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  • Zuversicht trotz Sparbuch

    Inmitten der schwierigen wirtschaftlichen Situation sind die Deutschen überraschend optimistisch. Zumindest ihre finanzielle Lage bewerten sie als so gut wie lange nicht mehr. Und für die nächsten zwei Jahre erwarten einer repräsentativen Umfrage zufolge viele, dass es noch besser wird. Vor allem die Jüngeren sind zuversichtlich.

    „Die Menschen in Deutschland schöpfen wieder Vertrauen“, sagt Ulrich Reuter, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV), als er das Vermögensbarometer 2025 zum Weltspartag vorstellt. Danach geben 41 Prozent der Befragten an, dass es ihnen finanziell gut oder sogar sehr gut geht. Im vergangenen Jahr waren es nur 38 Prozent, 2023 sogar nur 34 Prozent. Seit dem ersten Barometer war die Stimmung nur um 2020 etwas besser.

    Besonders zuversichtlich sind demnach die Jüngeren. 71 Prozent der 16 bis 29-Jährgen erwarten, dass es ihnen in zwei Jahren besser geht als heute. Reuter findet das beeindruckend. „Denn diese Generation sieht sich permanent neuen Schwierigkeiten ausgesetzt“, sagt der DSGV-Präsident. „Aber sie begegnet ihr mit Gelassenheit und Tatkraft.“

    Die Lage der deutschen Wirtschaft ist hingegen nicht ganz so gut: Fehlendes Wachstum, Krise der wichtigen Autoindustrie, wichtige Partner wie die USA sind unberechenbar. „Gerade deshalb ist dieser Optimismus bemerkenswert“, sagt Reuter, „weil er nicht auf stabilem Wachstum beruht, sondern auf dem Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit.“

    Das Barometer nimmt seit 2005 die Stimmung der Deutschen auf und zeigt, wie sie investieren. Einen konkreten Vermögenswert liefert es nicht. Dem Wealth Report des Versicherungskonzerns Allianz zufolge besaßen die Bundesbürger 2024 im Schnitt 86.800 Euro Vermögen. Gegengerechnet sind bereits Schulden und Verbindlichkeiten. Immobilien wie Häuser und Wohnungen sind nicht erfasst.

    Das meiste Geld liegt in Deutschland auf Tagesgeldkonten oder Sparbüchern. Beide sind mit um die ein Prozent oder oft weniger nur gering verzinst. Dafür gelten sie als sicher, was für die Deutschen besonders wichtig ist. 51 Prozent legen nur Geld an, wenn das risikolos ist, zeigt das Vermögensbarometer. Dafür nehmen sie die geringen Erträge bewusst in Kauf.

    An den Börsen ist mit Aktien oder Fonds auf lange Frist deutlich mehr Geld zu verdienen. Mit einem Fonds, der etwa die Weltindustriewerte abbildet, wie einem MSCI World ETF, ließen sich über die vergangenen Jahre pro Jahr im Schnitt um die zehn Prozent Rendite erzielen. Wer monatlich eine bestimmte Summe einzahlt und die Erträge wieder investiert, spart so ein Vermögen an.

    Besonderes Interesse an Aktien, Anleihen und Fonds haben dem Vermögensbarometer zufolge die Hamburgerinnen und Hamburger. 40 Prozent besitzen Wertpapiere, gefolgt von den Nordrhein-Westfalen (34 Prozent) und den Bayern (33 Prozent). Im Schnitt haben derzeit 28 Prozent der Deutschen Geld an den Kapitalmärkten angelegt.

    Die größten Wertpapiermuffel sitzen in Sachen. 72 Prozent der Menschen, die älter als 15 sind, haben dort noch nie Wertpapiere besessen. Im Saarland sind es 69 Prozent. Rang drei teilen sich Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen mit je 65 Prozent. 56 Prozent der Deutschen besaßen noch nie Wertpapiere.

    „Dahinter steckt oft nicht Desinteresse, sondern Unsicherheit“, sagt DSGV-Präsident Reuter. 35 Prozent der Befragten können das Risiko nicht richtig einschätzen, 29 Prozent haben Angst, ihr Geld zu verlieren, 26 Prozent vertrauen den Märkten grundsätzlich nicht, 25 Prozent halten sie für nur schwer durchschaubar. Dennoch sehen die Bundesbürger, dass Aktien und Fonds geeignet sind, zu sparen und höhere Erträge zu erzielen als auf dem Sparbuch. Allein: „Zwischen Einsicht und Handeln liegt oft noch eine Lücke“, sagt Reuter.

    Das hat sehr wahrscheinlich auch damit zu tun, dass oft das Wissen darüber fehlt, was Aktien oder Fonds sind, wie Börsen funktionieren und warum Kapitalmärkte wichtig für das Gedeihen von Unternehmen und Fortschritt sind. Nur 35 Prozent der Befragten bezeichnen ihr Finanzwissen als gut.

    Reuter fordert, finanzielle Bildung müsse fester Bestandteil des Alltags sein. Schon Schülerinnen und Schüler müssten erleben können, wie Märkte funktionieren. „Gerade in einer digitalen Welt, in der Finanzinformationen ständig verfügbar sind, braucht es Kompetenz, um Relevantes von Lautem zu unterscheiden.“

    Nicht jeder erkennt eben, ob ein Versprechen von 500 Prozent Gewinn in 70 Tagen, gegeben in einer Whatsapp-Gruppe, seriös ist. Vor allem nicht, wenn sich das Geld vermeintlich einfach verdienen lässt. Die Bundesfinanzaufsicht Bafin warnt immer wieder vor solchen Angeboten. Offenbar lohnt es sich aber für die Betrüger. Es tauchen auch immer wieder neue Angebote auf.

    Schulbildung ist in Deutschland Ländersache, ein eigenes Schulfach Finanzwissen oder Wirtschaft gibt es nur selten. Private Initiativen wie das Planspiel Börse der Sparkassen erreichen nicht alle Schüler. Einen Schub erhofft sich die Finanzbranche von der geplanten Frühstartrente. Die Bundesregierung möchte jedem Kind vom sechsten Lebensjahr an monatlich zehn Euro schenken, die in Aktien oder Fonds angelegt werden sollen. Über die Jahre soll sich so ein kleines Vermögen aufbauen, dass die staatliche Rente ergänzt. Nebeneffekt: Wer früh damit zu tun hat, interessiert sich mehr dafür, was dahintersteckt und lernt so etwas über Märkte und Finanzen.

  • Deutschland punktet gegen USA

    Wer hätte das gedacht. Die Wirtschaft insgesamt schwächelt, der Ausblick ist eher verhalten und die Stimmung unter Deutschlands Gründern war auch schon mal besser. Aber der Standort D wird offenbar im internationalen Vergleich attraktiver, wie der aktuelle Start-up-Monitor zeigt, der die Branche jedes Jahr durchleuchtet. Vor allem gegenüber den Vereinigten Staaten kann die Bundesrepublik punkten.

    39,8 Prozent der Gründerinnen und Gründer schätzen die Anziehungskraft Deutschlands inzwischen höher ein als die USA. Ein Jahr zuvor waren es nur 33,5 Prozent. Wird nur Europa betrachtet, sehen 61 Prozent die Bundesrepublik vorn. „Die Zahlen zeigen, dass die deutsche Start-up-Szene Aufwind hat. Dabei spielt uns der Kurs der amerikanischen Regierung in die Karten“, sagt Verena Pausder, Vorstandsvorsitzende des Startup-Verbands, der den Monitor herausgibt. „Dieses Momentum zu nutzen, ist nicht nur aus wirtschaftlicher, sondern auch aus politischer Sicht entscheidend, um technologische Abhängigkeiten zu reduzieren.“

    Das spricht für große Chancen, die die Bundesregierung nutzen kann. Allerdings besteht offenbar Nachholbedarf. So finden 53 Prozent der Jungunternehmer, dass Deutschland im internationalen Vergleich gering digitalisiert ist. In der Verwaltung sieht es noch dramatischer aus. Acht von zehn werten die Digitalisierung dort als gering oder sehr gering. Ebenso viele halten die digitale Souveränität der Bundesrepublik für schwach – die Abhängigkeit von Technologien, die nicht aus Europa kommen, ist sehr hoch. Dazu zählen zum Beispiel Software wie Windows von Microsoft oder Bezahlsysteme wie die der Kreditkartenfirmen Mastercard und Visa.

    Und auch sonst hakt es nach Ansicht der Gründer etwas – zu viel Bürokratie, zu wenig Risikokapital, auch wenn sich hier etwas tut. Insgesamt flossen in diesem Jahr bereits 5,4 Milliarden Euro in deutsche Start-ups. Der Verband rechnet für das Gesamtjahr mit rund acht Milliarden Euro, ein Plus von gut acht Prozent. Rekordwert bisher: 14,6 Milliarden Euro 2021.

    Als Start-ups sieht der Verband Unternehmen, die innovative Technologien auf den Markt bringen und vor allem schnell und stark wachsen wollen. Zudem dürfen sie höchstens zehn Jahre alt sein. Der neue Klempner gehört also nicht dazu, das Unternehmen, dessen Software Daten von Produktionsmaschinen nutzt, um die Anlagen zu optimieren, schon. Derzeit gibt es rund 23.000 solcher Firmen in Deutschland.

    Sie gelten als große Arbeitgeber von Morgen. Der Onlinehändler Zalando etwa startete 2007 mit drei Personen im Wohnzimmer und ist heute im Deutschen Aktienindex Dax notiert. Zahlreiche Firmen wie der Berliner Onlinebroker Trade Republic oder Celonis aus München, die Firmenabläufe optimieren, sind inzwischen mehrere Milliarden Euro wert und beschäftigen mehrere tausend Mitarbeiter, in jungen Start-ups sind es im Schnitt 16.

    Zu den Neugründungen gehören oft sogenannte Deeptech-Unternehmen. Sie arbeiten an grundlegend neuen Technologien, nutzen neueste wissenschaftliche Forschung. Und es dauert, bis ein Produkt auf den Markt kommt. Dazu zählen zum Beispiel Fusionsenergie oder gedruckte menschliche Organe. Auch sonst verschiebt sich gerade etwas – was sich auch daran zeigt, wo Wagniskapitalgeber Geld investieren.

    Da ist zum einen Künstliche Intelligenz. 45 Prozent der jungen Unternehmen gaben an, dass die Technologie Kern ihres Produktes sei. 2,1 Milliarden Euro flossen in derartige Gründungen. Und dann ist da noch alles rund ums Militär. Nur zwei Prozent aller Start-ups beschäftigen sich mit Verteidigung, dafür sammelten sie bisher schon 900 Millionen Euro ein, doppelt so viel wie 2024. Bekannteste Firma der Branche ist Helsing aus München, die unter anderem Drohnen entwickeln.

    Auch wenn die Summen üppig aussehen, stecken Investoren das große Geld immer noch in Firmen anderer Länder. Zwischen 2022 und 2024 erhielten allein US-Start-ups im Jahresschnitt 169,4 Milliarden Dollar (145 Milliarden Euro), in Großbritannien waren es 16,4 Milliarden Dollar, in Deutschland 7,4 Milliarden Dollar. Bezogen auf die Wirtschaftsleistung, das Bruttoinlandsprodukt, liegt Singapur unter den 40 größten Volkswirtschaften an der Spitze, vor Israel und den USA. Deutschland erreicht Rang 18.

    Geld ist auch einer der Gründe, warum fast ein Drittel der Jungunternehmer für das nächste Start-up lieber ins Ausland gehen wollen. 70,7 Prozent geben an, dort besser an Kapital zu kommen. 61,4 Prozent setzen auf niedrigere Steuern. Und 87,8 Prozent freuen sich über weniger Bürokratie und schnellere Verfahren.

    Was Personal betrifft, setzen Start-ups stark auf das Ausland. Drei von zehn Beschäftigten stammen im Schnitt nicht aus Deutschland. In Berlin sind es sogar vier von zehn. Was Deutschland für die Fachkräfte attraktiv macht sind aus Sicht der Jungunternehmen die Lebensqualität, die Jobchancen und die gesellschaftliche Offenheit.

    87 Prozent der Gründerinnen und Gründer haben studiert, vor allem Volkswirtschaft oder Betriebswirtschaft, sind Ingenieure oder Informatiker. Der Antrieb, etwas Neues zu wagen, geht immer von Einzelnen aus. Allerdings unterstützen einige Universitäten offenbar stärker. Top-Hochschulen sind dem Startup-Verband zufolge die Technische Universität München, die Universität zu Köln und die RWTH Aachen vor der Freien Universität Berlin und der Uni Münster.

  • Vertrauen auf Wirtschaftswende fehlt

    Experten mahnen seit langem Reformen in Deutschland an. Auch die Bundesbürger beurteilen die aktuelle wirtschaftliche Lage mehrheitlich als schwierig, wie eine Umfrage ergab. Und sie erwarten, dass es sogar schlechter wird – obwohl die schwarz-rote Bundesregierung zahlreiche Reformen versprochen hat. Dramatisch für das Team um Kanzler Friedrich Merz (CDU): Zwei Drittel der Deutschen glauben nicht, dass die Politik die Probleme lösen kann, der schlechteste Wert seit 15 Jahren.

    „Wenn nur noch ein knappes Drittel der Bevölkerung der Politik zutraut, die wirtschaftlichen Probleme des Landes zu lösen, muss uns das Sorgen machen“, sagt Heiner Herkenhoff, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken, der die repräsentative Umfrage in Auftrag gegeben hat. „Nur mit entschlossenem Handeln und mutigen Reformen wird die Bundesregierung das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates zurückgewinnen.“

    70 Prozent der Befragten bewerten die wirtschaftliche Lage hierzulande als nicht so gut oder sehr schlecht. Und auf die wirtschaftlichen Herausforderungen der Zukunft sehen 77 Prozent Deutschland schlecht oder sehr schlecht vorbereitet. „Das ist ein alarmierendes Signal, das zum Handeln gemahnt“, sagt Herkenhoff. Im vergangenen Jahr lag der Wert noch bei 55 Prozent. Auch der wirtschaftliche Ausblick ist düster. 57 Prozent der befragten geben an, dass es mit der Wirtschaft am Standort D derzeit bergab geht, wer unter 30 ist, etwas mehr (62 Prozent) als die Über-60-Jährigen (53 Prozent).

    „In der pessimistischen Stimmung spiegeln sich nicht zuletzt auch sechs Jahre wirtschaftlicher Stagnation und drei Jahre lähmender Ampel-Streit wider“, meint der Chef des Bankenverbands. „Jetzt muss die schwarz-rote Regierung so schnell wie möglich eine Aufbruchstimmung erzeugen.“ Er glaubt, „nur wenn wir Bürokratie abbauen und in innovative Technologien investieren, kann Deutschland zu wirtschaftlicher Stärke zurückfinden.“

    Bisher hat die Bundesregierung als Sofortmaßnahme unter anderem Abschreibungsregeln für Unternehmen verbessert, was, vereinfacht gesagt, die Steuerlast der Firmen senkt und ihnen etwas mehr Geld lässt. Auch soll vor allem das Lieferkettengesetz entschärft werden und der Energiepreis sinken. An richtig umfangreiche Reformen traut sich Schwarz-rot bisher nicht heran.

    Volkswirte bemängeln seit langem, dass viele Regeln im schärferen internationalen Wettbewerb zu sperrig sind. Auch fehlen Fachkräfte. Zahlreiche Unternehmen kämpfen, weil sie in den vergangenen Jahren erfolgreich waren, aber nicht genug in neue Ideen investiert haben. Hinzu kommt, dass die USA gerade ihr Wirtschaftsmodell radikal ändern, was drastische Folgen für den Welthandel hat. Das ist ein Problem für eine auf Export angewiesene Wirtschaft wie die deutsche. Und bei der Wirtschaftsmacht China zeigt sich gerade, wie sehr sich die hohen Investitionen in Zukunftstechnologien rechnen.

    Versprochen hat Kanzler Merz einen Herbst der Reformen. Zuletzt hatte die Bundesregierung großzügig unter anderem Geld für Dieselsubventionen der Landwirte, geringere Mehrwertsteuer auf Speisen im Restaurant und die Mütterrente beschlossen. Auch die Pendlerpauschale soll erhöht werden. Alles nichts, was die Wirtschaft nennenswert ankurbelt.

    Dass die Bundesbürger der Politik wenig zutrauen, ist das eine, das andere, dass sich offenbar die Gesellschaft verändert. In den letzten Monaten habe der Zusammenhalt abgenommen, befanden 63 Prozent der Befragten. Der Wert ähnelt sich quer durch alle Altersgruppen. Ein Trend, der auch in anderen Ländern zu beobachten ist, etwa in den USA, wo Konfrontation und Rechthaben wollen wichtiger scheint, als Diskussion und Ideen entwickeln. „Reformen können nur gelingen, wenn die Menschen auf dem Weg der Veränderungen mitgenommen werden“, ist Herkenhoff sicher.

    Immerhin tragen die Bundesbürger die hohen neuen Schulden für die sogenannten Sondervermögen mit, die so heißen, weil sie nicht in den normalen Bundeshaushalt eingerechnet werden müssen. Für Infrastruktur (etwa Schienen und Straßen) stehen bis zu 500 Milliarden Euro bereit, für die Bundeswehr 100 Milliarden Euro. 67 Prozent der Befragten finden es richtig, dass Deutschland Geld beschafft, um die Infrastruktur zu sanieren. Und 59 Prozent hält neue Schulden für richtig, um die Verteidigungsfähigkeit zu verbessern.

    „Diese Zustimmung entbindet die Politik aber nicht von der Pflicht, dauerhaft tragfähige Staatsfinanzen sicherzustellen“, sagt Herkenhoff. Schließlich muss die Jugend von heute die Schulden später tilgen, wird also besonders stark belastet. Und so halten nur 47 Prozent der 18 bis 19-Jährigen die Schulden gegenüber der jüngeren Generation für gerecht. Bei denen, die älter als 60 sind, sind es 67 Prozent.

    Bei allem Pessimismus geht es den Deutschen nicht schlecht. 65 Prozent bewerten ihre persönliche wirtschaftliche Lage als gut oder sehr gut. Allerdings schrumpfte der Wert seit 2020. Damals waren noch 83 Prozent mit ihrer wirtschaftlichen Lage zufrieden.

    Der Bankenverband fragte auch danach, wodurch sich Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern positiv auszeichnet. Ganz oben stehen die funktionierende Demokratie (30 Prozent), der hohe Bildungs- und Ausbildungsstand (24) und die freiheitlich-liberale Gesellschaft (17). Der leistungsfähige Staat kam immerhin noch auf acht Prozent.

    Im Auftrag des Bankenverbands befragte Infas Quo aus Nürnberg mehr als 1000 Deutsche, die älter als 17 Jahre sind. Die Umfrage lief vom 11. bis 19. August und ist repräsentativ für die Bundesrepublik.

  • Automatische Fahrscheinabrechnung

    Seit 2021 beschäftigt sich Europa mit eigenem digitalen Bargeld. Jetzt wird es langsam konkret. Industrie und Europäische Zentralbank (EZB) denken bereits über Anwendungen nach, die das Leben der Verbraucher vereinfachen sollen. Erste Ideen liefert ein Innovationsbericht, an dem knapp 70 Unternehmen mitgewirkt haben – von Banken über Berater, Forschungsinstitute und Händler bis zu Technologiefirmen. Die Chancen wären demnach riesig.

    Der digitale Euro soll Bargeld sein, nur eben virtuell. Die meisten werden ihn, wenn er kommt, wahrscheinlich in einer digitalen Geldbörse im Mobiltelefon dabeihaben. Er soll Münzen und Scheine nicht ersetzen, sondern ergänzen. Ein großer Vorteil: Der digitale Euro wäre offizielles Geld und muss damit im gesamten Euro-Raum akzeptiert werden. Das bedeutet auch, das alles, was für das virtuelle Bargeld entwickelt wird, sofort in der gesamten Euro-Zone verfügbar wäre. Die EZB hofft, dass das Unternehmen zu Innovationen bewegt.

    So könnte zum Beispiel die Rechnung für Schuhe, die bei einem Onlinehändler bestellt wurden, erst beglichen werden, wenn das Paket erfolgreich zugestellt ist. Auch ließe sich die Quittung digital mit der Bezahlung verbinden. Verbraucher bekämen einen besseren Überblick über die Ausgaben. Retouren und Garantiefälle ließen sich einfacher abwickeln.

    Mehr Tempo und Effizienz versprechen sich die Experten auch etwa an Mautstellen auf der Autobahn. Und im öffentlichen Nahverkehr könnte der digitale Euro mit einem System verbunden werden, das automatisch alle Fahrten an einem Tag ermittelt und dann den günstigsten Tarif abrechnet. Ein ähnliches System nutzt die Londoner U-Bahn bereits. Die Kaution für Mietwagen könnte ebenfalls digital hinterlegt werden, hier wäre keine Kreditkarte mehr nötig. Vieles ließe sich mit bestehenden Zahlmethoden umsetzen, aber der digitale Euro könnte größere Geschäftsmöglichkeiten bieten, heißt es im Innovationsbericht.

    Bisher gibt es neben dem Bargeld kein Bezahlsystem, das überall in der Euro-Zone akzeptiert wird. Besonders in Deutschland sperren sich viele gegen digitale Lösungen. Andere Länder sind deutlich bargeldloser, in manchen braucht man praktisch keine Münzen und Scheine mehr – Karten oder Mobiltelefone mit entsprechenden Programmen reichen. Hier sind allerdings alle abhängig von Technologie aus den USA. Der Dienstleister Paypal ist ebenso eine amerikanische Firma wie Apple und Google, die beide mobile Zahlungsmöglichkeiten anbieten. Wer Kreditkarten nutzt, kommt um die US-Firmen Mastercard und Visa nicht herum. Der digitale Euro könnte Europa hier weniger abhängig machen.

    Ein Vorteil aus Sicht der Verbraucher und Händler: Ähnlich wie bei Münzen und Scheinen fällt auch beim digitalen Bargeld keine Gebühr an, wenn jemand damit bezahlt. Ein wichtiger Punkt, wie eine Umfrage der Europäischen Verbraucherorganisation Beuc in zehn EU-Ländern, darunter Deutschland und Frankreich, ergab. Danach sagen 49 Prozent, ein neues digitales Zahlungsmittel solle wenig oder nichts kosten.

    Bisher ist noch unklar, ob der digitale Euro eingeführt wird. Es liegt ein Entwurf der Kommission vor. Das EU-Parlament hat noch nicht entschieden. Die Länder der EU haben noch Abstimmungsbedarf. Vertreter der EZB sehen den digitalen Euro als wesentlich für die Euro-Zone und die EU, um eigenständiger zu sein.

    Nach aktuellem Stand könnte der digitale Euro von den Banken und Sparkassen ausgegeben werden. Jeder kann dann zum Beispiel ein entsprechendes Konto bei der Bank eröffnen. Vorgesehen ist auch, dass Finanzdienstleister ohne Vollbanklizenz Konten anbieten können. Solche Firmen dürfen keine Kredite vergeben und werden nicht so eng beaufsichtigt wie Banken und Sparkassen.

    Das Konto für digitale Euro muss dann per Überweisung oder Dauerauftrag gefüllt werden. Die Pläne sehen auch vor, dass im Moment des Bezahlens automatisch der nötige Betrag vom normalen Bankkonto eingezogen wird. Das läuft im Hintergrund, der Kunde soll nichts davon bemerken.

    Verfügbar sein soll der digitale Euro zum Beispiel in den jeweiligen mobilen Banking-Apps der Banken und Sparkassen. Auch eine EZB-App soll es geben, die dann mit den jeweiligen Bankkonten verknüpft werden muss. Nachgedacht wird auch darüber, den digitalen Euro über eine klassische Bankkarte mit Chip nutzbar zu machen. Klingt alles sehr technisch? In der Praxis wird es vermutlich genauso schnell und einfach funktionieren, wie Bezahlen mit einer Bankkarte oder dem Smartphone.

    Der digitale Euro soll wie klassisches Bargeld allen zur Verfügung stehen. Viele Menschen in der EU können aber wenig mit Digitalisierung anfangen, sind überfordert, besitzen kein Mobiltelefon oder Bankkonto. Deshalb könnte es auch eine Lösung geben, bei der jemand zum Beispiel bei einer Postfiliale mit Bargeld digitale Euro eintauscht und sie auf einer Karte speichert.

    Bei allem Aufwand, innovativen Ideen und technischen Herausforderungen: Unklar ist immer noch, ob die Menschen den digitalen Euro überhaupt nutzen wollen. Patriotische Gefühle spielen eher eine untergeordnete Rolle, sonst würden schon heute viele die Angebote der US-Firmen ausschlagen. Was zählt, das zeigt auch die Beuc-Umfrage, ist, wie praktikabel das digitale Bargeld ist. 53 Prozent wünschen, dass es einfach nutzbar ist. Für 55 Prozent soll es sicher und vor allem zuverlässig sein.

  • Wo die wirklich Reichen wohnen

    Allen Krisen zum Trotz sind die Bundesbürger 2024 wieder reicher geworden. Auch weltweit stiegen die Vermögen, wie der Global Wealth Report der Allianz ergab. Die Experten haben zwei wesentliche Strategien zu mehr Reichtum ausgemacht – eine deutsche und eine amerikanische. Verteilt sind die Vermögen immer noch sehr ungleich.

    „Wir haben eine Mehrfachkrise weltweit, leben in unsicheren Zeiten. Aber niemand scheint den Sparern und Börsen etwas davon gesagt zu haben“, sagte Arne Holzhausen, Vermögensexperte der Allianz und einer der Autoren des Berichts, zu dem überraschenden Plus beim Weltvermögen und dem satten Zuwachs an den Börsen. Allerdings sei Sparen auch ein Ausdruck unsicher Zeit. Die Menschen legten Geld zur Sicherheit zurück. Insgesamt stieg das Weltfinanzvermögen 2024 um 8,7 Prozent auf rund 269 Billionen Euro. Es ist etwa doppelt soviel wie 2015. Allein die Hälfte des Zuwachses erzielten die Amerikaner.

    Für das laufende Jahr rechnen die Experten trotz der Kriege in der Ukraine und in Gaza sowie der Zollpolitik der USA und der neuen politischen Blockbildung weltweit mit einem weiteren Plus von etwa sechs Prozent. Die Weltwirtschaft sei trotz der hohen Belastungen widerstandsfähiger als erwartet, sagte Holzhausen. Die Allianz betrachtet jedes Jahr die Geldvermögen der Welt. Sie beinhalten Sparkonten, Aktien-, Anleihen- und Fondsbesitz. Ebenfalls erfasst werden die Schulden, etwa für Autokredite oder Hypotheken. Nicht erfasst werden in der Weltübersicht Immobilien, weil die Datenlage weltweit unübersichtlich und kaum vergleichbar ist.

    Im Durchschnitt am reichsten waren im vergangenen Jahr die US-Amerikaner. Jeder verfügte – Schulden abgezogen – über umgerechnet 311.000 Euro. Auf Rang zwei folgen die Schweizer mit 268.860 Euro pro Kopf. Auf Rang drei finden sich die Einwohner von Singapur mit im Schnitt 197.460 Euro. Deutschland kommt auf Rang 13 mit 86.800 Euro. 2023 war es noch Rang 18.

    Ein Grund für das große Plus bei den Deutschen: Die Bundesbank hat im vergangenen Jahr Daten überprüft und nach oben korrigiert. Pro Kopf brachte das jedem Bundesbürger rein rechnerisch rund 10.000 Euro netto zusätzliches Vermögen, das sich aber eher nicht auf den Konten jedes und jeder Einzelnen findet.

    Weil die Zinsen weltweit gestiegen sind, nehmen die Menschen auch weniger Kredite auf. Entsprechend moderat stiegen die Schulden. Am meisten verschuldet sind die Schweizer mit pro Kopf fast 129.000 Euro.  Auf Rang zwei folgen die Norweger mit  gut 75.200 Euro Schulden vor den Australiern (rund 74.300 Euro). Die Bundesbürger sind dem Bericht zufolge im Schnitt mit 25.750 Euro verschuldet.

    Aus den Zahlen der Allianz lassen sich langfristig offenbar zwei Strategien ableiten, wie man reich wird: Entweder clever sparen wie die Amerikaner oder fleißig wie die Deutschen. Die Amerikaner stecken ihr Geld traditionell in großem Umfang in Investmentfonds wie ETF und direkt in Aktien. Das ist etwas risikoreicher als Bankanlagen, bringt auf längere Sicht aber mehr Vermögen. Die Deutschen sind eher vorsichtiger bei der Geldanlage, haben viel Geld in risikolosere, aber weniger ertragreiche Sparkonten gesteckt. Dafür legen sie deutlich mehr Geld zurück.

    Schon im vergangenen Jahr profitierten auch die Bundesbürger davon, dass sie etwas mutiger wurden. Den Zahlen der Allianz zufolge steckten die Deutschen mehr Geld in Investmentfonds und in Aktien, wurden im Anlageverhalten also etwas amerikanischer. „Die deutschen Vermögen sind im Schnitt stärker gewachsen als die im Euro-Raum“, sagte Holzhausen. Er sprach von einer erfreulichen Entwicklung.

    Besonders langfristig zeigt sich, dass der US-Ansatz erfolgreich ist. Das Bruttogeldvermögen der Welt – ohne Schulden – liegt zu 49,5 Prozent in den USA. Der Wert hat sich seit 20 Jahren kaum verändert. 18,2 Prozent finden sich in Europa, 2004 waren es 27,2 Prozent. Aufgeholt haben vor allem die Chinesen: Sie besitzen inzwischen 14,5 Prozent des Weltvermögens. 20 Jahre zuvor waren es um die drei Prozent.

    Wer sich jetzt wundert, dass auf den eigenen Konten und Depots deutlich weniger Geld zu finden ist, als der Bericht der Allianz vermuten lässt: Die Zahlen sind alle Durchschnittswerte. Und das Vermögen ist ungleich verteilt. Vereinfacht gesagt: die Reichsten der Welt sind besonders reich, der große Rest eher nicht. Weltweit vereinen die zehn Prozent mit dem meisten Geld 85,1 Prozent allen Geldvermögens auf sich. Die 30 reichsten Prozent sogar 97,6 Prozent. In Deutschland besitzen die Top zehn Prozent rund 60 Prozent des Vermögens. Der Wert ändert sich seit Jahren kaum.

    Die enorme Konzentration von Vermögen auf einzelne zeigt sich zum Beispiel beim reichsten Mann der Welt. Sein Netto-Vermögen betrug dem Milliardärs-Index der US-Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge zuletzt umgerechnet 390 Milliarden Euro, weit entfernt von den 311.000 Euro des Durchschnittsamerikaners. Um Musks Reichtum auszugleichen und auf den Wert zu kommen, müssen statistisch gesehen rund 1,254 Millionen Amerikaner ohne Vermögen sein.

    Das Expertenteam der Allianz wertet unter anderem Daten der Bundesbank, der europäischen Statistikbehörde Eurostat sowie der nationalen Notenbanken und Statistikbehörden aus. Der Bericht erscheint jährlich. Alle Daten werden mit einem einheitlichen Wechselkurs in Euro umgerechnet

  • Jetzt kaufen, dann im Zahlungsverzug

    Schnelle Ratenkredite auch für wenig teure Produkte belasten die Bundesbürger zunehmend. Die Auskunftei Schufa und die Verbraucherzentralen warnen. Die EU hat die Regeln bereits verschärft.

    Was ist Buy now pay later?

    Wer online einkauft, kann oft per Lastschrift, Kreditkarte oder Sofortüberweisung bezahlen. Manche Händler bieten Kunden auch an, einen Dienstleister wie Ratepay, Paypal oder Klarna zu nutzen. Diese wickeln dann die Zahlung ab. Sie bieten einerseits Kauf auf Rechnung an, die dann zum Beispiel nach 30 Tagen beglichen wird. Andererseits können Kunden auch bei kleinen Beträgen nicht alles sofort auf einmal, sondern später in einzelnen Raten zahlen. Für das Verfahren hat sich der Name Buy now pay later (BNPL) durchgesetzt, jetzt kaufen, später bezahlen. Auch wenn es nicht so aussieht: Der Käufer schließt bei Ratenzahlung einen Darlehensvertrag mit dem Zahlungsdienstleister ab. Für den Vertrag können Gebühren fällig werden. BNPL unterscheidet sich vom klassischen Ratenkredit vor allem durch die Höhe des gewährten Kredits – meist weit unter 1000 Euro.

    Warum ist BNPL so beliebt?

    Ein Vorteil des Zahlungsverfahrens: Auch wenn man gerade nicht genug Geld hat, kann man sich sofort etwas leisten, zum Beispiel gegen Monatsende, wenn der Arbeitgeber noch keinen neuen Lohn überwiesen hat. Bezahlt wird die Ware dann, wenn wieder Geld da ist und vor allem in kleinen Schritten, was nicht zu sehr belastet. BNPL ist in der Regel unkompliziert, lässt sich mit wenigen Klicks nutzen. Ob jemand kreditwürdig ist, muss nicht geprüft werden.

    Warum nutzen vor allem Jugendliche die Bezahlmöglichkeit?

    Jugendliche sind deutlich mehr im Internet unterwegs als Erwachsene. Und sie kaufen auch sehr viel online ein. Gleichzeitig verfügen sie meist nicht über sehr viel Geld. Etwas jetzt zu bekommen und dann über bis zu 48 Monate in kleinen Beträgen abzustottern, ist da besonders attraktiv. 44 Prozent der 16- bis 25-Jährigen hat BNPL nach einer Umfrage der Auskunftei Schufa bereits genutzt, vor allem junge Frauen und Mädchen.

    Warum sind Kleinkredite und BNPL ein Verschuldungsrisiko?

    „Ganz grundsätzlich ist jeder Kredit eine finanzielle Belastung“, heißt es bei der Schufa. Viele Kredite erhöhten das Überschuldungsrisiko. Die einzelnen Beträge mögen klein sein, aber in der Menge können sie schon zum Problem werden. Einmal zehn Euro im Monat mag machbar sein, 100 Euro aus zehn Verträgen kann schwierig werden. „Mit BNPL-Angeboten verbunden ist das Risiko, sich mehr zu kaufen, als man sich leisten kann“, schreiben die Experten der Schufa. Auch drohe, der Überblick über die finanziellen Verpflichtungen verloren zu gehen. Aus den Daten der Auskunftei geht hervor, dass mehr als jeder dritte BNPL-Nutzer schon mal eine Bezahlfrist verpasst hat, bei jüngeren ist es die Hälfte. „Viele haben leider nicht verstanden, dass das ein Kredit ist“, sagte Ramona Pop, Chefin der Verbraucherzentrale Bundesverband dem „Tagesspiegel“. „Wenn sie nicht rechtzeitig zahlen, bekommen sie einen negativen Schufa-Eintrag. Wir kennen Fälle, in denen Jugendliche auf diesem Weg bis zu 1500 Euro Schulden aufgehäuft haben.“

    Worauf sollte man achten?

    Wer über BNPL nachdenkt, sollte sich vorher einen Überblick über seine festen monatlichen Einnahmen und Ausgaben verschaffen. Dann wird in der Regel sichtbar, wie viel Geld für weitere regelmäßige Ausgaben etwa für einen Kredit verfügbar ist. Besser, als schnell auf Raten zu kaufen, ist regelmäßig Geld beiseitezulegen und später zu kaufen, dann aber alles auf einmal zu bezahlen.

    Was ändert die EU?

    Die EU hat bereits im Oktober 2023 die Verbraucherkreditrichtlinie geändert. Sie regelt zum Beispiel, ab welcher Kredithöhe genau geprüft werden muss, ob ein Kunde kreditwürdig ist. Das gilt jetzt, anders als zuvor, auch für Kleinkredite (unter 200 Euro) und beim Kauf auf Rechnung, wenn ein Dienstleister eingebunden ist, der die Zahlung abwickelt. Das betrifft BNPL. Auch für solche Verträge muss künftig geprüft werden, ob Käufer oder Käuferin zahlungsfähig ist. Eine Möglichkeit dafür wäre eine Abfrage bei einer Auskunftei wie der Schufa. Das ist mit Aufwand und Kosten verbunden, schützt aber die Kundinnen und Kunden vor Überschuldung. Denn wer schon jetzt nicht zahlen kann, sollte keinen weiteren Kredit bekommen.

    Wann gilt das neue Recht?

    Noch gilt die geänderte Verbraucherkreditrichtlinie nicht in Deutschland. Ein Gesetzentwurf liegt aber vor. Deutschland muss die Richtlinie bis spätestens November 2026 umsetzen.

    Muss der Staat das alles regeln?

    Viele Menschen erkennen nicht, dass sie mit BNPL einen Kreditvertrag unterschreiben. Einer der Gründe könnte sein, dass die Deutschen wenig über Finanzen wissen. Seit Jahren fordern deshalb Experten, Finanzbildung in die Unterrichtspläne der Schulen aufzunehmen. Auch die 16- bis 25-Jährigen selbst sehen das so: 93 Prozent wünschen sich, dass alles rund um Geld und Finanzen in der Schule ausführlich vermittelt wird, wie der Jugend-Finanzmonitor der Schufa ergab. Bisher hatte weniger als jeder Dritte (29 Prozent) entsprechenden Unterricht. Die jungen Menschen misstrauen Tipps bei Tiktok oder Youtube, informieren sich vor allem bei ihren Eltern. Auch das kann Tücken haben. In einer Umfrage der Deutschen Sparkassen- und Giroverbands bewerten Lehrer die Vermittlung von Finanzwissen durch die Familie mit der Schulnote 4.

  • Üppiges Preisplus bei Oktoberfest-Bier

    Für viele Menschen aus aller Welt ist das Oktoberfest etwas Besonderes. Zwei Wochen Rummel mit Fahrgeschäften und Festzelten mitten in München, in denen sich sehr viel um Bier dreht. Und das ist in diesem Jahr kräftig teurer geworden, wie die Sutor Bank aus Hamburg ermittelt hat. Das Plus liegt deutlich über der normalen Inflationsrate und zeigt, was viele Bundesbürger in den vergangenen Wochen schon bemerkt haben, wenn sie ausgegangen sind: Es wird teuer.

    Die teuerste Maß kostet auf dem Oktoberfest in diesem Jahr 15,80 Euro, 3,3 Prozent mehr als 2024. Die Verbraucherpreise insgesamt werden im Schnitt um 2,2 Prozent steigen, wie die Wirtschaftsforscher des Ifo Instituts in München erwarten. Schon in den vergangenen Jahren erhöhten die Wies’n-Wirte die Preise deutlich stärker als die allgemeine Inflationsrate. Die Bank ermittelte ein Plus von rund 53 Prozent für die Maß zwischen 2015 und 2025. Die durchschnittlichen Ausgaben der Bundesbürger stiegen im selben Zeitraum nur um rund 29 Prozent.

    Dass die Werte so auseinanderliegen, hat damit zu tun, wie die Inflationsrate ermittelt wird. Die Experten des Bundesamtes für Statistik berechnen die Teuerung anhand eines Warenkorbs, in den die Preise von rund 700 Produkten und Dienstleistungen einfließen. Bier hat da nur ein geringes Gewicht. Und nicht alle Produkte werden teurer, manche wie Energie sind billiger zu haben, was sich bis zu einem gewissen Grad ausgleicht. Weil niemand genau den Warenkorb der Statistiker kauft, kann die persönliche Inflationsrate von der amtlichen deutlich abweichen.

    „Gerade am Oktoberfest wird Inflation für viele unmittelbar erlebbar“, sagt Jan Schippmann, stellvertretender Leiter Private Banking der Sutor Bank. „Wer Jahr für Jahr für die gleiche Maß Bier deutlich mehr bezahlen muss, empfindet die Teuerung viel stärker, als es die amtliche Inflationsstatistik nahelegt.“ Nur warum wird die Maß jedes Jahr teurer? Und warum ist das Plus zum Teil so üppig? Zwischen 2019 und 2022 waren es 17 Prozent. Dazwischen fiel das Oktoberfest wegen der Corona-Pandemie aus.

    Zumindest ein Teil der Preiserhöhungen hat damit zu tun, das es teurer geworden ist, Bier zu brauen. „Gestiegene Kosten für Energie, Personal, Verpackung und Logistik setzen die Betriebe stark unter Druck“, sagt Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauerbunds. Immerhin: Bei Hopfen und Malz habe sich die Preissituation zuletzt entspannt. Zuletzt hatten die beiden großen Brauereien Krombacher und Veltins angekündigt, die Preise wegen der gestiegenen Kosten anzuheben. Die Biere gehören zusammen mit Bitburger zu den am meisten verkauften in Deutschland.

    In Deutschland buhlen rund 1500 Brauereien um Kunden, der Wettbewerb ist groß, zumal die Deutschen weniger Bier trinken. Der Brauer-Bund verweist zudem darauf, dass die Preise hierzulande im Vergleich zum EU-Ausland immer noch sehr niedrig sind. Der halbe Liter kostete einer Umfrage des Datenportals Numbeo zufolge im vergangenen Jahr in einem Restaurant in München im Schnitt 4,50 Euro. Nur in Prag Lissabon und Madrid war er günstiger. In Amsterdam verlangten die Gastronomen sechs Euro, in London 7,71 Euro und in Reykjavik sogar 9,83 Euro.

    Neben den Kosten für das Brauen ist auf dem Oktoberfest ohnehin noch etwas ganz anderes wichtig, wie Lothar Ebbertz, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Brauerbunds kürzlich sagte. „Da zahlt man immer auch ein Stück Atmosphäre mit – und den enormen Aufwand, den das Oktoberfest für alle Beteiligten verursacht.“

  • Das neue Deutschland-Tempo

    Licht soll es richten. Weil Deutschland bei schnellem Internet im europäischen Vergleich zu langsam ist, hat der Bundestag gerade Glasfaserausbau per Gesetz überragende gesellschaftliche Bedeutung gegeben. In vielen Orten sind Mitarbeiter verschiedener Telekommunikationsfirmen unterwegs, um Anschlüsse ans schnelle Netz zu verkaufen. Lohnt sich das? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

    Welche Hauptanschlussarten für Internet gibt es in Deutschland?

    Internet kommt meist über drei Kabelarten ins Haus: das Kupferkabel des Telefonnetzes, das Koaxialkabel des Kabelfernsehens oder Glasfaser. In Deutschland ist DSL (Digital Subscriber Line, etwa Digital-Abo-Anschluss) am meisten verbreitet, das das Telefonnetz nutzt. HFC (Hybrid Fiber Coax) kombiniert Glasfaser bis zum Haus mit Koaxialkabeln im Haus. Das Netz ist in Deutschland nicht flächendeckend verlegt. Glasfaseranschlüsse sollen die Zukunft sein.

    Wie unterscheiden sich die Kabelarten?

    Bei DSL läuft, sehr vereinfacht, Strom durch Kupferkabel. Die Technik stößt an Grenzen. Sie kann Daten bis zu 50 Mbit transportieren. Im sehr guten deutschen DSL-Netz sind bis zu 250 Mbit möglich, meist in Städten, wo die Kabelstrecken von den Verteilkästen nicht zu lang sind. Bei Glasfaser läuft Licht durch die Leitungen. Sie liefert in Deutschland 1000 Mbit, teils sogar schon 2000 Mbit. Möglich sind bis zu 10.000 Mbit – alles mit demselben Kabel. Glasfaser ist zudem nicht so anfällig für Feuchtigkeit oder Störungen durch andere leitende Kabel wie Kupfer. Zudem ist die DSL-Technologie veraltet. HFC erreicht auch bis zu 1000 Mbit, ist allerdings nicht so stabil wie ein reiner Glasfaseranschluss.

    Was bringt Glasfaser?

    Im Wesentlichen bietet Glasfaser hohes Tempo. Das merkt, wer gerne Filme in hoher Auflösung übers Netz streamt. Nichts ruckelt. Zudem lassen sich mehr Daten als bei DSL durch die Leitungen schicken. Bereits heute hat jeder Haushalt im Schnitt 15 bis 20 Geräte im Netz: Mähroboter, automatische Staubsauger, die Waschmaschine, die per Smartphone gesteuert wird. Dazu Mobiltelefone, Fernseher, Computer. Und der Bedarf steigt: Onlinespiele mit realistischen Bildern brauchen mehr Daten, Filme, die in herausragender Qualität über das Netz angesehen werden, ebenfalls. Dann sind da auch Videokonferenzen aus dem heimischen Büro. Ein weiterer Grund, den die Netzausbauer nennen: Der Wert einer Immobilie steigt, wenn sie technisch auf Zukunft ausgerichtet ist.

    Was bedeutet die Gesetzesänderung?

    Weil Glasfaser jetzt von überragendem öffentlichen Interesse ist, können Kommunen Ausbauanträgen schneller zustimmen. Die Hoffnung: Die Telekommunikationsunternehmen können schneller die Bagger anrücken lassen. Ende 2024 hatten laut Bundesnetzagentur rund 22 Millionen der 45,7 Millionen Haushalte in Deutschland im Prinzip Zugang zum Glasfasernetz. 2025 sollen es dem Telekommunikationsverband VATM zufolge 24,8 Millionen sein. Bis 2030 soll jeder Haushalt ans Glasfasernetz angeschlossen sein.

    Warum dauert das alles so lange?

    Das sehr gute DSL-Netz in Deutschland liefert dank technischer Tricks viel Datendurchsatz. Die Bundesbürger hatten bisher wenig Interesse, den Anschluss zu wechseln. Staaten wie Frankreich, Portugal, Schweden und Spanien setzten wegen ihres schlechteren Kupfernetzes viel eher auf Glasfaser. Dort wird zum Teil auch oberirdisch an Masten verlegt, was schneller geht.

    Wer baut aus?

    Rund 150 Firmen verlegen der Bundesnetzagentur zufolge Glasfaser in Deutschland. Die größte ist die Deutsche Telekom vor der Deutschen Glasfaser, die sich vor allem auf ländlichen Raum und kleinere Städte konzentriert. Andere Firmen sind Deutsche Giganetz, GVG Glasfaser, Pyur oder Unsere Grüne Glasfaser. Dazu kommen viele regionale Anbieter wie Netcologne in Köln, M-Net in München oder Eurofiber mit Kabeln entlang des Fernwärmenetzes in Berlin.

    Was passiert?

    Die Glasfaserfirmen gehen großflächig vor, verlegen Leitungen in ganzen Stadtvierteln oder Dörfern. Die Telekom nutzt unter anderem die 330.000 grauen Verteilerkästen am Straßenrand, die schon mit Glasfaser verbunden sind. Sie legt dann nur noch die Anschlüsse vom Kasten durch die Straßen und in die Häuser. Andere Anbieter verlegen Leitungen komplett neu. Einfamilienhäuser werden direkt angeschlossen. Bei einem Mietshaus mit mehreren Einheiten sind noch Verteilleitungen im Haus vom zentralen Anschluss in die Wohnungen nötig. Genutzt werden dafür etwa bereits vorhandene Kabelschächte. Sollen die Glasfaserfirmen die Leitungen legen, muss der Eigentümer oder die Eigentümergemeinschaft zustimmen.

    Was kostet das?

    Den Ausbau finanzieren die Netz-Unternehmen, die hoffen, langfristig Geld zu verdienen – mit Endkunden und über die Vermietung ihrer Leitungen an Konkurrenten. Deshalb ist der Anschluss für die, die einen Glasfaservertrag unterzeichnen, meist kostenlos. Anders kann es aussehen, wenn sich jemand erst entscheidet, doch angeschlossen zu werden, wenn die Bautrupps schon durch sind. Dann kann es teuer werden. Die Telekom etwa berechnet den einzelnen Hausanschluss mit 799 Euro. Und es könnte dauern. Weil bundesweit sehr viele Leitungen verlegt werden, die Arbeiten eng getaktet sind und Baufirmen knapp, kann es schwierig werden, nachträglich schnell angeschlossen zu werden.

    Wer bietet Tarife an?

    Alle großen Telekommunikationsunternehmen haben Glasfasertarife. 300 Mbit kosten in der Regel zwischen 40 und 50 Euro im Monat. So viel kann auch ein deutlich langsamerer DSL-Anschluss kosten. Dazu können noch Fernsehangebote oder vergünstigte Mobilfunktarife kommen. Preisvergleiche lohnen sich. Die Anbieter gewähren teils hohe Preisrabatte etwa in den ersten Monaten oder Boni für den Router. Denn für Glasfaser ist eine neue Box nötig, an die das Telefon angeschlossen ist und die drahtloses Internet (WLan) im Haus oder der Wohnung bereitstellt.

    Kann ich meinen bestehenden Telefon- und Internetvertrag mitnehmen?

    Das kommt drauf an. Die Deutsche Telekom gilt immer noch als marktbeherrschendes Unternehmen und ist gesetzlich verpflichtet, ihr Netz der Konkurrenz zu öffnen. Wie auch im DSL-Netz, muss sie Angebote der Wettbewerber zulassen. Wer vorher einen Vertrag etwa vom großen Konkurrenten 1&1 hatte, kann den in der Regel auch auf Glasfaser umstellen. Möglicherweise lässt sich ein Telekom-Vertrag aber nicht auf einen regionalen Glasfaseranbieter übertragen, weil der das nicht will oder die Telekom keine Netzmiete zahlen möchte.

    Wo sehe ich, ob bei mir ein Glasfaseranschluss möglich ist?

    Bei jedem Anbieter lässt sich online mit Angabe der Adresse sehen, ob ein Glasfaseranschluss möglich ist. Konkurrenz-Angebote werden aber nicht angezeigt. einen verlegt hat. Vergleichsportale wie Check24 und Verivox haben einen breiteren Überblick. Grundsätzlich gilt: Dort, wo die Telekom eine Anschlussmöglichkeit bietet, lassen sich auch Verträge der Konkurrenten abschließen, vor allem von überregionalen großen Anbietern wie 1&1, Telefonica oder Vodafone.

  • Wellenfischen im All

    Hinter Namen verbergen sich manchmal ungeahnte Welten. Lisa etwa. Das spektakuläre Projekt soll Gravitationswellen in den leeren Weiten des Alls messen. Sie liefern womöglich Informationen darüber, wie das Universum entstanden ist. Lisa ist auch ein Beispiel dafür, wie Grundlagenforschung Erfindungsreichtum anstößt und enorme wirtschaftliche Kraft entfaltet.

    Zum Beispiel bei Frank Steier. Er arbeitet beim Satellitenbauer OHB. Die Bremer gewannen den Auftrag der Europäischen Raumfahrtagentur Esa für Lisa (Laser Interferometer Space Antenna). Steier wird als Chefingenieur des Projektes die nächsten Jahre mit den Grenzen des technisch Machbaren verbringen. Und damit, zahlreiche Unternehmen aus Europa zu koordinieren.

    „Lisa ist tatsächlich das Anspruchsvollste, was man zurzeit in der Raumfahrt bauen kann“, sagt Steier. „Wir sind stolz, dass die Esa uns das zutraut. Damit qualifizieren wir uns für die Spitze der internationalen Raumfahrtindustrie.“ 839 Millionen Euro lässt sich die Raumfahrtagentur die Mission, wie solche Projekte offiziell heißen, kosten, jedenfalls den industriellen Teil. Rakete, Start und Steuerung vom Boden sind nicht inbegriffen. Und auch Teile der Messsysteme liefert die Esa. Die Gesamtkosten knacken die Milliarde Euro.

    Grundsätzlich klingt das Projekt einfach. Drei fast identische Satelliten sollen in Form eines gleichschenkligen Dreiecks im All fliegen. Sie sind bestückt mit Messinstrumenten, die die Gravitationswellen erfassen sollen. Die Dimensionen sind allerdings kaum vorstellbar. Die Satelliten sind jeweils 2,5 Millionen Kilometer auseinander und folgen der Erde auf ihrer Bahn um die Sonne im Abstand von 50 bis 65 Millionen Kilometern. Verbunden sind die Satelliten mit Laserstrahlen. Das präzise Licht transportiert Informationen und ist für die Messung wichtig.

    Und hier wird es sehr klein, denn Gravitationswellen durchdringen zwar das ganze Universum, sind aber sehr schwach. „Wir messen Veränderungen von einem Milliardstel Millimeter auf 2,5 Millionen Kilometer Entfernung“, sagt Steier. Entsprechend aufwändig ist das Messinstrument: Zwei Würfel von etwa vier Zentimeter Kantenlänge, die jeweils frei in einer Box schweben und von den Gravitationswellen leicht verschoben werden, was wiederum die Laser erkennen.

    Gravitationswellen gehen von sehr schweren Sternen aus, etwa von Doppelsternsystemen aus zwei schwarzen Löchern. Sie brauchen Zeit, bis sie in der Nähe der Erde eintreffen. Das bedeutet: Was jetzt gemessen wird, erlaubt einen Blick zurück. „Wir können über Gravitationswellen in die Geschichte des Universums schauen“, sagt Steier, sogar weiter als mit elektromagnetischen Wellen oder Licht, weil das junge Universum noch nicht durchsichtig war.

    Albert Einstein hatte Gravitationswellen 1916 in der allgemeinen Relativitätstheorie vorhergesagt. Erstmals gemessen wurden sie 2014 – von der Erde aus. Im All lassen sich die Wellen besser erkennen, weil es weniger Ablenkung gibt. „Das Schwierigste bei diesem sehr anspruchsvollen Projekt ist die Stabilität. Die drei Satelliten müssen sich perfekt ausrichten, hochstabil sein und das Instrument besonders gut abgeschirmt werden, damit kein Magnetfeld oder etwa die eigene Anziehungskraft die Messung stört“, sagt der Chefingenieur.

    Die Bremer sind Generalunternehmer von Lisa, arbeiten eng mit Thales Alenia Space Italien als Partner zusammen. OHB koordiniert, vergibt Aufträge und baut die Satelliten auch zusammen. Die eigenen Standorte in Bremen, München und Mailand sind unter anderem zuständig für einen Teil der Plattform, Antrieb, Elektronik und die Kernnutzlast mit den Messystemen. Thales Alenia Space kümmert sich vor allem um das Lagesystem, mit dem die Satelliten sich in Position halten.

    Jeder Einzelsatellit ähnelt einem flachen sechseckigen Hut, etwa 1,70 Meter hoch mit fünf Metern Durchmesser. Obendrauf sitzt eine Antenne. Der Boden ist mit Solarzellen bestückt. Die Experten fangen nicht bei Null an, sonst wäre auch der enge Zeitplan nicht einzuhalten. „Die Kerntechnologie ist bereits entwickelt“, sagt Steier. „Vor zehn Jahren hat die Lisa-Pathfinder-Mission gezeigt, dass die Messmethode funktioniert.“

    Aufwändig ist Lisa dennoch. „Fast nichts ist von der Stange, rund 80 Prozent der Teile, die wir einbauen, müssen neu entwickelt oder zumindest angepasst werden“, sagt der Chefingenieur. „Wir machen sehr viel zum ersten Mal.“ Steier und sein Team werden in den kommenden Jahren 50 bis 100 Zulieferer aus gut 20 Ländern koordinieren. Bei OHB kümmern sich bis zu 160 Beschäftigte um Lisa.

    „Etwa 2028 werden wir zwei Prototypen der Satelliten bauen, die aber noch nicht fliegen werden“, sagt Steier. „Mit einem testen wir, ob er den Start aushalten wird und mit den extremen Temperaturschwankungen im All klarkommt. Beim anderen prüfen wir die Elektronik. Erst wenn wir sicher sind, dass alles funktioniert, bauen wir die Flugmodelle. Das ist für 2031 geplant.“ Der Start ist für 2035 mit einer Ariane 6 vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana vorgesehen.

    Die drei Satelliten werden dafür übereinandergestapelt. Sie passen dann gerade in die Transportspitze der Rakete. Hebt die Ariane erfolgreich ab und setzt die Satelliten punktgenau aus, müssen sie noch an die richtige Stelle fliegen, was bis zu zwei Jahren dauern kann. Erste Daten soll Lisa dann 2036 oder 2037 liefern.

  • Keine Hilfe

    Was macht die Bundesregierung, gerade zurück aus den parlamentarischen Ferien? Geld ausgeben, das der Gesamtwirtschaft kaum hilft und das Deutschland auf dem Weg zu mehr nachhaltigem Handeln nicht voranbringt. Außerdem schafft sie sich Probleme in den kommenden Jahren.

    Los geht es mit einem Rabatt für die Gastronomie. Künftig soll der geringere Mehrwertsteuersatz von sieben statt 19 Prozent gelten. Der Bonus wird der Branche nicht helfen. Dass ein Restaurantbesuch nennenswert günstiger wird, ist nicht zu erwarten, warum auch? Wenn es schlecht läuft, bin ich als Unternehmer über jeden Euro, den ich behalten kann, froh. Und ein mittelmäßiges Angebot wird durch die Steuersenkung nicht verbessert, so dass es mehr Kunden lockt. Begünstigt werden übrigens nur Speisen, keine Getränke, was mehr Bürokratie erzeugt, die die Regierung doch verringern wollte.

    Dann soll die Pendlerpauschale steigen, um den ländlichen Raum zu fördern. Dieses Geld geht vor allem an die Autofahrer, die außerhalb der Städte oft auf ihre Fahrzeuge angewiesen sind. Denn der öffentliche Nahverkehr gerade auf dem Land ist ausbaufähig. Dort wären die Milliarden zum Wohl aller sicher besser angelegt, machten etwa das Deutschland-Ticket noch attraktiver. Das war der Bundesregierung aber offenbar keinen Gedanke wert.

    Schon vor der Sommerpause hatte Schwarz-Rot die Agrardiesel-Subventionen wieder angehoben – ohne Not. Die Vorgängerregierung hatte sie trotz Protesten nach Jahrzehnten endlich zusammengestrichen. Erhöht hat die Bundesregierung auch die Mütterrente, was ebenfalls Milliarden kostet.

    All diese Entscheidungen lassen sich öffentlich gut verkaufen, helfen dem kriselnden Standort D aber nicht. Die Regierung aus CDU, CSU und SPD investiert an diesen Stellen nicht in die Zukunft des Landes, sondern bedient vor allem Einzelinteressen. Und sie verringert ihren Handlungsspielraum in der Zukunft. Denn die Steuergeschenke kosten auch in den nächsten Jahren Geld. Und das fehlt absehbar spätestens von 2027 an in den Bundeshaushalten.

  • Nicht fürchten

    Warum Handelspolitik mit der Brechstange nicht richtig funktioniert, zeigt der Automarkt. US-Präsident Donald Trump hat die EU gezwungen, die Einfuhrzölle auf Fahrzeuge aus den USA abzuschaffen. Auf Autos aus der EU gelten künftig wohl 15 Prozent Zoll. In der Folge werden Amerikaner mehr für Porsche und Mercedes C-Klasse zahlen. Dass Europa von Cadillacs und Chevrolets überschwemmt wird, ist dagegen unwahrscheinlich. Denn Preis ist nicht alles.

    So sind die klassischen US-Marken für den heimischen Markt entwickelt – tendenziell größer und mit höherem Spritverbrauch. Den europäischen Markt haben die Hersteller wenig verstanden – bestes Beispiel ist GM. Der Konzern besaß zahlreiche Marken, scheiterte aber an einer passenden Strategie und zog sich zurück. Zudem fehlt den Amerikanern in Europa ein flächendeckender Vertrieb. Selbst wenn sie jemand wollte: Es ist schwierig, Dodges oder Rams zu kaufen.

    Wie es gehen kann, zeigte Tesla. Mit frischen Ideen und reinem E-Antrieb punktete es gegen die etablierten Hersteller weltweit. Inzwischen fehlen Innovationen. Und der Chef schreckt mit seinen radikalen politischen Ansichten und Ausfällen. Zudem spürt der Hersteller steigende Abneigung gegen alles Amerikanische, ausgelöst durch die egoistische Rabulinski-Politik des US-Präsidenten.

    Was bedeutet das alles für die deutsche Autoindustrie? Entspannen darf sie sich nicht, schließlich herrscht Wettbewerb. In den vergangenen Jahrzehnten hat sie gezeigt, wie hervorragende Qualität und Technik sich weltweit durchsetzt. Zuletzt waren die Chinesen schneller. Das kann sich wieder ändern. Wer technisch vorn ist und das richtige Gespür für die Kunden hat, muss Konkurrenz nicht fürchten.

  • Wer kauft Autos aus den USA?

    Auf Autos aus den USA fallen bald keine Zölle mehr an. Dieser Teil des Handelsabkommens zwischen EU und den Vereinigten Staaten könnte vor allem die deutsche Autoindustrie treffen, immer noch die wichtigste Branche der Bundesrepublik. Sie feiert sich gerade bei der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in München. Wird Europa jetzt nicht nur von billigen chinesischen E-Autos, sondern auch von US-Fahrzeugen überschwemmt? Wer kauft sie? Und warum?

    Im Automarkt bestimmen Angebot und Nachfrage das Geschäft. Das haben auch chinesische Marken wie Nio und GWM gemerkt, deren deutsche Absatzzahlen übersichtlich sind. Und US-Marken? Ein Viertel aller Deutschen kann sich nicht vorstellen, ein solches Auto zu fahren, wie eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Online-Brokers XTB ergab. 33 Prozent halten den Spritverbrauch der Fahrzeuge für zu groß. 25 Prozent lehnen die bullige, US-zentrierte Politik von Präsident Donald Trump ab und meiden deshalb Autos aus Amerika. 21 Prozent kaufen lieber europäisch.

    Fast die Hälfte der Befragten stiege aber ein, vor allem, wenn das US-Fahrzeug signifikant günstiger wäre als eines aus Deutschland oder Asien. Unklar ist, was das bedeutet. Künftig entfällt der Zoll von zehn Prozent, bei Preisen von 100.000 Euro und mehr etwa für einen Cadillac Vistiq betrüge die Ersparnis 10.000 Euro. Das Fahrzeug bleibt recht teuer. Vielleicht können die US-Hersteller anders punkten, wie die Umfrage andeutet: Wenn sie sich auf die deutschen (und europäischen) Wünsche einstellen. Da haperte es bisher.

    US-Autobauer und Europa kamen nie so richtig zusammen. Selbst die „Hochzeit im Himmel“, von der Daimler-Chef Jürgen Schrempp 1998 schwärmte, als das deutsche Unternehmen den US-Konkurrenten Chrysler übernahm, scheiterte – zu unterschiedlich die Märkte und Ideen. Auch General Motors kämpfte mit Europa. Der Konzern hatte über die Jahrzehnte zahlreiche Marken zusammengekauft, viele wie Simca und Talbot in Frankreich oder Saab in Schweden gibt es nicht mehr. Opel ging nach langem Schrumpf-Kurs an den europäischen Konzern Stellantis (Chrysler, Citroën, Fiat, Peugeot). Es war GMs Abschied aus Europa.

    Kommt jetzt die Rückkehr? „Ich denke, dass wir uns wegen der amerikanischen Autos keine allzu großen Sorgen machen müssen“, sagt Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch-Gladbach. „Nach derzeitigem Stand ist nicht zu erwarten, dass sie auch bei 0 Prozent Zoll große Marktanteile gewinnen, weil sie meist nicht den Geschmack europäischer Kunden treffen. Eine Ausnahme war Tesla.“

    Das Design des Herstellers ähnelt dem europäischen. Er setzte als erster auf reine E-Autos, auf schlichtes, funktionales Inneres. Und vermarktete sich geschickt als modern und der Zukunft zugewandt. Bei den deutschen Neuzulassungen schaffte Tesla von Januar bis August 2025 einen Anteil von 0,6 Prozent. Tendenz fallend, unter anderem weil den Bundesbürgern das politische Gebaren des Konzernchefs Elon Musk missfällt.

    Alle anderen US-Marken außer Jeep (0,5 Prozent bei Neuzulassungen) lassen sich auf deutschen Straßen nur sehr selten sehen. Cadillac etwa kommt auf 0,003 Prozent Marktanteil bei Neuzulassungen. Das waren 65 von rund 1,875 Millionen Fahrzeugen seit Jahresbeginn.

    Noch sind die USA für die deutschen Autohersteller wesentlich wichtiger als Deutschland für die amerikanischen. Im ersten Halbjahr lieferten Fahrzeuge im Wert von 15,51 Milliarden Euro von Deutschland in die USA, umgekehrt waren es Autos im Wert von 3,1 Milliarden Euro. Insgesamt exportierte die Bundesrepublik in dem Zeitraum Kfz und Teile im Wert von 131,8 Milliarden Euro in alle Welt, der Einfuhrwert betrug 73,2 Milliarden Euro.

    Bleibt die Frage, was ein US-Auto ist. Die meisten Bundesbürger denken vermutlich sofort an ausladende Fahrzeuge mit weicher Federung und hohem Spritverbrauch oder an überdimensionierte Straßenmonster wie den Hummer oder Teslas kantigen Cybertruck. Für den Zoll ist aber wichtig, wo das Auto hergestellt wird, nicht wer hinter der Marke steht. Bisher waren für ein solches Fahrzeug zehn Prozent Zoll fällig, künftig ist es zollfrei.

    Tesla entwickelt seine Modelle vielleicht in den USA, fertigt aber weltweit, etwa in Shanghai. Und in Grünheide bei Berlin läuft das Model Y vom Band. Wird es innerhalb der EU verkauft, war bisher schon kein Zoll fällig. Die Marke Jeep gehört zum europäischen Hersteller Stellantis. Gefertigt wird an mehreren Standorten weltweit.

    Und dann sind da deutsche Hersteller mit Werken in den USA. Autoexperte Bratzel sagt, es werde günstiger für die BMW- oder Mercedes-Modelle, die in den USA produziert würden. BMW baut dort zum Beispiel die X-Serie, Mercedes die SUV GLS und GLE. Profitiert der europäische Kunde dann von wegfallenden Zöllen? Bratzel ist skeptisch: „Ob die Hersteller die geringeren Kosten weitergeben, ist jedoch fraglich.“

    Dafür könnte etwas anderes eintreten. „Falls das für die EU ungünstige Zollregime längerfristig Bestand hat, könnte sich in den USA ein Export-Geschäftsmodell entwickeln mit negativen Effekten für den europäischen Autostandort“, sagt der Autoexperte. So etwas wie Fertigung der Europäer in den USA und zollfreie Lieferung nach Europa. Er geht allerdings nicht davon aus, dass die für die EU ungünstigen Regeln dauerhaft gelten werden.

  • Weros große Chance

    Für Paypal ist der August 2025 nicht rund gelaufen. Erst landeten zahlreiche Kundendaten im Darknet, jenem Teil des Internets, den vor allem Gauner nutzen. Dann fielen die Sicherheitssysteme beim US-Konzern aus. Deutsche Banken blockierten daraufhin Zahlungen in Milliardenhöhe, um Betrug zu verhindern. Und die Kunden hierzulande, die Paypal sehr gern nutzen, sehen sich nach einer heimischen Alternative um. Das eröffnet ungeahnte Chancen für Wero, einen digitalen Zahlungsdienst aus Europa, der spät gestartet ist, jetzt aber in hohem Maße profitieren könnte.

    Wer mit dem Mobiltelefon an der Supermarktkasse bezahlt, nutzt meist Apple Pay oder Google Pay – Dienste der beiden US-Technologieriesen Apple und Google. Wer mit einer Kreditkarte ein Auto bucht, stützt sich auf Mastercard oder Visa, zwei Finanzriesen aus den USA. Und für Onlinekäufe verwenden besonders die Deutschen am liebsten Paypal. Das Finanzunternehmen sitzt in Kalifornien. Beim Zahlungsverkehr geht nur wenig ohne amerikanische Firmen, vor allem, wenn das Geld über Ländergrenzen fließen soll. Kontrolle haben die europäischen Kunden nicht. Das stört zunehmend, vor allem weil die Wirtschaftspolitik der US-Regierung Amerika über alles stellt und sich wenig um andere schert.

    „Es ist wichtig, dass der Zahlungsverkehr nicht allein von außereuropäischen Plattformen geprägt wird“, sagt Joachim Schmalzl, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV), des Dachverbands aller Sparkassen in Deutschland. „Wer gestalten will, braucht eigene Systeme – gerade in geopolitisch sensiblen Bereichen wie dem Zahlungsverkehr. Nur so bleiben Wettbewerb, Wahlfreiheit und Innovationskraft in Europa erhalten.“

    Schmalzl ist auch Aufsichtsratsvorsitzender von EPI, das hinter Wero steht. Die European Payment Initiative (Europäische Zahlungsinitiative) in Brüssel tragen zahlreiche Banken, darunter der DSGV, die Volksbanken und die Deutsche Bank. Auch die ING Deutschland, ist dabei, ebenso wie die Sparda-Banken. Aus Frankreich unterstützen unter anderem BNP Paribas und Société Générale, aus den Niederlanden ABN Amro. Und seit kurzem gehört auch die Neobank Revolut aus Großbritannien dazu.

    Gestartet ist Wero im Juli 2024. Bisher lässt sich mit der App nur Geld zwischen Privatpersonen hin- und herschicken – grenzübergreifend. Praktisch ist das, wenn zum Beispiel auf der Arbeit Geld gesammelt wird, um einem Kollegen einen Blumenstrauß zum Geburtstag zu schenken. Es lässt sich auch ein Schnäppchen auf dem Flohmarkt im Brüsseler Viertel Marolles bezahlen. Oder dem Straßenmusiker am Montmartre in Paris Geld spenden.

    Mobilnummer der Person, die das Geld bekommen soll, eingeben, Summe eintragen und abschicken. Nach weniger als zehn Sekunden ist das Geld da. Bankdaten preiszugeben, ist nicht nötig. Denn anders als bei einer Überweisung müssen keine Kontonummern oder BIC-Codes eingegeben werden. Alles soll schnell und einfach, aber gleichzeitig sicher laufen. Und zwischen Privatpersonen auch kostenlos.

    Große Marketingkampagnen gab es bisher nicht. Das Angebot scheint dennoch interessant zu sein. „Mehr als 43 Millionen Menschen in Europa nutzen Wero bereits, über eine Million allein bei den Sparkassen“, sagt Schmalzl. „Der Markt ist bereit, der Bedarf ist da, und Europa damit auf dem richtigen Weg.“ Der Name ist ein Kunstwort aus dem englischen We für Wir und Euro.

    Derzeit funktioniert Wero nur in Belgien, Deutschland und Frankreich. 2026 kommen die Niederlande hinzu. Österreich ist auch im Gespräch. Ziel ist, die gesamte Euro-Zone abzudecken. Richtig viele neue Nutzer dürften im Herbst hinzukommen. Dann sollen auch Onlinehändler eingebunden werden. Die sind in der Regel neuen Zahlmöglichkeiten gegenüber aufgeschlossen, das Geschäft wächst auch. Der stationäre Einzelhandel soll später folgen.

    Wero finanziert sich über Gebühren, die in der Regel die Händler tragen. Und die sind sehr sensibel, wenn es um ihre Kosten geht. Offiziell hält sich das EPI zurück, zu hören ist aber, dass es ein konkurrenzfähiges Preismodell geben soll. Im Klartext: Wero wird wohl für die Händler billiger als Kreditkarte oder Paypal. Die Amerikaner erheben im Vergleich zu anderen recht hohe Gebühren. Niedrige Preise dürften helfen, Wero bei Händlern zügig zu verbreiten, was den Zahlungsdienst wiederum interessanter für Privatpersonen macht.

    Paypal, 1998 gestartet und börsennotiert, funktioniert ähnlich wie Wero, allerdings ist das Unternehmen wie ein Vermittler zwischen die Banken von Sender und Empfänger geschaltet. Bei Wero läuft die Überweisung direkt zwischen den Bankkonten. In Deutschland ist das Angebot des US-Konzerns anders als etwa in Frankreich besonders beliebt. 32 Millionen Kunden hat Paypal nach eigenen Angaben in der Bundesrepublik. Der Dienst deckt nach Firmenangaben 110 Länder ab.

    Ist eine Bank bei Wero dabei, lässt sich die Funktion in der entsprechenden Banking-App nutzen. Wer eine solche App nicht nutzt, kann auf die Wero-App zurückgreifen. Nach dem ersten Start erscheint eine Liste mit teilnehmenden Banken. Hier muss man die eigene auswählen, dann führt die App durch die weiteren Schritte. Ist ein Girokonto für die Wero-App freigegeben, muss noch eine Mobilnummer (oder E-Mail-Adresse) mit dem Konto verknüpft werden. Dann kann Geld verschickt werden.

  • Aufblühendes Geschäft

    Die Deutschen lieben einen Strauß Blumen, jede und jeder hat hierzulande allein im vergangenen Jahr im Schnitt 37 Euro für Schnittblumen ausgegeben – insgesamt knapp 3,1 Milliarden Euro. Das rechnet Britta Tröster vor. Sie beobachtet den Markt, sammelt Daten dazu bei der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft AMI. „Doch die klassischen Blumenläden verlieren, auch die Gärtnereien und Anbieter auf den Wochenmärkten.“ Kunden nehmen den Strauß Blumen immer öfter bei ihrem Lebensmittel-Einkauf mit. Es ist ein blühendes Geschäft. Nur: Wer die Sträuße bindet, ist bisher selten beschrieben. Eine kleine Spurensuche.

    In den Eingangsbereichen der Discounter und Supermärkte, auch im Baumarkt, im Möbelhaus an der Tankstelle stehen jetzt im Spätsommer und Herbst Sonnenblumen, Chrysanthemen oder wie das ganze Jahr über Rosen in Plastikeimern. Viele Blumen kommen aus dem Ausland, Rosen zum Beispiel häufig aus Ostafrika. Kenia und Äthiopien gehören zu den Hauptproduzenten. Das Klima ist dort ideal. „Der Anbau in Deutschland geht immer mehr zurück“, sagt Tröster. Die Niederlande sind in Europa das Drehkreuz des Blumenhandels. Dort sitzen viele der großen Händler, die Rosen und andere Blumen importieren und weiter verschicken.

    Die Blumengroßhändler besprechen mit den Einkäufern des Lebensmittelhandels, also etwa mit denen von Edeka, Rewe, Aldi oder Lidl, welche und wie viele Blumen sie als Sträuße oder auch einfachen Bund in ihr Sortiment aufnehmen wollen. Mit Hilfe von Mustersträußen legen sie die Blumensorten, die genaue Zahl der Stiele fest – und den Preis. Das alles wird schon lange vor der Ernte festgelegt. Das Wetter birgt freilich ein Risiko, gut möglich, dass der geplante Verkaufszeitpunkt sich auch mal verschiebt. So erzählen das Leute aus der Branche.

    Den klassischen Blumenläden macht dieser Handel der großen Ketten zu schaffen. Nicola Fink vom Fachverband der Floristen sagt: „Supermärkte können ganz andere Mengen abnehmen. Dann wird es günstiger für sie. Die Floristen gehen morgens auf den Blumengroßmarkt, kaufen dort für den Tag und ihr Geschäft ein. Das ist deutlich teurer im Einkauf, selbst wenn sie – wie es mittlerweile viele auch machen – im Internet bestellen.“ Innerhalb der letzten 25 Jahre hätten knapp 10.000 Floristen ihr Geschäft aufgegeben, darunter sind freilich auch jene, die keine Nachfolger fanden. Blumen sind auch nach wie vor begehrt, werden gekauft – nur woanders. „Viele Kunden gucken auf den Preis“, so Fink.

    „Schnittblumen sind ein Schnelldreher“, sagt Tröster – die empfindliche, da schnelle verblühende Ware muss innerhalb kürzester Zeit verkauft werden. Supermärkte und Discounter seien darauf eingestellt, hätten eine große Zahl an Kunden und Kühlhäuser. Die Sträuße, die sie verkaufen: standardisiert. Manche bestehen nur aus einer Sorte, etwa aus kleinen Röschen, andere sind immer gleich bunt gemischt. Wer macht alle diese Sträuße?

    „Das ist mehr Handarbeit, als wir uns das vorstellen“, sagt Tanja Hippler vom Verein Fairtrade Deutschland, der das Fairtrade-Siegel vergibt, auch für Blumen, die in Supermärkten und Discountern verkauft werden: 44,5 Prozent aller in Deutschland verkauften Rosen tragen mittlerweile das Siegel.

    Es bekommt nur, wer seinen Mitarbeitenden zum Beispiel feste Arbeitsverträge, soziale und gesundheitliche Absicherung, auch Mutterschutz gewährt und bestimmte Umweltstandards einhält. Zudem fließt eine sogenannte Fairtrade-Prämie durch die Verkäufe über den Fairen Handel an die entsprechenden Blumenfarmen, von ihr sollen etwa Kinderkrippen, Schulstipendien, Workshops finanziert werden.

    Hippler war erst vor wenigen Wochen auf Fairtrade zertifizierten Rosenfarmen in Kenia unterwegs. Die Blumen würden geschnitten, in großen Eimern mit einem kleinen Lkw oder schiebbaren Wägelchen in eine kühle Packhalle transportiert. Dort würden Arbeiterinnen und Arbeiter sie dann bündeln und in einer Plastikhülle verpacken. Am Ende kämen – meist werden sie im Flugzeug auf Reisen geschickt – fertige Sträuße in Deutschland an.

    Das ist allerdings nur eine Möglichkeit: die Sträuße per Hand zu machen. Die andere: Maschinen übernehmen. „Zum Teil geht das heute vollautomatisch“, sagt Marktanalystin Tröster. Dann müssten die geschnittenen Blumen nur noch am Rande eines Förderbands in Fächer gelegt werden, pro Fach eine bestimmt Sorte oder Farbe. Die Maschine sei so programmiert, dass aus jedem Fach die gewünschte Blume gezogen, so ein Bündel entstehen würde. Dann komme noch ein Bändchen rundherum und die Verpackung. Die Sträuße müssten zum Schluss nur noch von dem Band genommen werden.

    So kommt Flower-Power in Menge in die Läden. Bei Hochzeiten und Beerdigungen, bei Jubiläen und Firmenfesten, bei großen Dekorationen kämen die Supermärkte und Discounter aber immer noch nicht mit, meint Floristen-Vertretern Fink: „Die Beratung, welche Blumen für welchen Anlass die richtig sein könnten, fällt ja komplett weg.“

  • Strahlende Zukunft

    An der Grenze zu den Niederlanden ist Deutschland eher beschaulich. Gronau, durch das die Dinkel fließt, zum Beispiel, Musikfans vielleicht bekannt als Geburtsort von Udo Lindenberg. Dass die Stadt in Nordrhein-Westfalen auch für die Energieversorgung vieler Staaten wichtig ist, wissen nur Experten. Das Unternehmen Urenco reichert hier in einer der wenigen Anlagen weltweit Uran an, um Brennstoff für Atomkraftwerke zu gewinnen.

    Nur 34 Kilometer Luftlinie entfernt im niedersächsischen Lingen an der Ems liegt der zweite deutsche Hochtechnologie-Standort, ohne den bei vielen Kraftwerksbetreibern nichts geht. Hier stellt ANF, Advanced Nuclear Fuels (etwa: Fortschrittliche Nuklearbrennstoffe), Brennelemente für Reaktoren her. Die Branche ist notorisch verschwiegen, gewährt aber einen kleinen Einblick. Beide Firmen feiern dieses Jahr runde Geburtstage und beide Firmen investieren in großem Umfang in die Werke. Denn die Nachfrage steigt.

    Weil die Technologie zuverlässige Stromproduktion verspricht und kein Klimagas CO2 ausstößt, setzen einige Länder weltweit auf Atomenergie. Sie planen neue Reaktoren klassischen Typs oder wollen sogenannte Small Modular Reactors bauen lassen, kleine, in Massen hergestellte Akw, die dadurch günstig sein sollen. Weltweit sind dem World Nuclear Energy Status Report zufolge 63 Reaktoren im Bau. 408 laufen. Und alle brauchen Brennstoff.

    In einem Atomkraftwerk werden Uranatome gespalten, dabei entsteht Energie. Allerdings eignet sich nur ein bestimmtes Uran-Isotop dafür: U235. Natur-Uran enthält es nur zu etwa einem Prozent, nötig sind meist drei bis fünf Prozent. Um das zu erreichen, wird, sehr vereinfacht, ein uranhaltiges Gas in eine Art Salatschleuder gepackt. Bei der Rotation sammelt sich das etwas leichtere U235 eher in der Mitte, das schwerere, nicht spaltbare Uran-Isotop U238 am Rand. In der echten Produktion sind mehrere Zentrifugen in sogenannten Kaskaden hintereinandergeschaltet. Das angereicherte Uran wird in Urandioxid gewandelt und in graue Pellets gepresst, mit denen Brennelemente hergestellt werden.

    Weil angereichertes Uran auch für Atombomben nutzbar ist, ist die Produktion weltweit begrenzt und streng kontrolliert. Neue Anlagen zu bauen, erfordert nicht nur die Zentrifugen, sondern auch Fachpersonal und Zeit. Alles schwer zu bekommen. Nach Angaben des Weltnuklearverbands gibt es etwas mehr als zehn Fabriken auf der Welt, in denen Uran angereichert wird. Urenco, kurz für Uran Enrichment Company (Urananreicherungsfirma), ist der zweitgrößte Produzent nach der staatlichen russischen Rosatom und vor der chinesischen CNNC – mit vier Standorten: im niederländischen Almelo, im britischen Capenhurst, in Eunice in den USA und eben Gronau.

    Alles begann 1970 als Deutschland, die Niederlande und Großbritannien gemeinsam Urenco gründeten. Sitz ist die Kleinstadt Stoke Poges westlich von London. Der niederländische und der britische Staat halten jeweils ein Drittel der Anteile. Je ein Sechstel gehört den deutschen Konzernen Eon und RWE, die bis zum deutschen Atomausstieg 2023 zahlreiche Akw betrieben. Vor 40 Jahren, im August 1985, begann die Produktion in Gronau. Heute liefert die Anlage jedes Jahr Brennstoff für mehr als 20 Kraftwerke.

    Die spezielle Anreicherungstechnologie wurde in Deutschland entwickelt. Und seit fünf Jahren sitzt in Gronau auch die zentrale Forschung und Entwicklung des Unternehmens, die sich um Innovation und neue Geschäftsfelder bemüht. Unter anderem liefert Urenco auch radioaktive Isotope für die Krebsbehandlung. Hauptgeschäftszweig ist allerdings Akw-Brennstoff.

    Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen zuletzt Aufträge für mehr als 20,1 Milliarden Euro erhalten, ist bis 2040 ausgelastet. 2024 setzte Urenco mit 50 Kunden in 20 Ländern rund 1,9 Milliarden Euro um, schrieb schwarze Zahlen. Konzernchef Boris Schucht blickt optimistisch in die Zukunft. Die Preise für angereichertes Uran steigen seit Jahren. Derzeit steckt Urenco mehr als eine Milliarde Euro in den deutschen Standort, an dem mehr als 400 Beschäftigte arbeiten.

    Das Uran liefern Urencos Kunden, die Firma selbst kauft es nicht. Und so kann es sein, dass auch russisches Uran in den Zentrifugen angereichert wird, weil der Kunde es will. Der Brennstoff unterliegt bisher keinen Sanktionen, die EU wegen des Angriffs auf die Ukraine gegen Russland verhängt haben. Die EU-Kommission denkt aber darüber nach.

    Größter Uranlieferant weltweit ist Kasachstan. Das Land förderte dem Weltnuklearverband zufolge 2022 mit rund 21.000 Tonnen. Das entspricht gut 42 Prozent der gesamten Menge weltweit und ist etwa dreimal so viel wie der Förderung Kanadas, der Nummer zwei. Russland kommt mit 2500 Tonnen auf Rang sechs.

    Und auch Brennelemente sind bisher in der EU nicht sanktioniert. Länder wie Bulgarien, Finnland, Slowakei, Tschechien und Ungarn betreiben Akw russischen Typs, für die eine bestimmte Art sechseckiger Brennelemente nötig ist. Quadratische westeuropäische lassen sich nicht verwenden. Um nicht mehr abhängig von Russland zu sein, bevorzugen die Länder eine europäische Lösung und setzen auf ANF in Lingen, weshalb auch hier investiert wird.

    Das Unternehmen gehört vollständig zum französischen Akw-Konzern Framatome, hinter dem der staatlich kontrollierte französische Energieversorger EDF steht. ANF baut wegen des Bedarfs gerade in Lingen aus. Um die sechseckigen Brennstäbe herstellen zu können, sind spezielle – russische – Maschinen nötig. Und das niedersächsischen Umweltministerium als Aufsichtsbehörde muss die Produktion genehmigen. Der Antrag liegt seit März 2022 bei der Behörde. Noch werde geprüft, sagt ein Sprecher, ein Ergebnis sei nicht abzusehen. Besonders sicherheitspolitisch ist das Thema heikel. Beteiligt am Verfahren sind offenbar mehrere Bundesministerien, die Geheimdienste und der Verfassungsschutz.

    Loslegen könnten sie bei ANF wahrscheinlich. Die Maschinen sind inzwischen angeliefert. Damit keine russischen Staatsbürger in den Sicherheitsbereich von ANF kamen – sie hätten wohl auch nie eine Freigabe erhalten –, schulten die Experten die ANF-Ingenieure in einer Halle außerhalb der Fabrik.

    Aber warum gerade Lingen? Brennelemente herzustellen ist eine sehr spezielle Technologie. Das Werk sei gut für neue und alle Arten von unterschiedlichen Konstruktionen ausgerüstet, heißt es bei Framatome. ANF will auch etwas entwickeln, das sich in Akw verschiedenen Typs verwenden lässt. Weil die Auflagen hoch und das Wissen sehr speziell ist, lässt sich eine Brennelementefabrik nicht einfach irgendwo auf der Welt bauen.

    Und so profitiert Lingen von den Hightech-Jobs im ANF-Werk, das im September 50 wird. Rund 420 Beschäftigte arbeiten dort. Zu Finanzzahlen schweigt sich Framatome aus. Wie zu hören ist, wirft das Werk Gewinn ab.

  • „Wer zu spät einsteigt, verpasst Chancen“

    Innerhalb der EU ist die digitale Brieftasche eines der wichtigsten Projekte. Es soll das Leben deutlich vereinfachen, wenn zum Beispiel der Personalausweis im Smartphone steckt. Wie üblich in der Staatengemeinschaft ist der Weg dahin kompliziert. Jedes Mitgliedsland darf eine eigene Lösung entwickeln. Sie muss aber überall funktionieren. Dänemark und Österreich sind vorn dabei, Deutschland hängt etwas hinterher. Die deutsche Wirtschaft sieht große Chancen. Etwa der Bankenverband, der drängt, die digitale Brieftasche möglichst schnell einzuführen und alle mitzunehmen, wie Hauptgeschäftsführer Heiner Herkenhoff sagt.

    „Die Europäische Digitale Identitäts-Wallet, kurz Eudi-Wallet, ist ein praktischer Begleiter in vielen Lebenslagen“, sagt er. „Sie speichert digitale Nachweise – vom Personalausweis über den Führerschein bis hin zu Zeugnissen oder Bankdaten. Damit lassen sich Behördengänge, Vertragsabschlüsse oder Altersnachweise einfach erledigen – europaweit und ohne lästigen Papierkram.“ Alles sei sicher, gebündelt an einem Ort und jederzeit verfügbar.

    In Deutschland kümmert sich die Bundesagentur für Sprunginnovationen (Sprind) im Auftrag des Bundesinnenministeriums um die digitale Brieftasche. In einem aufwändigen Wettbewerb sind in drei Stufen elf Teams angetreten, um eine Lösung zu erarbeiten. Konzerne wie Google und Samsung haben sich beteiligt. Eingebunden ist auch Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie. Seit Frühjahr gibt es einen Prototypen. Erste Anwendungen sollen im Oktober vorgestellt werden. Der genaue Starttermin ist noch unklar.

    Der Bankenverband macht schon Tempo. Die Wallet sei mehr als eine App, sagt Herkenhoff. Sie brauche ein funktionierendes digitales Ökosystem. Dafür müssten Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft früh an einen Tisch. „Die Erfahrungen mit der E-ID-Funktion des Personalausweises zeigen: Wer zu spät einsteigt, verpasst Chancen.“ Die E-ID besteht seit 2010, jeder Personalausweis ist damit ausgestattet. Ein echter Erfolg ist sie bisher nicht, auch. Die Zahl der Anwendungen steigt wie die Zahl derer, die die Funktion aktiv nutzen, nur langsam.

    Das soll sich aus Sicht Herkenhoffs bei der digitalen Brieftasche nicht wiederholen. „Wir Banken sind schon länger dabei, aber für ein lebendiges Ökosystem brauchen wir auch Behörden, Industrie und Handel. Jetzt ist der Moment, um die Grundlagen zu legen. Je früher alle mitmachen, desto größer ist die Chance, dass die Wallet 2027 als attraktives, alltagstaugliches Angebot startet.“

    Aus Sicht des Verbandes verfolgt die Bundesregierung das Thema tatsächlich auch ernsthaft. „Mit dem neuen Digitalministerium gibt es erstmals eine klare Struktur, die Ressourcen und Zuständigkeiten bündeln“, sagt Herkenhoff. „Jetzt braucht es verlässliche Fahrpläne, klare Verantwortlichkeiten und ausreichend Budget.“

    Die Vorteile sind aus Sicht von Herkenhoff klar: Bürgerinnen und Bürger hätten ein sicheres, digitales und europaweit gültiges Instrument, um ihre Identität nachzuweisen. Unternehmen und Behörden könnten schneller, einfacher und ohne Medienbrüche arbeiten. Und: „Die Wallet kann Verwaltung und Wirtschaft einen kräftigen Digitalisierungsschub geben.“

    Doch es gibt auch Risiken. Offen seien Fragen zu Haftung, technischer Komptabilität und zur Integration in bestehende Systeme, sagt der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands. Klare Regeln und ein abgestimmtes Handeln aller EU-Mitgliedstaaten seien entscheidend. Nationale Sonderwege bremsten die grenzüberschreitende Nutzung nur.

    Warum engagiert sich der Bankenverband bei einem technischen und staatlichen Thema wie der digitalen Brieftasche? „Banken sind ein wichtiger Teil des Identitäts-Ökosystems“, sagt Herkenhoff. „Ob bei der Kreditvergabe oder Kontoeröffnung: Wir müssen Kundinnen und Kunden eindeutig identifizieren. Das ist bisher oft aufwendig.“ Mit der Eudi-Wallet gehe es einfacher, sicherer und mit einem Klick. Außerdem könnten Banken selbst digitale Nachweise ausstellen und in der Wallet hinterlegen, zum Beispiel um eine Kontoverbindung zu bestätigen. „Das spart Kosten, vereinfacht Abläufe und verbessert das Erlebnis unserer Kundinnen und Kunden.“

    Dass die Bundesbürger als eher skeptisch bei neuen digitalen Technologien gelten, ficht Herkenhoff nicht an. „Wir glauben an den Erfolg der digitalen Brieftasche, wenn sie echten Mehrwert bietet“, sagt er. „Wer merkt, dass er vieles schnell, sicher und einfach digital erledigen kann – ohne komplizierten Papierkram – wird sie nutzen. Wichtig, um zu überzeugen: ein breites Angebot, eine möglichst einfache, intuitive Bedienung und gute Information.“

    Bereits heute gibt es Wallets im Smartphone, etwa von Apple, Google und Samsung. Dort können Eintrittskarten, Mitgliedsausweise und Bankkarten für mobiles Bezahlen abgelegt werden, aber keine offiziellen Dokumente. Es geht um Souveränität. Bei den bestehenden Wallets entscheidet nicht der Staat darüber, was gespeichert werden darf, wie es abgelegt wird und wo es benutzt werden kann, sondern ausländische Konzerne.

    Bleibt der Zeitplan. Schafft Deutschland es rechtzeitig? Laut EU-Verordnung müsse die Wallet Ende 2026 stehen, sagt Herkenhoff. „Ich halte es für realistisch, dass wir in Deutschland Anfang 2027 starten – vielleicht zunächst mit einigen ausgewählten Funktionen. Die größere Aufgabe ist, alle Beteiligten früh und reibungslos ins Ökosystem einzubinden.“

  • Heftige Nebenwirkungen

    US-Präsident Donald Trump will die Pharmaindustrie mit weiteren Zöllen überziehen. Dabei haben sich EU und USA gerade auf ein Zollabkommen geeinigt. Deutschland wäre besonders betroffen. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

    Wo verdienen die Pharmaunternehmen ihr Geld?

    Krankheit hält sich nicht an Grenzen. Auch die Pharmaindustrie ist weltweit aufgestellt. Deutsche Unternehmen mischen international mit, nicht nur Konzerne wie Bayer, Boehringer Ingelheim und Merck, sondern auch zahlreiche Mittelständler. Insgesamt hatte der Weltmarkt 2023 ein Volumen von 1,46 Billionen Dollar. Auf die USA entfielen rund 49 Prozent vor China mit gut 7,6 und Deutschland mit etwa 4,7 Prozent Anteil.

    Wie wichtig ist die Pharmabranche für die deutsche Wirtschaft?

    In der deutschen Pharmabranche arbeiteten dem Verband der Chemischen Industrie zufolge direkt mehr als 133.000 Beschäftigte. Ihre Produkte gehören zu den wichtigsten Exportartikeln Deutschlands, nach Autos, Maschinen, chemischen Erzeugnissen und Datenverarbeitungsgeräten. Die Branche produzierte 2024 geschätzt Waren im Wert von rund 36 Milliarden Euro, wie das Statistische Bundesamt berechnete, importierte zudem Stoffe für rund 80 Milliarden Euro.

    Wie wichtig ist der Handel mit den USA für die Branche?

    Insgesamt lieferte Deutschland 2024 Arzneimittel im Wert von rund 116 Milliarden Euro ins Ausland. 23,8 Prozent davon gingen in die USA. Die Vereinigten Staaten sind danach größter Abnehmer deutscher Pharmaprodukte. Für 2024 hat sich der Exportanteil sogar auf 23,8 Prozent erhöht.

    Welche US-Zölle gibt es?

    Grundsätzlich haben sich die EU und die USA auf einen allgemeinen Satz von 15 Prozent Zoll geeinigt. Er gilt auf Waren, die aus der EU in die USA geliefert werden. Er betrifft auch Medikamente. Ausgenommen sind unter anderem Agrarprodukte, Flugzeuge und bestimmte Rohstoffe. Der Zollsatz soll seit 1. August gelten, ist aber noch nicht umgesetzt. Zuvor hatten die USA zehn Prozent erhoben, auf Autos fielen sogar 27,5 Prozent Strafzoll an. Für Stahl und Aluminium gilt weiter ein erhöhter Satz von 50 Prozent.

    Wen treffen die Zölle?

    Alle Produkte, die aus der EU in die USA eingeführt werden, unterliegen den Zöllen. Unerheblich ist, wer sie produziert. Was der Schweizer Hersteller Roche aus seinem Mannheimer Werk liefert, muss ebenso verzollt werden wie Produkte von Bayer aus Berlin oder des US-Herstellers BMS aus Irland.

    Was droht der Pharmaindustrie?

    US-Präsident Trump hat bereits angekündigt, sich die Pharmaindustrie vorzunehmen. Mehreres ist geplant: So will Trump die Zölle auf Medikamente auf bis zu 250 Prozent anheben. Vorgesehen sind einzelne Schritte, um den Unternehmen Zeit zu geben, neue Werke in den USA zu bauen.

    Und sonst?

    Der US-Präsident denkt über eine neue Bester-Preis-Regel für Medikamente nach. Danach soll der international im Vergleich niedrigste Preis eines Arzneimittels dann auch in den USA gelten. Bisher werden die Preise dort frei ausgehandelt. Außerdem sind künftig offenbar Sonderregeln für einzelne Unternehmen möglich. Das können zum Beispiel Zollausnahmen sein, wenn Medikamente als besonders wichtig eingestuft sind.

    Warum hat sich Trump die Pharmaindustrie vorgenommen?

    Der US-Präsident hat möglicherweise mehrere Gründe. Er will die Unternehmen zwingen, wieder mehr in den USA zu produzieren. Zum einen soll das Land wieder Selbstversorger werden, zum anderen erhofft sich Trump neue Arbeitsplätze. Bisher werden viele Standardmedikamente zum Beispiel in Asien hergestellt, weil die Massenfertigung dort optimiert und günstig ist. In Europa und den USA konzentrieren sich die Pharmaunternehmen auf Forschung und besonders innovative, damit auch teure Medikamente.

    Gibt es weitere Gründe?

    Auch Trump sieht, dass die Medikamentenpreise in den USA teils sehr hoch sind. Das Gesundheitssystem dort ist eins der teuersten der Welt. Trump will die Industrie zwingen, weniger zu verlangen. Deshalb will er die Preise regulieren. Das reibt sich mit den Zöllen: Sie dürften die Medikamentenpreise in den USA erst einmal erhöhen. Und auch die Produktion von Medikamenten in den USA ist teurer als anderswo. Und dann ist da wohl noch ein psychologischer Grund: Trump liebt es, Macht zu zeigen.

    Was bedeutet das alles für die Pharmaunternehmen in Deutschland?

    Die Lage ist wie bei vielem, bei dem Trump mitmischt, unklar. Kommen die Zusatzzölle wirklich? Die Ausnahmeregeln? Bisher lässt sich nur eines sagen: Das Geschäft mit den USA wird schwieriger. Die Zölle werden die Produkte hiesiger Unternehmen in den USA verteuern, was das Geschäft schwieriger macht. Ob dann tatsächlich weniger verkauft wird, ist nicht sicher. „Die Nachfrage nach Arzneimitteln, besonders den hochinnovativen Produkten aus Deutschland, wird wenig reagieren“, hieß es beim Verband forschender Arzneimittelhersteller im April. Da waren die konkreten Zölle noch unklar. Und es geht letztlich etwa bei Krebsmitteln um das Leben der Menschen. Auf Medikamente zu verzichten, wäre fahrlässig. Für Firmen ist es zudem schwer, sich aus den USA zurückzuziehen. Der Markt ist riesig, ertragreich und deshalb attraktiv, vor allem für innovative Medikamente, die aufwendig und teuer entwickelt werden. Gleichzeitig sind die Forschungsbedingungen in den USA exzellent. Wie lange noch, ist aber ebenfalls unklar: Trumps Regierung ist die Freiheit der Forschung verdächtig, sie versucht, sie einzuschränken.

  • Dem Luftverkehr fehlt der Schub

    Wie jedes Jahr im Sommer heißt es warten – beim Check-in oder vor den Sicherheitskontrollen. Urlaubszeit! Doch dass es vor allem an den Wochenenden voll ist in Berlin, Frankfurt, Köln-Bonn, Hamburg oder München, täuscht: Insgesamt ist es an deutschen Flughäfen leerer geworden. Zumindest im Vergleich zu der Zeit vor Corona. Während die Fliegerei im Rest Europas durchstartet, können viele deutsche Flughäfen und Anbieter nur zusehen.

    „Wir erleben in Europa einen Boom der Luftfahrt“, sagt Jens Bischoff, Präsident des Luftverkehrsverbands BDL. „Die Nachfrage ist größer als je zuvor.“ Fast jedes Land habe die Pandemie längst abgehakt. „In Deutschland hängen wir zurück.“ Das Wachstum sei gering, sogar fast zum Erliegen gekommen.

    Die Zahl der Passagiere ist im ersten Halbjahr 2025 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 2,8 Prozent auf 99,4 Millionen gestiegen. „In früheren Zeiten hätten wir uns gefreut“, sagt Bischoff. Angesichts eines Plus von 4,5 Prozent im Rest von Europa von einem höheren Niveau ist die Stimmung eher mau.

    Den Aufschwung bremst aus Sicht des BDL vor allem die Bundesregierung. Die staatlich veranlassten Kosten seien in diesem Jahr erneut gestiegen. Da ist zum einen die Luftverkehrssteuer, die pro Flug von und zu einem deutschen Flughafen anfällt. Hinzu kommen Luftsicherungsgebühren und die Kosten der Flugsicherung. Insgesamt sind das Bischoff zufolge für 2015 rund 4,4 Milliarden Euro, 1,1 Milliarden Euro mehr als 2024.

    Eine Luftverkehrssteuer erheben viele europäische Staaten nicht, die Sicherheitsgebühren sind teils deutlich geringer. In einer Übersicht des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums DLR fallen für einen Flug in Frankfurt 4843 Euro an, in Berlin 4233 Euro, in Paris 3416 Euro in Brüssel 3206 Euro, in Madrid 622 Euro und in Istanbul 522 Euro. Die Gefahr aus Sicht des BDL: Ausländische Fluggesellschaften ziehen den deutschen davon. Und der Wirtschaftsstandort D leidet, weil er nicht mehr wie gewohnt mit der Welt verknüpft ist.

    Die Bundesregierung könnte recht einfach einen Boom auslösen, ist Bischoff sicher. Sie müsste die Luftverkehrssteuer abschaffen oder die anderen Gebühren halbieren. „Da lässt sich mit geringen Mitteln Wirtschaftswachstum entfesseln“, sagt der BDL-Präsident. Im Koalitionsvertrag hat Schwarz-Rot einen Schub für die Luftverkehrsbranche festgeschrieben. Bisher ist nichts vorgesehen. „Wir hatten uns große Hoffnungen gemacht“, sagt Bischoff. „Der Luftverkehr finanziert sich komplett selbst über die Ticketpreise. Wir wollen nichts haben, sondern weniger abgeben.“

    Die Branche kalkuliert knapp. Von 100 Euro Umsatz bleiben deutlich weniger als zehn Euro als Gewinn. Die Preise lassen sich anheben, doch die Kunden sind nicht bereit, jeden Preis zu bezahlen. Und so sind viele Flüge aus Sicht der Fluggesellschaften nicht mehr wirtschaftlich. „Mittelgroße Flughäfen sind überproportional betroffen“, sagt Bischoff – Berlin, Düsseldorf, Hannover, Köln, Stuttgart etwa. Und es trifft kleine Flughäfen wie Dresden, Erfurt, Leipzig, die auch vor Corona schon zu kämpfen hatten. Geschäftskunden fahren Bahn oder Auto, der Anteil an allen Flügen ist von 25 auf 20 Prozent gesunken.

    Vor allem die Billigflieger, die zwischen einzelnen Städten fliegen und keine aufwändigen Umsteigeverbindungen anbieten, haben ihre Flugzeuge aus Deutschland abgezogen. Waren 2019 noch 190 Maschinen hierzulande stationiert, sind es 2025 nur noch 130. Die Folgen für die Wirtschaft sind groß. „Jedes Flugzeug ist ein mittelständischer Betrieb“, sagt Bischoff. Es sichere 170 Arbeitsplätze und stehe für eine Wertschöpfung von 70 Millionen Euro. Entsprechend habe Deutschland mehr als 10.000 Arbeitsplätze und mehr als vier Milliarden Euro Wertschöpfung verloren.

    Fluggesellschaften wie Ryanair und Easyjet, die besonders knapp kalkulieren, setzen die Flugzeuge jetzt auf Strecken ein, auf denen sie mehr Geld verdienen können – aber nicht in Deutschland. Beide Unternehmen haben sich aus dem innerdeutschen Geschäft verabschiedet, etwa zwischen Berlin und Stuttgart oder Berlin und Köln-Bonn.

    Wer innerdeutsch fliegen möchte, kann nur noch unter 19 Prozent des Angebots von 2019 wählen. Manche Standorte wie Friedrichshafen am Bodensee sind trotz großer Wirtschaftskraft und zahlreicher Firmen weitgehend abgehängt. Für das erste Halbjahr 2015 ermittelte der BDL gut 120.000 innerdeutsche Flüge, 2019 vor Corona waren es im selben Zeitraum rund 240.000. In Frankreich erreichte der Binnenflugverkehr 73 Prozent des Vor-Corona-Werts, in Großbritannien 87 Prozent, Italien und Spanien liegen deutlich über 100 Prozent.

    Insgesamt boten Fluggesellschaften im ersten Halbjahr in Deutschland 87 Prozent der Sitzplatzzahl an, die im gleichen Zeitraum 2019 gebucht werden konnte. Im Rest von Europa waren es 107 Prozent.

    Auf den Tourismus in Deutschland schlägt die Lage der Luftfahrtindustrie kaum durch. Im ersten Halbjahr jedenfalls buchten Gäste rund 223,3 Millionen Übernachtungen in Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen oder auf Campingplätzen, 0,1 Prozent mehr als im selben Zeitraum 2024 und ein Rekordwert, wie das Statistische Bundesamt berichtet. Vor allem die Bundesbürger selbst reisen vermehrt im eigenen Land. Die Zahl der ausländischen Gäste sank etwas. Im vergangenen Jahr hatte die Fußball-Europameisterschaft zahlreiche Fans nach Deutschland gelockt.