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  • „Froh, dass ich überhaupt Arbeit habe“

    Die Internet-Wirtschaft schafft neue Stellen, die aber oft schlecht entlohnt werden. Crowdworking-Plattformen bieten Jobs für zehntausende Heimarbeiter.

    Karin Kneer (65) ist eine moderne Beschäftigte. Durchschnittlich verdient sie etwa drei Euro brutto pro Stunde. Das macht ungefähr 400 Euro pro Monat – mit einer Beschäftigung, die einem Vollzeitjob ähnelt.

    Kneer arbeitet für die Internet-Plattform Crowd Guru. Die Firma sitzt in Berlin-Kreuzberg, Kneer wohnt im gut 500 Kilometer entfernten nordrhein-westfälischen Schalksmühle. Fast täglich meldet Kneer sich von zu Hause mit ihrem Computer auf der Internetseite von Crowd Guru an und arbeitet dann sechs bis sieben Stunden.

    Ihre Tätigkeit besteht beispielsweise darin, Konsumgüter für Onlineshops zu kategorisieren. Auf ihrem Bildschirm erscheinen etwa zahlreiche Fotos von vermeintlichen Herrenhemden mit langem Arm. Sie muss dann die Produkte aussortieren, die nicht in diese Kategorie passen. Solche Arbeiten werden pro Vorgang mit einigen Cent bezahlt.

    Es sind Tätigkeiten, die die neue Digitalwirtschaft hervorbringt – zusätzliche Jobs, die vorher oft nicht existierten. Die Fortschritte der Datentechnologie lassen ständig Geschäftsmodelle und Arbeitsformen entstehen, die die althergebrachte Ökonomie ergänzen, umformen und unterwandern. Nicht selten müssen die Arbeitnehmer mit sehr niedrigen Verdiensten und löchriger sozialer Absicherung zurechtkommen. Andererseits sitzen sie nicht mehr in einem Büro, eingebunden in eine Organisation, von Vorgesetzen kontrolliert, sondern können sich ihren Tagesablauf selbst einrichten. Jobs wie der, den Karin Kneer erledigt, halten manche Experten für Vorboten einer großen Umstrukturierung, die in den kommenden Jahrzehnten Millionen Arbeitsplätze auch in Deutschland verändern könnte.

    „Die Bezahlung ist gering“, sagt Kneer. „Aber ich bin froh, dass ich überhaupt Arbeit habe.“ Ihre Einnahmen sind für sie ein Zuverdienst, der auf ihr Arbeitslosengeld II angerechnet wird. Dieses erhält sie, seitdem sie ihre Keramik-Werkstatt vor drei Jahren aufgeben musste. Ausgebeutet fühlt sie sich nicht. Als Vorteile ihrer aktuellen Tätigkeit betrachtet sie die „freie Zeiteinteilung und das Arbeiten zu Hause“.

    Kneer ist eine Crowdworkerin. Dieser Begriff setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern für „Menschenmenge“ und „Arbeit“. Hans Speidel (42), blaugestreifter Pulli, rötliche Haare, Stoppelbart, bietet diese Art der Beschäftigung an. Er ist Mitgründer von Crowd Guru und arbeitet im 3. Stockwerk eines alten Fabrikbaus am Spreeufer in Berlin. Sein Geschäftsmodell funktioniert grundsätzlich so: Ein anderes Unternehmen beauftragt Crowd Guru mit Tätigkeiten, die sich in zahlreiche kleine, identische Arbeitsschritte und Aufgaben zerlegen lassen. Diese Mikrojobs veröffentlicht die Berliner Firma auf ihrer Webseite. Die 50.000 dort angemeldeten Selbstständigen, die registrierten „Gurus“, können die Jobs anklicken. Wer sie vom heimischen Laptop aus erledigt, wird dafür bezahlt.

    Die Gurus malen etwa Bilder von Straßenszenen aus, erklärt Speidel. Die Bordsteine werden beispielsweise immer rot, die Verkehrsschilder blau, Passanten orange und andere Autos grün. Zehntausende solcher Szenen dienen dann dazu, den Steuersystemen der automatisch fahrenden Pkw der Zukunft das nötige Wissen beizubringen. Auftraggeber könnte in diesem Fall ein Autokonzern sein oder ein Software-Entwickler, der für diesen arbeitet. Andere Tätigkeiten, die oft an selbstständige Internetarbeiter ausgelagert werden, sind das Testen von Smartphone-Programmen, die Texterstellung für Werbe-Webseiten oder das Überprüfen von Firmen- und Adressinformationen.

    Wieviele Leute in Deutschland mittlerweile als Crowdworker arbeiten, ist schwierig zu schätzen – vielleicht gut 100.000. Die Marktführerin, die Firma Clickworker, gibt an, sie habe mehr als 800.000 Selbstständige registriert. Vermutlich verdienen aber viel weniger wirklich Geld. Dies legt die Einschätzung von Crowd Guru-Chef Speidel nahe. Er sagt, dass von seinen 50.000 Registrierten monatlich immer nur einige tausend parallel aktiv seien. Freilich wächst die Branche. Konzerne wie die Deutsche Telekom, Daimler, Audi und Sixt vergeben Aufträge an Plattformen. In den USA betreibt der Online-Händler Amazon seinen Crowdworking-Ableger „Mechanical Turk“.

    Die Firma Crowd Guru ist kein Selbstläufer. Investoren müssen derzeit noch die Finanzierung sicherstellen. „Der Wettbewerb ist stark“, sagt Speidel, „mitunter sind unsere Preise jetzt schon zu hoch, um gegen die internationale Konkurrenz zu bestehen“. Dies spiegelt sich in den Honoraren der Gurus. „Der Durchschnittsverdienst beträgt etwa 100 Euro pro Monat. Topverdiener erreichen über 1.000 Euro. Aber das sind nicht viele“, so Speidel.

    Die Bedingungen bei anderen Plattformen dürften ähnlich aussehen. Claudia Jakobsen* (57) und ihr Mann arbeiten unter anderem für die Firmen clickworker, testbirds und uTest. Im Durchschnitt erzielen sie einen Stundenlohn von etwa vier Euro brutto. Mit vier Stunden Arbeit pro Kopf und Tag erwirtschaften sie zusammen ungefähr 600 Euro brutto pro Monat. „Ich fühle mich halbwegs anständig bezahlt“, sagt Jakobsen dennoch. „Eine ganze Weile habe ich krankheitsbedingt ja gar kein Einkommen erzielt. Man wird bescheiden.“

    543 Euro pro Monat betrage der Mittelwert der Crowdworking-Verdienste, ergab eine Studie im Auftrag der gewerkschaftlichen Hans Böckler Stiftung im vergangenen Jahr. Durchschnittlich 1.500 Euro verdienten diejenigen, die hauptsächlich von der Internetarbeit lebten. Wohlgemerkt handelt sich dabei um Brutto-Einkommen. Steuern und Sozialabgaben müssen die Beschäftigten meist vollständig selbst entrichten. Denn die Plattformen handeln als Vermittler, nicht als traditionelle Arbeitgeber, die einen Teil der Sozialversicherungskosten übernähmen. Sie folgen damit derselben Logik wie der Internet-Wohnungsvermittler Airbnb oder die Taxifirma Uber.   

    Die teilweise erstaunlich niedrigen Verdienste funktionieren nur, weil viele, vielleicht die meisten Crowdworker weitere Geldquellen anzapfen. Bei Karin Kneer ist es das Arbeitslosengeld. In anderen Fällen spielen Kinder- oder Wohngeld und Einkommen aus zusätzlichen Jobs eine Rolle. Dass Crowdworker bald überwiegend von ihrer Tätigkeit leben können, erscheint illusionär. Die acht größten einheimischen Firmen, darunter Crowd Guru und Clickworker, versprechen zwar eine Orientierung an „lokalen Lohnstandards“. Als Selbstständige haben die Auftragnehmer aber keine Möglichkeit, den Mindestlohn einzuklagen.

    Schlecht sieht es auch mit der Sozialversicherung aus. Viele Web-Beschäftigte können sich gerade einmal die Krankenversicherung leisten. Für einen Beitrag zur Rentenversicherung reicht das Einkommen aber oft nicht. Die Industriegewerkschaft Metall fordert deshalb unter anderem, dass die Crowdworker in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen werden. Dann stellt sich freilich die Frage, wer die Arbeitgeberanteile bezahlt. Die Plattformen, die Auftraggeber, der Staat? „Die Auftraggeber müssten die Honorare erhöhen“, sagt Crowdworkerin Kneer, „außerdem sollten sie ihren Teil zur Absicherung der Mitarbeiter beitragen. Heute stehlen sie sich aus der Verantwortung als Arbeitgeber davon.“

    Eine Ausnahme existiert jedoch. Das Unternehmen content.de im nordrhein-westfälischen Herford entrichtet für ihre Autoren Beiträge an die Künstlersozialkasse. Seit 1983 steht diese Musikern, Bildenden Künstlern, Dichtern, Journalisten und andere Kreativen offen. Die Selbstständigen zahlen die eine Hälfte der Sozialbeiträge. 20 Prozent tragen der Bund und 30 Prozent die Medienfirmen. Einer, der von diesem Modell profitiert, ist Stephan Gerhard (54). Als Texter arbeitet er oft für content.de. Dort erzielt er ein schwankendes Einkommen, das zwischen 20 und 70 Prozent seiner Monatseinnahmen ausmacht. Insgesamt erwirtschaftet er etwa 2.000 Euro brutto, von denen ungefähr 1.500 Euro netto übrigbleiben.

    Damit gehört Gerhard zu den wenigen einigermaßen verdienenden und leidlich abgesicherten Crowdworkern. „Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden“, sagt er. Doch selbst er nennt als Nachteile die „fehlende Sicherheit der Einnahmen“ und den „recht überschaubaren Verdienst, der für eine Person zum Leben reicht, aber nicht für viel mehr“.

    *Name geändert

  • Ich brauche das Geld nicht

    Kommentar zu Armutsbericht und Wirtschaftslage

    Der Mitte der Gesellschaft geht es ökonomisch gut. Deutschland hat ein paar Probleme, ja. Dass aber die Mittelschicht auf dem Zahnfleisch kriechen würde, gehört derzeit nicht dazu. Rund 44 Millionen Arbeitsplätze, Tendenz steigend, zunehmende Löhne: So dürfte es vorläufig weitergehen, haben am Mittwoch die Wirtschaftsforscher erläutert. Die Gegenseite beschreibt der Armuts- und Reichtumsbericht, den das Bundeskabinett am selben Tag beschloss. Dort sind einige der wirklichen Probleme verzeichnet.

    Wer zu den 40 Prozent der Bevölkerung mit niedrigen Einkommen gehört, verdient in vielen Fällen weniger als vor 20 Jahren. Ein beunruhigender Befund, der zeigt, wie sich die bundesdeutsche Gesellschaft auseinanderentwickelt. Viele der Erwerbstätigen, auf die diese Analyse zutrifft, dürften sich zu Recht abgehängt oder deklassiert fühlen. Zwar können sie in den allermeisten Fällen ihre Grundbedürfnisse befriedigen. Jedoch sind sie ausgeschlossen vom allgemeinen Wachstumsprozess. So gilt hier die Einschätzung des US-Philosophen John Rawls, demzufolge eine Gesellschaft dann ungerecht ist, wenn die am schlechtesten Gestellten nicht wenigstens etwas vom allgemeinen Fortschritt profitieren.

    Derweil schmiedet CDU-Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble eine Wahlkampfbotschaft, indem er vor allem der Mittelschicht Steuererleichterungen verspricht. Er will den sogenannten Mittelstandsbauch abschmelzen. Seine Analyse: Derzeit erzielt der Staat Überschüsse. Er könne auf einige Steuer-Milliarden verzichten, die die Bürger bisher zahlen.

    An dem Problem der sozialen Spreizung, die den Zusammenhalt der Gesellschaft in Frage stellt, würde das aber nichts ändern. Leute mit niedrigen Einkommen zahlen kaum Steuern. Die könnte die Regierung unterstützen, indem sie die Sozialbeiträge reduziert, die derzeit auch für kleine Verdienste in voller Höhe fällig sind. Ein weiterer Weg bestünde darin, den Niedriglohnsektor einzuhegen und beispielsweise die Befristung von Arbeitsplätzen zu erschweren. Solche Reformen mögen manchen Unternehmen und liberalen Ökonomen missfallen. Sie laufen auch einer Entwicklung zuwider, die in vielen der reichen Staaten zu beobachten ist. Wer jedoch gesellschaftliche Spannungen reduzieren will, muss hier ansetzen.

    Und wenn Bund, Länder und Gemeinden in den kommenden Jahren wirklich Geld übrig haben, gibt es genug öffentliche Aufgaben, denen sich die Politik zuwenden kann. Eine bürgernahe Verwaltung gehört dazu. Wer auf dem Land 50 Kilometer bis zum nächsten Außenposten des Staates fahren muss, um einen Personalausweis oder Führerschein beantragen, beginnt vielleicht an der Funktionsfähigkeit des Gemeinwesens zu zweifeln. Dass in Landkreisen mit 100 Kilometer Durchmesser nur noch drei Streifenwagen der Polizei unterwegs sind, trägt nicht zum Sicherheitsempfinden der Bevölkerung bei. Und Schulen scheitern an ihrem Bildungsauftrag, wenn eine Lehrerin 35 Jugendliche domestizieren soll.

    Entlastung der Mittelschicht? Wahrscheinlich wird sich das nicht verhindern lassen, weil die Union es ebenso will wie die SPD. Und eine von beiden Parteien wird auf jeden Fall ab Oktober 2017 in der neuen Regierung sitzen, vielleicht auch wieder beide zusammen. Aber prioritär ist die Steuerreform für die Mittelschicht nicht. Warum soll man Leuten zusätzliches Geld geben, denen es gut geht? Ich brauche es nicht.

  • Nestlé will jetzt zu den Guten gehören

    Mit gesunder Kost und Wohlfühlprodukten will der größte Nahrungsmittelkonzern der Welt kräftig wachsen. An den Produkten der Schweizer kommt auch in Deutschland kaum ein Konsument vorbei.

    Die Aktionäre auf der Hauptversammlung von Nestlé bekamen an diesem Donnerstag in Lausanne ein seltenes Ereignis mit. Nach 50 Jahren im Unternehmen gab der 72-jährige Peter Brabeck-Letmathe sein letztes Amt als Präsident des Verwaltungsrates auf. Und auch einen neuen Vorstandschef konnten die Anteilseigner erstmals live erleben. Der Deutsche Ulf Mark Schneider lenkt seit Jahresbeginn die Geschicke des weltgrößten Nahrungsmittelkonzerns. Er kommt von Fresenius, einem Chemieunternehmen.
    Chemie und Essen. Beides hängt eng zusammen. Denn der Lebensmittelriese will „zum führenden Unternehmen für Ernährung, Gesundheit und Wellness“ werden, wie es Brabeck-Letmathe zum Abschied hervorhob. Nach 150 Jahren will der Konzern das Image als Produzent von zu fetten, zu süßen und zu salzigen Fertigwaren abstreifen. Das hat einen handfesten wirtschaftlichen Grund. Die Gewinnmargen bei gesundheitsorientierten Nahrungsmitteln sind höher als bei den konventionellen Waren.
    Als Konsument in Deutschland kommt man kaum an den Produkten der Schweizer vorbei, die sich unter etlichen Markennamen im Supermarkt finden. Fertiggerichte von Maggi zählen dazu, Caro-Kaffee, Thomy-Senf, Nudeln von Buitoni oder Wagner-Pizza. Das Edel-Mineralwasser San Pellegrino gehört zum Angebot wie jede Menge Süßwaren und Frühstücksflocken. 3.500 Produkte von Nestlé sind auf dem hiesigen Markt erhältlich. Rund 3,5 Milliarden Euro setzt die deutsche Tochter des Marktführers jährlich um.
    Umstritten ist das Unternehmen aus vielerlei Gründen. Schon in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts geriet Nestlé in die Schlagzeilen, weil der Konzern in afrikanischen Ländern verstärkt Milchpulver als Ersatz der Muttermilch anpries. Da es vor Ort häufig an der notwendigen Bildung im Umgang mit dem Ersatz gab, und es oft auch an sauberen Wasser zum Mischen fehlte, kam es zu Erkrankungen der Kinder. In späteren Jahren wurde der Vorwurf laut, Nestlé setze Regierungen unter Druck, die ein Werbeverbot für Milchpulver durchsetzen wollten. Auch beim letzten Milchpulverskandal in China 2008, als durch Melamin-verseuchte Milch Hunderttausende Babys erkrankten, fiel der Name Nestlé. In Proben aus Hongkong wurde der Krankmacher entdeckt, laut Nestlé allerdings in unbedeutenden Mengen.
    Entwicklungsorganisationen bemängelten immer wieder eine fehlende soziale und ökologische Verantwortung des Konzerns. Kritisch sehen sie zum Beispiel das Wassergeschäft, weil es den Zugang von Menschen zu sauberem Trinkwasser einschränken könnte. Denn die Schweizer sicherten sich Rechte am Wasser in trockenen Regionen.
    Verbraucherschützer monieren wiederum, dass die Fertigmahlzeiten des Nahrungsmittelriesen zu fettig oder zu zuckerhaltig sind. Mit einem Vorstoß für die Lebensmittelampel wollte Nestlé gemeinsam mit fünf weiteren globalen Nahrungsmittelherstellern diesem Urteil etwas entgegensetzen. Dabei handelt es um eine Kennzeichnung in den Farben rot, gelb und grün, die leicht erkennbar anzeigen soll, ob ein Produkt gesund ist oder darauf eher verzichtet werden kann. Doch der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) entdeckte prompt einen erheblichen Schwachpunkt des Vorschlags. Die Konzerne wollten die Kennzeichnung auf eine Portionsgröße beziehen, nicht auf eine vergleichbare Menge wie 100 Gramm. „Der Vergleich des Nährstoffgehalts verschiedener Lebensmittel wird sogar erschwert und kann in die Irre führen“, kritisierte vzbv-Chef Klaus Müller. Denn die Größe einer Portion sei von Mensch zu Mensch unterschiedlich.
    Das schlechte Image wollen die Schweizer abstreifen. So kündigte Nestlé vor einigen Wochen an, dass der Zuckergehalt in den Produkten durchschnittlich um fünf Prozent gesenkt wird. Der Salzgehalt wurde bis zum Ende des vergangenen Jahres schon um gut zehn Prozent vermindert. „Die Menschen auf der ganzen Welt wollen ein gesünderes Leben führen“, glaubt Vorstandschef Schneider.
    Technologisch ist Nestlé mittlerweile in der Lage, Schokolade mit 40 Prozent weniger Zucker herzustellen. „Das ist der Forschungsstand in unserem Haus“, sagt der Deutschland-Sprecher des Konzerns, Alexander Antonoff. Die Entwicklung gesunder Lebensmitteln, die trotzdem den Geschmacksmustern der Verbraucher entsprechen, ist aufwändig. In einem Labor am Bodensee wird zum Beispiel an den Rezepturen für die weltweit verkauften Maggiprodukte gearbeitet.
    Nicht mehr Kalorien, sondern „bessere“ Kalorien seien im wohlhabenden Teil der Welt gefragt, erläutert Brabeck-Letmathe den neuen Kurs von Nestlé. Vegetarische Fertiggerichte sind ein Beispiel für diese Strategie. Gemeinsam mit dem Elektronik-Konzern Samsung wird eine Gesundheitsplattform entwickelt, die Verbrauchern Tipps für einen gesunden Lebens- und Ernährungstil bietet, zum Beispiel das Essen auf den Gehalt von Salz, Zucker, Fett oder Nährstoffe hin analysiert. Bis zum Ende des Jahrzehnts soll ein „digitales Ernährungsprofiling“ entstehen, das die Nährstoffaufnahme berechnen und daraus abgeleitet individualisierte Empfehlungen geben kann.
    Darüber hinaus konzentriert sich Nestlé auf Spezialernährung, mit der Krankheiten entgegengewirkt werden kann, etwa Diätprodukte für Diabetiker. Mit Angeboten rund um die Gesundheit erhofft sich das Unternehmen eine Rückkehr zu kräftigen Wachstumsraten. Allein die Erlöse aus medizinischer Ernährung und Hautpflege sollen sich auf längere Sicht auf rund neun Milliarden Euro mehr als verdoppeln.
    Nötig sind solche Wachstumsphantasien. Die Umsatzentwicklung ließ in den letzten Jahren zu wünschen übrig. Weltweit erwirtschaftete Nestlé 2016 mit fast 330.000 Beschäftigten rund 84 Milliarden Euro. Knapp acht Milliarden Euro blieben als Gewinn übrig. Ursprünglich peilte der Vorstand ein stetes Wachstum zwischen fünf und sechs Prozent im Jahr an. Im vergangenen Jahr kam mit 3,2 Prozent zwar auf dem Papier noch ein ordentliches Plus heraus. Doch Währungseffekte fraßen alleine die Hälfte des Zuwachses wieder auf. Und bis die Zielmarke wieder erreicht wird, dauert es noch Jahre, wie der neue Vorstandschef Schneider weiß. Dennoch bleiben die Schweizer auch so vor Coca-Cola die Nummer Eins unter den Lebensmittelkonzernen der Welt.

  • Höhere Höhen und tiefere Tiefen

    Die Weltwirtschaft hängt so eng zusammen, dass nationales Denken für schwere Einbrüche sorgen könnte. Die Konjunkturzyklen gleichen sich global an.

    Laien wundern sich schon seit geraumer Zeit. Die Börsenkurse eilen trotz Brexit und einem noch nicht ganz erfassbaren Nationalisierungskurs der USA von Rekord zu Rekord. Die Weltwirtschaft floriert zum Erstaunen vieler Experten. Neu ist dabei, dass diese Entwicklung global ähnlich abläuft. Die meisten Länder entwickeln sich noch als Folge der Finanzkrise im Gleichklang. „Der Konjunkturzyklus ist seit der Krise gleichlaufend“, stellt der Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsarchivs (HWWI), Henning Vöpel, fest. Allerdings setzte der Aufschwung in einigen Ländern später ein oder verlief schächer.
    Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) tragen vor allem die Entwicklungs- und Schwellenländer den Aufschwung. Um 4,5 Prozent wird deren Wirtschaftsleistung in diesem Jahr zunehmen. China wächst sogar um 6,5 Prozent und hat den befürchteten Einbruch der Konjunktur offenkundig abwenden können. Die Wirtschaft beim Exportweltmeister Deutschland brummt schon lange. Und auch in den USA gehen die IWF-Fachleute von einem kräftigen Wachstum von 2,3 Prozent aus. Ökonomisch gesehen scheint die Welt ein glänzendes Jahr zu erleben.
    Der Gleichlauf birgt nach Einschätzung Vöpels allerdings auch gehörige Risiken. „Die Effekte im Aufschwung und im Abschwung können sich wechselseitig verstärken“, warnt der HWWI-Chef. Die Renaissance des Nationalismus sieht der Forscher dabei als schwer einschätzbares Risiko. Die Abschottung einzelner Staaten könne danach zu Zerstückelung der Weltwirtschaft führen, wo heute noch global zusammengearbeitet wird.
    Eigentlich müssten die Staaten eine gemeinsame Konjunkturpolitik anstreben, doch sei das Gegenteil der Fall, warnt Vöpel. Angesichts der vielen Umbrüche, von der Handelspolitik bis hin zum technologischen Wandel sieht der Forscher viele Unsicherheiten, die eine Gefahr von Herdenverhalten in sich tragen. „Minimale Bewegungen können panikartige Reaktionen auslösen, die sich weltweit schnell übertragen“, sagt er.
    Schon die von US-Präsident Donald Trump angedrohten Schutzzölle könnten viel Sand ins Getriebe der Weltwirtschaft streuen, wie Peter Hohlfeld vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) erklärt. Dies habe zum Beispiel unmittelbar Folgen für Deutschland als Exporteur, indirekt auch auf die Länder, die den hiesigen Produzenten die Vorprodukte liefern. Die Abwärtsspirale kommt so schnell weltweit in Gang.
    Hohlfeld sieht in staatlichen Eingriffen ein Mittel gegen den denkbaren Abschwung der Weltwirtschaft. Als Beleg führt er die unterschiedlichen Reaktionen nach der Finanzkrise an. So habe die amerikanische Notenbank Fed mit einer schnellen und starken Lockerung der Geldpolitik frühzeitig auf den damaligen Absturz reagiert, während die Europäische Zentralbank dies zögerlich nachholte. Als Ergebnis sei die US-Wirtschaft schneller wieder auf die Beine gekommen als die europäische. Wenn die private Wirtschaft nicht investieren wolle, müsse der Staat mit Investitionen in die Infrastruktur die Konjunktur ankurbeln.

  • Neuer Job für die Arbeitsagentur

    Kommentar zum Chefwechsel bei der BA

    Der Bundesagentur für Arbeit (BA) geht es derzeit gut. Die Arbeitslosigkeit ist kräftig gesunken, die Wirtschaft brummt und schafft immer mehr neue Jobs. In dieser Situation hat der neue Chef der Behörde, Detlef Scheele, die vermeintlich leichte Aufgabe vor sich, eine Behörde mit vielen Leuten und wenigen Arbeitslosen zu verwalten. Man könnte meinen, die Arbeitsagentur sei bald überflüssig. Das Gegenteil ist der Fall. Die momentane Ruhe am Arbeitsmarkt ist trügerisch. Die Industrie steht vor einem enormen Automatisierungsschub, in dessen Verlauf Maschinen viele der heute von Menschen erledigten Tätigkeiten übernehmen. In welchem Umfang dadurch Arbeitsplätze fortfallen, ist zwar nicht seriös abschätzbar. Doch vieles deutet auf einen grundlegenden Strukturwandel mit den damit verbundenen Brüchen in den Erwerbsbiographien der Arbeitnehmer hin.
    Das hat der seit Monatsbeginn amtierende neue BA-Chef Detlef Scheele richtig erkannt. Scheele will die Beratung der Agenturen so ausbauen, dass Beschäftigte schon vor einer drohenden Arbeitslosigkeit auf neue Anforderungen des Arbeitsmarktes vorbereitet werden. Das hört sich einfach an, dürfte aber einer Herkulesaufgabe gleichkommen, da seine Behörde darauf noch gar nicht ausreichend vorbereitet ist. Und es wird nicht reichen. Die Arbeitsmarktpolitik muss sich insgesamt auf die anstehenden Veränderungen einstellen und elementare Fragen beantworten. Wie geht die Gesellschaft mit denen um, die im ersten Arbeitsmarkt ohne eigenes Zutun keinen Platz mehr finden können? Wie kann die Schere zwischen den hochqualifizierten Spitzenverdienern und den Handlangern der Roboter geschlossen werden? Gibt es Möglichkeiten, allen jungen Menschen Karrierechancen zu eröffnen? Die aktuell gute Lage sollte zur Suche nach den Antworten auf diese Fragen genutzt werden. Der BA kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Sie abzuschaffen, wie es gelegentlich gefordert wird, wäre ein törichter Fehler.

  • Wie man Windparks intelligent macht

    Künftig muss Ökoenergie das Stromnetz stabilisieren. Ein Forschungsprojekt der HTW in Berlin

    Im Alltag profitiert man von Kugellagern, wenn sich die Felgen am Fahrrad drehen. Dieses Lager hier hat einen Durchmesser von etwa zwei Metern. Die Kugeln – hunderte an der Zahl – in dem runden, stählernen Mechanismus sind so groß wie Tischtennisbälle. Waagerecht liegt das Teil im Teststand von Horst Schulte an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Orangene Kabel führen zum Computer, der die Kräfte registriert, die im Innern wirken.

    Die können enorm sein, beispielsweise bei Windstärke 8 auf der Nordsee. Denn solche Kugellager bilden die Verbindung zwischen 40 Meter langen Rotorblättern und den Naben von Windrädern. Auf dem Teststand versucht Schulte herauszufinden, wie sich der Verschleiß der Maschine reduzieren lässt. Das ist eine Facette eines durch das Bundeswirtschaftsministerium finanzierten Forschungsprojektes, bei dem die HTW mit dem Windanlagen-Hersteller Senvion kooperiert. Der Auftrag lautet: Entwerfen Sie eine elektronische Steuerung, damit Windparks das öffentliche Stromnetz so stabilisieren, wie es heute Braunkohle-, Steinkohle- und Atomkraftwerke tun. „Wir definieren grundlegende Regeln für den künftigen Betrieb von Windanlagen“, sagt Schulte.

    Er ist ein 49-jähriger Professor mit Zopf, schwarzem Hemd und Jeans. 13.000 junge Leute studieren an der HTW, rund 9.000 von ihnen im südöstlichen Stadtteil Oberschöneweide, wo Schulte arbeitet. Aus seinem Büro im sechsten Stock streift der Blick über die Spree und die gelblich verklinkerten Gründerzeit-Fabrikhallen der früheren Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft. Zu Fuße des Bürohochhauses werden auch heute noch Elektrokabel gefertigt. Fünf Minuten entfernt steht die Patriarchen-Villa Erich Rathenaus, eines Sohnes des AEG-Gründers und Bruder des 1922 von Rechten ermordeten Außenministers Walther Rathenau.

    Schulte und seine Doktoranden sind mit ihren Entwicklungen ziemlich weit vorne. In seinem Büro präsentiert er ein graues Kästchen von der Größe eines Ein-Liter-Tetrapaks: „die elektronische Zentrale einer Windenergieanlage“. Die Wissenschaftler arbeiten an neuen Algorithmen, mathematischen Formeln, die später einzelne Windanlagen und ganze Windparks automatisch steuern.

    Die Herausforderung: Die Windparks sollen sich selbst so regulieren, dass Spannung und Frequenz im öffentlichen Stromnetz konstant bleiben. Bisher übernehmen diese Funktion die großen Kraftwerke mit ihren riesigen Turbinen, die tagein, tagaus die immer gleiche Grundlast in die Höchstspannungsleitungen pumpen. Schulte: „Die Windparks müssen merken, was im Stromnetz um sie herum los ist, und selbsttätig darauf reagieren.“ Wenn beispielsweise Sturm aufkommt, soll die Steuerung registrieren, dass die eingespeiste Strommenge zu groß wird, und dann die Rotorblätter am Kugellager ein paar Grad aus dem Wind drehen. Dadurch lässt sich das Energieangebot reduzieren.

    Wie wichtig es ist, den Öko-Kraftwerken diese Selbststeuerung beizubringen, zeigt ein Vorfall, der sich am 4. November 2006 ereignete. Weil ein neues Kreuzfahrtschiff der Meyer Werft von Papenburg die Ems abwärts in Richtung Nordsee bugsiert werden sollte, hatte man eine kreuzende Kabeltrasse vom Netz genommen. Es kam zu Missverständnissen zwischen den Elektrizitätsunternehmen E.ON und RWE, schließlich zur Überlastung und Notabschaltung von Ausweichstrecken. Stundenlange Stromausfälle für bis zu zehn Millionen Haushalte waren die Folge – Blackout. Als eine Ursache galt, dass rund 10.000 Megawatt Energie aus Windparks im Norden unreguliert in die Leitungen drückten.

    Um solche Zusammenbrüche zu vermeiden, arbeiten Schulte und seine Kollegen an mehreren Elementen. Zum einen untersuchen sie den mechanischen Antrieb von Windkraftwerken. Das soll einen schonenden und kostengünstigen Betrieb ermöglichen. Zweitens entwickeln sie die Algorithmen der Steuerung. Drittens werden sie ab Sommer diesen Jahres auf einem neuen Prüfstand ein Miniatur-Stromnetz aufbauen. Per Computersimulation wollen sie darin mehrere Windparks einbinden und so die Wechselwirkungen studieren. Am Ende muss herauskommen, dass jedes Windkraftwerk und jeder Windpark ein intelligenter Bestandteil des öffentlichen Stromnetzes wird – und es stabilisiert, ohne dass Menschen eingreifen.

    „In drei Jahren wollen wir das Projekt abschließen“, sagt Schulte, „dann sind wir einen großen Schritt weiter.“ Bis die moderne Steuerungstechnik in der Praxis zum Einsatz kommt, dürfte es allerdings noch mindestens fünf Jahre dauern.

  • So klappt das nie

    Kommentar zum EU-Interrail-Ticket

    Welch wunderbarer Vorschlag: Jeder EU-Bürger soll zum 18. Geburtstag ein Interrail-Ticket geschenkt bekommen. Damit könnten die jungen Leute ein paar Wochen per Bahn kostenlos durch 27 Staaten touren, feiern, Freunde finden, lernen, wie die anderen leben. Manfred Weber plädiert dafür, er ist Fraktionschef der Europäischen Volkspartei im EU-Parlament. Millionen werden ihm Recht geben, weil sie solche Reisen während der vergangenen vier Jahrzehnte schon unternommen haben: So lässt Europa sich erleben.

    Welch klägliches Programm aber ist nun dabei herausgekommen. EU-Kommissarin Violeta Bulc (Verkehr) und ihr Kollege Tibor Navracsics (Jugend) haben am Montag erklärt, dass im kommenden Jahr maximal 7.000 Schüler ein Gratis-Ticket erhalten sollen. Sie müssen sich bewerben, einen Stapel Formulare aus- und zahlreiche Kriterien erfüllen. 2,5 Millionen Euro will die Kommission spendieren, anstatt ein paar hundert Millionen, wie Weber anregt.

    Diese Initiative bestätigt das Vorurteil gegenüber der Brüsseler Bürokratie: Die EU macht die Gurke gerade. Dabei ist Europa gerade in einer misslichen Lage. Viele Erwachsene bezweifeln, dass die internationale Kooperation einen Sinn hat. Um die Stimmung zu drehen, muss man die Vorzüge der Union herausstreichen. Sie müssen im Alltag spürbar werden, am besten mit einem Paukenschlag. Interrail für alle ist eine super Idee. Für den Kommissionsplan dagegen gilt die Textzeile der Band Wir sind Helden: „Aurelie, so klappt das nie.“

  • Die Maut für ausländische Autofahrer kann kommen

    Der Bundestag beschließt die Infrastrukturabgabe bei gleichzeitiger Steuersenkung. Länder wollen noch Änderungen durchsetzen. Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten dazu.

    Wer muss die Infrastrukturabgabe bezahlen?
    Grundsätzlich wird die Abgabe für alle Besitzer von Autos und Wohnmobilen fällig. Ausnahmen gibt es für Elektromobile, Fahrzeuge von Behinderten und Dienste wie Rettungskräfte oder das Militär. Die Mautpflicht gilt auf allen Bundesstraßen und den Autobahnen. Eine weitere Ausnahme gilt für ausländische Pkw, die in grenznahen Gebieten auf Bundesstraßen kostenlos fahren dürfen.

    Wieviel kosten die Vignetten?
    Es gibt drei Varianten der Vignette, für zehn Tage, zwei Monate und für das ganze Jahr. Die Kosten dafür hängen vom Hubraum und der Umweltfreundlichkeit des jeweiligen Fahrzeugs ab. Zehn Tage kosten zwischen 2,50 Euro und 25 Euro. Die Gebühr für zwei Monate bewegt sich zwischen sieben Euro und 50 Euro. Für eine Jahresplakette werden zwischen Null und 130 Euro fällig.

    Gilt das Versprechen, dass die Maut für deutsche Autofahrer keine Mehrkosten verursacht?
    Diese Zusage wird durch eine Senkung der Kfz-Steuer erfüllt. Davon haben nur die inländischen Pkw-Halter etwas. Eine Beispielrechnung verdeutlicht das Prinzip. Für einen VW Golf 5 des Baujahrs 2003 mit Dieselmotor bezahlt der Besitzer heute 293 Euro Kfz-Steuer. Da das Modell recht umweltschädlich ist, wird bei der Maut der Höchstsatz von 130 Euro erhoben. Im Gegenzug sinkt die Steuer für das Fahrzeug auf 163 Euro. So bleibt die Abgabe ein Nullsummenspiel.

    Ist es sicher, dass die Maut kommt?
    Das Gesetz ist nun zwar beschlossen worden, doch könnte es im Nachhinein wieder gestoppt werden. So erwägen Nachbarländer eine Klage dagegen. Wenn der Europäische Gerichtshof die Regelung als Diskriminierung von Ausländern einstuft, müsste das Gesetz wieder abgeschafft werden. In der Anhörung des Bundestages wurde diese Möglichkeit von einem Experten als realistisch eingeschätzt. Änderungen könnte auch noch vom Bundesrat durchgesetzt werden. Einige Länder wollen den Vermittlungsausschuss anrufen.

    Was kritisieren die Länder?
    Der kleine Grenzverkehr ist für viele Regionen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Handel und Gastgewerbe haben die Sorge, dass Kunden aus benachbarten ausländischen Regionen fern bleiben, wenn sie für die Nutzung der Straßen Geld bezahlen müssen. Die Bundesregierung hat die Fernstraßen zwar von der Abgabe ausgenommen. Das kann nach Einschätzung der Kommunalverbände allerdings zu unerwünschten Ausweichverkehren führen, wenn Ausländer statt auf der Autobahn auf der Bundesstraße fahren.

    Bringt die Maut dem Staat auch etwas ein?
    An diesem Punkt scheiden sich die Geister. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt geht von zusätzlichen Einnahmen in Höhe von einer halben Milliarde Euro aus, die komplett wieder für den Erhalt der Infrastruktur ausgegeben werden sollen. Diese Summe hat ein Gutachter im Auftrag des Ministeriums ermittelt. Andere Wissenschaftler bezweifeln, dass die Einnahmen höher sein werden als der Aufwand für die Maut. Sie rechnen mit einem Minusgeschäft. Je nachdem, von wie vielen ausländischen Pkw in Deutschland ausgegangen wird, und zu welchem Zweck sie die hiesigen Straßen nutzen, fällt das Ergebnis aus. Genau wissen wird man es erst, wenn die Maut ein Jahr lang gilt.

  • Zum Auftakt gibt es schwarze Zahlen

    Der neue Bahnchef Lutz hält an der bisherigen Strategie fest. Ein runder Tisch soll den Güterverkehr retten.

    Dem neuen Bahnchef Richard Lutz versagte bei der Vorstellung der Bilanz des Konzerns für einen Moment die Stimme. Da dankte er seinem Vorgänger Rüdiger Grube für dessen Arbeit. „Ihm lagen die Menschen immer besonders am Herzen“, sagte Lutz. Das kann man auch als Kritik an seinem Aufsichtsrat verstehen, dessen Geschacher um eine Vertragsverlängerung Grube zum Rücktritt bewogen. Hinterlassen hat er dabei, wie die jüngste Bilanz zeigt, ein Unternehmen, dass allmählich die Kurve kriegt.
    So hat die Bahn die Gewinnzone wieder erreicht. 700 Millionen Euro stehen unter dem Strich als Plus des Jahres 2016. Das reicht aus, um dem Bund als Eigentümer 600 Millionen Euro als Dividende zu überweisen. In diesem Jahr soll das Ergebnis noch besser ausfallen. Der Umsatz bewegte sich nur wenig nach oben. 40,5 Milliarden Euro nahm der Konzern ein. 2017 will Lutz eine Milliarde Euro mehr verbuchen.
    Der Rückblick fiel auch aus Sicht der Fahrgäste im Fernverkehr recht positiv aus. Noch nie waren im Fernverkehr so viele Fahrgäste unterwegs wie im vergangenen Jahr. 139 Millionen Passagiere waren in den Zügen unterwegs. Gut jeder fünfte nutzte dabei ein Billigticket für 19 Euro. Das ist auch der Grund dafür, dass der Gewinn nicht so stark anstieg wie die Nachfrage. Im Wettbewerb mit dem Busverkehr hält das Unternehmen im Preiskampf gegen.
    Die Zeit der Dumpingangebote ist anscheinend endgültig vorbei. „Der Wettbewerb ist momentan gedämpfter“, berichtet Vorstand Bertold Huber. Hintergrund ist die Konzentrationswelle bei den Bussen. Rund ein Viertel des Angebots wurde infolgedessen vom Markt genommen. Für die Reisenden ist das tendenziell von Nachteil, weil damit auch der Preisdruck nachlassen dürfte.
    Lutz hob erneut die Kontinuität der Bahn-Strategie hervor. Mit Milliardeninvestitionen werde das Gleisnetz modernisiert, mit neuen Zügen das Angebot erweitert. Der Bahnchef verspricht, dass die Kunden dabei im Mittelpunkt stehen. Pünktlichere Züge stehen dabei ganz oben auf der Wunschliste. Nachdem 2016 knapp 80 Prozent der Fahrten zeitgerecht verliefen, waren es in den ersten Monaten dieses Jahres rund 84 Prozent. Mit der Freischaltung des Wlan in der zweiten Wagenklasse hat die Bahn zudem einen wichtigen Kundenwunsch erfüllt.
    Das neue Flaggschiff der Bahn soll das Geschäft weiter beflügeln. Der ICE 4 ist zwar mit 250 Kilometern pro Stunde nicht so schnell wie sein Vorgänger. Doch verbraucht der Hightechzug deutlich weniger Energie und bietet mehr Komfort. Eine lukrative Verbindung wird kurz vor Weihnachten auch noch eingeweiht. Dann nimmt der Hochgeschwindigkeitsverkehr zwischen Berlin und München den Betrieb auf. Die Reise dauert nur noch vier Stunden und ist damit eine echte Konkurrenz zur Luftfahrt.
    Geblieben sind jedoch auch die Sorgenkinder des Konzerns, allen voran der Güterverkehr und die finanzielle Lage. Noch immer steckt die Sparte in den roten Zahlen, wenngleich sich der Verlust verringerte. Nun soll ein runder Tisch im Bundesverkehrsministerium Maßnahmen erarbeiten, die eine Verlagerung der Transporte von der Straße auf die Schiene begünstigen. Die Digitalisierung dieses Verkehrs wird dabei eine wichtige Rolle spielen, denn bei der Automatisierung der Transporte hinkt die Bahn noch hinterher.
    Finanziell sieht es auch nicht rosig aus, obwohl der Bund als Eigentümer das Eigenkapital mit einer Milliarde Euro anhebt. Doch die Milliardeninvestitionen lassen sich alleine dadurch nicht stemmen. So steigt der Schuldenberg vorläufig weiter an. Ende dieses Jahres rechnet Lutz mit 19 Milliarden Euro. Das Ende der Fahnenstange ist damit noch nicht erreicht.

  • Europa kann auch sozial

    Vielen gilt die EU nur als freier Markt für Unternehmen. Dabei gibt es Sozialprogramme wie die Jugendgarantie von 2013. Wieviele Stellen für arbeitslose junge Leute hat dieses Vorhaben gebracht?

    Es klingt, als müsse Jean-Claude Juncker sich selbst zur Ordnung rufen. Einen Tag vor der 60-Jahr-Feier der EU am Samstag (25.3.) sagte der Präsident der Kommission, man solle die „soziale Dimension Europas“ betonen, um die Bürger „wieder stärker mit der europäischen Idee zu versöhnen“.

    Während die Briten ihren Austritt aus der Gemeinschaft vorbereiten – am kommenden Mittwoch ist mit dem Brief aus London zu rechnen – überlegen die 27 übrigen Regierungen, wo es künftig hingehen soll. Was kann Europa seinen Bürgern bieten, damit diese nicht ebenfalls auf die Idee kommen, den Staatenbund zu verlassen?

    Diese Debatte findet neuerdings auch wieder in der Öffentlichkeit statt. Etwa 65 Städte, viele davon in Deutschland, erleben jeden Sonntag Demonstrationen der EU-freundlichen Bewegung Pulse of Europe. Auch bei diesen Veranstaltungen geht es um das Selbstverständnis Europas. Welchen Zweck hat die EU? Ist sie vor allem ein freier Markt, der quasi automatisch für Wohlstand sorgt, oder muss sie die Rolle eines transnationalen Sozialstaats übernehmen?

    Dass diese Dimension zu kurz komme, kritisieren Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände seit langem. Vielen Bürgern gilt das vereinte Europa als Veranstaltung zur Befriedigung von Unternehmensinteressen. Teilweise zu Unrecht – denn Brüssel entwickelt durchaus soziale Vorhaben, um die Marktwirtschaft auszubalancieren. Zwei davon sind die sogenannte Jugendgarantie und die Jugendbeschäftigungsinitiative (Youth Employment Initiative, YEI) von 2013.

    Damals war die ökonomische Situation angespannter als heute. Die große Finanzkrise lag erst wenige Jahre zurück, Länder wie Griechenland, Spanien, Portugal und Italien litten unter extrem hoher Arbeitslosigkeit. Teilweise stieg die Erwerbslosigkeit unter jungen Leuten auf über 50 Prozent. Darauf reagierten die 28 Regierungen, indem sie die Jugendgarantie aussprachen.

    „Allen jungen Menschen soll innerhalb eines Zeitraums von vier Monaten, nachdem sie arbeitslos werden oder die Schule verlassen, eine hochwertige Arbeitsstelle, Weiterbildungsmaßnahme
    oder ein hochwertiger Ausbildungs- oder Praktikumsplatz angeboten“ werden, hieß es in dem Beschluss vom April 2013. Für den Zeitraum 2014 bis 2020 stellte man insgesamt 8,4 Milliarden Euro aus dem EU-Haushalt zur Verfügung. Was ist aus der Jugendgarantie geworden, hat sie Besserung bewirkt?

    In ihrem Halbzeitbericht zum Programm nimmt die EU-Kommission für sich in Anspruch, dass Ende 2015 etwa 1,4 Millionen junge Leute weniger beschäftigungslos waren als drei Jahre zuvor. Die Arbeitslosenquote unter 15- bis 24-Jährigen sei von 24 auf 20 Prozent gefallen. In Spanien beispielsweise sei der Anteil von 55 auf 49 Prozent gesunken. „Diese ermutigenden Trends lassen den Schluss zu, dass die Jugendgarantie in der Praxis etwas bewirkt hat“, erklärt die Kommission.

    Werner Eichhorst, Arbeitsmarktforscher am Institut Zunkuft der Arbeit in Bonn, teilt einerseits die positive Einschätzung: „Mit der Jobgarantie hat die Kommission europaweit das Prinzip verankert, dass kein Jugendlicher aufgegeben werden darf – für einige Staaten ein sinnvoller Anstoß.“ Andererseits ist Eichhorst weniger euphorisch als die Kommission: „Dass die Erwerbslosigkeit unter Jugendlichen abgenommen hat, ist auch auf die konjunkturelle Belebung zurückzuführen. Außerdem sind viele junge Leute beispielsweise aus Spanien zum Arbeiten nach Deutschland gezogen.“

    In diesem Sinne argumentiert auch Karin Schulze Buschoff, Politikwissenschaftlerin der Hans-Böckler-Stiftung: „Die EU-Kommission liefert keine Belege, dass das Programm dazu beigetragen hat, die Jugendarbeitslosigkeit um 1,4 Millionen Personen zu verringern. Vielleicht haben die Maßnahmen etwas genutzt. Man weiß es aber nicht.“ Es fehle an einer genauen Auswertungen der konkreten Projekte, sagt Schulze Buschoff. Die Evalution seitens der Kommission habe nur den Charakter einer Vermutung.

    Davon abgesehen: Auch wenn die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien, Griechenland, Portugal und Italien bis zum Ende des Jugendgarantie-Programms 2020 tatsächlich auf die Hälfte gesunken sein sollte, hat die Kommission ihr Ziel, allen Jugendlichen innerhalb von vier Monaten eine Beschäftigung zu verschaffen, noch nicht erreicht. Trotz einiger Fortschritte bleibt für EU-Kommissionschef Juncker viel zu tun, wenn er seinen Appell zur „sozialen Dimension Europas“ umsetzen will.

  • Die irreführende Zeitansage des Steuerzahlerbundes

    Die sogenannte Schuldenuhr in Berlin erweckt den Eindruck, als stiegen die deutschen Staatsschulden permanent. Das Gegenteil ist der Fall. Ökonomen schütteln die Köpfe.

    Wer durch's Berliner Regierungsviertel spaziert, hat gute Chancen, an der Schuldenuhr des Steuerzahlerbundes vorbeizukommen. Die Digitalanzeige hängt über dem Eingang der Lobbyorganisation in der Nähe des Hauptbahnhofes. Die großen, roten Digitalziffern wechseln in hektischem Rhythmus, unablässig steigt die Summe der deutschen Staatsschulden.

    68 Euro kommen pro Sekunde hinzu. Mit 2.032 Milliarden stehen wir alle zusammen in der Kreide. Stattet man am nächsten Tag einen Besuch ab, sind es schon wieder sechs Millionen Euro mehr. Die Botschaft, die das Zahlengeflimmer aussendet, steht freilich in merkwürdigem Gegensatz zur aktuellen Lage.

    Hat doch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble gerade erst verkündet, auch in diesem und den nächsten Jahren ohne neue Schulden auszukommen. Das Jahr 2016 beendeten Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherungen mit einem Überschuss von 24 Milliarden Euro – dem Gegenteil von zusätzlichen Krediten.

    Installiert hat der Steuerzahlerbund seine Schuldenuhr im Jahr 1995. Die Organisation, die ihre Mitglieder beim Steuersparen berät, will damit vor unsolider Finanzpolitik und der Verschwendung öffentlicher Gelder warnen. Lange Zeit verfing diese Ansage, besonders, als die Staatsverschuldung nach der Finanzkrise explodierte. Nun allerdings ist man in Erklärungsnot.

    Dass die Anzeige immer noch steigende Kredite ausweist, erklärt der Experte beim Steuerzahlerbund so: Für das laufende Jahr würden einige Bundesländer, darunter Nordrhein-Westfalen, zusätzliche Schulden einplanen. Unter dem Strich nähmen damit die roten Zahlen der Länder zu. Umgerechnet ergibt das einen Zuwachs von 68 Euro pro Sekunde.   

    Ob sich diese Planung allerdings erfüllt, weiß niemand. Im vergangenen Jahr war es nicht so. Da ging man lange Zeit von einem Defizit aus, hinterher stand unter dem Strich jedoch ein Plus. Angesichts der guten Wirtschaftslage erscheint es nicht unwahrscheinlich, dass 2017 ähnlich verläuft. „Wenn Planung und Wirklichkeit so weit auseinanderliegen, vermittelt die Uhr ein falsches Bild“, sagt Kristina van Deuverden vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

    Die Überschüsse der Staatsfinanzen von 2016 hat der Steuerzahlerbund seiner Schuldenuhr noch nicht eingespeist. Das passiere erst Ende des Monats, wenn die entsprechenden Zahlen des statistischen Bundesamtes vorlägen, heißt es. Dann werde die Uhr um beispielsweise zehn Milliarden Euro zurückgestellt, von 2.032 auf 2.022 Milliarden Euro.

    Wer dann in jenem Augenblick die Uhr auf der Berliner Reinhardstraße beobachtet, wird sehen, dass der Schuldenstand sinkt. Nach diesem glücklichen Moment werden die Zahlen aber wieder munter klettern – und den Eindruck vermitteln, dass die Verschuldung permanent wächst.

    Doch genau das tut sie nicht. „Der Schuldenstand in Deutschland geht seit 2012 nicht nur im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt, sondern auch in absoluten Größen zurück“, heißt es im Bundesfinanzministerium. „Dass die Schuldenuhr immer noch nicht rückwärts läuft, ist nicht nachvollziebar.“

    Die simple Darstellungsweise der Digitalanzeige verschleiert die Realität. Ein Beispiel: 2013 erreichten die deutschen Staatsschulden 77,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Jetzt sind es noch 66 Prozent. Für 2020 rechnet Schäuble mit 60 Prozent. „Für den schnellen Betrachter im Alltag deutet die Schuldenuhr jedoch in die entgegengesetzte Richtung“, stellt Ökonomin van Deuverden fest. Ihr Kollege Jens Boysen-Hogrefe vom Kieler Institut für Weltwirtschaft fügt hinzu: „Die relevante Größe sind die  Staatsschulden im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung. Isoliert betrachtet kann die Schuldenuhr deshalb keinen ausreichenden Eindruck vermitteln. Der aktuelle Schuldenstand in Deutschland ist nicht besorgniserregend.“

  • Der neue Bahnchef ist ein alter Bekannter

    Die Berufung von Finanzvorstand Richard Lutz steht für Kontinuität bei der Bahn. Die Suche nach einem Grube-Nachfolger aus anderen Unternehmen blieb erfolglos.

    Richard Lutz sieht nicht aus wie einer der wichtigsten Manager der deutschen Wirtschaft. Äußerlich ist er eher der Typ großer Junge. Doch der Eindruck täuscht. Als Finanzvorstand der Deutschen Bahn hantiert der 52-jährige mit Milliardenbeträgen, überzeugt weltweit Investoren, dass sie ihr Geld in die Anleihen des Konzerns stecken. Seit Rüdiger Grube vor einigen Wochen überraschend den Rückzug vom Chefposten antrat, führt Lutz die Bahn kommissarisch. Das wird sich in der kommenden Woche ändern. Wie Regierungskreise bestätigen wird, soll der Aufsichtsrat ihn am kommenden Dienstag zum neuen Bahnchef bestellen. Am Mittwoch wird Lutz dann als Vorstandsvorsitzender vor die Presse treten und die Bilanz des vergangenen Geschäftsjahres verkünden.
    Die Entscheidung kam überraschend, denn Lutz wollte den vielleicht schwierigsten Job in der Wirtschaft, wie es der frühere Kanzler Gerhard Schröder einmal nannte, zunächst gar nicht haben. Doch die schnelle Suche nach einem geeigneten Bewerber verlief erfolglos, auch weil die Politik bei der Besetzung des Postens eine übergeordnete Rolle spielt. So einigten sich Kanzleramts-Chef Peter Altmaier und Verkehrsminister Alexander Dobrindt von der Unionsseite mit dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel auf die interne Lösung.
    Die Anregung dazu kam vom Bahnvorstand selbst. Die Manager waren sich einig, dass von außen niemand in Frage kommt. Die Runde überzeugte Lutz schließlich, sich für den Vorstandsvorsitz zur Verfügung zu stellen. Roland Pofalla, dem früheren Kanzleramtschef und bei der Bahn für die Lobbyarbeit zuständige Vorstand, wurde zunächst nachgesagt, dass er den Job gerne übernommen hätte. Der Widerstand der SPD und die Furcht von Kungelvorwürfen haben einen weitere Karrieresprung des einstigen Politikers verhindert. Der kleinere Koalitionspartner hat ein Vetorecht in dieser Frage. So unterstützte Pofalla dann den neuen Bahnchef
    Lutz ist seit 2010 für die Konzernfinanzen verantwortlich. Bei der Bahn ist der Betriebswirt bereits seit 1994. Zuletzt war er zudem noch für die Beteiligungen an der Spedition Schenker und der britischen Tochter Arriva zuständig. Der gebürtige Pfälzer wirkt unprätentiös, freundlich im Auftreten, kenntnisreich in der Sache. Kollegen bezeichnen ihn als Workoholic. Vorgänger Grube attestierte seinem Kassenwart schon vor seinem Rücktritt die Fähigkeit, den Konzern auch zu führen.
    Es wurden noch andere Namen gehandelt. Der scheidende Siemens-Vorstand Siegfried Russwurm gehörte dazu, auch die Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe, Sigrid Nikutta und der Chef der Schweizer Bahnen, Andreas Meyer. Das gewünschte Profil brachte wohl keiner der verfügbaren Kandidaten mit. Denn ein Bahnchef muss mehr können, als ein Unternehmen zu führen. Er oder sie muss in der Öffentlichkeit ein gutes Bild der Bahn vermitteln und sich im politischen Umfeld sicher bewegen.
    Verkehrsminister Alexander Dobrindt wartet noch mit einer zweiten Überraschung auf. Der CSU-Politiker hat einen Umbau des Vorstands durchgesetzt. Zwei Posten werden dafür geschaffen. Ein Vorstand soll für die Technik und die Digitalisierung zuständig sein, ein weiterer für den Güterverkehr, das größte Sorgenkind der Bahn. Hier sind die Personalentscheidungen noch nicht abschließend gefallen. Damit wird auch erst im Verlauf des Frühjahrs gerechnet.
    Die Personalentscheidungen der Bundesregierung stehen für eine Kontinuität bei der Bahn mit zusätzlichen Prioritäten. So soll der eigene Vorstandsposten den Güterberkehr wieder aufwerten. Die Digitalisierung der Bahn könnte noch stärker vorangetrieben werden als bisher. Von Aufbruch können keine Rede sein, kritisieren die Grünen. Doch gibt es gute Gründe, den bisherigen Kurs fortzusetzen. Denn derzeit ist viele Milliarden schweres Investitionsprogramm im Gange. Neue Züge werden angeschafft, marode Strecken saniert. Das Programm ist auf einen längeren Zeitraum angelegt. Mittendrin die Strategie zu wechseln, würde dem Unternehmen eher schaden als nutzen.
    Das gilt umso mehr, als dass viele wichtige Weichenstellungen gar nicht bei der Bahn, sondern von der Politik bestimmt werden. Zum Beispiel beim Güterverkehr. Solange der Transport im Lkw auf der Straße viel billiger ist als mit dem Zug, wird es keine nennenswerte Verkehrsverlagerung geben. Die Zulassung von Gigalinern im Autobahnverkehr konterkariert beispielsweise dieses Ziel. Streiten ließe sich auch über die ungleichen Wettbewerbsbedingungen im Personenverkehr. Fernbusse müssen weder Maut noch Ökostromumlage einpreisen. So können sie mit günstigen Tickets der Bahn Konkurrenz machen, die im Preiskampf zwangsläufig mitziehen muss.
    Vor Lutz und anderen neuen Vorständen liegen einige Herausforderungen. Der Konzern ist hoch verschuldet, der Güterverkehr darbt, die Margen im Fernverkehr stehen durch die Fernbusse unter Druck, im Nahverkehr gehen Aufträge an Wettbewerber verloren, der Wert der britischen Tochter Arriva leidet unter dem Brexit und vermutlich noch einiges mehr. Weltweit sind für die Bahn rund 300.000 Beschäftigte tätig. Etwa 40 Milliarden Euro setzt das Unternehmen um. 2016 wurde nach einem Verlustjahr wieder die Gewinnzone erreicht. Wie hoch der Ertrag ausfällt, und wie sich Lutz die nähere Zukunft der Bahn vorstellt, wird wohl erst bei der Bilanzpräsentation am kommenden Mittwoch verraten.

  • Statt gegen mal für Europa

    Mit Pulse for Europe wächst eine EU-freundliche Bürgerbewegung. Sonntägliche Kundgebungen in 35 deutschen Städten plus einigen Nachbarländern. Tendenz: zunehmend.

    „Freude, schöner Götterfunken!“ Und weiter? Wer kennt sie schon, die Europa-Hymne? Am nächsten Sonntag wollen sie das Lied singen, gemeinsam auf den Treppenstufen des Konzerthauses am Berliner Gendarmenmarkt. Friedrich Schiller, der Urheber des Textes, kann von seinem Denkmal herab zuschauen. Aber die Initiatoren von „Pulse of Europe“ werden Zettel verteilen müssen, damit der Gesang nicht zu kläglich ausfällt

    Der Puls von Europa schlägt seit kurzem jeden Sonntagnachmittag auf dem zentralen Berliner Platz. Tendenz: kräftiger werdend. Am vergangenen Wochenende kamen unterschiedlichen Schätzungen zufolge zwischen 700 und 3.000 Leute. Sie versammelten sich unter blauen Europa-Fahnen und ebensolchen Luftballons. In 34 weiteren Städten, darunter Bremen, Erfurt, Heidelberg, Leipzig, Stuttgart und München war es ähnlich. In Belgien, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und Portugal fanden ebenfalls Kundgebungen statt.

    Acht Monate nach der Brexit-Abstimmung tritt damit eine Gegenbewegung auf, um der Europa-Skepsis vieler Bürger und der EU-Feindschaft der Rechten etwas entgegenzusetzen. Den Stein in's Wasser warfen Anfang des Jahres ein paar Leute um Rechtsanwalt Daniel Röder in Frankfurt/Main. Ein gemeinsamer Studienfreund rief dann vor vier Wochen den Berliner Anwalt Alexander Knigge an: „Du musst unbedingt mitmachen.“ Nun ist Knigge einer der zehn Organisatoren des Berliner Pulsschlages. „Wir wollen Europa als politische Union erhalten,“ sagt er. „Es geht darum, neue Emotionen für diese Idee zu wecken.“

    Knigge hat seine Kanzlei auf der Friedrichstraße. Zu den sonntäglichen Kundgebungen kommen viele gutsituierte Leute. Lange Mäntel und dickgerahmte Brillen werden gerne getragen. Die Atmosphäre ist höflich-bürgerlich, man sagt „Entschuldigung“, wenn man durch die Reihen geht. Noch hat quasi jeder die Chance, am „offenen Mikrofon“ eine kurze Rede zu halten.

    Man will Bürgerbewegung sein. Wobei diese auch schräge Vögel anlockt. Rechten, die sich als Helfer zur Verfügung stellen wollten, gab man den Laufpass. Ein Trupp Jungliberaler wurde überredet, sein FDP-Transparent wieder einzurollen. Knigge und die anderen legen großen Wert darauf, nicht zur Beute von Parteien zu werden. EU-Grünen-Abgeordneter Reinhard Bütikofer wurde zwar auf dem Gendarmenmarkt gesichtet, musste sich aber auf's Twittern beschränken.

    Die Organisatoren wollen die Veranstaltungen auch programmatisch offen halten, um erstmal möglichst viele Interessierte anzusprechen. „Wir sind überzeugt, dass die Mehrzahl der Menschen an die Grundidee der Europäischen Union und ihre Weiterentwicklung glaubt und sie nicht nationalistischen Tendenzen opfern möchte“, heißt es auf der Internetseite.

    Geht es denn etwas konkreter – braucht die Union beispielsweise eine gemeinsame Arbeitslosenversicherung, damit auch Bedürftige Vorteile haben? Knigge will sich nicht festlegen. Er sagt: „Ich wünsche mir, die Bürger der einzelnen Staaten würden solidarischer miteinander umgehen. Ein arbeitsloser Jugendlicher in Italien sollte uns doch genauso am Herzen liegen, wie einer in Niedersachsen.“

    Und muss Europa demokratischer werden? „Wenn man über Reformen nachdenkt, muss man sicher auch mehr Rechte für das EU-Parlament erwägen“, sagt Initiator Röder. Diesen Gedanken weitergesponnen, ist man ziemlich schnell bei den Vereinigten Staaten von Europa. Dazu möchte Röder sich aber lieber nicht genauer äußern – sonst würden einige Teilnehmer gleich wieder das Weit suchen, befürchtet er.

    Anfangs entstand der Eindruck, Pulse of Europe wolle nur bis zu den kommenden Wahlen in den Niederlanden und Frankreich durchhalten. Der relative Erfolg ändert die Lage jedoch. „Ich kann mir nicht vorstellen, nach den Wahlen einfach zu Hause zu bleiben“, so Knigge. Röder stimmt zu: „Wir werden danach weiter aktiv bleiben und überlegen uns, wie wir eine stabile Struktur aufbauen.“

  • Auch Merkel wusste nichts vom Diesel-Skandal

    Der Untersuchungsausschuss zu den Abgasmanipulationen endet mit nur wenigen Erkenntnissen. Von den Verfehlungen der Autohersteller will niemand etwas mitbekommen haben.

    Bundeskanzlerin Angela Merkel kam sogar ein paar Minuten vor der Zeit in den Bundestag. Im Sitzungssaal 3.101 begrüßte sie die Abgeordneten des Abgas-Untersuchungsausschusses einzeln per Handschlag, nickte kurz dem Publikum auf dem ersten Rang zu und setzte sich dann in den Zeugenstand. Merkel, diesmal in einem petrolgrünen Blazer, machte gleich deutlich, dass sie zur Aufklärung des Falls VW nicht viel beitragen kann. Nur ein paar Seiten mit handschriftlichen Notizen legte sie neben sich auf den Tisch.
    Sie heiße Angela Dorothea Merkel und wohne in der Willy-Brandt-Straße 1 gab sie nach der Belehrung über die strafrechtlichen Folgen falscher Aussagen zu Protokoll. Auf das übliche Eingangsstatement der Zeugen verzichtete die Kanzlerin. Verkehrsminister Alexander Dobrindt hatte bei seiner Befragung vor wenigen Wochen noch eine erschöpfende Aneinanderreihung der Ereignisse nach dem September 2015 vorgetragen. Merkels Signal war deutlich: Der VW-Skandal ist nicht ihr Fall.
    Sie habe erst aus den Medien von der Manipulationssoftware des Wolfsburger Konzerns erfahren. Dobrindt habe sie darüber informiert, Aufklärung versprochen und einen Untersuchungsausschuss durch Experten vorgeschlagen. „Ich habe ihn dazu ermuntert“, sagte Merkel. Nicht ihr Fall halt. Die einzige Klippe der Befragung überwindet sie anschließend auch souverän. Dabei ging es um ein Treffen mit den früheren Gouverneur Kaliforniens, Arnold Schwarzenegger, im Jahr 2010. Am diesem Gespräch nahm auch die Chefin der dortigen Umweltbehörde, Mary Dolores Nichols teil, die am vergangenen Montag den Abgeordneten als Zeugin per Videoübertragung von einem energischen Einsatz Merkels für die deutsche Autoindustrie und von ihrer Beschwerde über zu strenge Umweltvorgaben in den USA berichtete.
    Waren der Bundesregierung also doch schon frühzeitig die Probleme der Hersteller bekannt, die Stickoxyd-Grenzwerte bei Diesel-Autos einzuhalten? Das hatten andere Zeugen inklusive zweier Verkehrsminister bestritten. „Damals gab es Pläne zur Fortentwicklung der kalifornischen Emissionswerte“, erläuterte Merkel. Die für das Jahr 2014 geplanten Normen hätten die deutsche Autoindustrie von diesem Markt ausgeschlossen. Ihr sei es vor allem um das Klimagas CO2 gegangen, dessen Ausstoß durch Dieselfahrzeuge gesenkt werden könnten. Das habe sie vielleicht gesagt, aber eine konkrete Erinnerung habe sie nicht.
    Die zweite Klippe nahm die Kanzlerin noch schneller. Dabei ging es um den Einfluss der Autoindustrie auf das Kanzleramt bei der Festlegung der Normen für die neuen europäischen Testverfahren. Da gibt Merkel die um einen nationalen wie internationalen Interessenausgleich bemühte Regierungschefin. In Deutschland habe sie die Positionen des eher strengen Umweltministeriums mit denen der eher industriefreundlichen Ministerien für Wirtschaft und Verkehr zusammengebracht. In Europa gemeinsam mit dem Autoland Frankreich eine Position gegenüber den scharfen Vorschlägen der EU-Kommission erarbeitet.
    Mit allen anderen Details der Dieselproblematik hat sich Merkel nach eigenen Angaben nie befasst. Mit der Reaktion der Regierung auf den Skandal durch den Verkehrsminister ist sie zufrieden. „Ich habe nicht die geringsten Zweifel, dass es in guten Händen liegt“, lobt sie Dobrindt. Für strukturelle Veränderungen bei der Kontrolle der Autoindustrie bestehe keine Notwendigkeit. So endet die erste Fragerunde und das wird wohl auch die Kernaussage im Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses werden.
    Die Abgeordneten sollten die Rolle der Bundesregierung bei der Aufklärung des Diesel-Skandals klären. Ausgangspunkt dafür war die Entdeckung einer illegalen Software in VW-Fahrzeugen in den USA, die am 18. September 2015 bekannt wurde. Das Programm sorgte dafür, dass die Abgaswerte auf dem Prüfstand einwandfrei waren, die Reinigung der Emissionen im Straßenbetrieb jedoch heruntergefahren wurde. Später fand die danach eingesetzte Untersuchungskommission auch bei Modellen vieler anderer Hersteller so genannte Abschaltvorrichtungen. Eine schwammig formulierte europäische Richtlinie lässt dies zu. Viel weiter kam die Untersuchung nun auch nicht.
    Die große Koalition hat den Wahlkampf vor den Saaltüren gelassen. Die meisten Abgeordneten des Ausschusses kommen aus Regionen, in denen die Autoindustrie ein wichtiger Arbeitgeber ist. Nicht einmal die Linke, die den Vorsitzenden Herbert Behrens stellt, mag sich die Branche richtig vorknöpfen. Zu wichtig sind den Gewerkschaftern in der Partei wohl die gut bezahlten Jobs in den Autofabriken.
    Einzig der Grüne Oliver Krischer hält den Umgang von Politik und Behörden mit der Autoindustrie für ein „organisiertes Staatsversagen“. Notfalls will Krischer dem Abschlussbericht im Juni ein Minderheitsvotum dieses Inhalts beifügen. Damit neigt sich auch der seit einem halben Jahr laufende Aufklärungsversuch des Dieselskandals dem Ende zu. Die Bundeskanzlerin kam als letzte der insgesamt 57 Zeugen und 13 Sachverständigen in den Ausschuss.
    Die Ergebnisse der Arbeit sind überschaubar, weil niemand in Ministerien oder Behörden von den Manipulationen gewusst haben will. Auch seien Straßentests bei der Messung der Abgase erst in diesem Jahrzehnt technisch möglich geworden und sollen nun zum Standard werden. Den Höhepunkt der Unwissenheit lieferte der frühere Vorstandsvorsitzende von VW, Martin Winterkorn, bei seiner Aussage im Januar. Auch der Manager hat seinen Angaben zufolge erst am 18. September 2015 von den Machenschaften seines Unternehmens erfahren. Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil, der im VW-Aufsichtsrat sitzt, gab an, erst einen Tag später aus der Tagesschau davon erfahren zu haben. So sehen die Abgeordneten der Koalition auch keinen Anhaltspunkt für Verfehlungen.

  • Nicht überall hin

    Sicherheit bestimmt immer mehr die Reiseentscheidungen. Die Türkei ist der große Verlierer.

    Der Wunsch nach einem sicheren Urlaub bestimmt zunehmend das Reiseverhalten der Bundesbürger. Das spüren vor allem die Krisenländer unter den Zielgebieten. Der größte Verlierer ist wegen Bombenterror und politischer Unsicherheiten die Türkei. Dorthin will im kommenden Sommer bisher kaum jemand reisen. „Wir haben aktuell einen Rückgang der Buchungen gegenüber dem Vorjahr von minus 58 Prozent“, sagt der Präsident des Deutschen Reiseverbands (DRV), Norbert Fiebig. Schon im vergangenen Jahr zog es deutlich weniger Touristen in die Türkei als üblich.
    Aber auch Städtereisen sind für viele Kurzurlauber nicht mehr so attraktiv, weil es in Metropolen immer wieder zu Anschlägen kam. „Für 95 Prozent der Befragten in Deutschland hat das Thema Sicherheit bei der Urlaubsplanung und Auswahl des Reiseziels heute eine große Bedeutung“, heißt es in einer Studie der Beratungsfirma Travelzoo und der Internationalen Tourismusbörse (ITB). Mehr Kontrollen und Einschränkungen, zum Beispiel bei großen Veranstaltungen, nehmen die Urlauber in Kauf, wenn es um ihre Sicherheit geht. Auch die Nachfrage nach USA-Reisen ist rückläufig. Dass dies mit der Politik des neuen US-Präsidenten Donald Trump zusammenhängt, glaubt Fiebig aber nicht.
    Zuhause bleiben ist für die große Mehrheit keine Alternative zur Urlaubsreise. Nur sechs Prozent der Befragten gaben an, dass sie auf einen Aufenthalt im Ausland verzichten wollen. „Stattdessen buchen die Deutschen lieber Griechenland, Bulgarien oder Kroatien“, sagt Fiebig. Es gibt auch genügend andere Ausweichmöglichkeiten. Kreuzfahrten sind eine davon. Dieses Segment verzeichnet laut DRV wieder einmal zweistellige Umsatzzuwächse.
    Kurz vor Beginn der weltgrößten Reisemesse ITB in Berlin ist die Branche zufrieden. 60 Milliarden Euro gaben die privaten Haushalte im vergangenen Jahr für den Urlaubstrip aus, ein Plus von zwei Prozent. Rechnet man die Ausgaben vor Ort hinzu, sind es sogar 86 Milliarden Euro. Die Umsätze für die anstehende Sommersaison liegen um sechs Prozent über dem Vorjahreswert. Die gute Branchenkonjunktur zeigt sich auch in einer wachsenden Zahl von Reisebüros, deren Überleben beim Aufkommen des Internets noch stark in Zweifel gezogen wurde. Rund 10.000 Agenturen gibt es derzeit. „Das Reisebüro ist und bleibt die beliebteste Anlaufstelle für Kunden“, stellt Fiebig fest.
    Dennoch gewinnt die Buchung im Internet weiter an Gewicht, auch bei den Reisebüros selbst. Inzwischen findet mehr als ein Drittel der Buchungen im Netz statt. Auf dem Rückzug sind spontane Reisen ohne Vorbuchung. Stabil zeigen sich Pauschalreisen. Jeder zweite Urlaub wird von einem Veranstalter organisiert.
    Von diesem Mittwoch bis zum kommenden Sonntag präsentieren sich die Anbieter und die Ferienregionen auf der alljährlichen ITB. Allein 100.000 Fachbesucher erwarten die Ausrichter. Insgesamt 10.000 Aussteller aus 184 Ländern sind in den Messehallen vertreten. Thematisch stehen die Themen Sicherheit, Medizintourismus und Digitalisierung im Zentrum der Fachdiskussionen. Vor allem aber ist die ITB eine Einkaufsmesse der Branche, auf der Geschäftsabschlüsse im Milliardenwert getätigt werden.

  • Teure Schnappschüsse an der Börse

    Der Foto-Kurznachrichten-Dienst Snapchat spielt an der Wallstreet 3,4 Milliarden Dollar ein. App bei Jugendlichen beliebt, weil soziale Kontrolle gering.

    Obwohl die US-Firma Snap mehr Verlust als Umsatz macht, legte sie einen phänomenalen Start an der New Yorker Börse Wallstreet hin. Dank der Smartphone-Anwendung Snapchat sammelte das Unternehmen rund 3,4 Milliarden Dollar (3,2 Milliarden Euro) ein – mit dem Verkauf von nur 15 Prozent der Anteile.

    Es ist eine Börsenwette auf die Zukunft, die manche Händler mit Skepsis betrachten. Snapchat muss erst noch beweisen, dass es ein tragfähiges Geschäftsmodell ausbildet. Augenblicklich ist die App bei ihrer Zielgruppe, den 16- bis 24-Jährigen, sehr beliebt. Angeblich 60 Prozent dieser Kunden nutzen Snapchat in den USA. Auch in Europa sind es Millionen.

    Der Reiz besteht darin, Fotos zwischen Smartphones zu verschicken, die nach einer bis zehn Sekunden beim Empfänger wieder verschwinden. Die jungen Leute können ihre Smartphone-Schnappschüsse mit allen möglichen Bildchen, Symbolen und Krikelkrakeln veredeln, wodurch sie noch lustiger werden. Weil sie sofort im digitalen Orbit verglühen, wird Schwachsinn verschickt, den man sich sonst nicht zu posten traute. Die soziale Kontrolle ist gering. Schön auch: Likes und öffentliche Kommentare wie bei Facebook gibt es bei Snapchat nicht. Text spielt kaum eine Rolle. Die Jugendlichen stehen nicht ständig unter dem Druck, von außen bewertet zu werden.    

    Wie andere kostenlose Internet-Anwendungen auch muss Snapchat Geld mit Werbung verdienen. Das funktioniert in diesem Fall beispielsweise so: „Unternehmen haben großes Interesse daran, unterhaltsame und passende Werbung mit Hilfe sogenannter Geolocation-Filter zu plazieren“, erklärt Timm Lutter vom Bundesverband der Internetwirtschaft (Bitkom). „Die App auf dem Smartphone erkennt dabei den Ort, an dem sich der Besitzer aufhält, etwa eine Bar oder ein Kino. Diese stellen sofort grafische Spielereien oder Informationen zur Verfügung, mit denen der Smartphone-Kunde versendete Fotos garnieren kann. Die Werbebotschaft erreicht so seine Freunde.“

    Diese Werbung existiert in den USA schon, auch hierzulande dürfte sie sich verbreiten. Gegenwärtig stellt Snapchat bereits regelmäßig neue Filter zur Verfügung, um die Fotos zu verändern. Für die Nutzer in Berlin gibt es spezielle Berlin-Filter, selbst für einzelne Schulen existieren zugeschnittene Angebote. Steht man auf dem Schulhof, kann man bestimmte Symbole nutzen, die nur dieser Schule zugeordnet sind.  

    Zur Zeit soll Snapchat 158 Millionen aktive Nutzer haben. In jüngster Zeit ging der Zuwachs jedoch zurück, weil Facebook ähnliche Funktionen in seine Programme Whatsapp und Instagramm einbaute. So ist die Frage auch, ob Snapchat sich gegen diese Konkurrenz behaupten kann.

    Der Ausgabepreis für institutionelle Investoren lag bei 17 Dollar pro Aktie. Der Kurs am Ende des ersten Handelstag stieg jedoch um fast die Hälfte auf 24,48 Dollar. In den Tagen gab es größeres Auf und Ab.

    „Mit Kursen nahe 25 Dollar ist die Aktie mehr als das 80-Fache des Umsatzes wert – eine unglaublich hohe Bewertung“, rechnete Analyst Neil Wilson vom Wertpapierhändler ETX Capital vor. Der Umsatz im normalen Geschäft betrug 2016 rund 500 Millionen Dollar. „Das spricht für eine Blase. Die Investoren tragen das gesamte Risiko“, sagte Stephen Isaacs von der Fondsgesellschaft Alvine Capital.

    Für den Erfolg eine Rolle gespielt haben die ohnehin hohen Börsenkurse in den USA. Die Investoren erwarten weitere Steigerungen. Freies Anlagekapital ist zudem ausreichend vorhanden, weil die Zinsen für wichtige Staatsanleihen niedrig liegen. Für die beiden Gründer Snapchat-Gründer Evan Spiegel (26) und Bobby Murphy (28) hat sich die Sause auf jeden Fall schon gelohnt. Sie sind jetzt Milliardäre.

  • Höhere Inflationsrate stellt die Nullzinspolitik in Frage

    Die Teuerungsrate hat den Zielwert von zwei Prozent erreicht. Ändert die Europäische Zentralbank nun ihren Kurs? Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu.

    Ist die Inflation jetzt dauerhaft zurück?
    Die Sorge, dass alle Waren und Dienstleistungen nun schnell viel teurer werden, ist unbegründet. Zwar ist die Inflationsrate im Februar auf über zwei Prozent in die Höhe geschnellt, doch geht diese Entwicklung vor allem auf Kosten für Energie und Lebensmittel zurück. Da der Ölpreis vor einem Jahr besonders niedrig war, wirkt sich dessen Normalisierung statistisch besonders stark aus. Auch bei den Lebensmitteln gibt es Sondereffekte, die zum Beispiel aus einer schlechten Ernte in Südeuropa resultieren. Dadurch sind die Preise für Gemüse durch die Decke geschossen. Diese Effekte entfallen im Jahresverlauf. Dann wird auch die Inflationsrate wieder etwas sinken. Eine Teuerung von zwei Prozent ist außerdem das gewünschte Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB).

    Warum sind trotzdem viele Experten besorgt?
    Normalerweise steigen die Zinsen, wenn die Preise anziehen. Doch die EZB hält noch immer an einer Nullzinspolitik fest und überschwemmt die Finanzmärkte mit billigem Geld. Das tut sie, weil die Konjunktur in anderen Euro-Ländern noch nicht wie gewünscht läuft. Sie muss ja die Interessen des gesamten Währungsblocks im Auge behalten. Daraus resultieren Risiken, auch für die Teuerung in Deutschland. Bei den Immobilienmärkten hat sich mancherorts bereits eine Preisblase gebildet. Die Immobilienpreise und Mieten steigen teilweise massiv an. Die deutsche Wirtschaft brummt. Das erleichtert es den Unternehmen, ihre Preise anzuheben. Diese Risiken könnten mittelfristig für einen weiteren Teuerungsschub sorgen.

    Inwiefern betrifft diese Entwicklung Sparer und Verbraucher?
    Das sind die großen Verlierer dieser Entwicklung. Da es für die normalen Sparguthaben praktisch keine Zinsen mehr gibt, verliert das Vermögen der Sparer an Kaufkraft, wenn die Preise steigen. Die Verbraucher wiederum müssen mehr für ihren Lebensunterhalt ausgeben. Das wäre kein Problem, wenn die Löhne wenigstens in gleichem Maße steigen würden. Doch die Arbeitgeber gegen schon zu erkennen, dass sich die Lohnabschlüsse an der Produktivitätssteigerung orientieren sollen und nicht an der Preissteigerung. Liegen die Tarifabschlüsse unterhalb der Teuerungsrate, können sich die Arbeitnehmer unter dem Strich weniger leisten.

    Gibt es Strategien gegen den Wertverlust des eigenen Vermögens?
    Es ist kaum möglich, Geld risikofrei und dennoch gut verzinst anzulegen. Lediglich Aktien verzeichnen derzeit kräftige Kurssteigerungen. Verbraucherschützer raten hier zum Kauf so genannter Exchange Traded Funds (ETF), deren Risiko überschaubar ist, weil diese Papiere die Entwicklung vieler Aktien abbilden und kostengünstig sind. Doch das Risiko erheblicher Abwärtskorrekturen an den Börsen ist beträchtlich, gerade weil die Kurse so stark angestiegen sind und es Ungewissheiten wie die künftige Wirtschaftspolitik der USA gibt.

    Warum bleiben die Zinsen trotzdem niedrig?
    Die EZB hält weiterhin an ihrem Kurs fest, den Leitzins niedrig zu halten und Anleihen aus den Euro-Ländern zu kaufen. Damit will sie die Inflation in der gesamten Eurozone wieder in Richtung des Zielwertes von zwei Prozent bringen. Die Preise ziehen zwar im gesamten Euroraum derzeit in dieser Größenordnung an. Rechnet man jedoch die schwankungsanfälligen Preise heraus, liegt die so genannte Kerninflation noch knapp unter einem Prozent. Wie lange die Währungshüter an ihrer Strategie festhalten, ist noch offen. Hinweise darauf könnte die nächste Sitzung des Zentralbankrates am kommenden Donnerstag geben. In einer Pressekonferenz im Anschluss an die Sitzung wird EZB-Chef Mario Draghi seinen Kurs dann erläutern.

    Ist eine Normalisierung der Entwicklung von Preisen und Zinsen absehbar?
    Die Meinungen über die Geldpolitik der EZB gehen weit auseinander. Politiker haben dabei formal nichts zu sagen. Denn die Zentralbank ist ein unabhängiges Gremium und darf daher auch unpopuläre Entscheidungen treffen. Druck gibt es von den Befürwortern und Gegnern der Niedrigzinspolitik. In Deutschland mehren sich die Stimmen, die einen allmählichen Ausstieg aus den Nullzinspolitik fordern. Das Institut der Deutschen Wirtschaft verlangt ähnlich wie das Münchner Ifo-Institut einen Kurswechsel. Auch Bayerns Finanzminister Markus Söder verlangt von der EZB eine Wende. Im Nachbarland Frankreich ist der Niedrigzins hingegen willkommen, auch weil der Staat für neue Schulden nur geringe Zinsen bezahlen muss. Eine abrupte Abkehr von der bisherigen Strategie ist daher unwahrscheinlich. Wenn die EZB dies beschließt, wird die Veränderung in kleinen Schritten stattfinden. Bis zu einer Normalisierung wird also noch viel Zeit ins Land gehen.

  • Massenmarkt für 3D-Drucker lässt auf sich warten

    Privatleute finden die Anwendungen faszinierend, wollen aber nicht viel dafür ausgeben. In der Industrie ist die Technologie dagegen schon etabliert.

    Kleine Ersatzteile, Schmuck oder der selbst gestaltete Lampenschirm kann mittlerweile jeder zuhause anfertigen. 3D-Drucker machen es möglich. In der Industrie werden diese Maschinen längst wie selbstverständlich eingesetzt. Boeing produziert damit Flugzeugteile, Zahntechniker liefern gedruckten Zahnersatz und Architekten erstellen Modelle mit der noch jungen Technologie. „Häuser, die ohne Bauschutt und Bagger gebaut werden, gibt es schon“, sagt der Vizechef des IT-Branchenverbands Bitkom, Andreas Berg: Gedruckte Häuser.
    Der Verband hat nun untersuchen lassen, inwieweit die 3D-Drucker auch für den privaten Hausgebrauch in Frage kommen. „Der Gebrauch im heimischen Wohnzimmer ist im Kommen“, glaubt Berg. Einer repräsentativen Umfrage zufolge kennen neun von zehn Bundesbürgern das technische Verfahren. Jeder Fünfte hat schon mal selbst einen 3D-Drucker benutzt oder einen Druck in Auftrag gegeben. Bekannt sind zum Beispiel die Shops, in denen sich Kunden eine Statuette ihrer selbst anfertigen lassen können.
    Dieser Spaß steht laut Umfrage auf der Wunschliste der Verbraucher ganz oben: Das Selfie in 3D. 45 Prozent der Befragten würden mit einem Drucker Schmuck selbst herstellen oder Spielzeug für die Kinder anfertigen. Die heimische Herstellung von Ersatzteilen empfindet noch jeder Dritte als attraktive Anwendungsmöglichkeit. Nur im Umgang mit Lebensmitteln stehen die Bürger dem 3D-Druckverfahren skeptisch gegenüber.
    3D-Drucker haben noch längst keinen Massenmarkt erobert. Exakte Zahlen über die Verkäufe an Privatleute gibt es nicht. Das britische Unternehmen Context hat für die ersten neun Monate 2016 einen weltweiten Gesamtabsatz von 217.000 Geräte errechnet. Damit wuchs die Verkaufszahl zwar um kräftige 27 Prozent an. Doch im Vergleich zu den millionenfach verkauften Smartphones oder PCs ist der Absatz recht gering. Zusammen mit den Zubehörteilen und dem Material schätzt die Firma den weltweiten Umsatz auf rund fünf Milliarden US-Dollar. Bis zum Ende des Jahrzehnts rechnen die Experten mit der vierfachen Summe.
    Der zögerliche Einzug in die Privathaushalte hat Bitkom zufolge zwei Gründe. So wünschen sich die potenziellen Kunden mehr Materialien als den bisher vorwiegend verwendeten Kunststoff. Metalle oder Keramik stehen bei den Verbrauchern hoch im Kurs. Außerdem sind die Geräte noch zu teuer. „Jeder dritte würde dafür nicht mehr als 500 Euro bezahlen“, erläutert Berg. Nur zwei Prozent der Befragten wären bereit, mehr als 1.000 Euro für einen 3D-Drucker hinzublättern. Das ist die Preisklasse, in der sich viele Angebote noch bewegen.
    Eine Chance, die Technologie weiter zu verbreiten, könnten Berg zufolge Copyshops sein. Dort könnten die Kunden ähnlich wie bei den Fotokopien nach dem Wohnort eine 3D-Druckmöglichkeit mit der dafür erwünschten Beratung finden. Auf lange Sicht, so ist sich der Bitkom-Vize sicher, werde sich die Technologie auch in den privaten Haushalten durchsetzen. „Wenn die Anschaffungskosten und die Zugangsschwellen sinken, wird 3D-Druck ein selbstverständlicher Bestandteil unseres Alltags sein“, glaubt Berg.
    Allerdings sehen die Bürger auch ein großes Problem für die Wirtschaft. Wenn dreidimensionale Stücke so problemlos daheim hergestellt werden können, ist die Gefahr von Verstößen gegen das Markenrecht hoch. 80 Prozent der Befragten befürchten eine wachsende Produktpiraterie durch 3D-Drucker. Einen wirksamen Schutz vor dem Diebstahl von Markenschutzrechten gibt es noch nicht.