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  • Zweifel an neuen Stromtrassen wächst

    Industrie in BaWü und Bayern kann kurzfristig auf neun Prozent ihrer Elektrizitätsnachfrage verzichten

    Ob man die neuen Stromtrassen, die der Bundestag am Donnerstag beschloss, wirklich braucht, ist nicht klar. Unternehmen in Baden-Württemberg und Bayern könnten ihre Stromnachfrage beispielsweise so gestalten, dass der Spitzenbedarf deutlich sinkt. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie, die die Umweltminister der beiden Südländer, Franz Untersteller (Grüne) und Marcel Huber (CSU), am Donnerstag in Stuttgart vorstellten.

    Drei neue Höchstspannungsleitungen sollen dereinst die elektrische Energie der Windparks auf Nord- und Ostsee in die Industriegebiete Süddeutschlands leiten. Im Bundesbedarfsplan hat die Regierungskoalition nun die grundsätzlichen Korridore dafür festgelegt und die Möglichkeiten für ein bundeseinheitliches Planverfahren geschaffen.

    Ob die schon jetzt umstrittenen neuen Leitungen allerdings irgendwann gebaut werden, zeigt erst die Zukunft. Denn die Regierung will den Bedarfsplan regelmäßig überarbeiten und, wenn nötig, angepassen. So kann es sein, dass 2017 beispielsweise nur eine der teilweise unterirdischen Höchstspannungsleitungen für Gleichstrom fertig ist, und der Bau der beiden anderen verschoben wird.

    Über 200 Firmen, darunter neun Großunternehmen in Baden-Württemberg und Bayern haben die Gutachter im Auftrag der Umweltministerien und der Berliner Denkfabrik Agora Energiewende befragt. Das Ergebnis: Für eine kurze Dauer von einer halben Stunde können die Unternehmen ihre Stromnachfrage um bis zu 1,2 Gigawatt (Milliarden Watt) reduzieren – knapp neun Prozent des Spitzenbedarfs der gesamten süddeutschen Industrie. Für zwei Stunden wären die Firmen in der Lage, auf bis 850 Megawatt zu verzichten (etwa sechs Prozent). Diese Leistung entspricht etwa der von zwei großen, konventionellen Kraftwerken.

    Vorübergehendes Abschaltpotenzial sehen die Gutachter unter anderem im Maschinen- und Fahrzeugbau, dort besonders bei der Belüftung der Produktionshallen. Strom lasse sich beispielsweise sparen, indem die Geschwindigkeit der Luftzirkulation reduziert werde. Angeblich habe das aber keine Auswirkungen auf die Versorgung der Beschäftigten mit Frischluft. Auch die Papierindustrie könne ihren Strombedarf einfach verschieben oder verringern, indem etwa die Holzverarbeitung kurzfristig unterbrochen werde.

    Diese Nachfrageflexibilität ist aber bislang nur eine theoretische. Denn auf dem gegenwärtigen Strommarkt bekommen die Unternehmen keine Anreize, sich entsprechend zu verhalten. Lars Waldmann von Agora Energiewende erklärt, dass man einen neuen Marktmechanismus erfinden müsste. Beispielsweise Porsche würde dann an der Strombörse in Leipzig nicht nur Strommengen kaufen, sondern Einsparkapazität anbieten. Die Stromlieferanten, die die Elektrizitätsversorgung sicherstellen, könnten die Dienstleistung „weniger Stromnachfrage“ von Porsche erwerben.

    Weil der Konzern so Geld verdient, bekommt er einen Anreiz, seine Nachfrage tatsächlich zu verringern. Auch der Stromlieferant hätte möglicherweise einen Vorteil, weil er kein teures Reservekraftwerk hochfahren müsste. Interessant wird dieser Mechanismus für die Industrie, wenn der zusätzliche Erlös etwa fünf Prozent ihrer Stromkosten ausmacht, ergab die Studie.

    Dies sind weitere Argumente in der aktuellen Debatte über die Notwendigkeit der großen Zahl von Windparks, die die Bundesregierung auf Nord- und Ostsee realisiert sehen möchte. Nach früherer Euphorie dreht sich hier die Stimmung. Gerade haben Bund, Länder und Gemeinden die neue Fachagentur zur Förderung der Windenergie an Land gegründet. Mehr Windräder in Süddeutschland bedeuten möglicherweise weniger Windräder auf dem Meer. SPD-Politiker Jörg Kuhbier, Vorsitzender der Stiftung Offshore-Windenergie, sagte unlängst, dass das offizielle Ausbauziel der Bundesregierung von 10.000 Megawatt Windkraft auf dem Meer bis 2020 nicht mehr erreichbar sei. Dafür geht der Ausbau zu schleppend voran. Und wozu drei Stromtrassen, wenn ihnen der Strom fehlt?

  • Arbeit geht auch ohne Stress

    Gewerkschaft will Anti-Stress-Verordnung durchsetzen / Jeder Vierte leidet unter Zeit- und Leistungsdruck

    Mit einem immer härteren Wettbewerb und schnelleren Innovationszyklen steigt der Stress für die Beschäftigten in den Betrieben immer weiter an. „Wir haben eine Belastung, die immer weiter wächst“, stellt IG-Metall-Vorstand Hans-Jürgen Urban fest. Unter Stress verstehen die Gewerkschaften vielerlei psychische Beschwerden, die sich aus krank machenden Arbeitsbedingungen ergeben. Nach Urbans Willen muss das Arbeitsschutzrecht in Deutschland deshalb erweitert werden. Die Metaller fordern eine Anti-Stress-Verordnung. Damit sollen Unternehmen verpflichtet werden, die Bedingungen in Büros und Werkhallen auf ihre psychische Verträglichkeit hin zu überprüfen.

    Eine Umfrage der Gewerkschaft unter 1000 Erwerbstätigen ergab einen eindeutigen Befund. 28 Prozent der Beschäftigten beklagen Stress im Job, vor allem durch einen hohen Leistungs- und Zeitdruck. Auch dass Arbeitnehmer für den Chef immer häufiger ständig erreichbar sein sollen, bringt sie an ihre Belastungsgrenze. Mehr als 40 Prozent der Befragten gaben an, dass diese „hin und wieder“ der Fall sei. Sieben von zehn Arbeitnehmern wünschen sich von der Politik, dass der Schutz gegen hohen Leistungsdruck und gesundheitsschädigenden Arbeitsstress ausgedehnt wird.

    Daran hapert es Urban zufolge noch. Deshalb hat die Gewerkschaft eine Verordnung entworfen, mit der das Arbeitsschutzrecht an die noch vergleichsweise junge Entwicklung angepasst werden soll. Die Regelung enthält Vorgaben für die Betriebe, die wichtigsten Gefährdungsfaktoren herauszufinden und möglichst abzustellen. Es gibt viele kleine Faktoren, die Arbeitnehmern schnell überfordern können. Extrem monotone Tätigkeiten können Beschäftigte genauso krank machen wie die hohe Belastung durch parallel laufende Projektarbeiten. Auch wenn die Ruhe zur Arbeit fehlt, weil ständig das Telefon klingelt oder Mails beantwortet werden müssen, löst dies Stresssituationen aus. Mit einer gesetzlichen Schutzregelung könnten aber auch nach Meinung der Metaller niemand eine ruhige Kugel schieben. „Wir hängen nicht der Illusion eines stressfreien Arbeitsplatzes nach“, betont Urban.

    Das es anders geht, belegen Beispiele aus einzelne Unternehmen, in denen starke Betriebsräte verbesserte Arbeitsbedingungen aushandeln konnten. Laut Urban stieg beim Aufzugbauer Otis in Mannheim der Krankenstand unter den Monteuren stark an. Bei der Ursachenforschung fanden Betrieb und Arbeitnehmervertreter heraus, dass frei werdende Stellen nicht wieder besetzt worden waren und deshalb die Belastung der verbliebenen Facharbeiter über ein erträgliches Maß hinaus anwuchs. Mittlerweile haben sich beide Seiten auf eine Sollstärke beim Personal verständigt. Darüber hinaus wurden die Monteure technisch besser ausgestattet, weiter qualifiziert und ihre Büroräume neu gestaltet. Die Belastungen konnten so deutlich reduziert werden.

    „Diese guten Beispiele sind relativ selten“, kritisiert Urban. Obwohl auch die Betriebe von gesundheitsfördernden Arbeitsbedingungen durch geringe Krankenstände profitieren, scheuen sich viele vor einer offenen Analyse der betrieblichen Realitäten. Dafür macht die Metallgewerkschaft das weit verbreitete kurzfristige Denken in den Chefetagen verantwortlich. Es habe sich ein kurzfristiger Blick auf die Renditen durchgesetzt, sagt Urban. Auch deshalb hält er eine Anti-Stress-Verordnung für notwendig.

    Die Arbeitgeber der Metallbranche lehnen den Vorschlag rundweg ab. „Es gibt längst strenge Regelungen zum Arbeitsschutz“, betont der Hauptgeschäftsführer des Verbands Gesamtmetall, Oliver Zander. Psychische Erkrankungen gingen auf im jedem Einzelfall unterschiedliche Mischungen von Ursachen zurück. Der Verband plädiert für eine gründliche Ursachenforschung. Gerade psychische Belastungen und Stress hätten ihre Ursache auch durch private Probleme der Beschäftigten. Die pauschale Kritik, das Arbeit krank mache, gehe an der Realität völlig vorbei.

  • Unsichtbare Krankmacher

    Kommentar

    Früher waren es unsichere Maschinen, schlecht gelagerte Chemikalien oder instabile Gerüste, die Arbeitnehmern Verletzungen bis hin zum Tode einbrachten. Heute spielen die körperlichen Gefahren für die Gesundheit von Beschäftigten immer seltener eine Rolle. Ausformulierte Arbeitsschutzgesetze und entsprechende Kontrollen der Sicherheitsstandards haben die meisten Tätigkeiten weitgehend sicher werden lassen. Anders sieht es bei den nicht sichtbaren Gefahren aus. Druck oder enge Zeitpläne, permanente Verfügbarkeit oder die Verantwortung für Erfolge, die gar nicht in der Macht des Einzelnen stehen: Das sind die Krankmacher des beginnenden 21. Jahrhunderts. Deshalb ist die Forderung der IG Metall nach einer Ausweitung der Arbeitsschutzgesetzes auf psychische Belastungen mehrheitsfähig.

    Die Ablehnung des Vorschlags durch die Arbeitgeber ist auch teilweise nachvollziehbar. Stress ist schwer messbar und die Belastbarkeit der Menschen sehr unterschiedlich. Was manchen Arbeitnehmern den letzten Nerv raubt, ist für andere nicht der Erwähnung wert. Auch liegen die Ursachen für psychische Erkrankungen in vielen Fällen außerhalb des Betriebs. Eine wissenschaftlich haltbare klare Grenze zwischen Privatleben und Arbeitsleben lässt sich in diesem Zusammenhang häufig nicht ziehen. Diese Argumente ziehen allerdings nur bedingt. Nichts spricht gegen eine Vorgabe für die Unternehmen, ihre Arbeitsbedingungen auf die Stressbelastung hin zu überprüfen. Viele Verbesserungen lassen sich mit einem überschaubaren Einsatz erzielen. Zumindest auf lange Sicht profitieren die Betriebe auch davon, weil Krankenstände sinken und sie mit guten Jobs leichter Fachleute finden. Von allein, so lehrt es die Vergangenheit, ändert sich nichts. Deshalb ist der Gesetzgeber hier gefragt.

  • „Von häufigen Neuerungen überfordert“

    Stress durch „Verdichtung der Arbeit“ – Bosch-Betriebsrat Hans-Peter Kern erklärt, was das bedeutet

    Hannes Koch: Wir alle kennen das Gefühl, morgens in den Strudel der Arbeit hineinzuspringen und nachmittags oder abends wieder ausgespuckt zu werden. Die Hektik scheint ständig zuzunehmen. Aber stimmt dieser Eindruck überhaupt?

    Hans-Peter Kern: Aber ja, die Arbeitswelt verändert sich permanent, sie wird kurzlebiger. Vor zehn Jahren war es in einem Unternehmen wie Bosch üblich, Entwicklungsprojekte für neue Produkte aufzustellen, die dann fünf Jahre liefen. Danach hatten die Entwickler eine Pause, um die Köpfe freizubekommen. Dann startete das nächste Vorhaben. Heute dagegen kommen die neuen Projekte im Halbjahrestakt, und die Kollegen arbeiten an mehreren Aufgaben gleichzeitig.

    Koch: Als Ursache von Stress wird oft die „Verdichtung“ der Arbeit genannt. Was ist das genau?

    Kern: Beschäftigte erledigen mehr Dinge mit teils größerer Verantwortung in weniger Zeit als früher. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In den 1990er Jahren bediente ein Mitarbeiter eine computergesteuerte Drehmaschine und fertigte damit bestimmte Bauteile. Heute erledigt er viele zusätzliche Tätigkeiten. Er schreibt das Programm für die Maschine selbst und optimiert es. Außerdem wirkt er daran mit, seine Tätigkeit in den Ablauf der gesamten Produktion einzupassen. Ständig gibt es Teambesprechungen zur Abstimmung der Prozesse. Dies ist im Grunde zu begrüßen, den eine Anreicherung der Arbeit ist durchaus wünschenswert. Jedoch wird das alles zusätzlich verlangt – ohne dass die Stückzahl gesenkt wird. Die Arbeitsschicht ist nicht länger geworden, sie hat auch heute nur sieben bis acht Stunden.

    Koch: Welche Art von Stress ist für Beschäftigte bei Bosch besonders relevant?

    Kern: Viele Kollegen fühlen sich von den häufigen Neuerungen überfordert. Weil das Unternehmen schnelle Innovation predigt und dauernd neue Produkte auf den Markt bringen will, müssen die Mitarbeiter ständig lernen und sich umorientieren.

    Koch: Ist Lernen keine gute Sache?

    Kern: Auf der einen Seite sicherlich. Lebenslanges Lernen hält jung und wach. Aber es gibt auch die andere Seite – den Druck, lernen und dadurch höhere Leistung bringen zu müssen, koste es, was es wolle. Dieses Problem betrifft alle, am meisten aber die älteren Kollegen.

    Koch: Andererseits wird manche Arbeit jedoch auch leichter. Beschäftigte in den Produktionsstraßen deutscher Konzerne sind in der Regel nicht mehr giftigen Dämpfen oder zu großem Krach ausgesetzt. Sie machen regelmäßig Pause und bekommen satte Gehälter. Ist angeblicher Stress nicht auch ein Modephänomen, damit Gewerkschaften noch etwas zu kritisieren haben?

    Kern: Teilweise gehen die harten körperlichen Belastungen zwar zurück. Aber es entstehen auch neue Probleme. Dazu ein weiteres Beispiel. Früher sagte der Meister: Wir haben hier einen Auftrag, der ist kaum zu schaffen, aber lasst es uns probieren. Heute sagt er seinen Leuten: Wenn wir diesen Auftrag nicht schaffen, verlieren wir ihn. Also überlegt Euch, was Ihr selbst tun könnt. Der Vorgesetzte überträgt den Mitarbeitern somit Verantwortung, die sie mangels Gestaltungsfreiheit aber oft nicht ausfüllen können. Denn die Maschinen, die sie bedienen, laufen nun mal nicht schneller. Die Firmen neigen dazu, ihre Beschäftigten systematisch zu überfordern.

    Koch: Haben Sie es bei Bosch geschafft, dass die Arbeitnehmer mehr Zeit bekommen, bestimmte Tätigkeiten zu erledigen?

    Kern: Eine Entschleunigung der Arbeit durchzusetzen, ist sehr schwer. Erfolge haben wir eher, indem wir die weitere Beschleunigung verzögern. Bosch will die sogenannte Steinkühler-Pause – fünf Minuten pro Stunde für Beschäftigte in Akkordarbeit – abschaffen. Das ist dem Unternehmen bisher nicht gelungen. Die Kollegen und der Betriebsrat stehen geschlossen dagegen.

    Koch: Welche Maßnahmen können Betriebsräte überhaupt durchsetzen, um Arbeitsstress zu reduzieren?

    Kern: Hilfreich ist es unter anderem, wenn Unternehmen den Austausch von E-Mails im firmeneigenen Netz abends ab einer bestimmten Uhrzeit unterbrechen. Damit helfen sie ihren Mitarbeitern, das Smartphone beiseite zu legen und sich zu erholen. Außerdem kann man daraufhinwirken, das eine oder andere Entwicklungsprojekt zeitlich besser zu planen oder aber auch durch Einstellungen zusätzlicher Mitarbeiter diese Projekte zeitnah zum Abschluss zu bringen. Auch ergonomische Verbesserungen können helfen, beispielsweise kombinierte Sitz- und Steharbeitsplätze im Büro.

    Koch: Die IG Metall fordert eine Anti-Stress-Verordnung der Bundesregierung. Was würde sich dadurch ändern?

    Kern: Von psychischer Belastung ist im aktuellen Arbeitsschutzgesetz noch keine Rede. Die Novellierung und eine Anti-Stress-Verordnung würden die Basis dafür legen, dass die Betriebsräte überhaupt systematisch mit den Unternehmensleitungen über das Thema Stress verhandeln können. Dann erst hätten wir die Möglichkeiten, breite Verbesserungen durchzusetzen.

    Hans-Peter Kern (Jg. 1965) ist Betriebsrat beim Automobilzulieferer und Elektronik-Konzern Bosch im baden-württembergischen Reutlingen. Gleichzeitig übt er eine ehrenamtliche Tätigkeit im Vorstand der Berufsgenossenschaft ETEM aus, die unter anderem für Arbeits- und Unfallschutz im Energie- und Elektrobereich zuständig ist.

    Kongress gegen Stress

    Mehr als zehn Prozent aller Fehltage, an denen Beschäftigte wegen Krankheit nicht zur Arbeit erscheinen, sind mittlerweile auf seelische Leiden zurückzuführen. Dies sagt die Statistik des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen. Zu großer Stress am Arbeitsplatz und das Burnout-Syndrom gehören zu den wichtigsten Phänomen. Unter anderem die Gewerkschaft IG Metall fordert die Bundesregierung deshalb auf, eine Anti-Stress-Verordnung zu formulieren. Um dieses Ziel zu unterstreichen, veranstaltet die Gewerkschaft ab kommenden Dienstag (23.4.) ihren „Anti-Stress-Kongress“ in Berlin. Während die SPD die Forderung der Gewerkschaft unterstützt, sieht die Regierungskoalition bislang keinen Anlass für eine neue Verordnung. Das Bundesarbeitsministerium prüft aber, ob psychische Belastungen ins Arbeitsschutzgesetz aufgenommen werden sollen.

  • Aus Schwarz wird Weiß

    Eine seltene Unternehmenssymbiose verbindet Spitzentechnologie mit der Sanierung eines Kohlereviers / Evonik geht an der Börse und holt das Geld für die Lasten des Bergbaus herein

    Das Ruhrgebiet ist die Keimzelle des deutschen Wirtschaftswunders in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Tief unter der Erde schlugen Tausende Bergarbeiter Steinkohle aus engen Flözen und lieferten so die notwendige Energie für die Industrie. Davon lebte die Region, die in den letzten Jahrzehnten jedoch immer mehr zum Problemfall wurde. Erst kam die billige Importkohle, dann die Atomkraft und jetzt gibt es erneuerbare Energien. Es ging bergab.

    Mit den Zechen und Walzwerken verschwand auch der Ruß, der das Ruhrgebiet lange Zeit verschmutzte. Aus Schwarz wurde Weiß. Das sollte auch für die Wirtschaft in der Region gelten. Ein einzigartiges Paradebeispiel dafür gibt es auch. Die unter dem Dach der Ruhrkohle AG vereinigten Kohlebetriebe, Wohnungen und Chemiesparten wurden 2007 in den das „schwarze“ und das „weiße“ Segment getrennt. Aus letzterem wurde der Spezialchemiekonzern Evonik Industries geschmiedet, der nun auch internationale Anleger an der Börse für sich gewinnen will. Am Ende dieser Woche soll die Erstnotierung stattfinden.

    Evonik steht in vielen Segmenten spezieller Substanzen mit an der Spitze. So produziert das Unternehmen als einziges weltweit in riesigen Werken alle vier wichtigen essentiellen Aminosäuren für die Tierfutter-Industrie. „Unsere Weltbevölkerung wächst jedes Jahr um 80 Millionen Menschen“, sagt Vorstandschef Klaus Engel, der daher mit einem anhaltend wachsenden Lebensmittelbedarf rechnet. Das Bevölkerungswachstum beschert Evonik auch als Hersteller von Superabsorbern für Babywindeln Profit. Autoreifen werden mit Hilfe von Evoniks Kieselsäuren und Silanen umweltverträglicher. Allein sechs Milliarden Euro will Engel bis 2016 in weitere Innovationen investieren. Fast 14 Milliarden Euro spielte die Chemie im vergangenen Jahr ein. 1,2 Milliarden Euro blieben als Überschuss übrig. Den internationalen Anlegern verspricht Engel eher Langeweile. Evonik will aus eigener Kraft weiterkommen und keine riskanten Experimente wagen. Die Profis konnte der Vorstand offenkundig überzeugen. Singapurs Staatsfonds Temasek ist zum Beispiel mit dabei.

    Immer wieder betont Engel das Wort „Werte“, wenn er vom Wachstum spricht. Kurzfristige Renditeerwartungen erteilt der Vorstand eine klare Absage. Das ist auch ein Grund, warum die Bergbaugewerkschaft IGBCE so gut mit der Führungsspitze klarkommt. „Er ist nicht abgehoben und in der Region verhaftet“, lobt deren Sprecher Christian Hülsmeier den Vorstand. Die Kooperation zwischen Kapitalseite und Arbeitnehmern in ungewöhnlich ausgeprägt. Gemeinsam betreiben beide zum Beispiel eines der größten deutschen Wohnungsunternehmen mit 130.000 Wohnungen. Mit den Gewinnen aus der Vermietung sichert Evonik die Betriebsrenten der Beschäftigten ab.

    Die erstaunlich gut funktionierende Zusammenarbeit beider Seiten hat eine lange Tradition. Bald nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Montanmitbestimmung eingeführt, die den Arbeitnehmern weit reichende Einflussmöglichkeiten gewährte, zum Beispiel durch einen paritätisch aus Vertretern der Eigentümer und der Belegschaft besetzten Aufsichtsrat. 1951 vereinbarten Deutschland, Italien, Frankreich und die Beneluxstaaten die „Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl“, die Keimzelle der heutigen Europäischen Union. Das Ruhrgebiet galt als Basis des deutschen Wirtschaftswunders. Die Bergleute waren hoch geachtet und zwischen den Zechenbetreibern und ihren Arbeitern bestand eine starke Bindung.

    Die „weißen“ Sparten sind ohne die „schwarzen“ nicht denkbar. Denn Evonik ist ein Spross der RAG-Stiftung. Ein anderer ist die Ruhrkohle AG, die noch bis 2018 Steinkohle aus dem Untergrund holen will. Zwar wurden schon vor einigen Jahren 25 Prozent der Anteile an den britischen Finanzinvestor CVC verkauft und nun noch weitere Aktienpakete an Großanleger und das breite Börsenpublikum gebracht. Doch das Sagen hat weiterhin die Stiftung, deren Aufgabe in der Bewältigung der so genannten Ewigkeitslasten des Bergbaus besteht und die von der Politik und der Gewerkschaft bestimmt wird.

    Auch wenn 2019 die noch verbliebenen Bergleute ihre Arbeit verloren haben und die letzte Zeche dicht gemacht worden ist, wartet auf die Stiftung noch eine Menge kostspielige Arbeit. Das Ruhrgebiet ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Bis zu 1.400 Meter tief reichen die in den Untergrund getriebenen Stollen. Darin sammelt sich Wasser, das ständig abgepumpt werden muss. Allein dies kostet jährlich einen dreistelligen Millionenbetrag, der künftig aus den Gewinnen von Evonik bezahlt wird. 13 Milliarden Euro braucht die Stiftung als Kapitalstock. Zwei Milliarden bringt allein der Börsengang ein.

    Darüber hinaus kümmert sich die Stiftung um den Strukturwandel der einstigen Bergbauregion. Dazu gehört derzeit zum Beispiel die Prüfung, ob die Stollen auch als Pumpspeicherkraftwerke genutzt werden können. Denn Deutschland hat zwar die Energiewende ausgerufen, doch fehlt es noch an Speichern für den Strom aus Wind und Sonne. Das könnte eine Zukunftsperspektive des Potts werden. Darüber hinaus werden aus dem „weißen“ Geschäft gesellschaftliche Verpflichtungen finanziert. Die Stiftung fördert Bildungseinrichtungen, unterstützt kulturelle und sportliche Aktivität.

    Die Trennung von Schwarz und Weiß ermöglicht allen Seiten einen Gewinn. Arbeitsplätze werden gesichert und der Strukturwandel befördert. Die Altlasten des Bergbaus sind finanziell verkraftbar und die Aktionäre erfreuen sich eines soliden Geschäftsmodells.

  • Ein Huhn für 5.000 Liter Suppe

    Interview

    Ab dem kommenden Montag gilt europaweit eine Positivliste für Aromastoffe, die bei der Lebensmittelproduktion verwendet werden können. Damit ist aber nach Ansicht von Armin Valet von der Hamburger Verbraucherzentrale für die Kunden kein Nutzen verbunden. Der 47-jährige Lebensmittelchemiker entlarvt immer wieder Mogeleien der Lebensmittelindustrie.

    Frage: Mit Aromastoffen können minderwertige Lebensmittel in Gourmetware verwandelt werden. Werden Kunden durch die Verwendung nicht grundsätzlich hinters Licht geführt?
    Armin Valet: Es besteht die Gefahr, dass Verbrauchern minderwertige Produkte untergejubelt werden, weil eine Qualität vorgegaukelt wird, die gar nicht vorhanden ist. Der Kunde liest zwar „Huhn“ auf der Verpackung der Fertigsuppe, doch drinnen ist praktisch keines. Wir haben bei einer Untersuchung gerade einmal einen Anteil von 0,18 Prozent Huhn in einem Fertigprodukt gefunden. Nach dieser Rezeptur ließen sich aus einem Suppenhuhn 5.000 Liter Suppe (oder 20.000 Portionen) herstellen. Damit das überhaupt schmeckt, hilft die Industrie kräftig mit Geschmacksverstärkern und Aromen nach..

    Frage: Lässt sich die Verwendung der Geschmacksaufpepper leicht erkennen und wird die Positivliste der EU für mehr Durchblick sorgen?
    Valet: Nein, in der Liste werden nur 2.600 chemische Begriffe aufgeführt , die gar nicht auf dem Etikett der Lebensmittelverpackung stehen. Die Kennzeichnung der Aromen ist prinzipiell wenig transparent: Natürliche Aromen müssen beispielsweise nur aus natürlichen Rohstoffen stammen, aber nicht von den Früchten, die etwa auf einem Fruchtjoghurt abgebildet sind. Für Konsumenten noch verwirrender ist der Begriff Erdbeeraroma auf der Zutatenliste. Er bedeutet nicht, dass das Aroma aus Erdbeeren gewonnen wird, sondern nur, dass es nach Erdbeere schmeckt. Lediglich die Bezeichnung natürliches Erdbeeraroma zeigt an, dass das Aroma fast ausschließlich aus Erdbeeren gewonnen wurde. Diese Aromen werden nur selten von der Industrie verwendet.

    Frage: Wie sollten Aromastoffe angezeigt werden, damit der Durchschnittsverbraucher auch erkennen kann, was tatsächlich drin ist?
    Valet: Auf der Vorderseite der Verpackung muss auf einen Blick erkennbar sein, dass ein Produkt aromatisiert ist. Auch ist die Zusammensetzung von Aromen derzeit ein Buch mit sieben Siegeln. Wir fordern, dass die verwendeten Zusatzstoffe oder Lösungsmittel genannt werden. Für die Industrie lohnt sich der Etikettenschwindel enorm. Wir haben einmal ausgerechnet, dass Himbeeraroma für 100 Kilogramm Joghurt sechs Cent kostet, Früchte für dieselbe Menge aber 30 Euro.

    Frage: Von welchen Produkten sollten Verbraucher nach einem Blick auf die Zutatenliste die Finger lassen, wenn sie naturbelassene Nahrungsmittel kaufen wollen?
    Valet: Gesundheitsgefährdend sind Aromen nicht. Es gibt aber andere Gefahren. Kinder werden schnell an den industriellen Einheitsgeschmack gewöhnt und Konsumenten essen gerne mehr, wenn es so intensiv schmeckt. Auch werden wertvolle Inhaltsstoffe durch Aromen verdrängt. Die Nahrung ist also nicht so gut wie natürliche. Wer Produkte haben will, die ohne diese Zusätze auskommen, kann sich auf unserer Internetseite eine Positivliste dazu anschauen.

  • Ein Blick in die Aroma-Küche

    Natürliche Aromen werden nicht nur aus Äpfeln, Erdbeeren oder Himbeeren gewonnen. Auch Hölzer, Schimmelpilze oder Bakterien kommen bei der Herstellung zum Einsatz

    Prangt auf dem Erdbeerquark „natürliches Aroma“, heißt das noch lange nicht, dass der süßlich beerige Geschmack von den roten Früchten kommt. „Natürlich“ heißt auf Lebensmitteletiketten lediglich, dass bei der Aromaherstellung Rohstoffe zum Einsatz kommen, die in der Natur vorhanden sind. Und das können Pflanzen, Tiere oder gar Mikroorganismen sein.  

    Ein Aroma besteht in der Regel aus einer Kombination verschiedener Einzelstoffe. 2.600 davon, das schätzt der Lebensmittelchemiker und Buchautor Udo Pollmer, stehen der Lebensmittelwirtschaft zur Verfügung. Bei der Produktion von natürlichen Aromastoffen kommen im Gegensatz zu naturidentischen und künstlichen Aromastoffen ausschließlich physikalische Verfahren zum Einsatz. Es heißt also extrahieren  oder destillieren, anstatt die chemischen Verbindungen künstlich im Labor aufzubauen.

    Für die Herstellung von natürlichen Aromen halten zum Beispiel Hölzer, Zellkulturen, Schimmelpilze oder zum Beispiel Bakterien her. Welche Stoffe der Ingwerbrause den letzten Schliff verleihen, verraten die Lebensmittelmacher ungern. Die Rezepte sind Betriebsgeheimnis. Buchautor Pollmer kennt die skurrilen Mixturen. In seinem Buch „Food-Design: Panschen erlaubt“ gibt er einige davon preis: Für „natürlichen“ Apfelgeschmack bietet sich eine Mixtur aus Weinfuselöl und Hefeöl-Destillat unter Zusatz von biotechnologisch erzeugten Ethylacetat an, schreibt er. Hinzu kommen noch ein paar Tropfen Tagetesöl. Und für „Himbeere“ eignet sich Zedernholzöl. Nimmt man die Sägespäne des Baumes und destilliert sie, kommt ein typischer Himbeerduft heraus.

    Freilich lässt sich der Geschmack auch aus Obst gewinnen. „Natürliches Himbeeraroma“ steht in dem Fall auf dem Produkt. Mindestens 95 Prozent des Aromas kommen dann aus der namensgebenden Quelle. Ziert allein das Wörtchen „Aroma“ die Schachtel, ist das ein Indiz dafür, dass naturidentische oder künstliche Aromastoffe im Essen stecken. Beides wird mithilfe chemischer Verfahren im Labor hergestellt.

    Naturidentische Aromastoffe haben, wie der Name schon sagt, ein entsprechendes Vorbild in der Natur. Einfach gesagt: Die Chemiker schauen sich Aromen bei der Natur ab und bauen sie im Labor nach. So wird naturidentisches Vanillin wird zum Beispiel synthetisch aus Eugenol, also Gewürznelkenöl, gewonnen. Die richtige Vanilleschote kommt nicht zum Einsatz.

    Künstliche Aromastoffe hingegen haben kein Vorbild in der Natur. In der Praxis spielen sie aber kaum noch eine Rolle. Lediglich Ethylvanillin, das etwas intensiver nach Vanille riecht als das natürlich vorkommende Vanillin, wird in einigen Lebensmitteln eingesetzt.

  • Der Boom der fairen Blumengrüße

    Rosen mit Fairtrade-Logo sind ein Verkaufsschlager – auch wenn Kunden davon nicht viel mitbekommen

    Fast unbemerkt haben sie die Supermärkte erobert: die Rosen mit dem Fairtrade-Siegel. „Bestseller“ sind sie, sagt Dieter Overath, Geschäftsführer der gemeinnützigen Organisation TransFair. Deutschland, sei „Fairtrade-Rosenweltmeister“. Dass mittlerweile jede fünfte Rose, die hierzulande über den Ladentisch geht, aus gerechter Produktion stammt, mag man ihm kaum glauben. Doch ein Blick in die Läden zeigt: Hier stehen sie, die Blumensträuße, die das Fairtrade-Logo ziert.

    Fast schon zu klein hängt das Logo mit dem stilisierten Produzenten, der einen Arm in die Luft streckt, an den Verpackungen. Allein aus diesem Grund dürfte es manchem Blumenliebhaber in der Vergangenheit gar nicht aufgefallen sein, dass er sein Geld für einen fairen Blumengruß ausgab. Auch am Preis merkt man bisweilen nicht, dass die Pflanzen von Plantagen kommen, auf denen es den Arbeitern vergleichsweise gut geht: Für moderate 2,99 Euro bis 3,99 Euro ist der 10er-Bund zu haben.

    Nicht in Tonnen bemisst die Branche ihren Erfolg. Sie zählt Stiele. Über 250 Millionen davon verkaufte der deutsche Handel im vergangenen Jahr. Das ist Rekord und entspricht einem Plus von über 200 Prozent, was einem Marktanteil von knapp 20 Prozent gleichkommt. Damit ist Deutschland weltweiter Marktführer im Absatz von Fairtrade-Rosen.

    Seit 2005 gibt es die fairen Rosen nun schon in hiesigen Geschäften. Den Erfolg haben die Supermärkte gebracht. Ob Aldi, Lidl, Edeka oder Kaufland: Wer hier einkauft, kann die gerechten Blumen finden. Den Großteil – 85 Prozent – bringt der Kölner Handelskonzern Rewe seit 2007 unters Volk. Seitdem es seit vergangenem Jahr auch langstielige Einzelrosen für den Fachhandel gibt, sind außerdem Floristen auf das Produkt aufmerksam geworden. Mittlerweile über 1.000 Blumenverkäufer vertreiben die fairen Gewächse, die überwiegend aus Kenia und Äthiopien stammen.

    Mit dem Kauf unterstützen Verbraucher die Arbeiter und deren Familien vor Ort. Die Fairtrade-Produktion sichert ihnen beispielsweise Mindestlöhne zu und verbietet illegale Kinderarbeit. Den Weg jeder einzelnen Blume – vom Setzling bis zum Verkauf – können Endkunden mithilfe eines Codes am Produkt nachvollziehen. Wer den Code auf der Webseite www.fairtrade-code.de eingibt, erfährt, von welcher der weltweit 50 Plantagen die einzelne Rose oder der Blumenstrauß stammt.

    Doch wie steht es um die Umweltbilanz der fairen Rosen aus Kenia oder Äthiopien? Schließlich werden die Pflanzen im Flugzeug nach Europa gebracht und Unmengen von Kerosin verschleudert. Obwohl im Flugzeug transportiert, argumentiert der Faire Handel, sei die Energiebilanz besser als bei einheimischen Züchtungen. Durch das wärmere Klima in den Exportländern entfalle die energieaufwändige Beheizung von Gewächshäusern. Zudem würden strenge ökologische Richtlinien gelten und beispielsweise nur umweltverträgliche Pflanzenbehandlungsmittel eingesetzt. Mit Rosen, die das Fairtrade-Siegel tragen, schenkt es sich demnach nicht nur sozial, sondern auch ökologisch gerecht.

    Fairer Handel in Zahlen

    Das Geschäft mit Produkten aus Fairem Handel boomt kräftig weiter. Auch 2012 gaben deutsche Konsumenten erneut mehr Geld für faire Waren aus Entwicklungsländern aus. Mit insgesamt 533 Millionen Euro steigerte sich der Umsatz um 33 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Verkaufsschlager, so der Kölner Verein Transfair, sind neben Rosen (über 250 Millionen verkaufte Stiele), das Fairtrade-Traditionsprodukt Kaffee (Absatz: 9.322 Tonnen) und Bananen (Absatz: über 21.000 Tonnen).

  • Früchte ernten, ohne den Baum abzusägen

    Kommentar zur Wirtschaftsentwicklung von Hannes Koch

    Wie gut es der deutschen Wirtschaft wirklich geht, zeigt die Entwicklung in der Leiharbeitsbranche. Viele der 740.000 Beschäftigten erhalten mittlerweile 15 Prozent mehr Lohn. Bis zum Sommer sollen die Zuschläge laut der Tarifverträge auf bis zu 50 Prozent steigen. Trotzdem wird die Industrie wohl zusätzliche Stellen einrichten. Die Unternehmen können die erstaunlichen Lohnsteigerungen problemlos wegstecken, weil Aufträge und Absatz zunehmen. Dass 2013 kein schlechtes Jahr wird, erklärten am Donnerstag auch die Wirtschaftsforscher in ihrem Gutachten für die Bundesregierung.

    Angesichts dieser guten Lage verfügt die Wirtschaft im Großen und Ganzen über genügend Spielraum, einige Fehlentwicklungen zu korrigieren. Nachdem die Löhne vieler Beschäftigter im vergangenen Jahrzehnt stagnierten, sollten sie nun weiter erheblich steigen. Drei bis vier Prozent jährlich sind realistisch. Auch die Aussichten für Mindestlöhne werden besser. Wenn Unternehmen selbst niedrig qualifizierten Leiharbeitern 50 Prozent mehr zahlen – warum sollten dann Mindestlöhne mit branchenspezifischer Differenzierung Jobkiller sein?

    Gegenwärtig wird in Deutschland das Geld verdient, mit dem man die Marktwirtschaft etwas sozialer gestalten kann. Davon mag auch Europa profitieren: Mehr deutsche Konsumnachfrage hilft Griechenland und Spanien ein wenig, aus dem Tal der Krise herauszufinden. Weil die positive Lage in Deutschland jedoch nicht ewig enthält, sollten wir die Früchte jetzt ernten – ohne den Baum abzusägen.

  • 15 Prozent Lohnsteigerung sind kein Problem

    Die Wirtschaft floriert: Zeitarbeiter erhalten lukrative Zuschläge. Offenbar kein Stellenabbau

    In der augenblicklich guten Lage der deutschen Wirtschaft sind auch hohe Lohnsteigerungen oft kein Problem für die Unternehmen. So erhalten die Zeitarbeiter in der Metallindustrie und acht weiteren Branchen gegenwärtig Lohnerhöhungen von 15 Prozent.

    Das ist eine Folge der Tarifverträge, die die Gewerkschaften und die Verbände der Zeitarbeitsfirmen vor einem Jahr geschlossen haben. Das Ziel der Gewerkschaften war es, die Bezahlung der Leiharbeiter an die Bedingungen für unbefristete Beschäftigte anzunähern.

    Das scheint zu funktionieren. „Die Befürchtungen, dass die neuen Zuschläge zu einem starken Abbau der Zeitarbeit führen, haben sich bis jetzt nicht bewahrheitet“, sagt Volker Enkerts. Er ist Geschäftsführer der Firma Flex-Time in Hamburg und zugleich Präsident des Arbeitgeberverbandes der Personaldienstleister (BAP), der unter anderem die großen Leiharbeitsfirmen vertritt.

    Ähnliches ist vom zweiten wichtigen Verband der Branche (IGZ) zu hören. „Die Neuerung“ der höheren Zuschläge „wurde weitestgehend akzeptiert“. Randstad, ein großes Zeitarbeitsunternehmen sagt: „Wir stellen fest, dass die Nachfrage unserer Kunden durch die Einführung der Branchenzuschläge nicht zurückgegangen ist.“ Auch die Gewerkschaft IG Metall bestätigt, dass die Mitglieder, die Leiharbeiter sind, ihre Zuschläge überwiegend erhalten.

    Der seit November vergangenen Jahres gültige Tarifvertrag führt zu einer Lohnerhöhung von 15 Prozent, wenn die Arbeitnehmer länger als sechs Wochen im selben Unternehmen beschäftigt sind. In mehreren Stufen steigt der Zuschlag danach auf 50 Prozent. Diese Höhe wird erstmals in den Sommermonaten 2013 erreicht.

    Über diese Zuschläge hinaus stellen die Verleihfirmen ihren Kunden zusätzliche Sozial- und Nebenkosten in Rechnung. Für die Produktionsunternehmen der Metall- und Elektroindustrie kann sich dadurch eine Kostensteigerung pro Leiharbeitsstunde von über 20 Prozent ergeben. Diese stecken die Firmen anscheinend klaglos weg. Der Grund: „Wegen der relativ guten Wirtschaftsaussichten stellen diese zusätzlichen Kosten zumeist kein Problem dar“, so BAP-Präsident Enkerts. Die Auftragslage der Firmen ist zufriedenstellend, das Wachstum zieht wieder an – da will man sich nicht von Arbeitnehmern trennen, die man bald dringend braucht.

    Die „Frühindikatoren für den Arbeitsmarkt“, eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit, deutet daraufhin, dass die Zahl der Leiharbeiter infolge der höheren Löhne nicht zurückgegangen ist. Saisonbereinigt waren während des Winters relativ stabil etwa 740.000 Leiharbeiter beschäftigt. Absolut ist die Zahl seit Sommer 2012 jedoch um rund 100.000 Zeitarbeiter gesunken.

    Die naheliegende Erklärung: Wegen des schlechten Wetters im Winter verlieren üblicherweise manche Arbeitnehmer ihren Job, mit den Zuschlägen hat das kaum etwas zu tun. Beim Arbeitgeberverband Gesamtmetall, dessen Mitgliedsfirmen Zeitarbeiter ausleihen, ist man dennoch vorsichtig. Noch habe man zu wenig Daten, um die Ursache der Entwicklung genau zu verstehen. Welche Rolle spielten die Zuschläge, und welche konjunkturelle und saisonale Faktoren? Trotzdem sei aber klar, dass die Metallunternehmen die Tarifverträge einhielten und die vereinbarten Zuschläge zahlten.

  • Tod nach dem Verlust der Wohnung

    In Berlin verstarb eine Frau, nachdem man ihre Wohnung zwangsgeräumt hatte. Protestbündnis will Gerichtsvollzieher aufhalten

    Das Leben der 67jährigen Frau endete zwei Tage nachdem sie ihre Wohnung verloren hatte. Die im Berliner Bezirk Reinickendorf lebende Schwerbehinderte war mit der Miete im Rückstand, der Hauseigentümer setzte per Gericht die Zwangsräumung durch. Rosemarie F. war gezwungen, in eine Obdachlosenunterkunft umzuziehen, wo sie zwei Tage später verstarb. Ihre Wohnung verlassen zu müssen, hat ihr wohl die Lebenskraft geraubt.

    Dieses äußerst tragische Vorkommnis verschärft nun einen Konflikt, der die Hauptstadt zunehmend beschäftigt. Berlin ist attraktiv, zehntausende Neubürger suchen Wohnungen und zahlen auch rapide steigende Kauf- und Mietpreise. Viele Berliner mit geringen Einkommen geraten dadurch unter Druck. Bei Zwangsräumungen von Wohnungen werden die Gerichtsvollzieher deshalb mittlerweile regelmäßig von zahlreichen Protestierern empfangen. Auch bei der Räumung von Rosemarie F. in der vergangenen Woche versuchten rund 100 Leute den Hauseingang zu blockieren – ohne Erfolg.

    Inzwischen gibt es ein politisches Bündnis „Zwangsräumung verhindern“. Etwa ein Dutzend Mal haben die Aktivisten sich in den vergangenen Monaten auf die Bürgersteige vor den betreffenden Häusern gesetzt. Neu ist, dass bei diesen Protesten junge Leute aus dem linken Milieu mit alteingesessenen türkischen Familien und örtlichen Gewerbetreibenden zusammenkommen, weil sie der gemeinsame Ärger über die steigenden Mieten eint. Mit großem Aufwand muss die Polizei den Gerichtsvollziehern jedesmal den Weg freiräumen. Manchmal gelingt es den Demonstranten, den geplanten Rauswurf der Mieter zu verhindern.

    Am Kottbusser Tor in Kreuzberg, einem Zentrum des Szene-, Ausgeh- und Tourismus-Berlins ist das provisorische Protestzelt mittlerweile einem festen Holzhaus gewichen, in dem türkische Rentner und ihre Frauen eine permanente Mahnwache veranstalten. Sie befürchten, dass sie bald die Kosten ihrer Wohnungen in den Blocks aus den 1970er Jahren nicht mehr zahlen können, in die sie noch als Gastarbeiter einzogen.

    Angesichts dieser aufgeheizten Debatte spielt nur eine untergeordnete Rolle, dass der Fall der verstorbenen Rosemarie F. so kompliziert ist wie das Leben. Die gehbehinderte Frau hatte Briefe nicht geöffnet und zu spät einen Anwalt eingeschaltet. Das Sozialamt des Bezirks Reinickendorf wollte ihre Mietschulden noch übernehmen, aber der Hauseigentümer lehnte das Angebot ab. Er sagt, Rosemarie F. habe die Nachbarn bedroht und das Treppenhaus beschmutzt.

    In anderen Fällen ist tatsächlich eine Mietsteigerung der Auslöser des Konflikts. Beispielsweise die 63jährige Nuriye Cengiz sollte ihre Erdgeschosswohnung in Nord-Neukölln verlassen, weil das Sozialamt die nahezu verdoppelte Miete nicht bezahlen wollte, die der neue Eigentümer des Hauses verlangte. So wurde Berlinerin zu einer medienbekannten Protagonistin des Mietprotests.

    Die Kritiker sagen, dass bis zu 5.000 Mieter jährlich alleine in Berlin zwangsgeräumt würden. Harte Belege dafür gibt es nicht. Die Berliner Senatsverwaltung für Soziales hat angeblich keine Zahlen. Auch die Bundesarbeitsgemeinschaft der Wohnungslosenhilfe kann keine Angaben für die bundesweite Situation machen. Eine Sprecherin der Berliner Sozialverwaltung stellt die hohen Zahlen allerdings in Frage. Praktizierte Zwangsräumungen seien eher die Ausnahme, in vielen Fällen würden die Sozialämter die höheren Mietkosten übernehmen.

    Info-Kasten

    Mehr Sozialwohnungen

    Wie andere Städte und Stadtstaaten hat der Berliner Senat mittlerweile erkannt, dass er zusätzlichen Wohnraum für Leute mit geringen und mittleren Einkommen schaffen muss. Ab kommendem Jahr soll es in der Hauptstadt wieder Wohnungsbauförderung für Sozialwohnungen geben. Und ein offizielles Ziel lautet, dass innerstädtische Baugebiete künftig mindestens 30 Prozent sozialverträglich bezahlbaren Wohnraum enthalten müssen. Bis zur Realisierung dürften jedoch Jahre vergehen.

  • Erfülltes Leben statt ständiges Wachstum

    Ecuadors Präsident Correa: teilweise Abkehr vom westlichen Wohlstands- und Fortschrittsmodell

    Sehr verlockend klingt, was die lateinamerikanischen Länder Ecuador und Bolivien in ihre Verfassungen geschrieben haben. Den Einwohnern wollen sie ein „gutes, erfülltes Leben“ ermöglichen. Rafael Correa, der Präsident Ecuadors, ist einer der prominentesten Protagonisten einer teilweisen Abkehr vom westlichen Werte- und Wohlstandsmodell – am Dienstag besuchte er Berlin.

    Lateinamerika-Konferenz der deutschen Wirtschaftsverbände: Für hiesige Unternehmen und Konzerne stehen Investitionen und Absatz im Vordergrund – Erdöl, Metallbergbau, Verkauf von Maschinen und Fahrzeugen. Wenn Correa spricht, schwingt eine abweichende Botschaft mit: Euer europäisches Wirtschafts- und Wachstumssystem akzeptieren wir nicht mehr. Denn „buen vivir“ (gutes Leben) bedeutet etwas ganz Anderes.

    Das Konzept wurde in Ecuador und Bolivien entwickelt in Anlehnung an die Tradition und den Glauben der indigenen Völker der Anden. Seit 2006 und 2008 steht das „gute Leben“ in den Verfassungen der beiden Staaten.

    Während im deutschen Grundgesetz die politischen Rechte der Staatsbürger eine zentrale Stellung einnehmen, definiert die Verfassung Ecuadors auch soziale und ökonomische „Rechte des guten Lebens“. Dazu gehören unter anderem der Anspruch auf ausreichende Ernährung, Gesundheit, Erziehung und Zugang zu sauberem Wasser.

    Darüber hinaus beinhaltet diese politische Vision aber auch einige Prinzipien, die sich grundsätzlich vom Konzept der europäischen Aufklärung und dem daraus erwachsenen demokratisch-marktwirtschaftlichen System unterscheiden. „Buen Vivir ist scharf abgegrenzt von der Idee des individuellen guten Lebens“, so Thomas Fatheuer, ehemaliger Leiter der grünen Böll-Stiftung im brasilianischen Rio de Janeiro, „es ist nur im sozialen Zusammenhang denkbar, vermittelt durch die Gemeinschaft, in der die Menschen leben.“

    Demzufolge bestreiten manche Befürworter die Legitimität von Privateigentum und Ausbeutung der Arbeitskraft Lohnabhängiger. Permanenter materieller Fortschritt, unausgesetztes Wirtschaftswachstum und Steigerung des individuellen Wohlstandes, wie sie in den alten Industriestaaten praktiziert werden, haben in dem lateinamerikanischen Konzept ebenfalls keinen Platz. Statt ständiger Verbesserung geht es um einen stabilen Gleichgewichtszustand, bei dem die Menschen mit sich, ihrer Gemeinschaft und der Natur in Einklang leben.

    Diese Ideen bleiben nicht nur Theorie, sondern haben die Politik bereits an einigen Punkten verändert. Gegen die Interessen der USA will die bolivianische Regierung ihren indigenen Bauern beispielsweise den Anbau der traditionellen Koka-Pflanze erlauben. Und Ecuadors Präsident Correa hat vorgeschlagen, in der Yasuni-Region im Amazonas-Urwald kein Erdöl fördern zu lassen, wenn seinem Land ein Teil der entgangenen Einnahmen durch einen Fonds der Vereinten Nationen erstattet würde.

    Dieses Vorhaben, das Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) nicht unterstützt, verschafft Correa die Sympathie von Kritikern des Wirtschaftswachstums unter anderem in Deutschland. Allerdings ist die Haltung der Regierung Ecuadors nicht eindeutig. Correa droht, das Erdöl fördern zu lassen, wenn die Industrieländer den Verzicht darauf nicht bezahlen sollten. Das Geld braucht Correa unter anderem für seine Programme zu Armutsreduzierung.

  • Schlechte Noten für staatlich geförderte Vorsorge

    Geförderte Pflege-Tarife sind zwar preisgünstig, schließen die Finanzlücke im Pflegefall aber nicht/ Besser sind ungeförderte Policen

    Staatlich geförderte Pflegeversicherungen taugen wenig. Zu diesem Ergebnis kommt die Stiftung Warentest in ihrer aktuellen Untersuchung. „Die Angebote schließen die finanzielle Lücke im Pflegefall bei weitem nicht“, urteilt Finanztest-Chefredakteur Hermann-Joseph Tenhagen und vergibt die Note „Mangelhaft“ an die Produkte. Besser seien die klassischen ungeförderten Policen, die mit „sehr gut“ bis „ausreichend“ im Test abschneiden.

    Seit Januar zahlt der Staat fünf Euro Zulage im Monat, wenn jemand eine private Pflegetagegeldversicherung abschließt, die den staatlichen Vorgaben genügt. „Pflege-Bahr“ wird die neue Vorsorge nach Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr genannt. Die Produkte haben zwar den Vorteil, dass jeder auch mit Vorerkrankung einen Vertrag bekommt. Mit Eigenbeiträgen zwischen 10 und 16 Euro sind sie zudem vergleichsweise preisgünstig. Doch sie bieten keine ausreichende finanzielle Absicherung, meinen die Warentester. Auch seien ihre sonstigen Vertragsbedingungen in der Regel schlechter. „Da hilft dann auch die staatliche Förderung nicht mehr“, so Finanzexperte Tenhagen.    

    Von den hohen Kosten einer intensiven Pflege zu Hause oder im Heim trägt die gesetzliche Pflegeversicherung etwa die Hälfte. „Bleiben häufig 1.500 bis 1.800 Euro im Monat, die zu finanzieren sind“, rechnet Chefredakteur Tenhagen vor. Die Kosten für die Unterbringung und Lebenshaltung seien da noch nicht einmal mit eingeschlossen. Die insgesamt 17 getesteten neuen geförderten Tarife böten aber in vielen Fällen eine maximale Leistung von 600 bis 700 Euro im Monat. Der Beitrag für die Police, müsse zudem noch weiter beglichen werden.  

    Den 17 preisgünstigen geförderten Pflegetagegeldversicherungen im Test stehen 23 teurere Verträge ohne Förderung gegenüber. In Punkto finanzielle Abdeckung zeigt sich hier ein deutlich positiveres Bild: „Für derzeit 55 Euro im Monat kann sich ein 45-Jähriger Neukunde bei „sehr guten“ und „guten“ Versicherungen gegen das komplette finanzielle Pflegerisiko absichern“, so Tenhagen. „Für Kunden, die erst mit 55 Jahren einen Vertrag abschließen, kostet der Schutz schon 85 Euro.“

    Mit dem Qualitätsurteil „Sehr gut“, sowohl für 45-Jährige als auch für 55-Jährige, geht die ungeförderte Pflegetagegeldversicherung PA der HanseMerkur als Sieger aus dem Test hervor. Gleichfalls ein „Sehr gut“ für 45-Jährige erhält das Angebot PZV der Deutschen Familienversicherung DFV. Für 55-Jährige bekommt der Tarif die Note „Gut“. Neben zahlreichen weiteren „guten“ Verträgen finden sich viele „befriedigende“ und zwei „ausreichende“ Angebote für beide Altersgruppen.

    Wer über den Abschluss einer privaten Pflegeversicherung nachdenkt, sollten einige Punkte bedenken. „Ein Einstieg vor dem  40. Lebensjahr ist schon allein wegen der langen Vertragslaufzeit nicht anzuraten“, gibt Holger Rohde, Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung Warentest, zu bedenken. Zudem müsse man sich sicher sein, die Beiträge über viele Jahre aufbringen zu können. Wer kündigt, verliert den Schutz und das ganze Geld. „Pflegezusatzversicherungen sind im Vergleich nicht so wichtig wie die private Haftpflichtversicherung, die Berufsunfähigkeitsversicherung und die private Altersvorsorge“,  so Rohde abschließend.

    Die ausführlichen Test-Ergebnisse gibt es in der aktuellen Mai-Ausgabe der Zeitschrift Finanztest.

  • Junge Leute können mit Geld umgehen

    Schufa attestiert der Jugend vernünftiges Finanzverhalten

    Junge Menschen gehen besser mit Geld um als ihnen gerne nachgesagt wird. „Die Jugend ist besser als ihr Ruf“, sagt der Chef der Wirtschaftsauskunftei Schufa, Michael Freytag. Bei Konsumentenkrediten ist die Ausfallquote bei den Kunden zwischen 17 und 24 Jahren fast so gering wie bei den älteren. Im vergangenen Jahr kamen 96,6 Prozent der Kreditnehmer in dieser Altersgruppe ihren Verpflichtungen ordentlich nach. Der Bundesdurchschnitt liegt mit 97,5 Prozent nur wenig höher. Durch Versäumnisse bei der Bezahlung von Rechnungen oder Krediten sind sieben Prozent auffällig geworden. Laut Freytag betrifft dies vor allem die Telekommunikationsbranche. Hier gab es schon in den vergangenen Jahren immer wieder Probleme, weil die tatsächlichen Kosten von Handyverträgen oft unterschätzt werden.

    Die Schufa hat sich das Finanzverhalten der Jungen in diesem Jahr genauer angeschaut und kam zu überraschenden Ergebnissen. „Fast die Hälfte hat Spaß an Finanzthemen“, erläutert Karsten John von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), der die Studie durchgeführt hat. Nur jeder achte Jugendliche findet das Thema unwichtig. Es mangelt jedoch oft an Kenntnissen über die Zusammenhänge in der Wirtschaft. Mehr Aufklärung darüber an den Schulen wünschen sich sieben von zehn Befragten. Fast genauso hoch ist der Anteil, der die Information durch die Medien für vertrauensvoll erachtet. Die Eltern spielen als wichtigster Tippgeber nur für jeden zweiten Jugendlichen eine wichtige Rolle. Noch weniger glauben die 17- 20-jährigen mit 39 Prozent den Banken und mit 21 Prozent den Angaben in sozialen Netzwerken wie Facebook.

    Beim Umgang mit Geld rangiert Vernunft ganz vorne. Drei von vier Jugendlichen legen etwas beiseite und sparen damit einen kleinen Kapitalstock an. Dabei steht auch der Gedanke an die Zukunft auf der Liste der Ziele. Das Motiv ist zwar meistens die Anschaffung teurerer Konsumgüter. Doch auch die Notfälle oder die Ausbildung wird Geld zurückgelegt. Herrscht in der Kasse Ebbe, verzichten die jungen Männer und Frauen lieber auf eine Anschaffung, als sie auf Pump zu kaufen. „Das Thema Schulden ist für viele eine Belastung“, hat Jung herausgefunden.Immerhin jeder zehnte gab an, dass Schulden schon einmal nicht zurückgezahlt werden konnten. Wenn doch konsumiert werden soll, wird eher bei Freunden oder Verwandten Geld geliehen als ein Kreditvertrag bei der Bank abgeschlossen. Wenn schon auf Pump etwas gekauft wird, handelt es sich oft um ein Auto.

    Die Schufa-Statistik zeigen auch, dass sich junge Kreditkunden eher überschaubare Lasten aufhalsen. 2012 betrug die durchschnittlich neu aufgenommene Kreditsumme bei den unter 24-jährigen 4.779 Euro. Mit Anfang 30 steigt der Betrag dann schon auf 7.003 Euro an. Spitzenreiter sind die Mittfünfziger, die durchschnittlich 9.066 Euro aufnehmen. Auch zahlen junge Verbraucher die Darlehen schneller zurück als ältere. Unter dem Strich zieht die Schufa ein positives Fazit. „Gewissenhaft, aber unsicher“ sei das Finanzgebahren der Jugend.

  • „Verschuldete Banken schließen“

    Nach Besuch auf Zypern rechtfertigt Grünen-Finanzexperte Schick die harte Lösung, die Europa der Insel verordnet

    Hannes Koch: Sie waren gerade mit dem Finanzausschuss des Bundestages auf Zypern. Angeblich braucht die Insel nun sechs Milliarden Euro mehr Hilfsgeld. Ist das begründet?

    Gerhard Schick: Ich halte die höhere Summe für plausibel, kann das aber im Einzelnen bisher nicht nachvollziehen.

    Koch: Wenn es sich als notwendig erweisen sollte – würden Sie der zusätzlichen Summe nächste Woche im Bundestag zustimmen?

    Schick: Das hängt davon ab, ob die Lösung tragfähig erscheint. Einfach zusätzliche Kredite draufzusatteln, würde das Problem nur in die Zukunft verschieben.

    Koch: Wie ist die Lage der Bürger und Unternehmen auf Zypern?

    Schick: Soweit wir das sehen konnten, machen viele Geschäfte bald zu. Auf Schildern werden Preisnachlässe zum Räumungsverkauf angeboten. Zahlreiche Läden sind bereits geschlossen. An Geldautomaten bekommt man nur 300 Euro pro Tag, größere Überweisungen müssen genehmigt werden. Das ist eine enorme Belastung für Unternehmen, die Rechnungen und Löhne bezahlen wollen. Wenn solche Maßnahmen länger anhalten, geht auch die gesündeste Ökonomie vor die Hunde. Würden die zypriotische Regierung und die Euro-Gruppe ein sinnvolles Krisenmanagement betreiben, müsste das alles nicht geschehen.

    Koch: Kann sich die Wirtschaft der Insel bald wieder erholen, oder muss man damit rechnen, dass auch dort die Arbeitslosigkeit auf 25 Prozent steigt wie in Griechenland und Spanien?

    Schick: Die Prognosen der Troika – Zentralbank, Euro-Gruppe und Internationaler Währungsfonds – sagen, dass die Erwerbslosigkeit dramatisch zunehmen wird. Ein Grund: Die Wirtschaft der Insel ist auf den überdimensionierten Finanzsektor konzentriert. Dieser muss nun schrumpfen. Umso wichtiger sind jetzt konkrete europäische Hilfen für den Strukturwandel, gerade bei den erneuerbaren Energien.

    Koch: Sie befürworten, dass eines der beiden größten Finanzinstitute des Landes, die Laiki-Bank, komplett geschlossen wird. Warum?

    Schick: Seit Beginn der Krise haben sich die europäischen Regierungen meist dafür entschieden, die Schulden der Banken durch staatliche Institutionen zu übernehmen oder abzusichern. Dies belastet die öffentlichen Finanzen mit vielen Milliarden Euro. Warum letztlich die Steuerzahler für die Fehler der Banken haften sollen, ist überhaupt nicht einzusehen. Deshalb ist es richtig, ein verschuldetes Institut wie Laiki zu schließen.

    Koch: Die Bankenabwicklung zerrüttet die Wirtschaft der Insel, wie Sie gerade selbst argumentierten. Und warum soll es richtig sein, die Zyprioten in ihrer Rolle als Steuerzahler zu schützen, aber als Besitzer von Sparkonten zur Kasse zu bitten?

    Schick: Die zypriotischen Banken haben in den vergangenen Jahren viele Kapitalanleger angelockt, durch hohe Zinsen und steuerliche Vorteile. Die großen Guthaben werden nun herangezogen, um die Schulden der Banken zu finanzieren. Das ist vertretbar. Die kleineren und mittleren Sparguthaben bis 100.000 Euro sind ja geschützt.

    Koch: Sehen Sie in der Bankenabwicklung auf Zypern einen grundsätzlichen Wandel der Politik gegenüber Finanzinstituten?

    Schick: Ja, die Herangehensweise ändert sich allmählich. Aber wie die neue Strategie umgesetzt wird, ist katastrophal. Die Kanzlerin und ihr Finanzminister verhindern seit vier Jahren, dass ein europäischer Fonds zur Bankenabwicklung eingerichtet wird, den die Finanzbranche selbst füllt. Gäbe es diesen, hätten die Probleme viel früher und ohne große Verunsicherung der Sparer europaweit gelöst werden können. Auch die Belastung für Bankkunden und Firmen wäre geringer.

    Koch: Warum will die Bundesregierung das nicht?

    Schick: Der alte Fehler. Man meint, Deutschland und die deutsche Wirtschaft davor zu bewahren, zu viel Geld für andere Länder zu bezahlen. Dabei wären die Kosten für uns geringer, wenn Europa funktionsfähige Strukturen hätte.

    Bio-Kasten

    Gerhard Schick (40) arbeitet als finanzpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag. Er ist dem moderat linken Flügel der Partei zuzurechnen. Wenn er nicht in Berlin oder auf Reisen ist, lebt er in Mannheim.

    Info-Kasten

    Zypern-Krise

    Obwohl das Finanzloch des zypriotischen Staates offenbar größer wird, will die Regierung keine zusätzlichen Kredite bei den anderen Euro-Staaten beantragen. Das sagte ein zypriotischer Diplomat am Rande des EU-Finanzministertreffens am Freitag in Dublin. Kürzlich hatte die Regierung ihren Fehlbetrag auf rund 23 Milliarden Euro beziffert. Gut 17 Milliarden Euro sind durch den Krisenplan abgedeckt, der mit europäischer Hilfe unlängst vereinbart wurde. Michael Meister, der Vizechef der Unionsfraktion, geht nicht davon aus, dass der Bundestag am Donnerstag kommender Woche ein größeres Paket beschließt.

  • Wachstum alleine reicht nicht

    Der Bundestag entwickelt einen neuen Maßstab, um Fortschritt und Lebensqualität zu messen

    Vielleicht wird man diesen Bericht später als Zeichen eines Epochenwechsels betrachten. Das Bruttoinlandsprodukt – der Geldwert der produzierten Waren und Dienstleistungen – gilt nun nicht mehr als beherrschendes Maß für das Wohlergehen der Menschen in Deutschland. Weitere offizielle Indikatoren treten hinzu, um die Lebensqualität zu beschreiben, beispielsweise eine Größe für soziale Ungleichheit und drei Anzeiger für die ökologischen Auswirkungen unserer Wirtschaftsweise.

    Die Relativierung des Wirtschaftswachstums ist ein erstaunliches, weil parteiübergreifendes Ergebnis der Enquetekommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität im Bundestag, die nach gut zweijähriger Arbeit am Montag (15.4.) zum letzten Mal tagt. „Politik und Gesellschaft sind sich der sozialen und ökologischen Risiken zunehmend bewusst, die mit der Ideologie materiellen Zuwachses einhergehen,“ so Grünen-Politiker Hermann Ott. Seine Kollegin Stefanie Vogelsang von der CDU sagt: „Seit der Zeit des Wirtschaftswunders wird das BIP fälschlicherweise als Maß für Wohlstand betrachtet.“

    Als Zeichen der Umorientierung schlägt die Mehrheit der Kommission aus Union, SPD und FDP vor, künftig zehn Indikatoren regelmäßig zu veröffentlichen. Vogelsang setzt sich dafür ein, dass der offizielle Wohlstandsmaßstab eine eigene Internetseite bekommt und beispielsweise vom Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages gepflegt wird.

    Unter der Überschrift „materieller Wohlstand“ sollen das BIP, die öffentliche Verschuldung und die Einkommensverteilung erfasst werden. Letztere weist dann aus, wieviel mehr Geld ein Einwohner im wohlhabensten Fünftel der Bevölkerung im Vergleich zu einer Person zur Verfügung hat, die zum ärmsten Fünftel gehört.

    Über „Soziales und Teilhabe“ gibt künftig unter anderem die Beschäftigungsquote Auskunft. Diese stellt den Anteil der Arbeitenden an der Bevölkerung dar. Sie hält die Kommissionsmehrheit für aussagekräftiger als die Arbeitslosenquote, die sich politisch zu leicht beeinflussen lasse. Hinzukommen die Quote der Schüler mit einem höheren Bildungsabschluss, die Lebenserwartung und ein Indikator für demokratische Beteiligung. Unter dem Stichwort „Ökologie“ erscheinen der Ausstoß klimaschädlicher Gase, die Belastung mit Stickstoff unter anderem aus der Landwirtschaft und die Artenvielfalt in Flora und Fauna.

    Linke und Grüne haben eigene Indikatorensets eingebracht. Die Umweltpartei kritisiert, dass eine Menge von zehn Indikatoren zu diffus sei. Ihr „Wohlstandskompass“ beinhaltet nur vier Größen: Natur- und Ressourcenverbrauch, Einkommensverteilung, BIP pro Kopf in Kaufkraftstandard und die Lebenszufriedenheit. Zum letzten Punkt sollen die Bundesbürger regelmäßig befragt werden.

    Dass die Arbeit der Kommission neben vielen gemeinsamen Einschätzungen auch jede Menge Streit verursachte, zeigen die bislang 135 Drucksachen mit insgesamt mehreren tausend Seiten, die die Abgeordneten und Wissenschaftler produzierten. Zahlreiche wütende, freundliche, nachdenkliche oder belehrende Sondervoten zu Einzelfragen sind auf der Hompage des Bundestages nachzulesen.

    Tendenziell mager ist die Ausbeute, was umsetzbare und konsensfähige Handlungsempfehlungen betrifft. Einige Linke, Grüne und SPDler haben formuliert, was man tun könnte. Sie plädieren dafür, auf die Bremse zu treten und beispielsweise Obergrenzen für die Umweltbelastung festzulegen. Sie setzen sich dafür ein, dass der Staat Bürger und Unternehmen animieren solle, eine nachhaltige Wirtschaftsweise auszuprobieren. Motto: Mehr Carsharing statt mehr neue Autos. Zu solchen Schlussfolgerungen wollte sich die Kommissionsmehrheit jedoch nicht hinreißen lassen und es eher beim Nachdenken belassen: „Deutschland kann nicht im Alleingang sicherstellen, dass die Welt einen balancierten und nachhaltigen Entwicklungspfad einschlägt.“

  • Gold ist derzeit kein sicherer Hafen

    Seit dem Rekordpreis Anfang Oktober ist der Goldpreis auf Talfahrt

    Der Goldrausch der letzten Jahre ist erst einmal vorbei. Seitdem für eine Feinunze des Edelmetalls, also gut 31 Gramm, im vergangenen Oktober der Rekordpreis von fast 1800 Dollar aufgerufen wurde, sinkt der Preis. Im Moment liegt bei nur noch 1550 Dollar. Nach Ansicht einiger Bankhäuser wird dieser Trend weitergehen. So erwartet die Investmentbank Goldman Sachs einen Preisrutsch auf unter 1400 Dollar innerhalb der nächsten zwölf Monate. Andere Geldhäuser sind ebenfalls skeptisch.

    Dabei haben Edelmetalle lange Zeit nur an Wert gewonnen. Der Goldpreis stieg von 238 Euro pro Unze im Jahr 1999 auf den Spitzenwert von 1377 Euro im Herbst 2012. Vor allem die Finanzkrise hat Anleger weltweit zu Käufen bewogen. Denn Gold gilt als sicherer Hafen gegen inflationäre Entwicklungen. Denn es ist nicht beliebig vermehrbar wie die Menge des umlaufenden Geldes und zudem selten. Zusammengenommen hätten alle jemals aus der Erde geholten Nuggets etwa das Volumen des Brandenburger Tores.

    Für den aktuellen Preisverfall führen Fachleute auch die Rettung Zyperns an. Denn der Inselstaat muss zur Finanzierung des Rettungspakets der anderen Länder möglichst viel eigenes Geld beitragen. Eine Auflage ist daher der Verkauf der Goldreserven der zyprischen Notenbank. Dies könne auch in anderen Notfällen zu massiven Verkäufen durch Staaten führen, befürchten Experten. Ein großes Angebot drückt naturgemäß auf die Preise.

    „Der Trend ist gebrochen“, bestätigt auch Roland Aulitzki von der Stiftung Warentest. Ob es weiter abwärts geht, weiß der Verbraucherschützer aber auch nicht. Wer Gold gekauft hat, sollte nach Ansicht des Experten ruhig bleiben. Es sei nach wie vor richtig, zehn Prozent des Vermögens in Edelmetallen anzulegen. Dagegen rät Aulitzki all jenen, die zuvor ihr Erspartes in großem Umfang aus sicheren Anlagen wie Tagesgeld in Gold umgetauscht haben, zum Ausstieg. Dabei hat sich an den Argumenten, mit denen der kräftige Preiszuwachs bei Rohstoffen in den zurückliegenden Jahren begründet wurde, nichts geändert. Da sind zum Beispiel die Inflationsängste. „Es gibt nach wie vor eine Papiergeldschwemme“, erläutert Aulitzki. Auch die Förderkosten für Gold seien hoch geblieben.

    Gerade die unglaublich riesigen Geldmengen, mit denen die Notenbanken in den USA und Japan die Märkte fluten, lassen den Chefanalysten der Bremer Landesbank, Folker Hellmeyer, an einem dauerhaften Preisverfall des Goldes zweifeln. „Das ist eine Korrekturbewegung, keine Trendumkehr“, glaubt der Fachmann. Die Ausweitung der Geldmengen wird sich seiner Ansicht nach fortsetzen.

    Hellmeyer glaubt zudem an eine Manipulation der Edelmetallmärkte. Der Preis werde mittlerweile nicht mehr vom Handel mit physisch vorhandenen Metallen bestimmt, sondern von den Terminkontrakten. Dieses Geschäft liege in den Händen nur weniger Geldhäuser. Eigentlich müssten die Preise nach Einschätzung des Analysten steigen, weil es zum Beispiel bei Silber bereits zu Versorgungsengpässen gekommen ist. Doch das Gegenteil ist der Fall. Wie lange es nun weiter nach unten geht, weiß aber auch Hellmeyer nicht.