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  • Verbreitete Skepsis gegen selbstfahrende Autos

    Große Mehrheit der Bürger will Herstellerhaftung bei Unfällen. Eine Datensammlung wird nur für bestimmte Zwecke gewünscht.

    Die Deutschen sehen der Ära selbstfahrender Autos mit gemischten Gefühlen entgegen. Zwei Drittel der Bürger sehen Vorteile durch die Technologie. Genannt werden vor allem ein besserer Verkehrsfluss, ein geringerer Spritverbrauch und mehr Sicherheit. Auf der anderen Seite ist die Skepsis gegenüber autonomen Fahrzeugen weit verbreitet. 63 Prozent der gut 1.000 in einer repräsentativen Umfrage des Branchenverbandes Bitkom befragten Bürger gaben an, dass sie Angst vor technischen Problemen haben. Jeder vierte traut der Technik gar nicht und fast ein Drittel hält den menschlichen Fahre in Gefahrensituationen für den besseren Fahrzeugführer.
    Weitgehend einig sind sich die Befragten bei der Frage nach der Haftung bei Unfällen mit selbstfahrenden Autos. Nicht einmal jeder Fünfte will den Fahrer dafür in die Verantwortung nehmen. Haften sollen demnach der Hersteller des Autos oder die Softwareentwickler. Den Einbau einer Blackbox, die zur Klärung der Schuld bei Unfällen in den Fahrzeugen installiert werden könnte, befürworten 75 Prozent der Deutschen. Die Weitergabe von Daten ohne besonderen Grund will kaum ein Befragter. Nur jeder Zehnte wäre dazu bereit. Der Anteil steigt deutlich an, wenn mit der Datensammlung auch ein praktischer Nutzen verbunden ist. Die Hälfte der Befragten gäbe die Fahrtinformationen für einen besseren Umweltschutz, eine schneller Verkehrsführung oder eine Aufklärung von Straftaten preis.
    „Damit autonome Autos Akzeptanz finden, müssen sie ein Höchstmaß an Sicherheit garantieren“, sagt Bitkom-Vizepräsident Achim Berg. Auch müsse es klare und transparente Regeln zur Verwendung der anfallenden Daten geben. Der Verband bewertet die Ergebnisse der Befragung positiv. Erwähnt wird dabei auch das vergleichsweise große Vertrauen in die heimische Autoindustrie, der die Bürger mehr Kompetenz bei der Entwicklung der Technologie zuweisen als den IT-Konzernen Apple oder Google.

  • Bankberater schneiden wieder einmal schlecht ab

    Nur fünf von 21 Banken beraten ihre Kunden bei der Baufinanzierung gut. Fehler können die angehenden Bauherren zehntausende Euro kosten.

    Manchmal lässt sich der Unterschied zwischen gut und schlecht leicht erkennen. Bei einer Baufinanzierung kann er zum Beispiel 35.000 Euro betragen. So groß war die Differenz zwischen einem Angebot der Commerzbank für den Kauf einer Wohnung im Vergleich zu günstigeren Offerten anderer Geldhäuser. Das fand die Zeitschrift Finanztest heraus, die die Beratung von 21 Instituten bei der Baufinanzierung getestet hat.
    Das wichtigste Ergebnis ist, dass sich kein Häuslebauer oder Wohnungskäufer auf die Tipps und Berechnungen einer einzigen Bank verlassen sollte. „Dann wird das Projekt oft unnötig teuer und kann schnell zu einem finanziellen Reinfall werden“, sagt der Chefredakteur des Magazins, Heinz Landwehr. Denn in den insgesamt 143 Beratungsgesprächen, zu denen das anonyme Testpaar aufgebrochen ist, reihten sich die Fehler der Bankangestellten vielfach aneinander. Immer wieder seien Finanzierungen empfohlen worden, deren Kreditraten sich die Kunden gar nicht leisten konnten. Mitunter habe die Kreditsumme nicht für die Anschaffung der Immobilie ausgereicht oder das Darlehen erwies sich als zu teuer.
    Dabei geht es um viel Geld. Die Deutschen schlossen im vergangenen Jahr Baudarlehen in einer Gesamthöhe von 235 Milliarden Euro ab. Angesichts des niedrigen Zinsniveaus nutzen viele Haushalte die Möglichkeit, günstig an eine Finanzierung der eigenen vier Wände zu kommen. Umso wichtiger ist eine gute Beratung. Doch daran fehlt es in vielen Bankfilialen. „Das Ergebnis ist ernüchternd“, stellt Landwehr fest.
    Nur vier Institute glänzten mit einer guten Beratung. Testsieger sind die Frankfurter Volksbank, die Frankfurter Sparkasse sowie die Kreditvermittler Dr. Klein und Interhyp. Konzerne wie die Allianz oder die Deutsche Bank landeten nur im Mittelfeld, die Postbank und die Commerzbank schrammten laut Landwehr nur knapp an der Note mangelhaft vorbei. Letztere erhielten mit der Sparda West und der Sparkasse KölnBonn zwei Institute.
    Die Aufgabe hätte ein guter Berater problemlos lösen können. Ein Ehepaar wollte eine Wohnung kaufen, die je nach dem örtlichen Preisniveau zwischen 250.000 Euro und 425.000 Euro kosten sollte. Beide verfügten über ein solides Einkommen und hätten das Darlehen jährlich mindestens um drei Prozent tilgen können. Auch hatte das Paar ausreichend Eigenkapital auf der hohen Kante.
    Doch in der Praxis ging vieles schief. „Viele Berater pfuschten schon beim Fundament der Finanzierung“, erläutert Landwehr. Manche übersahen, dass neben der monatlichen Kreditrate auch ein Hausgeld bezahlt werden muss, mit dem laufende Kosten wie die Müllabfuhr gedeckt werden. Einige Berater rechneten die Lebenshaltungskosten des Paares herunter, was zu hohe Kreditraten zur Folge hatte. In einigen Fällen reichte die errechnete Kreditsumme nicht zur Finanzierung aus. Eine solche Lücke trat laut Finanztest vor allem bei der Deutschen Bank und der Postbank auf. Die Berliner Sparkasse verweigerte die Finanzierung für den 45-jährigen Testkunden mit dem Hinweis auf sein Alter gleich ganz.
    Auf eine vergleichbare Darstellung ihrer Berechnungen legen viele Berater auch keinen Wert. Mal wurde den Kunden nur ein Schmierzettel mit lauter Abkürzungen mit auf den Weg gegeben. Tilgungspläne hatten nur vier von fünf Beratern zur Hand. Dabei müssen die Banken vor dem Vertragsabschluss das standardisierte Merkblatt der EU aushändigen, auf dem alle wichtigen Kreditmerkmale verzeichnet sind.
    Finanztest rät angehenden Haus- oder Wohnungskäufern daher zu einer guten Vorbereitung der Beratungsgespräche. „Schon vor der Suche nach einer Immobilie sollten Sie für sich klären, wie hoch Kredit und Kaufpreis ausfallen dürfen“, sagt Landwehr. Dazu sei eine Auflistung des vorhandenen Vermögens sowie der monatlichen Ausgaben sinnvoll. All diese Punkte sollten im Beratungsgespräch genannt werden. Auch sollten sie darauf bestehen, die Eckpunkte der angeratenen Finanzierung schriftlich zu erhalten. So könnten die Angebote mit denen anderer Banken oder Vermittler verglichen werden.

  • „Plattform-Arbeiter spüren Druck“

    Betriebswirtin Stampfl über die „Uberisierung der Arbeit“. Beschäftigte für den US-Taxi-Dienst Uber und ähnliche Plattformen erwirtschaften zusätzliche, allerdings stark schwankende Einkommen.

    Hannes Koch: Sie haben den Begriff der „Uberisierung“ der Arbeit geprägt. Der Begriff leitet sich ab vom US-Taxi-Dienst Uber. Was ist der Unterschied zwischen der Arbeit von solchen Fahrern und normalen Beschäftigten?

    Nora Stampfl: Diese Beschäftigten arbeiten offiziell selbstständig. Sie fahren auf Abruf. Ihr Arbeitstag ist oft sehr zerstückelt. Der nächste Auftrag kann schnell kommen oder lange auf sich warten lassen. Sie können sich nicht darauf verlassen, dass sie regelmäßig und ausreichend Geld verdienen. Ihr Einkommen schwankt häufig stark. Um die Sozialversicherung müssen sich diese Mikro-Unternehmer selbst kümmern, die Arbeitnehmerrechte festangestellter Beschäftigter fehlen ihnen.

    Koch: Formulieren Sie das als Warnung vor diesen neuen Arbeitsformen?

    Stampfl: Zunächst geht es mir um die Analyse, was da eigentlich passiert. Firmen wie Uber agieren nicht als Arbeitgeber, sondern als Plattformen. Sie vermitteln Dienste zwischen den Anbietern – den Fahrern – und den Kunden. Dafür verlangen sie einen Teil des Umsatzes als Gebühr. Im Gegensatz zu konventionellen Arbeitsverträgen können die Plattformen ihre Beschäftigungsbedingungen einfach ändern. Sie schmeißen manche Fahrer kurzfristig raus, wenn die Bewertung durch die Passagiere zu schlecht ist. So spüren solche modernen Dienstleister einen höheren Druck als Angestellte in festen Tätigkeiten. Trotzdem ist das nur die halbe Wahrheit.

    Koch: Was ist das Positive?

    Stampfl: Viele Uber-Fahrer oder auch Mieter, die ihre Wohnung über die Vermittlungsseite Airbnb an Touristen vermieten, erwirtschaften ein zusätzliches Einkommen. Es handelt sich um Nebenjobs. Sie sind nicht ausschließlich auf diese Einnahmen angewiesen. Das belegen Untersuchungen aus den USA. Denken Sie an Lieferdienste wie Foodora und Deliveroo, die den Leuten das warme Abendessen nach Hause bringen: Für diese Firmen fahren oft Studenten, die sich ein größeres Taschengeld dazuverdienen. Die Tätigkeiten sind flexibel, sie lassen sich in den Alltag einpassen, ermöglichen also zusätzliche Freiheitsgrade.  

    Koch: Nehmen solche Plattformen und Tätigkeiten auch in Deutschland zu?

    Stampfl: Ja, das muss man als gesellschaftlichen Trend betrachten. Projektbezogene Arbeitsbeziehungen sind häufiger anzutreffen, das Normalarbeitsverhältnis ist auf dem Rückzug, wenngleich es noch die Mehrheit der Stellen in Deutschland regelt. Genaue Daten zur Zahl der uberisierten Jobs gibt es bisher aber nicht – auch weil sich die Abgrenzung schwierig gestaltet.

    Koch: Wie steht es um die soziale Absicherung der Mikro-Unternehmer, bekommen sie Zugang zur Sozialversicherung?

    Stampfl: Sie werden als Selbstständige eingestuft und müssen sämtliche Beiträge selbst tragen. Weil es keinen Arbeitgeber gibt, zahlt dieser auch nicht den üblichen Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung. Im Ergebnis werden wohl viele Plattformarbeiter darauf verzichten, in die Renten- oder Arbeitslosenversicherung einzuzahlen.

    Koch: Für selbsständige Schriftsteller, Journalisten, Musiker, Maler und andere kreative Berufe gibt es die Künstlersozialkasse, die der Staat bezuschusst. Wäre das ein Modell?

    Stampfl: In diese Richtung könnte man überlegen. Beispielsweise könnte jede dieser Transaktionen mit einer Zahlung in einen Sozialfonds verbunden sein, der den Plattformarbeitern zugute kommt. Wir sollten aber vorsichtig sein bei der Regulierung: Schließlich bieten die neuen Branchen Innovationen, Beschäftigungs- und Verdienstmöglichkeiten, die es früher nicht gab. Man soll die junge Pflanze nicht zertreten.

    Koch: Optimisten bezeichnen die Plattformen auch als Sharing Economy, Wirtschaft des Teilens. Darin liegt die Hoffnung, dass die Bürger besser und nachhaltiger leben, wenn sie ihre Autos oder Wohnungen gemeinsam nutzen. Ist das eine Illusion?

    Stampfl: Nicht vollständig, darin steckt eine gewisse Wahrheit. Es stimmt ja, dass nicht jeder alles besitzen muss. Man kann private Autos teilen, indem man sie an die Nachbarn verleiht oder auf manchen Strecken Mitfahrer einlädt und damit zusätzliches Geld verdient. In den großen Städten funktioniert privates und traditionelles Carsharing sehr gut – wenngleich noch nicht klar ist, ob es einen ökologischen Vorteil hervorruft.  

    Bio-Kasten:
    Nora Stampfl (45) ist Inhaberin des Büros für Zukunftsfragen in Berlin. Für ihre Kunden ist sie dem gesellschaftlichen Wandel auf der Spur, zur Zeit befasst sie sich intensiv mit der Zukunft der Arbeitswelt und der Sharing Economy. Zuvor war die Betriebswirtin als Unternehmensberaterin für PricewaterhouseCoopers und IBM tätig.

    Info-Kasten
    Neue Arbeit und ihre Risiken
    Im Zuge der Digitalisierung entstehen neue Formen der Beschäftigung. Manche Ingenieure werden als sogenannte Schwarm-Arbeiter (Crowdworker) von den Firmen per Internet für kurzfristige Projekte ausgesucht und beauftragt. Ihre Kollegen oder Chefs treffen diese modernen Dienstleister niemals persönlich, sie können am anderen Ende der Welt sitzen. Weitere Mikro-Unternehmer, verdingen sich als Reinigungskräfte auf der Internetseite Helpling, fahren Taxi für den US-Dienst Uber oder vermieten ihre Wohnung mittels Airbnb. Diese internet-basierten Tätigkeiten werden zum Teil der sogenannten Sharing-Economy zugerechnet, der Wirtschaft des Tauschens und Teilens. Mit den sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Folgen dieser Entwicklung setzt sich das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) in seiner neuen Publikation „Teilen, tauschen, leihen“ auseinander. Betriebswirtin Nora Stampfl hat daran mitgearbeitet.

  • Die große Kluft zwischen Prognose und Wirklichkeit

    Kunden von Lebensversicherungen erhalten am Ende häufig weniger Geld als einst vorhergesagt. Doch gegen verfehlte Prognosen lässt sich kaum etwas unternehmen.

    Rund 90 Millionen Lebensversicherungsverträge gibt es in Deutschland. Die meisten laufen über Jahrzehnte. Wenn sie am Ende der Laufzeit zur Auszahlung kommen, erleben viele Kunden eine herbe Enttäuschung. Denn das vom Versicherungsvertreter beim Vertragsabschluss genannte
    Schlussvermögen erweist sich oft als übertrieben. So überzeugte ein Verkäufer von Policen den Autor dieser Zeilen 1994 mit der Aussicht auf knapp 1.000 D-Mark, also fast 500 Euro Rente von seinem Angebot. In der jährlichen Zwischenrechnung der Versicherung ist heute nur noch von 360 Euro Monatszahlung im Alter die Rede.
    Vielen Sparern geht es ähnlich, wie die Zeitschrift Finanztest vor genau einem Jahr ermittelte. Die Verbraucherschützer werteten mehr als 90 laufende Verträge von Versicherten aus. Zwischen der Modellrechnung und dem Ergebnis würden oft erhebliche Lücken klaffen, stellte Finanztest fest, „die Überschussangaben zu Beginn des Vertrags erwiesen sich meist als Fehlschluss.“ Den Kunden wurde am Ende der Laufzeit bis zur Hälfte weniger überwiesen als zuvor angekündigt. Das entgangene Vermögen kann sich schnell auf einen fünfstelligen Betrag summieren.
    „Die Enttäuschung beruht meist auf einer falschen Erwartungshaltung“, sagte die Sprecherin des Bundes der Versicherten, Bianca Boss: Bei Vertragsabschluss werde nur selten vom Versicherungsvertreter darauf hingewiesen, dass es sich bei der Ablaufleistung um eine Zusammensetzung aus garantierter Summe und nicht garantierter Überschussbeteiligung handelt. Dabei ist das ein wichtiges Prinzip dieser Geldanlage. Die Anbieter sichern eine geringe Verzinsung zu. In sehr alten Verträgen waren es noch vier Prozent. Momentan sind es mickrige 1,25 Prozent. Alle darüber hinaus gehenden Erträge hängen von anderen Faktoren ab, zum Beispiel dem Anlageerfolg des Unternehmens oder der Sterblichkeit der Versichertengemeinschaft.
    Die Politik trägt eine Mitschuld an den geringeren Auszahlungen. „Auch die weiteren Eingriffe der Regierung auf das Vermögen der Verbraucher – Bewertungsreserven und Zinszusatzreserven – führt zu einer weiteren Verringerung der Ablaufleistung“, erläutert Boss. Diese Gesetzesänderungen sollen die Versicherungsbranche stabilisieren. Denn in der aktuellen Niedrigzinsphase gelingt es den Unternehmen nur mit Mühe, ihre Zusagen für alte Verträge auch zu erwirtschaften.
    Der Unterschied zwischen den garantierten und den zusätzlichen Erträgen erkennen nach Einschätzung der Verbraucherzentrale Hamburg nur die wenigsten Kunden. „Als Laie kann man das auch in den meisten Fällen nicht sehen oder verstehen“, sagt die Abteilungsleiterin für Altersvorsorge, Kerstin Becker-Eiselen. Den Betroffenen kann die Expertin kaum Hoffnung auf einen erfolgreichen Widerspruch bei einer Abweichung von Prognose und Realität machen. Wenn man tatsächlich mal Anhaltspunkte dafür finde, dass etwas nicht stimmt, könne man sich an den Ombudsmann der Versicherungen wenden.
    Die Schlichtungsstelle nimmt Beschwerden von Versicherungskunden entgegen. Auf der Internetseite www.versicherungsombudsmann.de erklären die Fachleute, wie Verbraucher die Prüfung in die Wege leiten können. Auch bei der Bundesfinanzaufsicht BaFin können Verbraucher Eingaben machen, wenn sie sich unbotmäßig übervorteilt fühlen. Die Behörde informiert unter der Adresse www.bafin.de über die Rechte der Verbraucher gegen über ihrer Lebensversicherung.
    Der Ombudsmann zeigt zwar Verständnis für den Ärger der Kunden, die weit weniger ausgezahlt bekommen als erwartet. Doch große Hoffnung auf einen erfolgreichen Widerspruch kann der Schlichter nicht verbreiten. „Die mitgeteilten Werte sind in der Regel weder hinsichtlich der Berechnung noch unter rechtlichen Gesichtspunkten zu beanstanden“, betont er. 2015 war nicht einmal jede vierte Beschwerde erfolgreich. Im Durchschnitt aller Versicherungssparten waren es immerhin 44 Prozent. Die BaFin bestätigt den Befund. In der Regel müsse die Abweichung von Prognose und Ergebnis hingenommen werden.
    Einen laufenden Vertrag deshalb zu kündigen, ist nach Ansicht der Finanzexperten nicht ratsam, weil die Rückkaufwerte in der Regel viel zu gering sind. Auf eine Ausnahme weist die Hamburger Verbraucherzentrale hin. Bei Verträgen, die zwischen Mitte 1994 und 2007 abgeschlossen wurden, war die Widerspruchbelehrung in vielen Fällen fehlerhaft. Dann haben die Kunden zeitlich unbegrenzt den Anspruch auf die Rückzahlung aller eingezahlten Beträge nebst Zinsen. Nur den für die Versicherungsleistung im Todesfall aufgewendeten Beträge darf das Unternehmen einbehalten. Laut Verbraucherzentrale fahren kündigungswillige Kunden damit meist besser als bei einer einfachen Auflösung des Vertrags. Ob dieses Verfahren für einen Verbraucher in Frage kommt, kann auf der Webseite www.vzhh.de/versicherungen/325718/widerspruch-rechnen-pruefen-geld-zurueckholen.aspx geprüft werden.

    Versicherungsverträge sind kompliziert. Ist ein Kunde nicht einverstanden mit den Leistungen seines Anbieters, kann sich eine professionelle Prüfung des Vertrags lohnen. Das bietet die Verbraucherzentrale Hamburg an. Der Vertrags-Check kostet zwar eine Gebühr von 85 Euro. Doch angesichts der oft hohen Summen, um die es bei Lebensversicherungen geht, kann sich der Aufwand lohnen.

  • Bestpreis und bester Preis

    Streit um Vertragsklauseln der Buchungsportale vor Gericht

    Buchungsportale im Internet erfreuen sich bei Urlaubern und Geschäftsreisenden wachsender Beliebtheit. Das Bundeskartellamt hat Bestpreisgarantien aber mittlerweile untersagt. Darum gibt es einen Rechtstreit zwischen dem großen Portal booking.com und der Behörde. Das Düsseldorfer Oberlandesgericht (OLG) hat die Entscheidung darüber erst einmal vertagt. Darum geht es.

    Warum sollen die Kunden bei booking.com nicht den besten Preis bekommen?
    Dagegen hat das Kartellamt im Prinzip nichts einzuwenden. Aber die Verträge zwischen dem Portal und den Hotels sahen vor, dass die Herbergen auf ihren eigenen Webseiten keine günstigeren Offerten mehr anbieten dürfen. Diese Einschränkung bei der Preisgestaltung stört die Behörde. Seit Dezember 2015 darf booking-com diese Klausel in ihren Verträgen mit den Hotels nicht mehr verwenden. Die Beschwerde dagegen läuft noch. Das zweite große Portal HRS hat diese Klauseln bereits zuvor auf Beschluss der Wettbewerbshüter hin streichen müssen.
    Wie funktionierte die Bestpreis-Garantie?
    Die Hotels verpflichteten sich gegenüber den Buchungsportalen, die Zimmer bestimmter Kategorien, zum Beispiel Doppelzimmer mit Meerblick, im Onlinevertrieb höchstens bei einem anderen Portal günstiger anzubieten, nicht jedoch über das eigene Webangebot. Mittlerweile hat booking-com einen anderen Weg zum gleichen Ziel gefunden. Das Unternehmen verspricht seinen Kunden eine Preisanpassung nach unten, wenn er anderswo im Netz ein preiswerteres Angebot für das gesuchte Zimmer findet.
    Lohnt sich nun die Buchung direkt im Hotel?
    Das ist nicht zwangsläufig der Fall. Doch die Hotels haben wieder einen eigenen Spielraum, hier oder dort beim Preis herunterzugehen. „Wir raten dazu, im Hotel nachzufragen, ob es einen besseren Preis gibt“, sagt der Sprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (DeHoGa), Christopher Lück. Direkt vor Ort lassen sich nach Angaben des europäischen Hotelverbands auch Sonderkonditionen oder spezielle Angebot besser erfragen.

    Wie wichtig sind die Buchungsportale für die Hotellerie?
    Inzwischen sind die Such- und Buchungsmaschinen für Zimmer, Wohnungen oder Flüge ein fester Bestandteil des Buchungsgeschehens. In Deutschland zählte der Hotelverband 2015 zum ersten Mal mehr Zimmerbuchungen über Portale wie HRS, Expedia oder booking.com als per Telefon. Jedes vierte Zimmer wird danach bei diesen Unternehmen reserviert. Unter den Portalen ist wiederum booking-com das größte. Laut Bundeskartellamt deckt es 30 Prozent des Marktes alleine ab. Die Branche rechnet mit einem weiteren Wachstum der Buchungsportale. „Daher ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Marktbedingungen wieder fairer und ausgeglichener werden“, sagt Markus Luthe vom Hotelverband Deutschland. Dies erhofft sich der Verband auch durch das Düsseldorfer Urteil.

    Warum geht booking.com gegen das Verbot von Bestpreis-Klauseln vor?
    Das Unternehmen verweist auf die gängige Praxis in vielen anderen Ländern. Den Verbrauchern werde auch diese Weise ein transparenter und einheitlicher Preisvergleich ermöglicht. Das sehen die deutschen Kartellbehörden anders. Der Wettbewerb werde eingeschränkt, wenn die Hotels keine eigenen Angebote mehr ins Netz stellen können. Auch deren Kollegen im Ausland, zum Beispiel in Frankreich, Italien und Schweden, sehen die Preisgarantieklauseln skeptisch.

    Wie geht es weiter?
    Wann das Gericht über die Beschwerde entscheidet, ließ es noch offen. Der erste Kartellsenat des OLG Düsseldorf äußerte allerdings Zweifel an der Entscheidung der Wettbewerbshüter. Geprüft wird nun, ob die Vertragsklauseln nicht notwendige Vereinbarungen zwischen Hotelpartnern darstellten. Es kann also gut sein, dass die alte Bestpreisgarantie bald wieder fester Bestandteil der Portale werden kann.

  • Kein Kandidat in Aussicht

    Die Suche nach einem Kandidaten für die Bahnführung ist kompliziert. Neben Wirtschaftskompetenz ist auch politisches Gespür gefragt.

    Der scheidende Vorstandschef Rüdiger Grube hat seinen Platz im Bahntower noch nicht richtig verlassen, als die Diskussion über einen Nachfolgekandidaten losgeht. Doch heiße Kandidaten sind noch nicht in Sicht. Eine schnelle Besetzung des Postens erscheint wenig wahrscheinlich, weil darauf niemand vorbereitet war und die Position „sehr spezielle“ Voraussetzungen verlangt, wie es ein Bundestagsabgeordneter umschreibt. Doch was genau muss der neue Spitzenbahner können?
    Zunächst einmal muss er das Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich leiten. Die Deutsche Bahn ist ein Konzern mit 40 Milliarden Euro Jahresumsatz und 300.000 Beschäftigten, von denen knapp zwei Drittel in Deutschland ihren Dienst verrichten. Dazu gehört ein Schienennetz von 36.000 Kilometern Länge, die größte Spedition Europas, eine erfolgreiche britische Bahn, Züge, Busse und Grundstücke. Millionen Fahrgäste sind im Nahverkehr auf die Leistungen des Unternehmens angewiesen, das praktisch überall in Deutschland präsent ist.
    Gesucht wird aber auch jemand, der die Energie, das Durchhalte- wie Leidensvermögen für den „zweitverrücktesten Job der Republik“ mitbringt. So hat der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder den Posten des Bahnchefs einmal beschrieben. Kanzler ist natürlich noch verrückter. Diese Einordnung hat mit den Besonderheiten der Bahn zu tun. Es ist das größte noch in Staatsbesitz befindliche Unternehmen. Die Vorgaben für den neuen Chef kommen daher von Politikern, nicht von Aktionären. Die Bahn muss zugleich wirtschaftlich sein und die Mobilität der Gesellschaft in der Fläche sicherstellen. Im Arbeitsvertrag wird die politische Präsens üblicherweise auch festgeschrieben, zum Beispiel, wie oft der Bahnchef im Bundestag erscheinen muss. Zudem steht der Vorstandsvorsitzende im Rampenlicht der Öffentlichkeit und muss oft auch persönliche Kritik aushalten. „Da muss man einen Hintern in der Hose haben“, stellte ein Vorgänger Grubes einmal fest.
    Die Erwartungen sind an den neuen Bahnchef sind auf allen Seiten hoch. Die Fahrgäste erwarten einen verlässlichen Service und pünktliche Züge zu akzeptablen Preisen. Der Bund will mehrere Hundert Millionen Euro jährlich als Dividende kassieren. Die Oppositionsparteien wollen eine Verlagerung von Verkehr auf die Schiene. Die Bundesregierung will vor allem Ruhe rund um den Konzern. Dabei trägt sie als Vertreter des Eigentümers Staat selbst zum gelegentlichen Chaos bei, weil es nach wie vor keine konkrete Vorgaben dafür gibt, was die Bahn eigentlich leisten soll. Stehen Gewinne im Vordergrund oder eine möglichst gute Verkehrsleistung? Soll die Bahn international vorne mitmischen oder sich auf Eisenbahnfahrten in Deutschland konzentrieren? Soll sie doch irgendwann privatisiert werden oder Staatskonzern bleiben?
    Potenziellen Kandidaten für den Chefposten hat das Unternehmen vor allem Aufregung zu bieten. Das Salär des Vorstandsvorsitzenden ist im Vergleich zu anderen Großkonzernen eher überschaubar. Zu einem Festgehalt von 900.000 Euro summerien sich noch erfolgsabhängige Bonuszahlungen. Im Verlustjahr 2015 kam Grube insgesamt auf 1,4 Millionen Euro. Daimler-Chef Dieter Zetsche konnte im gleichen Jahr das Zehnfache einstreichen.
    Bewerben können sich Interessenten um diesen Job nicht. Man wird gefragt. Für eine Aufgabe dieser Größenordnung und Komplexität kommen in Deutschland nach Einschätzung des Personalberaters Wolfram Tröger vom Fachverband Personalberatung nur ein paar Manager in Frage. „Die Auswahl ist nicht trivial“, sagt der Experte. Zunächst müsse der Eigentümer aber eine strategische Diskussion über die Ausrichtung des Konzerns führen. Blindbewerbungen sind auf jeden Fall zwecklos. Das letzte Wort über die Besetzung des Postens liegt am Ende bei der Bundeskanzlerin.
    Ob es vor der Bundestagswahl überhaupt zu einer Neubesetzung kommt, wird in Fachkreisen schon angezweifelt. Derzeit führt Finanzvorstand Richard Lutz die Geschäfte. Hausintern wurde bislang nur der ehemalige Kanzleramtsminister Ronald Pofalla als Nachfolger genannt. Doch Pofallas Chancen sind durch den vorzeitigen Rückzug Grubes geschwunden, auch weil er nach Einschätzung aus Unternehmenskreisen noch nicht genügend Erfahrungen im Management gesammelt hat. Die anderen Vorstände signalisieren, dass sie nicht weiter aufsteigen wollen.
    Eine Neubesetzung von Außen stößt auf ein anderes Problem. Wer geht schon gerne zu einem Konzern, der nicht weiß, wo er hin will und dessen Aufsichtsrat gerade auf schmähliche Weise einen Topmanager vertrieben hat. So befürchten Bahnkenner schon eine lange Vakanz auf der Chefposition, die sich womöglich bis nach der Bundestagswahl hinziehen könnte. Für wahrscheinlich halten es die Beobachter, dass auch ein zweiter Job neu besetzt werden muss. Aufsichtsratschef Utz Felcht wird nach dem Desaster rund um die Vertragsverlängerung von Rüdiger Grube keine Zukunft mehr im Aufsichtsrat gegeben.

  • Neuromarketing

    Marketingexperten nutzen die menschlichen Schwächen zur Verkaufsförderung aus. Unbewussten Wünschen können sich nur die wenigsten ganz entziehen.

    Die Verpackung des Bio-Brotkorbs mit verschiedenen Sorten Vollkornschnitten vermittelt auf weniger Quadratzentimetern Raum viele Botschaften. Das Wort „Bio“ wirkt wie von Mutti handschriftlich angebracht. Ein Foto zeigt frische Getreidehalme, auf einer Scheibe Brot wecken ein Klacks Frischkäse mit frischem Basilikum und einer aufgeschnittenen Tomate Appetit. Dazu prangen auf der Verpackung mehrere Siegel, eines für Bio, eines für die Umweltorganisation WWF sowie eine Art Stempel, der verspricht, dass der Inhalt „reich an Ballaststoffen“ ist.
    Dem Zufall wird bei der Gestaltung nichts überlassen. „Verpackungen verwandeln unattraktive Inhalte in Erlebnisillusionen“, erklärt der Hans-Georg Häusel. Der Diplom-Psychologe hat sich auf das so genannte Neuro-Marketing spezialisiert, mit dem Unternehmen an das Unterbewusstsein ihrer Kunden herankommen wollen, um sie zum Kauf von Waren zu verführen. So signalisiert die Verpackung des Brotkorbs zum Beispiel gesunde Frischware. Das übernehmen Tomate, Kräuter und Biosiegel. „Diese emotionale Produktinszenierungen bringen bares Geld“, erläutert der Experte. Denn die dadurch erzeugte Erwartungshaltung lässt die Verbraucher tiefer dafür in die Tasche greifen. Tatsächlich ist der Inhalt langweilig, trockenes Brot halt. Die Schnitten zerbröseln schnell, wenn man sie trennen will.
    Das wissen die Kunden auch spätestens, nachdem sie das Brot einmal ausprobiert haben. Dennoch klappt die Verführung oft mehrmals. Das Gefühl siegt über die Vernunft. "Wer sich an das Herz der
    Menschen richtet, wird immer emotional überzeugender sein“, sagt Häusel. Denn der Mensch sei von Natur aus denkfaul. So entscheidet das Unterbewusstsein am Ende, was im Einkaufswagen landet.
    Besonders stark ausgeprägt ist diese menschliche Schwäche bei Markenprodukten. Auch wenn sie deren Qualität nicht von der konkurrierender Angebote unterscheidet, geben die Konsumenten dafür gerne mehr Geld aus. Denn Marken besetzen bestimmte emotionale Eigenschaften, die das jeweilige Produkt subjektiv aufwerten. „Sie versprechen Status, Exklusivität und auch Individualität“, erläutert Häusel, der seine Erkenntnisse auch in einem Buch zusammengefasst hat.*
    Mit diesem Versprechen grenzen sich einzelne Markenanbieter voneinander ab, wie ein Beispiel der Autoindustrie zeigt. Audi steht laut Häusel für den technischen Vorsprung, BMW für Fahrfreude und Mercedes für Sicherheit und Qualität. Diese Merkmale ließen sich zwar auch bei den Modellen anderer Hersteller finden. Doch mit einem hohen sozialen Status sind sie vor allem bei den deutschen Premiumherstellern verbunden.
    Das menschliche Verhaltensmuster erklärt zumindest teilweise auch den Erfolg politischer Populisten. Sie verkaufen zwar keine Waren oder Dienstleistungen, doch sie werben um Stimmen, die sie an die Macht bringen können. Auf die Inhalte kommt es Häusel zufolge nur einem kleinen Teil der Wähler entscheidend an. „Nur 20 Prozent der Menschen bevorzugen eine differenzierte Betrachtung zur Meinungsbildung“, sagt der Hirnforscher. Momentan stünden zum Beispiel Themen wie Sicherheit und Ordnung in der Rangliste der Bürger vor den eigenen materiellen Interessen. „Populisten gehen auf die zentralen Bedürfnisse der Menschen ein“, sagt Häusel. Einfache Botschaften dringen so über das Herz ins Hirn. Donald Trump habe beispielspielsweise auf zwei davon gesetzt: „Wir schaffen das und wir kommen groß raus.“ Damit ist er nun Präsident geworden. Die AfD in Deutschland bedient sich einer vergleichbaren Strategie. Wenig Inhalt, viel Emotion.
    Der Reigen manipulativer Tricks, mit denen die Wirtschaft Konsumenten zum Kauf verführen will, ist umfangreich. Einen Teil der Methoden kennt fast jeder; Quengelkassen im Supermarkt oder zu große Einkaufswagen, die zum Kauf von Produkten verführen, die aktuell gar nicht benötigt werden. Immerhin hat Häusel auch eine positive Erkenntnis parat. Auch gewiefte Verführer scheitern beim Verkauf von Kühlschränken am Nordpol. Denn ganz lässt sich die Vernunft der Kunden doch nicht umgehen. „Sie werden einer Oma kein Skateboard verkaufen“, ist sich Häusel daher sicher.
    Andere Manipulationen fallen weniger auf. Gut trainierte Verkäufer beherrschen diese Technik gut. Zunächst bauen sie Vertrauen auf, fallen nicht gleich mit ihren Angeboten über die Kundschaft her. Ist der Verkäufer sympathisch, sucht das Unterbewusstsein nach einer Bestätigung für diesen ersten Eindruck. Dabei wird im Hirn ein „Vertrauenshormon“ namens Oxytocin freigesetzt. Es sorgt dafür, dass weniger Misstrauen entsteht. Komplimente und leichte Berührungen verstärken diesen Effekt noch, ebenso die Betonung von Gemeinsamkeiten („den trinke ich gerne selber“). „Tief in unserem Gehirn gibt es einen Steinzeit-Mechanismus“, vermutet Häusel, der für Misstrauen gegenüber Fremden und Vertrauen gegenüber Ähnlichen sorgt.
    Ganz entgehen kann den Psychotricks wahrscheinlich kein Verbraucher. Ein paar Vorsichtsmaßnahmen schützen laut Häusel vor unnötigen Ausgaben. „Decken Sie den emotionalen Grund Ihres Kaufwunsches auf“, rät der Experte. Gerade vor teuren Anschaffung empfiehlt er eine kleine Auszeit zum Nachdenken, ob das Produkt wirklich gebraucht wird.

    * Hans-Georg Häusel, Kauf mich! Wie wir zum Kaufen verführt werden, Haufe, 2013

  • Gewinne wie im Drogenhandel

    Gefälschte Lebensmittel

    Mit gefälschten Lebensmitteln verdienen sich Kriminelle eine goldene Nase. Doch die Aufrüstung der Behörden nach dem Pferdefleisch-Skandal vor einigen Jahren zeigt Wirkung. Die Zusammenarbeit in Europa klappt nun besser, sagt der Präsident des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), Helmut Tschiersky. Der promovierte Pharmazeut, Jahrgang 1957, leitet die Kontrollbehörde seit 2008. Mit ihm sprach unser Korrespondent Wolfgang Mulke.

    Frage: Der Skandal um Pferdefleischlasagne liegt schon Jahre zurück. Seither sind keine ähnlich spektakulären Fälle von Lebensmittelpanschereien mehr ans Licht gekommen. Sind die behördlichen Kontrollen besser geworden oder gehen die Gangster trickreicher vor?

    Helmut Tschiersky: Wir sind besser geworden. Nach diesem Skandal haben sich die Überwachungsbehörden in Europa vernetzt. Es gibt mittlerweile ein „Food Fraud Network“, also ein Netzwerk gegen Betrug mit Lebensmitteln. Ein gemeinsames Nachrichtensystem sorgt dafür, dass Informationen über entsprechende Vorkommnisse schnell die Behörden aller Länder erreicht.

    Frage: Ist der Sumpf der Lebensmittelpanscherei damit ausgetrocknet?

    Tschiersky: Es gibt immer noch Meldungen, die allerdings sehr unterschiedlich sind. So gilt in südeuropäischen Ländern schon eine falsche Angabe zur geschützten geografischen Herkunftsbezeichnung zu den Betrugsfällen, was bei uns nicht der Fall ist. Für uns sind andere Dinge interessanter. Hier steht zum Beispiel eine Flasche Olivenöl auf dem Tisch. Wir zeigen auf der Grünen Woche, wie leicht man Olivenöl fälschen kann. Ein Test mit den Besuchern zeigt, dass ein Drittel von ihnen die Fälschung weder schmecken noch erkennen kann. Und sie brauchen dafür nur die Ausstattung eines besseren Chemiebaukastens. Heraus kam die Fälschung durch einen Zufallsfund in einem italienischen Restaurant. Die Behörden sind dem Fall nachgegangen und fanden schließlich in Italien die Fälscherwerkstatt. Das war ein besserer Bretterverschlag.

    Frage: War damit eine Gefahr für die Konsumenten verbunden?

    Tschiersky: Nicht mit jeder Fälschung ist eine Gesundheitsgefährdung verbunden. In diesem Falle war es nur ein minderwertiges Öl. Aber es gibt dieses Risiko. In einem Fall wurden gemahlene Haselnüsse aus Georgien mit gemahlenen Erdnüssen versetzt. Für Allergiker ist das eine Katastrophe. Den Tätern winken satte Gewinne. Ein Kilogramm Haselnüsse kostet 3,60 Dollar, ein Kilo Erdnüsse nur 1,60 Dollar. Wenn man diese Differenz auf viele Tonnen der Ware umrechnet, kommen gewaltige Erträge für die Fälscher heraus.

    Frage: Welche Lebensmittel werden gefälscht, wo wird nur gemogelt?

    Tschiersky: Das ist ein internationales Geschäft mit allen möglichen Lebensmitteln. In Indien kamen zum Beispiel schon einmal Glasnudeln und Reis aus Kunststoff auf den Markt. Ein Grundnahrungsmittel! Anderswo wurden Weine durch die Zusetzung von Aromastoffen zu vermeintlich guten Tropfen aufgemöbelt. Aus Afrika tauchte rot gefärbtes Palmöl auf. Der Herstellungspreis lag bei 80 Cent pro Liter, der Verkaufspreis bei elf Euro.

    Frage: Inwieweit spielt die Organisierte Kriminalität hier eine Rolle?

    Tschiersky: Experten schätzen, dass die Gewinne mit Lebensmittelbetrug die Größenordnung der Erträge aus dem Drogengeschäft oder dem Menschenhandel entsprechen. Es liegt auf der Hand, dass die Organisierte Kriminalität da mitmischt.

    Frage: Sind Sie für die Aufklärung solcher Taten ausreichend gerüstet oder müsste der Gesetzgeber hier noch für Verbesserungen sorgen?

    Tschiersky: Wir sind in ständigem Kontakt mit den europäischen Behörden und auch die Informationskette zwischen Bund und Ländern funktioniert. Es gibt zwei Schwerpunktstaatsanwaltschaften und auch das Bundeskriminalamt arbeitet im Netzwerk mit. Einen Schwachpunkt sind die in Deutschland geltenden Regelungen für anonyme Hinweisgeber. Die so genannten Whistle-Blower sind schlecht geschützt. Sie müssen im Zweifel als Zeugen aussagen, was arbeitsrechtliche Konsequenzen für sie bedeuten kann. Man sollte sie besser absichern.

    Frage: Wie können Verbraucher Fälschungen erkennen oder sich anderweitig davor schützen?

    Tschiersky: Gut gemachte Fälschungen sind für den Kunden kaum zu erkennen. Wenn man sich vor Fälschungen schützen kann, dann mit Aufmerksamkeit. Da sind zunächst die Preise, die für diese Ware verlangt werden. Wenn eine Flasche hochwertiges Olivenöl nur drei Euro kosten soll, stimmt wahrscheinlich etwas nicht. Man sollte auch darauf achten, wo man einkauft und ob man gute Erfahrungen mit dem Händler gemacht hat.

  • Deutschland wird langsam korrupter

    Schmiergelder für die Verwaltung werden als immer normaler empfunden. International hält sich Deutschland mit dem zehnten Rang noch gut. Am schlimmsten geht es in Somalia zu.

    Im internationalen Vergleich gehört Deutschland noch zu den weitgehend korruptionsfreien Ländern. Doch das könnte sich nach Einschätzung der Antikorruptions-Organisation Transparency International (TI) ändern. „So nehmen Führungskräfte aus deutschen Unternehmen es als zunehmend normal wahr, dass irreguläre Zahlungen an Verwaltungen gemacht werden“, sagt die Chefin von TI in Deutschland, Edda Müller. Die Geldgeber erhofften sich dadurch eine schnellere Bearbeitung ihrer Anliegen.
    Das Ansehen der Unternehmen sinkt dadurch. Die Wirtschaft kommt in der Umfrage von TI schlechter weg als die Politik. „Das ist eine neue Entwicklung“, erläutert Müller. In einer im vergangenen November veröffentlichten Studie der Organisation vermutete jeder dritte Befragte, dass alle oder die meisten Unternehmensleitungen in korrupte Machenschaften verstrickt seien. Zur insgesamt kritischeren Bewertung durch TI tragen wohl auch die jüngst bekannt gewordenen Fälle von Bestechung in Regensburg bei. Dort gab es den Vorwürfen der Strafverfolger nach ein jahrelanges Zusammenspiel eines Bauunternehmers mit den jeweiligen Bürgermeistern.
    Dabei geben sich insbesondere die großen Konzerne mittlerweile betont seriös. Sie haben Abteilungen gegründet, die Standards für eine saubere Geschäftsführung setzen und kontrollieren. Doch das allein reicht Müller zufolge nicht aus. Auch die Deutsche Bank oder VW hätten so genannte Compliance-Manager. Trotzdem hätten sich beide Unternehmen an anderer Stelle unsauber verhalten. „Es kommt immer darauf an, was an der Spitze los ist“, sagt die TI-Chefin.
    Positiv bewertet Müller, dass in Deutschland auch Manager ermittelt und bestraft werden, die im Ausland Bestechungsgelder bezahlen. Allerdings verlangt TI, dass das Bundesjustizministerium auch die Namen der betreffenden Unternehmen nennen sollte. Der Abschreckungseffekt wäre dadurch besser.
    Trotz der kritischen Entwicklung steht Deutschland im internationalen Vergleich nach wie vor auf dem zehnten Rang von 176 Ländern. An der Spitze hat sich wenig geändert. Dänemark führt die Rangliste der am wenigsten korrupten Länder an, gefolgt von Neuseeland, Finnland, Schweden, der Schweiz und Norwegen. Laut Müller hängt das Ausmaß der Bestechlichkeit direkt mit dem Funktionieren staatlicher Behörden und einer unabhängigen Justiz zusammen. So hätten der Senegal und Georgien die Alltagskorruption nahezu vollständig niedergerungen, weil die örtlichen Institutionen nach Reformen neues Vertrauen gewinnen konnten.
    Am Ende der Rangliste finden sich Staaten, die von Bürgerkriegen oder instabilen Lagen gekennzeichnet sind. Somalia bildet das Schlusslicht. Syrien, Nordkorea, der Südsudan oder Afghanistan und der Jemen zählen ebenfalls zu den korruptesten Staaten. An diesem Donnerstag beraten die G20-Staaten das Thema. Eine Forderung gibt Müller den Industrieländern mit auf den Weg. Sie fordert einen besseren Schutz für Hinweisgeber. Denn Bestechung fliegt meist erst durch Insidertipps auf. In Deutschland haben Arbeitnehmer aber ein großes Problem, wenn sie einem kriminellen Treiben ihrer Chefs nicht mehr zuschauen wollen. Sie sind arbeitsrechtlich zur Loyalität gegenüber ihrer Firma verpflichtet, auch wenn diese gegen die Regeln verstößt.
    Müller fordert zudem von den G20, stärker gegen die Korruption im Sport, vor allem beim Fußball vorzugehen. Dies dürfe nicht den Sportverbänden überlassen werden, sagt Müller. Auch müsse die Förderung des Sports an Bedingungen knüpfen. Wie stark sich Korruption auf das internationale Ansehen eines Staates auswirken kann, zeigt das Beispiel Katar. In der Rangliste der Länder ist Ausrichterland der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 so stark abgerutscht wie kein anderer Staat, nachdem es rund um den Wettbewerb viele Berichte über unsaubere Geschäfte gab.

  • Letzte Runde im Streit um die Tarifeinheit

    Vor dem Bundesverfassungsgericht beginnt die Verhandlung über das Gesetz, dass die Macht der Kleingewerkschaften bedroht. In der Praxis spielt die umstrittene Regelung noch gar keine Rolle.

    Viel Prominenz findet sich heute vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ein. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) will den obersten Richtern gerne selbst darlegen, warum das von ihr 2015 durchgesetzte Tarifeinheitsgesetz der Verfassung entspricht. Gewerkschaftsführer wie der Chef des Deutschen Beamtenbundes (dbb) und Spitzenvertreter der Krankenhausärzte und der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi vervollständigen den Reigen der Gäste. Es geht um das so genannte Tarifeinheitsgesetz, das der Bundestag 2015 verabschiedet hat und das die Macht von kleinen Gewerkschaften brechen soll.
    Nach dem Tarifeinheitsgesetz gilt in einem Betrieb immer nur ein Tarifvertrag, der mit der jeweils mitgliederstärksten Gewerkschaft abgeschlossen wird. Wenn unklar ist, welche Organisation vor Ort die meisten Mitglieder vorweisen kann, zählen unabhängige Notare die Mehrheitsverhältnisse aus. Damit wird den kleineren Gewerkschaften praktisch die Fähigkeit zum Arbeitskampf genommen. Denn ein Streik lohnt sich nicht, wenn die Gewerkschaft gar nicht tariffähig ist. Das halten die Kläger gegen das Gesetz für verfassungswidrig. „die Berufsgewerkschaften sind in Gefahr, weil ihre ureigenste Daseinsberechtigung in Frage gestellt wird“, stellt dbb-Chef Klaus Dauderstädt fest.
    Es geht um eine ganze Reihe, zum Teil sehr kampfstarker Spartengewerkschaften. Der Öffentlichkeit sind wohl die Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) und die Vereinigung Cockpit (VC) am besten bekannt. Beide Organisationen haben mit vielen Streiks für ihre jeweilige Berufsgruppe hohe Abschlüsse durchsetzen können. Sie haben den großen Vorteil, dass sie mit vergleichsweise wenige Leuten den Betrieb ihrer Unternehmen weitgehend lahmlegen können. Auch der Marburger Bund hat in Karlsruhe geklagt. Er vertritt rund 140.000 Krankenhausärzte. Würden die Arbeitgeber in den Kliniken lieber mit Verdi als Vertreterin der Pfleger und Schwestern verhandeln, könnten die Verdienstzuwächse der Ärzte schmaler ausfallen als zuletzt. Darüber hinaus gibt es noch eine Reihe kleinerer Berufsgewerkschaften, die in Einzelfällen wie der christlichen Metallgewerkschaft in Konkurrenz zu einer Großgewerkschaft stehen.
    Vor Beginn der Verhandlung wollten sich die Beteiligten nicht weiter äußern. So ist die Begründung des Gesetzes von der Arbeitsministerin weiterhin aktuell. „Wir wollen Kollisionen vermeiden, auflösen und Kooperationen stärken“, warb Nahles für ihr Vorhaben. Die Bundesregierung hatte bei der Formulierung streng darauf geachtet, dass das Streikrecht formal unangetastet bleibt. Doch faktisch ist es wenigstens teilweise ausgehebelt, weil ein Arbeitskampf für zahlenmäßig unterlegene Vertretungen unsinnig ist. Auf lange Sicht befürchten Gewerkschafter, dass die Spartengewerkschaften ihre Mitglieder verlieren, wenn sie ihre Interessen gar nicht vertreten dürfen.
    Bisher gab es noch keinen Fall, in dem das Gesetz angewendet wurde. Einer könnte in diesem Jahr jedoch eine Premiere darstellen. Bei der Lufthansa-Tochter Eurowings beanspruchen sowohl die Unabhängige Flugbegleiterorganisation (UFO) als auch Verdi die Mehrheit der Mitglieder unter den Flugbegleitern für sich. Der Verhandlungspartner der Arbeitgeber muss notfalls ausgezählt werden. Wenn die Verfassungsrichter das Tarifeinheitsgesetz vorher kippen, erübrigt sich dieser Konflikt womöglich. Doch bis zu einer Entscheidung werden voraussichtlich noch einige Monate vergehen.

  • „Der Mensch ist immer noch Lückenbüßer der Technik“

    Gute Arbeit ist selten

    In den letzten Jahrzehnten ist das Arbeitsleben härter geworden. Warum das so ist und worauf Arbeitnehmer besonderen Wert legen, erläutert der Bremer Arbeitswissenschaftler Wolfgang Hien im Gespräch mit unserem Korrespondenten Wolfgang Mulke. Hien, Jahrgang 1949, lehrte bis 2006 an der Uni Bremen und ist seither als freier Berater tätig.

    Frage: In der Arbeitswelt nehmen Maschinen den Menschen die schweren Tätigkeiten mehr und mehr ab. Ist das Berufsleben damit humaner geworden?

    Wolfgang Hien: Ich habe vor gut 50 Jahren eine Lehre bei BASF angefangen. Gewisse Probleme haben sich seither nicht verändert. Es gibt nach wie vor Hierarchien, Führungskräfte ohne Führungsqualitäten und widersprüchliche Anforderungen, zum Beispiel möglichst schnell und möglichst gute Qualität zu produzieren. Auch sind die körperlichen Belastungen nicht verschwunden. Schauen Sie sich Paketdienste an, wo die Leute schwere Kisten schleppen müssen, oder das Pflegepersonal. Roboter übernehmen nur Teilbereiche des Berufslebens. Der Mensch ist hier nach wie vor Lückenbüßer der Technik. Und die von schwerer Arbeit Betroffenen sind noch ungünstiger dran als damals.

    Frage: Das müssen Sie erklären.

    Hien: Alle meine Forschungsprojekte, in Werften, Pflegeeinrichtungen, bei VW oder IT-Büros haben ergeben, dass die Arbeit stark verdichtet worden ist. Früher gab es Freiräume und Nischen. Wenn es einem mal nicht so gut ging, konnten die Kollegen die Arbeit mit verrichten. Das gibt es heute nicht mehr. Von jedem wird immer 100 Prozent Leistung gefordert. Man muss immer hellwach sein. Ein Drittel der Menschen ist dazu aber nicht in der Lage. Sie sind langsamer oder haben mit mentalen Problemen zu kämpfen. Das heißt, die Arbeitswelt hat sich von einem menschlichen Maß verabschiedet. Gefragt ist nur noch der eindimensionale „High-Performer“, wie es neudeutsch heißt. Die anderen haben massive Probleme bis hin zum Mobbing. Da die hohen Anforderungen mit einem verstärkten Personalabbau einhergehen, verschwindet auch die Alltagssolidarität unter den Kollegen.

    Frage: Was zeichnet einen guten Arbeitsplatz aus?

    Hien: Es gibt drei Kernelemente für gute Arbeit: Einen angemessenen Entscheidungsspielraum für den Arbeitnehmer, Entscheidungsfreiräume mit den entsprechenden Ressourcen wie Maschinen oder Mitarbeiter sowie ein hohes Maß an sozialer Unterstützung. Das sind die Hauptkriterien einer guten Arbeit. Wenn dies nicht gegeben ist, kann der Job krank machen. Das wissen manche Führungskräfte, doch verhindern Vorgaben der oberen Etagen oft die Berücksichtigung dieser Bedürfnisse.

    Frage: Spielen Wertschätzung, Geld und Karrierechancen eine geringere Rolle bei der Bewertung des Arbeitsplatzes?

    Hien: Anerkennung ist wichtig, gerade die Anerkennung durch ein gutes Einkommen. Da ist jedoch viel Verlogenheit im Spiel. Die Politik redet gerne von der Aufwertung der Pflege. Tatsächlich werden die Gelder dafür gekürzt und Personal eingespart. Das ist Gift für die Stimmung. Auch in vielen anderen Bereichen fehlt die Wertschätzung. Der Begriff der Leistungsträger geht mir auf den Geist. Der Vorstandsvorsitzende von VW verdient unverhältnismäßig viel Geld, auch wenn er Fehler macht. Die Arbeit am Band erfordert dagegen eine hohe Leistung. Der Unterschied in der Bewertung ist unerträglich groß.

    Frage: Immer mehr Unternehmen rühmen sich einer neuen Familienfreundlichkeit und einer individuell flexiblen Gestaltung der Arbeitszeit. Ist da ein Sinneswandel im Gange oder dient das Homeoffice für Eltern nur als Feigenblatt auf einer inhumane Arbeitswelt?

    Hien: Wenn ein großer Autokonzern eine Betriebs-Kita einrichtet, dann will er damit für junge Ingenieurinnen attraktiv werden. Für die Frauen am Band gibt es hingegen keine Betreuungsangebote. Das ist verlogen. Gefördert wird nur dort, wo es eine ökonomische Notwendigkeit ist. Die am Band wissen, dass sie dabei vergessen werden. Das kommt nicht gut an. Viele Personalchefs verhindern auch einen Diskurs über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Flexibilität bedeutet für sie meist, dass sich die Arbeitnehmer den Arbeitsbedingungen anpassen müssen, nicht umgekehrt.

    Frage: Haben die Gewerkschaften den Einfluss auf die Gestaltung der Arbeitswelt verloren?

    Hien: Die Gewerkschaften hinterfragen die schönen Worte der Arbeitgeber nicht kritisch genug und gehen auch keine Konflikte darüber ein. Sie halten sich an den Basiskonsens der Nachkriegszeit, der einen Ausgleich zwischen Produktivitätszuwächsen und Humanität vorsah. Doch die Arbeitgeber haben diesen Konsens oft genug gebrochen. Die Gewerkschaften müssten mehr daran setzen, dass man auch nach dem 50. Lebensjahr noch ein würdevolles Arbeitsleben führen kann.

    Frage: Gibt es für Jobsuchende eine Strategie bei der Suche nach einem guten Arbeitsplatz?

    Hien: Sie sollten auf die Wortwahl der Arbeitgeber achten und konsequent nachfragen, was zum Beispiel die in der Anzeige geforderte „hohe Leistungsbereitschaft“ praktisch beinhaltet. Oder fragen, ob die Pflege des Kindes im Krankheitsfall möglich ist, auch wenn man deshalb eine Woche zuhause bleiben muss. Aber die Arbeitnehmer müssen auch ihre Erwartungen an sich selbst auf ein menschliches Maß reduzieren. Es schafft allenfalls einer von einer Million Menschen, sich vom Tellerwäscher zum Millionär hochzuarbeiten. Diese Illusion aber impfen große Unternehmen auf ihren Flyern an der Uni unseren Studenten ein. Die jungen Leute sind dann schockiert, wenn sie die Realität erleben. Das normale Leben ist eben nicht auf Rosen gebettet. Sich für menschenwürdige Arbeitsbedingen einzusetzen, ganz konkret am Arbeitsplatz, zusammen mit den Kollegen und Kolleginnen, bleibt auch künftig unverzichtbar.

  • Teure Spezialversicherungen

    Für Drohnen oder Hunde ist der Abschluss meist Pflicht

    Über peinliche kleine Missgeschicke reden Menschen lieber nicht. So gehört auch eine nicht repräsentative Beobachtung eines Reparaturbetriebs für Mobiltelefone zu den unbelegten Wahrheiten. „Bei jedem zweiten Schaden ist das Handy in die Toilette gefallen“, berichtet der Inhaber. Gerade Frauen trügen das Gerät vorzugsweise in der Gesäßtasche der Hose. Da passiere so ein Malheur schnell. Wasserschäden oder gesplitterte Displays sind die wohl häufigsten Schäden beim Smartphone. Deren Beseitigung kann schnell teuer werden. Bei Apples iPhone 6 zum Beispiel kostet der Austausch des kleinen Bildschirms mehr als 100 Euro. So werben Versicherungen offenkundig erfolgreich für spezielle Handyversicherungen, die dieses finanzielle Risiko angeblich übernehmen. Bis zu drei Millionen Verträge sind es einer Schätzung des Verbraucherportals Finanztip.de mittlerweile.
    Doch Fachleute stehen diesen Policen skeptisch gegenüber. „Wenig Schutz für viel Geld“, urteilte beispielsweise die Stiftung Warentest. Denn die Versicherung beinhaltet zwar in der Regel Schäden durch Feuchtigkeit oder Fallenlassen. Doch warnen Verbraucherschützer davor, dass die Anbieter sich Hintertürchen offenlassen, zum Beispiel die Verweigerung einer Zahlung bei grober Fahrlässigkeit. Oft werden die Verträge gleich beim Kauf den neuen Smartphone mit angeboten. Davon rät Finanztip ab: „Niemals eine Versicherung direkt beim Handykauf abschließen.“
    Die Kosten für eine Police sind mit zehn bis 20 Prozent des Neupreises eines Gerätes recht hoch. Oft komme es zu Streit mit der Versicherung, wenn tatsächlich etwas passiert, das Handy zum Beispiel herunterfällt und nicht mehr funktioniert. „Selten sind die Umstände genau definiert“, betont Finanztip. Die Interpretationsspielräume würden von Versicherungen gerne dazu genutzt, sich aus der Haftung herauszureden. Deshalb raten die Experten vor dem Abschluss einer Police zu einem genauen Studium der Vertragsbedingungen. Dies sei im Geschäft kaum möglich. Besser sei es, die verschiedenen Angebote in Ruhe im Internet zu vergleichen. „Sie sollten alles genau durchrechnen“, empfiehlt mit Cosmos Direkt sogar eine Versicherung selbst.
    Versichern lässt sich fast alles. Doch nur in wenigen Fällen ist eine Spezialpolice auch sinnvoll. „Handyversicherungen, Brillenversicherungen oder Reisegepäckversicherungen sind verzichtbar“, sagt die Sprecherin des Bundes der Versicherten (BdV), Claudia Frenz. Einerseits würden Schäden den Kunden nicht in finanzielle Schwierigkeiten bringen, andererseits blieben die Leistungen der Anbieter oft hinter den Erwartungen zurück. „So muss man das Reisegepäck am Bahnhof ständig in der Hand behalten, um Leistungen zu bekommen“, erläutert die Expertin. Ansonsten werde den Versicherten groß fahrlässiges Verhalten vorgeworfen.
    Viele Schäden sind auch schon durch die Haftpflicht- oder eine Hausratversicherung abgedeckt. Selbst verursachte Defekte zählen allerdings nicht dazu. Ist jedoch ein anderer zum Beispiel für das zerbrochene Display verantwortlich, muss dessen Haftpflichtversicherung für die Kosten gerade stehen. Für den Fall, dass dieser nicht versichert ist oder nicht zahlen kann, gibt es bei manchen Haftpflichtversicherungen eine so genannte Ausfalldeckung, durch die der Schaden dann noch noch reguliert wird. Darauf sollten Verbraucher beim Abschluss achten, sagt Finanztip-Experte Eric Brandmayer, „eine Ausfalldeckung ist absolute Pflicht.“
    Bei einigen Spezialversicherungen hängt es von der indivuellen Situation ab, ob sich eine Police lohnt. So hält der BdV sehr teure Musikinstrumente oder professionelle Kameraausrüstungen durchaus für versicherungswürdig. Bei einer Mietkautionsversicherung hängt es nach Einschätzung der Fachleute von den Gegebenheiten ab. „Nicht sinnvoll, außer man kann die Kaution wirklich nicht stellen“, betont Brandmayer. Der BdV rät eher ab. Dabei erscheint das Produkt durchaus attraktiv, vor allem für Mieter mit kleinem Geldbeutel. Dabei übernimmt die Versicherung das Risiko des Mietausfalls gegen eine Gebühr, die vom jeweiligen Angebot abhängt. Dafür muss der Mieter dann die Kaution, die oft drei Monatsmieten ausmacht, nicht stellen.
    Manche Spezialversicherung ist mittlerweile auch Pflicht. Vom Auto her kennt man es. Hobbypiloten, die Drohnen in den Himmel aufsteigen lassen, müssen sich noch daran gewöhnen. Denn eine Haftpflichtversicherung ist hier Pflicht. Besitzer sollten zunächst einen Blick in die Bedingungen ihres privaten Haftpflichtvertrages schauen. Einige Policen decken auch Schäden durch kleine Drohnen ab, wenn sie als Spielzeug gewertet werden. „Die meisten Drohnen, die sich für den Betrieb im Freien eignen, dürften rechtlich kein Spielzeug mehr sein“, erklärt Peter Graß vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Die Kosten variieren in der Regel je nach Einsatz der Flugkörper, der Deckungssumme und auch des Startgewichtes.
    Hunde haften auch
    Auf rund neun Millionen schätzt das Portal Statista die Zahl der Hundebesitzer in Deutschland. So zutraulich die Haustiere auch sein mögen, können sie doch schnell Schäden verursachen. Bisswunden müssen es nicht sein. Auch ein verschmutzter Perserteppich kann zu Schadenersatzansprüchen durch dessen Besitzer führen. In fast allen Bundesländern müssen Kampfhunde haftpflichtversichert sein, in einigen Ländern gilt die Pflicht für alle Hunde. Das Verbraucherportal Finanztip rät zu einer Deckungssumme von fünf Millionen Euro. Für einen Mops kostet das zum Beispiel im Jahr je nach Anbieter und Selbstbeteiligung zwischen 40 Euro und 60 Euro.

  • „Gewinner müssen mit Verlierern solidarisch sein“

    Davos-Chef Klaus Schwab plädiert für das bedingungslose Grundeinkommen und die Begrenzung der Managergehälter auf das Zwanzigfache des Durchschnittslohns.

    Funke Mediengruppe: Professor Schwab, vor 47 Jahren haben Sie das Weltwirtschaftsforum von Davos gegründet um die Welt offener, friedlicher und wohlhabender zu machen. Jetzt erleben wir die Wiederkehr des Nationalismus, neue Handelsgrenzen werden aufgebaut, und die Mittelschicht fürchtet abzurutschen. Was ist da schief gelaufen?

    Klaus Schwab: Mit der Globalisierung, Digitalisierung und der vierten industriellen Revolution durchlaufen wir eine tiefgreifende Wandlung. Nicht nur die Gesellschaften, auch die Individuen sind auf der Suche nach neuen Identitäten. Dabei handeln die Menschen wesentlich emotionalisierter als in normalen Situationen, in denen rationale Argumente eine größere Rolle spielen.

    Funke: In den USA oder Großbritannien haben in den vergangenen Jahrzehnten Millionen Beschäftigte ihre Arbeitsplätze verloren. Da sind Emotionen gegen die Globalisierung verständlich.

    Schwab: Ja, ein Teil der Arbeiterschaft und auch der Mittelschicht ist von Prekarisierung bedroht. Aber dieses Prekariat ist nicht nur durch die Globalisierung entstanden. Von fünf verlorenen Arbeitsplätzen in den USA ist nur einer nach Mexiko abgewandert. Vier sind der technologischen Innovation zum Opfer gefallen. Das ist die große Herausforderung. Wir stecken mitten in der digitalen Transformation und wissen augenblicklich nicht, wie wir die wegfallenden Stellen ersetzen können. Aber nicht nur das bereitet mir Sorgen. Denken Sie an die Menschen in Syrien, an hunderte Millionen Inder, die auf dem Land leben und nicht mal eine Toilette haben, oder an die jungen Afrikaner, die in ihren Heimatstaaten keine Arbeit finden und sich auf den Weg nach Europa machen. Den Erwartungen dieser Menschen müssen wir ebenfalls genügen und Lösungen präsentieren.

    Funke: Die Wähler jedenfalls sind tief verunsichert. In Großbritannien stimmten sie für den Brexit und wählten in den USA Donald Trump zum Präsidenten. Offenbar sehen sie ihre Bedürfnisse in der Globalisierung nicht berücksichtigt.

    Schwab: Richtig. Schon vor 21 Jahren habe ich in einem Artikel für die Herald Tribune geschrieben, dass die Globalisierung nicht haltbar sein wird, wenn wir die humanen Aspekte nicht stärker berücksichtigen. In der Marktwirtschaft gibt es immer Gewinner und Verlierer. Erstere müssen aber mit letzteren solidarisch sein. Sonst kündigen die Verlierer den Konsens der Gesellschaft auf.

    Funke: Warum ist die Globalisierung in sozialer Hinsicht bislang falsch gelaufen?

    Schwab: Wir haben zu sehr auf die offenen Märkte geachtet, zu wenig aber darauf, dass die Marktwirtschaft auch fair sein muss. Die soziale Dimension, die Absicherung der Benachteiligten wurde nicht ausreichend einbezogen.

    Funke: Wie kann man die Balance wiederherstellen?

    Schwab: Das muss man jeweils auf nationaler Ebene über das Steuer- und Sozialsystem machen, das die sozialen Unterschiede bis zu einem gewissen Grade ausgleicht. Auf globaler Ebene sollte man in Handelsverträge soziale Komponenten einbauen, damit auch die ärmeren Länder zu ihrem Recht kommen.

    Funke: Zur sozialen Marktwirtschaft gehört auch die Verantwortung der Eliten…

    Schwab: Ich habe 1971 den Begriff der “Stakeholder” entwickelt. Das heisst: Firmenleitungen sind nicht nur den Aktionären verantwortlich, sondern allen Gesellschaftsgruppen, die von der Politik eines Unternehmens betroffen sind.

    Funke: Beispiel Abgasskandal bei VW: Die Manager streichen weiterhin Boni ein, die betrogenen Kunden sind die Dummen, und im Unternehmen werden Stellen gestrichen. Müssen Sie einigen Top-Managern, die zu Ihrem Forum nach Davos kommen, nicht ein schlechtes Zeugnis ausstellen?

    Schwab: Als in der Schweiz die Volksabstimmung über die Höhe von Managergehältern stattfand, habe ich mich dafür ausgesprochen, dass Firmenvorstände nicht mehr als das Zwanzigfache dessen verdienen sollten, was der Durchschnitt ihrer Beschäftigten erhält. Diese Position haben in der Schweiz nicht alle geteilt.

    Funke: Da müssten in vielen Ländern Managergehälter kräftig gekürzt werden.

    Schwab: Das jetzige System ist so nicht aufrechtzuerhalten. Ein Beispiel: In den USA könnten in den kommenden Jahren Millionen Busfahrer und Kassiererinnen ihre Jobs verlieren, weil sie durch die Digitalisierung überflüssig werden. Da kommt eine riesige Welle auf uns zu. Angesichts solcher Veränderungen ist die Höhe von Managergehältern auch ein Gradmesser für das Maß der Solidarität mit den Verlierern.

    Funke: Sollten die oberen zehn Prozent der Gesellschaft einen größeren Beitrag zur Finanzierung der Sozialsysteme tragen?

    Schwab: Ich würde Steuersysteme so gestalten, dass sie als sozial gerecht empfunden werden. Gleichzeitig sollten sie aber auch Investitionen anreizen, um Arbeitsplätze zu schaffen. In Schweden gab es früher ein System mit höheren Steuersätzen für private Kapitalentnahmen im Vergleich zu produktiven Investitionen. Ich glaube, wir müssen künftig mehr in diese Richtung denken. Man sollte auch die staatlichen Budgets so organisieren, dass die für den Verbrauch bestimmten Ausgaben stärker von Investitionen getrennt werden. Diese muss man fördern – und dafür ist auch Staatsverschuldung gerechtfertigt.

    Funke: Das Weltwirtschaftsforum 2017 trägt den Titel “Verantwortungsvolles und zuhörendes Führen”. Ist das ein Wink mit dem Zaunpfahl an Führer wie Trump und Russlands Präsident Wladimir Putin, die Grenzen neu ziehen und Mauern zu anderen Ländern bauen wollen?

    Schwab: Donald Trump habe ich kürzlich getroffen. Seinen Wählern zuhören kann er gut. Das hat seine Wahlkampagne gezeigt. Ob er auch den notwendigen Kompass besitzt, um seine Landsleute in eine gute Zukunft zu führen, wissen wir noch nicht.

    Funke: Trump will Arbeitsplätze aus Asien und Mexiko zurück in die USA holen. Halten Sie das für realistisch?

    Schwab: Teilweise kann das funktionieren. Große US-Konzerne haben angeblich zwei Billionen Dollar Kapital im Ausland geparkt. Wenn dieses Kapital in die USA zurückfließt und dort versteuert wird, könnte das erhebliche Investitionen auslösen. Außerdem kommt möglicherweise ein Teil der Industrie aus dem Ausland im Zuge der Digitalisierung in die USA zurück. Wenn Smarthpones von Robotern hergestellt werden können, muss Apple nicht mehr eine Million chinesische Arbeiter beim Foxconn-Konzern bezahlen. Die digitalisierten Fabriken können auch in den USA stehen.

    Funke: Dann wird dort aber kaum noch jemand arbeiten. Was ist mit denen, für die es am Ende keine Arbeit mehr gibt?

    Schwab: In der Schweiz fand kürzlich die Abstimmung über das bedingungslose Grundeinkommen statt. Immerhin 23 Prozent der Bürger haben diesem zugestimmt. Auch ich finde die Idee des Grundeinkommens grundsätzlich plausibel. Und ich glaube, dass die Diskussion darüber in zehn Jahren viel weiter sein wird als heute.

    Funke: Was bewirkt das Grundeinkommen, wenn manche für ihr Geld arbeiten gehen und andere nicht?

    Schwab: Ich bestreite, dass die Leute dann ihre Hände in den Schoss legen und faul zu Hause sitzen bleiben. Eine einfache Krankenschwester in Deutschland mit 2.000 Euro brutto fühlt sich heute vielleicht ausgenutzt. Wenn sie aber zusätzlich ein Grundeinkommen erhielte, sähe sie das vielleicht als Anerkennung und ginge an ihre Tätigkeit mit einer anderen Grundeinstellung heran. Falls die Digitalisierung künftig viele Arbeitsplätze hinwegfegt, brauchen wir auf der anderen Seite eine Humanisierung der Gesellschaft. Industriearbeitsplätze gehen verloren, aber es wird viel mehr soziale Arbeit zu tun sein, beispielsweise in der Pflege.

    Funke: Was soll beim Weltwirtschaftsforum 2017 herauskommen?

    Schwab: Ich bin dafür, dass die Unternehmen in Davos eine Verpflichtung zu langfristigem Denken unterschreiben, um das kurzfristige, zu gewinnorientierte Handeln zurückzudrängen. Wir müssen das kapitalistische System sozial akzeptabler machen. Und wir brauchen ein gemeinsames Verständnis für stärkeres globales Wachstum. Drei Prozent sind nicht genug, um die zwei Milliarden armen Menschen besser am Wohlstand zu beteiligen.

    Funke: Seit 2015 arbeitet der ehemalige deutsche Wirtschaftsminister Philipp Rößler als Geschäftsführer für Sie. Sind Sie mit Ihrem neuen Angestellten zufrieden?

    Schwab: Philipp Rö?ler ist als Mitglied des Managing Board und Leiter für Regierungskontakte eine zentrale Figur für die Arbeit des Weltwirtschaftsforums. Und dieses Jahr kommen über 50 Staats- und Regierungschefs sowie Minister aus über 80 Ländern zu unserem Jahrestreffen in Davos. Das klingt für mich, als habe der Verantwortliche seine Arbeit sehr gut gemacht.

    Info-Kasten: Klaus Schwab

    Gerade ist ein Buch über ihn erschienen. „Gastgeber der Mächtigen“ lautet der Titel. Ein bisschen dämonisch schaut der kahlköpfige Schwab vom Cover den Lesern entgegen. Tatsächlich ist Verbindlichkeit eine seiner hervorstechenden Eigenschaften. Kurz vor Weihnachten macht er sich den Spaß, die Kochmütze aufzusetzen und seinen Angestellten in der Genfer Zentrale des Forums persönlich das Mittagsessen auszureichen. 1971 hat der jetzt 78-Jährige den Vorläufer des WEF gegründet. Der promovierte Ingenieur und Ökonom ist Chef von rund 600 Beschäftigten. Smalltalk und Cocktailempfänge mag er nicht – muss er aber trotzdem manchmal absolvieren.

    Info-Kasten: WEF

    Zu kaum einem anderen Ereignis weltweit kommen gleichzeitig mehr Spitzenpolitiker und Manager. In diesem Jahr sind es wieder über Dutzende Staats- und Regierungschefs, sowie über 1.000 Unternehmensführer. Jedes Jahr im Januar findet das Weltwirtschaftsforum im Schweizer Alpenstädtchen Davos statt. Es beginnt am 17. Januar und steht diesmal unter dem Motto „Verantwortungsvolles und zuhörendes Führen“. Darin steckt auch der Appell an die Teilnehmer, etwas gegen den neuen Nationalismus zu tun. Das World Economic Forum wird getragen von 1.000 der umsatzstärksten Unternehmen der Welt. Die Führung des WEF setzt sich für offene Weltmärkte ein, betont gleichzeitig aber die soziale Verantwortung der Konzerne – im Gegensatz zu manchen Mitgliedern. Das WEF ist eine Kombination aus Geschäftemachen, politischer Kommunikation und Bildungsurlaub auf Luxusniveau. Während der vier Tage können die Teilnehmer mehrere hundert Veranstaltungen besuchen, die sie über alles Relevante informieren – über iranische Außenpolitik ebenso wie die vietnamesische Kultur oder die Zukunft des Anleihekaufprogramms der Europäischen Zentralbank.

  • Der Motor läuft rund

    Die Deutsche Wirtschaft ist 2016 stärker gewachsen als erwartet. Der Staat kann einen stattlichen Überschuss vermelden. Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten.

    Warum geht es der Wirtschaft so gut?

    Der Wirtschaftsmotor läuft in fast allen Bereichen rund. Überdurchschnittlich entwickelte sich das Baugewerbe mit einem Plus von 2,8 Prozent. Spitzenreiter sind die Kommunikationsbranchen mit einem Zuwachs um drei Prozent. Ins Minus ist gar keine Sparte gerutscht. So stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP), also die gesamte Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr um 1,9 Prozent an.

    Haben auch die Arbeitnehmer etwas von der guten Entwicklung?

    Nachdem die Beschäftigten in den vergangenen Jahrzehnten nur wenig vom Aufschwung profitieren konnten, wächst ihre Kaufkraft jetzt wieder an. Im vergangenen Jahr stiegen die Löhne und Gehälter nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Durchschnitt um 3,6 Prozent und damit stärker als die Unternehmens- und Vermögenseinkommen. Ein Teil des Zugewinns wurde durch höhere Sozialabgaben wieder aufgezehrt. Die verfügbaren Einkommen stiegen deshalb nur um 2,8 Prozent. Da die Teuerungsrate leicht darunter lag, erhöhte sich die Kaufkraft der Erwerbstätigen. Außerdem hat sich die Lage am Arbeitsmarkt weiter verbessert. „Die Erwerbslosenquote hat sich seit ihrem Höchststand 2005 von 10,3 Prozent mehr als halbiert“, sagt der Präsident des Amtes, Dieter Sarreither. Mit 43,5 Millionen Erwerbstätigen verzeichnet Deutschland zudem einen Rekordwert seit der Wiedervereinigung.

    Wird es auch 2017 so gut weitergehen?

    Darauf wollen sich die Statistiker noch nicht festlegen. Die Ökonomen der großen Forschungsinstitute erwartet 2017 ein schwächeres Wachstum. Dazu trägt allein schon die im Vergleich zu 2016 höhere Zahl an Feiertagen bei. Die Fachleute gehen dennoch von einer soliden Entwicklung aus, die der Wirtschaft ein Plus zwischen 1,1 Prozent und 1,8 Prozent bescheren könnte.

    Gibt es auch Risiken, die zu einem Konjunktureinbruch führen könnten?

    Es gibt eine Reihe von derzeit schwer einschätzbaren Faktoren, die positive Erwartungen durchkreuzen könnten. Die meisten davon sind international angesiedelt. Dazu gehört der künftige wirtschaftspolitische Kurs des neuen US-Präsidenten Donald Trump. Schottet er die USA vor Importen ab, kann das zum Beispiel für die Automobilindustrie problematisch werden. Auch die Folgen des Brexit und die immer noch gärende Bankenkrise in Europa bergen Ungewissheiten.

    Welche Rolle spielt die enorme Zuwanderung für das Wachstum?

    Die finanziellen Effekte kann das Statistische Bundesamt nicht exakt beziffern. Aber die Ausgaben für Flüchtlinge, zum Beispiel für Wohnkosten, oder ihre Einkäufe im Supermarkt fließen in die Berechnung des BIP ein. Neun Milliarden Euro hat das Finanzministerium für Hilfen ausgegeben. Der jetzt in der Bundeskasse verblieben Überschuss von gut sechs Milliarden Euro geht auch auf nicht benötigte Ausgaben für die Flüchtlinge zurück.

    Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da?

    Die meisten anderen großen Industrieländer kommen an die deutschen Wachstumsraten nicht heran. Frankreich kommt auf ein Plus von 1,3 Prozent, Italien nur auf 0,7 Prozent, ebenso wie Japan. Die USA sind mit 1,6 Prozent näher dran. Nur die kleineren EU-Länder, etwa Polen oder Irland, überflügeln Deutschland. Allerdings ist dort das Ausgangsniveau viel geringer.

    Droht mit dem vergleichsweise hohen Wachstum auch wieder Inflation?

    Chef-Statistiker Sarreither sieht deutliche Anzeichen für einen kräftigeren Anstieg der Preise. Die Inflationsrate schnellte schon zum Ende des vergangenen Jahres wieder auf 1,5 Prozent. Unter anderem steigende Ölpreise treiben die Teuerungsrate nach oben. Die schlechte Nachricht: Die Zinsen bleiben trotzdem niedrig, weil der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, die Wirtschaft aller Euro-Staaten im Blick hat. Und in den Südländern läuft die Konjunktur noch nicht rund. Damit verliert das Geld der Sparer in Deutschland mit Tagesgeld, Festgeld oder Vermögen auf dem Sparbuch an Kaufkraft.

  • Geschäftsmodell Jungbrunnen

    Lange Zeit galten 120 Jahre als maximal mögliche menschliche Lebenserwartung. Nun nehmen Firmen und Forscher Kurs auf 160 Jahre.

    Alle vier Jahre leben Menschen wie wir ein Jahr länger. Auf diese Formel kann man die Erkenntisse des Alterswissenschaftlers James Vaupel bringen, der das Max-Planck-Institut für Demografische Forschung in Rostock gründete. Genauer gesagt: Die statistische Lebenserwartung steigt im Vier-Jahres-Rhythmus durchschnittlich um ein Jahr an. Um 1800 beispielsweise war es normal, vor dem 30. Geburtstag zu sterben. Heute dagegen liegt die statistische Lebenserwartung von Frauen in Deutschland bei 83 Jahren, von Männern bei 78.

     

    Dürfen wir nun damit rechnen, dass sich unsere Lebensspanne weiter in diesem Tempo ausdehnt? Die Forscher der US-Firma Calico in Kalifornien sind optimistisch. Mehr noch: Sie meinen, dass die Menschen bald nicht nur 80 Jahre, sondern doppelt so alt werden könnten. 160 Jahre? Calico gehört zum Alphabet-Konzern, also zu Google. Ist die Verdoppelung der Lebenszeit eine Narretei von Silicon-Valley-Milliardären, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld? Ist es ein Business-Modell und Versprechen an die wirtschaftliche Elite, die sich superteure Medikamente leisten kann, oder eine realistische Aussicht auch für Durchschnittsmenschen?

    US-Schauspieler Kirk Douglas, Cowboy-, Boxer- und Spartacus-Darsteller, hat gerade seinen 100. Geburtstag gefeiert. Die derzeit wohl älteste Frau der Welt, die Italienerin Emma Morano, ist 117 Jahre alt – und damit kurz vor der Grenze, die lange Zeit als Maximal-Lebenserwartung galt. Mittlerweile allerdings halten Mediziner wie Vaupel Menschenalter von um die 120 Jahre nur noch für einen empirischen Befund, der derzeit gültig, aber nicht unverrückbar sei. Wenn die Wissenschaft besser verstehe, was bei der Alzheimer-Erkrankung passiere, wie die Alterung der menschlichen Zellen funktioniere, und man wirksame Medikamente gegen den Krebs entwickelt habe, seien 130 oder 140 Jahre durchaus in Reichweite.

    Seit einigen Jahren erlebt die Altersforschung einen Aufbruch. Hunderte neuer Firmen versuchen, aus Fortschritten medizinischer Erkenntnis Geld zu machen. Häufig genannt werden dabei zwei bereits existierende Präparate: Metformin, ein Diabetes-Mittel, und Rapamycin, das bei Organtransplantationen eingesetzt wird. In beiden Fällen deuten Studien auf eine möglicherweise lebensverlängernde Wirkung hin, die über das eigentliche Behandlungsziel hinausgeht.

    Eine zupackende Methode praktiziert Tony Wyss-Coray. Er ist Neurologe an der Stanford-Universität in Kalifornien. Versuchsweise verbindet er die Blutkreisläufe junger und alter Mäuse und schafft so eine Art zusammengenähter Zwangszwillinge, um unter anderem die Wirkung jungen Blutes auf alternde Organismen zu studieren. Seine Ergebnisse legen nahe, dass derartige Bluttransfusionen einen gewissen Erfolg haben könnten. „Die Experimente von Wyss-Coray deuten daraufhin, dass die Synthese des Proteins CREB in der Hirn-Region des Hippocampus angeregt wird, was deren Leistungsfähigkeit steigert“, erklärt Konrad Beyreuther, Gründungsdirektor des Netzwerks Altersforschung an der Universität Heidelberg. Der Hippocampus sorgt dafür, dass aus neu Gelerntem Erinnerungen werden. Bei Alzheimer-Patienten ist diese Region besonders geschädigt.

    Ein weiterer Ansatz beschäftigt sich mit der Substanz Resveratrol, die unter anderem in Rotwein vorkommt. Ihr wird eine positive Wirkung bei der Autophagie zugeschrieben. Das sind diejenigen Prozesse auch in menschlichen Zellen, die Schadstoffe nicht nur zerlegen, umbauen und unschädlich machen, sondern auch zu Zellnahrung recyceln können. Darüber forscht der japanische Mediziner Ohsumi Yoshinori, wofür er kürzlich den Nobelpreis erhielt. Rüdiger Horstkorte, Biochemiker an der Universität Halle-Wittenberg, sagt: „Die zunehmende Menge beschädigter und schädlicher Proteine in Zellen ist entscheidend für ihr Altern.“ Ließe sich die Müllabfuhr verbessern, würden die einzelnen Zellen und dann vielleicht auch der gesamte Körper länger leben. „Bisher verstehen wir viel zu wenig, wie diese Prozesse funktionieren“, so Horstkorte. Vielleicht lasse sich dadurch die menschliche Lebensspanne um „20 bis 30 Jahre“ ausdehnen. Eine Verdoppelung hält er aber für „illusorisch“.

    In jedem Fall ist Medizin nur ein Faktor. „70 Prozent der Alterungsphänomene können wir durch unsere Lebensführung zumindest beeinflussen“, sagt Professor Beyreuther. Schlechte Ernährung, mangelnde Bewegung, starkes Rauchen, Alkoholkonsum, fehlende Neugierde, Zukunftsängste und übermäßiger Stress stehlen Jahre. Auch soziale Bedingungen spielen eine Rolle. Menschen, die unfreiwillig hart und lange arbeiten müssen, oder in Armut leben, haben eine geringere Lebenserwartung. Steigender, breit verteilter Wohlstand einer Gesellschaft trägt dazu bei, dass die Bürger älter werden – eine Entwicklung, die man in Deutschland während der vergangenen zwei Jahrhunderte gut beobachten konnte.

    Und auch Bildung ist relevant. Wer über seine Psyche und seinen Körper einigermaßen Bescheid weiß, mag dazu tendieren, ihn pfleglich zu behandeln. Beyreuther gibt ein Beispiel: Er empfiehlt, jeden Monat drei Tage weniger als normal zu essen und dann jeweils nur 500 statt 2.000 Kilokalorien zu sich zu nehmen. „Infolge der Kalorienreduktion wird die Autophagie aktiviert, die Körperzellen nutzen ihre eingelagerten Vorräte und beseitigen dabei auch gleich einen Teil des abgelagerten Mülls.“ Die Forscher wissen, dass Kalorienrestriktion bei manchen Mäusen und allen Fadenwürmern extrem lebensverlängernd wirkt. Fasten – die Idee ist Jahrtausende alt. Nun erhält sie eine neue Bedeutung.

    Zum Anti-Aging-Kongress nach München kamen im Juni 2016 zahlreiche, in Deutschland ansässige Firmen, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigen. IhreGene aus Hamburg bietet beispielsweise Gentests an, damit die Kunden ihren Lebensstil so gestalten, dass er zu ihren erblichen Prädispositionen passt. Life Extension Europe in Starnberg liefert Nahrungsergänzungsmittel, Gebomed in Eningen verkauft Naturheilprodukte. Und CellGym in Berlin wirbt mit einer Behandlung, die Mitochondrien, die Kraftwerke der menschlichen Zellen, bei der Arbeit unterstützen soll.

    Die großen Durchbrüche haben diese Unternehmen bislang nicht zu verzeichnen. Auch Google-Tochter Calico hüllt sich in Schweigen. Gemeinsam werden es die Manager, Entwickler und Wissenschaftler jedoch vermutlich schaffen, die durchschnittliche Lebenserwartung von Menschen in reichen Industrieländern in Richtung 90 oder 100 Jahre zu verschieben. Aber 160? Der Mythos vom Jungbrunnen ist ein sehr alter Traum, der unsere Kultur seit über 2000 Jahren begleitet.

  • Notwendiges Übel

    Gesetz zur Lohngleichheit

    Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Dieser Slogan bezog sich einst auf die Forderung, Leiharbeiter und Stammpersonal zu denselben Bedingungen zu beschäftigen. Angebracht ist er jedoch auch, wenn es um die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen im Betrieb geht. Denn damit hapert es bisher noch, wie verschiedene Studien dazu nahelegen. Dabei müssen beide Geschlechter schon lange gleich behandelt werden. Es ist nur folgerichtig, wenn der Gesetzgeber nun den Druck auf jene Unternehmen erhöht, die diesen Grundsatz missachten.
    Die nun von der Bundesregierung verabschiedete Regelung für mehr Transparenz bei den Löhnen und Gehältern ist ein notwendiges Übel. Sie bürdet die Firmen mehr Bürokratie auf. Aber von einem Ende der Verhandlungsfreiheit bei der Vergütung oder gar einem Eingriff in die Privatsphäre der Beschäftigten durch die Veröffentlichung von Durchschnittsgehältern kann nicht die Rede sein. Anderswo, insbesondere in den angloamerikanischen Ländern, gehen Erwerbstätige und Arbeitgeber ganz selbstverständlich offen mit den Entgelten um.
    Ob das Gesetz aber die von Familienministerin Manuela Schwesig erhoffte große Wirkung zeitigt, ist eher zweifelhaft. Denn der größte Teil der Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen geht auf sachliche Gründe zurück. Dazu gehört zum Beispiel die Berufserfahrung. Wenn Frauen für die Betreuung ihrer Kinder zeitweilig aus dem Erwerbsleben aussteigen oder nur Teilzeit arbeiten, sammeln sie zwangsläufig weniger Berufszeit an als ihre männlichen Altersgenossen. Das macht sich bei Gehaltsverhandlungen negativ bemerkbar. Der „Wert“ einer Arbeitsleistung setzt sich aus vielen Komponenten zusammen. Unterschiede wird es daher selbst bei vergleichbaren Tätigkeiten immer geben, und nicht nur zwischen Frauen und Männern. Auch ist die Vorgabe, erst einmal mehrere Beispiele für besser bezahlte Kollegen zu finden, keine einfache Aufgabe. Es gehört schon eine Menge Standfestigkeit dazu, diese Recherche durchzuziehen.
    Noch mehr verliert das Gesetz allerdings durch den Kreis der betroffenen Firmen. Es gilt erst ab einer Betriebsgröße von 200 Beschäftigten. Doch gerade bei kleinen und mittelgroßen Unternehmen, von denen viele tariflich nicht gebunden sind, geht es eher ungerecht zu als bei Konzernen, bei denen es für ziemlich alle Angelegenheiten festgelegte Standards gibt. Es wäre daher wünschenswert, die Wirkungen des Lohngleichstellungsgesetzes nach einer gewissen Zeit genauer zu untersuchen. Stellt sich der erhoffte Erfolg nicht ein, sollte es auf einen größeren Kreis von Arbeitgebern ausgedehnt werden. Es gibt noch eine Alternative. Stärkere Gewerkschaften, die in der Lage sind, mehr Gerechtigkeit in allen Betrieben durchzusetzen. Dazu brauchen die Organisationen aber auch Mitglieder, die sich nicht auf die Hilfe des Gesetzgebers verlassen.

  • Die Schlichtung ist die Zeit des Schweigens

    Ab Mittwoch suchen die Schlichter von Bahn und Lokführern einen Kompromiss im Tarifstreit. Noch sind keine Streiks in Sicht. Die Bahn ist momentan Vorreiter einer Tarifpolitik, bei der es um mehr geht als nur den Lohn.

    Lange haben Bahn und Lokführergewerkschaft GDL sich öffentlich mangelnde Kompromissbereitschaft vorgeworfen. Auch nach sechs Verhandlungsrunden kamen die Gesandten beider Seiten im Dezember einander nicht näher. Trotzdem hat die kampfeslustige Spartengewerkschaft bislang noch keinen Zug zum Stoppen gebracht, sondern lieber zur Schlichtung gerufen. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow und der frühere brandenburgische Landeschef Matthias Platzeck sollen am Mittwoch einen letzten Versuch starten, den Konflikt friedlich lösen. Das ist ihnen vor zwei Jahren schon einmal gelungen. Doch diese Tarifverhandlungen haben einen besonderen Charakter.
    Mehr Geld oder mehr Zeit? Vor diese Frage gestellt, kommen viele Arbeitnehmer ins Grübeln. Längst ist ein besserer Verdienst alleine nicht mehr das wichtigste Ziel. Das hat auch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) festgestellt. 15.000 Mitglieder beteiligten sich im vergangenen Jahr an einer Umfrage zu den Wünschen für die anstehende Tarifrunde. Ein Teil wollte vor allem mehr verdienen, andere mehr Urlaub oder eine geringere Wochenarbeitszeit. „Die Interessen der Arbeitnehmer sind in diesem Punkt sehr unterschiedlich“, stellt der Tarifexperte Rainer Bispinck vom Wissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung fest.
    Als Folge betrat die EVG im Herbst 2016 Neuland. Sie forderte statt einer Lohnerhöhung für alle ein Wahlrecht. Damit setzte sie sich am Ende durch. Die Mitglieder der EVG unter den rund 130.000 Tarifbeschäftigten des Konzerns können wählen, ob sie 2,6 Prozent mehr Lohn erhalten, wöchentlich eine Stunde weniger arbeiten oder sechs Tage mehr Urlaub haben wollen. Ein Novum der Tarifgeschichte, stellt Bispinck fest. „Es ist neu, eine individuelles Wahlrecht zwischen Entgelterhöhung oder Arbeitszeitverkürzung zu schaffen“, sagt der Forscher.
    Diesen Abschluss, inklusive einer Einmalzahlung von 550 Euro, hat die Bahn auch den Lokführern angeboten. Doch die GDL hat anderes im Sinn. Sie will die Belastung des Zugpersonals verringern und dafür eine reine Fünf-Tage-Woche durchsetzen. Nach dieser Arbeitsphase sollen die Zugführer immer zwei freie Tage erhalten. Bei einem Unternehmen, das an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr unterwegs ist, gestaltet sich eine feste Blockbildung jedoch schwierig, weil kein Ausgleich mehr zwischen Wochen mit weniger Arbeitstagen und solchen mit mehr Arbeitstagen geschaffen werden kann. „Bereits diese Forderung der GDL allein führt zu einer durchschnittlichen 4,5-Tage-Woche“, rechnet Personalvorstand Ulrich Weber vor. Um alle Wünsche der Gewerkschaft nach zusammenhängenden Ruhezeiten umzusetzen, müssten die Schichtlängen auf über zehn Stunden erhöht werden.
    Nun sollen Platzeck und Ramelow den Knoten lösen. Bis zum Ende der Schlichtung, die wohl wenigstens bis Mitte Februar dauern wird, haben beide Seiten Stillschweigen vereinbart. Damit haben die Tarifparteien beim letzten Mal gute Erfahrungen gemacht. Kommt es nicht zu einer Einigung, dürfen die Schlichter noch Überstunden anberaumen. Erst wenn auch beim Nachsitzen keine Lösung zustande kommt, drohen wieder Streiks. Bis zum Ende der Schlichtung gilt die Friedenspflicht.
    Zwei Gewerkschaft, die in einem Unternehmen ganz unterschiedliche Strategien verfolgen. Um die Regelungen zur Arbeitszeit geht es jedoch beiden. So kann es gut sein, dass am Ende zum Beispiel für die Zugbegleiter zwei unterschiedliche Tarifverträge gelten. Diesen Fall wollte die Bahn bisher immer ausschließen. Doch von der harten Linie sind die Arbeitgeber nun abgewichen. Wenn die Arbeitnehmer einen Teil ihrer Arbeitszeit ohnehin selbst bestimmen, spielen deckungsgleiche Verträge keine große Rolle mehr. Vielmehr soll das Verteilungsvolumen für beide Gewerkschaften gleich bleiben und die jeweils getroffenen Vereinbarungen müssen in die betriebliche Praxis passen.
    WSI-Experte Bispinck bewertet die Tarifpolitik des Konzerns positiv, weil die Wünsche der Mitarbeiter wiedergegeben werden. Und auch für das Unternehmen sei das Wahlrecht der EVG von Vorteil. „Es ist aus Arbeitgebersicht eine kluge Regelung, weil er für mögliche Bewerber an Attraktivität gewinnt“, erläutert Bispinck. Andere Gewerkschaften beobachten diese Neuerung genau. Die IG Metall will ebenfalls die Wünsche ihrer Mitglieder erfragen und die Ergebnisse mit in die nächste Tarifverhandlung nehmen. Es ist also durchaus möglich, dass das Modell Bahn schnell Schule macht und den Arbeitnehmern mehr Mitbestimmung bei der Gestaltung ihrer Arbeitszeiten bringt.

  • Bundesamt warnt vor Schlankheitsmitteln

    Vorsicht vor Angeboten aus dem Internet

    Schlankheitsmittel können höchst schädliche Nebenwirkungen entfalten. „Im schlimmsten Fall können sie sogar tödliche Folgen haben“, warnt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Mit illegalen Substanzen seien vor allem Produkte belastet, die nur im Internet angeboten werden.
    Der häufig versprochene wundersame Gewichtsverlust tritt laut BVL nur in wenigen Fällen ein. Einige Anbieter mischen unerlaubt chemische Substanzen unter ihr Mittel, um so die Wirksamkeit zu erhöhen. „Solche Produkte werden hauptsächlich im Internet vertrieben und häufig als '100 Prozent natürliche' oder 'rein pflanzliche' Nahrungsergänzungsmittel angeboten“, stellen die BVL-Experten fest. Tatsächlich enthielten sie nicht angegebene pharmakologische Stoffe in hohen Dosierungen. „Nach der Einnahme solcher Mittel mussten schon mehrere Todesfälle verzeichnet werden“, warnt das Amt.
    Einer dieser Stoffe ist die künstlich erzeugte Substanz Sibutramin. Der Appetitzügler wurde 2010 wegen seiner massiven Nebenwirkungen in der EU verboten. Trotzdem finden die Lebensmittelkontrolleure immer wieder Lebensmittel, die damit versetzt sind, zum Teil in höheren Dosierungen. Bei den Schlankheitsmitteln, in denen die Prüfer fündig wurden, handelt es sich um Nahrungsergänzungsmittel. Sie kommen als „Slimming Tea“ oder „Weight loss coffee“ auf den Markt.
    Gewarnt wird auch vor der Industriechemikalie 2,4-Dinitrophenol. Sie wird eigentlich bei der Herstellung von Farbstoffen, Holzschutzmitteln, Insektiziden und Sprengstoffen eingesetzt. Bei einer längeren Einnahme durch den Menschen kann es zu Schäden der Leber und Niere sowie dem Herz-Kreislauf- und dem Nervensystem kommen. Laut BVL gab es in verschiedenen Ländern Todesfälle, die auf den Verzehr der Substanz zurückzuführen sind.
    Auch die Kombination von Synephrin und Koffein bereitet der Behörde Sorgen. Die chemische Substanz erhöht den Energieverbrauch des Organismus und wird auf der Zutatenliste oft als Bitterorangenextrakt geführt. Zusammen mit Koffein gefährdet Synephrin das Herz-Kreislauf-System. Die Folgen reichen bis hin zum Herzinfarkt.
    Das BVL rät zu einer gesunden Skepsis, wenn schnelle Erfolge beim Abnehmen versprochen werden. Vorsichtig sollten Verbraucher sein, wenn die Angebote ausschließlich im Internet vertrieben werden. Auch sollten Verbraucher Schlankheitsmittel nicht von Privatpersonen kaufen und sich im Impressum der Webseite des Anbieters von dessen Vollständigkeit vergewissern. „Informieren sie sich vor dem Kauf über die Ihnen unbekannten Zutaten“, raten die Experten weiter. Gerade diese könnten illegale Beigaben enthalten. Im Zweifel sollte der Rat eines Arztes oder Apothekers eingeholt werden.
    Der Markt für diese Nahrungsergänzungsmittel ist kaum reguliert. Anders als bei Arzneien müssen diese Substanzen keine aufwändigen Prüf- und Genehmigungsverfahren durchlaufen. Sie sind eigentlich nur dazu bestimmt, eventuell fehlende Nahrungsbestandteile wie etwa Vitamine oder Eisen, zu ergänzen. Wie Medikamente dürfen sie hingegen nicht wirken. Doch das wird nur in Stichproben untersucht.