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  • Zweifelhaftes Geschenk

    Kommentar zur Kaufprämie für Elektroautos von Hannes Koch

    Die Energiewende bewältigt Deutschland mit einem sehr effektiven Modell. Die Stromverbraucher finanzieren gemeinsam die Förderung für Ökostrom. Das gefällt nicht allen – immer wieder gab es Ärger wegen der Kosten. Unter dem Strich aber bleibt: Die umweltfreundliche Transformation des Energiesystems funktioniert. Und trotzdem hält sich die Belastung für die Privathaushalte und die öffentlichen Finanzen in Grenzen. So ähnlich sollte man es auch bei den Elektroautos machen.

    Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel wollen Kaufanreize für E-Autos durchsetzen. Damit schnell mehr davon auf die Straßen kommen, könnten Käufer ein paar tausend Euro vom Staat geschenkt bekommen. Eine gute Idee? Eher nicht.

    Denn warum soll der Staat den Kauf bestimmter Produkte subventionieren? Gabriel sagt: Weil Autos so wichtig sind für die deutsche Industrie und den Wohlstand unseres Landes. Stimmt. Aber es gibt eine aus staatlicher Sicht viel billigere Lösung. Beispielsweise mittels einer höheren Steuer für Diesel- und Benzinfahrzeuge mit großem Motor und starkem Abgasausstoß könnte man einen Fonds füllen, aus dem Subventionen an die Käufer von E-Fahrzeuge fließen. Wirkung: Besonders klimaschädliche Wagen werden teurer, umweltfreundliche dagegen billiger. Die Nachfrage verschiebt in Richtung der E-Mobile. Für die Käufer hochpreisiger, konventioneller Fahrzeuge spielen ein paar tausend Euro zusätzlich keine Rolle. Und der Staat bezahlt: nichts.

    Schätzungsweise wird es aber nicht so kommen. Denn die deutschen Autokonzerne und ihre Zulieferer mobilisieren erheblichen politischen Einfluss. Schließlich bedrohen höhere Steuern oder Grenzwerte für große, klimaschädliche Fahrzeuge ihr Geschäftsmodell. Vielleicht hat die Bundesregierung aber doch noch ein Einsehen. Denn angesichts der gegenwärtigen politischen Lage in Deutschland und Europa sollte man kein Geld zum Fenster rauswerfen.

  • Minister befürworten Kaufanreize für Elektroautos

    Bundesregierung will bis März entscheiden. Jeder Käufer eines E-Fahrzeugs könnte einige tausend Euro Kaufprämie von Staat und Industrie erhalten

    Auch Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) plädiert nun für staatliche Kaufanreize für Elektroautos. Damit hat Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) einen weiteren Unterstützer der Idee einer finanziellen Förderung gewonnen. Bei ihrem Treffen mit den Autokonzernen Daimler, VW und BMW beschloss die Bundesregierung am Dienstagabend, bis kommenden März „einen gemeinsamen Handlungsrahmen zu entwickeln“, so Gabriel.

    Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, dass 2020 rund eine Million Elektroautos auf hiesigen Straßen fahren. Dies soll einerseits die Nachfrage nach Ökostrom erhöhen und klimaschädliches Benzin ersetzen. Andererseits müssen die in Deutschland ansässigen Fahrzeughersteller konkurrenzfähige Stromautos verkaufen, wenn sie mit Konkurrenten wie Tesla und Toyota mithalten wollen. Bisher wurden hierzulande erst wenige zehntausend E-Mobile angemeldet: Sie sind teuer, haben eine geringe Reichtweite, und es gibt zu wenige Stromtankstellen.

    Gabriel geht es in erster Linie um „Industriepolitik“ und Arbeitsplätze in Wolfsburg, München, Stuttgart und anderen Städten. Deshalb will er ein „Marktanreizprogramm“ durchsetzen, das eine Kaufprämie pro Elektroauto von vielleicht 5.000 Euro oder einen entsprechenden Steuervorteil beinhaltet. Wer einen solchen Wagen erwirbt, würde dann einen Zuschuss oder eine Steuergutschrift bekommen. Auf eine Million Fahrzeuge hochgerechnet kostete eine solche Maßnahme rund fünf Milliarden Euro.

    Deshalb ist Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) kein Freund der Idee. Er hat zwar den Haushalt 2015 mit einem Überschuss von rund 13 Milliarden Euro abgeschlossen. Aber in den nächsten Jahren kommen hohe zusätzliche Ausgaben für die Einwanderer auf ihn zu.

    Das weiß auch die bayerische Landesregierung. CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer will die E-Auto-Produktion bei BMW und Audi fördern, hat den Unternehmen aber das Versprechen abgenommen, sich finanziell zu beteiligen. „Die bayerische Automobilindustrie möchte einen eigenen deutlichen Beitrag zur Kaufprämie erbringen“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung.

    Vorstellbar ist beispielsweise, dass 1.500 oder 2.000 Euro pro Fahrzeug von der Industrie kommen. Bei BMW hält man diese Größenordnung für plausibel. Die Unternehmen könnten einfach den Preis pro E-Auto verringern. Der Staat würde weitere 3.000 Euro an die Käufer auszahlen.

    Diskutiert werden aber auch andere Lösungen. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen schlägt einen „E-Mobilitäts-Fonds“ vor, „in den die Autohersteller einzahlen“. Zusätzlich könne der Fonds durch einen Beitrag von Fahrzeugen mit hohem Kohlendioxid-Ausstoß gespeist werden. Auch Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) sagt, ein staatlicher Zuschuss für den Kauf von Elektroautos solle mit einer Extrasteuer auf große Fahrzeuge bezahlt werden. Solche Modelle erinnern an die Förderung von Ökostrom: Alle Stromkunden bezahlen dabei einen Aufpreis auf Elektrizität, mit dem Wind-, Solar- und Biomasse-Kraftwerke gefördert werden.

    Einige Wirtschaftsverbände, unter anderem der Verband der Elektroindustrie (ZVEI), kritisieren die Kaufprämie, weil damit falsche Anreize gesetzt würden. Neben höheren Verkaufszahlen für E-Fahrzeuge will die Regierung auch erreichen, dass das Netz der Ladestationen stark ausgebaut wird. Außerdem drängt Gabriel die Hersteller, eine einheimische Fertigung von Batterien zu errichten. Man müsse verhindern, dass die deutschen Autoproduzenten bei diesem technologischen Kernelement von asiatischen und amerikanischen Fabriken abhängig würden, so der Wirtschaftsminister.

  • Milliarden für neue Brücken, Weichen und Stellwerke

    Sanierungsprogramm für die Schiene läuft auf Hochtouren. Fahrgäste müssen vielerorts mit längeren Fahrzeiten rechnen

    Das milliardenschwere Instandhaltungsprogramm für die Schienenwege geht in diesem Jahr in die nächste Runde. 5,5 Milliarden Euro stehen 2016 für neue Anlagen bereit. Insgesamt sieht eine Vereinbarung zwischen Bahn und Bund bis zum Ende des Jahrzehnts Ausgaben von 28 Milliarden Euro für die Sanierung des vielfach maroden Netzes vor. „Wir wollen die Verfügbarkeit deutlich erhöhen“, sagt der zuständige Netzvorstand der Bahn, Roland Bosch.

    In diesem Jahr will die Bahn sich auf bundesweit acht Trassen konzentrieren. Dabei handelt es sich um die Strecken Hamburg-Göttingen, Bremen-Münster, Berlin-Elsterwerda, Köln-Hagen, Frankfurt-Stuttgart, Ulm-Augsburg, Saalfeld-Nürnberg sowie München-Salzburg. Der Umfang der Arbeiten fällt unterschiedlich aus. So wird die Strecke von Saalfeld nach Nürnberg komplett erneuert und dafür mehr als ein halbes Jahr lang gesperrt. Die Alternative dazu wären acht Jahre lang Bauarbeiten bei laufendem Betrieb, erläutert Thomas Schaffer, der ebenfalls im Netzvorstand sitzt. Eng wird es zwischen Frankfurt und Mannheim. Dort läuft der Zugverkehr im Hochsommer nur noch eingleisig.

    „Bauen bedeutet eine Einschränkung der Kapazität“, entschuldigt Schaffer jetzt schon die anstehenden Nachteile für die Reisenden. Je nach Region fallen Nahverkehrszüge ganz aus, brauchen Züge länger oder fahren auf anderen Strecken zu ihrem Ziel. In Spitzenzeiten laufen die Arbeiten gleichzeitig auf 850 Baustellen. Das Pensum ist beträchtlich. In diesem Jahr werden 3.200 Kilometer Schiene, 2.000 Weichen, 2,9 Millionen Schwellen und vier Millionen Tonnen Schotter, erneuert oder instandgehalten. Dazu kommt noch die Sanierung von 150 Brücken.

    Durch eine bessere Koordination der einzelnen Projekte sollen die Kapazitätsengpässe bei größerer Bauleistung reduziert werden. Im Sommer will die Bahn zudem ein neues Onlineportal eröffnen, auf dem sich Reisende in Echtzeit über Störungen im Zugverkehr und Ausweichmöglichkeiten informieren können. „Man sieht sofort: wo gibt es Stötungen und wie kann ich mich darauf einstellen“, verspricht Netzvorstand Thomas Schaffer.

    In den vergangenen Jahren musste sich der Konzern immer wieder Kritik gefallen lassen, weil es ihm nicht gelang, die bereitgestellten öffentlichen Gelder auch binnen Jahresfrist auszugeben. Die Planung hat das Unternehmen nun besser im Griff. „2015 wurden die Mittel bis zum letzten Euro verbaut“, sagt Bosch. Auch bewegen sich Bosch zufolge die Ausgaben im geplanten Rahmen. Zwar sei ein Anstieg der Kosten für reine Bauleistungen zu beobachten. Doch dies werde durch geringere Aufwendungen bei anderen Leistungen wie der Digitalisierung der Stellwerke wieder ausgeglichen. Gerade bei der technischen Ausstattung spielen Anbieter aus dem Ausland, zunehmend auch aus China, eine immer größere Rolle.

    Ein weiteres Problem hat laut Bosch ebenfalls an Brisanz verloren. Immer wieder wurde die Bahn bei Bauleistungen durch Korruption geschädigt. Der in den letzten Jahren verstärkt aufgenommene Kampf gegen bestechliche Firmen und Beschäftigte, der auch zu harten Strafen durch die Gerichte führt, zeigt Wirkung. „Die Unternehmen haben umgedacht“, umschreibt Bosch sich ändernde Kultur der Auftragsvergabe. Es wären keine wesentlichen Taten mehr aufgefallen.

  • Tankstellenpreise im Supermarkt sind unwahrscheinlich

    Die neuen digitalen Preisschilder im Handel bringen den Verbrauchern wohl eher Vor- als Nachteile

    Große Handesketten ersetzen nach und nach das klassische Preisschild auf Papier oder Pappe durch digitale Preisanzeiger. Der Elektronikmarkt Saturn will beispielsweise alle Märkte damit ausstatten.
    Damit schaffen sie die technischen Voraussetzungen für schnelle Preisschwankungen. Je nach dem, wie diese Technik eingesetzt wird, könnte der Konsum teurer oder günstiger werden. Denkbar ist beispielsweise, dass Bier und Knabberzeug in den Stunden vor einem großen Fußballspiel mehr kosten als üblich, weil es dafür nur eines Knopfdrucks in der Firmenzentrale bedarf. Umgekehrt ist ebenso vorstellbar, dass vielleicht ein bestimmtes TV-Gerät im Elektronikmarkt plötzlich viel günstiger angeboten wird, weil das Modell im Internet zum gleichen Preis erhältlich ist.

    Verbraucherschützern bereitet die Aussicht auf flexible Preise Sorge. „Theoretisch kann dies zu einer hohen Fluktuation der Preise führen“, sagt Handelsexperte Miika Blinn vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv). Manche Kritiker warnen schon vor einer ähnlichen Entwicklung wie bei den Tankstellen, die ständig am Spritpreis drehen. Im schlimmsten Fall könnte die Blinn zufolgen zu einer systematischen Benachteiligung ganzer Kundengruppen führen. Das wäre etwa der Fall, wenn pünktlich zum Feierabendgeschäft, wenn Arbeitnehmer Lebensmittel kaufen, die Milch plötzlich zehn Cent mehr kosten würde. „Wir werden den Handel genau beobachten“, kündigt Blinn an.

    Der Handel will die Bedenken zerstreuen. „Sie können nicht einem Kunden ein Produkt für 2,90 Euro verkaufen und dem nächsten dasselbe für 4,90 Euro“, sagt ein Sprecher des Einzelhandelsverbands (HDE), „das ist alltagsfern.“ Die Unternehmen seien auf Stammkunden angewiesen, die durch so eine Praxis schnell vergrault würden. Auch bei der Lebensmittelkette Rewe hält man die Angst vor Tankstellenverhältnissen für abwegig. Die Kunden würden solchen Supermärkten sofort und dauerhaft den Rücken zukehren, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. Außerdem sieht Rewe rechtliche Probleme, weil ein Supermarkt keine Preissicherheit mehr gewährleisten könnte. Ein Beispiel verdeutlicht die Schwierigkeit. Ein Kunde packt sich eine Becher Sahne in den Einkaufskorb, der mit 69 Cent ausgezeichnet ist. Während er auf dem Weg zur Kasse ist, erhöht die Zentrale des Supermarkts den Preis um zehn Cent. „Das ist nicht rechtens“, stellt Rewe klar.

    Die Furcht vor laufenden Preisänderungen erscheint zumindest im Lebensmittelhandel unbegründet. Die Branche hat dennoch einen wichtigen Grund für die Einführung der digitalen Preisschilder. Allein bei Lebensmitteln gibt es 120.000 verschiedene Produkte. Der Zeitaufwand, per Hand auf Papierschildern alle Preis anzubringen, ist enorm und damit teuer. Künftig kann dies einmal am PC per Mausklick für alle Filialen gleichzeitg erledigt werden. Diese Kosteneinsparung treibt den Einsatz der digitalen Systeme vor allem voran.

    Auch Forscher und Preisexperten sehen derzeit keinen Grund zur Sorge. „Der Wettbewerb im Einzelhandel ist mit dem der Tankstellen nicht vergleichbar“, sagt Sebastian Deppe von der BBE Handelsberatung, einer auf die Branche spezialisierten Beratungsfirma. Den großen Unterschied macht demnach die Vergleichbarkeit von Qualität und Preisen im Handel aus. Mit dem Smartphone bewaffnet kann zum Beispiel jeder Konsument schnell feststellen, ob eine Waschmaschine oder ein Markenhemd in einem Onlineshop billiger zu haben ist. So erwarten manche Fachleute tendenziell eher einen Vorteil für die Kunden durch die Digitalisierung. Denn die Preistransparenz beflügelt den Wettbewerb.

    So sieht es auch Tobias Maria Günter, der für die Preisberatungsfirma Simon-Kucher & Partners die Entwicklung der Branche verfolgt. Wechselpreise seien unwahrscheinlich, weil „der Händler ein klares Preisimage verliert“, glaubt Günter. Das koste Kunden und Umsatz. Außerdem würden Konkurrenten eine erfolgreiche Strategie kopieren. „In der Konsequenz bedeutet es, dass die flexible Preisanpassung dann kein Wettbewerbsvorteil ist, sondern einen Preiskampf auslösen kann“, erläutert der Experte. Diese Einschätzung teilt Cetin Acar, Forscher beim Kölner EHI Retail Institut. „Es gibt Preisanpassungen als Reaktion auf den Wettbewerb, doch immer nach unten“, stellt er fest.

    Die Verbraucher haben ein großes Gegengewicht zur Marktmacht der großen Handelskonzerne. Der inzwischen nahezu überall mögliche Zugang zum Internet lässt aktuelle Preisvergleiche zu. Mit der Kenntnis der günstigsten Angebote kann der Kunde den Händler vor Ort unter einen gewissen Druck zu einem Preisnachlass setzen. Gerade der Internethändler Amazon bereitet dem herkömmlichen Geschäften Probleme. „Amazon verändert die Preise für manche Artikel mehrmals am Tag“, beobachtet Verbraucherschützer Blinn. Dabei sucht der US-Handelskonzern wohl selbst den Markt nach den jeweils aktuellen Preisen ab und reagiert dann darauf. Das erhöht den Wettbewerbsdruck weiter. Einseitige Preisstrategien zu Lasten der Kunden haben unter diesen Bedingungen keine Erfolgschance.

  • Wohlstand wächst nicht, sondern stagniert

    Grüne legen alternativen Jahreswohlstandsbericht vor. Wirtschaftsminister prognostiziert Wachstum von 1,7 Prozent. Welches ist der richtige Maßstab für Wohlstand?

    Deutschlands Wohlstand stagniert. Das ist das Ergebnis des ersten Jahreswohlstandsberichts, den die Grünen im Bundestag am Mittwoch vorgelegt haben. Damit relativiert die Partei die Aussage Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriels (SPD), der das Wachstum für 2016 auf 1,7 Prozent prognostiziert.

    In ihrem Wohlstandsbericht analysieren die Grünen anhand von acht Indikatoren, wie sich Deutschland entwickelt. Sie betrachten den ökologischen Fußabdruck (negative Tendenz), die Artenvielfalt der Natur (negativ), den Anteil von Umweltschutzprodukten am Industrieexport (neutral), die Verteilung der Einkommen zwischen Armen und Reichen (negativ), den Bildungsstand der Bürger (positiv), die Wirtschaftsleistung (neutral), die Qualität der öffentlichen Ordnung (positiv) und die Lebenszufriedenheit der Bevölkerung (positiv).

    Bei zwei neutralen, drei negativen und drei positiven Indikatoren ergibt sich ein neutrales Gesamtergebnis. Mit anderen Worten: Der Wohlstand der Deutschen ist in den vergangenen Jahren nicht gewachsen.

    Zum Beispiel der ökologische Fußabdruck: In der Landwirtschaft verursacht die starke Düngung der Äcker und Felder, dass viel mehr Nitrat in den Boden gerät, als dieser verarbeiten kann. Grundwasser, Meere und Flüsse werden stark belastet. Die Qualität der Umwelt nimmt ab. Der Indikator zeigt deshalb ein negatives Ergebnis.

    Beispiel Wirtschaftsleistung: Deutschland stellt zwar immer mehr Waren und Dienstleistungen her. Die Grünen sagen allerdings, dass man ökologische oder soziale Schäden, die dadurch entstehen, gegenrechnen muss. Unter dem Strich ist die Wirtschaftsleistung damit nicht gestiegen, sondern nur gleich geblieben.

    Demgegenüber präsentierte Wirtschaftsminister Gabriel den traditionellen Jahreswirtschaftsbericht mit der Wachstumszahl. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) – der Wert aller produzierten Waren und Dienstleistungen minus Vorleistungen – soll demnach 2016 preisbereinigt um 1,7 Prozent steigen. 2015 lag in einer ähnlichen Größenordnung. Die Prognose ist wegen der weltwirtschaftlichen Turbulenzen etwas pessimistischer als bisher. Trotz des starken Zuzugs von Flüchtlingen wird die Zahl der Arbeitslosen nur wenig zunehmen, meint das Wirtschaftsministerium. Ein großer Teil der Zuwanderer ist noch nicht in die Statistik aufgenommen. Außerdem steigt der Bedarf an Arbeitskräften, weil mehr Menschen einkaufen. Dieser expansive Effekt neutralisiert die Zunahme der Erwerbslosigkeit unter Migranten zum Teil.

    Die Grünen betrachten die Fixierung auf die Zahl des Wirtschaftswachstums jedoch als einseitig. „Wir nehmen Abschied von der Magie einer einzelnen Zahl“, sagte Kerstin Andreae, Vizevorsitzende der grünen Bundestagsfraktion. „Gabriel blickt nur durch das Schlüsselloch. Unser Bericht ist breiter“, erklärte Fraktionschef Anton Hofreiter.

    Der alternative Wohlstandsbericht baut auf den Ergebnissen einer Bundestagskommission auf, die während der vergangenen Regierungsperiode einen Katalog von Messgrößen entwickelt hat, um das BIP zu ergänzen. Eine Berichterstattung der Regierung anhand dieser Indikatoren gibt es bisher aber nicht. Die Grünen wollen nun Nägel mit Köpfen machen. Ihren Bericht erarbeitet haben die Wissenschaftler Roland Zieschank und Hans Diefenbacher. Besonders nach der Finanzkrise ab 2007 hatte sich der Eindruck verbreitet, BIP und Wirtschaftswachstum reichten nicht mehr aus, um den wahren Zustand einer Gesellschaft zu beschreiben.

    Positiv entwickelte sich laut grünem Wohlstandsbericht die Bildungssituation, weil es den Schulen mittlerweile besser gelingt, soziale Nachteile auszugleichen. Der Indikator für „Governance“ zeigte ebenfalls nach oben: Die Verwaltung in Deutschland ist wenig korrupt, die Regierungen handeln effektiv und im Interesse der Bürger.

    Das deutlichste Zeichen einer positiven Entwicklung ist schließlich die Lebenszufriedenheit der Bürger, die 2014 auf dem höchsten Stand der vergangenen 25 Jahre lag. Darin spiegelt sich unter anderem die geringe Arbeitslosigkeit. Die Auswirkungen des starken Zuzugs von Flüchtlingen sind noch nicht enthalten.

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    Arbeit 2016
    Laut Jahreswirtschaftsbericht von Sigmar Gabriel wird die Beschäftigung in Deutschland 2016 erneut steigen: Nach einem Plus von 0,8 Prozent im Jahr 2015 werde sie in diesem Jahr um 0,9 Prozent zulegen. Die Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer dürften 2016 um 2,6 Prozent zunehmen nach 2,9 Prozent im vergangenen Jahr. Schon im vergangenen Jahr sei mit rund 43 Millionen Erwerbstätigen zum neunten Mal in Folge ein Beschäftigungsrekord erreicht worden. Die Arbeitslosenquote werde bei einem weiteren Beschäftigungsanstieg wie 2015 auch im laufenden Jahr 6,4 Prozent betragen.

  • Falsches, weil echtes Fell

    Stiftung Warentest findet echte Fell an der Mode, wo angeblich Kunstgewebe verwendet wird. Denn gequälte Marderhunde aus China sind billiger als Kunstpelz. Viele große Marken verzichten auf Tierfelle.

    Der Bommel auf der Mütze oder der Fellrand an der Kapuze sind beliebte Aufsätze bei Winterkleidung. Kaum ein Käufer kommt bei der Anprobe im Laden auf die Idee, dass es sich dabei um echtes Fell von Tieren handeln könnte. Schon gar nicht bei Preisen von wenigen Euro für ein Stück. Doch die Stiftung Warentest hat nun das Gegenteil herausgefunden. Die Prüfer kauften in 20 Geschäften Kleidung mit Pelzbesatz ein und analysierten diese. Als Stichprobe kauften die Verbraucherschützer vier Jacken und eine Mütze, deren Besatz verdächtig echt aussah, aber nicht als tierischen Ursprungs gekennzeichnet war. „Alle fünf sind mit echtem Pelz bestückt“, lautet das in der Zeitschrift Test nun veröffentlichte Ergebnis der Laboruntersuchung.

    Die EU schreibt verpflichtende Angaben zur Herkunft des Materials vor, wenn echte Pelze verwendet werden. „Enthält nichttextile Teile tierischen Ursprung“ steht dann auf dem Beipackzettel der Ware. Doch dieser Hinweis fehlt anscheinend bei manchen Modehäusern absichtlich. Zumindest ertappt sollten sich die betreffenden Unternehmen nach der Anfrage der Warentester fühlen. Doch nur zwei Firmen antworteten überhaupt auf die Anfrage der Stiftung. Auch bei den Anbietern von Kleidung mit echtem Pelz ist Verschwiegenheit angesagt. 23 Hersteller wurden befragt, welche Pelze sie verwenden und wo diese herkommen. 17 Firmen, darunter laut Warentest auch Karstadt, reagierten nicht auf die Nachfragen.

    Ein Grund für die stillschweigende Verwendung von echten Tierfellen ist nach Einschätzung der Verbraucherschützer, dass Importfelle aus China billiger sind als Kunstpelze. Marderhunde aus chinesischen Zuchtbetrieben werden als billige Lieferanten von Pelzen weltweit vertrieben. Tierschutzorganisationen prangern die Quälerei in den Zuchtstationen schon lange an. Im Internet kursieren entsetzliche Fotos von den Zuständen dort. Die Tester wollte auch wissen, welche Tiere für ihre Stichprobe ihr Fell lassen mussten. Doch die Chemiker im Labor konnten dies nicht mehr herausfinden, weil die Felle chemisch stark behandelt wurden. Gefunden wurde beispielsweise Fomaldehyd, ein Stoff, der durch das Einatmen Krebs auslösen kann.

    Eine positive Nachricht enthält der Testbericht auch. Große Markenhersteller wie C&A, Zalando, Galerie Kaufhof, Otto, H&M oder Tchibo haben sich selbst einen Verzicht auf die Verarbeitung von echten Pelzen auferlegt. Sie haben sich einem internationalen Programm dazu angeschlossen. Wer bei Kauf auf Nummer sicher gehen will, kann sich auf der Internetseite www.furfreeretailer.com vergewissern, dass sein bevorzugtes Modehaus mit der Teilnehmerliste dieser Initiative steht.

    Ansonsten bleibt den Käufer nur der genaue Blick auf die Ware. Scheitelt man das Fell, kommt bei echtem Pelz das darunter liegende Leder zum Vorschein, bei Kunstpelz das Gewebe. Auch schmelzen die Kunsthaare zu kleinen Kügelchen zusammen, wenn sie angezündet werden. Echte Haar zerfällt dagegen und stinkt.

  • Zugang zu den Mächtigen

    Was das Weltwirtschaftsforum von Davos bringt

    Die Frau aus Uganda fällt hier auf. Winnie Byanyima, 57 Jahre alt, studierte Luftfahrttechnikerin, ist farbenfroh gekleidet. Sie trägt einen leuchtend blauen Blazer. Das Kopftuch funkelt in blau, grau, gelb.

    Personen wie sie gibt es beim Weltwirtschaftsforum in Davos nur wenige. Auf den beigen Teppichen des Kongresszentrums herrscht ein Gewühl von dunklen Anzügen. Es dominieren die Männer, Manager aus den USA und Europa. Die Asiaten holen auf. Aber Afrika ist eindeutig unterrepräsentiert.

    Und Leute, die sich als Fürsprecher der Unterprivilegierten verstehen, die den Reichen und Unternehmen etwas wegnehmen wollen, um es den Armen zu geben, sind erst recht in der Minderheit. Byanyima ist Geschäftsführerin der Bürgerrechts- und Entwicklungsorganisation Oxfam.

    Was tut eine Frau wie Byanyima hier beim alljährlichen Gipfel der Wirtschaftselite in Davos? Was bringt diese Veranstaltung für ihr Anliegen?

    Die Blicke auf die Smartphones gerichtet hetzen hunderte Menschen durcheinander. Sie sind auf dem Weg zum nächsten Workshop mit Facebook-Chefin Sheryl Sandberg, haben einen Termin mit einem Financier, von dem sie Geld erhoffen, oder wollen sich vom Microsoft-Vorstand die künstliche Intelligenz erklären lassen. Viele der Veranstaltungen sind voll, vor den Türen stehen Schlangen, das Angebot ist groß, die Nachfrage noch größer.

    Bei Byanyima jedoch ist der Besuch überschaubar. Von 30 Plätzen ist die Hälfte besetzt. Vor der dunkelblauen Wand mit dem WEF-Logo spricht die Aktivistin mit tiefer, weicher Stimme. Hart ist, was sie sagt. Die 62 reichsten Personen der Erde würden mittlerweile soviel Vermögen besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – über 1.500 Milliarden Euro. Den Unternehmen, die das Weltwirtschaftsforum (WEF) tragen, wirft sie vor, sich planmäßig in Steueroasen anzusiedeln. „Die Unternehmen verstecken ihr Geld vor der Steuer.“ Damit würden sie ihren Heimatstaaten Milliarden vorenthalten und die riesige Spanne zwischen Arm und Reich weiter vergrößern. „Stattdessen sollten sie allen Beschäftigten Löhne zahlen, die für ein menschenwürdiges Leben ausreichen.“

    Eine Anklage. Warum lädt Byanyima dazu nicht in London ein, in New York oder Berlin?

    Weil sie hier in Davos direkten Zugang hat zu den größten Konzerne der Welt, zu einigen der reichsten Menschen der Erde und zu vielen mächtigen Politiker. Es gibt wenige Plätze auf der Welt, wo Byanyima ihre politischen Ansprechpartner, die häufig gleichzeitig ihre Gegner sind, in dieser Anzahl gleichzeitig an einem Ort treffen kann. Denn das WEF wird getragen und finanziert von den einflussreichsten Unternehmen. Für ihre Vorstände ist Davos ein fester Eintrag im Kalender.

    Und diese Leute müssen ihr hier zuhören. Sie müssen mit ihr reden. Sie müssen sie ernst nehmen. Die Vorstandsvorsitzenden können zwar vergessen, was Byanyima ihnen erzählt hat und so weitermachen wie bisher. Aber im nächsten Jahr oder im übernächsten wird die Frau aus Uganda wieder da sein und sie fragen: So what did you do – Was haben Sie seit vergangenem Jahr verändert? „Davos ist eine Plattform, um die globale politische Agenda zu formen“, sagt Byanyima.

    Dafür, dass die Frau aus Uganda weiter anprangern, fordern, drängen und nerven kann, sorgt Klaus Schwab, 77jährige Chef des Weltwirtschaftsforums. Viel ist schon gelacht worden über den offiziellen Anspruch des Elitegipfels, „den Zustand der Welt zu verbessern“. Aber Schwab ist es auf seine Art ernst damit. Deshalb hat er Byanyima beim WEF 2015 zur Mitarbeit als Co-Vorsitzende eingeladen – und ihr so ermöglicht aus einer angemessenen Position heraus das Gespräch mit Facebook, Microsoft, Amazon oder der Schweizer Bank UBS zu suchen.

    Und, hat sich in der Welt etwas geändert durch Byanyimas WEF-Engagement?

    Sie sagt: „Das Thema der Ungleichheit steht nun auf der Agenda.“ Im vergangenen Jahr haben die Vereinten Nationen einen Gipfel zur Entwicklungsfinanzierung veranstaltet, damit einige Milliarden mehr in armen Ländern ankommen. Die Industrieländerorganisation OECD hat begonnen, Druck auf Steueroasen wie die Cayman Inseln zu machen. Die Steuervermeidung durch Konzerne soll erschwert werden. Und Dutzende Staaten haben ein Abkommen geschlossen, um sich gegenseitig Informationen über Auslandskonten ihrer Staatsbürger zu übermitteln. Selbst die Schweiz will mittun. Soweit ist es auch deshalb gekommen, weil Leute Byanyima beim WEF und anderswo über Jahre nicht lockergelassen haben.

    Dass Davos etwas bringen kann, wissen auch ganz andere Leute, aus ganz anderem Grund. Zum Beispiel der Präsident des Iran, Hassan Ruhani.

    Januar 2014. Ruhani, langer schwarzer Mantel, weißer Turban, grauer Vollbart, ist zu Gast im großen Saal des Davoser Kongresszentrums. Er ist freundlich, macht Scherze. WEF-Chef Klaus Schwab heißt ihn willkommen, plaziert ihn neben sich im weißen Sessel auf der Bühne und stellt ihm Fragen, die nicht allzu schwer zu beantworten sind.

    Für Ruhani ist es eine Ehre, für sein Land eine Art Rückkehr aus dem Exil, in das es wegen seiner vermeintlichen Anstrengungen, Atombomben zu bauen, geschickt worden war. Anfang 2014 sind die Verhandlungen über eine Lösung des Konflikts auf gutem Wege. Und so bekommt der Präsident die Gelegenheit, sich als friedlicher Nachbar zu empfehlen. Ruhani nutzt die Plattform Davos, um seine Botschaft zu setzen. Die, die er erreichen möchte, sind ja alle da. Das WEF kann helfen.

    Ähnliche Szene dieses Jahr. Mittlerweile ist das Atomabkommen mit dem Iran unter Dach und Fach. Die meisten Sanktionen wurden bereits aufgehoben. WEF-Manager Philipp Rösler bittet nun Irans Außenminister Javad Zarif auf die Bühne. Der Chefdiplomat, grauer Anzug, weißes Stehkragenhemd, kein Turban, und sein Kollege kommen schnell zur Sache. Das Wirtschaftswachstum bei Ihnen zu Hause werde dieses Jahr acht Prozent betragen. Da wäre es doch schön, wenn die westlichen Konzerne ein paar Milliarden Dollar investierten. Davos – ein guter Anfang für die neue Wirtschaftspartnerschaft.

    Ein guter Anfang – das findet Winnie Byanyima ebenfalls. Mehr aber auch nicht. Jedes Jahr würden die Entwicklungsländer rund 100 Milliarden Euro durch Steuerhinterziehung und Steuervermeidung verlieren. „Wir brauchen einen neuen globalen Ansatz“, sagt Byanyima. Schließlich geht die Schere zwischen Arm und Reich auf der Welt immer weiter auf. Die weltweite Ungerechtigkeit, die Oxfam beklagt, nimmt zu und nicht ab.

    Lässt sich daran wirklich etwas ändern, indem sie und einige andere mit den Mächtigen reden?

    Byanyima jedenfalls will die Kooperation mit dem WEF fortsetzen, „solange wir Ergebnisse sehen“. In jedem Fall muss Oxfam noch einige Veranstaltungen mehr in Davos abhalten, um dieses dicke Brett zu bohren.

  • Warnung vor autonomen Kriegsrobotern

    Weltwirtschaftsforum in Davos: Experten fordern Bann für Waffen, die selbstständig töten

    Kriegsmaschinen, die computerprogrammiert selbstständig kämpfen und töten, gibt es heute noch nicht. Aber werden sie entwickelt? Und dürften sie gebaut und eingesetzt werden? Auch mit diesen Fragen beschäftigte sich das Weltwirtschaftsforum in Davos. Die Podiumsdiskussion „Wenn Roboter Krieg führen“ war Teil der Debatte über den Stand und die Folgen künstlicher Intelligenz.

    Anfangs gab Roger Carr, Vorstand des britischen Rüstungskonzerns BAE Systems, einen kleinen Überblick über die entsprechende Waffentechnik. Bereits heute setzen beispielsweise die USA kleine Flugzeuge ohne Piloten, sogenannte Drohnen, ein, die über tausende Kilometer ferngesteuert werden. Damit greifen die Militärs feindliche Kämpfer in Afghanistan, Pakistan und anderen Regionen an und töten sie. Diese Waffensysteme sind schon in der Lage aus ihren Erfahrungen zu lernen und den Soldaten am Steuerpult im heimatlichen Stützpunkt Vorschläge für den Angriff zu machen. Entscheidend ist hier aber, dass Menschen die Entscheidung über den tödlichen Schuss treffen müssen.

    Die Frage ist allerdings, ob Waffen diese Entscheidung bald selbstständig treffen können und sollten. Die Experten waren sich darüber einig, dass Unternehmen in den USA und anderen entwickelten Staaten solche Kriegssysteme mit künstlicher Intelligenz grundsätzlich in wenigen Jahren werden bauen können. Stuart Russell, Computer-Professor der Universität Berkeley in Kalifornien, verwies auf den Entwicklungsstand autonom fahrender Autos. In dieser Technologie sei der Weg nicht mehr allzu weit, bis Fahrzeuge die meisten Verkehrssituationen selbstständig bewältigten. Deshalb sei es bald auch grundsätzlich machbar, Kampfdrohnen so zu programmieren, dass sie beispielsweise in einem bestimmten Gebiet alle Männer töten, die ungefähr zwischen 12 und 30 Jahren alt seien. Die Waffensysteme würden dann die Fähigkeit besitzen, die Zielpersonen nach einprogrammierten Parametern zu suchen, zu verfolgen und abzuschießen.

    „Diese rote Linie dürfen wir nicht überschreiten“, mahnte Alan Winfield, Elektronik-Professor der Universität von Westengland in Bristol. Denn es sei nicht möglich, intelligente Waffensysteme zu bauen, die ethische Entscheidungen beherrschen. Zum Beispiel: Nach dem internationalen Kriegsrecht ist es verboten, Soldaten zu töten, die sich ergeben. Eine autonome Kampfmaschine kann jedoch nicht sicher erkennen, wann ein Kämpfer aufgibt oder davonläuft, um eine neue Stellung zu suchen. Sie würde in jedem Fall schießen. Maschinen solche ethischen Erwägungen beizubringen, dauere noch sehr lange, so Winfield. Deshalb dürfe man keine autonomen Kampfmaschinen entwickeln. Sonst riskiere man, dass das internationale Recht außer Kraft gesetzt werde und die Menschenrechte nicht mehr gälten.

    Hunderte Wissenschaftler, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigen, haben deshalb einen offenen Brief geschrieben. Sie fordern eine internationale Verständigung, die autonome Waffensysteme mit einem Bann belegt. „Wir müssen das internationale Recht weiterentwickeln, bevor es zu spät ist“, sagte Angela Kane vom Wien-Zentrum für Abrüstung. Denn schließlich bestehe die Gefahr, dass Kampfroboter, wenn sie erst einsetzbar seien, in die Hände von Diktaturen und Terroristen geraten.

  • Gauck plädiert für Begrenzung der Flüchtlingszahlen

    Dies sei eine Voraussetzung, um die Aufnahmebereitschaft der deutschen Bevölkerung zu erhalten, sagte der Bundespräsident in seiner Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos.

    Für die Begrenzung der Zuwanderung nach Deutschland hat sich Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Rede beim Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos eingesetzt. Das sei keine „reflexhafte Abwehr, sondern Element verantwortungsbewussten Regierungshandelns“, sagte Gauck. Der Kongress in dem Schweizer Bergort mit rund 2.500 Managern, Politikern und Wissenschaftlern wurde am Mittwoch eröffnet.

    Gauck versuchte, die deutsche Politik nach außen zu erklären und die Linie von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu unterstützen. „Eine Begrenzungsstrategie kann moralisch und politisch geboten sein, um die Handlungsfähigkeit des Staates zu erhalten“, so Gauck. „Sie kann auch geboten sein, um die Unterstützung für eine menschenfreundliche Aufnahme der Flüchtlinge zu sichern.“ Deshalb suche die Bundesregierung nun „nach Lösungen, um die Zahl der Flüchtlinge zu reduzieren. Gerade weil wir möglichst vielen Schutz bieten wollen, werden wir – so problematisch, ja tragisch es sein kann – nicht alle aufnehmen können.“ Auf eine zahlenmäßig definierte Obergrenze wie sie etwa die CSU verlangt, ging Gauck nicht ein.

    Wichtig sei es besonders, die Außengrenzen der Europäischen Union zu sichern und ihnen wieder Geltung zu verschaffen. Kritik übte der Bundespräsident an Regierungen in Europa, die wenige oder keine Flüchtlinge aufnehmen wollen. “Ich kann aber nur schwer verstehen, wenn ausgerechnet Länder Verfolgten ihre Solidarität entziehen, deren Bürger als politisch Verfolgte einst selbst Solidarität erfahren haben.“ Einzelne Staaten wie Polen, Tschechien oder Ungarn nannte Gauck nicht.

    Der Präsident thematisierte auch die Probleme, die Migration mit sich bringt. „Nicht alle Zuwanderer haben alle europäischen Grundüberzeugungen übernommen. Das gilt besonders für manche Menschen, die selbst oder deren Familien aus muslimischen Ländern stammen, und es gilt für ihre Ansichten etwa über die Rolle der Frau, die Toleranz, die Rolle der Religion oder über unser Rechtssystem.“ Deshalb sei es essentiell, „Migration und Integration zusammenzudenken“.

    Grundsätzlich plädierte der Bundespräsident für Flüchtlingsschutz und Zuwanderung: „Die Aufnahme Verfolgter ist ein Gebot humanitärer Verantwortung. Menschen, die unseres Schutzes bedürfen, dürfen etwas kosten.“ Migration sei „vielfach Motor für Fortschritt und wirtschaftlichen Aufschwung“ gewesen. Der US-Ökonom John Kenneth Galbraith habe Migration einmal als „älteste Maßnahme gegen die Armut“ beschrieben, so Gauck.

    Am Mittwoch veröffentlichte der Internationale Währungsfonds (IWF) auch seine neue Studie „Die Flüchtlingswelle in Europa – Wirtschaftliche Herausforderungen“. Darin machen die Ökonomen einige Vorschläge, die in Deutschland auf Gegenwehr treffen werden. Sie schlagen beispielsweise vor, begrenzte Ausnahmen für Einwanderer beim Mindestlohn zuzulassen. Dieser liegt in Deutschland seit einem Jahr bei 8,50 Euro brutto pro Stunde. Grundsätzlich darf niemand weniger verdienen. Würde Flüchtlingen dies jedoch gestattet, schreibt der IWF, könnte es ihnen leichter fallen, Arbeitsplätze zu finden. Die Gewerkschaften und auch die Mehrheit der großen Koalition sind dagegen, weil dadurch eine neue Billigkonkurrenz für einheimische Beschäftigte entstehe, was zu weiterer Ablehnung der Neuankömmlinge in der Bevölkerung führen könnte.

    Außerdem plädieren die IWF-Experten dafür, das Arbeitsverbot für Flüchtlinge möglichst zu lockern oder aufzuheben. Dies reduziere die Kosten für den Staat, weil sie dann für ihren Lebensunterhalt selbst sorgen könnten. Ferner warnt der Fonds davor, die Freizügigkeit der Neuankömmlinge zu beschränken. Eine verschärfte Residenzpflicht ist dagegen eine Maßnahme, die in Deutschland nach den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln diskutiert wird. Solche Beschränkungen verhindern laut IWF aber, dass die Flüchtlinge dorthin gehen, wo sie Arbeit finden. Um die Integration in den Arbeitsmarkt zu erleichtern, könnten auch Lohnsubventionen zugunsten von Einwanderern und Kredite für Betriebsgründungen helfen, heißt es in der Studie.

    Insgesamt beurteilt der IWF die ökonomischen Aussichten der Einwanderung verhalten positiv. „Der Effekt für einheimische Beschäftigte ist in der Regel klein“, heißt es in der Studie. Migranten würden also den Alteingesessenen nicht die Arbeitsplätze wegnehmen – darauf deuteten die Erfahrungen mit anderen Einwanderungswellen hin. Ein Grund dafür: Neuankömmlinge würden häufig in anderen Segmenten des Arbeitsmarktes Fuß fassen, als sie für Einheimische relevant seien. Als Beispiele können hier türkische Restaurants und Gemüsegeschäfte gelten, die es vor der türkischen Einwanderung nicht gab, in denen aber auch keine Deutschen arbeiten.

    Kurzfristig wird nach Ansicht des IWF die Wirtschaftsleistung in den Staaten mit hoher Einwanderung steigen – vornehmlich Deutschland, Österreich und Schweden. Die Nachfrage ziehe an, was auch wieder zu mehr Arbeitsplätzen führen könne. Die langfristige Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts hänge hingegen davon ab, wie schnell und gut die Flüchtlinge Jobs fänden. Dies sei auch ausschlaggebend dafür, wie sich die gesellschaftlichen Kosten entwickeln. Wenn mehr Flüchtlinge arbeiten, zahlen sie Steuern und Sozialbeiträge, was auch dazu beitrage könne, die die durch die Alterung der deutschen Bevölkerung entstehenden Finanzierungsprobleme der Sozialsysteme zu lindern.

  • „Die Bürger wollen im Alter nicht von Robotern versorgt werden“

    Soziologie-Professor Klaus Dörre spricht über die Folgen des technischen Fortschritts für Arbeit und Beschäftigte. Die vierte industrielle Revolution ist das Hauptthema des diesjährigen Weltwirtschaftsforums in Davos.

    Hannes Koch: Sie sind Professor für Soziologie an der Universität Jena. Zu Ihrem Berufsbild gehört es, sich anspruchsvolle Gedanken zu machen. Ist auch Ihre Tätigkeit in Gefahr, im Zuge der nächsten, der vierten industriellen Revolution durch Maschinen ersetzt zu werden?

    Klaus Dörre: Das Weltwirtschaftsforum in Davos wird wohl die Vorteile der Digitalisierung betonen, die Möglichkeiten neuen Wohlstandes. Aber in den USA ist schon 2008 das Buch „Die letzten Professoren“ erschienen. Manches deutet daraufhin, dass unser klassisches Berufsbild tatsächlich dabei ist zu verschwinden. Beispielsweise durch E-Learning: Da haben manche Professoren 120.000 Hörer in ihren Internet-Vorlesungen. Setzt sich diese Entwicklung fort, wird viel Lehrpersonal überflüssig.

    Koch: Wie sieht es bei mir als Journalist aus?

    Dörre: Interviews wie dieses hier wird man noch lange nicht maschinisieren können. Aber auch in Ihrem Beruf gibt es Anzeichen: Kleine Sportartikel mit den Basiszahlen zu einem Fußballspiel können bereits vom Computer geschrieben werden.

    Koch: Erläutern Sie bitte an einem Beispiel, was „vierte industrielle Revolution“ bedeutet?

    Dörre: Vorstellbar ist Folgendes: Bei einem Mähdrescher verschleisst während der Ernte ein Motorteil. Per Mobilfunk und Internet meldet das Fahrzeug den bevorstehenden Ausfall selbstständig an den Hersteller. Weitgehend ohne menschliches Zutun beginnt dort die computergesteuerte Produktion des Ersatzteils. Innerhalb weniger Stunden kann es per Drohne beim Landwirt eintreffen. Bei dem Rationalisierungsschub, der gerade beginnt, sollen vernetzte Maschinen miteinander kommunizieren und menschliche Arbeit teilweise ersetzen.

    Koch: „Internet der Dinge“ ist das Stichwort. Mit Sensoren ausgestattete Kleidung könnte dann meine Gesundheitsdaten an die Arztpraxis schicken und eine persönliche Untersuchung überflüssig machen. Wieviele der heutigen Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel?

    Dörre: Der US-Soziologe Randall Collins hält 80 Prozent der US-Arbeitsplätze für gefährdet – auch die Berufe der Mittelschicht mit qualifizierter Ausbildung. Die Oxford-Wissenschaftler Carl Benedikt Frey und Michael Osborne sehen Risiken für die Hälfte der Jobs in Industrieländern. Vermutlich sind beides jedoch Horrorszenarien. Sabine Pfeiffer von der Universität Hohenheim ist vorsichtiger: Sie meint, dass zwölf Prozent der heutigen Arbeitsplätze rationalisierungsgefährdet seien. Sie betont, dass Fabriken niemals menschenleer sein würden. Es gäbe beispielsweise dauernd etwas zu reparieren und zu überwachen.

    Koch: Und was denken Sie?

    Dörre: Wir erleben gerade einen Quantensprung, weil beispielsweise die Leistungsfähigkeit des Internets und die ausgetauschten Datenmengen rasant wachsen. Wie sich das auf die Beschäftigung auswirkt, können wir noch nicht wissen. Die Vergangenheit sagt uns darüber nichts Genaues.

    Koch: Wir tappen im Dunkeln?

    Dörre: Ich möchte es positiv formulieren. Die Zukunft ist noch beeinflussbar. Wir haben Optionen. Die meisten Bürger lehnen es vermutlich ab, dass sie im Altenheim von Robotern versorgt werden. Nicht alles, was technisch möglich erscheint, wird auch gemacht.

    Koch: Während der ersten industriellen Revolution zu Beginn des 19. Jahrhunderts konnte die wachsende Industrie nicht alle Menschen absorbieren, die in der Landwirtschaft überflüssig wurden. Millionen Deutsche wanderten nach Amerika aus. Kann so etwas nochmal passieren?

    Dörre: Wohl kaum. Die Bevölkerung in Deutschland wächst ja nicht mehr stark, sondern sie nimmt ab. Aber es gibt Regionen auf der Welt, die von der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung abgehängt sind. Von dort versucht ein eher kleiner Teil der Leute dann zu uns zu kommen.

    Koch: Als zweite industrielle Revolution gelten die Elektrifizierung und die Massenproduktion von Autos und anderen Konsumgütern. Wie war es bei der dritten Stufe, als vor 50 Jahren die Computer eingeführt wurden – ist da die Arbeitslosigkeit in entwickelten Industrieländer gestiegen?

    Dörre: Im globalen Maßstab gab es wohl keine eindeutigen Arbeitsplatzverluste. In einzelnen Ländern kam es jedoch immer wieder zu Wachstumskrisen und steigender Arbeitslosigkeit, die durch die Rationalisierung mitverursacht wurden. In Deutschland beispielsweise verzeichnen wir seit 1991 eine Abnahme des Arbeitsvolumens. Die Gesamtzahl der geleisteten und bezahlten Arbeitsstunden sinkt. Im Durchschnitt arbeitet heute jeder Arbeitnehmer jährlich zehn Prozent weniger als vor 25 Jahren, nämlich noch 1.313 Stunden pro Jahr (1991: 1.473) – wenngleich in den vergangenen Jahren wieder ein gewisser Anstieg zu verzeichnen ist.

    Koch: Ist es nicht eine gute Sache, wenn verbesserte Technik und steigende Produktivität uns ermöglichen, weniger zu arbeiten und trotzdem genug zu verdienen?

    Dörre: Grundsätzlich ja. Aber wir haben es mit einer Polarisierung zu tun. Gut qualifizierte und bezahlte Leute arbeiten oft länger als der Durchschnitt der Beschäftigten, während schlechter ausgebildete Arbeitskräfte weniger Stunden leisten als sie eigentlich möchten. Das sinkende Arbeitsvolumen wird auf mehr Köpfe verteilt. Die Zahl der Arbeitsplätze in Deutschland erreicht ja ständig neue Rekorde, mittlerweile gehen 43,4 Millionen Menschen einer bezahlten Arbeit nach. Ein Ergebnis: Die sogenannten atypischen Beschäftigungen nehmen zu. Viele Altenpflegerinnen haben beispielsweise nur Teilzeitjobs und werden schlecht bezahlt. Millionen Minijobs sind ein ähnliches Phänomen.

    Koch: In den vergangenen Jahren entstehen jedoch wieder mehr vernünftige Arbeitsplätze.

    Dörre: Die Zahl der sozialversicherten Tätigkeiten und der Vollzeitstellen nimmt tatsächlich zu. Trotzdem haben wir 1,44 Million weniger Vollzeitarbeitsplätze als im Jahr 2000. Vor allem Frauen werden um den Preis in den Arbeitsmarkt integriert, dass diese Tätigkeiten mit einem hohem Armutsrisiko verbunden sind. Es stellt sich also die Frage, ob man die Dividende der Rationalisierung, den materiellen Gewinn des technischen Fortschritts gleichmäßiger verteilen kann.

    Koch: Dafür müssten die profitierenden Unternehmen und Beschäftigten Geld und Zeit abgeben?

    Dörre: So ist es. Ein Modell bestünde darin, dass die produktiven Exportsektoren der deutschen Wirtschaft einen höheren Teil ihrer Gewinne als heute abführen, damit man beispielsweise die Beschäftigten in Altenpflegeheimen besser bezahlen kann, ohne sie teilweise durch Pflegeroboter zu ersetzen, die zweimal am Tag die Medikamente an´s Bett bringen. Diesen Finanztransfer könnte man mit Hilfe der Steuerpolitik organisieren.

    Koch: Das klingt nicht sehr realistisch.

    Dörre: Nein, große Industrieunternehmen, die Wirtschaftsverbände und teilweise auch die Betriebsräte exportorientierter Unternehmen würden sich wohl gegen eine solche Art der Umverteilung wehren.

    Koch: Steigen im Zuge der neuen industriellen Revolution die Bildungsanforderungen an die Beschäftigten?

    Dörre: Wenn die Produktionen komplizierter werden, brauchen die Firmen mehr Personal, das diese Prozesse steuern kann. Andererseits sterben aber die einfachen Tätigkeiten nicht aus. Auch automatisierte Fabrikhallen muss man säubern und renovieren.

    Koch: Was halten Sie von dem Rat an Schüler: Je qualifizierter Eure Ausbildung, desto angenehmer und besser bezahlt der spätere Beruf?

    Dörre: In der Tendenz stimmt diese Aussage. Allerdings möchte ich damit eine Warnung verbinden: Die Wahrscheinlichkeit, einen qualifikationsgerechten Arbeitsplatz zu finden, nimmt ab. Das ist unter anderem eine Folge der rasanten technischen Innovation, mit der auch Erlerntes schneller veraltet. Darauf müssen sich die jungen Leute einstellen.

    Koch: Das Internet lässt viele Verdienstmöglichkeiten entstehen, die es früher nicht gab. Man kann seine Wohnung über die Internetseite Airbnb vermieten, mit dem 3D-Drucker bald Konsumgüter wie Teller, Tassen oder Fahrradteile zu Hause produzieren und billige Lebensmittel aus städtischen Gemeinschaftsgärten beziehen. Können dadurch künftig nicht viele Leute ganz gut über die Runden kommen, die sich heute nur mühsam finanzieren?

    Dörre: Das ist eine Utopie. Aber ich bin skeptisch. Denn oftmals ermöglichen die neuen Tätigkeiten nur ein finanzielles Zubrot. Wer sich darauf verlässt, braucht Einnahmen aus verschiedenen Quellen. Ich weiss nicht, wie angenehm ein solches Dasein als Unternehmer seines eigenen Alltags ist. Und was die gemeinschaftliche Nutzung von Daten und Ressourcen betrifft, so wird sie in der Regel politisch nicht unterstützt. Auch das macht solche vermeintlich verheißungsvollen Lebensentwürfe schwierig.

    Koch: Tut die Bundesregierung genug, damit die Gesellschaft die vierte industrielle Revolution verkraftet?

    Dörre: Nein. Die deutsche Politik treibt den technologischen Fortschritt voran, ohne die sozialen Konsequenzen ebenso intensiv zu bedenken. Das Bundeswirtschaftsministerium betrachtet die Digitalisierung ausschließlich als industriepolitische Herausforderung. Mit Hilfe der Forschungsinstitutionen investiert man sehr viel Geld in technologischen Fortschritt, um die deutsche Industrie international konkurrenzfähig zu halten. Was aber bedeuten diese Prozesse für die Beschäftigten, für die Finanzierung von Weiterbildung und Altenpflege, brauchen wir einen neuen sozialen Konsens? Solche gesellschaftlichen Fragen werden augenblicklich kaum thematisiert.

    Bio-Kasten
    Klaus Dörre (58) lehrt und forscht als Professor für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Er ist Spezialist für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie. In den vergangenen Jahren beteiligte er sich unter anderem an einem Forschungsprojekt zur Zukunft der Wachstumsgesellschaft.

  • Ein Prozent besitzt die Hälfte allen Vermögens

    Vor dem Managergipfel in Davos kritisiert die Entwicklungsorganisation Oxfam die zunehmende soziale Spaltung. Firmen des Weltwirtschaftsforums trügen dazu bei, die Armut zu vergrößern

    Die 62 reichsten Personen der Erde würden mittlerweile soviel Vermögen besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – über 1.500 Milliarden Euro. Das erklärte die Entwicklungsorganisation Oxfam anlässlich des Weltwirtschaftsforums von Davos, das am kommenden Mittwoch beginnt. Der Managergipfel wird finanziert von den größten Unternehmen des Globus.

    Mit ihrer neuen Studie „eine Wirtschaft für ein Prozent der Weltbevölkerung“ kritisiert die Entwicklungsorganisation den zunehmenden Abstand der Vermögen zwischen Armen und Reichen. Dabei verschärfe sich die soziale Polarisierung weiter. In den vergangenen Jahren hätten die Vermögen der wohlhabensten Menschen um etwa 40 Prozent zugelegt, während der Besitz der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung um eine ähnliche Größenordnung zurückging, schreibt Oxfam.

    Die Organisation stützt sich unter anderem auf Zahlen der Schweizer Bank Credit Suisse. In deren jüngstem Weltvermögensbericht heißt es, dass das reichste eine Prozent der Menschheit mittlerweile über die Hälfte allen materiellen Besitzes auf dem Globus verfüge.

    Unternehmen, die das Weltwirtschaftsforum (WEF) tragen, wirft Oxfam außerdem vor, sich planmäßig in Steueroasen anzusiedeln. Das sind Staaten wie die Schweiz, Luxemburg und die Cayman Inseln, die Ausländern niedrige Steuersätze gewähren oder den Heimatländern der Steuerpflichten zu wenige Informationen über versteckte Konten geben. Dadurch würden diese anderen Staaten und damit auch deren Bevölkerung Geld vorenthalten, das beispielsweise für Gesundheits- und Bildungspolitik nicht zur Verfügung stehe. Die steuervermeidenden Unternehmen würden so die globale Armut verschärfen, lautet das Argument.

    „Wir haben 200 Konzerne untersucht, darunter die strategischen Partner des WEF. Neun von zehn dieser Firmen haben Niederlassungen in mindestens einer Steueroase“, heißt es in der Studie. Welche Firmen man meint, sagt Oxfam allerdings nicht. Dass sie Steuern vermeiden wollten, könne die Organisation „im Einzelfall nicht beweisen, weshalb wir die Namen nicht veröffentlichen“, sagte Steffen Küßner, der Sprecher von Oxfam Deutschland. Zu den strategischen Partner des WEF gehören unter anderem Audi, Facebook oder Volkswagen.

    Die Organisatoren des WEF wollten sich zu der Studie nicht äußern. Klaus Schwab, der Chef des Forums, bemüht sich jedoch, die zunehmende soziale Ungleichheit im Rahmen der Veranstaltung zu thematisieren und die Unternehmen zum Umdenken zu bewegen. Zum WEF 2015 lud er Oxfam-Geschäftsführerin Winnie Byanyima ein, den Co-Vorsitz der Veranstaltung zu übernehmen. Auch in diesem Jahr ist Byanyima wieder in Davos und nimmt an den Diskussionen im Kongresszentrum teil.

    Zum 46. WEF kommen ab Mittwoch wieder rund 2.500 Spitzenmanager, Lobbyisten, Ökonomen, Regierungschefs und VertreterInnen der Zivilgesellschaft. Aus Deutschland reisen unter anderem Bundespräsident Joachim Gauck, Finanzminister Wolfgang Schäuble und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel an. Das offizielle Thema ist die „vierte industrielle Revolution“. Tatsächlich werden die Fluchtbewegungen nach Europa eine mindestens ebenso wichtige Rolle spielen. Die neue polnische Ministerpräsidentin Beata Szydlo und ihr Außenminister Withold Waszczykowski werden ihre Position verteidigen, keine Flüchtlinge aufnehmen zu wollen.

  • Managergipfel debattiert über Flüchtlinge

    Bundespräsident Gauck redet beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Offizielles Thema des Kongresses ist die vierte industrielle Revolution: Wieviel Arbeit bleibt, wenn die Roboter regieren?

    Klaus Schwab, der 77jährige aus Augsburg stammende Organisator des Weltwirtschaftsforum von Davos, hat sich schon vor längerer Zeit auf dieses Thema eingelassen. „Vierte industrielle Revolution“ lautet das Motto des diesjährigen Managergipfels, der am kommenden Mittwoch in dem Schweizer Bergort beginnt. Wieviel Arbeit nehmen Roboter den Menschen ab, wieviele Jobs gibt es dann noch? Solche Fragen sollten im Mittelpunkt des Kongresses stehen. Nun aber schiebt sich ein drängenderes Problem nach vorne: Flucht und Migration.

    Das beste Zeichen für die Verlagerung des Interesses ist die Rede, die Bundespräsident Joachim Gauck am Eröffnungstag im Kongresszentrum halten wird. Viel hat die Pressestelle des Bundespräsidialamtes bislang nicht mitgeteilt. Aber klar ist, dass Gauck über Flucht und Migration reden will. Dabei wird es vermutlich nicht an ein paar eindringlichen Mahnungen an die Bundesbürger, aber auch die anwesenden Spitzenpolitiker mangeln.

    Denn die Herausforderungen, die die aktuellen Fluchtbewegungen nach Europa mit sich bringen, seien „viel größer, als wir sehen und sehen wollen“, sagt auch Christine Lagarde, die französische Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF). Lagarde hält es für möglich, dass 2016 ähnlich viele Menschen nach Europa kommen wie 2015. Und dann stellen sich die heute schon drängenden Fragen noch viel dringlicher: Welche Staaten nehmen die Neuankömmlinge auf, wer bezahlt das, wie lässt sich die Zuwanderung in naher Zukunft wieder auf ein leichter zu handhabendes Maß verringern? Um eine bessere internationale Zahlenbasis für die Antworten zu liefern, will Lagard in Davos eine neue IWF-Studie über Kosten und Nutzen von Migranten und deren Einfluss auf die Volkswirtschaft vorstellen.

    Neben Gauck werden aus Deutschland unter anderem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel nach Davos reisen. Hinzu kommen zahlreiche Vorstände und Manager von Unternehmen. Insgesamt soll das Weltwirtschaftsforum (WEF) dieses Jahr wieder über 2.500 Teilnehmer anlocken. Weltweit gibt es nur wenige Ereignisse, die eine ähnliche Anzahl von Entscheidern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik besucht. Mehr als 40 Staats- und Regierungschefs sollen zwischen Mittwoch und Samstag vor Ort sein, darunter der britische Premierminister David Cameron, Manuel Valls (Frankreich), Ahmet Davutoglu (Türkei), Alexis Tsipras (Griechenland), Mauricio Marci (Argentinien), Justin Trudeau (Kanada) und Benjamin Netanjahu (Israel). Aus den USA hat sich Vizepräsident Joe Biden angekündigt.

    Angesichts der jüngsten Terroranschläge sind Tausende von Soldaten und Polizisten im Einsatz. Die Kontrollen und Absperrungen könnten noch dichter ausfallen als in früheren Jahren. Sowieso errichtet die Schweizer Armee zusätzliche Posten selbst in Dörfern, die weit von Davos entfernt sind. Die Prominenz wird mit Hubschraubern vom Flughafen Zürich in das Bergtal geflogen. Und permanent patroullieren die Jets der Schweizer Luftwaffe den gesperrten Luftraum über dem Skiort.

    Eng mit dem Thema der Flüchtlinge hängt die Lage in Syrien zusammen. WEF-Chef Schwab hat bereits Gespräche hinter verschlossenen Türen über den Krieg in dem nahöstlichen Land angekündigt. So ist auch der Außenminister des Iran in Davos. Teheran unterstützt die Regierung des kriegführenden syrischen Präsidenten Baschar Assad. Die Frage ist hier, wie sich der Krieg beenden lässt, damit auf diese Art ein wesentlicher Grund für die Auswanderung nach Europa wegfällt.

    Bereits vor dem Start des WEF hat die Entwicklungsorganisation Oxfam ein Problem angesprochen, das ebenfalls eine Ursache von Fluchtbewegungen ist: Armut. Mit ihrer neuen Studie „eine Wirtschaft für ein Prozent der Weltbevölkerung“ kritisiert die Organisation den zunehmenden Abstand der Vermögen zwischen Armen und Reichen. Die 62 reichsten Personen der Erde würden mittlerweile soviel Vermögen besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – über 1.500 Milliarden Euro, erklärt Oxfam. Dabei verschärfe sich die soziale Polarisierung weiter. In den vergangenen Jahren hätten die Vermögen der wohlhabensten Menschen um etwa 40 Prozent zugelegt, während der Besitz der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung um eine ähnliche Größenordnung zurückging, so Oxfam.

    Unternehmen, die das Weltwirtschaftsforum (WEF) tragen, wirft die Organisation außerdem vor, sich planmäßig in Steueroasen anzusiedeln. Das sind Staaten wie die Schweiz, Luxemburg und die Cayman Inseln, die Ausländern niedrige Steuersätze gewähren oder den Heimatländern der Steuerpflichten keine Informationen über versteckte Konten geben. Dadurch würden diese anderen Staaten und damit auch deren Bevölkerung Geld vorenthalten, das beispielsweise für Gesundheits- und Bildungspolitik nicht zur Verfügung stehe. Die steuervermeidenden Unternehmen würden so die globale Armut verschärfen, lautet das Argument. Das WEF wollte sich zu der Studie nicht äußern.

    Zur vierten industriellen Revolution stehen in Davos zahlreiche Veranstaltungen auf dem Programm. Dieser Begriff beschreibt den gegenwärtig stattfindenden technologischen Sprung, darunter die Leistungssteigerung des Internets. Wenn intelligente Maschinen selbstständig miteinander kommunizieren und produzieren, könnte mehr menschliche Arbeit überflüssig werden. Andererseits ermöglichen 3D-Drucker vielleicht, dass die Arbeitnehmer mit weniger Geld auskommen, weil sie bestimmte Konsumgüter selbst zu Hause herstellen.

    An all diesen Debatten dürfen offizielle Vertreter aus Nordkorea übrigens nicht teilnehmen. Das WEF hat sie ausgeladen, weil die Regierung in Pjöngjang in der vergangenen Woche verkündete, eine Wasserstoffbombe getestet zu haben.

  • Diskussion über Abschaltung aller Kohlekraftwerke

    Ab 2018 sollen die Anlagen nach und nach geschlossen werden, rät Denkfabrik Agora. Umweltministerin Hendricks positiv, Wirtschaftsminister Gabriel skeptisch

    Dem Atomkonsens soll der Kohlekonsens folgen: Die Berliner Organisation Agora Energiewende hat am Montag ein Konzept für die planmäßige Abschaltung der deutschen Kohlekraftwerke bis 2040 vorgelegt. Braunkohle-Tagebaue sollten nicht mehr erweitert und keine Anwohner umgesiedelt werden, sagte Agora-Chef Patrick Graichen. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks begrüßte das Konzept. Eine Sprecherin von Wirtschaftschaftsminister Sigmar Gabriel reagierte dagegen reserviert.

    Ohne den Kohle-Ausstieg könne Deutschland seine Ziele für den Klimaschutz nicht einhalten, begründete Graichen den Vorstoß. Der Preis für Strom steige dadurch bis 2040 vermutlich um 0,3 bis 0,5 Cent pro Kilowattstunde. Die Stellungnahmen von Agora haben im politischen Berlin ein gewisses Gewicht, weil in den Gremien der Denkfabrik auch Vertreter der konventionellen Energiewirtschaft mitarbeiten. Früherer Chef von Agora war Rainer Baake, der jetzt als Staatssekretär die Energiepolitik im Bundeswirtschaftsministerium gestaltet.

    Nach der Weltklima-Konferenz von Paris im Dezember vergangenen Jahres hatte Umweltministerium Hendricks (SPD) bereits erklärt, dass es „bis Mitte diesen Jahrhunderts keine Energiegewinnung aus Kohle, Gas und Öl“ in Deutschland mehr geben dürfe. Ihr Parteikollege Gabriel ließ am Montag mitteilen, er habe den Agora-Vorschlag „zur Kenntnis genommen“. Zur Option, die Braun- und Steinkohlekraftwerke nach und nach abzuschalten, wollte sich seine Sprecherin nicht äußern. Nach Gabriels Ansicht kann Deutschland nicht gleichzeitig aus der Atom- und Kohleenergie aussteigen. Trotzdem treibt Hendricks die Klärung dieser Frage voran. Bis zur Sommerpause 2016 will sie einen Klimaschutzplan 2050 vorlegen, den das Bundeskabinett beschließen soll. Dafür sei der Agora-Vorschlag eine „durchdachte Grundlage“.

    Ein Sprecher des Bundesverbandes der Bundesverbandes der Energiewirtschaft sagte: „Seit geraumer Zeit fordert der BDEW einen strukturierten Dialog zur Entwicklung des fossilen Kraftwerkparks und der Erreichung der Klimaschutzziele. Dazu gehört auch die Klimaschutzziele sozialverträglich umzusetzen und die Versorgungssicherheit in Deutschland weiter zu gewährleisten.“ Das Unternehmen Vattenfall, das Kohlekraftwerke und Tagebaue betreibt, wollte den Vorschlag nicht kommentieren.

    Agora schlägt vor, einen „Runden Tisch Nationaler Kohlekonsens“ einzuberufen. Dieser soll eine ähnliche Vereinbarung zwischen Politik und Energiewirtschaft aushandeln, wie sie der Atomkonsens aus dem Jahr 2000 darstellte. Damals hatten sich die rot-grüne Bundesregierung und die Unternehmen geeinigt, die Kernkraftwerke in einem jahrzehntelangen Prozess vom Netz zu nehmen. Graichen regt nun an, „die Kohlekraftwerke in Schritten von zunächst maximal drei Gigawatt Leistung pro Jahr – das entspricht drei bis vier großen Kraftwerken – stillzulegen und damit 2018 zu beginnen“. Die ältesten Anlagen mit dem höchsten Abgasausstoß sollten zuerst abgeschaltet werden, die letzten 2040 außer Betrieb gehen.

    Das Konzept beinhaltet die Möglichkeit, dass die Betreiber von Braunkohlekraftwerken Restlaufzeiten zwischen verschiedenen Anlagen austauschen können, um die ökonomisch günstigste Variante zu wählen. Die Politik soll außerdem Planungssicherheit bieten, indem sie den Unternehmen zusichert, ihnen keine zusätzlichen Belastungen aufzubürden.

    Weitere Punkte des Vorschlags: Überschüssige Emissionszertifikate sollen dem europäischen Handeslsystem entzogen werden, damit der Preis der Verschmutzungsrechte steigt – ein weiterer Anreiz für Betreiber, Kohleanlagen vom Netz zu nehmen. Die Betreiber der Tagebaue – RWE, Vattenfall und Mibrag – könnten 2,50 Euro pro Megawattstunde erzeugten Braunkohlestroms in eine Stiftung einzahlen, um die Rekultivierung der Landschaft zu finanzieren. Um neue Arbeitsplätze in den Braunkohlerevieren zu fördern, sollen diese pro Jahr 250 Millionen Euro aus öffentlichen Kassen erhalten. Schließlich muss die Politik die Preisentwicklung auf dem Energiemarkt beobachten, damit Nachteile für energie-intensive Industrieunternehmen vermieden werden.

    Erst im vergangenen November hat die Bundesregierung einen Gesetzentwurf beschlossen, durch den RWE und Vattenfall acht Kohlekraftwerke stilllegen müssen. Auch dies soll dazu dienen, dass Deutschland seine Klimaschutzziele einhält. Als Entschädigung erhalten die Unternehmen insgesamt 1,6 Milliarden Euro. Derartige Zahlungen sieht das Agora-Konzept nicht vor.

  • Solar-Genossenschaften nehmen die Hürde

    Fünf Bürgerfirmen erhalten den Zuschlag, um große Solaranlagen zu bauen. Das Bündnis Bürgerenergie hält seine Kritik am neuen Ausschreibungsverfahren aber aufrecht.

    Erstmals haben jetzt Genossenschaften und Privatleute bei einer Ausschreibung für Solarparks in Deutschland den Zuschlag erhalten. Mit dem neuen Verfahren will die Bundesregierung den Zubau von Photovoltaikanlagen kanalisieren, damit die Energiewende nicht zu teuer wird. Kritiker hatten Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) vorgeworfen, kleine Projekte wie beispielsweise Genossenschaften in Bürgerhand zu benachteiligen.

    Wie sich jetzt zeigt, sind die Verfahrenshürden auch für solche Firmen nicht zu hoch. Nach Informationen der Bundesnetzagentur in Bonn, die die Ausschreibungen durchführt, haben zwei Genossenschaften den Zuschlag für den Bau von großen Solaranlagen erhalten. Außerdem kamen in drei Fällen Einzelpersonen zum Zug. Die übrigen 35 erfolgreichen Bieter sind unter anderem Investmentfonds oder Ableger von Unternehmen wie beispielsweise EnBW. Den Zuschlag erhielten Solarparks in Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, NRW, Rheinland-Pfalz, Thüringen und weiteren Regionen.

    „Wir wollten unbedingt dabei sein“, sagt Jochen Scherrer von der Genossenschaft Bürger Energie Region Regensburg. 240 Bürger haben sich dort zusammengetan, um gemeinsam Strom zu produzieren und in der Region zu verkaufen. Die geplante Anlage soll eine Größe von maximal 988 Kilowatt/peak haben, der Bau schon in diesem Frühjahr beginnen. Mit der Hilfe des Deutschen Genossenschaftsverbandes hat Scherrer die Unterlagen für das Gebot zusammengestellt. Die Teilnahme bedeutete erheblichen Aufwand, zu kompliziert fand der Genossenschaftsvorstand das Verfahren aber nicht.

    Kritiker Rene Mono vom Bündnis Bürgerenergie betrachtet das Ergebnis der Ausschreibung nun mit Interesse. Ein positives Urteil will er aber vorläufig nicht abgeben. Für ihn steht die Sorge im Vordergrund, dass das Ausschreibungsverfahren eine „zusätzliche Hürde“ für Bürgerprojekte darstelle. Diese müssten damit rechnen, Entwicklungskosten für ihren jeweiligen Solarpark vorzufinanzieren, ihn aber dann nicht errichten zu können, weil sie in der Ausschreibung durchfallen. Im früheren Verfahren mit gesetzlich festgelegter Förderung habe dieses Risiko nicht bestanden, so Mono. Die Wahrscheinlichkeit tatsächlich bauen zu können war größer. Dem Bündnis Bürgerenergie liegt daran, dass nicht nur Kapitalinvestoren und große Unternehmen Öko-Kraftwerke errichten, sondern auch Bürger, die ihre Gemeinde oder Region autonom mit Strom versorgen wollen.

    In den ersten beiden Ausschreibungsrunden ab April 2015 hatten sich ebenfalls Privatleute und Genossenschaften mit Geboten beteiligt, waren aber nicht zum Zug gekommen. Die Bundesnetzagentur schreibt jeweils eine zu fördernde Leistung von Solaranlagen aus. In der gerade beendeten dritten Runde waren es 200 Megawatt. Zum Vergleich: Große Kohle- oder Atomkraftwerke haben die drei- bis vierfache Leistung.

    Die Firmen bieten dann eine bestimmte Anlagengröße zu einem bestimmten Preis. Die billigsten Angebote erhalten den Zuschlag, bis die ausgeschriebene Leistung erreicht ist. Der höchste gebotene Preis, der noch den Zuschlag erhält gilt auch für die übrigen erfolgreichen Bieter. Im vorliegenden Fall erhalten alle Firmen künftig acht Cent pro Kilowattstunde Strom, die sie ins Netz einspeisen. Die Förderung wird 20 Jahre lang gezahlt und dient dazu, Ökoproduzenten zu unterstützten, die den Strom bislang noch teurer herstellen als konventionelle Unternehmen. Finanziert wird die Vergütung durch eine Umlage auf die Stromrechnungen von Bürger und Wirtschaft.

    Früher erhielten grundsätzlich alle geplanten Wind- und Solarkraftwerke eine gesetzlich festgelegte Einspeisevergütung. Wegen dieses Anreizes wurden teilweise viel mehr Anlagen gebaut, als die Bundesregierung angenommen hatte. Wirtschafts- und Verbraucherverbände kritisierten die schnell steigenden Kosten. Darauf reagierte die große Koalition aus Union und SPD, in dem sie unter anderem das Ausschreibungsverfahren einführte, um den Zubau zu begrenzen.

    Info-Kasten
    Solar-Förderung
    Damit kein landwirtschaftlicher Boden verloren geht, dürfen geförderte Solaranlagen einstweilen nur auf versiegelten Flächen, ehemaligen Militärgeländen, sowie Seitenstreifen von Autobahnen und Schienentrassen entstehen. Insgesamt will die Bundesregierung 2016 Solaranlagen mit einer Leistung von etwa 400 MW fördern. Die nächste Ausschreibungsrunde läuft bis zum 1. April diesen Jahres. Versteigert werden 125 Megawatt.

  • Gegen die Lust auf Süßes kommen Eltern nicht an

    Die Werbung für Kinder-Lebensmittel ist umstritten. Doch trotz des dadurch ausgelösten Konsums ungesunder Süßigkeiten darf die Industrie den Nachwuchs offensiv ködern

    In den Einkaufszentren leiden auch Erwachsene gelegentlich unter der Qual der Wahl. Doch im Vergleich zum Nachwuchs sind sie meist in der Lage zu einem gezielten Einkauf, auch wenn der Handel sie durch die geschickte Anordnung der Produkte zu weiteren Käufen animieren will. Kinder haben es ungleich schwerer, vor allem die sehr jungen. Sie nehmen alle Reize weitgehend ungefiltert war. Und daran mangelt es nicht. Dafür sorgt schon die Werbung. Wie viele Eindrücke Kinder dabei verkraften müssen, hat der Hamburger Forscher Thomas Effertz herausgefunden. Im Durchschnitt sehen Kinder im Jahr mehr als 12.000 Werbespots. Die Berieselung zeigt ihre Wirkung in den Vorlieben der Kleinen. Das wissen die Marketingstrategen der Industrie und nutzen die Einfallstore in kindliche Gehirn geschickt aus.

    So wirbt der Cerealien-Riese Kellog's gerne mit Comicfiguren auf der Verpackung von Cornflakes-Varianten. Das kommt besonders gut an, weiß der Wissenschaftler Bernd Weber von der Uni Bonn. Richte sich die Werbung mit kindgerechten Inhalten direkt an die Zielgruppe, reagierten Kinder besonders stark. „Dies sind vor allem Zeichtrickfiguren oder Charaktere“, sagt der Verhaltensforscher, „zudem sind Beigaben auf Nahrungsmitteln für Kinder extrem reizvoll.“ Diesen Schwachpunkt nutzt das Marketing der Hersteller aus. Umstritten ist diese verbreitete Praxis vor allem bei Lebensmitteln. Denn die Werbeetats sind vor allem bei den weniger gesunden Süßigkeiten besonders hoch.

    Doch mit Kindern als treue Kunden lässt sich eine Menge Umsatz erzielen. Längst ist der Nachwuchs zu einer Milliardenklientel herangewachsen. Nach Berechnungen der Ehapa Kids Verbraucheranalyse summieren sich allein die Geldpräsente der deutschen Kinder auf rund 840 Millionen Euro im Jahr. Dazu kommt noch das Taschengeld von insgesamt 1,7 Milliarden Euro. Es liegt für Unternehmen mit Produkten, die bei Kindern begehrt sind, nahe, sich durch Werbung ein möglichst großes Stück dieses Kuchens zu sichern. Dazu kommen noch viele Ausgaben der Eltern, von der Urlaubsreise über die Bekleidung bis hin zum Auto, bei denen Kinder mitreden dürfen.

    Umstritten ist jedoch vor allem die Praxis der Ernährungsindustrie. Die Verbraucherorganisation Foodwatch hat in diesem Sommer 281 Lebensmittel untersucht, bei denen sich die Reklame direkt an Kinder richtet. Gerade einmal 29 Prozent der Produkte hätten nach den Maßstäben der Weltgesundheitsorganisation an Kinder vermarktet werden dürfen, wenn sich die Industrie an ihre in einer Selbstverpflichtung festgelegten Maßstäbe gehalten hätte. „Die meisten Kinderlebensmittel sind keine Lebensmittel, sondern lediglich Süßigkeiten“, kritisierte Dietrich Garlichs von der Deutschen Diabetes Gesellschaft.

    Verbraucherschützer und Kinderärzte warnen schon seit Jahren vor den möglichen Folgen der Werbeflut und der daraus resultierenden ungesunden Ernährung. Jeder siebente Heranwachsende ist übergewichtig oder sogar regelrecht fett. Sie sehen dies als Ursache von Folgekrankheiten wie Diabetes. Die Eltern können den Konsumwünschen der Jüngsten wenig entgegensetzen. Denn Aufklärung über eine gesunde Ernährung fruchtet nur bedingt, wie Weber anmerkt. „Unbewusste Treiber haben eine große Bedeutung für Entscheidungen“, sagt der Wissenschaftler. Wird das Lustzentrum im Gehirn durch die Aussicht auf einen Schokoriegel angeregt, fällt die Wahl des Kindes eher darauf als auf den Apfel im Fruchtkorb. Weber zufolge zeigen Studien klar, dass für Nahrungsmittel mit vielen Kalorien viel mehr geworben wird als für gesündere Produkte. „Hier müssen klare Rahmenbedingungen geschaffen werden, die Kinder vor der Beeinflussung hinsichtlich des Konsums hochkalorischer Nahrungsmittel besser schützen“, fordert der Forscher.

    Die Werbewirtschaft weist die Vorwürfe zurück. Übergewicht sei ein weltweites Problem und sei bei deutschen Kindern unterdurchschnittlich verbreitet, stellt der Zentralverband der Branche (ZAW) fest. Auch mache Werbung keine Kinder dick. Vielmehr verschaffe sie die emotionale Orientierung, um in der modernen Gesellschaft zurechtzukommen. Schließlich verweist der Verband auf das hohe Schutzniveau, das auch aus der Selbstverpflichtung der Wirtschaft zum Kindermarketing sorge.

    Doch selbst der Lobbyist der Firma Mars, Matthais Berninger, räumt ein, dass die europäische Selbstverpflichtung der Industrie zu schwach ist. Eine gesetzliche Regelung zur Werbung lehnt er allerdings ab. Bislang konnte die Industrie entsprechende Pläne verhindern, wie die Einführung einer Lebensmittelampel vor einigen Jahren. Derzeit gibt es in der Bundesregierung auch keine Anzeichen für eine veränderte Haltung.

  • Auch 2016 ändert sich viel für die Verbraucher

    Mehr Kindergeld und höhere Renten, Girokonto für alle und vergleichbare Dispozinsen

    Auch im kommenden Jahr treten viele Gesetzesänderungen in Kraft, die die Verbraucher betreffen. Hier sind die wichtigsten Neuerungen. Eine detaillierte Auffstellung bietet zudem die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen im Internet unter der Adresse www.vz-nrw.de/link1170841A.html?i=0 an.

    Sparen und Finanzen

    IBAN: Die alte Kontonummer gehört ab Anfang Februar 2016 endgültig der Verrgangenheit an. Dann müssen alle Überweisungen über die so genannte IBAN (International Bank Account Number) abgewickelt werden. Damit einher geht auch die Abschaffung des Lastschriftverfahrens beim Einkauf, bei dem die Zahlung per Unterschrift bestätigt wird.

    Girokonto: Insbesondere verschuldete Haushalte haben oft das Problem, dass Banken ihnen die Eröffnung eines Girokontos verweigern, Das wird sich spätestens im nächsten September ändern. Bis dahin muss Deutschland gesetzlich das Girokonto für Jedermann umsetzen. So sieht es eine Richtlinie der EU vor. Mit diesem Konto können Ein- und Auszahlungen in bar vorgenommen werden, ebenso Überweisungen und Lastschriften. Die Gebühren dafür dürfen ein angemessenes Maß nicht überschreiten.

    Lebensversicherungen: Hier sollte es eine wichtige Änderung geben. Die Bundesregierung wollte den Garantiezins bei privaten Renten- und Lebensversicherungen abschaffen, hat es sich aber in letzter Minute anders überlegt. Auch künftig dürfen Anbieter von Policen mit einer Mindestverzinsung werben. Allerdings fallen die Erträge derzeit mickrig aus. Gerade einmal 1,25 Prozent Zins sichern die Versicherungen ihren Kunden derzeit zu.

    Dispozinsen: Kündtig sollen die Konditionen der Banken und Sparkassen für Überrziehungskredite leicht vergleichbar sein. Denn die Institute werden verpflichtet, den Dispozins im Internet zu veröffentlichen. Damit können Vergleichsportale leicht eine Übersicht über die geltenden Bedingungen zusammenstellen.

    Immobilienkredite: Die Bauherren werden in Folge einer europäischen Richtlinie besser vor Zwangsmaßnahmen geschützt, wenn die Finanzierung platzt. Die Hypothekenbanke müssen die Bonität ihrer Kunden genauer prüfen und dies auch nachweisen. Erfüllt ein Darlehensanbieter die Vorgaben nicht, kann der Kunde den Vertrag jederzeit kündigen, ohne dass dafür eine Vorfälligkeitsentschädigung erhoben werden darf.

    Familie und Soziales

    Kindergeld: Eine Kugel Eis mehr für jedes Kind ist ab dem 1. Januar drin. Denn das Kindergeld wird um zwei Euro im Monat angehoben. Angehoben wird unter gewissen Voraussetzungen auch der Kinderzuschlag der Familienkasse. Er steigt von 140 Euro auf 160 Euro. Der Zuschlag ist an komplizierte Berechnungen der Bedürftigkeit gekoppelt.

    Renten: Am ersten Juli werden die Renten deutlich steigen. Noch steht das Plus noch nicht genau fest. Experten gehen von bis zu fünf Prozent mehr ffür die 20 Millionen Rentner aus. Das wären bei einer Rente von 1.000 Euro immerhin 50 Euro obendrauf.

    Hartz IV: Die Regelsätze zum Arbeitslosengeld II steigen am 1. Januar 2016 um fünf Euro beim Haushaltsvorstand auf 404 Euro. Kinder müssen sich mit drei Euro mehr begnügen.

    Wohngeld: Das Wohngeld für 870.000 Haushalte wird erstmals seit sieben Jahren an die Entwicklung der Mieten und Nebenkosten angepasst. Das kann im Einzelfall eine beträchtlich Anhebung des Zuschusses bedeuten.

    BAföG: Im kommenden Herbst steigen die BaföG-Sätze für Schüler, Studenten und Meisteranwärter am sieben Prozent an. Der Höchstsatz für Studierende beträgt dann bis zu 735 Euro, statt bisher 670 Euro.

    Beitragsbemessungsgrenzen: Die Einkommensgrenze für die gesetzliche Krankenversicherungspflicht steigt 2016 von 4.125 Euro auf 4.237,50 Euro. Bis zu diesem Monatsbruttolohn steigen die Beiträge zur Krankenversicherung an. Wer mehr verdient, darf in die private Krankenversicherung wechseln. Bei der Rentenversicherung steigt die Höchstgrenze im Westen auf 6.200 Euro, im Osten auf 5.400 Euro im Monat an. Für darüber hinaus gehende Gehälter müssen keine Beiträge entrichtet werden.

    Krankenkasse: Auf die meisten Arbeitnehmer kommt eine Erhöhung der Krankenkassenbeiträge zu. Die Kassen erheben je nach Finanzlage unterschiedliche Zusatzbeiträge, die von den Versicherten alleine bezahlt werden müssen. Wer zu kräftig zur Kasse gebeten wird, darf ein Sonderkündigungsrecht nutzen und sich eine billigere Kasse suchen. Eine Aufstellung der Zusatzbeiträge aller Kassen bietet das Webportal www.krankenkasseninfo.de/krankenkassen/zusatzbeitrag-2016/ an.

    Konsum:

    Ernährung: Ab Ende nächsten Jahres müssen auch die Hersteller verpackter Lebensmittel Nährwertangaben auf das Etikett drucken.

    Elektrogeräte: Alte Elektrogeräte und andere Elektronik muss separat entsorgt werden. Dafür gibt es bisher nur die kommunalen Sammelstellen. Ab Ende Juli 2016 müssen nun auch große Handesgeschäfte den Elektroschrott entgegennehmen.

    Schadstoffe im Spielzeug: Schon seit einigen Tagen gelten neue, strengere Grenzwerte für Schadstoffe in Kinderspielzeug und Verbraucherprodukten. Das betrifft die so genannten Weichmacher, die als krebserregend und fruchtbarkeitsschädigend gelten.

    Porto: Das Briefporto steigt wieder einmal an. Die Post erhöht das Entgelt für die Zustellung eines Atndardbriefes im Januar 2016 um acht Cent auf 70 Cent. Teurer werden auch Einschreiben. Hierr steigt das Porto für die höchste Stufe mit eigenhändiger Zustellung und Rückschein von 5,75 Euro auf 6,80 Euro.

  • Wärme aus der Brennstoffzelle

    Inzwischen können auch Eigenheimbesitzer mit Brennstoffzellen umweltfreundlich heizen und Strom erzeugen. Die ersten Geräte sind auf dem Markt, jedoch noch ziemlich teuer.

    Das Gerät ist etwa so groß wie eine Waschmaschine. Statt sauberer Textilien liefert die kleine Anlage allerdings andere für jeden Haushalt wichtige Leistungen: Wärme und Strom. Die Brennstoffzelle BlueGen der Unternehmensgruppe Solidpower erzeugtn im Jahr rund 13.000 Kilowattstunden elektrischer Energie, genug um ein Eigenheim mit Strom und Wärme zu versorgen. Noch ist die Brennstoffzelle für Jedermann ein Nischenprodukt. Gerade einmal acht Hersteller haben bisher Geräte dieser Zukunftstechnologie auf den Markt gebracht, nachdem der vom Bund geförderte Feldversuch „Callux“ in Deutschland erfolgreich absolviert wurde. „Über drei Gerätegenerationen wurden Produkte entwickelt, die heute an der Schwelle zum kommerziellen Markteintritt stehen“, sagt der Staatssekretär im Verkehrsministerium, Norbert Barthle.

    Die Brennstoffzelle ist eine ungewöhnlich effiziente Technik. Die Branche beziffert den Wirkungsgrad der Geräte auf bis zu 90 Prozent. Zum Vergleich: Ein modernes Kohlekraftwerk kann nicht einmal 50 Prozent der in der Kohle enthaltenen Energie nutzen. Die Technologie macht sich die aus dem Chemieunterricht bekannte Elektrolyse zunutze, allerdings in umgekehrter Richtung. Die Hausgeräte wandeln mittels einer chemischen Reaktion den im Erdgas enthaltenen Wasserstoff in Strom und Wärme um. Denn der Wasserstoff reagiert mit dem in der Luft enthaltenen Sauerstoff. Dabei entstehen Elektrizität und Hitze. Da es sich um eine so genannte kalte Verbrennung handelt, werden auch kaum Treibhausgase erzeugt, die das Klima gefährden. Wie es genau funktioniert, erklärt die Branche im Internet auf der Seit www.erdgas.info/erdgasheizung/brennstoffzelle/ .

    Im Praxistest Callux wurden bundesweit in Privathäusern Brennstoffzellen eingebaut und getestet. Die Hauseigentümer berichten von erheblichen Fortschritten bei der Entwicklung der Technolige im Zeitverlauf und zeigen sich von den Ergebnissen beeindruckt. Für die Umwelt lohnt sich der Umstieg auf die Brennstoffzelle allemal. Ob er sich jedoch für die Hausbesitzer auch wirtschaftlich rechnet, ist schwer zu sagen. Naturgemäß sind neu entwickelte Technologien, die erst in geringen Stückzahlen verfügbar sind, vegleichsweise teuer. Calluy-Sprecher Alexander Dauensteiner beziffert die aktuellen Kosten für eine Anlage auf rund 20.000 Euro. Darin ist die staatliche Förderung schon eingerechnet. Die Installation selbst kommt auch noch hinzu. Eine Liste der Anbieter nebst technischen Details findet sich auf dem Webportal der Initiative Brennstoffzelle unter der Adresse http://www.ibz-info.de/ .

    Die Gegenrechnung hängt wiederum von den Gegebenheiten des jeweiligen Hauses ab. „Im Rahmen des Callux-Praxistest wurden Einsparungen von 1.000 Euro jährlich erzielt“, berichtet Dauensteiner. Mit einem deutlichen Rückgang der Anschaffungskosten rechnet Callux erst bei steigenden Verkaufszahlen, die jedoch zunächst nicht zu erwarten sind. Gefördert werden die Betreiber der Brennstoffzellen durch einen Zuschlag für die Kraft-Wärme-Kopplung sowie die Einspeisevergütung für Ökostrom. Unter dem Strich geht die Industrie davon aus, dass sich die Anlagen im Verlauf ihrer Betriebszeit auch amortisieren.

    Viele Voraussetzungen müssen Interessierte Haushalte nicht mitbringen. „Grundsätzlich benötigt der Eigentümer einen Erdgasanschluss, um Brennstoffzellen in der Hausenergieversorgung nutzen zu können“, erläutert Dauensteiner. Dann lässt sich die Zelle wie eine normale Gasheizung anschließen. Für den Einbau wird eine Stehhöhe von etwa zwei Metern benötigt. Auch ein Anschluss für die Abführung der Abgase muss vorhanden sein oder gelegt werden können. Schließlich wird bei der Installation auch ein neuer Stromzähler eingebaut, der die ins Netz eingespeiste Elektrizität messen kann.

  • Licht aus Kreuzberg

    Mobisol liefert kleine Solarkraftwerke für die netzlose Stromversorgung nach Ostafrika

    Dieser Raum soll einen Eindruck vermitteln, wie Menschen in Tansania leben. In dem nachempfundenen Wohnzimmer stehen ein rotes Sofa mit Deckchen und ein Tisch, ein Jesusbild und ein Regal mit Töpfen hängen an der Wand. Außerdem gibt es einen Flachbildfernseher, eine kleine Musikanlage, eine elektrische Lampe und „ganz wichtig, das Bügeleisen“, sagt Thomas Duveau. Bei der Berliner Firma Mobisol kümmert er sich um die Geschäftsentwicklung. Dafür ist es gut, sich in die Lage der Kunden zu versetzen.

    Besonders dann, wenn diese 6.500 Kilometer Luftlinie entfernt in ganz anderen Situationen leben. Mobisol sitzt im vierten Stock eines alten Postgebäudes in Berlin-Kreuzberg. Unten im Haus ist ein Musik-Club. Die bisher etwa 30.000 Kunden der Firma leben im nördlichen Tansania und Ruanda. Ihnen hat Mobisol selbstentwickelte Solar-Kraftwerke verkauft, die den afrikanischen Haushalten und Geschäftsleuten einen Sprung ins 21. Jahrhundert ermöglichen.

    Das Kreuzberger Unternehmen liefert, woran die Klimakonferenz von Paris ab Ende November auf politischer Ebene arbeitet: Energiewende plus Entwicklung. Das Produktpaket besteht aus Solarzellen, Batteriespeichern inklusive Steuereinheit, LED-Lampen, Flachbildschirmen, Radios und Aufladestationen für Smartphones.

    Das Geschäftsmodell sieht so aus: Duveau und seine gut 400 meist afrikanischen KollegInnen verkaufen klimaneutrale Stromversorgung für Wohnhäuser und kleine Betriebe. Wie in vielen Staaten Afrikas gibt es in großen Teilen Tansanias und Ruandas kein Stromnetz. Die Leitungen zu verlegen, würde Jahrzehnte dauern und die Ressourcen der Staaten möglicherweise überfordern. Kleinkraftwerke bieten daher einen Ausweg: Sie ermöglichen Stromversorgung ohne Elektrizitätsnetz. Bezahlt werden die Anlagen mit Überweisungen via Handy oder Smartphone.

    Zum einen liege der Vorteil darin, sagt Duveau, dass die Käufer auf die rußenden Petroleum-Lampen und dieselbetriebenen Stromgeneratoren verzichten könnten. Zweitens sparten sie mit der Eigenerzeugung von Solarstrom Geld. Er macht diese Rechnung auf: Viele Privathaushalte und Geschäfte in Tansania und Ruanda gäben monatlich rund 50 Euro für Diesel aus. Eine 80-Watt-Anlage von Mobisol, die den Generator ersetzt, koste sie dagegen monatlich knapp 20 Euro. Der Kaufpreis von rund 700 Euro wird in 36 Monatsraten abbezahlt – Garantie und Wartung sind inklusive. Danach ist der Kunde Eigentümer der Anlage, und der Wartungsvertrag kostet rund drei Euro monatlich.

    Bisher habe es kaum Zahlungsausfälle gegeben, sagt Duveau, schwarzer Vollbart, Jeans, aufgekrempelte Hemdsärmel. Nur 2,6 Prozent der Käufer hätten die Raten nicht rechtzeitig überwiesen. Wenn das längere Zeit passiert, schaltet Mobisol die jeweilige Anlage ab. Das ermöglichen der integrierte Computer und die Mobilfunkkarte. Auch die technische Kontrolle aus der Ferne lässt sich so bewerkstelligen. Ist etwas kaputt, fährt einer der Techniker raus auf's Land. Beispielsweise in der tanzanischen Großstadt Arusha am Fuße des Mount Meru betreibt Mobisol eine Niederlassung, die zehn Außenposten versorgt. Dort arbeiten jeweils sechs Leute. Per Motorrad oder Fahrrad transportieren sie die verpackten Anlagen, die gut auf einen Gepäckträger passen, zu den Kunden.

    Bei Mobisol in Kreuzberg steht im langen Flur ein Klavier. In der großen, offenen Küche darf der Kicker nicht fehlen. In einer Ecke des Chefbüros findet sich ein Kinderbettchen. Weiter hinten ist die Werkstatt, in denen die Prototypen gelötet und geschraubt werden. Während die Produktion der Computerteile in Schwedt an der Oder stattfindet, kommen die Solarzellen, Batterien, Lampen und Bildschirme aus China. „Wir sind eine solide deutsche Ingenieursfirma“, sagt Duveau. Einer der wichtigsten Investoren, die Anteile halten, ist selbst in der hiesigen Solarindustrie reich geworden. Mittlerweile trage Mobisol sich aber selbst. Duveau: „Wir schreiben eine schwarze Null“. Der Umsatz in diesem Jahr übersteige 20 Millionen Euro. Nach Tansania und Ruanda werde man demnächst das dritte Land in Afrika beliefern – vielleicht Kenia oder Nigeria.