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  • Deutsche Unternehmen sollen Sorge tragen

    700 Tote nach Fabrikeinsturz in Bangladesch – stärkere Sorgfaltspflicht für deutsche Firmen könnte helfen, solche Unfälle zu verhindern

    Die Zahl der Toten ist mittlerweile auf mehr als 700 gestiegen. Gegen den Fabrikbesitzer läuft ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes. Das ist die bisherige Bilanz des Einsturzes einer Textilfabrik in Bangladesch, in der wohl auch Kleidung für Deutschland genäht wurde.

    Diese Katastrophe scheint weit weg. Doch zur Diskussion steht in solchen Fällen auch die Verantwortung der Auftraggeber, beispielsweise des deutschen Textil-Discounters KiK. Wie das Unternehmen gegenüber dem Norddeutschen Rundfunk inzwischen einräumt hat, sind in dem eingestürzten Gebäude bis Jahresanfang Produkte für KiK gefertigt worden. Der NDR-Redaktion Panorama liegt das Foto einer Bluse der „Verona Pooth Kollektion 2013“ vor, die aus den Trümmern der eingestürzten Fabrik stammen soll. Das offenbar illegal um mehrere Stockwerke erhöhte Gebäude brach kürzlich zusammen.

    Immer wieder kommt es zu Unfällen oder schweren sozialen Missständen in der Zulieferkette deutscher Unternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern. So starben im vergangenen Jahr mehrere hundert Arbeiterinnen und Arbeiter beim Brand einer Textilfabrik in Pakistan, die ebenfalls für KiK nähte.

    Die kurzfristige Empörung ist jedes Mal groß. Aber wie lässt sich so etwas grundsätzlich verhindern? Christian Lahnstein vom Rückversicherer Munic Re beobachtet seit vielen Jahren die weltweiten Entwicklungen des Haftungs- und Versicherungsrechtes. Er regt an: „Firmen wie KiK sollten von ihren Zulieferfirmen einen Nachweis verlangen, dass diese eine lokale Betriebshaftpflichtversicherung in ausreichender Höhe abgeschlossen haben.“

    Heute ist dies kaum der Fall. Zwei Varianten bieten sich an: Entweder verlangen Unternehmen wie KiK freiwillig, dass ihre Zulieferer Versicherungsverträge unterschreiben. Oder der Bundestag beschließt eine Gesetzesänderung, die dies erzwingt. Für die Arbeiterinnen der eingestürzten Fabrik in Bangladesch könnte eine solche Regelung wesentliche Verbesserungen bewirken. Auf dieser Basis wären sie eher in der Lage, Schmerzensgeld und Entschädigungen zu erstreiten.

    Aber ist das nicht nur ein merkwürdiger Vorschlag eines Versicherungsunternehmens, das mit derartigen Risiken Geld verdient? Lahnstein sieht das nicht so. Er argumentiert: Wenn obligatorische Betriebshaftpflichtversicherungen existierten, würden die lokalen Versicherungsunternehmen eher darauf achten, dass die Fabriken die Sicherheits- und Arbeitsschutzregeln einhalten. Schließlich wollen sie die finanziellen Belastungen aus Schadensfällen so gering wie möglich halten. Die Hoffnung: Dass Fabrikbesitzer marode Gebäude illegal aufstocken oder Notausgänge unpassierbar machen, käme dann seltener vor.

    Juristin Miriam Saage-Maaß von der Menschenrechtsorganisation ECCHR in Berlin (European Center für Constitutional and Human Rights) sieht einen Handlungsbedarf dagegen stärker bei der deutschen Politik. Sie fordert, dass Bundestag und Bundesregierung Unternehmen wie KiK verstärkte Sorgfaltspflichten auferlegen sollten.

    „Die Sorgfaltspflicht des ordentlichen Kaufmanns ist bereits ein Bestandteil des deutschen Rechts“, sagt Saage-Maaß. Entsprechende Bestimmungen stehen im Bürgerlichen Gesetzbuch. Sie schlägt nun vor, diese Pflichten für Firmen zu erweitern. Als Bezugspunkt bieten sich unter anderem die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) an, sagt die Juristin.

    Die ILO-Konventionen sichern den Arbeitnehmern überall auf der Welt beispielsweise zu, dass sie Löhne erhalten, die die Existenz einer Familie sichern. Bestimmte Anforderungen an den Arbeitsschutz lassen sich daraus ebenfalls ableiten. Und sehr wichtig: Die Beschäftigten dürfen sich in unabhängigen Gewerkschaften organisieren, um mit deren Hilfe bessere Arbeitsbedingungen und Löhne zu erstreiten. In vielen Ländern dieser Welt stehen diese Grundsätze bislang aber nur auf dem Papier.

    Das würde sich vielleicht ändern, wenn deutsche Unternehmen zu größerer Sorgfalt verpflichtet wären. Ein entscheidender Hebel: Die Arbeiter der Zulieferfabriken bekämen die Möglichkeit, ihre Rechte vor deutschen Gerichten einzuklagen. Das würde auch gelten für die Betriebshaftpflicht und die entsprechenden Entschädigungen, die Christian Lahnstein von der Münchener Rückversicherung einfordert.

  • Erst forschen, dann aufbrechen

    Umweltverbände plädieren für ein Verbot der neuen Erdgasförderung. Die Bundesregierung will sie dagegen unter Beschränkungen erlauben. Wie könnte ein Mittelweg aussehen?

    66 Prozent der befragten Bundesbürger sprachen sich Anfang Mai gegen die Förderung von Erdgas mittels Fracking aus. Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine relativ neue Methode – tiefes Gestein wird mit Druckwasser und Chemikalien aufgebrochen, damit das Gas an die Erdoberfläche befördert werden kann. Die Umfrage des Instituts TNS Emnid haben Umweltverbände am Dienstag veröffentlicht.

    Dieses Stimmungsbild der Bevölkerung verschärft einen Konflikt, der in mehreren Bundesländern an Bedeutung gewinnt. Unter Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Hessen und Baden-Württemberg liegen Gesteine, die Erdgas enthalten, das sich früher kaum fördern ließ. Durch neue Techniken kann man diese Vorkommen nun aber ausbeuten. Wie beim Bau von Stromtrassen oder Windparks stellt sich auch hier die Frage: Welche Risiken und Belastungen sind die Bürger bereit zu tragen?

    Mit ihrem neuen Gesetzentwurf, den das Bundeskabinett möglicherweise in der nächsten Woche beschließt, kommt die Bundesregierung den Bedenken teilweise entgegen. In Wasser- und Heilquellen-Schutzgebieten wäre die neue Erdgasförderung künftig nicht möglich. Ansonsten sieht die Regierung Umweltverträglichkeitsprüfungen vor, die jeweils über die Bohrungen entscheiden sollen.

    Unter dem Strich bedeutet das jedoch: Auf etwa drei Vierteln der Fläche des Bundesgebietes wäre Fracking möglich – selbst gegen den erklärten Willen von skeptischen Landesregierungen wie in NRW oder Schleswig-Holstein. In Baden-Württemberg kritisieren auch CDU-Bundestagsabgeordnete, dass die Trinkwasser-Vorkommen der Bodensee-Region gefährdet sein könnten. Deshalb ist es nicht klar, ob die Bundesregierung für ihr Fracking-Gesetz eine Mehrheit im Bundestag bekäme – von der Zustimmung des Bundesrates ganz abgesehen.

    Als Vorteile der neuen Ergas-Förderung führt die Regierung unter anderem ins Feld, dass Deutschland von Gas-Importen unabhängiger würde. Nach Schätzungen der Bundesanstalt für Geowissenschaften liegen unter Deutschland etwa 1,3 Billionen Kubikmeter Erdgas, die sich durch Fracking heben lassen. Rechnerisch ist das der gesamte deutsche Gasbedarf für über zehn Jahre. Geschickt verteilt, können die neuen Quellen möglicherweise jahrzehntelang einen nennenswerten Beitrag zur eigenständigen Versorgung leisten.

    Hinzu kommt: Durch das zusätzliche Angebot sinkt möglicherweise der Gaspreis. Die Entwicklung in den USA, wo seit mehreren Jahren große Mengen mittels Fracking gefördert werden, deutet daraufhin. Ob die vergleichsweise kleine deutsche Förderung den Preis noch weiter drückt, bleibt allerdings abzuwarten. Drittes Argument der Regierung: Die Investitionen in die neue Fördertechnik führen zu Arbeitsplätzen, Gewinnen und Steuereinnahmen hierzulande, während Importe aus anderen Staaten nur diesen dienen.

    Der Bund für Umwelt und Naturschutz zweifelt dagegen an den ökonomischen Vorteilen. Möglicherweise seien die Lagerstätten unkonventionellen Erdgases viel schneller erschöpft, als die Unternehmen annehmen. Noch wichtiger sind den Kritikern aber die ökologischen Risiken. „Wir haben Sorgen um unser Grundwasser“, sagte Christoph Bautz von der Kampagnenorganisation Campact am Dienstag. Die Chemikalien, die beim Fracking ins Gestein gepresst würden, bedrohten großflächig das Trinkwasser und damit die Gesundheit der Bürger. Die Kritiker stellen die Sache so dar, als seien diese Gefahren durch Studien aus den USA bewiesen.

    Dem allerdings scheint nicht so zu sein. Das Umweltbundesamt schreibt in seiner Studie vom November 2012, es fehle eine „belastbare Datengrundlage“, um die Umweltfolgen des Frackings in Deutschland bereits jetzt abzuschätzen. Die Experten empfehlen weitere Forschung.

    Dieser Ansatz könnte einen Mittelweg beschreiben zwischen Bundesregierung und Kritikern. Deutschland steht gegenwärtig ökonomisch nicht unter Druck. Warum sollte man sich deshalb nicht etwas Zeit lassen? Während der kommenden fünf oder zehn Jahre ließen sich mit einigen Testvorhaben Erfahrungen sammeln. Wenn die ökologischen Folgen im Rahmen bleiben, kann man die Lagerstätten ausbeuten – falls nicht, lässt man es.

  • Sparer leiden, Verbraucher profitieren

    Und die Bürger? Was die Zinssenkung der Europäischen Zentralbank für uns bedeutet

    Das Ersparte wächst wenig, dafür werden Hauskredite aber auch nicht teurer. Das sind zwei mögliche Folgen der Entscheidung der Europäischen Zentralbank vom Donnerstag. Der Leitzins, zu dem sich Geschäftsbanken Geld bei der Notenbank leihen können, sinkt um 0,25 Prozentpunkte auf 0,5 Prozent.

    Was bedeutet die Zinssenkung für die deutschen Sparer genau?

    Wer Geld für spätere Anschaffungen beiseitelegt oder regelmäßig für die Altersvorsorge spart, spürt die Nachteile der Politik des billigen Geldes. Banken, Fonds und Versicherungen zahlen ebenfalls weniger Zinsen. Die Garantieverzinsung für Kapitallebensversicherungen in Deutschland beträgt beispielsweise gegenwärtig 1,75 Prozent – knapp über die Inflationsrate. Durch solch mageren Zuwachs nehmen die Vermögen nur langsam zu. Schließlich kann auch die Privatrente niedriger ausfallen, als nach Jahrzehnten mit höheren Zinsen. Wie stark dieser Effekt später sein wird, lässt sich jetzt allerdings nicht sagen – Renten- und Lebensversicherungen laufen oft über 40 Jahre.

    Wie sieht es für die Verbraucher aus?

    Betrachtet man die Bundesbürger in ihrer Rolle als Konsumenten, hat die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) Vorteile. Niedrigere Zentralbankzinsen tragen dazu bei, dass die Kredite der Banken jedenfalls nicht teurer werden. Wer ein Auto, eine Küche oder eine Eigentumswohnung finanzieren will, muss weniger für das geliehene Geld zahlen als in Hochzinsphasen. Weil es deshalb leichter ist, Immobilien zu kaufen und damit Vermögen zu bilden, gleichen diese Vorteile die Nachteile für Sparer zumindest teilweise aus.

    Profitieren die Bundesbürger als Europäer?

    Die Deutschen – wie ihre Nachbarn – sind nicht nur Sparer und Konsumenten, sondern auch Bürger ihres Staates und der Europäischen Union. In dieser politischen Rolle können sie den Beschluss der Notenbank begrüßen: Niedrigere Zinsen bewirken vielleicht, dass sich die wirtschaftliche Lage vor allem in Südeuropa bessert. Ganz Europa würde dadurch stabiler. Wer hingegen meint, dass die EZB dem europäischen Süden nicht zu sehr unter die Arme greifen sollte, wird die Zinsentscheidung kritisieren.

    Wem will die EZB helfen?

    Vor allem Griechenland, Portugal und Spanien. Die Arbeitslosigkeit in Südeuropa ist mittlerweile teils höher als 25 Prozent. Aber auch in Italien und Frankreich liegt sie deutlich über zehn Prozent. Das Kalkül der EZB sieht so aus: Die Kreditzinsen sinken leicht, die Industrie leiht sich mehr Geld, investiert und schafft Arbeitsplätze.

    Ist die Zinspolitik überhaupt noch wirksam?

    Wegen der Euro-Krise wirkt die Leitzinspolitik gegenwärtig nicht mehr wie geplant. Die Kreditzinsen in Südeuropa liegen wesentlich über dem Zentralbankzins. Der Grund: Verkauft beispielsweise die spanische Regierung Euro-Staatsanleihen, muss die den Investoren einen Risikoaufschlag (Bonus) zahlen, damit diese die Papiere erwerben. Darin spiegelt sich das Misstrauen der Investoren in die finanzielle Solidität Spaniens. Das beeinflusst auch die dortigen Bankzinsen. Für spanische oder italienische Firmen ist es deshalb deutlich teurer, Geld zu leihen, als für deutsche Unternehmen. Den Unterschied hofft die EZB nun zu verringern.

    Steigt die Inflation nicht, wenn das Geld noch billiger wird?

    Wegen der Krise und des schwachen Wachstums herrscht augenblicklich kaum die Gefahr einer schnellen Preissteigerung. Insgesamt beträgt die Inflationsrate in Euroland 1,7 Prozent jährlich, in Deutschland 1,5 Prozent. Gemessen am vergleichsweise hohen deutschen Wirtschaftswachstum (0,5 Prozent 2013, 1,6 Prozent 2014) könnte Deutschland allerdings höhere Zinsen vertragen, um die Inflationsgefahr gänzlich auszuschließen. Darauf hat kürzlich Kanzlerin Angela Merkel hingewiesen. Ein potenziell gefährlicher Mechanismus: Wegen der niedrigen Zinsen unter anderem für Immobilienkredite in Deutschland, steigen die Hauspreise in hiesigen Großstädten teilweise stark. Diese importierte Inflation treibt auch die Mieten in die Höhe.

  • Frische Fünfer für das Volk

    Am 2. Mai 2013 sind sie da – die neuen 5-Euro-Scheine. Ab Donnerstag bringen Banken und andere Geldinstitute das frische Papiergeld in Umlauf – als ersten Schritt der Einführung der zweiten Euro-Banknoten-Serie. Hier sind die Antworten auf die wichtigsten Fragen zu den neuen Banknoten.

    Wie sehen die neuen 5-Euro-Scheine aus?

    Weil er zu den Scheinen zählt, die Bürger besonders häufig aus dem Portemonnaie zücken, haben ihn die Scheine-Macher mit einer speziellen Schutzschicht versehen. Die soll dafür sorgen, dass er nicht so schnell seine Form verliert. Zudem ist auf dem Fünfer – wie auf allen Scheinen der neuen Euro-Serie – als Wasserzeichen und als
    Hologramm ein Portrait von Europa zu sehen. Die Gestalt aus der griechischen Mythologie ist gleichzeitig Namensgeberin der zweiten „Europa-Serie“.

    Warum gibt es neue Banknoten?

    Mit der Einführung der Europa-Serie will die Europäische Zentralbank (EZB) die Euro-Banknoten noch fälschungssicherer machen. Die neuen Scheine enthalten verbesserte Sicherheitsmerkmale, die es Fälschern noch schwerer machen sollen, „Blüten“ in den Umlauf zu bringen. Bis Herbst 2013 dürften die neuen 5-Euro-Geldscheine im Euroraum häufiger anzutreffen sein als jene der ersten Serie.

    Welche neuen Sicherheitsmerkmale hat der neue Fünf-Euro-Schein?

    Auf der Vorderseite des neuen Fünfers ist am linken und rechten Rand jeweils eine Reihe kurzer erhabener Linien ertastbar. Auf dem Sicherheitsfaden ist das Euro-Symbol zu sehen, in der ersten Serie ist es das Wort „EURO“. Außerdem enthält der Streifen auf dem Geldschein ein Porträt der mythologischen Gestalt Europa und ein Fenster. Gekippt sieht man auf der Vorderseite links unten eine glänzende Zahl, auf der sich ein Lichtbalken auf und ab bewegt. Außerdem verändert die Zahl ihre Farbe von Smaragdgrün zu Tiefblau.

    Bleiben die alten Scheine weiterhin gültig?

    Parallel zum neuen Fünfer wird die alte Note noch längere Zeit als Zahlungsmittel gültig bleiben. Den Termin, zu dem die erste Euro-Banknotenserie ihre Gültigkeit als gesetzliches Zahlungsmittel verliert, gibt die Europäische Zentralbank weit im Voraus bekannt. Ihren Wert werden die Euro-Banknoten der ersten Serie allerdings für immer behalten. Unbefristet können Bürger sie bei den Nationalen Zentralbanken umtauschen.

    Wann kommen die anderen neuen Scheine?

    Von 2013 an wird die Europa-Serie im gesamten Euroraum in aufsteigender Reihenfolge eingeführt. Die Stückelungen bleiben unverändert: Es gibt 5-, 10-, 20-, 50-, 100-, 200- und 500-Euro-Scheine. Der Termin für die Einführung des nächsten neuen Scheins, des Zehners, steht allerdings noch nicht fest.

    Soll der 500er nicht abgeschafft werden?

    Bislang bestritt die EZB, Europas größte Banknote abschaffen zu wollen. Nun denkt man offenbar doch darüber nach, den violetten Schein aus dem Verkehr zu ziehen. „Es ist etwas, wovon die Leute gewöhnlich keinen Gebrauch machen“, sagte EZB-Vizepräsident Vitor Constancio kürzlich. 600 Millionen Exemplare des violetten Scheins sind derzeit nach Angaben der EZB in Umlauf. Sie gelten auch als beliebtes Zahlungsmittel von Kriminellen.

    Wann kommen die anderen neuen Scheine?

    Von 2013 an wird die Europa-Serie im gesamten Euroraum in aufsteigender Reihenfolge eingeführt. Die Stückelungen bleiben unverändert: Es gibt 5-, 10-, 20-, 50-, 100-, 200- und 500-Euro-Scheine. Der Termin für die Einführung des nächsten neuen Scheins, des Zehners, steht allerdings noch nicht fest.

    Soll der 500er nicht abgeschafft werden?

    Bislang bestritt die EZB, Europas größte Banknote abschaffen zu wollen. Nun denkt man offenbar doch darüber nach, den violetten Schein aus dem Verkehr zu ziehen. „Es ist etwas, wovon die Leute gewöhnlich keinen Gebrauch machen“, sagte EZB-Vizepräsident Vitor Constancio kürzlich. 600 Millionen Exemplare des violetten Scheins sind derzeit nach Angaben der EZB in Umlauf. Sie gelten auch als beliebtes Zahlungsmittel von Kriminellen.

  • Die Suche nach sozialverträglicher Kleidung

    Wo findet man Textilien, die unter akzeptablen sozialen und ökologischen Bedingungen hergestellt wurden?

    Verbraucher, die Konsequenzen aus dem Einsturz der Textilfabrik in Bangladesh ziehen wollen, haben es nicht leicht. Sozial und ökologisch verträglich hergestellte Kleidung gibt es zwar – sie zu finden und zu kaufen, bedarf oft aber einiger Aufmerksamkeit und Anstrengung. Solche Produkte sind immer noch die Ausnahmen im großen Angebot.

    Sehr hohe soziale und ökologische Qualitätsstandards bietet beispielsweise die Fairwear-Foundation. Das entsprechende Logo findet sich oft, aber nicht immer in den Jacken, T-Shirts, Hemden oder Hosen in den Geschäften. Interessierte Konsumenten können auch auf der Internetseite der Stiftung (siehe Kasten) nachschauen, welche Bekleidungshersteller entsprechend zertifiziert sind. In Deutschland sind dies gegenwärtig 31 Marken.

    Diese Unternehmen garantieren, dass sie ihre Produkte beispielsweise unter Einhaltung der Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) fertigen lassen. Dazu gehören existenzsichernde Löhne für die Arbeiter in den asiatischen, afrikanischen oder südamerikanischen Zulieferfabriken. Auch den Arbeits- und Gesundheitsschutz will man gewährleisten. Dass bei Bränden in einer Fabrik oder gar beim Einsturz derselben hunderte Arbeiter sterben, soll so verhindert werden.

    Zusätzlich zu den ILO-Kernarbeitsnormen und bestimmten ökologischen Mindeststandards bescheinigt das Fairtrade-Baumwoll-Siegel, dass die Bauern einen garantierten Preis über Weltmarktniveau für ihren Rohstoff erhalten. In den Kleidungsstücken im Geschäft findet man ein Siegel, das darauf hinweist.

    Empfehlenswert ist auch das GOTS-Siegel (Global Organic Textile Standard), ebenfalls ausgewiesen durch Hinweise an den Produkten. Neben den ILO-Kernarbeitsnormen orientiert sich dieser Standard schwerpunktmäßig an strengen Umweltkriterien – darunter das Verbot genmanipulierten Saatgutes. GOTS-Produkte müssen zu 90 Prozent aus Naturfasern bestehen.

    Einen sehr nützlichen Ratgeber über die diversen Sozial- und Öko-Siegel, sowie ihre Vor- und Nachteile präsentiert die Christliche Initiative Romero auf ihrer Internetseite. Dort findet man auch Abbildungen der Siegel, was die Suche nach entsprechenden Kleidungsstücken erleichtert. Die ökosozialen Label verschiedener Massenhersteller (unter anderem Otto und C&A) werden dort ebenfalls kommentiert.

    Wer solche Textilien mit größerer Qualität kaufen will, muss meist mit höheren Preisen rechnen. Während Billig-T-Shirts fünf Euro oder weniger kosten, sollte man bei den Siegeln mit 20 oder 30 Euro kalkulieren.

    Info-Kasten 1

    www.fairwear.org

    www.fairtrade-deutschland.de

    http://www.naturtextil.de/verbraucher/qualitaetszeichen.html

    www.ci-romero.de/gruenemode-siegel

    Info-Kasten 2

    Eingestürzte Fabrik

    Bis Montagnachmittag stieg die Zahl der Toten auf 381. Das achtstöckige Fabrikgebäude in Dhaka, der Hauptstadt Bangladesch´, war am vergangenen Mittwoch eingestürzt. Mehrere europäische Modefirmen hatten dort produzieren lassen. Bangladesch ist ein Zentrum der globalen Textilherstellung. Die Beschäftigten arbeiten oft zu extrem niedrigen Löhnen und unter gefährlichen Arbeitsbedingungen.

  • Christliche Vision und fragwürdiger Lohn

    Geranien im Blumenkasten? Arbeiterinnen in El Salvador erhalten 30 Cent pro Arbeitsstunde, sagt Kritiker Maik Pflaum

    Draußen ist es kalt. Aber dem alten Herrn Dümmen geht die Sache wohl an die Ehre. Kurz vor Weihnachten setzt sich der 71Jährige in den Zug, um seine Kritiker zu besuchen – die Christliche Initiative Romero in Nürnberg. Dort hat Maik Pflaum, ein sanfter Mensch, harte Worte gefunden für die Art, wie Günter Dümmens Firma ihr Geld verdient. Kurz gesagt, lautet der öffentliche Vorwurf: Dümmen lasse in El Salvador hunderte Frauen für Löhne arbeiten, von denen man eigentlich nur verhungern kann.

    Dümmen ist Christ. Er gehört einer evangelischen Freikirchengemeinde an. Die Firma der Familie, die jetzt unter dem Namen des Sohnes firmiert, bekennt sich zu ihrer „Verantwortung vor Gott“. So steht es auf der Internetseite unter der Überschrift „Vision“. Mit Rechercheur Pflaum möchte Dümmen eine Verständigung erzielen. Doch die beiden können den Graben nicht überbrücken.

    Ist die Pflanzenzuchtfirma Dümmen ein weiteres Beispiel dafür, wie deutsche Unternehmen mit gnadenlos schlechten Arbeitsverhältnissen in Entwicklungsländern einen guten Schnitt machen? Pflaum sagt: „Ja, so ist es.“ Bei Dümmen im nordrhein-westfälischen Rheinberg weist man die Vorwürfe dagegen weit von sich.

    Was stimmt? Maik Pflaum (43) sprich bestens Spanisch. In Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen war er schon häufig in Lateinamerika. Lange hat er persönlich mit Arbeiterinnen der Dümmen-Plantage „Las Mercedes“ in El Salvador geredet. Für das deutsche Unternehmen pflegen, beschneiden und verpacken sie kleine Pflanzen, die unter anderem von hiesigen Gärtnereien und Baumärkten an die Kunden verkauft werden. Wer jetzt im April Geranien in seinen Blumenkasten pflanzt, hat gute Chancen, welche aus Dümmens Treibhäusern zu bekommen.

    Millionen Stecklinge produzieren die 1.000 meist weiblichen Beschäftigten in Las Mercedes pro Jahr. Pflaums Angaben zufolge erhalten viele 3,50 US-Dollar am Tag, was auf etwa 40 US-Cent pro Stunde hinausläuft (2,69 Euro/ 30 Euro-Cent). Der Lohn eines Monats summiere sich auf 105 Dollar brutto, bei hoher Akkord-Leistung auf maximal 150 Dollar.

    El Salvador ist ein armes Land. Aber auch dort kostet das Leben Geld. Den Grundbedarf einer vierköpfigen Familie bezifferte die staatliche Statistikbehörde für 2009 mit 762 Dollar pro Monat. So stellt sich die Frage, wie eine Familie überleben soll, wenn die Mutter mit Vollzeitarbeit bei Dümmen höchstens ein Fünftel dieses Betrages erwirtschaftet. Um dieses Manko auszugleichen, müsste der Vater einen sehr gut bezahlten Job haben – in vielen Fällen unrealistisch.

    Die Firma Dümmen stellt die Angelegenheit mit Hilfe der von ihr engagierten Kommunikationsfirma Steinkühler-Com so dar: In der Tat betrage „das Basisgehalt 105 Dollar“. Mit Zuschlägen würden die Beschäftigten jedoch „durchschnittlich 140 Dollar“ erhalten. Und durch Bonuszahlungen steige der Bruttoverdienst „in den drei Saisonmonaten auf durchschnittlich 170 Dollar im Monat“. Im Übrigen, so argumentiert die Firma, verwende Kritiker Pflaum den falschen Maßstab. Das offizielle „Existenzminimum in El Salvador“ betrage gegenwärtig „pro Familie 126 Dollar“. Der Lohn der Arbeiterinnen würde also deutlich über dieser Grenze liegen.

    „Falsch“, entgegnet Pflaum. Der Warenkorb, den Dümmen heranziehe, beschreibe kein Existenzminimum, sondern nur die notwendigen Kosten für wenige Grundnahrungsmittel. Der erweiterte Warenkorb von über 700 Dollar hingegen, auf den der Kritiker verweist, enthalte demgegenüber auch nötige Ausgaben für Unterkunft, Gesundheit, Kleidung und Bildung.

    Mittlerweile hat das Familienunternehmen Dümmen gemerkt, dass es so nicht weitergeht. Kommunikationsexperte Karl-Heinz Steinkühler erklärt, dass eine unabhängige Gutachterin nach Las Mercedes gereist sei, um die Verhältnisse vor Ort zu recherchieren. Die Ergebnisse würden „zur Zeit intern ausgewertet“.

    Protest-Emails kann man hier abschicken: http://www.ci-romero.de/konsum_blumen/

  • „Der öffentliche Druck auf die Firmen muss steigen“

    Bei vielen deutschen Firmen im Ausland seien die Arbeitbedingungen in Ordnung, sagt Menschenrechtsbeauftragter Löning. Aber es gebe schwarze Schafe

    Hannes Koch: Herr Löning, deutsche Unternehmen rühmen sich gerne eines sozialen und fairen Umgangs mit ihren Beschäftigten. Halten sie diese Zusagen auch ein, wenn es um die ArbeitnehmerInnen geht, die bei ihren ausländischen Töchtern und Zulieferfirmen arbeiten?
    Markus Löning: Das Bild ist gemischt. Bei den direkten Tochterfirmen sind die Arbeitsbedingungen in der Regel in Ordnung. Schwierig wird es bei den Zulieferern in Asien, Afrika oder Lateinamerika. Ein Teil der deutschen Unternehmen legt Wert darauf, dass ihre Zulieferer beispielsweise die Sicherheits- und Arbeitsschutzvorschriften einhalten. Manche Firma kümmert sich aber überhaupt nicht um die Sozialstandards in ihrer Produktionskette.
    Koch: Können Sie Beispiele für Versäumnisse deutscher Firmen nennen?
    Löning: Ein einschlägiger Fall im vergangenen September war der Brand einer Textilfabrik in Pakistan, die auch für die deutsche Textilkette KiK produzierte. Die pakistanische Firma verfügte über ein Zertifikat, das ausreichende Schutzmaßnahmen bescheinigte. Trotzdem gab es dort offenbar keine Notausgänge. Fast 300 Menschen starben. Die deutsche Botschaft versucht nun herauszufinden, ob der deutsche Auftraggeber von dem pakistanischen Subunternehmer getäuscht wurde, oder ob er selbst auch eine Mitverantwortung trägt.
    Koch: Vor wenigen Tagen ist ein Fabrikgebäude in Bangladesh eingestürzt. Auch dort wurde für Deutschland produziert. Was unternehmen Sie in solchen Fällen?
    Löning: Erst in der vergangenen Woche hat mich ein Textilgewerkschafter aus Bangladesh zusammen mit einem Vertreter der Gewerkschaft Ver.di besucht. Wir haben beraten, was künftig zu tun ist. Mit Hilfe der deutschen Entwicklungsorganisation GIZ könnten wir in Bangladesh versuchen, Unternehmer, Arbeitnehmervertreter und Behörden an einen Tisch zu bringen. Das Ziel muss sein, gemeinsam die Sicherheit der Beschäftigten zu verbessern. Beispielsweise sollte man Telefonnummern einrichten, bei denen die Beschäftigten Sicherheitsdefizite melden können, ohne dass sie befürchten müssen, ihren Arbeitsplatz zu verlieren.
    Koch: Liegt es nicht im bewussten Kalkül auch mancher deutschen Firma, auf Kosten extrem niedriger Arbeitslöhne und Sicherheitsstandards bei den Zulieferern hohe Gewinne zu erwirtschaften?
    Löning: Viele Unternehmen aus den Industriestaaten geben den Lieferanten in der Tat sehr niedrige Preise vor. Eine Ursache liegt in der harten Preiswettbewerb für Kleidung bei uns. Indem deutsche Verbraucher oft möglichst billige Kleidung kaufen, setzen aber auch sie die Unternehmen unter Druck.
    Koch: Gibt es im internationalen Wirtschafts- und Sozialrecht überhaupt eine Art Mindestlohn, den die global tätigen Unternehmen gewährleisten müssen?
    Löning: Nein, existenzsichernde Löhne lassen sich international nur schwer durchsetzen. Viele internationale Übereinkünfte haben nur den Charakter von Empfehlungen, wie etwa die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte. Verbindlich sind zwar die Standards der Internationalen Arbeitsorganisation, beispielsweise zur Gewerkschaftsfreiheit. Aber auch diese Regeln respektieren Staaten wie China und die dort aktiven Firmen nicht.
    Koch: Um vorwärts zu kommen, fordern Gewerkschaften und Bürgerrechtler, in Deutschland ein Klagerecht für ausländische Arbeiter deutscher Firmen einzuführen. Was halten Sie davon?
    Löning: Das ist der falsche Weg. Wir müssen helfen, funktionierende Institutionen und Rechtssysteme in den Entwicklungs- und Schwellenländern aufzubauen. Ein extraterritoriales Klagerecht ist nur ein schlechter Ersatz. Denn dadurch würde der Reformdruck in den Ländern abnehmen, in denen die Missstände herrschen.
    Koch: Wäre es nicht plausibel, wenn sich beispielsweise der deutsche Textildiscounter KiK für Verstöße gegen Menschenrechte im Ausland vor deutschen Gerichten verantworten müsste?
    Löning: Es gibt ja hier schon Mechanismen, die wir erst einmal besser nutzen sollten. Denken Sie an die Kontaktstelle der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD), die im Wirtschaftsministerium sitzt. Kritiker können dort Beschwerden gegen Unternehmen einreichen, wenn sie meinen, dass jene im Ausland gegen die Menschenrechte verstoßen. Diese Möglichkeit ist viel zu wenig bekannt. Der öffentliche Druck auf die Firmen muss steigen.
    Koch: Bei der OECD-Kontaktstelle haben Bürgerrechtler kürzlich eine Beschwerde gegen die Münchner Firma Trovicor eingereicht. Die verkaufte angeblich Abhörtechnik nach Bahrein. Oppositionelle seien deshalb dort verhaftet worden. Haben Sie den Eindruck, dass das Wirtschaftsministerium ihres FDP-Kollegen Philipp Rösler solche Probleme ernst nimmt?
    Löning: Die Bundesregierung nimmt diese Vorwürfe sehr ernst. Ich sehe aber auch Reformbedarf. Die OECD-Kontaktstelle müsste sich dafür einsetzen, dass ihre Tätigkeit öfter in Anspruch genommen wird. Man kann sich durchaus fragen, warum sie in den vergangenen Jahren nur 14 Beschwerden akzeptiert hat. Was die Beschwerde gegen die Firma Trovicor betrifft, halte ich die dahinterstehende Frage für sehr relevant. Produkte wie Software, die eindeutig für repressive Maßnahmen benutzt werden kann, sollten wir einer ähnlich scharfen Exportkontrolle unterwerfen wie Waffen.

    Bio-Kasten
    Markus Löning (52) arbeitet als Beauftragter der Bundesregierung für Menschenrechte im Außenministerium. Der FDP-Politiker leitete früher den Landesverband seiner Partei in Berlin und war entwicklungspolitischer Sprecher der liberalen Bundestagsfraktion.

    Info-Kasten

    Tag der Arbeit

    Zum Tag der Arbeit am 1. Mai werden die Gewerkschaften gegen soziale Ungerechtigkeiten in Deutschland demonstrieren – beispielsweise gegen Niedriglöhne in Dienstleistungsjobs, bei denen die Beschäftigten fünf oder sechs Euro pro Stunde erhalten. Unter teils noch härteren Bedingungen arbeiten die Leute für manche deutschen Unternehmen im Ausland. Manchmal existieren noch nicht einmal unabhängige Gewerkschaften. Und die Löhne liegen im Cent-Bereich.

  • Fantasiearoma statt Frucht

    Kunstaromen und viel Zucker: Erfrischungswasser mit Geschmack schmeckt der Stiftung Warentest nicht

    Knackig grüne Äpfel, leuchtend rote Erdbeeren oder knallgelbe Zitronen: Die Etiketten von Erfrischungswässern mit Geschmack locken mit leckeren Früchten zum Kauf. Von denen ist in den Flaschen allerdings keine Spur. Anstelle gibt es Kunstaromen, und fast überall ist reichlich Zucker drin. Manchmal trinken Verbraucher zudem giftiges Benzol mit. Mit „sehr gut“ oder „gut“ schneidet deshalb kein einziges der 25 von der Stiftung Warentest analysierten Trendgetränke ab. Maximal gibt es die Note „befriedigend“.

    Verbrauchertäuschung werfen die Warentester den Erfrischungswasser-Produzenten vor. Werben doch 20 der 25 Wässer im Test mit frischen, reifen Früchten, obwohl diese gar nicht enthalten sind. Volle Frucht, nennenswert Fruchtsaft oder Fruchtmark enthält kein einziges der untersuchten Getränke. „Stattdessen setzen die Hersteller Aromen zu, die Flavoristen im Labor kreiert haben“, sagt Antita Stocker, Chefredakteurin der hauseigenen Zeitschrift test. „Statt der leckeren Früchte müssten die Hersteller eigentlich ein Reagenzglas abbilden.“

    Verboten ist die Werbemasche nicht. Allerdings hat sich die deutsche Lebensmittelbranche strikte Regeln auferlegt. „Naturgetreue Abbildungen von Früchten oder Pflanzenteilen werden nur dann verwendet, wenn Fruchtsaft und/oder Fruchtmark enthalten sind“, heißt es in den Leitsätzen für Erfrischungsgetränke außer Limonaden. Lediglich Aldi Nord (Quellbrunn plus Apfel/ plus Erdbeer) Lidl (Saskia Boneau Apfel Geschmack/ Boneau Erdbeer Geschmack) und Adelholzer (Active O2 Cherry) halten sich an diese Abmachung.

    Häufig fanden die Tester zudem Werbesprüche wie „kalorienarm“ oder „wenig Kalorien“ auf den Etiketten. Für figurbewusste Verbraucher sind die aromatisierten Getränke dennoch nichts. „Die meisten Wässer sind keineswegs kalorienarm, wie die Aufmachung vermuten lässt“, kritisiert Stocker. 23 von 25 Produkten enthielten Zucker – zum Teil ordentlich. „Wer zum Beispiel eine ganze 1,5-Liter-Flasche Hella Erdbeere trinkt“, rechnet die Redakteurin vor, „nimmt gut 70 Gramm Zucker zu sich – das entspricht etwa 23 Zuckerwürfeln.“

    Weil der NDR in seiner Sendung „Markt“ vor kurzem über eine eigens in Auftrag gegebene Studie berichtete, die giftiges Benzol in Erfrischungsgetränken ans Licht brachte, ließ die Stiftung Warentest auch einige ihre Wässer auf den krebserregenden Stoff prüfen. Das Ergebnis:  In vier von fünf Fällen wurden die Chemiker fündig. Bis zu drei Mikrogramm pro Liter Benzol steckte in den Flaschen. Bis zu 6,8 Mikrogramm pro Liter fand der NDR.

    Grund zur Beunruhigung sind die Funde dennoch nicht. Als „eher reißerisch“ bezeichnet eine Sprecherin des Bundesinstituts für Risikoforschung (BfR) die NDR-Berichterstattung. Man habe versäumt, darauf hinzuweisen, dass der Mensch auch über die Atemluft Benzol aufnimmt – Nichtraucher bis zu 100 Mikrogramm, Raucher mehrere hundert Mikrogramm pro Tag. Im Vergleich dazu seien die Mengen, die aus dem Konsum von Getränken resultierten, gering. Nichtsdestotrotz sei Benzol in Getränken aber unerwünscht. Ein Grenzwert für Lebensmittel existiert im Übrigen nicht. Im Trinkwasser darf maximal ein Mikrogramm Benzol pro Liter enthalten sein.

    Sämtliche Testergebnisse können in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift test oder kostenpflichtig im Internet unter www.test.de nachgelesen werden.

  • Zweifel an neuen Stromtrassen wächst

    Industrie in BaWü und Bayern kann kurzfristig auf neun Prozent ihrer Elektrizitätsnachfrage verzichten

    Ob man die neuen Stromtrassen, die der Bundestag am Donnerstag beschloss, wirklich braucht, ist nicht klar. Unternehmen in Baden-Württemberg und Bayern könnten ihre Stromnachfrage beispielsweise so gestalten, dass der Spitzenbedarf deutlich sinkt. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie, die die Umweltminister der beiden Südländer, Franz Untersteller (Grüne) und Marcel Huber (CSU), am Donnerstag in Stuttgart vorstellten.

    Drei neue Höchstspannungsleitungen sollen dereinst die elektrische Energie der Windparks auf Nord- und Ostsee in die Industriegebiete Süddeutschlands leiten. Im Bundesbedarfsplan hat die Regierungskoalition nun die grundsätzlichen Korridore dafür festgelegt und die Möglichkeiten für ein bundeseinheitliches Planverfahren geschaffen.

    Ob die schon jetzt umstrittenen neuen Leitungen allerdings irgendwann gebaut werden, zeigt erst die Zukunft. Denn die Regierung will den Bedarfsplan regelmäßig überarbeiten und, wenn nötig, angepassen. So kann es sein, dass 2017 beispielsweise nur eine der teilweise unterirdischen Höchstspannungsleitungen für Gleichstrom fertig ist, und der Bau der beiden anderen verschoben wird.

    Über 200 Firmen, darunter neun Großunternehmen in Baden-Württemberg und Bayern haben die Gutachter im Auftrag der Umweltministerien und der Berliner Denkfabrik Agora Energiewende befragt. Das Ergebnis: Für eine kurze Dauer von einer halben Stunde können die Unternehmen ihre Stromnachfrage um bis zu 1,2 Gigawatt (Milliarden Watt) reduzieren – knapp neun Prozent des Spitzenbedarfs der gesamten süddeutschen Industrie. Für zwei Stunden wären die Firmen in der Lage, auf bis 850 Megawatt zu verzichten (etwa sechs Prozent). Diese Leistung entspricht etwa der von zwei großen, konventionellen Kraftwerken.

    Vorübergehendes Abschaltpotenzial sehen die Gutachter unter anderem im Maschinen- und Fahrzeugbau, dort besonders bei der Belüftung der Produktionshallen. Strom lasse sich beispielsweise sparen, indem die Geschwindigkeit der Luftzirkulation reduziert werde. Angeblich habe das aber keine Auswirkungen auf die Versorgung der Beschäftigten mit Frischluft. Auch die Papierindustrie könne ihren Strombedarf einfach verschieben oder verringern, indem etwa die Holzverarbeitung kurzfristig unterbrochen werde.

    Diese Nachfrageflexibilität ist aber bislang nur eine theoretische. Denn auf dem gegenwärtigen Strommarkt bekommen die Unternehmen keine Anreize, sich entsprechend zu verhalten. Lars Waldmann von Agora Energiewende erklärt, dass man einen neuen Marktmechanismus erfinden müsste. Beispielsweise Porsche würde dann an der Strombörse in Leipzig nicht nur Strommengen kaufen, sondern Einsparkapazität anbieten. Die Stromlieferanten, die die Elektrizitätsversorgung sicherstellen, könnten die Dienstleistung „weniger Stromnachfrage“ von Porsche erwerben.

    Weil der Konzern so Geld verdient, bekommt er einen Anreiz, seine Nachfrage tatsächlich zu verringern. Auch der Stromlieferant hätte möglicherweise einen Vorteil, weil er kein teures Reservekraftwerk hochfahren müsste. Interessant wird dieser Mechanismus für die Industrie, wenn der zusätzliche Erlös etwa fünf Prozent ihrer Stromkosten ausmacht, ergab die Studie.

    Dies sind weitere Argumente in der aktuellen Debatte über die Notwendigkeit der großen Zahl von Windparks, die die Bundesregierung auf Nord- und Ostsee realisiert sehen möchte. Nach früherer Euphorie dreht sich hier die Stimmung. Gerade haben Bund, Länder und Gemeinden die neue Fachagentur zur Förderung der Windenergie an Land gegründet. Mehr Windräder in Süddeutschland bedeuten möglicherweise weniger Windräder auf dem Meer. SPD-Politiker Jörg Kuhbier, Vorsitzender der Stiftung Offshore-Windenergie, sagte unlängst, dass das offizielle Ausbauziel der Bundesregierung von 10.000 Megawatt Windkraft auf dem Meer bis 2020 nicht mehr erreichbar sei. Dafür geht der Ausbau zu schleppend voran. Und wozu drei Stromtrassen, wenn ihnen der Strom fehlt?

  • Arbeit geht auch ohne Stress

    Gewerkschaft will Anti-Stress-Verordnung durchsetzen / Jeder Vierte leidet unter Zeit- und Leistungsdruck

    Mit einem immer härteren Wettbewerb und schnelleren Innovationszyklen steigt der Stress für die Beschäftigten in den Betrieben immer weiter an. „Wir haben eine Belastung, die immer weiter wächst“, stellt IG-Metall-Vorstand Hans-Jürgen Urban fest. Unter Stress verstehen die Gewerkschaften vielerlei psychische Beschwerden, die sich aus krank machenden Arbeitsbedingungen ergeben. Nach Urbans Willen muss das Arbeitsschutzrecht in Deutschland deshalb erweitert werden. Die Metaller fordern eine Anti-Stress-Verordnung. Damit sollen Unternehmen verpflichtet werden, die Bedingungen in Büros und Werkhallen auf ihre psychische Verträglichkeit hin zu überprüfen.

    Eine Umfrage der Gewerkschaft unter 1000 Erwerbstätigen ergab einen eindeutigen Befund. 28 Prozent der Beschäftigten beklagen Stress im Job, vor allem durch einen hohen Leistungs- und Zeitdruck. Auch dass Arbeitnehmer für den Chef immer häufiger ständig erreichbar sein sollen, bringt sie an ihre Belastungsgrenze. Mehr als 40 Prozent der Befragten gaben an, dass diese „hin und wieder“ der Fall sei. Sieben von zehn Arbeitnehmern wünschen sich von der Politik, dass der Schutz gegen hohen Leistungsdruck und gesundheitsschädigenden Arbeitsstress ausgedehnt wird.

    Daran hapert es Urban zufolge noch. Deshalb hat die Gewerkschaft eine Verordnung entworfen, mit der das Arbeitsschutzrecht an die noch vergleichsweise junge Entwicklung angepasst werden soll. Die Regelung enthält Vorgaben für die Betriebe, die wichtigsten Gefährdungsfaktoren herauszufinden und möglichst abzustellen. Es gibt viele kleine Faktoren, die Arbeitnehmern schnell überfordern können. Extrem monotone Tätigkeiten können Beschäftigte genauso krank machen wie die hohe Belastung durch parallel laufende Projektarbeiten. Auch wenn die Ruhe zur Arbeit fehlt, weil ständig das Telefon klingelt oder Mails beantwortet werden müssen, löst dies Stresssituationen aus. Mit einer gesetzlichen Schutzregelung könnten aber auch nach Meinung der Metaller niemand eine ruhige Kugel schieben. „Wir hängen nicht der Illusion eines stressfreien Arbeitsplatzes nach“, betont Urban.

    Das es anders geht, belegen Beispiele aus einzelne Unternehmen, in denen starke Betriebsräte verbesserte Arbeitsbedingungen aushandeln konnten. Laut Urban stieg beim Aufzugbauer Otis in Mannheim der Krankenstand unter den Monteuren stark an. Bei der Ursachenforschung fanden Betrieb und Arbeitnehmervertreter heraus, dass frei werdende Stellen nicht wieder besetzt worden waren und deshalb die Belastung der verbliebenen Facharbeiter über ein erträgliches Maß hinaus anwuchs. Mittlerweile haben sich beide Seiten auf eine Sollstärke beim Personal verständigt. Darüber hinaus wurden die Monteure technisch besser ausgestattet, weiter qualifiziert und ihre Büroräume neu gestaltet. Die Belastungen konnten so deutlich reduziert werden.

    „Diese guten Beispiele sind relativ selten“, kritisiert Urban. Obwohl auch die Betriebe von gesundheitsfördernden Arbeitsbedingungen durch geringe Krankenstände profitieren, scheuen sich viele vor einer offenen Analyse der betrieblichen Realitäten. Dafür macht die Metallgewerkschaft das weit verbreitete kurzfristige Denken in den Chefetagen verantwortlich. Es habe sich ein kurzfristiger Blick auf die Renditen durchgesetzt, sagt Urban. Auch deshalb hält er eine Anti-Stress-Verordnung für notwendig.

    Die Arbeitgeber der Metallbranche lehnen den Vorschlag rundweg ab. „Es gibt längst strenge Regelungen zum Arbeitsschutz“, betont der Hauptgeschäftsführer des Verbands Gesamtmetall, Oliver Zander. Psychische Erkrankungen gingen auf im jedem Einzelfall unterschiedliche Mischungen von Ursachen zurück. Der Verband plädiert für eine gründliche Ursachenforschung. Gerade psychische Belastungen und Stress hätten ihre Ursache auch durch private Probleme der Beschäftigten. Die pauschale Kritik, das Arbeit krank mache, gehe an der Realität völlig vorbei.

  • Unsichtbare Krankmacher

    Kommentar

    Früher waren es unsichere Maschinen, schlecht gelagerte Chemikalien oder instabile Gerüste, die Arbeitnehmern Verletzungen bis hin zum Tode einbrachten. Heute spielen die körperlichen Gefahren für die Gesundheit von Beschäftigten immer seltener eine Rolle. Ausformulierte Arbeitsschutzgesetze und entsprechende Kontrollen der Sicherheitsstandards haben die meisten Tätigkeiten weitgehend sicher werden lassen. Anders sieht es bei den nicht sichtbaren Gefahren aus. Druck oder enge Zeitpläne, permanente Verfügbarkeit oder die Verantwortung für Erfolge, die gar nicht in der Macht des Einzelnen stehen: Das sind die Krankmacher des beginnenden 21. Jahrhunderts. Deshalb ist die Forderung der IG Metall nach einer Ausweitung der Arbeitsschutzgesetzes auf psychische Belastungen mehrheitsfähig.

    Die Ablehnung des Vorschlags durch die Arbeitgeber ist auch teilweise nachvollziehbar. Stress ist schwer messbar und die Belastbarkeit der Menschen sehr unterschiedlich. Was manchen Arbeitnehmern den letzten Nerv raubt, ist für andere nicht der Erwähnung wert. Auch liegen die Ursachen für psychische Erkrankungen in vielen Fällen außerhalb des Betriebs. Eine wissenschaftlich haltbare klare Grenze zwischen Privatleben und Arbeitsleben lässt sich in diesem Zusammenhang häufig nicht ziehen. Diese Argumente ziehen allerdings nur bedingt. Nichts spricht gegen eine Vorgabe für die Unternehmen, ihre Arbeitsbedingungen auf die Stressbelastung hin zu überprüfen. Viele Verbesserungen lassen sich mit einem überschaubaren Einsatz erzielen. Zumindest auf lange Sicht profitieren die Betriebe auch davon, weil Krankenstände sinken und sie mit guten Jobs leichter Fachleute finden. Von allein, so lehrt es die Vergangenheit, ändert sich nichts. Deshalb ist der Gesetzgeber hier gefragt.

  • „Von häufigen Neuerungen überfordert“

    Stress durch „Verdichtung der Arbeit“ – Bosch-Betriebsrat Hans-Peter Kern erklärt, was das bedeutet

    Hannes Koch: Wir alle kennen das Gefühl, morgens in den Strudel der Arbeit hineinzuspringen und nachmittags oder abends wieder ausgespuckt zu werden. Die Hektik scheint ständig zuzunehmen. Aber stimmt dieser Eindruck überhaupt?

    Hans-Peter Kern: Aber ja, die Arbeitswelt verändert sich permanent, sie wird kurzlebiger. Vor zehn Jahren war es in einem Unternehmen wie Bosch üblich, Entwicklungsprojekte für neue Produkte aufzustellen, die dann fünf Jahre liefen. Danach hatten die Entwickler eine Pause, um die Köpfe freizubekommen. Dann startete das nächste Vorhaben. Heute dagegen kommen die neuen Projekte im Halbjahrestakt, und die Kollegen arbeiten an mehreren Aufgaben gleichzeitig.

    Koch: Als Ursache von Stress wird oft die „Verdichtung“ der Arbeit genannt. Was ist das genau?

    Kern: Beschäftigte erledigen mehr Dinge mit teils größerer Verantwortung in weniger Zeit als früher. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In den 1990er Jahren bediente ein Mitarbeiter eine computergesteuerte Drehmaschine und fertigte damit bestimmte Bauteile. Heute erledigt er viele zusätzliche Tätigkeiten. Er schreibt das Programm für die Maschine selbst und optimiert es. Außerdem wirkt er daran mit, seine Tätigkeit in den Ablauf der gesamten Produktion einzupassen. Ständig gibt es Teambesprechungen zur Abstimmung der Prozesse. Dies ist im Grunde zu begrüßen, den eine Anreicherung der Arbeit ist durchaus wünschenswert. Jedoch wird das alles zusätzlich verlangt – ohne dass die Stückzahl gesenkt wird. Die Arbeitsschicht ist nicht länger geworden, sie hat auch heute nur sieben bis acht Stunden.

    Koch: Welche Art von Stress ist für Beschäftigte bei Bosch besonders relevant?

    Kern: Viele Kollegen fühlen sich von den häufigen Neuerungen überfordert. Weil das Unternehmen schnelle Innovation predigt und dauernd neue Produkte auf den Markt bringen will, müssen die Mitarbeiter ständig lernen und sich umorientieren.

    Koch: Ist Lernen keine gute Sache?

    Kern: Auf der einen Seite sicherlich. Lebenslanges Lernen hält jung und wach. Aber es gibt auch die andere Seite – den Druck, lernen und dadurch höhere Leistung bringen zu müssen, koste es, was es wolle. Dieses Problem betrifft alle, am meisten aber die älteren Kollegen.

    Koch: Andererseits wird manche Arbeit jedoch auch leichter. Beschäftigte in den Produktionsstraßen deutscher Konzerne sind in der Regel nicht mehr giftigen Dämpfen oder zu großem Krach ausgesetzt. Sie machen regelmäßig Pause und bekommen satte Gehälter. Ist angeblicher Stress nicht auch ein Modephänomen, damit Gewerkschaften noch etwas zu kritisieren haben?

    Kern: Teilweise gehen die harten körperlichen Belastungen zwar zurück. Aber es entstehen auch neue Probleme. Dazu ein weiteres Beispiel. Früher sagte der Meister: Wir haben hier einen Auftrag, der ist kaum zu schaffen, aber lasst es uns probieren. Heute sagt er seinen Leuten: Wenn wir diesen Auftrag nicht schaffen, verlieren wir ihn. Also überlegt Euch, was Ihr selbst tun könnt. Der Vorgesetzte überträgt den Mitarbeitern somit Verantwortung, die sie mangels Gestaltungsfreiheit aber oft nicht ausfüllen können. Denn die Maschinen, die sie bedienen, laufen nun mal nicht schneller. Die Firmen neigen dazu, ihre Beschäftigten systematisch zu überfordern.

    Koch: Haben Sie es bei Bosch geschafft, dass die Arbeitnehmer mehr Zeit bekommen, bestimmte Tätigkeiten zu erledigen?

    Kern: Eine Entschleunigung der Arbeit durchzusetzen, ist sehr schwer. Erfolge haben wir eher, indem wir die weitere Beschleunigung verzögern. Bosch will die sogenannte Steinkühler-Pause – fünf Minuten pro Stunde für Beschäftigte in Akkordarbeit – abschaffen. Das ist dem Unternehmen bisher nicht gelungen. Die Kollegen und der Betriebsrat stehen geschlossen dagegen.

    Koch: Welche Maßnahmen können Betriebsräte überhaupt durchsetzen, um Arbeitsstress zu reduzieren?

    Kern: Hilfreich ist es unter anderem, wenn Unternehmen den Austausch von E-Mails im firmeneigenen Netz abends ab einer bestimmten Uhrzeit unterbrechen. Damit helfen sie ihren Mitarbeitern, das Smartphone beiseite zu legen und sich zu erholen. Außerdem kann man daraufhinwirken, das eine oder andere Entwicklungsprojekt zeitlich besser zu planen oder aber auch durch Einstellungen zusätzlicher Mitarbeiter diese Projekte zeitnah zum Abschluss zu bringen. Auch ergonomische Verbesserungen können helfen, beispielsweise kombinierte Sitz- und Steharbeitsplätze im Büro.

    Koch: Die IG Metall fordert eine Anti-Stress-Verordnung der Bundesregierung. Was würde sich dadurch ändern?

    Kern: Von psychischer Belastung ist im aktuellen Arbeitsschutzgesetz noch keine Rede. Die Novellierung und eine Anti-Stress-Verordnung würden die Basis dafür legen, dass die Betriebsräte überhaupt systematisch mit den Unternehmensleitungen über das Thema Stress verhandeln können. Dann erst hätten wir die Möglichkeiten, breite Verbesserungen durchzusetzen.

    Hans-Peter Kern (Jg. 1965) ist Betriebsrat beim Automobilzulieferer und Elektronik-Konzern Bosch im baden-württembergischen Reutlingen. Gleichzeitig übt er eine ehrenamtliche Tätigkeit im Vorstand der Berufsgenossenschaft ETEM aus, die unter anderem für Arbeits- und Unfallschutz im Energie- und Elektrobereich zuständig ist.

    Kongress gegen Stress

    Mehr als zehn Prozent aller Fehltage, an denen Beschäftigte wegen Krankheit nicht zur Arbeit erscheinen, sind mittlerweile auf seelische Leiden zurückzuführen. Dies sagt die Statistik des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen. Zu großer Stress am Arbeitsplatz und das Burnout-Syndrom gehören zu den wichtigsten Phänomen. Unter anderem die Gewerkschaft IG Metall fordert die Bundesregierung deshalb auf, eine Anti-Stress-Verordnung zu formulieren. Um dieses Ziel zu unterstreichen, veranstaltet die Gewerkschaft ab kommenden Dienstag (23.4.) ihren „Anti-Stress-Kongress“ in Berlin. Während die SPD die Forderung der Gewerkschaft unterstützt, sieht die Regierungskoalition bislang keinen Anlass für eine neue Verordnung. Das Bundesarbeitsministerium prüft aber, ob psychische Belastungen ins Arbeitsschutzgesetz aufgenommen werden sollen.

  • Aus Schwarz wird Weiß

    Eine seltene Unternehmenssymbiose verbindet Spitzentechnologie mit der Sanierung eines Kohlereviers / Evonik geht an der Börse und holt das Geld für die Lasten des Bergbaus herein

    Das Ruhrgebiet ist die Keimzelle des deutschen Wirtschaftswunders in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Tief unter der Erde schlugen Tausende Bergarbeiter Steinkohle aus engen Flözen und lieferten so die notwendige Energie für die Industrie. Davon lebte die Region, die in den letzten Jahrzehnten jedoch immer mehr zum Problemfall wurde. Erst kam die billige Importkohle, dann die Atomkraft und jetzt gibt es erneuerbare Energien. Es ging bergab.

    Mit den Zechen und Walzwerken verschwand auch der Ruß, der das Ruhrgebiet lange Zeit verschmutzte. Aus Schwarz wurde Weiß. Das sollte auch für die Wirtschaft in der Region gelten. Ein einzigartiges Paradebeispiel dafür gibt es auch. Die unter dem Dach der Ruhrkohle AG vereinigten Kohlebetriebe, Wohnungen und Chemiesparten wurden 2007 in den das „schwarze“ und das „weiße“ Segment getrennt. Aus letzterem wurde der Spezialchemiekonzern Evonik Industries geschmiedet, der nun auch internationale Anleger an der Börse für sich gewinnen will. Am Ende dieser Woche soll die Erstnotierung stattfinden.

    Evonik steht in vielen Segmenten spezieller Substanzen mit an der Spitze. So produziert das Unternehmen als einziges weltweit in riesigen Werken alle vier wichtigen essentiellen Aminosäuren für die Tierfutter-Industrie. „Unsere Weltbevölkerung wächst jedes Jahr um 80 Millionen Menschen“, sagt Vorstandschef Klaus Engel, der daher mit einem anhaltend wachsenden Lebensmittelbedarf rechnet. Das Bevölkerungswachstum beschert Evonik auch als Hersteller von Superabsorbern für Babywindeln Profit. Autoreifen werden mit Hilfe von Evoniks Kieselsäuren und Silanen umweltverträglicher. Allein sechs Milliarden Euro will Engel bis 2016 in weitere Innovationen investieren. Fast 14 Milliarden Euro spielte die Chemie im vergangenen Jahr ein. 1,2 Milliarden Euro blieben als Überschuss übrig. Den internationalen Anlegern verspricht Engel eher Langeweile. Evonik will aus eigener Kraft weiterkommen und keine riskanten Experimente wagen. Die Profis konnte der Vorstand offenkundig überzeugen. Singapurs Staatsfonds Temasek ist zum Beispiel mit dabei.

    Immer wieder betont Engel das Wort „Werte“, wenn er vom Wachstum spricht. Kurzfristige Renditeerwartungen erteilt der Vorstand eine klare Absage. Das ist auch ein Grund, warum die Bergbaugewerkschaft IGBCE so gut mit der Führungsspitze klarkommt. „Er ist nicht abgehoben und in der Region verhaftet“, lobt deren Sprecher Christian Hülsmeier den Vorstand. Die Kooperation zwischen Kapitalseite und Arbeitnehmern in ungewöhnlich ausgeprägt. Gemeinsam betreiben beide zum Beispiel eines der größten deutschen Wohnungsunternehmen mit 130.000 Wohnungen. Mit den Gewinnen aus der Vermietung sichert Evonik die Betriebsrenten der Beschäftigten ab.

    Die erstaunlich gut funktionierende Zusammenarbeit beider Seiten hat eine lange Tradition. Bald nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Montanmitbestimmung eingeführt, die den Arbeitnehmern weit reichende Einflussmöglichkeiten gewährte, zum Beispiel durch einen paritätisch aus Vertretern der Eigentümer und der Belegschaft besetzten Aufsichtsrat. 1951 vereinbarten Deutschland, Italien, Frankreich und die Beneluxstaaten die „Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl“, die Keimzelle der heutigen Europäischen Union. Das Ruhrgebiet galt als Basis des deutschen Wirtschaftswunders. Die Bergleute waren hoch geachtet und zwischen den Zechenbetreibern und ihren Arbeitern bestand eine starke Bindung.

    Die „weißen“ Sparten sind ohne die „schwarzen“ nicht denkbar. Denn Evonik ist ein Spross der RAG-Stiftung. Ein anderer ist die Ruhrkohle AG, die noch bis 2018 Steinkohle aus dem Untergrund holen will. Zwar wurden schon vor einigen Jahren 25 Prozent der Anteile an den britischen Finanzinvestor CVC verkauft und nun noch weitere Aktienpakete an Großanleger und das breite Börsenpublikum gebracht. Doch das Sagen hat weiterhin die Stiftung, deren Aufgabe in der Bewältigung der so genannten Ewigkeitslasten des Bergbaus besteht und die von der Politik und der Gewerkschaft bestimmt wird.

    Auch wenn 2019 die noch verbliebenen Bergleute ihre Arbeit verloren haben und die letzte Zeche dicht gemacht worden ist, wartet auf die Stiftung noch eine Menge kostspielige Arbeit. Das Ruhrgebiet ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Bis zu 1.400 Meter tief reichen die in den Untergrund getriebenen Stollen. Darin sammelt sich Wasser, das ständig abgepumpt werden muss. Allein dies kostet jährlich einen dreistelligen Millionenbetrag, der künftig aus den Gewinnen von Evonik bezahlt wird. 13 Milliarden Euro braucht die Stiftung als Kapitalstock. Zwei Milliarden bringt allein der Börsengang ein.

    Darüber hinaus kümmert sich die Stiftung um den Strukturwandel der einstigen Bergbauregion. Dazu gehört derzeit zum Beispiel die Prüfung, ob die Stollen auch als Pumpspeicherkraftwerke genutzt werden können. Denn Deutschland hat zwar die Energiewende ausgerufen, doch fehlt es noch an Speichern für den Strom aus Wind und Sonne. Das könnte eine Zukunftsperspektive des Potts werden. Darüber hinaus werden aus dem „weißen“ Geschäft gesellschaftliche Verpflichtungen finanziert. Die Stiftung fördert Bildungseinrichtungen, unterstützt kulturelle und sportliche Aktivität.

    Die Trennung von Schwarz und Weiß ermöglicht allen Seiten einen Gewinn. Arbeitsplätze werden gesichert und der Strukturwandel befördert. Die Altlasten des Bergbaus sind finanziell verkraftbar und die Aktionäre erfreuen sich eines soliden Geschäftsmodells.

  • Ein Huhn für 5.000 Liter Suppe

    Interview

    Ab dem kommenden Montag gilt europaweit eine Positivliste für Aromastoffe, die bei der Lebensmittelproduktion verwendet werden können. Damit ist aber nach Ansicht von Armin Valet von der Hamburger Verbraucherzentrale für die Kunden kein Nutzen verbunden. Der 47-jährige Lebensmittelchemiker entlarvt immer wieder Mogeleien der Lebensmittelindustrie.

    Frage: Mit Aromastoffen können minderwertige Lebensmittel in Gourmetware verwandelt werden. Werden Kunden durch die Verwendung nicht grundsätzlich hinters Licht geführt?
    Armin Valet: Es besteht die Gefahr, dass Verbrauchern minderwertige Produkte untergejubelt werden, weil eine Qualität vorgegaukelt wird, die gar nicht vorhanden ist. Der Kunde liest zwar „Huhn“ auf der Verpackung der Fertigsuppe, doch drinnen ist praktisch keines. Wir haben bei einer Untersuchung gerade einmal einen Anteil von 0,18 Prozent Huhn in einem Fertigprodukt gefunden. Nach dieser Rezeptur ließen sich aus einem Suppenhuhn 5.000 Liter Suppe (oder 20.000 Portionen) herstellen. Damit das überhaupt schmeckt, hilft die Industrie kräftig mit Geschmacksverstärkern und Aromen nach..

    Frage: Lässt sich die Verwendung der Geschmacksaufpepper leicht erkennen und wird die Positivliste der EU für mehr Durchblick sorgen?
    Valet: Nein, in der Liste werden nur 2.600 chemische Begriffe aufgeführt , die gar nicht auf dem Etikett der Lebensmittelverpackung stehen. Die Kennzeichnung der Aromen ist prinzipiell wenig transparent: Natürliche Aromen müssen beispielsweise nur aus natürlichen Rohstoffen stammen, aber nicht von den Früchten, die etwa auf einem Fruchtjoghurt abgebildet sind. Für Konsumenten noch verwirrender ist der Begriff Erdbeeraroma auf der Zutatenliste. Er bedeutet nicht, dass das Aroma aus Erdbeeren gewonnen wird, sondern nur, dass es nach Erdbeere schmeckt. Lediglich die Bezeichnung natürliches Erdbeeraroma zeigt an, dass das Aroma fast ausschließlich aus Erdbeeren gewonnen wurde. Diese Aromen werden nur selten von der Industrie verwendet.

    Frage: Wie sollten Aromastoffe angezeigt werden, damit der Durchschnittsverbraucher auch erkennen kann, was tatsächlich drin ist?
    Valet: Auf der Vorderseite der Verpackung muss auf einen Blick erkennbar sein, dass ein Produkt aromatisiert ist. Auch ist die Zusammensetzung von Aromen derzeit ein Buch mit sieben Siegeln. Wir fordern, dass die verwendeten Zusatzstoffe oder Lösungsmittel genannt werden. Für die Industrie lohnt sich der Etikettenschwindel enorm. Wir haben einmal ausgerechnet, dass Himbeeraroma für 100 Kilogramm Joghurt sechs Cent kostet, Früchte für dieselbe Menge aber 30 Euro.

    Frage: Von welchen Produkten sollten Verbraucher nach einem Blick auf die Zutatenliste die Finger lassen, wenn sie naturbelassene Nahrungsmittel kaufen wollen?
    Valet: Gesundheitsgefährdend sind Aromen nicht. Es gibt aber andere Gefahren. Kinder werden schnell an den industriellen Einheitsgeschmack gewöhnt und Konsumenten essen gerne mehr, wenn es so intensiv schmeckt. Auch werden wertvolle Inhaltsstoffe durch Aromen verdrängt. Die Nahrung ist also nicht so gut wie natürliche. Wer Produkte haben will, die ohne diese Zusätze auskommen, kann sich auf unserer Internetseite eine Positivliste dazu anschauen.

  • Ein Blick in die Aroma-Küche

    Natürliche Aromen werden nicht nur aus Äpfeln, Erdbeeren oder Himbeeren gewonnen. Auch Hölzer, Schimmelpilze oder Bakterien kommen bei der Herstellung zum Einsatz

    Prangt auf dem Erdbeerquark „natürliches Aroma“, heißt das noch lange nicht, dass der süßlich beerige Geschmack von den roten Früchten kommt. „Natürlich“ heißt auf Lebensmitteletiketten lediglich, dass bei der Aromaherstellung Rohstoffe zum Einsatz kommen, die in der Natur vorhanden sind. Und das können Pflanzen, Tiere oder gar Mikroorganismen sein.  

    Ein Aroma besteht in der Regel aus einer Kombination verschiedener Einzelstoffe. 2.600 davon, das schätzt der Lebensmittelchemiker und Buchautor Udo Pollmer, stehen der Lebensmittelwirtschaft zur Verfügung. Bei der Produktion von natürlichen Aromastoffen kommen im Gegensatz zu naturidentischen und künstlichen Aromastoffen ausschließlich physikalische Verfahren zum Einsatz. Es heißt also extrahieren  oder destillieren, anstatt die chemischen Verbindungen künstlich im Labor aufzubauen.

    Für die Herstellung von natürlichen Aromen halten zum Beispiel Hölzer, Zellkulturen, Schimmelpilze oder zum Beispiel Bakterien her. Welche Stoffe der Ingwerbrause den letzten Schliff verleihen, verraten die Lebensmittelmacher ungern. Die Rezepte sind Betriebsgeheimnis. Buchautor Pollmer kennt die skurrilen Mixturen. In seinem Buch „Food-Design: Panschen erlaubt“ gibt er einige davon preis: Für „natürlichen“ Apfelgeschmack bietet sich eine Mixtur aus Weinfuselöl und Hefeöl-Destillat unter Zusatz von biotechnologisch erzeugten Ethylacetat an, schreibt er. Hinzu kommen noch ein paar Tropfen Tagetesöl. Und für „Himbeere“ eignet sich Zedernholzöl. Nimmt man die Sägespäne des Baumes und destilliert sie, kommt ein typischer Himbeerduft heraus.

    Freilich lässt sich der Geschmack auch aus Obst gewinnen. „Natürliches Himbeeraroma“ steht in dem Fall auf dem Produkt. Mindestens 95 Prozent des Aromas kommen dann aus der namensgebenden Quelle. Ziert allein das Wörtchen „Aroma“ die Schachtel, ist das ein Indiz dafür, dass naturidentische oder künstliche Aromastoffe im Essen stecken. Beides wird mithilfe chemischer Verfahren im Labor hergestellt.

    Naturidentische Aromastoffe haben, wie der Name schon sagt, ein entsprechendes Vorbild in der Natur. Einfach gesagt: Die Chemiker schauen sich Aromen bei der Natur ab und bauen sie im Labor nach. So wird naturidentisches Vanillin wird zum Beispiel synthetisch aus Eugenol, also Gewürznelkenöl, gewonnen. Die richtige Vanilleschote kommt nicht zum Einsatz.

    Künstliche Aromastoffe hingegen haben kein Vorbild in der Natur. In der Praxis spielen sie aber kaum noch eine Rolle. Lediglich Ethylvanillin, das etwas intensiver nach Vanille riecht als das natürlich vorkommende Vanillin, wird in einigen Lebensmitteln eingesetzt.

  • Der Boom der fairen Blumengrüße

    Rosen mit Fairtrade-Logo sind ein Verkaufsschlager – auch wenn Kunden davon nicht viel mitbekommen

    Fast unbemerkt haben sie die Supermärkte erobert: die Rosen mit dem Fairtrade-Siegel. „Bestseller“ sind sie, sagt Dieter Overath, Geschäftsführer der gemeinnützigen Organisation TransFair. Deutschland, sei „Fairtrade-Rosenweltmeister“. Dass mittlerweile jede fünfte Rose, die hierzulande über den Ladentisch geht, aus gerechter Produktion stammt, mag man ihm kaum glauben. Doch ein Blick in die Läden zeigt: Hier stehen sie, die Blumensträuße, die das Fairtrade-Logo ziert.

    Fast schon zu klein hängt das Logo mit dem stilisierten Produzenten, der einen Arm in die Luft streckt, an den Verpackungen. Allein aus diesem Grund dürfte es manchem Blumenliebhaber in der Vergangenheit gar nicht aufgefallen sein, dass er sein Geld für einen fairen Blumengruß ausgab. Auch am Preis merkt man bisweilen nicht, dass die Pflanzen von Plantagen kommen, auf denen es den Arbeitern vergleichsweise gut geht: Für moderate 2,99 Euro bis 3,99 Euro ist der 10er-Bund zu haben.

    Nicht in Tonnen bemisst die Branche ihren Erfolg. Sie zählt Stiele. Über 250 Millionen davon verkaufte der deutsche Handel im vergangenen Jahr. Das ist Rekord und entspricht einem Plus von über 200 Prozent, was einem Marktanteil von knapp 20 Prozent gleichkommt. Damit ist Deutschland weltweiter Marktführer im Absatz von Fairtrade-Rosen.

    Seit 2005 gibt es die fairen Rosen nun schon in hiesigen Geschäften. Den Erfolg haben die Supermärkte gebracht. Ob Aldi, Lidl, Edeka oder Kaufland: Wer hier einkauft, kann die gerechten Blumen finden. Den Großteil – 85 Prozent – bringt der Kölner Handelskonzern Rewe seit 2007 unters Volk. Seitdem es seit vergangenem Jahr auch langstielige Einzelrosen für den Fachhandel gibt, sind außerdem Floristen auf das Produkt aufmerksam geworden. Mittlerweile über 1.000 Blumenverkäufer vertreiben die fairen Gewächse, die überwiegend aus Kenia und Äthiopien stammen.

    Mit dem Kauf unterstützen Verbraucher die Arbeiter und deren Familien vor Ort. Die Fairtrade-Produktion sichert ihnen beispielsweise Mindestlöhne zu und verbietet illegale Kinderarbeit. Den Weg jeder einzelnen Blume – vom Setzling bis zum Verkauf – können Endkunden mithilfe eines Codes am Produkt nachvollziehen. Wer den Code auf der Webseite www.fairtrade-code.de eingibt, erfährt, von welcher der weltweit 50 Plantagen die einzelne Rose oder der Blumenstrauß stammt.

    Doch wie steht es um die Umweltbilanz der fairen Rosen aus Kenia oder Äthiopien? Schließlich werden die Pflanzen im Flugzeug nach Europa gebracht und Unmengen von Kerosin verschleudert. Obwohl im Flugzeug transportiert, argumentiert der Faire Handel, sei die Energiebilanz besser als bei einheimischen Züchtungen. Durch das wärmere Klima in den Exportländern entfalle die energieaufwändige Beheizung von Gewächshäusern. Zudem würden strenge ökologische Richtlinien gelten und beispielsweise nur umweltverträgliche Pflanzenbehandlungsmittel eingesetzt. Mit Rosen, die das Fairtrade-Siegel tragen, schenkt es sich demnach nicht nur sozial, sondern auch ökologisch gerecht.

    Fairer Handel in Zahlen

    Das Geschäft mit Produkten aus Fairem Handel boomt kräftig weiter. Auch 2012 gaben deutsche Konsumenten erneut mehr Geld für faire Waren aus Entwicklungsländern aus. Mit insgesamt 533 Millionen Euro steigerte sich der Umsatz um 33 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Verkaufsschlager, so der Kölner Verein Transfair, sind neben Rosen (über 250 Millionen verkaufte Stiele), das Fairtrade-Traditionsprodukt Kaffee (Absatz: 9.322 Tonnen) und Bananen (Absatz: über 21.000 Tonnen).

  • Früchte ernten, ohne den Baum abzusägen

    Kommentar zur Wirtschaftsentwicklung von Hannes Koch

    Wie gut es der deutschen Wirtschaft wirklich geht, zeigt die Entwicklung in der Leiharbeitsbranche. Viele der 740.000 Beschäftigten erhalten mittlerweile 15 Prozent mehr Lohn. Bis zum Sommer sollen die Zuschläge laut der Tarifverträge auf bis zu 50 Prozent steigen. Trotzdem wird die Industrie wohl zusätzliche Stellen einrichten. Die Unternehmen können die erstaunlichen Lohnsteigerungen problemlos wegstecken, weil Aufträge und Absatz zunehmen. Dass 2013 kein schlechtes Jahr wird, erklärten am Donnerstag auch die Wirtschaftsforscher in ihrem Gutachten für die Bundesregierung.

    Angesichts dieser guten Lage verfügt die Wirtschaft im Großen und Ganzen über genügend Spielraum, einige Fehlentwicklungen zu korrigieren. Nachdem die Löhne vieler Beschäftigter im vergangenen Jahrzehnt stagnierten, sollten sie nun weiter erheblich steigen. Drei bis vier Prozent jährlich sind realistisch. Auch die Aussichten für Mindestlöhne werden besser. Wenn Unternehmen selbst niedrig qualifizierten Leiharbeitern 50 Prozent mehr zahlen – warum sollten dann Mindestlöhne mit branchenspezifischer Differenzierung Jobkiller sein?

    Gegenwärtig wird in Deutschland das Geld verdient, mit dem man die Marktwirtschaft etwas sozialer gestalten kann. Davon mag auch Europa profitieren: Mehr deutsche Konsumnachfrage hilft Griechenland und Spanien ein wenig, aus dem Tal der Krise herauszufinden. Weil die positive Lage in Deutschland jedoch nicht ewig enthält, sollten wir die Früchte jetzt ernten – ohne den Baum abzusägen.