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  • Mut zeigen

    Für Deutschland ist die geplante digitale Brieftasche ein Glücksfall. Zum einen für den Alltag: Sie wird vieles für viele Menschen einfacher machen. Zum anderen, weil sie nicht so entsteht, wie andere Digitalprojekte. Der Staat hat keinen Auftrag ausgeschrieben und lange mit der Vergabe gebraucht, sondern sich getraut, per Wettbewerb nach einer Lösung zu suchen. Trotz oder gerade wegen der Komplexität. Die staatliche Sprunginnovationsagentur koordinierte. Mehrere junge und in höchstem Maße motivierte Expertenteams starteten. Deutschlands Spitzenforscher und Sicherheitsexperten waren eingebunden. Der Prototyp war nach knapp einem Jahr fertig – ein enormes Tempo.

    Die Regierung sollte Mut zeigen und das Vorgehen auf andere Digitalprojekte übertragen. Vor allem auf jene, die bundesweit überall einheitlich sind. Klare Vorgaben zu Funktionalität und Sicherheit lassen sich leicht Formulieren, ein Zeitrahmen ebenfalls setzen, eine Jury aus Experten aufstellen. Kein träger Verwaltungsapparat schreckt ab, der Wettbewerb motiviert vor allem junge innovative Digitalexperten. Das Ergebnis ist schneller da, sehr wahrscheinlich praxistauglicher und tatsächlich auch günstiger als bei einer komplizierten Ausschreibung nebst Vergabe und Kontrolle durch Behörden.

    Dazu müsste allerdings die deutsche Kleinstaaterei enden, das Beharren darauf verschwinden, es selbst am besten zu wissen. Bauanträge einzureichen oder das Auto umzumelden, unterscheidet sich in München nicht wesentlich von Bonn oder Berlin, von Hamburg oder Mannheim. Die Länder, Städte und Kommunen könnten sich mit zentral entwickelten funktionalen Lösungen auf Wichtiges konzentrieren, etwa mehr Bürgerservice. Und Geld sparen würden sie auch

  • Ministerin gegen Revolution

    Beim Besuch des Braunkohle-Kraftwerks Schwarze Pumpe in Brandenburg setzt sich die neue Wirtschaftsministerin von ihrem grünen Vorgänger Robert Habeck ab: mehr und länger fossiles Erdgas statt grünen Wasserstoffs

     An die 100 Leute haben sich zu beiden Seiten der Straße aufgestellt, sie tragen Fahnen der Gewerkschaft Bergbau Chemie Energie. Laute Sprechchöre oder Parolen stimmen sie jedoch nicht an – nicht mal, als Wirtschaftsministerin Katherina Reiche vor dem Tor des Braunkohle-Kraftwerks Schwarze Pumpe eintrifft. Es ist ein mahnender, skeptischer, aber auch hoffnungsvoller Empfang für die CDU-Politikerin.

    Reiche besucht in diesen Tagen Unternehmen und Orte, die sich eignen, Botschaften zu senden. Unter besonderer Beobachtung steht die Nachfolgerin von Robert Habeck (Grüne) in Sachen Energiepolitik. Was will sie am Ausbau der Erneuerbaren Energien ändern, geht es ihr darum die Energiewende zu verlangsamen, wie Umweltverbände und Grüne meinen?

    Das Kraftwerk im brandenburgischen Spremberg ist nicht schwarz, sondern ein 160 Meter hoher silbrig schimmernder Koloss. Spätestens in 13 Jahren, 2038, soll hier Schluss sein mit der Verbrennung von Braunkohle zur Stromproduktion. So hat es die Kohle-Kommission der Bundesregierung vor Jahren beschlossen. Aber was passiert dann? Welche Zukunft gibt es hier für die Arbeitsplätze, die Privathaushalte, das Unternehmen LEAG? Dass die AfD in Spremberg bei der Bundestagswahl 45,5 Prozent der Stimmen bekam, erklärt Betriebsrat Toralf Smith auch mit der Angst der Beschäftigten vor dem, was kommen könnte.

    Auf einem Transparent fordern die Leute jetzt: „Transformationsbonus statt Südbonus“. Die Demonstrierenden reagieren damit auf die Ansage Reiches, neue Erdgas-Kraftwerke vor allem im Süden anzusiedeln – in Bayern und Baden-Württemberg, wo Deutschlands Weltmarktindustrie steht. Doch auch hier wollen sie ein Gaskraftwerk als Ersatz für ihre Braunkohlekessel. Selbst wenn jenes viel weniger Arbeitsplätze bietet. Hauptsache, es geht weiter mit der Stromproduktion in der Lausitz, dieser alten Energielandschaft der DDR.

    Wie der Übergang von den fossilen Energien zur künftigen, klimaneutralen Stromproduktion funktionieren soll, ist eine heikle Frage. Mit ihrem grünen Amtsvorgänger Habeck ist sich Reiche einig, dass einige Erdgas-Kraftwerke auch später noch nötig sein werden. Ein Grund: Wenn wenig Wind weht und der Himmel bewölkt ist, liefern Wind- und Solarkraftwerke einfach nicht genug Strom. Aber wie viele Gaskraftwerke erfordert das? Und wann wird das fossile, ebenfalls klimaschädliche Erdgas durch Wasserstoff ersetzt, den man mit Ökostrom herstellt? An diesen Punkten unterscheiden sich Habeck und Reiche durchaus.

    „Ich fühle mich der Lausitz verpflichtet“, betont die Ministerin im Infozentrum des Kraftwerks. „Die Angst ist unbegründet“, dass in Spremberg ein Kahlschlag drohe. Bei den Verhandlungen mit der Europäischen Union sei sie schon „sehr, sehr weit“ gekommen. Die Bundesregierung braucht die Genehmigung der EU-Kommission, wenn sie neuen Gaskraftwerken Subventionen zahlen will, ohne die diese wohl nicht arbeiten können.

    Reiche verspricht, die Ausschreibungen für die Ergasanlagen würden so gestaltet, dass sie auch für Schwarze Pumpe „funktionieren“. Das Verfahren soll Ende 2025 starten. Außerdem erklärt sie, die neuen Kraftwerke sollten „mit Wasserstoff beschickt werden“, allerdings nicht heute oder morgen“, eher „übermorgen“. Zur Begründung argumentiert die Wirtschaftsministerin, dass sich die Entwicklung hin zu Wasserstoff insgesamt verlangsame. Die Kosten seien zu hoch, und grüner Wasserstoff werde bisher kaum angeboten.

    An solchen Äußerungen lässt sich ablesen, was die Strategie Reiches von der ihres Amtsvorgängers Habeck unterscheidet. Für den Grünen war erstens klar, dass einige der neuen Gaskraftwerke innerhalb weniger Jahre auf Wasserstoff umzurüsten seien. Bei Reiche mag sich dieser Zeitraum deutlich nach hinten verschieben, wobei sie schriftliche Festlegungen noch vermeidet. Zweitens plant das Wirtschaftsministerium unter ihrer Leitung nun Gaskraftwerke mit einer Leistung „bis zu 20 Gigawatt“ (Milliarden Watt). Bei Habeck ging es um 12,5 Gigawatt. Mit der CDU-Politikerin könnte die fossile Stromerzeugung also länger von größerer Bedeutung bleiben.

    Und manchmal wird die neue Wirtschaftsministerin sehr deutlich. Es gehe um eine „Transformation“ des Energiesystems, nicht um eine „Revolution“. In den vergangenen Jahren habe der Klimaschutz im Vordergrund gestanden, nicht „Energiesicherheit und Preisstabilität“. „Das drehen wir jetzt um“, betonte Reiche in Spremberg. Betriebsrat Smith findet das gut. Reiche äußere sich „klarer“ als Habeck – in seinen Augen eine hoffnungsvolle Botschaft für Schwarze Pumpe, die Beschäftigten und die Region.

  • Das doppelt begabte Huhn

    Die Beleidigung „Du dummes Huhn“ ist ein Missverständnis. Hühner picken, scharren, gackern, flattern nicht nur, sondern haben einiges drauf. „Sie sind klug“, sagt Geflügelexpertin Inga Tiemann gleich zu Beginn am Telefon: „Hühner erkennen sich zum Beispiel im Spiegel und 100 andere Artgenossen am Gesicht. Sie unterhalten sich untereinander.“ Tiemann forscht an der Hochschule Osnabrück zu Gallus gallus domesticus, genauer zur Frage: Wie lässt sich das Hühnerwohl verbessern?

    Die Professorin züchtet dazu Zweinutzungshühner: Anders als die Tiere sonst in der hoch spezialisierten Agrarproduktion können diese beides – Eier legen und Fleisch ansetzen. Sie sind etwas weniger effizient, sollen dafür besser und länger leben können. Sind sie die Zukunft? Die Frage hat Gewicht, haben die Deutschen doch eine neue Liebe zum Huhn entwickelt.

    Zum einen im eigenen Garten: Mancher lässt dort Hühner rumlaufen. Mindestens drei müssen es sein, damit sie sich wohl fühlen. Dann servieren sie regelmäßig frische Eier, düngen zudem den Garten, beleben ihn. Neben diesem tierischen Hobby essen die Deutschen gerne Eier und Hühnerfleisch – und immer mehr davon.

    Im Jahr 2024 verspeiste jede und jeder rein rechnerisch 249 Eier zum Frühstück, in Nudeln, Rührkuchen und so fort – und damit zehn mehr als noch im Jahr zuvor. Auf deutschen Geflügelbetrieben lebten 2024 denn auch eine Million mehr Legehennen als noch 2023: 51,4 Millionen. Die Legeleistung je Henne: 295 Eier. Das ist ein tierischer Marathon – Schwerstarbeit. Zudem werden knapp 627 Millionen Masthühner im Jahr hierzulande geschlachtet, Tiere, die schon binnen fünf bis sechs Wochen bis zu 2,5 Kilo schwer werden. Dann, noch nicht geschlechtsreif, werden sie getötet.

    Das Prinzip der Agrarwirtschaft ist bisher eine Art Arbeitsteilung: Die einen legen Eier, also die Hennen. Dafür setzt diese Rasse wenig Fleisch an, bleibt sportlich schmal. Die männlichen Kollegen der Hennen sind deshalb kaum als Brathähnchen geeignet – zu mager. Die anderen, die besonders schnell wachsenden Hennen und Hähne der Mastrassen, liefern das Fleisch.

    Die Zucht dieser spezialisierten Rassen liegt heute vor allem in den Händen weniger Weltkonzerne: etwa der EW Group und Wimex Group, beide aus Deutschland, oder von Hendrix Genetics aus den Niederlanden. Anders gesagt: Die meisten Hühner, auch auf Biohöfen, stammen aus nur wenigen Zuchtlinien. Die Tiere sind auf Hochleistung getrimmt. Begonnen hat das schon Anfang der 1960er Jahren. Damals wuchs der Appetit auf Geflügel, auch weil die Wienerwald-Restaurant-Kette die Deutschen im Westen auf den Brathähnchen-Geschmack brachten. Im Osten – kurz zur Erinnerung – errang die 1971 gegründete Warnemünder Broiler-Bar im Hotel Neptun Kultstatus.

    Nur: Eierlegen im Akkord bei den einen und rasantes Zunehmen bei den anderen haben ihren Preis. Bei den Legerassen rechnen sich die Hähne nicht. Lange Zeit wurden sie darum direkt nach dem Schlüpfen getötet. Das ist mittlerweile verboten. Inzwischen werden die Geschlechter der Küken entweder im Ei bestimmt und die männlichen Nachkommen dann aussortiert. Oder diese werden als sogenannte „Bruderhähne“ groß. Doch, sagt Tiemann, hat auch das Tücken: „Die Bruderhähne nehmen schlecht zu, müssen bis in die Pubertät gehalten werden, stressen und verletzten sich dann häufig gegenseitig. Sie tiergerecht zu halten ist eine große Herausforderung.“ Noch nicht geredet von anderen Nebenwirkungen – etwa verformte Brustbeine oder eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten – der Hochleistung in Hühnerställen.

    Tiemann sucht Alternativen. Sie kreuzt mit einem ganzen Team unter anderem die modernen weltweit bekannten Hühnerassen „White Rock“ und „Ranger“ mit alten regionalen, den „Rahmeslohern, „Bielefeldern“ und „Altsteirer“. Es ist ein groß angelegtes Forschungsprojekt namens RegioHuhn, das vom Ökoverband Naturland initiiert und von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wie Tiemann begleitet wird. Sie dokumentieren Futtermengen, beobachten wie es den Nachkommen geht, wiegen sie, zählen ihre Eier.

    Heraus kommen Hühner mit neuer Doppelbegabung: Die Hennen legen zwar nicht rund 300 Eier wie die hochgetrimmten Artgenossen, aber doch etwa 260. Dafür futtern sich die Brüderhähne ein auskömmliches Schlachtgewicht an, auch wenn sie dafür nicht nur sechs, sondern zehn bis zwölf Wochen brauchen. Tiemann sagt: „Solche Zweinutzungshühner sind etwas entspannter, robuster, pflegeleichter, aber eben keine Vollprofis.“

    Damit seien sie ideal für den Garten eines Hobbyhalters. Und für den Stall eines Profis, also eines landwirtschaftlichen Betriebs? Die Firma Lohmann, eine Tochter der großen EW-Group hat selbst ein Zweinutzungshuhn gezüchtet: Die Rasse „Lohmann Dual“ verkaufe sich in der Schweiz, meint Tiemann. Im Deutschland der preissensiblen Kunden hat sie sich nicht durchgesetzt. Die Verbraucher müssen mitspielen.

    Christine Bremer weiß das gut. Auf ihrem Hof im niedersächsischen Kölau in der Lüneburger Heide hält sie neben Bioputen auch 2500 Zweinutzungshühner – „zum Wohl der Tiere ohne ihre üblichen Berufskrankheiten“, sagt sie. Bremer, bekannt durch die NDR-Hofgeschichten und in diesem Jahr auch mit niedersächsischen Tierschutzpreis ausgezeichnet, erklärt: „Der Hahn lebt länger, muss für sein Hotel mit gefülltem Kühlschrank einige Wochen mehr zahlen.“ Das alles koste. Der Preis für einen Hahn für die Bratröhre bei ihr: 25 Euro. Sie verkaufe ihre Produkte über einen eigenen Online-Shop und den hofeigenen Laden: „Viele wollen die schonendere Haltung der Tiere.“ Noch ist es eine Nische.

    Doch testet derzeit der Handelskonzern Rewe, wie gut sich in etwa 110 seiner Märkte in Teilen Baden-Württembergs und der Pfalz Bio-Eier von Zweinutzungshühnern verkaufen. Er bietet den Karton mit vier Stück für 2,29 Euro an. Das sei, erklärte das Unternehmen, „gut angelaufen und wir sind mit Umsatzentwicklungen zufrieden.“

  • Strom durch die Luft übertragen

    Mobiltelefone und Zahnbürsten lassen sich schon kabellos aufladen. Aber wäre es nicht praktisch, Strom auch über größere Strecken durch die Luft zu übertragen? Kein Kabelwirrwarr in der Wohnung oder, noch größer, nicht einmal Hochspannungsmasten in der Landschaft? Was wie Science-Fiction klingt, ist technisch möglich – dank Mikrowellen. In Berlin soll das Konzept jetzt industriereif werden.

    Die Idee: Der Strom wird in etwas umgewandelt, das sich ohne Kabel senden lässt – ein Laserstrahl oder eine Mikrowelle. Laserstrahlen sind leichter zu stören und können zum Beispiel Wolken nicht durchdringen, elektromagnetische Wellen schon. Im Prinzip funktioniert das wie ein Mikrowellengerät in der Küche. Das sendet auch Wellen aus, Empfänger ist in diesem Fall das Essen, das sich erhitzt. Für Stromübertragung wird, sehr vereinfacht, der Strahl gerichtet und das Essen durch eine Empfangsantenne ersetzt.

    Dem neuseeländischen Unternehmen Emrod ist es gelungen, Mikrowellen zu bündeln, so dass sie ohne große Streuverluste präzise verschickt werden können und sich auch steuern lassen. Bereits im September 2022 bewiesen die Experten, dass die Technik funktioniert. Das Experiment damals trugen unter anderem die europäische Raumfahrtagentur Esa und der Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus. Die Neuseeländer schickten in einer Halle von Airbus in München Strom über 36 Meter durch die Luft. Sende- und Empfangsantenne waren quadratisch mit jeweils knapp zwei Metern Diagonale.

    Das Konzept überzeugte die Bundesagentur für Sprunginnovationen Sprind, die Emrod jetzt mit 2,2 Millionen Euro fördert. Der Plan: In Deutschland einen größeren Demonstrator bauen, die Vorstufe zu industrieller Massenfertigung etwa der Antennenelemente. Und dann, heißt es bei Sprind, sollte das Unternehmen reif sein für Risikoinvestoren und Anwendungen im großen Stil.

    Genutzt werden könnte die Technik auf vielerlei Art. So kann sie sich die Esa vorstellen, künftig Strom mit Solarzellen im All zu gewinnen und Satelliten zu versorgen. Die Energie könnte auch gezielt auf Flugzeuge mit Elektroantrieb gestrahlt werden. Oder vielleicht Drohnen im Flug laden? Oder elektrische Großmaschinen zum Beispiel im Tagebau?

    Auch ließen sich entlegene Gegenden etwa in den Bergen ans Stromnetz bringen, ohne Leitungen durch unwegsames Gelände legen zu müssen. Eine Studie für die britische Regierung hielt es für mach- und bezahlbar, ganze Orte direkt aus Solarfeldern im All zu versorgen. Dort oben stört die Atmosphäre nicht, die Solarzellen könnten deutlich mehr Energie erzeugen als auf der Erde.

    Windparks auf dem Meer könnten einfach Strom senden, statt ihn durch ein teures Seekabel zu schicken. Und Katastrophengebiete, in denen das Netz zusammengebrochen ist, wären schnell wieder versorgt. Angetrieben wird das Ganze auch durch den Klimawandel, der Investitionen auch in radikalere Ideen anschiebt, wie eine Studie des Massachusetts Institute of Technology 2022 feststellt. Die Zeit sei reif.

    Zunächst fehlt aber eine Anlage, die zeigt, dass es in großem Maßstab geht. Emrod hat zwei Jahre Zeit dafür. Gerade bauen die Neuseeländer in Berlin einen Standort auf. Deutschland ist für das Unternehmen nicht nur interessant, weil die Sprunginnovationsagentur Geld gibt, sondern auch, weil das Wissen über Mikrowellen und Antennen hierzulande weltweit führend ist.

    Das Konzept geht zurück auf den Erfinder Nikola Tesla, der die Technik vor etwa 125 Jahren ausbaute. Kommerziellen Erfolg hatte sie damals nicht, weil der Bedarf fehlte und Kabel billiger waren. Die US-Raumfahrtbehörde Nasa und vor allem das US-Verteidigungsministerium sahen in den 60er Jahren zwar Potenzial, doch die Technik war nicht weit genug und vor allem zu teuer. Das ist jetzt anders, wobei noch einiges zu tun ist.

    Den Strom in Mikrowellen umzuwandeln, ist kein Problem, der Versand ist effizient. Der Strahl transportiert 99 Prozent der Energie. Aber wenn er wieder in Energie umgewandelt wird, geht noch zu viel verloren. Zudem entsteht Wärme. Derzeit kommen 62 Prozent des eingespeisten Stroms am Ende von Emrods System wieder heraus. Ab 80 Prozent wird es wirtschaftlich attraktiv, wie es bei Sprind heißt. 85 Prozent peilen die Neuseeländer an.

    Zunächst soll ein Kilowatt übertragen werden. Das reichte gerade, um zum Beispiel einen Föhn (ein bis zwei Kilowatt) kabellos zu betreiben. Die Vision sind ein Gigawatt. In den siebziger Jahren wurden bei einem Experiment bereits 35 Kilowatt über Kilometer durch die Luft geschickt.

    Bleibt die Frage, was passiert, wenn ein Vogelschwarm durch den Mikrowellenstrahl fliegt oder ein Mensch ihm nahe kommt. Bisher gilt ein Sicherheitsabstand von drei Metern. Und die Neuseeländer schicken einen Leitstrahl mit. Sollte etwa ein Entenschwarm heranfliegen und den Leitstrahl durchbrechen, würde die Stromübertragung abgeschaltet. Emrod hat auch eine Drohne durch den Mikrowellenstrahl geflogen, deren Elektronik nicht zerstört wurde.

    Im Englischen heißt die Technologie Power Beaming. Das erinnert doch sehr an die innovative Transportmethode aus der Kino- und Fernsehserie Star-Trek, in der die Crew sich aus dem Raumschiff Enterprise heraus auf Planeten beamen lässt. Angenommen, der Mensch bestünde komplett aus Energie, könnte diese Teleportation nicht doch im echten Leben funktionieren? Die Experten winken ab. Zumindest das ist Science-Fiction.

  • Geschickter Plan

    Offenbar arbeitet die EU an einem neuen Versuch, dem E-Auto in Europa zum Durchbruch zu verhelfen. Dienst- und Mietwagen sollen von 2030 an nur noch mit Strom fahren. Grundsätzlich ist die Idee der Kommission sehr gut. Schließlich sind rund 60 Prozent der jährlich in der EU zugelassenen Fahrzeuge als Dienstwagen unterwegs oder können gemietet werden. Entsprechend groß ist die Chance, sauberen E-Autos den Weg freizuräumen.

    Geschickt könnte der Plan auch das Henne-Ei-Problem der Branche lösen. Weil zu wenig Menschen E-Autos fahren, gibt es zu wenig Ladesäulen, weshalb zu wenig Menschen E-Autos fahren. Die Angst, mit leerer Batterie liegenzubleiben, sitzt mindestens in Deutschland tief, auch wenn die Reichweiten der Fahrzeuge stetig steigen und die meisten nur kurze Strecken fahren. Sind per EU-Verordnung mehr E-Autos unterwegs, rechnen sich auch Ladesäulen. Das Angebot wird steigen.

    Das niemand mehr Autos mietet, wenn nur E-Fahrzeuge zur Auswahl stehen, ist unwahrscheinlich. Es fehlen schlicht Alternativen zum Auto. Auch vom Dienstwagen werden nur wenige lassen, weil der Motor mit Strom statt Sprit läuft. Und wenn Autos so wichtig für die Menschen sind, wie einige Branchenvertreter und Politiker behaupten, ist der Antrieb egal. Es geht schließlich darum, flexibel und beweglich zu sein.

    Der entscheidende Nachteil des EU-Plans: Brüssel schreibt etwas vor. Das stört viele Europäer. Und die Anhänger der Verbrenner nutzen das weidlich aus, um Stimmung gegen EU und E-Antrieb zu machen. Das Ergebnis: Streit und Unsicherheit im größten Binnenmarkt der Welt mit Folgen für die Autoindustrie. Im Zweifel gewinnen dann chinesische und koreanische Hersteller – mit besserer Technik und günstigeren Preisen als europäische Anbieter.

  • Rendezvous in 32.000 Kilometern Höhe

    Für viele abergläubische Menschen ist Freitag, 13. April 2029, ein Tag der Vorsicht. Für die Wissenschaft ist er ein Glücksfall. Und für die Menschheit sehr wahrscheinlich auch. An jenem Tag fliegt ein Asteroid sehr nah an der Erde vorbei. Und die Europäer wollen ihn mit einem großen und zwei kleinen Satelliten begleiten. Die Erkenntnisse sollen helfen, Asteroiden abzuwehren, die die Erde bedrohen.

    Einschläge können verheerend sein. Vor etwa 66 Millionen Jahren löste ein Asteroid von vermutlich etwa zehn Kilometern Durchmesser wohl das Aussterben der Dinosaurier aus. 2013 zerbrach ein Meteorit über Tscheljabinsk in Russland. Die Druckwelle zerstörte 3700 Häuser, verletzte fast 2000 Menschen. Er war zehn bis 20 Meter groß.

     „Die riskantesten Asteroiden für die Erde sind die mit einem Durchmesser von 50 Metern und mehr“ sagt Rolf Janovsky, Direktor Vorentwicklung und Raumfahrtsysteme beim Bremer Satellitenspezialisten OHB. Davon gebe es geschätzt 230.000, die aber bei weitem nicht alle bekannt seien.

    „Es ist nicht die Frage, ob Asteroiden auf der Erde einschlagen, sondern wann“, sagt der Experte. Klingt erst einmal bedrohlich, aber: „Ein Asteroideneinschlag ist die einzige Naturkatastrophe, die die Menschen vorhersehen können, sagt der Experte. „Und im besten Fall können wir sie sogar verhindern, indem wir etwa die Bahn des Asteroiden ablenken.“

    Das das funktioniert, hat die US-Raumfahrtbehörde Nasa 2022 bewiesen. Damals stürzte die Sonde Dart in rund 150 Millionen Kilometern Entfernung von der Erde gezielt auf den Asteroiden Didymos, um seine Bahn zu verändern. „Dart hat Didymos stärker abgelenkt als erwartet“, sagt Janovsky. „Wir haben jetzt mehr Fragen als vorher.“ Hinweise versprechen sich die Experten von Hera. Die Sonde ist seit Oktober 2024 unterwegs. Beauftragt von der europäischen Raumfahrtagentur Esa und federführend gebaut von OHB, soll sie nachsehen, was genau passiert ist.

    „Die Dart-Mission hat uns gezeigt, dass unsere Modelle darüber, wie Asteroiden aufgebaut sind, noch schlecht und falsch sind“, sagt Andreas Griese. Er leitet bei OHB das Projekt Ramses, das mit Freitag, 13. April 2029, zu tun hat. Dann wird der Asteroid Apophis in 32.000 Kilometern Höhe an der Erde vorbeifliegen, was in All-Dimensionen sehr nah ist. Geostationäre Wettersatelliten befinden sich etwa 36.000 Kilometer entfernt.

    Apophis wurde 2004 entdeckt. Er hat etwa 350 Meter Durchmesser und wäre eine enorme Gefahr. „Die Größe entfachte beim Aufschlag auf der Erde die Kraft von etwa 1000 Hiroshima-Bomben“, sagt Griese. „Ein echter Kontinentekiller.“ Weil er glücklicherweise vorbeifliegt, kann er wertvolle Informationen liefern.

    Ramses besteht aus einem etwa würfelförmigen Satelliten mit 1,8 Meter Kantenlänge plus Solarpanel. Er soll im März 2028 starten, einmal um die Sonne fliegen, um Schwung zu holen, und auf die Flugbahn von Apophis einschwenken. Dann wird der große Satellit zwei kleine im Schuhkartonformat aussetzen. Sie sollen den Asteroiden umkreisen.

    Ramses wird Apophis etwa vier Monate begleiten und Daten sammeln. „Wir erwarten, dass die Erdanziehung eine Art Asteroidenbeben verursacht“, sagt Griese. „Das liefert Informationen über den Aufbau.“ Und die sind wichtig. Denn: „Bevor wir einen Asteroiden ablenken, müssen wir wissen, ob er zum Beispiel ein Stein ist oder nur aus Geröll besteht, das die Gravitation zusammenhält“, erklärt Janovsky. „Bei der Abwehr müssen wir verhindern, dass sich der Asteroid in viele kleine Objekte zerlegt, die unkontrollierbar herumfliegen.“ Und womöglich doch großen Schaden anrichten.

    Auch wenn der Starttermin in zweieinhalb Jahren weit entfernt scheint, für eine derartige Mission ist das kurz. „Der Zeitplan bis zum Start von Ramses ist sehr eng“, sagt Griese. „Wir können ihn nur halten, weil wir viel von Hera übernehmen.“ Schon für jene Sonde war das Team schnell: Es brauchte vier Jahre, um Hera zu entwickeln, zu bauen und unter Weltraumbedingungen zu testen. Üblich ist die doppelte Zeit.

    Ramses basiert auf dem Hera, muss aber angepasst werden, um leichter und wendiger zu sein. Auch die Treibstofftanks sind größer. Was noch fehlt, ist die endgültige Zusage für die Finanzierung. Darüber entscheiden die Mitgliedsländer der Esa beim Ministerratstreffen im November in Bremen.

    Ramses wird vermutlich zwischen 100 und 200 Millionen Euro kosten. Dazu kommen noch der Raketenstart, die Bodenstationen und der Betrieb. Im Vergleich zum dreiteiligen Satellitenset, das in der zweiten Hälfte der 30er Jahre Gravitationswellen im All messen soll, sind die Ausgaben niedrig. Das Lisa genannte Projekt kostet die Esa nach aktuellem Stand 839 Millionen Euro.

    In Bremen arbeiten sie bereits an der geplanten Esa-Mission Neomir. Das Infrarotsystem soll in den 30er Jahren zwischen Sonne und Erde platziert werden und Asteroiden aus Richtung Sonne früher erkennen. So gäbe es mehr Vorwarnzeit.

    Zwei UN-Organisationen kümmern sich bisher um das Thema Asteroiden, koordinieren, wenn ein gefährlicher Himmelskörper gesichtet wird, wie im Frühjahr 2024YR4. Er ist etwa 60 Meter groß und drohte, die Erde zu treffen. Inzwischen ist klar, dass er vorbeifliegt, vielleicht aber auf dem Mond einschlägt. Gewarnt wird also, die Abwehr ist bisher eher theoretisch. „Wir brauchen ein System, das entwickelt und getestet und für den Notfall schnell einsatzbereit ist“, sagt Janovsky. „So weit sind wir noch nicht.“

  • Fledermaus statt GPS

    Für den Postboten klingt die Aufgabe einfach: „Lege das Paket neben das Fahrrad, das an der Haustür lehnt. Bei Hausnummer 5 in der Hauptstraße.“ Eine Lieferdrohne scheitert, zumindest, wenn sie keine Karten gespeichert hat, ohne Satellitendatenauskommen muss, um sich zu orientieren, und kein Mensch eingreifen darf. Ein Wettbewerb der Bundesagentur für Sprunginnovation Sprind soll jetzt eine technische Lösung für vollständig autonomes Fliegen finden. Helfen könnten das Erdmagnetfeld und Fledermäuse.

    Auch heute schon liefern Drohnen etwa der Bielefelder Firma Third Element Aviation auf vorgegebenen Wegen weitgehend eigenständig Teile von einer Fabrik zur anderen. Fluggeräte von Wingcopter aus Weiterstadt liefern in Japan Blutkonserven. aus Amazon stellt in den USA Pakete per Drohne zu, auch Google beschäftigt sich mit Lieferdrohnen. Solche Fluggeräte überwachen auch Gebäude oder Stromnetze.

    „Bisher sind autonom fliegende Drohnen und auch Autos mit Daten trainiert“, sagt Patrick Rose, Innovationsmanager bei Sprind. „Aber noch ist der Mensch nötig, weil Situationen auftreten, in denen das gelernte von dem abweicht, was die Fahrzeuge sehen.“ Viele Drohnen nutzten auch Satellitensignale wie GPS oder Galileo, um festzustellen, wo sie gerade sind. Richtig autonom sind sie also nicht. „Bei unserem Wettbewerb sollen die Drohnen untrainiert fliegen und entscheiden, dass sie die richtige Stelle oder Person gefunden haben, um ein Paket zuzustellen. Und sie sollen ohne GPS oder ähnliches fliegen“, sagt Rose.

    Die Signale aus dem All sind zwar sehr präzise, können aber gestört werden oder in Krisengebieten komplett ausfallen. Für manchen Einsatzort lassen sich die Drohnen auch nicht mit Kartenmaterial füttern. Und dann sind da noch unverhoffte Hindernisse, etwa wenn die Lieferdrohne ein Paket vor der Haustür ablegen soll, aber jemand vergessen hat, die Mülltonne hereinzuholen, die jetzt den Platz blockiert und die Drohne damit überfordert ist.

    „Es gibt andere Möglichkeiten, sich zu orientieren: Zugvögel zum Beispiel nutzen das Erdmagnetfeld, Fledermäuse Ultraschall“, sagt Innovationsmanager Rose. Zum Einsatz kommen könnten auch Radar- oder Lidarsensoren. Letztere messen Entfernung über Laserstrahlen und sind heute bereits in autonomen Fahrzeugen eingebaut. Sie kommen allerdings mit schlechtem Wetter manchmal nicht klar und können mit Lasern gestört werden.

    Sprind sucht jetzt ein völlig autonom fliegendes System mit einem Gewicht bis 25 Kilogramm. Seit ersten Juli arbeiten 15 Teams aus sechs Ländern, darunter Deutschland Frankreich, Portugal und Tschechien daran. Die Teams erhalten bis zu 150.000 Euro. Im Januar 2026 gibt es dann Testflüge. Eine Jury prüft die Ergebnisse. Für einige Teams geht es dann im Februar in die zweite Runde, die sieben Monate dauert. Dann gibt es bis zu 350.000 Euro je Team. Am Ende steht im Idealfall eine Drohne, die eine Aufgabe bekommt und einfach losfliegt, um sie zu lösen.

    Was wie ein Spielfeld für Technikfreaks klingt, hat möglicherweise große wirtschaftliche Folgen: „Wenn wir die technischen Möglichkeiten besser nutzen, könnte die Welt anders aussehen“, sagt Rose. Fliegen zum Beispiel. „Es könnte durch intelligente Systeme viel effizienter sein als heute, wo wir große festgelegte Korridore am Himmel nutzen.“ Sie ähneln Autobahnen und verhindern Zusammenstöße. Neuartige Navigation könnt bessere Flugbahnen möglich machen.

    Die Experten erwarten große Chancen für vollautonome Drohnen beim Transport, etwa um abgelegene Gegenden zu versorgen, aber auch, um den Stadtverkehr zu entlasten. Wartung und Inspektion von Stromnetzen und Industrieanlagen könnte sicherer und kostengünstiger sein. Die Technik könnte für Lufttaxis oder Rettungsflüge genutzt werden. Autonome Drohnen könnten Hilfsgüter in schwer erreichbare Gebiete liefern und Menschen in Trümmern suchen. Manches neue Geschäftsfeld lässt sich heute nur erahnen, etwa für Sicherheitsdienste oder in der Landwirtschaft.

    Deshalb ist Rose eins besonders wichtig: „Was die Teams entwickeln, muss kommerzialisierbar sein.“ Am Ende soll im Idealfall ein Produkt stehen, dass sich auch verkaufen lässt. Wobei das schwer wird. „Wir feiern das Scheitern. Die Anforderungen sind so hoch, dass es kaum zu schaffen ist“, sagt der Sprind-Innovationsmanager. „Bei der ersten Challenge vor einem Jahr sind alle abgestürzt, dennoch haben einige Teams Produkte entwickelt, die jetzt am Markt zu kaufen sind.“

    Alles rund um Drohnen hat nicht nur einen zivilen Nutzen, sondern auch einen militärischen. Gerade im Krieg zwischen Russland und der Ukraine zeigt sich das. Erkenntnisse aus dem Funken genannten Wettbewerb könnten also auch für die Verteidigung von Nutzen sein. Auch andere Länder forschen an vollständig autonomen Drohnen. Die USA und China dürften am weitesten sein. Dass das Problem gelöst ist, ist bisher nicht bekannt.

    In der ersten Stufe des Sprind-Wettbewerbs geht es darum, Ziele anhand einer Beschreibung zu finden. In der zweiten Stufe sollen die Drohnen Objekte und Personen erkennen und dann auch verfolgen. Dabei muss die Drohne ihren Standort senden. „Wir ermöglichen allen, mit sehr viel Risiko reinzugehen, auch etwas auszuprobieren, was sie normalerweise nicht versuchen würden“, sagt Rose. „Wer die 350.000 Euro aus der zweiten Runde haben möchte, traut sich was. Da entstehen Innovationen.“

  • Abschied von Uraltrechner und Diskette

    Wie schaltet man 280 Kilometer Oberleitung ab? Ohne das Stromnetz schwanken zu lassen? Die Deutsche Bahn gewährt erstmals Einblicke in das größte Sanierungsprojekt ihrer Geschichte: Vom 1. August an wird die Strecke zwischen Berlin und Hamburg neun Monate lang gesperrt und von Grund auf erneuert. Der Aufwand ist enorm, die Kosten sind es auch. Die Technik muss allerdings dringend überholt werden. In manchen Stellwerken laufen Computer aus den 80er Jahren.

    „An einigen Stellen nutzen wir noch Disketten“, sagt Julian Fassing. Der Manager, kurze dunkle Haare, eckige Gläser im dunklen Brillengestell, ist verantwortlich dafür, dass Gleise, Weichen, Oberleitung, Schotter, Stellwerke und Bahnhöfe erneuert werden. Offiziell ist er Projektleiter Generalsanierung Hamburg–Berlin bei der DB Infrago. In dem Unternehmen hat die Bahn Schienen und Bahnhöfe gebündelt.

    Die technischen Herausforderungen seien enorm, sagt Fassing. Schon allein die Länge der Strecke: 279 Kilometer, aufgeteilt in drei Teilbaustellen, weil man sonst leicht den Überblick verliert und die Anfahrtswege der Bauarbeiter zu lang werden. Am 1. August geht die Strecke vom Netz. Kein Zugverkehr. Dann wird der Strom abgestellt und die Maschinen rücken an. Es gebe 20 Hauptauftragnehmer, sagt Fassing, dann zahlreiche Subunternehmer, Arbeitsgemeinschaften und Spezialfirmen, die das Projekt umsetzen.

    Bis Ende des Jahres soll der Gleisbau abgeschlossen sein, die Oberleitung ist dann ebenfalls erneuert. Danach kommt die Stellwerks- und Sicherheitstechnik dran. Im April sind Testfahrten und Abnahmen geplant. Danach soll alles wieder befahrbar sein, dann mit hohem Tempo und vor allem störungsfrei.

    Fassing steht im Konferenzraum Roland im 15. Stock des Bahntowers am Potsdamer Platz und schaut auf den Papierausdruck am Boden. Auf 24 Metern Länge und etwa 60 Zentimetern Höhe ist hier die Strecke mit den Bahnhöfen schematisch dargestellt, von Berlin-Spandau bis Hamburg-Billwerder. Es wimmelt von roten Kästchen, die Baumaßnahmen zeigen, Schienen, die getauscht werden, sind ebenfalls rot gefärbt.

    165 Kilometer Gleise werden erneuert, auf 61 Kilometern reicht es, sie instandzusetzen. Insgesamt werden 249 Weichen getauscht oder neu eingebaut. Sechs Stellwerke will die Bahn neu bauen, 19 werden überholt, damit künftig neuere Rechner im Einsatz sind und Disketten überflüssig werden. Viele Stellwerke sind um die 30 Jahre alt und am Ende ihrer Lebenszeit, wie Fassing sagt.

    Auf 22 Kilometern wird die Oberleitung erneuert, auf 25 Kilometern nur der Fahrdraht getauscht Und 28 Bahnhöfe entlang der Strecke bekommen neue Wartehäuschen, längere oder höhere Bahn steige, neue Parkplätze. Bis zu 1000 Arbeiter werden täglich im Einsatz sein, von mehr als hundert Baumaschinen spricht die Bahn. Das alles kostet nach aktuellem Stand 2,222 Milliarden Euro.

    Ursprünglich war geplant, auch das moderne Zugsteuerungssystem ETCS einzubauen. Doch es kommt erst einmal nicht. „Wir verzichten darauf“, sagt Karsten Erhardt, Leiter Infrastrukturprojekte Ost bei Infrago. Die Erfahrung bei der Riedbahn habe gezeigt, wie schwierig der Parallelbetrieb von klassischem und neuem System sei. Zudem koste er mehr. Und das Geld für den Einbau will sich die Bahn angesichts der hohen Summe erst einmal sparen. Immerhin wird alles für ETCS vorbereitet. Erhardt erwartet, dass das System wahrscheinlich in den 30er Jahren einsatzbereit ist.

    Die rund70 Kilometer lange Riedbahn zwischen Frankfurt und Mannheim war die erste Strecke, die die Bahn durchgreifend saniert hat. Auch hier war Fassing Projektleiter. Die Erfahrungen fließen jetzt ein. Anders als auf der Riedbahn werde weniger parallel gearbeitet, sagt er. So wollte die Bahn Zeit sparen, damit die Strecke schneller wieder frei ist. „Zum Schluss wurde es hektisch“, erinnert sich Fassing. „Das Ergebnis ist störanfälliger.“ Noch immer fahren Züge auf der Riedbahn nicht so schnell wie sie könnten (Tempo 200), bremsen Stellwerksprobleme. „Zwischen Hamburg und Berlin nehmen wir uns mehr Zeit“, sagt der Projektleiter.

    Die Riedbahn war der Test des Generalsanierungskonzeptes: Von Mitte Juli bis Mitte Dezember 2024 war sie voll gesperrt. Auch dort wurden Weichen, Gleise und Oberleitungen ersetzt, Bahnhöfe umgebaut. Die Kosten stiegen von geschätzten 500 Millionen Euro auf dann 1,5 Milliarden Euro. Die Riedbahn ist mit bis zu 300 Zügen täglich stark befahren, zwischen Hamburg und Berlin sind täglich 470 Züge unterwegs. Besondere Herausforderung: „Anders als bei der Riedbahn gibt es keine parallelen Strecken“, sagt Fassing.

    Deshalb kommt auf die Reisenden im Nahverkehr der größte Schienenersatzverkehr der bundesdeutschen Geschichte zu: 170 Busse werden täglich rund 86.000 Kilometer fahren. ICE und IC im Fernverkehr werden umgeleitet und sind statt knapp zwei Stunden nicht ganz drei unterwegs. Auch fährt nur noch jede Stunde ein Direktzug statt alle 30 Minuten. Und der Güterverkehr wird umgeleitet.

    Jetzt kommt es noch auf das Wetter an. Als die Riedbahn saniert wurde, überraschte heftiger Eisregen, so dass selbst der Schotter rutschig war. Zwischen Hamburg und Berlin rechnet Fassing nicht mit Problemen – außer der Winter beginnt sehr früh, hält sehr lange an und wird vor allem sehr kalt. Dann lassen sich die Schienen nicht schweißen. Wenn alles nach Plan läuft, rollen die Züge am 1. Mai 2026 wieder.

  • Wenn der Roboter das Bügeln übernimmt

    Bügeln, Staub wischen, Geschirrspüler ausräumen: Für die meisten Menschen sind solche Arbeiten lästig. Wie schön, wenn Roboter einspringen könnten. Die Industrie jedenfalls, die bisher solche Geräte für die Fabriken entwickelt, hat den privaten Haushalt entdeckt. Ein deutscher Hersteller will die ersten Helfer noch in diesem Jahr ausliefern.

    Die Bundesbürger schätzen jedenfalls, dass Roboter das Leben verbessern werden. 67 Prozent rechnen in den kommenden fünf bis zehn Jahren mit einem positiven Einfluss, wie eine repräsentative Umfrage der GFU, des Branchenverbands für Hausgeräte und Unterhaltungselektronik, ergab. 17 Prozent erwarten negative Folgen. Grundsätzlich helfen lassen wollen sich 37 Prozent, aber 36 Prozent auf keinen Fall. Vielleicht liegt es am bisher überschaubaren Angebot. Doch das ändert sich gerade.

    Weltweit arbeiten Firmen an Robotern, die dem Menschen ähneln. Unter anderem sollen sie schwere Aufgaben übernehmen, etwa in Fabriken, aber auch in der Pflege. Pionier Boston Dynamics, bekannt für den ersten Roboterhund, entwickelt Atlas, Autohersteller Tesla Optimus. FigureAI, bei denen Sam Altman vom Künstliche-Intelligenz-Entwickler OpenAI beteiligt ist, baut Figure02. Alle drei Firmen kommen aus den USA. Chinesische Hersteller wollen bereits in diesem Jahr in großem Stil solche Roboter in den Markt bringen. In Deutschland liefert Neura Robotics aus Metzingen einen Roboter, der im Haushalt helfen kann.

    Mipa ist etwa 1,45 groß, hat zwei Arme und ein körperhohes schmales Display vorn. Der Roboter fährt auf Rollen, ist vollgestopft mit Sensoren für Temperatur und Feuchtigkeit, schaut mit Kameras und Laserradar auf seine Umgebung, versteht Wlan und Bluetooth und menschliche Sprache. Die künstliche Haut der Hände ist druckempfindlich. Im Hintergrund arbeitet künstliche Intelligenz. Neura-Robotics-Chef David Reger spricht denn auch von kognitiver Robotik – Roboter, die Sinne haben wie der Mensch.

    Mipa ist eine Abkürzung für My Intelligent Personal Assistant (Mein intelligenter persönlicher Assistent). Der Roboter lernt durch Ansprache, wie er genannt wird. „Susi“, „der Bügler“, „Heinzelmännchen“ – alles ist möglich. Seine Fähigkeiten, so die Idee, bekommt er durch Apps, kleine Programme, zum Beispiel „Staub wischen“ oder „Geschirrspüler ausräumen“, die im firmeneigenen Neuraverse bereitstehen sollen, das die Roboter auch vernetzt.

    Dabei steht der Haushalt als Einsatzgebiet für die Helfer erst an dritter Stelle bei den Bundesbürgern, wie die GFU-Umfrage ergab – hinter Sicherheit und Garten. Viele nutzen schon Roboter, die aber nicht jeder als solche bezeichnen würde – den Kochautomat Thermomix von Vorwerk aus Wuppertal etwa, der lästige Arbeit in der Küche abnimmt.

    Vor allem auf deutschen Rasenflächen sind bereits zahlreiche Roboter im Einsatz: Flache Mäher ziehen vollautomatisch und klaglos täglich ihre Bahnen über das Grün. Allein im vergangenen Jahr verkauften die Hersteller 110.000 Stück in Deutschland, ein Plus von 45 Prozent im Vergleich zu 2023.

    Die neuartigen menschlicheren Roboter sind allerdings deutlich komplizierter. Sie könnten auch bei der Pflege von Angehörigen, bei der Körperpflege und beim Babysitting helfen. Doch gerade bei Kinderbetreuung sind die Deutschen eher skeptisch, wie die GFU-Studie zeigt. Aber: Wer schon heute Putzkräfte, Gärtner, Pfleger oder Babysitter bezahlt, ist Hilfe von moderner Technik weniger abgeneigt.

    Das könnte auch daran liegen, dass sich solche Dienste nur Haushalte leisten können, die entsprechend hohes Einkommen haben. 50 bis 60 Prozent der Menschen mit einem Jahreseinkommen unter 30.000 Euro sind Roboter-Unterstützung nicht abgeneigt. Bei denen, die über ein Jahreseinkommen von mindestens 80.000 Euro verfügen, sind 70 bis 80 Prozent aufgeschlossen. Derzeit kosten die Techno-Helfer im Schnitt 35.000 Euro, wie die Beratungsfirma Oliver Wyman ermittelt hat. Die Experten rechnen damit, dass die Preise in den kommenden zehn Jahren auf im Schnitt 15.000 Euro fallen werden – weil die Nachfrage steigt und Roboter günstiger in Masse hergestellt werden können.

    Der Preis und die hohen Wartungskosten sind denn auch bei 79 Prozent der Bundesbürger der Grund, warum sie erst einmal Abstand nehmen von derartigem Hightech in den eigenen vier Wänden. 61 Prozent fürchten, eigene Fähigkeiten zu verlieren, wenn sie stark auf Technik setzen. 59 Prozent sorgen sich um ihre Daten und ihre Privatsphäre. Schließlich sind solche Roboter mit dem Internet verbunden, die Kameras immer an. Denn ein Haushaltsroboter soll nicht mit Möbeln und Menschen zusammenstoßen.

    Mipa soll um die 10.000 Euro kosten. Der Roboter kann derzeit vorbestellt werden. Neura Robotics will noch in diesem Jahr damit beginnen, ihn auszuliefern. Produziert wird im eigenen Werk in Metzingen, wo das Unternehmen auch Industrie- und Transportroboter herstellt. Investoren glauben an die Deutschen. Vor kurzem sammelte das Unternehmen 120 Millionen Euro frisches Geld von Investoren ein, um zu wachsen.

    Auf der internationalen Fachmesse Automatica in München stellte Neura Robotics kürzlich einen Roboter vor, der einem Menschen deutlich ähnlich sieht. Er heißt 4NE1. Bis er die Bügelbretter der Welt angehen darf, wird es aber noch etwas dauern. Ein Grund: Roboter auf zwei Beinen sind deutlich weniger standfest als Roboter auf Rollen.

  • Start-up-Branche boomt

    Manchmal zeigt sich im Kleinen die Stärke. Insofern lässt die Zahl der frisch gegründeten Technologieunternehmen im ersten Halbjahr hoffen für die deutsche Wirtschaft. Im Vergleich zu einem Jahr zuvor starteten nach Angaben des Startup-Verbands neun Prozent mehr Firmen – vor allem bei Software. Ein Grund für das rasante Wachstum bei Start-ups: Künstliche Intelligenz senkt die Hürden.

    „Der positive Trend seit 2023 setzt sich fort“, sagt Jannis Gilde vom Startup-Verband. Der kontinuierliche Wachstumstrend, der während Corona eingebrochen sei, sei zurück. Jeden Monat seien mehr Firmen Start-ups gegründet worden als im langjährigen Mittel. Im Gesamtjahr könnten demnach mehr als 3000 neue Tech-Firmen möglich sein – fast der bisherige Rekordwert von 2021 mit 3196.

    Der Schub kommt vor allem aus drei Ländern: Bayern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen mit jeweils kräftigen Zuwächsen im ersten Halbjahr 2025. In Bezug auf 100.000 Einwohner ist Berlin mit 6,7 neuen Start-ups an der Spitze, gefolgt von Hamburg mit 4,5. Auf Rang drei folgt Bayern mit 2,6. Alle anderen Bundesländer liegen unter dem deutschlandweiten Schnitt von 1,8 Neugründungen je 100.00 Einwohner.

    Gilde sagte, es sei noch Potenzial zu heben. Dass mehr möglich ist, zeigt der Aufstieg Sachsens von Rang zehn auf Rang sieben, allerdings immer noch auf niedrigem Niveau. Das Bundesland jedenfalls hat sich in den vergangenen Jahren darum gekümmert, Tech-Gründungen zu beschleunigen.

    Bayern profitiert vor allem von München und seinem Umland. In der Fläche ist die Zahl der neuen Start-ups auch eher übersichtlich. Die bayerische Landeshauptstadt holte sich die Spitzenposition mit 13,5 Gründungen je 100.000 Einwohner zwischen 1. Juli 2024 und 30. Juni 2025 zurückgeholt und Heidelberg (13,4) auf Rang zwei verwiesen. Auf Rang drei Berlin (13,2) vor Darmstadt (11,5) und Aachen (9,1). Neu in der Liste ist Stuttgart auf Platz neun. Köln, vor einem halben Jahr noch auf Rang zehn ist wieder abgerutscht. Betrachtet werden alle Städte mit mehr als 150.000 Einwohnern. Meist haben sie eine starke Universität, die Wert darauf legt, gute Ideen auszugründen.

    Neu gegründet wurden vor allem Softwarefirmen. Der Verband zählte ein Plus von 16 Prozent. Seit 2022 hat sich die Zahl der Start-ups, die sich ins Geschäftsleben wagen, auf 368 fast verdoppelt. Einen Grund sieht Benedikt Kurz, Vorstandsmitglied des Verbands und selbst Gründer, in künstlicher Intelligenz. „Sie senkt die Hürden, spart Zeit und Geld.“ Dank der Technologie lasse sich Software schneller und günstiger entwickeln. Neue Produkte und Webseiten seien ohne große Kenntnisse möglich.

    Ob es wirtschaftlich läuft, zeigt auch eine andere Zahl, Im ersten Halbjahr mussten 174 Unternehmen, die keine zehn Jahre alt waren, Insolvenz anmelden. Das waren acht mehr als vor einem Jahr, ein moderater Anstieg, wie es beim Startup-Verband heißt. Es traf vor allem Firmen aus der Medizin- und der Lebensmittelbranche.

    Nicht jedes neue Unternehmen ist ein Start-up. Wenn es bis zu acht Jahre alt ist, von Innovation und Technologie getrieben wird und vor allem schnell stark wachsen soll, gehört es dazu. Klassische Handwerker zählen deshalb nicht dazu, auch wenn sie gerade anfangen. Ein neuer Dachdecker ist kein Start-up, der Entwickler einer Nachhilfe-App schon.

    Der Startup-Verband nutzt für seine Übersicht Daten von Startupdetector. Die Firma durchsucht Handelsregister nach Gründungen – meist Kapitalgesellschaften – und bewertet sie. Zunächst automatisch, dann per Hand. Etwa drei Prozent aller neuen Firmen entsprechen den Vorgaben.

  • Radikal denken

    In Berlins Zentrum sollen bald keine Autos mehr fahren. Der Ansatz eines Volksbegehrens ist radikal und genau deshalb richtig. Gerade wenn es um Verkehr geht, helfen in Deutschland nur drastische Konzepte. Denn es geht nicht nur um einzelne neue Fußgängerzonen, sondern um weniger Lärm, mehr Lebensqualität und eine attraktive Innenstadt, nicht nur in Berlin.

    Das Auto hat in Deutschland eine besondere Stellung, für manche Politiker scheint es geradezu ein Fetisch zu sein, das ja nicht angerührt werden darf. Genauer: Die Privilegien, die die Fahrzeuge und ihre Fahrer seit Jahrzehnten genießen. Vor allem in Städten soll mit dem Auto möglichst alles erreicht werden können, Parkplätze sind billig. Das Ergebnis sind oft verstopfte Straßen, Lärm, schlechte Luft und der dringende Wunsch der Anwohner, dass sich etwas ändert.

    „Freie Fahrt für freie Bürger“ forderte der ADAC vor mehr als 50 Jahren. Nur möchten die freien Bürger heute vielleicht auch in Ruhe und ohne Abgasschwaden einen Kuchen vor einem Straßencafe genießen. Oder gar in angenehmer Atmosphäre an Geschäften entlangflanieren. In anderen Ländern haben die Stadtverwaltungen das erkannt und steuern um, verdrängen Autos, in Deutschland bewegt sich kaum etwas.

    Es gibt kein Recht darauf, vom Haus vor der Stadt auf direktem Weg bis zum Kinosessel im eigenen Wagen fahren zu können. Doch das scheint immer noch die Maßgabe zu sein. Um diese Bequemlichkeit einzelner zugunsten des Gemeinwohls zu verändern, ist ein Kracher wie das Volksbegehren in Berlin nötig. Nur wenn klar ist, dass Autos womöglich ganz draußen bleiben müssen, wird die Politik die Innenstädte lebenswerter gestalten, den Nahverkehr ausbauen. Und alle profitieren.

  • Flüsse freilegen und Bäume pflanzen

    Manchmal dauert die Neuerfindung mehrere Jahrzehnte. In Aarhus war es dann 2015 soweit: Statt dass Autos auf einer breiten Straße durchs Zentrum fahren, fließt wieder offen Wasser, vorbei an Wohnhäusern und Geschäften. Selbst im Winter treffen sich die Menschen vor den zahlreichen Kneipen und Klubs am freigelegten Fluss. Autos? Eher Fehlanzeige. Die zweitgrößte dänische Stadt ist nur ein Beispiel dafür, wie Verwaltungen weltweit erfolgreich daran arbeiten, die Innenstädte für alle lebenswerter zu machen.

    Bogota

    In der Hauptstadt Boliviens sperrten Einwohner an einem Sonntag im Dezember 1974 fünf Kilometer Straße für den Autoverkehr. Aus Protest. Daraus entwickelte sich die wohl größte autofreie Zone der Welt. Inzwischen sind jeden Sonn- und Feiertag fast 130 Kilometer Straßen im Zentrum Bogotas Radfahrern und Fußgängern vorbehalten. Die Feinstaubbelastung sinkt an solchen Tagen drastisch, das Gemeinschaftsgefühl steigt. Die Sicherheit auch.

    Brüssel

    2015 hat die belgische Hauptstadt den Boulevard Anspach gesperrt, damals die mehrspurige Hauptachse der Innenstadt. Inzwischen ist die Straße umgebaut, es gibt Spielplätze, Bänke, Bäume. Statt die Innenstadt mit Lärm und Blechlawinen zu zerschneiden, sind jetzt die Fußgängerzone um den großen Platz mit anderen Vierteln verbunden. Vor Börse und Oper entstanden große neue Plätze. Zudem hat die Stadt die Parkgebühren auf den zentralen vier Quadratkilometern erhöht, weitere Straßen gesperrt und grundsätzlich Tempo 30 eingeführt.

    Kopenhagen

    Dänemarks Hauptstadt hat bereits in den siebziger Jahren angefangen, den Radverkehr auszubauen. Inzwischen gibt es Radschnellwege in der Innenstadt, eigene Strecken, grüne Welle, um schneller voranzukommen. Für etwa die Hälfte aller Fahrten in der Stadt wird inzwischen das Rad benutzt. Autos können noch in die Innenstadt, doch die Zeiten der breiten mehrspurig befahrbaren Straßen sind bis auf einige Ausnahmen vorbei. Parken ist, wie in vielen anderen Städten Dänemarks teuer. Vier Stunden im Innenstadtparkhaus können tagsüber schon mal 30 Euro kosten.

    Oslo

    Die norwegische Hauptstadt hat 2019 entschieden, das Zentrum neu zu gestalten. Viele Parkplätze fielen weg, der Straßenraum wird vor allem zugunsten von Radfahrern und Fußgängern umgebaut. Auch zahlreiche Bäume wurden gepflanzt. Das Ziel: Die etwa 1,3 Quadratkilometer Innenstadt am Wasser wieder attraktiv zu machen und die Luft zu verbessern. Umfragen hatten ergeben, dass viele Osloer nur zum Arbeiten und Kaufen kamen, das Zentrum aber abends und nachts mieden, weil es wenig Aufenthaltsqualität bot. Die Verwaltung hat zusätzlich durchgehend Tempo 30 in der Stadt festgelegt.

    Paris

    Frankreichs Hauptstadt hat sich seit 2008, als die Einwohner Anne Hidalgo zur Bürgermeisterin wählten, nachhaltig gewandelt. Die Schnellstraße an der Seine ist verschwunden. Die Rue de Rivoli, früher oft laute und verstopfte Hauptstraße unter anderem am Louvre entlang, ist verkehrsberuhigt, überall sind Fahrspuren zu Radwegen gewandelt. Parken am Straßenrand kostet bis zu zehn Euro pro Stunde, wenn es überhaupt Parkplätze gibt. Dafür ist viel Platz zum Flanieren oder einfach, um vor einem Cafe zu setzen und in der Sonne ein Croissant zu essen. Zuletzt beschlossen die Pariser in einer Volksabstimmung, 500 weitere Straßen autofrei zu machen.

    Utrecht

    Die niederländische Stadt hat sich in den vergangenen 30 Jahren radikal gewandelt. Weg vom Autoverkehr hin zum Radverkehr. Selbst aus dem Umland ist es oft schneller, mit dem Rad in die Stadt zu kommen als mit dem Auto. Am Bahnhof steht das größte Radparkhaus der Welt mit 12.500 Plätzen. Inzwischen sind so viele Räder unterwegs, dass die Fußgänger sich beschweren. Die Stadt hat eine vierspurige Schnellstraße aus den 70er Jahren direkt neben der Altstadt entfernt und den alten 900 Jahr alten Kanal wieder hergestellt.

  • Kein Geld für „Donald Duck“

    Geld vom Computer oder Mobiltelefon aus zu überweisen, wird sicherer. Vom Herbst an überprüfen Banken und Sparkassen, ob Kontonummer und Empfängername übereinstimmen. Die EU will so verhindern, dass Betrüger echte Rechnungen mit falschen Kontonummern manipulieren. Auch versehentlich Geld an die falsche Person zu schicken, soll dann nicht mehr vorkommen.

    Bisher muss für eine Überweisung eine lange Nummer aus Buchstaben und Zahlen eingetragen werden, die Internationale Bankkontonummer Iban. Ob im Namensfeld das Unternehmen, dessen Rechnung bezahlt wird, angegeben ist oder „Donald Duck“ ist nicht wichtig. Das ändert sich zum 9. Oktober.

    Die Iban ist weiterhin wichtig, damit das Geld beim Empfänger ankommt. Sie besteht aus einem Ländercode etwa DE für Deutschland zwei Prüfzimmern und der Bankleitzahl sowie der Kontonummer. Bei einer Onlineüberweisung kontrolliert das Kreditinstitut im Hintergrund, ob die Iban existiert. Künftig allerdings überprüfen die Bank, die die Überweisung ausführen soll, und die Bank, die sie annehmen soll, zusätzlich ob der Name im Überweisungsformular mit dem Namen des Kontoinhabers übereinstimmt. Das soll die Zahlung sicherer machen.

    Vier mögliche Hinweise werden angezeigt, nach denen die Person die Überweisung freigeben kann: Der Name stimmt überein. Der Name ähnelt sich, typisch, wenn der Empfänger zum Beispiel mehrere Vornamen hat, die er nicht nutzt, die die Bank aber aufführt. Der Name stimmt nicht überein. Im vierten und eher sehr seltenen Fall ist eine Überweisung derzeit nicht möglich, was in der Regel technische Gründe hat.

    Wie genau das aussieht, ob grüne Haken und rote Kreuze angezeigt werden, regelt jede Bank oder Sparkasse selbst. Die neue Abfrage soll Bruchteile von Sekunden dauern, also kaum merkbar sein, wie Ingo Beyritz, Leiter Zahlungsverkehr beim Bundesverband deutscher Banken, sagte.

    Die Überweisung kann auch freigegeben werden, wenn der Name nicht übereinstimmt. Schließlich kann es sein, dass das „Schuhhaus Federleicht“, von dem die Rechnung stammt und das als Name in die Überweisung eingetragen ist, bei der Bank die Max Mustermann Handels KG ist. Das dürfte allerdings selten vorkommen. Stimmen die Namen nicht überein, sollte die Überweisung noch einmal überdacht werden. Die Rechnung könnte falsch sein.

    „Betrüger verwenden die echte Rechnung und manipulieren die Iban“, sagt Kolja Gabriel, Geschäftsbereichsleiter Politik und Innovation des Bankenverbands. „Wenn das gut gemacht ist, hat der Zahler eine echte Rechnung mit einer ordentlichen Iban und kann die Manipulation nicht erkennen.“ Mit der neuen Sicherheitsabfrage ändert sich das. Wie viele solcher Manipulationsfälle es gibt, ist unklar. Banken und Sparkassen in Europa führen rund 30 Milliarden Überweisungen pro Jahr aus.

    Zunächst gilt das zusätzliche Sicherheitsverfahren in den 20 Ländern der Euro-Zone. Spätestens vom 9. Juli 2027 an dann in allen Ländern der EU, also auch Polen oder den beliebten Urlaubsländern Dänemark und Schweden. Unklar ist, wann Liechtenstein, Island und Norwegen das Verfahren einführen. Sie gehören nicht zur EU, sind aber Teil des europäischen Wirtschaftsraums und eng verbunden.

    Banken in der Schweiz und Großbritannien werden das Verfahren nach aktuellem Stand nicht übernehmen. Das gilt auch für Länder wie Albanien, Serbien und Moldau, die zum einheitlichen europäischen Zahlungsraum (Single European Payment Area, Sepa), aber nicht zur EU gehören.

    Die Iban existiert seit 2008, europaweit einheitliche Überweisungsverfahren seit 2014. In diesem Jahr sollen Echtzeitüberweisungen zum Standard werden. Sonst dauern Überweisungen in der Regel zwei Tage.

  • Google statt Goethe

    Ein Girokonto zu eröffnen, ist einfach, meist ist es mit ein paar Klicks am Computer und einer Sicherheitsprüfung getan. Ähnlich einfach ist der Kauf von Aktien über den Onlinebroker – ein paar Mal tippen und schon sind sie im Depot, genug Geld vorausgesetzt. Doch was einfach klingt, ist für viele Menschen in Deutschland schwer. Und manche sind abgeschreckt. Wie sehr ermittelt die Auskunftei Schufa einmal im Jahr in einer repräsentativen Studie. Ergebnis diesmal: Ohne digitale Kenntnisse geht es nicht.

    Um festzustellen, wie gut Finanzdienstleistungen in Deutschland auf die Menschen zugeschnitten sind, erstellt die Auskunftei zusammen mit den Marktforschern von Ipsos aus 63 Einzelaspekten und einer groß angelegten Umfrage den Finanz-Inklusions-Index Fix. Im Vergleich zu 2024 ist er von 66,9 auf 69,8 Punkte gestiegen. Die finanzielle Teilhabe hat sich also verbessert. Vor allem das Vertrauen der Deutschen ist gestiegen, etwa in Online-Banking. Auch Finanzkompetenz und Barrierefreiheit legten zu. Maximal möglich sind 100 Punkte, was uneingeschränkten Zugang für alle bedeutet.

    Vieles kann Menschen davon abhalten, sich mit Geld im weitesten Sinn zu beschäftigen: Fehlende Bankfilialen, umständliche Bezahlsoftware, geringes Vertrauen in die Institute, zu wenig Einnahmen, geringe Bildung und mangelnde Digitalkompetenz. Vor allem letzteres hindert Menschen daran in vollem Umfang am (finanziellen) Leben teilzunehmen, wie die Schufa-Studie ergab. Sehr vereinfacht: Wer schlecht mit einem Mobiltelefon umgehen kann und nicht weiß was Whatsapp ist, kann die finanziellen Möglichkeiten des modernen Lebens nicht voll ausnutzen.

    „Digitalkompetenz ist eine wesentliche Voraussetzung für die Teilhabe am Finanzgeschehen“, sagt Tanja Birkholz, Vorstandsvorsitzende der Schufa. „Wir müssen Digitalkompetenz fördern, damit sich Menschen souverän und sicher in der digitalen Welt bewegen.“ Sie sieht hier eine gesellschaftliche Aufgabe. Denn: Sich sicher im digitalen Umfeld zu bewegen, ist in Finanzdingen wichtiger als etwa eine sehr gute Bildung.

    Die Studie zeigt, dass Menschen zum Beispiel mit einem Uniabschluss mit allem rund ums Geld besser zurechtkommt. Wer dagegen weniger gebildet ist, beschäftigt sich auch weniger mit finanziellen Dingen. Der Zugang ist eingeschränkter. Wer allerdings ohne große Bildung sehr kompetent in digitalen Dingen ist, hat fast genauso guten Zugang zu Finanzdienstleistungen wie jemand mit einer sehr guten Ausbildung. Google toppt Goethe sozusagen.

    Unter digitaler Kompetenz verstehen die Studienautoren unter anderem, wie sicher Menschen mit digitalen Systemen an sich umgehen und wie leicht sie sich mit digitalen Systemen im Finanzbereich tun, Online-Banking zum Beispiel oder Aktienhandel. Eingeflossen ist auch die Frage, wie sehr jemand digitale Zahlungsmethoden nutzt – Karten, das Mobiltelefon oder etwa eine moderne Uhr.

    Wichtig ist auch, über wie viel Geld eine Person verfügt, genauer ob sie mit ihrem Einkommen sorgenfrei leben kann oder nur schwer auskommt. Dieses subjektive Haushaltseinkommen berücksichtigt auch die Ausgaben und die Lebenssituation. Eine Millionärin mit hohen Schulden kann theoretisch genauso Probleme haben wie ein Mindestlohnempfänger mit sehr begrenzetn Ausgaben. Die Studie zeigt eindeutig: Wer sorgenfrei mit seinem subjektiven Einkommen leben kann, hat deutlich besseren Zugang zu Finanzdienstleistungen als jemand, dem schon Mitte des Monats das Geld ausgeht.

    Wichtig für den Umgang mit den Finanzen ist auch das Wissen über verschiedene Angebote wie Tagesgeldkonto oder Kredit, über Anmeldemethoden und Preisvergleichsportale. Und die Fähigkeit, Probleme, die auftreten, selbst zu lösen. Diese Finanzkompetenz der Deutschen ist der Studie zufolge weiter gestiegen. Was sich auch zeigt: Frauen stehen deutlich schlechter da als Männer. Ob Frauen tatsächlich weniger Finanzwissen haben oder sich in der Umfrage nur schlechter einschätzen, ist unklar. Die Forscher vom ZEW ermittelten, dass geringeres Selbstvertrauen bei Frauen einen Teil der Geschlechterunterschiede erklären.

    Üblicherweise schneiden ältere Menschen bei Umfragen zu Finanzthemen schlechter ab – zu wenig digital, zu wenig Geld. In der Schufa-Studie ist ihre Teilhabe am Finanzleben am größten. Die 65- bis 74-Jährigen haben über die Jahre sehr viel Finanzkompetenz gesammelt. Entsprechend schlecht schneiden die Menschen zwischen 16 und 24 ab, die wenig Erfahrung besitzen. Sie müssen die meisten Hürden überwinden.

    Dass die Banken und Sparkassen in Deutschland auch 2024 Filialen geschlossen haben, bremst die Bundesbürger offenbar nicht aus. Allerdings ist die Zahl derjenigen, die Anliegen mit ihrer Bank nicht klären konnten, gestiegen. 25,1 Prozent hatten Schwierigkeiten nach 23,7 Prozent ein Jahr zuvor. Deutlich dramatischer sieht es in zwei anderen Bereichen aus. Nur 27,1 Prozent der Befragten sind mit der Finanz- oder Vermögensberatung ihrer Bank oder Sparkasse zufrieden, bei der ersten Umfrage vor zwei Jahren waren es noch 30,8 Prozent. Und mit dem Telefonbanking hadern 29,9 Prozent, ein hoher Wert, auch wenn er 2023 noch 39,5 Prozent betrug.

    Für die Studie befragte Ipsos online 3000 Menschen. Sie waren zwischen 16 und 74 Jahren alt. Wissenschaftlich betreut wird die Studie von Peter Kenning, Betriebswirtschaftsprofessor der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

  • Muss ich weniger duschen, um Wasser zu sparen?

    Deutschland hat den ersten Hitze-Stresstest fast hinter sich: selbst die Nächte tropisch, dazu Trockenheit. Zum Ende der Woche fallen die Temperaturen wieder. Zeit für einen kühlen Blick: Kann Wasser in Deutschland knapp werden? Wolf Merkel, Vorstand des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches, DVGW, der sich um die Grundlagen der Wasserversorgung und die nötige Technik kümmert, klärt die Lage. Er ist promovierter Verfahrenstechniker für Wasseraufbereitung.

    1. Sollte ich weniger duschen?
      Es waren Hollywoodstars wie Julia Roberts, die den Verzicht aufs tägliche Duschen berühmt machten, „Non Bathing“ sei für die Haut besser, schone auch die Natur. Auch die Krankenkasse Barmer erklärt: „Grundsätzlich dürfte für die meisten Menschen etwa zweimal duschen pro Woche ausreichen.“ Aber für manchen ist die tägliche Dusche reine Erfrischung. Muss man davon weg? Im Schnitt verbraucht jede Person hierzulande 122 Liter Wasser am Tag. Experte Merkel gibt Entwarnung: „Am Duschen muss man nicht sparen. Einen echten Unterschied macht es indes, den Pool nicht zu befüllen und den Garten weniger zu bewässern.“ Heißt: Auf keinen Fall mittags Rasen sprengen. Das Wasser verdunstet bei der starken Sonne sofort wieder.
    2. Wie knapp kann Wasser werden?
      Der Wasser-Stopp als Notmaßnahme: Einige Landkreise und Gemeinden machen bereits Auflagen, wie viel Wasser aus Flüssen, Seen, Teichen oder auch privaten Brunnen etwa zum Sprengen des Gartens, von Golf-, Fußball- oder Tennisplätzen genutzt werden können. Das gilt meist für den ganzen Sommer, manchmal bis Ende Oktober. Bei einem Verstoß drohen bis zu 50.000 Euro Bußgeld. Hintergrund: Im Juni sind laut Deutschem Wetterdienst DWD bundesweit nur 61 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen – fast ein Drittel weniger als üblich. Es war der fünfte Monat in Folge mit zu wenig Niederschlag. Merkel erklärt: „Die Trinkwasserversorgung ist in Deutschland nicht in Gefahr. Dort, wo es wenig regnet und der Spitzenverbrauch steigt, kann es aber zu Engpässen kommen.“ Regen falle mal sturzflutartig, mal gar nicht. Daran müssten „die Infrastruktur, also die Brunnen, Speicher, Leitungen jetzt angepasst“ werden.
    3. Kommen größere Leitungen?
      Sie könnte Vorbild für viele sein: Die 100 Millionen Euro teure Eifel-Pipeline, an die zahlreiche örtliche Wasserwerke angeschlossen sind. Seit vergangenem Jahr ist sie in Betrieb, verbindet die Oleftalsperre in Nordrhein-Westfalen und die Riveris-Talsperre bei Trier. Energieleitungen und Glasfaser für schnelles Internet wurden mit ihr zusammen verlegt. Die Idee: Die Region, die Wasser braucht, bekommt es von einer, die viel hat. Das ist in dieser Größenordnung neu, Modernisierung aber überall nötig: Die Leitungen sind oft in die Jahre gekommen, das Netz stammt zu großen Teilen aus den 1960er Jahren, es ist auch nicht gebaut für große Hitzewellen. So wird in Hessen derzeit eine 35 Kilometer lange zusätzliche Wasserleitung aus dem Hessischen Ried nach Frankfurt verlegt. Hamburg bohrt neue Brunnen. Andere planen Talsperren.
    4. Lässt sich Wasser recyceln?
      Diese Woche hat im niedersächsischen Nordenham der Bau eines großen Brauchwasserwerkes neben dem Klärwerk begonnen: Das ansässige Chemie-Unternehmen Kronos Titan wird – geht es nach Plan – ab 2026 gereinigtes Abwasser fürs Erzeugen von Dampf und von Farbpigmenten nutzen. Das spart Trinkwasser. Überall werden neue Wege gesucht. „Wasser muss aber auch vor Ort besser gehalten und gespeichert werden“, sagt Merkel. Kommt der Regen plötzlich mit Wucht, kann ein trockener, steinharter Boden ihn nicht aufnehmen, Asphalt ohnehin nicht. Dann überflutet er Bäche, Seen oder die Kanalisation anstatt die Grundwasser-Vorräte aufzufüllen. In Deutschland wird Trinkwasser zu 70 Prozent aus Grundwasser gewonnen, seltener aus Brunnen nahe Flüssen und Seen. Es helfe, Städte mehr zu begrünen oder etwa Auen zu renaturieren, sagt Merkel.
    5. Steigt die Wasserrechnung?
      Die französische Stadt Toulouse will Einwohner zum sparsameren Umgang mit Wasser bewegen, indem sie von Juni bis Oktober den bisherigen Tarif um 42 Prozent erhöht, von November bis Mai um 30 Prozent senkt. Das gibt es hierzulande noch nicht. Merkel aber sagt: „Trinkwasser wird in Deutschland teurer werden.“ Nicht allein wegen der Investitionen, die nötig würden. Die Wasserwerker hätten auch mehr Aufwand bei der Wasser-Aufbereitung, um Rückstände von Medikamenten, Düngemitteln, Pestiziden und Chemikalien wie PFAS rauszuholen. Merkel: „Das Problem wird größer, wenn es keine Stoffverbote gibt oder sie nicht durchgesetzt werden.“
    6. Was ist zu tun?
      Der bayerische CSU-Ministerpräsident Markus Söder sagte es mal so: „Wasser wird wertvoller als viele andere Rohstoffe, auf jeden Fall viel wertvoller als Öl.“ In der politischen Debatte ist angekommen, dass man sich kümmern muss. Eine Verordnung, die das Grundwasser vor zu viel Nitrat schützen soll, die Stoffstrombilanz, hat die Bundesregierung allerdings gerade gestoppt, um Bürokratie für Landwirte abzubauen. Merkel fürchtet trotz vieler Strategien zum Schutz des Wassers – die EU hat eine, die Bundesregierung auch, jedes Bundesland ebenso – eine „Katstrophendemenz“. Er sagt: „Kaum ist die Hitze vorbei, sind alle guten Vorsätze wieder dahin.“ Und weiter: „Politik darf sich aber nicht am Wetter ausrichten. Sie muss langfristig denken.“ Die nächste Hitzewelle kommt bestimmt.
  • Milliarden für die EU entfesseln

    In den vergangenen Monaten ist das sperrige Wort immer wieder aufgetaucht: Kapitalmarktunion. Meist hat es einen Unterton, der andeutet, es könne viele Probleme lösen – in Deutschland und der EU. Und wie immer, wenn es um die Regeln in 27 Mitgliedsstaaten und sehr viel Geld geht, ist es kompliziert. Nur das Ziel ist klar: Milliardeninvestitionen in Zukunftstechnologien entfesseln, ohne neue Schulden aufzunehmen.

    Ein großer Vorteil der Europäischen Union ist der gemeinsame Binnenmarkt mit rund 450 Millionen Einwohnern. Über die Jahrzehnte sind die EU-Mitglieder immer enger zusammengewachsen. Wer in Frankreich arbeiten möchte, kann das ohne größere Probleme – und bei der Rückkehr nach Deutschland auch die Pensionsansprüche mitnehmen. Es gibt keine Zölle innerhalb der Staatengemeinschaft. Im Onlinehandel gelten überall die gleichen Regeln, ebenso etwa bei den Fluggastrechten. Im Finanzsektor ist der Binnenmarkt hingegen nicht ganz so weit.

    Der Sektor lässt sich grob in drei Teile gliedern: Zahlungsverkehr, Banken und eben den Kapitalmarkt. Im Zahlungsverkehr besteht praktisch kein Unterschied mehr zwischen den EU -Staaten. Niemand muss dank des einheitlichen Zahlungsraums zum Bankschalter und umständlich eine Auslandsüberweisung ausfüllen. Im Onlinebanking reicht die International Banking Number, kurz Iban, mit der sich etwa das Ferienhaus in Spanien schnell bezahlen lässt.

    Bei den Banken ist der Binnenmarkt – auch Bankenunion genannt – fortgeschritten. Eine einheitliche EU-Aufsicht kontrolliert die größten Banken. Es gibt einen Mechanismus, wie in einer Krise mit Kreditinstituten umzugehen ist und wie sie notfalls abgewickelt werden. Unklar ist bisher, wie eine einheitliche Einlagensicherung aussieht – Banken und Sparkassen dafür sorgen, dass das Geld der Sparer sicher ist. Jedes EU-Land hat hier eigene Regeln. Die EU arbeitet an einer neuen Regel für alle.

    Auch auf dem Kapitalmarkt herrscht noch Kleinstaaterei. Wer Fondssparpläne anlegt, Aktien kauft oder sich als Risikokapitalgeber an Start-ups beteiligt, hat mit vielen verschiedenen Rechtssystemen zu tun, wenn er oder sie nicht im eigenen Land bleibt. Selbst die Börsenaufsicht ist nicht einheitlich. In Amsterdam, Frankfurt, Paris etwa gelten unterschiedliche Regeln. Das alles drückt auf die Investitionslaune. Das Institut Jacques Delors schätzt, das jedes Jahr 300 Milliarden Euro außerhalb der EU investiert werden, weil es dort einfacher ist. Geld, dass in der EU fehlt.

    „Wir brauchen dringend Kapital für die Herausforderungen, vor denen wir stehen: grüne Transformation, digitale Transformation, Investitionen in Rüstung“, sagt Karolin Kirschenmann, stellvertretender Leiterin Altersvorsorge und nachhaltige Finanzmärkte. „Nötig sind Innovationen, die aber riskant sind und deshalb eher nicht mit Krediten finanziert werden können, sondern Eigenkapitalfinanzierung benötigen.“ Ein Technologie-Start-up etwa braucht Geld, um seine Idee zur Marktreife zu bringen. Weil es auch scheitern kann, vergeben Banken eher keinen Kredit. Üblicherweise beteiligen sich Investoren, die mehr Risiko eingehen wollen und können. Und wenn das Start-up erfolgreich ist und etwa an die Börse geht, trennen sich die Investoren von Anteilen und erzielen Gewinn.

    Für Eigenkapitalfinanzierung sei das Umfeld in der EU nicht optimal, sagt Kirschenmann. „Wir haben 27 Staaten mit jeweils eigenem Steuer- und Insolvenzrecht sowie einer komplexen Mischung aus EU- und nationalen Aufsichtsbehörden. Anders in den USA: Dort gibt es einen einheitlichen Markt mit einer einheitlichen Aufsichtsbehörde.“ Das Thema will die EU jetzt in einzelnen Schritten angehen.

    Geld, das statt im Ausland künftig eher in der EU investiert werden soll, ist das eine, das andere ist Geld, das bereits in der EU angelegt ist, aber eben meist nicht in innovativen Unternehmen. „Das Geld kommt letztlich vom Sparer, der es unter anderem zur Altersvorsorge in Fonds oder Lebensversicherungen gesteckt hat“, sagt ZEW-Expertin Kirschenmann.

    Lebensversicherer, Fonds und andere institutionelle Anleger seien stark reguliert, sagt sie. Es gibt also strenge Vorgaben, wo sie Geld anlegen dürfen und wie risikoreich. „Hier könnte man mit Veränderungen schnell sehr viel Geld freisetzen, das dann in Innovation investiert werden könnte. Das ginge auch leichter und schneller, als nationale Rechtssysteme zu ändern.“

    Eine weitere Möglichkeit wäre, Regeln für standardisierte eu-weit einheitliche Fonds festzulegen, die etwa gezielt in innovative Unternehmen investieren. Die EU-Bürger könnten dann für wenig Geld Fondsanteile erwerben und langfristig vom Erfolg der Firmen profitieren. Üblicherweise sind die Summen des Normalsparers klein im Vergleich zu den Millionen, die manche Start-ups benötigen. In Schweden gibt es entsprechende Pensionsfonds bereits.

    Eine Möglichkeit für Firmen, sich Geld zu beschaffen, sind Börsengänge. Auch hier gelten viele verschiedene Regeln innerhalb der EU. Die Börsen sind im Vergleich zu denen in den USA klein. Eine zentrale europäische Kapitalmarktaufsicht mit einheitlichen Regeln könnte da helfen. Wahrscheinlich werden dann größere Börsen wie Paris und Frankfurt noch wichtiger, weil Anleger gern dahingehen, wo viel Geld ist und sich viel handeln lässt. Eine solche Behörde existiert bereits, müsste aber mehr Macht bekommen.

    Das alles funktioniert aber nur, wenn sich die Sparer europaweit für neue Produkte und innovative Ansätze interessieren. Sehr viel Geld liegt in Deutschland heute nur auf schlecht verzinsten Tagesgeldkonten, die dafür als sicher gelten. Langfristig bringt für die Altersvorsorge aber vor allem Rendite, etwa in Aktien zu investieren. Um das allen klarzumachen, ist mehr Finanzbildung nötig. Auch das will die EU anregen. Die Finanzminister der Bundesländer haben Ähnliches bereits Anfang des Jahres angemahnt. Vorbild ist Österreich.

  • Wo sind Mücken, wenn es regnet?

    Erst brüllende Hitze, dann erwischt einen womöglich ein Gewitter oder Regen, der knüppeldick vom Himmel kommt. Schon für die nächste Woche sagt der Deutsche Wetterdienst Temperaturen weit über der 30-Grad-Marke voraus. Der Mensch hilft sich mit Ventilatoren, Schirmen, hat seine Strategien. Aber was machen eigentlich Mücken, Schnecken, andere kleine Tiere? Die Biologin Janice Pahl vom Naturschutzbund erklärt die interessantesten Tricks.

    Wo sind Mücken, wenn es regnet?
    Ihr hohes Tssss, das Sirren, kündigt gerne mal Unheil an – im Regen trifft man darauf eher nicht. Mücken gehen ihm aus dem Weg. „Sie verkriechen sich unter Blättern und Ästen, suchen sich Ritzen, Erdlöcher, andere Verstecke“, erklärt Pahl. Dann sitzen sie dort, warten ab. Allerdings: Nicht zu früh freuen. Leichter Regen kann manchen Arten der Mücken nichts anhaben, sie überleben die Kollision mit kleinen Regentropfen. Der reißt sie womöglich etwas in die Tiefe, sie können sich aber von ihm wieder lösen. Voraussetzung: Es weht kein heftiger Wind, der wird ihnen immer gefährlich.

    Können Ameisen schwimmen, wenn das Wasser kommt?
    Ameisen können zielstrebig als Kolonne marschieren. Schwimmen können sie nicht wirklich. „Aber“, sagt Pahl, „sie sind so leicht, dass sie nicht untergehen. Sie treiben einfach auf der Wasseroberfläche.“ Nicht wie Rückenschwimmer, eher wie ein Boot auf Beinen. Manchmal halten sich viele auch zusammen fest und bilden eine Art Floß. Und doch droht ihnen Ungemach. „Werden Ameisen unter Wasser gedrückt, weil plötzlich eine Welle, der Regen sturzflutartig kommt, ertrinken sie. Sicher sind sie indes in ihrem Ameisenbau, dort bleibt es weitestgehend trocken“, so die Expertin. Es ist ein dichtes architektonisches Meisterwerk.

    Stellen sich Vögel bei Gewitter unter?
    Amseln, Rotkehlchen, Blaumeisen sind bei Gewitter kaum mehr zu hören, sie stellen zumeist ihren Gesang ein und suchen Unterschlupf. Viele Vögel können Blitz, Donner, Unwetter frühzeitig merken, weil sich in der Atmosphäre Druck und Temperatur ändern, es elektrischen Spannungen gibt. Pahl: „Sie ziehen sich dann zurück, manche in Baumhöhlen oder Nistkästen, andere suchen Deckung im dichteren Geäst von Bäumen oder Büschen.“ Ein einfacher Regenschauer mache ihnen aber wenig, das Gefieder halte das Gröbste ab.

    Klappen Schmetterlinge im Regen ihre Flügel zusammen?
    Sonnig, trocken, windstill – das ist Schmetterlingswetter. Dann sieht man die gelblichen Zitronenfalter oder rot braunen Tagpfauenauge, wie sie zu einer Blüte flattern. Schmetterlinge klappten ihre Flügel zusammen, wenn sie ruhen oder sich tarnen wollten, so Pahl. Bei Regen helfe das jedoch nicht. Er könne die zarten Flügel beschädigen, auch wenn sie zugeklappt sind. Schmetterlinge meiden Regen und suchen einen Unterschlupf etwa unter Blättern.

    Was machen Maulwürfe, wenn der Boden staubig wird?
    Es ist ein Leben im Untergrund, und das wird für den Maulwurf bei Trockenheit nicht leichter: Denn dann verhärtet der Boden, das Buddeln der Gänge wird schwerer. Außerdem muss der Maulwurf seine Gänge tiefer graben. Denn seine Leibspeise, der Regenwurm, verzieht sich in dürren Zeiten weiter nach unten. Der Kraftaufwand für den Maulwurf wird viel größer. Pahl sagt: „Das kann mitunter zu einer erhöhten Sterblichkeit bei Maulwürfen im Hochsommer und zu anderen trockenen Zeiten führen.“

    Wie kühlen sich Schnecken ab bei Hitze?
    Manche Schnecke hat ihr Haus auf dem Rücken dabei. In das kann sie sich zurückziehen. Nacktschnecken, die so manchem im Garten ein Dorn im Auge sind, weil sie etwa Salat lieben, können das nicht. Ihnen macht Trockenheit und Hitze besonders zu schaffen, manchmal auch den Garaus, wenn sie nicht rechtzeitig ein kühles Versteck finden. Schnecken suchen – egal ob mit oder ohne Gehäuse – schattige feuchte Orte. Wenn die Hitze ganz brutal ist, sinken sie in eine Trockenstarre. Sie fahren dann ihren Stoffwechsel runter, um Wasser zu sparen.

    Bekommen Bienen einen Sonnenbrand?
    Die Sonne hat es in sich, die Bienen werden trotzdem nicht rot. Denn anders als Menschen oder verschiedene Tiere haben Insekten keine Haut. Ihre Körperhülle besteht aus Chitin. Dieses Chitin gibt Form und Halt, es ist eine Art Außenskelett, das keinen Sonnenbrand bekommt. Dennoch könne Bienen, die eigentlich robust und anpassungsfähig sind, zu viel Sonne schaden, erklärt Biologin Pahl: „Auch ihnen kann viel zu heiß werden, dann werden sie lethargisch.“

    Sterben Zecken an heißen Tagen?
    Vorsicht! Zecken, die Krankheiten wie FSME und Borreliose übertragen können, sind widerstandsfähig. „Zecken mögen Temperaturen um die 25 Grad Celsius am liebsten, kommt noch eine gewisse Feuchtigkeit hinzu, ist das für sie optimal“, sagt Pahl, „50 Grad Celsius und extreme Trockenheit überstehen aber auch sie nicht. Das wissen wir aus Laborversuchen.“ Heißt: Der Schutz vor Zecken bleibt immer wichtig, will man draußen im Wald spazieren, auf einer Wiese liegen, die Natur genießen. Sie lauern auch in Gärten oder Parks.

  • Mit KI auf internationaler Fälscherjagd

    Auf den ersten Blick sieht die Druckertinte echt aus. Originalflasche des Herstellers, Sicherheitshologramm auf der Verpackung, gekauft von einem Händler über Amazon. Tatsächlich ist die Tinte minderwertig und gefälscht. Ermittler nehmen die verdächtigen Täter bei Razzien Anfang 2024 fest – in Berlin. Hinweise kamen von Amazon selbst, genauer der konzerneigenen Ermittlergruppe CCU, die Produktfälschern auf der Spur ist – inzwischen auch mit künstlicher Intelligenz.

    Die CCU (Counterfeit Crimes Unit) startete vor fünf Jahren mit einem kleinen Team. Inzwischen sind bei Amazon mehrere tausend Mitarbeiter mit dem Thema beschäftigt, gesteuert von der CCU und Kebharu Smith, der sie leitet. Er hat das Team aufgebaut. Mit dabei sind ehemalige Staatsanwälte, Geheimdienstmitarbeiter und Polizeibeamte sowie Ermittler und Datenanalysten. Smith selbst arbeitete zuvor unter anderem gut 20 Jahre im US-Justizministerium im Bereich Computerkriminalität und geistiges Eigentum.

    Die Einheit startete in zwei Ländern und ist inzwischen in zwölf tätig, darunter den USA, China, Frankreich und Indien, aber eigentlich weltweit. „Unser Team ist weltweit aufgestellt, von Seattle bis Shanghai und überall dazwischen, sagt Smith. „Unser Auftrag ist, Produktfälscherringe zu zerstören – nicht nur die Verkäufer auf Amazon, sondern auch Hersteller und Vertrieb solcher Produkte.“ Die CCU arbeitet dafür inzwischen mit mehr als 50 staatlichen Behörden wie Europol, der US Homeland Security und der US-Bundespolizei FBI zusammen. Im Druckertinten-Fall war das Landeskriminalamt Berlin eingebunden. Die Spuren führten damals auch in die Türkei.

    „Produktfälscher gibt es überall auf der Welt. Sehr viel unserer Arbeit beschäftigt sich mit Herstellern und Lieferanten von Fälschungen in China“, sagt Smith. Aber es gehe nicht nur um China. In der Türkei sei die Zahl von Fälschern gestiegen. „Wir finden solche Personen auch in Vietnam. Einige Razzien waren aber auch in Großbritannien und den USA.“

    In den vergangenen fünf Jahren hat die CCU mehr als 200 Zivilklagen gegen Akteure mit schlechten Absichten eingereicht, wie es beim Konzern heißt. Gerichte ordneten mehr als 180 Millionen Dollar (rund 155 Millionen Euro) Entschädigungen an. Die Arbeit habe auch zahlreiche strafrechtliche Verfahren ausgelöst. Mehr als 65 Personen mussten demnach in Haft, eine sogar für sechseinhalb Jahre.

    Amazon versuche, immer einen Schritt schneller zu sein als die Wünsche der Kunden, sagt Smith, „und auch einen Schritt schneller als die Fälscher.“ Das kostet. „Wir haben allein 2024 mehr als eine Milliarde Dollar investiert, um unsere Kunden vor Fälschungen, Betrug und anderen illegalen Machenschaften zu schützen“, sagt der CCU-Chef. Ein großer Teil des Geldes sei verwendet worden, um KI-Modelle zu entwickeln, die im Hintergrund arbeiteten und von denen viele Kunden wohl niemals etwas bemerken würden. Smith spricht von „modernsten Instrumenten zum Schutz des Geschäfts“.

    „Von dem Moment an, von dem Sie ein Amazon-Konto einrichtet, gleicht unser System Ihre Daten ab“, sagt Smith. „Wir überprüfen, ob Sie die Person sind, für die Sie sich ausgeben. Wir überprüfen IP-Adressen und Bankdaten.“ Das System erkenne gefälschte Logos und Marken, so dass Amazon solche Angebote sofort entfernen könne. „Es prüft sogar, wenn Sie versuchen, einen Shop mit der gefälschten Rechnung einer Luxusmarke einzurichten, die beweisen soll, dass Sie Partner der Marke sind.“ Geprüft werden mehrere hundert Datenpunkte.

    CCU arbeitet vor allem vorbeugend. Mehr als 99 Prozent aller Fälschungen finden gar nicht erst den Weg auf die Webseite. „Allein vergangenes Jahr entdeckten wir mehr als 15 Millionen gefälschte Produkte, bevor sie in die Zielländer und zu den Kunden kommen konnten“, berichtet Smith. Er nennt täglich Milliarden Täuschungsversuche. Insgesamt gibt es mehrere hundert Millionen Artikel auf Amazon.com zu kaufen.

    Gefälscht wird praktisch alles: Neben Druckertinte auch Zahnbürsten, Schuhe, Autoersatzteile, hochwertiger Modeschmuck, überhaupt Luxusartikel. Manche Täter versuchen auch, den Zoll eines Landes zu umgehen. In den USA ließ sich eine Tätergruppe deshalb Kühlergrille für Autos ohne die entsprechenden Firmenlogos liefern. Die sollten dann nachträglich montiert werden. Dank CCU flog das auf.

    In fünf Jahren ist einiges geschehen. „Unsere Arbeit ändert sich ununterbrochen, weil sich das Vorgehen der Täter ununterbrochen ändert“, sagt Smith. Neuester Trend sind demnach versteckte Links bei Influencern auf Social Media. Sie schicken Fans in einer Privatnachricht einen Link, der auf eine Seite bei einem Onlinehändler führt. Dort ist ein offenbar echtes Luxusprodukt zu sehen, verkauft wird aber eine Kopie. So sollen Schutzmaßnahmen umgangen werden.

    Für Smith ist diese Art der Trickserei interessant, aber nicht unbedingt erfolgreich. Wegen seiner Einheit. Obwohl Amazons Produktmenge sich seit 2020 deutlich vergrößert hat, ist die Zahl echter Verstöße um 35 Prozent gesunken, wie er sagt. „Das zeigt, wie robust unser Instrumente gebaut sind.“

    Besonders stolz ist Smith auf die Zusammenarbeit mit chinesischen Behörden. „Allein im vergangenen Jahr gab es 60 Razzien, bei denen mehr als 100 kriminelle Akteure gefasst wurden“, sagt er. „Wir waren in der Lage, etwas zu tun, was viele von vornherein nicht erwartet hatten: an die Spitze der Lieferkette zu gehen und Täter in China zu verfolgen.