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  • Energiewende, günstiger gerechnet

    Angesichts der Diskussion über die Verteidigungsfähigkeit Europas ist ein anderes wesentliches Projekt der EU etwas aus den Augen geraten: der Kampf gegen den Klimawandel. Auch hier sind riesige Summen nötig, um das Ziel zu erreichen, 2050 klimaneutral zu sein. Das trifft auch viele Verbraucher und Unternehmen. Die Energiepreise steigen vielerorts. Aber muss das so sein? Geht es günstiger? Und vor allem bezahlbar?

    Theoretisch scheint das möglich zu sein. Der Energieversorger Eon hat jetzt durchgerechnet, wie sich die Ausgaben für die Energiewende ändern, wenn zunächst dort investiert wird, wo mit dem Geld besonders viel zu erreichen ist. Insgesamt müssen in der EU bis 2050 jährlich geschätzt zwischen einer und fast 1,4 Billionen Euro in Kraftwerke, Speicher, Elektrolyseure, Netze und anderes gesteckt werden. Zumindest, wenn alle Ziele der EU umgesetzt werden. Das Eon-Team um Chefvolkswirt Derk Swinder kommt zu dem Schluss, dass das auch mit insgesamt rund 1,466 Billionen Euro weniger möglich ist.

    „Was sich jetzt rechnet, sollten wir priorisieren“, sagt Swinder. Alles andere wird dann verschoben. Besonders günstig lässt sich der CO2-Ausstoß senken, wenn mehr E-Autos auf die Straßen kommen, Wärmepumpen herkömmliche fossile Heizungen ersetzen und Industriewärme elektrifiziert wird. Deshalb schlagen die Eon-Experten vor, zunächst überwiegend auf Strom zu setzen. Allerdings nicht bei allem. Ein besonders großer Kostenblock, der aber kurzfristig recht wenig CO2-Verringerung bringt, ist Wasserstoff, der mit erneuerbarem Strom erzeugt wird.

    Der Strombedarf wäre 2030 im Eon-Szenario ohne Elektrolyseure im Vergleich zur Prognose der EU um 75 Prozent niedriger, es müssten Anlagen mit 17 Prozent weniger Leistung gebaut werden, was 17 Prozent weniger Investitionen erforderte. Wasserstoff erst später auszubauen, als bisher vorgesehen, hält Swinder für unproblematisch. Grüner Wasserstoff sei heute so teuer, dass die Industrie ihn nicht in dem Umfang nachfrage, wie gedacht. „Man kann da mehr Geld reinstecken, man kann das Konzept aber auch an die Realität anpassen“, sagt der Eon-Chefvolkswirt. Was der Konzern aus seiner Sicht in seiner Studie getan hat. Überhaupt wünschen sich die Autoren, mehr auf den Markt zu vertrauen und weniger auf planerische Vorgaben.

    Deutschland setzt auf grünen Wasserstoff für die Industrie. Der Um- und Neubau von Pipelines soll insgesamt 18,9 Milliarden Euro kosten. Das sogenannte Kernnetz soll 2032 in Betrieb gehen. Allerdings stocken viele Projekte, etwa Thyssen-Krupps Plan, ein Stahlwerk in Duisburg auf Wasserstoff umzustellen. Grundsätzlich hat die Branche das Problem, dass nur ins Netz investiert wird, wenn auch Kunden da sind. Die Industrie ordert aber erst grünen Wasserstoff, wenn sicher ist, dass auch geliefert werden kann.

    Ersetzt grüner Wasserstoff später das fossile Erdgas als geplant und auch in einem geringeren Maße, muss das CO2, das ausgestoßen wird, gespeichert werden. Swinder sagt, die CCS genannte Technologie (Carbon Capture and Storage, CO2 abscheiden und speichern) sei ein zentrales Element einer kosteneffizienten Energiewende. Auch 2050 wird sie benötigt, denn nicht alle Industrien lassen sich CO2-frei betreiben.

    CCS habe im Vergleich zu grünem Wasserstoff einen Kostenvorteil, sagt Swinder. Weil Planungs- und Entwicklungszeiten aber deutlich länger sind, sollten solche Speicher bereits jetzt angeschoben werden, damit sie in einigen Jahren auch zur Verfügung stünden. Projekte dazu gibt es zum Beispiel bereits in Dänemark und Norwegen. Beide Länder wollen CO2 gegen Gebühr in ehemaligen Öl- und Gaslagern vor der Küste speichern.

    Die Energiekosten aller EU-Haushalte sinken der Studie zufolge von 777 Milliarden Euro in 2023 auf 434 Milliarden Euro in 2050, weil die Verbraucher von günstigem Strom profitieren. Öl, Kohle und Gas spielen kaum noch eine Rolle. Insgesamt wird die EU unabhängig von Energierohstoffimporten.

    Die Studienautoren haben zahlreiche Annahmen getroffen, zur Inflation, der Zahl der Einwohner der EU, den Kosten von E-Autos, auch zu den Preisen für Kohle, Gas und CO2-Zertifikate oder zum Verbrauch. Die Studie zeigt nicht, dass sich das EU-Ziel tatsächlich mit geringeren Ausgaben erreichen lässt, sondern nur, dass es möglich wäre. „Auch wir wissen nicht, wie die Zukunft aussieht“, sagt Chefvolkswirt Swinder. „Das Ziel der Klimaneutralität 2050 muss bestehen bleiben. Auf dem Weg sollten wir immer wieder schauen, ob das, was wir tun, zum Bedarf passt.“ Die Studie betrachtet im Wesentlichen die EU als Ganzes, aussagen zu einzelnen Ländern wie Deutschland gibt es nicht. Eon versteht sie als Debattenbeitrag, um die richtige Strategie auf dem Weg zur Klimaneutralität zu wählen.

    Der Konzern mit Sitz in Essen betreibt Stromverteilnetze und verkauft Strom an Industrie- und Privatkunden. Das eigene Wasserstoffgeschäft hat Eon inzwischen zurückgefahren, weil sich die anfängliche Euphorie für grünen Wasserstoff bisher nicht in umfangreiches Geschäft gewandelt hat. Nennenswertes CCS-Geschäft hat das Unternehmen nicht.

  • Rüstung als gigantisches Konjunkturprogramm

    Plötzlich geht alles sehr schnell. Weil die USA die Verteidigung der westlichen Welt offenbar nur noch als sehr kostspieliges Geschäft betrachten, muss Europa sich selbst darum kümmern, gegen Angriffe gewappnet zu sein. An diesem Donnerstag treffen sich die Regierungschefs und die Spitze der EU. Es geht um mehrere hundert Milliarden Euro, die zusätzlich ausgegeben werden sollen. Das Geld ist nicht verschenkt: Neben mehr Sicherheit erwarten Experten zusätzliche Arbeitsplätze und einen Schub fürs Wirtschaftswachstum.

    Die Zahlen, mit denen gerade hantiert wird, sind gigantisch. Allein Deutschland will bis zu 400 Milliarden Euro zusätzlich in die Bundeswehr stecken. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen plant einen Fonds von 150 Milliarden Euro. Das Institut für Wirtschaftsforschung in Kiel (IfW) schätzt, dass Europa kurzfristig etwa 250 Milliarden Euro jährlich zusätzlich ausgeben müsste, um sich selbst ohne Amerikaner verteidigen zu können. Der Anteil der Rüstungsausgaben müsste von derzeit rund zwei auf etwa 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Eine Studie der Beratungsgesellschaft EY und der Dekabank kommt auf zusätzlich gut 390 Milliarden Euro in den kommenden sechs Jahren. Eingeschlossen sind jeweils auch Nicht-EU-Staaten wie Großbritannien und Norwegen, die Mitglieder des nordatlantischen Verteidigungspaktes Nato sind.

    Belastbar berechnen lässt sich wenig, eine solch einschneidende Situation ist noch nicht dagewesen. Was klar ist: Die geplanten Ausgaben sind ein gigantisches Konjunkturprogramm. In den 30 europäischen Nato-Staaten sollen in den kommenden sechs Jahren bereit 72 Milliarden Euro mehr ausgegeben werden. Das stimuliert weiteres Geschäft von 157 Milliarden Euro jährlich in der Industrie und bei Dienstleistungen, wie die Studie von EY und Dekabank ergab.

    „Die Verteidigungsinvestitionen der europäischen Nato-Länder fließen größtenteils in Unternehmen der europäischen Rüstungsindustrie und führen hier zu erhöhten Einkommens- und Wertschöpfungseffekten“, sagt Jan Friedrich Kallmorgen, Senior Partner bei EY-Parthenon. Es profitierten auch Metallindustrie, Handel, Transport und Logistik. Der positive Einfluss auf den Arbeitsmarkt sei enorm, sagt Matthias Damme aus dem Vorstand der Dekabank. Die Studie schätzt, dass insgesamt 680.000 Stellen gesichert werden.

    Kommen jährlich noch einmal 65 Milliarden Euro für Verteidigung hinzu, erwarten die Studienautoren zusätzliche wirtschaftliche Effekte von 113 Milliarden Euro sowie weitere 660.000 neue Arbeitsplätze. Deka-Vorstandsmitglied Danne spricht von wichtigen Impulsen, die um die schleppende Konjunktur besonders in Deutschland anzukurbeln.

    Die reinen Summen helfen aber nicht, wenn es nicht genug Fabriken gibt, die die nötigen Panzer, Geschütze und Munition herstellen. Das dauert. Europa braucht zudem auch rund 300.000 Soldaten zusätzlich, wie das IfW schätzt. Sie müssen jene ersetzen, mit denen die USA in Europa im Nato-Bündnisfall bisher geholfen hätten. Derzeit hat Europa einschließlich Großbritannien etwa 1,47 Millionen Soldaten unter Waffen. Zum einen ist neues Personal kurzfristig schwer zu beschaffen, zum anderen fehlten diese Personen im regulären Arbeitsmarkt. Weitere Nachteile: Die Amerikaner haben eine klare Befehlsstruktur, in Europa gibt es 29 Armeen. Und den Europäern fehlt die militärische US-Luft- und Raumfahrt.

    Das IfW sieht Vorteile, sollte Europa einheitlich einkaufen – nicht jedes Land müsste dann zum Beispiel Leopard-Panzer bestellen. Die Produktion dürfte bei großen Aufträgen effizienter werden, die Preise pro Stück deshalb sinken. Die Experten schlagen in einer weiteren Studie auch vor, die Ausschreibungen in Teilen zu ändern. Statt ein konkretes Produkt könnte eine Lösung für ein Problem gefordert werden. Das würde die Innovationskraft  – militärisch wie zivil – anregen. Langfristig würde die Produktivität in Europa steigen – und die schwächelt seit Jahren.

    Wie soll das alles finanziert werden? Das IfW hat sich historische Daten aus 150 Jahren angesehen. Danach finanzierten Länder Militärausgaben meist über Schulden. Die Experten empfehlen, mittelfristig Steuerschlupflöcher zu schließen, Subventionen zu streichen und die Sozialausgaben einzufrieren. Die Gesellschaft für wirtschaftliche Strukturforschung hat berechnet, dass der volkswirtschaftliche Wachstumseffekt am größten ist, wenn die Ausgaben über Schulden finanziert werden – danach ist auch das Plus bei Steuereinnahmen am höchsten.

    Staatliches Geld in militärische Forschung zu stecken, hat auch Vorteile für das Zivilleben. Vieles, was heute als selbstverständlich gilt, ging aus geheimer Rüstungsforschung hervor. So finanziert die USA seit 1958 die Behörde Darpa, die Techniken entwickeln soll, die keine Armee sonst hat. Die Grundzüge des Internets entstanden dort. Auch ein großer Teil der Raumfahrt mit Erdbeobachtungs- und Kommunikationssatelliten verdankt sich dem Wunsch des Militärs, aus dem All genauer hinsehen und -hören zu wollen. GPS, der satellitengestützte Ortungsdienst war ursprünglich ein Programm des US-Verteidigungsministeriums. Und die heutige Raketentechnologie geht auf deutsche Forschung im Zweiten Weltkrieg zurück, die noch zerstörerische Bomben entwickeln sollte. Ähnlich ist es mit der Atomenergie – erst kam die Bombe, dann das Kraftwerk.

  • Von großen Gewinnen und kleinen Verlusten

    Was ist eine Aktie? Und wie funktioniert die Börse? Einige Grundbegriffe der Geldanlage.

    Aktie: Eine Aktie bescheinigt, dass einem ein Stückchen eines Unternehmens gehört. Wie viel, gibt der sogenannte Nennwert der Aktie an. Früher waren sie auf Papier gedruckt, zeigten etwa die Zentrale des Unternehmens und einen Wert, zum Beispiel 1000 Mark. Inzwischen sind Aktien digital. Der Nennwert beträgt meist ein Euro. Die Nennwerte aller Aktien zusammen ergeben das Grundkapital des Unternehmens.

    Nicht jede Firma kann Aktien ausgeben, sie muss eine bestimmte Rechtsform haben: Aktiengesellschaft (AG), europäische Aktiengesellschaft (SE) oder Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA). Wer eine Aktie besitzt, wird am Gewinn des Unternehmens über die Dividende beteiligt und kann mitentscheiden, etwa über Personal an der Spitze und wichtige Strategien des Unternehmens. Aktiengesellschaften können, müssen aber nicht an eine Börse gehen.

    Anleihe: Wenn Unternehmen und Staaten Geld benötigen, können sie bei Banken einen Kredit aufnehmen oder sich Geld über eine Anleihe beschaffen. In beiden Fällen erhalten Unternehmen oder Staat Geld, müssen dafür Zinsen aufbringen und nach einer bestimmten Zeit die geliehene Summe zurückzahlen. Im Fall der Anleihe ist der Gesamtbetrag gestückelt, zum Beispiel eine Million Euro in tausend 1000-Euro-Anteile. Und diese können, anders als der Kredit, an der Börse gehandelt werden. Wer immer das Papier gerade hält, bekommt die vereinbarten Zinsen – und zum Ablaufdatum die Rückzahlung.

    Börse: Eine Börse ist ein Marktplatz, auf dem Waren oder Wertpapieren unter Aufsicht gehandelt werden. Dabei müssen die Waren oder Wertpapiere nicht direkt vor Ort sein. Makler können die Besitzer vertreten. In der neueren Geschichte begann der Börsenhandel im belgischen Brügge im 13. Jahrhundert. Größte deutsche Börse ist die Frankfurt Börse, die 1585 gegründet wurde.

    Makler trafen sich noch bis 2011 im Börsensaal mit seinen markanten runden weißen Arbeitsplätzen, um Wertpapiere zu kaufen und zu verkaufen. Seither wird ausschließlich digital über Xetra gehandelt. Die Deutsche Börse als Betreiberin der Frankfurter Börse garantiert, dass die Geschäfte auch zustande kommen.

    Wichtige weitere Börsen sind die New York Stock Exchange (NYSE), die US-Technologiebörse Nasdaq und die London Stock Exchange (LSE). Auch wenn digital gehandelt wird, ist eine Börse nicht rund um die Uhr geöffnet. Xetra etwa ist von 9 bis 17.30 Uhr erreichbar.

    Börsengang: Entscheiden sich die Inhaber einer Aktiengesellschaft, an die Börse zu gehen, zum Beispiel in Frankfurt, geben sie einen Teil ihrer Aktien ab. Dieser erste Verkauf an der Börse heißt Börsengang. Das Geld für die Aktien geht an die Inhaber des Unternehmens. Danach kann jeder und jede die Aktie kaufen und verkaufen. Das Geld beim Kauf geht an den Verkäufer, nicht mehr an das Unternehmen. Die Eigentumsverhältnisse wechseln dann ständig. Die Zahl der Aktien bleibt gleich.

    Kurs: Ein Kurs ist der Preis zum Beispiel einer Aktie, der sich durch den Handel an der Börse ergibt. Der Kurs kann deutlich höher sein als der Nennwert auf der Aktie. Denn wer eine Aktie kauft, setzt oft darauf, das das Unternehmen in der Zukunft bessere Geschäfte macht. Käufer spekulieren zum einen auf mehr Gewinn und damit darauf, mehr Dividende je Aktie ausgezahlt zu bekommen, zum anderen darauf, dass mehr Menschen die Aktie kaufen wollen und so den Preis nach oben treiben.

    Index: Ein Index soll zeigen, wie sich verschiedene Wertpapiere entwickeln, die etwas gemeinsam haben. Der bekannteste deutsche Index ist der Dax, der die Kursentwicklung der 40 wertvollsten Firmen nachzeichnet, die an der Börse Frankfurt notiert sind. Den Index hat eine Tochter des Börsenbetreibers Deutsche Börse entwickelt. Indizes gibt es für Branchen wie Pharma oder Energie, für Waren wie Stahl oder Gold, für Immobilien oder Anleihen etwa vom Staat oder von Unternehmen.

    Fonds: Ein Fonds bündelt mehrere Wertpapiere unter bestimmten Gesichtspunkten: deutsche Aktien zum Beispiel, Energieaktien, europäische Staatsanleihen oder hohe Dividenden. Anteile an diesem Fonds lassen sich ebenfalls über die Börse kaufen und verkaufen. Die Idee eines Fonds ist meist, das Risiko zu verringern. Bei einer einzelnen Aktie kann der Kurs schnell steigen, aber eben auch fallen, wenn der Ausblick nicht so gut ist. Wer diese Aktie besitzt, kann schnell viel Geld verlieren. Bei einem Fonds mit 100 Aktien fällt der Verlust einer einzelnen Aktie wenig ins Gewicht. Zuwächse bei anderen gleichen das wieder aus.

    Banken und Investmenthäuser legen Fonds auf. Oft werden sie aktiv gemanagt, das bedeutet, es kümmern sich Spezialisten darum, welche Wertpapiere enthalten sind. So soll der Fonds besonders ertragreich werden. Seit Jahren setzen sich Fonds durch, die automatisch verwaltet werden.

    ETF: ETF (Exchange-traded Funds, börsengehandelte Fonds) sind Fonds, die automatisiert zusammengestellt sind und zum Beispiel einen Index wie den Dax abbilden. Anteile an diesem Fonds werden an der Börse gehandelt. Anleger müssen dann nicht Anteile an allen Dax-Unternehmen kaufen, sondern können für weniger Geld einen Dax-ETF erwerben, der genau wie der Dax steigt und fällt. Besonders bekannt ist der ETF auf den Index MSCI-World, der die wichtigsten Aktien der Industrieländer abbildet.

    Depot: Um Aktien, Anleihen, Fonds oder andere Wertpapiere an der Börse kaufen und verkaufen zu können, ist ein Depot bei einer Bank nötig. Früher wurden dort die Papiere gelagert, heute im digitalen Zeitalter ist auch das Depot digital. Viele klassische Banken und Sparkassen bieten sie an, auch zahlreiche Onlinebanken, die keine Filialen haben. Neben einem Depot, in dem die Wertpapiere lagern, ist noch ein Verrechnungskonto nötig, von dem Käufe bezahlt werden und auf das Erträge überwiesen werden.

    Je nach Geschäftsmodell nehmen Kreditinstitute Gebühren für das Depot und für Kauf und Verkauf von Wertpapieren. Das können pauschale Beträge oder prozentuale Anteile am Umsatz sein. So nimmt die Dekabank der Sparkassen 12.50 Euro Depotgebühr pro Jahr, wenn das Konto online geführt wird. Bei der ING ist es kostenlos. Die Deutsche Bank verlangt für das DB Privatdepot mindestens 19,99 Euro pro Jahr, das Online-Angebot von Maxblue ist kostenlos.

    Die Kosten richten sich unter anderem danach, wie hoch der Beratungsbedarf der Kunden ist. Bei einem Online-Konto handeln die Kunden in der Regel selbst. Bei anderen Konten bietet das Kreditinstitut meist besondere Beratung. Ein Preisvergleich lohnt sich auf jeden Fall.

    Wer sein Depot von einer Bank zur anderen übertragen möchte, kann das in der Regel problem- und kostenlos. Und sollte eine Bank Insolvenz anmelden, hat der Insolvenzverwalter kein Zugriff auf die Anlagen der Kunden. Sie gelten als Sondervermögen und werden an eine andere Bank übertragen.

  • Die Atmosphäre durchdringen

    Geradezu andächtig schauen alle auf. Vor ihnen steht eine sehr große Kiste, teilweise mit Spiegelfolie beklebt. An einigen Stellen ragen rote, faustgroße Elemente hervor, im Innern schimmern silberne Kabel. Und ganz oben, kurz vor der Decke der Halle, ist eine Art Trichter angebracht. Das ist er also, der Satellit, der bald die europäische Wettervorhersage revolutionieren wird. Ein Multimilliardenprojekt, 17 Jahre Entwicklungszeit, technologisch weltweit ganz vorn.

    Viele hier haben das Original bisher nicht gesehen, selbst wenn sie sich seit Jahren damit beschäftigen. Jetzt stehen sie in blauen Kitteln und mit Haarnetz im Reinraum Galileo, Format Turnhalle, beim Bremer Satellitenbauer OHB. Trocken ist es und kühl. Von der Lüftung, die kleinste Staubteilchen filtert, ist kaum etwas zu spüren. Dafür Begeisterung und etwas Erleichterung, dass der Satellit wirklich fertig ist. MTG-S also, Meteosat Third Generation, Wettersatellit der dritten Generation. Das S steht für Sounder, eine Art Infrarotsonar, dass die Atmosphäre in Schichten abbilden soll – neuartig und aufwändig.

    „Der Unterschied zur zweiten Generation ist etwa der zwischen einem Röhrenfernseher und einem großen Full-HD-Flachbildschirm“, sagt James Champion, bei der europäischen Raumfahrtbehörde Esa zuständig für das MTG-Projekt. Nur, dass das Bild des Sounders dreidimensional ist. Er kann 1700 verschiedene Infrarotfrequenzen erkennen und scannt alle 30 Minuten die komplette Atmosphäre über Europa und Afrika. Das Gerät liefert 50 Mal so viele Daten wie die Wettersatelliten der Vorgängergeneration, die nur auf die Atmosphäre schauen konnten, sie aber nicht durchdringen.

    Damit ließe sich das Wetter genauer vorhersagen, sagt Cristian Bank, Direktor bei Eumetsat, einer Weltraumbehörde in Darmstadt, die den Satelliten betreiben wird. Und: „Wir können Extremwetterereignisse früher entdecken.“ Wichtig, müssten Gebiete wegen heftigen Regens und Überschwemmungen evakuiert werden. 30 Minuten mehr Zeit können entscheidend sein. Auch Dürre und Feuer lassen sich besser vorhersagen, ebenso soll es Informationen über die Meeresoberfläche oder gar zu unsichtbaren Turbulenzen in der Luft geben.

    Es gehe zum einen darum, Gefahren zu vermeiden, zum anderen, Leben und Arbeiten zu verbessern, etwa, wenn Landwirte ernten können, bevor ein Unwetter komme, sagt Bank. Hilfe bringen sollen bessere Wetterdaten auch bei Transport oder Tourismus. Eine Studie im Auftrag von Eumetsat errechnete Vorteile im Wert von 60 Milliarden Euro jährlich in den 27 EU-Ländern durch die neuen Wettersatelliten.

    Denn MTG-S ist einer von dreien, die künftig genaue Daten liefern sollen. Die beiden anderen (MTG-I, I für Imager) fotografieren die Atmosphäre. Das gesamte Projekt kostet rund sechs Milliarden Euro, 1,4 Milliarden Euro trägt die Esa, den Rest Eumetsat. Zumindest ist das die Kostenschätzung von 2022. Eingeschlossen sind insgesamt sechs Satelliten, zwei MTG-S und vier MTG-I. Die Daten werden kostenlos bereit gestellt. Vor allem die Wetterdienste nutzen sie.

    Die Experten stehen immer noch vor dem Satelliten. „Ein Land allein kann das nicht“, sagt Champion. Thales Alenia aus Frankreich bekam den Generalauftrag für alle MTG. Die Plattform der Satelliten, im Prinzip die Standardkiste, in die alles eingebaut wird, stammt von OHB, das auch den Sounder verantwortet. Thales Alenia kümmert sich um die Imager. Am MTG-S war neben einem Konsortium aus mehr als 80 Firmen weitere 200 bis 300 Zulieferer aus 17 EU-Ländern und Kanada beteiligt. Zeitweise arbeiteten mehr als 2000 Beschäftigte an dem Projekt.

    So komplex wie die Struktur der beteiligten Firmen ist die Technologie im Innern. Ein Spiegel etwa ist ein halbes Jahr lang poliert worden, um wirklich sauber und präzise zu sein. „Wer aus 36.000 Kilometern Höhe auf die Erde schaut, hat nur einen sehr kleinen Ausschnitt“, sagt Esas MTG-Projektleiter Champion. Da muss alles passen. Derart weit oben, im sogenannten geostationären Orbit, bewegt sich der Satellit so schnell, wie sich die Erde dreht, er scheint deshalb immer über einem Punkt zu stehen. Für MTG-S ist das dort, wo sich Äquator und Nullmeridian schneiden, etwa 400 Kilometer südlich von Accra, der Hauptstadt von Ghana.

    Noch steht der Satellit kopfüber in der OHB-Halle. Das Haupttriebwerk ist auf einem Montagegestell befestigt, der Trichter, der auf die Erde schauen soll, zeigt nach oben. Die kleinen roten Elemente sind Minitriebwerke zum Steuern. Mit seinen 5,70 Metern Länge, 2,50 Metern Breite und 2,80 Metern Tiefe sticht MTG-S einen Mercedes Kastenwagen aus. Schwerer ist der Satellit mit 3,8 Tonnen ohnehin – vollgetankt. Ebenfalls an Bord: Sentinel-4. Das Instrument, gebaut von Airbus am Bodensee, misst Luftverschmutzung in Europa.

    In den kommenden Wochen setzen die OHB-Experten noch die beiden Solarpanels und die Antenne an, mit der sich der Satellit in den Weiten des Alls mit der Zentrale in Darmstadt verbinden wird. Dann wird MTG-S flach gelegt und im Versandcontainer verstaut. Mitte April geht es von Bremen aus per Spezialschiff nach Florida. Im US-Weltraumbahnhof Cape Canaveral wird der Satellit dann für den Start mit einer Falcon-9-Rakete des US-Unternehmens Space X vorbereitet. Abheben soll das „Juwel der europäischen Raumfahrtingenieurkunst“, wie Esa-Direktorin Simonetta Cheli MTG-S nannte, Anfang Juli.

  • Billard im Weltraum

    In den Weiten des Alls lauern zahlreiche Gefahren für die Erde – vom kleinen Gesteinsbrocken bis zum mehrere Kilometer messenden Asteroiden. Nach Weihnachten entdeckten Astronomen 2024 YR4, der unseren Planeten auf seiner Flugbahn treffen könnte. Die Raumfahrtagenturen der USA, Nasa, und Europas, Esa, arbeiten daran, das zu verhindern und die Asteroiden rechtzeitig abzulenken, eine Art Billard im Weltraum. Deutsche Unternehmen sind maßgeblich daran beteiligt.

    „Wir kennen heute etwa 35.000 sogenannte Near Earth Objects“, sagt Rolf Janovsky, Leiter der Vorentwicklung beim Satellitenbauer OHB in Bremen. Von ihnen könnten etwa 1600 auf der Erde einschlagen, weil ihre Bahn um die Sonne die der Erde kreuzt. „Je nach Umlaufbahn treffen diese Asteroiden die Erde mit Geschwindigkeiten von zehn bis 70 Kilometern pro Sekunde. Bei großen Objekten besteht dann das Risiko von Schäden.“

    Die Bandbreite ist groß. Vor 65 Millionen Jahren starben vermutlich die Dinosaurier aus, weil ein Asteroid mit einem Durchmesser von etwa zehn Kilometern auf der Erde eingeschlagen war und eine globale Katastrophe auslöste. Vor etwa 14,6 Millionen Jahren traf ein Meteorit das Gebiet des heutigen Deutschlands, es entstand das Nördlinger Ries. Und 2013 trat im russischen Tscheljabinsk ein Objekt mit etwa 20 Metern Durchmesser in die Erdatmosphäre ein und explodierte in 30 Kilometern Höhe. Die Druckwelle beschädigte tausende Gebäude, etwa 1500 Menschen wurden verletzt.

    Am 27. Dezember 2024 entdeckte das Atlas-Teleskop in Chile 2024 YR4. Seither versuchen Experten die genaue Flugbahn herauszufinden und zu berechnen, wie wahrscheinlich es ist, dass er die Erde trifft. Zunächst waren es etwa drei Prozent, wie OHB-Experte Janovsky sagt. Inzwischen gehe die Nasa von 0,3, die Esa von weniger als 0,2 Prozent aus. „Ernsthaft Sorgen machen müssen wir uns ab einer Wahrscheinlichkeit von zwei Prozent“, erklärt Rüdiger Schönfeld, Vorstandsmitglied von OHB Systems.

    Himmelskörper unter 50 Metern Durchmesser verglühten in Regel in der Erdatmosphäre, sagt Richard Moissl, Leiter des Leiter des Planetenverteidigungsbüros der Esa, zwischen 50 und 100 Metern Größe seien größere Gebiete gefährdet, zwischen 100 und 150 Metern sogar ganze Staaten, nicht so sehr wegen des Einschlags als vielmehr wegen der Druck- und Hitzewelle.

    2024 YR4 hat vermutlich etwa 40 bis 90 Meter Durchmesser. Ein solches Objekt könnte bei einem Einschlag zum Beispiel eine Stadt von der Größe Hamburgs oder Münchens zerstören. „Wir gehen davon aus, dass das Äquivalent von sieben Millionen Tonnen TNT freigesetzt würde“, sagt OHB-Experte Janovsky. „Das entspräche in etwa dem Fünfhundertfachen der Hiroshima-Bombe.“

    Um solche Schäden zu verhindern, arbeiten Nasa und Esa bereits seit Jahren daran, Asteroiden im All abzulenken. Ende September 2022 hat die Raumsonde Dart der Amerikaner in 195 Millionen Kilometern Entfernung den Asteroiden Dimorphos (rund 160 Meter Durchmesser) gerammt und aus seiner Bahn geworfen. Ein schwieriges Unterfangen, vergleichbar damit, von Berlin aus im neuseeländischen Auckland einen Stecknadelkopf mit einem größeren Staubkorn zu beschießen.

    Dass die Mission, wie Raumfahrtprojekte heißen, erfolgreich war, ließ sich von der Erde aus messen. „Wir wissen, dass die Ablenkung von Dimorphos durch Dart viel größer war, als alle Experten erwartet haben“, sagt Janovsky. Im Oktober schickte die Esa die Sonde Hera hinterher, um genau nachzusehen. Derzeit ist sie unterwegs. Anfang Dezember 2026 soll sie ankommen.

    Entwickelt und gebaut hat Hera OHB als Generalunternehmer. Beteiligt waren zahlreiche Firmen aus Deutschland und anderen europäischen Staaten. Die Sonde im Format eines VW Golf kostete einschließlich Start 363 Millionen Euro. Derzeit arbeiten die Bremer federführend am Esa-Projekt Ramses. Diese Mission soll Apophis anfliegen. Der Asteroid hat etwa 370 Meter Durchmesser, kommt auf das Format eines Kreuzfahrtschiffes.

    Er sollte nach die Erde nach ersten Berechnungen treffen, passiert sie aber am 13. April 2029 nur, vermutlich in rund 32.000 Kilometern Entfernung. Geostationäre Wettersatelliten sind etwa 36.000 Kilometer von der Erde entfernt. Ramses muss im April 2028 starten, um Apophis rechtzeitig zu erreichen. Allerdings fehlt noch die Freigabe der Esa-Ministerkonferenz, in der alle beteiligten Länder über Projekte und deren Finanzierung befinden. Sie tagt im November in Bremen.

    Experten können sich auch einen Flug zu 2024 YR4 vorstellen. Auch wenn es sehr knapp werden könnte. „Eine Mission mit günstigen Startbedingungen für eine Sonde müsste etwa im Mai 2028 starten und würde 2024 YR4 Ende 2028 erreichen können“, sagt OHB-Vorentwicklungschef Janovsky. Er schätzt, dass sogar zwei Missionen nötig sind. Die erste flöge am Asteroiden vorbei, um ihn genauer zu untersuchen. „Erst danach würde man gegebenenfalls über eine Ablenkungsmission entscheiden.“ Zuständig für solche Entscheidungen sind die Vereinten Nationen, schließlich ist die gesamte Erde bedroht.

    Beide Missionen müssten allerdings weitgehend parallel vorbereitet werden. 2024 YR4 würde nach heutigem Stand 2032 auf die Erde zurasen. Aber: „Wenn die Einschlagwahrscheinlichkeit so gering bleibt“, sagt Janovsky, „wäre das Risiko so gering, dass wohl keine Mission stattfinden würde.“ Vorbereitet wären sie bei OHB aber.

  • Der Schokohase wird teurer

    Für Schokofans wird 2025 kein gutes Jahr. Tafeln, Riegel und Hasen werden wahrscheinlich teurer. Die Preise für den Rohstoff Kakao, ohne den die großen Hersteller nicht auskommen, sind hoch wie nie und steigen nach Ansicht von Experten weiter. Das Klima in den wichtigsten Anbauregionen hat sich in den vergangenen Jahren verändert, die Zahl der Missernten nimmt zu. Entsprechend knapp ist das Angebot.

    Von Anfang Januar 2024 bis Januar 2025 stieg der durchschnittliche Preis einer Tonne Kakao nach Zahlen der International Cocoa Organization (ICCO) um rund 141 Prozent. Seit Januar 2023 hat er sich mehr als vervierfacht. Zuletzt notierte er knapp über 10.000 Dollar je Tonne. Eingerechnet sind die Preise an den großen Terminbörsen in New York und London, an denen der Rohstoff gehandelt wird. Dort lässt sich auch ein Blick in die Zukunft wagen, weil zu sehen ist, was Kakao, der Ende 2025 oder Anfang 2026 geliefert wird heute kostet. 8000 bis 9000 Dollar pro Tonne deuten nicht auf sehr stark sinkende Preise hin.

    Die Hersteller reagierten. Ritter Sport aus Baden-Württemberg hob die Preise bereits im vergangenen Jahr an, ebenso Lindt & Spruengli. Die Schweizer kündigten zudem ein weiteres Plus in diesem Jahr an. Im Januar hat offenbar auch der US-Lebensmittelriese Mondelez nachgezogen. Die 100-Gramm-Tafel der bekannten Marke Milka kostete in vielen Supermärkten mit 1,99 Euro ein gutes Drittel mehr, wie das Preisvergleichsportal Smhaggle ermittelte. Insgesamt verteuerten sich Schokoladen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im vergangenen Jahr um 10,6 Prozent.

    Und es könnte so weitergehen. Zwei Drittel der Kaufleute in Deutschland erwarten, dass die Preise steigen, wie eine Umfrage der Lebensmittelzeitung ergab. 47 Prozent schätzen, dass die Preise gleich bleiben, der Inhalt aber schrumpft. Die Schokotafel hätte dann zum Beispiel nur noch 90 statt 100 Gramm. An anderen Zutaten lässt sich vielleicht auch noch sparen, andererseits ist der Spielraum bei Schokolade mit hohem Kakaoanteil gering.

    Dem Kakao macht vor allem das Wetter zu schaffen. Der Baum wächst nur in Gebieten rund um den Äquator und ist sehr empfindlich. Ist es zu nass, kann die Frucht verschimmeln, fehlt Wasser, vertrocknet sie leicht. Wegen des Klimawandels schwankt das Wetter in den Tropen stärker als bisher. In den vergangenen fünf Jahren hat das La Niña genannte Wetterphänomen vor allem Regen nach Westafrika gebracht, was die Elfenbeinküste traf, mit rund 41 Prozent Weltmarktanteil der größte Kakaolieferant vor Ghana mit 13 Prozent. Die Folge: Missernten.

    Selbst Marktmacht hilft angesichts des fehlenden Angebots wenig. Barry Callebaut, nach eigenen Angaben größter Schokoproduzent der Welt, gab die höheren Einkaufspreise für Kakao einfach an die Kunden weiter. Das Schweizer Unternehmen fertigt vor allem für Lebensmittelindustrie und Konditoreien.

    Dass auch gute Planung nicht nützt, zeigt das Beispiel Ritter Sport. Das Unternehmen aus Baden-Württemberg wertete Wetterdaten aus 50 Jahren aus, bevor es 2013 eine Brache in Nicaragua kaufte, um dort eine nachhaltige Plantage anzulegen. Hurricanes hatte es in dem halben Jahrhundert nicht gegeben. Jetzt gibt es sie und sie entlauben die Bäume. Statt 20 bis 25 Prozent des im  Unternehmen benötigten Kakaos zu liefern, schafft die Plantage erst einmal nur fünf Prozent – wegen der Wetterextreme, wie ein Unternehmenssprecher sagt.

    Ritter Sport bezieht seinen Kakao, wenn er nicht aus der eigenen Plantage kommt, aus Nicaragua, Westafrika und Peru, kauft direkt bei den Erzeugerkooperativen ein. „Dank jahrzehntelanger Partnerschaften bekommen wir noch genug Kakao, trotz der Verknappung am Markt“, sagt der Sprecher. Der besondere Bezugsweg mache das Unternehmen robuster. Allerdings müsse auch Ritter Sport Marktpreise bezahlen. Üblicherweise setzen sie sich aus dem Preis an der Börse und Zuschlägen zusammen. Etwa für höhere Qualität, Zertifizierung (zum Beispiel Fairtrade) und Nachhaltigkeitsprogramme bei den Bauern.

    Das Wetter ist auch der Hauptgrund, warum Experten nicht erwarten, dass sich die Lage bei Kakao bessert. Hinzu kommen noch andere Gründe, die nicht direkt etwas mit den Pflanzen zu tun haben. Üblicherweise würden Landwirte versuchen, die Anbaumethoden zu verbessern, ausgeklügelter zu bewässern, neue Sorten anzubauen, um auf das schlechtere Wetter zu reagieren. Das alles kostet Geld, das viele nicht haben. Denn Kakao bauen vor allem Kleinbauern an.

    Sie könnten den Anbau auch ganz lassen, die Bäume fällen und zum Beispiel Soja im jährlichen Wechsel mit anderen Getreiden anbauen. Das könnte mehr und gleichmäßigeres Einkommen als Kakao bringen. Und wer neu anfängt, wird trotz hoher Preise überlegen, ob es sich lohnt. Ein Baum braucht fünf bis sechs Jahre, bis er trägt.

    Für die Finanzexperten beim Nachrichtendienst Bloomberg ist Kakao jedenfalls eine interessante Anlage mit steigenden Preisen – wie auch Gummi, Kaffee und Palmöl, alles Produkte, die in den Tropen wachsen. Und so könnte Spekulation die Preise zusätzlich treiben. Alles keine guten Aussichten für Schokofans. Um die acht Kilogramm Schokolade essen die Deutschen pro Kopf jedes Jahr, wie Marktanalyse der Statistiker von Statista ergeben hat. Tendenz zuletzt leicht steigend. In Europa gönnen sich dem europäischen Schokoladen- und Keksverband Caobisco zufolge nur Schweizer und Dänen mehr.

  • Bürokratie nimmt auch mal ab

    Bestimmte Verwaltungskosten für Unternehmen sind gesunken, andere aber gestiegen. Das Joch der Bürokratie ist ein großes Thema im Wahlkampf. Vorschläge zur Entlastung liegen auf dem Tisch.

    Erstaunliche Nachricht: Die Belastung der Unternehmen mit Bürokratie-Kosten hat in den vergangenen Jahren abgenommen – nicht zugenommen, wie ständig zu hören ist. Die Daten, die diese Entwicklung belegen, stammen vom Statistischen Bundesamt. Dessen Bürokratiekosten-Index liegt heute bei 97 Prozent des Wertes von 2012.

    Dieser Befund steht in gewissem Gegensatz zur öffentlichen Debatte. Im Wahlkampf überbieten sich die großen Parteien mit Forderungen, wie sie Bürgerinnen, Bürger und Firmen vom drückenden Joch der Paragrafen zu befreien gedenken. „Wir starten den Bürokratie-Rückbau“, verspricht die CDU in ihrem Sofort-Programm. Selbst Grünen-Kandidat Robert Habeck will Gesetze „wegbolzen“. Das soll gut sein, Verwaltung dagegen schlecht.

    Aber die Wirklichkeit ist etwas komplizierter, als ein schneller Blick auf den Index des Statischen Bundesamtes (Destatis) zu zeigen scheint. Denn der Index ist inflationsbereinigt. Das heißt: Die Kosten der Firmen wären heute etwas niedriger, wenn man die Preise von 2012 zugrundelegt. Die realen Ausgaben für staatlich verursachten Verwaltungsaufwand dagegen, die Firmenchefinnen und Konzernvorstände jetzt in ihren Bilanzen sehen, sind gewachsen. Betrugen sie 2012 ungefähr 45 Milliarden Euro pro Jahr, schlagen sie laut Destatis nun mit 67 Milliarden Euro zu Buche.

    Außerdem stellt die seit 2012 leicht fallende Kurve – damals wurde die Überprüfung eingeführt – nur die Auswirkungen des Papierkrams dar, den Bundesregelungen und europäische Gesetze hervorrufen. Dazu gehören „das Stellen von Anträgen, Durchführen von Meldungen, Kennzeichnungen, Meldungen zu Statistiken oder die Erbringung von Nachweisen“. Dies ist aber nicht alles. Hinzu kommen die Kosten, die Unternehmen entstehen, wenn sie umsetzen, was die Bundesregierung wünscht, beispielsweise Investitionen tätigen und umweltfreundliche Maschinen anschaffen.

    Diesen sogenannten Erfüllungsaufwand beziffert nicht Destatis, sondern eine zweite Behörde, der Nationale Normenkontrollrat (NKR) – selbst die Berechnung der finanziellen Folgen von Bürokratie führt zu ihrer Vergrößerung. „Für die Wirtschaft ist der jährliche Erfüllungsaufwand seit 2011 um 7,3 Milliarden Euro gestiegen“, sagt NKR-Vorsitzender Lutz Goebel. Zu diesen jedes Jahr wiederkehrenden Kosten werden noch einmalige Aufwendungen addiert, sodass die zusätzliche Belastung der Firmen 2024 rund 14 Milliarden Euro im Vergleich zu 2011 ausmachte.

    Beide Größen zusammen, Bürokratiekosten plus Erfüllungswand, geben einen gewissen Eindruck, wo die Gesamtbelastung liegen könnte – wobei die Zahlen wegen unterschiedlicher Berechnungsmethoden nicht richtig kompatibel sind. Aber die rund 80 Milliarden Euro wären ungefähr zwei Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung – nicht gerade wenig. Das Münchener ifo-Institut für Wirtschaftsforschung kommt mit einer anderen Berechnungsart sogar auf 146 Milliarden Euro jährlich, was etwa 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachte.

    Auch wegen der unklaren Zahlenbasis dreht sich die öffentliche Diskussion oft um gefühlte Werte, die eher der jeweiligen politischen Haltung entspringen. Wobei in den vergangenen Jahren tatsächlich neue gesetzliche Regulierungen hinzukamen, die zusätzlichen Verwaltungsaufwand in der Wirtschaft auslösten. Gerade in Zeiten, da sich die ökonomische Lage verschlechtert, kann das zu Unmut führen.

    Beispielsweise zwei neue Regelungen waren laut Destatis und NKR in den vergangenen Jahren dafür verantwortlich, dass Unternehmen mehr Verwaltungsaufwand zu bewältigen haben. Laut der EU-Richtlinie zur Berichterstattung über Nachhaltigkeit sollen Firmen nicht nur über ihre Finanzzahlen, sondern auch über die Folgen ihrer Geschäftspolitik für Umwelt und Menschenrechte berichten. Und national war das Gebäudeenergiegesetz von großer Bedeutung: Auf Privathaushalte und Betriebe kommen zahlreiche Vorschriften zu, die den Ersatz fossil betriebener Heizungen durch klimaschonende Techniken regeln. Den zusätzlichen Erfüllungsaufwand für die Wirtschaft bezifferte der Normenkontrollrat in seinem Jahresbericht für 2023 mit 3,6 Milliarden Euro.

    Um so etwas zu verhindern, existieren verschiedene Varianten. Die Regierung könnte auf weitere Gesetze verzichten, die das Leben oft komplizierter machen. Nachteil: Auf neue Probleme, neue Bedürfnisse der Bürger und ihre Wünsche nach Rechtssicherheit würde die Politik dann nicht reagieren. Meist eine gute Idee ist die Digitalisierung. Wenn der Reisepass bei der Stadt online beantragt werden kann, spart das Aufwand für alle. Auch bürokratische Verfahren aufzuräumen, kann helfen. So hat der NKR gerade vorgeschlagen, die Ausstellung von Pkw-Führerscheinen beim Kraftfahrtbundesamt zu bündeln. Und schließlich kommen allmählich sogenannte Praxischecks in Mode. Zusammen mit Betroffenen, Praktikern und Experten entrümpelte das Bundeswirtschaftsministerium gezielt Vorschriften, um den Bau von Solaranlagen zu beschleunigen.

    In diesem Sinne hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kürzlich versprochen, den „Verwaltungsaufwand für Unternehmen um mindestens 25 Prozent zu senken“. Sie meint auch die umstrittene Berichterstattungsrichtlinie. Man darf gespannt sein, ob die Berichte nur vereinfacht oder quasi abgeschafft werden, wodurch Kapitalinvestoren Informationen fehlten, die sie zum Investieren brauchen.

  • Angebunden statt abgehängt

    Kleinbusse, die man per Smartphone ruft, verbessern den öffentlichen Nahverkehr vor allem auf dem Land. Beispiele aus Brandenburg, Bayern und Hessen.

    „Busfahren“ ist nicht mehr das richtige Wort. Wie soll man sie nennen, diese Kombination aus Bus und Taxi? „Dalli“ heißt sie hier in Bad Saarow und Umgebung, 50 Kilometer südöstlich Berlins. Die weiß-grün-blauen Kleinbusse, die per Smartphone gerufen werden, kommen zwar nicht ganz nach Hause, aber fast. Sie fahren Bürgerinnen und Bürger zum Arzt, zum Einkaufen, oder holen sie abends vom Konzert ab – zum normalen Tarif des öffentlichen Nahverkehrs, plus ein Euro „Komfortzuschlag“.

    „Es stimmt nicht mehr, dass die Leute hier abgehängt sind“, sagt Tim Jurrmann, der beim Kreisentwicklungsamt des Landkreises Oder-Spree arbeitet. Dieser organisiert und bezahlt den modernen Beförderungsdienst. Ähnliche Angebote gibt es mittlerweile bundesweit bei etwa einem Drittel der Unternehmen des öffentlichen Nahverkehrs. Die Klage, dass man auf dem Land abgeschnitten sei, spiegelt in vielen Fällen vielleicht eher ein Gefühl wider als die Realität.

    Ab Januar 2025 werde der Dalli noch attraktiver, kündigt Jurrmann an. Donnerstags, freitags und samstags fahren die elektrischen Mini-Vans dann bis 0.30 Uhr in der Nacht. Wer am Wochenende die Oper in Berlin besucht oder einen Kneipenabend mit Freunden in der Großstadt verbringt, kann sich noch spät vom Bahnhof in der Kleinstadt Storkow abholen und in die Nähe der Wohnung bringen lassen. Momentan fahren die Kleinbusse täglich zwischen 6.00 oder 8.00 Uhr und 22.00 Uhr. Neben Storkow und Bad Saarow mit seiner Therme bedient der Service mehrere Gemeinden rund um den Scharmützelsee.

    Die Dalli-Busse sind dafür gedacht, die Bürger von deren Wohnort bis zur nächsten Bus- oder Bahnlinie zu bringen. Sie bedienen die „erste und letzte Meile“, wie die Fachleute sagen. Es handelt sich um einen „Linienbedarfsverkehr“: Die Fahrerinnen und Fahrer steuern hunderte Haltestellen nach Bedarf an. Im Unterschied zu Taxis werden bis zu fünf Personen gemeinsam transportiert, die auch unabhängig von einander buchen können. Die Kleinbusse kommen nur, wenn sie gerufen werden. Reservieren kann man die Plätze per Telefon, Smartphone oder in der Dalli-Zentrale. In der Regel finden sich die Haltestellen maximal 200 Meter von bebauten Gebieten entfernt.

    Pro Woche werden durchschnittlich 1.000 Transporte abgewickelt. Knapp ein Fünftel der Fahrten hätten sonst nicht stattgefunden, sagten die Nutzer in einer Auswertung – sie wären zuhause geblieben. Es handelt sich um einen Zugewinn an Bewegungsfreiheit, der beispielsweise Arztbesuche ermöglicht, die andernfalls unterblieben. „Ein Quantensprung der Mobilität“, freut sich Jurrmann. Und jede zweite Dalli-Fahrt ersetzt eine Tour mit privaten Pkw. „Die Leute überlegen, ob sie ihren Zweitwagen noch brauchen.“

    Im nordöstlichen Bayern ergänzt der Hofer Landbus ebenfalls die Linien des traditionellen Nahverkehrs. 2024 wurde das Netz stark ausgedehnt, berichtet Andreas Weinrich, Geschäftsführer der Logistik Agentur Oberfranken. Mittlerweile werden 1.450 Haltestellen im Umkreis der Stadt Hof angesteuert. Eine Fahrt kostet dort pauschal drei Euro.

    Im Norden rollen im Gebiet des Hamburger Verkehrsverbundes über 75 unterschiedliche Bedarfsverkehre. Hinzu kommt Moia, eine private Tochter des VW-Konzerns, die Sammel-Ruftaxis anbietet. Südlich von Frankfurt/Main versorgen die Fahrzeuge der Kreisverkehrsgesellschaft Offenbach einige hessische Gemeinden. Ähnliches funktioniert in zahlreichen weiteren Städten und Landkreisen. In einer Übersicht kam die Beratungsfirma rms Anfang diesen Jahres auf 93 Angebote bundesweit. Setzt man diese Zahl ins Verhältnis zu den etwa 280 kommunalen Nahverkehrsgesellschaften, die Mitglieder im Verband Deutscher Verkehrsunternehmen sind, ergibt sich eine bundesweite Abdeckung von etwa einem Drittel.

    Mit Rufbussen experimentieren Gemeinden seit 40 Jahren. In der vergangenen Dekade allerdings hat die Technik einen Sprung gemacht. Smartphone-Apps, die Nutzer und Busse lokalisieren, ermöglichen es, die Fahrzeuge zum genau richtigen Zeitpunkt an den gewünschten Ort zu bestellen. Das sei einer der Gründe für die bundesweite Verbreitung der Bedarfsverkehre, sagt Frank Hunsicker von der Beratungsfirma Nuts One in Berlin. Hinzu kam die Reform des Personenbeförderungsgesetzes unter der letzten Regierung Angela Merkels, die unter anderem neue digitalbasierte Mobilitätsdienste ermöglichte.

    Allerdings stellen sich auch Finanzierungsfragen. Die neuen Angebote erwirtschaften bislang nur etwa 15 bis 20 Prozent ihrer Einnahmen selbst mittels des Ticketverkaufs. Vier Fünftel der notwendigen Mittel stammen aus Zuschüssen unterschiedlicher staatlicher Kassen. Bei den traditionellen Liniendiensten liegt die Kostendeckung dagegen bei durchschnittlich 30 Prozent. Ein Grund dafür ist dort die hohe Auslastung vielbefahrener Strecken.

    In dieser Situation machen sich nun die teilweise gestiegenen Energiepreise, die wirtschaftliche Stagnation und die dadurch verursachte Knappheit der Staatsfinanzen bemerkbar. Laut der rms-Übersicht ist bei 90 Prozent der Projekte unklar, ob und wie sie mittelfristig fortgeführt werden. Es hängt vom Geld ab. Bei manchen wirkt sich im Übrigen ein Mangel an Fahrern und Fahrerinnen aus. Autonomes Fahren könnte da künftig eine Lösung sein, aber in größerem Maßstab praxistauglich ist das noch nicht.

    Der Dalli am Scharmützelsee hat glücklicherweise keine Probleme, Leute mit Führerschein zu finden, die die Busse steuern wollen. Und er sei bis Mitte 2026 gesichert, sagt Tim Jurrmann, bis dahin müsse man jedoch alles neu ausgeschrieben haben. Gut sieht es vorläufig auch beim Hofer Landbus aus, wie Andreas Weinrich erklärt – vor allem, weil das Bundesland Bayern den Betrieb für drei bis vier Jahre finanziell abgesichert hat.

  • Kaffee wird teurer

    Klimawandel treibt die Preise

    Kaffeefans müssen sich auf schwere Zeiten einstellen. Ihr Lieblingsgetränk dürfte in diesem Jahr deutlich teurer werden. Schon seit längerem steigen die Preise für Rohkaffee – inzwischen haben sie sogar den Rekord von 1977 eingestellt. Wie viel die Deutschen tatsächlich mehr zahlen müssen, ist unklar. Die Branche ist notorisch verschwiegen. Und die Einkaufsmacht der großen Handelsketten spielt auch eine Rolle.

    Nichts wird in so großen Mengen in Deutschland getrunken wie Kaffee. Rund 164 Liter pro Kopf waren es 2023, mehr als Mineralwasser und Bier. Aufgebrüht wird vor allem die Sorte Arabica, die vollmundiger schmeckt als die etwas härtere Sorte Robusta. Bei vielen Kaffeeangeboten im Supermarktregal sind die Sorten gemischt.

    Ende vergangener Woche kostete ein amerikanisches Pfund (454 Gramm) Rohkaffee der Sorte Arabica an der Börse in New York 3,48 Dollar, rund 86 Prozent mehr als ein Jahr zuvor und sogar 171 Prozent mehr als Ende 2020. Der Preis für Robusta, gehandelt in London, verdoppelte sich binnen eines Jahres sogar. Seit 2021 hat Brasilien Probleme mit der Ernte. Aus dem südamerikanischen Land kommen etwa 37 Prozent des Kaffees weltweit. Zweitgrößtes Anbauland ist Vietnam mit gut 21 Prozent. Und auch dort hapert es.

    Die Kaffeepflanze ist sehr eigen, benötigt zur richtigen Zeit die richtige Temperatur und Feuchtigkeit um etwa die Kirschen auszubilden, in denen die Kaffeebohne heranwächst. Deshalb wächst Kaffee ausschließlich rund um den Äquator. Brasilien hat seit Jahren mit Trockenheit und Frost zu kämpfen. Beides verträgt die Kaffeepflanze nicht. Entsprechend schlecht fiel die Ernte aus.

    Üblicherweise gleichen die Kaffeefirmen solche Ausfälle aus. Rohkaffee lässt sich gut lagern, entsprechend wird in guten Jahren ein Vorrat angelegt. Aber: „Es gibt praktisch keine Reserven“, sagt der Experte eines großen Unternehmens, der nicht genannt werden will. „Die vergangenen fünf Jahre konnte das Angebot nicht mit der weltweiten Nachfrage mithalten.“ Er rechnet mit weiteren schlechten Jahren. Der Klimawandel hinterlasse Spuren. Experten schätzen, dass bis 2050 die Hälfte der Erntefläche verlorengehen könnte, etwa wenn bei starken Regenfällen der Boden weggeschwemmt wird.

    Ein weiteres Problem: In vielen Kaffeeländern bauen Kleinbauern an. Sie sind nicht so effizient wie etwa die großen Betriebe in Brasilien, die versuchen, ihre riesigen Flächen – „Denken sie in 1000 Fußballfeldern“, sagt eine andere Expertin – optimal zu nutzen. Manche Kaffeebauern steigen auch ganz aus, weil andere Pflanzen mehr Ertrag bringen und weniger arbeitsintensiv sind. Denn auch auf Kaffeeplantagen fehlen Arbeitskräfte.

    Und die Nachfrage nach dem schwarzen Getränk steigt weiter. Vor allem in Asien, in China, Indien und Japan wird Kaffee beliebter, wie das US-Analysehaus Mordor Intelligence ermittelt hat. Mehr Nachfrage, bei sinkendem Angebot bedeutet steigende Preise.

    Allerdings gilt der Börsenpreis des Rohkaffees nur als Richtwert. Er ist eine Art Durchschnittspreis für Durchschnittsware. Wie viel ein großer Kaffeehändler oder -röster tatsächlich für zahlt, zeigt er nicht. Je nach Qualität des Kaffees werden Auf- oder Abschläge fällig. Manch Kaffeefirma baut in Teilen sogar selbst an, weshalb sie von der Börse zumindest etwas unabhängig ist.

    Dann ist da der Transport. Weil Reeder die Strecke durch Rotes Meer und Suezkanal wegen der Huthi-rebellen im Jemen meiden, sind die Schiffe um Afrika herum länger unterwegs und verbrauchen mehr Sprit. Das verteuert die Frachtraten, was ebenfalls die Preise für Kaffee verteuert, bevor er in einer Rösterei in Deutschland landet.

    Und dann kommt die besondere deutsche Marktsituation zum Tragen: Die Bundesbürger achten weniger auf den Geschmack als auf den Preis, besonders bei Waren des täglichen Bedarfs. Im Handel zählen zu solchen sogenannten Eckprodukten Butter, Eier, Mehl und eben Kaffee. Entsprechend versuchen die großen Supermarktketten, die Preise dieser Produkte möglichst günstig zu halten. Und so spielen Edeka, Rewe, Lidl ihre Marktmacht aus, um bei Kaffeefirmen und Röstereien niedrige Einkaufspreise durchzusetzen.

    Aldi Süd röstet sogar selbst, um Zwischenhändler auszuschalten und bietet notfalls sogar unterhalb der Herstellungskosten an, wie kürzlich während eines Prozesses deutlich wurde. Das Unternehmen ist Deutschlands größter Kaffeeröster und sieht sich als Preisführer. An seinen Vorgaben orientiert sich der Markt.

    Größte Kaffeeunternehmen weltweit sind JDE Peet’s (Jacobs), die zur JAB Holding der deutschen Milliardärsfamilie Reimann gehören, der Lebensmittelkonzern Nestlé aus der Schweiz (Nespresso-Kapseln) und die italienische Lavazza-Gruppe. In Deutschland ist Tchibo die bekannteste Marke, die Kaffee auch selbst anbaut, röstet und über eigene Filialen vertreibt. Das Unternehmen gehört zur Maxingvest-Holding der Tchibo-Gründerfamilie Herz aus Hamburg.

    Wird Kaffee nun teurer? „Wenn der Börsenpreis steigt, steigt mittelfristig auch der Preis im Supermarkt“, sagt ein Experte, auch er will nicht genannt werden, weil die Aussagen die Konkurrenz oder gar den Preis beeinflussen könnten. Wer jetzt Kaffee auf Vorrat kaufen will: Gerösteter Kaffee hält sich luftdicht verpackt und ohne Licht, ungefähr 18 Monate. Geöffnet sollte er dann binnen einiger Tage getrunken werden. Das Aroma verfliegt schnell.

  • Bezahlen mit Basstölpel oder Beethoven

    EZB legt Motive für neue Scheine fest

    Kaum etwas ist so alltäglich wie die Euro-Scheine. Welche Motive abgebildet sind, wird kaum jemand spontan wissen. Das soll für nächste Serie der Banknoten anders werden. Jetzt hat die Europäische Zentralbank verschiedene Motive ausgewählt – es geht um Kultur sowie Flüsse und Vögel. „Die neuen Banknoten werden unsere gemeinsame Identität und die Vielfalt symbolisieren, die Europa stark macht“, sagt EZB-Präsidentin Lagarde.

    Die Themen europäische Kultur und Flüsse/Vögel stehen seit Ende 2023 fest. Sie ergaben sich aus zwei großen Umfragen in Europa. Knapp ein Jahr lang arbeiteten jetzt Experten daran, einzelne Motive vorzugeben. Voraussichtlich im April startet ein Wettbewerb, bei dem Designer zeigen sollen, wie sie sich die jeweilige Serie vorstellen. 2026 sollen dann wieder die EU-Bürger über ausgewählte Designs entscheiden und letztlich darüber, ob auf den neuen Scheinen Natur zu sehen ist oder europäische Kultur. Vermischt werden sollen die Motive nicht, auch unterschiedliche 20er soll es nicht geben.

    Europäische Kultur: Die Vorderseite der Scheine soll jeweils eine bedeutende Person aus Kultur und Wissenschaft zieren, die in verschiedenen Ländern gelebt haben und als Europäer dachten, mit denen viele aber auch kein einzelnes Land verbinden. Ausgewählt wurden Opernsängerin Maria Callas (fünf Euro), Komponist Ludwig van Beethoven (zehn Euro), Forscherin Marie Curie (20er), Schriftsteller Miguel Cervantes (50er), Renaissance-Genie Leonardo da Vinci (100er) und Literatin und Friedensforscherin Bertha von Suttner (200er). Auf den Rückseiten sind Straßenkünstler, ein Chor, eine Lernsituation, eine Bibliothek, Menschen, die Streetart bewundern, und ein belebter Platz mit Bäumen vorgesehen.

    Flüsse/Vögel: Diese Serie folgt auf der Vorderseite einem Fluss von der Quelle bis zum Meer und zeigt jeweils einen für den Teil typischen Vogel. Den Fünfer ziert eine Gebirgsquelle nebst Mauerläufer. Auf dem Zehner schwirrt ein Eisvogel an einem Wasserfall, Der 20er könnte einen Schwarm Bienenfresser in einem Flusstal zeigen. Auf dem 50er soll ein Weißstorch über einem mäandernden Fluss fliegen. Auf dem 100er mündet der Fluss, zu sehen wäre ein Säbelschnäbler. Und auf dem 200er soll ein Basstölpel über dem Ozean segeln. Auf den jeweiligen Rückseiten sind europäische Institutionen geplant: Parlament, Kommission, EZB, Gerichtshof der EU, Europäischer Rat und Rat der EU sowie Europäischer Rechnungshof.

    Wann die neuen Scheine tatsächlich in Umlauf kommen, ist unklar, schon aus technischen Gründen. Ausgewählt erden muss auch noch das Material der neuen Banknoten. Es soll sicherer sein als die bestehenden Noten, gleichzeitig aber auch nachhaltig und umweltfreundlich. Die aktuellen Scheine bestehen aus reiner Baumwolle. Britische Pfundnoten sind aus Polymer, einem langlebigen Kunststoff.

    Zudem dauert allein der Druck der Euro-Scheine, ebenfalls, sie in der Euro-Zone zu verteilen. Schließlich ist die Euro-Zone mit 20 Ländern und 350 Millionen Einwohnern ein sehr großer Währungsraum. Derzeit sind mehr als 29 Milliarden Banknoten im Wert von mehr als 1,5 Billionen Euro im Umlauf. Experten rechnen, dass es nach der Auswahl der Serie weitere zwei bis drei Jahre dauert, bevor die neuen Scheine eingeführt werden. Sie kämen dann 2029 in Umlauf. Möglicherweise ist dann auch gar nicht mehr so viel Bargeld nötig, denn in der Euro-Zone wird immer weniger bar gezahlt.

    Das Aussehen der aktuellen Euro-Banknoten stammt noch von der Jahrtausendwende. Der Euro wurde zum 1. Januar 2002 als Bargeld eingeführt. Zwischen 2013 und 2019 überarbeitete die EZB die Banknoten, sie bekamen neue Sicherheitsmerkmale. Damals wurde auch der 500er abgeschafft.

    Der Euro ist nicht nur in der Euro-Zone Zahlungsmittel, sondern auch in Andorra, Monaco, San Marino und Vatikanstaat, die auch selbst Münzen prägen dürfen. Im Kosovo und in Montenegro wird in Euro bezahlt. Die Währungen vieler afrikanischer Staaten sind an die Währung gekoppelt. Zuletzt trat Kroatien der Euro-Zone bei. Bulgarien plant es zum 1. Januar 2026.

  • Schottischer Wasserstoff für Deutschland

    Windstrom aus der Nordsee soll das Gas erzeugen

    Im Zuge der Energiewende soll Wasserstoff das klassische Erdgas in der deutschen Industrie ablösen. Unklar ist noch, wer die nötigen Mengen liefern kann. Projekte sind unter anderem mit Kanada, Namibia und den Vereinigten Arabischen Emiraten beschlossen. Doch ein großer Lieferant liegt viel näher: Schottland, bisher für Öl- und Gasförderung bekannt.

    „Wir werden mehr Strom erzeugen, als wir verbrauchen können“, sagt Gillian Martin, schottische Energieministerin. „Mit dem überschüssigen Strom produzieren wir grünen Wasserstoff. Und den können wir nach Deutschland liefern.“ Mit Bayern, Baden-Württemberg, Hamburg und Nordrhein-Westfalen sowie der Bundesregierung sind bereits Abkommen unterzeichnet. Der Bedarf ist riesig, nach Zahlen der Deutschen Energieagentur Dena braucht Deutschland 2030 rund 66 Terawattstunden Wasserstoff, ein Großteil muss importiert werden. Schottland könnte dann mehr als die Hälfte liefern.

    Innerhalb Großbritanniens ist die Region weitgehend unabhängig, mit teils eigenen Gesetzen. So unterscheidet sich auch die Energiepolitik. Das Land will 2045 klimaneutral sein, lehnt Atomenergie und Fracking an Land ab und baut in großem Stil Windenergie aus. Denn Wind weht reichlich im hohen britischen Norden. Geplant sind zahlreiche feste und schwimmende Windparks mit mehr als 40 Gigawatt (GW) Leistung, vor allem vor der Ostküste und im Nordwesten. Windkraftanlagen mit drei GW Leistung liefern bereits Strom. An Land sind bereits gut zehn GW Leistung installiert. In Deutschland laufen nach Angaben des Windenergieverbands BWE zurzeit Windanlagen mit einer Leistung von insgesamt 63,5 GW.

    Selbst wenn Schottland mit dem Windstrom noch Teile Englands versorgt, wird einiges übrigbleiben, dass in Wasserstoff umgewandelt werden soll. „Bereits heute wird Wasserstoff an zahlreichen Orten hergestellt, allerdings in kleinem Maßstab“, sagt Energieministerin Martin, etwa auf den nördlich des Festlands gelegenen Orkney-Inseln oder in Aberdeen, der Ölhauptstadt Schottlands. Mit Wasserstoff, so die Idee, kann das Land das Öl und Gasgeschäft ablösen. Die Quellen in der Nordsee, die Großbritannien Jahrzehnte lang Geld einbrachten, versiegen langsam. Die fossile Industrie bietet einen Vorteile: Offshore-Personal und Infrastruktur vor der Küste.

    Transportiert werden solle der Wasserstoff zunächst per Schiff, sagt die Energieministerin. „Wir hoffen auf eine Pipeline, die von Schottland über Nordengland nach Deutschland verläuft.“ Denn Transport durch eine Leitung ist deutlich günstiger. Dann wäre der schottische Wasserstoff auch billiger als Gas etwa aus Kanada. Eine Studie im Auftrag des staatlichen Net Zero Technology Centers in Aberdeen schätzt, die Pipeline könnte rund 3,1 Milliarden Euro kosten. Endpunkt wäre Emden in Niedersachsen.

    Projekte gibt es bereits: Hylion, gesteuert von MHP, eine Beratungsfirma aus dem Porsche-Konzern. Zu den Partnern gehören Siemens Energy, der Baukonzern Bilfinger und der Industriegase-Spezialist Messer Group. Bis die Pipeline fertig ist, soll der Wasserstoff mit besonderen Kühlcontainern per Lastwagen, Zug und Schiff transportiert werden. Als Umschlaghafen in Deutschland ist Duisburg vorgesehen. LH2Europe in Amsterdam, gegründet von ehemaligen Ölmanagern, plant, flüssigen Wasserstoff zunächst per Schiff nach Deutschland zu bringen.

    Mit der Pipeline kann es noch dauern, wie auch Schottlands Energieministerin weiß. „Eine Pipeline kostet sehr viel Geld. Das kann kein Land allein stemmen“, sagt sie. „Wir sind aber jetzt zuversichtlicher als in den vergangenen Jahren, dass es vorangeht.“ Ein Problem aus Sicht der Schotten, die den Ausstieg Großbritanniens aus der EU für falsch hielten: Für Außenhandel ist die britische Regierung in London zuständig. Dort hat Labour nach Jahren die Konservativen abgelöst. Offenbar steigen die Chancen auf die Pipeline, weil die neue Regierung sich der EU annähert. „Es ist alles da“, sagt Martin mit Blick auf London und Brüssel. „Wir brauchen den politischen Willen zu handeln.“

    Was auf ein anderes Problem im Zusammenhang mit Wasserstoff weist: Sehr viel ist Projekt, wenig ist tatsächlich umgesetzt. Das gilt für die deutsche Wasserstoffstrategie und die Pläne für ein tausende Kilometer langes Leitungsnetz durch die Bundesrepublik genauso wie für Schottlands Wasserstoffziele. „Technologien sind da, der Markt muss sich entwickeln“, sagt die Energieministerin. Im Klartext: Theoretisch ist die Nachfrage hoch, theoretisch lässt sich Angebot schaffen. Aber viele warten ab. Zu hoch sind die Investitionssummen, die Risiken.

    Abgesehen davon haben die Schotten große Konkurrenz. Deutschland hat bereits mit Namibia, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kanada über grünen Wasserstoff gesprochen. In Namibia und den Emiraten soll Strom aus Solarkraftwerken den grünen Wasserstoff erzeugen. An der kanadischen Westküste ist ein Windpark geplant.

    Noch gibt es nur Absichtserklärungen, wie jene, die Deutschland, Italien und Österreich mit Algerien und Tunesien gerade geschlossen haben. In diesem Fall geht es um eine 3500 bis 4000 Kilometer lange Pipeline, mit der grüner Wasserstoff aus Nordafrika nach Süd- und Zentraleuropa fließen soll. Für die 3250 Kilometer des europäischen Teils sollen bestehende Gaspipelines umgerüstet werden. Derzeit bekommt Italien Erdgas aus Algerien durch die Transmed-Pipeline.

  • Strahlende Zukunft

    Fragen und Antworten zur Atomenergie

    Weltweit steigt der Energiehunger. Je wohlhabender die Menschen werden, desto mehr Strom benötigen sie. Die Zahl der E-Autos steigt rasant. Größter Verbraucher dürften Rechenzentren für künstliche Intelligenz sein. Microsoft will deshalb ein abgeschaltetes US-Atomkraftwerk wieder hochfahren lassen. Und für Deutschland denken Union, FDP und AfD im Wahlkampf über neue Anlagen nach.

    Welche Vorteile hat Atomkraft?

    Atomkraft liefert Strom unabhängig vom Wetter. Sie ist etwas unabhängiger von den Weltmarktpreisen als Kohle und Gas, die für entsprechende Kraftwerke eingeführt werden müssen. Atomkraftwerkle stoßen im Betrieb kein CO2 aus und belasten das Klima deshalb nicht. Sie erzeugen ununterbrochen und gleichmäßig Strom.

    Welche Nachteile hat Atomkraft?

    Akw sind unflexibel, können nicht nach Belieben an- und ausgeschaltet werden. Der Strom ist im Vergleich zu dem aus erneuerbaren Energien teurer. Eine Havarie kann lebensbedrohlich sein. Die verbrauchten Brennstäbe, der Atommüll, müssen aufwändig gelagert werden und sind lebensgefährlich.

    Was ist dran an der Renaissance der Atomkraft?

    Die Internationale Energie Agentur erkannte in einem Bericht Mitte Januar eine Wiedergeburt der Atomenergie. Es werde viel Geld investiert, der hohe Energiebedarf befeuere, zudem böten neuartige kleine und in Masse hergestellte Reaktoren (SMR) neue Chancen. In Europa wollen Länder wie Polen und Großbritannien neue Akw bauen – alles bisher nur Pläne. Der World Nuclear Industry Status Report 2024 berichtet, dass 2023 gut 9,1 Prozent des Stroms weltweit aus Atomenergie stammten, 1996 waren es noch 17,5 Prozent. Zwischen 2004 und 2023 wurden 102 neue Reaktoren gebaut, davon 49 in China, und 104 stillgelegt. 2024 nahm die weltweit installierte Leistung aus Atomkraftwerken um 4.3 Gigawatt zu. Allein China erweiterte in den ersten neun Monaten seinen Solarpark um eine Leistung von rund 161 Gigawatt.

    Wie viele Akw sind weltweit in Betrieb?

    Anfang des Jahres lieferten dem Nuklearbericht zufolge weltweit 411 Atomreaktoren Strom, zwei weniger als ein Jahr zuvor. Installiert sind rund 372 Gigawatt Leistung. Die meisten Anlagen laufen in den USA (94), dort liefern sie zwischen 18 und 19 Prozent allen Stroms. Frankreich mit 57 Reaktoren bezieht 65 Prozent des Stroms aus Atomenergie, China (59) rund fünf Prozent. Neugebaut wird vor allem in Asien. In Europa entstehen derzeit nur zwei neue Reaktoren: Im Südwesten Englands laufen seit 2017 die Arbeiten für Hinkley Point C.

    Kann Deutschland wieder in die Atomkraft einsteigen?

    2011 beschloss die Bundesregierung, damals getragen von Union und FDP, die letzten deutschen Atomkraftwerke bis Ende 2022 vom Netz zu nehmen. Die letzten drei Anlagen, Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim liefen noch bis April 2023. So wie der Ausstieg ließe sich auch der Einstieg politisch beschließen, die Gesetze könnten geändert werden. Ob ein Bau in Deutschland angesichts der aufwändigen Verfahren genehmigt würde, ist unklar.

    Lassen sich die abgeschalteten deutschen Akw wieder hochfahren?

    Im Prinzip ja, zumindest die sechs, die zuletzt abgeschaltet wurden. Allerdings haben die ehemaligen Betreiber bereits mit dem Abriss begonnen, etwa von Turbinen, Dampfgeneratoren, Leitungen. „Technisch kann man viel machen, alles eine Frage von Zeit und Geld und, ob es sich überhaupt rechnet“, sagt ein Experte, der nicht genannt werden will. Bei den Akw Brokdorf an der Elbe und Emsland in Niedersachsen wäre der Aufwand am geringsten. Sie haben die Rückbaugenehmigung erst vor wenigen Monaten erhalten. Unklar ist, ob ein solches Kraftwerk eine neue Betriebsgenehmigung mit strengen Prüfungen benötigt. Der Experte erwartet Kosten von mindestens 0,5 bis eine Milliarde Euro, um ein Kraftwerk wieder fit zu machen. Bis es wieder am Netz sei, vergingen bis zu fünf Jahre, weil Personal ausgebildet werden müsse.

    Welche Firmen bauen Akw?

    Weltweit liefern im Wesentlichen fünf große Firmen Atomreaktoren: der chinesische Staatskonzern CNNC, der französische Staatskonzern EdF, das japanische Unternehmen Hitachi. ein Tochterunternehmen der russischen Atombehörde Rosatom und das US-Unternehmen Westinghouse, das dem Finanzinvestor Brookfield und dem Brennelementehersteller Cameco (beide Kanada) gehört.

    Wie lange dauert der Bau eines neuen Akw?

    Im vergangenen Jahrzehnt dauerte der Bau eine Atomkraftwerks im Schnitt knapp zehn Jahre, Planung und Genehmigung nicht eingeschlossen. Allerdings hängt es sehr stark vom Einzelfall ab. Beim dritten Reaktor im finnischen Olkiluoto waren 16,6 Jahre vom ersten Spatenstich bis zur Stromlieferung nötig, geplant waren 4,2 Jahre. Der Doppelreaktor im britischen Hinkley Point C sollte 2023 nach zehn Jahren Bauzeit ans Netz, derzeit wird mit 2031 gerechnet. Die Arbeiten am französischen Reaktor Flamanville-3 in der Normandie begannen 2007, der Probebetrieb soll in diesem Jahr starten. Geplant war 2012. Dem Nuklearreport zufolge verzögern sich fast die Hälfte aller Akw-Projekte weltweit. China schafft es, neue Reaktoren in knapp über sieben Jahren zu bauen. Der Staat nimmt wenig Rücksicht auf die Bevölkerung, wenn er plant und baut.

    Was kostet ein neues Atomkraftwerk?

    Je nach Größe und Technologie unterscheiden sich auch die Kosten. Die beiden Reaktoren in Hinkley Point C haben eine Leistung von zusammen 3,2 Gigawatt, die Technologie stammt vom französischen Staatskonzern EdF. Die Kosten werden derzeit mit 57 Milliarden Euro beziffert, geplant waren 19 Milliarden Euro. Olkiluoto-3 (1,6 Gigawatt Leistung, seit 2022 am Netz) kostete rund elf Milliarden Euro, geschätzt waren 4,5 Milliarden Euro. Gebaut haben die EdF-Tochter Framatome (Reaktor) und Siemens (konventioneller Teil). Flamanville-3 (ebenfalls von EdF) kostet geschätzt 23,7 Milliarden Euro statt der geplanten 3,3 Milliarden Euro. Und Hinkley Point C, derzeit das größte Akw-Projekt Europas, sollte ursprünglich (2013) umgerechnet 19 Milliarden Euro kosten. Im Januar 2024 schätzt EdF die Kosten auf umgerechnet bis zu 57,5 Milliarden Euro.

    Wie teuer ist Atomstrom?

    Die US-Investmentbank Lazard schätzt jedes Jahr für die USA, was es kostet, eine Kilowattstunde Strom zu erzeugen. Für Atomenergie waren danach 2024 im Schnitt 18,2 US-Cent nötig. Gas kam auf 16,9 US-Cent. Solarstrom kostete 6,1 US-Cent, Windstrom 5,0 US-Cent. Das es billiger wird, ist unwahrscheinlich. Christian von Hirschhausen, Wirtschaftsprofessor an der Technischen Universität Berlin, schreibt in seinem Buch zur Atomenergie: „Fehlende Wirtschaftlichkeit und steigende Kosten dominieren die kommerzielle Kernkraftwirtschaft bis heute.“ Deshalb steht hinter praktisch allen Neubauten weltweit der Staat.

    Was sagen die ehemaligen Betreiber der deutschen Atomkraftwerke?

    Die vier ehemaligen Akw-Betreiber EnBW, Eon, RWE und Vattenfall haben mit Kernenergie in Deutschland abgeschlossen. EnBW und RWE investieren kräftig in erneuerbare Energien. Eon hat sich zum Netzbetreiber und Stromvertrieb gewandelt. Vattenfall konzentriert sich auf Strom aus erneuerbaren Quellen und das Endkundengeschäft. „Atomkraftwerke rechnen sich nicht und sind deshalb uninteressant“, sagt ein hochrangiger Manager aus der Branche, der nicht genannt werden möchte.

    Was versprechen neuartige kleine Akw, sogenannte SMR?

    SMR sind kleine Reaktoren mit einer Leistung von bis zu 300 Megawatt. Die Idee: Werden wesentliche Teile standardisiert und in Masse gefertigt, lassen sie sich billiger herstellen. Statt einer großen Anlage könnten dann dezentral viele kleine aufgestellt werden. Weltweit werden verschiedene Konzepte verfolgt, meist handelt es sich um kleine Versionen von Akw mit bewährter Technik. Prominentester Entwickler ist sicherlich der britische Triebwerksbauer Rolls-Royce. Innovativere Ansätze arbeiten zum Beispiel mit flüssigem Uran und flüssigem Blei als Kühlmittel wie die deutsche Firme Dualfluid. Manche wollen Atommüll als Brennstoff benutzen.

    Wann können solche SMR einsatzbereit sein und was kosten sie?

    Viele dieser Konzepte sind nur Theorie. In großem Maßstab gebaut wurden bisher keine dieser neuartigen Reaktoren, geschweige denn kommerziell betrieben. „Die Lücke zwischen der Begeisterung für SMR und der industriellen Realität wächst weiter“, befinden die Experten des Nuklearreports. Neuen Auftrieb bekamen die Verfechter der SMR kürzlich durch den britischen Premierminister Keir Starmer. Er will solche Anlagen überall in England und Wales zulassen und das Planungsrecht radikal vereinfachen. Bisher können Akw nur an acht Standorten gebaut werden. Starmer möchte energiehungrige Technologieunternehmen anziehen, die sehr viel Strom für Rechenzentren benötigen. In den USA denken Amazon, Google und Microsoft bereits darüber nach, Atomenergie zu nutzen. Dass weltweit bisher keine kommerziellen SMR laufen, stört weder Starmer noch die Technologiekonzerne.

    Wie viel Atommüll gibt es in Deutschland und was soll damit geschehen?

    Während des Betriebs der deutschen Akw sind rund 27.000 Kubikmeter hochradioaktiver Atommüll angefallen. Er soll tief unter der Erde verstaut werden. Einen geeigneten Standort sucht die Bundesgesellschaft für Endlagerung. Er wird frühestens in 20 Jahren feststehen. Ursprünglich sollte 2031 ein Standort benannt werden, zuletzt war in einer Studie des Öko-Instituts im Auftrag des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung sogar von 2074 die Rede. Jahrzehnte lang war ein Salzstock in Gorleben als Endlager vorgesehen. Der Standort war vor allem politisch gewählt. Er erwies sich 2020 endgültig als nicht geeignet, das entsprechende Erkundungsbergwerk wird stillgelegt. Derzeit lagert der Atommüll an den ehemaligen Kraftwerken und in den Zwischenlagern Ahaus (Nordrhein-Westfalen) und Gorleben (Niedersachsen).

    Wer hat das Endlagerproblem bereits gelöst?

    Finnland ist das einzige Land der Welt, das bereits über ein Endlager verfügt. Seit August 2024 läuft der Probebetrieb in der Anlage. Betreiber Posiva spricht davon, Mitte des Jahrzehnts erste Brennstäbe einzulagern. Möglicherweise ist es in diesem Jahr soweit. Schweden baut ein Endlager nahe des Atomkraftwerks Forsmark. Die Schweiz erkundet das Gestein in Nördlich Lägern nahe der deutschen Grenze. Frankreich setzt auf ein Endlager in Bure im Osten des Landes, derzeit wird untersucht. Großbritannien hatte einen Standort benannt, die Entscheidung dann aber zurückgezogen. Derzeit ist alles offen.

  • „Das Paket ist gut“

    Beim Weltwirtschaftsforum in Davos kann man sehen, dass viele Unternehmen das Programm des neuen US-Präsidenten gar nicht so schlecht finden.

    Der Chef von Coca-Cola reagierte amüsiert. „Warum sollte ich das nicht gut finden?“, fragte James Quincey beim Weltwirtschaftsforum in Davos. „Ich hoffe, es wird klappen“, gab er seine Einschätzung zur annoncierten Wirtschaftspolitik des neuen US-Präsidenten Donald Trump bekannt. Er hoffe auf zusätzliches Wachstum der US-Wirtschaft in diesem Jahr: „Das Paket ist gut.“

    Der Kongress in der Schweiz ist eine Art Barometer der Weltwirtschaft und globalen Politik. Dort kann man sehen, wie sich Stimmungen der Weltelite bilden und verschieben. In diesem Jahr ist interessant zu beobachten, welche Position die Chefinnen und Chefs großer Unternehmen zur neuen US-Regierung einnehmen.

    Viele Firmen in den USA seien für 2025 optimistisch gestimmt, berichtete Rich Lesser, Vorstand der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG), in der Diskussionsrunde, in der auch der Coca-Cola-Chef saß. Die Manager freuten sich darauf, sagte Lesser, dass Trump die Gewinnsteuer senken, bestimmte Verwaltungsregeln einschränken und Bürokratie verringern wolle. Deshalb hofften die Firmen auf geringere Kosten und höhere Gewinne. Außerdem rechneten sie damit, dass die US-Notenbank die Zinsen weiter senke, was Kredite verbillige.

    Vicki Hollub, Vorstandsvorsitzende des Öl- und Erdgas-Förderers Occidental, ging außerdem davon aus, dass die Produktion fossiler Brennstoffe in der Folge der Trump-Politik zunehme und der Benzinpreis sinken könne – wenn nicht dieses Jahr, dann doch bald. Die Ankündigung, staatliche Regulierung zu beseitigen, begrüßte sie ebenfalls.

    Gegen diese optimistischen Annahmen sprechen aber teilweise die Zölle, die Trump gegen Importe aus China oder Europa verhängen will. Einerseits schützen sie zwar die US-Produktion, andererseits führen sie wahrscheinlich jedoch zu höheren Preisen, was die Inflation antreibt. Zweitens könnte es zu einem Mangel an Arbeitskräften kommen, wenn, wie Trump es will, weniger Einwanderer in die USA kommen. BCG-Chef Lesser bezeichnete diesen Teil des Trump-Programms als potenziell „besorgniserregend“. Die Auswirkungen der Zölle, die Trump verhängen will, würden schon nicht so schlimm ausfallen, meinte dagegen Coca-Cola-Chef Quincey.

    „Optimismus“ scheint die vorherrschende Stimmungslage zu sein. Das geht auch aus der neuen Umfrage unter Spitzenmanagern des Beratungsunternehmens PwC hervor. 60 Prozent der Vorstandsvorsitzenden rechnen dieses Jahr mit mehr Wirtschaftswachstum, gegenüber 38 Prozent 2024. Und ein zweiter Begriff wird in Davos oft verwendet, etwa von der Ökonomin Allison Schrager: „animal spirit“. Soll heißen: Weil Trump jetzt mal alles durchschüttelt, sehen Firmen neue Geschäftschancen.

    Solche Äußerungen stellen eine Fortsetzung dessen dar, was in den vergangenen Monaten zu beobachten war. Die Chefs mancher US-Konzerne suchten Trumps Nähe, unterstützten ihn, äußerten sich positiv zu seinen Plänen oder richteten ihre Unternehmenspolitik an seinen Vorstellungen aus. So kassierte Meta-Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ethische Kontrollen in seinem Netzwerk, was die Art von Meinungsfreiheit befördert, die der US-Präsident wünscht. Unternehmen handeln in erster Linie so, weil sie sich positive Auswirkungen für ihre Geschäfte erhoffen, wenn sie ein gutes Verhältnis zur US-Regierung pflegen. Politik und Ökonomie stärken sich so gegenseitig.

    Dieser Trend beeinflusst zunehmend auch die internationale Meinungsbildung. Das, was bisher eine dominante Interpretation der Wirklichkeit war, wird in Frage gestellt – und büßt vielleicht die Rolle als Leitbild ein. Auch das sieht man in Davos. So räumte Gill Einhorn, die Klima-Chefin des Forums ein, dass viele „Unternehmen und Individuen“ in der Klimapolitik den Rückwärtsgang einlegten. Fortschritte in Richtung Kohlendioxid-Reduzierung sehen sie nicht mehr als so wichtig an.

    Aber die Stimmung der Wirtschaft in dieser großen Auseinandersetzung ist nicht einheitlich. Beispielsweise Paul Achleitner, Ex-Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, grenzt sich von der Trump-Politik ab. „Jetzt erleben wir eine Supermacht, die sich unverblümt an den eigenen Interessen orientiert“, sagte Achleitner dem Spiegel.

    Kein Wunder: Viele Firmen werden unter der neuen US-amerikanischen Wirtschaftspolitik leiden. Zölle und andere Regularien werden ihren Zugang zum Markt der größten Wirtschaftsnation erschweren. Manche Vorhaben müssen sie gleich ganz beerdigen. Wenn Trump den Bau von neuen Windparks auf dem Meer per Dekret verbietet, um die Öl- und Gasproduktion zu günstigen, ist das für die komplette Ökoenergiebranche eine schlechte Nachricht. Gerade europäische Unternehmen müssen künftig mit Problemen rechnen, etwa die Auto-, Chemie-, Pharma- und Maschinenbauindustrie.

    Diesen potenziellen Verlierern stehen nun mehrere Reaktionen offen. Sie können sich teilweise anpassen und Kompromisse machen. Sie können aber auch Risikominimierung betreiben, einige Aktivitäten verlagern, neue Geschäftsbeziehungen aufbauen. Die südamerikanischen Staaten des Mercosur, mit denen die EU gerade das Handelsabkommen unterzeichnet hat, bieten sich als wichtigere Partner an. Oder auch Indien: In Davos kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen an, demnächst dorthin reisen zu wollen.

  • Die den Ring küssen

    Was die neue Präsidentschaft Donald Trumps für das Weltwirtschaftsforum in Davos bedeutet, das in dieser Woche stattfindet.

    Als US-Präsident Donald Trump zum Weltwirtschaftsforum nach Davos kam, brachte er seinen eigenen Hubschrauber und einen Tross von 2.000 Leuten mit. Tagelang waren die engen Straßen des Schweizer Bergorts mit gepanzerten Limousinen verstopft. Das war 2018.

    Nun freut sich Kongress-Chef Borge Brende, dass Trump zu Beginn seiner zweiten Amtszeit dieses Jahr wieder dabei ist. Wenn auch nicht persönlich, sondern per Video-Schalte. Am Donnerstag, 23. Januar, soll der US-Präsident eine Rede über die Bildschirme im großen Saal halten und danach mit Managern diskutieren.

    Das alljährliche Treffen der Wirtschafts- und Politikelite steht unter dem Motto „Zusammenarbeit im intelligenten Zeitalter“, womit vor allem die Künstliche Intelligenz gemeint ist. Weitere Themen unter anderem: die internationalen Kriege und Krisen, das schwache Wachstum der Weltwirtschaft und das Schicksal der Klimapolitik. Das Weltwirtschaftsforum (WEF) mit Sitz in Genf wirkt als Lobbyorganisation der größten Unternehmen der Welt, sieht sich als globaler Runder Tisch für die Zusammenarbeit von Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und organisiert den gleichnamigen Kongress in Davos. Wie jedes Jahr werden auch diesmal rund 3.000 Manager:innen und mehrere Dutzend Regierungschef:innen erwartet.

    Trump hasst Davos eigentlich. Denn das WEF ist das ökonomische und teils auch gesellschaftliche Gegenbild dessen, was er selbst propagiert. Der Kongress wurde zum Inbegriff der Globalisierung, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Fahrt aufnahm. Der weltweit möglichst freie Fluss von Waren, Kapital und Menschen widerspricht Trumps America First-Denken, das Ideal einer offenen, diversen Gesellschaft steht in scharfem Gegensatz zu seiner Idee, weißen Männern Vorrechte zu sichern. Den „Globalisten“ von Davos gibt Trump die Schuld für die Vernichtung von Industriearbeitersplätzen in den USA.

    Andererseits bietet das WEF Mächtigen wie Trump eine geniale Gelegenheit, ihre Botschaften direkt und persönlich an die Weltelite durchzustellen. Wo versammeln sich sonst so viele Entscheider:innen?

    Und einige von ihnen haben bereits vorher den Ring des Herrschers geküsst. Meta-Chef Mark Zuckerberg spendete einen großen Betrag für Trumps Amtseinführung und beseitigte ethische Kontrollen in seinen Netzwerken, Amazon-Gründer Jeff Besos verhinderte bei der ihm gehörenden Zeitung Washington Post die Wahlempfehlung für Trumps Konkurrentin Kamala Harris. Solche Änderungen der Unternehmenspolitik dürften sich auch auf das WEF auswirken. Zum Beispiel Meta und Amazon gehören zu den Partnern der Organisation, über die es auf deren Internetseite heißt: „Sie sind die treibende Kraft hinter dem Programm des Forums.“ Ob sich diese Entwicklung fortsetzt, wird in den kommenden Tagen in Davos zu beobachten sein.

    Der Prozess könnte das Weltwirtschaftsforum auch tiefer verändern. Um die Gewinninteressen ihrer Aktionäre und Investoren zu schützen, werden viele, wenn auch nicht alle Konzerne dem folgen, was Trump will – vorauseilend, in Anpassung an die Lage oder notgedrungen. Ein Beispiel: Der neue US-Präsident sagte, er wolle Windräder abreißen lassen. Dazu passt, dass sich die US-Bank JP Morgan Chase, ebenfalls eine WEF-Partnerin, kürzlich aus der Net-Zero Banking Alliance, einer Klimaschutz-Organisation der Vereinten Nationen, verabschiedet hat. Wenn das Schule macht, fließen weniger Investitionen in Kohlendioxid-sparende Techniken.

    Den Epochenwechsel hat WEF-Präsident Brende kürzlich so beschrieben: Nach dem Ende des Kalten Krieges 1989 habe drei Jahrzehnte eine relativ stabile internationale Ordnung geherrscht, die nun aber Konflikten und Konkurrenzen zum Opfer falle. Wie die neue Weltordnung aussehe, sei noch nicht klar, hoffentlich nicht ein Zustand des „Dschungels“, so Brende.

    Wenn das richtig ist, was passiert dann mit dem Gipfeltreffen einer Globalisierung, die jetzt in Machtblöcke zerfällt? Das WEF hat ein massives Problem. Gegründet zu Beginn der 1970er Jahre, wurde es in den 1990er Jahren richtig wichtig. Sein Motto lautet: „Verpflichtet den Zustand der Welt zu verbessern“. Es verbreitet die Botschaft, dass es eine für alle gute Globalisierung geben könne. Das stimmte in dieser Schlichtheit allerdings nie. Der stärkere wirtschaftliche Austausch war immer Verheißung und Bedrohung zugleich. Hunderte Millionen Menschen etwa in China und Indien ließen die Armut hinter sich, andererseits kam es zu neuer Ausbeutung, miesen Arbeitsbedingungen und Menschenrechtsverletzungen in den globalen Lieferketten der europäischen und nordamerikanischen Konzerne.

    Während die Machtblöcke nicht mehr zusammen-, sondern auseinanderrücken und die Globalisierung sich mindestens stark verändert, wird das WEF sein Motto der Weltverbesserung beibehalten. Gesprächsbedarf gibt es immer, vielleicht sogar mehr. Trotzdem könnten auch in Davos künftig eher egoistische als kooperative Lösungen auf der Tagesordnung stehen.

  • „Die USA werden unser Partner bleiben“

    Aber Europa wäre auch „gut beraten, für sich selbst zu sorgen“, sagt Geopolitik-Expertin Claudia Schmucker zum Weltwirtschaftsforum in Davos und der Amtseinführung Donald Trumps.

    Hannes Koch: Wenn am 20. Januar das Weltwirtschaftsforum in Davos beginnt, wird in Washington der neue US-Präsident Donald Trump ins Amt eingeführt. Keine gute Nachricht für Europa. Sollte und kann sich die EU unabhängiger machen von den USA?

    Claudia Schmucker: Die USA ist die größte Wirtschaftsmacht der Welt, Europa neben China die zweitgrößte. Dabei handeln Nordamerika und die EU als gleichberechtigte Partner, beide genießen die Vorteile dieses Austausches. In der Sicherheitspolitik sieht es dagegen anders aus: Da ist Europa abhängig von den USA und auf deren Schutz angewiesen. Deshalb erscheint es aus dieser Sicht insgesamt problematisch, die transatlantische Partnerschaft in Frage zu stellen. Parallel wäre Europa gut beraten, für sich selbst zu sorgen, indem es seinen Binnenmarkt ausbaut, um mehr von den eigenen Stärken zu profitieren.

    Koch: Die großen Wirtschaftsblöcke streben auseinander. Um Problemen mit China vorzubeugen, bauen hiesige Unternehmen deshalb Alternativen in anderen Ländern auf. Ist eine ähnliche Strategie der Risikominimierung auch gegenüber den USA nötig?

    Schmucker: Die EU pflegt zu Recht eine größere Nähe zu den USA als zu China, und auch unter der Präsidentschaft von Donald Trump werden die Vereinigten Staaten unser Partner bleiben. Gegenüber China bestehen dagegen kritische Abhängigkeiten, wie die Europäische Kommission schon vor Jahren feststellte, etwa bei Rohstoffen wie den sogenannten Seltenen Erden. Da müssen Europa und seine Unternehmen unabhängiger werden und sich andere oder zusätzliche Lieferanten suchen. Eine solche Risikominimierung spielt bei den USA keine Rolle.

    Koch: In entscheidenden Bereichen, etwa bei Hochleistungschips, Datenbanken und Künstlicher Intelligenz, ist Europa von US-Firmen abhängig. Erscheint es nicht dringend, über derart lebenswichtige Fähigkeiten auch selbst zu verfügen?

    Schmucker: Das kann man so sehen. Ein solches Ungleichgewicht ermöglicht es der US-Regierung grundsätzlich auch, Druck auf Europa auszuüben. Wer dem vorbeugen will, muss ähnliche Kapazitäten hier aufbauen. Politische und wirtschaftliche Initiativen in diese Richtung verlaufen in Europa aber gerne mal im Sande.

    Koch: Wie kann die EU ihre ökonomische Konkurrenzfähigkeit erneuern?

    Schmucker: Vor allem, indem sie den Binnenmarkt der 27 Staaten und 450 Millionen Bürgerinnen und Bürger stärkt. Weniger nationale Vorschriften, weniger Verwaltungsaufwand, mehr einheitliche Regeln für Banken und grenzüberschreitende Übernahmen von Unternehmen – solche Verbesserungen reduzieren die Kosten und schaffen finanziellen Spielraum für Investitionen. Die Firmen und Regierungen sollten auch deutlich mehr Mittel für Forschung und Entwicklung ausgeben.

    Koch: Die Europäer versuchen, ihre Verbindungen zu anderen Staaten zu stärken. So hat die EU-Kommission gerade das Abkommen mit den vier Ländern des südamerikanischen Mercosur-Marktes unterschrieben. Welche Regionen kommen noch in Frage?

    Schmucker: Auf jeden Fall Asien. Die EU sollte die Verhandlungen über die Freihandelsabkommen beispielsweise mit Indonesien, Thailand, Australien oder Indien vorantreiben, und zwar zügig.

    Koch: Aggressive Mächte wie Russland und China versuchen, ihren Einfluss auch in Europa geltend zumachen. Sollte die EU deshalb schnell die Staaten aufnehmen, die dies wünschen, besonders den Westbalkan?

    Schmucker: Die Erweiterung ist ein wichtiges Instrument. Auch dabei sollten die Verhandlungen schneller vorankommen. Die Verhandlungen mit Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien dauern leider viel zu lange. Seit geraumer Zeit laufen die Gespräche über die Mitgliedschaft mit der Republik Moldau, die unter starkem russischen Druck steht.

    Koch: Bisher agiert die EU im Schutz der amerikanischen Militärmacht. Aber funktioniert deren Abschreckung überhaupt noch?

    Schmucker: Ich gehe davon aus, dass Trump an der Nato festhält. Das weiß man jedoch nicht. Aus meiner Sicht gibt es keine Alternative zu dem Bündnis.

    Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sagt: „Wir müssen in dieser Welt Machtpolitik für die Demokratie machen.“ Richtig?

    Schmucker: Parallel zur Nato geht kein Weg daran vorbei, dass sich die Europäer mehr um ihre eigene Sicherheit kümmern. Das wird auch beinhalten, zum Beispiel Seewege zu sichern – und insgesamt höhere Militärausgaben erforderlich machen. Dieses Geld steht dann für andere Aufgaben nicht zur Verfügung.

    Claudia Schmucker leitet das Zentrum für Geopolitik, Geoökonomie und Technologie der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin.

  • Die Wasserrutsche entscheidet

    TUI-Deutschland-Chef über Trends und Rabatte

    Regen, Kälte und graue Wolken – der Januar erfreut gerade nur wenige. Dafür träumen viele von Sonne, Strand und blauem Himmel – vom Sommer. Reisen werden bereits seit Wochen angeboten. Wann sollte der Urlaub gebucht werden? Und wo ist es angesichts der gestiegenen Preise noch günstig?

    „Wer auf Ferien angewiesen ist, eine gute Flugzeit, ein bestimmtes Hotel, ein bestimmtes Zimmer haben möchte, sollte früh buchen“, sagt Benjamin Jacobi, Deutschland-Chef von TUI, Europas größtem Reiseveranstalter. „Wem egal ist, ob es Türkei, Griechenland, Spanien oder Portugal wird und ob der Flug von Berlin oder München geht, wird auch kurz vor Abreise etwas finden.“ Besonders günstig dürfte das nur im Einzelfall werden. „Was es nicht mehr so kurzfristig gibt wie vor Jahren noch, sind Schnäppchenpreise“, sagt Jacobi. Entsprechend hat sich das Buchungsverhalten geändert. Der Last-Minute-Trend sei heutzutage so nicht mehr da.

    Stattdessen locken Reiseanbieter wie Dertour, Alltours und TUI mit Frühbucherrabatten. Was die Kunden offenbar gut annehmen, vor allem Familien. Zur großen Rabattwoche Black Week im November hätten viele schon den Sommerurlaub 2025 klar gemacht, sagt Jacobi. Sogar der Winterurlaub 25/26 lässt sich schon buchen. Wer das früh findet: Den Briten bietet TUI bereits jetzt Reisen für Sommer 2026 an. Das Unternehmen mit Sitz in Hannover verkauft Pauschalreisen. Es betreibt mehr als 430 eigene Hotels und arbeitet mit Partnern zusammen. Rund 125 eigene Flugzeuge sollen die Urlauber ans Ziel bringen. Gemeinsam mit Royal Caribbean Cruises schickt das börsennotierte Unternehmen auch Kreuzfahrtschiffe um die Welt.

    89 Milliarden Euro gaben die Deutschen 2023 für längere Reisen aus, wie die Reiseanalyse 2024 der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen zeigt. Kurztrips bis zu vier Tage ließen sie sich noch einmal insgesamt 27 Milliarden Euro kosten. Allein mit TUI verreisten 2024 rund 7,9 Millionen Menschen aus dem deutschsprachigen Raum und Polen. Insgesamt waren 20,3 Millionen Urlauber. Tendenz steigend.

    „Dieser Sommer wird eine sehr, sehr gute Saison, wenn wir von den aktuellen Buchungszahlen ausgehen“, sagt Jacobi. Es gebe eine hohe Nachfrage bei den klassischen Zielen. Am beliebtesten für den Sommer sind der türkische Badeort Antalya, Mallorca und die griechische Insel Kreta. Anders als an anderen Ausgaben sparen die Deutschen bisher nicht, wenn es um Entspannung geht. „Die Deutschen geben im Urlaub eher mehr aus, gönnen sich eine Nacht zusätzlich, ein besseres Zimmer, ein besseres Hotel“, sagt der TUI-Deutschland-Chef.

    Überall ist es in den vergangenen Jahren auch wegen der Inflation teurer geworden. Wer genau aufs Geld schauen muss, wird Jacobi zufolge aber fündig. „Im Mittelmeerraum oder ähnlichen Regionen gibt es immer noch Ziele, die etwas günstiger sind als andere. Bulgarien und Tunesien gehören mit einem sehr guten Preis-Leistungs-Verhältnis dazu. Bei den größeren Zielen auch Ägypten und die Türkei.“ In den vier Ländern bekomme man in der Regel das meiste für den Euro. „Soll es etwas näher sein, kann auch die polnische Ostseeküste interessant sein.“

    Und wie viel Geld muss eine Familie in diesem Jahr ausgeben? „Was ein Familienurlaub mit Flug kostet, ist wegen der vielen Wahlmöglichkeiten schwer zu sagen“, sagt der Urlaubsmanager. „Für 1000 bis 1200 Euro pro Woche und Erwachsenem lässt es sich aber schon sehr gut erholen.“ Auf den Flug verzichten und lieber zwischen Alpen und Küste bleiben, kommt nicht unbedingt günstiger. „Ferienwohnung an der Ostsee, Einkaufen, Essen gehen, zwischendurch vielleicht ein Eis – am Ende ist der Urlaub in Deutschland mitunter genauso, wenn nicht sogar teurer als eine Flugreise in den Süden“, rechnet Jacobi vor. „Und im Mittelmeerraum ist das Wetter stabiler warm.“

    Nach oben sind den Wünschen fast keine Grenzen gesetzt. Das kann die 52-Tage-Kreuzfahrt von Triest nach Singapur ab 13.000 Euro sein, die TUI Cruises für den Herbst im Angebot hat. „Es gibt auch Kunden, die für eine Woche Emirate 60.000 Euro ausgeben. Und wir versuchen wir, auch Sonderwünsche zu erfüllen“, sagt Jacobi. Die Pauschalreise ist offenbar nicht mehr so standardisiert, wie viele denken.

    Eine Zeitlang sah es aus, als würden Reisebüros überflüssig. Der komplette Urlaub lässt sich schließlich über das Internet zusammenstellen und buchen. Es ist anders gekommen. „Die Reisebüros werden wieder wichtiger“, sagt der TUI-Manager. „Die Urlauber lassen sich beraten, damit der Urlaub gelingt. Schließlich ist eine Reise immer noch eine hohe Ausgabe für jeden Haushalt.“ Das Informationsbedürfnis sei hoch. „Mittlerweile geht es nicht mehr um die Frage, ob der Pool beheizt ist, sondern auf wie viel Grad.“ Wer das zu kleinteilig findet, kann einfach den Nachwuchs befragen. „Kinder würden Hotels komplett nach der Wasserrutsche aussuchen“, sagt Jacobi. „Unsere Hotelpartner in Griechenland bauen sogar gemeinsam neue Wasserparks.“

    Gerade am Mittelmeer schwitzten in den vergangenen Jahren Urlauber wegen Hitzewellen. Einen großen Trend Richtung Norden kann der TUI-Deutschland-Chef dennoch nicht erkennen. „Wir sehen hohe Wachstumsraten in den skandinavischen Ländern, aber von eher geringem Niveau. Es geht um ein paar tausend Gäste“, sagt er. „In Griechenland allein sind wir im Konzern von 2,9 Millionen auf 3,1 Millionen Gäste gewachsen.“

  • Fehler im Geschäftsmodell

    Kommentar zur schrumpfenden Wirtschaftsleistung

    Fehler im Geschäftsmodell

    Von Björn Hartmann

    Jetzt ist es amtliche. Deutschland steckt in einer Rezession. Das Bruttoinlandsprodukt ist 2024 geschätzt um 0,2 Prozent gesunken. Bereits 2023 schrumpfte es. Viele Experten hatten das Minus erwartet. Wahrscheinlich werden zahlreiche Politiker wieder auf eigene Konzepte verweisen, mit denen alles besser wird, oder die Ideen der Konkurrenz schlecht reden. Dabei lassen sich wesentliche Gründe für das Minus kaum politisch lösen. Deutschlands Geschäftsmodell schwächelt ganz grundsätzlich.

    Die Bundesrepublik ist exportorientiert, wir leben davon, unsere Spitzenprodukte weltweit zu verkaufen. Weltpolitisch schwindet der freie Markt aber gerade. China setzt vor allem auf sich. Die USA schotten sich ab, drohen lieber mit Zöllen, einer Methode aus der wirtschaftspolitischen Mottenkiste, statt sich auf Wettbewerb zu verlassen.

    Auch hier hakt es. China hat bei Paradebranchen wie Maschinenbau aufgeholt, in Teilen sogar überholt. Das zeigt sich vor allem in der Autoindustrie. Deutsche Firmen mögen tolle Fahrzeuge im Angebot haben, sie sind aber am Markt vorbei entwickelt. Die Kunden weltweit wollen andere. Das wäre kein großes Problem, stünde die Branche mit ihren Zulieferern nicht für einen sehr wesentlichen Teil der deutschen Wirtschaftskraft.

    Zu alldem kommen zaghafte Verbraucher im Inland. Sie haben zwar wegen Lohnerhöhungen mehr Geld zur Verfügung, sparen aber lieber, als es auszugeben. Es könnten schlechtere Zeiten kommen. Viele fürchten auch die Rückkehr hoher Inflationsraten. 2022 und 2023 stiegen die Preise kräftig. Weil die Europäische Zentralbank die Leitzinsen anhob, um die Inflation zu bekämpfen, verteuerten sich Kredite. Das hält Firmen davon ab, zu investieren. Was sich politisch immerhin zum Teil beeinflussen lässt, sind die hohen Energiepreise in Deutschland.

    Der Schluss, die Autoindustrie zu schützen, gar zu versuchen, das Gestern zu zementieren, wird alles schlimmer machen, weil es neue Ideen blockiert. Besser ist es, den Strukturwandel politisch zurückhaltend zu begleiten. Das wird erst einmal schwierig, lohnt sich aber auf lange Sicht.

  • Ein Gewinn für beide Seiten

    Wohnen für Hilfe verschafft Studenten ein Dach über dem Kopf ältere Menschen Unterstützung im Haushalt. Angesichts des Wohnraummangels sind gute Ideen für das Wohnen im Alter gefragt.

    Wolfgang Mulke

    Ein wichtiger Zukunftswunsch ist in der Generation der Babyboomer weit verbreitet. Sieben von zehn Befragten wollen auf jeden Fall möglichst lange in der eigenen Wohnung bleiben. Selbständig zu bleiben steht dieser von der Apotheken-Rundschau 2022 veröffentlichten Umfrage nach hoch im Kurs. Immerhin jeder dritte kann sich vorstellen, dafür auch einen Teil der bei vielen nach dem Auszug der Kinder zu großen Wohnung an junge Leute unterzuvermieten. Das wäre angesichts der Wohnraummisere in den Ballungsgebieten wohl auch für alle Beteiligten hilfreich. 

    Alternative Wohnformen könnten auch aus einem anderen Grund zu einer längeren Selbständigkeit im Alter verhelfen. Denn der Generation zwischen 55 und 65 Jahren ist längst bewusst geworden, dass Unterstützung oder gar Pflege teuer wird und von Personalmangel gekennzeichnet ist. Das Modell „Wohnen für Hilfe“ ist zumindest für die Unterstützung im Alter ein Lösungsansatz für die anstehende Herausforderung. „Ältere Menschen nehmen Jüngere bei sich auf und sie wohnen zusammen“, beschreibt der Ökonom Daniel Fuhrhop das einfache Prinzip.

    Statt eine Untermiete zu bezahlen, helfen die Jüngeren im Alltag. Allenfalls eine kleine finanzielle Beteiligung an den Nebenkosten der Wohnung kann es sie kosten. Es geht dabei nicht um eine Pflege der Älteren, sondern um kleinere Aufgaben wie den Einkauf oder ein Gesellschaft am Abend. „Als Faustregel gilt: Pro Quadratmeter bezogenen Wohnraum eine Stunde Hilfe pro Monat“, erläutert das Deutsche Studierendenwerk. Bei einem 15 Quadratmeter großen Zimmer kämen im Monat 15 Stunden Hilfe zusammen. Gerade für Studierende kann dieses Modell attraktiv sein, sind sie doch in den Uni-Städten besonders stark vom Wohnraummangel betroffen.

    So sind es auch überwiegend Studierendenwerke, die Wohnen für Hilfe vermitteln. Es gibt darüber hinaus auch private Agenturen, die sich des Themas angenommen haben. Weit verbreitet ist diese Form des Gemeinschaftswohnens in Deutschland noch nicht. Die Bundesregierung ging in einem Bericht an den Bundesrechnungshof von rund 50.000 Fällen aus. Die Kassenprüfer haben sich wegen einer ungelösten Steuerfrage mit dem Thema beschäftigt. 

    Denn je nach Sichtweise kommt die Hilfe einem Minijob gleich und wäre dann auch steuerpflichtig. Eigentlich wollte der Bundestag schon 2019 eine Befreiung von der Einkommensteuer beschließen. Doch der Gesetzentwurf wurde dann doch nicht beschlossen. Der Rechnungshof forderte im vergangenen Sommer eine rechtliche Klarstellung der Steuerfrage. Doch das hat die Ampel nicht mehr zuwege gebracht. Auch das zeigt, dass das Wohnen für Hilfe noch in den Kinderschuhen steckt.

    In anderen Ländern ist man da schon weiter, wie Fuhrhop berichtet. International lautet der Fachbegriff dafür Homeshare, Vermittlungsprogramme zum Teilen des Wohnraums. Der Wissenschaftler erforscht neue Wohnformen und berät auch Kommunen beim Aufbau von sozialen Programmen zur Mobilisierung ungenutzten Wohnraums. „Das deutsche Modell wird leider oft nur nebenbei betrieben und professionelle Rahmenbedingungen fehlen“, beobachtet er. Daher bliebe Erfolge aus. Anders sieht es zum Beispiel in Brüssel aus. Eine Agentur dort vermittelt laut Fuhrhop jährlich 400 Wohnpaare im Jahr. Der Experte plädiert auch an die deutsche Politik, ebenfalls professionelle Vermittlungsstrukturen aufzubauen.

    Überall in Deutschland machen sich die Boomer Gedanken über ihre Wohnzukunft. Guter Rat muss erst einmal nicht teuer sein. Dafür ist Bettina Held ein Beispiel. Sie berät nach dem Beispiel der Kölner „Wohnschule“ Ältere bei ihrer Suche nach einer passenden Wohnform in den späten Lebensjahren. „Mein Ansatz ist, sorgende Gemeinschaften zu bilden“, sagt die studierte Kunsthistorikerin und heutige Rentnerin. Das trifft auch die Bedürfnisse der Teilnehmer. 

    Schnell stellt sich heraus, dass Wohngemeinschaften weniger attraktiv erscheinen. Auf das eigene Bad und die eigene Küche will niemand verzichten. Die Mieter größerer Wohnungen können sich allenfalls vorstellen, ein Zimmer unterzuvermieten oder gegen Hilfe eine jungen Menschen aufzunehmen. „Man könnte gemeinsam einen großen Raum mieten, den alle gut erreichen können“, lautet ein Vorschlag. Dort könnten dann zum Beispiel Partys oder Spieleabende veranstaltet werden, für die in kleineren Wohnungen nicht mehr genügend Platz wäre. Soziale Kontakte stehen für alle ganz oben auf der Wunschliste zum Leben im Alter.

    Aber zunächst geht es in einer kleinen Runde von Mietern um die ersten wichtigen Fragen rund um das Wohnen im Alter. Acht Interessenten sind hier zusammengekommen, um sich zu informieren und auszutauschen. Die Wohnschule fragt nach dem Platzbedarf, den Wohnwünschen oder auch den materiellen Bedürfnissen. Denn wer den Umzug in eine kleinere Wohnung ins Auge fasst, muss sich oft von vielen Dingen trennen. „Mich würde interessieren, ob Ihr einen Plan habt“, sagt die Expertin. Es sei wichtig, sich frühzeitig darum zu kümmern: „Sonst steht man nachher da und muss nehmen, was gerade kommt“.

    Einer gewissen Dringlichkeit sind sich die meisten Teilnehmer bewusst. Die Mehrheit wohnt in Altbauten ohne Aufzug ganz oben. „Die fünf Stockwerke schaffe ich irgendwann nicht mehr“, sagt einer. Doch in einem so angespannten Wohnungsmarkt wie Berlin sind Alternativen Mangelware. „Es muss eine Wohnung sein, die man auch im hohen Alter gut erreichen kann“, ergänzt eine andere Mieterin, „manche scheitern da schon an fünf Stufen.“ 

    An den realen Bedingungen auf dem Wohnungsmarkt können alle Wünsche schnell scheitern. Kleinere Wohnungen sind oft bei Neuvermietungen so teuer, dass sich ein Umzug finanziell nicht auszahlt. „Alle gemeinnützigen Träger haben ihre Wartelisten geschlossen“, beobachtet Expertin Held. Von der Politik komme kaum Unterstützung für neue Wohnmodelle, kritisiert sie. Der Abend in der Wohnschule endet mit der Erkenntnis, dass eigenes Engagement wohl das wichtigste Kapital für ein zufriedenes Wohnen im Alter zu ermöglichen. Mehr zum Konzept der Wohnschule gibt es im Internet unter www.wohnschule.com . Entsprechende Beratungen gibt es inzwischen in vielen Städten.