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  • Felder unter Solardächern

    Unten Gemüse, oben Photovoltaikmodule – die doppelte Nutzung von Wiesen und Äckern könnte Landwirtschaft und Stromproduktion fördern. Bisher gibt es nur wenige Projekte. Die Gesetzesänderung der Bundesregierung könnte das ändern.

    Die Energiewende soll schneller gehen. In diesem Zuge drängt ein weitgehend unbekanntes Thema nach vorne. Die sogenannte Agri-Photovoltaik kann Pflanzenanbau, Tierhaltung und Energieproduktion verbinden. „Der entscheidende Vorteil besteht in der Doppelnutzung – Landwirtschaft und Stromerzeugung werden kombiniert“, sagt Daniel Kögler von der Firma Solverde. Die Regierungskoalition hat gerade die Bedingungen dafür verbessert – aber es sind auch kritische Stimmen zu hören.

    Solverde ist eine Genossenschaft, der Bürger:innen beitreten können, die beispielsweise im Umkreis der Anlagen wohnen. Eine Verzinsung der Einlagen von zwei bis vier Prozent pro Jahr wird versprochen. Projekte betreibt Solverde etwa in Lüptitz bei Leipzig und im baden-württembergischen Donaueschingen.

    In Sachsen sind die langen Reihen der Solarmodule von Ost nach West schwenkbar, um der Sonne zu folgen. In den etwa zehn Meter breiten Zwischenräumen säht ein Landwirt Weißklee, der unter anderem Honigbienen als Nahrung dient. In Baden-Württemberg hat Solverde die PV-Zellen senkrecht fest montiert. Zwischen den Reihen wächst eine Magerwiese. Heu und Silage liefern Tierfutter. Zusätzlich beweidet manchmal eine Schafherde das Gelände.

    Daneben existieren weitere Varianten der Agri-PV. Im niedersächsischen Lüchow hat der Kräuter- und Gemüseproduzent Steinicke eine aufgeständerte Anlage bauen lassen. Unter den Solarmodulen in sechs Metern Höhe können die Landmaschinen übers Feld fahren. Insgesamt gibt es hierzulande aber erst wenige Projekte. Die meisten sind Forschungsvorhaben von Instituten und Hochschulen.

    Bundestag und Bundesrat haben nun kürzlich das Erneuerbare Energien-Gesetz 2023 beschlossen – damit unter anderem die Flächen ausgeweitet, die für die Kombi-Produktion von Energie und Agrarerzeugnissen zur Verfügung stehen dürfen. Der Deutsche Bauernverband und die Umweltorganisation BUND äußerten sich grundsätzlich positiv. „Feldfrüchte und Grünland unter Strom sind gut für unsere Energieversorgung und eröffnen der Landwirtschaft neue Geschäftsfelder“, erklärte Thüringens Umwelt- und Energieministerin Anja Siegesmund (Grüne), als kürzlich die Fachhochschule Erfurt dem Land ein gigantisches Potenzial bescheinigte.

    Gleichzeitig gab es aber auch Kritik. So sah der Bund für Umwelt und Naturschutz Thüringen die Artenvielfalt in der Landwirtschaft in Gefahr. Und der Bauernverband des Landes beklagte den Mangel an leistungsfähigen Leitungen auf dem Land, was die Nutzung des Solarstroms erschwere. Agrarexperten weisen darauf hin, dass manche Pflanzen mit der Doppelnutzung nicht zurechtkommen: Etwa Mais braucht viel Licht, keinen Schatten.

    Die Vorteile der Agri-Photovoltaik liegen grundsätzlich im riesigen Angebot sauberen Stroms. 1.700 Milliarden Watt zusätzliche Leistung von Agrarflächen seien möglich, errechnete das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg. Das entspricht der Leistung von 1.700 großen Kraftwerksblöcken. Strommangel würde damit hierzulande nicht mehr herrschen. Aber man muss auch realistisch bleiben: Tatsächlich ausgeschöpft würde vermutlich nur ein kleiner Teil dieses Potenzials.

    Einen zweiten Vorteil kann man an den Solverde-Projekten beobachten. Sie sind so konstruiert, dass sie wegen ihrer Ost-West-Ausrichtung „auch vormittags und nachmittags“ viel Solarstrom liefern, sagt Firmeningenieur Kögler. Heute dagegen fließt noch die meiste Solarenergie mittags, weil der größte Teil der Solaranlagen beispielsweise auf Hausdächern fest in Südrichtung installiert ist. Agri-PV kann die Stromerzeugung besser über den Tag verteilen.

    Und drittens können sich Vorteile aus der Kombination von Energie- und Pflanzenproduktion ergeben. Manche Kulturen wachsen gut auch an eher schattigen Orten, etwa Winterweizen, Kartoffeln, Sellerie und Schnittlauch. Die Solardächer können die Austrocknung des Bodens bei Hitze verlangsamen. Und von ihrem Schutz gegen zerstörerischen Hagel und Starkregen mögen Obstbäume und Weinreben profitieren.

  • Steuerentlastung für die Mehrheit

    Ein Gesetz zum „Ausgleich der Inflation“ legt Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) vor. Leute mit niedrigen Einkommen profitieren prozentual am meisten, Gutverdiener erhalten höhere Euro-Beträge.

    Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) will die Mehrheit der Bevölkerung in den kommenden zwei Jahren steuerlich etwas entlasten. Am Mittwoch legte er deshalb Eckpunkte für ein Gesetz zum „Ausgleich der Inflation“ vor. In der Koalition abgestimmt ist das noch nicht, SPD und Grüne äußerten Kritik.

    Was will Lindner erreichen?

    Sein Vorschlag sei eigentlich „keine Entlastung, sondern ein Verzicht auf Belastung“, sagte Lindner. Das ist so zu verstehen: Wegen der hohen Inflation erhalten viele Beschäftigte deutliche Lohnsteigerungen. Dadurch rutschen manche in eine höhere Einstufung im Steuertarif und zahlen mehr Abgaben, wodurch die Gehaltsaufbesserung teilweise oder ganz aufgefressen wird. Dieser Effekt heißt „kalte Progression“ – ihn will Lindner neutralisieren, ein übliches Verfahren seit 2016.

    Was bedeutet das grundsätzlich?

    „48 Millionen steuerpflichtige Bürgerinnen und Bürger“ würden profitieren, erklärte das Finanzministerium. Durchschnittlich betrüge die Entlastung 193 Euro pro Jahr. Alle Einkommensgruppen hätten Vorteile. Prozentual wäre die Entlastung für Geringverdiener mit gut zehn Prozent im Vergleich zu ihrer Steuerlast am größten, absolut in Euro jedoch für Leute mit hohen Verdiensten. Die Reform soll den Bürgerinnen und Bürger insgesamt rund zehn Milliarden Euro pro Jahr belassen, die sie sonst an die Finanzämter zahlen müssten.

    Die Wirkung für sehr geringe Einkommen

    Der Bereich der Steuerfreiheit wird ausgedehnt, indem der Grundfreibetrag steigt. Ab „1. Januar 2023 ist eine Anhebung um 285 Euro auf 10.632 Euro vorgesehen“, teilte das Finanzministerium mit. Wer bis zu dieser Grenze jährlich verdient, muss keine Steuer zahlen. 2024 soll der Grundfreibetrag dann um weitere 300 Euro auf 10.932 Euro wachsen. Dieser Schritt ist nicht freiwillig – die Regierung muss das Existenzminimum steuerfrei stellen.

    Bei niedrigen Verdiensten

    Heute gilt der Eingangssteuersatz von 14 Prozent bis zu einem Jahreseinkommen von knapp 15.000 Euro. Künftig soll er bis 15.786 Euro greifen. Auch für Gehälter, die leicht darüber liegen, werden dann weniger Steuern fällig. Ein allein lebender Arbeitnehmer mit 20.000 Euro brutto würde um 115 Euro jährlich entlastet, heißt es in den Tabellen des Finanzministeriums.

    Mittlere Gehälter

    Bei 30.000 Euro Jahresgehalt in 2023 betrüge der Vorteil 172 Euro für Singles, bei 40.000 Verdienst 250 Euro, bei 50.000 brutto 352 Euro, bei 60.000 Euro Lohn schlügen 471 Euro Entlastung pro Jahr zu Buche.

    Profitieren auch Wohlhabende und Reiche?

    Ja, auch Gutverdiener profitieren. So soll der Spitzensteuersatz von 42 Prozent 2023 erst für Gehaltsbestandteile ab 61.972 Euro (heute 58.597) und 2024 ab 63.515 Euro gelten. Die höchste absolute Entlastung betrüge 479 Euro jährlich für Singles, die ab 70.000 Euro brutto aufwärts zur Verfügung haben. Darüber steigt der absolute Entlastungsbetrag für Singles nicht mehr an. Doch auch Leute, die 200.000, 300.000 oder 500.000 Euro erhalten, erhalten die 479 Euro. Für sie spielt das im Vergleich zu ihrem Einkommen freilich kaum eine Rolle. Die maximale Entlastung bei gemeinsamer Veranlagung eines gut verdienenden und eines schlecht verdienenden Ehepartners (Splitting) soll 958 Euro betragen und ab 130.000 Euro nicht mehr steigen. Der Tarif der Reichensteuer ab rund 280.000 Euro bei Singles bleibt da, wo er heute ist.

    Sind weitere Steuerschritte geplant?

    Auf die Entlastung im kommenden Jahr soll 2024 eine weitere folgen. Die höchste Reduzierung läge dann bei 730 Euro jährlich für Singles ab 70.000 Euro aufwärts und für Splitting-Paare bei 1.460 Euro ab 130.000 Euro Jahresverdienst.

    Wie sieht es mit dem Kindergeld aus?

    Dieses soll nächstes Jahr maximal um acht Euro pro Kind zunehmen, 2024 um weitere sechs Euro. Die steuerlichen Kinderfreibeträge, die hohe Einkommen begünstigen, steigen ebenfalls.

    Die Kritik an Lindners Vorschlag

    „Ein weiterer kräftiger Entlastungsimpuls bis in die Mitte der Gesellschaft ist richtig und notwendig“, sagte SPD-Fraktionsvize Achim Post. Andererseits kritisierte er: „Die vorgeschlagenen Maßnahmen würden aber hohe Einkommen besonders stark entlasten und sind damit sozial noch nicht ganz ausgewogen.“ Grünen-Fraktionsvize Andreas Audretsch bemängelte, Wohlhabende erhielten „mehr als dreimal so viel wie Menschen mit kleinen Einkommen, welche die Entlastungen jetzt eigentlich am dringendsten brauchen“. Christian Görke, finanzpolitischer Sprecher der Linken, sagte: „Die unteren 70 Prozent der Bevölkerung gehen fast komplett leer aus, da sie kaum Einkommensteuer zahlen.“ Jens Spahn von der Union begrüßte die Initiative Lindners grundsätzlich.

    Ist das finanzierbar?

    Ja, zumindest für den Bund. Er müsste etwa auf vier Milliarden Euro jährlich verzichten, Bundesländern und Kommunen zusammen fehlten ungefähr sechs Milliarden Euro. Für die Mindereinnahme im Bundeshaushalt hat Lindner bereits Vorsorge getroffen.

    Sind weitere Entlastungen angesichts der Inflation möglich?

    Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat eine Wohngeldreform mit Heizkostenzuschüssen ab 2023 angekündigt. Davon würden besonders Privathaushalte profitieren, die wenig Geld haben. Das Gleiche gilt für das Bürgergeld, das Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) vorantreibt. Der Spielraum für diese zusätzlichen Maßnahmen ist allerdings nicht groß, denn Finanzminister Lindner will die Schuldenbremse wieder in Kraft setzen.

  • Weniger Hilfe aus der Türkei

    Flughäfen sollten Personal bekommen. Es bleibt aus

    Es klang einfach und praktikabel: Deutschlands Flughäfen und Flugzeugabfertiger stellen für drei Monate Beschäftigte aus der Türkei ein und verhindern so in der Ferienzeit, was sich an einigen Flughäfen Ende Juni andeutete: Kofferstapel, lange Schlangen, verspätete Flüge. Jetzt enden die Ferien in einigen Bundesländern bereits, von den Arbeitskräfte hat bisher aber keiner angefangen.

    „Aus der Türkei werden 145, vielleicht 150 Mitarbeiter kommen, um zu helfen“, sagt Thomas Richter, Präsident des Arbeitgeberverbands der Bodenabfertigungsdienstleister und einer der treibenden Kräfte hinter der Idee. „Sie werden an den Flughäfen Nürnberg und München eingesetzt.“ Das sei deutlich weniger, als ursprünglich gedacht. Von einem Flop will Richter nicht sprechen. „Es war immerhin eine Idee, um die akuten Probleme zu lösen.“ Der erste Mitarbeiter packt offenbar kommende Woche in Nürnberg mit an.

    Im Juni steuerte die Luftverkehrsbranche auf einen chaotischen Sommer zu. Fluggesellschaften fehlte ebenso Personal wie Flughäfen und Bodendienstleistern, deren Mitarbeiter etwa Koffer be- und entladen, Busse vom Terminal zum Flieger fahren oder die Flugzeuge aus der Parkposition manövrieren. Während der Corona-Krise hatten viele Unternehmen gespart, ihre Belegschaften verringert. Diesen Sommer wollte die Branche wieder durchstarten, doch viele Mitarbeiter kamen nicht zurück, weil sie andere Arbeit gefunden hatten. Die Deutschen wollten aber in Scharen in den Urlaub fliegen.

    Fluggesellschaften wie Easyjet und Lufthansa strichen in großem Umfang Flüge, um halbwegs verlässlich fliegen zu können. An den Flughäfen bildeten sich lange Schlangen an den Check-ins, Passagiere verpassten ihre Flüge, heimatlose Koffer stapelten sich. In Düsseldorf kam es zu Szenen, die manche Experten als schlimmer schilderten als alles, was im Chaossommer 2018 im maroden und viel zu kleinen Berliner Flughafen Tegel geschah. Auch in Köln/Bonn und am Frankfurter Flughafen gab es Probleme.

    Eine Idee, um den Engpass beim Bodenpersonal auszugleichen: Beschäftigte aus der Türkei, die am Flughafen in Istanbul arbeiten oder gearbeitet haben, befristet nach Deutschland zu holen. Die Bundesregierung genehmigte den Plan pauschal am 6. Juli. Zunächst war von bis zu 2000 Helfern die Rede. „Die Zahl hat der türkische Dienstleister, der bei der Rekrutierung hilft, als maximal möglich angegeben“, sagt Richter. „Der erste Bedarf in Deutschland waren rund 1300.“ Es sei um „helfende Hände“ für das Be- und Entladen von Flugzeugen gegangen.

    Im Lauf der Zeit schrumpfte der Bedarf auf 450 bis 500, weil es den Unternehmen gelang, auch in Deutschland mehr Personal zu finden. Geholfen haben offenbar einige Tarifabschlüsse, die vor allem für die unteren Lohngruppen mehr Geld vorsehen. Noch vergangene Woche war von 250 türkischen Arbeitskräften die Rede. Vor einigen Tagen sprang, wie zu hören ist, der Flughafen Frankfurt ab – kein Bedarf mehr, weil offenbar genug Personal aus Deutschland eingestellt werden konnte.

    „Die Lage an vielen Flughäfen hat sich auch entspannt, weil die Zulassungsprozesse unter anderem wegen der türkischen Helfer beschleunigt wurden. So dauert die nötige Zuverlässigkeitsprüfung nicht mehr bis zu zwölf Wochen, sondern ist teils nach zwei Wochen beschieden“, sagt Richter. Deshalb konnten Mitarbeiter vor Ort, die noch in der Überprüfung steckten, zügiger eingesetzt werden.

    Nicht nur der Bedarf an den Flughäfen schrumpfte. Das Projekt dauerte auch etwas. „Wer glaubte, dass der erste türkische Helfer einen Tag nach der Genehmigung durch die Bundesregierung in Deutschland anfängt, war naiv“, sagt Richter. Allein der Visumsantrag benötige eine Woche. Dazu kommt dann noch die Zuverlässigkeitsprüfung, die unter anderem ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis sowie lückenlose Nachweise über die Arbeitsstätten der vergangenen fünf und die Wohnsitze der vergangenen zehn Jahre erfordert.

    Ob es jetzt ruhiger wird, ist unklar. Der Flughafen Düsseldorf verkündete bereits, die Probleme würden sich noch hinziehen. In München laufen noch Tarifverhandlungen mit einem Bodendienstleister, es gab diese Woche Warnstreiks. Die Piloten der Lufthansa haben sich grundsätzlich für einen Arbeitskampf entschieden, bisher ist kein Termin bekannt. Auch hier gibt es Tarifverhandlungen. Und die Engpässe bei den Sicherheitskontrollen sind noch nicht behoben. Dafür gibt es eine positive Nachricht aus der Hauptstadt: Am Pannenflughafen BER lief der Betrieb bisher recht gut.

  • „Alle müssen zusammenrücken“

    Wohnungsmarkt ist auf weitere Menschen nicht vorbereitet

    Wenn Deutschlands Bevölkerung binnen weniger Jahre kräftig wächst, belastet das den Wohnungsmarkt. Zumal bereits heute viele Menschen nicht umziehen können, weil sie sich die hohen Mieten nicht leisten können. Eigentum ist für viele ebenfalls nicht mehr erschwinglich.

    „Wenn weitere drei Millionen Menschen dauerhaft nach Deutschland ziehen, brauchen wir wohl zwischen 1,2 und 1,5 Millionen zusätzliche Wohnungen“, rechnet Ludwig Dorffmeister vor, Immobilienmarkt-Spezialist beim Münchener Ifo-Institut. „Gleichzeitig müsste der ohnehin bestehende Wohnraum- und Ersatzbedarf befriedigt werden. Das scheint mir mittelfristig kaum machbar.“ Und auch Michael Voigtländer, Experte beim Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln, ist skeptisch: „Wenn die Prognose stimmt, wird es schwierig.“

    Schon in den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Einwohner in Deutschland um rund drei Millionen gewachsen. Es kamen Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien sowie Fachkräfte, etwa aus Indien. 2011 wohnten offiziell 80,3 Millionen Menschen in Deutschland, Ende 2021 waren es 83,2 Millionen. Die Zahl der Wohnungen stieg nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes derweil von 40,6 auf 43,1 Millionen.

    Allerdings verschärfte sich in den Jahren auch die Wohnungsknappheit in manchen Regionen. „Ausländer zieht es in die großen Städte, wo es schon Netzwerke gibt. Dort ist die Wohnungslage angespannt“, sagt Voigtländer. „Bundesweit gibt es aber in einigen Regionen noch Leerstand, etwa in Teilen von Rheinland-Pfalz, Mecklenburg-Vorpommern oder Nordbayern.“

    Meist sind die interessanten Arbeitsplätze für Menschen von außerhalb der EU auch nicht dort, wo Wohnungen leer stehen. Der Studie von DB Research zufolge kommen immer mehr Inder nach Deutschland, Indien wird demnach bis 2030 das Hauptherkunftsland neuer Arbeitskräfte von außerhalb der EU. Ein Grund: viele Inder sind gut ausgebildete IT-Kräfte, die in Deutschland dringend gesucht sind, vor allem in Metropolregionen wie Berlin, eher nicht im mecklenburg-vorpommerschen Demmin.

    Viele Städte wollen mit Bauprogrammen gegensteuern. Und die Bundesregierung möchte jährlich 400.000 Wohnungen neu bauen lassen. Die Branche hält das für eine angemessene Größe, aber auch für sehr optimistisch: „Das Ziel ist angesichts des perfekten Sturms aus Lieferkettenproblemen, Preisexplosionen, Material- und Fachkräftemangel, steigenden Zinsen und dem KfW-Förderchaos für die nächsten drei bis vier Jahre illusorisch“, sagt Axel Gedaschko, Präsident des GdW, des Spitzenverbands der Wohnungswirtschaft. „Wir können froh sein, wenn dieses Jahr 250.000 Wohnungen fertig werden.“ Über die staatliche Förderbank KfW laufen unter anderem die Programme für bezahlbaren, klimaschonenden Wohnraum.

    Eine weitere Schwierigkeit: „Viele Kommunen wollen nicht mehr wachsen, unter anderem, weil sie einen Verkehrskollaps befürchten“, sagt Ifo-Experte Dorffmeister. „Denn auch der Ausbau von Straßen und Nahverkehr dauert in Deutschland sehr lange. Das bedeutet: „Die Menschen, die kommen, werden entweder gezwungen sein, sich dort anzusiedeln, wo es mehr Leerstand gibt“, vermutet Dorffmeister, „oder alle müssen zusammenrücken. Das heißt: Mehr Menschen teilen sich eine Wohnung.“

    IW-Experte Voigtländer setzt auf das, was schon gebaut ist: „Wir könnten bereits bestehende Wohnungen und Häuser besser nutzen, etwa Dächer ausbauen, aufstocken oder Einliegerwohnungen einbauen. Viele Menschen wohnen in sehr großen Wohnungen und könnten untervermieten. Das ist alles leichter, als neu zu bauen.“

  • Unnötig kompliziert

    Warum die Gasumlage eine schlechte Idee ist

    Die Gasumlage ist keine gute Lösung. Alle Gaskunden in Deutschland sollen für unternehmerische Entscheidungen zahlen, die sich als Fehler erwiesen haben – eine zu große Abhängigkeit von russischen Lieferungen. Zwei grundsätzliche Fragen dabei: Soll und darf der Staat derart ins Marktgeschehen eingreifen, musste also Uniper, der größte Importeur russischen Gases, wirklich gerettet werden? Und warum ein kompliziertes System mit Umlage, die kontrolliert und angepasst werden soll, und Hilfen für Bedürftige, die die hohen Preise nicht zahlen können?

    Krisen sind immer auch dafür gut, den Markt zu bereinigen. Wenn ein paar Unternehmen ausscheiden, ist das keine Wirtschaftskrise. Und Gas teuer am Spotmarkt einkaufen können auch andere Firmen. Zudem haben sich die staatlichen Eingriffe bisher selten gerechnet. Der Baukonzern Philipp Holzmann scheiterte vor 20 Jahren trotz staatlicher Hilfen, tausende Arbeitsplätze, die gesichert werden sollten, verschwanden, das Geld war auch weg. In der Finanzkrise rettete der Staat die Commerzbank mit viel Geld, bisher rechnete sich das nicht. Die Bank steckt auch 14 Jahre später in der Sanierung fest.

    Das ganze Konzept wirkt zudem umständlich: Kosten auf alle umlegen, wobei das genau berechnet und überwacht werden muss. Dann mit Zuschüssen, Freibeträgen und anderem versuchen, gegenzusteuern. Ob das funktioniert und sich die Koalitionspartner darauf einigen können, ist unklar. Was sicher ist: Der Preis für Gas steigt ohnehin, die Umlage wird ihn zusätzlich erhöhen. Und zwar ab 1. Oktober. Die geplanten Entlastungen für die Haushalte stehen bisher nur in Ansätzen fest. Und wann sie kommen, ist ebenfalls unklar.

    Wenn man die bestehende Struktur der Gasbranche sichern will, ist ein Staatseinstieg wahrscheinlich die sicherste Methode. Dann könnte der Staat aber auch gleich direkt die Mehrkosten durch den teureren Gaseinkauf übernehmen und aus dem Steuersäckel bezahlen. Das würde komplizierte Berechnungen sparen, ließe sich einfach kontrollieren Das Geld kann sich die Bundesregierung an anderer Stelle wiederholen, etwa in dem sie Subventionen und Steuervergünstigungen streicht. Sparen werden Bundesbürger und Unternehmen auch ohne Umlage. Dafür steigt der Gaspreis schon an sich zu sehr.

  • Sparen, drosseln, zuteilen

    Wie abhängig Europa von Russland ist

    Europa hängt an russischem Öl und vor allem an Gas. Rund 40 Prozent der insgesamt benötigten Menge lieferte der russische Staatsmonopolist Gazprom. Deutschland gehört als größte Wirtschaftsnation Europas zu den größten Abnehmern, der Anteil russischen Gases betrug 2021 rund 55 Prozent. Inzwischen ist er auf knapp über zehn Prozent gesunken, weil Russland weniger liefert. Die Abhängigkeit beim Öl ist geringer. Wie sieht es in anderen Ländern aus? Wer hängt besonders an der russischen Energie? Und wie steuern sie gegen? Ein Überblick über ausgewählte Länder.

    Frankreich

    Deutschlands westlicher Nachbar ist bei Energie recht unabhängig von Russland, vor allem, weil Frankreich sehr stark auf Atomkraft setzt. 36,5 Prozent Anteil am Energiemix hatte sie nach Zahlen des BP Statistical Review of World Energy 2021. Knapp ein weiteres Drittel entfiel auf Öl, dass die Franzosen aus unterschiedlichen Quellen auf dem Weltmarkt kaufen. Beim Gas (16,5 Prozent Anteil) stammen rund 17 Prozent aus Russland. Das meiste kommt als Flüssiggas per Schiff, ein Teil floss über Deutschland durch Pipelines, was Russland inzwischen gestoppt hat.

    Frankreich will Gas in anderen Ländern einkaufen, was zuletzt nicht wie geplant lief: Im Juni war Frankreich größter Importeur von russischem LNG. Das soll sich nachhaltig ändern. Frankreich setzt auch auf Energiesparen. Präsident Emmanuel Macron sprach am Nationalfeiertag Mitte Juli von Generalmobilmachung und nannte als Sparbeispiele weniger Beleuchtung oder den Geschirrspüler nur einmal am Tag anzuschalten. Frankreich will zudem die erneuerbaren Energien schneller ausbauen. Das Land hat neben den Problemen mit russischen Gaslieferungen gerade auch Schwierigkeiten mit den Atomkraftwerken: Weil die Flüsse wegen der Hitze nur weniger Wasser führen, fehlt Kühlflüssigkeit, die Anlagen produzieren auf Sparflamme. Zudem sind viele wegen Wartung und technischer Probleme abgeschaltet.

    Belgien

    Belgien ist Ölland. Der Rohstoff hatte 2021 einen Anteil von fast 50 Prozent am Energiemix. Gas ist es nicht einmal ein Viertel. Sonst setzt Belgien auf Atomkraft (knapp 17 Prozent. Etwas weniger als ein Drittel des Ölbedarfs deckte Belgien 2021 über Einkäufe in Russland. Beim Gas waren die Belgier kaum von Russland abhängig. Gerade einmal vier Prozent des verbrauchten Gases stammte zuletzt aus Russland.

    Beim Öl hat sich Belgien bereits kurz nach dem Angriff der Russen auf die Ukraine im Februar 2022 neue Lieferanten gesucht. Auch beim Gas ist Russland nach Ansicht des Großverbraucherverbands Febelliec leicht zu ersetzen. Belgien rechnet allerdings damit, dass es andere EU-Länder unterstützen muss, sollte Russland kein Gas mehr liefern. Entsprechend stellt sich die Wirtschaft auf Sparen ein.

    Niederlande

    Öl und Gas sind die Hauptenergieträger in den Niederlanden. Vor allem beim Gas gehörte bisher auch Russland zu den Lieferanten, wobei die Niederlande große Mengen auch selbst fördern. 2021 bezogen die Niederlande noch etwas mehr als ein Sechstel des benötigten Gases über den staatlichen russischen Gaskonzern Gazprom. Verträge in diesem Jahr wären Ende September ausgelaufen. Gazprom hat die Lieferungen bereits im Juni eingestellt.

    Angesichts des Stopps fahren die Niederlande Kohlekraftwerke wieder hoch. Die Regierung plant ohnehin, bis Ende des Jahres auf russisches Öl und Gas zu verzichten. Das Land setzt zum einen auf andere Lieferanten, zum anderen auf mehr eigene Förderung – etwa in der Nordsee. Umstritten ist, im Norden wieder mehr Gas per Fracking zu fördern. Das ist bisher deutlich zurückgefahren, weil Häuser absackten und die Region um die Großstadt Groningen von Erdbeben erschüttert wurde. Die Regierung rief zudem alle Niederländer auf, kräftig Energie zu sparen.

    Dänemark

    Die Dänen haben früh auf erneuerbare Energien gesetzt, vor allem Wind. Sie haben mehr als 40 Prozent Anteil am Energiemix – unangefochten Spitze in Europa. Öl, den zweiten großen Energieträger und mit gleichem Anteil im vergangenen Jahr, kauft das Land bei unterschiedlichen Anbietern. Gas trägt zu knapp zwölf Prozent zum Energiemix bei. Den Rohstoff fördert Dänemark selbst vor der Küste, nur ein Viertel des Bedarfs kommt von anderen Ländern. Aus Russland kamen 19 Prozent der importierten Menge, bis Gazprom die Lieferungen im Juni einstellte.

    Dänemark diskutiert, die eigene Gasförderung in der Nordsee auszubauen, zumindest zeitweise. Denn geplant ist der Komplettausstieg aus Kohle und Gas zugunsten von Wind und Solar. Das soll deutlich beschleunigt werden. Und die Dänen wollen Biogas stärker nutzen als bisher. Das Land ist beim Umbau zu einer fossilfreien Energieversorgung in Europa ohnehin weit vorn: Öl- und Gasheizungen dürfen in Neubauten schon seit Jahren nicht mehr installiert werden. Dänemark setzt vor allem auf Erdwärme.

    Polen

    Energie gewinnt Polen vor allem aus Kohle. Mit mehr als 40 Prozent Anteil am Energiemix 2021 liegt das Land in der EU weit vorn. Öl machte knapp ein Drittel aus, Gas knapp ein Fünftel. Kohle fördert Polen im eigenen Land. Fast zwei Drittel des Öls kamen zuletzt aus Russland. Im größeren Umfang bezogen die Polen auch Gas vom staatlichen russischen Konzern Gazprom.

    Polen hat allerdings bereits im Mai den Liefervertrag gekündigt – nach 30 Jahren. Gas kommt nun vor allem als Flüssiggas per Tankschiff. Polen hat in Swinemünde an der Ostsee ein LNG-Terminal. Auch die Pipeline Jamal wird genutzt – nicht wie früher, um russisches Gas Richtung Deutschland zu schicken, sondern um Gas aus dem Westen nach Polen zu senden. Schwieriger wird, unabhängig vom russischem Öl zu werden. Polen setzt auf den Ölhafen bei Danzig und die Förderländer Saudi-Arabien, Kasachstan und Nigeria – bereits jetzt Lieferanten.

    Tschechien

    Tschechien gehört neben Polen zu den Ländern, die für ihre Energieerzeugung sehr stark auf Kohle setzen. Sie hat gut ein Drittel Anteil am Energiemix. Der Rohstoff wird vor allem im eigenen Land abgebaut. Die Tschechen sind auch Verfechter der Atomkraft, der Anteil ist im EU-Vergleich mit mehr als 16 Prozent hoch. Von Russland abhängig ist Tschechien vor allem bei Gas, 2021 kam es vollständig aus Russland. Und auch rund die Hälfte des Öls kommt durch die „Freundschaft“-Pipeline direkt von den Russen.

    Ein Projekt, das Tschechien vor Jahren ablehnte, wird wieder verfolgt: neue Pipelines nach Polen zu bauen, um über deren Ostseehäfen Flüssiggas importieren zu können. Beim Öl könnte Tschechien andere Lieferanten finden. Doch die bestehende transalpine Pipeline nach Italien ist derzeit zu klein. Der Ausbau kostet Zeit. Deshalb gehört Tschechien zu den Ländern, die trotz Embargos weiter Öl aus Russland beziehen dürfen – solange das Land denn auch liefert.

    Österreich

    Das Land setzt in hohem Maße auf Wasserkraft. Mit mehr als 27 Prozent war sie 2021 Primärenergiequelle Nummer zwei nach Öl (mehr als 33 Prozent). Knapp 22 Prozent macht Gas aus. Im vergangenen Jahr importierte Österreich noch knapp acht Prozent seines Öls aus Russland, inzwischen nichts mehr. Anders beim Gas: 2021 kamen 80 Prozent des benötigten Rohstoffs aus Russland, in diesem Jahr stieg der Anteil zeitweise auf fast 90 Prozent.

    Um sich aus der Abhängigkeit zu lösen, wird ein bereits stillgelegtes Kohlekraftwerk wieder hochgefahren. Zudem hat der Staat 6,6 Milliarden Euro bereitgestellt, um zusätzlich Gas zu kaufen und die Speicher kräftig zu füllen – so will Österreich sicherstellen, dass die Gaskraftwerke auch laufen, wenn Russland das Gas abdreht. Der teilstaatliche österreichische Hauptimporteur OMV hat sich zumindest schon Transportkapazitäten in Europa für den halben österreichischen Jahresbedarf gesichert – das durchzuleitende Gas muss allerdings noch gekauft werden.

    Schweiz

    Wasserkraft macht in der Schweiz fast ein Drittel des Energiemixes aus, bei Öl ist es etwas mehr als ein Drittel. Die ältesten Atomkraftwerke Europas liefern knapp 16 Prozent der gesamten Primärenergie. Der Gasanteil liegt bei zwölf Prozent. Gut 43 Prozent des Gases bezog die Schweiz im vergangenen Jahr aus Russland. Öl kommt vor allem aus Nigeria, den USA und Libyen, Russland hat einen verschwindend geringen Anteil.

    Drei Viertel des Gases für die Schweiz – auch die russischen Lieferungen – über Pipelines und Deutschland fließen. Liefert Gazprom nicht mehr an Deutschland, bekommen vor allem die Privathaushalte in der Schweiz ein Problem. Denn das Gas wird zu einem großen Teil verheizt. Die Schweizer Energieversorger legen derzeit Reserven für Öl an. Bei Gas sind sie auf die europäischen Nachbarn angewiesen. Die Schweiz hat keine eigenen Speicher. Zudem will die Bundesregierung die Schweizer mit einer Kampagne zum Beginn der Heizperiode im Herbst zum Sparen anregen. Reicht das nicht, wird zugeteilt. Hallenbäder werden geschlossen, Skilifte gestoppt, Leuchtreklamen müssen aus bleiben. Die Industrie müsste ihren Verbrauch um 20 Prozent drosseln.

    Italien

    Gas und Öl sind die mit Abstand wichtigsten Energieträger in Italien. Zusammen machen sie fast 80 Prozent am Primärenergiemix aus. 40 bis 45 Prozent des Gases stammen bisher aus Russland. Öl bezieht Italien auch aus Russland, ist aber deutlich weniger abhängig. Im Juni hat der staatliche russische Gasförderer Gazprom die Lieferungen an Italien verringert.

    Regierungschef Mario Draghi arbeitet seit Monaten daran, unabhängiger von Russland zu werden. Seine Regierung arbeitet wie die deutsche an einem Zuteilungsplan für Gas, sollte kein russisches Gas mehr kommen. Italien hat bereits zusätzliche Gaslieferverträge mit Algerien geschlossen, das inzwischen zum wichtigsten Lieferanten geworden ist. Zusätzliches Flüssiggas soll aus Westafrika kommen. Vorteil für Italien: Es ist über zwei Pipelines direkt mit Algerien und Libyen und über eine weitere mit Aserbeidschan verbunden. Bereits im Frühjahr umfangreiches Energiesparpaket beschlossen, das Klimaanlagen nur auf 27 Grad kühlen öffentlichen Gebäuden.

    Spanien

    Fast 44 Prozent des spanischen Energieverbrauchs entfallen auf Öl, knapp 22 Prozent auf Gas, Kohle spielt, wie in vielen anderen EU-Staaten, kaum eine Rolle mehr. Spanien ist nicht so abhängig von Russland wie andere europäische Staaten. Bisher bezog das Land acht bis zehn Prozent seines Gases aus Russland als Flüssiggas (LNG). Größter Lieferant sind inzwischen die USA mit 35 Prozent. LNG wird an einem der sechs Terminals in Spanien angeliefert. Aus Algerien kommt weiteres Gas über zwei Pipelines.

    Um sich von Lieferungen aus Russland zu lösen, verhandelt Spanien mit Algerien über mehr Lieferungen. Allerdings nutzen die Nordafrikaner Gas auch als politisches Mittel: So streiten sie mit dem Nachbarland Marokko, durch das eine Pipeline verläuft, über die Durchleitungsbedingungen. Mittelfristig baut das Sonnenland Spanien vor allem Solar- und Windenergie aus.

    Gleichwohl treffen auch Spanien die hohen Energiepreise. Deshalb hat das Land ein umfangreiches Programm gegen Effizienzprogramm beschlossen: Klimaanlagen dürfen in Ämtern, Büros, Hotels, Flughäfen und anderen nur noch auf 27 Grad kühlen, Schaufensterbeleuchtung wird nachts gestrichen, historische Monumente werden nicht mehr angestrahlt. Und Nahverkehr kostet 30 Prozent weniger, um den Autoverkehr zu verringern.

  • Eine schlechte Idee

    Kommentar zur Übergewinnsteuer

    Keine Frage, die Gewinne der Ölkonzerne im zweiten Quartal sind hoch, allein BP hat ihren auf 9,3 Milliarden Euro verdreifacht. Das ist verlockend für den Staat. Die Idee: Wer an den hohen Energiepreisen außerordentlich verdient, soll einen Teil des Gewinns abgeben. Mit dem Geld kann der Staat die Bürger entlasten – in der Theorie. Denn die Übergewinnsteuer ist eine schlechte Idee.

    Ölkonzerne verdienen, sehr vereinfacht gesagt, weil der Ölpreis gestiegen ist, während ihre Produktionskosten gleich blieben. Nach dem Ende der Pandemie fragten Verbraucher und Industrie mehr Öl und Sprit nach als erwartet, was die Preise trieb. Wegen der Sanktionen gegen Russland – einen der größten Ölexporteure der Welt – stiegen sie weiter – ohne Zutun der Konzerne.

    Die Übergewinnsteuer hat Tücken. Abgesehen von einem fragwürdigen staatlichen Eingriff in die freie Marktwirtschaft, der andere Branchen verstören könnte, fragt sich, wann ein Gewinn ein Übergewinn ist. Der Ölpreis etwa schwankte am Weltmarkt seit 2011 zwischen 120, 15 und 130 Dollar je Fass. Derzeit kostet die Sorte Brent um 100 Dollar.

    Unklar ist auch, wen es treffen soll: Tankstellen? Raffinerien? Ölkonzerne, die meist nicht in Deutschland sitzen? Internationale Firmen können Gewinne intern so verschieben, dass sie in Ländern mit geringer Steuerlast anfallen. Unternehmen wie Amazon, Google und Meta zeigen, wie es geht. Da griffe die Übergewinnsteuer ins Leere. Die Konzerne werden im Zweifel auch nicht zahlen und es auf lange Prozesse ankommen lassen. Das zeichnet sich in Italien ab.

    Zudem: Was ist mit anderen Krisengewinnlern? Biontech aus Mainz wies 2021 zehn Milliarden Euro Profit wegen des Corona-Impfstoffs aus.

    Ölkonzerne mit Produkten, von denen sich Deutschland wegen des Klimaschutzes verabschieden will, eignen sich gut als Bösewichte. Sie tun wenig dafür, besser dazustehen. BP will die Gewinne an Aktionäre ausschütten, statt sie in Konzernumbau und Zukunftstechnologien zu investieren. Das zeigt kurzfristiges Denken und ist unternehmerisch wohl ein Fehler. Eine Übergewinnsteuer rechtfertigt es nicht.

  • Deutschland steigt um

    Die Bundesbürger fahren mehr Bahn

    Bereits nach einem Monat ist klar: Das Neun-Euro-Ticket für den Nahverkehr ist ein Verkaufserfolg. Jetzt liegen auch erste belastbare Daten vor, wie die Bundesbürger es genutzt haben: sehr intensiv und vor allem für Ausflüge am Wochenende, wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat. Unter der Woche stiegen demnach viele vom Auto in den Nahverkehr um.

    Die Bundesregierung hatte das Neun-Euro-Ticket zusammen mit dem steuerlichen Tankrabatt Anfang Juni eingeführt. Beides soll den Geldbeutel der Verbraucher schonen, die angesichts der steigenden Energiepreise mehr bezahlen müssen. Eine Idee war auch, Autofahrer dazu zu bewegen, Busse und Bahnen zu nutzen.

    Das Ticket berechtigt, einen Monat bundesweit den Nahverkehr zu nutzen. Es gilt jeweils für einen Monat und ist auf Juni, Juli und August beschränkt. Allein im Juni wurden 21 Millionen verkauft, hinzu kamen gut zehn Millionen Abonnenten, die einen Rabatt auf ihr Monatsticket bekommen.

    Um festzustellen, wie sich die Bundesbürger verhalten, hilft den Statistikern, dass fast alle Deutschen ein Mobiltelefon nutzen und es immer dabei haben. Die anonymisierten Daten zeigen Bewegungen. Die Statistiker verglichen Werte für die ersten sechs Monate 2022 mit denen aus demselben Zeitraum 2019, dem letzten normalen Jahr vor der Corona-Pandemie.

    Das Ergebnis: Im Juni, dem ersten Monat mit Neun-Euro-Ticket, lag die Mobilität im Schnitt 42 Prozent höher als im Juni 2019. In der Spitze etwa über das Pfingstwochenende waren es bis zu 56 Prozent. Selbst die Berichte über überfüllte Züge schreckten nicht. Ende Juni lagen der Wert noch bei plus 40 Prozent. Im Mai hatte das Plus im Schnitt nur drei Prozent betragen.

    Was alle, die an Wochenenden im Juni mit der Bahn ins Grüne fahren wollten, bemerkt haben, ist jetzt auch statistisch belegt: Das Neun-Euro-Ticket hat gerade dann einen wahren Ansturm auf die Regionalzüge ausgelöst. Die Statistiker ermittelten für Sonnabende im Juni 2022 ein Plus von 83,4 Prozent im Vergleich zu gleichen Tagen 2019. Sonntags lag das Plus noch bei 60,8 Prozent. Leicht zugelegt hatte die Wochenend-Mobilität auch schon im Mai 2022.

    Auch unter der Woche stiegen die Bundesbürger mit dem günstigen Ticket vermehrt in die Züge: Für April und Mai lag die Mobilität montags bis freitags noch leicht unter der für dieselben Tage 2019, im Juni waren es dann im Schnitt 36 Prozent mehr. Gleichzeitig stellten die Statistiker fest, dass sich der Straßenverkehr von Mai zu Juni verringerte. Unter der Woche von fünf Prozent über dem Vorkrisenzeitraum (Mai) zu zwei Prozent (Juni).

    „Die gegenläufigen Entwicklungen an Werktagen auf der Straße im Vergleich zur Schiene deuten darauf hin, dass Pendlerinnen und Pendler vom Straßen- zum Schienenverkehr gewechselt sind“, schließen die Statistiker. Und was ist mit Bussen? Die Daten zeigen nicht, ob jemand den Bus oder ein Auto genommen hat. Aber die Statistiker vermuten es.

    Dass einige das eigene Auto stehen ließen, legen auch Staudaten des Verkehrsdatenspezialisten Tomtom nah. In 23 von 26 Städten brauchten Pendler danach im Juni weniger Zeit zur Arbeit und zurück als im Mai. Der Schluss: Viele stiegen auf Busse und Bahnen um, so dass weniger Fahrzeuge unterwegs waren und die, die noch Auto fuhren, flüssiger durchkamen.

    Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind Durchschnittswerte für ganz Deutschland. Unterschieden in Stadt und Land haben die Statistiker nicht. Gerade in sehr ländlichen Gebieten ist der Nahverkehr in Deutschland eher schlecht.

    Die Statistiker werteten anonymisierte Mobilfunkdaten des Anbieters Telefonica (02, Blau, Fonic) aus, die die Firma Teralytics aufbereitet hat. Rückschlüsse auf einzelne Personen sind nicht möglich. Die Statistiker nutzten nur Daten, wenn Sim-Karten an Start- und Zielpunkten mindestens 30 Minuten verweilten. Erfasst wurden nur Entfernungen ab 30 Kilometer. Für kürzere Strecken sind die Daten nicht zuverlässig.

  • Urlaub vom Sofa aus

    Kommen bis 2030 virtuelle Reisen?

    Warum in die Ferne schweifen? Die Zukunft des Reisens könnte auf dem heimischen Sofa liegen, von wo aus sich im Ballon über die spektakuläre Kegellandschaft Kappadokiens in der Türkei fahren, der Eiffelturm besteigen oder der Blick vom 600 Meter hohen Preikestolen über den norwegischen Lysefjord genießen lässt. Das sogenannte Metaversum und 3D-Brillen machen es möglich – und 21 Prozent der Deutschen glauben, dass wir 2030 virtuell verreisen, wie eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom ergab.

    Schwere Zeiten kommen auf spektakuläre Urlaubsziele allerdings wohl nicht zu: 87 Prozent der Befragten sagen, dass die klassische Reise wichtig ist, um vom Arbeitsalltag abzuschalten. Kein Wunder: Ist das Metaversum doch nur eine digitale Kopie. Und da kann das eigene Abbild, ein sogenannter Avatar, sich zwar im virtuell nachgebauten Urlaubsort, etwa Mallorca, an den Strand stellen, das richtige Badegefühl kommt aber wohl eher nicht auf. Auch richtig Party zu feiern, wird schwierig.

    In anderer Hinsicht wird die Digitalisierung für den Urlaub immer wichtiger: 58 Prozent informieren sich auf Reise- und Vergleichsportalen, 45 Prozent direkt bei Hotels und Reiseveranstaltern – mehr als bei der letzten Umfrage 2020. „Die digitalen Medien haben deutlich an Bedeutung gewonnen“, sagte Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder. Damals hatte der Verband bereits nach Urlaub und Digitalisierung gefragt. Immer wichtiger wird auch Social Media: Vier von fünf Befragten lassen sich dort von Bildern und Berichten aus dem Freundeskreis und der Familie anregen.

    Insgesamt informierten sich 70 Prozent der Deutschen online, 34 Prozent gingen ins Reisebüro. Wie die Zahlen zeigen, nutzen einige auch beide Möglichkeiten. Vor zwei Jahren besuchten noch 41 Prozent ein Reisebüro, 68 Prozent suchten online nach Informationen. Dabei lesen zwei Drittel der Reisenden die Onlinebewertungen anderer – mit Vorsicht, denn sie könnten gefälscht sein. Verdächtig aus Sicht der Befragten: zu viele negative (82 Prozent) oder zu viele sehr positive Bewertungen (61 Prozent).

    Das Geschäft mit dem Urlaub verlagert sich also immer mehr in Netz. Das zeigt sich auch daran, wo das Geld landet. 53 Prozent der Bundesbürger buchen online, 45 Prozent gehen dafür ins Reisebüro. Die Umfrage offenbart ein Altersproblem der klassischen Anbieter: Sechs von zehn Deutschen unter 65 buchen online und deutlich seltener im Reisebüro. Dort sind vor allem diejenigen, die über 65 sind (sechs von zehn).

    Gebucht werden im Netz vor allem Unterkünfte, Flüge, Zugfahrscheine, Mietwagen, Eintrittskarten – und Pauschalreisen. Selbst ein knapp ein Viertel derjenigen, die überhaupt auf Kreuzfahrten gehen, planen und bezahlen über das Netz. Die Hälfte kann sich das vorstellen. Online zu buchen, hat der Umfrage zufolge vor allem praktische Vorteile: keine Öffnungszeiten (86 Prozent), bessere Vergleichbarkeit (84 Prozent), größeres Angebot (60 Prozent), Zeitersparnis (58 Prozent).

    In acht Jahren, ist sich eine deutliche Mehrheit sicher (65 Prozent), würden klassische Reisebüros ausgestorben sein. Bitkom-Geschäftsführer Rohleder sieht nicht ganz so schwarz. Denn Urlaub online zu buchen hat zwei entscheidende Nachteile: 58 Prozent der Befragten fehlt der persönliche Kontakt, 47 Prozent wollen sich nicht um alles selbst kümmern. Rohleder empfiehlt ein Modell, das persönliche Ansprache und online verbindet. Er kann sich auch vorstellen, dass ein Reisebüro einen Berater zu den Kunden nach Hause schickt. Und: „Die Reisebüros müssen gezielt junge Menschen ansprechen.“

    Das Digitale beeinflusst auch die Planung im Urlaub selbst. Drei von fünf Befragten haben bereits ein Ausflugsziel nur gewählt, um dort ein besonderes Foto zu machen und es dann in sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram, Twitter oder Tiktok zu teilen. Bitkom-Geschäftsführer Rohleder nannte die Zahlen bemerkenswert. Der Fotowahn treibe seltsame Blüten. So bringt die Aussicht auf spektakuläre Bilder die Deutschen auch dazu, Absperrungen und Verbotsschilder zu ignorieren. Immerhin 17 Prozent bekannten sich dazu.

  • Eigenverantwortung zählt

    Zur Debatte über Home-Office-Regeln

    Viele Beschäftigte haben sich jahrelang gefragt, warum sie nicht wenigstens ein paar Tage von zu Hause aus arbeiten und sich so zum Beispiel die Fahrt ins Büro und zurück sparen können. Die Corona-Pandemie hat dann alle Vorbehalte von Unternehmern und Behörden wegfallen lassen. In der Krise ging es darum, den Betrieb am Laufen zu halten. Deutschland hat einfach mal gemacht – in diesem Umfang eine neue Erfahrung. Wir haben knapp zwei Jahre mit der neuen Heimarbeit experimentiert. Und es läuft überraschend gut.

    Doch sie hat ihre Tücken, wie eine Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes zeigt: längere Arbeitszeiten, unbezahlte Überstunden und weniger Pausen stressen zumindest einen Teil der Beschäftigten. Hier muss sich etwas ändern. Jetzt nach dem Gesetzgeber zu rufen, greift allerdings zu kurz.

    Natürlich muss es klare Leitlinien geben für die neuen Formen des Arbeitens. Entsprechend ist der Gesetzgeber gefragt. Aber es geht nur um den groben Rahmen. Wie die Lage in einzelnen Branchen oder Betrieben aussieht und was für einen reibungslosen Betrieb erforderlich ist, wissen am besten die Tarifpartner, die Regeln festlegen sollten. Also Gewerkschaften und Arbeitgeber. Auch letztere haben ein Interesse daran, dass es den Beschäftigten gut geht – sonst bleibt Arbeit liegen. Und angesichts des Personalmangels allerorten ist die Belegschaft noch wertvoller geworden.

    Gefragt ist ganz entschieden auch jeder und jede einzelne selbst. Denn letztlich bestimmt die Person, die am heimischen Schreibtisch arbeitet, wie lang sie Mittagspause macht, ob sie nach 23 Uhr noch E-Mails liest oder zum Telefon greift. Daran ändern auch staatliche oder betriebliche Regeln nichts.

  • Auf Kante genäht

    KiK-Chef Zahn kontrolliert seine Zulieferer in Bangladesch und Pakistan. Nach den katastrophalen Unfällen vor zehn Jahren scheint die Sicherheit der Beschäftigten meist gewährleistet. Beim Lohn allerdings hapert es.

    Kaum angekommen, stürmt Patrick Zahn die Treppen hoch. Etwas außer Puste tritt er im achten Stockwerk auf das flache Betondach der Fabrik hinaus. 35 Grad, feuchte Luft, die Sonne scheint grell. Der Chef des deutschen Textildiscounters KiK stattet hier in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, einen Kontrollbesuch ab. „Jetzt den Schlauch anschließen“, verlangt ein mitgereister KiK-Manager.

    „Feuerwehr“ und „Rettung“ steht auf den gelben Westen der beiden Arbeiter, die den grauen Schlauch ausrollen, die Düse aufsetzen, sich in Position stellen. Ein dritter öffnet das Ventil. Meter für Meter schwillt die Leitung an, bis ein armdicker Strahl bräunlichen Wassers über das Dach schießt. Zufriedenheit in den Gesichtern. Das hat geklappt.

    Zahn, hellblaues Freizeithemd, hochgekrempelte Ärmel, Sportschuhe, lässt sich erklären, was die Eigentümer der Fabrik tun, um Brände zu vermeiden und zu bekämpfen. „Nun wollen wir einen elektrischen Schaltschrank sehen“, fordert sein Mitarbeiter. Die 20-köpfige Gruppe steigt das Treppenhaus wieder hinab.

    Für sehr günstige Bekleidung ist KiK in Deutschland bekannt. Eine Herrenhose bekommt man in den Geschäften schon für 6,99 Euro, T-Shirts ab 3,99 €, Sportschuhe ab 9,99 €. Von diesem Billigimage ist nichts zu spüren, als die KiK-Delegation einige ihrer Lieferanten in Asien besucht. Im Gegenteil: Patrick Zahn tritt hier als anspruchsvoller Kunde auf, der Qualität einfordert. Er drängt darauf, dass die Fabriken, die die KiK-Textilien herstellen, Millionen Euro in die Sicherheit ihrer Beschäftigten investieren.

    Zahn bearbeitet ein Trauma: Vor neun Jahren stürzte die Fabrik Rana Plaza in Dhaka ein. Mehr als 1.100 Tote. Vor zehn Jahren brannte Ali Enterprises in Karachi, Pakistan, ab. 259 Tote.

    Wie ist die Situation heute? Passt das wirklich zusammen – billige Klamotten und gute Arbeit?

    Ventilatoren surren unter den niedrigen Decken. Neonlicht erleuchtet lange Reihen von Nähmaschinen. Dutzende Arbeiter:innen sitzen eng hintereinander, mehrere Herstellungslinien nebeneinander. Dazwischen Berge von Stoffen, Stapel von Einzelteilen, die am Ende zu Kleidungsstücken zusammengefügt werden. Hunderte Male täglich zieht jede Beschäftigte an ihrer Maschine dieselben zwei, drei Nähte, gibt die Stücke an die Kolleg:innen weiter, die die nächsten Schritt ausführen. Kurze, präzise Handgriffe, alles geht sehr schnell. Schwere Arbeit, die leicht aussieht. Bis zu elf Stunden täglich, sechs Tage pro Woche.

    Ein Arbeiter öffnet jetzt den Schaltschrank in einer Ecke des Produktionsgeschosses. Zahns Leute schauen sich die Verdrahtung an. Reicht sie für die Stromstärke, in welchem Zustand sind die Sicherungen? KiK hat von seinen Zulieferern in den vergangenen Jahren verlangt, die Elektrik zu modernisieren, denn Kurzschlüsse können Brände auslösen. Nun wird der Strom im gesamten Stockwerk gekappt. Das Rauschen der Propeller und Maschinen verstummt. Leuchten die Schilder über den Notausgängen trotzdem, damit das Personal bei Bränden den Weg nach draußen findet? Und funktionieren die Alarmsirenen in allen Stockwerken? Abgehacktes, lautes Tröten. Okay, Zahn nickt, hört sich gut an.

    Weiter zum Check der Feuerlöscher im Erdgeschoss. Vorbei an den Näherinnen und Nähern, die die Fremden fasziniert und ein bisschen ängstlich betrachten, hetzt der Tross weiter. Mit dabei immer ein paar Arbeiter:innen, die eilfertig Papiertücher reichen, wenn den Besucher:innen der Schweiß über die Gesichter rinnt.

    Die KiK-Leute drängeln. Sie reiten hier ein wie die Herren, geben Anweisungen und setzen die einheimischen Manager unter Druck. Der Besuch war zwar angekündigt, aber erst vor Ort entscheiden Zahn und seine Leute, was genau sie sehen wollen. Die Fabrik soll keine Chance haben zu schummeln. Alle Sicherheitssysteme müssen jederzeit funktionieren. „Wir reden Tacheles und lassen uns nicht einlullen“, sagt der KiK-Chef. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es der größte Fehler ist, wenn man zunächst mit den Besitzern im Büro plaudert und sich dann erst etwas zeigen lässt.“

    Welche Fabriken bei dieser Reise besucht werden, hat KiK ausgesucht. Der journalistische Einblick ist deshalb begrenzt. Grundsätzlich denkbar ist, dass alle Firmenvertreter und Beschäftigten ein geschöntes Bild zeichnen. Nicht ausgeschlossen erscheint, dass die Arbeitsbedingungen anderenorts schlechter sind, beispielsweise bei den Zulieferern der Zulieferer. Der Korrespondent, der die Reise unter anderem mit Unterstützung der taz unabhängig finanziert, ist der einzige Medienvertreter. KiK-Chef Zahn will demonstrieren, dass sich in seiner Firma etwas verändert hat.

    Es geht hier um viel. In dem Fabrikgebäude Rana Plaza, das 2013 einstürzte, waren auch Textilien für KiK hergestellt worden. Nicht nur starben über 1.100 Beschäftigte, 2.500 weitere wurden verletzt. So etwas soll nicht noch einmal passieren. Damals merkten viele Kund:innen in Europa und Nordamerika erst, unter welch schlechten Bedingungen die Herstellung der Konsumgüter stattfand, die hiesige Geschäfte anboten. Hatte KiK als Textildiscounter in wohlhabenden Bevölkerungsschichten vorher schon keinen guten Ruf, sackte das Image durch Rana Plaza noch mehr ab. „Viele Bürger hatten Bedenken, ob sie unsere Produkte kaufen können“, sagte Zahn 2017 in einem taz-Interview. Und „neue Mitarbeiter zu finden, gestaltete sich zeitweise schwierig, weil Vorbehalte gegen die Firma bestanden.“

    Auch wegen Rana Plaza beschloss der Bundestag im vergangenen Jahr das Lieferkettengesetz. Ab Anfang 2023 müssen alle in Deutschland tätigen Unternehmen mit mehr als 3.000 Beschäftigten die sozialen und ökologischen Menschenrechte der Arbeiter:innen ihrer weltweiten Zulieferfabriken schützen, unter anderem für Gebäudesicherheit und Brandschutz sorgen – in allen Branchen, nicht nur der Textilwirtschaft. Und bald dürfte eine EU-Richtlinie folgen, die schärfer ausfällt als das deutsche Gesetz. Währenddessen hat KiK – Folge der Rana Plaza-Katastrophe – einen Teil des Wegs schon zurückgelegt, den die meisten Firmen erst beginnen.

    Zwei Autostunden von der Zulieferfabrik entfernt sitzt Amirul Haque Amin an einem langen, blauen Tisch im fensterlosen Besprechungsraum. Seine Mitarbeiterin bringt Kaffee. Die Wände sind mit farbenfrohen Flugblättern für Demonstrationen, Plakaten, Aufrufen und Zeitungsausschnitten tapeziert, auf vielen ist Amin, der Boss, zu sehen. Er leitet die Nationale Textilarbeiter Gewerkschaft von Bangladesch – die größte und älteste derartige Organisation, wie er sagt.

    Ihm reicht nicht, was KiK tut. Ja, das Leben der Beschäftigten sei nun besser geschützt, meint er. Was aber ist mit dem Lohn?

    8.000 Taka betrage der staatlich festgesetzte Mindestlohn, erklärt der Mann mit den kurzen, grauen Haaren, umgerechnet rund 85 Euro für einen Monat Arbeit. Erstaunlich wenig, selbst Hartz IV-Empfänger bekommen in Deutschland das Zehnfache. Aber Bangladesch ist ein armes Land. Dort leben doppelt so viele Menschen wie hier, ihnen steht aber nur etwa ein Zehntel unseres Wohlstandes zur Verfügung. Also sind die Löhne viel niedriger. In einem armen Land produzieren lassen, in einem reichen verkaufen – das ist ein Mechanismus der Globalisierung.

    Auch seine 100 Zulieferer im Land zahlen den Mindestlohn, erklärt KiK, plus Zuschläge für höhere Qualifikation und Überstunden. So erhalten viele Arbeiter:innen Monatsverdienste von bis zu 13.000 Taka, ungefähr 136 Euro. „Aber das ist nicht genug“, schimpft Amin nun, „es müssten mindestens 20.000 sein“ (210 Euro).

    An seinem einzigen freien Tag der Woche ist heute ein Arbeiter zu Amin ins Büro gekommen – extra, um mit dem Journalisten zu sprechen. Hossain, 25 Jahre, ist Näher in einer der KiK-Fabriken. Mit Vater, Mutter, Schwester und Bruder lebt er in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Der Vater arbeitet auf dem Bau, Hossain selbst bringt 13.000 Taka nach Hause. Er rechnet vor: Die Miete kostet fast 10.000, die Lebensmittel für einen Monat 15.000. Damit seien die beiden Einkommen nahezu aufgebraucht, mit den täglichen Busfahrten, Kleidung und Hygieneartikeln wird es schon knapp. Beispielsweise für Arztbesuche bleibt nichts übrig. Als sein Bruder krank wurde, berichtet Hossein, habe er einen Kredit für die Behandlung aufgenommen, den er bis heute abbezahle. Eine öffentliche Krankenversicherung gibt es in Bangladesch nicht.

    Existenzsicherndes Einkommen, „living wage“, heißt das Konzept, das Gewerkschafter wie Amin dieser kargen Realität entgegensetzen. Für Bangladesch sollte es zwischen dem Zweieinhalb- und Fünffachen des Mindestlohns liegen, je nach Berechnung verschiedener Organisationen. Und wie wird das Wirklichkeit? „KiK könnte seinen Lieferanten höhere Einkaufspreise zahlen“, schlägt Amin vor. Diese Prämie müssten die Fabriken dann an ihre Beschäftigten weiterreichen. Heute sei das Gegenteil die Regel: Die europäischen und amerikanischen Firmen würden ihre Lieferanten in Bangladesch gegeneinander ausspielen, deren Preise drücken und damit verhindern, dass die Gehälter der Arbeiter:innen steigen. Amins Kollegin Kalpona Akter sieht es ähnlich: „Zusammen mit anderen Auftraggebern sollte KiK vorangehen“ und Prämien über den zu niedrigen Mindestlohn hinaus zahlen.

    Patrick Zahn ist auf dem Weg zur nächsten Fabrik. Der Chauffeur lenkt. Man sitzt klimatisiert auf der Rückbank des geräumigen Toyota-SUVs. Reisezeiten von zwei Stunden für 15 Kilometer sind keine Seltenheit. Außerhalb der getönten Scheiben spielt sich das tägliche Gewühl des Straßenverkehrs der 18-Millionen-Einwohner-Stadt Dhaka ab. Hitze, Staub, Stau, alle hupen. Wo immer eine Gasse entsteht zwischen Pkw, Bussen und Containertransportern, quetschen sich Motorrikschas und Mopeds hindurch, auf denen manchmal ganze Familien sitzen.

    „Ich will mit gutem Gewissen ins Bett gehen können“, sagt der 45jährige Manager. Seit 2016 führt er KiK im Auftrag der Eigentümer, der Tengelmann-Gruppe. Zuvor leitete er dort den Vertrieb. Der Zusammenbruch der Fabrik Rana Plaza, die Toten und das Leid der Hinterbliebenen hätten ihn „tief angetrieben, das Unternehmen zu verändern“. Wenn er hinzufügt, „das haben wir geschafft“, wirkt er im Reinen mit sich.

    Was aber ist mit den miesen Löhnen in den Textilfabriken? Deren Existenz lässt sich kaum bestreiten.

    Mehrere Argumente zählt Zahn dazu auf. Erstens: Die Fabriken gehören nicht KiK, sondern selbstständigen Unternehmern in Bangladesch. Zahn zahlt Preise für Lieferungen, nicht Löhne für Beschäftigte. Für letztere sei nicht er als Auftraggeber verantwortlich. Sondern – zweitens – unter anderem die Regierung von Bangladesch, die den Mindestlohn festlege. Tatsächlich ist dieser von 3.000 Taka 2013 auf mittlerweile 8.000 Taka (etwa 85 Euro) gestiegen. Weitere Erhöhungen dürften folgen.

    Drittens will Zahn nicht andere Firmen wie Aldi, Lidl, Pepco oder Inditex (Zara) subventionieren, die teilweise in denselben Zulieferfabriken produzieren lassen. Zahlte KiK einseitig höhere Preise, hätten diese Konkurrenten einen Kostenvorteil, weil sie sich nicht beteiligen.

    Aber kann der Discounter leicht höhere Einkaufspreise nicht verschmerzen, wenn er sie an seine Kund:innen in den Geschäften weiterreicht? Schließlich beträgt der Anteil des Arbeitslohns, der beispielsweise in einer Zehn-Euro-Jeans steckt, nur wenige Prozent, so dass schon ein Aufschlag von etwa 50 Cent im Endkundenpreis ausreichen müsste, um die Verdienste der Zulieferbeschäftigten ungefähr zu verdoppeln – wenn sie diese Prämie auch ausgezahlt bekämen.

    „Kunde ist König“ – dafür steht die Abkürzung KiK. Vergleichsweise arme Leute können sich beim Discounter für vielleicht 40 Euro von den Schuhen bis zur Jacke einkleiden. Wer Hartz IV bezieht oder einen Niedriglohn – diese Schicht umfasst in Deutschland ungefähr ein Fünftel der Bevölkerung – spüre einen Preisaufschlag von 50 Cent pro Kleidungsstück durchaus und gehe dann mitunter lieber zur Discount-Konkurrenz, sagt Zahn. KiK verliert damit Marktanteil, fürchtet der Manager. Ein schwieriges Argument: Niedrige Löhne in Deutschland begründen dann niedrige Löhne in Bangladesch. Armut rechtfertigt Armut.

    In der nächsten Fabrik erwarten Zahn die mit Gewehren bewaffneten Sicherheitsleute vor dem Metalltor. Die beiden dicken Limousinen rollen auf den Hof, der Firmenbesitzer, seine Tochter plus Untergebene begrüßen den Kunden aus Deutschland, kurzes Händeschütteln, dann startet der Sicherheitscheck. Auf dem Weg begegnet Zahn sich selbst. Er lächelt von einem großformatigen Begrüßungsfoto, das im Treppenhaus hängt, daneben der Plan der Fluchtwege.

    Hier verlangen die KiK-Leute auch, Interviews mit dem Beschäftigten-Komitee zu führen, das Beschwerden der Arbeiter:innen bearbeiten soll. Ein im Vergleich zur tropischen Außentemperatur tiefgekühlter Besprechungsraum, glänzende Bodenfliesen, dunkler Schreibtisch. Vertreter der Zulieferfirma sind nicht anwesend. Der junge Arbeiter – barfuß, Corona-Maske über dem schwarzen Bart – ist Vize-Vorsitzender des Komitees. Unter anderem berichtet er, dass er regelmäßig elf Stunden täglich an der Nähmaschine sitze, zu den acht normalen kämen drei Überstunden. Macht 66 Arbeitsstunden wöchentlich. Zum Vergleich: In Deutschland leisten die meisten Arbeitnehmer:innen um die 40.

    Abendessen im Hotel. Zahn, unrasiert, Hemd zerknittert, entspannt sich, plaudert. Im Sakko sieht man ihn selten. Er ist ein nahbarer Typ, interessiert sich für die Erfahrungen und Meinungen anderer Leute. Manager-Arroganz ist kaum zu spüren. Wobei er einräumt, eine „kurze Lunte“ zu haben. Als er jetzt eher nebenbei von der langen Arbeitszeit in der Fabrik erfährt, sackt seine Laune schlagartig unter Null. 66 Stunden pro Woche widersprechen dem Verhaltenskodex von KiK, der in den Zulieferfirmen aushängt. Dieser orientiert sich auch am deutschen Arbeitszeitgesetz: 60 Stunden wöchentlich gelten als Obergrenze.

    Noch beim Essen ordnet der Vorstandsvorsitzende eine Untersuchung an. Er will wissen, ob die Zeitüberschreitung eine Ausnahme oder gang und gäbe ist. Sein Mitarbeiter windet sich: Das könne immer mal vorkommen, gleiche sich im Verlauf von Monaten aber aus. „Wenn diese Information stimmt, dann geht das so nicht und wir schicken morgen unsere Agentur hin“, befiehlt Zahn. KiK arbeitet mit einheimischen Vermittlern zusammen, die das tägliche Geschäft zwischen Lieferant und Kunde koordinieren, aber auch unangemeldete Kontrollvisiten durchführen. Am nächsten Abend ist das Ergebnis da: Zu lange Arbeitszeiten kommen in der Firma bei zehn Prozent des Personals vor. KiK gibt dem Management nun einige Wochen Zeit, den Fehler abzustellen. Bei einem weiteren Besuch werden die beauftragten Kontrolleure das überprüfen.

    Zahn ärgert sich. Wer ist denn Mitglied im Bangladesh Accord und wer nicht? Das ist ein Vertrag zwischen internationalen Auftraggebern und Gewerkschaften, erstmals abgeschlossen 2013 als Reaktion auf die Rana Plaza-Katastrophe. Rund 1.700 Textilfabriken in Bangladesch werden regelmäßig kontrolliert, ob sie baulich stabil und gegen Feuer geschützt sind. Fast 200 global agierende Unternehmen machen mit – aus Deutschland unter anderem Adidas, Aldi, Esprit, Hugo Boss, Lidl, Rewe. Und KiK. Händler wie New Yorker, Tedi, Woolworth oder auch Pepco aus Polen fehlen auf der Liste des Accords dagegen. „Wir haben einige Wettbewerber, die niedrigere Standards praktizieren als KiK und von unseren Anstrengungen profitieren“, sagt Zahn. Mit Kritik solle man sich doch in erster Linie diese Firmen vorknöpfen und nicht ständig in seinem Unternehmen nach Problemen suchen. Er fühlt sich ungerecht behandelt.

    Zur Wahrheit gehört jedoch auch: In der Lohnfrage bewegt sich so gut wie nichts. Gezahlt werden meist nur die von den Regierungen der Produktionsländer festgesetzten Mindestlöhne plus Überstunden. Wobei die Untergrenze bloß bei einem Drittel oder Viertel dessen liegt, was Organisationen wie die Asia Floor Wage Alliance, ein Zusammenschluss von Aktivisten, Gewerkschaftern und Wissenschaftlern, als existenzsichernde Bezahlung errechnen. Ausnahmen praktizieren allenfalls kleine Unternehmen, die sich an Fairtrade-Standards orientieren, wobei deren Marktanteil über eine Nische im Textilhandel bisher nicht hinauskommt.

    Der Stillstand liegt auch an KiK, aber nicht nur. Die anderen europäischen und nordamerikanischen Auftraggeber bewegen sich ebenfalls nicht. Bei den Lohnkosten schlagen sich die großen Marken insgesamt in die Büsche. Der wesentliche Grund: Die Löhne der Lieferanten machen einen kleinen, doch relevanten Posten in den Kalkulation der Unternehmen aus. Wächst dieser, wird es auf die eine oder andere Art teurer, etwa in Gestalt einer geringeren Gewinnmarge, höherer Endkundenpreise oder eines sinkenden Marktanteils. Diesen Effekt wollen alle vermeiden.

    Eine kleine Oase in dem grauen, lauten und wühligen Industriegebiet von Dhaka: Es gibt einen künstlichen Weiher, am Rand stehen Mangobäume, der Meeting-Pavillon ist über einen hölzernen Steg zu erreichen. Inmitten seines Fabrikareals hat der Besitzer sich und seinen herausgehobenen Gästen ein Refugium der Lebensqualität eingerichtet. Die Küche ist ausgestattet mit Highend-Haushaltselektronik aus Europa. Man reicht Pizza, Obst und Chickenwings, scharf gewürzt. Kunde und Lieferant plaudern über´s Geschäft. Der Eigentümer erwähnt, dass die Preisvorstellung von KiK seine Gewinnmarge gegen Null drücke. Das lässt sich bezweifeln, wie der Ort des Gesprächs zeigt. Gegenfrage: Würde er die Löhne der Arbeiter:innen erhöhen, wenn der deutsche Auftraggeber die von den Gewerkschaften geforderte Prämie zahlte? Es folgen Ausflüchte und Umschweife. Angeblich steigen die Löhne sowieso, weil es schwer sei Personal zu bekommen.

    Das Hin- und Hergeschiebe der Verantwortung geht beim Verband der Textilindustrie von Bangladesch weiter. Bessere Gehälter für die Beschäftigten? Wären die ausländischen Konzerne großzügiger, ließe sich vielleicht etwas machen, heißt es. Aber die Arbeitnehmer:innen sollten bitte auch etwas bescheidener sein. Schließlich verdienten sie schon jetzt mehr als die Lehrer:innen an staatlichen Schulen.

    Sie geht Patrick Zahn auf die Nerven, diese ständige Debatte über die zu niedrigen Löhne. Jedoch scheint sie bei ihm auch etwas zu bewegen. Nach einigen Tagen gemeinsamen Fabrik-Hoppings formuliert er eine Idee: Ließe sich der Bangladesch Accord nicht um eine soziale Säule erweitern? Wie wäre es, wenn Kunden, Lieferanten und Gewerkschaften gemeinsame branchenweite Lohnerhöhungen vereinbarten, die den großen Vorteil beinhalteten, dass sie für die Mehrheit der Firmen gleichermaßen gelten? Nicht einzelne Unternehmen liefen damit Gefahr, die Kosten alleine zu tragen und ihre Marktposition zu verschlechtern. Ein wesentliches von Zahns Argumenten gegen auskömmliche Verdienste in der Lieferkette fiele damit weg.

    Gewerkschafter Amin kann der Idee etwas abgewinnen – grundsätzlich. Im nächsten Moment ist er skeptisch: „Wollen die das wirklich?“ Oder ist es wieder nur ein Vorschlag, um Zeit zu gewinnen? Das lässt sich augenblicklich schwer sagen. Wobei der Accord in der nächsten Zeit eigentlich anderes auf dem Programm hat. Ein weiteres Land, zum Beispiel Pakistan, soll aufgenommen werden. Dann würden alle Ressourcen erst einmal dafür verwendet, die Sicherheit tausender zusätzlicher Fabriken auf den nötigen Stand zu heben. Schneller ginge es wahrscheinlich, wenn KiK zusammen mit anderen Konzernen ein Pilotprojekt zum Existenzlohn in einigen Zulieferfirmen startete und einfach mal anfinge.

    Zahns Reise führt jetzt nach Pakistan, das Land ist für KiK heikler als Bangladesch. Dort gibt es noch kein Abkommen wie den Accord. Die Marken und ihre Zulieferer machen, was sie wollen. Das Desaster, das sich vor zehn Jahren zutrug, ist zudem noch mehr mit dem Namen der Firma verbunden als der Einsturz von Rana Plaza. Beim Brand der Textilfabrik Ali Enterprises 2012 starben 259 Beschäftigte. KiK zahlte Schadensersatz. Jahrelang verhandelte das Landgericht Dortmund über die Klage von Opfern und Angehörigen auf zusätzliches Schmerzensgeld. Es war ein Präzedenzfall, wenngleich KiK schließlich wegen Verjährung ohne Urteil davonkam.

    Während Zahns Besuchen seiner Zulieferer in Karachi, der pakistanischen Hafenstadt am Indischen Ozean, schwingt die Erinnerung an Ali Enterprises oft mit: Bei den Befragungen durch die KiK-Leute definieren manche Arbeiter:innen ihre Wohnorte, indem sie eine Entfernung zum Ort der Katastrophe angeben.

    Von seinem Verdienst bei einem der 30 KiK-Zulieferer könne er aber ganz gut leben, sagt der Arbeiter im hellblauen Salwar Kameez, dem knielangen Hemd, das hier viele Männer tragen. Ungefähr 20.000 Rupien (etwa 95 Euro) bringe ihm die Arbeit an der Nähmaschine monatlich ein, etwas mehr als den Mindestlohn von 19.000. Und reicht das für einen erträglichen Lebensstandard? Ja, lautet die Antwort, schließlich lebe er im Familienverband, Vater und Bruder verdienten ebenfalls. So könne man auch etwas Geld zurücklegen. Ähnliches berichtet die Arbeiterin im schwarzen Schleier: Auch sie komme mit dem Mindestlohn einigermaßen zurecht, wobei sie als Alleinverdienerin vier minderjährige Kinder und ihre Mutter mitfinanziere.

    „Das kann nicht stimmen“, sagt dazu Nasir Mansoor, der den pakistanischen Gewerkschaftsbund NTUF leitet. Er rechnet vor, dass alleine die Miete und die wegen der Inflation stark steigenden Lebensmittelpreise besonders für Weizen zum Brotbacken den Mindestlohn auffräßen. Seine Erklärung: Wahrscheinlich berichteten die Arbeiter:innen geschönte Versionen ihrer Lebensumstände, da sie damit rechneten, dass der Inhalt der Gespräche den Arbeitgebern zugetragen werde. Wenn KiK Wert auf wahrheitsgemäße Aussagen lege, müssten die Interviews außerhalb der Fabriken und anonym stattfinden, rät Nasir. Er sagt: „Seit Ali Enterprises gab es in den Firmen nur kosmetische Verbesserungen.“ Für KiK sind solche Informationen der Beschäftigten dagegen Bestätigung, dass die Gewerkschaften die Bedeutung der angeblich zu schlechten Bezahlung hochspielten.

    Patrick Zahn konzentriert sich auf die Sicherheit. Ein neuer Fabrikbesuch in Karachi: Während im vergleichsweise liberalen Bangladesch vor allem Frauen an den Nähmaschinen arbeiten, sind hier im streng islamischen Pakistan die Männer in der großen Mehrheit. Probealarm im zweiten Stockwerk: Die Beleuchtung wird abgeschaltet, die Maschinen verstummen. Und jetzt? Ein paar Arbeiter schlendern in Richtung Treppenhaus, um das Gebäude zu verlassen. Viele aber bleiben, stehen in Gruppen zusammen, quatschen, scherzen. Sie nehmen den Alarm nicht ernst. Einer der KiK-Mitarbeiter verlangt lautstark, die Fabrik endlich zu räumen. Schließlich sind alle draußen – viel zu langsam, falls es tatsächlich mal brennt. Das ist nicht das einzige Problem: Im Gebäude fehlen auch Brandschutztüren, und die Verdrahtung der Rauchmelder ist marode.

    „Heute Abend fliege ich zurück“, wendet sich Zahn an den Besitzer, als sie im Büro sitzen, „bei Ihrer Fabrik sehe ich noch diverse Baustellen“. Der Kunde aus Deutschland droht: Bis zum Jahresende müssten die Probleme behoben sein – sonst werde er den Lieferanten aussortieren.

  • Tücken des Atomausstiegs

    Die Regierung will Akw nicht laufen lassen

    Russland dreht Deutschland langsam den Gashahn zu. Und sofort entspinnt sich wieder eine Debatte über die Atomkraft in Deutschland. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) etwa fordert, die drei letzten noch laufenden deutschen Atomkraftwerke zumindest einige Monate am Netz zu lassen und nicht, wie 2011 beschlossen, Ende 2022 endgültig abzuschalten. Man brauche die Energie. Auch in der FDP mehren sich Stimmen. Die Bundesregierung hält am Ausstieg fest. Wer hat recht?

    Bereits im März, kurz nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine, hatte die Bundesregierung überprüft, wie sie reagiert, wenn Russland kein Gas mehr liefert. Immerhin bezog Deutschland 2021 gut 55 seines Gasbedarfs aus Russland. Eine Empfehlung damals: Am Atomausstieg festzuhalten.

    Inzwischen hat Deutschland Gas in anderen Ländern bestellt, mit dem Bau von Flüssiggasterminals begonnen, um unabhängiger zu werden. Jetzt schränkte der staatliche russische Konzern Gazprom die Gas-Lieferungen ein. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) verkündete, Kohlekraftwerke wieder hochfahren zu wollen. Am Atomausstieg wird auch weiterhin nicht gerüttelt. Im Bundesumweltministerium heißt es, der Rahmen habe sich nicht geändert.

    Der Fall hat mehrere Aspekte: Technisch ließen sich die drei Kraftwerke Emsland (RWE), Isar 2 (Eon) und Neckarwestheim 2 (EnBW) weiterbetreiben. Was fehlt, sind zum Beispiel Brennstäbe. ENBW hat den Reaktorkern in Neckarwestheim „so bestückt und berechnet, dass eine Stromproduktion bis 31. Dezember 2022 möglich ist“. Bei RWE heißt es: „Unser Kraftwerk in Emsland ist auf den Auslaufbetrieb zum Ende des Jahres ausgerichtet, zu dem Zeitpunkt wird der Brennstoff aufgebraucht sein.“ Neue Brennelemente zu besorgen, dauert – die Zeitangaben schwanken, Experten rechnen mit zwölf bis 18 Monaten. Das dafür nötige Uran müsste zum Beispiel in Russland oder der Ukraine beschafft werden.

    Möglicherweise fehlt auch Personal. Die Kraftwerksbetreiber haben die Belegschaft so geplant, dass der Betrieb bis Ende 2022 sichergestellt ist. Danach werden nicht mehr alle Mitarbeiter mit besonderen Sicherheitszertifikaten benötigt. Neues Personal müsste umfangreich geschult werden. Sicherheitsfreigaben sind immer auf ein Kraftwerk bezogen. Beschäftigte aus dem inzwischen abgeschalteten AKW Grohnde können also nicht ohne weiteres in Isar 2 arbeiten.

    Atomkraftwerke arbeiten mit Hochrisikotechnologie und werden deshalb intensiv geprüft, um jedes bekannte Risiko auszuschließen. Es gibt laufende Kontrollen und große, sogenannte Periodische Sicherheitsüberprüfungen (PSI). Letztere sind alle zehn Jahre nötig. In Deutschland wird bei laufendem Betrieb geprüft, sie dauern deshalb mehrere Jahre. In der Zeit werden die Anlagen umfangreich auf den neusten Stand der Sicherheitstechnik gebracht.

    Für die drei letzten deutschen AKW waren PSÜ 2009 angesetzt. Die für 2019 geplanten hatte der Gesetzgeber 2011 als unverhältnismäßig angesehen. Schließlich sollte 2022 Schluss sein. Die Anlagen jetzt länger zu betreiben, ist für die deutschen Atomaufsicht, angesiedelt beim Bundesumweltministerium, ohne umfangreiche Prüfungen deshalb nicht zu verantworten. Die nukleare Sicherheit und die staatliche Schadensvorsorge seien unverhandelbar. Über eine Laufzeitverlängerung – auch für nur ein paar Monate, um über den Winter zu kommen – müsste ohnehin der Bundestag entscheiden.

    Es gibt aber noch ein ganz grundsätzliches Problem: Die Betreiber der drei letzten deutschen Atomkraftwerke wollen nicht. Offizielle Anfragen beantworten EnBW, Eon und RWE äußerst zurückhaltend. Bei EnBW heißt es, man habe eine langfristige Strategie für den Rückbau ihrer Kernkraftwerke ausgearbeitet, die seither konsequent umgesetzt werde. „Der gesetzliche Rahmen schließt eine Stromproduktion in den derzeit noch in Betrieb befindlichen deutschen Kernkraftwerken über den 31. Dezember 2022 hinaus eindeutig aus.“ Ein Eon-Sprecher sagte: „Wir bereiten uns seit Jahren sowohl technisch als auch organisatorisch auf die Stilllegung und den Rückbau unserer Kernkraftwerke vor.“ RWE erklärt: „RWE schätzt die Hürden für einen sinnvollen verlängerten Betrieb als hoch ein.“

    Das Bundesumweltministerium berichtet auf seiner Internetseite von den Gesprächen mit den Betreibern. „Sie hätten im Falle einer Laufzeitverlängerung verlangt, dass der Staat ihnen sämtliche rechtlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Risiken abnimmt und die alleinige (Betreiber-)Verantwortung übernimmt.“ Wie das aussehen könnte, ob etwa die Bundesnetzagentur oder eine andere Behörde Anlagen und Personal übernehmen könnte, ist unklar. Zudem hätten die Betreiber auch Abstriche bei der AKW-Sicherheit verlangt. Geklärt werden müsste auch, ob die Betreiber Teile der Stilllegungsprämien zurückzahlen müssten und wer fürs Endlager zahlt.

    Kann Atomenergie überhaupt helfen? Ein bisschen. Im ersten Halbjahr 2022 hatte Atomenergie nach Zahlen des Fraunhofer ISE einen Anteil von rund 6,3 Prozent an der Stromerzeugung. Die Anlagen liefen weitgehend bei Volllast. Bei Gas waren es 10,6 Prozent. Fällt Gas weg, ist immerhin noch die Atomenergie da. Das große Aber: Die Industrie ist der größte Gasverbraucher. Im vergangenen Jahr nahm sie nach Zahlen des Branchenverbands Zukunft Gas 36,5 Prozent des Gases ab. Fast zwei Drittel der Menge wurde für Wärme benötigt – überwiegend Prozesswärme. Ohne die läuft wenig. Und sie lässt sich mit Atomstrom nicht erzeugen. Ähnlich sieht es bei Privatleuten aus: Die Hälfte der 42,9 Millionen Haushalte heizt mit Gas. Das lässt sich nicht kurzfristig auf Strom umstellen.

  • Von Augsburg ins All

    Warum RFA eine Rakete entwickelt

    „RFA? Die Raketenjungs?“ Der Pförtner lächelt. „Linksrum, den Gleisen nach. Dann einfach durchs offene Tor und fragen.“ Es ist sehr still auf dem ehemaligen Osram-Gelände in Augsburg. 1985 startete von hier aus der Siegeszug der Energiesparlampe. Die Produktion ist abgewickelt. Jetzt arbeitet hier RFA an der Zukunft der kommerziellen deutschen Raumfahrt.

    Das Kürzel steht für Rocket Factory Augsburg, eines der zahlreichen Unternehmen, die sich gutes Geschäft im New Space versprechen. Sie tüfteln an Satelliten für Kommunikation oder Erdbeobachtung, denken über erdumspannende Satellitennetze, sogenannte Konstellationen, nach, planen kommerzielle Raumstationen, gar Internet auf dem Mond.

    Die Beratungsfirma Euroconsult schätzt den New-Space-Markt bis 2030 auf 54 Milliarden Euro weltweit. Fast 1400 Satelliten sollen demnach jährlich ins All, vor allem in den sogenannten Low Earth Orbit bis zu 1400 Kilometer über der Erde. Und die Satelliten brauchen kleine, günstige, in Serie gebaute Raketen, wie sie RFA entwickelt. In Deutschland gibt es mit HyImpuls und Isar Aerospace zwei Konkurrenten, weltweit rund 20. Und RFA ist derzeit wohl ganz vorn dabei.

    Jörn Spurmann sitzt im Konferenz- und Videoraum, nur getrennt durch eine Glasscheibe vom Großraumbüro mit Tischreihen voller Kollegen, Bildschirmen und Rechnern. Es sieht so gar nicht nach smarter Raumfahrt und unendlichen Weiten aus. Eher sehr bodenständig. Gemeinsam mit Stefan Bieschenk hat Spurmann RFA 2018 gegründet. Seither arbeiten sie und inzwischen mehr als 180 Beschäftigte an der RFA One, 30 Meter hoch, zwei Meter Durchmesser, bis zu 1,3 Tonnen Nutzlast. Ein sogenannter Small-Launcher, klein im Vergleich zur Falcon-9 der US-Firma SpaceX mit ihren 70 Metern Höhe und 3,7 Metern Durchmesser.

    Die RFA One wird aus bis zu drei Teilen bestehen: die erste Stufe mit neun Triebwerken und dem Haupttank, die die Rakete aus der Atmosphäre befördert, die zweite Stufe mit einem Triebwerk und ganz oben die sogenannte Orbitalstufe für die Satelliten. Die Entwicklung einschließlich der ersten beiden Starts kostet um die 100 Millionen Euro, wie Spurmann sagt. Wenn alles gut läuft, verkaufen sie danach weitere Starts und finanzieren damit die Serienproduktion.

    Bis dahin ist ein solider Investor wichtig. Hinter RFA steht der Bremer Satellitenspezialist OHB, der auch die Mehrheit am Unternehmen hält. Geld gab auch der Finanzinvestor Apollo. Und der neue Chef Stefan Tweraser soll weitere Investoren begeistern. Aber wo entsteht nun die Rakete?

    Aus dem Großraumbüro geht es ins Erdgeschoss. An einer Wand hängt noch der Schriftzug „Ledvance“ zwischen zahlreichen Rohren mit Farbkodierungen, die an die ehemalige Lampenproduktion erinnern. Zeit für einen Umbau hat RFA eher nicht. „Immer mehr Firmen wollen Demonstrationssatelliten in den Weltraum bringen“, sagt Spurmann. „Sie wollen Konstellationen aufbauen und müssen später Satelliten ersetzen. Der Markt entsteht gerade. Und je früher wir die Rakete in den Markt bringen, desto besser.“ Wichtig dabei: „attraktive Preise und Profitabilität.“

    Weil das hier kommerzieller Raketenbau ist und der RFA-Basis-Startpreis von drei Millionen Euro in der Branche als ambitioniert gilt, ist die Rakete nicht nur auf Leistung optimiert, sondern vor allem auch auf Kosten. So hat sich das Unternehmen entschlossen, die erste Stufe der Rakete – der Tank für Kerosin und Sauerstoff mit neun Triebwerken – aus Edelstahl fertigen zu lassen und nicht aus dem leichteren, aber deutlich teureren Carbon. Edelstahl ist einfacher zu verarbeiten und vor allem wiederverwertbar. Denn RFA will die untere der drei Raketenstufen mehrfach einsetzen – ebenfalls, um Kosten zu sparen.

    Viel stammt von Autozulieferern rund um Augsburg, die hohe Stückzahlen günstig liefern können. Die Teile sind nicht immer tauglich fürs All, werden aber bei RFA angepasst. Manchmal überraschen die Lieferanten auch. Zum Beispiel lassen sich die Triebwerke über ein Kardangelenk, auch Gimbal genannt, ausrichten. Ein solches Teil kostet im europäischen Space-Bedarf schon mal mehr als 10.000 Euro. RFA suchte nach anderen Bezugsquellen und wurde im Zubehörhandel für den Motorsport fündig. Gimbal-Preis: rund 200 Euro.

    Auch den rund 15 Meter langen Tank lassen die Raketenbauer fremd fertigen. Der Hersteller beliefert normalerweise die Getränkeindustrie. Und so liegt hier in der Halle ein industriell gefertigter Edelstahltank mit einigen Markierungen und Einbauten. Einzelheiten? Betriebsgeheimnis.

    Ein paar Schritte weiter entsteht in einem Extraraum das vielleicht wichtigste Teil der RFA-Rakete: das Triebwerk. Durch Scheiben ist ein großer Schrank zu sehen – der Laserdrucker, der die Kernteile des Triebwerks druckt. Mit ihm sind deutlich kompliziertere Konstruktionen etwa mit feineren Kanälen für den Sprit möglich, als wenn die Teile gegossen werden müssten. Und weil das Triebwerk als Datei im Computer existiert, lässt sich schnell etwas ändern, und neu drucken.

    Wer jetzt denkt, zu Hause in der Garage auch Triebwerke drucken zu können: So einfach ist es nicht. Spurmann kann es sich nicht verkneifen: „Von der Technologie her ist das Triebwerk immer noch Rocket Science. Es ist zwar etwas einfacher geworden, aber weiter sehr schwierig.“ RFA nutzt eine Kupferlegierung, die der Drucker als Pulver verarbeitet. Und es dauerte lange, bis das Gerät so eingestellt war, dass das gedruckte Teil den Anforderungen des Alls gewachsen war.

    Das Triebwerk hat es auch sonst in sich. RFA setzt auf gestufte Verbrennung, die es sieben Prozent effizienter macht. Die Rakete insgesamt kann dann bis zu 30 Prozent mehr Ladung transportieren. Im Geschäft mit dem All ein enormer Wert. Allerdings ist die Technologie deutlich komplizierter. Weltweit nutzen sie derzeit nur Space X und Blue Origin. „Wir haben großes Glück gehabt, dass bei uns bisher alles so reibungslos geklappt hat“, sagt Spurmann.

    Oben im Großraumbüro steht eine pyramidenförmige Stahlhalterung, Leitungen ragen in alle Richtungen aus einem kupferfarbenen Block, etwa in der Größe eines Schuhkartons: Das Triebwerk, dass den ersten Intensivtest im schwedischen Kiruna bestanden hat. Weitere Dauertests sind für den Sommer im nordschwedischen Kiruna vorgesehen, wo es entsprechende Anlagen gibt, dazu viel Weite und wenig Menschen.

    Für das kommende Jahr ist geplant, neun Triebwerke zusammenzuschalten. Und dann ist alles bereit für den ersten Start, ebenfalls im nächsten Jahr. Ursprünglich angepeilt war 2022, doch der Termin wird kaum zu halten sein. Raumfahrtfirmen schreckt das nicht. „Wir haben zehn Kunden mit einem Ordervolumen von 30 Millionen Euro“, sagt Spurmann. „Das sind Einzelmissionen und eine Kleinstkonstellation mit fünf Satelliten.“

    Auch wenn Spurmann und sein Team erst einmal eine Rakete mit neun Triebwerken bauen, sie denken schon größer. Da wären zum Beispiel die europäischen Galileo-Satelliten. Um sie in die nötige Umlaufbahn zu bringen, ist die RFA One zu klein. „Da müssten wir eine neue Unterstufe bauen, größer im Durchmesser mit mehr Triebwerken. „Das wäre für uns schon wahnsinnig spannend.“

  • Russlands eisige Kälte

    Deutschland muss sparen – mit Außenmaß

    Russland dreht Deutschland den Gashahn zu. Das zeigt, wie sehr der Angreifer der Ukraine unter Druck steht. Wir müssen deshalb jetzt sparen, die Haushalte ebenso wie die Industrie. Damit die Gasspeicher weiter gefüllt werden können und Deutschland gut durch den nächsten Winter kommt.

    Er ist vermutlich die schärfste Wirtschaftswaffe Russlands: der staatliche Gaskonzern Gazprom, der größte der Welt. Und Staatschef Wladimir Putin nutzt ihn jetzt, um seinen Angriffskrieg in der Ukraine auch nach Deutschland zu tragen. Gazprom klemmt den größten Kunden langsam ab und droht so gleichzeitig, die wichtigste Wirtschaftsmacht Europas zu treffen. Die Drohung: Ihr friert im Winter und Europa stürzt in eine Wirtschaftskrise.

    Bisher hatte Russland immer nur gedroht, kein Gas mehr zu liefern. Angriffe auf die Pipelines durch die Ukraine vermied die Armee. Die Unsicherheit, ob Russland tatsächlich auf die hohen Einnahmen aus den Gaslieferungen verzichten will, war wirksamer Teil der Kriegsführung. Das russische Vorgehen jetzt zeigt deshalb, wie sehr offenbar internationale Sanktionen, Waffenlieferungen an die Ukraine und die Einheit des Westens Russland zusetzen. Denn wenn das Gas abgeklemmt ist, hat Putin kaum gleichermaßen wirksame wirtschaftliche Hebel mehr. Dass seine Strategie aufgeht, ist unwahrscheinlich. Denn Deutschland kann sich wehren.

    Neben Öl war Gas 2021 der wichtigste Energieträger in Deutschland. Haushalte haben im vergangenen Jahr 31 Prozent davon verbraucht, vor allem, um zu heizen. Die Heizungen ein oder zwei Grad niedriger einzustellen, würde den Gasverbrauch bereits spürbar senken.

    Gesetzlich verordnetes Frieren sei unsinnig, sagte Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD). Darum geht es auch nicht. Niemand fordert, Gasheizungen abzuschalten. Es geht darum, dass Vermieter die Heizanlagen auf 18 oder 19 statt auf 20 Grad Temperatur hochstellen. Vor allem Hausverwaltungen und große Wohnungsvermieter müssen sich an gesetzliche Vorgaben halten und können nicht einfach die Anlagen niedriger einstellen. Hier muss die Bundesregierung die Vorgaben entsprechend ändern.

    Keine Lösung ist, allen Bundesbürgern, vor allem den Eigenheimbesitzern, vorzuschreiben, wie sie ihre Heizungen einstellen sollen. Das will und kann der Staat nicht überprüfen. Viele heizten angesichts der steigenden Energiepreise und aus Sorge vor sehr hohen Nachzahlungen zum Jahresende bereits Anfang 2021 weniger. Und sie werden deshalb auch in diesem Herbst überlegen, ob nicht erst einmal ein Pullover zusätzlich günstiger ist, als den Regler aufzudrehen, wenn es etwas kühler wird.

    Neben den Haushalten muss auch die Industrie ihren Verbrauch drosseln. Sie nahm 2021 rund 36 Prozent allen Gases ab – vor allem für Prozesswärme und als Rohstoff. Auch hier zwingen die steigenden Preise bereits zum Sparen. Hier radikal abzuschalten, damit Haushalte mollig warm sind, wäre gefährlich: Der mit Abstand größte Gasnutzer ist die chemische Industrie. Die daraus entwickelten Grundstoffe stecken in Medizintechnik, Matratzen, Lack, Dünger, Dämmstoffen, Autos, Arzneimitteln – europa-, ja weltweit. Fällt die Branche aus, steuert Deutschland in eine Wirtschaftskrise.

    Doch Sparen allein reicht nicht. Wir brauchen mehr Gas – aus den Niederlanden, aus Norwegen. Und vielleicht lassen sich die schwimmenden Terminals für Flüssiggas, die die Bundesregierung gemietet hat, noch schneller verbinden als bisher geplant. Dann kann Flüssiggas aus den USA, der Karibik, Nigeria oder aus Katar nach Deutschland geliefert werden.

    Zusätzlich besteht jetzt die Chance, Alternativen voranzutreiben. Erdwärme etwa im großen Stil stärker zu nutzen. Deutschland kann nicht binnen Wochen ändern, was über Jahrzehnte aufgebaut wurde: die Abhängigkeit von russischen Rohstoffen. Aber wir können versuchen, das Beste daraus zu machen.

  • Cazoo gibt Vollgas

    Was der Gebrauchtwagenhändler plant

    Was für eine Serie: Partner der Weltmeisterschaften für Snooker und Darts, Sponsor der Erstliga-Fußballclubs OSC Lille und Olympique Marseille, FC Valencia und Real San Sebastian sowie Trikotsponsor des SC Freiburg – alle Verträge abgeschlossen seit Jahresanfang. Und jetzt Hauptsponsor der erfolgreichen Basketballer von Alba Berlin. Das britische Unternehmen Cazoo muss Sport sehr lieben – und vor allem reichlich Geld haben. Oder doch nicht?

    Was wie wahlloses Geldausgeben aussieht, folgt einem Geschäftsplan. Denn Cazoo verkauft Gebrauchtwagen über das Internet und will die Nummer eins in ganz Europa werden. Ende 2021 starteten die Briten in Deutschland und Frankreich, im Mai in Spanien. In Italien und Portugal sind sie auch bereits vertreten. Für das Ziel muss Cazoo außerhalb eines kleinen Kreises von Autofans bekannt sein. Und dabei sollen in Deutschland der SC Freiburg und Alba Berlin helfen.

    Gestartet hat die Firma 2019 der britische Seriengründer Alex Chesterman. Der 52-Jährige leitet das Unternehmen auch. Er war Mitgründer eines DVD-Versands und Streaming-Dienstes, der heute zum US-Handelsriesen Amazon gehört. Chesterman entwickelte auch das Immobilienportal Zoopla. Die „Sunday Times“ schätzte sein Vermögen im vergangenen Jahr auf umgerechnet 884 Millionen Euro.

    Der britischen Zeitung „Evening Standard“ sagte Chesterman, er sei kein Innovator, nur ein Kopierer. Vorbild für Cazoo ist demnach das US-Unternehmen Carvana. Kopieren muss nicht schlecht sein. Die Gründer von Zalando, inzwischen Europas führende Modeplattform, bauten zu Beginn das US-Unternehmen Zappos nach, inzwischen auch Teil Amazons. Chesterman übrigens will das „Amazon der Autos“ entwickeln.

    Seit 2020 lassen sich in Großbritannien Gebrauchtwagen über Cazoo kaufen, verkaufen, finanzieren und auch abonnieren. Das Unternehmen kauft die Fahrzeuge an, arbeitet sie in eigenen Werkstätten auf, bevor sie an die Kunden gehen. Binnen zwei Jahren entwickelte Cazoo sich zum Marktführer. Für das richtig große Geschäft reicht die Insel aber nicht, deshalb nimmt sich Chesterman jetzt Europa vor.

    Der Markt ist lukrativ, Cazoo schätzt ihn auf rund 442 Milliarden Euro. Das lockt auch andere. Neun kleine Anbieter hat Cazoo bereits gekauft, etwa Brumbrum in Italien oder Cluno in Deutschland. Europäischer Marktführer im Gebrauchtsektor ist die Auto1-Gruppe (Autohero, wirkaufendeinauto.de) aus Berlin, die nicht nur Fahrzeuge kauft und verkauft, sondern auch eine Onlineplattform für Händler betreibt. Die Firma ist in mehr als 30 Ländern aktiv. Und Trikotsponsor von Hertha BSC.

    Chesterman sagte der „Automobilwoche“, in Großbritannien habe man im ersten Jahr 10.000, im zweiten 50.000 Fahrzeuge verkauft. 2022 sollten es 100.000 sein. Ähnliches plane er für Deutschland. Vorgesehen ist ein Netz von Standorten, die die Fahrzeuge aufarbeiten, sowie eine eigene Lieferflotte.

    Die Strategie folgt der des klassischen Startups: Geld einsammeln, Bekanntheit durch sehr hohe Marketingausgaben steigern und wachsen, wachsen, wachsen, um möglichst schnell Nummer eins zu werden und die Konkurrenz zu übernehmen oder sich teuer zu verkaufen. Chesterman sieht Platz für zwei bis drei Unternehmen auf dem europäischen Online-Gebrauchtwagenmarkt.

    Weniger optimistisch ist Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Centers for Automotive Research in Duisburg. „Ich bezweifele, dass Cazoo auf dem deutschen Markt eine sehr große Rolle spielen wird. Alles, was sie bisher zeigen, ist eher enttäuschend“, sagt der Experte. Zudem treten neue Anbieter auf, die in einem anderen Geschäft bereits erfolgreich sind. „Große Online-Anzeigenplätze wie Autoscout steigen in den Handel ein“, sagt Dudenhöffer. „Auch Versicherer, Fuhrparkbetreiber und vor allem große Leasinggesellschaften sehen gute Chancen, ihre zurückgenommenen Fahrzeuge gut auf dem Privatmarkt zu verkaufen.“

    Chesterman betrachtet das womöglich als Chance. Hauptsache, er kann genug Geld für die Expansion beschaffen. Im August 2021 ging Cazoo an die US-Technologiebörse Nasdaq. Das brachte mehr als 800 Millionen Dollar (756 Millionen Euro) ein. Richtig lange gehalten hat das Geld nicht. Im Februar 2022 verschaffte sich Cazoo über eine Wandelanleihe noch einmal 630 Millionen Dollar.

    Die Firma, gemeldet auf der Steueroase Cayman Islands, mit Zentrale in London und deutschem Standort in München, verbrennt kräftig Geld. Allein im vergangenen Jahr gab es 557 Millionen Pfund Verlust, bei einem Umsatz von 667,8 Millionen Pfund. Für Investoren ist aber eine andere Zahl wichtig: 313. Um so viel Prozent wuchs der Umsatz von 2020 zu 2021. Viel Potenzial also.

    Chesterman hält noch 23,1 Prozent der Cazoo-Anteile. Weitere große Investoren sind der US-Finanzinvestor Blackrock und DMGT, der unter anderem die konservative britische Tageszeitung „Daily Mail“ gehört. Mit dem Aktienkurs dürften sie eher nicht zufrieden sein: Nach dem Start mit 9,38 Dollar dümpelt das Papier inzwischen bei 1,50 Dollar herum.

  • Biobauer gegen VW

    Landwirt will klimafreundlichere Firmenpolitik erzwingen

    In Saal 67 des Landgerichts Detmold wird an diesem Freitag ein Fall mit internationaler Bedeutung und möglicherweise einschneidenden Folgen für einen Weltkonzern verhandelt. Biobauer Ulf Allhoff-Cramer aus dem Kreis Lippe hat VW verklagt. Der zweitgrößte Autobauer der Welt soll Verbrenner schneller aus dem Programm streichen als bisher geplant. Ein Verbot solcher Fahrzeuge von 2030 an, fordert Allhoff-Cramer. VW nimmt die Klage nach eigenen Angaben sehr ernst, hält sie aber für unbegründet.

    Der 61-jährige Landwirt klagt, weil er „künftig nicht durch übermäßige CO2-Emissionen in zentralen Rechtsgütern wie Eigentum, Gesundheit und dem Recht auf Erhalt treibhausgasbezogener Freiheit verletzt werden“ will. Kurz: VW soll den Klimawandel nicht mehr befeuern und Allhoff-Cramers Acker und Wald bei Detmold im östlichen Nordrhein-Westfalen dadurch indirekt zerstören. VW allein hatte 2018 einen CO2-Ausstoß von 582 Millionen Tonnen, nach Berechnungen der Kläger etwa ein Prozent des gesamten Weltausstoßes und mehr als der von Australien (527 Millionen Tonnen).

    Unterstützt wird der Biobauer von der Umweltschutzorganisation Greenpeace. Die Klage hat Roda Verheyen formuliert. Die Rechtsanwältin ist in der Branche bekannt. Unter anderem hat sie das Urteil des Bundesverfassungsgericht vom Frühjahr 2021 mit erstritten, das Klimaschutz zu den Grundrechten zählte und die Bundesregierung zwang, ihr Klimaschutzprogramm deutlich nachzubessern und die Belange zukünftiger Generationen mehr zu berücksichtigen.

    Der VW-Konzern verweist auf den radikalen Wandel hin zu E-Mobilität, den sich der Konzern verordnet hat. Er ist unter anderem eine Folge des Dieselskandals, des Aufstiegs des E-Autobauers Tesla zum ernsten Konkurrenten und des Schubs für E-Mobilität in China, dem größten Absatzmarkt der Welt. Die Transformation laufe seit Jahren, heißt es bei VW. „Volkswagen investiert bis 2026 insgesamt 52 Milliarden Euro in die Elektromobilität. Die Ziele für eine CO2-Reduzierung werden regelmäßig angepasst und wurden zuletzt 2022 verschärft.“

    Der Konzern sieht sich in der Branche weit vorn. VW habe sich als erster Autokonzern zum Pariser Klimaschutzabkommen bekannt und wolle bis spätestens 2050 bilanziell klimaneutral sein. Einzelne Konzerntöchter, etwa Audi sind deutlich weiter. Die Ingolstädter wollen spätestens 2030 nur noch E-Autos verkaufen, die Marke VW 2035. Letzteres ist auch das Jahr, das die EU anstrebt für das Ende der Neuwagen mit Benzin- oder Dieselmotor.

    Eine zentrale Frage des Verfahrens ist sicher, ob VW für den CO2-Ausstoß der verkauften Fahrzeuge verantwortlich gemacht werden kann. Schließlich hängt der auch sehr entscheidend davon ab, wer die Autos wie fährt.

    Der Fall erinnert an ein anderes Verfahren, das noch läuft. 2015 hat der peruanische Bergführer Saúl Luciano Lliuya, ebenfalls unterstützt von Greenpeace und Verheyen, den Energiekonzern RWE verklagt. Lliuyas Grundstück unterhalb eines Gletschersees droht, überschwemmt zu werden. Das Eis schmilzt wegen des Klimawandels. RWE, das in seinen Kraftwerken unter anderem große Mengen Braunkohle verfeuere, trage mit 0,47 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes nachhaltig dazu bei, so das Argument. Das Verfahren liegt inzwischen beim Oberlandesgericht Hamm. Demnächst reisen Mitarbeiter des Gerichts nach Peru, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Gewinnt Lliuya drohen RWE weitere Klagen und Zahlungen in Milliardenhöhe.

    Verheyen sieht einen grundlegenden Unterschied: Der RWE-Fall blicke in die Vergangenheit, der Bauer verlange Schadenersatz. Das VW-Verfahren schaue nach vorn, VW solle ein schädliches Verhalten abstellen. In der Klage heißt es: „Der Kläger verfolgt ausdrücklich nicht das Ziel, dass die Volkswagen AG (…) einen Schaden erleidet. Im Gegenteil: Die Beklagte könnte dieses Verfahren vielmehr auch als Gelegenheit erfassen, Maßnahmen zu ergreifen, die auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht nachhaltig vernünftig sind.“

    Völlig abwegig ist es nicht, dass ein Gericht einen Konzern zum Klimaschutz zwingt. Ein niederländisches Gericht verurteilte Shell vor knapp einem Jahr dazu, bis 2030 netto 45 Prozent weniger CO2 freizusetzen als 2019. Das zwingt den größten Ölkonzern Europas, sein Geschäftsmodell nachhaltig zu ändern. Das Urteil gilt als bahnbrechend. Es war das erste seiner Art.

    Unklar ist bisher noch, ob das Landgericht Detmold überhaupt entscheidet, die Klage anzunehmen. Anwältin Verheyen kündigte schon an, dann in die nächste Instanz zu gehen – ans Oberlandesgericht Hamm. Der VW-Konzern rechnet damit, dass das Verfahren durch die Instanzen gehen wird: „Das wird sich sicher ziehen, dauert einige Jahre.“

  • Kräfte der Energiewende

    Hohe Kosten für Sicherheit

    Es ist einer dieser Momente, wo alles passt und sich deshalb wirklich etwas bewegt. Jahrelang taugte das Thema Energiewende als gutes Diskussionsthema – passiert ist wenig. Jetzt geht es sehr schnell. Die Bundesregierung ändert in großem Umfang Gesetze, passt Vorgaben an. Das alles scheint erstmals auch einem zusammenhängenden Gesamtplan zu folgen.

    Angetrieben wird die Energiewende von drei Kräften: Zum einen sind die relevanten Ministerien Wirtschaft, Umwelt und Landwirtschaft alle in der Hand der Grünen, die einem klaren Plan folgen. In den vergangenen Jahren arbeiteten die Ministerien meist eher gegeneinander. Das Wirtschaftsministerium ist zudem durch die Verantwortung für Klimaschutz aufgewertet worden. Und Minister Robert Habeck hat eine Mission. Er setzt nicht nur grüne Politik um. Vereinfacht gesagt: Wer die Energiewende kann, kann auch Kanzler.

    Zum zweiten hat die EU das Thema Klimawandel als herausragend erkannt und verfolgt unter Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ebenfalls die Energiewende. Die EU richtet deshalb Milliardenprogramme neu aus. Die Konzepte ähneln denen Deutschlands. Zum dritten hat Wladimir Putins Angriff auf die Ukraine deutlich gezeigt wie abhängig Deutschland und Europa bei Energie von Russland sind. Um sich davon zu lösen, lässt sich Gas, Kohle und Öl in anderen Ländern kaufen, was neue Abhängigkeiten bringt. Oder Deutschland und die EU verzichten auf fossile Energieträger.

    Was bisher versäumt wurde, wird jetzt nachgeholt. Es wird für Verbraucher und Wirtschaft teuer. Die EU veranschlagt allein für die Unabhängigkeit von russischen Lieferungen rund 300 Milliarden Euro. Wir gewinnen damit aber zusätzlich zum Klimaschutz ein hohes Gut: Energiesicherheit. Und es sieht gerade so aus, dass es auch zu erreichen ist.

  • Das Ende der Gasheizung

    Bund baut Förderprogramme um

    In den vergangenen Wochen hat sich Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) vor allem mit der Energiesicherheit beschäftigt. Jetzt legt er einen umfangreichen Plan vor, wie Energie gespart werden soll. Wer Fördergeld bekommt, soll neu geregelt werden. Konkrete Summen nennt es nicht. Und es deutet das Ende der klassischen Gas- und Ölheizungen an.

    Vieles, was im Papier „Energiesparen für mehr Unabhängigkeit“ zusammengefasst ist, hat die rotgrüngelbe Bundesregierung bereits im Koalitionsvertrag angekündigt. Die Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine für Deutschlands Energieversorgung beschleunigt jetzt noch einmal die Pläne. Die Bundesrepublik ist abhängig von russischem Gas, die Preise für Öl, Gas und Strom kräftig steigen. Weniger Energieverbrauch, vor allem fossiler Energien, sei der günstigste und effizienteste Beitrag zu mehr Unabhängigkeit, heißt es in dem Papier. Gleichzeitig soll auf erneuerbare Energien umgestellt werden.

    Heizungen: Schon von 2024 an muss jede neu eingebaute oder ausgetauschte Heizungsanlage mit mindestens 65 Prozent erneuerbaren Energien betrieben werden. Eine Kombination aus Solarthermie und Gasheizung für Tage, an denen die Sonne nicht scheint, wäre eine Möglichkeit. Mittelfristig wird das aber das Aus für Öl- und Gasheizungen bedeuten, weil sich gemischte Anlagen für viele Hausbesitzer nicht rechnen werden. Das Gebäudeenergiegesetz will die Koalition bis Ende 2022 entsprechend ändern.

    Solaranlagen: Deutschlands Dächer sind bisher weitgehend ungenutzt für die Energieerzeugung. Das Bundeswirtschaftsministerium will sie zum Standard machen. Für Gewerbeimmobilien ist eine Pflicht vorgesehen. Auch hier soll das Gebäudeenergiegesetz noch in diesem Jahr angepasst werden. Unklar ist noch, ob die Pflicht auch für Wohngebäuden gelten soll. Offiziell heißt es, Solardächer sollten „die Regel“ sein. Ein Problem der Pflicht: Es würden auch Anlagen in Schattenlagen installiert, was wenig effizient wäre.

    Neubauten: Bereits geändert hat die Bundesregierung die Förderregeln für Neubauten. Wer ein Haus bauen möchte, muss vom 1. Januar 2023 an den Mindesteffizienzstandard EH 55 einhalten – was bereits heute weitgehend so ist. Von 2025 an gilt dann EH 40.

    Isolierung: alte Fenster und Außentüren, dünne Wände oder Kältebrücken: In alten Gebäuden ist Energiesparen schwierig, weil viel Wärme verloren geht. Zwar werden schon seit Jahren Gebäude isoliert, doch so richtig ist das Programm bisher nicht vorangekommen. „Das größte Energieeinsparpotenzial haben wir bei Altbauten, von denen viele noch schlecht isoliert sind“, sagt Energieexperte Thomas Engelke vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv). Der Staat müsste mehr Geld in die Hand nehmen. Der Bund will jetzt das entsprechende Fördergesetz ändern. Besonders die energetisch schlechtesten Gebäude sollen „adressiert werden“.

    Fördergeld: Energiesparen und der Umstieg auf erneuerbare Energien sind teuer. Die Förderangebote der staatlichen KfW-Bank und des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle will die Bundesregierung deshalb neu gefasst werden. Neben mehr Geld für Altbausanierung ist Geld für den Wechsel der Heizungsanlage (zum Beispiel von Gas zu Wärmepumpe) vorgesehen sowie ein neues Programm für klimafreundliches Bauen, das vom 1. Januar 2023 gelten soll.

    Vermieter: Auf Erdgas und Erdöl erhebt die Bundesregierung einen CO2-Preis.Ob die Mieter eines Mehrfamilienhauses oder die Vermieter ihn zahlen müssen, soll in den nächsten Wochen neu geregelt werden. Der Plan: Je schlechter die Energiebilanz des jeweiligen Gebäudes, desto mehr des CO2-Preises soll der Vermieter übernehmen – ein Anreiz für energetische Sanierung.

    Industrie: Auch hier verspricht die Bundesregierung Geld, vor allem den Industriezweigen, die Grundstoffe herstellen. In Deutschland ist das vor allem die chemische Industrie, die auch sehr energieintensiv ist. Die Idee: Wenn die Kosten für klimafreundliche Prozesse höher sind als die für herkömmliche, will der Bund die Betriebskosten ausgleichen. einer entsprechenden Förderrichtlinie muss die EU zustimmen, weil es unerlaubte Subventionen sein könnten. Geld soll es auch für die geben, die Prozesswärme – besonders wichtig in der Industrie – künftig etwa mit Tiefengeothermieanlagen erzeugen statt mit Gas. Das entsprechende Gesetz soll in diesem Jahr geändert werden.

    Das Bundeswirtschaftsministerium spricht insgesamt von einem Konjunkturprogramm für Handwerker. Ein Problem bei allem: Es fehlen Spezialisten, die Solaranlagen installieren und Wärmepumpen montieren können. Wie der Fachkräftemangel behoben werden kann, ist noch unklar.

    Beim Sparen ist jedenfalls nicht nur der Verbraucher gefragt. „Es ist plakativ, zu sagen, dass die privaten Haushalte die Heizung ein Grad herunterdrehen sollen, um zu sparen. Aber falsch“, sagt vzbv-Energieexperte Engelke. „Alle müssen einen Beitrag zum Energiesparen leisten, nicht nur die privaten Haushalte: auch Industrie, Handel Dienstleister und auch der öffentlicher Sektor.“ Das Bundeswirtschaftsministerium hat das aufgenommen. Für Bund, Länder und Kommunen sind Energie- und Umweltmanagementsysteme vorgesehen – ein eher schwammiger Begriff. Jährliche Energieeinsparziele sind da schon konkreter. Wann es soweit ist, ist offen.

    Grundsätzlich gilt: „Wer plant, die Heizung auszutauschen oder die Fassade zu isolieren, sollte sich unbedingt beraten lassen“, sagt vzbv-Experte Engelke. „Die Kosten lohnen sich.“