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  • Ost-Land bringt Bund Millionen

    Rekordüberschuss aus Privatisierung von ehemals volkseigenen Flächen/ Preise für Grund und Boden um ein Drittel gestiegen

    Die Privatisierung ostdeutscher Äcker und Forsten hat dem Bundeshaushalt im vergangenen Jahr eine Rekordsumme von 366 Millionen Euro eingebracht. Das gab die Bodenverwertungs- und
    -verwaltungsgesellschaft  (BVVG) am Freitag bekannt. In diesem Jahr sollte es mit gut 430 Millionen eigentlich noch mehr werden. Doch die Finanzkrise macht auch der BVVG einen Strich durch die Rechnung. Den Bauern fällt die Finanzierung des Grundes schwer.  

    Der Staat kann trotzdem auf steigende Einnahmen hoffen. Denn der Landpreis ist allein im letzten halben Jahr um fast ein Drittel gestiegen. Pro Hektar erzielt das Unternehmen jetzt knapp 8400 Euro.

    Zwanzig Jahre nach der Wende endet im Dezember auch ein Stück Privatisierungsgeschichte der Landwirtschaft. Dann wird der subventionierte Landverkauf  zur Wiedereinrichtung der kleinbäuerlichen Betriebe eingestellt.

  • In Krümmel ist noch mehr kaputt

    Schaden an Brennstäben vermutet / Vattenfall sieht keinen Grund für Stillegung

    Die Schäden am Kernkraftwerk Krümmel sind schwerer als bisher bekannt. „Wir haben mit großer Wahrscheinlichkeit einen Brennstabschaden“, sagte der Chef der Nuklearsparte der Betreiberfirma Vattenfall, Ernst Michael Züfle, am Donnerstag in Berlin. Noch in dieser Woche will das Unternehmen den Reaktordeckel öffnen und alle 80.000 Brennstäbe untersuchen. Es seien allenfalls einige wenige Stäbe durch im Kühlwasser schwimmende Teilchen beschädigt worden, erläuterte Züfle. Einen Zusammenhang zum Kurzschluss in einem Transformator am letzten Wochenende besteht wohl nicht. Letzteres war der Auslöser für eine neuerliche Debatte um die Atomkraft und die Sicherheit älteren Anlagen wie der bei Hamburg.

    Der schwedische Versorger bemüht sich nun um Schadensbegrenzung. „Mir ist bewusst, dass wir damit erneut Vertrauen verloren haben“, räumte der Vorstandschef von Vattenfall Europe, Tuoma Hatakka. Ein Sonderermittler des Konzerns soll die Geschehnisse rund um den Meiler Krümmel aufklären. Hatakka räumt Fehler des Kraftwerkspersonals ein. So sollte der Trafo, dessen Ausfall einen Zusammenbruch des Hamburger Stromnetzes nach sich zog, eigentlich von einem Messgerät überwacht werden. Doch der so genannte Körperschalldetektor wurde nie installiert. Außerdem informierte das Kraftwerk die Aufsichtsbehörden mit Verzögerung. „Das ist ein herber Rückschlag für die Anstrengungen der letzten zwei Jahre“, bedauerte Hatakka. 2007 musste Krümmel schon einmal vom Netz genommen werden, weil ein Trafo in Brand geraten war. Nach bisherigem Kenntnisstand geht der jüngste Störfall auf denselben Fehler am Ersatzaggregat zurück. Der Meiler war damit erst vor gut zwei Wochen wieder in Betrieb genommen worden. Nun will der Konzern alle Vorgänge im Kraftwerk auf den Prüfstand stellen. „Es bestand zu keinem Zeitpunkt ein Risikopotenzial für die Bevölkerung“, versicherte Züfle.

    Bis Krümmel wieder hochgefahren werden kann, werden einige Monate vergehen. Eine endgültige Schließung des zu den ältesten Reaktoren gehörenden Reaktors lehnt Vattenfall ab, „Es gibt keinen Grund dafür“, sagte Hatakka. Das Sicherheitssystem habe gut funktioniert und es gebe keine Zweifel an der Zuverlässigkeit des Betreibers.

    Politiker fordern dagegen die Stilllegung. „Ein normaler Gastwirt hätte bei entsprechendem Fehlverhalten schon längst die Betriebslizenz entzogen bekommen“, sagte die grüne Umweltexpertin Bärbel Höhn. Die Grünen wollen eine Sondersitzung des Umweltausschusses im Bundestag beantragen und dort Konsequenzen für Vattenfall beraten. Der Versorger hat auch im Heimatland Schweden Probleme mit der Sicherheit in

  • Atomkraftpanne hilft Ökostromanbietern

    Politiker rufen Vattenfall-Kunden zum Wechsel auf / Neue Lieferverträge klappen mittlerweile problemlos

    Die Schäden am Kernkraftwerk Krümmel sind schwerer als bisher bekannt. „Wir haben mit großer Wahrscheinlichkeit einen Brennstabschaden“, sagte der Chef der Nuklearsparte der Betreiberfirma Vattenfall, Ernst Michael Züfle, am Donnerstag in Berlin. Noch in dieser Woche will das Unternehmen den Reaktordeckel öffnen und alle 80.000 Brennstäbe untersuchen. Es seien allenfalls einige wenige Stäbe durch im Kühlwasser schwimmende Teilchen beschädigt worden, erläuterte Züfle. Einen Zusammenhang zum Kurzschluss in einem Transformator am letzten Wochenende besteht wohl nicht. Letzteres war der Auslöser für eine neuerliche Debatte um die Atomkraft und die Sicherheit älteren Anlagen wie der bei Hamburg.

    Der schwedische Versorger bemüht sich nun um Schadensbegrenzung. „Mir ist bewusst, dass wir damit erneut Vertrauen verloren haben“, räumte der Vorstandschef von Vattenfall Europe, Tuoma Hatakka. Ein Sonderermittler des Konzerns soll die Geschehnisse rund um den Meiler Krümmel aufklären. Hatakka räumt Fehler des Kraftwerkspersonals ein. So sollte der Trafo, dessen Ausfall einen Zusammenbruch des Hamburger Stromnetzes nach sich zog, eigentlich von einem Messgerät überwacht werden. Doch der so genannte Körperschalldetektor wurde nie installiert. Außerdem informierte das Kraftwerk die Aufsichtsbehörden mit Verzögerung. „Das ist ein herber Rückschlag für die Anstrengungen der letzten zwei Jahre“, bedauerte Hatakka. 2007 musste Krümmel schon einmal vom Netz genommen werden, weil ein Trafo in Brand geraten war. Nach bisherigem Kenntnisstand geht der jüngste Störfall auf denselben Fehler am Ersatzaggregat zurück. Der Meiler war damit erst vor gut zwei Wochen wieder in Betrieb genommen worden. Nun will der Konzern alle Vorgänge im Kraftwerk auf den Prüfstand stellen. „Es bestand zu keinem Zeitpunkt ein Risikopotenzial für die Bevölkerung“, versicherte Züfle.

    Bis Krümmel wieder hochgefahren werden kann, werden einige Monate vergehen. Eine endgültige Schließung des zu den ältesten Reaktoren gehörenden Reaktors lehnt Vattenfall ab, „Es gibt keinen Grund dafür“, sagte Hatakka. Das Sicherheitssystem habe gut funktioniert und es gebe keine Zweifel an der Zuverlässigkeit des Betreibers.

    Politiker fordern dagegen die Stilllegung. „Ein normaler Gastwirt hätte bei entsprechendem Fehlverhalten schon längst die Betriebslizenz entzogen bekommen“, sagte die grüne Umweltexpertin Bärbel Höhn. Die Grünen wollen eine Sondersitzung des Umweltausschusses im Bundestag beantragen und dort Konsequenzen für Vattenfall beraten. Der Versorger hat auch im Heimatland Schweden Probleme mit der Sicherheit in Atomkraftwerken. Die Aufsichtsbehörden verlangen, dass der Konzern mehr auf eine störungsfreie Technik achtet. Erstaunlich, dass dieser Druck nötig ist. Denn Vattenfall gehört zu 100 Prozent dem Staat.

    Mit Transparenz und schnellen Informationen soll die Imagekrise behoben werden. Am Samstag wollen sich die Verantwortlichen aus dem Kraftwerk auch den Fragen der Anwohner stellen.

  • Täuschung an der Tagesordnung

    Mit Billigzutaten und schönen Bildern werden Lebensmittelkunden in die Irre geführt

    Berlin (wom) – Der leckere Schafskäse auf dem Etikett eines vermeintlichen Feinkostherstellers erweist sich als billiges Pflanzenfett mit Kuhmilch. Auch hinter der ansehnlichen Surimi-Garnele, angeblich im Indischen Ozean gefangen, verbirgt sich nur gepresstes Fischeiweiß, das mit Geschmacksverstärkern und Aromen aufgepeppt wird. In einem Meeresfrüchtecocktail finden sich schon mal statt Tintenfischen und Garnelen Imitate aus Fischmuskeleiweiß. Die Kunden in Supermärkten, Restaurants und Imbissstuben werden durch solche täuschende Aufmachungen häufig hinters Licht geführt.

    Die Liste der ekligen Beispiele ist noch viel länger und stammt von der Hamburger Verbraucherzentrale. Ein Hersteller vermengt Reststückchen von Huhn und Pute zu panierten Hähnchenschnitten, die wie Schnitzel aussehen. Das Vanilleeis eines Discounters wiederum erhält seinen Geschmack durch künstlich hergestelltes Vanillin und Kokosfett.

    „Das ist alles korrekt“, versichert die Sprecherin der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), Sabine Eichner-Lisboa. Denn die Hersteller der Billigware halten in der Regel die Gesetze ein. Das heißt, die Produkte dürfen nicht gesundheitsschädlich sein und die Zutaten müssen auf der Verpackung angegeben werden. Der Genuss ist nach Ansicht von Experten unbedenklich. Deshalb rät die BVE zum genauen Blick auf die Verpackung. Formulierungen wie „Formfleisch“ deuten auf Ramschzutaten hin. Beim Formschinken, den Pizzabäcker häufig auf den Teig legen, handelt es sich um eine Mixtur aus Gel und Fleischresten, die zu einem scheinbar appetitlichen Block gepresst werden.

    Gepanscht und imitiert wird aus Kostengründen. Die nachgeahmten Lebensmittel sind viel billiger als die Originale. Bei ungewöhnlich günstigen Offerten für vermeintlich hochwertige Lebensmittel sollten die Käufer daher genau hinschauen, ob der erwartete Inhalt auch drin ist. Dies geht aus der Zutatenliste hervor, bei der die wichtigsten Bestandteile ganz oben stehen. Aufgeweckte Verbraucher erkennen rechtzeitig, dass Bahlsens Wasabi-Erdnüsse nicht mit japanischem Meerrettich, sondern mit einem Algenkonzentrat gewürzt werden.

    Die Grenze zur verbotenen Täuschung der Verbraucher ist fließend. Denn per Gesetz ist auch eine Aufmachung, die irreführend ist, verboten. Deshalb hält die Industrie den geltenden Rechtsrahmen für genügend. „Die Regelungen müssen aber angewandt und kontrolliert werden“, fordert BVE-Hauptgeschäftsführer Matthias Horst. In der Politik wächst derweil angesichts der Marketinglist der Nahrungsmittelbranche der Ärger. „Es muss vermieden werden, dass Verbraucher durch optische Darstellungen in die Irre geführt werden“, sagt Baden-Württembergs Verbraucherminister Peter Hauk. Notfalls will der Minister eine europäische Initiative gegen die Täuscherei starten.

    Dabei werden die Kunden im Supermarkt nicht einmal am stärksten hinters Licht geführt. In Gaststätten und Schnellrestaurants wird deutlich häufiger zu Billigzutaten gegriffen als im Handel. Vor allem Käseimitate und Formfleisch kommen häufig zum Einsatz, ohne dass die Gäste davon wissen.

    Die Liste der aufgefallenen Produkte findet sich im Internet unter der Adresse www.vzhh.de.

  • Gabriel verschärft den Atomstreit

    Umweltminister fordert Änderung des Atomgesetzes. Acht Atomkraftwerke sollen ab 2010 stillgelegt werden, auch das „Krümmel-Monster“. Blieben die AKW in Betrieb, würden Tausende Arbeitsplätze in den erneuerbaren Energien gefährdet

    Die SPD verschärft die Auseinandersetzung mit der Union über die Atomkraft. Am Freitag forderte Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD), das Atomgesetz zu ändern. Damit wolle er durchsetzen, dass in der kommenden Legislaturperiode acht Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet würden, sagte Gabriel.


    Die aktuelle Atomdebatte wurde ausgelöst durch einen neuerlichen Unfall im Kraftwerk Krümmel des Vattenfall-Konzerns. Während die Union dies als Einzelfall bezeichnet und auf die Verlängerung der Laufzeiten der Anlagen drängt, macht sich die SPD nun für einen schnelleren Ausstieg stark.


    Für die Änderung des Atomgesetzes nach der Bundestagswahl bräuchte die SPD eine Mehrheit links von der Union, die sie auf Basis der gegenwärtigen Umfragen allerdings nicht erwarten kann. „Ja, das ist Wahlkampf“, sagte Gabriel. Die SPD positioniere sich gegen die Atomkraft, um eine deutliche Alternative zur Union zu bieten, die der Minister als „verlängerten Arm der Atomlobby“ bezeichnete.


    Die Verschärfung des Atomgesetzes beträfe die Atomkraftwerke Biblis A und B, Neckarwestheim 1, Brunsbüttel, Isar 1, Unterweser, Philippsburg 1 und Krümmel. Diese „alten“ Kraftwerke, die ab 1975 in Betrieb gingen, entsprächen nicht mehr dem modernen technischen Stand, sagte Gabriel. Insgesamt sind hierzulande noch 17 Anlagen in Betrieb.


    Der Umweltminister will das Atomgesetz für die Energieunternehmen E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW auf mehrere Arten ändern. So soll die Übertragung von Strommengen von einem Atomkraftwerk auf ein anderes eingeschränkt werden. Der von Rot-Grün im Jahr 2000 mit den Firmen ausgehandelte Atomkonsens sieht bisher vor, dass die Unternehmen von Ausnahmen abgesehen relativ frei wählen können, welches Kraftwerk sie früher abschalten und welches sie länger laufen lassen. Künftig würden dagegen nur noch die modernsten AKW am Netz bleiben dürfen.


    Zudem will das Umweltministerium umfangreiche Sicherheitsüberprüfungen bereits alle fünf und nicht wie bisher alle zehn Jahre durchführen lassen. Dies würde die Reparaturkosten und den Druck auf die Betreiber erhöhen, alte Anlagen schneller stillzulegen.


    Um seiner polarisierenden Strategie mehr Nachdruck zu verleihen, benutzt Gabriel das Arbeitsplatzargument. Würden die Atomkraftwerke früher abgeschaltet, könnten die Betreiber von Windparks in der Nord- und Ostsee mehr sauberen Strom in die Netze einspeisen. Dies sichere bei Stahl-, Maschinenbau- und Energiefirmen in den strukturschwachen Küstenregionen „mehrere Tausend Jobs“ – „in Bremerhaven 3.500 bis 4.000, in Cuxhaven 1.000“. Umgekehrt würden diese Arbeitsplätze bei den Erneuerbaren Energien gefährdet, wenn die Atomkraftwerke länger Strom produzierten.


    Nachdem SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier bereits am Donnerstag die endgültige Stilllegung des havarierten Kraftwerks Krümmel gefordert hatte, erklärte Gabriel einen Tag später, wie dies zu bewerkstelligen sei. „Die Überprüfung des technischen Zustandes wird garantiert länger dauern“, sagte der Minister. Man werde das neue „Kerntechnische Regelwerk“ zur Grundlage machen, das schärfere Überprüfungen erfordere. Sei Vattenfall nicht bereit, dies zu akzeptieren, werde man die Stromproduktion des „Krümmel-Monsters“, wenn notwendig, mit einer „atomrechtlichen Weisung“ aus Berlin unterbinden.


    Eine Umfrage des Instituts Emnid im Auftrag des Senders N24 ergab derweil, dass 54 Prozent der Bundesbürger die Atomkraft für technisch unsicher halten.

  • „Maximaler Gewinn ist verantwortungslos“

    Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann über den Atomkonzern Vattenfall und das öffentliche Vertrauen in Unternehmen

    Koch: Der Stromkonzern Vattenfall bedauert, durch die Unfälle im Atomkraftwerk Krümmel die Zustimmung der Öffentlichkeit verloren zu haben. Warum ist Vertrauen für Unternehmen so wichtig?


    Ulrich Thielemann: „Vertrauen“ bedeutet hier eigentlich Akzeptanz und Unterstützung durch Anspruchsgruppen der Gesellschaft, die für die Gewinnerzielung wichtig sind. Wenn das Vertrauen fehlt, dann drohen Demonstrationen, Klagen vor Gericht oder eine restriktivere Politik. Und dies schmälert den Gewinn.


    Koch: Wie verliert ein Unternehmen das Vertrauen der Bevölkerung?


    Thielemann: Indem es sich einigermaßen grober Verfehlungen schuldig macht, die für jeden leicht erkennbar sind. Bei komplexeren Vergehen kommt man also leichter durch. Verantwortungsvolle Unternehmen fragen allerdings nicht danach, wie sie das Vertrauen zurückerobern können. Sie fragen vielmehr danach, worin eine ethisch verantwortungsvolle Geschäftspolitik im Einzelnen besteht und handeln natürlich entsprechend. Das verdiente Vertrauen kommt dann von allein.


    Koch: Bei Vattenfall muss man immer damit rechnen, dass in den Atomkraftwerken irgendetwas daneben geht. Reparaturen werden nicht richtig ausgeführt, und der Öffentlichkeit Informationen vorenthalten. Verhält sich der Konzern – einfach gesagt – verantwortungslos?


    Thielemann: Mir fehlen die Informationen, um das im Einzelfall zu beurteilen. Klar ist allerdings: Sollte die Gewinnmaximierung an oberster Stelle der Unternehmenspolitik stehen, würde die Firma die Sicherheit von der Rentabilität abhängig machen. Die Rentabilität darf aber nicht das wichtigste Ziel eines Unternehmens sein.


    Koch: Wie bitte? Gewinn wird in der Marktwirtschaft doch als vornehmliches Firmeninteresse definiert.


    Thielemann: Nein, das ist ein verbreiteter und gefährlicher Irrtum. Im Gegenteil sagt das deutsche Aktienrecht sinngemäß, dass das Management große Spielräume genießt, um eben nicht alleine auf die Rentabilität schauen zu müssen. Der Gewinn ist nur eines von mehreren Zielen. Im übrigen kann man auch gute Gewinne erzielen, ohne alles daran zu setzen, dass die Gewinne so hoch wie möglich sind.


    Koch: Im Vergleich zum rabiaten Wirtschaftsleben erscheint diese Theorie ein wenig veraltet.


    Thielemann: In den vergangenen Jahrzehnten hat sich in der Tat eine Art des Wirtschaftens in den Vordergrund geschoben, die den Gewinn absolut setzt, ihn maximiert. Es gibt da eine neue ökonomistische Radikalität im Management, die mit den betriebswirtschaftlichen Lehrbuchweisheiten ernst macht. Eine Erscheinungsform sind die so genannten Heuschrecken. Demgegenüber muss man hart sagen: Wer die Interessen der Aktionäre vorzieht, verletzt zumindest im Geiste deutsches Recht. Wenn ein Unternehmen einseitig im Hinblick auf das Gewinninteresse geführt wird, enden wir beim Recht des Stärkeren.


    Koch: Tuomo Hatakka, der Europa-Chef von Vattenfall, betont nun, neues Vertrauen erwerben zu wollen. Wie kann ihm das gelingen?


    Thielemann: Grundvoraussetzung ist, dass die Unternehmen dem Prinzip der Gewinnmaximierung abschwören. Keinem Konzern kann es gelingen, beide Ziele gleichzeitig zu erreichen – höchsten Gewinn und Berücksichtigung der legitimen Interessen der Bevölkerung. Manager, die behaupten, das würde funktionieren, sagen die Unwahrheit. Immer mehr Bürger merken intuitiv, dass hinter den schön klingenden Stellungnahmen andere Motive stehen. Statt durch Spenden für Kultur und Sport von der eigentlichen Geschäftstätigkeit abzulenken und sich so seine Reputation zu erschleichen, würde es die Redlichkeit eigentlich verlangen, sich etwa mit den stärksten Kritikern auseinanderzusetzen. „Vertrauen“ kann immer nur verdientes Vertrauen bedeuten. Und dieses verdient man sich durch wahrhaftige Integrität.


    Koch: In der Theorie der Unternehmensverantwortung gewinnen solche Ideen inzwischen eine größere Bedeutung. Warum spielen sie praktisch kaum eine Rolle?


    Thielemann: Sie spielen durchaus eine Rolle, aber eine noch zu geringe. Wir stehen am Anfang des Prozesses einer neuen Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Bürgern, bei der diese von jenen wahrhaftige Integrität einfordern. Doch wird dem Management-Nachwuchs an den meisten Universitäten noch immer vor allem beigebracht, wie sich der Gewinn für die Aktionäre steigern lässt. Die Botschaft lautet: Was sich rentiert, ist auch vernünftig.


    Koch: Würde eine neue Unternehmensethik praktiziert, sänke der Gewinn der Aktionäre. Würden die Investoren sich das gefallen lassen?


    Thielemann: Wahrscheinlich nicht. Deshalb brauchen wir auch eine neue Rahmenordnung der Wirtschaft. Die Unternehmensverfassung müsste pluralistisch ausgestaltet werden. In den Aufsichtsräten dürften nicht nur die Vertreter des Kapitalseite und der Beschäftigten sitzen, sondern auch Umweltverbände, Bürgerrechtsgruppen und Verbraucherschützer. Selbstverständlich würde dies heute alles nur auf globaler Ebene funktionieren können. Darum fordert Angela Merkel ja eine Weltwirtschaftsordnung – damit wir eine „menschliche Marktwirtschaft“ bekommen.

    Ulrich Thielemann (Jg. 1961) ist Vize-Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen in der Schweiz

  • Atomkraftpanne hilft Ökostromanbietern

    Politiker rufen Vattenfall-Kunden zum Wechsel auf / Neue Lieferverträge klappen mittlerweile problemlos

    Die Stromkunden sollen durch einen Anbieterwechsel Druck auf den Stromkonzern Vattenfall ausüben, in dessen Kernkraftwerke Krümmel es erneut zu einer Panne gekommen ist. „Durch einen Anbieterwechsel kann man seinen privaten Atomausstieg vollziehen“, rät die Grüne Umweltexpertin Bärbel Höhn. Das Unternehmen brauche eine Quittung für Billig-Reparaturen und billige Nachrüstungen in Krümmel. Auch der energiepolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Rolf Hempelmann, verweist auf die Wechselmöglichkeit, wenn Kunden mit dem Verhalten ihrer Stromanbieter unzufrieden sind. Angesichts der Versäumnisse im Kernkraftwerk „kann man sich nur an den Kopf fassen“. „Jeder Stromwechsler zählt“, sagt Florian Noto, Sprecher einer von Umweltverbänden getragenen Initiative für den Atomausstieg.

    Auf diese Idee sind die ersten Verbraucher auch ohne Aufruf gekommen. „Wir haben einen verstärkten Kundenzulauf“, berichtet Gero Lücking von der Geschäftsleitung des Ökostrom,-Anbieters Lichtblick. Die Zahl der Internetanmeldungen sei im Vergleich zur Woche vor dem Störfall um 70 Prozent gestiegen. Es wäre nicht das erste Mal, dass die privaten Haushalte sich auf diese Weise gegen Vattenfall zur Wehrt setzen. Nach dem letzten schweren Zwischenfall in Krümmel 2007 kündigten über 200.000 Kunden in Hamburg und Berlin ihren Vertrag. Allein Lichtblick zählte dadurch 65.000 Neuanmeldungen.

    „Guter Ökostrom kostet mittlerweile fast genauso viel, wie das Basisangebot von Vattenfall“, stellt Höhn fest. Trotzdem sind Stromlieferungen von Anbietern, die auf Sonnen- oder Windenergie setzen, teurer als herkömmlich erzeugte Elektrizität. Laut Lichtblick muss eine Durchschnittsfamilie mit zwei Kindern im Jahr rund 20 Euro mehr für Ökostrom als für die Versorgung aus Kohle und Kernkraft bezahlen.

    Der Wechsel des Anbieters ist für die Verbraucher mittlerweile unproblematisch. Die Formalitäten übernimmt in der Regel der neue Lieferant. Dazu benötigt das Unternehmen lediglich die Daten des Kunden sowie die Nummer des Stromzählers. Damit besorgt die Firma den Rest. Eine Pause bei der Stromversorgung ist ausgeschlossen. Je nach Kündigungsfrist wird der Vertrag nach etwa sechs Wochen umgestellt. Inzwischen hat bereits jeder fünfte Kunde in Deutschland wenigstens einmal den Tarif gewechselt, meist allerdings nur, um dabei etwas zu sparen.

    Auch die großen Versorger bieten Tarife an, bei denen sich die Energie ausnahmslos aus erneuerbaren Quellen speist. Daneben haben sich aber auch vier kleinere Spezialisten herausgebildet, die bundesweit Ökostrom anbieten und von Umweltverbänden empfohlen werden. Neben dem Vorreiter Lichtblick sind dies die Elektrizitätswerke Schönau, Naturstrom und Greenpeace Energy.

    Unterdessen bemüht sich Vattenfall vergebens um eine Begrenzung des Schadens, der durch einen defekten Transformator in dem Hamburger Atomkraftwerk (AKW) ausgelöst wurde. Das Unternehmen kündigte den Einbau neuer Trafos an und schickte den Leiter der Anlage in die Wüste. „Wir müssen jederzeit höchste Standards in Sicherheit und Technik in unseren Kraftwerken sicherstellen“, sagte der Chef von Vattenfall Europe, Tuomo Hatakka. Unterdessen werden allerdings auch aus Schweden wieder Vorwürfe gegen den Versorger laut. Behörden bemängeln dort Sicherheitsmängel am AKW Ringhals, das nun unter verschärfter Aufsicht steht.

  • Mehr Beschäftigung in Bildung und Pflege

    Trotz der Wirtschaftskrise nimmt die Beschäftigung in den Sozialbranchen zu. Aber auch das produzierende Gewerbe erholt sich: 3,7 Prozent Produktionszuwachs im Mai

    Die Wirtschaftskrise hat merkwürdige Seiten. Im Alltag vieler Deutscher kommt sie nicht richtig an. Zudem mehren sich bereits die guten Nachrichten, die Optimismus aufkeimen lassen. So verzeichnet die Bundesagentur für Arbeit in einigen Branchen eine deutlich höhere Nachfrage nach Arbeitskräften. Diese positive Entwicklung macht sich in drei Bereichen merkbar: Erziehung und Unterricht, Gesundheit und Soziales, sowie dem Gaststättengewerbe.

    In den drei Dienstleistungsbranchen liegt die Zahl der Arbeitskräfte nicht nur erheblich über dem Vorjahr, sondern auch über dem Durchschnitt der anderen Wirtschaftsbereiche. Im April 2009 boten öffentliche und private Bildungseinrichtungen 3,7 Prozent mehr sozialversicherungspflichtige Stellen an als ein Jahr zuvor, errechnete die Bundesagentur. In der Gesundheits- und Sozialbranche betrug der Zuwachs gegenüber April 2008 3,6 Prozent, im Gaststättengewerbe 3,5 Prozent. Zum Vergleich: Im Durchschnitt beschäftigte die deutsche Wirtschaft im April 0,3 Prozent mehr sozialversicherungspflichte Arbeiter und Angestellte als im Vorjahresmonat.

    Die Gründe für das Wachstum der Beschäftigung sind unterschiedlich. Im Bildungsbereich ersetzen  die Bundesländer Pädagogen, die die Altersgrenze erreicht haben. Fast jeder zweite Lehrer in Deutschland ist über 50 Jahre alt und geht bis 2015 in Pension. Manche Länder wie etwa Hessen stellten aber auch zusätzliche Lehrer und Lehrerinnen ein, heißt es beim Verband Bildung und Erziehung (VBE). Hinzu komme ein größerer Bedarf an Pädagogen mit Spezialausbildung, um soziale und familiäre Probleme von Schülern zu bearbeiten. Außerdem steigt die Zahl der Privatschulen, besonders die der privaten Grundschulen. Auch deshalb finden ausgebildete Lehrer heute relativ leicht eine Stelle.

    Im Gesundheits- und Sozialbereich macht sich die Alterung der Gesellschaft bemerkbar. Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen steigt. Deshalb nehme auch die Zahl der Pflegeeinrichtungen und Pflegedienste zu, sagt Imme Lanz, Geschäftsführerin des Deutschen Evangelischen Verbandes für Altenarbeit und Pflege. Die Einrichtungen haben einen entsprechend höheren Bedarf an Personal.

    Der Aufbau von Beschäftigung in diesen Dienstleistungsbranchen wird von der Wirtschaftskrise nicht beeinträchtigt. Er ist relativ „konjunkturunabhängig“, wie die Experten sagen. Schüler werden ausgebildet und alte Menschen gepflegt, auch wenn die allgemeine Wirtschaftsentwicklung sich verlangsamt. Angesichts der Krise tritt der Beschäftigungszuwachs in den Sozialbranchen aber relativ deutlicher zutage. Im produzierenden, exportorientierten Gewerbe stagniert die Beschäftigung dagegen, oder sie droht zu sinken.  

    Von diesen langfristigen Trends abgesehen, gibt es aber auch aktuelle positive Zeichen, die auf ein Ende der Wirtschaftskrise hindeuten könnten. So ist die Erzeugung im produzierenden Gewerbe im Mai preis- und saisonbereinigt um 3,7 Prozent gestiegen, meldete das Bundeswirtschaftsministerium am Mittwoch. Die Industrieproduktion stieg um 5,1 Prozent. Besonders Hersteller von Maschinen und anderen Investitionsgütern profitierten. Der zurückliegende Einbruch, der jetzt teilweise wieder aufgeholt wird, war allerdings heftig. Wegen der Krise lag die Industrieproduktion im April/ Mai um 22 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Am Dienstag bereits hatte das Wirtschaftsministerium überraschend stark steigende Auftragseingänge in der Industrie gemeldet.

    Bei der Bundesagentur für Arbeit geht man von einer gegenläufigen Entwicklung im Sommer und Herbst diesen Jahres aus. So werde es einerseits zu einer Erholung in weiteren Branchen kommen. Im Baugewerbe machten sich dann die Konjunkturprogramme der Bundesregierung bemerkbar. Deshalb sei mit einem höheren Bedarf an Bauarbeitern zu rechnen. Andererseits werde aber die Erwerbslosigkeit insgesamt deutlich ansteigen, weil in vielen Firmen die Kurzarbeiterregelungen ausliefen, die bisher Entlassungen verhindert hätten.

  • Große Firmen haben mehr Probleme als kleine

    Internationale Banken geizen mit umfangreichen Krediten. Versorgung des Mittelstandes ist relativ besser. Bundesregierung plant Maßnahmen gegen Kreditknappheit

    Unter der Verknappung von Krediten angesichts der Wirtschaftskrise leiden Konzerne mehr als mittlere und kleine Firmen. Darauf weist der Zentralverband der Elektrotechnischen Industrie (ZVEI) hin. „Großunternehmen verspüren schärfere Restriktionen“, sagte ZVEI-Chefökonom Andreas Gontermann gegenüber dieser Zeitung.


    Die Bundesbank bestätigt die Einschätzung des Elektroverbandes. So kam die Bundesbank in einer Umfrage zu dem Ergebnis, dass mindestens 42 Prozent der Institute die Kreditkonditionen für kleine und mittlere Unternehmen bis April diesen Jahres verschärft hätten. In Bezug auf große Unternehmen sprachen dagegen 50 Prozent der Banken von strikteren Bedingungen für die Vergabe von Krediten.


    Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den Kreditsummen. Trotz der Wirtschaftskrise nahm diese Zahl bei den privaten Geschäftsbanken zwar auch im ersten Quartal 2009 um 11,4 Milliarden Euro zu. Statistiken der Bundesbank zeigen aber, dass die Zunahme viel geringer ausfiel als ein Jahr zuvor. Im ersten Vierteljahr 2008 war die Kreditsumme gegenüber dem Vorquartal noch um 25,5 Milliarden Euro gewachsen.


    Dabei wird der Zuwachs Anfang 2009 vor allem von regional ausgerichteten Privatinstituten getragen. Die privaten Großbanken hielten sich dagegen bedeckt. Ihr Kreditwachstum beschränkte sich nach Angaben der Bundesbank auf 1,5 Milliarden Euro. In Deutschland aktive ausländische Banken verringerten die ausgereichte Kreditsumme sogar um zwei Milliarden Euro.


    Dies bedeutet: Konzerne und andere Unternehmen, die mit transnationalen Banken über hohe Kredite verhandeln, erhalten diese zur Zeit oft nicht. Hart trifft es beispielsweise die Solarbranche, der es kaum noch gelingt, Finanzierungen für große Sonnenkraftwerke abzuschließen. „Projektfinanzierungen in dreistelliger Millionenhöhe sind sehr schwierig“, sagt ZVEI-Ökonom Gontermann.


    Auch Kredite für kleine und mittlere Unternehmen werden knapper und teurer, doch die Einschränkungen dort sind geringer. Ausweislich der Bundesbank-Statistiken haben die Sparkassen ihr zusätzliches Kreditvolumen von 2,5 Milliarden Euro (1. Quartal 2008) auf zwei Milliarden (1. Quartal 2009) gesenkt. Der Rückgang ist damit wesentlich moderater als bei den Geschäftsbanken. Mittelständische Firmen, die Kredite eher von Sparkassen und Volksbanken als internationalen Instituten erhalten, spüren die Kreditklemme deshalb nicht so stark.


    Hintergrund der Entwicklung: Regionale Institute, Sparkassen und Volksbanken haben im Zuge der Finanzkrise geringere Verluste erlitten, weil sie sich am Handel mit risikoreichen Papieren kaum beteiligten. Die Großbanken müssen dagegen hunderte Milliarden Euro abschreiben. Sie trachten zur Zeit danach, zu große Risiken zu vermeiden.


    Bundesbankpräsident Axel Weber, Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) und andere Koalitionspolitiker hatten den Banken in den vergangenen Tagen „noch nie dagewesene Maßnahmen“ für den Fall angedroht, dass sich die Kreditversorgung nicht schnell bessere. In Frage kommen dafür vor allem drei Maßnahmen: Die Bundesbank könnten selbst Anleihen von Unternehmen kaufen, um diese mit Fremdkapital zu versorgen. Zweitens könnten die staatliche KfW-Bankengruppe mehr direkte Kredite an Firmen vergeben. Und drittens drängt die Bundesregierung darauf, das Banken-Abkommen „Basel II“ zu entschärfen. Dieses schreibt vor, das Institute mehr Eigenkapital in Reserve halten, wenn sie risikoreiche Kredite vergeben – ein Umstand, der die Kreditvergabe zusätzlich einengt.

  • Außer Kontrolle

    Leitartikel zur Bad Bank von Hannes Koch

    Die abenteuerlichste Behauptung steht gleich auf der ersten Seite des umstrittenen Gesetzes. Beim Punkt „Finanzielle Auswirkungen für die öffentlichen Haushalte“ ist dort schlicht zu lesen: „Keine“. Dies ist zumindest eine sehr mutige Formulierung. Man kann das auch als systematische Irreführung der Bürger durch die Abgeordneten der großen Koalition bezeichnen.


    Wagen die Volksvertreter von Union und SPD mit ihrem Bad-Bank-Gesetz doch ein großes soziales Experiment, das nicht nur erstmals unternommen wird, dessen Ausgang zudem völlig offen ist. Wer will 20 Jahre vorausblicken und heute sicher sagen, dass die Kosten für die Steuerzahler gleich Null sein werden? Eine unglaubliche Unverfrorenheit, die Finanzminister Peer Steinbrücks bekannte Kaltschnäuzigkeit weit in den Schatten stellt.


    An der Gründung „schlechter Banken“ führt einerseits kein Weg vorbei. Große Mengen wertloser Investment-Papiere belasten die Bilanzen der Banken und hindern sie, Bürger und Unternehmen mit Krediten zu versorgen. Um sich zu sanieren, dürfen die Institute deshalb faule Wertpapiere, die augenblicklich Verluste in dreistelliger Milliardenhöhe verursachen, in öffentlich besicherte Anstalten, die so genannten Bad Banks, auslagern. Der Staat schießt den notleidenden Banken im Gegenzug frisches Kapital zu, verkauft die Schrottpapiere allmählich und stellt den Verursachern der Krise schließlich die Kosten in Rechnung. Die Banken bleiben also in der Haftung, bis der Schaden behoben ist. Dies soll auch für die strauchelnden Landesinstitute, etwa die Landesbank Baden-Württemberg, gelten. So lautet die Theorie.


    Kann sein, dass das funktioniert. Kann aber auch nicht sein. Sprechen wir uns 2029 wieder, wenn wir einen Strich unter die Krise machen und die öffentlichen Kosten summieren. Vorstellbar ist etwa dieser künftige Fall: Nachdem die Institute fünf oder zehn Jahre am staatlichen Tropf gehangen haben, proben sie den Aufstand. Sie beschweren sich, keine Dividende an ihre Aktionäre zahlen zu können. Sie wollen endlich wieder richtig Gewinn ausweisen und ihre Altlasten loswerden. Schließlich bedeuten diese einen erheblichen Nachteil im internationalen Wettbewerb. Welche Bundesregierung wollte da „Nein“ sagen – zumal, wenn es eine schwarz-gelbe wäre?


    Die Koalition suggeriert zwar, die bedrohliche Lage im Griff zu haben. In den letzten Sitzungstagen der alten Wahlperiode versucht man routiniert, die Krise zu managen und trotzdem rechtzeitig in die Sommerferien zu kommen. Am Erfolg dieses Verfahrens allerdings sind einige Zweifel angebracht.


    Beängstigend ist etwa die Mutlosigkeit, mit der Koalitionsparteien und Regierung den Banken gegenübertreten. Im Bad-Bank-Gesetz dominiert das Prinzip der Freiwilligkeit. Die Institute können sich selbst entscheiden, ob sie einen Investment-Schrottplatz einrichten oder nicht. Besser wäre es dagegen gewesen, man hätte die Investoren zur Teilnahme am Rettungsprogramm verpflichtet. Nur so könnten Politik und Öffentlichkeit einigermaßen sicher sein, wenigstens einen Überblick über sämtlich Risiken zu erhalten, die noch in den Büchern der Banken schlummern. Die US-Regierung von Präsident Obama ist diesen Weg gegangen, indem sie den schwankenden Instituten das Rettungskapital aufgenötigt hat. Verlässt man sich aber auf Freiwilligkeit und toleriert damit auch Geheimniskrämerei, muss die Politik mit neuen Verlusten und Rückschlägen rechnen.


    Außerdem ist es ein Fehler, dass Union und SPD sich nicht durchringen konnten, als Gegenleistung für die staatliche Sicherheiten auch Eigentumsanteile, beispielsweise Aktien, der Banken zu übernehmen. Verfassungs- und eigentumsrechtlich mag das schwierig erscheinen, doch eine Rechtfertigung für diesen Schritt bestünde allemal. Schließlich haben die Institute mit ihren riskanten Geschäften die größte Wirtschaftskrise der vergangenen 100 Jahre heraufbeschworen. Diese lässt sich nur durch öffentliche Verschuldung zu Lasten der kommenden Generationen überwinden. Wenn die Gemeinschaft der Steuerzahler den nahezu bankrotten Investoren aus der Patsche helfen muss, sollte sie auch die Früchte dieser Hilfsaktion ernten dürfen. Darauf verzichtet die Regierung nun: kein Miteigentum – keine spätere Gewinnbeteiligung.


    Mit verantwortlicher Politik hat all das nicht viel zu tun. Die große Koalition täuscht nicht nur sich selbst, sondern auch die Öffentlichkeit. Man suggeriert, die Lage im Griff zu haben. Tatsächlich aber kann diese Autosuggestion über einen dramatischen politischen Kontrollverlust nicht hinwegtäuschen. Diese Krise passiert, sie ist kaum steuerbar – jedenfalls nicht mit den bisher angewendeten Mitteln.

  • Zum Schluss noch ein Großkampftag

    Bundestag wird auf der letzten Sitzung heute noch wichtige Gesetze verabschieden

    Der Bundestag verabschiedet sich heute mit einer Reihe wichtiger Abstimmungen in die Sommerpause. Zwar müssen die Abgeordneten im Sommer noch einmal zu einer Sondersitzung zusammenkommen, doch die nächste reguläre Sitzung findet erst nach der Bundestagswahl Ende September statt. Auf den letzten Drücker beschließen die Abgeordneten der großen Koalition an diesem Freitag noch einige Gesetze.

    So wird das Parlament die Einrichtung so genannter „Bad Banks“, übersetzt also „schlechter Banken“ gestatten. Damit soll die Finanzwirtschaft wieder auf solidere Beine gestellt werden. Momentan belasten faule Wertpapiere die Bilanzen der Geldhäuser. Dies schwächt die Eigenkapitalbasis der Institute. Als Folge können sie weniger Kredite vergeben als nötig. Diese Wertpapiere dürfen die Banken und Landesbanken nun in extra eingerichtete Zweckgesellschaften auslagern. Der Bund zahlt dafür einen bestimmten Preis und die Institute haben wieder saubere Bilanzen. Dafür müssen sie sich vom Staat in die Bücher schauen lassen und die Managergehälter auf 500.000 Euro im Jahr begrenzen.

    Für die Auslagerung der faulen Anleihen verlangt der Bund Gebühren von der jeweiligen Bank. Nach einigen Jahren, wenn sich die Situation an den Kapitalmärkten beruhigt hat, sollen die Wertpapiere verkauft werden. Für eventuelle Verluste sollen die Banken gerade stehen. Experten schließen aber nicht aus, dass der Staat am Ende doch Milliarden verlieren könnte.

    Auch für die privaten Anleger und kleinere Unternehmen will der Bundestag etwas tun und den Anlegerschutz verbessern. Kernpunkt der Neuregelung ist eine neue Dokumentationspflicht bei Beratungsgesprächen. Der Bankberater muss das mit dem Kunden besprochene schriftlich protokollieren und dem Anleger eine Kopie zusenden. So können Verbraucher teure Falschberatungen leichter nachweisen. Bei telefonischen Beratungsgesprächen haben die Kunden ein Rücktrittsrecht von einer Woche nach Eingang des Gesprächsprotokolls. Außerdem wird die Verjährungsfrist verlängert.

    Verschärft wird zudem der Kampf gegen Steuerhinterziehung. Wer Geschäftsbeziehungen in Länder unterhält, die sich nicht an die internationalen Steuerstandards halten, muss die Finanzämter künftig umfassend darüber informieren. Ansonsten drohen steuerliche Nachteile. Bei besonders einkommensstarken Privatleuten will der Fiskus künftig genauer auf die Steuererklärung fallen. Ab einem Jahreseinkommen von 500.000 Euro müssen die Steuerzahler ihre Belege sechs Jahre lang aufbewahren. Das Finanzamt kann auch ohne konkreten Verdacht die Steuererklärung prüfen. Allerdings soll diese Möglichkeit nicht sofort in die Praxis umgesetzt werden.

    Nach monatelangem Ringen wird heute auch das Datenschutzgesetz novelliert. Für die Verbraucher bedeutet dies einen etwas besseren Schutz vor dem Missbrauch ihrer persönlichen Informationen. So müssen Kunden grundsätzlich einwilligen, wenn eine Firma bei ihnen erhobenen Daten weiterreichen will. Es gibt allerdings Ausnahmen, zum Beispiel für Werbetreibende oder für Verlage. Sie dürfen Daten für Werbezwecke weiter geben. Allerdings muss der umworbene Kunde jeweils über den Ursprung der Informationen über ihn in Kenntnis gesetzt werden. Auch für die Eigenwerbung dürfen erhobene Kundendaten genutzt werden. Bei Datenmissbrauch werden die Bußgelder deutlich erhöht. Zu Unrecht erzielte Gewinne, beispielsweise aus dem illegalen Handel mit Daten, können eingezogen werden.

  • Das Warenhaus stirbt doch nicht

    Einzelhandel lehnt Staatshilfen für Branchen und Firmen ab / Verbraucher von Krise weitgehend unbeeindruckt

    Trotz der Pleiten von Karstadt und Hertie hat das Kaufhaus eine Zukunft. Davon ist der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) überzeugt. Der Marktanteil der Warenhäuser von derzeit etwas über drei Prozent nimmt demnach zwar noch weiter ab, doch mit modernen Sortimenten und an geeigneten Standorten können die Unternehmen auch weiterhin genügend Kunden finden.

    Generelle Staatshilfen für angeschlagene Einzelhändler lehnt der Verband ab, weil dies den Wettbewerb innerhalb der Branche verzerre. „Das Einzelschicksal ist immer bedauerlich“, sagte HDE-Präsident Josef Sanktjohanser zu den Insolvenzen am Mittwoch in Berlin. Doch Arcandor habe sein Vermögen über Jahre aufgezehrt. Der Verband gibt den Städten eine Mitschuld am Niedergang der Warenhäuser. Mit einer verfehlten Ansiedlungs- und Verkehrspolitik haben die Kommunen demnach die innerstädtischen Standorte geschwächt.

    Sauer stößt den Händlern auch die politische Schützenhilfe für die Autobranche auf. Denn der Erfolg der Abwrackprämie geht zu Lasten der Geschäfte. „Das merken wir in unseren Kassen“, kritisierte Sanktjohanser. Was die Kunden für ein neues Auto ausgeben, sparen sie an anderer Stelle beim Konsum wieder ein. Schließlich bringt auch die Diskussion um eine mögliche Mehrwertsteuererhöhung den Handel in Rage. Der Schaden der letzten Erhöhung von 16 auf 19 Prozent halte bis heute an. Gegen einen weiteren Anstieg werde sich der Handel erbittert zur Wehr setzen.

    Doch die Bilanz der Händler zur Jahresmitte fällt trotz der Kritikpunkte und des Abschwungs gar nicht schlecht aus. „Die Krise hat den Einzelhandel bisher kaum erreicht“, wundert sich der HDE-Chef. Die Verbraucher blieben trotz mancher Horrormeldung gelassen. Vor allem die stabilen Preise sorgen nach Einschätzung des Verbands für eine anhaltende Kauflaune. In diesem Jahr rechnet der HDE nicht mehr mit anziehenden Verbraucherpreisen. Umsatzverluste müssen die Händler dennoch hinnehmen. Im ersten Halbjahr gingen die Einnahmen um 2,2 Prozent zurück. Von einer ähnlichen Größenordnung geht der Verband auch für das Gesamtjahr 2009 aus. Im nächsten Jahr erwartet der HDE eine schwierigere Situation, weil der Konsum unter der steigenden Arbeitslosigkeit leiden dürfte. Sollte die Prognose zutreffen, kann der Handel auf einen Umsatz von 390 Milliarden Euro hoffen. Das entspricht etwa dem Niveau von 2005.

  • Wenig Konkretes gegen die Finanzkrise

    Die Bundesregierung will Banken stärker regulieren – eine Lehre aus der Krise. Viel passiert ist allerdings bisher nicht. Ein vorläufiges Fazit

    Die Situation ist paradox. Da ist die größte Finanzkrise seit 80 Jahren im Gange. Die Politik versucht mühsam, den Kollaps zu verhindern. Viel wird über grundsätzliche Änderungen im Weltfinanzsystem gesprochen. Doch selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel warnte die Banken jüngst davor, ins alte Fahrwasser zurückzukehren. Auch Martin Blessing, Vorstand der teilverstaatlichten Commerzbank, sieht diese Gefahr: „Wir müssen verhindern, dass das Casino wieder öffnet“.


    Setzt die Politik den großen Banken und Investoren zu wenig entgegen? In dieser Woche, der letzten Sitzungswoche vor der Bundestagswahl im September, beschließt der Bundestag mehrere Gesetze, die für eine bessere Regulierung der Finanzbranche sorgen sollen. Dies ist Anlass für unsere Zeitung, ein vorläufiges Fazit der staatlichen Interventionen gegen die Finanzkrise zu ziehen. Welche Verbesserungen hat die deutsche Politik – abseits von Ankündigungen – bis jetzt tatsächlich durchgesetzt?


    Eine der größten Veränderungen besteht darin, dass viele Banken augenblicklich nicht mehr autonom entscheiden können, sondern vorläufig auf die Zustimmung der Politik angewiesen sind. Banken, die Geld vom Staat erhalten, müssen einige Richtlinien akzeptieren. Dazu gehört, dass die Ausschüttung von Gewinnen an die Aktionäre begrenzt ist und Vorstände maximal 500.000 Euro Gehalt pro Jahr beziehen dürfen.


    Außerdem hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) bestimmte Geschäfte grundsätzlich verboten. Die Aufseher halten sie augenblicklich für zu gefährlich. So dürfen Investoren bis Ende Januar 2010 keine „ungedeckten Leerverkäufe“ mit Aktien von elf Bankinstituten tätigen. Bei Leerverkäufen spekulieren Investoren mit Papieren, die sie gar nicht besitzen. Um den Zusammenbruch der deutschen Bankenwirtschaft zu verhindern, hat die Bafin solche Geschäfte mit Aktien unter anderem der Deutschen Bank und der Commerzbank untersagt.


    Mit dem Gesetz zur Stärkung der Finanzmarkt- und Versicherungsaufsicht, das der Bundestag am kommenden Donnerstag beschließen soll, erhält die Bafin zusätzliche Eingriffsrechte. Das Amt unter Leitung von Jochen Sanio kann Instituten dann vorschreiben, ihre Geschäfte mit mehr Eigenkapital zu unterlegen. Das erhöht die Sicherheit und verringert das Risiko.


    Zusätzlich wird der Bundestag am Freitag wohl das Gesetz gegen Steuerflucht beschließen. Damit will die Regierung Druck auf Länder wie Liechtenstein und die Schweiz ausüben. Diese sollen deutschen Finanzämtern mehr Informationen über unversteuertes Kapital übermitteln, das Bundesbürger ins Ausland geschafft haben.


    Am Beispiel des Gesetzes gegen Steueroasen lässt sich allerdings auch ablesen, wie zäh der Regulierungsprozess abläuft. Um das Gesetz zu einem wirkungsvollen Instrument zu machen, sollen die Steueroasen in einer Verordnung namentlich genannt werden. Ob es zu deren Verabschiedung aber vor der Bundestagswahl noch kommen wird, ist fraglich – Union und SPD können sich nicht einigen.


    Im Argen liegt auch die Aufsicht und Kontrolle der wichtigen Banken. Hier kursieren zwar viele Vorschläge, doch neue Institutionen und Verfahren wurden bislang nicht etabliert. Weder haben Bafin und Bundesbank bislang eine wirkungsvollere Kooperation entwickelt, noch existiert eine solche zwischen den nationalen Aufsichtsbehörden auf europäischer Ebene. „Die Aufseher müssen mehr in die Geschäftspolitik der Institute eingreifen“, sagt Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher der Grünen, „sonst kehren die Banken zu ihren alten Methoden zurück.“


    Die Opposition im Bundestag bemängelt auch, dass der finanzpolitische Verbraucherschutz nicht recht vorankomme. Eine spezielle Behörde, die die Interessen der Privatkunden gegenüber die Finanzwirtschaft durchsetzen könnte, arbeitet in Deutschland bislang nicht. Anders in Großbritannien: Dort schickt die Finanzaufsicht FSA verdeckte Ermittler zu Banken, um die Qualität der Kundenberatung zu testen. „Für solche Kontrollen fehlt uns in Deutschland die gesetzliche Grundlage“, sagt Sabine Reimer, die Sprecherin der Bafin.


    Zwei Jahre nach Beginn der Finanzkrise, neun Monate nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers in den USA, lautet das Fazit: Es wird viel mehr debattiert als umgesetzt.

  • Schlampige Versicherungsvermittler

    Kunden sollten auf richtiges Gesprächsprotokoll achten / Ombudsmann erhält immer mehr Beschwerden

    Versicherungsvertreter nehmen es mit dem vorgeschriebenen Protokoll ihrer Beratungsgespräche häufig nicht genau. „Die Verbraucher sollten darauf achten, dass das Gesagte auch dokumentiert wird“, rät der Ombudsmann der Versicherungswirtschaft, Günter Hirsch. Mehrere Hundert Beschwerden gegen Vermittler gingen im vergangenen Jahr bei der Schlichtungsstelle ein. In einem Fall trug der Berater unter der Rubrik Kundenwunsch eine „optimale Absicherung“ ein, seine Empfehlung lautete ebenfalls „optimale Absicherung“ und als Abschluss war im Protokoll „wie gewünscht“ verzeichnet.

    Mit derlei Allgemeinplätzen wird die Aufzeichnung zur Farce. „So ein Protokoll können Sie gleich in den Papierkorb werfen“, weiß Jurist Hirsch. Vor Gericht kann die Nachlässigkeit durchaus zum Vorteil der Kunden werden. Zwar gilt das Formblatt nicht allein als Beweis einer richtigen oder falschen Beratung. Doch die Beweislast kann bei einem Streit vor Gericht auf den Vermittler übergehen. Der Berater müsste also beweisen, dass er seinem Klienten alles notwendige erläutert hat.

    Die Beschwerde beim Ombudsmann lohnt sich oft. Bei fast jeder zweiten Eingabe gegen Vertreter bekam der Kunde Recht. Bei Beschwerden gegen Versicherungsunternehmen sind die Erfolgsaussichten deutlich geringer. Über alle Sparten hinweg entschied der Ombudsmann in gut einem Drittel der Fälle gegen die Unternehmen. Bei Lebens- und Rentenversicherungen setzte sich gerade einmal jeder sechste Beschwerdeführer durch.

    Besonders dreist gingen im vergangenen Jahr einige Bankberater vor. Sie knüpften eine Kreditzusage an den Abschluss einer Versicherung, die mit der Sicherung des Darlehens nicht einmal etwas zu tun hatte. Nicht immer ist ganz klar, ob in diesen Fällen die Schiedsstelle der privaten Banken oder die der Versicherungen zuständig ist. Deshalb plädiert Hirsch für die Einrichtung einer zentralen Anlaufstelle für alle Finanzmarktkunden.

    Der von der Versicherungswirtschaft bezahlte Schlichter registriert eine wachsende Zahl von Beschwerden. „Die Eingänge haben ein Allzeithoch erreicht“, sagte Hirsch. Nahezu 19.000 Eingaben erreichten die Ombudsstelle im vergangenen Jahr, 7,1 Prozent mehr als 2007. In den meisten Fällen dreht sich der Streit um eine Lebens- oder Rentenversicherung. Diese Sparte stellt 40 Prozent aller Beschwerden. Auch die Besitzer von Rechtsschutzpolicen sind häufig unzufrieden. Auseinandersetzungen gibt es laut Hirsch beispielsweise häufig um die Überschussbeteiligungen oder die Rückkaufwerte der Verträge.

  • Arztbesuch im Ausland

    Europäisches Verbraucherzentrum bietet Übersetzungshilfe

    Eine Kommunikationshilfe für den Arztbesuch im Ausland hat das Europäische Verbraucherzentrum (EVZ) Kiel erstellt. Das Faltblatt bietet die Übersetzung des Satzes „Ich möchte gern eine Behandlung im Rahmen des öffentlichen Gesundheitssystems…“
    in alle Amtssprachen der EU-Länder. Es ist gegen Einsendung von Briefmarken im Wert von 1,10 Euro an: Europäisches Verbraucherzentrum, Stichwort „Beim Arzt im Ausland“, Postfach 2025, 24019 Kiel, erhältlich. Eine Übersetzungstabelle gibt es im Internet unter www.evz.de.

    Immer wieder kommt es vor, dass gesetzlich Versicherte im EU-Ausland als Privatpatient behandelt werden. Zum Beispiel, weil sie vom Hotelpersonal, vom Taxifahrer oder dem Touristenbüro zu einer privaten Praxis geschickt werden. „Das kann sehr teuer werden, wenn die Behandlungskosten später nicht von der gesetzlichen Krankenkasse in Deutschland erstattet werden und aus eigener Tasche gezahlt werden müssen“, erläutert Mareke Kortmann vom EVZ. Die Expertin rät Patienten, sich vor Beginn der Behandlung vom Arzt oder dem Krankenhaus zusichern zu lassen, dass diese dem gesetzlichen Versicherungssystem angehören, und dass die Europäische Versicherungskarte akzeptiert wird.

  • Kräftige Fahrzeuge werden teurer

    Ab 1. Juli gilt die neue, schadstoffbezogene Kraftfahrzeugsteuer

    Die neuen Steuerregeln für Autos gelten ab kommendem Mittwoch, dem 1. Juli. Künftig dient neben dem Hubraum auch der Schadstoff-Ausstoß als Basis. Damit will die Bundesregierung das Klima schützen. Unsere Zeitung beantwortet die wichtigsten Fragen.


    Für welche Fahrzeuge gilt das neue Steuergesetz?
    Für alle Personenkraftwagen (Pkw), einige Pickups, sowie Trikes und Quads, die ab 1. Juli 2009 erstmals zugelassen werden.


    Wie werden ältere Wagen besteuert?
    Fahrzeuge, die zwischen dem 5. November 2008 und dem 30. Juni 2009 zum ersten Mal zugelassen wurden, sind ein Jahr von der Kfz-Steuer befreit. Erfüllen sie zusätzlich die schadstoffbegrenzende Euro-Norm 5 oder 6, so brauchen die Halter ein weiteres Jahr keine Steuer zu zahlen. Endet die Steuerbefreiung, stuft man die Fahrzeuge entweder nach der alten oder neuen Regelung ein – je nachdem, welche günstiger ist. Autos mit Erstzulassungen vor dem 5.11.2008 werden nach der alten Regelung weiter besteuert wie früher.


    Wie wird die neue Steuer berechnet?
    Die Belastung orientiert sich neuerdings am Ausstoß von Kohlendioxid (CO2). Dabei werden die ersten 120 Gramm CO2 pro Kilometer nicht besteuert. Darüber hinaus aber sind pro Gramm zwei Euro zu entrichten. Zusätzlich werden pro 100 Kubikzentimeter Hubraum zwei Euro (Otto- und Wankel-Motoren) beziehungsweise 9,50 Euro (Diesel- und Elsbett-Motoren) fällig. Die Angaben stehen in den Fahrzeugpapieren.


    Wo bekomme ich Hilfe für die Berechnung?
    Das Bundesfinanzministerium stellt auf seiner Internetseite den Kfz-Steuer-Rechner zur Verfügung. www.bmf.bund.de. Geben Sie in der Stichwort-Suche rechts oben den Begriff „Kfz-Steuer“ ein.


    Welche Fahrzeug-Typen werden entlastet?
    Die Faustregel lautet: Autos mit kleinen Benzin-Motoren und geringem Schadstoff-Ausstoß kommen am günstigsten davon. Der ADAC (www.adac.de) hat eine Liste veröffentlicht, derzufolge beispielsweise bei den meisten Kleinwagen der Marken Suzuki und Peugeot die Steuer sinkt. Für einige fällt kaum noch Steuer an. So kostet der Peugeot 107 mit 1-Liter-Motor, wird er neu zugelassen, statt heute 67 nur noch 20 Euro pro Jahr. Aber auch mit manchen VWs, BMWs oder Mercedes-Pkw kann man billiger fahren als bisher. Ein Beispiel: Ein BMW 330d kostet statt 463 noch 349 Euro pro Jahr – die Ersparnis macht 114 Euro aus.


    Welche Autos werden teurer?
    Einfach gesagt: die großen und leistungsstarken. Porsches werden eher teurer als billiger. Dies gilt auch für kraftvolle Wagen der Marken Alfa Romeo, Audi, Mercedes und anderen. Der Mercedes ML 63 AMG beispielsweise kostet nach Angaben des ADAC künftig 670 Euro Steuer im Jahr, 245 Euro mehr als heute.


    Wie verändert sich die Steuer in Zukunft?
    Der steuerfreie Anteil des CO2-Ausstoßes sinkt in zwei Stufen 2012 und 2014. Davon sind aber nur die Neuzulassungen betroffen, die bereits angemeldeten Autos nicht. Fahrzeuge, die eine hohe Schadstoffbelastung verursachen, werden damit allmählich stärker belastet. Alle alten Fahrzeuge, nicht nur die Neuzulassungen seit 1.7.2009, sollen ab 2013 in die neue Kfz-Steuer übernommen werden. Das ist aber bisher nur eine politische Absicht, Regelungen dafür gibt es noch nicht.

  • Jeder zweite Beschäftigte geht krank zur Arbeit

    Index Gute Arbeit der Gewerkschaften: 33 Prozent der Arbeitnehmer finden ihre Arbeitsbedingungen schlecht, 67 Prozent sind leidlich oder sehr zufrieden

    Fieber, starke Rückenschmerzen, eigentlich sollte man zu Hause bleiben. Und doch schleppen sich viele Beschäftigte zur Arbeit — nicht selten aus Angst vor Nachteilen, aus Pflichtgefühl, aber auch, weil wichtige Dinge zu tun sind. Jeder zweite Beschäftigte in Deutschland ist im vergangenen Jahr zweimal oder öfter krank in die Firma gegangen. Das ist ein Ergebnis des Index Gute Arbeit 2009 des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).
    Im ersten Quartal 2009 hat der DGB knapp 8.000 Beschäftigte aller Branchen befragen lassen. Sie konnten Punkte zwischen 0 und 100 für die Qualität ihrer Arbeitsplätze vergeben. Zwölf Prozent der Befragten schätzen ihre bezahlte Tätigkeit demnach als "gut" ein (80 Punkte und mehr), 55 Prozent finden sie mittelmäßig (50 bis 80 Punkte), 33 Prozent aber schlecht (unter 50 Punkte).
    Die Bewertung setzte sich aus 15 Kriterien zusammen. Die besten Noten verliehen die Beschäftigten durchschnittlich für die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit ihrer Kollegen und den "Sinngehalt" der Arbeit. Weit oben lagen auch "Möglichkeiten für Kreativität" und der leidlich funktionierende "Informationsfluss" im Betrieb. Die schlechsten Bewertungen kamen dagegen hinsichtlich der Aufstiegsmöglichkeiten und der Einkommen zustande.
    So würden beispielsweise in der Krankenpflege 40 Prozent aller Beschäftigten weniger als 2.000 Euro brutto monatlich verdienen, kritisierte Margret Mönig-Rahne, Vize-Chefin der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di. Ähnlich mager seien die Löhne in Altenpflege-Einrichtungen und Kinderstagesstätten — ein Gegensatz zu den gerade dort steigenden Anforderungen an die Beschäftigten.
    In der Bewertung nach Branchen schnitten Lehre, Wissenschaft, Banken, Versicherungen und kaufmännische Berufe mit höherer Ausbildung am besten ab. Dort waren durchschnittlich rund 80 Prozent der Beschäftigten gut oder mittelmäßig zufrieden. Soziale Berufe rangierten im Mittelfeld. Am unteren Ende der Skala stehen Fahrer, Beschäftigte der Telekommunikation, die häufig in Callcentern arbeiten, und Mitarbeiter von Wachdiensten.
    Große Veränderungswünsche haben die Beschäftigten bezüglich ihrer Arbeitszeit. Frauen und Männer in Vollzeittätigkeiten würden ihre Stunden gerne reduzieren. Teilzeitarbeiter dagegen möchten ihre Arbeitszeiten eher aufstocken. Selten scheint der Mittelweg möglich zu sein, den sich die Arbeitnehmer erhoffen.
    Ungefähr die Hälfte der Lohnabhängigen nimmt an, dass sie ihre Arbeit unter den augenblicklichen Bedingungen bis zur Rente fortsetzen kann. 50 Prozent sind dieser Ansicht nicht. Sie befürchten, dass ihre Gesundheit dies nicht erlaubt. Besonders hoch ist der Anteil der Skeptiker in der Altersgruppe unter 25 Jahre, bei den befristet und prekär Beschäftigten. Die Gewerkschaften erklären dies mit dem hohen Druck, der schlechten Bezahlung und den ungesunden Bedingungen, denen Niedriglohnarbeiter ausgesetzt seien. Der Anteil solcher Jobs liege bei jungen Leuten sehr hoch.
    DGB-Chef Michael Sommer nimmt an, dass sich diese Bedingungen 2009 und 2010 zusätzlich verschärfen. Die Wirtschaftskrise werde die Unsicherheit für viele Arbeitnehmer erhöhen und die Zufriedenheit verringern. In den vergangenen zwei Jahren hatte sich die Bewertung der Arbeitsplätze durch die Beschäftigten dagegen kaum verändert. Die Befragung ließ der DGB erstmals 2007 durchführen.
    Der Index Gute Arbeit soll dazu dienen, Druck auf die Unternehmen auszuüben, damit diese die Arbeitsbedingungen verbessern. Forderungen richten die Gewerkschaften aber auch an die Politik: Sie verlangen, die Rente mit 67 rückgängig zu machen und einen flächendeckenden Mindestlohn einzuführen, um die Bezahlung im Niedriglohnbereich anzuheben. http://www.dgb-index-gute-arbeit.de/

  • Subvention mit der Gießkanne

    Kommentar von Hannes Koch

    Im ersten Augenblick ist man geneigt zu sagen: Lebensmittel und Wohnung müssen erschwinglich bleiben. Denn sie gehören zum Grundbedarf eines jeden Bürgers. Deshalb ist es richtig, dass der Staat solche Güter und Dienstleistungen nur mit dem geringen Satz der Mehrwertsteuer von sieben Prozent belastet. Auf den zweiten Blick allerdings erscheint es nicht so abwegig, den niedrigen Satz der Mehrwertsteuer abzuschaffen und ihn auf die normalen 19 Prozent zu erhöhen.

    Mit der Debatte über die Mehrwertsteuer hat nun das politische Spiel begonnen, das uns bis zur Bundestagswahl im September und darüber hinaus begleiten wird. Die Parteien testen ihre Ideen, um die Punkte des geringsten Widerstandes zu definieren. Die Löcher in den öffentlichen Haushalten, die die Wirtschaftskrise reißt, sind so groß, dass sie ohne die Erhöhung von Steuern nicht zu schließen sind.  

    Soll man deshalb einige Milliarden mit der Mehrwertsteuer erwirtschaften? Dafür spricht, dass sich die Regelungen im Laufe der Jahre zu einem kaum noch zu begründenden Durcheinander entwickelt haben. Die Logik der Steuererhebung folgte der Machtverteilung unter den Lobbyorganisationen. Handgeschriebene Noten, Briefmarken, Rollstühle, Sägespäne, Gemälde, Münzen, Wildpferde und Maulesel – diese und hundert andere Waren braucht man eigentlich nicht zu subventionieren. Sinnvolle soziale Effekte wie die Förderung einkommensschwacher Bevölkerungsgruppen werden dadurch nicht erzielt.

    Bei Lebensmitteln und anderen Grundbedarfsartikeln kann die Sache anders aussehen. Auch dort allerdings sind die sozialen Argumente nicht zwingend. Schließlich kaufen alle Bürger Milch, Butter und Fleisch – egal, welcher Einkommensgruppe sie angehören. Der niedrige Mehrwertsteuersatz stellt eine Subvention mit der Gießkanne dar.

    Die Anhebung des niedrigen Satzes wäre deshalb in Ordnung – unter einer Bedingung. Die Menschen, die tatsächlich Schwierigkeiten haben, ihren Grundbedarf zu decken, bedürften zusätzlicher Unterstützung. Dies trifft sich mit der Forderung, die die Sozialverbände seit langem erheben: Der Staat stellt armen Leuten zu wenig Geld zur Verfügung. Die Sätze für Hartz IV und andere Transferleistungen müssen erhöht werden. Schon heute gewährleisten sie nicht mehr, dass jeder das zum Leben Notwendige erhält.