Banken weiter?

    Die Schufa ermittelt anhand ihrer Daten, wie kreditwürdig eine Person ist. Das bedeutet: Wie wahrscheinlich es ist, dass die Person die Raten für den angefragten Kredit zahlt und ihn auch tilgt. Diese Wahrscheinlichkeit zeigt sich im sogenannten Score. In ihn fließen die Daten zu Krediten, dem Zahlungsverhalten bei Onlineverträgen, zur Anzahl der Kreditkarten, wie lange ein Girokonto besteht. Die Auskunftei berücksichtigt auch allgemeine Informationen. So hat statistisch gesehen jemand, der einen Immobilienkredit abzahlt, ein geringeres Ausfallrisiko. Personen, die häufig umziehen, haben ein höheres Ausfallrisiko. Wo jemand wohnt, ist für die Schufa unerheblich. Wie die Schufa die Daten gewichten, verrät sie nicht. Eine Ahnung davon, wie ein Score entsteht und was ihn beeinflusst, gibt ein Simulator (www.schufa.de/score-simulator).

    Wie lässt sich die Bonität beeinflussen?

    Bisher vor allem durch das eigene Verhalten. „Verträge einzuhalten und Rechnungen zu bezahlen, etwa für Mobilfunk, Strom und Gas, Onlinebestellungen, beeinflusst die Kreditauskunft positiv“, sagt Privatkundenexperte Stein vom Bankenverband. Personen, gegen die mehrere Mahnverfahren laufen, haben auch eher einen schlechten Eintrag bei der Schufa. Die Kreditwürdigkeit verbessern kann, wer der Schufa freiwillig mehr sogenannte Positivdaten überlässt – also zeigt, dass er oder sie sehr solide wirtschaftet. Dazu zählen Informationen zu Immobilienkrediten, bereits getilgten Krediten, die die Schufa wegen der gesetzlichen Löschfrist gestrichen hat, und auch ein direkter Zugriff auf bestimmte Kontodaten. Bisher können Bundesbürger der Schufa nur in geringem Umfang Informationen geben. Im kommenden Jahr will die Auskunftei das ändern.

    Wie gehe ich vor, wenn etwas falsch läuft?

    Wer glaubt, die Schufa benutze veraltete oder falsche Daten, kann sich an das Unternehmen wenden. Zwischen 8 und 19 Uhr ist das über die Telefonnummer 0611 92780 möglich. Weitere Informationen und Formulare finden sich unter www.schufa.de/global/rechte/ im Netz.

  • Ende der billigen Zeiten

    Warum Gas weiter teuer bleibt

    Noch vor wenigen Monaten herrschte große Aufregung: Bekommt Deutschland genug Gas? Die Preise schossen in die Höhe, Notfallpläne wurden geschrieben. Jetzt ist offenbar genug Gas da. Und es wird billiger. Doch wer auf Preise wie vor fünf Jahren hofft, wird enttäuscht. Sie werden nicht wieder kommen.

    Zwei wesentliche Gründe trieben den Preis: Nach dem Höhepunkt der Corona-Pandemie fragte die Industrie wieder mehr Gas nach und im Zuge des Ukraine-Kriegs fielen die russischen Gaslieferungen aus – verbunden mit einer gewissen Panik, es gebe nicht mehr genug Gas. In der Spitze kostete eine Megawattstunde des marktbeherrschenden Dutch TTF in Europa Ende August mehr als 308 Euro.

    Inzwischen hat Deutschland russisches Gas durch Lieferungen vor allem aus Norwegen ersetzt. In Rekordzeit entstanden Terminals für Flüssiggas. Die Speicher sind gut gefüllt. Wegen des milden Winters wird wenig geheizt. Und Verbraucher und Industrie sparen Energie. Der Markt beruhigt sich nicht nur in Deutschland, entsprechend fällt der Großhandelspreis.

    Aber der Gasengpass weltweit bleibt: Weil Russland als großer Lieferant für viele Länder ausfällt, muss der Brennstoff aus anderen Regionen der Welt kommen. Der Wettbewerb wird größer. Unter anderem deshalb liegt der Großhandelspreis derzeit bei rund 60 Euro je Megawattstunde. Immer noch das Dreifache der Vor-Corona-Jahre von um die 20 Euro.

    Der Großhandelspreis ist das eine, was der Verbraucher tatsächlich zahlt, das andere. Denn die Gasversorger kaufen ihr Gas in der Regel nicht vollständig tagesaktuell ein, sondern überwiegend mit länger laufenden Verträgen. Und die Kunden haben meist ebenfalls länger laufende Verträge. So dauert es, bis höhere Preise beim Gaskunden ankommen, ebenso sinken die Preise später.

    Seit 1. Januar gilt in Deutschland die Gaspreisbremse. Der Staat übernimmt bei 80 Prozent des Verbrauchs jenen Teil der Kosten, der über zwölf Cent je Kilowattstunde einschließlich Steuern liegt. was bleibt, muss der Gaskunde zahlen – immer noch deutlich mehr als in den vergangenen Jahren. Aber bis 2024, wenn die Hilfe ausläuft, wird es garantiert nicht teurer.

    Und danach? Die Experten sind uneins, erwarten, dass sich der Weltmarkt dann wieder in normalen, aber teureren Bahnen bewegt. Nur eins ist sicher: Die Zeiten, in denen Gas dank russischer Pipelinelieferungen billig war, sind vorbei.

  • Wunschdenken

    E-Fuels sind eine schlechte Idee

    Synthetische Kraftstoffe verheißen den einfachen Weg: E-Fuels in den Tank, und wir können so weiterfahren wie bisher. Nur umweltfreundlich. Wenn nur genug billiger Ökostrom da ist, werden Investoren Geschäft sehen, die Produktion starten. Doch das ist Wunschdenken.

    Ganz abgesehen davon, dass weltweit auf das E-Auto gesetzt wird und Deutschland sich als Exportnation keinen Verbrenner-Sonderweg leisten kann: Ein grundsätzliches Problem bei E-Fuels ist der geringe Wirkungsgrad. Viel Strom wird benötigt für vergleichsweise wenig künstlichen Sprit. Warum also nicht direkt den billigen Strom nutzen, statt mit ihm kompliziert etwas anderes herzustellen, das nicht so gut und vor allem immer teurer ist?

    Das hat Folgen für diejenigen, die noch ein Auto mit Benzin- oder Diesel-Motor fahren, wenn keine solchen Neuwagen mehr verkauft werden. Sollten dann nur noch E-Fuels an den Zapfsäulen zugelassen sein, wird der Sprit mehr kosten als eine vergleichbare Menge Strom für E-Autofahrer. Das wird das Aus für die letzten Verbrenner auf deutschen Straßen beschleunigen.

    Für Investoren, die gern langfristig denken, aber auch Ertrag sehen wollen, sind E-Fuels deshalb wenig attraktiv. Ein Nischenprodukt mit absehbarem Ende. Außer, der Staat subventioniert künstlichen Sprit in großem Stil. Und das ist eine schlechte Idee: Der Staat gibt einen Teil des Wohlstands aus, um eine ineffiziente Technologie am Leben zu erhalten. Das Geld lässt sich an anderer Stelle sinnvoller nutzen.

  • Joghurtbecher zu Straßen

    Ecopals recycelt Plastik für Fahrbahnen

    Hunderttausende Kilometer Straßen durchziehen Deutschland. Viele, die besonders belastet sind, haben Risse und Spurrillen. Vor allem an Bushaltestellen bilden sich Dellen. Für stabileren Asphalt mischt die Industrie Kunststoff bei – bisher extra frisch angefertigt. Ein Berliner Unternehmen will jetzt Altplastik nutzen: Käseverpackungen und Joghurtbecher sollen Deutschlands Fahrbahnen verstärken.

    Den Gründern von Ecopals geht es vor allem um jene Kunststoffe, die zwar in der Recyclingtonne landen, aber nicht verwertet werden können, weil sie aus mehreren Schichten unterschiedlichen Materials bestehen. Rund 30 Millionen Tonnen davon fallen jedes Jahr in Europa an. „In Deutschland werden Verbundkunststoffe nach der Entsorgung verbrannt“, sagt Gründer und Chef Maximilian Redwitz. „Aber das Material kann sinnvoller eingesetzt werden.“

    Mehrschichtiges Plastik ist besonders in der Lebensmittelindustrie wichtig: Wurst und Käsescheiben sind zum Beispiel oft darin verpackt. Die Ware soll frisch bleiben, keine Flüssigkeit verlieren, die Verpackung bedruckt werden. Und stabil muss sie auch sein. Das Material lässt sich nur sehr aufwändig und teuer trennen. Energie daraus zu gewinnen ist billiger und einfacher. Aber da geht aus Sicht von Redwitz und seinem Team deutlich mehr.

    Co-Gründer Jonas Varga hat gemeinsam mit Materialspezialisten des Fraunhofer Instituts für Chemische Technologie in Karlsruhe ein Verfahren für Ecopals entwickelt, das den Verbundkunststoff in neuen Rohstoff verwandelt. Das Material wird gewaschen, geschreddert, mit chemischen Zusätzen versehen. Das Ergebnis ist ein geruchloses Granulat in rot, grau, braun, das in den Asphalt gemixt werden kann.

    Auf den meisten deutschen Straßen bestehen die Fahrbahnen aus einem Gemisch von Asphalt, Gesteinsbröckchen, und Bitumen aus Rohöl als Klebemittel. Kunststoff zuzusetzen, hat einige Vorteile: Das Material klebt besser zusammen. Es hält niedrigere und höhere Temperaturen aus als klassisches Material. Weniger Risse entstehen, was auch weniger Schlaglöcher bedeutet. Insgesamt, heißt es beim Deutschen Asphaltverband, halte Asphalt mit Kunststoff länger. Verwendet wird er vor allem bei besonders belasteten Straßen. Autobahnen zum Beispiel, Bundesstraßen und an Bushaltestellen. Und bisher wird der Kunststoff extra für den Straßenbau neu aus Rohölprodukten hergestellt.

    Rund 38 Millionen Tonnen Asphaltgemisch haben die gut 300 deutschen Mischwerke 2021 hergestellt. Das Statistische Bundesamt nennt einen Wert von rund 871 Millionen Euro. Die Zahlen für 2022 sind noch nicht bekannt, im ersten Halbjahr deutete sich bereits ein Wachstum an. Nicht in allen Gemischen ist Kunststoffzugesetzt, aber der Markt für Ecopals ist doch recht groß, die Konkurrenz übersichtlich. Europaweit arbeitet noch ein schottisches Unternehmen mit dem Altplastik-zu-Straßen-Konzept.

    Gestartet ist das Unternehmen Anfang 2020, offiziell gegründet haben Redwitz und Varga im Juli 2021. Der Berliner Senat finanzierte Stipendien. Inzwischen haben Investoren mehr als zwei Millionen Euro in Ecopals gesteckt. Die ersten zehn Tonnen des Granulats mischten sie in einer Garage im Berliner Stadtteil Zehlendorf selbst. 16 Freunde packten an einem Wochenende mit an. Ein Video zeigt auf Paletten gestapelte Säcke, einen orangefarbenen Betonmischer, in den Granulat geschaufelt wird. „Danach haben wir das Material zum Asphaltwerk gebracht“, sagt Redwitz. Es festigt Straßen in Aschaffenburg, Kiel und Potsdam.

    Jetzt sind größere Mengen nötig. Ecopals fertigt nicht selbst, lizenziert sein Verfahren an Abfallfirmen, die den Verbundkunststoff ohnehin sammeln. „Ein modernes Entsorgungsunternehmen hat die Technologie, die nötig ist, um das Recyclinggranulat herzustellen“, sagt Redwitz. „Eventuell sind kleinere Investitionen nötig, aber die lohnen sich.“ Ein Vorteil: kurze Wege. Der Verbundkunststoff fällt regional an, die Asphaltmischwerke arbeiten auch regional.

    Die Recycler sind offenbar interessiert. „Die Unternehmen sind schnell an uns herangetreten“, sagt Redwitz. Sie sparen das Geld für die Verbrennung des Kunststoffs. Zudem können sie bestimmte Recyclingquoten besser erfüllen, müssen keine Strafen bei Verstößen zahlen. Etwas zögerlicher sind offenbar die Straßenbauer. „Unsere Herausforderung ist, das Produkt in den doch eher konservativen Asphaltmarkt zu bekommen“, sagt Redwitz. Er ist aber zuversichtlich, vor allem, weil der Preis aus seiner Sicht stimmt. „Wir können Hochleistungsasphalt zum Preis von normalem Asphalt ohne Kunststoff anbieten. Und in der Branche gewinnt immer noch der günstigste Preis.“

    Noch bauen die zwölf Mitarbeiter von Berlin aus das Deutschland-Geschäft aus. Aber auch anderswo wird Plastik gesammelt, werden Straßen gebaut. Redwitz und sein Team denken darüber nach, ihr Konzept auch in Spanien, der Schweiz und der Türkei anzubieten.

  • Bier verliert

    Die Inflation trifft das Getränk hart

    Es beginnt mit einem Kronkorken. Kleines Teil, aber für die Bierindustrie recht wichtig. Der Preis hat sich binnen Jahresfrist mehr als verdoppelt. Und auch Braumalz, Hopfen, Wasser, Flaschen, Transport – alles hat sich deutlich verteuert. Vor allem die Energiekosten belasten die Unternehmen. Für Bierfans bedeutet das: Die Preise werden wahrscheinlich weiter steigen. Und die Zahl der Brauereien sinken.

    „Wir erwarten ein überaus hartes Jahr für die Branche, die zwar Erholungstendenzen zeigt, aber weiterhin von den Pandemiejahren gezeichnet ist und immer noch deutlich unter Vorkrisenniveau liegt“, heißt es bei der Radeberger-Gruppe, dem größten Brauunternehmen Deutschlands mit Marken wie Jever, Berliner Pilsner, Sternburg, Selters. Es gehört zum August-Oetker-Konzern. Der Ausblick ist auch nicht erbaulich: „Wir sehen keine Rückkehr zur Absatz- und Ertragssituation vor 2020.“

    Der Deutsche Brauerbund hat gerade berechnet, wie sich die Preise rund ums Bier verändert haben. Billiger geworden ist praktisch nichts. Kronkorken plus 120 Prozent, Kohlensäure plus 90 Prozent, Braumalz plus 90 Prozent, Neuglas plus 70 Prozent. Bierfässer verteuerten sich demnach um 60 Prozent, Kisten um 40 Prozent. Kartonage, Sprit, Transport kosten mehr, selbst Etiketten. Bei Radeberger sprechen sie von „nie gesehenen Preisniveaus“. Die Kosten nahezu aller im Produktionsprozess benötigten Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe seien geradezu explodiert.

    Besonders drastisch zeigt sich das bei Energie. Und Brauen verbraucht viel Energie. Manche Hefe hat es gern etwas wärmer, andere dagegen eher kühler. Es wird gefiltert, gepresst, erhitzt, gekocht, gekühlt, vor allem mit Strom und Gas. Hier errechnete der Brauerbund für 2023 das Achteinhalbfache der Vorjahreskosten.

    Hopfen, wesentlich für den Geschmack des Bieres, beziehen die Brauer überwiegend aus Deutschland. Kurze Wege, sehr gute Qualität. Wegen des Ukraine-Kriegs und höherer Energiepreise verteuerte sich Dünger, Sprit für die Maschinen kostete mehr. Und dann war der Sommer auch noch zu trocken und zu heiß – der Klimawandel trifft die deutschen Hopfenbauern. Alois Schapfl vom Hopfenverband sprach kürzlich vom schlechtesten Jahr der Branche. 28 Prozent weniger Hopfen wurde geerntet – vor allem in der bayerischen Hallertau, dem größten zusammenhängenden Hopfenanbaugebiet der Welt.

    Deutschland ist nach den USA der größte Hopfenanbauer, 2021 lag der deutsche Marktanteil weltweit bei gut 41 Prozent. Mehr als zwei Drittel der Ernte werden exportiert. Wenn es nicht gut läuft, hat das also Folgen für den Weltmarkt. Und weil alle Brauer weltweit Hopfen brauchen, steigen bei geringerem Angebot die Preise. Das merken auch deutsche Brauer im laufenden Jahr. Im vergangenen Jahr mussten sie für Hopfen dem Brauerbund zufolge 35 Prozent mehr ausgeben.

    Nun sind die Zahlen des Verbands Durchschnittswerte. Je nach Hopfensorte unterscheiden sich die Preise. Jedes Unternehmen hat andere Verträge. Und nicht alles, was für den Brauer teurer geworden ist, verteuert eine Flasche Bier besonders stark – etwa ein Kronkorken. Und vom Hopfen sind etwa 100 bis 200 Gramm je Hektoliter nötig – je nach Biersorte. Aber in der Summe kostet Bierbrauen deutlich mehr. Den Brauereien bleiben nur zwei Möglichkeiten: Sparen und Preise anheben.

    Dem Statistischen Bundesamt zufolge kostete Pils oder anderes untergäriges Bier Ende 2023 fast elf Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Weizen und weitere obergärige Biere waren rund acht Prozent teurer. Radeberger, besser als der Markt durch 2022 gekommen, hat die Preise zum 1. Dezember angehoben. Wie es weiter geht ist offen. „Jetzt schauen wir erst einmal, wie Kunden und Konsumenten auf diese Veränderungen reagieren“, sagt eine Sprecherin. Und die zögerten zuletzt.

    Auch wenn es vor der Corona-Pandemie recht gut lief: Die Biermenge, die die Bundesbürger Pro-Kopf trinken, sinkt: 2021 waren es 91,6 Liter mehr als ein Viertel weniger als 2000. Das reicht hinter Tschechien, Österreich und Polen noch für Rang vier in Europa, aber so richtig im Trend ist das Getränk nicht mehr. Und das, wo doch die Craft-Beer-Szene völlig neue geschmackliche Horizonte eröffnete.

    Wenn höhere Preise nur schwer durchsetzbar sind, bleibt nur sparen, was oft bedeutet, zuzumachen. Wer denkt, es treffe nur die kleinen Brauereien, die keine Rabatte aushandeln können, weil sie nur kleine Mengen abnehmen, irrt. Radeberger etwa schließt die Traditionsbrauerei Binding in Frankfurt, die Keimzelle des Unternehmens.

    Oettinger, bisher Deutschlands Nummer 3, schrumpft, streicht Produkte, die nicht so gut laufen, konzentriert sich auf das Kerngeschäft. Die Brauereigruppe aus Oettingen etwa 60 Kilometer südwestlich Nürnbergs beliefert auch nicht mehr ganz Deutschland – Transporte in den Norden und Westen der Republik sind zu teuer. Oettinger, bekannt für seine Niedrigpreispolitik, will daran offenbar unbedingt festhalten. Und beim Transport haben regionale kleine Brauereien Vorteile, heißt es in der Branche.

    Wie teuer wird Bier? Schwer zu sagen 7,50 Euro für den halben Liter nannte kürzlich der Geschäftsführer der Klosterbrauerei Neuzelle in Brandenburg. Es sollte eine Drohung sein, ist doch für das Geld schon eine Kiste Oettinger oder Sternburg zu bekommen. Auf dem Oktoberfest 2022 kostete ein halber Liter zwischen 6,30 und 6,90 Euro, wobei traditionell nur Liter ausgeschenkt werden. Und Craftbiere kann schon mal 5,60 Euro je halber Liter kosten. Pils oder Exportbier für unter 50 Cent je 0,5 Liter dürften aber bald der Vergangenheit angehören.

  • Kakao? Nicht die Bohne!

    Planet A Foods hat Schokolade neu erfunden

    Sie ist als Tafel manchmal quadratisch, meist länglich. Sie umhüllt Erdbeercreme, Minze, Kekse, Karamell, Erdnüsse. Schokolade, behaupten manche, mache sogar glücklich. Und ohne Kakao geht nichts. Bisher jedenfalls. Ein deutsches Unternehmen schickt sich an, den Markt aufzumischen – kakaolos und klimaschützend.

    Neu erfunden haben die Schokolade die Geschwister Maximilian und Sara Marquart mit ihrem Unternehmen Planet A Foods aus Planegg bei München. Die Technologiechefin und Gründerin verrät, was drin ist: „Im Prinzip nur Zucker, Sheabutter und natürlich unser Nocoa aus Hafer oder Sonnenblumenkernen.“ Sieht aus wie Schokolade, lässt sich verarbeiten wie Schokolade. Und wie schmeckt die Schokolade ohne Kakao? Marquart lächelt: „In Blindverkostungen haben Experten keinen Unterschied festgestellt.“

    Mit Schokolade werden Milliarden umgesetzt. Die Experten von Fortune Business Insight schätzten den Weltmarkt 2022 auf etwas mehr als 48 Milliarden Dollar (mehr als 44 Milliarden Euro), rund 20 Milliarden Dollar davor entfallen auf Europa, mit Deutschland als größtem Schokoverbraucher. Nach Zahlen des Bundesverbands der Deutschen Süßwarenindustrie kauften die Bundesbürger Produkte für insgesamt 3,5 Milliarden Euro, die Industrie stellte sogar Waren für 6,15 Milliarden Euro her. Und nur die Schweizer essen pro Kopf mehr Schokolade als die Deutschen.

    Ihre Geschäftsidee hatten die Geschwister Weihnachten 2020, als sich die beiden über Schokolade unterhielten und darüber, dass für Kakaoplantagen Regenwald abgeholzt wird. Kakao wächst nur in Regenwaldgebieten, gut 44 Prozent kommen nach Zahlen des der Internationalen Kakao Organisation aus Elfenbeinküste, Ghana folgt mit 14,3 Prozent vor Ecuador mit 7,7 Prozent. Brasilien und Indonesien haben das Geschäft ebenfalls entdeckt und weiten ihren Anbau aus. Das zerstört die grüne Lunge der Welt.

    Wer Regenwald schützt, hilft deshalb dem Weltklima. Schokolade zu verbieten, ist für die Geschwister keine Lösung. Wie also sieht eine Alternative zu Kakao aus? Regional sollte sie sein, um Transportwege kurz zu halten, bezahlbar – und vor allem sollte sie gleich schmecken. Sie schauten sich die Kakaobohne genau an, zerlegten sie in ihre Bestandteile, in Eiweiße, Kohlehydrate, Fette.

    Und sie entdeckten die gleichen Bausteine in Hafer und Sonnenblumenkernen. Den meisten Geschmack liefern auch beim Kakao Fermentation und Röstung. Den Marquarts gelang es, die richtige Hefe zu finden, um aus Hafer und Sonnenblumenkernen den Stoff für kakaofreie Schokolade zu gewinnen – Nocoa tauften sie das Produkt.

    Versuche, Kakao in Schokolade zu ersetzen, gab es in den vergangenen Jahrzehnten viele, aber niemand hat das Thema bis zur Marktreife gebracht. „Die Rahmenbedingungen waren anders, es lohnte sich nicht“, sagt Marquart. Heute gebe es CO2-Steuern und ESG (ökologische, soziale und Kriterien guter Führung). Zudem bedrohe der Klimawandel auch den Anbau der Pflanzen in tropischen Regionen.

    Bisher ist noch keine kakaofreie Schokolade zu kaufen. Im Sommer vergangenen Jahres konnten Eis-Fans den Stoff bereits in verschiedenen Eisdielen in deutschen Großstädten testen. Die ersten Produkte mit Nocoa sollen im September in die Supermarktregale kommen, zunächst in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Wir schauen aber auch Richtung USA“, sagt Marquart.

    Planet A Foods will selbst keine kakaofreie Schokolade in die Supermärkte bringen. „Wir beliefern die Industrie“, sagt Sara Marquart. Denn nur, wenn Kakao im großen Stil ersetzt werde, gebe es auch einen Effekt für das Klima. „Aber auf den Verpackungen steht schon ,Nocoa‘“, sagt sie. Dem Unternehmen geht es nicht so sehr um Schokotafeln mit sehr hohem Kakaoanteil, in denen die richtige Bohne eine große Rolle spielt, sondern um all die anderen Produkte, in denen Kakao enthalten ist – Schokoriegel und Kekse zum Beispiel.

    Für die Industrie geht es neben dem Geschmack auch immer um den Preis. Und da ist regionaler Hafer der Kakaobohne deutlich überlegen: „Die Tonne Hafer kostet derzeit rund 500 Euro, die Tonne Kakao 2500 Euro“, sagt Marquart. Und noch einen Vorteil nennt sie: Anders als Kakao sei Nocoa nicht bitter, das Produkt komme mit 30 Prozent weniger Zucker aus.

    Für Planet A Foods ist Kakaoersatz erst der Anfang. „Wir arbeiten auch an einem Ersatzstoff für Palmöl“, sagt Marquart, ebenfalls produziert von Hefen. Palmöl setzt die Industrie als billigen Fettersatz in zahlreichen Lebensmitteln ein. Und für die nötigen Plantagen wird Regenwald abgeholzt. Planet A Foods setzt auch hier auf Hefe. Bis der neue Ersatzstoff auf den Markt kommt, dauert es. Marquart hält einen Start in den USA für 2025 für möglich.

    Zunächst geht es um Schokolade. Die Pilotanlage bei Planet A Foods in Planegg stellt 40 Kilogramm pro Tag her, für die Lebensmittelindustrie sind größere Mengen nötig. Im tschechischen Pilsen baut das Unternehmen deshalb gerade eine Produktion auf. .„Eine Kombination aus Brauerei und Schokolade“, sagt Marquart. In der ehemaligen Staatsbäckerei, einer großen 60er-Jahre Halle, werden Fermentationskessel aus Edelstahl und Konchiermaschinen aufgestellt. Diese Knetanlagen verbessern den Geschmack der Schokolade – egal ob mit oder ohne Kakao.