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  • Verschiedene Wege die Welt zu verändern

    Im Alter von elf Jahren hat der indische Junge Apurv Mishra seine erste Erfindung gemacht. So erzählt er. Es war ein kleiner Stift, den man leicht am Hals einer Flasche befestigen konnte. Auf das Kinn des Durstigen aufgesetzt, gewährleistete dieser Abstandshalter, dass die Flasche nicht mit dem Mund in Kontakt kam – ein Schutz gegen die Übertragung von Krankheiten.

    Jetzt sitzt Mishra, dunkle Haut, schwarzes Haar, in der Bar des Hotels Schweizerhof in Davos. Er ist eingeladen vom Weltwirtschaftsforum (WEF), dem Club der größten Konzerne des Globus. Wahrscheinlich gibt es keine andere Veranstaltung, zu der mehr Vertreter der Wirtschafts- und Politikelite erscheinen. Der junge Mann aus Indien mit dem sanften Händedruck scheint hier nicht richtig hinzupassen.

    Mit 14 Jahren entwickelte Mishra für seinen Opa, der an Paralyse litt und sich kaum mehr bewegen konnte, eine Art Brillengestell ohne Gläser, das mit Sensoren die Stirnmuskeln abtastete und mit einem Display verbunden war. Indem sein Großvater die Augenbrauen bewegte, konnte er sich so mit seiner Familie verständigen. Der US-Computerkonzern Intel wurde auf Mishra aufmerksam. Später schaffte dieser es, für sein Gerät ein US-Patent zu bekommen. In Serie hergestellt und verkauft wurde es aber nicht.

    Trotzdem freut Mishra sich wie Kind, wenn er von diesem Apparat und seinen weiteren Plänen berichtet „Mein Traum ist es, dass Menschen mittels Technologie zusätzliche Fähigkeiten erwerben.“ Er beschreibt sich als „passionate“, er arbeite leidenschaftlich. Tatsächlich kann man ihn fast immer auf Skype erreichen, auch wenn es an seinem Wohnort vier Uhr morgens ist. Leute, die es wissen müssen, glauben an Mishras Potenzial. Zum Beispiel bekommt er Förder-Dollars von einem Fonds, in dem Geld der US-Familie Draper steckt, die auch die Entwicklung der Tesla-Elektro-Autos mitfinanzierte.

    Heute ist Mishra 23 Jahre alt. Er hat Indien verlassen und arbeitet in San Mateo im kalifornischen Silicon Valley. Bald soll sein erstes Produkt auf den Markt kommen: Gloveo, ein kleiner, umschnallbarer, weniger als 100 Dollar teurer Sensor, der Körperbewegungen registriert. An der Hand des Karate-Schülers befestigt, kann das Gerät mitteilen, ob der Handkantenschlag richtig ausgeführt wurde. „Der Karate-Trainer wird überflüssig“, sagt Mishra. Und Unfallopfer könnten mit Hilfe von Gloveo die Bewegungen ihrer Gliedmaßen neu erlernen. Ist das das nächste heiße Ding der Hightech-Zukunft? Vielleicht. Wer weiß?

    Dass Leute wie Apurv Mishra aus aller Welt zum WEF eingeladen werden, mit freier Kost, Logie und vielen Annehmlichkeiten, ist ein relativ neues Phänomen. Der Wirtschaftsgipfel von Davos hat sich verändert. Früher trafen sich hier nur die wirklich Mächtigen, die Vorstandsvorsitzenden und Politiker jenseits der 60.

    Dann gab es zu Beginn der 2000er Jahre gewältigte Auseinandersetzungen um das beschauliche Bergstädtchen . Jungsozialisten, Autonome, Anarchisten und Gewerkschafter forderten die Elite heraus. Sie wollten in Davos gegen das WEF demonstrieren. Die Polizei verhinderte das mit Gummigeschossen. Weltweit formierte sich damals eine globalisierungskritische Protestbewegung, in Frankreich entstand die Organisation Attac und im brasilianischen Porto Alegre das Weltsozialforum – die globale Gegenveranstaltung zu Davos.

    Deshalb mussten sich die Macher des WEF um Klaus Schwab in Genf bewegen, wollten sie nicht als stur und kritikresistenz dastehen. So öffneten sie das Forum. Unter anderem begannen sie, ehrgeizige junge Leute ausfindig zu machen, mittlerweile 3.000. Sie nannten sie „Global Shapers“ – globale Gestalter. Apurv Mishra ist einer von ihnen.

    Diese Youngster sind so neugierig wie mutig. Auf eine meist sympathische Art meinen sie, das Individuum könne quasi alles schaffen, egal wie mies seine Ausgangsposition auch sei. Die Shapers sind keine Schluffis, sie wollen Karriere machen in dem Sinne, dass sie ihr eigenes Leben in die Hand nehmen. Fast alle streben danach, ein Besseres für die Gemeinschaft zu erreichen. Und viele stellen die herrschende Ordnung in Frage, wenngleich nicht in einem primär politischen Sinn.

    So muss Doreen Noni aus Daressalam, der Hauptstadt Tansanias, erstmal überlegen bei der Frage, ob ihre Tätigkeit, für die sie Global Shaperin geworden ist, die Gesellschaft ihres Heimatlandes verändert. Sie ist 24 Jahre alt, hat einen Abschluss für Multimediadesign einer britischen Universität, betreibt eine Produktionsfirma für Werbefilme und entwirft Mode für ihr eigenes Label, das Eskado Bird heißt.

    Unlängst, so berichtet sie, habe sie mit ihrer Geschäftspartnerin eine neue Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen, bei der 20 junge Tansanierinnen mit einer einheimischen Bankerin zusammentrafen. Eine Art Karriereberatung für die Berufsanfängerinnen. Das Ziel: Frauennetzwerke stärken.

    Außerdem ist Noni dabei eine Stiftung zu gründen, eine selbstorganisierte Schule für Bildende Kunst, auf die sie später junge Landsleute einladen will. Ihr Motto lautet: „Wenn Du einen Traum hast, versuche ihn zu verwirklichen“. Sie sagt: „Ich möchte, dass jedes Kind die Chance hat zu träumen.“ Ist das nun politisch? Sicherlich in dem Sinne, dass selbstbewusste, aufgeklärte, junge Leute dazu neigen, Althergebrachtes in Frage zu stellen, und damit potenziell auch Institutionen und Regierungen herauszufordern.

    Indem das WEF solche Leute einlädt, riskiert die Organisation, dass aus ihrem eigenen Motto „Den Zustand der Welt verbessern“ vielleicht ein wenig Realität wird. WEF-Sprecher Georg Schmitt sagt: „50 Prozent der Weltbevölkerung sind jünger als 27 Jahre alt. In internationalen Organisationen, in Politik und Wirtschaft sind sie jedoch krass unterrepräsentiert. Um diesen Gegensatz aufzulösen, und die etablierten Entscheider aus Politik und Wirtschaft unter ein konstruktives Störfeuer zu nehmen, hat das Forum die Shapers ins Leben gerufen.“

    Andreas Cassee (31) allerdings ist dieser Ansatz viel zu wenig grundsätzlich. Auch er gehört zum WEF von Davos – als Gegenpart. An der Universität Zürich hat er gerade seine Dissertation im Fach Philosophie abgegeben. Vor 14 Jahren demonstrierte Cassee, rötliche Haare, Pferdeschwanz, selbst gegen das Forum. Nun ist er Mitglied der Jury des Public-Eye-Award, dem Negativ-Preis für unverantwortliches Unternehmesverhalten, den dieses Jahr der russische Staatskonzern Gazprom für Umweltsünden bei der Erdölförderung bekommen hat. 300.000 Personen weltweit gaben per Internet ihre Stimme ab.

    Cassee ist ein scharfer Kritiker der Konzerne. Ihr alljährliches Treffen in den verschneiten Graubündener Alpen ist ihm und seinen Mitstreitern ein willkommener Anlass, das eigene Anliegen zu transportieren. Genug Medien sind auch da. Die Negativ-Auszeichnung und das öffentliche Anprangern versteht Cassee als Nadelstiche, um die Unternehmen unter Druck zu setzen – Schritte auf dem Weg zu besseren internationalen Regularien, die die Konzerne bändigen könnten. „Die Politik sollte das Primat über die Wirtschaft zurückgewinnen,“ sagt der Kritiker. Das ist eine Forderung, die im großen Versammlungssaal des Kongresszentrums von Davos wahrscheinlich keine Mehrheit bekäme.

  • „Auf Sondergerichte sollte man verzichten“

    US-Ökonom Dani Rodrik kritisiert den Schutz von Investitionen im Freihandelsabkommen Europa – USA

    Hannes Koch: Das Weltwirtschaftsforum in Davos fordert mehr Freihandel. Viele EU-Bürger machen sie dagegen Sorgen über die entsprechenden Verhandlungen zwischen den USA und Europa. Man will kein US-Hühnerfleisch, das mit Chlor behandelt ist, und auch kein Fracking zur Erdgassuche. Teilen Sie die Befürchtungen?

    Dani Rodrik: Die Auswirkungen solcher Abkommen werden oft überschätzt. Aber Skepsis ist angebracht – besonders angesichts der Tendenz, dass die Interessen der Wirtschaft nicht selten eine größere Rolle spielen als die der Gesellschaft insgesamt.

    Koch: Würden Sie den Europäern raten weiterzuverhandeln?

    Rodrik: Ja. Wenn zwei Staaten oder Staatengruppen ein vernünftiges Abkommen schließen können, dann sind es die USA und Europa. Sie verhandeln auf Augenhöhe.

    Koch: Finden die US-Bürger die Idee gut, den wirtschaftlichen Austausch mit Europa zu erleichtern?

    Rodrik: Im Allgemeinen sind die Amerikaner Freunde des Freihandels. Internationalen Verträgen jedoch stehen sowohl Rechte, als auch Linke skeptisch gegenüber. Letztere sorgen sich um die sozialen Konsequenzen. Sie befürchten, dass die einheimischen Arbeitsstandards und Löhne durch den Druck der ausländischen Konurrenz sinken. Die Rechten und Libertären sehen die geplante Transatlantische Handels- und Investment-Partnerschaft (TTIP) eher als Versuch der US-Regierung, zusätzliche regulatorische Kompetenzen in Anspruch zu nehmen. Das lehnt diese Seite grundsätzlich ab.

    Koch: Was halten Ihre Mitbürger von den gegenwärtigen Geheimverhandlungen zwischen den USA und Europa?

    Rodrik: Die Intransparenz löst Kritik aus. Deshalb sollten die Verhandler mehr Informationen über den Verlauf der Gespräche preisgeben und die Zivilgesellschaft besser einbeziehen. Das gilt gerade angesichts der Tatsache, dass ein internationales Investitionsabkommen vor Jahren unter anderem am Protest gescheitert ist.

    Koch: Die USA und Europa sind entwickelte Wirtschaftsmächte. Ihre Leistungskraft unterscheidet sich kaum. Trotzdem befürchten die Kritiker, dass TTIP zu Verwerfungen führen könnte. Eine berechtigte Sorge?

    Rodrik: Der verstärkte Handel zwischen diesen beiden Giganten wird die Verteilung der Einkommen nicht verschlechtern. Die Löhne in den USA und der EU liegen ja auf ähnlichem Niveau. Deshalb müssen weder die Europäer, noch die US-Bürger befürchten, dass mehr billige Arbeitskräfte zu ihnen kommen. Durch TTIP geraten also die Löhne nicht unter Druck.

    Koch: Eine wesentliche Kritik in Europa lautet, dass Qualitätsstandards für Lebensmittel und Umweltgesetze auf der Strecke bleiben könnten, weil die US-Industrie es so wolle.

    Rodrik: Hier kommt es auf die Details der Verhandlungen an. Grundsätzlich bin ich optimistisch, dass sich beide Seiten auf einen tragbaren Kompromiss einigen. Die EU ist durchsetzungsfähiger als ein Schwellenland wie Mexiko.

    Koch: Angeblich wird auch darüber geredet, Klauseln zum Schutz von Auslandsinvestments in den Vertrag aufzunehmen. US-Firmen könnten dann beispielsweise die Bundesregierung vor speziellen Gerichten verklagen, wenn sie ihre Investitionen in der EU durch neue Gesetze bedroht sähen. Was hält der Ökonom davon?

    Rodrik: Auf solche Sondergerichte oder Schlichtungstellen sollte man verzichten. Denn damit eröffnete sich ein Parallelweg außerhalb der Jurisdiktion des demokratischen Rechtsstaates. In Entwicklungsländern mit unzuverlässigem Rechtssystem mag ein solches Interesse der Investoren verständlich erscheinen. In fortgeschrittenen Gesellschaften jedoch ist der Wunsch, einen zusätzlichen Rechtsweg für Investoren zu etablieren, nicht akzeptabel.

    Koch: Vor 20 Jahren gründeten die USA, Kanada und Mexiko die Freihandelszone Nafta. Haben die beiden nordamerikanischen Länder davon profitiert?

    Rodrik: Für einige Branchen wie die US-Autoindustrie war das Abkommen eine gute Sache. Mexiko hat ebenfalls einige Vorteile. Dort gab es aber auch Enttäuschungen. Investitionen und Wachstum sind langsamer gestiegen, als erhofft. Die Nafta ist ein Beispiel dafür, dass Handelsverträge eine gute Wirtschaftspolitik nicht ersetzen können. Dies sollten die Europäer bedenken. Das Freihandelsabkommen mit den USA ist keine Antwort auf die europäische Krise. Freihandel bringt nur dann Vorteile, wenn die ökonomische Lage insgesamt stabil ist.

    Koch: Hollywood-Filme wie „Savages“ oder „The Counselor“ präsentieren Mexiko als Drogen-Ökonomie. Verzeichnete das Land in den vergangenen Jahrzehnten dennoch soziale und wirtschaftliche Fortschritte?

    Rodrik: Die Nafta hat Mexiko durchaus geholfen, eine starke Exportindustrie aufzubauen, unter anderem für Fahrzeuge und Flugzeugteile. Diese Entwicklung brachte natürlich auch Arbeitsplätze, Einkommen und Wachstum. Solche Befunde über ein Schwellenland haben allerdings nur eine begrenzte Aussagekraft dafür, was ein Freihandelsabkommen zwischen den USA und Europa bedeuten würde. Schließlich haben wir es hier mit zwei Wirtschaftsmächten zu tun, die auf dem selben Entwicklungsniveau stehen.

    Koch: Güter und Kapital können die Grenze am Rio Grande problemlos überschreiten. Gegen die Einwanderer aus dem Süden haben die USA aber eine massive Grenzbefestigung errichtet. Ein grundsätzliches Indiz für soziale Probleme, die Freihandel mit sich bringen kann?

    Rodrik: Freiheit für die Wirtschaft, nicht für die Menschen – das ist eine der auffälligsten Asymmetrien der Weltwirtschaft. Und ein großes Problem. Wenn sich die Menschen und Arbeitskräfte frei bewegen können, dient das eigentlich einer guten Entwicklung. Leider trifft Migration in den Einwanderungsländern jedoch auf große Vorbehalte.

    Koch: Ist es nötig, Freihandelsabkommen durch Vereinbarungen zu ergänzen, die die Lage und Lebensqualität der Menschen verbessern?

    Rodrik: Ja, die Arbeitskräfte müssen in solchen Abkommen stärker berücksichtigt werden. Man sollte Handelsverträge immer einer menschenrechtlichen Überprüfung unterziehen.

    Koch: Trotz aller Probleme sind die Ergebnisse von 30 Jahren Globalisierung und Liberalisierung eindrucksvoll. Weltweit stiegen hunderte Millionen Menschen in die Mittelklasse auf – in Ländern wie China, Indien, Brasilien oder der Türkei. Bedeutet Freihandel automatisch mehr Wohlstand?

    Rodrik: Nein, das Ergebnis hängt davon ab, wie das jeweilige Land den Prozess gestaltet. China hat Erfolg, weil die schrittweise Integration in den Weltmarkt mit dem Aufbau der einheimischen Wirtschaft abgestimmt ist. Auch in Lateinamerika gibt es gute Beispiele. Brasilien ist es gelungen, die Einkommen gerechter zu verteilen. Um die Wirtschaftsentwicklung zu moderieren, hat die Regierung dort Programme gegen Armut, zur Gesundheitsvorsorge und für bessere Bildung umgesetzt.

    Koch: Was müssen Industriestaaten wie Europa beachten?

    Rodrik: Sie sollten Wert darauf legen, dass der Arbeitsmarkt, sowie die Verhandlungsmacht von Beschäftigten und Gewerkschaften nicht erodieren. Sie müssen beispielsweise denjenigen, die ihre Arbeitsplätze verlieren, Bildungsprogramme anbieten, damit sie neue Jobs finden. In dieser Hinsicht sind die USA schwach – schwächer als Europa.

    Bio-Kasten
    Dani Rodrik (Jg. 1957) lehrt und forscht als Professor für Sozialwissenschaften am Institut for Advanced Studies in Princeton/ New Jersey, USA. Der linksliberale Ökonom mit türkischen Wurzeln war vorher Professor für internationale politische Ökonomie in Harvard. 1997 veröffentlichte er das Buch „Grenzen der Globalisiierung“. 2011 folgte das „Globalisierungsparadox – Die Demokratie und die Zukunft der Weltwirtschaft“.

    Info-Kasten
    Freihandel in Davos
    Wenn es etwas gibt, dass die beim Weltwirtschaftsforum (WEF) anwesenden Manager genauso schätzen wie Gewinne des eigenen Unternehmens, dann ist es Freihandel. Güter, Kapital, Wissen und Arbeitskraft sollen möglichst ungehindert über die nationalen Grenzen fließen, weil das die Geschäfte erleichtert. Sorgen macht man sich dagegen, wenn, wie hier und da nach der Finanzkrise, sogenannter Protektionismus um sich greift und der Freihandel eingeschränkt wird. Das Votum des WEF zum geplanten Freihandelsabkommen zwischen den USA und Europa ist deshalb klar: Die EU-Kommission und die US-Regierung sollten die „Transatlantic Trade and Investment Partnership“ (TTIP) möglichst bald beschließen. Viele Grüne, Linke, Sozialdemokraten und Gewerkschafter sehen das anders. Auf deren Kritik hat die EU-Kommission jetzt reagiert. Sie will eine öffentliche Befragung zum umstrittenen Thema des Investitionsschutzes starten, an der sich die EU-Bürger beteiligen können.

  • Exploitation and Progress in Apple´s Chinese Factories

    For three years now, the manufacturer of the iPhone has pledged to improve conditions in Chinese supplier factories. What’s been done? Not enough, as Hannes Koch found when he paid a personal visit to the factories themselves in September 2013

    Pui Kwan Liang lets down the blind. It blocks out the sun, the dusty street on the periphery of the Chinese industrial city of Shenzen, as well as curious looks from passersby. Twenty-seven-year-old Liang needs to exercise caution due to the nature of her work. The labour activist from Hong Kong travels regularly to China to offer support to employees there.

    She’s reserved a separate room in a restaurant. There’s rice, spicy vegetables and chicken on the revolving glass centre of the large round table. Whenever waiting staff open the doors to loudly announce the arrival of yet more bowls of food, the conversation falls silent. The information being exchanged here must stay within these four walls.

    Liang is a petite woman with black hair; she’s wearing a light blue T-shirt emblazoned with the Beatles’ song title “We All Live in A Yellow Submarine”. But she is tense. Using her smartphone, she records the worker’s account. The 28-year-old man has been working at the iPhone factory just around the corner for one-and-a-half years. He originally came from the poor, crowded province of Hunan in southwest China. Like many Chinese, the nails of his little finger and thumb are long and well-groomed. But his skin is scarred, the hand stunted and crooked. He can barely bend his fingers at all. “The accident happened when I was working on the iPhone assembly line,” he says. He came away with a catalogue of complex fractures.

    Now the iPhone employee is locked in a dispute with his employer over money. According to the law, he says, he should initially be on full pay following his accident – something that’s also policy in Germany. “But I’m actually only getting a third of it,” he says. He also claims the company is trying, with the help of doctors, “to get the injury and disability categorized as less severe so that they have to pay less," adds Liang. In he case of this particular worker, the outcome of the dispute will determine whether or not he is able to continue to provide for his child, who lives with his parents back in his home village.

    The man is one of millions of people working in China producing iPhones, iPads and laptops for Apple, some of them most certainly destined for customers in San Francisco, Paris and Berlin. Public interest in factory conditions was first aroused in 2010.

    This was the year when 13 workers took their lives by jumping from the rooftops of those very factories. The US-based NGO China Labor Watch says a total 18 employees of Foxconn, the largest supplier to Apple, are now known to have committed suicide.

    Seven days working on the assembly line, frequent 80-hour working weeks, barely any holidays or days off, miserable wages of less than 1 Euro an hour, contact with toxic substances without adequate protective clothing, maltreatment at the hands of foremen, overcrowded residential quarters – this is how employees described their working lives in 2010. Apple and Foxconn then promised to improve conditions – by 1 July 2013.

    So what’s happened? Has Apple kept its promise? “No”, says Liang. “What Apple has done is not enough.”

    The activist is not alone in her opinion. Professor Huilin Lu is also critical of the iPhone concern. The 44-year-old sociologist works at Beijing University, an institution that enjoys the same prestige as Harvard in the US. Lu’s students regularly take up holiday jobs in the supplier factories and write seminar papers on their experiences. As a result, the academic is one of the few people to have a thorough insight into the company’s practices. He sits on his bulky black office sofa and says: “Apple has not fulfilled its promise.”

    “The wages are only enough to cover bare essentials,” says Luo.

    What should we make of this? Did Apple only issue its promise to reassure its customers in wealthy countries where its reputation could be damaged? Is the company telling lies?

    The factory is to the right as you come out of the restaurant. There are thousands of bicycles parked outside the main gate, private security personnel in green uniforms stand guard, behind them rows of modern factory buildings as far as the eye can see. Exit the restaurant to the left, and after a few blocks you’ll come to a residential block for factory staff who find the workers’ quarters on the site too noisy. Narrow streets, cramped stairways, Liang has pre-announced the visit. On the second floor, Qingqing Luo* opens the door to her apartment, which consists of nothing but a room about 12 square metres in size.

    Her husband Qian* struggles to his feet and sits on the side of the bed. He is weak, waiting impatiently to recuperate. There’s a low table placed against one wall with a laptop on it; next to that, two trolley bags piled on top of each other serve as a shelf. There are no chairs. The visitors sit on pink plastic stools that look a bit like upturned buckets. Then there’s a tiny kitchen with a double gas burner and a small bathroom. That’s all the iPhone worker and his wife can afford.

    Qian Luo, 32, reports how, whilst working in the factory setting up and maintaining the production lines for Apple devices, one toe on his right foot was cut off with an angle grinder. He also blames the company for this: “They didn’t give us any protective shoes.”

    Liang records the conversation again. She is collecting material for a new study for imminent publication by her organization Sacom (Students and Scholars Against Corporate Misbehaviour). She translates from the English into Chinese, and back into English. The injured worker reports that while he’s written off sick, he’s receiving 1,200 Yuan in social security payments, that’s 150 Euro a month. “It’s only enough to cover the absolute bare essentials,” he says, and Liang translates. Before his accident, he was earning around 3,500 Yuan, or around 340 Euro. “In a big city like Shenzhen with its relatively high cost of living, that’s enough for one person to live reasonably well,” says Liang, “but for two people it’s a bit tight.”

    And how long did Luo have to work for this wage? His response: “Twelve hours a day, six days a week.” So 72 hours a week.

    The long working day was one of the issues Apple promised to address by 1 July 2013. Chinese labour laws clearly state that weekly working hours must not exceed 49. But as Qian Luo and many other iPhone workers in China confirm, in August and September 2013 their working hours were often far in excess of this legal maximum limit.

    Is this an unintentional oversight? “No,” says Professor Lu in his Beijing office: “Apple is responsible for the working conditions.” He goes on to say that the company knowingly determines the pace of the manufacturing process, which in turn leads to these unlawful working hours. New products are continually being put on the market – the iPhone 5, the 5s, and now the 5c, for example. Within a short period of a time dozens of millions of devices then have to be manufactured and exported all over the world. Under this kind of pressure, Chinese factories have little choice but to work around the clock, on Saturdays and often on Sundays too, says Lu.

    Apple recently placed two-page adverts in German newspapers. They show, for example, two teenagers wearing white headphones listening intently to music on an Apple device. The copy reads that the company works so long on its products “until every idea enhances every life it comes into contact with.” An almost superhuman claim. But does it at least partly apply to those people who work for Apple?

    The company now regularly sends inspectors out into its factories. In addition, managers at the California HQ commissioned the Fair Labor Association FLA, a US organization for “ethical working conditions”, to improve the situation. In May 2013, the FLA published a report on Foxconn. This is the Taiwan-based main supplier to Apple, the operators of the Chinese factories where some 1.3 million people work. The people who committed suicide had been working for Foxconn.

    The FLA report claims that most of the problems have now been addressed. In pages and pages of tables, the inspectors document the initial shortcomings, their procedure and the outcome. One example: At the Foxconn plant in Chengdu in central China, some of the fire alarm buttons were broken and not marked with Chinese characters. The FLA inspectors insisted that these be repaired and properly labelled. In their report, the tables that are open to public view were then marked with the word “completed”.

    One of the issues still left open in the report continues to be the long working hours. In its May 2013 report, the FLA criticizes the fact that many Foxconn workers are on duty for much longer than 49 hours a week. “That is in contravention of the law,” the report explicitly states. The labour rights organization China Labor Watch ascertained a similar situation in July 2013 at the company Pegatron, which operates Chinese factories manufacturing Apple products including the new iPhone 5s and 5c – factories where workers are routinely working as much as 69 hours a week.

    Ask Apple directly, and the company insists it is doing everything it can to improve conditions and adhere to the law. In a statement issued in late July 2013, it pledged to “immediately investigate” the new accusations. As for a comprehensive report on whether the company has fulfilled its promises by 1 July 2013 as pledged, this has not been forthcoming.

    In any case, Pegatron refuses to give any interviews whatsoever. And despite chasing responses promised by Foxconn, these had not been supplied before this paper went to press.

    In any case, Liang the activist doesn’t have faith in the reports by Apple and the FLA. She pursued a cultural studies course in Hong Kong and wanted to do “something meaningful” after graduation. For her, this is about helping the workers “to raise their voices and represent their own interests themselves”. But, she adds, Apple and Foxconn continue to treat their employees like “replaceable tools”.

    But does she not concede that the companies are at least trying to improve the situation? “I don’t know for sure,” answers Liang, “after all the workers were not able to make an active contribution to the reports.” Perhaps Apple is claiming progress that is actually not happening at all.

    This is why Liang prefers to talk to the employees herself. She and her colleagues go to the factories and approach the staff. One place where it’s easy to do this is in an alleyway of shops opposite the Foxconn plant in Taiyuan, a city 400 kilometres southwest of Beijing.

    It’s 7pm, and already dark, the night shift is about to begin. The workers – most of them younger than 25 – stream towards the factory between the two-storey buildings. There are charcoal barbecues mounted on the backs of electric scooters parked on the side of the road. Chicken and vegetable kebabs are popular provisions for the long nocturnal hours. There are hairdressers and Internet cafés close by, where workers can take a break on the way home in the morning. On one corner there’s a huge pile of coal. The air is dusty, there’s a permanent cloud of smog hanging over the city; Taiyuan is a coalmining region.

    But activists like Liang also get to hear information that doesn’t actually fit into the general scheme. Zhi Wang*, 25, bright eyes, light brown imitation leather jacket, blue jeans, passes cigarettes around as he explains what he does at Foxconn – and that is to play software onto iPhone 4s. It’s been pretty quiet for a while, he says, no overtime, no more than 10 hours’ work a day. This could be due to the fact that demand for the older smartphone models is receding. Wang doesn’t appear to be stressed out. He stays here for some time chatting.

    “What’s it like working for Foxconn?” Ask this question in the alley of shops opposite the plant and you’ll frequently hear the same response: “It’s OK.” Yes, for sure, there are complaints.

    Sometimes the foremen yell too much, the wages don’t always go far enough, the odd worker says she sometimes wishes she had an extra day off here and there to escape the routine. But all in all, people here don’t appear to be desperate, or struggling to contain their anger.

    The responses are similar by the entrance to the Pegatron plant in Shanghai. This is where many of the new iPhones 5s and 5c are made. Five minutes away from the main gates of the factory site where some 70,000 people work, there’s a market with snack vendors similar to the scene in Taiyuan.

    It’s early in the morning but already 25 degrees, the sun is shining. Wei Liu*, 20, and his colleagues have just come off the night shift and are sitting down to breakfast.

    Liu is training to be a mechanic at the local vocational college. He’s currently on a work placement with Pegatron; for three months now he’s been on the production line fitting the vibration mechanism into the 5s phones. His ears are pierced with diamante, there’s a pair of disposable chopsticks poking out of the pocket of his salmon-pink Pegatron workshirt.

    “The iPhone is a status symbol,” he says. “Everyone wants one. It’s very expensive for me.” He says the latest model would cost him a month’s wages. Up to now, he’s done without.

    Nevertheless: Liu feels he receives a fair wage. He earns 4,000 Yuan per month, around 500 Euros, for a 70-hour week. For this young man, it’s enough. And not only that: Last year he even managed to save money doing student jobs. He sends the money to his parents – for them, and for his own future.

    Liu says: “I’ve got it better than my parents”.

    Liu looks tired. “The work isn’t strenuous,” he says, in spite of this. He explains: In comparison to that of his parents, who are farmers living a day’s drive away from Taiyuan. Sowing seeds three times a year, working on the fields, all the time, not just 11 or 12 hours a day like he does, but all the time. “And even then they don’t have a secure income because of the weather,” says Liu. Yes, he is tired. But he adds, “I’ve got it better than my parents.” As far as he’s concerned, working for Apple represents personal progress.

    Although essentially a critic of Apple, Professor Lu also sees progress. He can even demonstrate it in figures. Minimum wage in Shenzhen in 1992: 245 Yuan. Today: 1,600 Yuan. Almost seven times more within 20 years. But he explains why conditions must continue to see an improvement in the long-term. He says this is because the supply of industrial workers in China is gradually running out. Whereas the demand in mobile phone plants is growing, millions of new personnel are required. Major relocation to Laos or Vietnam isn’t an option for the companies. There are far too few people there, and no infrastructure to operate hi-tech factories. The managers of Foxconn and Pegatron are only too aware of all this, he says.

    So progress has been made. But also: “Serious exploitation,” says Lu, “because the working wage in the Apple production chain is only enough to support one person. Employees can’t finance a family of their own on this level of pay.” Although people stand at the belts 12 hours a day, although all they do is work, eat, sleep and work again, their wage doesn’t cover the worker’s own reproduction costs. It could be said that the factory is eating their children. Because it doesn’t make it possible for them to have any of their own.

    Liang, the labour activist, is on her way home. Looking out of the window of the bus, all you can see for hours and hours are new residential blocks for hundreds of thousands of people, shopping malls, factories. Progress? “In the old days, when China still believed in communism, the working classes were often treated better,” she says, the modern young woman from Hong Kong. “At least they were able to feed their families then.”

    * Names have been changed

    Profits on iPhones

    The costs:
    According to a US study published in 2011, work carried out in Chinese supply factories costs just 1.8 percent of the retail price of an iPhone 4. That’s almost 9 Euros of the product’s end price of some 450 Euros. Foxconn managers say the production costs are 3 percent of the retail price: This would make it 13.50 Euros.

    “In both cases it’s clear: Apple could easily double or treble the working wage in supplier plants, or more specifically oblige suppliers to do this and pay them higher prices accordingly,” says Cornelia Heydenreich from the organisation Germanwatch.

    The profits:
    This would have a decisive effect on the retail price. Either the iPhone would become slightly more expensive, or Apple’s profits would be slightly lower – but still exorbitant. The Apple and Samsung trial revealed that in 2011 and 2012, iPhones generated a gross profit of some 50 percent of the retail price. Germanwatch employee Heydenreich says: “In view of such profit margins, there is an ethical responsibility to ensure staff at supplier companies are being paid a fair living wage.”

  • Deutschland ist ein riesiger "Test-Markt"

    Die Industrie attestiert den meisten Test-Anbietern seriöses Arbeiten. Unabhängig ist nur die Stiftung Warentest.

    Wenn eine größere Anschaffung ansteht, schauen sich viele Verbraucher in Deutschland erst einmal Testberichte über den Fernseher, das Auto oder das neueste Smartphone-Modell an. Lange Zeit war dies eine Domäne der vor 50 Jahren gegründeten Stiftung Warentest. Das hat sich mittlerweile geändert. Verglichen wird so ziemlich alles. Die Krankenkassen benoten die Leistungen von Pflegeheimen, der Verkehrsclub Deutschland (VCD) geht auf die Suche nach den umweltfreundlichsten Autos. Es gibt Ranglisten für die besten Hochschulen, Ärzte und lebenswertesten Städte.

    Doch immer wieder taucht die Frage nach der Verlässlichkeit der Ergebnisse auf. Erst geriet die Stiftung Warentest in die Kritik, weil sie eine Schokolade nur aufgrund einer möglicherweise falschen Zutatenangabe als mangelhaft abqualifizierte. Aktuell steht der ADAC im Kreuzfeuer. Der Autoclub ist einer der größten Testeinrichtungen des Landes. Raststätten, Kreuzfahrten oder auch Badeseen gehören zu den Themen, zusammen mit der Stiftung nimmt der Club Autoreifen und Kindersitze unter die Lupe.

    Beim ADAC besteht nun auch der Verdacht, dass nicht nur beim Preis „Gelber Engel“ manipuliert wurde, sondern womöglich auch bei den Tests. So fühlen sich die Autohöfe bei der Raststättenbewertung tendenziell gegenüber dem anderen Großbetreiber Tank & Rast benachteiligt. Der Verdacht wird durch die geschäftliche Verbindung der beiden genährt. Wie unabhängig wird in Deutschland getestet, was das Zeug hält?

    Das Ergebnis ist ernüchternd. Die einzige unabhängige Einrichtung bleibt die Stiftung Warentest. Sie lebt vor allem vom Verkauf ihrer Zeitschriften und Bücher und aus den Erträgen eines vom Staat spendierten Stiftungskapitals. Auf Anzeigen aus der Wirtschaft verzichtet sie, um jeden Anschein von Beeinflussungsmöglichkeiten zu vermeiden. Dafür sind die Hersteller der geprüften Waren und Dienste an anderer Stelle mit dabei. Vor einem Test wird dessen Methode mit der Industrie diskutiert. Das soll Streit über die spätere Bewertung verhindern, was meist auch gelingt. „Wir tragen die Stiftung Warentest mit“, versichert eine Sprecherin des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Deren Arbeit finde die Wirtschaft gut.

    Im Gegensatz zu den Anfangszeiten der Produktvergleichstests haben viele Unternehmen heute deren Wert erkannt. „Speziell in Deutschland hat die Testkultur einen hohen Stellenwert“, sagt Roland Stehle, Sprecher der Gesellschaft für Unterhaltungselektronik (GfU). Der Verband zollt dem dritten großen Anbieter von Vergleichstests, den Medien, Respekt. Die Fachzeitschriften seien technisch oft so ausgestattet wie die Entwicklungslabore der Industrie. „Man geht davon aus, dass die einzelnen Medien sich neutral verhalten“, bescheinigte Stehle den Journalisten eine saubere Testarbeit.

    Doch gilt das nicht nach Meinung der Fachleute nicht für alle Anbieter von Tests. „Die Abhängigkeit der Zeitschriften von Anzeigen lässt sich nicht wegdiskutieren“, stellt Stiftungs-Sprecherin Heike van Laak fest. Doch wie können Verbraucher zwischen seriösen und zweifelhaften Vergleichen unterscheiden? „Das einzig wichtige ist, wer den Test bezahlt“, sagt van Laak. Ein Indiz ist zudem die Transparenz der Bewertungsmethode. Von einem gesetzlich festgelegten Standard für Produktvergleiche halten Fachleute nichts. Diese Idee hat der neue Verbraucherminister Heiko Maas ins Spiel gebracht. Zu unterschiedlich sind die Ziele der einzelnen Prüfeinrichtungen. So bewertet die Zeitschrift Ökotest zum Beispiel die Inhaltsstoffe von Kosmetika, nicht aber ihre Wirkung. Die Stiftung Warentest schaut den Testpersonen hingegen lange auf die Haut und kontrolliert Veränderungen. Das kann bei der Bewertung desselben Produktes völlig unterschiedliche Ergebnisse zeitigen.

  • Auf zu neuen Ufern

    Die Botschaft des Weltwirtschaftsforums 2014 in Davos lautet: Die Lage wird besser, Fortschritt ist wieder möglich.

    Die beiden Damen in ihren Dreißigern, eine im weißen Kostüm, die andere im roten Kleid, dirigieren Muhammad Yunus in die getäfelte Hotelbar. Von dem berühmten Banker der Armen aus Bangladesch erhoffen sie sich Ratschlag und Unterstützung. Die beiden Europäerinnen wollen ebenfalls ein Unternehmen aufziehen, das Gutes tut und gleichzeitig Geld verdient. Einen potenziellen Kapitalgeber aus Afrika bugsieren die Damen ebenfalls an den Tisch.

    Eine Viertelstunde geht es in Geschäftsenglisch hin und her. Dann Aufbruch, die Damen fotografieren die Gruppe abwechselnd mit ihren Smartphones – smile, smile und „hope to see you again“. Im Weggehen sagt die Eine: „Der will uns kein Geld geben, null, er braucht es selbst.“

    Das ist Davos. Während der vier Tage des alljährlichen Weltwirtschaftsforums (WEF), das am Samstag zu Ende geht, treffen sich in dem Schweizer Alpenstädtchen so viele Angehörige der globalen Wirtschafts- und Politikelite, wie zu kaum einem anderen Anlass. Offiziell nehmen 1.500 Spitzenmanager teil. Umschwärmt werden sie von wahrscheinlich ebenso vielen Menschen, die versuchen ein kleines Stück des großen Kuchens abzubekommen. Und seien es nur Visitenkarten, Telefonnummern, Kontakte und damit die Möglichkeit, später doch noch ein Geschäft einzutüten.

    Davos ist auch ein Thermometer, um den Zustand der Mächtigen zu diagnostizieren. Der Befund: Obwohl die akute Finanzkrise der Jahre 2008 bis 2010 mit ihren Banken- und Investorenexessen überwunden ist, fühlen sich viele Manager verfolgt. Sie haben das ungute Gefühl, unter dem Druck der Öffentlichkeit zu stehen. Sie meinen sich rechtfertigen zu müssen.

    Gleich eine der Auftaktveranstaltungen sollte Antworten geben auf die Frage „Wie macht man gute Geschäfte?“ Wobei „gut“ sowohl betriebswirtschaftlich, als auch moralisch zu verstehen war. Dennis Nally, der Chef der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers, leitete die Podiumsdiskussion vor 200 WEF-Teilnehmern so ein: „Das Vertrauen in die Unternehmen war noch nie so gering wie heute.“

    Warum, ist den Managern im Prinzip klar. In zahlreichen Staaten sind so viele Menschen arbeitslos wie selten zuvor – in Spanien beispielsweise 25 Prozent, unter jungen Leuten sogar die Hälfte. Vielerorts nimmt die soziale Ungleichheit zu, hohe Einkommen und Vermögen steigen, die Mittelschicht dagegen schrumpft, auch in Deutschland. Zumindest eine Mitverantwortung für solche Entwicklungen weisen viele Bürger den Unternehmen zu.

    Vor diesem Hintergrund schickte der Papst erstmals einen Gesandten mit einer Botschaft zum Forum. Franziskus mahnte die Elite, sich für die gerechtere Verteilung des Wohlstands auf der Welt einzusetzen. Führende Manager und Politiker hätten eine „klare Verantwortung gegenüber anderen, vor allem denjenigen, die am zerbrechlichsten, schwächsten und verwundbarsten sind“, erklärte das Oberhaupt der katholischen Kirche.

    Eine harte Nuss für die Prominenten auf dem Podium. Ihre Entgegnungen schwankten zwischen Selbstverteidigung und Nachdenklichkeit. Indra Nooyi, Chefin von PepsiCo aus den USA, sagte: „Unternehmen sind die einzigen Organisationen, die gut funktionieren“ – jedenfalls in ihrer Mehrheit und im Gegensatz zu mancher Regierung.

    Feike Sijbesma, Chef des niederländischen Chemie-Unternehmens DSM, dagegen versuchte sich mit konstruktiven Überlegungen. Die Geschäftspolitik eines modernen Unternehmens, so seine weitreichende These, müsse die Interessen aller „Stakeholder“ abbilden – aller Interessengruppen, für die der jeweilige Konzern und seine Produkte wichtig sind. Natürlich seien deshalb auch soziale und ökologische Gesichtspunkte angemessen zu berücksichtigen, so Sijbesma. Er sagte: „Kein neues Vertrauen ohne Verringerung der sozialen Ungleichheit.“

    Wie aber sollen Unternehmen das bewerkstelligen? Sie können beispielsweise Arbeitsplätze schaffen und höhere Löhne zahlen. Der niederländische Manager ging soweit, außerdem neue Bilanzierungsregeln vorzuschlagen. Wenn ein Unternehmen ökologische Schäden anrichte, müsse dies in der Gewinn- und Verlustrechnung ebenso auftauchen wie der finanzielle Saldo.

    Solche ökonomischen oder politischen Botschaften zu setzen – dafür ist Davos ebenfalls jedes Jahr auf´s Neue der angesagte Ort. Die Absender können sicher sein, dass das Auditorium empfänglich und der Resonanzboden stark genug ist. Die zentrale Botschaft 2014 lautete: Manches liegt im Argen, aber vieles wird auch besser.

    Zum schlechten Teil der Nachricht: Ex-Bundesbankchef Axel Weber, jetzt Verwaltungsratspräsident der Schweizer Bank UBS, wies auf die schwachen Wachstumsaussichten in Europa hin. Ergebnis: Die Arbeitslosigkeit würde kaum sinken. Andere bemängelten, dass zu allem Überfluss die ökonomische Dynamik in Schwellenländern wie China nachlasse. Und auch der Bürgerkrieg in Syrien bereitete vielen WEF-Teilnehmern Sorgen.

    Auf der Haben-Seite stand dagegen, dass Europa trotz allem deutlich auf dem Weg der Besserung ist. Die Krisenstaaten Irland, Portugal und Spanien können wieder Staatsanleihen zu annehmbaren Preisen verkaufen. Die Investoren leihen ihnen wieder Geld. Der Aufschwung in den USA mit geringerer Arbeitslosigkeit und höherer Produktivität ist unterwegs. Und Japan hofft, seine 20jährige Stagnation abzuschütteln.

    Die überragende positive Botschaft aber überbrachte Irans Staatspräsident Hassan Ruhani. Er versprach Ausgleich mit den Nachbarn, Kooperation und den Verzicht auf Atomwaffen. Nicht alle glaubten ihm – am wenigsten Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Einige Kommentatoren dagegen verstanden Ruhanis Auftritt als „wichtigste Davos-Rede der vergangenen Jahre.“ Man könne sie lesen als einen lange erwünschten Schritt auf dem Weg zum Frieden im Nahen und Mittleren Osten.

    So schaltete das Forum vom Krisen- und Erschöpfungsmodus der vergangenen Jahre deutlich auf Fortschritt um. Regierungschefs wie Netanjahu, Enrique Pena Nieto aus Mexiko und Tony Abbott (Australien) verbrachten wesentliche Teile ihrer Redezeit vor dem Plenum einfach damit, die Vorteile ihres Landes für ausländische Investoren herauszustellen. Mit anderen Worten: Es geht vorwärts, lasst uns anpacken.

    Fortschritt im Großen, aber auch im Kleinen. Die 31jährige Mexikanerin Dina Buchbinder knüpft dem Berichterstatter ein buntes Bändchen mit den Symbolen der Millennium-Entwicklungsziele (MDG) der Vereinten Nationen um das rechte Handgelenk: „Auch Du bist jetzt ein Botschafter für die MDGs.“

    Zehntausende mexikanischer Kinder tragen diese Bändchen bereits. Sie bekommen sie als Geschenk, wenn sie an den Sportveranstaltungen, die Buchbinder organisiert, teilnehmen und sich dabei spielerisch beispielsweise mit Gesundheitsvorsorge auseinandersetzen. Als Anerkennung für ihr Engagement hat das WEF Buchbinder nach Davos eingeladen. Mexiko – Drogenkrieg, Mafia, bewaffnete Milizen? Ach was, auf zu neuen Ufern!

  • Vorwürfe gegen Konzerne beim Weltwirtschaftsforum

    Die Davos-Kritiker verleihen ihren Negativ-Preis an das „unverantwortlichste Unternehmen“ der Welt

    Zwischen dünnen Birken liegt ein schwarzer Tümpel. Aus ihm entnimmt eine Frau in Gummistiefeln die Probe einer zähen, klebrigen Masse. Dieses und weitere Fotos stammen Greenpeace zufolge aus dem Umkreis von Erdöl-Bohrstellen des russischen Gazprom-Konzerns. Weil die Firma gegen naturzerstörende Öllecks zu wenig unternehme, wird Gazprom am Donnerstag möglicherweise zum „unveranwortlichsten Unternehmen der Welt“ gekürt.

    Die Auszeichnung „Public Eye“ („Öffentliches Auge“) wird am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos von Greenpeace und der Schweizer Organisation Erklärung von Bern verliehen. Die Kritiker begleiten damit das alljährliche Treffen der Wirtschafts- und Politikelite, um „besonders Menschen- und umweltverachtende Geschäftspraktiken“ zu verurteilen.

    Per Internet waren bis Dienstagabend knapp 300.000 Stimmen bei Public Eye eingegangen. Dann schloss die Abstimmungen. Bis dahin sprachen sich rund 100.000 Personen dafür aus, Gazprom den Preis zu verleihen. Nicht auszuschließen ist, dass dabei eine globale Öffentlichkeitskampagne von Greenpeace nachwirkte, mit der die Umweltorganisation die Freilassung von Ökoaktivisten aus russischer Haft erzwingen wollte. Die Greenpeacer hatten gegen Ölbohrungen im nördlichen Eismeer protestiert.

    Der konkrete Vorwurf gegen den russischen Staatskonzern Gazprom, das „aktuell größte Gasunternehmen der Welt“, bezieht sich auf dessen Bohrplattform „in der eisbedeckten Petschorasee“. Dort, im Nordpolarmeer, zwischen der russischen Küste und der Insel Nowaja Semlja, soll unter dem Meeresboden liegendes Erdöl gefördert werden.

    Greenpeace argumentiert, Gazprom habe bisher keinen Notfallplan veröffentlicht, um Öllecks in dieser empfindlichen Naturregion zu vermeiden und unter Kontrolle zu halten. Deshalb sei davon auszugehen, dass der Rohstoffkonzern die Verseuchung der Umwelt in Kauf nehme. Diese Zeitung hat Gazprom in der vergangenen Woche um eine Stellungnahme gebeten – ohne Antwort zu erhalten.

    Auf Platz Zwei mit etwa 60.000 Stimmen standen am Dienstagabend die zwei deutschen Agro-Chemie-Unternehmen BASF und Bayer, sowie der Schweizer Konzern Syngenta. Gegen diese erheben die Kritiker den Vorwurf, „hochgiftige Pestizide herzustellen und zu verkaufen. Diese sind für das Massensterben von Bienen und anderen Bestäubern mitverantwortlich, die für Umwelt, Landwirtschaft und die globale Nahrungsmittelproduktion“ große Bedeutung hätten. Einige dieser Pestizide seien seit 2013 in Europa verboten. Trotzdem verkauften die Unternehmen ihre Produkte außerhalb der EU weiter, sagen die Kritiker. Das sei eine Ursache dafür, dass die Zahl der Bienen in den vergangenen Jahren teilweise um „20 bis 50 Prozent“ abgenommen habe.

    Die drei Unternehmen weisen die Vorwürfe zurück. „BASF hat großes Interesse, die Ursachen für die abnehmende Bienengesundheit in einigen Regionen der Welt zu verstehen und entsprechend zu handeln“, erklärte ein Sprecher. Ebenso wie Bayer weist BASF daraufhin, dass die Bienen aus ganz unterschiedlichen Gründen stürben. Nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen komme weniger der Einsatz von Pestiziden, sondern beispielsweise eher die Varroamilbe als Grund in Betracht.

    Weitere Kandidaten für den Negativ-Preis sind der internationale Fußballbund Fifa (angebliche Vertreibung von Anwohnern beim Stadionbau für die WM in Brasilien), die Textilmarke GAP (angebliche Weigerung, ein Abkommen für Fabriksicherheit in Bangladesch zu unterzeichnen) und GlencoreXstrata (angebliche Steuervermeidung).

  • Langsame Erholung in Europa

    Weltwirtschaftsforum Davos 2014: Erleichterung angesichts der Erholung Europas von der Krise, Skepsis wegen der hohen Arbeitslosigkeit

    Deutlich mehr Zuversicht als im vergangenen Jahr herrschte am ersten Tag des diesjährigen Weltwirtschaftsforums von Davos. Kommt Europa zurück?, lautete der Titel einer der Auftaktveranstaltungen. Die Diskussionsrunde unter anderem mit Ex-Bundesbankchef Axel Weber war sich einig, dass die Antwort „Ja“ lautet – mit Einschränkungen.

    Zuerst die gute Nachricht: „Europa ist viel stabiler als vor einem Jahr“, sagte US-Ökonom Kenneth Rogoff von der Harvard-Universität. Kaum einer der rund 200 Zuhörer im Saal des Kongresszentrums stellte dies in Frage. Rogoff: „Darüber, dass der Euro auseinanderbrechen könnte, wird kaum noch geredet.“

    „Es geht aufwärts“, erklärte auch Weber, nun Verwaltungsratschef der Schweizer Bank UBS. Er gab jedoch zu bedenken, dass Europa dieses Jahr erneute Verunsicherung von zwei Seiten drohen könnte. Einerseits befürchtete Weber, dass die Euro-skeptischen Parteien bei den Wahlen zum Europa-Parlament mehr Stimmen erhalten als früher und in der Folge notwendige Integrationsschritte zu gemeinsamer europäischer Wirtschafts- und Finanzpolitik noch schwieriger werden könnten.

    Andererseits warnte der Ex-Bundesbanker vor den Ergebnissen des Banken-Stresstestes im November 2014. Weil vermutlich einige Finanzinstitute diese Prüfung nicht bestünden, so Weber, würden sich wieder die leidigen Fragen nach der Finanzkraft der Banken und der Staaten stellen. In der Konsequenz könnten auch wieder die Refinanzierungskosten der Staaten steigen.

    Vor allem aber diskutierten die Herren über das sichtbarste Langzeit-Phänomen der latenten europäischen Krise: die hohe Arbeitslosigkeit, die in Spanien beispielsweise bei 25 Prozent liegt, unter jungen Leuten sogar bei 50 Prozent. Rogoff brachte das Problem auf diesen Punkt: „Trotz seiner alternden Gesellschaft leistet sich Europa den teilweisen Verlust einer jungen Generation.“

    Hier wurde die Verbindung deutlich zu einem weiteren Problem, das nicht wenige der 2.500 Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums umtreibt: die zunehmende und in vielen Staaten auftretende soziale Spaltung zwischen Arm und Reich. Auf Europa gemünzt, erwuchs daraus die Frage: Wie kann die Anti-Krisen-Politik in Europa inklusiver werden? Wie können wieder mehr Menschen Zugang zu Arbeitsplätzen und damit ausreichendem Lebensstandard erhalten?

    Martin Sorrell, Chef der britischen Werbeholding WPP, formulierte es so: „Die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte ist der kritische Punkt“. Was er nicht sagte, aber meinte: Wenn die Arbeitslöhne nicht zu sehr durch Tarifverträge festgelegt seien, der Kündigungsschutz gelockert werde und mehr befristete Jobs möglich würden, könnten die Unternehmen zusätzliche Beschäftigte einstellen. Nicht nur Sorrell empfahl anderen europäischen Staaten deshalb Deutschland als Vorbild, besonders die Arbeitsmarktreformen der Schröder-Ära.

    Aber Europa müsse auch insgesamt „konkurrenzfähiger“ werden, fügte Pierre Nanterme hinzu, der Chef der Unternehmensberatung Accenture. Diese Mahnung richtete er weniger an die Unternehmen, sondern an die Politik. Ein Mittel, mehr Produktinnovationen und Wirtschaftswachstum zu erreichen, seien höhere Investitionen der Regierungen in Infrastruktur, Bildung, Forschung und Entwicklung.

    Zudem formulierte der französische Berater Zweifel an der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Deren Fokussierung auf die Inflationsbekämpfung lasse zu wenig Spielraum für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Die US-Notenbank unterliege dieser Beschränkung dagegen nicht, so Nanterme. Für ihn war auch deshalb klar: „Die USA ist bereits zurückgekommen.“ Dort stiegen Wachstum, Produktivität und Zahl der Arbeitsplätze wieder – im Gegensatz zu Europa.

  • „Europa kommt zurück“

    „Die Krise ist auf dem Rückzug, wenngleich noch nicht bewältigt“, sagt der Freiburger Ökonom Lars P. Feld anlässlich des Weltwirtschaftsforums 2014

    Hannes Koch: Die Mittelschicht in Staaten wie Deutschland schrumpft, in Schwellenländern wie China oder Brasilien wächst sie – ein Gegensatz, der demnächst beim Weltwirtschaftsforum von Davos zur Debatte steht. Machen Sie sich als sozialpolitisch interessierter Ökonom darüber Sorgen?

    Lars Feld: Nein. Wir haben uns im Sachverständigenrat für Wirtschaft genau angeschaut, wie sich die Einkommensverteilung in Deutschland entwickelt. Seit Beginn der 1990er Jahre ist der Anteil der mittleren Einkommensgruppen am Gesamteinkommen um vier Prozent zurückgegangen. Zwei Prozentpunkte gewannen ärmere Schichten, weitere zwei Prozent bekamen reichere Gruppen hinzu. Darin kann ich keine Dramatik erkennen. Denn wir haben es mit einem langen Zeitraum zu tun, in dem sich die weltwirtschaftlichen Gewichte massiv verschoben. Im Übrigen nimmt die Ungleichheit der Einkommen in den vergangenen Jahren wieder etwas ab.

    Koch: Das wirtschaftspolitische Konzept des Ordoliberalismus, das das Walter Eucken Institut seit 60 Jahren vertritt, weist der Politik die Aufgabe zu, Spielregeln für offene Märkte festzulegen, die sich an den gemeinsamen Interessen der Bürger ausrichten. Nun halten viele Menschen in Europa ihre Gesellschaften für zunehmend ungerecht. Muss die Politik darauf nicht reagieren?

    Feld: Wenn die Bürger so etwas wünschen, sollte die Politik sich des Problems annehmen. Die Frage aber ist, was die Bürger wirklich wollen. In der Schweiz weiß man es oftmals – dort gibt es Volksabstimmungen. Die sogenannte Abzocker-Initiative bekam eine Mehrheit: Künftig müssen die Hauptversammlungen von Aktiengesellschaften öffentlich über die Gehälter der Vorstände entscheiden. Abgelehnt wurde dagegen die Initiative, derzufolge das höchste Gehalt in Unternehmen nur noch das Zwölffache des niedrigsten betragen sollte. Was als gerecht zu betrachten ist, beurteilen moderne Bürger also sehr differenziert. In Deutschland jedoch fehlt uns ein Indikator wie die Schweizer Volksinitiative. Deshalb würde ich sehr vorsichtig sein, wenn die Politik hierzulande versucht, das Gerechtigkeitsempfinden zu interpretieren.

    Koch: Die französische Linksregierung glaubt, die Wünsche ihrer Bürger umzusetzen, indem sie Einkommen ab einer Million Euro pro Jahr mit 75 Prozent besteuert. Können solche Reichensteuern die Polarisierung der Einkommen ausgleichen?

    Feld: Derart hohe Steuersätze behindern das Wirtschaftswachstum. Sie tragen dazu bei, dass gut verdienende Bürger ihre Einkommen und Vermögen ins Ausland transferieren. Dieses Kapital steht im Inland dann nicht zur Verfügung. Deshalb schaden zu hohe Steuersätze mittelbar allen Bevölkerungsgruppen und widersprechen dem Ziel, Verteilungsgerechtigkeit herzustellen.

    Koch: Ähnliche Steuersätze erhoben die USA bis in die 1970er Jahre – und hatten hohes Wirtschaftswachstum und weniger soziale Spaltung als heute.

    Feld: Die nominalen Sätze mögen dort damals beträchtlich gewesen sein, doch wegen vieler Schlupflöcher zahlten die Unternehmen und Bürger unter dem Strich weniger Steuern. Außerdem ist die Welt heute eine andere. Kapital hat auf den offenen globalen Märkten mehr Bewegungsmöglichkeiten. Dem muss die nationale Steuerpolitik Rechnung tragen.

    Koch: Was kann die Politik überhaupt noch regeln? Sie kritisieren auch den Mindestlohn, den die Bundesregierung nun anstrebt – eigentlich ein klassisches Beispiel, wie sich politische Rahmensetzung und Marktwirtschaft verbinden lassen.

    Feld: Keineswegs. Der Mindestlohn hat nichts mit guter Ordnungspolitik zu tun. Er stellt keine Rahmensetzung dar, sondern einen Eingriff in die Preisbildung, die dem Markt vorbehalten sein sollte. Die Folge: Beschäftigte, die die 8,50 Euro nicht erwirtschaften, werden entlassen oder auf den ungeregelten Arbeitsmarkt abgedrängt. Der Mindestlohn fördert die Schwarzarbeit.

    Koch: Eine Kernaussage des Ordoliberalismus besteht darin, dass der Markt nur funktioniert, wenn nicht einzelne Teilnehmer zu große Macht anhäufen. Nun nutzt etwa die Hälfte der Deutschen die Suchmaschine Google, etwa ein Drittel hat angeblich ein facebook-Konto. Sind diese Unternehmen bereits Monopole?

    Feld: Wir haben es eher mit Oligopolen zu tun, kleinen Gruppen sehr einflussreicher Firmen.

    Koch: Demnach gibt es keinen Anlass, das Kartellamt zu rufen?

    Feld: Nein, wer Google oder facebook nutzt, kann ja grundsätzlich zu anderen Anbietern wechseln. Diese Alternativen sind vorhanden, wenn sie auch viele Menschen nicht nutzen.

    Koch: Was ist mit der Gefahr, dass die Datensammlung in den Speichern der großen Internetfirmen die persönliche Freiheit der Individuen und ihre Privatsphäre bedroht?

    Feld: Das sind Fragen des Datenschutzes. Sie betreffen kaum die wirtschaftliche Ordnung. Gleichwohl sorgen mich die Freiheitsbeschränkungen, die im Zuge der Terrorismusbekämpfung vorgenommen werden.

    Koch: Das Walter Eucken Institut, das Sie leiten, entstand in Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, aber auch in Abgrenzung zum Marxismus und den Theorien John Maynard Keynes´. Ordoliberale trugen dazu bei, die Grundlagen einer Marktwirtschaft mit sozialer Verantwortung zu entwickeln. Dass dieses Konzept grundsätzlich richtig ist, bestreiten heute zumindest in Europa nur wenige. Warum braucht man den Ordoliberalismus noch?

    Feld: Es mag sein, dass sich fast alle zu irgendeiner Form sozialer Marktwirtschaft bekennen, selbst die Linke. Aber die Welt dreht sich weiter, das Konzept muss angepasst werden. Ein Beispiel: Die angelsächsisch dominierte Politik seit den 1980er Jahren hat der Finanzkrise Vorschub geleistet. Es reicht nicht zu fragen: Was ist gut für den Kapitalmarkt und die Börsenkurse? Heute wissen wir, dass wir den Banken und Finanzmarktakteuren zu viele Freiheiten gelassen haben.

    Koch: In Davos wird die Frage gestellt „Kommt Europa jetzt zurück?“. Wie lautet Ihre Antwort?

    Feld: Ja, Europa kommt zurück. Ein entscheidender Schritt notwendiger Regulierung ist die Bankenunion. Dass sie fehlte, bildete bisher eine offene Flanke des Lissabon-Vertrages. Systemrelevante, grenzüberschreitend tätige Finanzinstitute brauchen eine einheitliche Kontrolle. Man muss sie abwickeln können. Sie müssen ihre Schulden im Ernstfall selbst zahlen – nicht die Steuerzahler. Diese Maßnahmen leiten die Regierungen jetzt ein. Die Krise ist auf dem Rückzug, wenngleich noch nicht bewältigt.

    Koch: Viele sagen: Die Nationalstaaten müssen mehr Kompetenzen an eine gemeinsame europäische Regierung abgeben. Stimmen Sie dieser Forderung zu?

    Feld: Im Sachverständigenrat halten wir föderale Systeme für besser als zentralstaatliche. Deswegen sind wir überwiegend skeptisch gegenüber einer gemeinsamen europäischen Finanzpolitik. Gleiches gilt für die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik. Die Logik Europas ist die eines Verbundes eigenständiger Nationalstaaten. Was die selbst regeln wollen und können, muss nicht eine Zentralregierung an sich ziehen. Wir brauchen keine neuen europäischen Institutionen, auch nicht mehr Verträge á la Kanzlerin Merkel, in denen sich die EU-Mitglieder zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit verpflichten.

    Koch: Sollte es mehr Demokratie auf europäischer Ebene geben?

    Feld: Ja, aber was bedeutet das? Mehr Macht, mehr Kompetenzen für das Europaparlament, das ist zu kurz gesprungen. Denn bei der Anzahl der Abgeordneten und damit dem Einfluss sind die bevölkerungsreichen Staaten gegenüber den kleinen Ländern deutlich benachteiligt. Gäbe man den großen Länder mehr Gewicht, hätten umgekehrt die kleinen kaum noch etwas mitzureden. Gegen die Stärkung der gemeinsamen Legislative spricht auch, dass eine europäische Öffentlichkeit erst entsteht. Zwar haben wir uns früher nie so viele Gedanken über die Situation in anderen EU-Ländern gemacht, wie seit Ausbruch der Finanzkrise. Aber die grenzüberschreitende Debatte, die ein stärkeres Parlament zur Orientierung bräuchte, ist noch immer schwach.

    Koch: Einige Ihrer Kollegen – etwa US-Ökonom James Galbraith oder Ferdinand Fichtner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung – machen sich für eine europäische Arbeitslosenversicherung stark. Eine gute Idee?

    Feld: Nein, das sollten wir in der Verantwortung der Mitgliedsstaaten belassen. Die wissen besser, wie der Arbeitsmarkt bei ihnen aussieht.

    Koch: Würden Erwerbslose in Krisenländern gemeinsam angesparte Finanzmittel erhalten, könnte das einen Zusammenbruch der Wirtschaft, wie wir ihn in Griechenland oder Spanien erleben, mildern.

    Feld: Die spanische oder griechische Arbeitslosenversicherung sind ihrer Rolle durchaus gerecht geworden. Ihre Leistungen an die Erwerbslosen haben die Krise abgefedert. Dass die Lage so dramatisch wurde, hatte viele andere Ursachen. Teilweise sind die Institutionen korrupt, oder das Steuersystem funktioniert schlecht. Diese grundlegenden Probleme muss man lösen, bevor man an die Europäisierung der sozialen Sicherung denken kann.

    Bio-Kasten
    Lars P. Feld (Jg. 1966), rötliche Haare, Ohrstecker, leitet das Walter Eucken Institut in Freiburg. Er lehrt und forscht als Professor für Wirtschaftspolitik und Ordnungsökonomik an der Uni Freiburg. Seit 2011 ist er Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („Fünf Weise“), der die Bundesregierung berät.

  • Unvorstellbarer Reichtum weniger Personen

    „85 Individuen so vermögend wie 3,5 Milliarden Menschen“. Vor Weltwirtschaftsforum in Davos kritisiert Oxfam die soziale Spaltung

    Die 85 reichsten Personen der Welt besitzen ein so großes Vermögen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. So schätzt die britische Hilfsorganisation Oxfam die zunehmende globale Ungleichheit ein. Diese erstaunliche Zahl veröffentlichten die Bürgerrechtler vor dem Beginn des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos am Mittwoch.

    In dem Schweizer Alpenort trifft sich in den kommenden Tagen ein guter Teil der Wirtschafts- und Politikelite. WEF-Chef Klaus Schwab rechnet mir rund 1.500 Konzernvorständen und Managern, sowie 40 Regierungschefs, unter ihnen Irans Staatspräsident Hassan Ruhani. Aus Deutschland will unter anderem Finanzminister Wolfgang Schäuble anreisen. Zentrale Themen des WEF 2014 sind die Euro-Krise, Freihandel und die soziale Spaltung.

    Dazu veröffentlichte Oxfam ihren Bericht „Working for the Few“ („Arbeit zugunsten weniger“). Demnach besitzt das reichste eine Prozent der Weltbevölkerung die Hälfte des globalen Vermögens, etwa 81 Billionen Euro. Dies ist mehr als die weltweite Wirtschaftsleistung eines ganzen Jahres.

    Laut Oxfam nimmt dieses Missverhältnis weiter zu und bedroht Ziele, die sich auch das WEF auf die Fahnen schreibt, beispielsweise die Reduzierung der Armut. Winnie Byanyima, Geschäftsführerin von Oxfam International, sagte: „Wir können nicht davon ausgehen, den Kampf gegen die Armut ohne den Kampf gegen die Ungleichheit zu gewinnen.“

    Um der Entwicklung entgegenzuwirken, sollten die reichen Privatpersonen und Unternehmen nach Ansicht der Kritiker einen fairen Anteil ihres Einkommens und Vermögens der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Sie sollten Steuern zahlen, keine Steuerhinterziehung betreiben und akzeptieren, dass die Abgabenbelastung mit wachsendem Gewinn steigt.

    Ein weiterer Wunsch, den Oxfam hegt: Die Elite möge sich dafür einsetzen, dass die Regierungen ihre Abgaben für sinnvolle Zwecke verwenden – beispielsweise für Armutsbekämpfung, Gesundheitsvorsorge und Bildung. Außerdem sollten die wirtschaftlich Mächtigen auf Korruption verzichten und ihren Widerstand gegen existenzsichernde Mindestlöhne zugunsten der Beschäftigten aufgeben.

    Bei den in Davos versammelten Managern treffen diese Vorschläge nicht auf Gegenliebe – einerseits. Die Unternehmer treibt die Sorge um, dass staatliche Regulierungen und Steuerpolitik ihre Geschäfte beeinträchtigen könnten, ergibt eine aktuelle Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC. So haben in Frankreich, das von einer linken Regierung geführt wird, 88 Prozent der Befragten Angst vor „Überregulierung“. In Deutschland sehen das 76 Prozent der Manager so.

    Andererseits aber meinen fast zwei Drittel der weltweiten Wirtschaftsführer, dass das internationale Steuersystem dringend renoviert werden müsse. So befürworten 62 Prozent der befragten deutschen Verantwortlichen, dass internationale Konzerne ihre Umsätze, Ergebnisse und Steuerquoten in verschiedenen Ländern offenlegen. „56 Prozent stimmen zu, dass nationale Steuerbehörden über Ländergrenzen hinweg ihre jeweiligen Informationen zu Unternehmen frei austauschen können sollten“, so PwC.

  • Die Heimat schmeckt am besten

    Verbraucher bevorzugen Lebensmittel aus der Umgebung. Das neue Regionalfenster soll bei der Auswahl helfen.

    Beim Einkauf von Lebensmitteln zeigen sich die Verbraucher heimatverbunden. Das bestätigt auch eine neue Studie des Landwirtschaftsministeriums, die zur Grünen Woche veröffentlicht wurde. Sechs von zehn Kunden legen häufig Wert auf die regionale Herkunft der Erzeugnisse, die im Einkaufswagen landen. Bei Frauen ist der Anteil sogar noch höher. Damit rangiert die Regionalität auf der Prioritätenliste der Konsumenten auf dem ersten Platz.

    Doch bislang können sich die Kunden auf den Wahrheitsgehalt der Lebensmittelwerbung kaum verlassen. Die Büsumer Flusskrebse, der Schwarzwälder Schinken oder das Frankfurter Würstchen haben meist eines gemein: Die Rohstoffe für diese Produkte stammen nicht aus den genannten Gebieten. Die Bezeichnungen dürfen sie trotzdem tragen. Das ist nicht immer eine fiese Täuschung der Verbraucher, sondern hat oft auch mit Traditionen oder Verarbeitungsrezepturen zu tun. So erwartet kaum ein Gast, der im Restaurant ein Wiener Schnitzel bestellt, dass das dafür verwendete Kalbfleisch aus der Donaustadt stammt.

    Mehr Klarheit soll das neue Regionalfenster schaffen, das mit der Grünen Woche in Berlin deutschlandweit eingeführt wird. Die Kunden sehen damit auf den ersten Blick, welche Lebensmittel aus ihrer Region kommen. Auf dem blau umrandeten Signet geben die Hersteller der Waren Informationen über die Herkunft der Zutaten oder Rohprodukte an. Bei einer Wurst muss es nicht zwangsläufig der Ort des Bauernhofes sein, auf dem das Schweinefleisch darin erzeugt wurde. Es darf der Landkreis, das Bundesland oder der Radius um den Verkaufsort genannt werden, zum Beispiel „100 Kilometer rund um Dortmund“.

    Das Regionalfenster wird nur vergeben, wenn wenigstens 51 Prozent des Gesamtgewichtes von heimischen Erzeugern geliefert werden. Die Hauptzutat sowie die wertgebenden Beigaben müssen zu 100 Prozent regional hergestellt worden sein. Bei einem Erdbeer-Fruchtaufstrich mit einem Fruchtanteil von 75 Prozent müssen also alle Erdbeeren aus der Region kommen. Der Produzent muss auch den Ort der Verarbeitung angeben.

    Darüber hinaus kann das Fenster durch freiwillige Informationen ergänzt werden. Das können beispielsweise Herkunftsangaben zu den landwirtschaftlichen Vorstufen der Produktion sein. Wo kommt das Futter her, wo wurden die Jungtiere oder das Saatgut gezüchtet. Schließlich steht auch drauf, wer die Angaben des Unternehmens geprüft hat. Doch Vorsicht ist angezeigt. Denn über die Qualität des jeweiligen Produktes sagt die Kennzeichnung nichts aus. Es darf auch keine Hinweise auf die Art der Erzeugung beinhalten. Worte wie bio, fair, gentechnikfrei oder tiergerecht sind verboten.

    Für die Verbraucherorganisation Foodwatch ist das Zeichen eine Mogelpackung. „Wer irreführenderweise mit Herkunft wirbt, kann weitermachen wie bisher“, kritisiert die Organisation. Das stimmt grundsätzlich, gilt aber nicht für jene Hersteller, die das freiwillige Siegel tragen. Die ersten Produkte mit Regionalfenster kommen derzeit auf den Markt. Mit im Boot sind die Handelsketten Edeka, Rewe und Tegut. 60 Produkte sind mittlerweile registriert, 150 Anträge liegen dem Verein, der das Zeichen vergibt, vor. Das ist angesichts von rund 170.000 Produkte im Nahrungsmittelhandel noch verschwindend wenig.

    Es wird eine Weile dauern, bis das Regionalfenster auch flächendeckend sichtbar wird. „Jetzt beginnt die Umstellung der Etiketten“, sagt Madeleine Altenhein vom Trägerverein. Erfolgversprechend ist das Vorhaben trotz des schleppenden Einstiegs. Denn in der Testphase hat das Bundeslandwirtschaftsministerium festgestellt, dass die Kunden höhere Preise hinnehmen, wenn sie dafür mit Sicherheit regionale Produkte erhalten. Und jeder zweite Supermarkt im Test verzeichnete durch das Angebot eine Umsatzsteigerung. Das dürfte die Motivation für den Einsatz des freiwilligen Zertifikats deutlich beflügeln.
    Beim Einkauf von Lebensmitteln zeigen sich die Verbraucher heimatverbunden. Das bestätigt auch eine neue Studie des Landwirtschaftsministeriums, die zur Grünen Woche veröffentlicht wurde. Sechs von zehn Kunden legen häufig Wert auf die regionale Herkunft der Erzeugnisse, die im Einkaufswagen landen. Bei Frauen ist der Anteil sogar noch höher. Damit rangiert die Regionalität auf der Prioritätenliste der Konsumenten auf dem ersten Platz.

    Doch bislang können sich die Kunden auf den Wahrheitsgehalt der Lebensmittelwerbung kaum verlassen. Die Büsumer Flusskrebse, der Schwarzwälder Schinken oder das Frankfurter Würstchen haben meist eines gemein: Die Rohstoffe für diese Produkte stammen nicht aus den genannten Gebieten. Die Bezeichnungen dürfen sie trotzdem tragen. Das ist nicht immer eine fiese Täuschung der Verbraucher, sondern hat oft auch mit Traditionen oder Verarbeitungsrezepturen zu tun. So erwartet kaum ein Gast, der im Restaurant ein Wiener Schnitzel bestellt, dass das dafür verwendete Kalbfleisch aus der Donaustadt stammt.

    Mehr Klarheit soll das neue Regionalfenster schaffen, das mit der Grünen Woche in Berlin deutschlandweit eingeführt wird. Die Kunden sehen damit auf den ersten Blick, welche Lebensmittel aus ihrer Region kommen. Auf dem blau umrandeten Signet geben die Hersteller der Waren Informationen über die Herkunft der Zutaten oder Rohprodukte an. Bei einer Wurst muss es nicht zwangsläufig der Ort des Bauernhofes sein, auf dem das Schweinefleisch darin erzeugt wurde. Es darf der Landkreis, das Bundesland oder der Radius um den Verkaufsort genannt werden, zum Beispiel „100 Kilometer rund um Dortmund“.

    Das Regionalfenster wird nur vergeben, wenn wenigstens 51 Prozent des Gesamtgewichtes von heimischen Erzeugern geliefert werden. Die Hauptzutat sowie die wertgebenden Beigaben müssen zu 100 Prozent regional hergestellt worden sein. Bei einem Erdbeer-Fruchtaufstrich mit einem Fruchtanteil von 75 Prozent müssen also alle Erdbeeren aus der Region kommen. Der Produzent muss auch den Ort der Verarbeitung angeben.

    Darüber hinaus kann das Fenster durch freiwillige Informationen ergänzt werden. Das können beispielsweise Herkunftsangaben zu den landwirtschaftlichen Vorstufen der Produktion sein. Wo kommt das Futter her, wo wurden die Jungtiere oder das Saatgut gezüchtet. Schließlich steht auch drauf, wer die Angaben des Unternehmens geprüft hat. Doch Vorsicht ist angezeigt. Denn über die Qualität des jeweiligen Produktes sagt die Kennzeichnung nichts aus. Es darf auch keine Hinweise auf die Art der Erzeugung beinhalten. Worte wie bio, fair, gentechnikfrei oder tiergerecht sind verboten.

    Für die Verbraucherorganisation Foodwatch ist das Zeichen eine Mogelpackung. „Wer irreführenderweise mit Herkunft wirbt, kann weitermachen wie bisher“, kritisiert die Organisation. Das stimmt grundsätzlich, gilt aber nicht für jene Hersteller, die das freiwillige Siegel tragen. Die ersten Produkte mit Regionalfenster kommen derzeit auf den Markt. Mit im Boot sind die Handelsketten Edeka, Rewe und Tegut. 60 Produkte sind mittlerweile registriert, 150 Anträge liegen dem Verein, der das Zeichen vergibt, vor. Das ist angesichts von rund 170.000 Produkte im Nahrungsmittelhandel noch verschwindend wenig.

    Es wird eine Weile dauern, bis das Regionalfenster auch flächendeckend sichtbar wird. „Jetzt beginnt die Umstellung der Etiketten“, sagt Madeleine Altenhein vom Trägerverein. Erfolgversprechend ist das Vorhaben trotz des schleppenden Einstiegs. Denn in der Testphase hat das Bundeslandwirtschaftsministerium festgestellt, dass die Kunden höhere Preise hinnehmen, wenn sie dafür mit Sicherheit regionale Produkte erhalten. Und jeder zweite Supermarkt im Test verzeichnete durch das Angebot eine Umsatzsteigerung. Das dürfte die Motivation für den Einsatz des freiwilligen Zertifikats deutlich beflügeln.

  • Finanzkrise als größtes globales Risiko

    Weltwirtschaftsforum von Davos veröffentlicht Report, der den frohen Botschaften auch der Bundesregierung widerspricht

    Trotz einer gewissen Erholung der Weltwirtschaft bleibt die Finanzkrise auch 2014 die größte Gefahr für die globale Entwicklung. Das ist das Ergebnis seines Risiko-Reports, den das Weltwirtschaftsforum am Donnerstag veröffentlichte. Hohe Arbeitslosigkeit, starke soziale Ungleichheit in wohlhabenden Staaten wie Deutschland und die erfolglosen Versuche, den Klimawandel zu bremsen, werden als weitere entscheidende Probleme identifiziert.

    Das World Economic Forum (WEF) beginnt am kommenden Mittwoch. Tausende Manager und Spitzenpolitiker reisen in den Schweizer Alpenort Davos, unter anderem Irans Staatspräsident Hassan Rouhani und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Die Einschätzungen zu den globalen Risiken basieren auf Berichten aus den Netzwerken des WEF, in denen sowohl Unternehmen als auch Vertreter der Zivilgesellschaft mitwirken. Es sind Meinungsäußerungen, repräsentativen Charakter haben sie nicht.

    Dass die Angst vor dem Wiederaufflammen der Finanzkrise auf Platz Eins der Rangliste steht, widerspricht den optimistischen Äußerungen aus der nationalen und internationalen Politik. Nicht nur die Bundesregierung, sondern auch Organisationen wie die Weltbank sehen ein Abflauen der Krise und eine Erholung der Weltwirtschaft. Griechenland verbessere seine Haushaltslage, in Spanien sinke die Arbeitslosigkeit, die Weltwirtschaft werde wieder stärker wachsen. Am Realitätsgehalt dieser guten Nachrichten haben viele WEF-Mitglieder Zweifel.

    Sorgen bereiten dem WEF auch zwei mit der latenten Finanzkrise zusammenhängende Probleme. In Ländern wie Griechenland und Spanien liegt die Arbeitslosigkeit über 25 Prozent, in der Europäischen Union insgesamt über zwölf Prozent. Unter anderem dadurch stehen die Mittelschichten unter großem Druck. In Deutschland beispielsweise ist der Anteil der armen und durch Armut gefährdeten Personen auf fast ein Fünftel der Bevölkerung gestiegen.

    Das WEF finanziert sich unter anderem durch die Mitgliedsbeiträge der größten Konzerne der Welt. Die vier Tage des Kongresses in Davos bieten Vorstandsvorsitzenden, Managern, Ökonomen und Regierungschefs die Möglichkeit zu konzentriertem Austausch, zu Geschäftsanbahnung und Verhandlungen. Bei wenigen anderen Gelegenheiten sind so viele Angehörige der Weltelite an einem Ort. Die Sicherheitsvorkehrungen der Schweizer Polizei und Armee, sowie die Geheimdienste sind dementsprechend.

    Weil dieses Jahr unter anderem Staatspräsident Hassan Rouhani aus Teheran nach Davos fliegt, gibt es möglicherweise neue Nachrichten zur Lösung der Probleme um das iranische Atomprogramm. Mit nur zwei Ministern (Gerd Müller, Entwicklung und Wolfgang Schäuble, Finanzen) ist die Bundesregierung schwach vertreten. Berlin hat gegenwärtig wenig mittzuteilen – die große Koalition muss sich erst sortieren. Die Finanzkrise hält man im Wesentlichen für ausgestanden.

  • Lebensmittelpreise steigen weiter

    Ernährungswirtschaft ist vor der Grünen Woche zuversichtlich. Bundesamt und Verbraucherschützer für umweltfreundlichere Landwirtschaft.

    Wirtschaft / Grüne Woche / Mulke

    Die Verbraucher müssen sich auf weiter steigende Preise für Lebensmittel einstellen. Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) verweist auf gestiegene Produktionskosten und Marktschwankungen verantwortlich. „Wir gehen eher nicht von sinkenden Preisen aus“, sagte BVE-Chef Christoph Minhoff kurz vor der Eröffnung der Grünen Woche in Berlin. In welchem Ausmaß das Essen teurer wird, ließ er offen. Im vergangenen Jahr war die Teuerungsrate bei Nahrungsmitteln und Getränken mit fast vier Prozent sehr hoch. Die Verbraucherpreise insgesamt legten nur um 1,5 Prozent zu.

    Trotz mancher durch einen harten Wettbewerb resultierenden Widrigkeiten ist die Branche zuversichtlich. Dazu trägt auch die gestiegene Konsumlaune der Bürger bei. Für hochwertige Nahrungsmittel greifen die Verbraucher gerne tiefer in die Tasche. So rechnet Minhoff in diesem Jahr mit einem Umsatzplus von bis zu vier Prozent. Die Grüne Woche will die Industrie auch zur Imagepflege nutzen. Die anhaltende Kritik an der Massenproduktion sowohl in den Fabriken als auch in den Ställen ärgert die Veranstalter der Leistungsschau. „Es braucht mehr Wertschätzung für die Leistungen der Ernährungsindustrie“, fordert Minhoff.

    Der Präsident des Deutschen Bauernverbands (DBV), Joachim Rukwied, geht noch weiter. Die Landwirte hätten Diffamierungen durch bestimmte Gruppen satt, mit denen nun nicht mehr geredet werde. Vor allem die Kritik an der Massentierhaltung halten die Bauern für ungerecht. „Die gibt es in Deutschland nicht“, behauptet Rukwied. Doch selbst Landwirtschaftsminister Hans-Peter Friedrich hat an der Verträglichkeit der Aufzucht von Rindern, Schweinen oder Geflügel seine Zweifel. Die Haltungsbedingungen müssten insgesamt weiter verbessert werden, verlangt der CSU-Politiker.

    Dazu soll das vor einem Jahr eingeführte Tierschutzlabel beitragen. Die vom Tierschutzbund entwickelte Kennzeichnung soll nun weiter entwickelt werden. Friedrich will das Label europaweit durchsetzen. Das Thema wird von den Konsumenten als wichtig angesehen. Das ergab eine Studie des Ministeriums. Fast jeder zweite Verbraucher nannte den Tierschutz als bedeutendes Kriterium bei der Kaufentscheidung. Bislang kann der Kunde anhand des Verpackungsaufdrucks nur bei einem Teil des Schweine- und Hühnerfleisches erkennen, ob sich der Produzent um hohe Standards bei der Aufzucht hält. Doch mittlerweile beteiligen sich auch erste Premiumbetriebe der Schweinezüchter an der Kennzeichnung. „Das macht Mut“, findet der Chef des Tierschutzbundes, Thomas Schröder.

    An großen strittigen Themen mangelt es der Grünen Woche in diesem Jahr. Das kann den Landwirten nur recht sein, zumal sie wirtschaftlich weiterhin optimistisch in der Zukunft schauen. Daran wird auch die Kritik des Umweltbundesamtes und des Bundesverbands der Verbraucherzentralen kaum etwas ändern, die gemeinsam einen pfleglichen Umgang der Bauern mit der Natur anmahnen. „Es ist Zeit zu handeln“, stellt vzbv-Chef Holger Krawinkel fest. Die Stickstoffbelastung durch Düngemittel müsse verringert, Lebensmittelabfälle vermieden werden. Außerdem sprechen sich beide Einrichtungen für eine umweltfreudlichere Tierhaltung und einen bewussteren Fleischkonsum aus. Sonst, so befürchtet Krawinkel, müssen die Verbraucher am Ende für den verschwenderischen Umgang mit den Ressourcen bezahlen.

    Die weltgrößte Leistungsschau der Ernährungswirtschaft beginnt an diesem Freitag und dauert bis zum 26. Januar. Geöffnet ist täglich von 10 bis 18 Uhr, an den Wochenenden bis 20 Uhr. Die Tageskarte kostet 13 Euro. In diesem Jahr haben sich 1.650 Aussteller aus 70 Ländern angemeldet. 72 Landwirtschaftsminister treffen zu einer Konferenz zusammen. Die Veranstalter erwarten rund 400.000 Besucher, die sich 100.000 Spezialitäten aus allen Regionen der Welt schmecken lassen können.

  • Ritter schlägt Warentester vorerst

    Stiftung darf Schoko-Hersteller Verwendung künstlicher Aromen nicht mehr nachsagen

    Die Stiftung Warentest hat vor dem Münchner Landgericht eine empfindliche Schlappe eingesteckt. Die Tester dürfen nicht mehr behaupten, dass der Schokoladenhersteller Ritter Sport künstliche Aromen verwendet. Das letzte Wort ist damit allerdings noch nicht gesprochen. „Wir legen Berufung ein“, stellte Stiftungs-Sprecherin Heike van Laak umgehend klar. Es wäre die erste gerichtliche Niederlage der gemeinnützigen Einrichtung.

    In einem Test von 26 Nussschokoladen im Dezember letzten Jahres beurteilten die Prüfer das Quadrat von Ritter als mangelhaft. Als Grund nannten sie eine falsche Kennzeichnung des verwendeten Aromas Piperonal. Die Tester gehen davon aus, dass es künstlich erzeugt wird und nicht wie angegeben auf natürliche Weise. Dagegen setzte sich das Unternehmen zur Wehr und beantragte erfolgreich eine einstweilige Verfügung gegen diese Behauptung. „Eine Verbrauchertäuschung liegt nicht vor“, betonte der Hersteller nach dem Urteil. Die Deklaration sei korrekt, das Aroma werde natürlich gewonnen.

    Die Wahrheitsfindung wird nicht einfach sein. Es geht um die Frage nach einem kleinen Unterschied in der Erzeugung des Aromastoffes. Ist Chemie im Spiel oder wird das Piperonal direkt aus einer Pflanze gewonnen? Der Produzent des Aromas ist die Firma Symrise aus Holzminden. Der weltweit agierende Konzern versichert, dass der Stoff den Vorgaben der Aromenverordnung entsprechend als natürlich gekennzeichnet werden darf.

    „Wir haben verschiedene Herstellungsverfahren“, sagt Sprecher Bernhard Kott. Piperonal kommt unter anderem in Dill oder Pfeffer vor. Aber es lässt sich über einen Umweg auch aus dem Sassafrasbaum gewinnen. In diesem Fall wird normalerweise ein chemisches Verfahren eingesetzt. Dies wiederum könnte dazu führen, dass das Aroma nicht mehr den Anforderungen an die Verordnung erfüllt.

    Das werden die Richter der nächsten Instanz in diesem Rechtsstreit klären müssen. Sollte Symrise ein biotechnisches Verfahren mit demselben Ergebnis beherrschen, wird es eng für die Warentester. Denn echte Beweise haben sie für ihre These nicht. Sie gehen nur davon aus, dass mit den bekannten Methoden die für eine Massenproduktion von Schokolade benötigten Mengen Piperonal nur künstlich erzeugt werden können.

  • Kündigen oder nicht kündigen?

    Was können Kleinanleger tun, die in die Ökoenergiefirma Prokon investiert haben?

    Das Ökoenergie-Unternehmen Prokon, das unter anderem Windparks und Biogasanlagen baut, steckt in massiven Schwierigkeiten. Ein Teil des Geldes von rund 75.000 Anlegern, die etwa 1,4 Milliarden Euro eingezahlt haben, ist in Gefahr. In einem Brief an ihre Anleger warnt die Firma vor einer „Planinsolvenz wegen drohender Zahlungsunfähigkeit“. Was können Anleger nun tun? Unsere Zeitung beantwortet Fragen.

    Wie ist die Lage im Unternehmen?
    Prokon Regenerative Energien hat laut der Zeitschrift Finanztest 2012 Verluste von über 100 Millionen Euro erwirtschaftet. Prokon bittet ihre Anleger nun, fällige Zinsen für Kapitalanlagen nicht auszahlen zu lassen, um die Lage der Firma zu stabilisieren. Sie räumt ein, dass „zahlreiche Anleger aus Angst vor einem Verlust ihres angelegten Geldes ihre Genussrechte kündigen“. Gleichzeitig betont das Unternehmen, seine Verfassung sei grundsätzlich gesund. Man wehrt sich gegen den Vorwurf „eines angeblichen Schnellballsystems“, bei dem Löcher nur durch ständig neu eingeworbenes Kapital gestopft würden.

    Welche Möglichkeiten haben Kleinanleger?
    Sie können ihre Genussrechte, die im Falle Prokon übliche Anlageform, kündigen. Dann haben sie eventuell die Chance, ihr eingezahltes Kapital zurückzuerhalten. Die andere Seite der Medaille: Wenn noch mehr Leute aussteigen, nimmt die Gefahr der Insolvenz zu. Dann bekommen möglicherweise alle oder fast alle Anleger geringere Teile ihres Geldes ausgezahlt – ein Zwiespalt.

    Was rät Finanztest?
    Seit mehreren Jahren stehen Prokon-Anlagen auf der Warnliste von Finanztest, einer Zeitschrift der Stiftung Warentest. Finanztest-Redakteurin Renate Daum sagt: „Prokon-Anleger sollten sich vom Unternehmen nicht unter Druck setzen lassen. Beispielsweise müssen sie ihre Kündigung von Genussrechten nicht begründen. In jedem Fall ist es sinnvoll, das sich Anleger untereinander austauschen.“ So hat unter anderem die Anwaltskanzlei des ehemaligen Bundesinnenministers Gerhart Baum eine Interessengemeinschaft ins Leben gerufen, „für die sich betroffene Anleger kostenlos registrieren lassen können“. Die Kanzlei Baum, Reiter & Kollegen in Düsseldorf fordert Prokon auf, Klarheit über die finanzielle Lage der Firma zu schaffen. Einen konkreten Ratschlag, ob Anleger kündigen sollen, geben die Anwälte nicht.

    Hat die Kündigung Vorteile?
    Torsten Geißler, Anwalt für Bank und Kapitalmarkrecht in Jena, rät dazu, „Prokon-Genussrechte sofort zu kündigen. Das Unternehmen ist auf der schiefen Bahn, es wird wohl in etwa drei Wochen einen Insolvenzantrag stellen müssen. Deshalb sollten Anleger jetzt retten, was noch zu retten ist. Dadurch kann sich der Status der jeweiligen Forderung verbessern und die Chance steigen, einen gewissen Teil des eingezahlten Kapitals zurückzuerhalten.“

    Wie funktionieren Genussrechte?
    Wer ein Genussrecht von beispielsweise 10.000 Euro zeichnet, beteiligt sich in dieser Höhe grundsätzlich am jeweiligen Unternehmen. Die Ausgestaltung ist vom konkreten Vertrag abhängig. Der Anleger gibt der Firma ein Darlehen. Diese verspricht Zinsen und spätere Rückzahlung des eingesetzten Kapitals. Wichtig: Genussrechte seien an Gewinn und Verlust der Firma beteiligt, sagt Anwalt Geißler. Schreibt ein Unternehmen rote Zahlen, kann das eingezahlte Kapital abnehmen. Weitere Gefahren: Die Zinsen kommen nicht. Oder das Geld verraucht, wenn die Firma pleitegeht.

    Kann bei Unternehmensanleihen Ähnliches passieren?
    Unternehmensanleihen, die viele Konzerne wie Banken und Automobilhersteller begeben, sind keine Beteiligungen, sondern Schuldverschreibungen. Sie bieten in der Regel einen entscheidenden Sicherheitsvorteil: Sie nehmen nicht an Verlusten des Unternehmens teil. Trotzdem sollte man sich die Details des Vertrages genau anschauen. Tausende Anleger, die sogenannte Mittelstandsanleihen kauften, mussten in den vergangenen Jahren Verluste hinnehmen. Seit die entsprechenden Börsensegmente in Deutschland 2010 eingerichtet wurden, beantragten zehn Emittenten Insolvenz, schreibt die FAZ.

    Bekommen Prokon-Kunden weiter Strom?
    Auch im Falle der Insolvenz erhielten die rund 40.000 Prokon-Stromkunden weiter Elektrizität, heißt es bei der Verbraucherzentrale NRW. Eventuell würden diese Haushalte aber in den teureren Grundversorgertarif des örtlichen Energieanbieters übernommen. Dann kann man wieder zu einem günstigeren Versorger wechseln.

  • "Mich hat die Sturköpfigkeit gewundert"

    Krisenmanager im Interview: Frank Roselieb

    Die Stiftung Warentest hat eine seltene Schlappe hinnehmen müssen. Das könnte ihrer Reputation schaden. Mit Imageproblemen kennt sich Frank Roselieb bestens aus. Der 44-jährige leitet den Krisennavigator – Institut für Krisenforschung, eine Ausgründung der Uni Kiel. Zudem ist er im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Krisenmanagement, dem Verband der Branche.

    Wolfgang Mulke

    „Mich hat die Sturköpfigkeit gewundert“

    Frage: Wie groß ist der Vertrauensverlust für die Stiftung Warentest durch dieses Urteil?

    Frank Roselieb: Ich würde nicht von einem Imagegau sprechen. Der Vertrauensverlust wird begrenzt bleiben. Denn die Stiftung Warentest hat eine lange Tradition, arbeitet nicht gewinnorientiert und ist über alle Medien hinweg gut aufgestellt. So kann sie die Tests und Verfahren transparent darstellen und Reputation zurück gewinnen. Wenn sie weiterhin stur bleibt und auch die nächste Instanz verliert, sieht es schon anders aus.

    Frage: Die Tester sollen also auf die Berufung verzichten, obwohl sie sich bei ihrem Prüfverfahren fehlerlos wähnen?

    Roselieb: Mich hat die Sturköpfigkeit der Stiftung in diesem Fall von Anfang an gewundert. Auch Tests sind nicht perfekt. Hier wurde einfach behauptet, dass die von Ritter benötigte Menge Piperonal nicht auf natürlichem Wege erzeugt werden könne. Dabei braucht Ritter im Jahr vielleicht sieben oder acht Kilogramm davon. Diese Menge lässt sich natürlich gewinnen. Dieser Hochmut hat mich überrascht.

    Frage: Entsteht ein größerer Imageschaden durch diese Sturheit als durch das Eingeständnis eines Fehlers?

    Roselieb. So ist es. Das sieht man auch bei Politikerrücktritten. Es wird einem übel genommen, wenn man einen Fehler nicht eingestehen kann. Mit Ritter hat sich die Stiftung zudem den falschen Gegner ausgesucht. Das ist eine grundsolide Firma mit einem Ökounternehmer an der Spitze.

    Frage: Werde sich nach der ersten Niederlage der Stiftung auch andere Unternehmen gegen deren Urteile wehren?

    Roselieb: Ich glaube nicht an eine Klagewelle gegen die Warentester. Normalerweise werden die Tests vorher mit der Industrie abgestimmt und sehr genau durchgeführt. Gegen die Bewertung vorzugehen, dürfte kaum erfolgreich sein. Bei Ritter liegt der Fall anders. Das Unternehmen hat sich nicht gegen die Note mangelhaft gewehrt, sondern nur gegen die Behauptung, Inhaltsstoffe falsch zu deklarieren. Hier lag die offene Flanke beim Test. So angreifbar sind andere Tests nicht.

    Frage: Gab es schon vergleichbare Fälle?

    Roselieb: Wir haben lange gesucht. Bekannt ist nur der Fall des Nudelherstellers Birkel, der unerlaubt Flüssigeier bei der Herstellung einsetzte und durch eine völlig überzogene Behördenwarnung einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden erlitt. Das Unternehmen konnte einen Millionenbetrag als Schadenersatz vom Land Baden Württemberg erstreiten. Ansonsten haben wir keinen David gefunden, der sich gegen den Goliath erfolgreich wehren konnte.

    Frage: Was sollte die Stiftung nun tun?

    Roselieb: Sie sollte aus dem Schmollwinkel herauskommen und ihre Testkriterien verbessern. Auch stünde ihr ein wenig mehr Zurückhaltung bei der Präsentation spektakulärer Testergebnisse gut zu Gesicht.

  • Diät reicht nicht

    Kommentar zum Fleischatlas

    Erst verleiden einem die Ökos das Autofahren und Fliegen, dann die gute alte Glühbirne und jetzt sollen wir auch noch auf das gute Stück Fleisch verzichten. Steakliebhaber sind Umweltschweine, weil die Viehhaltung unappetitliche Nebeneffekte hat: Äcker werden mit Gift besprüht, Regenwälder fürs Viehfutter abgeholzt?

    Sicher, das stimmt alles. Und es spricht auch nichts dagegen, sich ab und zu auf Diät zu setzen und auf den Superburger im Schnellimbiss zu verzichten. Aber nur für Weniger zu plädieren und auf die Macht der Verbraucher zu setzen – das hilft nicht. Siehe die Empörung über den Veggie-Day, den die Grünen im Wahlkampf vorschlugen. Die Agrarpolitiker müssen sich dem Fleischhunger annehmen.

    Ein großes Umweltproblem ergibt sich durch die wachsende globale Fernfütterung. Der Import von Soja aus Argentinien oder Brasilien nimmt stark zu und ersetzt in den hiesigen Trögen die eigene Ernte. Früher waren Bauern mal Erbsen, Ackerbohnen und Lupinen wichtig. Das sind Eiweißlieferanten, die auf dem Acker Stickstoff aus der Luft aufnehmen, der sich dann im Boden anreichert. Das spart Dünger. Es verbessert auch die Klimabilanz.

    Der Anbau aber ist teurer. Der neue CSU-Bundesminister Hans-Peter Friedrich könnte ihn sich zu eigen machen, ihn fördern und weiter erforschen lassen. In Zeiten, in denen sich in der Republik ohnehin schon Unbehagen regt, Bürger gegen Megaställe protestieren und die Skandale der globalisierten Lebensmittelindustrie vielen den Appetit verdorben haben, wäre es ein Anfang. Hin zu einer regionalen Wirtschaftsweise, die nicht über ihre Verhältnisse lebt.

  • Soja – die andere Seite

    Ist Soja wirklich öko? Der Anbau liefert den Treibstoff der globalen Fleischindustrie

    Sie wollen ihren Lebensmittelkonsum nachhaltiger gestalten. Sie möchten ein Zeichen setzen gegen die Produktion von zu viel Fleisch. Veganer, Vegetarier oder Menschen, die ab und zu bewusst auf Schnitzel und Wurst verzichten, haben oft die schädlichen Folgen konventioneller Ernährung im Sinn. Aber ist das Sojawürstchen, das das Steak auf dem Grill ersetzt, wirklich öko?

    Die Begeisterung für Soja hat zwei Seiten. Einerseits liefert die Sojapflanze Nahrungsmittel, die Fleisch ersetzen. So betrachtet kann der zunehmende Konsum von Tofuburgern und anderen Sojaprodukten die potenziell schädlichen Auswirkungen der globalen Fleischproduktion reduzieren. Weniger Flächen in aller Welt werden für die Herstellung von Tierfutter gebraucht, mehr Land steht für den Anbau von Grundnahrungsmitteln zur Verfügung.

    Andererseits ist Soja mittlerweile ein entscheidender Treibstoff der Fleischproduktion, beispielsweise in Deutschland. Große Mengen werden als eiweißhaltiges Kraftfutter in den Hochleistungsställen eingesetzt, damit Millionen Schweine, Hühner und Rinder möglichst schnell wachsen. Auch in den landwirtschaftlichen Betrieben, die Milchvieh halten oder Eier produzieren, wird Soja wichtiger.

    Fast 80 Prozent des weltweiten hergestellten Soja gelangen als Futtermittel auf Bauernhöfe und in Agrarfabriken, sagt Birgit Wilhelm, Expertin der Umweltorganisation World Wide Fund For Nature (WWF). Wichtige Herkunftsländer sind die USA, Brasilien und Argentinien. „Soja wird zum großen Teil in agrarindustriellen Monokulturen angebaut, mit massiven negativen Umweltfolgen und vielerlei sozialen Problemen“, so Wilhelm. Pestizide und Dünger gerieten in die Gewässer, wertvolle Wälder gingen verloren.

    Diesen Punkt sieht auch der Deutsche Bauernverband (DBV), die Vertretung der Landwirte. „Die Abholzung des Regenwaldes in Brasilien betrachten wir mit Sorge. Alternativen zu entwickeln, ist dringend nötig,“ sagt Roger Fechler, DBV-Referatsleiter. Warnungen vor zu viel Soja im Stall relativiert er aber: „Nur knapp acht Prozent des in Deutschland verwendeten Futters kommen aus dem Ausland.“

    Was viele Verbraucher nicht wissen: „Wir gehen davon aus, dass rund vier Fünftel der Soja-Futtermittel, die deutsche Landwirte einsetzen, genverändert sind“, so Fechler. Der Bauernverband betrachtet das nicht als Problem, denn die entsprechenden Soja-Sorten haben eine Zulassung der EU. Der WWF dagegen kritisiert den zunehmenden Gentechnik-Einsatz. Ein Grund: Fleisch, Milch, Butter, Joghurt oder Eier, die mit Gentech-Sojafutter produziert wurden, müssen keine Kennzeichung tragen.

    Bei Sojaprodukten, die als Nahrungsmittel für Menschen verkauft werden, ist das anders. Sie unterliegen der Kennzeichnungspflicht. Weil die Hersteller um die kritische Haltung der deutschen Konsumenten wissen, findet man deshalb genveränderte Lebensmittel kaum in deutschen Geschäften. Aus einem weiteren Grund müssen sich Käufer von Sojawürstchen und Tofuburgern wenig Sorgen machen: Die Produktionsketten von Soja für Futter- und Nahrungsmittel sind meist getrennt, die geografische Herkunft ist oft unterschiedlich.

    Noch unproblematischer sind ausgewiesene Bioprodukte. Diese dürfen in der Regel keine genveränderten Bestandteile enthalten. Die Verwendung von manipuliertem Sojafutter für Biofleisch ist ausgeschlossen. Wer dabei hundertprozentig sicher sein will, sollte genau lesen, was die einzelnen Biosiegel und Marken erlauben, und was nicht. Eine Garantie bietet diesbezüglich das EU-Siegel „Ohne Gentechnik“.