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  • CO2-Speicher Nordsee

    Wintershall will leere Öllagerstätten nutzen

    Es ist farblos und kommt in der Natur reichlich vor. In großen Mengen, wie sie vor allem Industrieanlagen ausstoßen, treibt CO2 allerdings die Erderwärmung und den Klimawandel voran. Schnell weniger zu erzeugen, ist anspruchsvoll und stößt auf Widerstand. Wäre es nicht praktisch, das Gas einfach verschwinden zu lassen? Zum Beispiel in der Erde? Wintershall Dea, Deutschlands einziger Gas- und Ölförderer arbeitet gerade daran.

    Deutschland hat 2020 rund 739 Millionen Tonnen Treibhausgas erzeugt, wie das Umweltbundesamt berichtet, mehr als 90 Prozent davon waren CO2. Für 2030 sind nach dem Willen der Bundesregierung 438 Millionen Tonnen geplant. 2045 soll die Neutralität erreicht sein: Es soll nur noch soviel ausgestoßen werden, wie auch gebunden werden kann. Technisch ist das schwierig, vor allem, weil die Zeitspanne recht kurz bemessen ist.

    Wenn sich die Menge nicht schnell verringern lässt, bleibt nur speichern. Zum Beispiel unter dem Meer. Und hier sieht Wintershall Dea Geschäftspotenzial. Dies ist Teil eines Wandels vom reinen Förderer fossiler Brennstoffe in 13 Ländern hin zum Helfer für die Energiewende.

    Das Unternehmen aus Kassel, das zu 67 Prozent BASF gehört, einem der größten Chemiekonzerne der Welt, plant, in großem Stil CO2 in ehemalige Gas- und Ölfelder einzulagern. Der Vorteil solcher Stätten: Sie sind geologisch geeignet, Kohlendioxid aufzunehmen und sie sind dicht. Klaus Langemann, jedenfalls sagt: „Ohne CCS wird Deutschland, wird Europa die Energiewende nicht schaffen.“ Das Kürzel steht für Carbon Capture and Storage, das Abscheiden und Einlagern von Kohlendioxid. Langemann ist Senior Vice President Carbon Management & Hydrogen von Wintershall Dea, praktisch der oberste CO2-Spezialist des Unternehmens.

    Das Abscheiden von CO2 aus der Abluft von Industrieanlagen ist aus Sicht von Langemann technisch kein Problem, ebenso wenig der Transport. Dabei hilft, dass CO2 schon bei einem vergleichsweise geringen Druck von flüssig wird und sich gut durch Pipelines schicken oder verschiffen lässt. Bleibt die Frage der Speicher.

    Grundsätzlich ließe sich CO2 auch an Land speichern, sagt Langemann. Dabei wären auch die Kosten geringer als auf hoher See. Aber es gebe Vorbehalte, daher konzentriere sich das Unternehmen auf Offshore-Speicherung.

    Also die Nordsee. Hier gibt es reichlich Speicherpotenzial. Theoretisch ließe sich der deutsche CO2-Ausstoß von 120 Jahren speichern, sagt Langemann. Dazu müssen allerdings die Speicherorte erschlossen und erforscht werden. Und bevor neue Speicher entwickelt werden, lassen sich die nutzen, die es bereits gibt. Jene Felder, aus denen seit Jahren Öl und Gas gefördert wird.

    Wintershall Dea ist in Europa an Öl- und Gasfeldern in Dänemark, Deutschland, den Niederlanden und Norwegen beteiligt. Und auch in der deutschen Nordsee gebe es interessante Strukturen, sagt Langemann. „Wir haben die Lagerstätten, wir haben die Infrastruktur und wir haben das Wissen, wie es 2000 Meter unter dem Meeresboden aussieht“, sagt der Wintershall-Dea-Spezialist. Entsprechend lässt sich ein neues Geschäftsfeld aufbauen.

    Ein erstes Pilotprojekt namens Greensand läuft gut 200 Kilometer westlich der dänischen Küste. Das Ölfeld dort gehört Wintershall Dea und der britischen Ineos. Die Förderung aus dem Nini-Feld für Greensand werde in etwa zwei Jahren eingestellt, sagt Langemann. Die Lagerstätte sei bereits untersucht und geeignet zum Speichern von CO2. Jetzt beginne Phase 2. Ende 2022 soll es erste Testinjektionen geben. Zur kommerziellen Nutzung muss die Bohrung noch umgebaut werden. CO2 sei in Verbindung mit Wasser sehr korrosiv, sagt Langemann, die Rohre würden schlicht wegrosten.

    Ist alles vorbereitet, können Schiffe mit flüssigem CO2 an der unbemannten Plattform anlegen und das Gas in das ehemalige Ölfeld pumpen. „In dieser Phase wollen wir zeigen, dass das Verfahren funktioniert“, sagt Langemann. Und dass die Berechnungen richtig sind. Beteiligt an dem Projekt sind fast 30 verschiedene, spezialisierte Unternehmen – im Offshore-Geschäft normal.

    Der dänische Staat fördert das Projekt mit rund 26 Millionen Euro. Den Speicher dann für große Mengen aufzubauen, müssten mehrere hundert Millionen Euroinvestiert werden, sagt Langemann. Später sollen bis zu acht Millionen Tonnen CO2 jährlich gespeichert werden – über 20 Jahre. Die Dänen wollen vor allem eigenes CO2 aus dem industriellen Großraum Kopenhagen unter der Nordsee speichern.

    Bleibt die Frage: Wer soll die Millionen bezahlen? Industriebetriebe, die heute CO2 in die Luft blasen, benötigen dafür Verschmutzungszertifikate, die derzeit um die 95 Euro je Tonne des Gases kosten. Dieses Geld kann ein Unternehmen auch einsetzen, um sein CO2 komplett unter die Erde bringen zu lassen. Experten rechnen damit, dass sich bei einem Preis von100 Euro pro Tonne große Mengen CO2 transportieren und speichern lassen. Die CCS-Technologie sei eine vergleichsweise preiswerte Methode, zu dekarbonisieren.

  • Cannabis-Anbau im Sicherheitstrakt

    Wo der Stoff für die Medizin wächst

    Weiße Wände, trockene Luft und ein spiegelnd sauberer grauer Fußboden. Wer den Gang betritt, wähnt sich in einem Labor, wären da nicht die riesige Lüftungsanlage unter der Decke und dieser unverkennbare Geruch: scharf würzig und etwas grasig. Beim zweiten Blick fallen auch die zahlreichen Kameras an den Wänden auf. Und hinter der nächsten Tür stehen sie sattgrün im grellen Licht der Pflanzlampen: mannshohe Cannabis-Pflanzen voller üppiger Blüten, reif zur Ernte. Willkommen im hochtechnisierten Anbau der Zukunft.

    Von außen deutet nichts darauf hin, dass hier, gut 20 Kilometer nördlich von Dresden, Medizinalcannabis mit 20 Prozent THC-Wirkstoff wächst: Ein etwas in die Jahre gekommener Gewerbebau aus den Neunzigern, drumherum Acker und Wald, davor ein großes Schild: Demecan. Das Berliner Unternehmen besitzt neben den Kanadiern Aurora und Tilray eine Lizenz für Anbau in Deutschland. Im ersten Stock sitzen die drei Freunde Constantin von der Groeben, Jurist, Adrian Fischer, Arzt, und Cornelius Maurer, Ökonom, die Demecan (Deutsche Medizinal Cannabis) gegründet haben, im Konferenzraum und strahlen.

    Kürzlich haben sie zum ersten Mal geerntet, selbst ein bisschen überrascht, wie gut es lief. Jetzt wird die Produktion hochgefahren. Vorgesehen sind etwa 20 Ernten pro Jahr, die Blüten gehen über die Cannabisagentur des Bundes an Ärzte und Apotheker. Es geht natürlich um Geld und darum, auf einem neuen Markt mitzumischen, der 2021 eine Größe von geschätzt 12,5 Tonnen hatte. Die meiste Ware wird bisher importiert. Demecan hat eine Anbaulizenz für rund eine Tonne. Den drei Gründern geht es aber um mehr als reines Geldverdienen: Als Fischer später im neue Labor für die Zellvermehrung steht, erklärt er, sie wollten nicht nur Cannabis anbauen, sondern Produkte und Forschung wirklich vorantreiben.

    Doch zunächst ein paar Zahlen. Demecan startete 2017, kurz nachdem die Bundesregierung Cannabis zu medizinischen Zwecken freigegeben hat. Inzwischen beschäftigt die Firma gut 70 Mitarbeiter, rund 50 hier in der Anlage. Der Marktanteil, sagt Ökonom Maurer, liege bei 23 Prozent. Die Gründer halten etwa ein Drittel der Anteile, der Rest gehört den Geldgebern, finanzstarken Industriellenfamilien und Finanzinvestoren.

    „Wir wollten nicht auf der grünen Wiese bauen“, sagt von der Groeben. Also haben sie in immer größeren Kreisen um Berlin, dem Sitz der Firma, nach einem geeigneten Standort gesucht. Und fanden den ehemaligen Schlachthof, den sie kurzerhand kauften –„Schlachthöfe sind ideal für Cannabisanbau, weil nicht nur Böden und Wände dick sind, sondern auch die Decken“, sagt von der Groeben. Weil dort die Transportbänder für die Kühe und Schweine hingen, entsprechend stabil wurde gebaut. Das Gebäude muss den Anforderungen des Betäubungsmittelgesetzes entsprechen, praktisch zum Tresor taugen. 24 Zentimeter Stahlbeton rundum sind Pflicht.

    Demecan hat erst einmal entkernt, dabei auch ungewöhnliches Gerät eingesetzt. „Den Boden haben wir mit einer Autobahnfräse gereinigt“, sagt von der Groeben. Dann wurden Reinräume für die Pflanzen und ein Labor eingebaut. Ein Generator, falls der Strom ausfällt. Und jede Menge Sicherheitstechnik. Insgesamt haben sie rund 20 Millionen Euro in die Anlage gesteckt, knapp 30 Prozent davon aus einem Strukturfonds der EU.

    Überall sind Kameras montiert, der Baukörper ist gespickt mit Sensoren, die Erschütterungen erkennen, sollte jemand versuchen, mit Gewalt einzudringen. Und rein geht es nur durch die tonnenschwere zertifizierte Wertschutzraumtür aus Stahl und das dahinterliegende Gitter. Zunächst geht es durch zwei Schleusen, desinfizieren, Schutzanzug anziehen, Haube und Maske aufsetzen. Dann der helle Gang und rechts in den Raum für die Mutterpflanzen. „Wir haben etwa ein Jahr gesucht, bis wir aus 50 verschiedenen die optimale Pflanze gefunden haben“, sagt Adrian Fischer, zuständig für den Anbau. Er streicht über die Blätter. „Perfekt.“ Setzlinge der Mutterpflanze werden dann im nächsten Raum angezogen und wandern nach 20 Tagen über den Gang in einen der vier Blühräume. „Das sind praktisch Klone. So garantieren wir die immer gleich bleibende Qualität.“

    Die Anlage hat mit dem klassischen Acker so viel gemein wie ein Tret-Roller mit einem Tesla. Und das hat mit den Anforderungen an das Produkt zu tun. Demecan verkauft mit den Blüten ein Medikament. Und das Naturprodukt muss bei jeder Ernte dieselbe Qualität und denselben Wirkstoffgehalt aufweisen. Demecan versucht deshalb, möglichst viel zu kontrollieren. Die Luft in den Räumen ist gefiltert und mit UV-Licht behandelt, damit keine Schädlinge eindringen können. „Wir haben hier ja eine Monokultur, da wäre ein Virus das Ende“, sagt Fischer.

    Die Feuchtigkeit ist konstant, der CO2-Gehalt, ebenso die Temperatur, hier im Blühraum 3 beträgt sie 24 Grad. Die Luft streicht von unten her an den Pflanzen entlang und wird unter der Decke wieder abgesaugt. „Wir tauschen sie mehrfach in der Stunde aus“, sagt der Arzt. Die Pflanzen wachsen auf Steinwolle, aus der Kanülen mit Klarsichtschläuchen ragen wie bei einer Infusion. Das Wasser wird entsalzt, die Nährstoffe dann nach einem bestimmten Mix wieder hinzugefügt.

    3200 Pflanzen wachsen in den Blühräumen den lichttemperatur-optimierten künstlichen Sonnen unter der Decke entgegen. Für den Menschen ist das vielleicht zu grell-gelb, manch Mitarbeiter trägt Sonnenbrille. Die Pflanzen lieben es. Bis zu 40 Zentimeter stehen die Blüten hoch, das wirkstoffreiche Harz schimmert weißlich – das ist nur unter den Laborbedingungen möglich, wie Fischer erklärt. „Im Gewächshaus würde das alles schimmeln.“

    Und dann wieder draußen, zurück im Hier und Jetzt, leichtes Kopfweh. Tief einatmen, es riecht nach Wald, Regen, ein Hauch von Abgasen der nahen Straße. Bleibt noch die Frage: Was Demecan mit dem riesigen Gelände noch vorhat. „Zunächst bauen wir eine Extraktionsanlage auf“, sagt Maurer. „Das ist nötig, um perspektivisch eigene Fertigarzneimittel anzubieten.“ Und eine Voraussetzung , um nach der geplanten Freigabe von Cannabis für den Freizeitgenuss dabei sein zu können. Von der Groeben nennt Kartuschen für E-Zigaretten und Zutaten für Kekse als mögliche Produkte.

    Der Markt ist riesig. Der Deutsche Hanfverband schätzt die derzeit illegal konsumierte Menge auf jährlich 200 bis 400 Tonnen. Ökonom Justus Haucap von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf hat berechnet, dass die Freigabe von Cannabis allein dem Staat 4,7 Milliarden Euro jährlich bringen würde – aus einer Cannabissteuer, aus Gewerbe- und Umsatzsteuer sowie zusätzlicher Lohnsteuer und Sozialabgaben. Er erwartet rund 27.000 legale neue Arbeitsplätze in der Branche. Zudem spart der Staat Ausgaben für Strafverfolgung und Justiz. Seine Studie geht von einem Cannabis-Endpreis von unter zehn Euro je Gramm aus – einschließlich Steuern.

    Die drei von Demecan rechnen sich gute Geschäftschancen aus. Sie vermuten, dass der Staat eine gewisse Qualität vorgeben wird – was aus ihrer Sicht klassischen landwirtschaftlichen Anbau eher ausschließen dürfte, ihre Hightech-Fabrik würde profitieren. „Wir könnten bereits jetzt Geld verdienen“, sagt von der Groeben. „Wir wollen aber lieber weiteres Geld bei Investoren einsammeln, um vorbereitet zu sein für die Freigabe.“ Platz haben sie genug: Der Schlachthof bietet weitere 25.000 Quadratmeter. Für eine Menge von mehr als zehn Tonnen.

  • Klare Regeln am Energiemarkt gefordert

    Eon-Vorstand Lammers über unseriöse Anbieter

    Angesichts zweifelhafter Praktiken von Energiediscountern fordert der Energiekonzern Eon strengere gesetzliche Vorgaben für Händler, die Endkunden mit Strom- und Gas beliefern. „Wir brauchen im Energiemarkt klare Spielregeln und Mindestanforderungen für Anbieter“, sagte Eon-Vertriebsvorstand Patrick Lammers in seinem ersten Interview. Und: „Ein fairer und gerechter Markt setzt voraus, dass sich alle Anbieter an die rechtlichen und vertraglichen Bedingungen im Sinne der Kunden halten. Die Praxis sah in den vergangenen Monaten leider ganz anders aus.“

    Lammers ist seit August 2021 im Eon-Vorstand zuständig für Vertrieb, Einkauf und Marketing. Der 57-jährige Niederländer war zuvor unter anderem Chef von Essent, des größten niederländischen Energieversorgers, und an führender Position bei RWE tätig.

    Jahrelang drängten neue Anbieter auf den Markt und boten günstig Strom und Gas an. Der Wettbewerb war politisch gewollt. Discounter nutzten aus, dass ihre Kosten deutlich geringer waren als die der großen Anbieter. Die Kunden profitierten von günstigen Angeboten. Das funktionierte, solange die Großhandelspreise niedrig waren.

    Weil sich die Wirtschaft nach dem ersten Corona-Schock schneller erholte als gedacht und die Nachfrage zulegte, stiegen die Preise zuletzt rasant. Manch Anbieter hatte sich offenbar verspekuliert. Mit dramatischen Folgen für viele Verbraucher. „Kaum wird der Markt etwas volatiler, zeigen sich die vielen unseriösen Anbieter“, sagte Lammers. Aus seiner Sicht ist auch hier die Politik gefragt: „Der Staat meinte, mehr Wettbewerb täte dem Markt gut. Dann muss er jetzt aber auch gegenüber unseriösen Anbietern auf dem Markt handeln.“ Die Bundesregierung denkt bereits über Möglichkeiten nach.

    Ende 2021 hatten mehrere Discounter, darunter Stromio, Gas.de und Grünwelt, ihren Kunden gekündigt und sie nicht mehr beliefert. Die Anbieter begründeten das mit den kräftig gestiegenen Energiepreisen, zu denen es nicht mehr möglich sei, die günstigen Verträge zu bedienen. Die Unternehmen meldeten aber keine Insolvenz an. Die Staatsanwalt Düsseldorf leitete Vorermittlungen ein. Mehrere hunderttausend Kunden rutschten in die sogenannte Grundversorgung. Der regional größte Versorger muss Strom und Gas liefern. Der Preis ist deutlich höher als bei den ursprünglichen Verträgen.

    Allein Eon musste in Deutschland mehrere zehntausend Haushalte zusätzlich beliefern, in Europa waren es mehrere hunderttausend. Konkretere Zahlen nennt das Unternehmen nicht. „Wir freuen uns über zusätzliche Kunden“, sagt Lammers, „aber das bereitet auch Herausforderungen bei der Beschaffung zusätzlicher Energiemengen für unsere Ersatz- und Grundversorgung.“ Eon muss für die zusätzlichen Kunden Strom am sogenannten Spotmarkt zu aktuellen Preisen kaufen, was teuer ist. Für die Bestandskunden hat der Konzern bereits langfristig Strom zu günstigeren Preisen gekauft. Für Lammers ist klar: „Wir lassen keinen Kunden im Regen stehen.“

    Fällt ein Kunde in die Grundversorgung, muss er dort wegen des Verwaltungsaufwands mindestens drei Monate bleiben. Danach können neue Verträge mit anderen Anbietern oder anderen Produkten abgeschlossen werden. Die Grundversorgung ist in der Regel teurer als andere Tarife. Und vor allem deutlich teurer als die Angebote der Discounter. Auch unterscheiden sich die Tarife der Grundversorgung je nach Region und Anbieter.

    Die Bundesregierung will jetzt nachbessern und einen bundesweit einheitlichen Grundversorgungstarif festlegen. Lammers hält davon wenig, schließlich kennen sich die regionalen Anbieter mit dem Markt am besten aus: Ein einheitlicher Preis sei nicht sinnvoll, es gebe ja deutliche regionale Unterschiede. Neben den Beschaffungskosten beeinflussten zudem viele verschiedene Faktoren den Preis. Lammers warnt die Politik: „Die Ersatz- und Grundversorgung kann man nicht jeden Monat anpassen, da gibt es klare Vorgaben.“

    Grundsätzlich rechnet Lammers nicht damit, dass die Energiepreise schnell wieder sinken werden: Der Markt wandele sich gerade fundamental. „Früher gab es nur große Stromerzeuger, die verlässlich lieferten. Das ändert sich im Zuge der Energiewende.“ So schwanke das Angebot wegen der erneuerbaren Quellen stärker. Und der Energiemarkt werde kleinteiliger. „Verbraucher sind gleichzeitig Stromerzeuger, speisen zeitweise selbst Strom zum Beispiel aus ihren Solarzellen ins Netz ein.“ Das bedeute mehr Risiko, das sich in höheren Preisen niederschlage. „Bis der Markt sich wieder eingespielt hat, wird es einige Zeit dauern.“

    Eon ist mit rund 78.000 Mitarbeitern einer der größten Energiekonzerne Europas. Das Essener Unternehmen betreut 1,6 Millionen Kilometer Stromnetz, in Deutschland in der Regel das Stück bis zum Endverbraucher, und versorgt europaweit gut 53 Millionen Kunden. In den ersten neun Monaten 2021 setzte Eon 48,1 Milliarde Euro um, der Gewinn vor Steuern und Zinsen betrug rund 3,9 Milliarden Euro.

  • Verkehrswende zwingt zur Pkw-Maut

    Experten fordern nutzerabhängige Bezahlmodelle

    Auf Deutschland Autofahrer kommt eine Reform der Besteuerung zu. Weil mit der Energiewende praktisch nur noch E-Fahrzeuge über die Straßen rollen sollen, entfallen Milliardeneinnahmen aus der Energiesteuer auf Kraftstoffe. Die Steuer bringt dem Staat derzeit rund 30 Milliarden Euro. Um das entstehende Finanzloch zu stopfen, fordern Experten, Autofahrer sollten künftig danach zahlen, wie sehr sie die Straßen nutzen. Und es könnte teurer werden: Denn bereits heute fehlt Geld, um die Infrastruktur instandzuhalten.

    Die Zeit drängt: Die Klimaziele der EU sehen vor, dass von 2035 an keine Verbrenner mehr neu zugelassen werden. Zahlreiche Autobauer planen, bereits 2030 keine Pkw mit Benzin- oder Dieselmotor mehr anzubieten. Sie setzen stattdessen auf Elektroantrieb. „Um die Emissionsziele einzuhalten, muss der Anteil der Verbrenner am Straßenverkehr drastisch sinken, was Folgen für die Einnahmen des Staates hat“, sagt Stefan Bach, Steuerexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Die Folge von mehr E-Autos für den Fiskus: „Spätestens 2040/50 gäbe es im Zuge der Energiewende keine nennenswerte Kraftstoffbesteuerung mehr.“ Aber schon vorher sinken die Einnahmen kräftig, je mehr Stromer unterwegs sind.

    Für Bach kommt als Ersatz für die Kraftstoffsteuer eine Pkw-Maut ähnlich des Lkw-Mautsystems infrage. Seit 2005 müssen Lkw dafür zahlen, wenn sie Autobahnen und inzwischen auch ausgewählte Bundesstraßen nutzen. Der Preis richtet sich nach gefahrener Strecke, Gewicht und Sauberkeit des Motors. Die Maut sollte 2021 rund 7,5 Milliarden Euro Einnahmen bringen.

    Von pauschalen Regeln, etwa einer Plakette mit einer Jahresgebühr oder einer höherer Kfz-Steuer, hält der Steuerexperte wenig. „Eine Pauschalmaut für alle bringt sicher die nötigen Einnahmen und ist einfacher abzurechnen“, sagt Bach, „unter verkehrspolitischen Gesichtspunkten ist sie aber schlecht.“ Er hält eine fahrleistungsabhängige Maut für sinnvoller.

    Auch Andreas Knie, Verkehrsexperte und Leiter der Forschungsgruppe Digitale Mobilität am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, befürwortet eine Reform. Das System für Pkw müsse „auf ein nutzerfinanziertes umgestellt werden: Wer viel fährt, muss auch viel bezahlen.“ Eine Pkw-Maut, wie sie der ehemalige Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) durchdrücken wollte, hält Knie für falsch. „Eine technisch komplexe und starre Lösung wie bei der Lkw-Maut ist unnötig. Ein Smartphone im Auto, mit dem sich das Fahrzeug einloggt, wenn es losfährt und ausloggt, wenn es wieder steht, reicht. Bezahlt werden könnte dann zum Beispiel je nach Gewicht und Leistung des Autos.“ Und nach gefahrener Strecke.

    Ein solches System birgt aus Sicht von DIW-Steuerexperten Bach noch „den Vorteil, Verkehr lokal lenken zu können, etwa mit einer besonderen Staugebühr zu Stoßzeiten.“ Ein ähnliches System nutzt die schwedische Stadt Göteborg bereits, die eine höhere Nutzungsgebühr für die Schnellstraßen nimmt, wenn viel Verkehr ist. So sollen alle, die nicht unbedingt zur Stoßzeit fahren müssen, dazu gebracht werden, später oder früher unterwegs zu sein. Oder gar nicht.

    Das Problem war absehbar, warum ist bisher nichts passiert? „Das Problem ist bekannt. Die Technik ist da. Die Politik muss es nur endlich wagen, das Problem auch zu lösen“, sagt Knie. „Bisher herrscht da eher Angst.“ Das Bundesfinanzministerium erklärte, die Ausgabenbedarfe des Staates seien durch das gesamte Einnahmesystems zu decken. Wenn die Einnahmen aus einzelnen Steuern zurückgehen, muss dies aus anderen Quellen ausgeglichen werden.

    Auch andere Länder haben Finanzlücken. Britische Abgeordnete mehrerer Parteien denken bereits über eine Kilometergebühr für Fahrzeuge nach. Dem Staat fehlen dort demnach 35 Milliarden Pfund (rund 41 Milliarden Euro) jährlich. Die Abgeordneten schätzen, dass das sogenannte Road Pricing die Autofahrer nicht mehr kosten wird als Kfz- und Kraftstoffsteuer heute.

    In Deutschland könnte es dagegen teurer werden. Denn schon heute fehlt Geld für die Instandhaltung der Straßen. „Die Infrastruktur zerbröselt bereits jetzt, man sieht das an den vielen maroden Brücken“, sagt Verkehrsexperte Knie. „Wir müssten viel mehr investieren.“ Und in vielen Städten und Gemeinden gelten Geschwindigkeitsbeschränkungen auf Straßen, damit der Verkehr sie nicht noch weiter kaputtfährt. Ein wesentlicher Grund: „Weil deutlich mehr und deutlich schwerere Fahrzeuge unterwegs sind, halten Straßen und Brücken nicht so lange, wie ursprünglich geplant“, sagt Knie. Er schlägt als Sofortmaßnahme vor, jeglichen Neubau zu stoppen. „Mit dem Geld muss die bestehende Infrastruktur repariert werden.“

    Für 2021 hatte der Bund allein für die Autobahnen und Bundesstraßen 12,5 Milliarden Euro vorgesehen, hinzukommen noch die Ausgaben von Ländern und Kommunen. Offenbar reicht das nicht: Der Deutsche Städte und Gemeindebund schätzte im vergangenen Jahr, dass allein die Städte, Gemeinden und Landkreise sofort 33,6 Milliarden Euro zusätzlich in Verkehrsinfrastruktur stecken müssten.

  • Kosten für Ökostrom erledigen sich

    Angesichts der hohen Strompreise diskutiert die Politik, die umstrittene EEG-Umlage komplett zu streichen. Alle Privathaushalte und die meisten Firmen profitierten. Für den Bundeshaushalt wäre das gar nicht so teuer, sagt Agora Energiewende.

    Die Umlage für Öko-Strom in den Rechnungen der Privathaushalte und Unternehmen abzuschaffen, war schon lange geplant. Nun aber könnte es schnell gehen. In der Ampel-Koalition mehren sich die Stimmen, die das baldige Ende der Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG-Umlage) befürworten. FDP-Finanzminister Christian Lindner und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sind dafür. Auch CDU-Energiepolitiker Andreas Jung findet die Idee gut. Die Politik will damit eine Entlastung für die hohen Strompreise schaffen, die viele Haushalte empfindlich treffen.

    Was ist die EEG-Umlage genau?
    Lange Jahre war die Produktion von Elektrizität mit Windrädern und Solaranlagen deutlich teurer als beispielsweise in Kohle- und Gaskraftwerken. Damit die saubere Energieproduktion trotzdem eine ökonomische Chance hat und mehr Anlagen gebaut werden, erhalten deren Betreiber ihre Mehrkosten im Vergleich zu konventionellem Strom zurückerstattet. Das bezahlen alle Privathaushalte und die meisten Firmen als Teil ihrer Stromrechnungen. Unter anderem energieintensive Unternehmen müssen allerdings nur wenig beitragen, damit sie in der internationalen Konkurrenz nicht ins Hintertreffen geraten. Durch den technischen Fortschritt ist der Kostennachteil der Erneuerbaren mittlerweile jedoch stark geschrumpft. Manche Ökokraftwerke, besonders auf dem Meer, brauchen gar keine Zuschüsse mehr.

    Was sparen Privathaushalte, wenn sie abgeschafft wird?
    Während die EEG-Umlage im vergangenen Jahr noch bei 6,5 Cent pro Kilowattstunde lag – etwa ein Fünftel der Gesamtkosten, wurde sie Anfang diesen Jahres auf 3,7 Cent verringert. Schaffte man sie komplett ab, sparte ein durchschnittlicher Privathaushalt mit beispielsweise 3.500 Kilowattstunden Stromverbrauch pro Jahr rund 130 Euro.

    Welchen Vorteil haben Firmen?
    Handwerksbetriebe oder mittelständische Maschinenbauer haben viel höhere Stromrechnungen als Privatleute. Beim Wegfall der Umlage kann die Ersparnis tausende oder zehntausende Euro jährlich betragen.

    Sinkt dann die Stromrechnung?
    Nicht unbedingt. Die Stromversorger sind grundsätzlich nicht verpflichtet eine geringere EEG-Umlage in Form eines sinkenden Preises an die Verbraucher weiterzugeben – wenngleich einige Elektrizitätsunternehmen solche Regelungen in ihren Verträgen haben. Für viele Kunden steigen deshalb dieses Jahr die Stromkosten, obwohl die Umlage gesunken ist. Auch trotz ihrer Abschaffung könnte das passieren. Die Versorger argumentieren dann, dass die Einkaufskosten für Strom stärker zunehmen, als die Reduktion der EEG-Umlage ausgleicht. Trostpflaster für die Verbraucher: Mit EEG-Umlage wären die Kosten noch höher. Allerdings kommt nun eine Debatte in Gang, dass die Politik die Stromlieferanten verpflichten solle, die Abschaffung der Umlage in jedem Fall an die Kunden weitergeben. Im Spiegel argumentierte der Würzburger Energierechtler Thorsten Müller in diese Richtung.

    Wieviel kostet die Abschaffung den Staat?
    Wenn nicht mehr die Stromkunden die höheren Ökokosten bezahlen, muss jemand anders ran: der Staat, konkret die Bundesregierung. Sie wird die Milliarden der EEG-Umlage künftig zum Beispiel aus ihrem Klima- und Transformationsfonds (KTF) aufbringen. Aber ist das nicht wahnsinnig teuer? „Gerade ist ein geeigneter Zeitpunkt, um die EEG-Umlage abzuschaffen“, sagte dazu Thorsten Lenck von der Organisation Agora Energiewende gegenüber dieser Zeitung, „durch die Preiskrise bei fossilen Energien sind selbst ältere Erneuerbaren-Anlagen häufig ohne Zuschüsse konkurrenzfähig“. Erklärung: Liegt der Börsenpreis fossiler Energie so hoch wie zur Zeit, ist die Produktion mit Windrädern und Solaranlagen nur wenig oder gar nicht teurer. Entsprechend geringere Zuschüsse brauchen sie. „Daher könnte ein Bundeszuschuss von wenigen Milliarden Euro für die Abschaffung der Umlage ausreichen“, so Lenck. Ein solcher Betrag sollte für den KTF kein Problem darstellen. Allerdings könnten sich die Kosten für den Staat in den kommenden Jahren wieder erhöhen, wenn die Börsenpreise für Strom sinken.

    Welche Alternativen zur Anullierung der EEG-Umlage gäbe es?
    Vorteil der Streichung: Sie kommt allen privaten und fast allen gewerblichen Elektrizitätskunden zugute. Darin liegt in den Augen manchen Betrachter aber ein Nachteil: Auch gut und sehr gut verdienende Privathaushalte profitieren, für die die steigenden Stromkosten vielleicht ärgerlich sind, aber keine finanzielle Hürde darstellen. So bemängelt die grüne Energiepolitikerin Ingrid Nestle, dass die komplette Abschaffung teuer und eine gezielte Hilfe für einkommensschwächere Privatleute besser sei. Denkbar wären höhere Zuschüsse für Strom an Wohngeldempfänger, Hartz-IV-Bezieher und weitere Geringverdiener. Auch das bereits diskutierte Energiegeld stellte eine Alternative oder Ergänzung dar: Jeder Haushalt erhielte eine gleich hohe Summe zur Entlastung – ärmere Personen damit relativ mehr als wohlhabende.

  • Gas auf Eis

    EU-Vizepräsident Valdis Dombrovskis äußert sich kritisch zur russisch-deutschen Gaspipeline Nord Stream 2. Ehemaliger deutscher Diplomat darf nicht als Aufsichtsratschef bei Gazprom-Tochter arbeiten.

    Der russische Energiekonzern Gazprom versucht, seine umstrittene Pipeline Nord Stream 2 in Deutschland an den Start zu bringen. Aber es ruckelt. Das Projekt liege auf Eis, hat Valdis Dombrovskis, Vizepräsident der Europäischen Kommission, laut Nachrichtenagentur Reuters am Montagabend in der ukrainischen Hauptstadt Kiew erklärt. Und das Auswärtige Amt untersagte dem ehemaligen deutschen Diplomaten Dieter Walter Haller, als Vorsitzender des Aufsichtsrats der neuen Gazprom-Tochter in Deutschland zu arbeiten.

    Dombrovskis weilte in Kiew, um die Unterstützung der Europäischen Union für die Ukraine zu übermitteln, an deren Grenze russische Truppen aufmarschiert sind. Nord Stream 2 sei „nicht mit den Zielen der EU-Energiepolitik vereinbar“, sagte der Vizepräsident. In Brüssel befürchten manche, die Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen werde zu groß. Außerdem könne die neue Röhre der russischen Regierung ermöglichen, Druck auf die Ukraine auszuüben.

    Die beiden Leitungsstränge durch die Ostsee zwischen Russland und Deutschland sind technisch fertig. Durch sie kann künftig Erdgas strömen, das bisher unter anderem durch die Ukraine transportiert wird, womit diese Gebühren verdient. Für die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 fehlt jedoch noch die Zertifizierung durch die Bundesnetzagentur in Bonn. Momentan ist das Verfahren unterbrochen. Die Nord Stream 2 AG gehört Gazprom.

    In diesem Zusammenhang erscheint fraglich, wie Dombrovskis Äußerung zu verstehen ist. Erste Variante: Er verweist nur auf das ausgesetzte Zertifizierungsverfahren. Bevor es weitergehe, müsse die Nord Stream 2 AG mit Sitz in der Schweiz erstmal eine deutsche Tochter gründen, hatte die Netzagentur festgestellt. In dem Verfahren wird dann auch die EU-Kommission eine Stellungnahme abgeben, die die Netzagentur berücksichtigen muss. Oder zweitens: Dombrovskis wollte bereits andeuten, dass er die Zertifizierung für fraglich hält.

    Nach Dombrovskis Aussagen untersucht die EU-Kommission auch, ob das Vorgehen des staatlichen russischen Energiekonzerns Gazprom marktkonform ist. Brüssel wirft der Regierung in Moskau vor, trotz gestiegener Erdgas-Nachfrage die Liefermengen nicht zu erhöhen und damit den Preis in die Höhe zu treiben.

    Um die Zertifizierung voranzubringen, hat Gazprom inzwischen die Firma Gas for Europe GmbH mit Sitz in Schwerin gründen lassen. Diese soll offiziell den 54 Kilometer langen Teil von Nord Stream 2 im deutschen Hoheitsgebiet betreiben. Als Vorsitzender des Aufsichtsrats firmiert Dieter Walter Haller, ein ehemaliger deutscher Botschafter. Dem hat das Auswärtige Amt diese Tätigkeit während seines Ruhestandes allerdings untersagt, teilte das Haus von Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) mit. Begründung: „Dienstliche Interessen“ würden „beeinträchtigt“. Gazprom wird sich nun einen neuen Chefaufseher für seine deutsche Tochter suchen müssen. Derweil bleibt das Zertifizierungsverfahren bei der Bundesnetzagentur ausgesetzt, weil noch Unterlagen fehlen.

    Die Debatte, ob die Pipeline nützlich oder schädlich ist, ging währenddessen weiter. Leonhard Birnbaum, Chef des Energiekonzerns E.On, sagte: „Energiewirtschaftlich ist Nord Stream 2 hilfreich.“ Russisches Gas werde weiter benötigt, um im Zuge der Energiewende beispielsweise Kohle als Brennstoff zu ersetzen, so Birnbaum. Der E.On-Chef hält russisches Pipeline-Gas auch deshalb für vorteilhaft, weil es billiger sei als flüssiges Erdgas etwa aus den USA. „Wir brauchen mittelfristig eher mehr als weniger Gasimporte aus Russland“, schrieb auch der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Siegfried Russwurm, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), sagte dagegen: „Deutschland braucht eine sichere Energieversorgung. Die hängt aber nicht an einer einzelnen Pipeline, auch nicht an Nord Stream 2.“

  • Wer bekommt die Schufa?

    Finanzinvestor EQT hat Interesse

    Wer in Deutschland einen Kredit aufnimmt, einen Mobilfunkvertrag abschließt oder ein Konto eröffnet, hat mit ihr zu tun: der Schufa in Wiesbaden. Das Unternehmen entscheidet, ob Kunde oder Kundin formal zahlungsfähig ist – und das Geschäft zustande kommen kann. Die Abfrage ist verpflichtend, meist eine Formalie. Jahrzehntelang arbeitete die Schufa im Hintergrund vor sich hin. Jetzt will ein Finanzinvestor das Unternehmen kaufen, das Geschäft kräftig erweitern. Sparkassen und Genossenschaftsbanken wollen das verhindern. Es geht vor allem um sensible Daten.

    Die Schufa, 1927 als Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung gegründet, ist die größte und wichtigste Auskunftei dieser Art in Deutschland. Mehr als 10.000 Kunden vertrauen auf die Informationen des Unternehmens. Über die Jahre hat die Schufa sensible Daten von 68 Millionen Deutschen und sechs Millionen Firmen gesammelt, insgesamt mehr als eine Milliarde. Auf Basis dieser Daten kann sie bei jeder Abfrage einen sogenannten Score berechnen, der anzeigt, ob eine Person zahlungsfähig ist und sehr wahrscheinlich bleibt.

    Banken und Unternehmen vertrauen auf die Schufa-Auskunft. Vielen Verbraucherschützern gilt das Unternehmen eher als undurchsichtige Datenkrake, unter anderem weil unklar ist, wie sich der Score genau errechnet. Die Schufa selbst gibt nur allgemeine Informationen dazu. Zuletzt fiel das Unternehmen negativ auf, weil es bei bestimmten Telefonverträgen direkten Zugriff auf Kontodaten der jeweiligen Kunden haben wollte. Der Plan ist inzwischen aufgegeben.

    Der Finanzinvestor EQT sieht im Datenschatz eine sehr gute Chance und plant die Übernahme der Schufa. Die Schweden wollen einen dreistelligen Millionenbetrag investieren, das Geschäft – bisher auf Deutschland konzentriert – europäisch ausrichten. Ein Finanzinvestor trimmt ein Unternehmen auf Rendite und plant meist, es nach einigen Jahren gewinnbringend zu verkaufen.

    Bereits im vergangenen Jahr hat EQT sich mit der französischen Großbank Société Générale geeinigt, deren Anteil von zehn Prozent an der Schufa zu übernehmen. Rund 200 Millionen Euro wollen die Schweden dafür ausgeben, die Schufa wäre dann zwei Milliarden Euro wert. Beim Kartellamt hat EQT bereits die vollständige Übernahme angemeldet.

    Doch das ist nicht so einfach. Denn die Schufa ist eine AG, gehört vor allem Banken, Sparkassen, Händlern. Es gibt rund 30 Einzelaktionäre. Und es gibt Vorkaufsrechte für Alteigentümer. Bevor also EQT zum Zuge kommt, müssen alle anderen ablehnen. Danach sieht es bisher nicht aus. Vor allem Sparkassen und Genossenschaftsbanken, die gemeinsam rund 47 Prozent der Schufa-Anteile besitzen, wollen EQT ausbremsen und die Mehrheit an der Schufa übernehmen.

    Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband, die Dachorganisation der Sparkassen, erklärt: „Wir werden alle Optionen prüfen, die die bewährten Strukturen der Schufa dauerhaft sichern.“ Die Nürnberger Teambank meldete beim Kartellamt ebenfalls Zukäufe an. Sie gehört zur DZ-Gruppe, dem Spitzeninstitut der Genossenschaftsbanken. Die Schufa habe als Datenlieferant strategische Bedeutung. Bestandsaktionäre hätten ein Interesse daran, stabile Mehrheitsverhältnisse zu erlangen.

    Neben der Société Générale gelten auch die Deutsche Bank (sechs Prozent) und Commerzbank (zwölf Prozent) als verkaufswillig. Auch die Targobank könnte sich von ihren Anteilen an der Schufa trennen, ist zu hören. Offiziell äußern sich die Institute nicht. Sollten Sparkassen und Genossenschaftsbanken zukaufen, könnte es also recht teuer werden. Oder EQT kommt doch noch mit einem Minderheitsanteil zum Zug.

    Die Schufa setzte 2019 mit rund 900 Mitarbeitern 229,2 Millionen Euro um. Als Gewinn wies das Unternehmen 41 Millionen Euro aus. Neuere Zahlen sind noch nicht veröffentlicht.

    Hinter der börsennotierten EQT steht die schwedische Industriellenfamilie Wallenberg. Der Finanzinvestor verwaltete im vergangenen Jahr Fonds im Wert von rund 73,4 Milliarden Euro. In diesem Jahr will er einen neuen Fonds mit Kapital von 20 Milliarden Euro auflegen. EQT sammelt das Geld bei Anlegern ein und investiert es dann.

    In Deutschland sind die Schweden schon länger aktiv. so brachten sie vor Jahren den Aroma- und Duftstoffspezialisten Symrise an die Börse, inzwischen ist er in den Deutschen Aktienindex Dax aufgestiegen. 2021 kaufte EQT gemeinsam mit dem US-Finanzinvestor Hellman und Friedman den deutschen Tierbedarfsonlinehändler Zooplus. EQT ist auch am Prothesenspezialisten Ottobock und dem Breitbandnetzbetreiber Deutsche Glasfaser beteiligt, beides Kandidaten für einen

  • „Raumfahrt zum Wohle der Gesellschaft“

    Koordinatorin Anna Christmann (Grüne) im Interview

    Raumfahrt ist lange keine Domäne der Grünen gewesen. Jetzt kümmert sich die Anna Christmann für die Bundesregierung um die Themen. Sie will das staatliche Programm ausbauen, setzt auf Innovation und darauf, mehr privates Geld für die Branche zu gewinnen.

    Frau Christmann, Sie koordinieren vom Bundeswirtschaftsministerium aus die Luft- und Raumfahrt, demnächst werden Sie zusätzlich Wirtschaftsminister Robert Habecks Start-up-Beauftragte. Was wollen erreichen?

    Anna Christmann: Die Luft- und Raumfahrt ist das perfekte Aufgabenfeld für eine Grünen-Politikerin wie mich. Ich will mich für jene Technologien einsetzen, die wir brauchen – mit Blick auf die Herausforderungen, vor denen wir stehen, und auf unsere Ziele. Vor allem natürlich für den Klimaschutz. Ich war bereits vorher Innovationspolitikerin und darf das jetzt weiter sein. Darauf freue ich mich.

    Und was wollen Sie anders machen als die Union, deren Themenfelder das bislang waren?

    Wir Grüne verstehen Innovationen besonders umfassend: Sie sollen der Gesellschaft dienen. Insgesamt geht es mir darum, gute Rahmenbedingungen für die zu liefern, die in diesen Innovationsfeldern unterwegs sind. Das wollen wir in der Koalition gemeinsam angehen.

    Was verbinden Sie grundsätzlich mit der Raumfahrt?

    Ich sehe die Raumfahrt als Ermöglichungstechnologie für Dinge, die wir brauchen. Wir müssen mehr wissen über das Klima, über die Erde, damit wir die richtigen Entscheidungen treffen können. Es geht auch um gute und sichere Kommunikation und natürlich geht es auch ums Entdecken, darum, unser Wissen zu mehren.

    Im Koalitionsvertrag finden sich an mehreren Stellen das Thema Space. Wie sieht die neue Raumfahrtstrategie der Bundesregierung aus?

    Diese Strategie werden wir jetzt sehr schnell erarbeiten – bis Ende des Jahres soll sie vorliegen. Es soll eine Strategie der Ermöglichung sein – Raumfahrt zum Wohle unserer Gesellschaft. Unser Schwerpunkt wird auf dem Klima liegen, aber auch auf dem Innovations-Ökosystem.

    Was verstehen Sie unter einem Innovations-Ökosystem?

    Wir wollen die Hürden gerade für kleinere Startups abbauen und ein Umfeld schaffen, in dem sich sowohl die Großen als auch die Kleinen entwickeln können. Zum Beispiel kann der Staat dafür sorgen, dass bei öffentlichen Ausschreibungen unterschiedliche Akteure teilnehmen, und so Technologien und das gesamte Innovationsystem fördern.

    Sie wollen das Nationale Raumfahrtprogramm stärken. Bedeutet das, dass der Etat erweitert wird? Zuletzt standen immer rund 300 Millionen Euro jährlich zur Verfügung.

    Die Haushaltsverhandlungen stehen noch am Anfang. Ich bin gar nicht so glücklich über diesen Namen. National – das klingt, als würden wir Raumfahrt nur in Deutschland sehen. Tatsächlich geht es jedoch darum, die europäische Raumfahrt insgesamt zu stärken, mit unserem nationalen Budget ebenso wie im Rahmen der ESA.

    Wir haben in Deutschland größere Raumfahrtstandorte in Bayern, Baden-Württemberg und Bremen. Was haben die vom Raumfahrtprogramm der Ampel?

    Wir brauchen Menschen, die die Technologien entwickeln und Projekte konkret umsetzen. Wenn wir als Bundesregierung Programme aufsetzen, werden wir diese ausschreiben. Und wenn es da eine breite Beteiligung gibt, um so besser.

    Die Branche ist im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen klein. Rechnen Sie mit neuen Jobs?

    Es geht ja nicht nur um staatliches Geld, sondern auch um private Investitionen. Wenn es gelingt, die zu mobilisieren, kann die gesamte Branche wachsen, und das bedeutet dann mehr Arbeitsplätze.

    Im Herbst findet die ESA-Ministerratskonferenz statt, auf der die großen gemeinsamen EU-Projekte beschlossen werden. Mit welchen Plänen gehen Sie dorthin?

    Die ESA hat schon gute Vorschläge gemacht, worüber wir sprechen sollten. Zum Beispiel zum Thema Greener Space, aber auch Weltraumschrott und Sicherheit im Weltraum, damit wir alle gemeinsam den Weltraum gut nutzen können und das nicht von einem einzelnen dominiert wird. Zudem wollen wir darüber sprechen, wie wir in Europa einen agileren Raumfahrtsektor als bisher schaffen.

    Sind Sie bereit, wieder soviel Geld auszugeben wie bei der letzten Konferenz? 2019 waren es rund 3,3 Milliarden Euro, Deutschland der größte Einzelzahler.

    Es steht Deutschland als größtem Wirtschaftsstandort in der EU sicher gut an, auch entsprechend mitzuwirken. Das haben wir letztes Mal gezeigt, das ist unser Anspruch diesmal.

    Wie wollen Sie dem in der Raumfahrt sehr mächtigen Frankreich trotzen, das seine Interessen mit einem Minister vertritt, während Deutschland eine Beauftragte schickt?

    Ich sehe das als gemeinsame Aufgabe, einen starken europäischen Raumfahrtstandort zu schaffen. Wir haben Projekte gemeinsam mit Frankreich, gemeinsam mit Italien, es gibt EU- und ESA-Projekte. Ich finde es positiv, dass Frankreich sehr engagiert ist, und möchte, dass Deutschland auch eine treibende Kraft ist.

    Es gab bereits zwei Brandanschläge auf den Satellitenspezialisten OHB, weil er Geschäfte mit der Bundeswehr macht. Wie wichtig ist die militärische Nutzung von Weltraumtechnologie?

    Brandanschläge verurteile ich. Gewalt kann nicht Teil einer gesellschaftlichen Debatte sein. Das  erschwert den Dialog. Darüber zu reden, wofür wir Technologien einsetzen wollen, hilft der Akzeptanz der Technologien. Entscheidend ist, dass nicht die Technologie selbst gut oder böse ist, sondern das, wofür wir sie einsetzen. Und um sie für den richtigen Zweck einzusetzen, muss man sehr gut in diesen Technologien sein.

    Wie stehen Sie zu den Plänen, Raketen von einem Schiff in der Außerordentlichen Wirtschaftszone der Nordsee zu starten?

    Dass Argument, es müsse dringend einen Startplatz in Deutschland geben, finde ich nicht überzeugend. Wir müssen Startplätze in Europa prüfen und gemeinsam nutzen, zum Beispiel die in den nordischen Staaten. Wir müssen uns auch fragen, wie viele Startplätze wir in Europa und der Welt brauchen. Und ob der Start von einem Schiff in der Nordsee überhaupt ein Weg ist, schnell und gut ins All zu kommen, ist noch nicht abschließend geklärt.

    Wann startet die erste deutsche Astronautin ins All?

    Ich hoffe bald. Die Esa hat die Anzahl an Astronautinnen in der neuen Ausschreibungsrunde verbessert. Das begrüße ich sehr und hoffe, dass demnächst eine deutsche Astronautin dabei sein wird.

  • Whatsapp für Banken

    Was ist Swift und wie funktioniert es?

    Im Ukraine-Konflikt drohen zum Beispiel die USA Russland mit dem Ausschluss aus dem Swift-Verfahren, sollte das Land bei seinem Nachbarn einmarschieren. Eine Genossenschaft aus Belgien, die im Hintergrund arbeitet, wird plötzlich Hebel der Weltpolitik. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Was ist Swift?

    Swift ist eine Genossenschaft mit Sitz im belgischen La Hulpe südöstlich von Brüssel. Der Name steht für Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication (etwa Gesellschaft für weltweite Fernkommunikation zwischen Banken). Das Unternehmen ist sein (Kurz-)Nachrichtendienst, eine Art sehr sicheres Whatsapp für Banken. Swift betreibt auch ein eigenes Datennetz sowie drei Datenzentren – in den USA, Belgien und der Schweiz. Das Angebot wird von mehr als 11.000 Finanzinstituten weltweit genutzt, darunter die größten der Welt und Notenbanken. Swift ist kein Zahlungsabwickler.

    Was ist das Besondere an Swift?

    Die Genossenschaft hat eigene, weltweit geltende Standards und Formate für Nachrichten entwickelt, die die Banken automatisch verarbeiten können. Diese Nachrichten werden äußerst schnell übertragen und sind sehr sicher. Zudem ist klar, wer die Nachricht wann von wo an wen wohin gesendet hat und wann sie dort angekommen ist. Eine solche Nachricht kann sehr vereinfacht sein: Kunde A der Bank X überweist 300 Euro an Kunden B bei Bank Y.

    Wie funktioniert Swift?

    Über das System können Nachrichten von einer Bank zur anderen geschickt werden. Als Absender- oder Empfängeradresse dient der BIC, der Business Identifier Code, der für jede Bank weltweit einmalig ist. Die Europäische Zentralbank hat zum Beispiel ECBDEFF. Ein sehr vereinfachtes Beispiel: Erika Muster möchte die Anzahlung für das Ferienhaus im Sommer an Jean Dupont überweisen. Sie füllt beim Onlinebanking ihrer Bank A die entsprechende Maske aus und klickt den Überweisen-Knopf. Im Hintergrund wird eine Standard-Swift-Nachricht mit BIC der Absender- und der Empfängerbank sowie allen wichtigen Eckdaten erzeugt, die besagt, dass Erika Muster 300 Euro an Jean Duponts Konto bei Bank B überweist. Bank A bucht daraufhin Geld an ein Konto der Bank B, die wiederum Geld auf das Konto von Jean Dupont bucht. Standardisierte Nachrichten gibt es auch für andere Geschäfte wie Aktienkäufe, oder Großüberweisungen zwischen Banken. Je Art werden täglich etwa 40 bis 50 Millionen Nachrichten versandt.

    Warum ist Swift so wichtig?

    Die Nachricht von einer Überweisung lässt sich auch per E-Mail oder Brief oder sogar Whatsapp übertragen. Das Empfängerinstitut muss dann aber aufwändig prüfen, ob der Absender echt ist, die Unterschrift stimmt, die Person überhaupt für die Überweisung qualifiziert und berechtigt ist. Der Aufwand ist sehr hoch. Gerade weil Swift sichere standardisierte Nachrichten anbietet, die Computer ohne Zutun von Mitarbeitern verarbeiten können, sind schnelle und zuverlässige Bankgeschäfte überall auf der Welt überhaupt erst möglich.

    Warum wäre es für Russland ein Problem, ausgeschlossen zu werden?

    Ohne Swift kann das russische Finanzsystem zwar theoretisch immer noch Geschäfte mit Instituten außerhalb des Landes machen, die Kommunikation ist allerdings dramatisch erschwert. De facto würden Geldgeschäfte mit dem Ausland fast unmöglich und außerordentlich teuer. Sehr zugespitzt gesagt: Russische Banken müssten für jede einzelne Transaktion den reitenden Boten mit einem Brief losschicken. Und niemand garantiert, dass das Schreiben echt ist und von der richtigen Stelle kommt.

    Wem gehört Swift?

    Eigentümer von Swift sind die Banken, die die Dienste nutzen. Jedes Institut ist an der Genossenschaft nach seinem Anteil am Umsatz beteiligt.

    Seit wann gibt es die Genossenschaft?

    1973 gründeten Banken aus aller Welt die Organisation, damals, um das Telex-Verfahren, mit dem sich die Institute weltweit verständigten, automatisieren zu können.

    Wer entscheidet bei Swift?

    Über Aufnahme und Ausschluss von Finanzinstituten entscheidet bei der Organisation die Genossenschaftsversammlung, also die Anteilseigner. Ob ganze Länder von der Teilnahme ausgeschlossen werden können, die Politik also umfassend in die Geschäfte von Swift eingreifen können, ist nicht sicher und sehr heikel.

  • Rückkehr der Atomdebatte

    Wie Deutschlands Nachbarn mit der Frage umgehen

    Wer hätte das gedacht: Atomkraft schien in Europa, vor allem in Deutschland eher ein Randthema zu sein, Wind- und Solarenergieanlagen sowie Wasserkraftwerke galten für die Energiewende als wesentlich. Und jetzt ist die Debatte, die viele für abgeschlossen hielten, wieder da. Der Grund: Atomkraft erzeugt Strom, ohne klimaschädliche Gase auszustoßen. Und auch, wenn kein Wind weht oder die Sonne nicht scheint.

    Die EU jedenfalls möchte Atomenergie zumindest übergangsweise als nachhaltig und damit als ökologisch investitionsfähig ansehen. So steht es im Entwurf der Taxonomie genannten Vorgabe. Ähnliches soll für moderne Gaskraftwerke gelten. Die Bundesregierung wird diese Regelung wohl nicht verhindern können. Dafür müsste sie mehr als sieben der 27 EU-Staaten gewinnen, was als unwahrscheinlich gilt. 2020 hatte Atomstrom einen Anteil von knapp 25 Prozent am EU-Strommix. In Deutschland waren es 11,3 Prozent, weltweit 10,1 Prozent. Ein Überblick über Deutschlands Nachbarn:

    Frankreich: Besonders die Franzosen setzen auf Atomkraft. Präsident Emanuel Macron hat sich bereits im vergangenen Jahr dafür stark gemacht. Das Thema spielt im laufenden Präsidentschaftswahlkampf eine Rolle. Vor allem die rechten Kandidaten haben erklärt, überwiegend auf Atomkraft zu setzen. Frankreich ist nach den USA das Land mit den meisten Atomreaktoren. Mehr als 67 Prozent des Stroms bezieht das Land aus einem seiner derzeit 56 Anlagen. Sie sollen modernisiert und teils ersetzt werden. ein weiterer wichtiger Faktor: Die Atomindustrie in Frankreich gehört in weiten Teilen dem Staat und beschäftigt direkt und indirekt rund 200.000 Mitarbeiter. Anteil am Strommix: 67,1 Prozent.

    Belgien: Die Belgier hingegen wollen aus der Atomkraft aussteigen. Die sieben noch am Netz befindlichen Blöcke sollen bis 2025 abgeschaltet werden, wie das Parlament einen Tag vor Weihnachten 2021 beschloss. Anteil am Strommix: 39,1 Prozent.

    Niederlande: Zu den Befürwortern der Atomkraft gehört auch die neue niederländische Regierung. Sie will die Laufzeit des einzigen bestehende Atomkraftwerk des Landes verlängern und zwei weitere Reaktoren bauen. Regierungschef Mark Rutte führt wie Macron die Klimafreundlichkeit der Atomkraftwerke an. Anteil am Strommix: 3,2 Prozent.

    Polen: Die Polen liebäugeln mit Atomkraft. Zuletzt waren vier Anlagen geplant, die voraussichtlich nach 2030 ans Netz gehen sollten. Ob es tatsächlich so weit kommt, ist unklar. Weder ist über die genaue Technologie noch über die Standorte entschieden. Bisher erzeugt das Land vor allem mit Kohle und Gas Energie. Polen denkt seit 2008 über neue Kraftwerke nach. Ein wichtiger Grund: Die Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern. Anteil am Strommix: 0 Prozent

    Tschechien: Das Land erzeugt Strom vor allem mit Kohle. Um den Ausstieg zu stemmen, setzen die Tschechen auf mehr Atomkraft, die weitgehend akzeptiert ist. Geplant ist, zusätzlich zu den sechs bestehenden eine weitere Anlage zu bauen. Die Ausschreibung verzögert sich allerdings. Anteil am Strommix: 37,3 Prozent

    Österreich: Bereits 1978 haben sich die Österreicher in einer Volksabstimmung gegen Atomkraft ausgesprochen. Das fertig gebaute Atomkraftwerk wurde nicht ans Netz angeschlossen. Inzwischen ist der Bau von Akw verboten. Der Strom kommt zu 75 Prozent aus Erneuerbaren Energien.

    Schweiz: Die Schweizer haben 2018 in einer Volksabstimmung beschlossen, keine neuen Atomkraftwerke zu bauen. Wann die vier alten Reaktoren stillgelegt werden, steht nicht fest. Die Schweiz will sie laufen lassen, solange sie sicher sind. Die Anlagen der Schweiz sind im Schnitt älter als 45 Jahre. Anteil am Strommix: 35,1 Prozent.

    Weltweit baut vor allem die China neue Atomkraftwerke. 18 Anlagen entstehen dort. Das Land hat besonders großen Energiehunger und ist mit seinen Kohlekraftwerken einer der größten Treiber des Klimawandels.

    Eines der größten Probleme der Atomkraftwerke ist die Bauzeit. Kaum eine Anlage wird in der geplanten Zeit fertig. Der World Nuclear Industrie Status Report (WNISR) kam für 2020 auf eine durchschnittliche Bauzeit von rund zehn Jahren. Mehr als 58 Prozent der Projekte verzögerte sich demnach im Schnitt um sieben Jahre. Den Rekord hält der russische Reaktor Rostow-4 mit mehr als 35 Jahren zwischen Baubeginn und Netzanschluss.

    Der finnische Reaktor Olkiluoto-3 ging erst kürzlich ans Netz. Ursprünglich geplant war 2009. Und auch Frankreichs Prestigeprojekt Flamanville-3 kämpft mit Problemen. Verzögerung bisher: mehr als zehn Jahre. Selbst die sonst sehr zügigen Chinesen kämpfen mit technischen Problemen. In Südwest-England bauen sie mit französischer Technik ein neues Kraftwerk mit zwei Blöcken. Es ist bereits jetzt teurer als geplant und verzögert sich um mehrere Jahre.

    Frankreich hat noch mit anderen Problemen zu kämpfen: Dürre, bedingt durch den Klimawandel und entsprechend wenig Kühlwasser, was in manchen Jahren die Leistung der Anlagen schmälert – vor allem im Sommer. Zudem sind die Anlagen recht alt, durchschnittlich 36,1 Jahre. In Deutschland sind es 34,5, weltweit 30,9 Jahre. 115 Tage war jeder französische Reaktor 2020 im Schnitt vom Netz, wie Zahlen des WNISR zeigen.

    Trotz der Debatte über eine Renaissance der Atomkraft halten sich Investoren weltweit zurück. 2020 flossen rund 18,3 Milliarden Dollar in neue Atomreaktoren, wie der WNISR ermittelt hat. Gleichzeitig steckten Staaten und private Investoren rund 142 Milliarden Dollar in Wind- und 149 Milliarden Dollar in Solarenergieanlagen.

    Ein Grund könnten die vergleichsweise hohen Kosten sein, die anfallen, wenn Energie mit Atomkraft erzeugt wird. Zahlen der Bank Lazard für die USA zeigen, dass Energie aus Wind seit 2010, aus Solaranlagen seit 2012 günstiger ist als Atomenergie. Während Atomenergie zwischen 2010 und 2020 um 33 Prozent teurer geworden ist, wurde Solarenergie um 90Prozent billiger. Bei Windenergie sind es 70 Prozent. Die Zahlen sind für die USA erhoben, gelten aber weltweit. Bloomberg New Energy Finance erwartet auch, dass es Mitte der 2020er Jahre günstiger ist, neue Solar- und Windparks zu bauen als bestehende Gas- und Kohlekraftwerke weiter zu betreiben.

    In einigen Ländern werden neue Ansätze für deutlich günstigere Atomkraftwerkle verfolgt. Die Idee: Kleinere Anlagen in industriellem Maßstab herzustellen, statt größere Anlagen immer neu zu planen. Diese kleineren Anlagen sollen auch deutlich sicherer sein. An solchen sogenannten Small Modular Reactors (SMR, kleine modulare Reaktoren) arbeiten Forscher und Unternehmen unter anderem in Dänemark, Deutschland, Frankreich und Tschechien. Baureif ist noch keines der Konzepte.

    Auch der britische Triebwerks- und Turbinenhersteller Rolls Royce denkt über solche Anlagen in der Größe von zwei Fußballfeldern nach. 90 Prozent der Anlagen sollen standardisiert sein. Das Unternehmen verspricht eine Bauzeit von vier Jahren. Dass solche Anlagen schnell entstehen ist eher unwahrscheinlich. Rolls Royce rechnet mit dem Start für 2031.

    Dass die neuen Konzepte die Lösung sein können, halten deutsche Fachleute wenig. In einer Analyse für das Bundesamt für Sicherheit der nuklearen Entsorgung (Base) zweifelt das Öko-Institut die günstigen Kosten an. Sie ließen sich erst ab Stückzahlen von mehreren tausend erzielen. Die große Anzahl von solchen Anlagen erhöhte auch das Risiko. Der WNISR kommt zu dem Schluss: Die stärkere Debatte hat nicht zu nennenswert mehr Investitionen und Projekten geführt.

    Ungeklärt ist bei den meisten neuen Konzepten – auch dem von Rolls-Royce – sowie den alten Reaktoren die Endlagerfrage. Die hat weltweit bisher nur ein Land beantwortet: Finnland. Es will die radioaktiven Abfälle im hohen Norden unterirdisch in Granit lagern.

    Die deutsche Industrie hat mit dem Thema Atomkraft abgeschlossen: zu teuer, zu risikoreich. Die letzten drei Anlagen, Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2, gehen nach den Plänen Ende des Jahres vom Netz. Die großen drei Konzerne EnBw, Eon und RWE setzen voll auf erneuerbare Energien.

  • Die Verbraucher zahlen

    EZB bei Inflation in Zwickmühle

    Für die Europäische Zentralbank wird es in diesem Jahr ungemütlich. Angesichts von 3,1 Prozent Teuerung in Deutschland – dem höchsten Wert seit Euro-Einführung – zeichnet sich für die Euro-Zone eine Inflationsrate ab, die deutlich über jenen zwei Prozent liegt, die die Notenbank als ungefährlich in einer wachsenden Wirtschaft ansieht. Und ihr Auftrag ist die Preisstabilität. In normalen Zeiten müsste sie also langsam gegensteuern und die Leitzinsen anheben, Geld verteuern und so aus dem Markt nehmen, auf dass sich die Inflationsrate wieder senkt. Doch die Zeiten sind nicht normal.

    Seit der Finanz- und Euro-Krise sind die Zinsen der EZB auf einem historisch niedrigen Wert von 0,0 Prozent. Zugleich kauft die Notenbank Staatsanleihen, was auch hoch verschuldeten Staaten wie Italien oder Spanien zugute kommt, die so günstig an frisches Geld kommen. Gerade in Italien laufen zahlreiche erfolgreiche Reformvorhaben. Das Land ist dafür aber auf billiges Geld angewiesen. Das Ende des Kaufprogramms oder Zinserhöhungen wären da gefährlich. Kurios dabei: Der Regierungschef, der Italien seit Anfang 2021 auf Reformkurs steuert, ist derjenige, der die ultralockere Geldpolitik als Chef der EZB von 2011 bis 2019 verfolgt hat: Mario Draghi. Legendär seine Aussage 2012, alles zu tun, um den Euro zu retten.

    Seither druckt die EZB Geld und flutet den Markt damit. Das war zu Hochzeiten der Euro-Krise wichtig und auch nicht gefährlich, weil die Inflation niedrig war. Jetzt erweist es sich als Problem: Die Inflation zieht an, die Länder benötigen aber weiter Geld.

    Unklar ist, wie die EZB aus der Politik des billigen Geldes aussteigen will, ohne Wirtschaft und Reformen der hoch verschuldeten Euro-Länder zu gefährden. Anders als die US-Notenbank Fed, die die Wende bereits eingeleitet und drei Zinserhöhungen für 2022 angekündigt hat, schließen die Europäer solche Schritte auch für 2022 aus. Das deutet alles darauf hin, dass der EZB das Wohl einzelner Staaten wichtiger ist als die Inflation bei zwei Prozent zu halten. Im Klartext: Die Verbraucher werden mehr zahlen müssen.

  • Steigende Zinsen nicht wahrscheinlich

    Bankenpräsident Sewing über Inflation, Wirtschaftswachstum und was 2022 dem Sparer bringt

    Ein Virus und Transportengpässe auf den Weltmärkten haben Wirtschaft und Verbraucher 2021 nachhaltig beschäftigt. Zudem stiegen die Preise teils dramatisch. Und die Banken verabschiedeten sich von zahlreichen Filialen, gleichzeitig erhöhten sich vielerorts die Gebühren. Christian Sewing, Präsident des Bundesverbands deutscher Banken, erklärt, worauf sich die Deutschen für 2022 einstellen müssen.

    Mit welchem Wirtschaftswachstum rechnet der Bankenverband für 2022?

    Aus heutiger Sicht ist für das kommende Jahr in Deutschland ein Wirtschaftswachstum von rund vier Prozent möglich. Auch wenn der Start schwierig wird, sollten die wirtschaftlichen Belastungen durch die Pandemie im Frühjahr wieder nachlassen. Die derzeitigen Lieferengpässe dürften ebenfalls im Jahresverlauf nachlassen. Das hohe Auftragspolster der Industrie bietet dann die Grundlage für eine recht dynamische Erholung im Sommer und Herbst nächsten Jahres.

    Wie wird sich die Inflation entwickeln?

    Zwar wird die aktuell sehr hohe Inflationsrate im kommenden Jahr allein aufgrund von statistischen Effekten wieder etwas sinken. Sie wird aber nicht wieder auf das niedrige Niveau zurückfallen, das wir zuletzt über mehrere Jahre gesehen hatten. Beim Inflationstrend erleben wir gerade einen „Etagenwechsel“, also von Inflationsraten unter zwei Prozent im vergangenen Jahrzehnt zu Raten von voraussichtlich 2,5 bis drei Prozent in den nächsten Jahren. Denn wir haben es mit gleich mehreren Faktoren zu tun, die auch längerfristig die Preise treiben werden – darunter der demografisch bedingte Fachkräftemangel oder der Umbau der Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit. Hinzu kommt die Neujustierung der globalen Lieferketten. Zudem könnte mehr mobiles Arbeiten mancherorts die Gehälter in die Höhe treiben, weil auch Mittelständler in der deutschen Provinz plötzlich mit Jobs bei Großunternehmen aus den Metropolen konkurrieren müssen.

    Wie bewertet der Bankenverband das Corona-Krisenmanagement bisher?

    Auch wenn es manchmal gerumpelt hat, sind wir nach meinem Eindruck verhältnismäßig gut durch die Krise gekommen. Aktuell erweist sich aber die vergleichsweise niedrige Impfquote als Hypothek. Wichtig ist und bleibt daher eine gute Versorgung mit Impfstoffen – und dass möglichst viele Menschen sie annehmen. Mit Blick auf die Wirtschaft haben die Maßnahmen von Bund, Ländern und EU geholfen, eine noch schwerere Wirtschaftskrise in Deutschland zu verhindern. Das ist definitiv ein großer Erfolg. Und wir Banken waren auch ein Teil der Lösung, indem wir etwa die Wirtschaft mit Krediten versorgt haben.

    Welche Folgen hat die Pandemie für die privaten Banken?

    Die Pandemie hat die Digitalisierung in vielen Lebensbereichen beschleunigt. Auch unsere digitalen Angebote vom Online Banking bis zum kontaktlosen Bezahlen werden deutlich häufiger genutzt. Dies gilt aber auch für unseren eigenen Betrieb. Ich hätte vor einigen Jahren nie gedacht, dass wir Banken so reibungslos unsere Dienstleistungen anbieten können, während der Großteil unserer Belegschaft von zu Hause arbeitet.

    Nach einer Rallye in 2021 mit einem Dämpfer zum Ende des Jahres: Wie entwickeln sich die Börsen 2022?

    2021 konnten viele Unternehmen in Deutschland ihre Gewinnmargen verbessern; auch das war ein Grund für die steigenden Börsenkurse. Für das kommende Jahr rechnen wir mit einer gewissen Normalisierung der Kursentwicklung. Da die Kapitalmarktzinsen weiterhin auf einem sehr niedrigen Niveau bleiben, sollte das frisch erweckte Aktieninteresse bei vielen Sparern in Deutschland anhalten.

    Wie bewertet der Bankenverband die aktuelle Politik der EZB in Sachen Leitzins?

    Der Ausstieg aus der Negativzinspolitik ist die wichtigste, gleichzeitig aber eine herausfordernde Aufgabe der nächsten Jahre. Die EZB teilt inzwischen unsere Ansicht, dass die hohen Inflationsraten im kommenden Jahr langsamer zurückgehen werden als ursprünglich erwartet. Dennoch hat sich die Zentralbank sehr langfristig festgelegt und eine Zinswende im nächsten Jahr bereits ausgeschlossen. Dadurch steigt das Risiko, dass die Notenbank später mit einem kräftigen geldpolitischen Bremsmanöver eingreifen muss.

    Wann rechnen Sie wieder mit steigenden Zinsen?

    Aus heutiger Sicht ist ein erster Zinsschritt der EZB im Jahr 2022 nicht sehr wahrscheinlich. Je nachdem, wie sich Inflation und Pandemie entwickeln, könnte sich die Einschätzung der EZB aber ändern. Zunächst wird sie aber über ein Ende ihrer Anleihekäufe diskutieren, bevor ein Zinsschritt erwogen wird.

    Immer mehr Banken nehmen Strafzinsen für Spareinlagen. Wird das so weitergehen?

    Die Geschäftsbanken müssen bereits seit Mitte 2014 einen negativen Zins für ihre Guthaben bei der EZB zahlen. Die Institute haben lange versucht, diese Kosten nicht an ihre Kunden weiterzugeben. Wir hatten alle gehofft, dass die Negativzinspolitik nur ein vorübergehendes Notfallinstrument der Geldpolitik sein würde. Das war leider ein Trugschluss. Durch die die hohe Liquidität an den Märkten und die deutlich gestiegenen Kundeneinlagen hat sich der Kostendruck im Einlagengeschäft der Banken kontinuierlich erhöht. Um im Einlagengeschäft überhaupt kostendeckend arbeiten zu können, haben vielen Banken mittlerweile keine andere Möglichkeit mehr, als Verwahrentgelte einzuführen. Die Entscheidung trifft allerdings jedes Institut für sich.

    Die Banken nehmen Gebühren für Girokonten, Depots, Aktienkäufe und -verkäufe. Der Kunde hat das Gefühl, für alles mehr zahlen zu müssen, gleichzeitig aber nicht mehr zu bekommen – tendenziell sogar weniger. Warum ist das so?

    Für Bankkunden ist das Preis-Leistungs-Verhältnis in Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Nachbarstaaten nach wie vor sehr günstig. Die Marktbedingungen haben sich aber durch die anhaltende Negativzinspolitik stark verändert. Das belastet sowohl die Ertragslage der Banken als auch die Rendite der Sparerinnen und Sparer. Bei den Kosten der Banken schlagen zudem erheblich höhere Ausgaben für die Berichts- und Dokumentationspflichten und andere regulatorische Vorgaben zu Buche.

    Alle klassischen Geschäftsbanken streichen in hohem Maße Filialen. Wie viele Filialen wird es bundesweit Ende 2022 aus Sicht des Bankenverbands noch geben?

    Eigene Prognosen haben wir nicht. Das sind Entscheidungen, die jedes Institut für sich trifft. Die Statistik der Bundesbank zeigt seit Jahren einen Trend zu weniger Filialen. Der wird sich fortsetzen: Kunden nutzen zunehmend Online-Angebote und erledigen ihre Bankgeschäfte von zuhause. Aber es bleibt in Deutschland immer noch eine relativ hohe Filialdichte mit mehr Anlaufstellen für Bankkunden als in vielen anderen Ländern Europas.

    Angesichts der Neo-Banken wie N26 und Neo-Broker wie Tradegate, wo alle Geschäfte online laufen, und Bargeldabheben im Supermarkt: Brauchen Banken überhaupt noch Filialen?

    Es wird auch in Zukunft Filialen geben. Wir erleben eine Renaissance der Beratung, weil die Welt der Finanzen komplexer wird. Viele Kundinnen und Kunden legen wieder mehr Wert auf persönlichen Service und individuelle Beratung – gerade bei Wertpapieren, Baufinanzierung oder anderen Krediten.

  • Im Bann des Goldbären

    Eine deutsche Ikone wird 100. Erfunden in Bonn erfreut das Gummitier heute Menschen in aller Welt

    Wenige Stars sind so bekannt wie er. Er ist deutscher Weltbürger und bereiste das All. Taucht er irgendwo auf, ob in gelb, rot, grün, orange oder weiß, wollen ihn alle anfassen. Und aufessen. Erstaunlich für einen, der gerade hundert Jahre alt wird. Wie begeistert das Gummibärchen die Massen? Und wer ist der Goldbär, wie Haribo ihn nennt, die Firma, für die er seit zehn Jahrzehnten arbeitet? Eine Spurensuche hinter sonst verschlossenen Türen.

    Schon der Geburtstag ist so eine Sache, bekannt ist nur das Jahr, 1922. Irgendwann passte der Mix aus Fruchtsaft, Gummi Arabicum und einigen anderen Zutaten und Haribo-Gründer Hans Riegel hatte den perfekten Bären. Immerhin: Der Geburtsort ist eine Waschküche im Bonner Stadtteil Kessenich. Und bekannt ist auch, dass der Bär einen längeren Hals hatte als heute und deutlich größer war: knapp fünf Zentimeter. Vorbild waren die Tanzbären des 19. Jahrhunderts. Bezahlbar gute Laune wollte Riegel verbreiten, und die war so kurz nach dem Ersten Weltkrieg wichtig.

    Der Bär überlebte Wirtschaftskrise und Nazischrecken, genoss das Wirtschaftswunder, erhielt seinen vergoldeten Namen und machte sich, jetzt geschrumpft, aber immer noch zuckersüß, daran, die ganze Welt zu erobern. Gemeinsam mit TV-Moderator Thomas Gottschalk rollte er werbemäßig den Markt auf. Und die US-Astronautin Cady Coleman nahm ihn 2019 tütenweise mit auf die Raumstation ISS.

    Bevor es in die Umlaufbahn um die Erde gehen kann, hat der Bär schon einiges hinter sich. Fuhr er 1922 noch mit dem Rad zum Kunden, kommt der Goldbär in Deutschland seit 2018 per Lkw aus einem der 48 Tore des Zentrallagers in Grafschaft, sauber eingetütet, in Kartons verpackt und auf Paletten gestapelt. Dafür zuständig ist Uwe Weber, Chef Logistik Deutschland. Er steht im Hochregallager, 120 mal 120 Meter mal 43 Meter, da passt ein kleines Fußballstadion hinein. Die 40 Meter hohen Aufzüge oder Regal-Bedien-Geräte sirren und schnurren in den 22 Regalschluchten hin und her, um Paletten mit Goldbären einzusortieren oder mit Tütenfolie herauszuholen.

    Weber hat die in dieser Form einmalige Anlage selbst entworfen. 1300 Paletten in der Stunde kann sie umschlagen, gut 100.000 Paletten lagern hier, sehr viele Goldbären, auch Schaummäuse, Lakritzschnecken, Riesenanakondas. Und nur die Anlage weiß, welche Palette mit L’Ours D’Or oder Goldbears als nächstes herausgesucht werden muss. Alles technisch effizient, damit der Bär überall und immer verfügbar ist, aber sein Charme muss irgendwo anders entstehen.

    Eine Tür, die hier allgegenwärtigen elektrobetriebenen gelben Wagen der Logistikanlage auf ihren blauen Schienen. Die Passerelle, der Übergang vom Lager zum Allerheiligsten hier bei Haribo: der Produktion. Es riecht nach warmem Zucker und … Himbeer vielleicht? Jedenfalls sehr intensiv nach Goldbär. Und man möchte jetzt sofort eine Tüte aufreißen, geht aber nicht.

    Stattdessen: Mobiltelefon abgeben, Schmuck ablegen, Spezialschuhe anziehen, Schutzkleidung. Dann öffnet sich die Tür zur Produktion, wie das Lager ein grauer Kasten. Modernste Anlage der Süßwarenindustrie, schwärmen sie bei Haribo. Sieben Fußballfelder groß über drei Ebenen. Ganz oben werden die Zutaten gemischt, ganz unten wird sortiert. Dazwischen: Geheimnis. Wegen der Konkurrenz. Haribo hat in Deutschland geschätzt zwischen 50 und 60 Prozent Anteil am Markt für Fruchtgummi und Lakritz. Auch weltweit sieht man sich als Nummer 1. Und das soll so bleiben.

    Nur so viel zur Produktion: „Alles drumherum ist computergesteuert und modern, im Kern entsteht der Bär aber wie vor 100 Jahren“, sagt Hans-Christian Kimmel, Chefarchivar des Unternehmens. Auf einem Blech wird Maisstärke ausgebreitet, ein Stempel in Bärenform wird hineingedrückt, in die Mulde fließt dann der Bärengrundstoff. Die Bleche stehen einige Zeit zum Trocknen. Dann werden die Bären im Sieb von der Stärke getrennt, mit Bienenwachs besprüht, damit sie nicht aneinanderkleben, gemischt und eingetütet.

    Das Grafschafter Werk 2021 ist natürlich etwas größer als Riegels Hinterhof 1922. Riesige Bleche, hunderte Stempel, hunderte Einspritzdüsen, silbrig-graues Gestänge, alles vollautomatisiert. Und im Erdgeschoss, wo es anders als in den Etagen darüber ziemlich laut klackert, laufen die Bären vom Fließband in weiße Kisten. Alle Farben durcheinander. Der Mix, das wird hier klar, ist tatsächlich zufällig. Ein Mitarbeiter in Schutzkleidung kontrolliert. Dann geht es zu den Verpackungsmaschinen, deren Schütten den Lärm erzeugen.

    Immer noch ist unklar, wie der Bär so begeistern kann, dass japanische Fernsehteams eigens anreisen, um Bilder für eine Ratesendung daheim zu drehen. Dass Hotels kleine Tüten mit den Tieren in den Zimmern auslegen, um die Gäste zu erfreuen. Dass bei Konferenzen auch die die härtesten Zuckergegner schwach werden und Salatblatt und Sellerie-Sticks ignorieren. Die Maschinen hier in Grafschaft, so viel ist zu erkennen, liefern immer gleiche Form, Farbe, Härte. Nur woher kommt das gewisse Etwas?

    Vielleicht liegt das Geheimnis des Bären in der Rezeptur. Was drinsteckt, steht auf der Tüte: Zucker, Gelatine, Aromen, Saft, pflanzliche Farbstoffe. Aber wie genau der Mix aussieht, wissen bei Haribo nur zwölf Mitarbeiter, darunter Andreas Lohmüller, oberster Rezeptwächter, offiziell Leiter Rezepturen und Entwicklung International. Fragen werden souverän weggelächelt. Das Marketing spricht lieber von Leidenschaft und kindlicher Freude, die bei der Produktion einfließen.

    Zeit für einen Besuch bei Oliver Maier, Chef der Qualitätskontrolle. Böse Zungen behaupten, die Bären schmeckten alle gleich süß, etwas, was Maier weit von sich weist. Und was sich im Blindtest unter Rotlicht – da sehen alle Bären gleich aus – auch als falsch herausstellt. Allerdings lässt sich der Geschmack ohne die Farbe nur sehr schwer zuordnen. Die Farbe ist also wichtig. Wie auch Textur, Biss, Glanz des Bären. Alles durchdacht, alles optimiert. „Der Bär hat die perfekte Snackgröße mit Fruchtgeschmack“, sagt Maier noch.

    Kundinnen und Kunden haben ein hochemotionales Verhältnis zu ihren Goldbären. Wird nur eine Kleinigkeit geändert, etwa ein neuer Naturfarbstoff verwendet, muss der Kundenservice zahlreiche Anrufe und Briefe beantworten. Und die sind nicht immer freundlich. Überhaupt stellen die Fans des Bären einiges mit ihm an: Packung anstechen und liegenlassen, damit die Tierchen härter werden. In Eiswürfel einsperren für den Bären im Gin Tonic. Als Dekoration auf Schokokuchen setzen oder als Passagier in Modelleisenbahnen.

    Es gibt Orakel-Bücher über den Bären und eine computer-linguistische Arbeit darüber, wie die Tiere in den Tüten wohl kommunizieren. Auch ihre erotischen Phantasien wurden untersucht. Der Gummibär leuchtet als Lampe in deutschen Wohnzimmern, ein Sportartikelhersteller versah Sneaker mit ihm.

    Und während man im steril weißen Testraum steht, noch kaut (Heidelbär?) und nachsinnt über diese deutsche, ja, Industrieikone, sagt Maier: „Der Erfolg ist recht simpel erklärt: Never change a winning team.“ Aber das ist vielleicht zu einfach.

    Der Jubilar

    Gestartet ist der Bär 1922 als Tanzbär mit schlanken fünf Zentimetern Größe und in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Über die Jahre wurde er kleiner, gedrungener und tauchte nicht mehr einzeln auf, sondern rottete sich in Tüten zusammen. 1960 wurde er aus werbestrategischen Gründen Goldbär getauft. Er ist 23 Millimeter groß, zehn Millimeter breit und wiegt 2,3 Gramm. Seit 1995 lächelt er. Im Sortiment von Haribo, allein 800 Produkte in Deutschland, ist er mit Abstand das am meisten verkaufte Produkt. Hier kennen ihn 99 Prozent der Menschen, weltweit sind es 25 Prozent.

    Täglich werden etwa 160 Millionen Stück produziert. In Deutschland tummelt sich der Bär in den sechs Geschmacksrichtungen Himbeere (dunkelrot), Erdbeere (hellrot), Orange (orange), Zitrone (gelb), Ananas (weiß) und Apfel (grün). Die letzte Sorte ist erst seit 2007 dabei, vorher schmeckte der grüne Bär nach Erdbeer. Die Amerikaner allerdings kennen immer noch nur fünf Sorten. Er tritt in mehr als 100 Absatzländern gleich auf – wesentliche Ausnahmen: Für die Muslime ist er halal, für Juden koscher und für die USA knalliger gefärbt.

    Der Konzern

    Hans Riegel gründete das Unternehmen 1920 in Bonn-Kessenich. Der Name ist aus den Anfangsbuchstaben von Hans Riegel Bonn zusammengesetzt. Das Unternehmen ist heute noch in Familienbesitz. Die Geschäfte führt Gründerenkel Hans Guido Riegel. 2019 zog Haribo mit der Zentrale ins rheinland-pfälzische Grafschaft um und baute auf der grünen Wiese eine neue Fabrik. Insgesamt produziert Haribo an 16 Standorten in Europa, der Türkei und Brasilien. In den USA entsteht gerade ein neues Werk für 248 Millionen Euro, standesgemäß mit der Adresse Goldbear Drive.

    Für Haribo arbeiten gut 7000 Beschäftigte, 4000 davon im Ausland, wo mehr als die Hälfte des Umsatzes erwirtschaftet werden. Der Konzern ist bei Zahlen notorisch verschwiegen, unter anderem, um im harten Handelsgeschäft nicht ausrechenbar zu sein. Experten schätzen den Umsatz auf derzeit mehr als drei Milliarden Euro. Und Haribo ist trotz Großinvestitionen schuldenfrei, wie zu hören ist. Der Marktanteil in Deutschland liegt zwischen 50 und 60 Prozent.

  • „Deutschland könnte aus seinem Hoheitsgebiet Satelliten starten“

    OHB-Chef Marco Fuchs über die Chancen von New Space

    Kleinere Raketen und Satelliten, Startplätze in Europa, Forschungsstationen auf dem Mond: Das All ist interessant, wie lange nicht mehr – für Weltraumfans wie Investoren. Marco Fuchs, Vorstandschef des Raumfahrtunternehmens OHB aus Bremen erklärt, welche Chancen sich bieten, wo Deutschland und Europa stehen und was das All mit Klimaschutz zu tun hat.

    Die Amerikaner schicken eine Sonde ins All, die einen Asteroiden rammen soll, es gibt Pläne für den Breitbandanschluss des Mondes, Weltraumtourismus. Was ist da los?

    Marco Fuchs: Raumfahrt hat im Moment eine unglaubliche Dynamik. Es gibt viele Ideen. Dank des technischen Fortschritts sind Dinge, die lange Zeit undenkbar waren, jetzt machbar. Vor allem in Amerika wird sehr viel auch privates Geld investiert. Außerdem erkennen viel mehr Menschen den Nutzen der Raumfahrt als früher.

    Übernehmen Investoren das All?

    Es gibt immer noch die großen staatlichen Weltraumagenturen wie Nasa in den USA und ESA in Europa. Der große Unterschied im Vergleich zu früheren Jahrzehnten ist SpaceX von Elon Musk, Marktführer bei Raketen. Dann ist da noch Blue Origin, hinter dem Jeff Bezos von Amazon steht. Tatsächlich werden bereits seit Jahrzehnten privat Milliarden im All investiert, vor allem bei Telekom- und Fernsehsatelliten.

    Aber Internet auf dem Mond ist schon ein bisschen irre?

    Da kann man sich fragen, ob das überhaupt kommt. Andererseits: Es wird wieder Menschen auf dem Mond geben, Forschungsstationen vergleichbar den Antarktisstationen. Außerdem ist die Zahl der Ziele begrenzt. Wir können zum Mond fliegen, zum Mars, vielleicht noch zur Venus. Dann kann man sich noch in größeren Raumschiffen aufhalten. Alles andere lässt sich in einem Menschenleben nicht sinnvoll erreichen.

    Zurzeit ist der Trend New Space – kleinere Satelliten, Schwärme von Sonden, kleinere Raketen, Massenfertigung. Woran liegt das?

    Im Zuge der Digitalisierung wird alles kleiner. Die Rechner sind leistungsfähiger, viele Funktionen, für die vor 20 Jahren Hardware nötig war, hat Software übernommen. Das ist vergleichbar mit Mobiltelefonen: vor 20 Jahren zum Aufklappen und Telefonieren, heute ein mobiler Computer mit Kamera, Diktiergerät, Bildschirm, Stimmgerät für eine Gitarre und und und. Bei Satelliten gibt es aber eine Grenze: Sie brauchen Solarpanel, Antennen, Batterien, Sende- und Empfangseinheiten. Kleinere Satelliten werden nicht alles machen können, deshalb wird es die ganze Bandbreite geben, von fünf Kilo bis fünf Tonnen.

    Wie kann Europa mithalten?

    Europa steht gut da. Es gibt mit Airbus, Thales Alenia, OHB starke Firmen. Bei Satelliten, die den Nutzen stiften, sind wir in Europa Weltspitze. Bei Raketen sind wir nicht mehr so stark. Da sind wir zurückgefallen. Mit Ariane 6, die 2023 fertig sein sollte, wird sich das wieder ändern. Dass Amerika bei Raketen weit vorn ist, hat auch mit der privatwirtschaftlichen Struktur von SpaceX zu tun.

    Und der illustren Persönlichkeit von Elon Musk.

    Das ist der entscheidende Punkt. Niemand hat sich bei SES wegen des privaten Unternehmertums begeistert. Jetzt haben wir eine Weltraumbranche, die auch von schillernden Figuren im California Style angeführt wird. Und von immensen Ambitionen. SpaceX strebt die Besiedelung des Mars an. Das hätte sich selbst die Nasa nicht getraut.

    Welche Chancen bietet New Space?

    Der Markt wird viel größer, es entstehen neue Geschäftsmodelle. Bei der Erdbeobachtung etwa über Copernikus liefern staatliche Satelliten Rohdaten, aus denen Unternehmen dann gezielte Angebote etwa für die Forstwirtschaft entwickeln. Privatwirtschaftlich interessant sind vor allem Telekommunikation und das Konstellationsgeschäft, also Satellitenschwärme. Wir haben gerade den Auftrag für Spacelink gewonnen, eine Konstellation, bei der die Satelliten untereinander und mit der Erde per Laser kommunizieren. Spacelink ist ein sogenannter Backbone. Kunden mit einem eigenen Satelliten können die Kommunikationsleistungen nutzen.

    New Space hat es in den Koalitionsvertrag geschafft. Wie bewerten sie das?

    Sehr gut. Raumfahrt ist Schlüsseltechnologie, eine wichtige Zukunftstechnologie. Und die Regierung will die Raumfahrt stärken, sowohl die ESA als auch das nationale Programm. Und auch die ausdrückliche Nennung von New Space ist wichtig, weil es symbolisiert, dass man auch innovationsstarke private Raumfahrtprojekte unterstützen will.

    Die kleineren Raketen, an denen drei deutsche Firmen arbeiten, unter anderem die OHB-Tochter RFA in Augsburg, sollen von einem Schiff im äußersten Zipfel der Ausschließlichen Wirtschaftszone Deutschlands in der Nordsee starten. Klingt gewagt.

    Das ist technisch nicht so schwierig, das ist immer schon früher gemacht worden. Die russisch-ukrainische Zenit-Rakete wurde von einer umgebauten schwimmenden Bohrplattform im Meer gestartet. Auf See gefährdet man niemanden. Und mit Ausnahme von Kasachstan starten alle Raketen in Französisch-Guayana, Florida, Kalifornien zum Meer hin.

    Warum plant ein Konsortium das für Deutschland?

    Zum einen: Deutschland könnte aus seinem Hoheitsgebiet Satelliten starten, ohne mit irgendwem darüber reden zu müssen. Ohne schwierige Exportlogistik, Kontrollen, Ausfuhrfragen. In einer Welt, in der schnelle Reaktionen nötig sind, ist das wichtig. Sie können dann einen Beobachtungssatelliten starten, um zum Beispiel die Hochwasserschäden im Ahrtal zu untersuchen. Zum anderen: Eine Startplattform auf einem Schiff ist mobil. Sie können überall das gleiche liefern: Startmöglichkeiten aus der eigenen hoheitlichen Zone. Wir entwickeln in Deutschland, weil wir ein deutsches Konsortium sind. Der Standort Nordsee hat auch technische Vorteile.

    Welche?

    Man kann nach Norden vollständig über Wasser starten, zwischen Großbritannien und Norwegen hindurch, wichtig für Satelliten, die die Erde von Pol zu Pol umkreisen sollen. Und wenn man nicht genau nach Norden startet, lassen sich die Satelliten auf eine sonnensynchrone Bahn schicken. Die haben dann den ganzen Tag über Sonne und entsprechend Energie. So kann man aus einem kleinen Satelliten mehr herausholen. Die Flugbahn ist ideal für Satelliten zur Erdbeobachtung. Es ist dann immer hell.

    Wie ist 2021 für OHB gelaufen?

    Insgesamt ganz gut, obwohl wir Anfang des Jahres den Auftrag für die zweite Generation der Galileo-Satelliten nicht gewinnen konnten. Das Jahr war durch die Pandemie auch etwas gebremst. Aber wir sind im Plan. Die Zahlen laufen recht gut, die Auftragsbücher sind voll. Ich bin ganz zufrieden.

    Was erwarten Sie für 2022?

    Wichtig ist im Herbst die Ministerratskonferenz bei der ESA. Da werden neue Programme im öffentlichen Sektor beschlossen. Für OHB speziell spannend ist, wie sich die neue Bundesregierung zu Raumfahrt aufstellt. Der Koalitionsvertrag war sehr gut, jetzt hoffen wir, dass das auch aktiv umgesetzt wird. Und wir planen Wachstum.

    Raketen verbrennen viel fossilen Brennstoff. Brauchen wir Raumfahrt unter Klimagesichtspunkten?

    Raketen sind tatsächlich eine Klimabelastung, weil sie Verbrennungsprozesse haben. Um eine Rakete starten zu können, ist eine bestimmte Energiedichte nötig, die sich bisher nicht anders erzeugen lässt. Es wird viel geforscht. In einem ersten Schritt werden grüne Treibstoffe eingesetzt werden. Dass wir aber in nächster Zeit ohne Verbrennung starten können, ist wenig wahrscheinlich.

    Also verzichten?

    Man muss sich schon überlegen, wie man den Klimaaufwand im Verhältnis zum Nutzen rechtfertigt. Aber Raumfahrt ist für den Klimaschutz unersetzlich.

    Wie das?

    Sie müssen beim Klimaschutz aus der Phase des Verstehens und Erkennens raus in eine Phase des Handelns und Sanktionierens. Absichtserklärungen allein helfen nicht. Und um einem Land nachzuweisen, dass es zum Beispiel entgegen der eigenen Aussage doch Wald abholzt, muss man permanent und großflächig überwachen. Das geht nur mit Satelliten aus dem All. Von da aus können Sie die Erde sehen, ohne dass etwas abgedeckt, ohne dass manipuliert werden kann. Und man braucht deutlich genauere Daten als bisher.

    Das geht vielleicht für Wald. Aber wie sieht es mit dem Gas CO2 aus?

    Wir bauen gerade die CO2-Satelliten für das europäische Copernikus-Programm. die werden den Ausstoß erkennen können. Aber nur erkennen, reicht nicht. Es muss auch drakonische Strafen geben. Die Verursacher müssen merken, dass sie womöglich ins Gefängnis müssen.

  • Die etwas andere Art zu reisen

    Freies Thema, 700 Euro Stipendium und dann los: Die zis-Stiftung finanziert Jugendlichen ein einmaliges Erlebnis

    Einfach mal vier Wochen wegfahren, direkt nach der Schule. Machen, was man will. Streetart in Portugal erkunden, das Glück der Skandinavier finden oder Bunker an der französischen Atlantikküste erforschen. Und das Ganze auch noch bezahlt. Gibt es nicht? Gibt es doch. Möglich macht das die ZIS-Stiftung für Studienreisen mit einem besonderen Reiseprogramm für Jugendliche.

    Die Idee brachte ein Lehrer aus Frankreich mit, der in den fünfziger Jahren an der Schule Schloss Salem nahe des Bodensees unterrichtete. Der Schulleiter entschied, dass das auch prima für Deutschland sei. Geld gaben Förderer, die das Projekt spannend fanden. 1956 ging es los, damals noch unter Zusammenarbeit Internationale Studienreisenstipendien, kurz ZIS.

    Inzwischen ist ZIS eine Stiftung mit eigenem Vermögen und einem Freundeskreis, der sie mit Mitgliedsbeiträgen unterstützt. Zusätzliches Geld kommt von Privatleuten und Förderstiftungen. Mehr als 2000 Jugendliche mit einem ZIS-Stipendium unterwegs gewesen, darunter der Gründer von Fairtrade, der ehemalige deutsche Botschafter in Moskau und der Künstler Anselm Kiefer, der sich die Haute Couture in Paris angesehen hat. Damals war noch nicht absehbar, dass er einmal einer der berühmtesten und teuersten Künstler der Gegenwart werden sollte. ZIS aber hat ihn angeregt, Tagebuch zu schreiben.

    Die Reisebedingungen der Stiftung sind einfach: Bewerben können sich Jugendliche zwischen 16 und 20 Jahren mit einer Idee für ihre Reise. Sie fahren allein ins Ausland und sollten mindestens vier Wochen unterwegs sein. Fliegen ist ausgeschlossen, denn: „Der Weg ist das Ziel“, sagt Regina Schütt, Physikerin und eine der rund 30 ehrenamtlichen ZIS-Mentoren. „Wer 36 Stunden im Transitbus sitzt, lernt vielleicht schon Leute kennen, die er dann in Istanbul interviewen möchte.“ Es gibt 700 Euro für die Reise, das Geld soll alle Ausgaben decken.

    „Diese Knappheit ist der Clou“, sagt Schütt. Leben im Hotel sei nicht möglich, man müsse ins Land eintauchen und sich selbst organisieren. Zudem ergebe sich über Thema und Kontaktpersonen viel, manchmal auch kostenlose Unterkunft, meist der nächste Kontakt. Wer reist, muss ein Tagebuch führen, das nach der Reise abgegeben wird. Ebenso wie eine Abrechnung der Tour und – wichtig – ein Projektbericht. Wobei der weit gefasst ist: neben einem Text sind auch Film, Ausstellung, Fotodokumentationen oder andere Formate möglich.

    Und die Themen? „Man kann alles machen, was einen interessiert“, sagt Schütt. Und so machte sich Willy 2019 auf nach Spanien, um die Kommerzialisierung von Gott zu untersuchen. 2020 untersuchte Lara 1414 Kilomater lang, was Dänemark zu einem fahrradfreundlichen Land macht. Es ging bereits um Walfang auf Island, den Weg vom Schaf zum Pullover auf den Färöer-Inseln – einschließlich jeweils eineinhalb Tagen An- und Abreise mit dem Schiff –, den Wert der Sauna für die finnische Gesellschaft. Jemand bewegte sich auf den Spuren von Astrid Lindgren durch Schweden, betrachtet wurde auch die Rolle der Frau im postsozialistischen Ungarn.

    Ideen lieferten englische Schwimmbäder, Mönche Andalusiens, Vögel am Cap Ferret, Glazialgeologie und Kirchenmusik. Nicht immer wird es so abenteuerlich wie 1968. Damals landete ein ZIS-Reisender mitten im Prager Frühling, spürte den Aufbruch und fand sich bei konspirativen Treffen der tschechischen Jugend wieder. Im Tagebuch berichtet er von russischen Panzern in den Straßen.

    Die Bewerbung für ein Stipendium läuft online. Nötig sind ein Thema, ein grob umrissenes Reisekonzept nebst einer Finanzplan-Skizze sowie die Empfehlung eines Lehrers oder einer Gruppenleiterin. Ganz wichtig: Engagement und Interesse müssen klar werden. Und die Idee muss gut sein. Unwichtig sind schulische Leistungen. Aus den Bewerbungen wählen die Mentoren, ehemalige ZIS-Reisende, die Kandidaten aus und unterstützen sie dann, Reisekonzept und Finanzplanung auszuarbeiten. Passt alles, gibt es die endgültige Stipendienzusagen

    Nach der Reise wird das Projekt von mehreren Mentoren gelesen und es gibt eine umfangreiche persönliches Rückmeldung, nicht nur zum Bericht, sondern auch zu persönlichen Stärken und Schwächen sowie dazu, worauf die Person künftig achten sollte.

    Regina Schütt war selbst mit ZIS unterwegs und hat sich mit Alabaster und Bildhauerei in der Toskana beschäftigt. Und sie weiß um die Tücken einer Reise. Denn es läuft nie alles glatt. Entweder die Zusage zur kostenlosen Unterkunft platzt oder die Mitfahrgelegenheit kommt nicht. Aber: „Irgendwie passiert immer etwas, wenn man nicht aufgibt“, sagt Schütt. „Man muss Menschen ansprechen. Man ist allein, aber nicht einsam. Und es bringt immer etwas – fürs Thema oder für die Person, die reist.“ Vor allem Selbstbewusstsein. Jedenfalls strahlen das diejenigen aus, die losgereist sind. Mancher findet auf der Reise auch seine Berufung.

    Bewerbungsschluss für die Reisen 2022 ist der 15. Februar. Weitere Informationen: www.zis-reisen.de

  • Erlaubnis nicht zwingend

    Der Zertifizierung der umstrittenen Gaspipeline Nord Stream 2 zwischen Russland und Deutschland muss der neue Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) nicht tatenlos zusehen.

    Die umstrittene Erdgas-Pipeline Nord Stream 2 von Russland nach Deutschland ist technisch fertig, aber bisher nicht abschließend genehmigt. In den juristischen Verfahren gibt es noch einige Klippen, an denen das Projekt scheitern kann. So wäre es möglich, dass der neue Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) die bisher positive Stellungnahme seines Hauses im Zertifizierungsverfahren revidieren lässt.

    Am vergangenen Wochenende sprach Habeck in einem Interview über Sanktionen gegen Russland für den Fall eines militärischen Angriffs auf die Ukraine. Seine Außerung „da kann es keine Denkverbote geben“ ist so zu verstehen, dass die Gaslieferungen durch die neue Pipeline dann in Frage stehen. Habeck könnte allerdings schon jetzt die Reißleine ziehen.

    „Falls das Wirtschaftsministerium zu der Einschätzung gelangt, dass die Versorgungssicherheit der Ukraine heute möglicherweise anders zu beurteilen ist als zum Zeitpunkt der bereits erfolgten Versorgungssicherheitsanalyse, muss es seine Stellungnahme gegenüber der Netzagentur revidieren oder ergänzen“, sagte Cornelia Ziehm, Anwältin für Umwelt- und Energierecht, gegenüber dieser Zeitung. Der Betrieb der beiden Röhren würde dann nicht genehmigt.

    Das Wirtschaftsministerium schickte seine Analyse am 26. Oktober diesen Jahres an die Bundesnetzagentur in Bonn, die für die Zertifizierung der Pipeline zuständig ist. Damals führte die Geschäfte vorübergehend noch Wirtschaftsminister Peter Altmaier, dessen CDU die Bundestagswahl im September verloren hatte. Zentrale Aussage: „Eine Zertifizierung gefährdet die Sicherheit der Gasversorgung der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union nicht.“

    Vor dem Hintergrund des russischen Truppenaufmarsches an der ukrainischen Grenze könnte man das nun anders beurteilen. Es wird sichtbar, dass Russland die Ukraine unter Druck setzt – auch Gaslieferungen sind dafür geeignet. „Ein Verwaltungsakt, der auf einer erkennbar unzutreffenden oder überholten Tatsachengrundlage ergeht, ist rechtswidrig“, schlussfolgerte Ziehm im Hinblick auf die Analyse von Ende Oktober. Die Anwältin arbeitet unter anderem im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe, die gegen die Pipeline klagt.

    Jedoch wird Habeck, selbst wenn er in diese Richtung neigen sollte, die Entscheidung nicht alleine treffen können. Der Bundeskanzler bestimmt die Richtlinien der Politik, heißt es im Artikel 65 des Grundgesetzes. Olaf Scholz (SPD) hält Nord Stream 2 offiziell für ein wirtschaftliches, kein politisches Projekt – wie die alte Regierung und im Gegensatz zu Habeck. Es erscheint deshalb fraglich, ob sich der SPD- und der Grünen-Politiker auf eine Revision der Sicherheitsanalyse inklusive ihrer weitreichenden Folgen einigen werden.

    Momentan hat die Bundesnetzagentur das Zertifizierungsverfahren unterbrochen. Die vom russischen Konzern Gazprom gesteuerte Nord Stream 2 AG muss erstmal eine deutsche Tochter gründen. Wenn das passiert ist, und die Unterlagen bei der Netzagentur eingegangen sind, hat diese noch knapp zwei Monate Zeit ihren Entscheidungsentwurf fertigzustellen.

    Den schickt die Behörde dann an die EU-Kommission, die nach maximal vier Monaten ihre eigene Einschätzung zur Zertifizierung darlegen muss. In Brüssel lehnen viele die Pipeline ab. Kommt es zu einem offziellen Widerspruch, ist die Netzagentur gehalten, die Einwände der EU-Ebene „so weit wie möglich“ zu berücksichtigen. Ist sie dazu nicht bereit, könnte das vorgesetzte Bundeswirtschaftsministerium nochmal eingreifen. Auch an diesem Punkt kann die Zertifizierung scheitern.

    Sowieso wird das alles noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Im ersten Halbjahr 2022 rechnet Jochen Homann, der Chef der Bundesnetzagentur, nicht mit einer Entscheidung. Nicht unwichtig erscheint übrigens, dass Homann Ende Februar 2022 nach zehn Jahren als Chef ausscheidet. Der Nachfolger oder die Nachfolgerin könnte andere Prioritäten setzen.

    Eine weitere Baustelle von Nord Stream 2 liegt in den USA. Die US-Administration lehnt die Pipeline als russisches Einfluss-Projekt in Europa weitgehend ab. Während Präsident Joe Biden (Demokraten) beide Augen zudrückt, um das Verhältnis zu Deutschland nicht zu sehr zu strapazieren, unternehmen die Republikaner gerade einen neuen Versuch, Sanktionen gegen Firmen zu beschließen, die an der Pipeline mitwirken. Über einen entsprechenden Gesetzentwurf soll der US-Senat Anfang Januar abstimmen. Vielleicht nimmt die US-Politik der deutschen die Entscheidung doch noch aus der Hand.

  • Lindners geboosterte Finanzen

    Kommentar zum Nachtragshaushalt 2021

    Christian Lindners Karriere als Bundesfinanzminister beginnt mit einem Trick. 60 Milliarden Euro Schulden, die 2021 nicht gebraucht werden, verschiebt der FDP-Politiker als Finanzpolster in die nächsten Jahre. So hat es das Ampel-Kabinett am Montag beschlossen. Und mit den Stimmen von Sozialdemokraten, Grünen und FDP wird der Bundestag den Vorschlag wohl auch annehmen. Trotzdem ist das Verfahren waghalsig.

    Denn die Verschuldung auf Vorrat könnte vor dem Bundesverfassungsgericht landen. Zweifel liegen nahe: Ist es mit der Schuldenbremse im Grundgesetz vereinbar, Kredite aufzunehmen, die im laufenden Jahr gar nicht benötig werden? Dabei geht es ja offensichtlich nicht mehr um die Bewältigung einer akuten Krise, für die die Schuldenbremse ausnahmsweise gelöst werden darf.

    Natürlich sei das der Fall, argumentiert dagegen die neue Koalition, das Polster stehe durchaus im Zusammenhang mit der Corona-Krise. Schließlich diene es dazu, Investitionen der Wirtschaft auszulösen und nachzuholen, die dieses Jahr wegen der Pandemie nicht stattgefunden haben. Einerseits ist das ein nachvollziehbarer Punkt, denn tatsächlich liegen die Ausrüstungsinvestitionen der Unternehmen inflationsbereinigt unter dem Niveau von 2019.

    Andererseits: Das Geld soll in den Klimafonds des Bundeshaushalts fließen. Was aber hat Klimaschutz mit Corona zu tun? Da sagt die Regierung: Die Klima-Investitionen leisteten ebenfalls einen Beitrag, dass Deutschland aus der Gesundheitskrise herauskomme – ein „Booster“ für die Erholung der Konjunktur, wie Lindner erklärte. Das Bundesverfassungsgericht könnten Zweifel an dieser recht fantasievollen Begründung beschleichen.

    Lindner jetzt als Wendehals zu diskreditieren, wäre jedoch falsch. Es handelt sich um einen klassischen Kompromiss dreier Parteien, von denen zwei – SPD und Grüne – viel mehr Geld ausgeben und dafür die Steuern für große Einkommen und Vermögen anheben wollten, während eine – die FDP – höhere Steuern ablehnte. Dass der Finanzminister das 60-Milliarden-Euro-Kunststück mit ungewissem Ausgang nun aufführen muss, ist der Preis für seine Weigerung, die Mittel anderweitig zu beschaffen.

    Unter dem Strich ist die Verschuldung auf Vorrat eine akzeptable Lösung. Irgendwo muss das Geld für die digitale Modernisierung und den Klimaschutz schließlich herkommen. Bei dem 60-Milliarden-Trick wird es auch nicht bleiben. Die Koalition hat sich weitere innovative Verfahren zur Geldbeschaffung ausgedacht. Beispielsweise sollen Unternehmen und Institutionen in Staatsbesitz, etwa die Bahn AG und die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, später die Kredite aufnehmen, die der Bundesregierung verwehrt bleiben. Auch das könnte vor Gericht landen. Mit etwas Glück ist das Geld dann aber schon ausgegeben.

  • Billionen-Branche Künstliche Intelligenz

    Das teuerste Startup in Deutschland beschäftigt sich mit KI. Viele eifern ihm nach. Doch es hakt. Wo die Probleme liegen

    Phantasma ist ein typisches Beispiel: Das Unternehmen erschafft künstliche digitale Städte, in denen Fahrzeuge von morgen getestet werden können, selbstfahrende Autos und mobile Roboter zum Beispiel. Dabei simulieren die Berliner menschliches Verhalten und nutzen dafür Künstliche Intelligenz (KI). Was einfach klingt, ist sehr kompliziert, kostet einiges Geld, benötigt große Mengen an Daten. Solche Firmen haben große Chancen auf dem Weltmarkt. Das Potenzial in Deutschland ist gut. Die entscheidende Frage: Wie kann es besser genutzt werden?

    „KI ist ein Wirtschaftstreiber“, sagt Alexander Hirschfeld vom Bundesverband Deutsche Startups. Die Beratungsunternehmen McKinsey erwarten allein durch KI 11,5 Billionen Euro mehr Wirtschaftsleistung weltweit bis 2030 als ohne die Technologie. PwC kommt sogar auf 14 Billionen Dollar. Der Startup-Verband hat sich zum zweiten Mal besonders die frisch gegründeten Firmen in Deutschland angesehen, die mit KI arbeiten.

    Künstliche Intelligenz soll in allen Lebensbereichen Einzug halten. Schon heute kann sie über bestimmte Verfahren, Algorithmen genannt, Muster erkennen, zum Beispiel in Radiologiebildern bestimmte Erkrankungen oder Gesichter. Sie kann vorhersagen, wann ein Teil einer Maschine repariert werden muss. Sie kann selbst lernen und chatten. Oder sie schafft eine künstliche digitale Welt, in der autonome Fahrzeuge von morgen getestet werden können wie bei Phantasma.

    KI nutzt große Datenmengen, zum Teil sehr sensible Daten von Privatleuten. Eine Besonderheit der Branche. Deshalb haben die Firmen eine besondere Verantwortung. 81 Prozent der untersuchten Firmen geben an, dass ethische Fragen berücksichtigt werden müssen, wenn Technologie entwickelt wird.

    Viele KI-Firmen haben Großes vor: Sie streben mehr als andere Startups an, von Investoren mit mehr als einer Milliarde Euro bewertet zu werden. Und sie wollen häufiger an die Börse gehen. Es geht aber nicht nur ums große Geld und um Macht: Die Firmen haben eine besondere Verantwortung, denn sie arbeiten mit großen Datenmengen.

    Im weltweiten Vergleich steht Deutschland bei KI-Startups mit Frankreich auf Platz 17. Zwischen 2016 und 2020 entstanden hier fünf KI-Firmen auf eine Million Einwohner. In den USA (Platz sieben) waren es 14. Ganz vorn ist Israel mit 60 KI-Firmen auf eine Million Einwohner. Hier gibt es Hirschfeld zufolge deutlichen Nachholbedarf.

    Fast ein Drittel der KI-Startups werden in Hochschulen gegründet, zwei von fünf Gründern in dieser Branche lernen sich dort kennen. Es gibt zahlreiche sehr gute universitäre Forschungseinrichtungen, die ihre Erkenntnisse bisher noch zu oft in Aufsätze schreiben und zu selten in Unternehmen ausgründen. Oder wie Vanessa Cann vom KI Bundesverband es formuliert: „Die deutsche Forschung ist global gut, die Produkte werden von Google und Amazon entwickelt.“

    Derzeit sitzen die meisten Unternehmen, die sich mit Künstlicher Intelligenz befassen, in Berlin (36,5 Prozent), danach folgen München (22,4) und Hamburg (5,8). Karlsruhe mit dem renommierten Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist der einzige andere noch nennenswerte größere Standort.

    Was allen Probleme macht: der Zugang zu Daten. Er ist europaweit reguliert, sensible persönliche Daten sind besonders geschützt. 77 Prozent der KI-Firmen arbeiten deshalb mit Industriedaten. 64 Prozent der KI-Firmen wünschen sich allerdings auch hier einen mehr Offenheit bei klassischen Industriebetrieben.

    Auch Kapitalgeber zu finden, ist für deutsche KI-Startups schwierig. Während es für junge Unternehmen grundsätzlich nicht mehr schwer ist, an Geld zu kommen, halten sich strategische Investoren bei KI in Deutschland zurück. In den USA wird das Zehnfache, in Israel sogar das 19-Fache in KI-Startups investiert.

    Phantasma, 2018 gestartet, hat inzwischen einen Investor gefunden, der sich mit KI auskennt. Phantasma-Gründerin Maria Meier weiß aus Erfahrung um die Probleme. Ein Unternehmen, dass sich mit KI beschäftige, mache nicht vom ersten Tag an Umsatz. „Es dauert bis der Algorithmus fertig ist.“ Und: Das Produkt ist kompliziert. Beides zusammen macht es offenbar für manchen Risikokapitalgeber schwer, Geld zu investieren.

    Ein großes Vorbild der Branche ist Celonis. Die Münchener können ganze Anlagen und Abläufe simulieren und anhand von Daten verbessern. Das Unternehmen, 2011 gegründet, wird nach der letzten Finanzierungsrunde mit rund elf Milliarden Dollar bewertet, das mit Abstand teuerste neue Unternehmen Deutschlands.