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  • Millionen für deutsche Satellitenbauer

    Der nächste große Technologieschub nutzt das All. BDI und VDI fordern staatliche Hilfen, damit die Bundesrepublik vorn dabei ist

    Sie sind kartongroß, sehr gefragt und für die Zukunft von Deutschlands Industrie wichtig: Kleinsatelliten. Um die Massenfertigung voranzubringen, soll die Bundesregierung ein Förderprogramm auflegen. 250 Millionen Euro über fünf Jahre sollten fließen, fordern Industrieverband BDI und Ingenieursverband VDI in einem Positionspapier. Das Ziel: Die Bundesrepublik im internationalen Wettbewerb nach vorn zu bringen.

    „Kleinsatelliten sind die Grundlage für viele innovative New-Space-Geschäftsmodelle“, sagt Matthias Wachter, beim BDI für Raumfahrt zuständig. New Space fasst das kommerzielle Geschäft im All zusammen, getrieben von technischem Fortschritt und neuen Ideen, wie sich das All nutzen lässt.

    In den vergangenen Jahren sind Satelliten immer kleiner geworden, Technik, die vor 15 Jahren noch die Größe eines kleinen Pkw hatte, passt jetzt in einen Schuhkarton. Auch daran, solche Satelliten schnell, günstig, präzise und in Massen ins All zu befördern, wird gearbeitet. Allein in Deutschland entwickeln drei Firmen kleine Raketen, sogenannte Microlauncher.

    Der Markt ist riesig. Von den rund 15.200 Satelliten, die vermutlich bis 2030 ins All geschossen werden, sind mehr als 90 Prozent Kleinsatelliten, Durchschnittsgewicht 180 Kilogramm. Allein den Produktionswert dieser Satelliten schätzt die Beratungsfirma Euroconsult auf 35 Milliarden Dollar (30 Milliarden Euro). Sie werden zum überwiegenden Teil in sogenannten Konstellationen eingesetzt werden – Satellitenschwärme in bis zu 1400 Kilometern Höhe, dem Low Earth Orbit (LEO).

    Solche Schwärme sind wichtig für Branchen wie Autoindustrie, Energie, Landwirtschaft, Logistik und Luftfahrt. Sie können präzise Wettervorhersagen liefern, Informationen über die Standorte von Schiffen und Daten, die Waldbrände früh erkennen lassen. Sie können Infrastruktur wie Pipelines und Stromnetze überwachen. Sie können Maschinen der Industrie 4.0 weltweit vernetzen. Und: Ohne diese Satellitenschwärme wird autonomes Fahren wohl ausgebremst, weil hochpräzise Navigationsdaten fehlen.

    Starlink, eine Tochter des US-Raketenbauers Space X des illustren Milliardärs Elon Musk, baut mit einem Satellitennetz ein stabiles Internetangebot weltweit auf, das auch entlegene Regionen versorgen kann. Mehr als 1200 Kleinstsatelliten sind bereits im All. Im Ahrtal, in dem das Hochwasser im Juni die Infrastruktur zerstört hat, wird bereits darauf zurückgegriffen, bis Funkmasten wieder aufgestellt, Kabel wieder verlegt sind.

    Auch die EU plant eine eigene Breitband-Internet-Konstellation, hängt aber etwas hinterher. Eine Machbarkeitsstudie läuft bereits, zwei weitere sind in Planung.

    60 Prozent solcher Satelliten kommen derzeit aus den USA, Deutschland hat einen Weltmarktanteil von drei Prozent und ist in Europa führend. Noch, sagt ein Manager, der nicht genannte werden möchte, es bestehe aber die Gefahr, dass man sich abhängen lasse. Dann seien deutsche und europäische Unternehmen auf Technik aus den USA oder China angewiesen, könnten aber wenig mitreden. Und: „Es geht nicht nur um die Hardware, es geht auch darum, wer den Zugriff auf die Daten hat.“ Der ginge den Europäern verloren – ähnlich wie heute bei Social Media (Facebook), Internetsuche (Google) oder im Onlinehandel (Amazon).

    Größter deutsche Satellitenbauer ist OHB in Bremen. Der Konzern stellt unter anderem 34 Satelliten für das europäische Navigationssystem Galileo her, klassische Satelliten, jeder wiegt 730 Kilogramm und wird einzeln angefertigt. So war es bisher auch bei den deutschen Kleinsatellitenentwicklern. Um die enorme Nachfrage bedienen zu können, müssen sie, von Hand- auf Massenfertigung umstellen. Der Berliner Satellitenbauer BST tat sich deshalb 2020 mit dem indischen Auftragsfertiger Azista zusammen, weil entsprechende Fabriken in Deutschland noch fehlen.

    Hier soll die Bundesregierung einhaken. BDI und VDI schlagen zum Beispiel vor, eine hochautomatisierte Fabrik für Kleinsatelliten zu unterstützen. Vorbild ist die Fertigung von Batteriezellen, die das Bundeswirtschaftsministerium fördert. Außerdem sollte der Staat nicht selbst Technologie entwickeln, sondern Ankeraufträge an kommerzielle Firmen vergeben. Die beiden Verbände regen zudem einen Technologiewettbewerb an, wie er bereits für die deutschen Raketenbauer läuft.

    Neben den 50 Millionen Euro jährlich über fünf Jahre fordern die Verbände auch, das nationale Raumfahrtbudget aufzustocken. Derzeit beläuft es sich auf 315 Millionen Euro jährlich, ist aber über mehrere Jahre weitgehend verplant, etwa für den deutschen Anteil an der Weltraumstation ISS. Orientieren soll sich die Bundesregierung an Frankreich, das 750 Millionen Euro jährlich für die Branche ausgibt.

  • Mehr Geld für die Fläche

    Die steigenden Baupreise zeigen auch: Im ländlichen Raum muss der Staat mehr in Infrastruktur investieren

    Wohnen ist ein Grundrecht und es wird immer teurer. Die Mieten steigen vor allem in den großen Städten, Haus- und Wohnungspreise ziehen kräftig an. Und auch erschlossenes Bauland kostet mehr – in den vergangenen zehn Jahren hat sich der Quadratmeterpreis auf rund 199 Euro mehr als verdoppelt. Das ist üppig, aber ist es auch dramatisch? Muss also der Staat eingreifen und wenn ja: wie?

    Zunächst einmal: Die Zahl ist ein Durchschnittswert, der wenig über die Lage vor Ort sagt außer: Es ist teurer geworden. In den Stadtstaaten Berlin und Hamburg kann der Quadratmeter mehr als 1000 Euro kosten, in ländlichen Gemeinden dafür weniger als 30. Dieser Unterschied ist in den vergangenen Jahren noch größer geworden. Und die Werte lassen den Schluss zu: Je niedriger, desto weniger attraktiv. Ein Ansatzpunkt für die Politik.

    Dass die Preise bei Bauland, Miet- und Eigentumswohnungen steigen, hat mehrere Gründe neben der normalen Inflation. So wächst Deutschlands Bevölkerung, 2020 lebten 83,1 Millionen Menschen im Land, 2011 waren es noch 80,2 Millionen. Die Menschen müssen wohnen. Gleichzeitig wurde wenig Bauland neu ausgewiesen und wenig neu gebaut.

    In den vergangenen Jahren zog es immer mehr Menschen in die Städte. Theater, Kinos, Kneipen lockten, interessante Arbeitgeber, gut ausgebauter öffentlicher Nahverkehr und vergleichsweise kurze Wege. Gleichzeitig stoßen die Städte an ihre Grenzen. Nicht jede Freifläche kann und soll bebaut werden. In Städten wie Berlin, Hamburg, München, Köln, Stuttgart gab es deshalb in den vergangenen zehn Jahren besonders große Preissteigerungen.

    Zudem suchen Investoren wegen der sehr niedrigen Zinsen nach Anlagen, die mehr Geld bringen. Immobilien vor allem in Städten, die die Menschen anziehen, gelten als lohnend. Wo es mehrere Interessenten gibt, steigen die Preise. Und weil die Anleger die Ausgaben über Mieten finanzieren, dürften die tendenziell steigen.

    Auch auf dem Land ist es nicht überall günstig: Vor allem in landschaftlich und klimatisch attraktiven Gegenden und dort, wo interessante Arbeitgeber locken, kostet Baugrund mehr – weil es mehr Nachfrage gibt als zum Beispiel in der thüringischen Provinz.

    Dann ist das allgemeine Wohlstandsniveau in Deutschland gestiegen. Die Menschen sind bereit, mehr auszugeben, sonst würde auch nicht mehr verlangt. Oder anders gesagt: Die Preise steigen, weil es Menschen gibt, die sie bezahlen.

    Wie gegensteuern? Bei Wohnraum in Städten könnte es mehr Neubau sein, auch Umwidmen von leerstehenden Büroflächen wäre möglich. Mehr Angebot entlastet die Lage sofort. Leider ist der Anspruch der Politiker oft größer als die Taten.

    Dann wären da Subventionen, also Käufern staatliches Geld zu geben, damit sie hohe Preise für Bauflächen, Häuser und Wohnungen in Toplagen bezahlen können. Die Idee ist teuer und nicht eben zukunftsorientiert.

    Das Geld ist deutlich besser angelegt in Infrastruktur in der Fläche. Ein Recht auf ein neugebautes günstiges Eigenheim mit großem Grundstück direkt am See, mit unverbaubarem Blick auf die Alpen, oder in Topinnenstadtlage – natürlich ruhig, gibt es nicht. Aber wer außerhalb einer Stadt wohnen möchte, hat wie jeder andere auch Anspruch auf schnelles Internet, Mobilfunk, Nahverkehr, Kinderbetreuung, Ärzteversorgung. Davon haben viele etwas und es wertet eine Region auf.

    Ein Wandel im Denken der Bevölkerung deutet sich an – eine Folge der Corona-Pandemie, in der viele von zu Hause arbeiten mussten. 21 Prozent der Berufstätigen in Deutschland können sich einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbands Bitkom vorstellen, umzuziehen, wenn sie künftig nicht mehr jeden Tag ins Büro müssten. Offenbar sind das vor allem Städter: Zwei von fünf Umzugswilligen gaben an, gern im Grünen zu wohnen. Dass davon Gemeinden abseits der klassischen Speckgürtel profitieren können, ist Aufgabe der Politik.

  • Unschöne Bestandteile in Cremes

    Neue Studie zeigt: Trotz EU-Verbots enthalten Kosmetika an Tieren getestete Stoffe

    Wer in Europa Kosmetika kauft, kann sicher sein, dass die Produkte nichts enthalten, was in Tierversuchen getestet wurde. So will es die entsprechende EU-Richtlinie von 2013. Dennoch sind viele Lippenstifte, Cremes und andere Produkte nicht frei von Tierversuchen, wie eine Studie ergab. Ein Grund: Die EU-Gesetzgebung widerspricht sich selbst.

    „Europäische Verbraucher können nicht davon ausgehen, dass die kosmetischen Produkte, die sie kaufen, ohne Tierversuche hergestellt wurden“, sagt Thomas Hartung, Professor für Toxikologie an der Johns Hopkins Universität in Baltimore, Spezialist für Alternativen zu Tierversuchen und einer der Autoren der Studie. Schlimmer noch: „Selbst Produkte, die als ,ohne Tierversuche‘ ausgezeichnet sind, können Stoffe enthalten, die in Tierversuchen getestet wurden.“

    Die Kosmetikindustrie als Schuldige zu sehen, ist seiner Ansicht nach falsch. Sie beauftrage keine Tierversuche, sagt Hartung. „Die Industrie hat inzwischen festgestellt, dass die kosmetischen Produkte ohne Tierversuche nicht unsicherer werden.“ Das Problem ist eher die EU, die es doch eigentlich gut meinte.

    Chemikalien, die in Europa verwendet werden, müssen bei der ECHA registriert werden. Die Richtlinie dafür gilt seit 2007. Hartung und seine Kollegen, unter anderem vom Europäischen Zentrum für alternative Methoden zu Tierversuchen (CAAT-Europe) in Konstanz, haben sich diese Daten angesehen. Von rund 23.000 registrierten Chemikalien werden 3206 in der kosmetischen Industrie eingesetzt, aber nicht ausschließlich. Weil diese Stoffe zum Beispiel auch in Wandfarbe und Waschmittel verwendet werden, sind Tierversuche nach der EU-Chemikalien-Richtlinie möglich und wahrscheinlich, was die Verbots-Richtlinie aushebelt.

    Zum anderen: „Es gibt eine widersprüchliche Gesetzgebung“, sagt Hartung. „Die EU hat Tierversuche für Chemikalien, die in Kosmetika verwendet werden, verboten. Gleichzeitig verlangt die oberste europäische Chemiebehörde ECHA, dass für den Arbeitsschutz in der Herstellung der Chemikalien solche Tests gemacht werden müssen. Deshalb steckt die Industrie in einem Dilemma.“

    419 Stoffe, so fanden die Studienautoren heraus, sind in der EU ausschließlich für Kosmetika registriert. Doch selbst 63 davon wurden an Tieren getestet – sogar nach dem EU-Tierversuchsverbot von 2013. Der Grund: Wenn die ECHA fürchtet, dass der Stoff gefährlich für die Arbeiter ist, die ihn herstellen, kann sie Tierversuche anordnen. Das gleiche gilt, wenn unklar ist, welche Folgen eine Chemikalie für die Umwelt hat, ob sie etwa Fischsterben begünstigt, wenn sie in Flüsse oder ins Meer gelangt.

    „Als letzter Ausweg müssen Chemikalien manchmal an Tieren getestet werden, um mehr über die Wirkung dieser Stoffe zu erfahren“, heißt es bei der Chemiebehörde. Aber auch: Wer Stoffe registriert, dürfe „neue Tests nur dann durchführen, wenn alle anderen maßgeblichen und verfügbaren Datenquellen ausgeschöpft“ seien.

    Allerdings kann die Behörde mit Sitz im finnischen Helsinki hartnäckig sein, wie der deutsche Duft- und Inhaltsstoffhersteller Symrise aus Holzminden erfahren musste. Die ECHA zwang das Unternehmen 2018 nach langem Verfahren zu Tierversuchen bei zwei Stoffen, jegliche Einwände seitens Symrise wurden abgelehnt. Alternative Testverfahren waren in diesem Fall nicht zugelassen.

    Die EU ist mit dem Verbot von Tierversuchen bei kosmetischen Produkten führend. Sie setzt sich auch weltweit dafür ein. In den USA sind Tierversuche erlaubt, um die Sicherheit von Inhaltsstoffen zu ermitteln, aber nicht verpflichtend. China, ebenfalls ein großer Markt für Kosmetik, verlangt Tierversuche – sowohl für im Land hergestellte, als auch eingeführte Produkte.

    Das CAAT-Europe in Konstanz will helfen, den Konflikt zwischen EU-Kosmetik-Richtlinie und den Regeln der Chemie-Richtlinie REACH aufzulösen. Auf Initiative des Instituts soll ein Aktionsbündnis aus Kosmetikherstellern, Verbraucher- und Tierschützern entstehen. Erste Kontakte gab es bereits.

    Die Kosmetikbranche setzte im vergangenen Jahr rund 76,7 Milliarden Euro in Europa um. Größter Einzelmarkt war mit 14 Milliarden Euro Deutschland vor Frankreich mit 11,5 Milliarden Euro und Großbritannien mit 9,8 Milliarden Euro. Größte Hersteller weltweit sind das französische Unternehmen L’Oreal (unter anderem Garnier, Armani), der Mischkonzern Unilever (Dove, Duschdas) aus Großbritannien und die US-Firma Estée Lauder (Aveda, DKNY). In Deutschland steht Beiersdorf (Nivea, Eucerin) an der Spitze.

  • Grundlegend neu denken

    Um die Fachkräftelücke zu schließen, muss die Zuwanderung reformiert werden

    Für den Präsidenten der Bundesagentur für Arbeit ist die Lage ernst. 400.000 Fachkräfte werden demnach in Deutschland künftig fehlen – jährlich. Allein in diesem Jahr schrumpft die Zahl der potenziellen Arbeitskräfte um 150.000. Sein Schluss: Die Lücke muss auch mit Personal aus dem Ausland gefüllt werden. Das erfordert ein grundsätzliches Umdenken in der Politik Deutschlands.

    Die Bundesrepublik ist ein Einwanderungsland. In den vergangenen Jahren zog es die Menschen zu Hunderttausenden nach Deutschland. 2020 meldeten sich unter dem Strich rund 248.000 Nichtdeutsche in der Bundesrepublik an. Darunter sind viele EU-Bürger, die Niederlassungsfreiheit genießen. Darunter sind auch Flüchtlinge. Vor allem aber sind es Menschen, die hier arbeiten wollen. Offenbar, so zeigen es Scheeles Aussagen, reicht das aber nicht.

    Das bedeutet: Das deutsche Zuwanderungsgesetz, die politische Einstellung der Bundesrepublik zur Zuwanderung ist nicht mehr zeitgemäß und muss grundlegend überdacht werden. Da wären zum Beispiel weniger Hürden für Ausländer aus Staaten außerhalb der EU nötig, wenn sie in Deutschland arbeiten wollen, etwa bei der Anerkennung von Ausbildungsabschlüssen. Möglicherweise muss die Bundesrepublik international um Fachkräfte werben. Schon die Kommission von Rita Süssmuth (CDU) dachte 2001 über ein unbürokratisches Punktesystem für Zuwanderer nach dem Vorbild der Kanadier nach, um gezielt höher Qualifizierte und diejenigen, die gebraucht werden, ins Land zu lassen. Wichtig ist dabei: unbürokratisch.

    Allerdings sollte sich Deutschland nicht darauf verlassen, genug Spezialisten aus dem Ausland anzuwerben, um die eigenen Lücken zu füllen. Zum einen suchen andere Länder auch Fachkräfte und sind möglicherweise attraktiver, etwa weil die Sprache einfacher zu lernen ist. Zum anderen wollen Staaten die Menschen, die sie ausgebildet haben, auch halten.

    Nur die Zuwanderung modern zu regeln, wird deshalb nicht reichen. Deutschland muss auch die Möglichkeiten im Inland besser nutzen: Sich zum Beispiel mehr darum bemühen, Ungelernte zu schulen, auch darum, dass die Zahl der Schulabbrecher an sich sinkt. Bei der Ausbildung sind vor allem die Unternehmen gefragt, attraktive Angebote zu machen. Der Staat kann allerdings die Vorgaben entrümpeln. Eine Möglichkeit wäre auch, gezielt im Ausland für die Ausbildung zu werben.

    Dann gibt es viele Menschen, die gut ausgebildet sind, aber nicht arbeiten, zum Beispiel weil sie sich um ihre Kinder oder pflegebedürftigen Eltern kümmern müssen. Oder weil sie nur in Teilzeit arbeiten wollen, aber nicht können. Oder weil sie offiziell in Rente geschickt wurden und nicht mehr arbeiten dürfen. Und Deutschland muss sich auch darum kümmern, dass gut Ausgebildete, zum Beispiel in der Forschung, nicht abwandern, weil das Umfeld in anderen Ländern besser ist.

    Mehr Attraktivität im Inland, mehr Kreativität im Ausland – dann dürfte sich die Fachkräftelücke schließen lassen.

  • Es ist genug für alle da

    Steht die dritte Corona-Impfung hierzulande in Konkurrenz zur Versorgung der afrikanischen Bevölkerung? Möglicherweise nein.

    Weil die Infektionen wieder stark zunehmen, begann Israel am Freitag, allen Leuten über 40 Jahren die dritte Corona-Impfung zu verabreichen. Schon vorher hatte die US-Regierung die dritte Impfung für die gesamte Bevölkerung angekündigt. Und auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn erwägt umfassende Drittimpfungen. Dagegen kritisiert die Weltgesundheitsorganisation die geplanten Auffrischungen, weil beispielsweise in Afrika kaum jemand bisher auch nur eine einzige Spritze erhalten hat.

    Gibt es also eine Impfkonkurrenz – sollen hierzulande Bürgerinnen und Bürger auf eine weitere Spritze verzichten, damit die Dosen nach Afrika geschickt werden können? Auf den ersten Blick herrscht tatsächlich eine krasse Ungerechtigkeit – ein Ergebnis auch ethischen Versagens. Während in manchen Staaten des globalen Nordens mehr als die Hälfte der Menschen geimpft sind, liegt der Anteil in Afrika bei wenigen Prozent. Reiche Staaten schützen die Gesundheit ihrer Bevölkerungen besser als arme. Kein Wunder: Die Impfstofffabriken stehen vor allem in den Industrieländern, die auch über die finanziellen Mittel verfügen, um hohe Preise für Medikamente zu zahlen. Eine ähnlich schwer zu rechtfertigende Ungleichheit existiert auch innerhalb wohlhabender Länder. Arme Menschen mit niedrigen Einkommen leben hierzulande mitunter zehn Jahre kürzer als reiche.

    Von dieser grundsätzlichen Betrachtung abgesehen, ist aber jede Bundesregierung rechtlich, politisch und praktisch gezwungen, zuerst die Interessen der deutschen Bevölkerung zu verfolgen. Es geht kein Weg daran vorbei, den Bürgerinnen und Bürgern den bestmöglichen Gesundheitsschutz anzubieten. Dazu gehört auch eine dritte Impfung – wenn sie denn wirklich für alle oder viele notwendig ist, was etwa Virologe Christian Drosten bestreitet. Handelte die Regierung anders, stiegen die Chancen, dass sie abgewählt würde.

    Trotz der ungerechten Strukturen der Weltwirtschaft existiert zur Zeit aber möglicherweise gar keine Impfkonkurrenz. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums erhält Deutschland dieses Jahr insgesamt rund 300 Millionen Impfdosen. Wenn sich schätzungsweise 60 Millionen Einheimische doppelt impfen lassen – von den Übrigen lehnen viele die Impfung ab – braucht man 120 Millionen Dosen. Hinzu kämen maximal weitere 60 Millionen Spritzen für den dritten Stich – macht 180 Millionen. Übrig bliebe rechnerisch eine Größenordnung von mindestens 120 Millionen.

    Diese kann Deutschland anderern Ländern anbieten. Der Widerspruch zwischen nationalem Egoismus und globaler Verantwortung, zwischen der hiesigen und der internationalen Gesundheitsversorgung ist damit jedenfalls nicht so groß, wie die Behauptung der Impfkonkurrenz nahelegt. Ähnliche Arrangements sind wohl auch anderen europäischen Staaten möglich. Und im kommenden Jahr dürfte sich die Lage weiter entspannen.

  • Nur der Börsenwert zählt

    Der Leitindex Dax wird grundlegend überarbeitet. Er soll die deutsche Wirtschaft besser abbilden. Das birgt manche Überraschung

    Er soll die deutsche Wirtschaft abbilden und bietet Orientierung für Anleger aus aller Welt: Der Deutsche Aktienindex Dax. Am 3. September wird die Liste zum ersten Mal seit dem Start 1988 grundlegend überarbeitet – Folge unter anderem des Wirecard-Skandals. Der Dax wird nicht nur größer, es sind mehr Techunternehmen vertreten und auf der Karte der Top-Börsenkonzerne tritt Norddeutschland deutlich stärker hervor.

    Zwei Neulinge im wichtigsten deutschen Börsenindex kommen aus Berlin, Hamburg ist wieder prominenter vertreten und auch Firmen aus Göttingen und Holzminden tauchen sehr wahrscheinlich im neuen Dax auf. Wer genau künftig dabei ist, wird die Deutsche Börse am Freitag, 3. September, nach Börsenschluss verkünden.

    Künftig wird der Dax nicht mehr nur 30, sondern 40 Konzerne umfassen. Der MDax, der die mittelgroßen Börsenunternehmen auflistet, wird von 60 auf 50 verkleinert. Der Punktestand der jeweiligen Indizes wird sich nicht verändern, die einzelnen Unternehmen werden neu gewichtet.

    Einziges Kriterium ist künftig die Marktkapitalisierung, der Wert, den die Menge der handelbaren Aktien eines Unternehmens an der Börse hat. Zum Stichtag listet die Deutsche Börse die notierten Unternehmen auf, die oberen 40 sind dann im Dax, die nächsten 50 im MDax. Berücksichtigt wird der durchschnittliche Börsenwert der 20 Handelstage vor dem Stichtag. Überprüft wird jeweils Anfang März und Anfang September. Den Börsenumsatz, wie viele Aktien eines Unternehmens gehandelt werden, betrachten die Hüter des Index nicht mehr. Die Regeln wurden bereits im November 2020 beschlossen.

    Für viele Anleger, die mit ETF, standardisierten Fonds, Geld im Dax anlegen, wird sich kaum etwas ändern. Die Anbieter der ETF werden Anteile der neuen Dax-Mitglieder kaufen und Anteile anderer Dax-Mitglieder verkaufen, um den Index genau abzubilden. Auch Anbieter aktiv gemanagter Fonds auf den Dax werden Aktien der Aufsteiger kaufen müssen, was die Kurse treiben könnte. Andererseits wird bereits seit Monaten über die neue Dax-Zusammensetzung spekuliert. Entsprechend sind viele Kurse bereits gestiegen.

    Auslöser für die große Dax-Reform war der Fall Wirecard. Der Zahlungsabwickler konnte 2020 monatelang keinen Geschäftsbericht für 2019 vorlegen, meldete im Juni sogar Insolvenz an, weil offenbar große Teile des Geschäfts erfunden waren. Derartige Fälle waren im Regelwerk bisher nicht vorgesehen. Künftig müssen alle Vierteljahre bis zu einem bestimmten Termin Geschäftsberichte vorliegen. Ist das nicht der Fall, werden die betreffenden Firmen aus dem Index ausgeschlossen. Und ein insolventes Unternehmen wird binnen zwei Handelstagen ersetzt.

    Für Wirecard rückte 2020 der Berliner Bestellessenvermittler Delivery Hero in den Dax auf. Kritik gab es, weil Delivery Hero seit seiner Gründung 2011 praktisch noch nie Gewinn geschrieben hatte. Künftig gilt, dass Firmen zwei Jahre lang operativ – vor Abschreibungen, Steuern und Zinsen – profitabel gewesen sein müssen, um in den Dax aufgenommen zu werden. Auch müssen mindestens zehn Prozent der Aktien frei handelbar sein, das Unternehmen zudem juristisch oder operativ in Deutschland sitzen.

    Kritik gab es unter anderem immer wieder daran, dass der Dax die deutsche Wirtschaft nicht so gut abbildet, wie er könnte. Auch das soll die Neuordnung deutlich verbessern. Airbus etwa als deutsch-französisches Unternehmen mit Sitz im niederländischen Leiden und großen Standorten in Toulouse und Hamburg scheiterte bisher, weil die Aktien des Luft- und Raumfahrtkonzerns vor allem an der Börse in Paris gehandelt wurden und nur in geringer Menge in Frankfurt. Mit der neuen Regelung wird der Konzern sehr wahrscheinlich zu den fünf Schwergewichten gehören – neben Allianz, Linde, SAP und Siemens.

    Ebenfalls im neuen Dax vertreten sein wird Zalando. Der Technologiekonzern und Onlinehändler, gegründet 2008, fand sich auf der letzten Übersicht der Deutschen Börse auf Rang 19. Und ein weiteres ehemaliges Berliner Start-up wird es in den höchsten Aktienindex schaffen: der Kochboxen-Versender Hellofresh, gegründet 2011.

    Mit Siemens Healthineers wird ein weiterer Teil des Siemens-Konzerns in den Dax aufsteigen. Neu dabei sein wird der Duft- und Aromastoffhersteller Symrise, weshalb viele Investoren sich künftig mit der niedersächsischen Kleinstadt Holzminden im Weserbergland beschäftigen werden. Ebenfalls sicher im neuen Dax: die Porsche SE aus Stuttgart, die Familienholding der Porsche-Erben, die die Mehrheit am VW-Konzern hält; Brenntag aus Essen, Weltmarktführer für Chemikalienhandel; und der Labortechnikspezialist Sartorius aus Göttingen.

    Unklar ist noch, ob der Sportartikelhersteller Puma den Sprung schafft. Auch der Konsumgüterkonzern Beiersdorf aus Hamburg, erst im März von Siemens Energy aus dem Dax gedrängt, kann hoffen, wieder dabei zu sein. Etwas geringere Chancen haben der Rückversicherer Hannover Rück, der Wohnungskonzern LEG aus Düsseldorf und das Diagnostikunternehmen Qiagen mit der Zentrale in Hilden bei Düsseldorf. Möglicherweise müssen sich einige alte Dax-Unternehmen aus dem Index verabschieden: der Münchener Triebwerksbauer MTU, Heidelbergcement oder Covestro aus Leverkusen, zuletzt auf den Rängen 36 bis 38.

    Nicht im neuen Dax vertreten sein wird das deutsche Unternehmen mit der spektakulärsten Entwicklung der vergangenen zwei Jahre: Biontech aus Mainz. Der Hersteller des innovativen Corona-Impfstoffs ging im Oktober 2019 an die Börse, allerdings in den USA, unter anderem, weil man sich mehr Einnahmen versprach. Damals, vor Corona, war Biontech an der US-Technologiebörse Nasdaq umgerechnet rund 3,1 Milliarden Euro wert, vergangene Woche knackte das Unternehmen die Marke von 100 Milliarden Dollar – das reicht locker für einen Platz unter den zehn größten Konzernen im Dax.

  • Viel Schutz, wenig Zwang

    Kommentar zu Corona-Impfungen und Tests

    In der Corona-Pandemie geht es jetzt um einen Dreiklang: möglichst wenige Ansteckungen, möglichst wenige Erkrankungen, aber auch möglichst wenige Einschränkungen. Denn bei letzteren handelt es sich um Eingriffe in die Grundrechte. Praktisch sollte die Politik deshalb für weitere Impfungen werben. Hoffentlich steigt die Zahl wieder an, wenn viele Leute aus dem Urlaub zurückkehren. Und die Tests auf Corona sollten so einfach wie möglich bleiben – also kostenlos.

    Das Bundesgesundheitsministerium von Jens Spahn schlägt dagegen vor, ab Mitte Oktober keine Gratistests mehr anzubieten. Das ist der falsche Weg. Wer Ansteckungen verhindern will, muss es den Bürgerinnen und Bürgern einfach machen, sich testen zu lassen. Besonders an belebten Orten mit Restaurants, Kneipen, Sportstätten oder Geschäften gibt es weiterhin Bedarf. Die Weitergabe des Virus wird damit erschwert, während die Getesteten gleichzeitig am öffentlich Leben teilnehmen können. Das Recht dazu hat jede und jeder, ebenso wie das Recht sich nicht impfen zu lassen. Der Staat sollte eine Option anbieten, die beides verbindet.

    Kosteten die Tests jedoch beispielsweise zehn Euro, werden viele Leute darauf verzichten. Unwissentlich infiziert sind sie dann in der Öffentlichkeit unterwegs und stecken andere an. Das ist das Gegenteil des Beabsichtigten. Für kostenlose Tests spricht auch, dass sich die Ausgaben von bisher 3,7 Milliarden Euro in Grenzen halten. Dieser Betrag geht im Hintergrundrauschen des Bundeshaushalts von insgesamt 550 Milliarden Euro unter.

    Viel Schutz, wenig Zwang – das sollte das Motto sein. Zwar werden kostenpflichtige Tests vielleicht den einen oder die andere zur Impfung bewegen. Andererseits hat es keinen Sinn, Verschwörungstheoretikern, die von Impfzwang durch die Hintertür und Corona-Diktatur faseln, weitere Argumente zu liefern.

  • Nichts für schwache Nerven

    Kryptowährungen versprechen hohe Gewinne. Es kann aber auch anders laufen. Was Anleger wissen müssen

    Niedrigzinsen auf dem Sparbuch, Strafzinsen auf dem Tagesgeldkonto – die Banken meinen es nicht gut mit dem deutschen Sparer. Da versprechen Kryptowährungen das große Geld. Was steckt dahinter und lohnt es sich, dort zu investieren? Antworten auf die wichtigsten Fragen:

    Was ist eine Kryptowährung?

    Eine Kryptowährung ist ein virtueller Wert. Mit einigen dieser Werte kann auch bezahlt werden, weil Geschäfte oder Banken sie akzeptieren. Kryptografie beschäftigt sich in der Informatik mit Verschlüsselungstechnologien, sie sind wichtig, um die virtuellen Werte zu sichern und auch zum Teil erst zu erschaffen. Der Begriff Währung ist irreführend, weil hinter der Kryptowährung keine Notenbanken oder Staaten stehen, die den Wert garantieren. Der Begriff hat sich aber durchgesetzt.

    Seit wann gibt es Kryptowährungen?

    Sie sind erst knapp zwölf Jahre alt. Die erste Kryptowährung war der Bitcoin. Satoshi Nakamoto veröffentlichte die Software und die Theorie dazu 2009. Ziel war eine dezentrale Währung ohne Notenbanken oder den Einfluss anderer Gruppe. Satoshi Nakamoto ist ein Pseudonym, wer sich dahinter verbirgt, ist nicht bekannt.

    Wo kommt eine Kryptowährung her?

    Der Bitcoin wird errechnet, wobei die entsprechenden kryptografischen Aufgaben komplizierter werden, je mehr Bitcoins geschürft werden, wie es in der Branche heißt. Inzwischen gibt es fast 18,7 Millionen Bitcoin. Die Gesamtmenge ist auf rund 21 Millionen begrenzt. Entsprechend aufwändig sind die Aufgaben. Um sie zu lösen, sind Rechenzentren nötig, die ausschließlich Bitcoin schürfen. Der Stromverbrauch ist enorm. Manche Experten schätzen, dass er so groß ist, wie der Norwegens.

    Welche Kryptowährungen gibt es?

    Am meisten verbreitet ist die erste aller Kryptowährungen: Bitcoin. Sie hat einen Marktanteil von um die 50 Prozent. Danach folgt Ether mit gut 17 Prozent. Weitere, schon deutlich kleinere Kryptowährungen sind Binance Coin und Ripple. Auch eine Art Parodie gibt es: Dogecoin, nach Angaben der Erfinder soll das „dog“ (engl.: Hund) die Währung besonders attraktiv machen. Experten schätzen die Gesamtzahl von Kryptowährungen weltweit auf mehr als 10.000. Viele sind allerdings verschwindend klein. Auflegen kann sie im Prinzip jeder, der die Technik beherrscht.

    Welche Unterschiede gibt es?

    Zu jeder Kryptowährung gibt es eine Idee, etwa ein Projekt oder eine besondere Technik. „Das heutige Ökosystem an verschiedenen Konzepten könnte man als eine Art Ursuppe für das zukünftige digitale Leben bezeichnen. Ideen werden ausprobiert, verworfen, verbessert und kopiert“, sagt Marcel Uhlmann, Experte für Kryptowährungen der V-Bank in München. Wichtige Ideen seien beispielsweise ganze Ökosysteme für eine dezentrale Finanzwelt (Ethereum, Synthetics) und ein neues Internet (Ethereum, Polkadot). Das bedeutet auch: „Wer in diese Anlageklasse investieren möchte, sollte sich vorher intensiv mit der dahinterstehenden Technik und Idee beschäftigen“, sagt Thomas Beutler von der Verbraucherzentrale Saarland. „Schnell reich zu werden, ist kein Kriterium für ein Investment.“

    Wie bewahre ich Kryptowährungen auf?

    Bitcoins und alle Geschäfte damit werden in einem digitalen Kassenbuch eingetragen, einer Kette von Blöcken, der sogenannten Blockchain, die öffentlich einsehbar ist. Die Kryptowährung ist rein virtuell. Wer Bitcoins kauft, bekommt praktisch den Zugriff auf bestimmte Bitcoins in der Kette: Bitcoin verwendet ein Zwei-Schlüssel-System: Einen sogenannten öffentlichen Schlüssel, der so etwas wie eine Kontonummer ist und weitergegeben werden kann, und einen privaten Schlüssel, mit dem man Bitcoins zu einer anderen Adresse transferieren oder verkaufen kann. Beide Schlüssel sind Zahlencodes. Gespeichert werden sie in einer virtuellen persönlichen Brieftasche (wallet). Man kann sie auf dem Computer speichern, auf einem USB-Stick oder auch auf Papier aufschreiben. Wichtig ist, den privaten Schlüssel nicht zu verlieren. „Ohne den privaten Schlüssel kann ich allenfalls den Kontostand abrufen“, sagt Kevin Spur, Kryptowährungsexperte beim Bankenverband BdB.

    Wie kann ich in Kryptowährungen investieren?

    Es gibt mehrere Möglichkeiten:

    1. Etwas zum Beispiel bei Ebay verkaufen und sich in Bitcoin bezahlen lassen. Dafür ist eine digitale Geldbörse (wallet) erforderlich.
    2. Selbst schürfen: Für den normalen Anleger ist das nicht zu empfehlen – technisch zu aufwändig und in Deutschland wegen der hohen Strompreise unwirtschaftlich.
    3. Direkt investieren: Kryptowährungen können an Börsen wie Coinbace, Binance, BSDEX der Börse Stuttgart und Handelsplätzen wie bitcoin.de der Frankfurter Futurum Bank gekauft werden. Dort muss man sich anmelden und legitimieren, dann kann man Euro einzahlen und Kryptowährungen kaufen. Mit Bison bietet die Börse Stuttgart auch eine App an, die den Handel sehr einfach machen soll. Verwahrung und technische Abwicklung werden den Kunden dabei abgenommen. Manche Banken und Zahlungsabwickler bieten auch an, Kryptowährungen zu erwerben und aufzubewahren, etwa Paypal (USA).
    4. Indirekt investieren: Für manche Kryptowährungen gibt es ETN, Exchange Traded Notes. Diese Papiere bilden etwa die Entwicklung des Bitcoin-Kurses ab – aufwärts wie abwärts. ETN werden von Finanzfirmen wie Coinshare aufgelegt und an Börsen wie der Deutschen Börse gehandelt. Wer sie kauft, nimmt Kursgewinne oder -verluste der jeweiligen Kryptowährungen mit, besitzt diese aber nicht selbst. Auch wenn ETN und die beliebten ETF (Exchange Traded Fund) ähnliche Namen haben: Es gibt einen wesentlichen Unterschied: „Anders als beim ETF unterliegt die ETN wie ein Zertifikat dem Emittenten-Risiko. Ist der Herausgeber des ETN pleite, ist auch das Geld des Anlegers weg“, sagt Beutler von der Verbraucherzentrale Saarland.

    Und immer gilt: „Wer in Kryptowährungen investiert, sollte auch auf die Nebenkosten achten“, sagt Beutler. „Beim Kauf und Verkauf von Bitcoin zum Beispiel fallen Gebühren an.“

    Wie viel kann ich verdienen?

    Sehr viel. Der erste Bitcoin hatte einen Wert von 0,07 Dollar. Mitte April 2021 erreichte er sein Allzeithoch: 64.748,91 Dollar. Wer 2009 einen Dollar investiert hat, hätte dann 924.984,43 Dollar auf dem Konto gehabt. Inzwischen ist der Kurs wieder gefallen. Zuletzt notierte der Bitcoin bei rund 32.000 Dollar. Sogar einen Preis von bis zu 146.000 Dollar pro Bitcoin scheint möglich. Den Wert hat die US-Bank JP Morgan errechnet.

    Welche Risiken gibt es?

    Totalverlust: „Der Wert etwa des Bitcoins beruht allein auf Angebot und Nachfrage. Wenn die Nachfrage zusammenbricht, kann der Wert auf Null fallen. Das wäre dann ein Totalverlust“, sagt Thomas Beutler von der Verbraucherzentrale Saar. Der Anleger sollte also nur investieren, auf was er auch verzichten kann.

    Kursschwankungen und Manipulation: Kryptowährungen sind nichts für alle, die schwache Nerven haben und eine solide langfristige Anlage suchen. Oder, wie Beutler sagt: „Kryptowährungen schwanken extrem. Das kann für viele emotional sehr anstrengend sein.“ So pendelte etwa der Bitcoin binnen der vergangenen vier Monate zwischen 28.893 und 41.295 Dollar. Auch größere Sprünge nach oben und unten sind möglich, wie etwa, als Elektroautopionier Elon Musk erst ankündigte, in Bitcoin zu investieren und dann zurückzog. Solche Fälle zeigen, wie anfällig die Währungen für Marktmanipulation sein können.

    Kein Anlegerschutz: Der Markt für Kryptowährungen ist nicht reguliert. „Es gibt zum Beispiel keinen Staat und keine Einlagensicherung, die Risiken abdecken“, warnt Kevin Spur vom Bankenverband.

    Betrug: Es ist nicht garantiert, dass zum Beispiel eine neu auf den Markt gebrachte Kryptowährung überhaupt läuft oder gar echt ist. 2019 etwa kamen über sogenannte ICO viele neue Kryptowährungen auf den Markt. Einige verschwanden nach wenigen Monaten wieder und mit ihnen das angelegte Geld.

    Anonymität: Ein weiteres Risiko liegt in einem Vorteil der Kryptowährungen: der Anonymität. Wer seine digitale Geldbörse (wallet) mit den privaten Schlüsseln löscht oder bei einem Computerabsturz verliert, kann nicht mehr auf die Anlage zugreifen. Zudem ist angesichts der großen Gewinnchancen möglich, dass Hacker versuchen, die Währungen zu stehlen.

    Geopolitik: Und dann ist da noch die chinesische Regierung, die gegen Kryptomining und Handel etwa bei Bitcoin vorgeht. In dem Land wurde zuletzt mit Abstand am meisten geschürft. Die Folgen sind unklar.

    Wie unterscheiden sich Kryptowährungen wie Bitcoin vom geplanten Facebook-Geld Libra und vom digitalen Euro der EZB?

    Die EZB will einen digitalen Euro einführen, in den kommenden Jahren wird festgelegt, welche Technik dafür genutzt wird. „Der zentrale Unterschied zwischen einer Kryptowährung und dem digitalen Euro: Beim Euro garantiert die Europäische Zentralbank die Währung. Hinter dem Bitcoin steht keine Notenbank, er wird dezentral von allen verwaltet“, erklärt Kevin Spur vom Bankenverband. Ähnlich sieht es beim Projekt Diem (früher Libra) von Facebook aus, hinter dem ein Konsortium von 26 Unternehmen steht, die über die Währung entscheiden.

  • Lockruf des Alls

    Drei deutsche Raketenbauer schicken sich an, den Markt für Weltraumtransporte aufzurollen. Gestartet werden könnte in der Nordsee

    Sie besitzen Milliarden und wollen das All erobern: Elektroautopionier Elon Musk arbeitet mit SpaceX für die Nasa, Amazon-Gründer Jeff Bezos plant eine Mondlande-Einheit, der Unternehmer Richard Branson will an diesem Sonntag zum ersten Passagierflug in den Weltraum aufbrechen. Es scheint, dass Amerikaner und Briten wieder einmal das Geschäft machen. Doch bei Raketentechnologie im boomenden Raumfahrtmarkt sind drei deutsche Firmen international weit vorn.

    HyImpuls, Isar Aerospace und Rocket Factory Augsburg (RFA) wollen allerdings keine Passagiere ins All befördern. Die standardisierten Raketen, die sie entwickeln, sind dafür zu klein. Und auch auf spektakuläre Inszenierungen wie bei den drei Milliardären verzichten die deutschen Unternehmen. Es geht vielmehr darum, Raketen in Masse herzustellen und mit zahlreichen Starts zu niedrigen Preisen ganze Schwärme von standardisierten, kleinen Satelliten ins All zu befördern.

    NewSpace heißt der Aufbruch in der Raumfahrtbranche. Weltweit entstehen privat finanzierte Firmen, die Raketen entwickeln, Satelliten verkleinern und optimieren. Der Markt verspricht einiges: Auf 54 Milliarden Euro schätzt ihn die Beratungsfirma Euroconsult zwischen 2021 und 2030. Im Schnitt sollen in der Zeit 1391 Satelliten ins All geschickt werden – jährlich. Zwischen 2011 und 2020 waren es 296.

    Marktführend sind die USA. Doch: „Deutschland ist bei der Entwicklung in Europa führend und auch weltweit vorn dabei“, sagt Matthias Wachter, beim Industrieverband BDI unter anderem für Raumfahrt zuständig. „New Space wird für das Industrieland Deutschland immer wichtiger. Nicht primär wegen der Zahl der Mitarbeiter, sondern wegen der technologischen Hebeleffekte für klassische Anwendungen auf der Erde.“ Nach dem NewSpace Industry Report des BDI arbeiteten in der Branche 2020 gut 3000 Beschäftigte in 125 untersuchten Unternehmen. Tendenz stark steigend.

    Große Satellitennetze in bis zu 1400 Kilometern Höhe, dem Low Earth Orbit (LEO), sind wichtig für Branchen wie Autoindustrie, Energie, Landwirtschaft, Logistik und Luftfahrt. Sie können präzise Wettervorhersagen liefern, Informationen über die Standorte von Schiffen, Daten, die Waldbrände früh erkennen lassen. Sie können Infrastruktur wie Pipelines und Stromnetze überwachen. Und: Ohne diese Satellitenschwärme wird autonomes Fahren wohl ausgebremst.

    Die drei deutschen Raketenbauer wollen vom Boom profitieren. Sie entstanden jeweils 2018. RFA, 95 Mitarbeiter mit Sitz in Augsburg, gehört dem Bremer Raumfahrtunternehmen OHB. Das Familienunternehmen baute unter anderem Satelliten für das europäische Galileo-Programm. HyImpuls mit rund 50 Mitarbeitern aus Neuenfels nordöstlich von Heilbronn ist ein Spin-off des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Hinter dem Unternehmen steht die Schwarz-Holding aus München, der unter anderem ein großes Testdienstleistungsunternehmen gehört. Isar Aerospace aus Ottobrunn bei München wurde von drei Raumfahrtingenieuren gestartet, zu den Geldgebern gehören Airbus sowie die Wagniskapitalfirmen Earlybird und UVAC.

    Raketen wie Falcon-9 von SpaceX, die unter anderem für die Nasa im Einsatz ist, oder die russische Sojus transportieren bereits jetzt Satelliten, sind aber zu groß und zu unflexibel für den Massenmarkt, der sich gerade entwickelt. Die Falcon-9 ist rund 70 Meter hoch und hat 3,7 Meter Durchmesser. Die sogenannten Microlauncher, an denen HyImpuls, Isar Aerospace und RFA arbeiten, sind deutlich kleiner: Spectrum von Isar Aerospace kommt wie die SL1 von HyImpuls auf 27 Meter Höhe, die RFA-Rakete auf 30 Meter, bei jeweils knapp zwei Metern Durchmesser. Die drei Newcomer versprechen, Nutzlast zwischen 0,5 und 1,3 Tonnen transportieren zu können, in der Falcon-9 sind es bis zu 8,3 Tonnen, in der europäischen Ariane-Rakete bis zu fünf Tonnen.

    RFA hat angekündigt, einen Start für drei Millionen Euro anzubieten, bei einer Falcon-9, der derzeit am meisten genutzten Rakete, sind es umgerechnet gut 50 Millionen Euro. Die Startfrequenz könnte dicht sein: HyImpuls kann sich langfristig bis zu 50 Starts im Jahr vorstellen, buchbar jeweils einen Monat im voraus. RFA plant einen Start pro Woche. Bisher wird allerdings noch entwickelt. Wohl am weitesten ist Isar Aerospace, der Erstflug ist für 2022geplant.

    Bleibt die Frage, wo die Raketen starten sollen. Dank der geringeren Größe sind auch Plätze in Europa möglich, nicht nur Kourou in Französisch-Guayana oder Baikonur in Kasachstan. Das Andøya Space Center auf der gleichnamigen Lofoten-Insel in Norwegen wäre eine Möglichkeit oder Unst im Norden der schottischen Shetlandinseln, wo es sogenannte Spaceports in Europa gibt. Alle drei Hersteller bauen ihre Raketen im Süden Deutschlands, da wäre ein Startplatz in Deutschland praktisch – kurze Wege, keine komplizierten Ausfuhrgenehmigungen für sensible Technik. Allerdings ist das Land dicht besiedelt, eine Starterlaubnis wäre wegen Lärmbelästigung und der Gefahr herabstürzender Teile kaum zu bekommen. Anders sieht das auf dem Meer aus, genauer, der Nordsee.

    Im Dezember 2020 gründeten die Bremer Firmen OHB, Harren & Partner (Reederei), BLG Logistics, Media Mobil (Kommunikation), Lampe & Schwartze (Versicherungen) und der Offshore Projektentwickler DOC die German Offshore Spaceport Alliance. Der Plan: die Raketen von einem Schiff aus zu starten, und zwar im äußersten Zipfel der außerordentlichen Wirtschaftszone Deutschlands, gut 420 Kilometer von Bremerhaven entfernt und ziemlich genau in der Mitte zwischen Großbritannien und Dänemark.

    Die Raketen sollen in Bremerhaven in einer sehr großen Box verpackt werden, die auch die Startrampe enthält. Die Box wird in ein Schiff verladen, dessen Laderaum oben offen ist. Auch den Treibstoff für die Rakete transportiert das Schiff. Am Startpunkt wird die Abschussrampe nebst Rakete im Schiff aufgerichtet, die Rakete betankt und dann gestartet. Die Startrampe in der Box kann wiederverwendet werden, das Schiff ist wegen seiner besonderen Konstruktion auch für andere Transporte einsetzbar, wenn kein Start geplant ist. Das hält die Kosten niedrig. Erste Starts sind für 2023 vorgesehen. Die Genehmigung steht noch aus.

  • „Die Deutschen gönnen sich mehr“

    TUI-Deutschland-Chef Marek Andryszak über den Buchungsboom, Corona und kurzfristig noch freie Urlaubsziele

    Weniger Infektionen, mehr Geimpfte: Nach dem harten Lockdown können die Deutschen wieder verreisen. TUI, führender Urlaubskonzern der Welt, profitiert nach einem sehr schwachen Jahr 2020. Deutschland-Chef Marek verrät, welche Ziele besonders beliebt sind und wo es noch nicht so voll ist.

    Herr Andryszak, wo machen Sie dieses Jahr Urlaub?

    Im Mai war ich auf Mallorca. Und jetzt im Sommer fahre ich nach Dänemark.

    Ins Ferienhaus.

    Genau. das habe ich schon Anfang Dezember gebucht. Ich wusste nicht, wie sich Corona entwickelt und dachte, das ist neben dem Cluburlaub eine der sichersten Varianten.

    TUI steht doch eher für die Pauschalreise. Wie hat die den Corona-Lockdown überstanden?

    Als letztes Jahr die Flüge nahezu vollständig gestoppt wurden, war ja kein Urlaub mehr möglich. Sobald Flüge wieder erlaubt, Länder wieder offen waren, haben wir gesehen, dass die Kunden die Pauschalreise deutlich bevorzugen. Sie macht derzeit gut 70 Prozent der Buchungen aus.

    Warum lieben die deutschen die Pauschalreise?

    Man muss sich um nichts mehr kümmern, wenn man gebucht hat. Wir sorgen dafür, dass alles problemlos läuft, auch wenn sich noch etwas ändert. Ich muss mich nicht um Hotel, Flug, Transfer kümmern. Aus meiner Sicht gewinnt die Pauschalreise sogar an Marktanteilen, weil auch Kunden, die sich ihre Reisen gern selbst zusammenstellen, etwas mehr Sicherheit schätzen. Und sie ist auch ein Vorteil eines Konzerns wie TUI.

    Warum?

    Aus Sicht des Unternehmens ist es einfacher, neu zu starten, wenn man weiß, dass man selbst die Hotels öffnet, selbst Schiffe betreibt, selbst die Flüge anbietet und sich auch um die Transfers dazwischen kümmert. Deshalb konnten wir auch schneller als alle anderen entscheiden und das Angebot hochfahren.

    Wie läuft das Geschäft bei TUI bisher?

    Bis Ende April war es eher mau. Es gab zu viel Unklarheit bei den Regeln. Der Mallorca-Urlaub zu Ostern war ein erster Neu-Start. Anfang Mai ging es dann sprunghaft los. Unsere Kunden fingen an zu buchen. Und kurzfristig zu verreisen. In der zweiten Mai-Hälfte waren wir in Deutschland ungefähr auf dem Buchungsniveau vom Sommer 2019, also der Vor-Corona-Zeit. Inzwischen sehen wir deutlich höhere Buchungszahlen als zur gleichen Zeit 2019. Die Menschen wollen jetzt einfach raus.

    Wo geht es hin?

    Die Zahl der Ziele ist geringer als 2019. Topziel sind die Balearen mit Mallorca. Es wird so viel gebucht, wie wir noch nicht erlebt haben. Ebenfalls sehr gut läuft Griechenland. Und die Kanaren. Inzwischen holt auch die Türkei deutlich auf. Und Reisen nach Kroatien, Österreich und innerhalb Deutschlands, meist mit dem eigenen Auto. Wir bieten die Hotels.

    TUI betreibt in Deutschland 22 eigene Flugzeuge. Was ist mit denen?

    Die Flotte ist seit vergangenem Wochenende wieder komplett in der Luft. An allen Tagen der Woche.

    Wie viel geben die Deutschen im Schnitt für eine Reise aus?

    Derzeit sind es mehr als 90 Euro pro Gast und Nacht. Vor allem geben die Urlauber mehr Geld aus. Das Paket, das wir im Mai 2019 für ein bestimmtes Hotel in Palma auf Mallorca angeboten haben, kostet heute im Prinzip noch genau so viel, aber die Kunden wählen ein besseres Zimmer, eine bessere Verpflegungsvariante, einen längeren Aufenthalt – insgesamt eine bequemere Reise. Mehr Wohlfühlen. Die Deutschen gönnen sich mehr. Und das führt zu einem höheren Preis.

    Das ist gut für TUI.

    Das ist gut für alle.

    Wenn ich noch nicht gebucht habe, wo gibt es noch freie Plätze für die übernächste Woche?

    Was wir seit Wochen bei den Buchungen erleben, ist gewaltig. Andererseits gibt es immer noch viele interessante Angebote. Denn anders als in früheren Jahren ist von Januar bis März nur sehr wenig gebucht worden.

    Mallorca ist nicht überfüllt?

    Nein. Ich war Anfang Mai auf Mallorca und ich fand es fantastisch. Die touristischen Gebiete waren weit davon entfernt überlaufen zu sein, Restaurants waren gut erreichbar. Jetzt ist es etwas voller, aber Mallorca wird nicht so voll sein wie in einem normalen Sommer noch vor vier, fünf Jahren. Unter anderem, weil auch noch Gäste aus anderen Ländern fehlen.

    Welche Corona-Regeln gelten bei Ihnen, wie geht TUI damit um?

    Spanien hat bis vor kurzem mit Tests gearbeitet, von denen Deutsche zur Zeit ausgenommen sind. Bei der Einreise musste man einen negativen PCR-Test vorweisen, bei Rückreise ist weiterhin ein negativer Antigentest nötig. Dann gibt es Hygienekonzepte in den Hotels. An den niedrigen Infektionszahlen auf Mallorca haben wir gesehen, dass das sehr gut funktioniert hat. Die Pauschalreise war nachweislich nie Treiber des Pandemiegeschehens.

    Wie bewerten Sie die Delta-Variante, die sich gerade ausbreitet?

    Wir haben inzwischen ausreichend Erkenntnisse, dass die Delta-Variante zwar ansteckender, aber nicht gefährlicher ist als die anderen Varianten. Das gibt Hoffnung. Zudem schätze ich, dass wir Ende des Sommers sowieso besser mit neuen Varianten umgehen können, weil dann deutlich mehr Menschen geimpft sein werden. Die Quote liegt in Deutschland bereits bei mehr als 55 Prozent. Und Geimpfte und Genesene können ohnehin frei reisen. Grundsätzlich hat es sich bewährt auf die Tests bei Ein- und Ausreise zu setzen, als auf Quarantäne. Letztlich gibt dies uns allen mehr Sicherheit.

    Der Fall Portugal…

    …ist sehr ärgerlich. Erst hat Deutschland Portugal wegen der Delta-Variante zur Virusvariantenregion erklärt. Das bedeutet, dass Urlauber bei der Rückreise in Quarantäne müssen. Bevor die Regelung griff, haben wir die Gäste auf Wunsch zurückgeflogen. Eine Woche später macht die Delta-Variante in Deutschland gut der Hälfte aller Neuinfektionen aus.. Jetzt wurde Portugal wieder von der Variantenliste gestrichen wird. Das gesamte Verfahren ist ernüchternd für die Urlauber, die ihre Auszeit entsprechend unzufrieden abbrechen mussten.

    Auch wenn gerade die Sommerferien Thema sind: Der ein oder andere denkt bereits über die Winterferien nach. Läuft das Geschäft schon an?

    Die Deutschen planen den Urlaub gern frühzeitig. Deshalb buchen die ersten schon Ende Mai Reisen für den Winter. Entweder zum Skifahren oder in die Sonne. Wir bieten beides an. Wir sind der größte Skiveranstalter in Deutschland. Wer im Winter in die Sonne will, bucht die Kanaren und Fernreisen– Thailand, Karibik, Mauritius, Malediven oder die Kapverden, da bieten wir einen neuen Robinson Club.

    Wer jetzt die Malediven für Januar bucht, weiß überhaupt nicht, wie dann dort die Lage angesichts der Corona-Unsicherheit tatsächlich ist.

    Natürlich wissen sie das nicht, aber sie sichern sich als Frühbucher einen sehr guten Preis. Dann bekommen sie mit Flexoption die Möglichkeit, bis zu 14 Tage vor Anreise kostenlos zu stornieren oder umzubuchen. Und wir bieten eine Durchführungsgarantie mit allen Absicherungsvarianten, sollte Ihnen selbst etwas geschehen.

    TUI übernimmt das Risiko komplett?

    Das kann man so sagen.

    Wie läuft das Wintergeschäft?

    Wie diesen Sommer kommt es etwas später, ist aber schon relevant da.

    Bei allen Garantien, die TUI bietet: Der Staat musste das Unternehmen 2020 retten, gerade hat TUI 200 Millionen Euro frisches Geld bei Investoren eingesammelt: Wie sicher ist es, bei TUI zu buchen? Gibt es die Firma im Herbst noch?

    Selbstverständlich. Die Buchungszahlen der vergangenen Wochen zeigen, dass es wirtschaftlich wieder gut voran geht. Durch den Start des operativen Geschäfts in den meisten europäischen Märkten der TUI fließt wieder Geld ins Unternehmen. Die jüngsten Maßnahmen wie die beiden Wandelanleihen oder der Verkauf von Hotelimmobilien dienen daher vor allem dazu, die staatlichen Kreditlinien zu refinanzieren. Die erfolgreichen Transaktionen am Kapitalmarkt zeigen, dass die Investoren unserer Strategie und unserem Geschäftsmodell vertrauen.

    Welche Trends sind auszumachen? 

    Erstens: Die Kunden sind heute mit dem Urlaub zufriedener. Sie schätzen ihn mehr, weil sie länger nicht verreisen konnten – auch wenn die Reise die gleiche ist wie vor drei Jahren. Zweitens: Der Urlaub wird ruhiger. Weniger Herumreisen, mehr im Hotel bleiben. Und im Hotel: weniger Party, mehr Entspannen und Ruhe. Drittens: die Hygienemaßnahmen. Ich kann mir vorstellen, dass es einige davon länger geben wird, vielleicht sogar immer. Größere Abstände halten zum Beispiel.

  • Feiern und lernen

    Öffnungen vorbereiten, nicht Einschränkungen

    Gerade ist die Corona-Lage entspannt. Doch viele Leute haben Angst vor einem weiteren harten Herbst. Vielleicht wäre es besser, nicht zu viel über die vierte, fünfte oder sechste Virus-Variante zu grübeln, sondern sich auch auf eine mögliche Normalisierung des Lebens in den kommenden Monaten vorzubereiten. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht.

    Bis August könnten 60 Millionen Bundesbürgerinnen und Bürger doppelt geimpft sein, etwa drei Viertel der Bevölkerung. Damit wäre die Herdenimmunität noch nicht erreicht, aber ziemlich nahe. Denn zur Zahl der Geimpften kann man knapp vier Millionen Menschen hinzurechnen, die eine Infektion durchgemacht haben und deshalb immun sind. Die Dunkelziffer der unwissentlich Immunisierten geht vermutlich ebenfalls in die Millionen. Hinzu kommt möglicherweise eine gewisse Grundimmunität gegen die neuen Covid-19-Viren, die sich in der Bevölkerung allmählich aufbaut.

    Allerdings kann die Delta-Variante des Corona-Virus mehr Gesunde infizieren als der ursprüngliche Typ. Ein exponentielles Wachstum der Infektionen im ungeimpften Teil der Bevölkerung könnte also noch möglich bleiben. Hier helfen jedoch die flächendeckenden Schnelltests. Und auch das Maskentragen in Innenräumen wird die Bürger:innen wohl noch eine Zeit begleiten.

    Und eine positive Nachricht kommt aus Großbritannien: Zwar nehmen dort die Infektionen wegen der Delta-Variante wieder zu, aber die Zahlen der schweren Verläufe und der Krankenhaus-Einweisungen steigen nur wenig. Der Grund liegt wahrscheinlich darin, dass jüngere Menschen, die sich jetzt überwiegend infizieren, mit dem Virus besser zurechtkommen. Unter dem Strich dürfte deshalb die Gefahr der Überlastung des Gesundheitssystems auch hierzulande abnehmen. Bisher war das eine wichtige Rechtfertigung für die freiheitsbeschränkenden Maßnahmen. Sie könnte bald wegfallen.

    Bei aller Vorsicht sollte man deshalb auch an die Normalisierung des Lebens denken, und nicht nur an die Gefahrenabwehr. Einige Politiker und Gesundheitsexperten argumentieren inzwischen in diese Richtung. So hält Kanzleramtschef Helge Braun einen weiteren Lockdown, der auch Millionen bereits gegen Corona Geimpfter träfe, für unrealistisch. Außenminister Heiko Maas und Krankenkassenvorstand Andreas Gassen plädieren dafür, die Beschränkungen ab September aufzuheben. Und Intensivmediziner Christian Karagiannidis sagt, man solle nicht mehr vornehmlich auf die Inzidenz, den Anstieg der Infektionen schauen.

    Gerade für die jungen Leute könnte es ab Herbst möglich sein, wieder ans Lernen zu denken, an die Zukunft, an Reisen und die persönliche Fortentwicklung. Spaß haben, Feiern und Druck ablassen sind wichtig. Die Polizei braucht auch mal eine Pause. Öffentliche Parks sollten nachts nicht mehr geräumt werden, Bars und Clubs wieder öffnen, Schulen und Universitäten zum Normalbetrieb zurückkehren.

    Anderthalb Jahre Einschränkungen sind genug. Es ist schon der zweite Corona-Sommer. Ewig kann man die Politik der Vorsicht und Repression nicht fortsetzen. Andere Gesichtspunkte müssen wieder in den Mittelpunkt rücken, zum Beispiel die im Grundgesetz garantierte Selbstbestimmung und Freizügigkeit.

  • Die tiefgekühlte Hoffnung der Wirtschaft

    Am Dienstag wird bei Stuttgart der erste Quantencomputer in Europa enthüllt. Mit ihm startet Deutschland in die Technologiezukunft

    Ehningen ist ein beschaulicher Ort, etwas mehr als 9000 Einwohner, Schloss, die Würm plätschert durchs Zentrum. Nichts deutet daraufhin, dass hier, 30-S-Bahn-Minuten vom Stuttgarter Zentrum entfernt, Computergeschichte geschrieben wird. An diesem Dienstag ist es soweit: Der erste funktionstüchtige universelle Quantencomputer außerhalb der USA wird feierlich enthüllt.

    Quantum System One heißt das Gerät, das im Kern aussieht wie ein etwas überkandidelter Kronleuchter voller gedrehter goldener Spaghetti. Im Betrieb verschwindet er in einer Säule, die wiederum in einem Würfel mit drei Metern Kantenlänge steckt. Dass der Rechner in Schwaben steht, hat mit IBM zu tun. Und der US-Konzern, der den Rechner entwickelt hat, residiert mit seiner Deutschlandzentrale in Ehningen, wo Quantum Systems One im firmeneigenen Rechenzentrum aufgebaut ist. Nutzen dürfen ihn exklusiv die deutschen Fraunhofer Institute, zunächst bis Ende 2023. Zur Enthüllung zugeschaltet sind unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), IBM-Chef Arvind Krishna. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ist vor Ort. Sein Land bezuschusst das Projekt, den größten Teil hat Fraunhofer vorfinanziert.

    Der Quantencomputer hat ein enormes Potenzial unter anderem wegen der Art wie er arbeitet. Herkömmliche Geräte müssen alle Möglichkeiten durchrechnen, um zum besten Ergebnis zu kommen, das dauert zum Teil sehr lange und ist bei manchen Aufgaben wegen der schieren Menge an Rechenoperationen nicht möglich. Der Quantencomputer rechnet parallel und ist um ein Vielfaches schneller. Mit ihm lassen sich dann zum Beispiel Natursimulationen erstellen oder komplizierte Logistikketten optimieren oder Milliarden von Zahlungsströmen in Echtzeit steuern, während komplexe regulatorische Vorgaben berücksichtigt werden.

    Was recht einfach klingt, ist sehr schwer umzusetzen. Das hat nicht nur mit der komplizierten Quantentheorie zu tun. Eine Schwierigkeit ist technischer Art: Qubits, mit denen Quantum System One rechnet, sind äußerst empfindlich. Sie lieben es sehr kalt, der Computer steckt deshalb in einer Art Kühlschrank, der mit Gasen und technischen Tricks auf eine Temperatur nahe des absoluten Nullpunkts von minus 273 Grad gebracht wird – kälter als das Weltall. Qubits dürfen nicht erschüttert werden, da kann zum Beispiel eine Autobahn in der Nähe einiges durcheinanderbringen. Und auch Strahlung mögen die Recheneinheiten nicht.

    Dann sind da noch Schwierigkeiten inhaltlicher Art. Man weiß, was der Rechner kann und wofür er eingesetzt werden könnte, aber nicht genau, wie die Anwendungen gestaltet sein müssen, um die Fähigkeiten des Rechners voll auszunutzen.

    Die Fraunhofer Institute wollen deshalb in ihrem Forschungsprojekt gemeinsam mit Unternehmen und Start-ups Anwendungen entwickeln und erforschen. Und es sollen Experten ausgebildet werden. „Nur weil sie Physik oder Informatik studiert haben, können Sie nicht automatisch einen Quantencomputer bedienen“, sagt Prof. Manfred Hauswirth vom Fraunhofer Institut für offene Kommunikationssysteme (Fokus) in Berlin, Co-Koordinator des Projekts. Das Ziel: Deutschland soll weltweit vorn dabei sein bei der neuen Technologie. Und auch einen eigenen Quantencomputer soll es in Deutschland geben, so sieht es die entsprechende Roadmap der Bundesregierung vor. In fünf Jahren soll er fertig sein.

    IBM selbst setzt auf eine große weltweite Entwicklergemeinschaft, die gemeinsam an Anwendungen arbeitet und das Gerät laufend verbessert. Der US-Konzern hatte den Quantum System One 2019 vorgestellt. Inzwischen laufen 40 solcher Quantencomputer in einem IBM-Rechenzentrum im US-Bundesstaat New York, wo der Konzern Großrechner entwickelt. Die Rechenleistung dort können auch Firmen nutzen. Daimler etwa stützte sich auf Quantencomputing für eine neue Lithium-Batterie.

    Der aktuelle Rechner hat 65 Qubits, IBM schätzt, das im nächsten Jahr bereits ein Gerät mit 128 Qubits laufen wird. 2023 soll es dann mehr als 1000 Qubits haben, ein wahrer Quantensprung. Denn jedes zusätzliche Qubit verdoppelt die Leistungsfähigkeit des Rechners.

    Bei IBM heißt es, man stehe erst am Anfang der Technologie. Der Plan: Binnen zehn Jahren sollen Quantencomputer und klassische Computer zusammenarbeiten. Wer ein kompliziertes Rechenproblem hat, nutzt dann die Leistungsfähigkeit des Quantencomputers über eine Cloud, wie IBM-Vizepräsident Jay Gambetta in einem Blockeintrag skizziert hat. Eine enorme Aufgabe. Der klassische Computer brauchte Jahrzehnte von der Touringmaschine und Konrad Zuses Z1 in den dreißiger Jahren bis zu den ausgefeilten Cloud-Diensten, die es heute gibt.

    IBM will Quantum Systems One auch verkaufen. Die Chancen sind riesig. Die Analysten der US-Bank Morgan Stanley schätzen, dass sich der Markt für High-End-Quantencomputer bis 2025 auf zehn Milliarden Dollar pro Jahr verdoppeln wird. Die Zahl der Käufer ist noch übersichtlich. Einen Rechner hat die gemeinnützige Cleveland Clinic im US-Bundesstaat Ohio gekauft, die ihn für Pharmaforschung nutzen will. Liefertermin: 2023. Preis: auf Anfrage. Offiziell nennt IBM nicht einmal eine grobe Zahl. Firmengeheimnis.

    Denn auch die Konkurrenz arbeitet an Quantenrechnern. Mit dabei sind der US-Internetkonzern Google, der chinesische Internetriese Alibaba und Start-ups wie Novarion, Rigetti und D-Wave. Nicht alle arbeiten an universellen Superrechnern, die jede Art von Rechenoperation ausführen können, sondern an Quantencomputern für spezielle Einsätze. Google hat einen universellen Quantencomputer mit 73 Qubits entwickelt, der allerdings derzeit nicht stabil läuft.

    Bis jeder einen kleinen Quantencomputer zu Hause hat oder Rechenkapazität nutzen kann, dauert es. Manfred Hauswirth vom Fraunhofer Fokus sagt: „Wir wissen, dass wir es schaffen werden. Aber wir können uns nicht glaubwürdig auf einen Zeitpunkt festlegen, an dem wir praxistaugliche Quantencomputer haben.“

    Was ist ein Qubit?

    Fraunhofer Fokus erklärt den Kern des Quantencomputings so: Während ein klassischer Rechner mit Bits rechnet, nutzt ein Quantencomputer Qubits. Diese können nicht nur die Werte 0 oder 1 annehmen, sondern durch die Überlagerung von Quantenzuständen auch jede beliebige Kombination aus beidem. Erst wenn ein Qubit gemessen wird, wird es auf einen konkreten Wert festgelegt. Man kann sich Qubits als rotierende Teilchen vorstellen, deren Rotationsachse sich erst auf eine Position festlegt, wenn man misst. Gerechnet wird mit Korrelationen von Qubit-Zuständen.

  • Drei Jahre nichts müssen müssen

    Verjubeln, investieren, verleben oder sparen: 1.200 Euro monatlich bekommen jetzt 122 Leute zusätzlich zum normalem Einkommen geschenkt. Wie verändert das ihr Leben?, wollen die Wissenschaftler:innen des Pilotprojekts Grundeinkommen wissen.

    Irritiert betrachteten die wenigen Tourist:innen am Dienstag das Gerät, das eigentlich nichts am Rande der Reichstagswiese in Berlin zu suchen hatte. Der gelb-rot-grüne Bankautomat spuckte Geldschein-ähnliche Papiere aus, allerdings mit der ungewöhlichen Notierung von 1.200 Euro. Symbolträchtige Fotos mit dem Bundestag im Hintergrund erschufen so die Organisator:innen des Pilotprojekts Grundeinkommen.

    Völlig real waren dagegen die Überweisungen von jeweils 1.200 Euro, die die 122 Teilnehmenden des wissenschaftlichen Experiments ebenfalls am Dienstag erstmals erhielten. Jeden Monat bekommen sie nun diesen Betrag geschenkt, drei Jahre lang, finanziert aus privaten Spenden. Das Geld fließt zusätzlich zu den normalen Einkünften der Empfänger:innen. Diese können es verjubeln, investieren, verleben oder sparen. Bedingungen sind daran nicht geknüpft.

    Denn genau daraum geht es: Wie verhalten sich Menschen, wenn sie ein sogenanntes Bedingungsloses Grundeinkommen beziehen, das sie auf bescheidenem Niveau von allen materiellen Sorgen befreit? Macht es sie faul, oder spornt es sie an? Psychologie-Professorin Susann Fiedler, die das Pilotprojekt wissenschaftlich begleitet, tippt eher auf Letzteres.

    Ein solches Forschungsprojekt findet hierzulande zum ersten Mal statt. Es ist ein Ergebnis der Debatte, die Mitte der 2000er Jahre durch die Einführung von Hartz IV begann. Die Kritik am Sozialsystem verstummt seitdem nicht mehr. Und neue Aspekte kommen hinzu: „Wir stehen vor großen Herausforderungen in einer digitalisierten Arbeitswelt, für die wir bisher keine Lösungen haben“, sagte Michael Bohmeyer vom Verein Mein Grundeinkommen. Er meint: Wovon sollen in Zukunft die Beschäftigten leben, die eventuell von intelligenten Maschinen wegrationalisiert werden?

    Als die Organisator:innen im vergangenen August zur Bewerbung aufriefen, meldeten sich sagenhafte 2,1 Millionen Leute, die teilnehmen wollten. Aus ihnen wurden 1.500 Personen ausgewählt – 1.378 als Vergleichsgruppe, die kein Grundeinkommen erhalten, und eben die 122 Glücklichen. Das sind nun ausschließlich Einpersonen-Haushalte zwischen 21 und 40 Jahren, die normalerweise zwischen 1.200 und 2.600 Euro netto monatlich zur Verfügung haben. Menschen, die in Armut leben oder Niedriglöhne erhalten, sind nur am Rande beteiligt. Jürgen Schupp, Soziologe vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), begründete diese Auswahl so: „Wir zielen in die Mitte der Gesellschaft.“ Es gehe in diesem Projekt darum, den Umgang der Mittelschicht mit einem Grundeinkommen zu erforschen.

    „Unser Experiment passt in die Zeit, weil die Corona-Krise auch Schwächen des aktuellen sozialen Sicherungssystem verdeutlicht hat“, sagte Schupp außerdem. Im vergangenen Jahr senkte die Bundesregierung die Hürden für Hartz IV, doch viele Selbstständige verschmähten das Angebot trotzdem, obwohl sie in ihren geschlossenenen Geschäften nichts verdienten. Unter anderem deshalb erhielt die Aktivistin Susanne Wiest 2020 rund 176.000 Unterschriften für ihre Grundeinkommen-Petition an den Bundestag.

    Solche zivilgesellschaftlichen Initativen machen Druck auf die Politik. Im Grundsatzprogramm der Grünen heißt es neuerdings: „Wir orientieren uns an der Leitidee eines Bedingungslosen Grundeinkommens.“ Die Linkspartei plant für kommendes Jahr einen Mitgliederentscheid.

  • Hochgeschwindigkeitsinternet am Bahndamm

    One Fiber will Glasfaser entlang des Schienennetzes verlegen und so auch abgelegene Gegenden anschließen. Der Bau soll Ende des Jahres beginnen.

    Im Zuge des Breitbandausbaus in Deutschland rückt ein 186 Jahre altes Verkehrsmittel in den Blick: die Bahn, genauer das Schienennetz, noch genauer die kleinen Tunnel entlang der Gleise, in denen Kabel verlaufen. Das Unternehmen One Fiber Interconnect will darüber ein eigenes Glasfasernetz in Deutschland aufbauen, das auch die abgelegenen Regionen abdeckt. Schon in wenigen Jahren soll es soweit sein.

    Superschnelles Internet auch in der tiefsten Eifel, im abgelegenen Schwarzwaldtal, in der Uckermark oder mitten im Sauerland? So könnte es schon 2026 kommen. Zumindest nach den Plänen von One Fiber, das die Konkurrenz schlagen möchte. Klaus Kemper, Chef und Mitgründer der Firma ist jedenfalls optimistisch.

    Bahnstrecken haben mehrere Vorteile: Sie reichen in Deutschland auch in ländliche Gebiete, die bisher für Glasfaseranschlüsse wenig attraktiv waren – zu weite Wege, zu wenig Nutzer. Und an 20.000 der 33.400 Kilometer Schienennetz verlaufen die Kanäle bereits, aufwändige Genehmigungen entfallen. One Fiber muss nur noch seine Glasfaser dazulegen – wenn genug Platz ist.

    Denn die Bahn nutzt die Anlagen auch für ein eigenes Glasfasernetz. Und das soll ausgebaut werden. Weil Schienen zum Teil parallel liegen und dort nur ein Glasfaserkabel nötig ist, fehlen noch rund 8200 Kilometer. Im Herbst hatte der Konzern mit einer europaweiten Ausschreibung nach einem Partner gesucht. Namhafte Unternehmen meldeten sich, versprachen durch innovative Bauverfahren eine kostengünstige und schnelle Umsetzung, wie eine Bahnsprecherin sagt. „Doch es ging kein wertbares Angebot ein.“

    Jetzt kümmert sich der Konzern selbst darum und hat einen dreistelligen Millionenbetrag vorgesehen. 2026/27 soll alles fertig sein. One-Fiber-Chef Kremper bietet Hilfe an: Wenn es für sein Unternehmen wirtschaftlich und zeitlich sinnvoll sei, werde es innovative Verlegeverfahren für die Lücken einsetzen.

    One Fiber will mit dem Netzausbau vermutlich zum Jahreswechsel 2021/22 starten, wie Kremper sagt. „Unser Ziel ist es, in Teilnetzen zu verlegen und diese Zug um Zug freizuschalten.“ Dabei stimmt sich One Fiber mit der Bahn ab. Wichtig: Der Bahnbetrieb darf nicht gestört werden. Binnen fünf Jahren soll das flächendeckende Netz „bis tief in die ländlichen Räume“ dann fertig sein. Kremper kennt sich mit der Deutschen Bahn aus. Er war lange Jahre Chef der Güterbahn, schied allerdings schon 2009 aus dem Konzern aus. Zuletzt leitete er den Baustoffspezialisten Knauf und gründete eine Firma, die Unternehmen entwickeln soll.

    Als Kunden stellt sich One Fiber Unternehmen, Behörden und Telekommunikationsanbieter vor, die zum Beispiel über die Leitungen schnelles Internet für Firmen oder private Endkunden bereitstellen. Man stehe mit zahlreichen bereits in Kontakt, sagt Kremper, ohne Namen zu nennen.

    Glasfaser ist um ein Vielfaches leistungsfähiger als herkömmliche Kupferleitungen. Die Deutsche Telekom beispielsweise, die auch über ein eigenes Netz verfügt, hat Glasfaser in Ballungsräumen bisher meist nur bis zu den grauen Verteilerkästen in den Straßen verlegt, bis zum Haus verlaufen Kupferkabel. Über diese können Kunden mit sogenanntem Vectoring Daten nur bis zu einer Geschwindigkeit von etwa 250 Megabit pro Sekunde herunterladen. Mit einem direkten Glasfaseranschluss sind bis zu 1000 Megabit möglich. Viele Internetkunden haben bisher allerdings nicht einmal 50 Megabit.

    Hohe Datenmengen verschicken und empfangen zu können, ist vor allem für Firmen wichtig. Auch der neue Mobilfunkstandard 5G ist auf schnelle Glasfaserleitungen zwischen den Funkmasten angewiesen.

    Die Bahn vermarktet ihr Glasfasernetz bereits über die Tochter DB Broadband. Telekommunikationsunternehmen können nicht benötigte Kapazität buchen. Das meiste nutzt der Konzern allerdings selbst: Das Glasfasernetz ist wichtig für die Digitalisierung der Strecken: Weichen und Signale werden darüber intelligent gesteuert, so dass mehr Züge auf den Trassen fahren können – Voraussetzung dafür, dass die Bahn bis 2030 die Zahl der Fahrgäste verdoppelt, wie der Bund als Eigentümer vorgegeben hat.

    Die Konkurrenz betrachtet die Pläne von One Fiber skeptisch, das Unternehmen startete erst 2018 und hat bisher noch keinen Zentimeter Glasfaser verlegt. Es beschäftigt derzeit 20 Mitarbeiter, sieht sich in der Endausbaustufe bei 300 bis 400 Mitarbeitern. Darüber, wie das Start-up aus dem saarländischen St. Wendel die 1,8 Milliarden Euro finanzieren will, die das Netz entlang der Schiene nach eigenen Angaben kosten wird, schweigt sich One Fiber bisher aus. Firmen-Chef Kremper spricht von regem Interesse von Investoren. Für viele Fonds und Großanleger würden langfristige Investitionen etwa in Infrastruktur wie Glasfaser zunehmend interessant, weil sie eine konstante Rendite über mehrere Jahre brächten, sagt ein Manager.

    Auch andere Anbieter nutzen bestehende Infrastruktur, etwa Gasline, eines der größten Glasfaserunternehmen Deutschlands. Hinter ihm stehen zehn Versorger, es entstand mit der Marktliberalisierung im Energiesektor 1998. Gasline  verlegte zunächst Glasfaserkabel in Extrarohren entlang der Pipelines, inzwischen aber auch an anderen Stellen. Das Netz umfasst derzeit 32.000 Kilometer, bis 2024 sind weitere 3000 Kilometer geplant. Es verbindet nicht nur Ballungszentren, sondern wird bewusst in Regionen ausgebaut, die unterversorgt mit schnellem Netz sind, wie eine Sprecherin sagt.

    Endkunden kennen Gasline nicht, das Unternehmen stellt die Glasfaser ausschließlich für Firmen bereit, etwa Stadtwerke, die dann ihren Kunden schnelles Internet bieten können, oder den großen Telekommunikationskonzernen wie Deutsche Telekom, Telefonica und Vodafone.

    In Deutschland haben nach Angaben des Breitband-Verbands Breko inzwischen mehr als 15 Prozent aller Haushalte und Unternehmen Zugang zu einem Glasfaseranschluss, Tendenz steigend. „Wichtig ist es jetzt, die starke Dynamik im Glasfaserausbau weiter zu verstärken, um den Ausbau in Deutschland noch schneller in die Fläche zu bekommen“ sagt Sven Knapp, Leiter des Breko-Hauptstadtbüros. „Wir begrüßen und unterstützen daher auch die Aktivitäten von DB Broadband und One Fiber, die den Glasfaserausbau entlang des Schienennetzes der Deutschen Bahn und damit quer durch das Land vorantreiben werden.“

    Ob der One-Fiber-Plan wirklich umgesetzt wird, ist noch nicht sicher, obwohl er weit gediehen ist. Derzeit verhandelt das Unternehmen mit der Bahn. Das Entscheidende fehlt allerdings noch. Kremper sagt: „Es gibt noch keinen unterzeichneten Abwicklungsvertrag.“

  • Ein historischer Zyklus

    Kommentar zum Klima-Urteil des Verfassungsgerichts

    Die Bundesregierung hat sich bisher zu wenig um den langfristigen Klimaschutz gekümmert. So lautet die Botschaft, die das Bundesverfassungsgericht am Donnerstag sendete. Das setzt alle Parteien unter Druck. Wobei die Grünen bei der nächsten Bundestagswahl am ehesten profitieren könnten, denn sie sind mit dem Klima-Thema am deutlichsten verbunden. In langfristiger Perspektive jedoch zeigt das Urteil, vor welch gigantischen Herausforderung das gesamte politische System steht.

    Vorbeugender Klimaschutz hat Verfassungsrang, stellte das Gericht fest. Aus dem Grundgesetz folgt ein „Klimaschutzgebot“, dass die Rechte und Freiheiten der heute noch jungen Generation auch in Zukunft berücksichtigen muss. Deshalb sollen die Belastungen des Klimaschutzes fair auf die Generationen verteilt werden. Die jetzige, vor allem aber die nächste Bundesregierung hat nun bis Ende nächsten Jahres Zeit, konkrete Maßnahmen zur Reduzierung des Treibhausgas-Ausstoßes ab 2031 festzulegen. Genau diese fehlten bisher, erklärte das Gericht.

    Als „historisch“ hat Wirtschaftsminister Peter Altmaier das Urteil bezeichnet. Diese Bewertung könnte zutreffen – in anderem Sinne, als der CDU-Politiker meinte. Wer einen Schritt zurücktritt, erkennt eine Entwicklung, die die Lebenszeit von drei Generationen umfasst. In den 1970er Jahren begannen die Ökologie-Bewegungen in reichen Ländern Missstände zu thematisieren, die mittlerweile global handlungsleitend sind und zur Klima-Neutralität 2050 führen sollen. Der Bogen spannt sich über fast 100 Jahre.

    Dieser Zyklus hat neue Parteien hervorgebracht, die in Gestalt der deutschen Grünen bald das politische Ruder übernehmen könnten. Für sie bedeutet die Entwicklung erst einmal zusätzliche Kraft, langfristig aber ein gigantisches Problem – wie auch für die anderen Parteien. Schließlich geht es darum, einen gewissen materiellen Verzicht (Autos, Fleisch, Reisen, große Wohnungen, Konsum) mit dem Wunsch nach höherer Lebensqualität und Wohlstand zu verbinden. Ob das die Grünen in den kommenden Jahrzehnten schaffen, ist offen. Andere gesellschaftliche Interessen, Gruppen und Parteien werden versuchen, ähnlich relevante und zugkräftige Motive entwickeln wie den Klimaschutz.

  • Corona lähmt oder inspiriert

    Interview mit Kreativitätsforscher Rainer Holm Hadulla

    Im Lockdown fehlt vielen Leuten die Inspiration. Andere wiederum entwickeln gerade durch die Kontaktbeschränkungen neue Aktivität. Warum das so ist, weiß der Kreativitätsforscher Rainer Holm Hadulla. Der Psychiater und Psychoanalytiker, Jahrgang 1951, lehrt und forscht an den Universitäten in Heidelberg und Santiago de Chile.

    Wir erleben derzeit zwei gegensätzliche Phänomene: Einerseits entwickeln Unternehmen, Kulturschaffende oder Gastronomen viele neue Ideen für Geschäftsmodelle, andererseits klagen Heimarbeiter, dass ihnen die Kreativität abhandengekommen ist. Wie passt das zusammen?

    Rainer Holm-Hadulla: Die Reaktion hängt zuerst vom jeweiligen Tätigkeitsbereich ab. Arbeitet jemand mit Künstlicher Intelligenz oder als Autor einsam an einem großen Werk, kann die soziale Isolation eine Chance sein, sich ganz auf die Arbeit zu konzentrieren. Erzieher*innen und andere soziale Berufe wie z. B. darstellende Künstler und Künstlerinnen haben dagegen ganz schlechte Karten, weil sie auf Kommunikation und persönliche Resonanz angewiesen sind. Zweitens hängt es von der jeweiligen Phase kreativen Arbeitens ab. Studierende sammeln erst Erfahrungen und bereiten sich auf die kreative Leistungen vor. Sie müssen nicht nur Informationen sammeln, sondern auch sozial lernen. Das geht nur über Kontakte. Wenn dieser Erfahrungsaustausch fehlt, entsteht ein großer Mangel. Anders sieht es bei der 60-Jährigen Professorin aus. Sie hat diese Erfahrungen und kann sie nun beispielsweise verarbeiten, in dem sie ein Buch schreibt. Die Menschen sind je nach Alter und Tätigkeitsbereich vom Lockdown ganz unterschiedlich betroffen.

    Viele Menschen fühlen sich ausgelaugt vom Lockdown. Warum fehlt plötzlich die schöpferische Kraft?

    Holm-Hadulla: Kreativität wird häufig zu kurz nur als Inspiration, als Kuss der Muse gesehen. Das ist zwar ein wichtiger Teil, aber die Ideenfindung ist nur ein Aspekt. Es kommt darauf an, die Ideen auch durchzuarbeiten. Goethe hat gesagt: Genie ist Fleiß. Wenn Sie in den Lockdown-Alltag schauen, gibt es Bereiche, in denen Sie in der Ruhe Dinge erst ausarbeiten können. Ich habe im letzten Jahr so viel geschrieben wie noch nie in meinem Leben. Bei vielen, besonders Jüngeren ist das anders, sie benötigen unmittelbare Kontakte. Doch die Polemik, Alt gegen Jung auszuspielen, ist schädlich. Man muss die unterschiedlichen Voraussetzungen akzeptieren und bei der Gestaltung des Lockdowns berücksichtigen. Das ist sehr schwierig, weil Politikerinnen und Politiker sehr viele Aspekte berücksichtigen und anschließend unterkomplexe Lösungen durchsetzen müssen.

    Ohne den „Kuss der Muse“ kann es aber gar nicht zur zweiten Phase kommen. Woran fehlt es für diesen ersten Schritt?

    Holm-Hadulla: Resonanz ist hier das Stichwort. Ein Säugling verkümmert, wenn ihm der Blickkontakt verweigert wird. Das Kind muss körperlich-seelische Resonanz erleben, um sich zu einem sozialen Wesen zu entwickeln, das Selbstwirksamkeit und Freude erleben kann. Das Gesehen- und Beantwortet-Werden ist ein menschliches Grundbedürfnis von der Wiege bis zur Bahre. Künstliche Intelligenz oder Medien können die Erfahrungen mit körperlichen Erfahrungen wie Bewegung, Geruchsempfindung oder Wärme sowie das Gefühl für körperliche Schönheit nicht ersetzen. Die durch soziale Isolation entstehenden Verluste sind erheblich. Die ausschließliche Arbeit im Homeoffice kann erhebliche Freiräume bieten, aber auch zu sozialer Verkümmerung führen.

    Ein Sprichwort sagt, Not macht erfinderisch. Widerspricht dies nicht Ihrer Erklärung?

    Holm-Hadulla: Große Leistungen entstehen tatsächlich häufig in Notlagen. Die Entwicklung der Covid-19 Impfstoffe ist zum Beispiel eine grandiose Leistung. In der Kunst sind aus Traurigkeit und Melancholie die größten Werke entstanden, von Goethes „Leiden des jungen Werther“ bis zu „Angie“ von den Rolling Stones. Die Not alleine reicht allerdings nicht aus. Es braucht ein Minimum an Sicherheit gebenden und bestätigenden Umgebungsbedingungen. Dazu gehören persönliche Kontakte und Freiräume. Soziale Isolation und übermäßige Angst hingegen beeinträchtigen die Kreativität.

    Wie können Menschen die verloren gegangene Inspiration wieder erlangen oder dem drohenden Verlust begegnen?

    Holm-Hadulla: Es gibt wirksame Strategien. Zunächst sollten die sozialen Ressourcen gepflegt werden, also Freundschaften, die Familie oder kleine Alltagskontakte. Auch hilft Disziplin, zum Beispiel Dinge zu erledigen, für die man keine Zeit haben wird, wenn alles wieder normal wird. Auch eine humorvolle, kritische Distanz zu sich selbst sollten Sie sich erhalten. Aber das alles geht nur in sicheren Verhältnissen. Wenn Sie nicht wissen, woher im nächsten Monat das Geld kommen soll, ist es eine schreckliche Zeit.

    Sie sagen, dass komplexe kreative Leistungen erst von älteren Menschen erbracht werden können. Warum ist das so?

    Holm-Hadulla: Das ist eine wichtige Frage. Es gibt kreative Leistungen, die nicht von Erfahrungen abhängen, beispielsweise in der Mathematik. Dafür braucht man nicht viel Erfahrungswissen. Mathematische Höchstleistungen können oft schon im Alter von 20 Jahren erbracht werden. Wenn Sie Kulturwissenschaftler sind, viel gelesen und erfahren haben, wird Ihr Hauptwerk erst in späten Jahren erscheinen. Einen Popsong können Sie schon mit 17 Jahren komponieren. Sie kombinieren die Alltagssprache neu und auch die Harmonien, die Sie schon als Kind kennengelernt haben. Für eine komplexe Oper brauchen Sie viel musikalisches Wissen. Musikalisch innovative Opern wie der Falstaff von Verdi wurden um das 80. Lebensjahr komponiert. Auch Pop-Musiker, die schon in jungen Jahren Erfolg hatten, bleiben nur aktiv, wenn sie konzentriert arbeiten. Nehmen Sie Mick Jagger, der selbst in der wildesten Zeit diszipliniert körperlich trainiert und sich tänzerisch-musikalisch weiterentwickelt hat. Das hat es ihm ermöglicht, nicht im Feuer der Popkultur zu verbrennen. Andere wie mein Lieblingsmusiker Jim Morrison von den Doors haben sich ganz ihrem kreativen Blues ausgeliefert. Er ist nach zwei Jahren verglüht, weil er den Schritt zur disziplinierten Ausarbeitung seiner Inspirationen wegen übermäßigem Alkoholkonsum und Drogen nicht gehen konnte.

    Kann der Mangel der jungen Leute später wieder ausgeglichen werden?

    Holm-Hadulla: Manches ja, manches nicht. Man wird vermutlich gar nicht die persönlichen und sozialen Ressourcen haben, alles nachzuholen. Deshalb muss man schon beim Lockdown mitdenken, was möglich ist. Doch wenn Politiker eine kreative Idee äußern, werden sie sofort gegrillt. Das führt zu einer Verarmung der öffentlichen Auseinandersetzung. Man beschwert sich über zu wenige kreative Lösungen, aber wenn einmal eine ungewöhnliche Idee geäußert wird, fällt eine erregte Öffentlichkeit sofort über sie her. Wenn das originelle und assoziative Denken ein Risiko darstellt, ist dies ein Kreativitätskiller.

  • „Ungleichgewicht der Macht“

    Selbstverwaltete Datentreuhänder sollen die Ansprüche der Bürger:innen gegenüber Firmen wie Facebook und Google vertreten, sagt Christian Kastrop, Staatssekretär für Verbraucherschutz. Vorschlag zur Regulierung der Digitalkonzerne.

    Hannes Koch, Wolfgang Mulke: Wer heute auf Instagram oder Google unterwegs ist, sei diesen Plattformen ziemlich ausgeliefert, sagen Kritiker:innen. Teilen Sie diese Klage?

    Christian Kastrop: Tatsächlich sind die Nutzer:innen in vieler Hinsicht abhängig von den Unternehmen. Es gibt ein Ungleichgewicht der Macht und des Wissens. Dies ist das große Problem: Wenn ich mich im digitalen Raum bewege, weiß ich nicht, was mit meinen Klicks und den so ausgelösten Datenlieferungen passiert. Ich kann es nur ahnen. Heute ist die Digitaltechnologie für die meisten Bürger:innen ein schwarzes Loch.

    KM: Wollen Sie daran etwas ändern?

    Kastrop: Das ist Teil der Aufgabenbeschreibung unseres Ministeriums. Es geht neben dem Schutz der Verbraucher:innen durch gute und angemessene Regulierung darum, die Leute für das Netz fit zu machen, sie mit Stimme und Mitbestimmung auszustatten. Dafür wollen wir einerseits die rechtlichen Grundlagen stärken; andererseits Verbraucher:innen durch Information und Bildung befähigen. Hilfreich können auch neue zivilgesellschaftliche Institutionen sein, die zwischen Staat und Wirtschaft angesiedelt sind. Grundsätzlich plädiere ich dafür, eine Balance zu finden. Einerseits sollen Unternehmen moderne Kommunikation ermöglichen und digitale Dienstleistungen im Interesse der Verbraucher:innen entwickeln. Gerade die Pandemie hat gezeigt, wie nützlich das sein kann. Diese Innovationen, diese Arbeitsplätze und Wertschöpfung wollen und brauchen wir. Andererseits müssen neue Technologien aber auch gesellschaftlich kritisch begleitet werden und dem Gemeinwohl dienen. Sie dürfen nicht nachteilig oder sogar schädlich für die Nutzer:innen sein.

    KM: Welche Institutionen schweben Ihnen vor, um den Verbraucher:innen zu ihrem Recht zu verhelfen?

    Kastrop: Das könnten etwa zivilgesellschaftliche, selbstverwaltete Organisationen sein, beispielsweise in Form von Genossenschaften oder Stiftungen. Als Datentreuhänder hätten sie das Recht, die individuellen Ansprüche der Bürger:innen gegenüber den Plattformen kollektiv zu vertreten. Ihnen würden die Verbraucher:innen beispielsweise die Aufgabe übertragen Einwilligungen zu geben und zurückzuziehen, oder Bedingungen für die Nutzung ihrer Daten auszuhandeln. Welche Daten möchte ich einer Plattform zur Verfügung stellen, wenn ich sie nutze? Wofür darf das Unternehmen sie verwenden? In welcher Relation steht der Wert der Daten in den Unternehmen zum Nutzen der Verbraucher:innen? Eine solche kollektive Vertretung könnte die Verhandlungsmacht der Bürger:innen gegenüber den Konzernen stärken, im digitalen Raum begründen. Das erhöht die Datensouveränität der Verbraucher:innen.

    KM: Warum soll das nicht einfach eine staatliche Behörde für alle durchsetzen?

    Kastrop: Es spricht nichts gegen den Staat. Der muss das ja ohnehin rechtlich unterfüttern und hat, etwa mit dem Bundesdatenschutzbeauftragten, selbst unabhängige Institutionen geschaffen. Zivilgesellschaftliche, nicht-kommerzielle und nicht-staatliche Organisationen sind dennoch wichtige unabhängige Anlaufstellen für Verbraucher:innen, die sie gut erreichen können und denen sie vertrauen. Dies sollte man sich zunutze machen.

    KM: Die Europäische Union hat im Dezember ihren Entwurf eines Gesetzes für Digitale Dienste veröffentlicht. Müssen die Plattformen bald ihre Computerprogramme offenlegen, mit denen sie die personifizierte Werbung an die Leute bringen?

    Kastrop: Der von der Kommission vorgeschlagene Digital Services Act (DSA) sieht klare Transparenzvorgaben für personalisierte Werbung vor. Nutzer:innen sollen besser informiert werden, wer Werbung schaltet und wieso ihnen bestimmte Werbung angezeigt wird. Aber das reicht nicht aus. Mit künstlicher Intelligenz (KI) gesteuerte Anwendungen müssen transparent sein und ihr Einsatz reguliert werden. Algorithmen können Profile mit Vorlieben einzelner Nutzer:innen erstellen und kontinuierlich verbessern. Die Nutzer:innen müssen erfahren, was die Konzerne über sie wissen, wie die Algorithmen aussehen und wie sie diese Informationen gezielt einsetzen.

    KM: Allerdings wehrt sich das Wirtschaftsministerium von Peter Altmaier (CDU) dagegen, dass Ihr Haus an der Regulierung mitwirkt.

    Kastrop: Wir leisten da stete Überzeugungsarbeit. Richtig, unser Ministerium strebt die Ko-Federführung an, denn es geht beim DSA ganz wesentlich um den digitalen Verbraucherschutz, für den wir federführend zuständig sind. Übrigens gilt das auch für den KI-Rechtsakt der EU-Kommission, den wir im April erwarten. Wirtschafts- und Verbraucherrelevanz gehören zusammen. Ich sehe da keinen Widerspruch, sondern eine Stärke des deutschen und europäischen Wirtschaftsmodells.

    Bio-Kasten

    Christian Kastrop (Jg. 1959) ist seit knapp einem Jahr beamteter Staatssekretär im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. Früher arbeitete er als Direktor bei der Industrieländer-Organisation OECD in Paris, beim Europäischen Rat in Brüssel und als Unterabteilungsleiter im Bundesfinanzministerium. Von seiner Ausbildung ist er Ökonom, Wirtschafts- und Sozialpsychologe.

  • Die Erweiterung der Mitte

    Demokratie-Experiment: 160 ausgeloste Bürger:innen beraten die Bundesregierung zur Außenpolitik. Zwischen Streit, Konsens und Nervensägen.

    Der Brief sieht aus wie Werbung, die Postkarte darin erweckt den Eindruck einer Unterschriftensammlung. Die Freiburger Politik-Studentin Charlotte Felthöfer ist unsicher. Von der Organisation, die das Schreiben verschickt, hat sie bisher ebenfalls nichts gehört. Doch im Umschlag findet sich auch diese Einladung mit der Unterschrift von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble. Felthöfer recherchiert, ist begeistert und meldet sich am nächsten Tag an. „Die Demokratie braucht eine Ergänzung“, sagt sie.

    Der 17-jährigen Schülerin Maya Loewe geht es ähnlich. Sie überlegt einige Zeit, dann sagt auch sie zu. „Die Politik hört teilweise nicht auf die Leute.“ Nun sieht sie eine Gelegenheit, daran etwas zu ändern.

    Felthöfer und Loewe gehören zu den rund 160 Bürger:innen, die Ende 2020 aus den Einwohnerregistern im ganzen Land ausgelost wurden, um über „Deuschlands Rolle in der Welt“ zu debattieren und eine Empfehlung an den Bundestag zu formulieren. An diesem 20. Februar 2021 kommt der Bürgerrat zu seinem Abschlusstreffen zusammen – ein erstaunliches Experiment zur Renovierung der parlamentarischen Demokratie.

    Damit schließt sich ein Kreis. Vor über 2.000 Jahren trafen sich die männlichen, freien Bürger der griechischen Stadt Athen auf einem großen Platz, um politische Entscheidungen zu debattieren und abzustimmen. Jetzt hat der Bundestag eine kleine Volksversammlung zusammengerufen. Freiwillig, und doch aus der Not. Denn viele Abgeordnete merken, dass der Boden unter ihren Füßen in Bewegung ist – durch Phänomene wie den Aufstieg des Rechtspopulismus oder den Sturm auf das Kapitol in Washington im Januar diesen Jahres. Der Bürgerrat könnte dazu beitragen, das Fundament zu stabilisieren.

    Die Teilnehmer:innen begegnen sich nicht persönlich, sondern in riesigen Online-Konferenzen mit über 200 Leuten. Alle sitzen zuhause und werden zusammengeschaltet. Die Computerbildschirme sind dabei in viele Fensterchen unterteilt, in denen man die anderen Mitdiskutierenden im elektronischen Kleinformat sieht. Trotzdem transportieren die Ausschnitte individuelle Eindrücke. Mit großer Nerdbrille, fetten Kopfhörern und Kinnbart sitzt da ein Youngster vor seinem zerwühlten Bett. Eine andere Bürgerrätin präsentiert sich vor einer Wand mit Fahrradersatzteilen und Schraubenschlüsseln. Alpenkulissen, Ölgemälde, Bücherregale liefern Hinweise, wie die Menschen leben – oder wahrgenommen werden möchten.

    Gesteuert werden die zahlreichen Sitzungen vom Alexanderplatz in Berlin. Hier, am Tresen des Club ASeven, holten die Gäste vor Corona ihr Bier. Nun sind die Barhocker zusammengeschoben, die Tische in den Ecken gestapelt, um Platz zu machen für ein Studio mit Kameras, Beleuchtung und Übertragungstechnik. Drei Moderator:innen begrüßen die Teilnehmer:innen, leiten die Diskussionen und holen Expert:innen von außen dazu, die den Bürgerrat mit Fachinformationen versorgen. Um die Studiobühne herum sitzt ein Dutzend Techniker:innen vor Bildschirmen und Mischpulten, um die aufwändige Konferenzsoftware zu domestizieren.

    Ein Mega-Thema ist das – Deutschlands Rolle in der Welt. Es in den Griff zu bekommen, setzt Kenntnisse der Geschichte seit dem Mittelalter und der politischen Weltordnung nach dem Zweiten Weltkrieg voraus. Der britische Historiker Timothy Gordon Ash ist an einem Samstag Mitte Januar eingeladen, die Basis zu legen. Ein entscheidender Punkt seiner Analyse: Deutschland sei die „Zentralmacht Europas“, was bei den Nachbarn eine „Furcht vor Dominanz“ auslöse. „Deutschland ist stärker als alle anderen, aber nicht stark genug“, um Hegemonie auszuüben, so Gordon Ash. Folglich empfiehlt er eine Rolle als „Mittelfeldspieler Europas“ – Regisseur, Koordinator, aber nicht Stürmer. Das Land solle sich verhalten wie Bastian Schweinsteiger auf dem Fußballplatz. Dieser Rat ist deshalb so wertvoll, weil er die Binnen- mit der Außensicht kombiniert.

    Doch er passt nicht so recht zu den Einschätzungen, mit denen manche Bürgerrät:innen ins Rennen gehen. Anfangs wünscht sich Maya Loewe, dass „Deutschland als Vorbild handelt, zum Beispiel in der Klima-, Umwelt- und Flüchtlingspolitik“. Auch Charlotte Felthöfer plädiert für eine „Vorbildfunktion, indem wir außenpolitisch mehr Verantwortung für die Klimagerechtigkeit übernehmen“. Von allen geteilt wird solch moralischer Optimismus nicht. Als die Teilnehmer:innen die Rolle Deutschlands zeichnen, stellt ein Bürgerrat aus Hessen das Land als Verkäufer dar, der alle möglichen Produkte feilbietet, ein Gesetzbuch unterm Arm trägt und mit erhobenem Zeigefinger droht. Mehrheitlich allerdings gehen die Ausgelosten in die Richtung, die Ash vorgegeben hat. Am Ende des zweiten Tages sind Rollenzuschreibungen wie „Vermittler“, „Mittelfeldspieler“ und „Partner“ die häufigsten, wobei auch „Vorreiter“ einige Unterstützung findet.

    Der zeitliche Aufwand des Verfahrens ist enorm. Etwa 50 Stunden hängen die ehrenamtlichen Berater:innen in Online-Sitzungen – immerhin sechs normale Arbeitstage. In Felthöfers Zeitplan passt das eigentlich nicht rein – auf ihrem Weg zur Masterprüfung liegt eine Klausur nach der nächsten. Auch Loewe hat schon ohne den Bürgerrat genug zu tun. Bei ihr kommt bald das Abitur. Trotzdem klemmen sie sich wochenlang mittwochs und samstags in Plenumsveranstaltungen mit Expert:innen, außerdem eine der fünf „Reisegruppen“ zu Nachhaltige Entwicklung, Wirtschaft und Handel, Europa, Frieden und Sicherheit, sowie Demokratie und Rechtsstaat.

    Ausgewählt wurden die Leute per computergesteuerter Zufallsstichprobe aus den Einwohner:innen-Registern der Gemeinden in ganz Deutschland. Knapp 4.400 Bürger:innen schrieben die Organisatoren an, die ungefähr die Bevölkerungsstruktur nach Wohnort (Bundesländer, Stadt, ländliche Gegenden), Alter, Geschlecht, Herkunft und Bildung repräsentieren. Einige hundert sagten zu, gut 160 nehmen teil.

    Das Thema „Außenpolitik“ lag Union und SPD am Herzen, weshalb der Ältestenrat des Bundestages diesen zweiten bundesweiten Bürgerrat so beschloss. Die erste Ausgabe fand im Sommer 2019 unter der Frage statt: Wie kann die Demokratie gestärkt werden? Einige Nachbarländer sind dabei schon weiter. In Irland führte dieses Verfahren in Kombination mit einem Referendum dazu, dass man die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubte. In Frankreich gab es vergangenes Jahr einen Bürgerrat zur Klimapolitik.

    Claudine Nierth kann zurecht behaupten, dass es ohne sie soweit nicht gekommen wäre. Seit über 20 Jahren leitet sie den Verein Mehr Demokratie, der unter anderem bundesweite Volksentscheide fordert und diesen Bürgerrat mitorganisiert. Den ganzen Tag hat sie kaum was gegessen, im Studio gerade eine Eröffnungsrede gehalten, jetzt holt sie sich einen Salat und sinkt auf ein schwarzes Sofa im provisorischen Backstage-Bereich. „Die Ergebnisse von Bürgerräten haben keine politische Farbe“, sagt Nierth, „sie stammen nicht aus einem Lager“. Wenn ausgeloste Menschen zu einer gemeinsamen Empfehlung kommen, so ihre These, genieße die Positionierung große Legitimität und komme einer allgemein akzeptablen, vernünftigen Haltung sehr nahe.

    Rechtspopulismus, Brexit, Sturm aufs Kapitol, autoritäre Regierungen in Ungarn, Polen, Russland, China – die parlamentarische Demokratie steht von Innen und Außen unter Druck. Durch seine Übernahme der Schirmherrschaft über den Bürgerrat deutete Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble an, dass er dem Format eine Bedeutung beimisst für die Erneuerung des parlamentarischen Systems. Nur wenn sich die Demokratie offen zeige für neue Verfahren, „bleibt sie stabil“, so Schäuble. Bürgerräte seien „das Gegenteil von Populismus“. Ob sich diese Annahme hier bestätigt?

    Er ringt mit sich, der ältere Herr. Erst hängt er auf der linken Lehne seines imposanten Schreibtischstuhls, dann wirft er sich auf die rechte. Per Laptop-Kamera kann man zuschauen, welche Arbeit es ihm macht, in der Diskussion seine Position zu verteidigen. „Nein!“, sagt er, „Waffen sind nichts für den Frieden.“ Und zu Deutschlands Rolle in der Welt würden Waffenexporte schon gar nicht passen. „Aber“, kontert die resolute Dame aus Remscheid, wenn Deutschland ein Partner sein wolle, müsse es befreundete Länder auch mit Maschinengewehren, Panzern und Raketen versorgen. „Waffen sichern den Frieden.“

    Ein klassischer Konflikt, der während der vergangenen Jahrzehnte hierzulande schon öfters ausgetragen wurde – und eine harte Nuss für die Moderatorin der Tischgruppe. Ihr Job ist es, einen Konsens zu organisieren, damit aus den Debatten der vielen Kleingruppen schließlich eine kohärente Empfehlung entsteht. Sie schraubt an den Formulierungen: „Könnten wir vielleicht sagen, dass…?“ Aber: „Nein!“ Der ältere Herr will einfach nicht. Er ist gegen Waffenexporte. Und auch die Remscheiderin räumt ihre Position nicht. Die Kontroverse ist unlösbar. Die Moderatorin gibt nach, für dieses Mal.

    Mitunter, sagt Felthöfer, sei die Debatte anstrengend, weil der eine oder andere Teilnehmer ins Schwafeln gerate – und manchmal auch unbefriedigend, denn angesichts der komplizierten außenpolitischen Zusammenhänge fehlten allen Diskutanten Basiskenntnisse. Dann diskutiere man länger über Fragen, die Fachleute schnell klären könnten. „Beim nächsten Bürgerrat wäre es besser, in jede Gruppe Expert:innen zu setzen“, so Felthöfer.

    Kleine Streits gibt es immer wieder. Da wird viel über Nachhaltigkeit geredet. Das finden alle toll. Das ist das gute Deutschland, das andere Ländern erklärt, wie man es machen muss. Bis jemand die „T-Shirts für 3,50 Euro“ aus Bangladesch und Pakistan auf den Tisch bringt. „Können wir überhaupt von globaler Nachhaltigkeit reden, solange wir solche Produkte hier verkaufen?“ Da ist er wieder, der Widerspruch zwischen unserem Wohlstand und seinen hässlichen Konsequenzen. Im Rahmen dieses Bürgerrats ebenfalls kaum zu lösen. Denn ein ernsthafter Ansatz würde bedeuten, dass irgendwer bereit sein müsste, Einbußen hinzunehmen. Schwierig.

    Und doch knallt es nicht richtig. „Unsere Gruppe ist sich ziemlich einig“, berichtet Maya Loewe aus der Reisegruppe Nachhaltige Entwicklung. „Konflikte haben wir nur in Detailfragen, eigentlich schade.“ Eine harte Kontraposition nach dem Motto „Rutsch mir mit Deinem Öko-Scheiß den Buckel runter, ich fahr meinen Diesel bis 2060“ fehlt. Ähnlich Charlotte Felthöfer: „Ich finde es überraschend, wie nah beieinander die Leute meist sind.“ In ihrer Europa-Reisegruppe ist man sich weitgehend einig, dass die gemeinsame Politik gestärkt werden müsse und die einzelnen Staaten teilweise auf Souveränität verzichten sollen. „Die EU verlassen will niemand“, so Felthöfer.

    Soweit von Teilnehmer:innen zu hören ist, werden konservative Haltungen, traditionelle Werte oder nationale Positionen während der Diskussionen kaum bis gar nicht geäußert. Im Verlauf des Bürgerrats zeichnet sich ab, dass seine Empfehlungen am Ende tendenziell liberal, sozial, ökologisch und mittig ausfallen. Beispiel Militär: Die Gruppe Frieden und Sicherheit plädierte zwischendurch für eine kleine Bundeswehr, die eher defensiv, friedenssichernd und an den Menschenrechten orientiert unterwegs ist. „Deutschland sollte sich nicht aus wirtschaftlichen Gründen militärisch engagieren.“

    Ein gepflegter Umgangston herrscht bei den Debatten. Man lässt sich ausreden, ist freundlich und kooperativ. Laut und übellaunig wird niemand. Die Meisten sind kopfmäßig so auf Zack, dass sie komplexe Zusammenhänge einigermaßen mitschneiden. Kein Wunder: Organisatorin Claudine Nierth räumt ein, dass Leute mit höheren Bildungsabschlüssen überrepräsentiert sind. Denn je niedriger die Bildung, desto schwerer sind die Ausgelosten auch tatsächlich zur Teilnahme zu bewegen. Trotzdem: Wo bleiben die Nervensägen, die Rechten, die Querdenker? Ein paar von ihnen müssten eigentlich auftauchen.

    Eine Ursache, warum diese Positionen nur selten artikuliert werden, könnte darin liegen, dass solche Leute beim Bürgerrat erst gar nicht mitmachen. Alle, die ausgelost wurden, konnten schließlich „nein“ sagen. Teilweise haben die Organisator:innen die Kandidat:innen angerufen, um sie zu überzeugen, ihnen manchmal sogar bezahlte Kinderbetreuung für die Zeit der Diskussionen angeboten. Doch vor allem in Ostdeutschland war es wohl schwierig, Teilnehmer:innen zu finden. Mögliche Erklärung: Dass Misstrauen in den Staat, auch solche Verfahren wie einen Bürgerrat, ist dort größer als im Westen. Susan Riedel aus der Reisegruppe Frieden und Sicherheit bestätigt das. Sie weiß, wovon sie redet: Die E-Commerce-Beraterin lebt in München, stammt aber aus Görlitz. „Radikale sind beim Bürgerrat nicht dabei, weil sie keinen Bock auf Auseinandersetzung haben“, vermutet Riedel.

    Zweiter Grund: Manche Teilnehmer:innen haben vielleicht Angst, Einschätzungen zu äußern, die rechts klingen könnten, obwohl sie nicht so gemeint sind. Dann schweigen sie lieber oder schwimmen im Hauptstrom. Und drittens üben die Debatten im Bürgerrat grundsätzlich eine moderierende Wirkung aus. Die sachliche Diskussion unter professioneller Betreuung erzwingt rationale Pro- und Contra-Argumente. Man hört sich zu, muss sich mit den Sichtweisen der Gesprächspartner:innen beschäftigen und sieht die Welt wenigstens mal kurz durch eine andere Brille. So erweitert dieses Demokratie-Labor die politische Mitte, indem es die Ränder aufweicht. Das funktioniert auch deshalb, weil die Gemäßigten immer in der Mehrheit sind. In Tischgruppen mit sieben Leuten spielt der einzige Extremist kaum eine Rolle und hat wenig Einfluss auf die gemeinsame Positionsbestimmung.

    Wegen ihrer integrierenden Wirkung kommen Bürgerräte nun, da die Demokratie unter dem Druck der Radikalen steht, als Ergänzung der konventionellen Entscheidungsfindung ins Spiel. Regelmäßig eingesetzt, könnte dieses Format nicht nur gesellschaftliche Konflikte moderieren helfen, sondern dem parlamentarischen System auch zusätzliche Legitimität verschaffen. Im Gegensatz zu Plebisziten besteht dabei weniger die Gefahr, dass sich das politische Spektrum weiter polarisiert. Aber, wohlgemerkt, auch Bürgerräte als neue Form der Partizipation können nur die Leute erreichen, die sich einbinden lassen wollen.

    Als „Sechser im Lotto“ sieht Charlotte Felthöfer ihre Mitwirkung. Zum Beispiel wegen dieser Begegnung: Ein älterer Herr erzählt, wie er nach dem Zweiten Weltkrieg aus Danzig vertrieben wurde und in Bayern neu anfing. Seine eigene Erfahrung trug wohl dazu bei, dass er Verständnis für die heutigen Flüchtlinge aufbringt. „Eine wertvolle Unterhaltung war das“, so Felthöfer.

    Auch Maya Loewe berichtet über einen Lerneffekt. Während sie sich anfangs ein international vorbildliches Deutschland wünschte, hätten ihr die vielen Gespräche gezeigt: „Die Rolle als Vermittler passt besser.“ Schließlich sei auch hier nicht alles Gold, was glänzt – nicht mal in der Nachhaltigkeitspolitik. Ihre von Anfang an positive Haltung zum Verfahren des Bürgerrats hat sich noch verstärkt. „Wenn die Menschen mehr Mitsprache haben, verstehen sie besser, wie die Politik entscheidet“, so Loewe, „dann erlebt man Politik“. Wer sich im Gespräch mit anderen Positionen auseinandersetze, verlasse den Schwarz-Weiß-Gegensatz, meint die Schülerin, und dringe in Grauzonen vor, die den politischen Alltag ausmachten.

    Nach der Bundestagswahl im September wird aus dem Experiment Bürgerrat wohlmöglich eine permanente Institution. Parlamentspräsident Schäuble, der nochmal als Abgeordneter kandidiert, könnte seinen Einfluss in diese Richtung geltend machen. „Ich hoffe, dass sich das Verfahren bewährt“, sagt als eventuelle Koalitionspartnerin auch Grünen-Geschäftsführerin Britta Haßelmann, „in der nächsten Legislaturperiode sollten wir Regeln festlegen, wie mit den Empfehlungen von Bürgerräten umzugehen ist.“ Eine interessante Frage: Wie verbindlich sollen die Voten der ausgelosten Volksversammlung sein? Vielleicht legt der Bundestag in seiner Geschäftsordnung fest, dass er sich in einer Plenumsdebatte mit den Positionen der Rät:innen auseinandersetzen und begründen muss, warum er sie akzeptiert oder verwirft. Dass das Parlament sein Entscheidungsrecht mit den Laienpolitiker:innen teilt, ist hingegen kaum vorstellbar. Charlotte Felthöfer hält das auch nicht für richtig: Dafür seien die Stellungnahmen der Bürgerrät:innen in manchen Fragen mangels Fachwissen zu unausgegoren.