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  • Sicher ohne Kohle

    Vor der Klima-Konferenz von Paris kündigt die Allianz einen teilweisen Rückzug aus Investitionen in die Kohle-Industrie an

    Rund vier Milliarden Euro will die Allianz-Versicherung aus der klimaschädlichen Energieerzeugung abziehen. „Die Allianz steigt aus der Kohle aus“, sagte Andreas Gruber, der Chefinvestor des Finanzkonzerns in der ZDF-Sendung Frontal21 am Dienstagabend. „Wir werden nicht mehr in Bergbau- und Energieunternehmen investieren, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes beziehungsweise ihrer Energie-Erzeugung aus Kohle generieren.“

    Das Unternehmen, das zu den größten Kapitalanlegern weltweit gehört, setzt damit ein Zeichen vor der Klimakonferenz, die in wenigen Tagen in Paris beginnt. Zwei Gründe für die Entscheidung nannte Allianz-Sprecher Nicolai Tewes: „Erstens Klimaschutz. Zweitens nehmen wir an, dass Investments in Kohle-Industrien künftig nicht mehr die Renditen erbringen, die unsere Kunden für ihre Altersvorsorge erzielen möchten.“ Der Konzern teilt damit die Einschätzung von Umweltorganisationen, die sich für das sogenannte Divestment aussprechen. Kapitalanlagen in fossile Energie stellen demnach ein zunehmendes Risiko für Investoren dar. Hinzu kommt: Als Versicherungsunternehmen weiß die Allianz, welche horrenden Kosten Klimaschäden verursachen können.

    Schon während der kommenden sechs Monate will die Allianz Aktien von Kohle-Konzernen verkaufen. Das sei aber nur ein kleinerer Teil der betroffenen Investitionen. Außerdem sollen in den kommenden Jahren große Summen anders investiert werden, die bisher in Anleihen von Kohle-Unternehmen stecken. „Bei festverzinslichen Anlagen werden wir keine Verkäufe tätigen, aber wir werden unsere bestehenden Investments auslaufen lassen“, erklärte Gruber.

    Statt in Kohle-Bergbau und -verarbeitung werde man Geldanlagen in Windenergie massiv ausbauen. Gruber: „Wir haben bis heute etwa zwei Milliarden Euro in Windenergie investiert und wir haben vor, diesen Betrag über die nächsten Jahre zu verdoppeln. Hier erwarten wir eine Rendite von fünf bis sechs Prozent für unsere Kunden.“

    Die neue Strategie gilt für eigene Investments der Allianz. Diese umfassen gegenwärtig etwa 630 Milliarden Euro. Mit diesen Summen muss die Versicherung ausreichende Gewinne erwirtschaften, um die Lebensversicherungen und Altersversorgung für Millionen Kunden zu finanzieren. Bei Kapitalanlagen im Auftrag externer Investoren, beispielsweise in den Töchtern Pimco und Allianz Global Investors, ändert sich einstweilen nichts.

    Trotzdem dürften sich für manche der traditionellen Energiekonzerne nun die Rahmenbedingungen verschlechtern. Aktien des Kohle-Konzerns RWE müsste die Allianz abstoßen, was den Wert der Firma verringern könnte. Ohnehin klagte RWE-Chef Peter Terium kürzlich darüber, dass es schwer sei, Kapital aufzunehmen. Und wenn E.ON seine Kohlekraftwerke bald in die neue Tochter Uniper auslagert, wird die Allianz nicht zu den Investoren gehören.

    Die Allianz ist einer der ersten großen, global tätigen Investoren, die systematisch Abschied von der Kohleindustrie nehmen. Zum teilweisen Abzug von Kapitalanlagen aus Unternehmen der fossilen Energien hatten sich früher beispielsweise der norwegische Staatsfonds und der Versicherungskonzern Axa bekannt.

    Andere große deutsche Investoren können sich zu diesem Schritt noch nicht durchringen. Die Deutsche Bank erklärte am Dienstag lediglich, sie unterstütze „insgesamt ein ausgewogenes Energiekonzept und berücksichtigt dabei sowohl wirtschaftliche als auch ökologische und soziale Aspekte“. Deutschlands Banken und Investoren seien im internationalen Vergleich stark an der Finanzierung der Kohleindustrie beteiligt, erklärte die Umweltorganisation Urgewald. So habe die europäische Braunkohle allein zwischen 2010 und Mitte 2015 aus Deutschland rund 8,7 Milliarden Euro durch Kredite und Aktienkäufe erhalten. Unter den deutschen Kreditgebern ist laut Urgewald die Deutsche Bank führend, die im Untersuchungszeitraum etwa 3,3 Milliarden Euro in die klimaschädliche Industrie steckte.

    Umweltorganisationen wie 350.org und Carbon Tracker fordern, das Divestment über die Kohle hinaus auf alle fossilen Energieträger auszudehnen. Ihr Argument: Milliarden Euro Kapitalanlagen in Unternehmen der Kohle-, Erdöl- und Erdgasindustrie seien gefährdet, weil die traditionellen Energiekonzerne die erhofften Gewinne künftig nicht mehr erzielen könnten. Die weltweiten Anstrengungen zum Klimaschutz zwängen sie dazu, einen Großteil der Kohle-, Öl- und Gasvorkommen im Boden zu lassen.

    Tausende von Investoren haben sich der Divestment-Kampagne bereits offiziell angeschlossen, viele davon in den USA und Großbritannien. Meistens sind es jedoch kleinere und mittlere Finanzanleger wie Kommunen, Kirchengemeinden, Universitäten und Stiftungen. Nach Schätzungen von Arabella Advisers, einer US-Beratung für ethisches Investment, bekennen sich bislang Anleger zum Divestment, die über 2.600 Milliarden Dollar Kapital verfügen. Wieviel bisher tatsächlich aus fossilen Investitionen abgezogen wurde, weiß man jedoch nicht.

  • Neuer Untersuchungsausschuss zu Steuerspar-Modell

    Linke und Grüne wollen das Gremium im Bundestag gegen die Koalition durchsetzen

    Ein neuer Untersuchungsausschuss soll im Bundestag Steuersparmodelle aufklären, die den Staat während der vergangenen Jahre Milliarden Euro gekostet haben. Darauf verständigten sich die Fraktionen von Grünen und Linken. Sie wollen den Untersuchungsausschuss gegen den Willen der Koalition aus Union und SPD durchsetzen.

    Der grüne Abgeordnete und Finanzexperte Gerhard Schick aus Mannheim bezifferte den Schaden zulasten der öffentlichen Hand auf bis zu „12 Milliarden Euro“. „Diese wurden uns gestohlen, weil die verschiedenen staatlichen Stellen nicht in der Lage waren, die Betrügereien rechtzeitig zu stoppen.“ Sein Linksfraktion-Kollege Richard Pitterle (Sindelfingen) sagte: „Der Untersuchungsausschuss soll aufklären, warum das fragwürdige Geschäftsmodell zehn Jahre möglich war.“

    Es geht um sogenannte Cum-Ex-Geschäfte. Dabei verkauften sich Investoren gegenseitig Wertpapiere so, dass sie sich zweimal die Kapitalertragssteuer durch Finanzämter erstatten lassen konnten, obwohl sie sie nur einmal bezahlt haben. Wegen einer Gesetzesänderung ist dieses Steuersparmodell heute nicht mehr möglich. Der Schaden für den Staat ist nach Angaben der Opposition zwischen 2002 und 2012 entstanden. Mittlerweile gibt es aber einen Nachfolge-Trick, den Fachleute als Cum-Cum-Geschäft bezeichnen.

    In der Antwort auf eine Anfrage der Linksfraktion wies das Bundesfinanzministerium den Vorwurf der Untätigkeit zurück. Dass Investoren das Steuersparmodell anwandten, sei zunächst nicht bekannt gewesen. Dann habe man es aber schnell unterbunden. Linkspolitiker Pitterle bezeichnete den Steuertrick als „klassische Umverteilung von unten nach oben“ – reiche Investoren hätten auf Kosten der normalen Steuerzahler profitiert. Schick wirft der zuständigen Bankenaufsicht BaFin vor, „häufig keine Ahnung zu haben, was in den Banken wirklich läuft. Und das Finanzministerium, das die Aufsicht über die BaFin hat, will das auch nicht anders.“ Zu den Nutznießern des Steuertricks gehörten neben privaten Geldhäusern vermutlich auch staatliche Landesbanken, beispielsweise die nicht mehr existierende WestLB.

    Den Antrag der Grünen und Linken auf Einsetzung eines Sonderermittlers lehnten die Koalitionsfraktionen ab. Nun müssen sich 120 Abgeordnete des Bundestages für den Untersuchungsausschuss aussprechen. So sieht es die Minderheiten-Regel für diese Legislaturperiode vor. Die Linken haben 64 Sitze, die Grünen 63. Starten könnten die Arbeit Anfang 2016.

  • Papiertiger

    Kommentar

    Es ist der Bundesregierung nicht gelungen, den kleinen Spartengewerkschaften per Gesetz die Streikmacht zu nehmen. Der längste Streik bei der Lufthansa ist ein guter Beleg dafür: Das Kabinenpersonal kann einen guten Teil des Luftverkehrs lahm legen. Die Piloten der Airline wären dazu auch jederzeit in der Lage, ebenso die Fluglotsen oder das Bodenpersonal. Dabei haben Politiker der großen Koalition versprochen, dass sie mit dem Tarifeinheitsgesetz solche Alleingänge der streikmächtigen Berufsgruppen verhindern. Das Gesetz ist vermutlich dauerhaft nur ein Papiertiger.

    Grundsätzlich sollen immer nur Tarifverträge mit der Gewerkschaft gelten, die in einem Betrieb die meisten Mitglieder hat. Bei der Lufthansa insgesamt wäre das wohl Verdi. Doch die riesige Dienstleistungsgewerkschaft denkt gar nicht daran, auch für Piloten oder Flugbegleiter Verhandlungen zu führen. Denn diese sind nicht bei Verdi organisiert. Da es auf der Gewerkschaftsseite keine Konkurrenz um die Vertretung einzelner Berufsgruppen gibt, greifen die Regelungen des Tarifeinheitsgesetzes nicht.

    Ähnlich sieht es bei den Krankenhäusern aus. Hier ist die Ärztevertretung Marburger Bund der oft gescholtene kleine Bösewicht. Aber auch hier wird das Gesetz nicht zur Anwendung kommen, weil sich Verdi mit den Ärzten praktisch auf ein friedliches Nebeneinander verständigt hat. Beim Verdi-Tarifvertrag sind die jungen Ärzte etwas besser gestellt, beim Marburger Bund die erfahrenen. Damit können die Arbeitgeber auch gut leben. Wo klein Kläger ist, sieht die Tarifeinheit auch keinen Richter vor.

    Nur bei der Bahn könnte die Tarifeinheit einmal von oben verordnet werden, weil hier zwei Gewerkschaften dieselben Berufsgruppen vertreten. Auch dazu wird es aber kaum kommen, weil die Arbeitgeber dies – zumindest bislang – um fast jeden Preis verhindern wollten. Die Lokführer werden also im Tarifkampf weiterhin streiken, wenn es nötig wird. Das muss nicht so bleiben, wenn eine der beteiligten Seiten den Bogen mal überspannen sollte. Doch unter dem Strich bleibt die Erkenntnis, dass das nach viel Getöse und langem Gutachterstreik verabschiedete Tarifeinheitsgesetz sich als überflüssig erwiesen hat.

  • Wenn eine Stadt im Meer verschwindet

    Beira, eine Küstenstadt im ostafrikanischen Mosambik könnte in wenigen Jahrzehnten im Meer verschwinden. Grund für die Prognose sind die Folgen des Klimawandels. Die Bevölkerung kämpft gegen die unberechenbare Macht des Wassers.

    Cheizin Mussa hat Angst. Angst vor dem Wasser, das den Grund ihres Hauses wegzuspülen droht. Furcht vor dem Tag, an dem sie und ihre Familie ihr Zuhause verlassen müssen. „Es dauert nicht mehr lang“, sagt die 35-Jährige. Cheizin Mussa lebt mit ihren vier Kindern und fünf weiteren Familienmitgliedern in einem Häuschen an der Küste Beiras, einer Kleinstadt im Osten Mosambiks. Mit Sandsäcken und Müllpaketen versuchen die Bewohner, ihre Häuser vor dem Wasser zu schützen. „Regelmäßig läuft der Keller voll“, sagt Mussa. Weht der Wind besonders stark, überspült das Wasser sogar die nahegelegene Straße. Es ist ein verzweifelter Kampf der Küstenbewohner gegen die Macht des Meeres.

    Mosambik gehört zu den Staaten Afrikas, die mit am stärksten vom Klimawandel betroffen sind. Vor allem die Bevölkerung an der Ostküste leidet an den Folgen. Der Meeresspiegel steigt und verschärft die Erosion an der Küste. Hinzu kommt, dass die Niederschläge in der Regenzeit und tropische Stürme deutlich zunehmen. Die Folge: Ganze Viertel werden regelmäßig überflutet, denn Abwasser- und Regensysteme gibt es kaum. Das Wasser zerstört nicht nur die Ernte und damit das Einkommen der Menschen. Mit den Überschwemmungen kommen die Mücken und mit den Insekten die Malaria. Jedes Jahr erkranken Hunderte Bewohner Beiras, bei vielen verläuft die Krankheit tödlich.

    Der Bürgermeister der Küstenstadt, Daviz Simango, weiß wie dramatisch die Lage seiner Stadt ist. „Der Meeresspiegel wird in den nächsten 20 oder 30 Jahren vermutlich um einen halben Meter steigen“, sagt der stämmige Mann, der seit über zehn Jahren an der politischen Spitze Beiras steht. „Wir brauchen das Wasser. Doch in der Vergangenheit wurden viele Fehler gemacht.“ Damit meint er etwa das Fällen der Mangrovenbäume an der Küste oder die fehlenden Abwasserkanäle.

    Gegen die Wassermassen kann auch Simango nur wenig tun. Er setzt auf einen besseren Schutz bei Überschwemmungen. Helfen soll beispielsweise ein Bauprojekt, das den Lauf des Flusses Chiveve umleiten soll. Regnet es stark, sind etwa die Slums Goto und Chipangara regelmäßig überschwemmt. In der Regenzeit von November bis März verlieren Hunderte Bewohner ihre Häuser. Viele suchen Zuflucht auf dem Land. Fließt das Wasser ab, kehren sie zurück und versuchen zu retten, was das Wasser übrig ließ. Ein Teufelskreislauf, der sich nur schwer durchbrechen lässt. Die Renaturierung des Flusslaufs soll das künftig verhindern. Hinzu kommt ein Gezeitenbauwerk am Hafen. Damit sollen die Landstriche auch vor Sturmfluten geschützt sein.

    Schon als kleines Kind kam Cheizin Mussa gerne an den Strand. Zum Spielen und Schwimmen, das Meer war Freund und nicht Feind. „Damals war hier noch ein Garten direkt vor unserem Haus“, erinnert sich die Frau mit den streng zurückgekämmten schwarzen Haaren und dem strahlend blauen Kleid. Wo vor rund 30 Jahren noch Süßkartoffeln und Gemüse angebaut wurden, hat das Meer sich das Land geraubt. Weiß sie, warum sich die Küste so verändert hat? „Die Temperatur wird wärmer, das Meer kommt immer näher“, sagt sie. Von den Bauvorhaben ihres Bürgermeisters, weiß sie nichts. „Wir haben bisher keine Hilfe von der Regierung bekommen“, klagt sie.

    Das Chiveve-Projekt kostet rund 16 Millionen Euro, größtenteils finanziert von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Insgesamt stellte das deutsche Entwicklungsministerium für 2014 und 2015 rund 128 Millionen Euro für eine „nachhaltige, soziale und wirtschaftliche Entwicklung“ Mosambiks bereit. „Bereits jetzt ist der Grundwasserspiegel in Beira sehr hoch“, sagt Bianca Reichel, Projektmanagerin bei der Consulting Engineers Salzgitter GmbH. Die Braunschweiger Firma hat Reichel in die Küstenstadt geschickt, um bei der Planung und Umsetzung des Chiveve-Projekts zu helfen. „Sogar das Stadtzentrum könnte in wenigen Jahren überflutet werden“, sagt die Expertin für Internationale Entwicklung. Wie Bürgermeister Simango geht auch Reichel von einer Verschärfung der Lage in den kommenden Jahren aus. Die Menschen an der Küste versuchten mit der Übermacht des Wassers zu leben, viele hätten größtenteils resigniert, sagt sie. Was ihnen langfristig bleibt, ist das Land zu verlassen.

    Auch Reichel weiß, dass Entwicklungsprojekte die Folgen des Klimawandels in Beira nur abmildern können. Die Umleitung des Chiveve ist dabei nur ein Baustein. Es geht um die Wiederaufforstung von Mangrovenwäldern, um den Bau von Abwassersystemen und die Entsorgung von Müll in den Armenvierteln. Ob es Beira in zwei Jahrzehnten noch in der Größe geben wird, wagt Reichel zu bezweifeln. „Beim Klimawandel überschlagen sich ja die Vorhersagen“, sagt die Projektmanagerin. Aber als Ingenieurin ist auch ihr klar, dass das Zusammenspiel von Küstenerosion, Überschwemmungen und ansteigendem Meeresspiegel nichts Gutes für die Bevölkerung verheißt.

    Das Leben ist hart in Beira. Cheizin Mussa schlägt sich mit Jobs bei einer Autovermietung durch. Ihr Mann ist Händler und im ganzen Land unterwegs. Von ihrem Haus aus, sieht sie das alte Standesamt. Ein ehemals prächtiger Bau, heute wirkt das Gebäude leer und verlassen. Das Standesamt ist nur ein Beispiel für den Zerfall der Region. „Hier waren überall Häuser“, sagt Mussa. Viele ehemalige Nachbarn haben bereits das Gebiet verlassen und sich ein neues Zuhause im Landesinneren gesucht. „Doch wohin sollen wir gehen?“ Ihre Kinder gehen hier in die Schule, sie muss sich um ihre alten Angehörigen kümmern. Solange das Haus steht, wird Mussa bleiben. Wie lange noch, das kann ihr keiner sagen.

    Fakten über Mosambik:

    Mosambik ist eines der ärmsten Länder der Welt und erreicht im Human Development Index den vorletzten Platz (185). Etwa 25 Millionen Menschen leben in dem südostafrikanischen Land, rund die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Seit dem Ende des Bürgerkriegs 1992 arbeitet das Land am Wiederaufbau. Schätzungen zufolge wächst die Wirtschaft jedes Jahr zwischen sieben und acht Prozent. Das Land profitiert zunehmend von den riesigen Gasvorkommen, die erst vor wenigen Jahren entdeckt wurden. Doch die Einnahmen kommen kaum bei der Bevölkerung an.

  • „Kein Bedarf, den Mindestlohn zu ändern“

    Wirtschaftsweiser Peter Bofinger rät davon ab, die gegenwärtige Lohnuntergrenze für Flüchtlinge zu durchlöchern. Die Kosten der Zuwanderung seien verkraftbar.

    Hannes Koch: Eine Million Zuwanderer kommt dieses Jahr nach Deutschland, vielleicht eine weitere Million 2016. Kann der Sachverständigenrat eine ökonomische Kosten-Nutzen-Rechnung aufmachen?

    Peter Bofinger: Nein, gegenwärtig liegen zu wenige Informationen beispielsweise über die Qualifikationen der Flüchtlinge vor. Wir haben aber versucht, die fiskalischen Kosten abzuschätzen, wobei das alles unter der großen Unsicherheit steht, ob es gelingen wird, die Migration deutlich zu reduzieren. Wenn man einmal unterstellt, dass dieses Jahr eine Million Menschen kommen und 2016 etwa 750.000, würden die zusätzlichen Ausgaben 2016 im günstigen Fall bei elf Milliarden Euro, im ungünstigen Fall bei 14 Milliarden Euro liegen.

    Koch: Sind solche Kosten für den Staatshaushalt beherrschbar?

    Bofinger: Diese Größenordnung wäre verkraftbar. Sie ließe sich sogar finanzieren, ohne dass der Gesamtstaat dafür zusätzliche Schulden aufnehmen müsste. Die ökonomische Lage in Deutschland ist augenblicklich ja relativ entspannt, die Wirtschaft läuft gut. Deshalb sind finanzielle Spielräume vorhanden.

    Koch: Halten Sie angesichts der Zuwanderung Bundesfinanzminister Wolfgang Schäubles Versuch für richtig, auch im Bundeshaushalt 2016 keine neuen Schulden einzuplanen?

    Bofinger: Unabhängig von der Flüchtlingssituation war ich noch nie ein Freund der schwarzen Null, da es dabei vor allem um Symbolpolitik geht. Man muss die Lage ja so betrachten: Der Bund kann sich zum Nulltarif verschulden, weil die Zinsen so niedrig liegen. Deshalb erscheint es ökonomisch sinnvoll, Geld zu leihen, um Investitionen beispielsweise in öffentliche Infrastruktur, Energieeffizienz von Unternehmen oder Bildung zu finanzieren. Solche Investitionen erbringen eine Rendite, die weitaus höher ist als Null. Auf dieses Potential zu verzichten, ist aus ökonomischer Sicht ein Fehler. Das gilt insbesondere auch für Investitionen in die Bildung und Qualifikation der Zuwanderer.

    Koch: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat berechnet, dass ab etwa 2020 die Einwanderer hier mehr Wohlstand erwirtschaften als sie die Gemeinschaft kosten. Halten Sie das für realistisch?

    Bofinger: Mit solchen Schätzungen sollte man sehr vorsichtig sein. Sicher verursachen die Flüchtlinge nicht nur Kosten, sondern sie erhöhen auch das ökonomische Potenzial unseres Landes. Deshalb muss man alles dafür tun, um ihre Berufsqualifikationen zu verbessern. Dann können viele von ihnen hier in einigen Jahren Arbeitsplätze übernehmen, die sonst unbesetzt blieben.

    Koch: Gehen hiesige Arbeitslose möglicherweise leer aus, wenn Zuwanderer die Jobs besetzen?

    Bofinger: Natürlich wird es zu Problemen kommen. Diese kann man aber mildern, indem die Politik mehr Geld in Bildung investiert. Dann kann es gelingen, sowohl Arbeitslose als auch Zuwanderer in bezahlte Tätigkeiten zu bringen. Wir dürfen nicht vergessen: Der Bedarf an Facharbeitern in den Unternehmen ist schon jetzt groß. Und er wird steigen.

    Koch: Tragen Sie den Vorschlag Ihrer Kollegen mit, dass Zuwanderer während des ersten Jahres einer Tätigkeit unter dem gegenwärtigen Niveau des Mindestlohns bezahlt werden sollten?

    Bofinger: Bisher hat der Mindestlohn keine Probleme bereitet. Ich sehe keinen Bedarf, ihn zu verändern. Heute schon können Langzeitarbeitslose während der ersten sechs Monate schlechter entlohnt werden. Das sollte auch für Flüchtlinge gelten.

    Koch: Ist Europa ökonomisch und finanziell mittlerweile aus dem Gröbsten raus – oder täuscht dieser Eindruck, weil wir gegenwärtig nur nicht darüber reden?

    Bofinger: Unter der Leitung von Mario Draghi hat die Europäische Zentralbank einen tollen Job gemacht. Sie hat die Zinsen für die Unternehmen gesenkt und den Euro im Vergleich zu anderen Währungen abgewertet. Dadurch sind die europäischen Produkte wettbewerbsfähiger geworden. So existiert im Euroraum nun wieder ein makroökonomischer Rahmen, der Wachstum ermöglicht. Das ist ein Grund dafür, warum die Notwendigkeit in den öffentlichen Haushalten zu sparen jetzt nicht mehr so betont wird. Beispielsweise die spanische Regierung hat erkannt, dass der Staat aus den Schulden herauswachsen kann.

    Koch: Was muss passieren, damit Griechenland wieder auf einen grünen Zweig kommt?

    Bofinger: Zunächst sehen wir, wie gut es war, dass Griechenland nicht aus dem Euro ausgestiegen ist. Denn nun spielt das Land ja eine zentrale Rolle in der Flüchtlingspolitik. Wäre es nicht mehr im Euro, wäre dort das Chaos ausgebrochen. Jetzt aber braucht Griechenland ein ernsthaftes Wachstumsprogramm. Man sollte beispielsweise überlegen, dort eine große Zahl von Unterkünften für Zuwanderer zu bauen. Dies würde der griechischen Wirtschaft einen Teil der Unterstützung geben, die sie dringend braucht.

    Bio-Kasten
    Peter Bofinger (61) ist einer der fünf Wirtschaftsweisen, die die Bundesregierung beraten. Im Sachverständigenrat für Wirtschaft sitzt er mit Unterstützung der Gewerkschaften. Bofinger vertritt eine nachfrageorientierte Politik, die eine angemessene Entwicklung der Beschäftigtenlöhne und die Bedeutung der Staatstätigkeit betont. Er lehrt und forscht als Professor für Volkswirtschaft an der Universität Würzburg.

  • Das ewige Öl

    Kommentar zu Ölpreis und Klima von Hannes Koch

    Der niedrige Ölpreis ist ein Konjunkturprogramm. Die Bürger sparen Benzin-, Heiz- und Warmwasserkosten. Zumindest einen Teil des Geldes geben sie für andere Konsumgüter aus, auf die sie sonst verzichtet hätten. Individuell mag man das begrüßen. Für die Energiewende und den Schutz des Weltklimas aber ist diese Entwicklung problematisch.

    Denn billiges Benzin wirkt als Anreiz, mehr Auto zu fahren, wodurch der Kohlendioxidausstoß steigt. Angesichts des preisgünstigen Treibstoffs haben die ohnehin teuren Elektroautos geringere Marktchancen. Die Wärmedämmung von Gebäuden rechnet sich ebenfalls schlechter. Weil die Preise für die fossilen Energieträger Erdöl, Gas und Kohle insgesamt beträchtlich unter ihren Höchstständen liegen, könnte sich der Ausbau der erneuerbaren Energien verlangsamen.

    Die alte Hoffnung, das fossile System sterbe wegen unerschwinglicher Preisen quasi ab, erfüllt sich offenbar nicht – jedenfalls nicht so schnell. Selbst wenn der Ölpreis, wie die Internationale Energieagentur annimmt, von heute 44 Dollar pro Fass bis 2020 wieder auf 80 Dollar stiege, läge er noch weit unter dem 2008-Rekord von fast 150 Dollar. So zeigen sich die fossilen Energien robuster und anpassungsfähiger, als man dachte. Beispielsweise die moderne Fördermethode des Öl- und Gas-Frackings führt dazu, dass neue Vorkommen erschlossen werden und der Preis selbst bei hoher Nachfrage nicht ins Unermessliche steigt.

    Wenn aber die Peitsche des hohen Preises nicht wirkt, es also an wirtschaftlichem Anreiz für Klimaschutz mangelt, wird klar, um was geht: Der Schutz der Erdatmosphäre ist eine Frage des gesellschaftlichen Willens. Um die Erde nicht gefährlich aufzuheizen, bedarf es politischer Entscheidungen. Auf die wirtschaftlichen und finanziellen Vorteile kann man hoffen, rechnen sollte man mit ihnen jedoch nicht. So müssen die Politiker bei der Weltklimakonferenz in Paris Ende November Verantwortung beweisen, auch wenn diese ökonomisch nicht immer opportun sein mag. Vielleicht rechnen sich Maßnahmen wie die Abschaltung von Kohlekraftwerken und die Förderung von Elekroautos einstweilen nicht – nötig sind sie gleichwohl.

  • Für ein paar Euro mehr

    Textilproduktion in Bangladesch

    Das rote Motorrad mit den verdreckten Reifen ist widerspenstig. Gerd Müller sitzt drauf, dreht am Gasgriff, doch nichts passiert. Nun wird dem Entwicklungsminister geholfen. Knatternd springt der Motor an. Auch einen Helm bekommt Müller aufgesetzt. Jetzt ist die Szene perfekt. Lächeln für die Kameras. Die Manager der Textilfabrik applaudieren dem Gast aus Deutschland.

    Dhaka, Hauptstadt von Bangladesch: Gerd Müller ist hergekommen, um sein Anliegen voranzutreiben. Kleidung, die Geschäfte in Deutschland anbieten, soll nicht unter ausbeuterischen Bedingungen hergestellt werden. Deswegen hat die dem Entwicklungsminister unterstellte Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) die roten Motorräder bezahlt. Inspektoren können damit zu abgelegenen Produktionsstätten fahren. Sie kontrollieren, ob die Fabrikgebäude stabil gebaut sind, intakte Feuerlöscher an den Wänden hängen, Fluchtwege existieren und die Arbeiterinnen nicht wie Sklaven gehalten werden.

    Zwei Stunden hat sich Müllers Fahrzeug-Konvoi mit Polizeibegleitung erst durch den Verkehrsinfarkt der 14-Millionen-Stadt Dhaka, dann über sandige Schlaglochwege durch die Hüttenvororte gequält. Hier steht ein modernes, achtstöckiges Fabrikgebäude. An den Straßen auf dem Firmengelände stecken rote, grüne, gelbe und weiße Fähnchen im ordentlich gemähten Rasen. Alles sieht toll aus, nicht nach Entwicklungsland, sondern nach „Leuchtturm für eine faire Globalisierung“, wie Müller betont.

    Tatsächlich scheint das Familienunternehmen Dulal Brothers Ltd. seinen 22.000 Beschäftigten – überwiegend jungen Frauen – Bedingungen zu bieten, die deutlich über dem Standard der üblichen Produktion in Bangladesch liegen. Zwar arbeiten auch hier hunderte Leute auf einem Stockwerk dicht an dicht. Sie fertigen beispielsweise Oberhemden, die man in Deutschland bei H&M, Esprit, G-Star oder Lidl kaufen kann. Die Stoffe werden geschnitten, genäht, Kragen werden angesetzt, Knöpfe angenäht, Etiketten angebracht, die fertigen Hemden kontrolliert, gebügelt, gefaltet, verpackt. Der Weg jedes Textilstücks ist unterteilt in hunderte kleiner Arbeitsschritte, die die Frauen mit den gelben Kopftüchern tausende Male täglich in erstaunlichem Tempo wiederholen.

    Es ist eine erschöpfende, monotone Industriearbeit – dennoch besser organisiert, als in vielen anderen Fabriken. So hängen keine lauten Propeller unter den Geschossdecken, die anderswo nervtötenden Lärm verbreiten. Die Klimatisierung übernehmen stattdessen Ventilatoren in den großen Fenstern der Halle. Es ist nicht heiß, die Luft angenehm. Auch die Nähmaschinen rattern nicht ohrenbetäubend. Ihren Beschäftigten bietet die Firma einen speziellen Laden, in dem sie Lebensmittel und andere Konsumgüter billiger als normal einkaufen können. Die Medizinstation auf dem Gelände gewährleistet kostenlose ärztliche Versorgung. Dieser Arbeitgeber übernimmt dadurch Dienstleistungen, die das Entwicklungsland Bangladesch seinen Bürger nicht zur Verfügung stellt.

    Außerdem sei die Bezahlung besser als üblich, erklären die Manager. Eine durchschnittliche Näherin könne hier rund 15.000 Taka pro Monat verdienen. Das entspricht gegenwärtig etwa 170 Euro. Bei 60 Arbeitsstunden wöchentlich beträgt der Lohn zwar für deutsche Verhältnisse lächerliche 70 Euro-Cent pro Stunde. In Bangladesch liegt er damit allerdings bei 300 Prozent des Mindestlohns, den die Regierung als Untergrenze festgesetzt hat. Im Gegensatz zu vielen Millionen Beschäftigten in der Textilindustrie des südasiatischen Landes scheint es den Näherinnen bei Dulal Brothers also einigermaßen gut zu gehen.

    Allerdings nicht gut genug, wie die Gewerkschafter der Asiatischen Fabriklohn-Kampagne sagen. Deren Berechnungen zufolge müssten Arbeitnehmerinnen in Bangladesch etwa 250 Euro monatlich erhalten, um die Grundbedürfnisse ihrer Familien decken zu können. Dieser sogenannte Existenzlohn (living wage) soll nicht nur Ausgaben für Essen, Wohnen und Kleidung ermöglichen, sondern auch für Mobilität, Kommunikation, soziale Sicherheit, Bildung der Kinder und Sparen. Das Konzept des Existenzlohns spielt gegenwärtig eine große Rolle in der Auseinandersetzung über die Zustände in den weltweiten Zulieferfabriken der europäischen und amerikanischen Textilkonzerne. Während beispielsweise die Kritikerorganisation Kampagne für Saubere Kleidung fordert, dass Händler wie H&M, Otto, KiK oder Walmart den Existenzlohn in Bangladesch, China oder Kambodscha durchsetzen, verweisen die Unternehmen darauf, dass sie sich immerhin an die staatlich festgelegten, wenn auch niedrigeren Mindestlöhne halten.

    Entwicklungsminister Müller hat die umständliche Reise in Dhakas ländlichen Norden auch deshalb unternommen, weil Dulal Brothers aus seiner Sicht einen weiteren Vorteil hat. Die vier Eigentümer waren die ersten in Bangladesch, die Müllers Textilbündnis beitraten. Dieses existiert seit einem Jahr. Mittlerweile haben sich über 150 schwerpunktmäßig in Deutschland aktive Textilkonzerne, Verbände und Organisationen angeschlossen. Müller übernimmt damit den ehrgeizigen und auch risikoreichen Versuch, die ökologischen und sozialen Bedingungen in der globalen Textilproduktion zum Besseren zu verändern.

    Wenn Müller, 60 Jahre alt, bayerischer Bauernsohn mit großen Händen, darüber redet, klingt er wie ein christlicher Marxist. Der CSU-Politiker, der früher mal die Jugendorganisation seiner Partei leitete, ist zornig, dass sich Milliarden-Firmen wie H&M, die Tengelmann-Tochter KiK oder die britische Billigkette Primark aus dem sozialen Konsens verabschieden. Wenn die Konzerne den Produzenten nur einen Euro pro T-Shirt zugeständen, reiche das einfach nicht, um vernünftige Arbeitsbedingungen zu finanzieren, verkündet er im Ausstellungsraum von Dulal Brothers. Die westlichen Konzerne sollten ihren Lieferanten in Bangladesch und anderswo bessere Preise bieten, damit diese ihren Beschäftigten höhere Löhne zahlen könnten. Um das durchsetzen, so Müller, müsse die Politik der Wirtschaft auch weltweit Regeln vorschreiben.

    Des Ministers Ansinnen ist auch eine Reaktion auf die Katastrophe von Rana Plaza. Nicht weit von Dulal Brothers entfernt brach vor zweieinhalb Jahren ein Gebäude mit Textilfabriken zusammen. Über 1.000 Arbeiterinnen und Arbeiter starben. Viele wurden schwer verletzt. Mit seinem Textilbündnis will Müller auch einen Beitrag dazu leisten, dass so etwas nicht wieder passiert. Im Aktionsplan des Bündnisses stehen viele gute Punkte: So geht es um Arbeitssicherheit, Unfall- und Gesundheitsschutz, maximale Arbeitszeiten – und sogar zum Existenzlohn haben sich Otto, C&A, KiK, H&M und Co. bekannt.

    Allerdings hat die Veranstaltung einen Schönheitsfehler. Als Bedingung für ihr Mittun haben die Konzerne und Firmenverbände den Zeitplan rausgeschmissen. Müller willigte trotzdem ein, um sich die Unterschriften der Unternehmen als Erfolg anrechnen zu können. Das Resultat: Nun gibt es zwar gemeinsame Ziele – wann diese aber erreicht werden, steht in den Sternen.

    Ein weiterer Minuspunkt: Vor einem Jahr, am 16. Oktober 2014, ließ der Entwicklungsminister das Textilbündnis offiziell gründen. Außer bürokratischen Aktivitäten ist bis heute aber nichts passiert. Maik Pflaum, der für die Kampagne für Saubere Kleidung im Bündnis mitwirkt, sagt: „Auf der Ebene der Produktion, bei den NäherInnen, hat das Textilbündnis bisher keine Aktivitäten entwickelt und deswegen noch keine Fortschritte bewirkt.“ Das sei auch kein Wunder, betont dagegen Uwe Mazura, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie: „Innerhalb nur weniger Monate grundlegende praktische Veränderungen bei den Arbeitsverhältnissen in den Zulieferfabriken zu erwarten, entspricht nicht der Komplexität des Themas. Hier sind auch die Produktionsstaaten und die Bundesregierung in der Pflicht. Ich bin allerdings sicher, dass wir in einigen Jahren wesentliche Verbesserungen erreichen können und auch werden.“

    Auf der Reise in Bangladesch möchte der Entwicklungsminister von den Firmen jedoch etwas mehr hören. Konferenzraum eines Oberklasse-Hotels in Dhaka Anfang Oktober: Der Minister hat Einkäufer großer Textilhändler eingeladen. Am Tisch sitzen unter anderem Tschibo, Aldi, H&M und C&A. Und, fragt Müller, wo stehe denn der Preis einer Jeans gegenwärtig im Einkauf? Bei neun Euro? Er will sagen: Ihr dürft die Preise nicht ständig drücken, Ihr müsst den Zulieferern in Bangladesch etwas mehr Geld lassen. Zusagen in dieser Richtung bekommt Müller jedoch nicht. Theoretisch reden die Firmenvertreter gerne über Nachhaltigkeit. Wird es konkret, sprechen sie lieber darüber, dass die Zulieferer ihre Produktivität steigern sollten. Eigentlich, so muss man sagen, lassen sie Minister Müller hängen.

    Info-Kasten
    Textilindustrie in Bangladesh
    Das Land ist knapp halb so groß wie Deutschland, hat aber doppelt so viele Einwohner: rund 160 Millionen. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf und Jahr beträgt knapp 1.000 Euro (Deutschland: etwa 35.000). Der wichtigste industrielle Wirtschaftszweig mit einem Exportwert von über 20 Milliarden Euro ist die Textilindustrie. Nach China ist Bangladesch der größte Bekleidungsexporteur weltweit. Verkaufen Textilkonzerne eine dort produzierte Jeans in Deutschland für 100 Euro, erreichen davon vielleicht zwei oder drei Prozent die Arbeiterinnen in Bangladesch. Wenn sie wollten, könnten die Firmen den Lohn der Beschäftigten dort verdoppeln, ohne dass der hiesige Endkundenpreis steigt. Sie müssten eine minimale Verringerung ihres Gewinns hinnehmen. (Koch)

    Die Reise fand auf Einladung des Ministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) statt.

  • Mein Preis, dein Preis

    Welches Produkt künftig im Einkaufswagen liegen soll, lässt sich angeblich mathematisch berechnen. Mit diesem Geschäftsmodell will ein Berliner Start-up Geld verdienen. Dank der Vorhersage lassen sich Preise für jeden Kunden passgenau zuschneidern.

    Raimund Bau weiß genau, was seine Kunden im Supermarkt gerne einkaufen. Bonbons mit Zitronengeschmack oder lieber Himbeer? Die Getränke in der Flasche oder im Tetra-Pack? Frisches Obst und Gemüse oder doch eher die Tiefkühlvariante? „Wir lernen aus den Einkaufskörben der Kunden ihre Vorlieben“, sagt Bau. Der Marketing-Experte ist Gründer und Geschäftsführer von So1.

    Mit „wir“ meint Bau eine Software, eine künstliche Intelligenz, die er gemeinsam mit seinen Kollegen entwickelt hat. Grundlage ist ein Algorithmus, der sich nicht nur die Lieblingswaren der Kundschaft merkt, sondern genau ausrechnet, was auch beim nächsten Einkauf in den Wagen wandern wird. Diese Vorhersage ist viel Geld wert – vor allem für den Einzelhandel. Passend zur Prognose schlägt der Algorithmus den Einkäufern maßgeschneiderte Angebote vor.

    Ein Beispiel: Beim aktuellen Einkauf entscheidet sich die Familie für Schokoladencreme, Backpulver und Apfelsaft. Allerdings nicht vom Markenhersteller sondern vom billigeren Anbieter. An der Kasse speichert die Kassiererin die eingekauften Waren auf der Kundenkarte der Familie. Beim nächsten Besuch im Laden verspricht der Händler der Familie einen Sonderpreis – auch für Schokoladencreme und Backpulver. Aber nicht für die unbekannten Hersteller sondern für Nutella und Dr. Oetker. Dazu gibt es noch ein Angebot für Marmelade. Schließlich scheint der Kunde gerne Süßes zum Frühstück zu essen. Und eines für den neuen Mangosaft des Getränkeherstellers.

    Persönliche Daten wie Namen, Alter, Adresse braucht Marketingfachmann Bau für Prognose und Angebot nicht. „Unsere Software kann nur über das Einkaufsverhalten auf die Vorlieben und Zahlungsbereitschaft der Konsumenten schließen“, sagt Bau. Ganz ohne Registrierung geht es allerdings nicht. Schließlich müssen die Einkaufsvorlieben auch einer Person zugeordnet werden. Der Kunde muss einen „Kanal“ schaffen, um an das Angebot heranzukommen. Von den Rabatten erfährt der Schnäppchenjäger beispielsweise über eine Kundenkarte oder eine App.

    Was nach Einkaufen in der Zukunft klingt, testet derzeit die Supermarktkette Kaiser's Tengelmann in Berlin und Brandenburg. Für den Test hat das Unternehmen die „ExtraKarte“ erfunden. Vor jedem Einkauf kann der Kunde seine Kundenkarte an einer „Spar-Station“ scannen. Der rote Kasten am Eingang des Ladens spukt dann die maßgeschneiderten Rabatte aus. An der Kasse wird der Schnäppchenpreis verrechnet. Die Idee soll sich für den Supermarkt auszahlen. Das Unternehmen erwarte sich davon eine Steigerung der Kundenfrequenz, höhere Kundenloyalität und letztlich auch höhere Umsätze, teilt eine Sprecherin von Kaiser's Tengelmann mit.

    Dass die Karte anonym ist und persönliche Daten nicht notwendig sind, ist nur ein Nebeneffekt des individuellen Rabattköders. Laut Tengelmann wurde die ExtraKarte seit Mai von mehr als 360.000 Menschen in Berlin und Brandenburg genutzt. Auch bundesweit will die Supermarktkette die Rabattkarte einsetzen. Man beobachte den Erfolg regelmäßig und prüfe, ob eine Ausweitung sinnvoll sei, heißt es aus der Unternehmenszentrale in Mühlheim an der Ruhr.

    Datenschützer freuen sich über die neue Kundenkarte bei Kaiser's. Schließlich kennen die Verbraucherzentralen etliche Fälle, in denen Kunden leichtfertig Email-Adressen oder Telefonnummern preisgeben und dann mit Werbung bombardiert werden. Dieses Problem sollte bei der Kaiser's Kundenkarte nicht der Fall sein. „Verbrauchern muss aber dennoch klar sein, dass über Rabattkarten Ihr Einkaufsverhalten und Ihre Zahlungsbereitschaft analysiert werden“, sagt Miika Blinn, Experte für Digitales und Medien beim Verbraucherzentrale Bundesverband. „Ziel ist es den Umsatz zu steigern, in dem Kunden gezielt angesprochen werden.“

    Ob das personalisierte Marketing tatsächlich eine ernstzunehmende Konkurrenz für die Payback-Angebote oder die Kundenkarten einzelner Geschäfte sind, ist fraglich. Die Payback-Karte gibt es bereits seit 15 Jahren. Als sie im Jahr 2000 auf den Markt kam, schlugen Datenschützer Alarm. Sogar den Preis für die „Daten-Krake“ des Jahres bekam die Rabattkarte verliehen. Heute nutzen dem Unternehmen zufolge mehr als 27 Millionen Kunden die Payback-Karte.
    Das ganze funktioniert über ein Punktesystem. Supermärkte, Drogerien, Tankstellen und sogar Apotheken gehören zum Netzwerk. Wird die Karte beim Einkauf vorgezeigt, gibt es für jeden Euro Punkte. Für sie gibt es nicht nur Preisnachlässe, sondern auch Prämien oder Gutscheine. Mit den Daten der Kunden werde sehr sorgsam umgegangen, heißt es bei Payback, die Teil der American Express Group ist. Diese Informationen lägen lediglich dem Einzelhändler vor, bei dem sich der Kunde für die Karte registriert hatte und natürlich Payback in Deutschland. Informationen würden weder an andere Geschäfte noch ans Ausland weitergegeben. Die firmeneigenen Datenschutzvorgaben hat Payback sich vom TÜV Saarland zertifizieren lassen.
    Ihr größter Konkurrent ist die DeutschlandCard. Den Angaben nach sammeln mehr als 15 Millionen Kunden Punkte bei den Vertragspartnern. Auch hier betont man, dass der Datenschutz oberste Priorität hat. Jeder Teilnehmer muss bei der Anmeldung zum DeutschlandCard Programm ausdrücklich zustimmen, ob er Werbung bekommen möchte und seine Daten weiterverwendet werden dürfen. Freiwillig hat das Unternehmen einen Datenschutzbeauftragten bestellt.
    Zwei Jahre haben Bau und seine Kollegen an den neuen Algorithmen geforscht. Über Kaiser's Tengelmann hat das Start-up den Einstieg in den Einzelhandel gewagt. Sie locken die Kunden nicht nur über den Preis, sondern auch die Herkunft der Waren. „Wer Spreewald-Gurken kauft, der interessiert sich vielleicht auch für andere Ost-Produkte“, sagt Bau. Das gleiche Prinzip gilt für Waren in Bio-Qualität oder mit der Vegan-Kennzeichnung. „All diese Angebote bekommt man im klassischen Prospekt nicht unter.“
    In den kommenden Monaten wollen vier weitere Unternehmen So1 unter Vertrag nehmen. Dann könnten bis zu fünf Millionen Kunden, vom persönlichen Marketing-System erfasst werden. Auch in Großbritannien und in den USA wollen Bau und seine Kollegen Fuß fassen. „In kaum einem anderen Land haben die Menschen so viele Kundenkarten wie in den USA“, sagt Bau.

  • Tabakatlas: Berliner und Bremer rauchen am meisten

    Trotz hoher Preise und erheblicher Gesundheitsrisiken greift jeder Vierte regelmäßig zur Zigarette. Anti-Raucher-Kampagnen halten vor allem Kinder und Jugendliche vom Tabakkonsum ab. Erwachsene hindert das kaum.

    Der typische Dauerraucher Deutschlands ist männlich, zwischen 40 und 49 Jahre alt und arbeitet als Möbelpacker oder Müllwerker. Außerdem wohnt er ziemlich sicher in Berlin, Bremen oder Sachsen-Anhalt. Bei den Frauen qualmen besonders gerne Detektivinnen, Berufskraftfahrerinnen oder Lackierinnen. Ingenieurinnen oder Apothekerinnen greifen deutlich seltener zur Zigarette. Diese Daten gibt der neueste Tabakatlas Deutschland preis, den das Deutsche Krebsforschungszentrum aufgelegt hat.

    Fünf Jahre lang hat Martina Pötschke-Langer an der zweiten Auflage des Atlasses gearbeitet. „Die Zigarette ist und bleibt ein Giftgemisch“, fasste die Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention und des Kollaborationszentrums für Tabakkontrolle der Weltgesundheitsorganisation die Ergebnisse zusammen. Kein anderes Land in der EU hat sich die Mühe gemacht, die Raucherdaten zusammenzutragen. International gibt es der Krebsexpertin zufolge nur in Taiwan ein ähnliches Werk.

    Aufgeschreckt hat Pötschke-Langer vor allem die hohe Zahl an Todesfällen verursacht durch Rauchen. Jedes Jahr sterben rund 121.000 Menschen in Deutschland an den Folgen des Tabakkonsums. Krebs, Herz-Kreislauferkrankungen, Tuberkulose, Diabetes, Erektionsstörungen: Die Liste der Raucherkrankheiten ist lang.

    Jeder vierte Erwachsene in Deutschland raucht regelmäßig, etwa jeder dritte Mann und jede fünfte Frau. Männliche Raucher sterben auch doppelt so oft durch den Tabakkonsum wie Frauen. Die meisten Todesfälle gibt es in Bremen und Berlin. „Rauchen ist das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko“, kommentierte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU) den Tabakatlas. „Hier geht es um die Wurst – aber im übertragenen Sinne.“

    Weit über 60 Prozent der Raucher versuchen wenigstens einmal im Leben mit dem Rauchen aufzuhören. Bei wie vielen es tatsächlich klappt, ist nicht erfasst. Präventionskampagnen scheinen laut Atlas vor allem bei Kindern und Jugendlichen zu wirken. Seit 2009 sank die Quote hier stetig. Von den Elf- bis 17-jährigen rauchen insgesamt nur noch zwölf Prozent. Viele von ihnen steigen aber auf E-Zigaretten oder E-Shishas um. Rund ein Drittel der Zwölf- bis 17-Jährigen hat bereits Wasserpfeife geraucht, und ein Viertel hat E-Zigaretten ausprobiert.

    Den Angaben nach teilen sich vier Hersteller mehr oder minder den deutschen Zigarettenmarkt. Zu den Markführern zählen Philip Morris Germany, die Reemtsma Cigarettenfabriken, British American Tobacco Germany und Japan Tobacco International Germany. Allein 2014 wurden rund 80 Milliarden Zigaretten verkauft. In den 1990er Jahren erreichte die Branche Spitzenwerte von mehr als 146 Milliarden Stück pro Jahr. Allein der Verkauf von Zigaretten spült viel Geld in die Kassen der Tabakkonzerne. Das Statistische Bundesamt geht von Umsätzen in Höhe von 20,5 Milliarden Euro im vergangenen Jahr aus.

    Auch der Staat verdient nicht schlecht am Verkauf der Zigaretten. Der Steueranteil macht etwa drei Viertel des Preises aus. 2014 flossen darüber etwa 12,26 Milliarden Euro in den Staatshaushalt. Krebsexpertin Pötschke-Langer würde die Steuersätze gerne nach oben schrauben und damit die Packungspreise am liebsten verdoppeln. Nach ihrer Rechnung kostet das Rauchen Staat und Wirtschaft jedes Jahr rund 80 Milliarden Euro. Es sind nicht nur die Gesundheitskosten, die zu Buche schlagen, sondern auch die Firmen, die unter den Rauchern leiden. Beispielsweise würden Raucherpausen und Frühverrentungen laut Pötschke-Langer mehr als 50 Milliarden Euro im Jahr ausmachen.

    Auch die Drogenbeauftragte Mortler würde gerne die Steuern auf Tabakprodukte erhöhen. Schließlich hält sie die Abgabe für ein „gutes Instrument“, um die Zahl der Raucher in Deutschland zu reduzieren. Doch sie weiß auch, dass ein solcher Vorstoß keine realistischen Chancen hat. Denn die Tabaklobby wird sich zu wehren wissen. Sie will lieber bei den Vorschlägen bleiben, bei denen sie die „Früchte ernten kann“.

    Mortler will vor allem mehr Anti-Raucher-Kampagnen starten. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat in diesem Jahr 1,725 Millionen Euro für die Tabakprävention ausgegeben. 2016 steigt der Etat für diesen Posten auf über zwei Millionen Euro. Außerdem hofft die Drogenbeauftragte auf die baldige Umsetzung der EU-Tabakproduktrichtline. Zuständig dafür ist Mortlers Parteikollege, Bundesernährungsminister Christian Schmidt. Teil des Pakets ist auch ein Verbot von Außenwerbung für Tabakprodukte. Bis Mai 2016 hat die Bundesregierung Zeit, die EU-Richtlinie in nationales Recht zu gießen. Laut Mortler hängt es nun am Bundeskanzleramt, den Entwurf auf den Weg zu bringen: „Worauf warten wir eigentlich noch?“

  • „Verbraucherschützer sollten im Aufsichtsrat sitzen“

    Als Reaktion auf den VW-Skandal plädiert Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann für eine demokratische Unternehmensverfassung

    Hannes Koch: Volkswagen hat Kunden, Bürger und Politik mit falschen Abgas- und Verbrauchswerten betrogen. Ähnliche Skandale während der vergangenen Jahrzehnte deuten daraufhin, dass kriminelles Vorgehen gängige Unternehmenspolitik ist. Was kann man gegen diese problematische Firmenkultur tun?

    Ulrich Thielemann: Viele Manager verhalten sich heute radikaler als ihre Vorgänger. Um die Gewinne zu steigern, kalkulieren sie auch Rechtsrisiken ein. Die Geschichte der Korruptions- und Betrugsskandale etwa bei Siemens, der Deutschen Bank und Volkswagen zeigt, dass es nicht um Einzelfälle geht. Die politische Frage lautet: Wie können neben der Rentabilität auch andere gesellschaftliche Interessen in den Unternehmen zum Tragen kommen? Das geht nur durch staatliche Regulierung.

    Koch: Die interne Kontrolle des VW-Konzerns hat offenbar nicht funktioniert. Was lässt sie sich verbessern?

    Thielemann: Ein Weg wäre, die Unternehmensverfassung insgesamt offener und pluralistischer zu gestalten. Gegenwärtig sitzen in den Aufsichtsräten deutscher Aktiengesellschaften die Eigentümer und die Gewerkschaften als Vertreter der Beschäftigten – wobei erstere das entscheidende Votum haben. Diese Konstellation reicht nicht mehr: Diejenigen gesellschaftlichen Gruppen, die von den Handlungen des Unternehmens betroffen sind, sollten ebenfalls an der Mitbestimmung teilhaben. Beispielsweise könnten Verbraucher- und Umweltschützer Sitze in den Aufsichtsräten erhalten. Das würde es einer Firma wie VW erschweren, ökologische Aspekte und die Interessen der Kunden zu ignorieren.

    Koch: Damit würde man aber die gesetzlich geschützten Rechte der Eigentümer einschränken.

    Thielemann: Im einseitigen Interesse der Aktionäre und Kapitalbesitzer setzen sich Firmen heute häufig über den gesellschaftlichen Konsens hinweg. Dieser besteht beispielsweise darin, das Klima zu schützen. VW verkaufte trotzdem Fahrzeuge, die systematisch die Grenzwerte verletzen. Wenn die Politik etwas gegen diesen Gesetzesbruch tun will, muss sie zu Konsequenzen bereit sein und beispielsweise das Aktiengesetz ändern. Die Demokratisierung des Wirtschaftens könnte helfen, die Unternehmen wieder in die Gesellschaft einzubinden. Es geht darum, das Gewinninteresse zu entthronen und zu relativieren.

    Koch: Bei VW sitzen Vertreter des Staates und der Gewerkschaft IG Metall im Aufsichtsrat. Wieso üben diese keine Kontrolle aus?

    Thielemann: Die Interessen der Kontrollierten und der Kontrolleure, von Vorstand und Aufsichtsrat stimmen weitgehend überein. Alle fanden es gut, dass Volkswagen der größte Autokonzern der Welt werden sollte. Die Betrügereien waren offenbar ein Mittel, um das große Ziel zu erreichen. Diese verhängnisvolle Interessenidentität muss man aufbrechen.

    Koch: Welche weiteren Maßnahmen halten Sie für nötig?

    Thielemann: Man sollte auch hierzulande ein Unternehmensstrafrecht einführen. Die Eigentümer müssen merken, dass es an ihren Geldbeutel geht. Der Anteil der erfolgsabhängigen Gehaltsbestandteile bei Managern muss sinken, damit diese sich nicht einseitig an der Rendite orientieren. Man könnte darüber nachdenken, eine Mindest-Haltedauer für Aktien einzuführen, damit nicht gierige Kurzfrist-Investoren die Unternehmen unter Druck setzen. Außerdem wäre es gut, die Lehrpläne im Wirtschaftsstudium zu ändern, so dass Eigeninteressenmaximierung nicht mehr diskussionslos als Höchstform rationalen Handelns vermittelt wird.

    Bio-Kasten
    Ulrich Thielemann (Jg. 1961) ist Direktor der Denkfabrik für Wirtschaftsethik in Berlin. Zwischen 2001 und 2010 war er Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen in der Schweiz.

  • Diktatoren unter uns

    Wir retten die Welt

    Würden Sie Kim Jong-un, dem Herrscher Nordkoreas, eine Jeans abkaufen? Nicht? Wieso kaufen Sie dann einen VW? Das mag man für eine zugespitze Frage halten. Aber schon vor zwei Jahren beschrieb der Spiegel den Volkswagen-Konzern als „Nordkorea minus Arbeitslager“ und den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn als einen „der letzten Diktatoren“. Und anlässlich des aktuellen Abgas-Skandals verglich Ex-Telekom-Manager Thomas Sattelberger VW mit der untergegangenen Sowjetunion.

    In Wolfsburg vegetiert zwar niemand hinter Stacheldraht – jedenfalls heute nicht mehr. Trotzdem ist die Despotie ein Merkmal des Unternehmens. Neromäßig regierte Ferdinand Piech sein Reich 22 Jahre nahezu unumschränkt. Unter seiner Ägide als Vorstandschef ab 1993 und Vorsitzender des Aufsichtsrats bis 2015 herrschten Korruption und Bestechung, Gesetze wurden ignoriert, Abgas-Grenzwerte überschritten und entsprechende Gesundheitsschäden bei Bürgern angerichtet. Eine wirksame Kontrolle der Machenschaften der Chefetage fand und findet nicht statt. Nachhilfe-Manager wie Betriebsratschef Bernd Osterloh sind dazu nicht in der Lage, oder wollen es nicht, weil sie selbst vom System profitieren. Nur deshalb wurde Volkswagen zum zweitgrößten Autokonzern der Welt.

    Dies trifft im Übrigen auch für andere transnationale Unternehmen zu, die ihre jeweilige Branche dominieren, für Siemens, die Deutsche Bank, Apple, Facebook oder Google. Sie fußen auf dem Recht des Eigentums. Der Eigentümer, beziehungsweise das kleine Kollektiv der Kapitalbesitzer, übt die Macht aus. Die große Mehrheit, das Personal, muss tun, was die Spitze bestimmt. Diesen Firmen ist gemeinsam, dass sie nicht so mächtig geworden wären, hätte man sie demokratisch organisiert. Dann gäbe es Mitarbeiter, die mal sagen könnten „halt, so geht das nicht“, und trotz dieser Kritik nicht entlassen oder kaltgestellt würden. Widerspruch, Eigensinn und Diskussionen benötigen Zeit, führen zu Kompromissen und stellen radikale Ziele in Frage. Das alles können Organisationen nicht gebrauchen, deren Führung eine Strategie ohne Rücksicht auf Verluste durchsetzt. Eindimensionale ökonomische Effizienz ist das Gegenteil von Demokratie.

    Demokratisch gleich klein, diktatorisch gleich groß? Für Unternehmen trifft diese Gleichung in den allermeisten Fällen zu. Firmen im Besitz der Belegschaft oder Genossenschaften haben nicht die Kraft und wollen nicht die Brutalität entwickeln, alles um sie herum plattzumachen. Die Elektrizitätswerke Schönau im Schwarzwald werden niemals zum globalen Energiekonzern – und die taz kauft nicht bundesweit Zeitungen zusammen.

    Demokratie in der Wirtschaft wäre eine wirklich gute Sache. Wenn die Vorstände und Manager von der Belegschaft gewählt würden, wenn Umwelt- und Verbraucherschützer in den Aufsichtsräten säßen, spiegelte sich die Vielfalt gesellschaftlicher Interessen in den Unternehmen. Das wäre echte Diversity, anstatt Pseudo-Berücksichtigung von Frauen, Schwarzen, Schwulen und Einarmigen. Und für uns alle wäre es gesünder. Mehr Demokratie bei VW führt zu weniger Diesel-Verseuchung.

  • Rote Null

    Kommentar zur Steuerschätzung von Hannes Koch

    Wenn es eines weiteren Beleges für Bundeskanzlerin Angela Merkels Aussage „Wir schaffen das“ bedarf, dann erfüllt die neue Steuerschätzung diesen Zweck. Deutschlands Staatsfinanzen sind solide, die Wirtschaftslage ist gut, die Zahl der Arbeitsplätze wächst, und auch die Steuereinnahmen werden moderat weiter steigen. Der leichte Rückgang der Erlöse im kommenden Jahr bestätigt nur diese augenblickliche Regel. Deshalb sind auch die nötigen Zusatzausgaben für die Zuwanderung ohne allzu große Probleme zu stemmen.

    Dies gilt auch unter der Annahme, dass im kommenden Jahr noch einmal mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen als 2015. Selbst für 1,2 Millionen Leute im Asylverfahren geht der Deutsche Städtetag nur von einer Finanzlücke von etwa 5,5 Milliarden Euro aus. Eine derartige Größenordnung bereitet allerdings keine Schwierigkeiten, weil die zur Verfügung stehenden Steuereinnahmen bei rund 680 Milliarden Euro liegen – Tendenz zunehmend. Angesichts dieses Volumens lässt sich der Fehlbetrag relativ einfach durch Einsparungen decken, die kaum auffallen. Die Botschaft lautet: Die Flüchtlinge nehmen niemandem etwas weg.

    Allerdings erscheint fraglich, ob CDU-Finanzminister Wolfgang Schäuble im kommenden Jahr alles erreichen kann, was er möchte: Milliarden für die Flüchtlinge, eine kleine Steuersenkung, zusätzliche Ausgaben für Investitionen und gleichzeitig einen ausgeglichenen Bundeshaushalt ohne neue Schulden. Nur wenn die Wirtschaft sehr gut läuft, kann diese finanzpolitische Quadratur des Kreises gelingen.

    Möglicherweise muss die Koalition aber Abstriche machen und zu einer kleinen Neuverschuldung greifen. Auf der Basis dessen, was man heute abschätzen kann, würde diese freilich weit unter dem Maastricht-Kriterium der zulässigen Kreditaufnahme liegen. Allenfalls ein paar Milliarden Euro müsste der Finanzminister durch die Ausgabe weiterer Staatsanleihen finanzieren. Einen Angriff auf die Solidität der Staatsfinanzen stellte dies nicht dar. Aus der schwarzen Null würde lediglich eine rote Null.

  • Finanzierung der Zuwanderung wird nicht einfacher

    2016 muss Finanzminister Schäuble mit knapp fünf Milliarden Euro weniger auskommen, sagt die Steuerschätzung

    Die Finanzierung der Zuwanderung nach Deutschland wird im nächsten Jahr schwieriger, weil Bund, Länder und Kommunen mit insgesamt etwas geringeren Steuereinnahmen rechnen müssen. Das ist eine Folge der neuen Steuerschätzung, die Wolfgang Schäuble am Donnerstag veröffentlichte. Der CDU-Bundesfinanzminister betonte allerdings, dass „der deutsche Staat nach heutigem Stand auch 2016 ohne neue Schulden auskommen“ kann.

    Experten von Bund, Ländern und Forschungsinstituten schätzen zweimal pro Jahr die künftigen Steuereinnahmen. Während ihrer November-Sitzung kamen sie nun zu dem Ergebnis, dass die erwarteten Gesamteinnahmen im Vergleich zur vergangenen Schätzung im Mai 2015 zurückgehen. 2016 muss Finanzminister Schäuble (CDU) mit 4,9 Milliarden Euro weniger auskommen als prognostiziert. Die Kommunen erhalten 1,9 Milliarden Euro weniger. Die EU muss auf 1,7 Milliarden aus Deutschland verzichten. Die Bundesländer dagegen können um 3,4 Milliarden Euro höhere Einnahmen erwarten. Unter dem Strich beträgt das Minus 5,2 Milliarden Euro.

    Die Ursache liegt vor allem darin, dass die große Koalition den steuerlichen Grundfreibetrag, den Kinderfreibetrag und das Kindergeld erhöhen will. Etwa drei Milliarden Euro dieser Mindereinnahmen sind im Haushaltsentwurf 2016 allerdings bereits verbucht. Die zusätzliche Finanzlücke im Ergebnis der Steuerschätzung liegt also nur bei etwa zwei Milliarden Euro.

    Dieser Fehlbetrag wird im kommenden Jahr jedoch vermutlich dadurch steigen, dass Bund, Länder und Gemeinden mehr Geld für die Finanzierung der Flüchtlinge ausgeben müssen. Der Deutsche Städtetag rechnet mit einer Finanzlücke bei Ländern und Kommunen von bis zu 5,5 Milliarden Euro, wenn 2016 durchschnittlich 1,2 Millionen Zuwanderer im Asylverfahren stecken. Falls der Bund diese Mittel aufbringen wollte, betrüge der zusätzliche Finanzbedarf inklusive der schlechteren Steuerschätzung etwa 7,5 Milliarden Euro.

    Woher nehmen? Neue Schulden schließt die Union einstweilen aus. „Auch nach der Steuerschätzung hält die Union an der schwarzen Null fest“, sagte der haushaltspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Eckhardt Rehberg. Der ausgeglichene Bundeshaushalt ist das große finanzpolitische Projekt von CDU und CSU. Wobei Schäuble schon einmal angedeutet hat, dass er daraus keine Ideologie machen will.

    Steuererhöhungen kommen für die Union ebenfalls nicht in Frage. Besteht also nur die Möglichkeit, die Lücke durch Einsparungen im Bundeshaushalt zu decken. Oft bleiben am Ende des Jahres ein paar Milliarden Euro übrig, weil sie nicht verbraucht werden. Außerdem könnte es sein, dass die Zinsausgaben für die Bundesschuld niedriger ausfallen. Selbst bei den Grünen heißt es, eine Lücke von mehreren Milliarden Euro im Bundeshaushalt sei „beherrschbar“.

    Im Übrigen kann Schäuble darauf verweisen, dass die Bundesländer nächstes Jahr viel besser davonkommen als erwartet. Ihre prognostizierten Mehreinnahmen von 3,4 Milliarden Euro werden sie vermutlich mindestens zum Teil dafür verwenden, die Zuwanderung zu finanzieren. Ähnlich sieht es bei vielen Städten und Gemeinden aus. Gerade Kommunen in den prosperierenden Ländern Bayern und Baden-Württemberg sind oft im Plus und können höhere Ausgaben für Flüchtlinge selbst finanzieren. Da müsse der Bund gar nicht helfen, heißt es bei der Unionsfraktion im Bundestag. Dieses Argument gilt freilich nicht für die überschuldeten Städte, die man beispielsweise in Nordrhein-Westfalen findet.

    Nach dem Minus 2016 werden die Einnahmen laut Steuerschätzung zwischen 2017 und 2019 weiter steigen, auch im Vergleich zur vergangenen Prognose im Mai. Während die Steuereinnahmen 2015 bei 671 Milliarden Euro liegen, sollen sie bis 2019 auf 770 Milliarden wachsen.

  • Münster will RWE-Aktien verkaufen

    Erste Stadt in Deutschland beschließt, öffentliches Kapital aus klimaschädlichen Industrien abzuziehen

    Kurz vor der Weltklimakonferenz von Paris hat erstmals eine deutsche Stadt den Abzug von Kapital aus klimaschädlichen Industrien beschlossen. Im nordrhein-westfälischen Münster beschloss der Haupt- und Finanzausschuss des Stadtrates am Mittwochabend, Millionen Euro umzuschichten. Zwei städtische Fonds dürfen ab 2016 unter anderem kein Geld mehr in die Kohle-, Gas- und Ölindustrie investieren, erklärte der grüne Stadtrat Otto Reiners.

    Den Antrag hatten die Grünen und die SPD gemeinsam eingebracht. Die Linke stimmte ebenfalls zu, CDU und FDP lehnten ab. Münster ist damit die erste Stadt in Deutschland, die sich der weltweiten Divestment-Bewegung anschließt. Umweltorganisationen und Kapitalanleger weltweit wollen finanziellen Druck auf Unternehmen ausüben, die Kohle, Erdgas oder Erdöl fördern, verarbeiten und verbrennen. Der Verkauf von Anteilen solcher Konzerne soll deren Aktienkurse drücken und sie so veranlassen, aus ihren klimaschädlichen Geschäften auszusteigen.

    Im Text des Antrages heißt es, dass sich die Stadt Münster nicht mehr an Unternehmen beteiligt, „die Atomenergie erzeugen oder auf nicht nachhaltige und klimaschädliche Energien setzen“. Auch Investitionen in die umstrittene Erdgas-Fördermethode Fracking werden ausgeschlossen. Ebensowenig soll künftig Geld der Stadt fließen in Firmen, die Kinderarbeit zulassen, Kriegswaffen herstellen oder Pflanzen gentechnisch verändern. Konkret geht es um zwei Fonds, in denen rund 30 Millionen Euro städtischen Geldes angelegt sind. Diese Fonds müssen nun Aktien des Energiekonzerns RWE, sowie der österreichischen und italienischen Firmen OVM und Enel verkaufen.

    Kampagnen für den Kapitalabzug gibt es mittlerweile in 23 deutschen Städten, sagte Tine Langkamp von der Organisation 350.org. Unter anderem in Aachen, Bochum, Köln und Berlin setzen sich AktivistInnen dafür ein, öffentliches Geld klimafreundlich anzulegen.

    In anderen Staaten hat die Divestment-Forderung schon größeren Widerhall gefunden als in Deutschland. Nach Informationen der norwegischen Zentralbank stieß der globale Pensionsfonds der Norwegischen Regierung im vergangenen Jahr Anteile an 22 Unternehmen ab. Darunter waren Firmen, die Kohle und Ölsand abbauen, und ein Energiekonzern. Ein Schwerpunkt der Divestment-Aktivitäten liegt in den USA.

    Nach Einschätzung der Kampagnen-Organisation 350.org wollen Investoren weltweit etwa 260 Milliarden US-Dollar aus klimaschädlichen Geschäften abziehen. Zum Vergleich: Etwa vier Billionen Dollar betrug im März 2015 der addierte Marktwert der Branchen Elektrizität, Bergbau, Öl und Versorgung in der Financial-Times-Liste der 500 größten globalen Konzerne.

  • Spiel auf Zeit

    Kommentar zu VW von Hannes Koch

    Wenn die neuen Vorwürfe der US-Umweltbehörde zutreffen, könnte VW seinen nächsten Vorstandsvorsitzenden verlieren. Von der Tochter Porsche kommend, hat Matthias Müller gerade erst den Chefposten übernommen, um den Abgas-Skandal im Konzern aufzuräumen. Nun jedoch wirft die amerikanische Behörde unter anderem auch Porsche vor, Betrugssoftware in seinen Dieselmotoren eingesetzt zu haben, damit die Fahrzeuge die US-Abgastests meistern. Ging es bisher um die Familienkutschen, stehen nun die großen Autos im Fokus – die Pseudo-Geländewagen VW Touareg, Porsche Cayenne und Audi Q5, sowie die dicken Limousinen A5 bis A8.

    VW dementiert den Vorwurf hart und eindeutig. Sollten sich die Anschuldigungen trotzdem erhärten, hätte das Unternehmen bisher auf Zeit gespielt. Anstatt der versprochenen Transparenz müsste man die Fortsetzung der Vertuschung gegenüber Kunden, Öffentlichkeit und Politik konstatieren. Hatte der ehemalige Porsche-Chef Müller nicht kürzlich noch grundsätzliche Besserung gelobt? Sollte nicht eine neue Unternehmenskultur mit den kriminellen Strukturen brechen? Auch daran müsste man zweifeln, falls der neue Vorstandsvorsitzende so weitermachte, wie sein Vorgänger aufgehört hatte.

    Klar dabei ist, dass das Bundesverkehrsministerium, die Niedersächsische Landesregierung und das Kraftfahrtbundesamt (KBA) den Konzern bei der Schadensbegrenzung unterstützen. Auch in Politik und Behörden ist der Aufklärungswille begrenzt. Denn man will dem größten deutschen Autobauer nicht zu hohe Kosten aufbürden. Deswegen untersucht das KBA jetzt zwar die wirklichen Abgaswerte von Dieselfahrzeugen, hat aber keinen strengen Zeitplan für die Kontrolle veröffentlicht. Und Verkehrsminister Dobrindt macht sich auf europäischer Ebene dafür stark, dass VW und die anderen einheimischen Autokonzerne weiter die gesetzlichen Abgasgrenzwerte überschreiten dürfen. Auch die Politik spielt auf Zeit.

    Angesichts dieser Lage ist es gut, wenn die US-Umweltbehörde nicht locker lässt. Wobei auch sie vermutlich nicht objektiv untersucht. Ihr dürften die Interessen der US-Autoindustrie eher am Herzen liegen als die der deutschen Unternehmen.

  • Armutszeugnis für die Politik

    Die EU beschließt Abgastests auf der Straße ab 2017. Eine halbherzige Antwort auf den VW Skandal.

    Die Automobil-Lobby hat sich mal wieder durchgesetzt. Der Vorschlag der EU-Kommission zur Einführung von realistischeren Abgastests auf der Straße, den sogenannten Real Driving Emissions (RDE), ab 2017 wurde von den Mitgliedstaaten zwar angenommen, aber aufgeweicht. Der bisher geltende Grenzwert für Stickstoffoxid (NOx) darf jahrelang das 2,1-fache betragen, also mehr als doppelt so viel. Ein Armutszeugnis für eine Politik, die ihre eigenen Regeln aufweicht und Unternehmen viel zu zögerlich entgegentritt.

    Die Hersteller bräuchten Zeit, um den neuen Vorgaben entsprechen zu können, heißt es in Brüssel. Neue Vorgaben? Es bleiben in Zukunft die selben Grenzwerte für NOx, die auch heute schon gelten und von den Autoherstellern eigentlich erfüllt werden müssen. Die Autohersteller hatten Zeit genug, um sich auf die verschärften Grenzwerte einzustellen. Investitionen in die Entwicklung von verbrauchsärmeren Motoren und Systemen zur Abgasreinigung hätten bereits vor Jahren erfolgen müssen.

    Doch für die Autobauer sind große Investitionen rote Zahlen in den Büchern, die den Gewinn des Unternehmens mindern. Ex-Volkswagen-Chef Martin Winterkorn beklagte im vergangenen Jahr, jedes Gramm CO2, das VW in seiner Flotte einspare, koste den Konzern „fast 100 Millionen Euro im Jahr“. Volkswagen griff deshalb lieber zur Betrugs-Software.

    Der Beschluss der EU-Mitglieder belohnt die Autobauer regelrecht dafür, jahrelang nichts getan zu haben. Anstatt dem Betrügen ein Ende zu setzen, und die beschlossenen Grenzwerte konsequent durchzusetzen, weichen die EU-Mitgliedstaaten, allen voran natürlich Deutschland, ihre eigenen Beschlüsse auf. Sie erlauben den Herstellern, Investitionen auf Übermorgen zu verschieben.

    Es geht um die Glaubwürdigkeit der Politik. Die ambitionierten Klimaschutzziele, die sich Deutschland und die EU selbst gestellt haben, sind nicht zu erreichen, wenn die Wirtschaft weiterhin nur mit Samthandschuhen angefasst wird. Die Politik des Aufschiebens nutzt weder dem Verbraucher, noch den Unternehmen. Denn früher oder später wird die Automobilindustrie in die Forschung investieren müssen. Deshalb gilt: Besser Heute als Morgen.

  • Kommunen brauchen mehr Geld für Flüchtlinge

    Städtetag rechnet mit Ausgaben von bis zu 16 Milliarden Euro in 2016

    Bis zu 16 Milliarden Euro Kosten kommen durch die hohe Zahl von Einwanderern auf Bundesländer und Gemeinden zu. Diese Berechnung für das Jahr 2016 veröffentlichte der Deutsche Städtetag am Donnerstag. Es bleibe vermutlich eine Finanzlücke, die die Kommunen nicht selbst decken können. „Die Städte brauchen Unterstützung“, sagte der Vize-Geschäftsführer des Verbandes, Helmut Dedy.

    Der Städtetag hat für 2016 zwei Szenarien betrachtet. Im ersten Fall wurde angenommen, dass durchschnittlich 500.000 Asylbewerber im Anerkennungsverfahren sind. In der zweiten Variante rechneten die Experten mit durchschnittlich 1,2 Millionen Bewerbern im kommenden Jahr.

    Je nach Szenario schwanken die Kosten für Länder und Gemeinden zwischen sieben und 16 Milliarden Euro. Daraus ergibt sich nach Berechnung des Städtetages eine Finanzlücke von drei bis 5,5 Milliarden Euro, die die Länder und Kommunen überfordert. Grundsätzlich könnte der Bund diese Mittel zur Verfügung stellen.

    Die Aufwendungen beinhalten unter anderem die höheren Ausgaben für Unterbringung und Verpflegung hunderttausender Menschen. Die Stadtverwaltungen widmen leerstehende Gebäude um, bezahlen Betten und Schränke und finanzieren das Sicherheitspersonal. Oft lassen sie Containersiedlungen errichten, weil es nicht genug feste Unterkünfte gibt. Dabei schlägt zu Buch, dass beispielsweise die Container wegen der großen Nachfrage teurer werden.

    Nicht umsonst ist auch alles das, was Fachleute als Integration bezeichnen. Dazu zählen etwa die Kosten für zusätzlichen Schulunterricht in Willkommensklassen, Gehälter für Lehrer und Ausgaben für Deutschkurse. Denn die meisten Politiker sind sich darüber einig, dass die Zuwanderer, die hier bleiben dürfen, möglichst schnell Deutsch lernen sollen, um später selbst durch bezahlte Arbeit für ihren Lebensunterhalt sorgen zu können. Der Städtetag rechnet alleine mit Integrationskosten von bis zu drei Milliarden Euro, wobei nur etwa eine Milliarde schon 2016 fällig werde. Zum Vergleich: Drei Milliarden Euro sind größenordnungsmäßig etwa so viel, wie 50.000 Bundesbeamte pro Jahr erhalten oder der Bau von 300 Kilometer Autobahn ausmacht.

    Die bisherigen Finanzzusagen des Bundes reichen nach Ansicht des Städtetages nicht. Die große Koalition und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) haben kürzlich beschlossen, den Kommunen im kommenden Jahr 670 Euro pro Flüchtling zu überweisen. Einkalkuliert sind vier bis 10,5 Milliarden Euro aus Kassen des Bundes. Im 16-Milliarden-Szenario fehlen demnach 5,5 Milliarden Euro.

    Solche Summen gefährden nicht die „Stabilität des öffentlichen Gesamthaushaltes“, weiß der Städtetag. Gleichwohl stellt sich die Frage, woher das Geld kommen soll. Eine Variante: Der Bund deckt die Lücke. Das ist vermutlich kein Problem, denn regelmäßig fallen die Steuereinnahmen wegen der gut laufenden Wirtschaft und der steigenden Zahl von Arbeitsplätzen höher aus als erwartet. Die nächste Steuerschätzung kommt Anfang November.

    Kristina van Deuverden vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin sagt: „Sollte der Bund die errechnete Finanzlücke von 5,5 Milliarden Euro decken wollen, wäre das für den Bundeshaushalt 2016 verkraftbar. Aus der schwarzen Null würde dann vielleicht eine rote Null.“ Finanzminister Schäuble will auch im kommenden Haushalt 2016 ohne neue Schulden auskommen. Möglicherweise wird ihm das – mehr oder weniger – auch angesichts der hohen Zahl von Flüchtlingen gelingen.

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    Arme und reiche Regionen
    Allgemein habe sich die Finanzlage der Kommunen trotz des Wirtschaftsaufschwungs und hoher Steuereinnahmen nicht grundlegend verbessert, erklärte der Städtetag. So stiegen die Kassenkredite aller Kommunen im vergangenen Jahr von 48 Milliarden auf 49,2 Milliarden Euro. Die regionale Kluft ist gewaltig. So mussten sich vor allem Kommunen in Mecklenburg-Vorpommern, Saarland, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz zusätzlich verschulden, um ihre Aufgaben zu erfüllen.

  • Zurück zu Dumpinglöhnen

    Der Vorsitzende des Ifo Instituts, Hans-Werner Sinn, fordert für Flüchtlinge eine Ausnahme vom gesetzlichen Mindestlohn. Warum dieser Vorschlag uns zwangsläufig zu Dumpinglöhnen zurückführt und ein gefundenes Fressen für Pegida und Co. ist.

    Flüchtlinge sollen so schnell wie möglich in Deutschland arbeiten, da sind sich alle einig. Ein fester Job hilft bei der Integration, erspart dem Staat Kosten für Sozialleistungen und gibt den Flüchtlingen eine Perspektive in Deutschland. Doch wie sollen die vielen gering- und unqualifizierten Asylbewerber schnell und nachhaltig in den Arbeitsmarkt integriert werden? Wirtschaftsverbände und Unternehmen fordern, Flüchtlinge aus dem gesetzlichen Mindestlohn auszuklammern. Der Vorschlag ist jedoch Öl in's Feuer von Pegida und Co. und bedeutet Lohndumping auf Kosten der Flüchtlinge.

    Wenn in Zukunft hunderttausende Asylbewerber für weniger als 8,50 Euro arbeiten, würden deutsche Billiglöhner unterboten und abgedrängt. Der Aufschrei in der Bevölkerung wäre gewaltig. Schon heute skandieren die Massen auf den Demos von Pegida: „Die Flüchtlinge nehmen uns die Jobs weg“.

    Gleichzeitig würde eine Ausnahme beim Mindestlohn eine Diskriminierung der Asylbewerber bedeuten. Ein Zwei-Klassen-System mit ausgebeuteten Flüchtlingen, die für ein paar Euro die Stunde schuften müssen, während deutsche Arbeitnehmer weiterhin den Mindestlohn erhalten.

    Ein Argument für Ausnahmeregelungen beim Mindestlohn ist, dass der Lohn von der Produktivität des Arbeitnehmers abhängt. Geringqualifizierte Arbeitskräfte bringen einem Unternehmen weniger Gewinn ein, und bekommen deswegen auch weniger Geld als gelernte Fachkräfte.

    Doch geht es in der momentanen Debatte meist um Arbeiten im sogenannten Niedriglohnsektor, die keine besonderen Qualifikationen erfordern. Regale im Supermarkt einräumen kann ein syrischer Flüchtling ebenso wie ein Deutscher.

    Eine Ausnahmeregelung für Flüchtlinge würde bedeuten, den hart erkämpften Mindestlohn durch Lohndumping in ganzen Branchen zu gefährden. Gering qualifizierte Deutsche wären nicht mehr konkurrenzfähig, weil Asylbewerber die gleiche Arbeit für weniger Geld verrichten würden. Das hilft weder deutschen Arbeitnehmern, noch den Flüchtlingen. Gedient wäre damit einzig der Wirtschaft.