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  • Zahl der Hackerangriffe nimmt zu

    Gesundheit und Pharmabranche besonders bedroht

    Viele Versicherte in Deutschland können gerade ihre Krankenkasse nur eingeschränkt erreichen. Hacker haben den Dienstleister Bitmarck angegriffen, der sein Rechenzentrum bei München vom Netz nehmen musste. Digitale Angebote der Kassen, darunter auch der DAK, sind nur schwer zu erreichen. Betroffen sind 25 Millionen Versicherte. Der Fall zeigt, dass Cybercrime nicht nur Unternehmen trifft. Und er beweist, was der Datenklaureport der Beratungsfirma EY ergeben hat: Vor allem die Gesundheits-, Pharma- und Chemiebranche sieht sich als großes Ziel der Hacker.

    63 Prozent der Führungskräfte erwarten, dass Hacker in den kommenden Jahren gezielt Firmen dieser Branche angreifen werden. Das betrifft nicht nur Krankenkassen oder Krankenhäuser. „Pharmafirmen und Unternehmen aus dem Gesundheitssektor haben viele Patente“, sagt Bodo Meseke, Leiter Cyber Response bei EY. Entsprechend interessant sind sie für Datendiebe. Ebenfalls besonders bedroht sehen sich Firmen aus der Energiebranche und der Metallverarbeitung sowie der Handel und die Konsumgüterindustrie. „Grundsätzlich geht kein Unternehmen davon aus, dass die Angriffe nachlassen“, sagt Meseke.

    Der Schaden allein durch Hackerangriffe ist riesig. 203 Milliarden betrug er dem Branchenverband Bitkom zufolge 2021 für die deutsche Industrie. Folgekosten wie Imageschäden sind da nicht eingerechnet. Die Täter sind zum Teil in Gruppen mit eigenem Namen organisiert und bieten ihre Dienste im Darknet, der dunklen Seite des Internets, weltweit an. Größte Gruppen sind derzeit dem Bedrohungsreport des Sicherheitsberaters Sophos zufolge die LockBit und BlackCat, beide mit Verbindungen in den russisch-sprachigen Raum.

    Die Täter versuchen zum Teil, gezielt digital in ein Großunternehmen einzudringen. Oder sie versuchen per Massenangriff, Schwachstellen bei möglichst vielen Firmen auszunutzen. Das übliche Vorgehen, wie Meseke es schildert: Die Täter dringen ein, ziehen Daten, verschlüsseln dann das IT-System und fordern Lösegeld. Wird gezahlt, wird das System entsperrt. „Die Täter wollen ja ihr Geschäftsmodell nicht zerstören.“ Dann drohen die Täter, die Daten zu veröffentlichen – und fordern eine zweite Geldsumme.

    Der Autozulieferer Continental sollte im vergangenen Jahr 50 Millionen Euro zahlen. Und erst kürzlich traf es das US-Unternehmen Western Digital, das auch Cloudspeicher für Privatpersonen anbietet.

    Die deutschen Firmen fürchten vor allem Angriffe aus Russland (74 Prozent) und China (59 Prozent). Wobei die Täter zum Beispiel nicht in Russland sein müssen. „Für internationale Tätergruppen sei es einfacher, IT-Strukturen in Russland zu nutzen“, sagt Meseke. „Die Täter wähnen sich da in Sicherheit. Von den USA aus wäre es schwieriger, weil die Ermittlungsbehörden schärfer vorgehen.“

    Drei von vier Unternehmen sehen der Studie zufolge die größte Gefahr für sich in kriminellen Hackern, der organisierten Kriminalität. Fast jedes zweite fürchtet Angriffe sogenannter Hacktivisten, die Weltanschauungen oder persönliche Vorlieben durchsetzen wollen und deshalb Firmen angreifen. Mehr als jedes dritte Unternehmen sieht in ausländischen Geheimdiensten Gefahren, Tendenz jeweils steigend. Und dann ist da noch der Feind im eigenen Unternehmen: Jedes fünfte rechnet mit Datenklau durch unzufriedene Beschäftigte oder ehemalige Mitarbeiter.

    Weil viele Mitarbeiter inzwischen von zu Hause aus arbeiten dürfen, bemerken die Firmen mehr Cyberangriffe. Die Angriffsfläche ist größer, als wenn alle im Betrieb arbeiten. Und: „Wo mehr überwacht wird, stellen die Unternehmen auch mehr fest“, sagte Thomas Koch, Leiter Digitale Forensik bei EY. 16 Prozent der Firmen entdeckten mehr Angriffe, vor allem in der Gesundheits- und Pharmabranche. Zugenommen haben auch Mehrfachangriffe: Gab es 2011 bei der ersten Umfrage dieser Art nur bei zwei Prozent der Befragten Hinweise darauf, dass das Unternehmen nicht nur einmal Ziel von Kriminellen wurde, sind es in der aktuellen Umfrage 22 Prozent. Auch Bitmarck, der IT-Dienstleister der Krankenkassen, war bereits Anfang des Jahres Ziel einer Attacke.

    Angesichts der Bedrohung ist erstaunlich, wie wenig die Unternehmen reagieren. Jeder dritte Befragte sagt, dass das , dass das eigene Unternehmen nicht ausreichend vor digitalen Attacken geschützt ist. Und 30 Prozent der Unternehmen haben entweder keinen Krisenplan für Cyberattacken oder den Sicherheitsbeauftragten ist er nicht bekannt. Und zwei von fünf Unternehmen, die einen Plan haben, testen ihn nicht – wissen also nicht, ob er funktioniert.

  • Große Dinge drehen

    Renk baut Spezialgetriebe für Panzer und Fregatten

    Kaum ein Satz passt besser zum Topprodukt des Unternehmens: „Da jagen sie 1500 PS durch ein Schweizer Uhrwerk“, sagt Susanne Wiegand. Es geht um enorme Kraft, es geht um Präzision. Und ein bisschen spielt die Chefin von Renk in Augsburg auch mit der Größe: Die Armbanduhr verhält sich zu den meisten Getrieben, die das Werksgelände verlassen, wie ein Bobbycar zum Leopard 2.

    Ohne Renk kommt kaum ein Panzer in Europa vom Fleck. Das Unternehmen baut Spezialgetriebe für die Kampfmaschinen und noch viel größere für Fregatten, Eisbrecher, Industrie. Und es lässt einen Blick hinter in die Produktion zu, die eher unscheinbar an einer Ausfallstraße Augsburgs in einem Wohngebiet liegt. Gegenüber vom Haupteingang wartet Der Olivenbauer auf Kunden, zwei Häuser weiter gibt es vietnamesische Spezialitäten. Auch der Renk-Eingang mit seiner kleinen Glasfront und dem Empfang erinnert eher an eine Krankenkasse.

    Doch die Hallen dahinter haben es in sich. Die älteste stammt von 1892, die neuste, Halle 18, von 2019. Zu hören sind das Knattern der Akkuschrauber und vereinzelte dumpfe Hammerschläge. Ab und an zischt Pressluft. Hier werden auf zwei Stockwerken und insgesamt 10.000 Quadratmetern Panzergetriebe hergestellt. In Taktfertigung: Jeden Tag wandern die Getriebe in den Produktionslinien eine Montagestation weiter. Je nach Getriebetyp dauert es vom Rohgehäuse bis zur letzten Schraube zehn bis 15 Tage.

    Alles sehr bedächtig, alles sehr sauber, kein Ölgeruch. Hier geht es um Präzision, nicht um Tempo. Bis zu 20.000 Teile werden verbaut, viele fertigt Renk selbst. Das Getriebe für den Leopard 2 hat das Format eines großen Schreibtisches, kann die 15.000 PS des Antriebs gut umsetzen, wiegt gut 2,2 Tonnen, so viel wie eine Mercedes S-Klasse. Der ganze Panzer kommt je nach Ausstattung auf 50 bis 70 Tonnen.

    Anders als ein Autogetriebe, das nur die hohe Motordrehzahl in geringere Drehzahlen für die Reifen umsetzt, muss das im Kettenpanzer nicht nur schalten, sondern auch lenken und bremsen, wie Stefan Müller, Produktionsleiter Fahrzeuge, sagt. Wobei Fahrzeuge vor allem Panzer heißt: Puma, Panzerhaubitze, Lynx, Leopard 2, Leclerc.

    Bis vor kurzem war Renk eher verschwiegen, schließlich zählt das Unternehmen zur eher ungeliebten deutschen Rüstungsindustrie. Außerdem gehörte es über den Lastwagen und Motorenbauer MAN zum VW-Konzern. Zwischen Autos und Lkw passten Großgetriebe für Panzer, Schiffe und Windanlagen eher nicht, entsprechend wenig interessierte sich die Konzernzentrale im fernen Wolfsburg für die Augsburger. 2020 kaufte der Finanzinvestor Triton mit Sitz in London Renk für einen hohen dreistelligen Millionenbetrag. Seither wird das Unternehmen mit den rund 3400 Mitarbeitern umgekrempelt. Es soll börsenfähig werden. Chefin Wiegand, vorher unter anderem in der Führung des Panzerbauers Rheinmetall und der Marinesparte von ThyssenKrupp, treibt den Umbau voran.

    Dazu gehört mehr Offenheit und auch, das Geschäft mit erneuerbaren Energien zu erweitern. In Werk in Hannover haben sie gerade ein wartungsfreies Gleitlager entwickelt, von dem sich Renk viel verspricht. Wer etwa Windanlagen auf See betreibt, spart sich teure und aufwendige Wartung. Bei Wasserstoffanwendungen und im Pipelinegeschäft sieht Renk ebenfalls viele Chancen: Dort seien immer Turbogetriebe für Verdichterstationen nötig, die im nordrhein-westfälischen Rheine gebaut werden.

    Und die Industrie benötigt ebenfalls Getriebe wie den blau lackierten, containergroßen Kasten in der nächsten Halle, aus dem vorn zwei silberne Wellen mit mehr als 20 Zentimetern Durchmesser ragen. Das Getriebe, Gewicht 100 bis 105 Tonnen, geht an einen Kunststoffhersteller. Angebaut werden noch ein Antrieb und vorn „eine Art Fleischwolf, der bis zu 100 Tonnen Kunststoff pro Stunde durchdrückt“, sagt Thomas Weichselbaumer, Produktionsleiter Marine und Industrie.

    Hauptgeschäftsfeld ist aber das Militär. Zwischen 40 und 50 Armeen beliefert Renk, Nato-Partner, auch Japan, Kanada, Südkorea. Etwa 70 Prozent der 850 Millionen Euro setzte Renk im vergangenen Jahr mit Panzer- und Schiffsgetrieben um. Auch hier sehen sie Potenzial. Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist vielen Ländern klar geworden, dass sie in Verteidigung investieren müssen. Deutschland hat 100 Milliarden Euro bereitgestellt. Wenn Geld davon für neue Panzer ausgegeben wird, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Renk davon profitiert. Ebenso, wenn neue Schiffe gekauft werden.

    Eine weitere Halle. Im Prüfstand vom Format einer durchschnittlichen Turnhalle, steht ein Dreifachgetriebe für eine neue Fregatte: jeweils eines für die linke und rechte Schraube plus eines dazwischen. Vorne dran kommen noch zwei Elektromotoren. Die Gasturbine, die später im Schiff eingebaut ist und es auf mehr als 30 Knoten beschleunigen soll, wird durch einen Testantrieb simuliert. Alles in Weiß und von der Größe eines Bungalows. Fotografieren ist, wie fast überall in der Renk-Produktion, verboten. Der Kunde? Ein Nato-Partner.

    Hier wird überprüft, ob die Getriebe den Anforderungen entsprechen. Sind die Schwingungen gering, ist es leise, so dass U-Boote die Fregatte später nicht anhand des Getriebegeräusches orten können? „Wir erfassen Daten auf 4000 Kanälen im Millisekundentakt“, sagt Christian Bechtel, zuständig für den Prüfstand marine und Industrie. Er nennt es 100-Prozent-Erprobung. „Sonst müssen wir später ins Schiff womöglich Löcher schneiden, um etwas zu reparieren. Das wird teuer.“ Denn das Schiff wird meist um Getriebe und Antrieb herumgebaut.

    Das größte, was sie hier am Stammsitz gebaut haben, war ein Planetengetriebe mit gut 350 Tonnen Gewicht. Die Clemson University in den USA hatte es für einen Windkraftprüfstand bestellt. Und hier kam sogar Renk an seine Grenzen: „Wir mussten es in zwei Teilen bauen, weil wir auf 200 Tonnen begrenzt sind“, sagt Weichselbaumer. Das Getriebe montierten dann die Kollegen in Rheine, die mehr Gewicht verarbeiten können.

    Das Produkt dürfte deutlich größer gewesen sein als der Raum, in dem Johann Julius Renk sein Geschäft vor 150 Jahren begann. Die ersten Zahnräder haben auch nur vom Ansehen her etwas gemein mit Zahnrad und Welle, die hier neben einem Schiffsgetriebe im Garagenformat (35 Tonnen) in einer weiteren Halle stehen: etwa 3,20 Meter Durchmesser hat das Rad, die Zähne auf 3000stel Millimeter genau geschliffen, 26,7 Tonnen Gewicht. „Das entspricht 19 Porsche Boxer S“, sagt Produktionsleiter Weichselbaumer und: „Ist in Leichtbauweise ausgeführt.“ Welle und Zahnrad sind für ein sogenanntes Turbogetriebe vorgesehen und gehen nach Asien.

    Dorthin liefert Renk per Schiff. Allerdings hat der Standort Augsburg keinen Wasseranschluss, weshalb die Zahnräder und Schiffsgetriebe per Lkw mit Überbreite auf festgelegten Strecken transportiert werden. Straßenschilder werden herausgezogen, Ampeln umgelegt, wie Bechtel sagt. „Die fahren schon mal drei oder vier Tage, immer nachts.“ Langsam. Und präzise.

  • Es hakt im Betriebsblauf

    Worum es bei der Bahntarifrunde geht

    Schon bald wird wohl auf Deutschlands Bahnhöfen wieder kein Zug fahren. Denn im Tarifkonflikt zwischen Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG und der Deutschen Bahn geht es nicht voran. Warnstreiks sind wahrscheinlich. Der Zeitpunkt ist noch unklar. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Worum geht es?

    Ende Februar ist nach zwei Jahren der Tarifvertrag in der Bahnbranche ausgelaufen. Die EVG will seither mit rund 50 Bahnunternehmen in Deutschland einen neuen Tarifvertrag abschließen. Das mit Abstand größte und wichtigste Unternehmen ist die Deutsche Bahn, wo es um rund 180.000 Konzernbeschäftigte geht.

    Wie weit sind die Gespräche?

    Verhandelt wird bereits bei einzelnen Bahnunternehmen. Ergebnisse liegen nicht vor – unter anderem auch, weil die kleineren Bahnunternehmen abwarten, wie es bei der Deutschen Bahn weitergeht. Zwischen dem Staatskonzern und der Gewerkschaft gibt es bisher nur öffentliche Scharmützel – offizielle Gespräche laufen nicht. Drei Verhandlungsrunden wurden bisher nicht genutzt. Der nächste Termin zwischen Deutscher Bahn und EVG ist für Ende Mai angesetzt. Bisher gab es zwei Warnstreiks.

    Was fordert die Gewerkschaft?

    Wichtigster Punkt sind zwölf Prozent mehr Lohn, mindestens jedoch 650 mehr im Monat. Der Tarifvertrag soll zwölf Monate laufen. Bei der Deutschen Bahn ist ein höherer bahneigener Mindestlohn Thema. Auch möchte die Gewerkschaft regionale Unterschiede zwischen Ost und West, Nord und Süd bei der Bezahlung gleicher Arbeit angleichen. Zudem soll es um verschiedene Fonds und Zuschüsse etwa zu Betriebsrenten gehen.

    Was bieten die Arbeitgeber?

    Die Deutsche Bahn als größter Arbeitgeber hat zuletzt ein Plus von zehn Prozent für mittlere und untere Einkommen angeboten, zahlbar in zwei Schritten zu fünf Prozent im März und im August 2024. Obere Einkommen sollen um acht Prozent steigen, ebenfalls in zwei Schritten. Zudem ist für 2023 ein steuerfreier Inflationsbonus von 2850 Euro vorgesehen. Die Bahn stellt sich eine Vertragslaufzeit von 27 Monaten vor. Zudem soll es einen Mindestlohn von 13 Euro geben. Und über einheitliche regionale Entgelte will sie auch verhandeln.

    Warum können beide Seiten nicht einfach miteinander reden?

    Nach außen wirkt das Hickhack zwischen EVG und Deutscher Bahn nur noch bizarr. Beide Seiten geben sich die Schuld daran, dass nichts voran geht. Die EVG beklagte, die Bahn habe im Februar kein Angebot vorgelegt hat, zur zweiten Runde nur zweieinhalb Seiten, in dieser Woche etwas mehr, dafür praktisch den Abschluss des öffentlichen Dienstes, wo die Bahn doch komplett anders strukturiert sei. Außerdem sind wesentliche Punkte, über die die Gewerkschaft reden möchte, nicht Teil des Angebots. Weshalb das Angebot der Bahn aus Sicht der EVG kein Angebot ist, über das man verhandeln kann. Die Bahn wiederum sagt, sie lege das höchste Angebot in der Geschichte der Bahn vor und die Gewerkschaft wolle nicht darüber reden. Beide Seiten hängen sich auch an – plakativen – Einzelheiten auf, etwa am Mindestlohn der 2500 bis 3000 der 180.000 Mitarbeiter der Bahn betrifft. Die Bahn weiß, wie ein Angebot aussehen muss, das die EVG als verhandelbar ansieht. Und die EVG weiß, wann sie einfach mal zu Gesprächen bereits sein sollte. Offenbar geht es um mehr als nur Geld.

    Wenn es nicht um Geld geht, worum geht es dann?

    Die EVG tritt mit einem neuen Verhandlungsteam an, das möglicherweise zeigen muss, wie durchsetzungsfähig es ist. Die Gewerkschaft galt bisher im Vergleich zur Lokführergewerkschaft GDL als zurückhaltender. Die GDL versucht seit Jahren, nicht nur für die Lokführer, sondern auch für andere Gruppen Tarifverträge abzuschließen und will dafür Mitglieder gewinnen – auch von der EVG. Die Arbeitgeber wiederum versuchen, die Gewerkschaft ins schlechte Licht zu rücken. Die EVG vermutet sogar, die Deutsche Bahn zögere die Gespräche absichtlich hinaus, um die Gewerkschaft als die Bösen darzustellen und die Streiks zu nutzen, um „Fehler der Führung zu verdecken“. Aber Achtung: Auch solche Aussagen sind Teil der Verhandlungstaktik. Wie auch die Anfrage der EVG bei der Bahn nach Verhandlungsterminen im September. Dann sollte längst ein Tarifvertrag stehen.

    Wie geht es weiter?

    So, wie es gerade aussieht, läuft alles auf weitere Ausstände hinaus. Anders als beim  vergangenen Warnstreik dürfte es diesmal nicht bei einem Freitagvormittag bleiben. Die EVG sprach von „massiven Warnstreiks“. Die Streikkasse ist nach eher ruhigen Jahren prall gefüllt. Mittelfristig hat die EVG mehr Druckpotenzial als der Konzern. Streiken die Fahrdienstleiter, kann kein Zug fahren. Ähnlich war es bei der letzten Tarifrunde für die Lokführer. Ohne die fährt kein Zug. Die Bahn musste letztlich Zugeständnisse machen.

    Darf die EVG streiken?

    Auch wenn es Bahnkunden nervt, die EVG darf streiken. Solange es verhältnismäßig ist. Beim letzten Warnstreik bestätigte das Arbeitsgericht Frankfurt das wieder einmal. Und die Gewerkschaft tut, wofür es sie gibt, nämlich gute Arbeitsbedingungen und Bezahlung für die Beschäftigten auszuhandeln, notfalls mit Druck.

  • Die Wärmepumpe ist nicht deutsch

    Trägt die Bundesregierung Schuld daran, dass der Heizungsbauer Viessmann verkauft wird?

    Selten kommst es vor, dass so aufgeregt über den Verkauf eines deutschen Unternehmens diskutiert wird. Die Eigentümer der Heiztechnikfirma Viessmann aus Allendorf in Hessen haben beschlossen, den größten Teil des Unternehmens, vor allem das Geschäft mit den Wärmepumpen, für zwölf Milliarden Euro an den US-Konzern Carrier zu veräußern.

    Nun werfen Politikerinnen und Politiker wie Jens Spahn, Julia Klöckner (beide CDU) und FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai vor allem den Grünen vor, die Bürger und die Wirtschaft mit der schnellen Transformation zur Klimaneutralität zu überfordern. Das Gebäudeenergiegesetz zum Heizungstausch sei daran Schuld, dass ausländische Konzerne auf den deutschen Markt drängten, einen Mittelständler wie Viessmann unter Druck setzten, und die Amerikaner ihn schluckten. Spahn sprach vom „Ausverkauf der deutschen Wärmepumpe“.

    Die Wärmepumpe ist nicht deutsch. Der Wärmepumpenmarkt ist global. Die größten Hersteller sitzen unter anderem in Japan und Südkorea. Viessmann, Bosch und Vaillant haben zwar teilweise Know-how- und Qualitätsvorteile, aber den Nachteil, dass sie im globalen Wettbewerb mit kapitalstarken Massenherstellern konkurrieren müssen. Das deutsche Gebäudeenergiegesetz, das Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) mit teilweiser Unterstützung der SPD und FDP, teilweise aber auch gegen deren Vorbehalte vorantreibt, hat also den globalen Markt nicht gemacht. Der hat sich schon früher entwickelt. Sonst gäbe es die großen asiatischen Anbieter nicht.

    Der Weltmarkt dehnt sich nun aus, weil die internationale Klimapolitik etwa in Gestalt des Paris-Abkommens den weltweiten Ausstoß von Treibhausgasen vermindern will. Elektrische Wärmepumpen sind eine Technik, um diesem politischen Konsens wirtschaftlich nachzukommen. Denn, mit Ökostrom angetrieben, verursachen sie kein klimaschädliches Kohlendioxid und stellen eine sehr effiziente Heizungstechnik dar.

    Die neuen Gesetze in Deutschland und Europa (Gebäudeenergiegesetz, Green Deal der EU) bewirken jetzt zweierlei: Sie treiben den Klimaschutz voran. Und sie vergrößern den deutschen und europäischen Markt für Wärmepumpen. Damit machen sie ihn für ausländische Firmen interessanter, als er vorher war. Das kann man als Fehler der Regierung betrachten. Doch das Gebäudeenergiegesetz tut nichts anderes, als den internationalen politischen Konsens hierzulande umzusetzen und eine Technik zu begünstigen, die dabei hilft.

    Nun steht Viessmann vor dem Problem, dass beispielsweise der Marktführer Daikin aus Japan so viel Umsatz macht, wie die drei größten deutschen Wärmepumpenhersteller zusammen. Man kann sagen: Viessmann ist zu klein, um auf dem umkämpften Weltmarkt sicher zu überleben. Also holen sich die Deutschen einen Partner herein – die US-Firma Carrier.

    Mit dem Zusammenbruch der hiesigen Solarindustrie vor zehn Jahren ist dieser Vorgang nicht zu vergleichen. Der Vorwurf der Union, Viessmann gehe den unheilvollen Weg von Q-Cells und Solarworld, ist falsch. Der Exitus damals hatte zwei Ursachen: Die Bundesregierungen unter Führung der Union kürzten die Förderung für die Ökoenergie, weil sie befürchteten, sie würde die Strompreise zulasten der Privathaushalte und Firmen zu sehr verteuern. Außerdem subventionierte China seine Solarindustrie massiv. Dumpingkonkurrenz und wegbrechender Heimatmarkt machten hiesigen Unternehmen damals den Garaus.

    Die Lage im Falle Viessmann ist eine andere: Wegen der unterstützenden politischen Regulierung wächst der deutsche und europäische Markt, die Förderung nimmt zu. Das US-Unternehmen Carrier ist im Übrigen nicht subventionsgetrieben, es ist kein unfairer Wettbewerber. Die Aussichten sind deshalb nicht schlecht, dass Viessmann und Carrier zusammen den deutschen, den europäischen und auch den Weltmarkt von hier aus mit großen Zahlen von Wärmepumpen versorgen werden.

    Dass Viessmann das nicht alleine zu schaffen meint, liegt nicht an der aktuellen, vermeintlich zu schnellen Gesetzgebung. Wenn man schon einen Zusammenhang herstellen will zwischen Regulierung und Unternehmen, wirkt er in diesem Fall eher umgekehrt: Hätten die Union-geführten Bundesregierungen mit FDP und SPD früher auf Klimapolitik gesetzt, wäre der hiesige Wärmepumpenmarkt nun weiter entwickelt, Viessmann wäre wahrscheinlich größer und bräuchte vielleicht keinen Partner.

  • Deutschland wird reicher

    Die Ungleichheit sinkt. Dennoch schneidet die Bundesrepublik in der EU schlecht ab

    Wie reich sind die Deutschen? Und werden die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer? Die Bundesbank beantwortet solche Fragen in einer umfangreichen Studie zum Vermögen der Deutschen. Die Ungleichheit nimmt danach ab. Zwischen 2017 und 2021 wurden alle reicher – vor allem aber diejenigen, die eher weniger besitzen. „Die Nettovermögen haben zugenommen“, sagt Hannah Paule-Paludkiewicz, Co-Autorin der Studie. Im Europavergleich ist die Ungleichheit aber noch hoch.

    Im Durchschnitt konnte jeder der rund 41 Millionen Haushalte in Deutschland 2021 auf ein Nettovermögen von 316.500 Euro zurückgreifen, wie ein Team des Forschungszentrums der Bundesbank ermittelt hat, ein Plus von rund 36 Prozent im Vergleich zu 2017, dem Jahr der vorherigen Erhebung. Wesentlich stärker gestiegen ist der Wert, der Deutschlands Haushalte in zwei Hälften teilt (Median), sortiert man sie nach Vermögenshöhe: 106.600 Euro, fast 51 Prozent mehr als 2017.

    Geld ist nicht alles. Und deshalb untersucht die Bundesbank für die trocken benannte Studie „Private Haushalte und ihre Finanzen“ nicht nur das Geldvermögen, also etwa Bargeld, Aktienbesitz sowie Versicherungsansprüche und private Altersvorsorge. Auch Immobilienbesitz und Anteile an Unternehmen werden betrachtet. Zudem werden die Schulden erfasst. Einzig gesetzliche Renten fließen nicht ein. Die Studie ist deshalb insgesamt umfassender als einige andere zum Thema. Die Daten jetzt beziehen sich auf das Jahr 2021. Befragt wurden mehr als 4100 Haushalte. Es ist die vierte Untersuchung seit 2010/11.

    „Ein Plus gab es in fast allen Bereichen“, sagt Tobias Schmidt, Co-Autor der Studie. Das Plus war vor allem bei Vermögen der unteren Hälfte groß. Das ärmste Fünftel der Haushalte – netto verschuldet – konnte die Schulden um 54 Prozent tilgen. Das nächstreichere Fünftel verfügte 2021 über 59 Prozent mehr Vermögen. Das reichste Fünftel kam nur auf 34 Prozent Plus, das reichste Zehntel auf 37 Prozent.

    Das alles führt dazu, dass die Ungleichheit in Deutschland sinkt.

    Ein Hinweis: Ein Haushalt, der genau das mittlere Vermögen zur Verfügung hat, brauchte 2021 nicht mehr so viel Vermögenszuwachs, um zu den reichsten zehn Prozent aufzusteigen, wie 2017 oder gar 2011. Damals untersuchte die Bundesbank die Vermögen der Deutschen zum ersten Mal. Auch andere Rechengrößen deuteten darauf hin, wie Schmidt sagt.

    Da ist etwa ein Wert (Gini-Koeffizient) der zwischen 0 und 100 Prozent liegt. 0 Prozent bedeutet, die Vermögen sind gleich verteilt, 100 Prozent wäre maximale Ungleichheit. Für Deutschland ergeben sich 73 Prozent für 2021. Zehn Jahre zuvor waren es 76 Prozent. Dennoch: „Die Ungleichheit ist im europäischen Vergleich nach wie vor hoch“, sagte Schmidt. In der Euro-Zone gebe es wenige Länder, die noch ungleicher als Deutschland seien. Für Italien etwa liegt der Wert bei 68 Prozent. Und auch in Portugal und Spanien sind die Vermögen nach neuen Studien gleicher verteilt. In den USA sei die Ungleichheit allerdings höher als in Deutschland, sagt Schmidt.

    Wer ist nun wirklich reich in Deutschland? Zu den reichsten zehn Prozent zählen Haushalte, die mindestens 725.900 Euro Nettovermögen besitzen. Im Schnitt verfügt diese Gruppe über 1,77 Millionen Euro Vermögen, in der Regel angelegt in Immobilien, Unternehmensanteilen und Wertpapieren. Absolut gesehen besaßen die oberen zehn Prozent im Jahr 2021 rund 56 Prozent des gesamten Nettovermögens in Deutschland. Im Vergleich dazu verfügte die untere Hälfte der Haushalte, also alle mit weniger Vermögen als 106.600 Euro, nur über rund drei Prozent. Dieser Wert sei praktisch konstant, sagt Schmidt.

    Die reichsten deutschen Haushalte besitzen meist Immobilien. Und das Vermögen steckt sehr oft in Unternehmen. Dagegen haben die ärmeren Haushalte eher Bargeld, Tagesgeldkonten, Fondsparpläne. Wobei Schmidt zufolge in den vergangenen Jahren der Anteil von Fonds und Aktien gestiegen ist. Auch ein Trend, den die Bundesbank ermittelt hat: Die Zahl der Haushalte, die nicht sparen konnten, sank. Ein Grund: Wegen der strengen Corona-Regeln konnten die Menschen nicht so viel Geld ausgeben und haben eher etwas zurückgelegt.

    Die Studiendaten der Bundesbank sind knapp zwei Jahre alt. Die Corona-Krise ist berücksichtigt. Auch ein leichter Anstieg der Inflation. Seither stiegen die Preise zum Teil kräftig. Die Europäische Zentralbank steuerte mit höheren Zinsen gegen, Kredite wurden teurer. Und am Aktienmarkt ging es, anders als zwischen 2017 und 2021, zeitweise abwärts. Alles das betrifft die Vermögen der Deutschen. Wobei nicht eindeutig ist, wie. Die Effekte seien schwer einzuschätzen, sagt Falko Fecht, Leiter des Forschungszentrums der Bundesbank.

    Immerhin gibt es neue Zahlen zumindest zum Geldvermögen: Das Nettogeldvermögen aller privaten Haushalte jedenfalls ist von Ende 2021 bis Ende 2022 um 8,2 Prozent gesunken, wie die Bundesbank ebenfalls errechnet hat. Vor allem der Wert von Aktien und Ansprüchen auf Altersvorsorge ist gesunken. Gleichzeitig stiegen seither die Schulden. Sinkt der Aktienwert, trifft das vor allem jene, die viele Aktien halten – tendenziell die vermögenderen Bundesbürger. Von steigenden Zinsen profitieren dagegen jene, die ihr Geld vor allem auf Sparbüchern oder Tagesgeldkonten angelegt haben – das sind nach Angaben der Bundesbank eher die, die weniger Vermögen haben.

    Dagegen belasten steigende Preise überproportional jene, die wenig Geld haben. Sie können weniger zurücklegen oder müssen sogar Ersparnisse auflösen. Oder sie versuchen, weniger auszugeben, um ihre Ersparnisse eben nicht anzutasten. Wer verschuldet ist, profitiert von der Inflation, weil die Kredite relativ gesehen weniger wert werden. Genaues dürfte es 2024 geben. Die Bundesbank befragt die Haushalte noch einmal.

  • Stromnetz soll intelligent werden

    Haushalte bekommen Anspruch auf Smart Meter

    Stromverbrauch wird in den vielen deutschen Haushalten immer noch gemessen wie in sechziger Jahren: Im Zähler dreht sich ein waagerechtes Rad, Ziffern zeigen die seit Einbau des Geräts verbrauchte Strommenge an, einmal im Jahr kommt der Ableser, dann gibt es eine Stromrechnung. Die Technik erlaubt inzwischen deutlich mehr. Und für die Wende weg von fossilen Brennstoffen hin zu mehr erneuerbaren Energiequellen ist moderne Technologie dringend nötig. Bei Smart Metern, intelligenten Zählern, war Deutschland trotz hehrer Ziele bisher eher langsam dabei. Ein neues Gesetz soll das beschleunigen. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

    Was ist ein Smart Meter?

    Smart Meter bestehen aus einem oder mehreren digitalen Zählern und einem sogenannten Gateway, der Daten sendet und empfängt. Über ihn kann der Verbrauch aus der Ferne abgelesen und die Anlage gewartet werden. Smart Meter gibt es für Wärme, vor allem aber für Strom. In der Vergangenheit bauten die Netzgesellschaften meist nur digitale Zähler ein, die sich nicht aus der Ferne ablesen lassen. Im Vergleich zum klassischen Zähler, bei dem sich meist ein waagerechtes Rad dreht, können sie allerdings schon den Verbrauch der vergangenen Woche oder des vergangenen Monats angeben. Um die Werte ablesen zu können, müssen am Zähler bestimmte Knöpfe gedrückt werden – eine sehr fummelige Sache, die sich die meisten Bundesbürger wohl sparen.

    Warum sind Smart Meter wichtig?

    Im Zuge der Energiewende entwickelt sich Deutschland weg von einigen großen Kraftwerken, die Energie liefern, hin zu vielen kleineren Stromerzeugern – vor allem Wind- und Solaranlagen. Das Stromnetz wird dabei wichtiger. Daten darüber, wann wo wie viel erzeugt und eingespeist wird, und über den genauen Verbrauch helfen, das System stabil zu halten und Energie optimal zu nutzen. Ohne die Smart Meter ist die Energiewende nach Ansicht von Experten nicht möglich.

    Und was hat der Verbraucher davon?

    Wer einen Smart Meter hat, kann  selbst recht unkompliziert jederzeit seinen Verbrauch ansehen. Eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom ergab, dass sich 74 Prozent der Bundesbürger genauere Informationen über Stromfresser wünschen, um gezielt sparen zu können. „Der eigene Verbrauch wird perspektivisch etwa per Smartphone-App so einfach abzulesen sein wie der Spritverbrauch beim Auto oder der Ladestand des Handys“, sagt Bitkom-Chef Bernhard Rohleder.

    Was sind dynamische Tarife und ab wann gibt es sie?

    Dank der Zähler werden auch neuartige Stromtarife möglich, bei denen sich Geld sparen lässt. Sie heißen dynamische Tarife und sollen dazu anregen, Strom dann zu verbrauchen, wenn es viel gibt und er billig ist. das gilt zum Beispiel für die Waschmaschine oder die Ladebox des E-Autos. Steuern lässt sich das am besten per App über das Mobiltelefon. Der Essener Versorger Eon bietet solche dynamischen Tarife bereits an. Das skandinavische Unternehmen Tibber ebenfalls. Von 2025 an sind alle Versorger dazu verpflichtet.

    Wann wird ein Smart Meter eingebaut?

    Grundsätzlich gilt für Haushalte: Bei einem jährlichen Stromverbrauch von mehr als 6000 Kilowattstunden ist ein Smart Meter Pflicht. Für Haushalte mit weniger Verbrauch ­ und das sind die meisten – kann ein solches Gerät eingebaut werden. Es soll künftig bei Interesse binnen vier Monaten installiert sein. Allerdings gilt das erst von 2025 an. Im ersten Entwurf des Gesetzes war 2024 vorgesehen. Wer bereits selbst Strom ins Netz einspeist, etwa aus der Solaranlage mit mehr als sieben Kilowatt Leistung auf dem Hausdach, braucht bereits jetzt einen Smart Meter, der den Stromfluss auch in beide Richtungen messen kann.

    Wer baut die Zähler ein und was kostet das?

    Verantwortlich für den Einbau ist der Betreiber des jeweiligen Verteilnetzes. Es verbindet die großen Überlandleitungen mit den Haushalten. Das können regionale Unternehmen sein oder Eon. Der Konzern verfügt über das größte Verteilnetz in Deutschland. Wie viele solcher Geräte insgesamt bereits verbaut sind, ist nicht bekannt. Das neue Gesetz deckelt die Kosten für den Normalbürger bei 30 Euro. die jährlichen Betriebskosten sind auf maximal 20 Euro festgeschrieben. Wer steuerbare Geräte betreibt, die steuerbar sind, etwa Wärmepumpen, muss höchstens 50 Euro pro Jahr zahlen.

    Warum muss der Einbau in Deutschland beschleunigt werden?

    Smart Meter sollen bereits seit Jahren eingebaut werden. Die entsprechende EU-Richtlinie ist von 2009. Ursprünglich sollten intelligente Zähler bereits 2020 Standard sein. In anderen Ländern wird bereits die zweite Generation der Gerät eingebaut. In Deutschland verhinderten bisher unter anderem Bürokratie und aufwändige Sicherheitsvorgaben für die Montage, dass die Geräte flächendeckend eingebaut werden. Auch scheuten viele Haushaltskunden die hohen Kosten der Smart Meter und ließen sich nur einen einfacheren neuen Zähler einbauen. Eine andere Hürde fällt auch weg: Bisher durften Geräte erst eingebaut werden, wenn mindestens drei Hersteller sie anboten. Das Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnologie musste sie freigeben. Das entfällt. Inzwischen gibt es mehr Geräte, zudem lassen sie sich aus der Ferne per Update aktualisieren.

  • Längere Streiks drohen

    Tarifgespräche bei Bahn stocken

    Am Freitag wird auf Deutschlands Schienen wieder einmal wenig fahren. Die Eisenbahnergewerkschaft EVG hat im Tarifkonflikt mit den Bahnunternehmen zum Warnstreik aufgerufen. Dieses Mal geht es nur um ein paar Stunden, doch es könnte für Reisende bald unangenehmer werden: Die EVG droht mit einem umfangreicheren Arbeitskampf. Und im Herbst könnte es weitergehen: Dann beginnen Tarifverhandlungen mit der kämpferischen Lokführergewerkschaft GDL.

    Der Warnstreik am Freitag soll um 3 Uhr nachts beginnen und um 11 Uhr vormittags enden. Betroffen sind Fern- und Nahverkehr. EVG-Verhandlungsführerin Cosima Ingenschay geht davon aus, dass in der Zeit praktisch kein Zug unterwegs ist. Denn ohne Fahrdienstleiter, die den Betrieb steuern, geht nichts. Aufgerufen zum Ausstand sind alle Gewerkschaftsmitglieder in den rund 50 Unternehmen, mit denen die EVG gerade neue Tarifverträge verhandelt.

    Die Gespräche stocken fast überall. Vor allem die Deutsche Bahn hat nach Ansicht der Gewerkschaft bisher kein akzeptables Angebot vorgelegt, über das sich Gespräche lohnten. Bei dem Staatskonzern arbeiten 180.000 der 230.000 Beschäftigten, für die die EVG verhandelt. Kommenden Dienstag ist die dritte Tarifrunde angesetzt. Die Bahn hat bereits Lohnerhöhungen angeboten. Zuletzt hatte sie vorgeschlagen, das Schlichtungsangebot für den öffentlichen Dienst als Grundlage zu nehmen, was die EVG ablehnt. Die Bahn sei schließlich anders als der öffentliche Dienst, es werde zudem auf kein Forderung der Gewerkschaft eingegangen. Auch die privaten Bahnunternehmen halten sich mit Angeboten zurück.

    Die Gewerkschaft droht deshalb schon mal mit Eskalation: „Wir sind bereit, die Streiks massiv auszuweiten“, sagte Co-Verhandlungsführer Kristian Loroch. „Wir brauchen mehr Tempo.“ Einen genauen Zeitpunkt nannte er nicht. Für Mai ist noch ein Verhandlungstag bei der Deutschen Bahn vorgesehen. Die harte Haltung der EVG kann auch damit zusammenhängen, dass die GDL im Herbst ebenfalls verhandelt. Sie will nicht nur für Lokführer, sondern auch andere Unternehmensbereiche abschließen. Dort hat bisher die EVG die Tarifhoheit. Die GDL ist nicht zimperlich, wenn es um Streiks geht.

    Der Warnstreik am Freitag endet um 11 Uhr, danach soll sich der Betrieb wieder normalisieren. Die Gewerkschaft wisse, dass gerade am Freitag viele Menschen ins Wochenende oder nach Hause führen, sagte die Verhandlungsführerin. Den ganzen Tag zu streiken, sei unverhältnismäßig, sagte Loroch. Die Bahn sieht das anders: „Dieser Streik ist völlig unnütz und unnötig. Am Freitag, dem reisestärksten Tag der Woche, trifft er viele Pendler und Pendlerinnen besonders hart“, sagte Personalvorstand Martin Seiler. „Die EVG hat Maß und Mitte komplett verloren und setzt nur auf Krawall.“

    Die Gewerkschaft fordert zwölf Prozent mehr Lohn, mindestens 650 Euro brutto bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Bei der Deutschen Bahn geht es dann noch darum, Lohnunterschiede für gleiche Arbeit in Ost und West sowie Nord und Süd anzugleichen und einen Mindestlohn einzuführen. Die Bahn bietet bisher eine Inflationsprämie von 2500 Euro sowie fünf Prozent mehr Lohn in zwei Schritten. Der Tarifvertrag soll zwei Jahre und drei Monate laufen. Die Schlichtung im öffentlichen Dienst sieht mindestens 200 Euro vor, von März 2024 an sollen 5,5 Prozent – mindestens 340 Euro – dazukommen. Bereits ist ein Inflationsausgleich von insgesamt 3000 Euro gestaffelt geplant. Die Laufzeit soll rückwirkend vom 1. Januar 2023 an 24 Monaten gelten.

    Wer auf Fernstrecken am Freitag auf den Flieger ausweichen will, könnte ebenfalls Probleme bekommen. Die Gewerkschaft Verdi hat das Sicherheitspersonal an den Flughäfen Düsseldorf, Hamburg und Köln/Bonn zu Warnstreiks aufgerufen. Der Ausstand beginnt in der Nacht zu Donnerstag und endet in der Nacht zu Sonnabend. Zahlreiche Flüge dürften ausfallen oder verspäten. Verdi will beim Bundesverband der Luftsicherheitsunternehmen höhere Zeitzuschläge für Nacht-, Wochenend- und Feiertagsarbeit durchsetzen und höhere Entgelte für Überstunden. Die nächste Verhandlungsrunde ist für kommende Woche vorgesehen.

  • Typisch deutsche Vereinslösung

    Cannabis wird legalisiert. Leider mit Kopfgeburten

    Es wäre so einfach gewesen: Deutschland legalisiert Cannabis, hochwertige Produkte werden kontrolliert verkauft, ein neues Geschäft entsteht, der Schwarzmarkt verschwindet, Justiz und Polizei werden entlastet. Und ein Teil gesellschaftlicher Realität wird entkriminalisiert. Das sah der erste Plan der Ampelkoalition vor, den EU-Vorgaben leider in wichtigen Teilen verhinderten. Der zweite ist jetzt eine typisch deutsche Vereinslösung. Sie hat einige Haken, aber zwei große Vorteil: Sie ist machbar und lässt sich schnell umsetzen.

    Vor allem erkennt die Bundesregierung an, dass die Verbotspolitik der vergangenen Jahre gescheitert ist. Die Zahl der Konsumenten ist gestiegen, die Zahl der Fälle, mit denen sich Polizei und Justiz beschäftigen musste, auch. Die Bundesregierung akzeptiert, dass Cannabis-Konsum ähnlich wie Alkohol-Konsum in Deutschland durch alle politischen Lager, Gesellschaftsschichten und Generationen weit verbreitet ist.

    Die Zweitlösung hat Tücken: Da ist die Größe der Cannabis-Klubs, die den Stoff für bis zu 500 Mitglieder anbauen können. Sie wird nicht ausreichen, um den Schwarzmarkt mit seiner teils schlechten Qualität auf Dauer zu ersetzen. Dazu wäre ein kontrollierter Markt vergleichbar dem für Medizinalcannabis nötig, mit großen Anbietern und geprüften Verkaufsstellen, wie im ersten Plan der Bundesregierung vorgesehen. Dann sind da Standards für Sicherheit und Qualität, die die Anbauvereine einhalten sollen. Die Bundesländer sollen sie überprüfen. Bei der zu erwartenden Menge an Hinterhofgewächshäusern und dem Mangel an Kontrolleuren dürfte es einen gewissen Wildwuchs geben.

    Ja, die Vereinslösung, eine Art Markt light, ist nicht optimal. Und auch der Plan, Modellregionen festzulegen, in denen kontrollierter Markt – wissenschaftlich begleitet – geübt wird, klingt wie eine absurde Kopfgeburt. Aber beides zeigt, dass es die Bundesregierung ernst meint und dass sie sich nicht von der EU abhalten lässt, ein gesellschaftliches Problem der vergangenen Jahrzehnte zu lösen. Die Modellregionen sind zudem ein Mittel, um später die EU-Regeln zu ändern. Das kann jedoch Jahre dauern. Und die will Deutschland zurecht nicht mehr warten.

    Tatsächlich geht es bei der Ampel einmal schnell voran. Das Gesetz zu Cannabis-Klubs und Entkriminalisierung soll noch im April in den Bundestag. Beim Tempo hilft auch, dass der Bundesrat nicht zustimmen muss. Das Gesetz zu den Modellregionen ist nach der Sommerpause geplant. Polizei und Justiz werden entlastet. Und der Gesetzgeber erkennt die Realität an. Cannabis-Konsumenten genießen nicht mehr illegal. Und kommen in Zukunft idealerweise auch an geprüften Stoff.

  • Die Zahlen täuschen

    Zu Überschüssen der Gemeinden

    Gute Nachrichten für Deutschlands Kommunen: Auch im vergangenen Jahr schlossen Städte und Gemeinden mit einem Milliardenüberschuss ab. Schon 2021 lief äußerst gut für die Kommunen insgesamt. Warum also zieren sie sich bei den laufenden Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst so, auf die Gewerkschaft Verdi zuzugehen und den Beschäftigten deutlich mehr zu zahlen? Zumal überall Personal fehlt und die Kommunen im Wettbewerb mit der freien Wirtschaft stehen.

    Ganz so einfach ist es nicht: Schließlich sagen die Zahlen des Statistischen Bundesamtes nichts darüber, wie es in den einzelnen Städten und Gemeinden aussieht. Mainz zum Beispiel ist dank Großsteuerzahler Biontech, Hersteller des Corona-Impfstoffs, schuldenfrei. Eine Ausnahme, die auch zeigt, wie stark die Gewerbesteuer, wichtige Einnahmequelle der Kommunen, schwanken kann.

    Von Schuldenfreiheit können sehr viele Kämmerer in Städten und Gemeinden nur träumen, die nicht wissen, wie sie Krankenhäuser und Schwimmbäder, Schulen und Kitas, Nahverkehr und Flüchtlingsunterkünfte finanzieren sollen. Die Tarifverhandlungen behandeln aber alle gleich. Auch deswegen ist der Konflikt gerade so hart, eine Einigung nicht in Sicht.

  • Ab in den Untergrund

    Wer schon eine Lösung für den strahlenden Atommüll hat

    An diesem Wochenende gehen die letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz. Dann geht es darum, die bestehenden Anlagen abzureißen und den hochradioaktiven Atommüll sicher unterzubringen. Derzeit liegen die Brennstäbe in 16 Zwischenlagern, gut 27.000 Tonnen verschlossen in rund 1900 Spezialbehältern. Ein Endlager in Deutschland wird noch gesucht. Bis 2068 soll ein geeigneter Ort tief in der Erde gefunden sein. Dann muss noch gebaut werden. Manche Länder hängen noch mehr hinterher: Belgien denkt über ein Tiefenlager nach, Italien ebenfalls. Die Niederlande haben immerhin einen Zeitplan. Besonders weit ist Finnland – vor allem, weil die Bevölkerung im Endlager eine Chance sieht.

    Das Problem ist für alle Länder gleich: Brennstäbe, die in einem Atomkraftwerk Energie geliefert haben, strahlen, können nicht einfach auf einer Kippe entsorgt werden. Entsprechend sicher muss ein Lager für Atommüll sein. Experten schätzen, dass mindestens 100.000 Jahre nötig sind, bis die Strahlung auf ein natürliches Niveau gefallen ist. Wie die Welt dann aussieht, lässt sich kaum vorstellen. Zur Einordnung: Vor 100.000 Jahren lebte noch der Neandertaler, waren Faustkeile ein beliebtes Werkszeug.

    Bis ein Endlagerstandort gefunden ist, wird zwischengelagert: in Deutschland unter anderem an den ehemaligen Atomkraftwerken, im nordrhein-westfälischen Ahaus und im mecklenburg-vorpommerschen Lubmin. Das niedersächsische Gorleben, 1977 politisch als Endlager festgelegt und Jahrzehnte heftig umkämpft, ist als ungeeignet ausgeschlossen.

    Finnland

    Das Land ist das erste weltweit mit einem funktionsfähigen Endlager. Die Suche danach begann 1983. Der Staat gestattete den Gemeinden sogar ein Vetorecht. Die Finnen gelten als pragmatisch. Und sie vertrauen Wissenschaftlern. Nennenswerte Proteste gab es deshalb nicht, als die Gemeinde Eurajoki an der Westküste 2004 ausgewählt wurde. Auch die Regionalpolitiker stimmten zu. Die Einwohner haben Erfahrung mit Atomenergie, auf der Insel Olkiluoto, wo das Endlager liegt, stehen drei der fünf finnischen Atomkraftwerke.

    Bereits der Bau des Endlagers brachte der Gemeinde hohe Steuereinnahmen, die sie geschickt investierte. Die Bevölkerung wächst, unter anderem auch, weil Eurajoki den Gemeindeanteil an der Einkommenssteuer auf den niedrigsten Satz in Finnland senkte. 2024 will der Endlagerbetreiber Posiva beginnen, Brennstäbe einzukapseln und unter der Erde zu lagern. In 120 Jahren soll die Anlage dann befüllt sein, 2100 verschlossen werden.

    Schweden

    Bereits knapp 50 Jahre lang galt der Ort Östhammar gut 100 Kilometer nördlich von Stockholm an der Ostküste bereits als geeignet für ein unterirdisches Endlager. Die Atomindustrie suchte den Standort unter anderem danach aus, ob die Bevölkerung aufgeschlossen ist. In Östhammar ist sie es. In der Nähe steht das Atomkraftwerk Forsmark, eine der sechs schwedischen Anlagen. Auch verspricht sich die Gemeinde Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Ende Januar 2022 genehmigte die schwedische Regierung den Standort. Umweltschützer haben allerdings geklagt. Bis das zuständige Gericht entschieden hat, kann nicht gebaut werden. Sollten die Umweltschützer verlieren, dauert es noch zehn Jahre, bis die ersten Brennelemente eingelagert werden können.

    Schweiz

    Im September 2022 hat die zuständige Behörde nach langer Prüfung einen Endlagerstandort verkündet: Nördlich Lägern unmittelbar an der Grenze zu Deutschland. Bis die ersten Brennstäbe aus den vier Kraftwerken eingelagert werden können, dauert es noch. Es wird genauer geprüft, die Bevölkerung und die Regionen beteiligt. 2029 sollen Bundesrat und Parlament entscheiden, dann ist noch ein Volksentscheid möglich. Gebaut werden muss auch noch. In Betrieb gehen kann die Anlage frühestens 2050. Derzeit lagert der hochstrahlende Atommüll oberirdisch im Zwischenlager Würenlingen, ebenfalls keine zehn Kilometer von der Grenze zu Deutschland entfernt.

    Frankreich

    Früh dran mit einem Standort für ein Endlager waren die Franzosen. Bereits 2000 bestimmten sie das kleine Dorf Bure im Osten Frankreichs, gut 150 Kilometer von Saarbrücken entfernt. Zwei weitere Standorte in Zentralfrankreich wurden verworfen. Seither dauert es. Die Einwohner wehrten sich mehrfach. Umweltorganisationen klagten – bisher ohne Erfolg. Derzeit wird eine Pilotanlage gebaut, um Brennstäbe zu verpacken und in ein unterirdisches Tunnelsystem einzulagern. 2030 soll sie startbereit sein. Von 2040 an soll das Endlager dann regulär befüllt werden.

    Frankreich arbeitet Brennstäbe aus seinen Atomkraftwerken in der Anlage La Hague in der Normandie auf und verwendet das Material mehrfach. Dennoch fällt sehr viel Atommüll an. Denn das Land setzt sehr stark auf Atomenergie. Knapp 70 Prozent des Stroms liefern die 56 Reaktoren – wenn sie am Netz sind.

    Großbritannien

    Auch Großbritannien sucht seit Jahren nach einem Endlagerstandort. Zuletzt untersuchte ein Forschungsschiff sogar die Möglichkeit, es unter der Irischen See vor der Nordwestküste anzulegen. 2013 hatte die Regierung bereits einen Standort nahe der britischen Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield im Nordwesten gefunden. Die Behörden setzten auch auf ein Jobversprechen für die strukturschwache Region. Die Bevölkerung hielt allerdings wenig von den Plänen und protestierte so heftig, dass die Zentralregierung einknickte. Inzwischen dürfen sich Gemeinden bewerben. Geprüft wurden zuletzt vier Standorte im Nordwesten und Nordosten Englands. Ob in absehbarer Zeit ein Standort gefunden wird, ist unklar. Die Region muss zustimmen – und die Bevölkerung. Ein Endlagerstart ist frühestens 2040 vorgesehen. In Sellafield lagern bisher drei Viertel des britischen Atommülls – oberirdisch.

    In fast jedem Land, das Atomanlagen betreibt, wird immer wieder auch eine Lösung für den strahlenden Müll diskutiert, bei der keine Gemeinde oder Bürgerinitiative widersprechen kann: das All. Jede Menge Platz und irgendwann verglüht das Material womöglich in einer weit entfernten Sonne. Ob allerdings jemand dafür garantiert, dass die Rakete mit der strahlenden Fracht beim Start nicht in der Erdatmosphäre explodiert, ist unwahrscheinlich.

  • Die Zukunft strahlt (nicht)

    Kosten neuer Konzepte sind hoch, der Nutzen zweifelhaft

    Mitte April ist endgültig Schluss. Deutschland steigt aus der Atomenergie aus, setzt künftig vor allem auf erneuerbare Energien, auf Wind und Strom. Andere Länder wie China bauen neue Kernkraftwerke. Und weltweit arbeiten kleine Unternehmen an Konzepten für neuartige Anlagen, die billiger und hocheffizient sein sollen. Fast macht sich eine neue Atomeuphorie breit wie in den Sechziger und Siebzigerjahren. Das meiste funktioniert bisher aber nur auf dem Papier.

    Derzeit laufen weltweit dem World Nuclear Industry Staus Report zufolge 412 Reaktoren, gebaut werden 57 Anlagen. Der Anteil der Atomenergie am Weltstrommix liegt bei 9,8 Prozent, er sinkt seit Mitte der 90er Jahre. Dennoch setzen viele Länder, vor allem China, Indien und Frankreich, mit 69 Prozent Atomanteil an der Stromerzeugung Nummer 1 der Welt, auf Atomkraft. Ein Vorteil: Atomenergie stößt kein klimaschädliches CO2 aus. Ein Nachteil: Trotz jahrzehntelanger Erfahrung sind die Kosten für AKW nicht, wie erwartet, gesunken, wie eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aus dem März 2023 zeigt. Erneuerbare Energien sind deutlich billiger. Für die USA hat das Bankhaus Lazard errechnet, dass Windstrom seit 2010, Solarstrom seit 2012 günstiger erzeugt wird als Atomstrom.

    Dennoch sollen drei Ideen die Atomkraft voranbringen: Bestehende Technologien sollen weiterentwickelt werden. Sehr viele kleine standardisierte Kraftwerke die Technik günstiger machen. Und zur Hochzeit der Atomeuphorie in den Sechziger und Siebzigerjahren entwickelte, aber verworfene Konzepte mit dem Wissen von heute doch nutzbar werden. Alle Ideen haben grundsätzlich Probleme: Sie erfordern sehr viel Geld. Es dauert, bis solche Anlagen betriebsbereit sein können. wenn überhaupt.

    So baut der staatliche französische Energiekonzern EdF in Flamanville an der normannischen Küste einen neuen Großreaktor mit eher klassischer Technologie und 1650 Megawatt Leistung. Die Arbeiten begannen 2007, fertig sein sollte die Anlage 2012. Inzwischen wird 2024 angepeilt. Vor allem technische Probleme plagen das Projekt. Statt 3,4 Milliarden Euro, wie geplant, kostet der Reaktor jetzt wohl 13,2 Milliarden Euro. Der Bau einer ähnlichen Anlage im finnischen Olkiluoto soll jetzt nach 18 Jahren Bauzeit mit zahlreichen Pannen ans Netz.

    Großbritannien lässt mit französischer Technologie und chinesischem Geld in Hinkley Point einen neuen Großreaktor bauen. Auch hier: Die Fertigstellung verzögert sich, die Kosten steigen. Und um den Bau anzuschieben musste die britische Regierung schon vorab Stromabnahme und Strompreise garantieren, die Experten als hoch ansehen. Überhaupt stützt der Staat große Neubauprojekte in der Regel. Privatinvestoren ist das Risiko zu hoch.

    Weil Großprojekte haken, denken viele Forscher und Unternehmer über neue Ansätze nach, sogenannte SMR (Small modular Reactors). Die Idee: Statt wenigen großen Atomkraftwerken werden viele kleine, standardisierte mit Leistungen um 300 Megawatt gebaut. Dank industrieller Massenfertigung sollen diese Kraftwerke günstiger sein. Vor allem die USA, Russland, China und Kanada treiben solche Projekte voran. Es gibt unterschiedliche Konzepte, etwa mit besonderen Brennstäben oder mit speziellem Salz als Kühlflüssigkeit. Derzeit sind allerdings nur sechs SMR weltweit in Betrieb. 2020 etwa ging eine schwimmende russische Anlage ans Netz – nach 13 Jahren Bauzeit. Ein Projekt in Argentinien ist seit 1970 in Planung, der Bau ist derzeit gestoppt. Zukunft ungewiss.

    Das einzige deutsche SMR-Konzept ist bisher noch in der Entwicklungsphase. Der Dual Fluid Reactor (Zwei-Flüssigkeiten-Reaktor) läuft bisher nur auf dem Papier. Hinter der Idee stehen mehrere Kernphysiker aus Berlin, offizieller Sitz der Firma ist Kanada, wo die Regierung deutlich mehr Interesse für die Technik aufbringt. Der Reaktor soll mit einem flüssigen Uran-Chrom-Gemisch als Energielieferant und flüssigem Blei als Kühlung arbeiten.

    Die Anlage wird bei 1000 Grad laufen. Als Brennstoff taugt nach Angaben von Dual Fluid auch Atommüll, der direkt am Reaktor aufbereitet wird. Und das Kraftwerk soll zehn Mal so effizient sein wie eine herkömmliche Anlage. Das Konzept ist weltweit patentiert. Nur: Bis die Idee serienreif ist, dauert es mindestens zehn Jahre. Die Kosten schätzt das Unternehmen bis dahin auf umgerechnet sieben Milliarden Euro, die bisher niemand investieren will.

    Dual Fluid ist bei den SMR eher eine innovative Ausnahme. Das Bundesamt für die Sicherheit in der nuklearen Entsorgung hat 2021 klassische SMR-Konzepte untersuchen lassen. Danach lässt sich kaum Geld sparen. Zudem müssten im Schnitt 3000 Anlagen gebaut werden, bevor sich die industrielle Produktion lohnen würde. Ungeklärt ist zudem, was mit dem Atommüll geschehen soll, der wegen der zahlreichen Anlagen auch an vielen Stellen anfallen würde.

    Auch Konzepte, die bereits bestehende, aber weitgehend verworfene Technologie nutzen soll, kommen massentauglich kaum voran. Etwa schnelle Brüter. China baut einen ersten Demonstrationsreaktor. Und die USA fördern das Privatunternehmen TerraPower, an dem auch der Microsoft-Gründer Bill Gates beteiligt ist, mit Milliarden. Eine funktionierende Anlage gibt es noch nicht. Das Konzept aus den 50er Jahren lasse sich weltweit „vor allem über Projektabbrüche beschreiben“, heißt es in der DIW-Studie.

    Das Fazit: „Atomenergie war, ist und bleibt unrentabel und technologisch riskant“, sagt Alexander Wimmers, einer der Autoren der Studie. „Daran ändern auch angeblich neuartige Reaktorkonzepte nichts, die de facto ihren Ursprung in der Frühzeit der Atomenergie in den 50er und 60er Jahren haben

  • Was von Deutschlands Atomindustrie übrig bleibt

    Wissen und Technologie sind international gefragt

    Im Emsland liegen Vergangenheit und Zukunft der deutschen Atombranche nah beieinander. In Lingen wird das gleichnamige Atomkraftwerk, seit 1979 vom Netz, abgerissen. Nebenan wird das AKW Emsland zum 15. April heruntergefahren. Doch wenige hundert Meter entfernt im Wald stellt das Unternehmen ANF auf einem streng abgeschirmten Gelände das her, was solche Anlagen weltweit immer brauchen, um überhaupt Strom zu erzeugen: Brennelemente.

    Wenn es mit deutschem Atomstrom auch vorbei sein wird, deutsches Atomwissen ist international gefragt. Die hiesige Branche hat bereits einen großen Wandel hinter sich: Sie musste sich neu orientieren, denn seit November 1989 ist kein neues AKW in Deutschland ans Netz gegangen. Andere Länder bauen neue Anlagen, modernisieren alte oder reißen sie ab. Wer AKW betreibt, benötigt Zwischen- und Endlager für verbrauchte Brennstäbe. Immer sind deutsche Spezialisten gefragt. Und viele Kraftwerksbauer setzen auch auf Bauteile und Steuertechnik aus Deutschland.

    Die Branche ist verschwiegen, weil der Atomenergie in der Bundesrepublik ein Hauch des Bösen anhängt. Wie viele Mitarbeiter in der Branche arbeiten, ist schwer zu sagen. Der Branchenverband Kern D schätzt, dass bei den AKW-Betreibern, beim Staat und in der Forschung rund 30.000 Mitarbeiter beschäftigt sind. Vor dem Atomausstieg waren es demnach um die 35.000. Und viele Beschäftigte werden auch in den kommenden Jahren gebraucht, schließlich müssen die ehemaligen Betreiber die Anlagen abreißen –zurückbauen, wie es heißt. Das kann schon mal deutlich mehr als zehn Jahre dauern.

    Dann gibt es einige Ingenieurbüros, die sich mit AKW beschäftigen und Firmen, die neben dem normalen Geschäft auch Bauteile für Kernkraftwerke verkaufen. Das muss nicht immer Steuertechnik sein, wie sie der Technologiekonzern Siemens Energy für das ungarische AKW Paks II liefern soll. Oft sind es Notstromaggregate, Pumpen, Ventile deutscher Hersteller, die den strengen Vorgaben für kerntechnische Anlagen entsprechen.

    Die deutsche Expertise stammt aus einer Zeit, als mit Atomkraft Zukunft verbunden war, im rheinischen Jülich an neuen Reaktoren geforscht wurde. Und als die KWU fast alle der deutschen Atomkraftwerke baute und auch international Anlagen verkaufte. Gegründet von AEG und Siemens, gehörte KWU lange zu Siemens. Die Atomsparte ging dann an Framatome, eine Tochter des staatlichen französischen Energiekonzerns EdF. Er ist einer der größten Betreiber von AKW weltweit.

    Framatome entwickelt und baut Atomkraftwerke. In Deutschland arbeiten rund 3000 Beschäftigte, vor allem im bayerischen Erlangen, Ingenieure mit Wissen zu Sicherheit, Modernisierung und Abriss von AKW. Zum Konzern gehört auch ANF (Advanced Nuclear Fuels, etwa hochentwickelte Nuklearbrennstoffe) in Lingen und ein Labor für Brennstab-Prototypen für neue Atomreaktoren im bayerischen Karlstein am Main zwischen Hanau und Aschaffenburg.

    Keine sechs Kilometer entfernt in einem Gewerbegebiet von Alzenau liegt die Zentrale von Nukem Technologies. Mit der Skandalfirma der Achtzigerjahre hat das Ingenieursunternehmen nur den Namen gemein. Allenfalls sind sie hier noch etwas verschwiegener als sonst üblich in der Branche. Ein Grund: Nukem gehört zur russischen Atomagentur Rosatom. „Wenn das Kraftwerk am Ende der Lebenslaufzeit angekommen ist, kommen wir“, sagt eine Managerin, die nicht genannt werden will. Die gut 130 Mitarbeiter von Nukem helfen beim Abriss eines Kraftwerks, planen und bauen Zwischenlager sowie Anlagen, um radioaktiven Abfall zu behandeln. Eine steht am stillgelegten Reaktor in Tschernobyl.

    Mit Abfall beschäftigt sich auch GNS in Essen, die den deutschen Energiekonzernen EnBW, Eon und RWE sowie der staatlichen schwedischen Vattenfall gehört. Seit mehr als 40 Jahren entsorgt das Unternehmen nuklearen Abfall, hat den praktisch nicht zerstörbaren Transportbehälter Castor erfunden. Bei GNS arbeiten rund 700 Beschäftigte.

    Der Castor selbst wird von Siempelkamp in Krefeld hergestellt. Die Gruppe baut sonst Anlagen für die Holzwerkstoff- und Gummiindustrie, hat aber auch ein Ingenieursbüro für den Abriss von Atomkraftwerken. Damit kennt sich EWN besonders gut aus. Das staatliche Unternehmen kümmert sich um den Rückbau der DDR-Atomkraftwerke: Rheinsberg nordwestlich von Berlin und die fünf Blöcke des AKW Greifswald an der Ostsee, die anders als der Name sagt, im nahen Lubmin stehen. Firmen der Gruppe reißen auch die Forschungsreaktoren in Karlsruhe und Jülich ab. Das Unternehmen betreibt ein Zwischenlager und bietet sein Wissen auch im Ausland an.

    Framatome etwa gibt den Exportanteil des deutschen Geschäfts mit 90 Prozent an. Das gilt für die Ingenieursleistungen wie für Brennstäbe. Die Tochter ANF liefert vom niedersächsischen Lingen aus etwa nach Belgien, Finnland, Frankreich, Großbritannien, in die Schweiz – und auch nach Russland. Der Atomsektor unterliegt nicht den Sanktionen der westlichen Länder.

    Wer Brennstäbe herstellt, braucht besonders aufbereitetes Uran. Und keine 40 Kilometer Luftlinie vom ANF-Standort Richtung Südwesten, im nordrhein-westfälischen Gronau, reichert Urenco in einer anderen, streng gesicherten Fabrik Uran an, einer der vier Standorte im Konzern. Hier wird auch die Technologie für die dafür nötigen Zentrifugen federführend entwickelt. Das Unternehmen wurde 1971 per Staatsvertrag gegründet, Eigentümer sind zu je einem Drittel Großbritannien, die Niederlande. Ein Drittel teilen sich RWE und die Eon-Tochter PreussenElektra.

    Dass der Standort Gronau nach dem Aus für die letzten drei deutschen AKW aufgegeben wird, gilt als unwahrscheinlich. Zu empfindlich sind die Anlagen. Und zu viel Spezialwissen haben sich die Mitarbeiter inzwischen angeeignet. Das verliere man ungern, sagt ein Manager. In Jülich übrigens forschen sie nicht mehr an neuen Reaktoren, sondern vor allem an Entsorgung und Sicherheit. Und die Experten entwickeln Technologien, die die Internationale Atomenergiebehörde IAEA für die Überwachung nutzt. Auch das ein Zukunftsfeld.

  • Von der Atomeuphorie zum Freizeitpark

    Deutschland verabschiedet sich von Strom aus Kernenergie

    Am 15. April endet in Deutschland die Atom-Ära. Dann sollen die letzten drei Kraftwerke abgeschaltet werden. Vom ersten Atomminister über die Straßenschlachten am AKW Brokdorf und der geplanten Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf bis zum Aus für die jetzt ungeliebten Anlagen dauerte es 68 Jahre.

    Wann begann das Atomzeitalter in der Bundesrepublik?

    Unter Kanzler Konrad Adenauer (CDU) begann die Bundesrepublik 1955, Reaktoren für den zivilen Gebrauch zu erforschen und zu entwickeln. Adenauer schuf ein Ministerium für Atomfragen. Erster Atomminister wurde Franz-Josef Strauß. Der CSU-Politiker entwickelte einen Plan für das deutsche Atomprogramm.

    Und wann ist Schluss?

    Das deutsche Atomgesetz sieht vor, dass die letzten drei noch laufenden Atomkraftwerke bis zum 15. April abgeschaltet werden müssen. Sehr viel länger reichen auch die Brennelemente an den Standorten Emsland (Niedersachsen), Neckarwestheim 2 (Baden-Württemberg) und Isar 2 (Bayern) nicht. Die Betreibergesellschaften Eon, RWE und EnBW haben sich längst von der Atomenergie verabschiedet, setzen auf erneuerbare Energien, Handel, Netze.

    Warum werden die Kraftwerke abgeschaltet?

    Nach den Protesten gegen die Atomkraft und vor allem nach dem Atomunfall in Tschernobyl 1986 wandelte sich die Stimmung in Deutschland. In Tschernobyl, damals in der Sowjetunion, explodierte der Reaktorblock 4, zehn Tage lang wurde Radioaktivität freigesetzt, verteilte sich über die Nordhalbkugel. Es gab Verbote, bestimmte Lebensmittel wie Pilze zu essen, in denen sich Radioaktivität sammelte. Große Flächen im Norden der heutigen Ukraine wurden unbewohnbar. Bis zum Atomausstieg dauerte es dennoch. Die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder (SPD) beschloss ihn 2002. Acht Jahre später stoppte die CDU-FDP-Regierung unter Angela Merkel (CDU) den Ausstieg. 2011, nach dem schweren Reaktorunglück im japanischen Atomkraftwerk Fukushima, in dem es nach einem Tsunami zu einer Kernschmelze kam, beschloss die schwarz-rote Bundesregierung unter Merkel das endgültige Aus bis Ende 2022. Aus Angst vor einer Energiekrise in Deutschland als Folge des Ukraine-Kriegs verlängerte die Koalition aus SPD, Grünen und FDP unter Olaf Scholz (SPD) die Laufzeit einmalig bis zum 15. April 2023.

    Wann startete die erste Anlage?

    Der erste funktionsfähige Reaktor in Deutschland startete am 31. Oktober 1957 an der Technischen Universität München. Die wegen ihrer Form Atom-Ei genannte Forschungsanlage hatte eine Leistung von vier Megawatt und wurde bis Juli 2000 genutzt. Sie wird derzeit abgerissen. Erste Versuche, einen Reaktor zu bauen, gab es bereits Anfang der 40er-Jahre. Die Anlagen konnten aber keine sich erhaltende Kettenreaktion auslösen und somit keinen Strom erzeugen. Den ersten Strom aus Kernenergie speiste die Versuchsanlage Kahl am Main im nordwestlichsten Zipfel Bayerns 1962 ins deutsche Netz ein. Als letztes startete am 1. November 1989 Neckarwestheim 2.

    Wie viele Anlagen waren in Betrieb?

    Der World Nuclear Industry Report listet insgesamt 36 Reaktorblöcke in Deutschland auf, wobei allein Greifswald an der Ostsee, dem wichtigsten AKW-Standort der DDR, fünf standen. Bei sechs weiteren begann der Bau, sie gingen aber nie ans Netz, darunter drei in Greifswald, zwei in Stendal (Mecklenburg-Vorpommern) und der Schnelle Brüter in Kalkar am Niederrhein. 18 weitere Kraftwerksblöcke wurden geplant, aber nie gebaut. Am längsten liefen die AKW Biblis A und Obrigheim (Baden-Württemberg), Grundremmingen C (Bayern) sowie Grohnde in Niedersachsen mit je 37 Jahren. Die wenigste Zeit lief Greifswald 5: 23 Tage im November 1989.

    Wie viel Strom haben die deutschen AKW erzeugt?

    Hochzeit der Atomenergie waren die 90er- und 00er-Jahre. 1997 war ein Rekordjahr: Die Kraftwerke lieferten 30,8 Prozent des Stroms in Deutschland. 2022 waren es noch 6,5 Prozent.

    Wie rund liefen die Anlagen?

    Der erste Störfall der deutschen Atomgeschichte ereignete sich offenbar 1942 in Leipzig, als sich während eines Versuchs Wasserstoff bildete und explodierte. Seit AKW in Deutschland Strom erzeugen gab es Pannen. Insgesamt fast 6600 meldepflichtige Störfälle verzeichnet das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (Base). Am anfälligsten war der Thorium-Hochtemperaturreaktor in Hamm-Uentrop (Nordrhein-Westfalen). In fünf Jahren gab es 125 Störfälle. Die wohl größte Panne war eine Wasserstoffexplosion im AKW Brunsbüttel 1991. Der Betrieb der deutschen Anlagen galt grundsätzlich als recht sicher. Große Mengen radioaktiver Strahlung wurden nicht freigesetzt.

    Wie viel Atommüll muss gelagert werden?

    Das Base geht von rund 27.000 Kubikmetern Kernbrennstoffen aus, die entsorgt werden müssen, wenn die letzten AKW abgeschaltet sind. Derzeit wird der stark strahlende Atommüll in Spezialbehältern an 16 Orten zwischengelagert, meist direkt auf dem Gelände ehemaliger Atomkraftwerke. Ein Endlager ist noch nicht gefunden. Das Verfahren läuft. Zuletzt hieß es, ein Standort werde wohl 2068 festgelegt. Schwach und mittelradioaktives Material, etwa vom Rückbau der Atomkraftwerke, wird zum Teil im Schacht Konrad in Niedersachsen gelagert werden.

    Warum sind vor allem die Grünen Gegner der Atomkraft?

    Eine wichtige Wurzel der Partei – zumindest im Westen – geht auf den Widerstand gegen den Bau eines Atomkraftwerks in Wyhl am Kaiserstuhl in Baden-Württemberg Mitte der 70er-Jahre sowie den Protest gegen das Atommüllendlager Gorleben in Niedersachsen zurück. Unter anderem aus diesen Bürgerinitiativen entwickelte sich die Partei, die 1980 in Karlsruhe offiziell gegründet wurde.

    Wie viele Anlagen wurden inzwischen abgerissen?

    Die meisten abgeschalteten AKW werden inzwischen zurückgebaut. Besonders spektakulär: 2020 wurden die Kühltürme der Kraftwerke Philippsburg 1 und 2 südlich Mannheims gesprengt. Sie waren jahrzehntelang Landmarken im flachen Rheintal. Vier Anlagen stehen noch vor dem Abriss, drei sind vollständig beseitigt. Eine Kuriosität ist das Schiff Otto Hahn, benannt nach dem Entdecker der Kernspaltung. Es war von 1968 an unter deutscher Flagge mit Atomantrieb unterwegs. Der wirtschaftliche Durchbruch des Antriebs blieb aus, unter anderem wegen Sicherheitsbedenken in Häfen. 1979 wurde der Reaktor ausgebaut, das Schiff verkauft. Es wurde 2009 verschrottet.

    Wann werden die letzten Atommeiler verschwunden sein?

    Der Rückbau dauert, weil ein Atomkraftwerk wegen der Strahlung im Inneren nicht einfach abgerissen werden kann. Für große Anlagen sind teilweise mehr als 20 Jahre angesetzt. Im Idealfall sieht es hinterher so aus wie in Kahl. Eine Gedenkturbine vor grüner Wiese erinnert an das erste deutsche AKW, das Strom einspeiste. So soll es an anderen Standorten später auch einmal aussehen. Manche Gebäude lassen sich nach dem Rückbau auch weiter nutzen, etwa als Technologiepark. Eine Anlage bleibt garantiert stehen – zumindest zum Teil. Gebäude und Kühlturm des Schnellen Brüters in Kalkar sind inzwischen ein Freizeitpark.

  • Milliarden für geniale Ideen

    Neuer Staatsfonds DTCF gestartet. Erste Investition: 3D-Druck mit Licht

    Es sieht wie Zauberei aus: Licht läuft durch einen Kasten mit Flüssigkeit, nach kurzer Zeit ist ein Würfel in Gitterstruktur entstanden – 3D-Druck der anderen Art. Erfunden hat es die Firma Xolo aus Berlin Und dass die Technologie bald in industriellem Maßstab genutzt werden kann, hat mit einem Förderfonds der Bundesregierung zu tun, der vor kurzem gestartet ist.

    Der Deep Tech Climate Fonds (DTCF) soll Firmen wie Xolo voranbringen. Es geht um einmalige Technologie aus Deutschland, die vielleicht ein bisschen wie Science-Fiction klingt, und darum, sie überhaupt auf den Markt zu bringen. Und es geht nicht nur um Software, Datenanalyse oder Quantencomputer. Xolo etwa ist, wie DTCF-Co-Chef Tobias Faupel sagt, ein Chemielabor. Sehr vereinfacht gesagt, kann die Technologie Moleküle in der Flüssigkeit per Licht so ansteuern, dass sie punktgenau erhärten.

    Linsen können so entstehen, kleinere Bauteile, künstliche Organe. Testweise haben sie bei Xolo auch schon ein durchsichtiges Brandenburger Tor gedruckt – wobei das Verfahren mit der klassischen Art, bei der Material schichtweise aufgebracht wird, nichts zu tun hat. „Der Prototyp ist in vielen Forschungseinrichtungen im Einsatz, jetzt muss das neue 3D-Druckverfahren auf einen industriellen Maßstab gebracht werden“, sagt Faupel – mit Geld vom DTCF. Acht Millionen Euro gab der Fonds gemeinsam mit privaten Investoren.

    Deep Tech steht für sehr technologisch orientierte Firmen wie Xolo. Es können auch Unternehmen sein, die tierische Produkte über neuartige Verfahren herstellen – Fleisch aus der Petrischale etwa. In der Folge wäre weniger Tierhaltung nötig und damit weniger CO2-Ausstoß. Climate Tech ist Faupel zufolge alles, was auf die Energiewende einzahlt: neuartige Batterien und Speicher oder Ideen für stabile Stromnetze.

    Eine Milliarde Euro hat der Fonds insgesamt zur Verfügung. Und er startet, während viele private Risikokapitalgeber vorsichtiger investieren. Im vergangenen Jahr flossen nach Angaben der staatlichen Förderbank KfW insgesamt 10,5 Milliarden Euro in deutsche Start-ups nach 18 Milliarden Euro ein Jahr zuvor. Der Bedarf für den DTCF ist also da. Faupel berichtet von mehr als 830 Anfragen bisher. Die meisten treffen per E-Mail oder online ein. Zunächst ist nur ein Kurzbusinessplan nötig. Viele Firmen erhielten danach Absagen – weil sie aus dem Ausland kamen, zu viel Geld brauchten oder noch zu jung waren.

    Wer noch am Anfang steht, eine Idee und einen Plan hat, wie das Unternehmen groß wird, benötigt zunächst sogenannte Seed-Finanzierung, die den Samen des Unternehmens aufgehen lässt. Üblich sind rund drei Millionen Euro. Hier gibt etwa der Hightech-Gründerfonds (HTGF) des Bundeswirtschaftsministeriums oder andere Frühphasen-Investoren Geld.

    „Wir investieren typischerweise in der zweiten Finanzierungsrunde“, sagt DTCF-Co-Chef Faupel. Das Unternehmen habe schon ein Produkt, vielleicht einen Pilotkunden und nachprüfbare Ideen, wie sich das Produkt vermarkten lasse. Oft gebe es bereits erste Industrieanfragen. „Wir helfen dann mit unserem Geld, das Produkt im industriellen Maßstab herzustellen und auch zu vermarkten.“ In dieser Series A genannten Finanzierungsrunde gibt es typischerweise zwischen fünf und 20 Millionen Euro, von denen der DTCF die Hälfte trägt.

    Denn der Fonds allein kann sich nicht an einem Unternehmen beteiligen. „Wir benötigen immer einen Partner“, sagt Faupel. Partner, die langfristig anlegen, etwa ein Family Office, das Geld reicher Familien oder Unternehmer verwaltet. „Die treten auch an uns heran und machen uns auf Unternehmen aufmerksam.“ Bei Xolo sind drei weitere Investoren dabei. Und sollte eine Firma eine weitere Finanzierungsrunde benötigen, kann der DTCF nachlegen. „Bis zu insgesamt 30 Millionen Euro pro Firma sind von uns aus möglich“, sagt Faupel. Auch eine andere Grenze darf der Fonds nicht überschreiten: Er kann höchstens 25 Prozent an einer Technologiefirma übernehmen – damit sie keine Staatsbeteiligung wird.

    Eine Idee hinter dem Fonds: „Die Gründer sollen keinen kurzfristigen Verkaufsdruck spüren und langfristig eigenständig sein“, sagt Faupel. Finanzinvestoren kalkulieren bei ihren Investitionen in der Regel mit deutlich kürzeren Zeiträumen meist deutlich unter zehn Jahren, dann wollen sie Ertrag für das eingesetzte Geld – etwa über einen erfolgreichen Börsengang. Die Firmen reif für die Börse zu machen ist auch Ziel des DTCF. Denn: „Das Kapital soll sich vermehren, wir fördern nicht, wir finanzieren.“ Allerdings mit deutlich weniger Druck und deutlich längerem Zeithorizont. Bis zu 25 Jahre sind drin.

    Zunächst ist Investitionsphase. „Über zehn Jahre wollen wir 70 bis 80 Beteiligungen eingehen“, sagt Faupel, der den Fonds gemeinsam mit Elisabeth Schrey leitet. Und das Team wächst noch. Insgesamt sollen für den Fonds mit Sitz in Bonn und geplanten Büros in München und Berlin bis zu 20 Spezialisten arbeiten, die sich in verschiedenen technischen Gebieten auskennen. Um ein Unternehmen dann tiefgehend zu überprüfen, werden Experten hinzugezogen. In diesem Jahr sind mindestens vier Investitionen geplant, die nächste wahrscheinlich schon nach Ostern.

    Der DTCF startete am 1. September 2022 und ist Teil des staatlichen Zukunftsfonds. Letzterer ist zehn Milliarden Euro bis 2030 ausgestattet. Gesellschafter des DTCF sind die KfW für den Zukunftsfonds und das ERP-Sondervermögen. Letzteres verwaltet den deutschen Teil des Geldes aus dem Marshallplan.

  • Wer besonders viel Anlegergeld verbrennt

    Auch drei Dax-Werte unter den größten Kapitalvernichtern

    2022 ist nicht gut gelaufen für Uniper. Der Energiekonzern geriet wegen seiner Gasgroßverträge mit Russland im Zuge des Ukraine-Kriegs an den Rand des Zusammenbruchs – Rekordverlust und Staatsrettung inklusive. Der Aktienkurs fiel allein im vergangenen Jahr um knapp 94 Prozent. Anleger hatten schon vorher wenig Freude. Auf der alljährlichen Liste der größten Kapitalvernichter taucht das Unternehmen aus Düsseldorf dennoch nur auf Rang drei auf. Denn zwei Immobilienunternehmen schnitten noch schlechter ab: Corestate Capital und Adler Group.

    Vor allem Corestate (Rang 1, Vorjahr 17) frustriert Aktionäre schon länger. Der Kurs fiel binnen fünf Jahren von 54,50 Euro auf 0,50 Euro. Auch bei Adler (Rang 2, Vorjahr 5) laufen die Geschäfte nicht rund, das Vertrauen in den Immobilienentwickler ist geschwunden, frisches Geld kaum zu bekommen. Überhaupt sind auffallend viele Immobilienfirmen unter den 50 größten Kapitalvernichtern zu finden – nicht nur kleine. Am Ende der Liste steht Vonovia, mit fast 550.000 Wohnungen einer der größten deutschen Vermieter. Der Konzern aus dem Deutschen Aktienindex Dax ist neu dabei.

    Zwei weitere der wichtigsten börsennotierten Unternehmen in Deutschland finden sich auf der Liste: Continental wie im Vorjahr auf Rang 34 und der Medizinkonzern Fresenius verbessert auf Rang 47 (Vorjahr 29). Die Medizintechnikfirma FMC, bis vor kurzem noch im Dax, stieg neu auf Platz 30 ein. Ceconomy (Media Markt und Saturn), der Stahl- und Autozulieferkonzern Thyssenkrupp sowie das Medienunternehmen ProSiebenSat1 stehen wie in den vergangenen Jahren auf der Liste. Anleger hatten trotz der bekannten Namen wenig Glück mit den Aktien dieser Unternehmen.

    Die Nummer 1 von 2021 und 2022, das Biotech-Unternehmen Epigenomics aus Berlin, steht in diesem Jahr auf Rang 7, nicht, weil die Aktie so gut gelaufen ist, sondern „aufgrund der noch schlechteren Performance der anderen Gesellschaften“, wie Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) sagt. Die Aktionärsschützer erstellen die Liste jedes Jahr. Sie betrachtet, wie sich der Aktienkurs der jeweiligen Firmen in fünf, drei und dem vergangenen Jahr entwickelt hat. Untersucht werden jene 308 Unternehmen, die im sogenannten Prime Standard der Deutschen Börse notiert sind. Er unterliegt besonderen Berichts- und Transparenzregeln. Nur wer hier notiert ist, kann auch in den Dax oder den MDax der mittelgroßen Werte aufgenommen werden.

    Die Top-50-Kapitalvernichter verbrannten danach binnen fünf Jahren rund 75 Prozent des Börsenwerts, Spitzenreiter Corestate sogar 99 Prozent. Der Dax – ohne Dividenden – verlor in den vergangenen fünf Jahren knapp sieben Prozent. DSW-Tüngler sagte, die Liste solle die Aktionäre aufwecken. Es sei wichtig , sich darüber klar zu werden, „in welchem Umfang man bereit ist, Verluste zu tragen und sich auch mal schmerzhaft von einer Aktie zu trennen“.

    Tüngler vermutet auch, dass gerade jene Unternehmen auf der Kapitalvernichterliste ihre Aktionäre und Eigentümer eher nicht zu einer Hauptversammlung in Präsenz einladen werden, weil das Management eine intensive Diskussion befürchten müsste. Die Hauptversammlung ist jene Veranstaltung im Jahr, bei der die Aktionäre große strategische Geschäftsentscheidungen wie Zukäufe oder Fusionen beschließen, aber auch den Vorstand für die Arbeit des vergangenen Jahres entlasten. Sie können auch Fragen, was sie im Zusammenhang mit dem Unternehmen auf dem Herzen haben. Das kann langatmig sein, lähmend, aber auch den Vorstand in die Enge treiben.

    Mit der Corona-Pandemie verlegten viele Unternehmen die Veranstaltung ins Internet. Das machte sie aus Sicht der DSW nicht besser. Er habe „blutleere, langweilige und teils gar komatöse Veranstaltungen“ erlebt, sagte Tüngler. Nicht jede Hauptversammlung muss laufen wie jene von Daimler 2016 in Berlin, als die Polizei einschreiten musste, weil sich Aktionäre um Würstchen am Buffet stritten. Aber inhaltlich sollte es schon etwas bringen. Der DSW befürwortet sogenannte hybride Hauptversammlungen – in Anwesenheit und virtuell.

  • Konkurrierende Strategien

    Der Koalitionsausschuss hat Schritte vorwärts bei Heizungen, Straßenbau und Klimaschutz geschafft, aber auch Punkte verabredet, die sich eigentlich ausschließen.

    Zu Heizungen, Straßenbau und Klimaschutz haben die Ampel-Parteien Kompromisse im Koalitionsausschuss gefunden. Diese werden wichtig für das alltägliche Leben der Bürgerinnen und Bürger. An manchen Punkten widersprechen sich die Sichtweisen von SPD, Grünen und FDP allerdings.

    Heizungen

    Bestehende Öl- oder Gasheizungen bleiben erlaubt, man kann sie auch reparieren lassen. Gehen sie aber ab 2024 so kaputt, dass sie ausgetauscht werden müssen, sollen sie durch ökologische Varianten ersetzt werden. Diese müssen dann zu 65 Prozent mit erneuerbarer Energie arbeiten. Das kann beispielsweise eine Wärmepumpe sein, die mit Ökostrom läuft, oder eine Kombination aus Wärmepumpe und modernem Gasbrenner. Auch mit Biogas oder Wasserstoff befeuerte Anlagen sollen möglich sein, ebenso Fernwärme. Es wird wohl mehrjährige Übergangsfristen geben.

    Die Einschätzungen über die Rolle des Wasserstoffs als Heizenergie gehen dabei auseinander. Patrick Graichen, Staatssekretär im grün-geführten Bundeswirtschaftsministerium, sagt: Eine „Wasserstoffheizung wird sicherlich nur in Einzelfällen die Lösung sein, weil Wasserstoff knapp und fürs Heizen sehr teuer sein wird.“ Die FDP setzt größere Hoffnungen in Wasserstoff, nicht nur in „grünen“, der mit Ökostrom hergestellt wurde, sondern auch in „blauen“ aus fossilen Energien.

    Weil die neuen Öko-Heizungen oft noch teurer sind als die konventionellen, will die Regierung Immobilienbesitzer, Mieterinnen und Mieter unterstützen. „Menschen mit niedrigen oder mittleren Einkommen sollen für eine durchschnittliche Wärmepumpe unterm Strich nicht mehr zahlen als für eine herkömmliche Gasheizung“, heißt es bei den Grünen. Ein milliardenteures Förderprogramm wird wohl kommen, ist aber noch nicht ausbuchstabiert.

    Staatssekretär Graichen gibt Immobilienbesitzern diesen Rat: „Die Preise für Erdgas und Heizöl werden ab 2027 durch den EU-Emissionshandel kontinuierlich steigen.“ Langfristig würden Wärmepumpen deshalb billiger arbeiten als fossile Heizungen. Deshalb sollte man sich „jetzt nicht noch hektisch Gas- und Ölheizungen einbauen“. Vor der Sommerpause wollen SPD, Grüne und FDP das Gesetz beschließen.

    Autobahnbau

    Zahlreiche Autobahn-Teilstücke sollen schneller als bisher beispielsweise mit zusätzlichen Spuren ausgebaut und Lücken geschlossen werden. Ein Papier der FDP nennt dafür 144 Vorhaben mit etwa 1.200 Kilometer Länge in Baden-Württemberg, Bayern, Bremen, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Die Grünen betonen, es handele sich „um weniger als zehn Prozent des Autobahnnetzes“. Um den kompletten Neubau von Autobahnen geht es nicht, beispielsweise die A100 in Berlin und die A20 in Schleswig-Holstein stehen nicht auf der FDP-Liste. Wobei auch diese Projekte von einer schnelleren Planung profitieren könnten.

    Eine Neuerung hat der Koalitionsausschuss bei der Verteilung der Verkehrsinvestitionen beschlossen. Der Lkw-Verkehr auf Autobahnen soll teurer werden, indem die Maut deutlich steigt. Dadurch werden große Summen zur Verfügung stehen, um bis 2027 rund 45 Milliarden Euro für die Deutsche Bahn mitzufinanzieren. Das dürfte den Ausbau des Schienennetzes für den Transport von Personen und Gütern ermöglichen.

    Die FDP betont die Einigkeit bei den sogenannten E-Fuels. Das sind Auto-Treibstoffe, die mit Ökostrom aus Wasserstoff und Kohlendioxid gewonnen werden, eventuell klimaneutral. Wenn das klappt, könnten in einigen Jahrzehnten Millionen traditioneller Benzin- und Diesel-Pkw zumindest teilweise mit umweltfreundlichem Kraftstoff fahren. Dazu wollen SPD, Grüne und FDP die E-Fuels rechtlich und finanziell fördern. Die Grünen tragen das mit, obwohl sie diese Strategie für aussichtslos halten, weil die synthetischen Kraftstoffe ihrer Ansicht nach ineffizient und zu teuer bleiben. Sie verweisen auf den abermaligen Beschluss, dass bis 2030 rund 15 Millionen elektrische Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs sein sollen. Im Prinzip widersprechen sich die zwei Strategien, weil die Menge des hergestellten Ökostroms wohl nicht für beide reicht.

    Klimaschutzgesetz

    Hier haben die drei Parteien vereinbart, dass künftig nicht mehr jeder Wirtschaftssektor – unter anderem Verkehr, Gebäude und Industrie – separate Einsparungen beim Ausstoß klimaschädlicher Gase einhalten muss. Man will sich eher an der gemeinsamen Zielerreichung orientieren. Das entlastet den Verkehrsbereich, wo die Kohlendioxid-Emissionen bisher nicht sinken, und auch den dafür verantwortlichen Minister, Volker Wissing (FDP). Ein Tempolimit auf Autobahnen wird damit unwahrscheinlicher. Bundeskanzler Olaf Scholz unterstützte Wissing: „Er ist genau richtig unterwegs.“

  • EY soll für Wirecard-Pleite zahlen

    Anlegerschützer nutzen Stiftung in Niederlanden

    Mit dem Namen Wirecard verbindet sich eine der spektakulärsten Pleiten der Bundesrepublik. Viele Anleger verloren Geld. Aus der Insolvenzmasse des Zahlungsdienstleisters ist wenig zu holen, deshalb wollen Anleger sich an die Wirtschaftsprüfer von EY halten, die es womöglich mit ihrer Arbeit nicht so genau nahmen, wie es nötig gewesen wäre. Derzeit zeichnen sich zwei Möglichkeiten für Geschädigte ab. Auf jeden Fall müssen sie aktiv werden, damit möglich Ansprüche nicht verfallen.

    Anleger können sich einer Musterklage nach deutschem Recht anschließen. Das Münchener Landgericht I hat gerade aus den zahlreichen Klagen, die es bereits gegen ehemalige Verantwortliche bei Wirecard und gegen EY Deutschland gibt, das zentrale Verfahren bestimmt (101 Kap 1/22). Einen anderen Weg will die Deutsche Schutzvereinigung für den Wertpapierbesitz (DSW) gehen, die Anleger vertritt: Sie setzt auf eine Stiftung in den Niederlanden, die einen Vergleich mit EY Deutschland und anderen internationalen Partnern im EY-Verbund schließen soll, der dann auch europaweit gilt. Die DSW verspricht sich eine deutlich schnellere und für die Anleger kostengünstigere Lösung als das Musterverfahren in Deutschland.

    Wirecard galt als Vorzeige-Technologieunternehmen, eines, das mit den großen Technologiekonzernen der USA und Chinas mithalten könne. Zumindest war das der Eindruck, den Chef und Großaktionär Markus Braun vermittelte. Am 25. Juni 2020 musste das Unternehmen Insolvenz anmelden. 1,9 Milliarden Euro in den Bilanzen erwiesen sich als nicht vorhanden, waren offenbar erfunden. Der Kurs brach ein, viele Anleger verloren Ersparnisse. Angeblich wurden mehr als 20 Milliarden Euro Vermögen vernichtet.

    Im Zuge der Pleite bekam auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY Probleme. Sie hatte die Bilanzen von Wirecard geprüft und die Jahresabschlussberichte testiert. Die Wirecard-Bilanzen für 2017und 2018 erklärte ein Gericht für nichtig, weil sie gegen ordungsgemäße Buchführung verstoßen. Die staatliche deutsche Abschlussprüferaufsicht Apas wirft EY schwere Fehler und Versäumnisse vor, während sie die Bilanzen 2015 bis 2017 prüfte.

    Inzwischen sind einige Klagen von Gläubigern und Aktionären anhängig. Die Anlegerschützer schätzen, dass sich viele Wirecard-Geschädigte bisher noch nicht darum gekümmert haben, zumindest einen Teil ihrer Verluste wiederzubekommen. Sie haben dazu bis zum 31. Dezember 2023 Zeit, dann verjähren die Ansprüche nach Angaben von DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler. „Wer nicht aktiv wird, bekommt nichts, wenn es Geld aus dem Musterverfahren oder der Stiftung Geld geben sollte.“

    Anleger können sich der Musterklage anschließen oder bei der Stiftung anmelden, für die Tüngler wirbt. Die DSW verspricht ein schnelles und kostengünstiges Ergebnis. Bereits jetzt seien 12.000 Wirecard-Anleger mit Schäden von rund 500 Millionen Euro dabei, sagt der DSW-Chef. Anwalt Klaus Nieding, der das Verfahren betreut, erwartet, dass sich mehr als 30.000 Privatanleger und auch einige hundert institutionelle Anleger – Banken, Versicherungen, Anlagefirmen – beteiligen und die Schadenssumme deutlich in die Milliarden Euro geht.

    Die Stiftung soll dann mit EY einen Vergleich aushandeln, idealerweise binnen zwei Jahren. Erste Gespräche laufen nach Aussage von DSW-Chef Tüngler bereits. Die Kosten übernimmt der DSW zufolge ein großer US-Prozessfinanzierer mit Sitz in London, der für seine Arbeit im Erfolgsfall 25 Prozent der Vergleichssumme als Gebühr nimmt. Nach Angaben von Anwalt Nieding ist das eine im Vergleich mit anderen ähnlichen Verfahren niedrige Summe. Wer sich bei der Stiftung über die DSW registriert, muss auch eine Prozessvollmacht erteilen. Denn die Aktionärsschützer wollen im Auftrag der Anleger klagen, um die Verjährung der Ansprüche zu verhindern. Anmeldefrist ist Ende Mai.

    Die Anlegerschützer legen die Stiftung auf, weil sie von den Musterverfahren nach deutschem Recht wenig überzeugt sind. So habe das Verfahren gegen die Telekom fast 20 Jahre gedauert, sagt Anwalt Nieding, der Vergleich am Ende sei auch schon zu Beginn möglich gewesen. Ein Musterverfahren im VW-Abgasskandal laufe auch bereits seit sieben Jahren, ohne wirklich voranzukommen. Zudem müssten Anleger einen Anwalt bezahlen, um auch zu klagen.

    EY hält die Forderungen gegen sich für unbegründet. Dennoch könnte sich das Unternehmen auf einen Vergleich? Viele Firmen sehen EY doch in der Schuld, entziehen Aufträge oder schließen keine neuen. Die DSW glaubt, dass EY den Fall abschließen will, um zu überleben. Zudem bremst der Wirecard-Fall den geplanten Umbau: Beratung und Wirtschaftsprüfung sollen getrennt werden.

    Gegen den ehemaligen Wirecard-Chef Braun, den einstigen Chefbuchhalter Stephan von E. und Oliver Bellenhaus, Wirecard-Statthalter in Dubai läuft gerade vor dem Landgericht München I ein Verfahren wegen Bilanzfälschung, Marktmanipulation, Untreue und bandenmäßigem Betrug. Bellenhaus ist Kronzeuge, Braun und von E. weisen alle Schuld von sich. Das Verfahren läuft bis mindestens Ende 2023.

  • Sauberer Sieg

    Kommentar zu Nike und dem DFB

    Im Sport und in der Wirtschaft gilt: Der Beste möge gewinnen. Im Wettbewerb um den Sponsoren-Großvertrag des Deutschen Fußballbundes DFB standen zuletzt die beiden Sportartikelhersteller Adidas und Nike. Adidas hat verloren. Der DFB, längst ein Wirtschaftsbetrieb, entschied sich zurecht für das bessere Angebot und damit Nike.

    Der neue Partner wird frischen Wind bringen, was nie schaden kann. Wer wie DFB und Adidas über mehrere Jahrzehnte eng verbandelt ist, wird möglicherweise etwas träge. Aus bestehenden Verträgen lässt sich auch nicht ableiten, dass es einen Anschlussvertrag gibt. Und Tradition allein gewinnt keine Spiele. Sonst müsste etwa Hannover 96 seit Jahren sehr weit vorn in der Bundesligatabelle stehen und nicht in der zweiten Liga kämpfen. Auch der Standort des Unternehmens ist unerheblich – Adidas und Nike produzieren im Ausland. Und auch der Sitz in Deutschland half Adidas nicht, zu gewinnen. Das Unternehmen kann jetzt bei der nächsten Ausschreibung wieder antreten und versuchen, die Amerikaner auszustechen.

    Das Angebot umfasst nicht nur Trikots und Unterstützung für Amateurvereine, sondern vor allem Geld. Der DFB hat bessere Zeiten gesehen. Er schreibt rote Zahlen und muss deshalb sehen, wie er die Einnahmen verbessert. Dass deutsche Nationalspielerinnen und Nationalspieler künftig mit dem Swoosh auftreten, ist Nike sehr viele Millionen wert. Offenbar trauen die Amerikaner auch den sportlich zuletzt eher mittelmäßigen deutschen Spitzenmannschaften deutlich mehr zu als Adidas. Qualitativ dürften die Produkte von Adidas und Nike sich ohnehin kaum unterscheiden. Wer das Pink aufs neue Auswärtstrikot druckt, ist egal. Letztlich gilt: Entscheidend ist auf dem Platz.