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  • Mehr Bundesbürger überschuldet

    Auf den ersten Blick sieht die Karte aus wie in den vergangenen Jahren. Bayern dunkelgrün mit den wenigsten überschuldeten Menschen, der Rest der Republik heller grün mit rötlichen Flecken für die Städte, in denen besonders viele Rechnungen nicht begleichen können. Doch die zweite Karte im Schuldneratlas 2025 der Auskunftei Creditreform hat es in sich: Sie zeigt, wo binnen eines Jahres die Zahl der Überschuldeten zugenommen hat – bis auf den Norden und Nordosten der Republik überall.

    „Erstmals seit 2018 haben wir wieder mehr Überschuldete registriert“, sagt Patrick-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform. Rund 5,67 Millionen Bundesbürger über 18 Jahren waren am 1. Oktober überschuldet, 111.000 mehr als ein Jahr zuvor. Seit 2018 war die Zahl kontinuierlich gesunken – trotz Euro-Krise, Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg und Inflation. Der Anteil der Zahlungsunfähigen an allen erwachsenen Bundesbürgern, die Überschuldungsquote, betrug 8,16 Prozent.

    „Die finanziellen Reserven vieler Haushalte sind erschöpft“, sagt Bernd Bütow, Creditreform-CEO. „Die Trendwende ist kein Zufall. Sie ist Ausdruck der breiten wirtschaftlichen Ermüdung.“ Auch die Zahl der Firmenpleiten steigt kräftig. Vor allem in der Industrie. Zudem streichen auch große namhafte Unternehmen wegen der anhaltenden Rezession in großem Umfang Personal. Dabei fallen gut bezahlte Stellen weg.

    „Die Überschuldung ist in der gesellschaftlichen Mitte angekommen“, sagt Bütow. Es trifft auch die, die bisher über mehr Geld verfügten und nicht mehr nur diejenigen, die wenig verdienen und wenig haben und deshalb eher in die Gefahr kommen, irgendwann nicht mehr zahlen zu können.

    Gründe für die Überschuldung sind Hantzsch zufolge neben der anhaltenden Rezession nebst Jobverlust besonders höhere Ausgaben für Lebenshaltung, Energie und Wohnen. Das trifft vor allem Ältere, dort ist die Zahl der überschuldeten Menschen deutlich gestiegen. Und auch jüngere Menschen stecken häufiger in finanziellen Problemen. Creditreform-Chef Bütow nennt vor allem Buy now pay later bei Onlinekäufen. Dabei kommt die Ware sofort, muss aber erst später oder in Raten bezahlt werden. Bei dem vor allem bei Jüngeren beliebten Verfahren gehe oft der Überblick über Zahlungsfristen verloren, sagt Bütow.

    Auch ein anderes Phänomen lässt die Experten von einer Trendwende sprechen. Das betrifft die Art der Überschuldung. Laufen Inkassoverfahren gegen jemanden, der nicht zahlt, geht es um weiche Überschuldung, bei Privatinsolvenz handelt es sich um eine harte. Und beide Formen haben zuletzt zugenommen, was in den 22 Jahren, die Creditreform den Schuldneratlas erstellt, bisher nur dreimal vorgekommen ist.

    Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren lässt sich auf der Schuldnerkarte kaum noch ein Unterschied zwischen Ost und West ausmachen. Die Quoten liegen mit 8,13 Prozent (West) und 8,35 Prozent (Ost) fast gleichauf. Und sie haben sich in den vergangenen Jahren angenähert. Während sie im Westen erstmals seit sieben Jahren gestiegen ist, sank sie im Osten zum neunten Mal in Folge. Insgesamt waren Anfang Oktober in Ostdeutschland 880.000 Menschen überschuldet, in Westdeutschland 4,79 Millionen.

    Den niedrigsten Anteil an überschuldeten Menschen hat Bayern mit 6,05 Prozent, vor Baden-Württemberg (6,88 Prozent) und Thüringen (7,44), Hamburg und Hessen (beide 8,15) liegen im Mittelfeld. Am Ende der Liste stehen Berlin (10,01), Sachsen-Anhalt (10,73) und Bremen (12,11). Nur in Mecklenburg-Vorpommern sank die absolute Zahl der Überschuldeten. Den Anstieg vor allem in Bayern und Baden-Württemberg bezeichnete Kommunikationsforscher Rainer Bovelet von Synergie 2, der am Atlas mitgearbeitet hat, als groß.

    Zwischen den 400 Städten und Gemeinden gibt es ebenfalls große Unterschiede. In 276 verzeichnete Creditreform mehr zahlungsunfähige Menschen. Abwärts ging es vor allem bei einigen Städten im Ruhrgebiet, etwa in Essen und Duisburg. Am Ende der Liste finden sich wie jedes Jahr das rheinland-pfälzische Pirmasens (16,86 Prozent), Gelsenkirchen (17,07) und Bremerhaven. Dort kann fast jeder fünfte Rechnungen nicht mehr bezahlen.

    Ganz oben auf der Liste stehen mit Eichstätt (3,66 Prozent), Erlangen-Höchstett (3,85) und Schweinfurt (4,16) drei bayerische Landkreise mit viel Industrie. Eichstätt führt seit langem. „Die Arbeitslosenquote ist sehr niedrig“, sagt Bovelet. Auch gebe wohl es ein anderes Verhältnis zum Geldausgeben. Grundsätzlich sei die Überschuldung auf dem Land seltener als in der Stadt, sagt der Forscher.

    Dass sich auch in kurzer Zeit viel zum Guten wenden kann, beweist Jena. Die Stadt in Thüringen stand vor zwei Jahren noch auf Rang 86 der Liste, in diesem Jahr findet sie sich auf Rang 6 (4,32) – der einzige Ort außerhalb Bayerns in den Top 20. Bovelet spricht von einem Hotspot der Innovation. Jena zieht demnach gut ausgebildete Fachkräfte an.

    Insgesamt stehen die Bundesbürger allerdings immer noch besser da als vor mehr als 20 Jahren. 2004 waren rund 6,54 Millionen Erwachsene bundesweit überschuldet, 871.000 mehr als in diesem Jahr. Bis 2020 schwankte die Zahl, überstieg auch schon mal sieben Millionen, die Überschuldungsquote pendelte um zehn Prozent. Seit Corona besserte sich die Lage – wegen Staatlicher Hilfen und weil die Deutschen ihr Geld zusammenhielten. Das ändert sich gerade wieder.

  • Der Fahrzeugschein wird digital

    Für Deutschland ist es ein großer Schritt: Der Fahrzeugschein wird digital. Die I-Kfz-App dürfte das Papierdokument komplett ablösen. Für die Bundesregierung ist das Projekt so wichtig, dass Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder und Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (beide CDU) es gemeinsam vorstellten. Für die Bundesbürger erleichtert es auf jeden Fall das Leben. Das Dokument wandert ins Mobiltelefon, lässt sich zum Beispiel bei Polizeikontrollen sofort vorzeigen.

    „Wir sind im 21. Jahrhundert angekommen“, sagte Schnieder. Die App sei kostenlos und sicher. Wildberger freute sich, dass die App konsequent vom Nutzer her gedacht sei. Und so wird auch enttäuscht, wer eine digitale Kopie des alten grünlichen Dokuments erwartet. Mehr als den Namen „Fahrzeugschein“ und, dass ähnliche Daten zu sehen sind, hat die App mit der für viele unübersichtlichen analogen Version nicht gemein.

    Einfach auf Knopfdruck und gut lesbar sind Informationen etwa zum Sprit, zu den Abmessungen des Fahrzeugs, zum nächsten Termin für die Hauptuntersuchung zu sehen. Die App erinnere auch rechtzeitig daran, sagte Richard Damm, Präsident des Kraftfahrtbundesamts (KBA) in Flensburg. Er stellte die App im Detail vor. Bei der Behörde liegt das zentrale Register für Fahrzeuge, dass jetzt digitalisiert ist.

    Was ist, wenn jemand anderes mit dem Auto fahren will als die Person, der es gehört? Der digitale Fahrzeugschein lässt sich wie der papierne weitergeben, auch mehrfach. So kann die Tochter, die den Wagen mit nutzt, dauerhaft einen Fahrzeugschein bekommen oder der Nachbar begrenzt für eine Woche. Das geht per Link oder über einen eigens in der App erzeugten QR-Code, den die andere Person mit ihrer App scannen muss.

    Den Fahrzeugschein ins Mobiltelefon zu bekommen, ist einfach: I-Kfz-App herunterladen, starten, hinzufügen auswählen, Kennzeichen eintragen. Um sich auszuweisen, muss man den digitalen Personalausweis ans Telefon halten und die sechsstellige Ausweis-Pin eingeben. Danach zieht sich die App alle Daten zum Fahrzeug aus dem zentralen digitalen Register.

    Wer mehr als ein Fahrzeug hat – Auto, Motorrad oder Lkw – kann auch mehrere Fahrzeugscheine hinterlegen. KBA-Chef Damm kann sich auch vorstellen, dass die App für Mietwagenunternehmen, Werkstätten und bei der Hauptuntersuchung eine größere Rolle spielt. Digitalminister Wildberger spricht von neuen Diensten rund um die App, ohne konkret zu werden.

    Das Bundesverkehrsministerium hat den digitalen Fahrzeugschein gemeinsam mit dem Kraftfahrtbundesamt und der Bundesdruckerei in den vergangenen zwei Jahren entwickelt. Die Testphase mit 7500 Nutzern startete im April 2025. Insgesamt hat das Projekt zwölf Millionen Euro gekostet. Nicht allein für die App. „Alles muss digitalisiert werden“, sagt Wildberger. Das verschlanke die Prozesse, die gerade im analogen Umfeld viel Geld kosteten – also weniger Papierkram. „Behördengänge fallen weg, Änderungen werden automatisch im Register gespeichert“, ergänzt KBA-Chef Damm.

    Als nächstes will das Verkehrsministerium es möglich machen, dass Fahrzeuge online zentral beim KBA zugelassen werden können und nicht mehr bei einer der mehr als 400 Zulassungsstellen. Und der Führerschein wird digitalisiert. Der „Lappen“ soll in die geplante staatliche Brieftasche Eudi-Wallet im Mobiltelefon gesteckt werden. Sie wird gerade als ein Projekt der Bundesagentur für Sprunginnovationen (Sprind) entwickelt. Dort soll der Personalausweis digital abgelegt werden. Womöglich landet dort dann auch der Fahrzeugschein. Die Wallet ist für Ende 2026 geplant.

  • Strahlende Zukunft im Küstenwald

    Sandstrand, kilometerweit. Normalerweise lässt sich hier entspannt auf die Ostsee blicken, während der Wind durch die nahen Birken und Kiefern streift. Zuletzt allerdings störten Motorsägen die Idylle und auch Baumaschinen sind derzeit häufiger unterwegs im Küstenwald von Słaiszewo. 70 Kilometer nordwestlich von Danzig. Gebaut wird an der Zukunft der polnischen Energieversorgung: ein Atomkraftwerk.

    Während Deutschland 2023 ausgestiegen ist, setzt Polen auch auf Kernenergie, um seine Klimaziele zu erreichen. Noch stammen 60 Prozent des Stroms aus Kohle, die als besonderes klimaschädlich gilt. Um das Land im großen Stil verlässlich mit Energie zu versorgen, sollen zwei Kraftwerke insgesamt sechs bis neun Gigawatt Strom liefern.

    Für die erste Anlage mit drei Reaktorblöcken sind die Bäume gefällt, vorbereitende Arbeiten, bevor es 2028 richtig losgeht. Den ersten Strom will das staatliche Unternehmen PEJ 2036 liefern.

    Die Anlage wird eine Fläche von 200 Hektar einnehmen, rund 280 Fußballfelder. Vom Strand aus soll wenig zu sehen sein. Gut 200 Meter Wald schirmten die Anlage ab, heißt es. Allerdings wird ein 1,1 Kilometer langer Anleger die Idylle zerschneiden. Über ihn soll Material zur Baustelle geschafft werden.

    Bisher lebt die dünnbesiedelte Region vor allem vom Tourismus. Künftig profitiert sie auch von den bis zu 8000 Beschäftigten, die zum Bau nötig sind. PEJ schätzt, dass für jeden von ihnen drei bis fünf Jobs außerhalb der Baustelle entstehen. Schließlich müssen die Beschäftigten versorgt werden. Der erhoffte wirtschaftliche Schub war einer der Gründe, warum sich 67 Prozent der Bevölkerung für das Kraftwerk ausgesprochen hat. In Großbritannien hat die Baustelle des Akw Hinkley Point C der Region ebenfalls einen Aufschwung beschert.

    Polen ist mit dem Schwenk zu Atomenergie nicht allein in Europa, aber vergleichsweise weit. Tschechien etwa will zwei neue Reaktoren zum bestehenden Kraftwerkspark bauen. Die Niederlande planen ebenfalls zwei Neubauten. Auch soll das einzige Akw länger laufen. Belgien denkt über eine neue Anlage nach und darüber, die noch nicht abgeschalteten drei am Netz zu lassen.

    An der polnischen Küste wird der US-Generalunternehmer Bechtel drei Reaktoren des US-Unternehmens Westinghouse mit jeweils 1,25 Gigawatt Leistung errichten. Das Kraftwerk entsteht weit entfernt von den industriellen Zentren und großen Städten Polens, weil es hier reichlich Meerwasser zum Kühlen gibt. Es soll über Tunnel unter der Meeresoberfläche angesaugt und auch wieder abgegeben werden.

    Vorgesehen sind neue Straßen und Bahnstrecken, die nicht nur das Kraftwerk, sondern auch die Ortschaften besser anbinden. Die Kosten dafür sind in den geschätzten Gesamtausgaben des Kraftwerks von bis zu 47 Milliarden Euro nicht enthalten. Die Anlage im Küstenwald kann theoretisch zwölf der 14,7 Millionen polnischen Haushalte mit Strom versorgen.

    Es ist nicht der erste Versuch des Landes, in die Nuklearenergie einzusteigen. Anfang der 80er Jahre begann der Bau eines Kraftwerks im nahen Kartoszyno mit Reaktorblöcken russischen Typs. Die Anlage sollte insgesamt 1,6 Gigawatt Leistung haben. Mit der Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 änderte sich dann die Politik. 1989 stoppte die Regierung den Bau. Seither rotten die Betonruinen vor sich hin.

    Ob 20 Kilometer Luftlinie entfernt das neue Kraftwerk tatsächlich 2036 ans Netz geht, ist unklar. Neugebaute Akw in Europa lagen bisher immer hinter dem Zeitplan und verteuerten sich kräftig. Bei Olkiluoto-3 in Finnland waren 16,6 Jahre vom ersten Spatenstich bis zur Stromlieferung nötig, geplant waren 4,2 Jahre. Der Doppelreaktor in Hinkley Point sollte 2023 nach zehn Jahren Bauzeit ans Netz, derzeit wird um 2030 angepeilt. Flamanville-3 in Frankreich wurde 2024 zwölf Jahre später als geplant hochgefahren.

    Hinkley Point C hat einen Leistung von 3,2 Gigawatt. Die Kosten sind derzeit mit 54 Milliarden Euro angegeben, geplant waren 19 Milliarden Euro. Olkiluoto-3 (1,6 Gigawatt Leistung) kostete rund elf statt 4,5 Milliarden Euro. Flamanville-3 in Frankreich (EdF) 23,7 statt 3,3 Milliarden Euro.

    Auch die Finanzierung der drei polnischen Reaktorblöcke in Słaiszewo ist noch nicht ganz sicher. Der Staat stellt rund 15 Milliarden Euro Milliarden Euro bereit, das entspricht etwa 30 Prozent der geplanten Baukosten. Der Rest soll über Kredite finanziert werden, für die der Staat in Teilen bürgen will – also der polnische Steuerzahler.

    Neben der Anlage an der Ostsee plant Polen noch ein weiteres Kraftwerk mit drei Blöcken 100 Kilometer von Łódź entfernt. Außerdem ist das Land offen für neuartige kleine, in Masse gefertigte Reaktoren, die dadurch besonders günstig sein sollen, sogenannte SMR (small modular reactors). Orlen Syntheo Green Energy will Anlagen von GE Hitachi bauen. Das japanisch-amerikanische Unternehmens liefert im Prinzip geschrumpfte Standardreaktoren mit bis zu 300 Megawatt Leistung.

    Acht Kilometer entfernt von der Akw-Baustelle entstand zuletzt ein anderer Teil von Polens Energiewende: Hinter dem Küstenwald enden die Unterseekabel von Windparks in der Ostsee. Derzeit machen erneuerbare Energien rund 30 Prozent des Strommixes aus. Wären beide Akw schon fertig, lieferten sie weitere bis zu 40 Prozent. Soweit die Theorie. Jetzt muss ernsthaft gebaut werden. Und was noch fehlt, ist ein Endlager.

  • Zu kurz gedacht

    Polen macht sich daran, in die Atomenergie einzusteigen. Küstenwald an der Ostsee ist gerodet, alles wird für den Baustart vorbereitet. Das Land will aus der Kohle aussteigen, setzt auf mehr Energiesicherheit. Zwei Atomkraftwerke sollen eine Art stabile, klimaneutrale Grundversorgung liefern. Politisch mag das gut klingen, wirtschaftlich ist das Konzept viel zu kurz gedacht.

    Zum einen ist es äußerst teuer, wie an den drei zuletzt gebauten Atomkraftwerken in Europa zu sehen ist. Sie kosten mehrere Milliarden mehr als geplant. Und dass, obwohl die Bauunternehmen Erfahrung haben. Immerhin setzt Polen anders als Finnland, Frankreich und Großbritannien auf erprobte Standardkraftwerke.

    Zum anderen hakt es derzeit mit der Finanzierung. 70 Prozent der Kosten sollen über Kredite gedeckt werden, aber der Staat muss bürgen. Letztlich zahlt der polnische Steuerzahler die Kredite tragen. Und er wird auch mehr für Strom bezahlen als nötig, denn Atomstrom ist teurer ist als Strom aus anderen Quellen. Dann ist der Zeitplan sportlich. Auch hier zeigt die Erfahrung aus Finnland, Frankreich und Großbritannien: Bis Strom fließt, dauert es mehrere Jahre länger als versprochen.

    Was am schwersten wiegt: Wie bei allen Projekten dieser Art liefern die Atombefürworter keine Lösung für den Atommüll, der anfällt. Das Konzept in Polen steht noch aus, ein Endlager ist in weiter Ferne. Erst einmal soll am Akw gelagert werden. Auch in Polen verschieben die Atombefürworter das Problem auf die nächsten Generationen. Im Zweifel soll es der technische Fortschritt richten. Auf den warten allerdings alle Atomnationen seit Jahrzehnten.

  • Es braucht Kompromisse – und eine gute Portion Optimismus

    Zahlreiche Absichtserklärungen haben die Erderwärmung bislang nicht stoppen können. Kann der am Montag in Brasilien gestartete 30. Weltklimagipfel die Wende bringen?

    https://www.das-parlament.de/wirtschaft/klimaschutz/es-braucht-kompromisse-und-eine-gute-portion-optimismus

  • 36 Monate für die Kreditwürdigkeit

    Es geht letztlich um sehr viel Geld. An diesem Donnerstag verhandelt der Bundesgerichtshof, wie lange etwa Auskunfteien wie die Schufa bestimmte Einträge zur Zahlungsfähigkeit speichern dürfen. Direkte Folgen hat das Urteil für 564.000 Menschen. Doch was die Richter in Karlsruhe entscheiden, trifft womöglich alle Deutschen. Kredite könnten deutlich teurer werden.

    Wer zum Beispiel ein Sofa gekauft hat und nicht bezahlt oder den Telefonvertrag nicht mehr bedient, wird in der Regel mehrmals gemahnt. Wenn immer noch kein Geld kommt, können Verkäufer oder Vermieter einen sogenannten Schuldtitel erwirken. Die Auskunfteien nennen das offene Zahlungsstörung. Wer einen solchen Eintrag etwa bei der Schufa hat, gilt als nicht kreditwürdig. Wer seine Schulden zuletzt dennoch begleicht, wird mit einer „erledigten Zahlungsstörung“ vermerkt. Dieser Hinweis wird derzeit in der Regel 36 Monate gespeichert.

    Immer wieder klagen Verbraucher gegen die Schufa wegen dieser Speicherfristen. Schließlich, so ihr Argument, haben sie doch bezahlt. Die Mehrheit der Fälle hat die Auskunftei nach eigenen Angaben gewonnen. Einige Gerichte allerdings sehen die Speicherdauer kritisch. So urteilte das Oberlandesgericht Köln in einem Fall, dass der Schufa gemeldete Zahlungsstörungen sofort gelöscht werden müssen, wenn sie erledigt sind. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Denn die Schufa will es vor dem Bundesgerichtshof überprüfen lassen. Am Donnerstag wird der Fall verhandelt. Unklar ist, ob die Richter dann schon urteilen.

    Die Folgen könnten tiefgreifend sein. Zunächst einmal können sich jene 564.000 Menschen freuen, die bei der Schufa ausschließlich den Eintrag „erledigte Zahlungsstörung“ haben. Ihr Score, der angibt, wie kreditwürdig sie sind, verbessert sich auf einen Schlag deutlich. Sie könnten leichter zum Beispiel einen Kredit bekommen.

    Solche Scores berechnen die Experten bei der Schufa aus vielen verschiedenen Informationen, etwa dem Alter des Girokontos, der Zahl der Kreditkarten, ob es einen Immobilienkredit gibt. Insgesamt fließen mehr als 250 Einzelkriterien in die 55 Scores ein. Mit Abstand wichtigste Information ist nach eigenen Angaben die erledigte Zahlungsstörung. Denn wer erst im allerletzten Moment noch gezahlt hat, hat statistisch gesehen ein zehn Mal größeres Risiko, etwa einen neuen Kredit nicht zu bedienen.

    Ohne das Kriterium können die Auskunfteien die Kreditwürdigkeit einzelner nicht mehr so gut einschätzen. Und Banken, die den Banken-Score der Schufa – praktisch das Maß der Dinge in der Branche – berücksichtigen, wenn sie über einen Kredit entscheiden, haben ein höheres Ausfallrisiko. Die Schufa vermutet, dass Banken und Sparkassen deswegen vermutlich höhere Zinsen nehmen und weniger Kredite vergeben werden. Das beträfe alle, die sich Geld bei der Bank leihen wollten.

    Bis 2018 war im Bundesdatenschutzgesetz klar geregelt, wie lange die „erledigte Zahlungsstörung“ gespeichert werden darf: 36 Monate. Die Datenschutzgrundverordnung löste das Gesetz 2018 in Teilen ab. Sie ist allgemein übergeordnet, lässt aber zu, Konkretes zu vereinbaren. Die Auskunfteien gaben sich daraufhin einen Verhaltenskodex, den die Datenschützer für gut befanden und den der zuständige hessische Datenschutzbeauftragte genehmigte. Darin sind 36 Monate als Speicherfrist festgelegt – mit einer Ausnahme: Ist der Zahlungsausfall einmalig und das ausstehende Geld binnen 100 Tagen gezahlt, wird der Eintrag nach 18 Monaten gelöscht. Weil der Kodex kein Gesetz ist, besteht offenbar Klärungsbedarf.

    Auch in anderen EU-Staaten speichern Auskunfteien Informationen zu erledigten Zahlungsstörungen. In Schweden und Österreich sind 36 Monate möglich, in den Niederlanden sogar 60 Monate. 58 Prozent der Auskunfteien in Europa haben die Information drei Jahre und länger gespeichert, wie ihr Dachverband ermittelt hat.

    Die Schufa ist die größte und wichtigste Auskunftei Deutschlands. Sie hat etwa 1,1 Millionen Informationen von 6,5 Millionen Firmen und rund 69 Millionen Bundesbürgern gesammelt. Nach eigenen Angaben sind für mehr als 90 Prozent davon ausschließlich positive Informationen gespeichert. Täglich erreichen die Schufa rund 340.000 Anfragen von Firmen, die einschätzen wollen, ob sie Geschäft mit einer Kundin oder einem Kunden machen wollen.

    Die Schufa wurde 1927 als Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung gegründet. Sie gehört zu jeweils mehr als einem Viertel den Genossenschaftsbanken und den Sparkassen. Den Rest halten vor allem Geschäftsbanken. Das Wiesbadener Unternehmen beschäftigt mehr als 1000 Mitarbeiter und setzte 2024 rund 289 Millionen Euro um.

  • Wo ein Endlager möglich ist

    Langsam ergibt sich ein klares Bild. Seit Jahren arbeiten sich die Experten der Bundesgesellschaft für Endlagerung durch Deutschlands Untergrund. Sie suchen einen geeigneten Ort, um den hiesigen Atommüll sicher unterzubringen. Jetzt hat das Unternehmen einen Zwischenstand vorgelegt. Weite Teile der Bundesrepublik sind danach ungeeignet. Und es zeichnen sich ein paar Kandidaten ab.

    Die aktuelle Deutschland-Karte sieht etwas verwirrend aus, schon weil sie auch den Meeresboden im deutschen Hoheitsgebiet mit einbezieht. Zudem sind weite Teile gelb und orange eingefärbt, es gibt große graue Flächen und ein paar blaue Gebiete. Gelb und Orange stehen für „ungeeignet“, grau für „noch zu prüfen“ – etwa ein Viertel des Staatsgebiets. Blaue Flächen sollten genauer betrachtet werden. Hier könnte womöglich ein Endlager entstehen.

    Blau sind einige Gebiete rund um Hannover und im Harz, im Thüringer Becken nördlich von Erfurt, im Erzgebirge an der tschechischen Grenze im bayerischen Wald. Ulm und Teile der schwäbischen Alb sind dabei, zwei große Gebiete im Schwarzwald, ein Streifen östlich von Heidelberg.

    Derzeit ist vor allem Norddeutschland noch grau, was technische Gründe hat. Die Geologen prüften erst jene Daten, die bereits vorlagen. Die norddeutschen Daten mussten erst umfangreich digitalisiert werden. „Wir gehen streng wissenschaftlich vor“, sagt Iris Graffunder, Vorsitzende der Geschäftsführung der Bundesgesellschaft für Endlagerung im niedersächsischen Peine. Die Geologen der BGE arbeiten am Schreibtisch, prüfen, was bisher über den deutschen Untergrund bekannt ist.

    Kein Endlager ist möglich, wenn es Risse gibt, kein geeignetes Gestein vorhanden ist oder sich etwa Vulkanausbrüche nicht ausschließen lassen. Schließlich soll das Endlager eine Million Jahre sicher überdauern. Das ist zumindest der Anspruch. „Je gleichmäßiger und langweiliger das Gestein, desto geeigneter“, sagt die BGE-Chefin.

    Graffunder verspricht, dass es Mitte 2026 keine grauen Zonen mehr gibt. Dann dürfte feststehen, wo in Deutschland ein Endlager grundsätzlich möglich ist. „Bis Ende 2027 werden wir konkrete Regionen vorschlagen, die wir für ein Endlager geeignet halten und weiter erkunden wollen“, sagt sie. Bevor es weitergeht, muss die Aufsichtsbehörde in Berlin die Ergebnisse prüfen. Letztlich entscheidet der Bundestag dann, wo genau weiter untersucht wird.

    Ohnehin eigneten sich nur 54 Prozent der Landesfläche überhaupt, überall dort, wo es Tongestein, Steinsalz oder Granit im Untergrund gibt. Im Westen, Süden und Nordosten Deutschlands fielen große Gebiete deshalb aus, etwa das Saarland. Jetzt ist auch Rheinland-Pfalz offiziell kein guter Ort für ein Endlager. Die Gebiete südlich von Mainz haben die Geologen verworfen.

    Wie geht es weiter? Hat das Parlament nach 2027 entschieden, welche Gebiete weiter untersucht werden sollen, sind erst einmal oberirdische Tests vorgesehen, die die Gebiete weiter einengen. Schallmessungen zum Beispiel, die neue Daten bringen. Später sollen an ausgewählten Standorten Testbergwerke gebaut werden. Parallel sind zahlreiche Bürgeranhörungen vorgesehen. Nach aktuellem Plan gibt es möglicherweise 2070 einen Endlagerstandort, der ausgebaut werden muss.

    Graffunder und das BGE wollen das Verfahren beschleunigen. Sie haben bereits vorgeschlagen, auf die teuren und aufwändigen Bergwerke zu verzichten und das Gesetz zur Standortsuche entsprechend anzupassen. Dann könnte bereits 2046 feststehen, wo Deutschland seinen Atommüll unterbringt. Bisher lagern die abgebrannten Brennstäbe in Hallen an den ehemaligen Standorten der Atomkraftwerke, im nordrhein-westfälischen Ahaus und im niedersächsischen Gorleben.

  • Stromtrassen so gut wie fertig

    16 Jahre nach Planungsbeginn sind nun alle großen Nord-Süd-Stromleitungen komplett genehmigt – und bald hoffentlich auch in Betrieb.

    Es geht voran. Die vier wichtigen Nord-Süd-Stromtrassen sind jetzt vollständig genehmigt. Das teilte die Bundesnetzagentur am Freitag mit. Gerade hat sie den Plan für das letzte Stück zwischen Koblenz und Hofheim am Taunus freigegeben. Bis die Höchstspannungsleitungen funktionieren, dauert es aber noch etwas.

    Die dicken Stromkabel dienen dazu, vor allem Windenergie aus Nord- und Ostdeutschland in die Industriezentren der südlichen Bundesländer zu befördern. Teilweise hängen sie an Masten, über weite Strecken werden sie aber im Boden verlegt. Es geht um vier Strecken, die in Niedersachen, Schleswig-Holstein und Sachsen Anhalt beginnen. Sie heißen A-Nord, Ultranet, Südlink und Südostlink. Die Endpunkte liegen in Bayern und Baden-Württemberg.

    Der ganze Prozess begann vor gut 16 Jahren. Damals regierte noch das erste Kabinett von Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Der Umweltminister hieß Sigmar Gabriel (SPD). 2009 beschloss der Bundestag das Gesetz zum Ausbau von Energieleitungen. Denn es stellte allmählich ein Problem dar, dass die neuen Ökokraftwerke der Energiewende vor allem im Norden errichtet wurden, während im Süden die Abschaltung der großen alten Atom- und Kohlekraftwerke bevorstand. Wie sollten die Auto- und Maschinenbauindustrie um München und Stuttgart Elektrizität erhalten?

    Augenblicklich wird also an vielen Stellen gebaut. Ultranet, deren letzter Teil jetzt die Genehmigung bekam, werde Ende 2026 fertig, sagte Klaus Müller, der Präsident der Netzagentur. Nach den Plänen sollen alle vier Trassen bis 2028 in Betrieb gehen. Wenn das klappt, hat der Prozess 19 Jahre gedauert.

    Zwischendurch gab es unendliches Hin und Her und komplizierte Diskussionen. Lange Zeit ging wenig voran, unter anderem weil sich Bürgerinitiativen gegen die hohen Masten wehrten, die ihrer Ansicht nach die Landschaft verschandelten. So begann die Politik, über Erdkabel nachzudenken. Diese kosten allerdings mehr. Daran entzündete sich die Kritik, dass Ökostrom zu teuer sei. Bauern beschwerten sich, ihre Felder würden durch Kabel unter der Erde erwärmt.

    Auch frühere Landesregierungen der CDU in Baden-Württemberg und der CSU in Bayern spielten nicht mit. Sie lehnten Windräder im schönen Voralpenland ebenso ab wie neue Stromleitungen. Lieber wollten sie die fossilen und atomaren Kraftwerke behalten. Zu den Blockierern gehörten zeitweise auch Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer und seine Wirtschaftsministerin Ilse Aigner. Seehofers Nachfolger Markus Söder hat die Zeichen der Zeit inzwischen aber erkannt, jedenfalls momentan. „Wir haben in Bayern Energiehunger“, sagte er kürzlich, als der Bau eines Südlink-Abschnitts in seinem Bundesland begann.

    Dass die Vorhaben mit der Zeit schneller voranschritten, hat mehrere Gründe. Einerseits wurde die Bürgerbeteiligung verbessert, wodurch Proteste abnahmen. Andererseits hat man die Planungsverfahren aufgeräumt. Für die Genehmigung der großen Nord-Süd-Trassen ist zum Beispiel die Netzagentur zentral zuständig. Früher lag die Verantwortung bei den Behörden einzelner Bundesländer, was immer wieder zu Problemen an den Landesgrenzen führte.

  • Lieber Museum als Bergbau

    Lithium-Projekt im Erzgebirge

    Das Erzgebirge in Sachsen heißt nicht umsonst so. Bis kurz nach der Wiedervereinigung hievte der Förderturm aus rötlichem Stahl Zinn-Erz ans Tageslicht. Im nahen Museum kann man sich anschauen, wie hier Bergleute schon vor 500 Jahren Erzbrocken aus dem Fels hämmerten. Ein Schaukasten zeigt eine Flasche hochprozentigen Alkohols, der die Arbeit erträglich machen sollte.

    „Die jahrhundertealte Bergbau-Tradition ist hier positiv besetzt“, sagt Marko Uhlig. Die Einheimischen betrachteten diese Geschichte als ihre. Bergwerksspezialist Uhlig – ganz kurze graue Haare, blaues Poloshirt – sitzt er in seinem Büro, überragt vom alten Förderturm. In Stahlregalen hinter ihm stapeln sich Bodenproben aus der Umgebung. Uhligs Plan: Die Tradition fortsetzen, eine neue Mine eröffnen und das Metall fördern, das heute als Schlüsselrohstoff für die Energiewende und technischen Fortschritt gebraucht wird – Lithium. Eingebaut in jegliche Akkus, ob groß wie Autobatterien oder klein und schmal für Smartphones, ist das leichte Metall unerlässlich. Jedoch lösen alter Bergbau und neuer Bergbau, das muss Uhlig immer wieder feststellen, unterschiedliche Reaktionen aus.

    Turm, Museum und Büro stehen im Städtchen Altenberg, fast auf dem Kamm des Erzgebirges, südlich von Dresden, nahe der tschechischen Grenze. In den Gesteinsschichten unter dem Ortsteil Zinnwald liegt nach Angaben von Uhligs Firma, „eines der größten Lithium-Vorkommen Europas“. Es soll für bis zu einer Million Elektroauto-Batterien jährlich reichen, jahrzehntelang. In einem unterirdischen Tunnel würde künftig das Erz zum neun Kilometer entfernten Dorf Liebenau transportiert, wo unweit der Autobahn eine Aufbereitungsanlage und Abraumhalde entstünden. 400 direkte und über 1.000 indirekte Arbeitsplätze stellt das Unternehmen in Aussicht. Die örtliche Zinnwald Lithium GmbH, die Uhlig als Geschäftsführer leitet, gehört einer gleichnamigen Gesellschaft an der Londoner Börse, wo sie etwa eine Milliarde Euro Investitionskapital von Investoren beschaffen will.

    Malte Eismann betrachtet den geplanten Bergbau, die Chemiefabrik, die Halde und den zu erwartenden Lkw-Verkehr als grundsätzlichen Angriff auf seine „Arbeit als Berufsimker“. Deshalb engagiert er sich in einer Bürgerinitiative. Aus dem Münsterland stammend, später in Berlin ansässig, ist er vor fünf Jahren ins Erzgebirge gezogen. „Eine geilere Honig-Qualität gibt es nicht“, begründet er. Am Küchentisch dreht er sich eine Zigarette, da lenkt etwas seine Aufmerksamkeit ab. Einige Bienen fliegen herein – das sollen sie nicht. Eismann springt auf, greift sie mit Daumen und Zeigefinger, befördert sie nach draußen, schließt das Fenster.

    Hat der jahrhundertelange Bergbau dem Erzgebirge früher nicht auch Reichtum gebracht, und wäre er nicht heute wieder eine Chance? „Wir haben hier Vollbeschäftigung“, antwortet der Imker. Wobei das nicht ganz stimmt: Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge liegt die Arbeitslosigkeit bei 5,5 Prozent, rund 7.000 Personen suchten im Juli 2025 eine bezahlte Tätigkeit. Wenn schon neue Jobs, dann nicht in der „Schwerindustrie“, sondern bitte im „sanften Tourismus im Einklang mit der noch erhaltenen Natur“, sagt Eismann. Die Region habe einen Wandel vom Bergbau zum Tourismus durchgemacht – „mit viel Fördergeld. Das war anstrengend, und wir möchten nicht, dass die nächste Generation das erneut durchleben muss.“

    Auch ein weiteres Versprechen will Eismann gleich aus dem Weg räumen: „Das Geld wird abfließen, es bleibt nicht hier.“ Damit meint er zum Beispiel, dass Zinnwald Lithium ihre Investitionskosten sicherlich mit potenziellen Gewinnen verrechne, so dass für Altenberg und seine Bürger keine Gewerbesteuer übrigbleibe. Und entstünden schließlich doch Gewinne, so werde die Mutterfirma sie garantiert nach London umleiten, befürchtet der Aktivist.

    Tritt man bei Imker Eismann vor die Türe, sind an diesem sonnigen, warmen Wochentag keine Zivilisationsgeräusche zu hören. Blühende Büsche und viele Blumen stehen in den Gärten. Tiefe Täler, steile Straßen – ideal für Radler:innen mit dicken Waden. Protestplakate stehen auf Wiesen, zum Beispiel in Liebenau, dem Ortsteil von Altenberg, wo die Fabrik gebaut werden soll: „Für unsere Heimat! Keine Lithium-Aufbereitungsanlage, keine Abraumhalde!“ Auf der anderen Seite der Straße findet sich dieses: „Nein zum Kita Aus“. Neben dem Schriftzug auf hellem Tuch sind die bunten Umrisse von Kinderhänden aufgemalt. Zwischen beiden Botschaften herrscht ein Spannungsverhältnis.

    Denn Altenberg ist hoch verschuldet, für viele öffentliche Einrichtungen fehlt Geld, auch für Kindertagesstätten. Über einen neuen Gewerbesteuer-Einzahler würde sich André Barth deshalb freuen. Andererseits gibt der amtierende Bürgermeister zu bedenken: Touristen müssten auf dem Weg später erstmal an der entstehenden Abraumhalde vorbei. Kein guter Start in die Sommerfrische oder den Skiurlaub.

    Barth macht Politik für die AfD, auch als Abgeordneter des Landtages in Dresden. Die Rechtsextremisten haben den Wahlkreis Osterzgebirge bei der Bundestagswahl 2025 mit 47 Prozent der Erststimmen gewonnen. Beim Lithium-Projekt verhält sich die Partei neutral. Die sächsische Landesregierung aus CDU und SPD unterstützt das Industrie-Vorhaben. Ex-SPD-Kanzler Olaf Scholz hat mehrmals freundliche Besuche abgestattet. Eindeutige Ablehnung äußert hingegen der Umweltverband Grüne Liga, auch die sächsischen Grünen sind überwiegend kritisch.

    Viele Einheimische lehnen das Industrievorhaben ebenfalls ab, im Dorf Liebenau fast alle, wie kürzlich eine Umfrage ergab. An diesem Nachmittag im August treffen sich 30 Leute im Schützenheim unter Hirschgeweihen. Christian Lehnert erklärt den Anwesenden die Pläne. Früher Pfarrer im nahen Müglitztal, später Theologe an der Uni Leipzig, wohnt er ein paar hundert Meter von Liebenau entfernt. Würden die Aufbereitungsanlage und die Abraumhalde tatsächlich hier errichtet, „entvölkere“ sich das Dorf mit der Zeit, prophezeit Lehnert. „Welche junge Familie will neben einer Chemiefabrik leben?“

    Der entscheidende Punkt, der Gegenwehr auslöse, betont Lehnert, sei „die Dimension der Industrieanlage“. Millionen Tonnen Gestein müssten jährlich zerkleinert und chemisch behandelt werden. Die Produktion benötige so viel Wasser, dass es den Einheimischen fehlen werde. Manche Siedlung sei in ihrer Existenz gefährdet, wenn der Grundwasserspiegel sinke und die Brunnen austrockneten. Die Abraumhalde erreiche eine Höhe von 60 Metern, vergleichbar mit einem Wohnhaus von etwa 20 Stockwerken. Und zehntausende Schwerlaster störten die Ruhe, besonders in der Bauphase des Bergwerks. Dabei habe das Osterzgebirge „seit 30 Jahren eine kulturelle Prägung für Erholung, Sport und Kur“ entwickelt, sagt Lehnert.

    Haben die möglichen Vorteile gar kein Gewicht? Die Einnahmen der Gemeinde, Geld für die Kitas, Arbeitsplätze und Einkommen für die Privathaushalte? Der Kritiker berichtet, dass örtliche Gewerbetreibende sich eher Sorgen machten, der neue Bergbau nähme ihnen die sowieso knappen Arbeitskräfte weg. Insgesamt findet der Theologe die geplante „profitorientierte Industrialisierung, die rücksichtslos auf Landschaftsverbrauch setzt, unethisch und unzeitgemäß“. Er hält sie für eine Attacke auf „Lebensqualität, Luft, Wasser, dörfliches Miteinander“.

    Im Büro unterhalb des alten Förderturms erläutert Manager Uhlig einige Details des Konzepts. Man wolle das Lithium bis zu 300 Metern unter Zinnwald abbauen. Die Zerkleinerung des Gesteins finde ebenfalls in der Tiefe statt, nicht an der Oberfläche. Dann werde das Erz auf einem unterirdischen Förderband bis zur Aufbereitungsanlage in Liebenau transportiert, was den Dörfern viel Lkw-Verkehr erspare.

    Die Abraumhalde werde so errichtet, dass es möglichst nicht zu Verwehungen komme, welche die Anwohner belasteten, so Uhlig. „Wir haben Feinstaubgrenzwerte, deren Einhaltung das Bergamt auch kontrollieren wird.“ Was die in der Lithium-Aufbereitung benötigten Wassermengen betreffe, fänden Messungen in den Flüssen und im Grundwasser statt. Der Geschäftsführer bittet um Verständnis, dass das Unternehmen jetzt noch keine Lösungen für alle denkbaren Probleme präsentieren könne. 2026 will man eine Machbarkeitsstudie vorlegen, die weitere Antworten geben werde.

    Ja, die von Zinnwald Lithium zu zahlende Gewerbesteuer werde zunächst wohl mit den Kosten der Firma verrechnet, räumt er ein. Trotzdem profitiere die Kommune, denn die zusätzlichen Arbeitskräfte entrichteten Lohnsteuer, neue Zulieferer auch Gewerbesteuer. Mehr Geld für die Gemeinde, für Kindergärten, Sportstätten, Buslinien? Daran scheinen die skeptischen Bürgerinnen und Bürgern von Altenberg jedoch wenig Interesse zu haben.

  • Einfach europäisch zahlen

    Schnell Geld an den Enkel überweisen oder an Freunde in Frankreich? Üblicherweise dauert das. Erst die Kontonummer suchen, lange Zahlenketten eintippen, nach Frankreich sind auch Buchstaben dabei, überprüfen – wenige Deutsche haben Lust dazu, nutzen für kleinere Beträge bisher vor allem Paypal des gleichnamigen US-Konzerns. Doch die Amerikaner hatten einige Überweisungspannen, weshalb sich viele nach einer heimischen Alternative umsehen. Wero mit seinem Sonnengelb verspricht die Zukunft des Bezahlens, schnell, einfach, europäisch.

    Was ist Wero?

    Wero ist eine digitale Möglichkeit, Geld unkompliziert zwischen Privatpersonen in Europa hin- und herzuschicken – grenzübergreifend. Der Name setzt sich aus We (wir) und Euro zusammen. Um dem Straßenmusiker in Brüssel Geld zu spenden, lässt sich die Zahlungsfunktion genauso verwenden wie, um den Schnellzeichner am Pariser Montmartre zu bezahlen oder das Schnäppchen auf dem Flohmarkt in Amsterdam. Auch wenn im Büro Geld gesammelt wird, um der Kollegin etwas zur Hochzeit zu schenken, ist das Angebot praktisch. Und die abendliche Restaurantrechnung lässt sich mit Wero unter mehreren aufteilen.

    Überweisungen zwischen Freunden und Kollegen sind ganz nett, aber wann lässt sich auch im Onlinegeschäft und an der Ladenkasse damit bezahlen?

    Derzeit ist Wero noch darauf beschränkt, Geld zwischen Privatpersonen zu überweisen. Vor dem Weihnachtsgeschäft soll es möglich werden, auch beim Onlinehändler damit zu bezahlen. Zwölf bis 14 große Händler werden wohl dabei sein, wenn es in der zweiten November-Hälfte losgeht. Danach sollen schrittweise weitere Händler dazukommen. Um beim Bäcker, im Kleidergeschäft oder Café mit Wero zu bezahlen, dauert es noch etwas. Voraussichtlich Ende 2026, Anfang 2027 soll die Funktion für die klassischen Geschäfte bereit stehen.

    Warum dauert das so lange?

    Die Macher wollen unter anderem Fehler der Vergangenheit vermeiden. Die deutsche Zahlfunktion Paydirekt etwa, mit viel Marketingbrimborium gestartet, hat sich nicht durchgesetzt. Diesmal soll es funktionieren. Ohne viel Geld für Werbung auszugeben, nutzen bereits etwas mehr als ein Jahr nach dem Start mehr als 44,5 Millionen Menschen in Europa Wero, um sich Geld zuzuschicken.

    Wie funktioniert es?

    1. Freischalten: Manche Banken und Sparkassen haben Wero in der eigenen App für Geldgeschäfte eingebaut, etwa die Sparkassen. Dort muss man die Funktion einmal freischalten. Andere, etwa die Postbank, nutzen die Wero-App. Hier muss man einmal die App starten, das Kreditinstitut auswählen, bei dem man ein Girokonto besitzt, sich legitimieren, dann ist die App mit dem Konto verbunden.

    2. Um Geld zu überweisen, einfach die Wero- oder Banking-App auf dem Mobiltelefon öffnen, Mobilnummer der Person, die das Geld bekommen soll, eingeben oder deren E-Mail-Adresse, Summe eintragen und abschicken. Das Geld ist nach weniger als zehn Sekunden da. Kontonummern oder BIC-Codes wie bei einer klassischen  Überweisung einzutippen, ist nicht nötig.

    3. Geld lässt sich auch per QR-Code senden. Wer überweisen will, scannt den entsprechenden Code des Empfängers, Summe eingeben, freigeben, fertig. So lässt sich auch Geld anfordern.

    Technisch läuft bei Wero im Hintergrund eine Echtzeitüberweisung im europäischen Zahlungsraum. Das Geld wird von einem Girokonto abgebucht und auf dem anderen Girokonto gutgeschrieben. Der Empfänger kann sofort sehen, ob das Geld da ist und direkt darüber verfügen.

    Was kostet Wero?

    Für Privatpersonen ist das Angebot kostenlos. Künftig soll Wero sich über Gebühren finanzieren, die in der Regel die Händler tragen. Hier konkurriert das neue Angebot mit klassischer Zahlung per Debitkarte (in Deutschland EC-Karte genannt) und Kreditkarte, auch mit Apple Pay, Google Pay und Paypal sowie anderen, vor allem online verfügbaren Möglichkeiten. Weil Händler genau auf ihre Kosten schauen, wird Wero wohl billiger angeboten als Kreditkarte oder Paypal. Das dürfte helfen, den Zahlungsdienst zügig zu verbreiten, was ihn wiederum interessanter für Privatpersonen macht.

    Wer steht hinter Wero?

    Das Brüsseler Unternehmen EPI (Europäische Zahlungsinitiative) entwickelt Wero. Gegründet haben es 14 große europäische Banken und zwei Zahlungsabwickler. Aus Deutschland sind unter anderem der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV), die Volks und Raiffeisenbanken und die Deutsche Bank mit der Postbankdabei. Aus Frankreich unterstützen unter anderem BNP Paribas und Société Générale, aus den Niederlanden ABN Amro. Gestartet ist Wero im Juli 2024.

    Was unterscheidet Wero von Angeboten wie Paypal?

    Paypal ist ein Vermittler. Das US-Unternehmen puffert eine Überweisung, zieht das Geld vom Girokonto des Zahlers ein, speichert es auf einem Zwischenkonto, bevor es ans Girokonto des Empfängers weitergeleitet wird. So kann Paypal einem Händler zum Beispiel garantieren, dass das Geld kommt.

    Und von Kreditkarten?

    Mit einer Kreditkarte von Visa oder Mastercard lässt sich kein Geld an Privatpersonen schicken, wohl aber online oder in Geschäften bezahlen. Das Kartenunternehmen garantiert dem Händler, dass das Geld kommt. In der Regel einmal im Monat bucht das Unternehmen dann zusammengefasst alle Kreditkartenausgaben vom Girokonto des Kunden ab. Solche Karten funktionieren weltweit. Wie Paypal sind auch Mastercard und Visa US-Konzerne.

    Wer bietet Wero in Deutschland an?

    Fast alle, die ein Girokonto bei einer Sparkasse besitzen, können Wero nutzen. Die Zahlfunktion ist Teil der Sparkassen-App. Auch die ING Deutschland hat sie in der eigenen Banking-App eingebaut. Die Volks- und Raiffeisenbanken bieten Wero an, die Sparda-Banken, ebenso Postbank und Deutsche Bank. Die Digitalbank Revolut aus London ist ebenfalls dabei.

    In welchen Ländern ist die Zahlungsfunktion nutzbar?

    Zurzeit können alle, die ein Girokonto in Belgien, Deutschland, Frankreich, Luxemburg und den Niederlanden haben und deren Bank dabei ist, Wero nutzen. Neben diesen fünf Kernländern soll Wero bald auch in Österreich funktionieren. In manchen Ländern gibt es ähnliche Angebote, etwa Swish in Schweden, Twint in der Schweiz oder Bizum in Spanien. Letzteres soll mit Wero verknüpft werden. Ziel ist, Wero auf die gesamte Euro-Zone auszudehnen.

    Gut, noch ein weiterer Zahlungsanbieter. Geht da noch mehr?

    Die Wero-Macher können sich noch einiges vorstellen, etwa verbunden mit der geplanten digitalen staatlichen Brieftasche. Damit lassen sich zum Beispiel Ausweis, Führerschein und Gesundheitskarte rechtssicher in digitaler Form im Mobiltelefon speichern. Und man kann sich europaweit damit ausweisen. Alle EU-Mitgliedsstaaten müssen ein solches Angebot spätestens im November 2026 bereitstellen. Ist Wero etwa mit dem digitalen Ausweis verknüpft, könnte beim Bezahlen automatisch überprüft werden, ob der Käufer tatsächlich schon 18 ist. Beim Onlinekauf, etwa eines teuren Mobiltelefons, könnte die Identität der Käuferin durch die Bezahlung zweifelsfrei festgestellt werden. Ob es soweit kommt, ist noch offen.

  • Chancen sehen

    Wieder einmal geht die Angst um in Deutschland. Das ist hierzulande fast ein Reflex, wenn der technische Fortschritt einen großen Schub verheißt und nicht ganz klar ist, in welche Richtung es geht. Statt der Chancen, werden vor allem die Risiken gesehen. Diesmal ist es die künstliche Intelligenz, die spätestens mit dem ersten öffentlichen Start des Programms ChatGPT Ende 2022 einen Hinweis gab, was künftig möglich sein kann. Inzwischen liefern derartige Programme nicht nur Präsentationen, Briefentwürfe und Fotos, sondern ganze Filme, analysieren Maschinendaten und optimieren Produktionsflüsse. Etwa ein Drittel der Deutschen fürchtet nach einer Umfrage, durch KI den Arbeitsplatz zu verlieren.

    Ja, es werden – wie immer bei solchen Technologieschüben – Jobs wegfallen, dafür entstehen zahlreiche neue. Das zeigt zum Beispiel der Wandel von der Kutschproduktion zur Autoindustrie oder die Einführung von Computern. Was alles möglich ist mit der KI-Technologie, ist vermutlich ohnehin erst in Ansätzen bekannt. Interessant ist deshalb eine andere Zahl: 62 Prozent der Bundesbürger erwarten, ihren Arbeitsplatz zu behalten.

    Sie sollten sich darauf einstellen, dass er sich kräftig wandelt, weil die KI Arbeit abnimmt und neue Aufgaben ermöglicht. Das lässt sich bei Informatikern sehen, ein Berufszweig, der die Chancen von Technik tendenziell sofort ergreift. ChatGPT etwa schreibt auf Anweisung große Teile der Software. So bleibt mehr Zeit, den richtige Lösungsansatz für ein Problem zu finden – zum Beispiel die künftige Bettenbelegung eines Krankenhauses vorherzusagen anhand von historischen Daten, Wetterwerten und anderen Informationen. Die KI kann helfen. Die Idee muss der Mensch haben, Angst aber nicht.

  • Achtung, neue Verkehrskontrolle!

    Noch laufen sie meist durch die Straßen: die Kontrolleure, die einem einen Strafzettel verpassen, weil man das Auto falsch geparkt hat. Doch es rollt eine neue Zeit an. Gegen Rowdys im Verkehr werden digitale Techniken getestet, erprobt, installiert. Drei Bundesländer gehen voran, jedes Land auf seine Weise.

    Beispiel Handyblitzer: Auto an, los geht es, noch schnell eine SMS getippt oder eine Sprachnachricht verschickt, also das Handy in die Hand genommen? Das ist gefährlich, das Handy lenkt ab. Wer erwischt wird, riskiert darum mindestens ein Bußgeld von 100 Euro und einen Punkt in Flensburg. Die Regel gilt für alle elektronischen Geräte, die der Kommunikation, Information oder Organisation dienen. Für die Polizei war es bislang aber gar nicht so einfach, uneinsichtigen Autofahrerinnen und -fahrern auf die Spur zu kommen. Als erstes deutsches Bundesland macht nun Rheinland-Pfalz mit Handy-Blitzern Jagd auf sie, genauer: mit einer Monocam, einer Kamera mit spezieller Software.

    Die Monocam steht zum Beispiel auf einer Autobahn-Brücke und ist auf die Fahrbahn gerichtet. Sie filmt den fließenden Verkehr. Eine KI erkennt elektronische Geräte und die typische Haltung von Arm und Hand, um sie zu bedienen. Bei einem Treffer speichert sie die entsprechenden Bilder. Die werden dann von der Polizei ausgewertet. Bestätigt diese die Einschätzung der KI, folgt ein Bußgeldbescheid. In den Niederlanden gibt es das System bereits. Wie weit es in Deutschland ausgeweitet wird: offen. Rheinland-Pfalz hat extra das Polizeigesetz geändert, damit das alles erlaubt ist. Seit April ist dort die erste Monocam regulär im Einsatz, weitere Kameras sollen folgen. Das rheinland-pfälzische Innenministerium plant, bis Ende des Jahres alle Polizeipräsidien mit Monocams auszurüsten. Die genauen Einsatzorte liegen dann in deren Hand. Autofahrende achten auf das Schild „Überwachung Handyverbot“.

    Anderes Beispiel Falschparker-Scan: Am Ende wird das Knöllchen wohl nicht mehr hinter die Windschutzscheibe geklemmt, es kommt per Post. Für das Parken in einer Feuerwehrzufahrt etwa werden dann 55 Euro fällig, wird ein Rettungsfahrzeug im Einsatz behindert, sind es sogar 100 Euro und ein Punkt in Flensburg. Es ist von der Art des falschen Parkens abhängig, was es kostet. In jedem Fall sollen Vergehen häufiger entdeckt werden. Die Baden-Württemberger schicken dazu jetzt neuartige Scan-Autos los.

    Auf ihrem Dach sind Kameras und Laserscanner installiert. Die erfassen im Vorbeifahren die Kennzeichen der parkenden Autos. Und sie können erkennen, wo ein Auto steht, etwa auf dem Radweg oder einer Busspur, also illegal? Oder auf einem kostenpflichtigen Parkplatz? In letzterem Fall müssen die Parkberechtigungen wie Anwohnerparkausweis, Sondergenehmigungen oder Parktickets allerdings digital erfasst werden, damit es funktioniert. Also ist eine Voraussetzung auch, dass es Parkscheinautomaten gibt, bei denen für das Ticket auch das Kennzeichen des Fahrzeugs abgefragt wird. Die Scan-Fahrzeuge machen dann einen Abgleich mit den entsprechenden Datenbanken.

    Baden-Württemberg ist das erste Bundesland, das für die Scan-Fahrzeuge mit dem Landesmobilitätsgesetz eine rechtliche Grundlage geschaffen hat. Die Daten von Autos, die korrekt abgestellt sind, werden nach Angaben des Verkehrsministeriums sofort gelöscht. Erfasst das System auch Fußgänger, werden diese verpixelt. Die Daten von falsch abgestellten Autos werden indes für die Dauer des Bußgeldverfahrens verschlüsselt gespeichert und danach gelöscht. Nur das Ordnungsamt soll die Daten entschlüsseln können.

    Noch ist es ein Test, die Fahrzeuge fahren nach und nach für mehrere Wochen an der Universität Hohenheim in Stuttgart herum, in Heidelberg, Mannheim, Waldshut-Tiengen und in Freiburg. So werden auch noch keine Strafzettel ausgestellt, das soll sich aber ändern. Die Scan-Fahrzeuge gelten als besonders effizient: Eine Person, die zu Fuß unterwegs ist, kann nur etwa 50 Fahrzeuge in der Stunde kontrollieren, eine Person, die ein Scan-Auto fährt, bis zu 1.000.

    Letztes Beispiel: Drohnen-Wacht: Brandenburg ist das erste Bundesland, das mit Drohnen den Verkehr überwacht. Die Polizei dort lässt sie an Autobahnen in die Luft steigen, vor allem an der viel befahrenen A12 zwischen Berlin und der polnischen Grenze. So sollen LKW-Fahrer ertappt werden, die zu stark drängeln. Denn: Lkw-Fahrer müssen ab Tempo 50 einen Mindestabstand zum vorausfahrenden Fahrzeug von 50 Metern einhalten. Das ist die Entfernung zwischen zwei Autobahn-Leitpfosten. Nur halten sich nicht alle immer daran. Dichtes Auffahren führt immer wieder zu Unfällen.

    Die Drohne wird von einem speziell ausgebildeten Beamten gesteuert. Sobald es einen Verdacht gibt, dass ein Lkw-Fahrer den Mindestabstand nicht einhält, wird die Aufnahme gespeichert. Das lässt sich erkennen, weil die Kamera Markierungen am Seitenstreifen mit aufnimmt: eine Nulllinie, eine Linie im Abstand von 30 Metern und eine von 50 Metern. Im Fall der Fälle werden Beamte im Einsatzwagen oder auf Motorrädern informiert. Sie fahren dann los, um den Lkw-Fahrer zu stoppen. Noch beschränkt sich die Polizei auf die Kontrolle des Güterverkehrs, werden Pkw oder Motorräder nicht mit Drohnen überwacht. Die Verstöße sind beachtlich. Die Brandenburger Kontrolleure stoppten schon einen Lkw-Fahrer, der bis auf 6 Meter auf den Vordermann auffuhr.

    Für Ordnungshüter wird es mit den digitalen Techniken einfacher. Allerdings gibt es längst noch nicht überall die rechtlichen Voraussetzungen für ihren Einsatz. Wie schnell sich das ändern wird: unklar. Achtung, Kontrolleure sind dennoch unterwegs – auf die herkömmliche Art.

  • Mit Laser und Adler auf Drohnenjagd

    Gerade hat die Bundesregierung neue Maßnahmen gegen illegale Drohnenflüge beschlossen. Die Bundespolizei bekommt mehr Befugnisse. Was rechtlich künftig etwas klarer geregelt ist, ist technisch nicht so einfach. Nicht jede Methode taugt für jeden Fall. Ein kleiner Überblick von Abschuss bis Kochen.

    In den vergangenen Wochen waren unbekannte Drohnen wiederholt über die EU-Außengrenze im Osten geflogen und verletzten den Luftraum etwa in Polen. In solch einem militärischen Fall sind die jeweilige Landesverteidigung, in Deutschland die Bundeswehr, und die Nato zuständig. Auch über verschiedenen deutschen Kasernen tauchten die Fluggeräte auf.

    Zuletzt hatten Drohnenschwärme den Flugbetrieb am Münchener Flughafen, dem zweitgrößten in Deutschland, gestört. In Dänemark musste der Flugbetrieb an verschiedenen Flughäfen zeitweise eingestellt werden. Experten vermuten hinter allen Fällen Russland, das Unruhe in Europa stiften will. Die EU ist der größte Unterstützer der Ukraine im Kampf gegen die russischen Angreifer.

    Drohnen sind unbemannte, steuerbare Fluggeräte mit eigenem Antrieb. Privatleute kennen kleine, von vier oder sechs Propellern getragene Modelle mit Kameras, um zum Beispiel Luftaufnahmen zu machen. Größere Drohnen mit mehreren Tragpropellern liefern Pakete aus, transportieren Laborproben oder überwachen lange Stromleitungen. Das Militär nutzt Drohnen in Flugzeugform, um Gebiete zu überwachen oder als fliegende steuerbare Bomben. Im Ukraine-Krieg sind solche Drohnen in unterschiedlichen Größen im Einsatz.

    Um Drohnen wirksam vom Himmel zu holen, muss unter anderem klar sein, wie sie fliegen und sich orientieren. Privatleute steuern eine Drohne meist mit einem handlichen Controller per Funk, ähnlich wie bei Modellflugzeugen. Die Kamera der Drohne ist praktisch das Auge, mit dem die Privatperson sieht, wo sie fliegt und was sie gegebenenfalls fotografiert oder filmt.

    Drohnen können sich an Satelliten-Signalen orientieren, etwa an GPS, das genaue Positionen liefert. Es gibt auch Fluggeräte, die nach gespeicherten Satellitenkarten das Gelände erkennen oder auf einem vorprogrammierten Kurs unterwegs sind. Im Ukraine-Krieg sind inzwischen Drohnen im Einsatz, die Soldaten jeweils über eine mehrere Kilometer lange Glasfaserleitung steuern.

    Schon bisher lassen sich Drohnen abwehren. Kleinere können mit Handfeuerwaffen, große mit Flugabwehrgeschützen, aus Hubschraubern oder von Flugzeugen aus abgeschossen werden. Abfangdrohnen können die unliebsamen Fluggeräte rammen. Auch Versuche mit in die Luft geschossenen Netzen oder Drohnen, die andere aus der Luft greifen, gibt es. Einige Rüstungskonzerne bieten auch Hochenergielaser an, mit denen die Drohne gezielt erhitzt, praktisch gekocht und damit unschädlich gemacht wird. Ähnliches gilt für Mikrowellen. Auch Adler sind schon trainiert worden, kleine Fluggeräte zu fangen.

    Manche Drohnen lassen sich unschädlich machen, in dem GPS-Signale gestört werden (Jamming) oder falsche Positionsangaben überspielt werden (Spoofing). Ersteres bringt die Drohne zum Absturz, mit letzterem kapert man praktisch die Drohne. Um solch elektromagnetische Tricks anzuwenden, muss klar sein, welcher Art eine Drohne ist. Verschiedene Firmen bieten unterschiedliche Erkennungssysteme an, die Bauart, Typ, Steuerungsmethode und ähnliches frühzeitig erkennen. Viele Sportstadien zum Beispiel nutzen solche Technik bereits. Auch bei Großveranstaltungen wie Messen sind sie im Einsatz. Die Anlagen sind zum Teil mobil. In der Ukraine nutzen Soldaten tragbare Geräte.

    Viele der Abfangmethoden eignen sich nur für bestimmte Fälle. So ist der Einsatz eines Abfangjägers der Bundeswehr gegen eine private 20-Zentimeter-Drohne wenig effizient und sicher unangemessen. Und einiges lässt sich in belebten Gegenden wie etwa einem Fußballstadion oder auf einem Platz in der Innenstadt nicht nutzen. Zum einen könnte etwas anderes getroffen werden als die Drohne, zum anderen könnten herabstürzende Trümmer Menschen gefährden. Ganz abgesehen davon, dass eine Drohne möglicherweise einen Giftstoff transportiert. In diesem Fall wäre es besser, sie einzufangen.

    Um wirklich wirksam gegen sich selbst organisierende Schwärme oder gezielt geschützte Einzeldrohnen vorgehen zu können, suchen unter anderem die Bundesagentur für Sprunginnovation (Sprind) für zivile Anwendungen und die Cyberagentur der Bundeswehr für militärische nach innovativen Lösungen.

    Wie kompliziert es ist, zeigte gerade der technisch anspruchsvolle und offene Wettbewerb von Sprind, der abgebrochen wurde und neu aufgesetzt wird. Beim Wettbewerb der Cyberagentur, der sich vor allem mit Jamming und Spoofing beschäftigt, sind 46 Teams eine Runde weiter.

    Das Entwicklungstempo ist – gerade auch befeuert durch den Ukraine-Krieg – hoch. Entsprechend muss auch die Abwehr sich schnell entwickeln. Das muss keine hochtechnisierte Lösung sein. Im Fall der glasfasergesteuerten Drohnen genügte eine einfache kleine Drohne, die die Faser durchtrennt. Allerdings sind die Lichtleiter im Gelände kaum zu sehen.

    Kasten

    Grundsätzlich sind Flüge mit Drohnen, etwa um Luftaufnahmen zu machen, erlaubt. Allerdings sind Flugverbotszonen ausgewiesen, etwa über militärischen Einrichtungen und Flughäfen, über Naturschutzgebieten und Menschenansammlungen. Zuständig ist die Deutsche Flugsicherung. Die Karte findet sich unter https://maptool-dipul.dfs.de/?language=de&zoom=11.0 im Internet oder in der kostenlosen App von Droniq, einem Unternehmen der Flugsicherung. Für Drohnen muss eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen werden, unabhängig von der Größe.

  • Wie Bilder den Staat beschleunigen

    Stephan Breidenbach hat ein Problem. Seinen Studenten einfach zu erklären, wie ein Gesetz funktioniert. Vor gut 20 Jahren findet der Jura-Professor eine überraschende Antwort: mit einem Bild. Heute kann seine Idee der Bundesregierung bei einer Aufgabe helfen, die gemeinhin als besonders schwierig gilt: Bürokratie abbauen, schneller werden. Und bessere Gesetze schreiben. Die gerade vorgelegte Modernisierungsagenda jedenfalls setzt darauf.

    Breidenbach zerlegt ein Gesetz in kleine Entscheidungsschritte, die aufeinander aufbauen. Jede Entscheidung bekommt ein Kästchen, verbunden sind sie mit Linien. Das Ergebnis ist eine Art Baum, bei dem auf der einen Seite die große Frage steht, etwa: Kann der Bau der Windanlage genehmigt werden? Auf der anderen finden sich sehr kleinteilig Detailfragen: Sind bedrohte Tiere betroffen?

    So wird aus dem Gesetz für einen Bauantrag ein Entscheidungsplan, im Englischen Rulemap (etwa Gesetzeskarte). Sie zeigt, wie ein Jurist vorgeht: Erst die kleinen Fragen prüfen, denn wenn seltene Tiere bedroht, sind, wird das Windrad garantiert nicht genehmigt, dann die größeren. Bis hierher hilft die Idee vor allem Jurastudenten. Jetzt kommt Software dazu: Sie kann entlang des Entscheidungsbaums deutlich schneller prüfen als der Mensch. Das beschleunigt Bürokratie, ohne die Gesetze ändern zu müssen.

    „Es geht darum, die juristische Entscheidung zu automatisieren. Keiner unserer Konkurrenten weltweit ist derart präzise wie wir“, sagt Till Behnke, Mitgründer und Chef der Berliner Rulemapping Group, die Breidenbachs Idee vermarktet. Die Entscheidungsbäume lassen sich maschinenlesbar speichern. Hinterlegt sind alle Abhängigkeiten, alle Verknüpfungen, alle Bedingungen, auch Listen wie die der bedrohten Tiere.

    Die Software liefert als Prüfergebnis eine Karte, in der jede Einzelentscheidung mit „erfüllt“ oder „nicht erfüllt“ markiert ist nebst Erklärungen, warum. Und es gibt eine Empfehlung für die zentrale Entscheidung. Dafür nutzt die Firma auch künstliche Intelligenz. „Wir setzen sie als Helfer ein, um alle Einzelfragen in einer Rulemap durchzugehen“, sagt Behnke. „Da kann sie nicht halluzinieren und liefert schnell präzise Antworten.“ Und Tempo ist wichtig.

    „Die Automatisierung verkürzt eine Genehmigung für Windräder zum Beispiel von vier Jahren auf vier Monate“, sagt Behnke. „Das entlastet die Behörden.“ Thüringen hat das Unternehmen gerade beauftragt, die Baugenehmigungen zu beschleunigen. Pilotprojekte für Richterassistenzsysteme laufen bereits in mehreren Bundesländern.

    Die Technologie ist bereits seit 15 Jahren im Einsatz und markterprobt, unter anderem im VW-Dieselskandal. Große Kanzleien prüften damit, wie groß die Chancen Einzelklagen auf Erfolg sind, optimierten damit, welche Angaben des Klägers wichtig sind. Später nutzten auch die Anwälte der beklagten Konzerne das Produkt, um die Verfahren abzukürzen. Zum Schluss stiegen auch VW und Mercedes ein, um schnell abschätzen zu können, was sie die Verfahren kosten werden.

    Entsprechend sieht Behnke auch nicht nur den Staat als Kunden. „Im Idealfall nutzen Firmen und Behörden dieselben Programme. Dann kann das Unternehmen zum Beispiel einen Bauantrag optimal ausfüllen und weiß vorher, ob er genehmigt werden kann. Die Behörde wiederum kann schnell prüfen“, sagt er. „Wenn beispielsweise ein großer Konzern 500 Millionen Euro in ein neues Werk investieren will, will er wissen, ob der Antrag durchgeht.“

    Behnke will alle Gesetze in Entscheidungsbäume umwandeln. Und auch der Bund hat Interesse und entsprechende Aufträge vergeben. „Es ist jetzt möglich, das komplette Steuerrecht und das Sozialrecht per Rulemap wieder greifbar zu machen“, sagt der Firmen-Chef. „Aufgrund der Kompliziertheit der Gesetze sind sie momentan nicht komplett zu beherrschen.“

    Seine Vision: „Künftig liegen alle Gesetze maschinenlesbar in einem standardisierten Format in einer öffentlichen Gesetzesbibliothek. Sie lassen sich dann einfach updaten. Und jeder, der sie nutzt, hat automatisch die aktuelle Version.“ Bei dem Update würden einfach die entsprechenden Entscheidungsfelder verändert oder neue hinzugefügt.

    Die KI hilft Behnkes Team auch hier. Bestehende sehr umfangreiche Gesetze lassen sich mit ihr in Entscheidungsbäume umwandeln. Die Juristen, die bisher Rulemaps erstellen, stoßen da an Grenzen. Grundsätzlich gilt: Je dicker das Gesetz, desto umfangreicher der Entscheidungsbaum. Die Software kann die Gesetze dann auch nach Widersprüchen und Überflüssigem durchsuchen und Vorschläge für schlankere Gesetze machen. Hier läuft ein Projekt mit der technischen Universität München.

    Und noch mehr ist möglich. „Die Folgen einer Gesetzesänderung lassen sich simulieren. Etwa, was eine Anpassung des Steuergesetzes für eine Alleinerziehende mit zwei Kindern bedeutet“, sagt Behnke. Und der Traum vieler Politiker ließe sich verwirklichen: „Gesetzentwürfe lassen sich theoretisch per Knopfdruck aus einem Politikpapier erstellen. Bisher dauert es drei bis sechs Monate.“

    Tempo machen will der Bund auch an anderer Stelle und auch hier ist die Rulemapping Group dabei. „Wer in Deutschland ein Unternehmen gründen will, braucht Zeit und muss sehr viel beachten. Der Entscheidungsbaum hat mehr als 25.000 Knoten“ sagt Behnke. „Wir arbeiten gerade daran, die Firmengründung in 24 Stunden möglich zu machen. Unser System geht das schneller an, als es ein Mensch kann.“

  • Haut die EU das vegane Schnitzel in die Pfanne?

    In den Kühlregalen von Supermärkten und Discountern sind sie mittlerweile überall zu finden: Fleischalternativen. Wer einkauft, greift dann womöglich zu „Soja-Schnitzel“, „Veggie-Salami“, „veganem Steak“ oder „Tofu-Burger“. Noch. Denn die Fleischnamen für die Produkte aus Pflanzen, wie etwa Soja oder Weizeneiweiß, Erbsen oder Lupinen, stehen vor dem Aus. Sie sollen für die tierische Kost vorbehalten werden.

    Am Mittwoch, den 8. Oktober, stimmt darüber das EU-Parlament ab, eine Mehrheit dafür zeichnet sich ab: Der EU-Agrarausschuss hat bereits zugestimmt. Die christlich-konservative Europäische Volkspartei EVP, zu der auch CDU und CSU gehören, hatte den entsprechenden Antrag eingebracht. Darin heißt es, dass Fleisch-Begriffe „ausschließlich den zum Verzehr geeigneten Teilen von Tieren vorbehalten“ werden sollten.

    Die französische EVP-Abgeordnete Céline Imart, die den Antrag vorantrieb, erklärte es so: „Ein Steak ist aus Fleisch gemacht – Punkt.“ Das garantiere eine ehrliche Etikettierung, schützte die Landwirte und bewahre die kulinarischen Traditionen Europas. Allerdings stemmen sich nun namhafte Unternehmen in einem Bündnis mit Verbänden und Nichtregierungsorganisationen dagegen.

    Darunter: die Handelskonzerne Lidl und Aldi Süd, Produzenten wie Rügenwalder Mühle oder die Fast-Food-Kette Burger King Deutschland. In einem gemeinsamen Brief an die EU-Abgeorndeten warnen sie, dass zum Beispiel eine pflanzliche Wurst künftig mit „alltagsfernen Kunstbegriffen“ beworben werden müsse. Dabei seien Burger, Wurst, Schnitzel vertraute Begriffe. Sie würden den Menschen helfen „einzuschätzen, was sie im Hinblick auf Geschmack und Textur von einem Lebensmittel erwarten können“.

    Sie wehren sich auch gegen das Argument, Verbraucher verwirre, dass die Pflanzenprodukte Fleischnamen trügen: Kunden seien „sehr wohl in der Lage sind, zwischen pflanzlichen und tierischen Produkten zu unterscheiden“, heißt es in dem Schreiben. Dann kommen sie zum Kern ihres Anliegens:

    „Ein Verbot von vertrauten Begriffen würde es Unternehmen deutlich erschweren, ihre Produkte zu verkaufen, insbesondere für die Zielgruppe der Flexitarier, die bewusst nach pflanzlichen Alternativen suchen, die ähnlich wie ihre tierischen Pendants zubereitet und verwendet werden können.“ Und weiter: „Von dem drohenden wirtschaftlichen Schaden wäre Deutschland besonders betroffen.“

    Denn: Deutschland sei der größte Markt für pflanzliche Fleischalternativen in Europa. Im vergangenen Jahr habe der Umsatz im deutschen Einzelhandel bei 759 Millionen Euro gelegen. Nicht eingerechnet seien dabei die Umsätze mit Fleischalternativen in der Gastronomie. Zudem würden die deutschen Unternehmen für den Export in andere EU-Länder produzieren.

    Godo Röben hat den Markt gut im Blick. Er berät Lidl und andere Konzerne in Veggie-Fragen. Er hat einen Ruf in der Branche, weil er vor gut zehn Jahren noch Manager beim Fleisch-Riesen Rügenwalder Mühle im niedersächsischen Bad Zwischenahn war und ihn damals auf den heutigen Veggie-Kurs brachte. Er meint: „Da droht ein Zukunftsmarkt kaputt gemacht zu werden, weil Lobbygruppen von Landwirtschaft, Fleisch- und Schlachtbranche ihr altes Geschäftsmodell retten wollen und dafür bei den Konservativen Gehör finden.“

    Anders gesagt: Für Röben steckt hinter dem Namensstreit ein Kampf von Produzenten tierischer gegen die pflanzlicher Kost. Denn Konsumgewohnheiten haben sich längst verschoben. Rein rechnerisch aß im vergangenen Jahr jede und jeder in Deutschland 53 Kilo Fleisch, fünf Jahre zuvor waren es 59.

    Und Röben meint: „Ein Pflanzenschnitzel soll es nicht geben. Aber als das Putenschnitzel auf den Markt kam, hat sich keiner beschwert, nicht von Verbrauchertäuschung gesprochen?“ Dabei seien Schnitzel in Deutschland traditionell aus Schweinefleisch.

    Die Marketingleute der Unternehmen, die pflanzlichen Fleischersatz anbieten, müssen sich nun womöglich neue Namen und Designs für ihre Verpackungen ausdenken. Die Debatten sind allerdings nicht ganz neu. Auch pflanzliche Milchalternativen etwa aus Hafer, Mandel, Soja, Reis dürfen nach EU-Recht nicht mit dem Namen Pflanzen-Milch angeboten werden. Einzige Ausnahme: Koskosmilch, weil ihre Verwendung Tradition hat. Sonst steht auf den Verpackungen heute üblicherweise: „Drink“. Nur sagt Röben: „Auf den Einkaufszettel schreibt man immer noch Hafermilch.“

    Soll heißen: Auch wenn die EU nun Namen wie Pflanzen-Salami verbietet, in den Köpfen bleibe er. Einen Begriff wie „Planzen-Scheibe“, sagt er, notiere sich auch künftig wohl niemand vor dem Besuch des Supermarktes.

  • Geld verschicken in zehn Sekunden

    Geld lässt sich bald schneller in der EU überweisen. Und das Verschicken wird auch sicherer. Zum 9. Oktober bieten Banken und Sparkassen den Kunden, die ihre Konten per Mobiltelefon oder Computer führen, zwei neue Funktionen an: Echtzeitüberweisung und Empfängerüberprüfung. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Ändert sich das Verfahren für Onlineüberweisungen grundlegend?

    Die neuen Regeln bringen mehr Tempo und mehr Sicherheit. Am Verfahren ändert sich nichts. Auch weiterhin muss man eine lange Nummer aus Buchstaben und Ziffern eingeben, die Internationale Bankkontonummer Iban. Nur mit ihr ist sicher, dass das Geld auch dort ankommt, wo es hin soll. Sie besteht aus einem Länderkürzel, etwa DE, zwei Prüfziffern sowie der Bankleitzahl und der Kontonummer.

    Was ist eine Echtzeitüberweisung?

    Hinter dem Begriff verbirgt sich eine besonders schnelle Form der Onlineüberweisung zwischen verschiedenen Banken und Sparkassen. Das Geld ist binnen zehn Sekunden auf dem Konto des Empfängers oder der Empfängerin. Das soll rund um die Uhr möglich sein, auch am Wochenende oder an Feiertagen. Bisher dauert es meist einen Arbeitstag, bis eine Überweisung ausgeführt, das Geld angekommen ist.

    Meine Bank bietet Echtzeitüberweisungen bereits an, was ist neu?

    Bisher bieten Banken und Sparkassen die Echtzeitüberweisung freiwillig an. Vom 9. Oktober an wird sie Pflicht. Die darf für den Kunden nicht teurer sein als eine klassische Überweisung – in der Regel wird sie also kostenlos sein. Damit könnte sich das Verfahren als neuer Standard durchsetzen. Warum warten, wenn es auch fixer geht? Und wer etwa eine Rechnung an einem bestimmten Tag bezahlen will, kann immer noch eine Terminüberweisung ausfüllen.

    Welche Vorteile hat das?

    Mehrere Vorteile sieht das Europäische Verbraucherzentrum. Wichtige Rechnungen, bei denen die Zahlungsfrist etwa am Montag ausläuft, ließen sich auch an Sonntagen begleichen. Wer viel über das Internet einkauft und das Geld überweist, muss weniger warten. So sehen Online-Händler sofort, dass das Geld eingegangen ist, und können die Ware schneller versenden. Auch gemeinsame Ausgaben in einem Restaurantbesuch, ließen sich sofort untereinander ausgleichen.

    Wie sicher ist sie?

    Die Echtzeitüberweisung wird sicher ankommen. Allerdings sollten diejenigen, die sie ausfüllen, sehr genau sein und noch einmal alles prüfen, bevor sie sie abschicken. Denn bei zehn Sekunden ist es kaum möglich, sie zu stoppen. Auch klassische Überweisungen lassen sich, einmal autorisiert, kaum zurückholen. Damit alles sicherer wird, wird eine zusätzliche, verpflichtende Sicherheitsabfrage eingebaut – die Empfängerüberprüfung. Sie ist kostenlos.

    Wie funktioniert die Empfängerüberprüfung?

    Bisher prüft ein Kreditinstitut im Hintergrund, ob die Iban auf der Onlineüberweisung existiert. Gibt es die Nummer, wird auch überwiesen. Der Name im Empfängerfeld ist unwichtig. Das ändert sich jetzt. Künftig prüfen die Bank, die das Geld überweisen soll, und die Bank, die es empfangen wird, zusätzlich, ob der Name im Überweisungsformular mit dem der Empfängerin oder des Empfängers übereinstimmt. Es soll Bruchteile von Sekunden dauern. Dann werden vier mögliche Hinweise angezeigt: Der Name stimmt überein; der Name ähnelt sich, typisch, wenn jemand mehrere Vornamen hat; der Name stimmt nicht überein. Im vierten Fall ist eine Überweisung nicht möglich. Er dürfte sehr selten sein und hat meist technische Gründe. Wie die Hinweise aussehen, regelt jede Bank oder Sparkasse selbst. Noch einmal prüfen, freigeben, fertig.

    Lassen sich Überweisungen freigeben, bei denen der Name nicht übereinstimmt?

    Selbst, wenn der Name nicht übereinstimmt, kann man die Überweisung autorisieren. Vielleicht kommt die Rechnung von „Blumen Müller“, bei der Bank ist unter der Iban die Susanne Meyer GmbH eingetragen. Allerdings haftet das Kreditinstitut nicht, wenn das Geld dann doch nicht da ankam, wo es hin sollte.

    Was ist mit Daueraufträgen?

    Bei bestehenden Daueraufträgen ändert sich nichts. Wird einer geändert oder ein neuer angelegt, gibt es einmalig eine Abfrage.

    Lässt sich die Abfrage abschalten?

    Auch wenn ein zusätzlicher Schritt bei der Onlineüberweisung vielleicht stört, können Privatleute ihn nicht verhindern. Firmen können auf die Empfängerüberprüfung verzichten.

    Wieso macht das Verfahren Überweisungen sicherer?

    Die Abfrage ist ein zusätzlicher Kontrollschritt. Der bei Betrügern beliebte Rechnungsschwindel sollte damit kaum mehr möglich sein. Dabei verschicken die Täter eine echte Rechnung, bei der sie die Kontonummer geändert haben. Der Zahler hält die Rechnung für echt, das Geld landet bei den Gaunern. Wie viele solcher Manipulationsfälle es tatsächlich gibt, ist unklar. Die Banken und Sparkassen in Europa führen jedes Jahr rund 30 Milliarden Überweisungen aus.

    Wo gilt die neue Sicherheitsabfrage?

    Zunächst führen alle 20 Mitglieder der Euro-Zone sie ein. Spätestens vom 9. Juli 2027 an ziehen alle anderen Staaten der EU nach. Unklar ist, wann Liechtenstein, Island und Norwegen das Verfahren einführen. Sie gehören nicht zur EU, sondern zum europäischen Wirtschaftsraum und sind der EU eng verbunden. Die Schweiz und Großbritannien sind bisher nicht dabei, ebenfalls nicht Albanien, Moldau und Serbien, die zwar zum einheitlichen europäischen Zahlungsraum gehören, aber nicht zur EU.

  • Ausgescheckt

    Und wieder hat der technische Fortschritt zugeschlagen. Nach dem Telegramm erwischt es dieses Mal den Scheck. Jahrzehntelang war er ein bequemes Zahlungsmittel, inzwischen ist er veraltet. Die Bankkarte im Portemonnaie oder Smartphone haben ihn abgelöst. Viele jüngere Menschen kennen ihn ohnehin nur aus Erzählungen. Selbst Betrüger sind inzwischen auf für sie lukrativere Maschen umgestiegen.

    Noch hat er eine Gnadenfrist bis Ende 2027, damit sich die Letzten von ihm verabschieden können. Dann nehmen Kreditinstitute Schecks nicht mehr an, die Bundesbank schaltet auch die technische Infrastruktur ab. 2024 wurden Schecks in knapp unter zwei Millionen Fällen eingesetzt, das entspricht 0,01 Prozent aller Zahlungen ohne Bargeld. Tendenz drastisch fallend. Zur Hochphase 2007 liefen 75,5 Millionen Schecks über die Bundesbank.

    Vor allem Institutionen nutzen derzeit noch Schecks, etwa der Bund und die Länder. Auch Versicherungen begleichen Schäden in einigen Fällen noch mit dem Papier. Auch Fondsgesellschaften schicken Schecks mit den Erträgen, sollten Kunden keine Kontonummer hinterlegt haben. Und bei Versteigerungen ist oft eine Sicherheitsleistung erforderlich. Oder man bezahlt die Zeichnung von Picasso direkt mit einem Scheck.

    Künftig wird sehr wahrscheinlich die Echtzeitüberweisung den Scheck ersetzen. Dabei ist das Geld sofort auf dem Empfängerkonto. Betrug ist praktisch ausgeschlossen. Beim Scheck dauert es, denn auch eine Bank löst ihn nur unter Vorbehalt ein – bis sicher ist, dass er auch gedeckt ist.

    Üblicherweise scannt eine Bank Vor- und Rückseite eines Schecks. Die Dateien werden dann über die Bundesbank an die Bank des Scheckausstellers geschickt. Dort wird unter anderem die Unterschrift geprüft, dann der Bank des Einreichers und damit dessen Konto gutgeschrieben. Sehr viel Aufwand und Kosten für ein kaum genutztes Zahlungsmittel.

    Auch Gauner haben sich längst andere Maschen überlegt, um Menschen zu betrügen. Zu aufwändig ist es, Schecks zu fälschen. Oder jemanden beim Autoverkauf auszunehmen. Eine klassische Masche war der Autokauf. Die Betrüger stellten einen Scheck über den Preis plus einer „Vermittlungsgebühr“ aus und baten den Fahrzeugverkäufer, ihnen diese Gebühr in bar zu geben. Der Scheck erwies sich dann später als gefälscht oder platzte, weil er nicht gedeckt war. Geld und Auto waren dann weg.

    Seit den 30er-Jahren ist das Zahlungsmittel durch ein eigenes Gesetz standardisiert. Theoretisch reichte auch ein Bierdeckel, es müssten nur die wesentlichen Dinge draufstehen. Praktisch ist das nicht. Deshalb ist alles genormt: Größe, Papier, Papierstärke, Farben, was wo stehen muss.

    Viele Banken geben schon länger keine Schecks mehr aus. Manche nehmen auch keine mehr an. Verpflichtend ist es jedenfalls nicht. Im Preis- und Leistungsverzeichnis einer Bank steht in der Regel, ob sie sich noch mit Schecks abgibt. Wenn sie es tut, nimmt sie wegen des Aufwands oft hohe Gebühren, weshalb sich ein Scheck meist nicht lohnt.

    Deutschland ist wie so oft bei Zahlungsthemen spät dran. Andere Länder haben Schecks längst ins Museum verbannt. Möglicherweise wird der Scheck in Deutschland noch in übergroßer Form überleben. Denn wenn Spenden übergeben werden, macht er sich im Foto immer gut.

    Weiterhin eingelöst werden können Schecks aus dem Ausland. Sie werden ohnehin per Post zwischen den Banken geschickt. Deshalb dauert es oft lange, bis das Geld gutgeschrieben wird. Entsprechend hoch sind die Gebühren.

    Und Traveler-Checks? Mit solchen Reiseschecks sind Generationen von Menschen durch die Welt gezogen, als Kreditkarten nicht überall verbreitet waren. Banken auch in entlegenen Gegenden gaben für die Schecks Bargeld in der Landeswährung heraus. Thomas Cook bot sie bis 2008 an, das britische Reiseunternehmen existiert nicht mehr. Die US-Bank American Express stellt seit 2019 keine solchen Schecks mehr aus. Wer noch welche hat, kann sie auf der Webseite der Bank einlösen. Sie verfallen nicht. Mit dem innerdeutschen Schecksystem haben sie ohnehin nichts zu tun.

  • Wenn das WG-Zimmer zum Luxus wird

    Studenten müssen auch in diesem Jahr deutlich mehr für Wohnraum zahlen. 2,3 Prozent kosten WG-Zimmer und kleine Wohnungen im Vergleich zum vergangenen Jahr mehr, , wie der MLP Studentenwohnreport 2025 zeigt. Besonders teuer ist es mit Abstand wie in den vergangenen Jahren in München. Auch Frankfurt, Köln, Heidelberg und Berlin gehören zu den teuersten Standorten. Günstige Unterkünfte bietet das sächsische Chemnitz.

    Nach dem Plus von 5,1 Prozent im vergangenen Jahr ist die Steigerung in diesem Jahr eher moderat. Von Entspannung könne aber keine Rede sein, sagt Michael Voigtländer, Immobilienexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft, das den Wohnreport für die Finanzberatung MLP erstellt hat. Es würden weniger Wohnungen gebaut, die Zahl der Studenten werde zunehmen. Das bedeutet mehr Wettbewerb. Untersucht wurden 38 Hochschulstandorte.

    Insgesamt studieren in Deutschland rund 2,9 Millionen Menschen. 412.000 von ihnen sind erstmals eingeschrieben. Größter Studienstandort ist Berlin mit mehr als 212.000 Studenten, vor Hamburg mit 123.400 und München mit 107.000 Studierenden. Für den studentischen Wohnungsmarkt ist auch interessant, wie hoch der Anteil an der Bevölkerung ist. Studentenhochburgen sind demnach Darmstadt, Würzburg und Heidelberg mit jeweils um die 25 Prozent.

    Weil sich die Wohnungen regional unterscheiden, möglicherweise auch unterschiedlich ausgestattet sind, haben die Statistiker eine Musterwohnung mit 30 Quadratmetern Größe und ein Muster-WG-Zimmer mit 20 Quadratmetern entwickelt. Sie sind fiktiv, lassen sich also so nicht mieten. Die Zahlen geben eine Tendenz wieder, wie teuer oder günstig die Städte im Vergleich sind. Betrachtet wird die Warmmiete. Im Schnitt kosten WG-Zimmer 505 Euro pro Monat, kleine Wohnungen demnach 541 Euro.

    Rein nach den Wohnkosten müssten neue Studenten demnach nach Chemnitz ziehen. Dort ist eine Unterkunft, ob in WG oder kleiner Wohnung mit Abstand am günstigsten. Das Muster-WG-Zimmer ist für 274 Euro zu haben, die Wohnung für 296 Euro. Auch in Bochum (322 und 368 Euro) sowie Magdeburg (339 und 374 Euro) lässt sich bezahlbar wohnen. Auch Mannheim (455 und 504 Euro) liegt unter dem deutschen Durchschnitt, ebenso Mainz (495 und 549 Euro) und Bremen (484 und 504 Euro).

    Mit Abstand am teuersten ist es in München. Ein Muster-WG-Zimmer kostet im Schnitt 790 Euro pro Monat. Eine Musterwohnung kostete 837 Euro. „München ist eine Klasse für sich“, sagt Voigtländer. Frankfurt ist mit 702 und 734 Euro) schon deutlich billiger. in Köln müssen 641 und 688 Euro ausgegeben werden. Auf Rang vier und noch vor Berlin findet sich Heidelberg mit 633 und 670 Euro. In der Hauptstadt kostet ein WG-Zimmer 624, eine kleine Wohnung 664 Euro.

    In der Realität können die Preise deutlich abweichen. Das IW hat auch Kaltmieten am Markt untersucht. In München sind danach kleine Wohnungen zwischen 680 und 980 Euro im Angebot. Dazu kämen noch die Nebenkosten. Mit dem pauschalen Wohnzuschlag der Studierenden-Förderung Bafög kommt da keiner hin. Er beträgt derzeit 380 Euro. Allein in Chemnitz und Magdeburg ließe sich mit dieser Summe eine Wohnung mieten, wie die Experten ermittelt haben. Viele Studierende müssen deshalb zusätzlich arbeiten. „Das verlängert die Studienzeit“, sagt Voigtländer.

    Umgerechnet auf Quadratmeter ließe sich mit dem Bafög-Wohnzuschuss in München knapp 15 Quadratmeter mieten, allerdings kalt. Auch Stromkosten gehen extra. In Frankfurt sind es knapp 20 Quadratmeter, in Darmstadt und Mainz rund 24, in Mannheim etwa 25 und in Chemnitz mehr als 60 Quadratmeter.

    Die Experten haben sich auch die Entwicklung der vergangenen drei Jahre angesehen. Danach haben die Preise vor allem in Leipzig, Freiburg und Konstanz über die vergangenen drei Jahre angezogen. Das Plus lag zwischen sechs und sieben Prozent. Vor allem Leipzig wächst und zieht immer mehr Studierende an, was sich auf die Wohnungssituation auswirkt, wie Voigtländer sagt.

    Kurios: WG-Zimmer sind in Hamburg teurer als kleine Wohnungen. Voigtländer vermutet, dass es mit dem besonderen Angebot zu tun hat. Es gebe viele kommunale Anbieter mit günstigen kleineren Wohnungen. Zudem seien die privat vermieteten WG-Zimmer vor allem in besseren und damit teureren Lagen.

    In Berlin sind die Kosten für Studentenunterkünfte sogar um 0,8 Prozent gesunken. Für Voigtländer ist das eine Reaktion darauf, dass die Mieten in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen sind – Korrektur heißt das am Markt. Offenbar haben einige Vermieter zuvor doch etwas zu viel mehr verlangt. Über drei Jahre lag das Plus bei 5,3 Prozent.

    Nicht betrachtet haben die Experten die Lage bei Wohnheimen. Aber auch hier ist es eng. Allein bei elf der 57 deutschen Studierendenwerke, die solche Unterkünfte verwalten, stehen derzeit 33.000 Personen auf der Warteliste, vor allem in Berlin, Darmstadt, Erlangen-Nürnberg, Frankfurt/Main, Hamburg, Heidelberg, Mainz und München. Auf solche Unterkünfte sind besonders Studierende aus Ländern außerhalb der EU angewiesen. Ihre Zahl steigt, weil der Hochschulstandort D attraktiv ist.

    Die Miete entscheidet allerdings selten darüber, in welcher Stadt jemand studiert. „Studenten orientieren sich nicht an Preisen“, sagt Immobilienexperte Voigtländer. Und so geht es eher nach Exzellenz der Lehre, interessanten Studienangeboten oder reizvoller Stadt.