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  • „Die Bürger wollen im Alter nicht von Robotern versorgt werden“

    Soziologie-Professor Klaus Dörre spricht über die Folgen des technischen Fortschritts für Arbeit und Beschäftigte. Die vierte industrielle Revolution ist das Hauptthema des diesjährigen Weltwirtschaftsforums in Davos.

    Hannes Koch: Sie sind Professor für Soziologie an der Universität Jena. Zu Ihrem Berufsbild gehört es, sich anspruchsvolle Gedanken zu machen. Ist auch Ihre Tätigkeit in Gefahr, im Zuge der nächsten, der vierten industriellen Revolution durch Maschinen ersetzt zu werden?

    Klaus Dörre: Das Weltwirtschaftsforum in Davos wird wohl die Vorteile der Digitalisierung betonen, die Möglichkeiten neuen Wohlstandes. Aber in den USA ist schon 2008 das Buch „Die letzten Professoren“ erschienen. Manches deutet daraufhin, dass unser klassisches Berufsbild tatsächlich dabei ist zu verschwinden. Beispielsweise durch E-Learning: Da haben manche Professoren 120.000 Hörer in ihren Internet-Vorlesungen. Setzt sich diese Entwicklung fort, wird viel Lehrpersonal überflüssig.

    Koch: Wie sieht es bei mir als Journalist aus?

    Dörre: Interviews wie dieses hier wird man noch lange nicht maschinisieren können. Aber auch in Ihrem Beruf gibt es Anzeichen: Kleine Sportartikel mit den Basiszahlen zu einem Fußballspiel können bereits vom Computer geschrieben werden.

    Koch: Erläutern Sie bitte an einem Beispiel, was „vierte industrielle Revolution“ bedeutet?

    Dörre: Vorstellbar ist Folgendes: Bei einem Mähdrescher verschleisst während der Ernte ein Motorteil. Per Mobilfunk und Internet meldet das Fahrzeug den bevorstehenden Ausfall selbstständig an den Hersteller. Weitgehend ohne menschliches Zutun beginnt dort die computergesteuerte Produktion des Ersatzteils. Innerhalb weniger Stunden kann es per Drohne beim Landwirt eintreffen. Bei dem Rationalisierungsschub, der gerade beginnt, sollen vernetzte Maschinen miteinander kommunizieren und menschliche Arbeit teilweise ersetzen.

    Koch: „Internet der Dinge“ ist das Stichwort. Mit Sensoren ausgestattete Kleidung könnte dann meine Gesundheitsdaten an die Arztpraxis schicken und eine persönliche Untersuchung überflüssig machen. Wieviele der heutigen Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel?

    Dörre: Der US-Soziologe Randall Collins hält 80 Prozent der US-Arbeitsplätze für gefährdet – auch die Berufe der Mittelschicht mit qualifizierter Ausbildung. Die Oxford-Wissenschaftler Carl Benedikt Frey und Michael Osborne sehen Risiken für die Hälfte der Jobs in Industrieländern. Vermutlich sind beides jedoch Horrorszenarien. Sabine Pfeiffer von der Universität Hohenheim ist vorsichtiger: Sie meint, dass zwölf Prozent der heutigen Arbeitsplätze rationalisierungsgefährdet seien. Sie betont, dass Fabriken niemals menschenleer sein würden. Es gäbe beispielsweise dauernd etwas zu reparieren und zu überwachen.

    Koch: Und was denken Sie?

    Dörre: Wir erleben gerade einen Quantensprung, weil beispielsweise die Leistungsfähigkeit des Internets und die ausgetauschten Datenmengen rasant wachsen. Wie sich das auf die Beschäftigung auswirkt, können wir noch nicht wissen. Die Vergangenheit sagt uns darüber nichts Genaues.

    Koch: Wir tappen im Dunkeln?

    Dörre: Ich möchte es positiv formulieren. Die Zukunft ist noch beeinflussbar. Wir haben Optionen. Die meisten Bürger lehnen es vermutlich ab, dass sie im Altenheim von Robotern versorgt werden. Nicht alles, was technisch möglich erscheint, wird auch gemacht.

    Koch: Während der ersten industriellen Revolution zu Beginn des 19. Jahrhunderts konnte die wachsende Industrie nicht alle Menschen absorbieren, die in der Landwirtschaft überflüssig wurden. Millionen Deutsche wanderten nach Amerika aus. Kann so etwas nochmal passieren?

    Dörre: Wohl kaum. Die Bevölkerung in Deutschland wächst ja nicht mehr stark, sondern sie nimmt ab. Aber es gibt Regionen auf der Welt, die von der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung abgehängt sind. Von dort versucht ein eher kleiner Teil der Leute dann zu uns zu kommen.

    Koch: Als zweite industrielle Revolution gelten die Elektrifizierung und die Massenproduktion von Autos und anderen Konsumgütern. Wie war es bei der dritten Stufe, als vor 50 Jahren die Computer eingeführt wurden – ist da die Arbeitslosigkeit in entwickelten Industrieländer gestiegen?

    Dörre: Im globalen Maßstab gab es wohl keine eindeutigen Arbeitsplatzverluste. In einzelnen Ländern kam es jedoch immer wieder zu Wachstumskrisen und steigender Arbeitslosigkeit, die durch die Rationalisierung mitverursacht wurden. In Deutschland beispielsweise verzeichnen wir seit 1991 eine Abnahme des Arbeitsvolumens. Die Gesamtzahl der geleisteten und bezahlten Arbeitsstunden sinkt. Im Durchschnitt arbeitet heute jeder Arbeitnehmer jährlich zehn Prozent weniger als vor 25 Jahren, nämlich noch 1.313 Stunden pro Jahr (1991: 1.473) – wenngleich in den vergangenen Jahren wieder ein gewisser Anstieg zu verzeichnen ist.

    Koch: Ist es nicht eine gute Sache, wenn verbesserte Technik und steigende Produktivität uns ermöglichen, weniger zu arbeiten und trotzdem genug zu verdienen?

    Dörre: Grundsätzlich ja. Aber wir haben es mit einer Polarisierung zu tun. Gut qualifizierte und bezahlte Leute arbeiten oft länger als der Durchschnitt der Beschäftigten, während schlechter ausgebildete Arbeitskräfte weniger Stunden leisten als sie eigentlich möchten. Das sinkende Arbeitsvolumen wird auf mehr Köpfe verteilt. Die Zahl der Arbeitsplätze in Deutschland erreicht ja ständig neue Rekorde, mittlerweile gehen 43,4 Millionen Menschen einer bezahlten Arbeit nach. Ein Ergebnis: Die sogenannten atypischen Beschäftigungen nehmen zu. Viele Altenpflegerinnen haben beispielsweise nur Teilzeitjobs und werden schlecht bezahlt. Millionen Minijobs sind ein ähnliches Phänomen.

    Koch: In den vergangenen Jahren entstehen jedoch wieder mehr vernünftige Arbeitsplätze.

    Dörre: Die Zahl der sozialversicherten Tätigkeiten und der Vollzeitstellen nimmt tatsächlich zu. Trotzdem haben wir 1,44 Million weniger Vollzeitarbeitsplätze als im Jahr 2000. Vor allem Frauen werden um den Preis in den Arbeitsmarkt integriert, dass diese Tätigkeiten mit einem hohem Armutsrisiko verbunden sind. Es stellt sich also die Frage, ob man die Dividende der Rationalisierung, den materiellen Gewinn des technischen Fortschritts gleichmäßiger verteilen kann.

    Koch: Dafür müssten die profitierenden Unternehmen und Beschäftigten Geld und Zeit abgeben?

    Dörre: So ist es. Ein Modell bestünde darin, dass die produktiven Exportsektoren der deutschen Wirtschaft einen höheren Teil ihrer Gewinne als heute abführen, damit man beispielsweise die Beschäftigten in Altenpflegeheimen besser bezahlen kann, ohne sie teilweise durch Pflegeroboter zu ersetzen, die zweimal am Tag die Medikamente an´s Bett bringen. Diesen Finanztransfer könnte man mit Hilfe der Steuerpolitik organisieren.

    Koch: Das klingt nicht sehr realistisch.

    Dörre: Nein, große Industrieunternehmen, die Wirtschaftsverbände und teilweise auch die Betriebsräte exportorientierter Unternehmen würden sich wohl gegen eine solche Art der Umverteilung wehren.

    Koch: Steigen im Zuge der neuen industriellen Revolution die Bildungsanforderungen an die Beschäftigten?

    Dörre: Wenn die Produktionen komplizierter werden, brauchen die Firmen mehr Personal, das diese Prozesse steuern kann. Andererseits sterben aber die einfachen Tätigkeiten nicht aus. Auch automatisierte Fabrikhallen muss man säubern und renovieren.

    Koch: Was halten Sie von dem Rat an Schüler: Je qualifizierter Eure Ausbildung, desto angenehmer und besser bezahlt der spätere Beruf?

    Dörre: In der Tendenz stimmt diese Aussage. Allerdings möchte ich damit eine Warnung verbinden: Die Wahrscheinlichkeit, einen qualifikationsgerechten Arbeitsplatz zu finden, nimmt ab. Das ist unter anderem eine Folge der rasanten technischen Innovation, mit der auch Erlerntes schneller veraltet. Darauf müssen sich die jungen Leute einstellen.

    Koch: Das Internet lässt viele Verdienstmöglichkeiten entstehen, die es früher nicht gab. Man kann seine Wohnung über die Internetseite Airbnb vermieten, mit dem 3D-Drucker bald Konsumgüter wie Teller, Tassen oder Fahrradteile zu Hause produzieren und billige Lebensmittel aus städtischen Gemeinschaftsgärten beziehen. Können dadurch künftig nicht viele Leute ganz gut über die Runden kommen, die sich heute nur mühsam finanzieren?

    Dörre: Das ist eine Utopie. Aber ich bin skeptisch. Denn oftmals ermöglichen die neuen Tätigkeiten nur ein finanzielles Zubrot. Wer sich darauf verlässt, braucht Einnahmen aus verschiedenen Quellen. Ich weiss nicht, wie angenehm ein solches Dasein als Unternehmer seines eigenen Alltags ist. Und was die gemeinschaftliche Nutzung von Daten und Ressourcen betrifft, so wird sie in der Regel politisch nicht unterstützt. Auch das macht solche vermeintlich verheißungsvollen Lebensentwürfe schwierig.

    Koch: Tut die Bundesregierung genug, damit die Gesellschaft die vierte industrielle Revolution verkraftet?

    Dörre: Nein. Die deutsche Politik treibt den technologischen Fortschritt voran, ohne die sozialen Konsequenzen ebenso intensiv zu bedenken. Das Bundeswirtschaftsministerium betrachtet die Digitalisierung ausschließlich als industriepolitische Herausforderung. Mit Hilfe der Forschungsinstitutionen investiert man sehr viel Geld in technologischen Fortschritt, um die deutsche Industrie international konkurrenzfähig zu halten. Was aber bedeuten diese Prozesse für die Beschäftigten, für die Finanzierung von Weiterbildung und Altenpflege, brauchen wir einen neuen sozialen Konsens? Solche gesellschaftlichen Fragen werden augenblicklich kaum thematisiert.

    Bio-Kasten
    Klaus Dörre (58) lehrt und forscht als Professor für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Er ist Spezialist für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie. In den vergangenen Jahren beteiligte er sich unter anderem an einem Forschungsprojekt zur Zukunft der Wachstumsgesellschaft.

  • Ein Prozent besitzt die Hälfte allen Vermögens

    Vor dem Managergipfel in Davos kritisiert die Entwicklungsorganisation Oxfam die zunehmende soziale Spaltung. Firmen des Weltwirtschaftsforums trügen dazu bei, die Armut zu vergrößern

    Die 62 reichsten Personen der Erde würden mittlerweile soviel Vermögen besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – über 1.500 Milliarden Euro. Das erklärte die Entwicklungsorganisation Oxfam anlässlich des Weltwirtschaftsforums von Davos, das am kommenden Mittwoch beginnt. Der Managergipfel wird finanziert von den größten Unternehmen des Globus.

    Mit ihrer neuen Studie „eine Wirtschaft für ein Prozent der Weltbevölkerung“ kritisiert die Entwicklungsorganisation den zunehmenden Abstand der Vermögen zwischen Armen und Reichen. Dabei verschärfe sich die soziale Polarisierung weiter. In den vergangenen Jahren hätten die Vermögen der wohlhabensten Menschen um etwa 40 Prozent zugelegt, während der Besitz der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung um eine ähnliche Größenordnung zurückging, schreibt Oxfam.

    Die Organisation stützt sich unter anderem auf Zahlen der Schweizer Bank Credit Suisse. In deren jüngstem Weltvermögensbericht heißt es, dass das reichste eine Prozent der Menschheit mittlerweile über die Hälfte allen materiellen Besitzes auf dem Globus verfüge.

    Unternehmen, die das Weltwirtschaftsforum (WEF) tragen, wirft Oxfam außerdem vor, sich planmäßig in Steueroasen anzusiedeln. Das sind Staaten wie die Schweiz, Luxemburg und die Cayman Inseln, die Ausländern niedrige Steuersätze gewähren oder den Heimatländern der Steuerpflichten zu wenige Informationen über versteckte Konten geben. Dadurch würden diese anderen Staaten und damit auch deren Bevölkerung Geld vorenthalten, das beispielsweise für Gesundheits- und Bildungspolitik nicht zur Verfügung stehe. Die steuervermeidenden Unternehmen würden so die globale Armut verschärfen, lautet das Argument.

    „Wir haben 200 Konzerne untersucht, darunter die strategischen Partner des WEF. Neun von zehn dieser Firmen haben Niederlassungen in mindestens einer Steueroase“, heißt es in der Studie. Welche Firmen man meint, sagt Oxfam allerdings nicht. Dass sie Steuern vermeiden wollten, könne die Organisation „im Einzelfall nicht beweisen, weshalb wir die Namen nicht veröffentlichen“, sagte Steffen Küßner, der Sprecher von Oxfam Deutschland. Zu den strategischen Partner des WEF gehören unter anderem Audi, Facebook oder Volkswagen.

    Die Organisatoren des WEF wollten sich zu der Studie nicht äußern. Klaus Schwab, der Chef des Forums, bemüht sich jedoch, die zunehmende soziale Ungleichheit im Rahmen der Veranstaltung zu thematisieren und die Unternehmen zum Umdenken zu bewegen. Zum WEF 2015 lud er Oxfam-Geschäftsführerin Winnie Byanyima ein, den Co-Vorsitz der Veranstaltung zu übernehmen. Auch in diesem Jahr ist Byanyima wieder in Davos und nimmt an den Diskussionen im Kongresszentrum teil.

    Zum 46. WEF kommen ab Mittwoch wieder rund 2.500 Spitzenmanager, Lobbyisten, Ökonomen, Regierungschefs und VertreterInnen der Zivilgesellschaft. Aus Deutschland reisen unter anderem Bundespräsident Joachim Gauck, Finanzminister Wolfgang Schäuble und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel an. Das offizielle Thema ist die „vierte industrielle Revolution“. Tatsächlich werden die Fluchtbewegungen nach Europa eine mindestens ebenso wichtige Rolle spielen. Die neue polnische Ministerpräsidentin Beata Szydlo und ihr Außenminister Withold Waszczykowski werden ihre Position verteidigen, keine Flüchtlinge aufnehmen zu wollen.

  • Managergipfel debattiert über Flüchtlinge

    Bundespräsident Gauck redet beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Offizielles Thema des Kongresses ist die vierte industrielle Revolution: Wieviel Arbeit bleibt, wenn die Roboter regieren?

    Klaus Schwab, der 77jährige aus Augsburg stammende Organisator des Weltwirtschaftsforum von Davos, hat sich schon vor längerer Zeit auf dieses Thema eingelassen. „Vierte industrielle Revolution“ lautet das Motto des diesjährigen Managergipfels, der am kommenden Mittwoch in dem Schweizer Bergort beginnt. Wieviel Arbeit nehmen Roboter den Menschen ab, wieviele Jobs gibt es dann noch? Solche Fragen sollten im Mittelpunkt des Kongresses stehen. Nun aber schiebt sich ein drängenderes Problem nach vorne: Flucht und Migration.

    Das beste Zeichen für die Verlagerung des Interesses ist die Rede, die Bundespräsident Joachim Gauck am Eröffnungstag im Kongresszentrum halten wird. Viel hat die Pressestelle des Bundespräsidialamtes bislang nicht mitgeteilt. Aber klar ist, dass Gauck über Flucht und Migration reden will. Dabei wird es vermutlich nicht an ein paar eindringlichen Mahnungen an die Bundesbürger, aber auch die anwesenden Spitzenpolitiker mangeln.

    Denn die Herausforderungen, die die aktuellen Fluchtbewegungen nach Europa mit sich bringen, seien „viel größer, als wir sehen und sehen wollen“, sagt auch Christine Lagarde, die französische Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF). Lagarde hält es für möglich, dass 2016 ähnlich viele Menschen nach Europa kommen wie 2015. Und dann stellen sich die heute schon drängenden Fragen noch viel dringlicher: Welche Staaten nehmen die Neuankömmlinge auf, wer bezahlt das, wie lässt sich die Zuwanderung in naher Zukunft wieder auf ein leichter zu handhabendes Maß verringern? Um eine bessere internationale Zahlenbasis für die Antworten zu liefern, will Lagard in Davos eine neue IWF-Studie über Kosten und Nutzen von Migranten und deren Einfluss auf die Volkswirtschaft vorstellen.

    Neben Gauck werden aus Deutschland unter anderem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel nach Davos reisen. Hinzu kommen zahlreiche Vorstände und Manager von Unternehmen. Insgesamt soll das Weltwirtschaftsforum (WEF) dieses Jahr wieder über 2.500 Teilnehmer anlocken. Weltweit gibt es nur wenige Ereignisse, die eine ähnliche Anzahl von Entscheidern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik besucht. Mehr als 40 Staats- und Regierungschefs sollen zwischen Mittwoch und Samstag vor Ort sein, darunter der britische Premierminister David Cameron, Manuel Valls (Frankreich), Ahmet Davutoglu (Türkei), Alexis Tsipras (Griechenland), Mauricio Marci (Argentinien), Justin Trudeau (Kanada) und Benjamin Netanjahu (Israel). Aus den USA hat sich Vizepräsident Joe Biden angekündigt.

    Angesichts der jüngsten Terroranschläge sind Tausende von Soldaten und Polizisten im Einsatz. Die Kontrollen und Absperrungen könnten noch dichter ausfallen als in früheren Jahren. Sowieso errichtet die Schweizer Armee zusätzliche Posten selbst in Dörfern, die weit von Davos entfernt sind. Die Prominenz wird mit Hubschraubern vom Flughafen Zürich in das Bergtal geflogen. Und permanent patroullieren die Jets der Schweizer Luftwaffe den gesperrten Luftraum über dem Skiort.

    Eng mit dem Thema der Flüchtlinge hängt die Lage in Syrien zusammen. WEF-Chef Schwab hat bereits Gespräche hinter verschlossenen Türen über den Krieg in dem nahöstlichen Land angekündigt. So ist auch der Außenminister des Iran in Davos. Teheran unterstützt die Regierung des kriegführenden syrischen Präsidenten Baschar Assad. Die Frage ist hier, wie sich der Krieg beenden lässt, damit auf diese Art ein wesentlicher Grund für die Auswanderung nach Europa wegfällt.

    Bereits vor dem Start des WEF hat die Entwicklungsorganisation Oxfam ein Problem angesprochen, das ebenfalls eine Ursache von Fluchtbewegungen ist: Armut. Mit ihrer neuen Studie „eine Wirtschaft für ein Prozent der Weltbevölkerung“ kritisiert die Organisation den zunehmenden Abstand der Vermögen zwischen Armen und Reichen. Die 62 reichsten Personen der Erde würden mittlerweile soviel Vermögen besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – über 1.500 Milliarden Euro, erklärt Oxfam. Dabei verschärfe sich die soziale Polarisierung weiter. In den vergangenen Jahren hätten die Vermögen der wohlhabensten Menschen um etwa 40 Prozent zugelegt, während der Besitz der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung um eine ähnliche Größenordnung zurückging, so Oxfam.

    Unternehmen, die das Weltwirtschaftsforum (WEF) tragen, wirft die Organisation außerdem vor, sich planmäßig in Steueroasen anzusiedeln. Das sind Staaten wie die Schweiz, Luxemburg und die Cayman Inseln, die Ausländern niedrige Steuersätze gewähren oder den Heimatländern der Steuerpflichten keine Informationen über versteckte Konten geben. Dadurch würden diese anderen Staaten und damit auch deren Bevölkerung Geld vorenthalten, das beispielsweise für Gesundheits- und Bildungspolitik nicht zur Verfügung stehe. Die steuervermeidenden Unternehmen würden so die globale Armut verschärfen, lautet das Argument. Das WEF wollte sich zu der Studie nicht äußern.

    Zur vierten industriellen Revolution stehen in Davos zahlreiche Veranstaltungen auf dem Programm. Dieser Begriff beschreibt den gegenwärtig stattfindenden technologischen Sprung, darunter die Leistungssteigerung des Internets. Wenn intelligente Maschinen selbstständig miteinander kommunizieren und produzieren, könnte mehr menschliche Arbeit überflüssig werden. Andererseits ermöglichen 3D-Drucker vielleicht, dass die Arbeitnehmer mit weniger Geld auskommen, weil sie bestimmte Konsumgüter selbst zu Hause herstellen.

    An all diesen Debatten dürfen offizielle Vertreter aus Nordkorea übrigens nicht teilnehmen. Das WEF hat sie ausgeladen, weil die Regierung in Pjöngjang in der vergangenen Woche verkündete, eine Wasserstoffbombe getestet zu haben.

  • Diskussion über Abschaltung aller Kohlekraftwerke

    Ab 2018 sollen die Anlagen nach und nach geschlossen werden, rät Denkfabrik Agora. Umweltministerin Hendricks positiv, Wirtschaftsminister Gabriel skeptisch

    Dem Atomkonsens soll der Kohlekonsens folgen: Die Berliner Organisation Agora Energiewende hat am Montag ein Konzept für die planmäßige Abschaltung der deutschen Kohlekraftwerke bis 2040 vorgelegt. Braunkohle-Tagebaue sollten nicht mehr erweitert und keine Anwohner umgesiedelt werden, sagte Agora-Chef Patrick Graichen. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks begrüßte das Konzept. Eine Sprecherin von Wirtschaftschaftsminister Sigmar Gabriel reagierte dagegen reserviert.

    Ohne den Kohle-Ausstieg könne Deutschland seine Ziele für den Klimaschutz nicht einhalten, begründete Graichen den Vorstoß. Der Preis für Strom steige dadurch bis 2040 vermutlich um 0,3 bis 0,5 Cent pro Kilowattstunde. Die Stellungnahmen von Agora haben im politischen Berlin ein gewisses Gewicht, weil in den Gremien der Denkfabrik auch Vertreter der konventionellen Energiewirtschaft mitarbeiten. Früherer Chef von Agora war Rainer Baake, der jetzt als Staatssekretär die Energiepolitik im Bundeswirtschaftsministerium gestaltet.

    Nach der Weltklima-Konferenz von Paris im Dezember vergangenen Jahres hatte Umweltministerium Hendricks (SPD) bereits erklärt, dass es „bis Mitte diesen Jahrhunderts keine Energiegewinnung aus Kohle, Gas und Öl“ in Deutschland mehr geben dürfe. Ihr Parteikollege Gabriel ließ am Montag mitteilen, er habe den Agora-Vorschlag „zur Kenntnis genommen“. Zur Option, die Braun- und Steinkohlekraftwerke nach und nach abzuschalten, wollte sich seine Sprecherin nicht äußern. Nach Gabriels Ansicht kann Deutschland nicht gleichzeitig aus der Atom- und Kohleenergie aussteigen. Trotzdem treibt Hendricks die Klärung dieser Frage voran. Bis zur Sommerpause 2016 will sie einen Klimaschutzplan 2050 vorlegen, den das Bundeskabinett beschließen soll. Dafür sei der Agora-Vorschlag eine „durchdachte Grundlage“.

    Ein Sprecher des Bundesverbandes der Bundesverbandes der Energiewirtschaft sagte: „Seit geraumer Zeit fordert der BDEW einen strukturierten Dialog zur Entwicklung des fossilen Kraftwerkparks und der Erreichung der Klimaschutzziele. Dazu gehört auch die Klimaschutzziele sozialverträglich umzusetzen und die Versorgungssicherheit in Deutschland weiter zu gewährleisten.“ Das Unternehmen Vattenfall, das Kohlekraftwerke und Tagebaue betreibt, wollte den Vorschlag nicht kommentieren.

    Agora schlägt vor, einen „Runden Tisch Nationaler Kohlekonsens“ einzuberufen. Dieser soll eine ähnliche Vereinbarung zwischen Politik und Energiewirtschaft aushandeln, wie sie der Atomkonsens aus dem Jahr 2000 darstellte. Damals hatten sich die rot-grüne Bundesregierung und die Unternehmen geeinigt, die Kernkraftwerke in einem jahrzehntelangen Prozess vom Netz zu nehmen. Graichen regt nun an, „die Kohlekraftwerke in Schritten von zunächst maximal drei Gigawatt Leistung pro Jahr – das entspricht drei bis vier großen Kraftwerken – stillzulegen und damit 2018 zu beginnen“. Die ältesten Anlagen mit dem höchsten Abgasausstoß sollten zuerst abgeschaltet werden, die letzten 2040 außer Betrieb gehen.

    Das Konzept beinhaltet die Möglichkeit, dass die Betreiber von Braunkohlekraftwerken Restlaufzeiten zwischen verschiedenen Anlagen austauschen können, um die ökonomisch günstigste Variante zu wählen. Die Politik soll außerdem Planungssicherheit bieten, indem sie den Unternehmen zusichert, ihnen keine zusätzlichen Belastungen aufzubürden.

    Weitere Punkte des Vorschlags: Überschüssige Emissionszertifikate sollen dem europäischen Handeslsystem entzogen werden, damit der Preis der Verschmutzungsrechte steigt – ein weiterer Anreiz für Betreiber, Kohleanlagen vom Netz zu nehmen. Die Betreiber der Tagebaue – RWE, Vattenfall und Mibrag – könnten 2,50 Euro pro Megawattstunde erzeugten Braunkohlestroms in eine Stiftung einzahlen, um die Rekultivierung der Landschaft zu finanzieren. Um neue Arbeitsplätze in den Braunkohlerevieren zu fördern, sollen diese pro Jahr 250 Millionen Euro aus öffentlichen Kassen erhalten. Schließlich muss die Politik die Preisentwicklung auf dem Energiemarkt beobachten, damit Nachteile für energie-intensive Industrieunternehmen vermieden werden.

    Erst im vergangenen November hat die Bundesregierung einen Gesetzentwurf beschlossen, durch den RWE und Vattenfall acht Kohlekraftwerke stilllegen müssen. Auch dies soll dazu dienen, dass Deutschland seine Klimaschutzziele einhält. Als Entschädigung erhalten die Unternehmen insgesamt 1,6 Milliarden Euro. Derartige Zahlungen sieht das Agora-Konzept nicht vor.

  • Solar-Genossenschaften nehmen die Hürde

    Fünf Bürgerfirmen erhalten den Zuschlag, um große Solaranlagen zu bauen. Das Bündnis Bürgerenergie hält seine Kritik am neuen Ausschreibungsverfahren aber aufrecht.

    Erstmals haben jetzt Genossenschaften und Privatleute bei einer Ausschreibung für Solarparks in Deutschland den Zuschlag erhalten. Mit dem neuen Verfahren will die Bundesregierung den Zubau von Photovoltaikanlagen kanalisieren, damit die Energiewende nicht zu teuer wird. Kritiker hatten Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) vorgeworfen, kleine Projekte wie beispielsweise Genossenschaften in Bürgerhand zu benachteiligen.

    Wie sich jetzt zeigt, sind die Verfahrenshürden auch für solche Firmen nicht zu hoch. Nach Informationen der Bundesnetzagentur in Bonn, die die Ausschreibungen durchführt, haben zwei Genossenschaften den Zuschlag für den Bau von großen Solaranlagen erhalten. Außerdem kamen in drei Fällen Einzelpersonen zum Zug. Die übrigen 35 erfolgreichen Bieter sind unter anderem Investmentfonds oder Ableger von Unternehmen wie beispielsweise EnBW. Den Zuschlag erhielten Solarparks in Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, NRW, Rheinland-Pfalz, Thüringen und weiteren Regionen.

    „Wir wollten unbedingt dabei sein“, sagt Jochen Scherrer von der Genossenschaft Bürger Energie Region Regensburg. 240 Bürger haben sich dort zusammengetan, um gemeinsam Strom zu produzieren und in der Region zu verkaufen. Die geplante Anlage soll eine Größe von maximal 988 Kilowatt/peak haben, der Bau schon in diesem Frühjahr beginnen. Mit der Hilfe des Deutschen Genossenschaftsverbandes hat Scherrer die Unterlagen für das Gebot zusammengestellt. Die Teilnahme bedeutete erheblichen Aufwand, zu kompliziert fand der Genossenschaftsvorstand das Verfahren aber nicht.

    Kritiker Rene Mono vom Bündnis Bürgerenergie betrachtet das Ergebnis der Ausschreibung nun mit Interesse. Ein positives Urteil will er aber vorläufig nicht abgeben. Für ihn steht die Sorge im Vordergrund, dass das Ausschreibungsverfahren eine „zusätzliche Hürde“ für Bürgerprojekte darstelle. Diese müssten damit rechnen, Entwicklungskosten für ihren jeweiligen Solarpark vorzufinanzieren, ihn aber dann nicht errichten zu können, weil sie in der Ausschreibung durchfallen. Im früheren Verfahren mit gesetzlich festgelegter Förderung habe dieses Risiko nicht bestanden, so Mono. Die Wahrscheinlichkeit tatsächlich bauen zu können war größer. Dem Bündnis Bürgerenergie liegt daran, dass nicht nur Kapitalinvestoren und große Unternehmen Öko-Kraftwerke errichten, sondern auch Bürger, die ihre Gemeinde oder Region autonom mit Strom versorgen wollen.

    In den ersten beiden Ausschreibungsrunden ab April 2015 hatten sich ebenfalls Privatleute und Genossenschaften mit Geboten beteiligt, waren aber nicht zum Zug gekommen. Die Bundesnetzagentur schreibt jeweils eine zu fördernde Leistung von Solaranlagen aus. In der gerade beendeten dritten Runde waren es 200 Megawatt. Zum Vergleich: Große Kohle- oder Atomkraftwerke haben die drei- bis vierfache Leistung.

    Die Firmen bieten dann eine bestimmte Anlagengröße zu einem bestimmten Preis. Die billigsten Angebote erhalten den Zuschlag, bis die ausgeschriebene Leistung erreicht ist. Der höchste gebotene Preis, der noch den Zuschlag erhält gilt auch für die übrigen erfolgreichen Bieter. Im vorliegenden Fall erhalten alle Firmen künftig acht Cent pro Kilowattstunde Strom, die sie ins Netz einspeisen. Die Förderung wird 20 Jahre lang gezahlt und dient dazu, Ökoproduzenten zu unterstützten, die den Strom bislang noch teurer herstellen als konventionelle Unternehmen. Finanziert wird die Vergütung durch eine Umlage auf die Stromrechnungen von Bürger und Wirtschaft.

    Früher erhielten grundsätzlich alle geplanten Wind- und Solarkraftwerke eine gesetzlich festgelegte Einspeisevergütung. Wegen dieses Anreizes wurden teilweise viel mehr Anlagen gebaut, als die Bundesregierung angenommen hatte. Wirtschafts- und Verbraucherverbände kritisierten die schnell steigenden Kosten. Darauf reagierte die große Koalition aus Union und SPD, in dem sie unter anderem das Ausschreibungsverfahren einführte, um den Zubau zu begrenzen.

    Info-Kasten
    Solar-Förderung
    Damit kein landwirtschaftlicher Boden verloren geht, dürfen geförderte Solaranlagen einstweilen nur auf versiegelten Flächen, ehemaligen Militärgeländen, sowie Seitenstreifen von Autobahnen und Schienentrassen entstehen. Insgesamt will die Bundesregierung 2016 Solaranlagen mit einer Leistung von etwa 400 MW fördern. Die nächste Ausschreibungsrunde läuft bis zum 1. April diesen Jahres. Versteigert werden 125 Megawatt.

  • Gegen die Lust auf Süßes kommen Eltern nicht an

    Die Werbung für Kinder-Lebensmittel ist umstritten. Doch trotz des dadurch ausgelösten Konsums ungesunder Süßigkeiten darf die Industrie den Nachwuchs offensiv ködern

    In den Einkaufszentren leiden auch Erwachsene gelegentlich unter der Qual der Wahl. Doch im Vergleich zum Nachwuchs sind sie meist in der Lage zu einem gezielten Einkauf, auch wenn der Handel sie durch die geschickte Anordnung der Produkte zu weiteren Käufen animieren will. Kinder haben es ungleich schwerer, vor allem die sehr jungen. Sie nehmen alle Reize weitgehend ungefiltert war. Und daran mangelt es nicht. Dafür sorgt schon die Werbung. Wie viele Eindrücke Kinder dabei verkraften müssen, hat der Hamburger Forscher Thomas Effertz herausgefunden. Im Durchschnitt sehen Kinder im Jahr mehr als 12.000 Werbespots. Die Berieselung zeigt ihre Wirkung in den Vorlieben der Kleinen. Das wissen die Marketingstrategen der Industrie und nutzen die Einfallstore in kindliche Gehirn geschickt aus.

    So wirbt der Cerealien-Riese Kellog's gerne mit Comicfiguren auf der Verpackung von Cornflakes-Varianten. Das kommt besonders gut an, weiß der Wissenschaftler Bernd Weber von der Uni Bonn. Richte sich die Werbung mit kindgerechten Inhalten direkt an die Zielgruppe, reagierten Kinder besonders stark. „Dies sind vor allem Zeichtrickfiguren oder Charaktere“, sagt der Verhaltensforscher, „zudem sind Beigaben auf Nahrungsmitteln für Kinder extrem reizvoll.“ Diesen Schwachpunkt nutzt das Marketing der Hersteller aus. Umstritten ist diese verbreitete Praxis vor allem bei Lebensmitteln. Denn die Werbeetats sind vor allem bei den weniger gesunden Süßigkeiten besonders hoch.

    Doch mit Kindern als treue Kunden lässt sich eine Menge Umsatz erzielen. Längst ist der Nachwuchs zu einer Milliardenklientel herangewachsen. Nach Berechnungen der Ehapa Kids Verbraucheranalyse summieren sich allein die Geldpräsente der deutschen Kinder auf rund 840 Millionen Euro im Jahr. Dazu kommt noch das Taschengeld von insgesamt 1,7 Milliarden Euro. Es liegt für Unternehmen mit Produkten, die bei Kindern begehrt sind, nahe, sich durch Werbung ein möglichst großes Stück dieses Kuchens zu sichern. Dazu kommen noch viele Ausgaben der Eltern, von der Urlaubsreise über die Bekleidung bis hin zum Auto, bei denen Kinder mitreden dürfen.

    Umstritten ist jedoch vor allem die Praxis der Ernährungsindustrie. Die Verbraucherorganisation Foodwatch hat in diesem Sommer 281 Lebensmittel untersucht, bei denen sich die Reklame direkt an Kinder richtet. Gerade einmal 29 Prozent der Produkte hätten nach den Maßstäben der Weltgesundheitsorganisation an Kinder vermarktet werden dürfen, wenn sich die Industrie an ihre in einer Selbstverpflichtung festgelegten Maßstäbe gehalten hätte. „Die meisten Kinderlebensmittel sind keine Lebensmittel, sondern lediglich Süßigkeiten“, kritisierte Dietrich Garlichs von der Deutschen Diabetes Gesellschaft.

    Verbraucherschützer und Kinderärzte warnen schon seit Jahren vor den möglichen Folgen der Werbeflut und der daraus resultierenden ungesunden Ernährung. Jeder siebente Heranwachsende ist übergewichtig oder sogar regelrecht fett. Sie sehen dies als Ursache von Folgekrankheiten wie Diabetes. Die Eltern können den Konsumwünschen der Jüngsten wenig entgegensetzen. Denn Aufklärung über eine gesunde Ernährung fruchtet nur bedingt, wie Weber anmerkt. „Unbewusste Treiber haben eine große Bedeutung für Entscheidungen“, sagt der Wissenschaftler. Wird das Lustzentrum im Gehirn durch die Aussicht auf einen Schokoriegel angeregt, fällt die Wahl des Kindes eher darauf als auf den Apfel im Fruchtkorb. Weber zufolge zeigen Studien klar, dass für Nahrungsmittel mit vielen Kalorien viel mehr geworben wird als für gesündere Produkte. „Hier müssen klare Rahmenbedingungen geschaffen werden, die Kinder vor der Beeinflussung hinsichtlich des Konsums hochkalorischer Nahrungsmittel besser schützen“, fordert der Forscher.

    Die Werbewirtschaft weist die Vorwürfe zurück. Übergewicht sei ein weltweites Problem und sei bei deutschen Kindern unterdurchschnittlich verbreitet, stellt der Zentralverband der Branche (ZAW) fest. Auch mache Werbung keine Kinder dick. Vielmehr verschaffe sie die emotionale Orientierung, um in der modernen Gesellschaft zurechtzukommen. Schließlich verweist der Verband auf das hohe Schutzniveau, das auch aus der Selbstverpflichtung der Wirtschaft zum Kindermarketing sorge.

    Doch selbst der Lobbyist der Firma Mars, Matthais Berninger, räumt ein, dass die europäische Selbstverpflichtung der Industrie zu schwach ist. Eine gesetzliche Regelung zur Werbung lehnt er allerdings ab. Bislang konnte die Industrie entsprechende Pläne verhindern, wie die Einführung einer Lebensmittelampel vor einigen Jahren. Derzeit gibt es in der Bundesregierung auch keine Anzeichen für eine veränderte Haltung.

  • Auch 2016 ändert sich viel für die Verbraucher

    Mehr Kindergeld und höhere Renten, Girokonto für alle und vergleichbare Dispozinsen

    Auch im kommenden Jahr treten viele Gesetzesänderungen in Kraft, die die Verbraucher betreffen. Hier sind die wichtigsten Neuerungen. Eine detaillierte Auffstellung bietet zudem die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen im Internet unter der Adresse www.vz-nrw.de/link1170841A.html?i=0 an.

    Sparen und Finanzen

    IBAN: Die alte Kontonummer gehört ab Anfang Februar 2016 endgültig der Verrgangenheit an. Dann müssen alle Überweisungen über die so genannte IBAN (International Bank Account Number) abgewickelt werden. Damit einher geht auch die Abschaffung des Lastschriftverfahrens beim Einkauf, bei dem die Zahlung per Unterschrift bestätigt wird.

    Girokonto: Insbesondere verschuldete Haushalte haben oft das Problem, dass Banken ihnen die Eröffnung eines Girokontos verweigern, Das wird sich spätestens im nächsten September ändern. Bis dahin muss Deutschland gesetzlich das Girokonto für Jedermann umsetzen. So sieht es eine Richtlinie der EU vor. Mit diesem Konto können Ein- und Auszahlungen in bar vorgenommen werden, ebenso Überweisungen und Lastschriften. Die Gebühren dafür dürfen ein angemessenes Maß nicht überschreiten.

    Lebensversicherungen: Hier sollte es eine wichtige Änderung geben. Die Bundesregierung wollte den Garantiezins bei privaten Renten- und Lebensversicherungen abschaffen, hat es sich aber in letzter Minute anders überlegt. Auch künftig dürfen Anbieter von Policen mit einer Mindestverzinsung werben. Allerdings fallen die Erträge derzeit mickrig aus. Gerade einmal 1,25 Prozent Zins sichern die Versicherungen ihren Kunden derzeit zu.

    Dispozinsen: Kündtig sollen die Konditionen der Banken und Sparkassen für Überrziehungskredite leicht vergleichbar sein. Denn die Institute werden verpflichtet, den Dispozins im Internet zu veröffentlichen. Damit können Vergleichsportale leicht eine Übersicht über die geltenden Bedingungen zusammenstellen.

    Immobilienkredite: Die Bauherren werden in Folge einer europäischen Richtlinie besser vor Zwangsmaßnahmen geschützt, wenn die Finanzierung platzt. Die Hypothekenbanke müssen die Bonität ihrer Kunden genauer prüfen und dies auch nachweisen. Erfüllt ein Darlehensanbieter die Vorgaben nicht, kann der Kunde den Vertrag jederzeit kündigen, ohne dass dafür eine Vorfälligkeitsentschädigung erhoben werden darf.

    Familie und Soziales

    Kindergeld: Eine Kugel Eis mehr für jedes Kind ist ab dem 1. Januar drin. Denn das Kindergeld wird um zwei Euro im Monat angehoben. Angehoben wird unter gewissen Voraussetzungen auch der Kinderzuschlag der Familienkasse. Er steigt von 140 Euro auf 160 Euro. Der Zuschlag ist an komplizierte Berechnungen der Bedürftigkeit gekoppelt.

    Renten: Am ersten Juli werden die Renten deutlich steigen. Noch steht das Plus noch nicht genau fest. Experten gehen von bis zu fünf Prozent mehr ffür die 20 Millionen Rentner aus. Das wären bei einer Rente von 1.000 Euro immerhin 50 Euro obendrauf.

    Hartz IV: Die Regelsätze zum Arbeitslosengeld II steigen am 1. Januar 2016 um fünf Euro beim Haushaltsvorstand auf 404 Euro. Kinder müssen sich mit drei Euro mehr begnügen.

    Wohngeld: Das Wohngeld für 870.000 Haushalte wird erstmals seit sieben Jahren an die Entwicklung der Mieten und Nebenkosten angepasst. Das kann im Einzelfall eine beträchtlich Anhebung des Zuschusses bedeuten.

    BAföG: Im kommenden Herbst steigen die BaföG-Sätze für Schüler, Studenten und Meisteranwärter am sieben Prozent an. Der Höchstsatz für Studierende beträgt dann bis zu 735 Euro, statt bisher 670 Euro.

    Beitragsbemessungsgrenzen: Die Einkommensgrenze für die gesetzliche Krankenversicherungspflicht steigt 2016 von 4.125 Euro auf 4.237,50 Euro. Bis zu diesem Monatsbruttolohn steigen die Beiträge zur Krankenversicherung an. Wer mehr verdient, darf in die private Krankenversicherung wechseln. Bei der Rentenversicherung steigt die Höchstgrenze im Westen auf 6.200 Euro, im Osten auf 5.400 Euro im Monat an. Für darüber hinaus gehende Gehälter müssen keine Beiträge entrichtet werden.

    Krankenkasse: Auf die meisten Arbeitnehmer kommt eine Erhöhung der Krankenkassenbeiträge zu. Die Kassen erheben je nach Finanzlage unterschiedliche Zusatzbeiträge, die von den Versicherten alleine bezahlt werden müssen. Wer zu kräftig zur Kasse gebeten wird, darf ein Sonderkündigungsrecht nutzen und sich eine billigere Kasse suchen. Eine Aufstellung der Zusatzbeiträge aller Kassen bietet das Webportal www.krankenkasseninfo.de/krankenkassen/zusatzbeitrag-2016/ an.

    Konsum:

    Ernährung: Ab Ende nächsten Jahres müssen auch die Hersteller verpackter Lebensmittel Nährwertangaben auf das Etikett drucken.

    Elektrogeräte: Alte Elektrogeräte und andere Elektronik muss separat entsorgt werden. Dafür gibt es bisher nur die kommunalen Sammelstellen. Ab Ende Juli 2016 müssen nun auch große Handesgeschäfte den Elektroschrott entgegennehmen.

    Schadstoffe im Spielzeug: Schon seit einigen Tagen gelten neue, strengere Grenzwerte für Schadstoffe in Kinderspielzeug und Verbraucherprodukten. Das betrifft die so genannten Weichmacher, die als krebserregend und fruchtbarkeitsschädigend gelten.

    Porto: Das Briefporto steigt wieder einmal an. Die Post erhöht das Entgelt für die Zustellung eines Atndardbriefes im Januar 2016 um acht Cent auf 70 Cent. Teurer werden auch Einschreiben. Hierr steigt das Porto für die höchste Stufe mit eigenhändiger Zustellung und Rückschein von 5,75 Euro auf 6,80 Euro.

  • Wärme aus der Brennstoffzelle

    Inzwischen können auch Eigenheimbesitzer mit Brennstoffzellen umweltfreundlich heizen und Strom erzeugen. Die ersten Geräte sind auf dem Markt, jedoch noch ziemlich teuer.

    Das Gerät ist etwa so groß wie eine Waschmaschine. Statt sauberer Textilien liefert die kleine Anlage allerdings andere für jeden Haushalt wichtige Leistungen: Wärme und Strom. Die Brennstoffzelle BlueGen der Unternehmensgruppe Solidpower erzeugtn im Jahr rund 13.000 Kilowattstunden elektrischer Energie, genug um ein Eigenheim mit Strom und Wärme zu versorgen. Noch ist die Brennstoffzelle für Jedermann ein Nischenprodukt. Gerade einmal acht Hersteller haben bisher Geräte dieser Zukunftstechnologie auf den Markt gebracht, nachdem der vom Bund geförderte Feldversuch „Callux“ in Deutschland erfolgreich absolviert wurde. „Über drei Gerätegenerationen wurden Produkte entwickelt, die heute an der Schwelle zum kommerziellen Markteintritt stehen“, sagt der Staatssekretär im Verkehrsministerium, Norbert Barthle.

    Die Brennstoffzelle ist eine ungewöhnlich effiziente Technik. Die Branche beziffert den Wirkungsgrad der Geräte auf bis zu 90 Prozent. Zum Vergleich: Ein modernes Kohlekraftwerk kann nicht einmal 50 Prozent der in der Kohle enthaltenen Energie nutzen. Die Technologie macht sich die aus dem Chemieunterricht bekannte Elektrolyse zunutze, allerdings in umgekehrter Richtung. Die Hausgeräte wandeln mittels einer chemischen Reaktion den im Erdgas enthaltenen Wasserstoff in Strom und Wärme um. Denn der Wasserstoff reagiert mit dem in der Luft enthaltenen Sauerstoff. Dabei entstehen Elektrizität und Hitze. Da es sich um eine so genannte kalte Verbrennung handelt, werden auch kaum Treibhausgase erzeugt, die das Klima gefährden. Wie es genau funktioniert, erklärt die Branche im Internet auf der Seit www.erdgas.info/erdgasheizung/brennstoffzelle/ .

    Im Praxistest Callux wurden bundesweit in Privathäusern Brennstoffzellen eingebaut und getestet. Die Hauseigentümer berichten von erheblichen Fortschritten bei der Entwicklung der Technolige im Zeitverlauf und zeigen sich von den Ergebnissen beeindruckt. Für die Umwelt lohnt sich der Umstieg auf die Brennstoffzelle allemal. Ob er sich jedoch für die Hausbesitzer auch wirtschaftlich rechnet, ist schwer zu sagen. Naturgemäß sind neu entwickelte Technologien, die erst in geringen Stückzahlen verfügbar sind, vegleichsweise teuer. Calluy-Sprecher Alexander Dauensteiner beziffert die aktuellen Kosten für eine Anlage auf rund 20.000 Euro. Darin ist die staatliche Förderung schon eingerechnet. Die Installation selbst kommt auch noch hinzu. Eine Liste der Anbieter nebst technischen Details findet sich auf dem Webportal der Initiative Brennstoffzelle unter der Adresse http://www.ibz-info.de/ .

    Die Gegenrechnung hängt wiederum von den Gegebenheiten des jeweiligen Hauses ab. „Im Rahmen des Callux-Praxistest wurden Einsparungen von 1.000 Euro jährlich erzielt“, berichtet Dauensteiner. Mit einem deutlichen Rückgang der Anschaffungskosten rechnet Callux erst bei steigenden Verkaufszahlen, die jedoch zunächst nicht zu erwarten sind. Gefördert werden die Betreiber der Brennstoffzellen durch einen Zuschlag für die Kraft-Wärme-Kopplung sowie die Einspeisevergütung für Ökostrom. Unter dem Strich geht die Industrie davon aus, dass sich die Anlagen im Verlauf ihrer Betriebszeit auch amortisieren.

    Viele Voraussetzungen müssen Interessierte Haushalte nicht mitbringen. „Grundsätzlich benötigt der Eigentümer einen Erdgasanschluss, um Brennstoffzellen in der Hausenergieversorgung nutzen zu können“, erläutert Dauensteiner. Dann lässt sich die Zelle wie eine normale Gasheizung anschließen. Für den Einbau wird eine Stehhöhe von etwa zwei Metern benötigt. Auch ein Anschluss für die Abführung der Abgase muss vorhanden sein oder gelegt werden können. Schließlich wird bei der Installation auch ein neuer Stromzähler eingebaut, der die ins Netz eingespeiste Elektrizität messen kann.

  • Licht aus Kreuzberg

    Mobisol liefert kleine Solarkraftwerke für die netzlose Stromversorgung nach Ostafrika

    Dieser Raum soll einen Eindruck vermitteln, wie Menschen in Tansania leben. In dem nachempfundenen Wohnzimmer stehen ein rotes Sofa mit Deckchen und ein Tisch, ein Jesusbild und ein Regal mit Töpfen hängen an der Wand. Außerdem gibt es einen Flachbildfernseher, eine kleine Musikanlage, eine elektrische Lampe und „ganz wichtig, das Bügeleisen“, sagt Thomas Duveau. Bei der Berliner Firma Mobisol kümmert er sich um die Geschäftsentwicklung. Dafür ist es gut, sich in die Lage der Kunden zu versetzen.

    Besonders dann, wenn diese 6.500 Kilometer Luftlinie entfernt in ganz anderen Situationen leben. Mobisol sitzt im vierten Stock eines alten Postgebäudes in Berlin-Kreuzberg. Unten im Haus ist ein Musik-Club. Die bisher etwa 30.000 Kunden der Firma leben im nördlichen Tansania und Ruanda. Ihnen hat Mobisol selbstentwickelte Solar-Kraftwerke verkauft, die den afrikanischen Haushalten und Geschäftsleuten einen Sprung ins 21. Jahrhundert ermöglichen.

    Das Kreuzberger Unternehmen liefert, woran die Klimakonferenz von Paris ab Ende November auf politischer Ebene arbeitet: Energiewende plus Entwicklung. Das Produktpaket besteht aus Solarzellen, Batteriespeichern inklusive Steuereinheit, LED-Lampen, Flachbildschirmen, Radios und Aufladestationen für Smartphones.

    Das Geschäftsmodell sieht so aus: Duveau und seine gut 400 meist afrikanischen KollegInnen verkaufen klimaneutrale Stromversorgung für Wohnhäuser und kleine Betriebe. Wie in vielen Staaten Afrikas gibt es in großen Teilen Tansanias und Ruandas kein Stromnetz. Die Leitungen zu verlegen, würde Jahrzehnte dauern und die Ressourcen der Staaten möglicherweise überfordern. Kleinkraftwerke bieten daher einen Ausweg: Sie ermöglichen Stromversorgung ohne Elektrizitätsnetz. Bezahlt werden die Anlagen mit Überweisungen via Handy oder Smartphone.

    Zum einen liege der Vorteil darin, sagt Duveau, dass die Käufer auf die rußenden Petroleum-Lampen und dieselbetriebenen Stromgeneratoren verzichten könnten. Zweitens sparten sie mit der Eigenerzeugung von Solarstrom Geld. Er macht diese Rechnung auf: Viele Privathaushalte und Geschäfte in Tansania und Ruanda gäben monatlich rund 50 Euro für Diesel aus. Eine 80-Watt-Anlage von Mobisol, die den Generator ersetzt, koste sie dagegen monatlich knapp 20 Euro. Der Kaufpreis von rund 700 Euro wird in 36 Monatsraten abbezahlt – Garantie und Wartung sind inklusive. Danach ist der Kunde Eigentümer der Anlage, und der Wartungsvertrag kostet rund drei Euro monatlich.

    Bisher habe es kaum Zahlungsausfälle gegeben, sagt Duveau, schwarzer Vollbart, Jeans, aufgekrempelte Hemdsärmel. Nur 2,6 Prozent der Käufer hätten die Raten nicht rechtzeitig überwiesen. Wenn das längere Zeit passiert, schaltet Mobisol die jeweilige Anlage ab. Das ermöglichen der integrierte Computer und die Mobilfunkkarte. Auch die technische Kontrolle aus der Ferne lässt sich so bewerkstelligen. Ist etwas kaputt, fährt einer der Techniker raus auf's Land. Beispielsweise in der tanzanischen Großstadt Arusha am Fuße des Mount Meru betreibt Mobisol eine Niederlassung, die zehn Außenposten versorgt. Dort arbeiten jeweils sechs Leute. Per Motorrad oder Fahrrad transportieren sie die verpackten Anlagen, die gut auf einen Gepäckträger passen, zu den Kunden.

    Bei Mobisol in Kreuzberg steht im langen Flur ein Klavier. In der großen, offenen Küche darf der Kicker nicht fehlen. In einer Ecke des Chefbüros findet sich ein Kinderbettchen. Weiter hinten ist die Werkstatt, in denen die Prototypen gelötet und geschraubt werden. Während die Produktion der Computerteile in Schwedt an der Oder stattfindet, kommen die Solarzellen, Batterien, Lampen und Bildschirme aus China. „Wir sind eine solide deutsche Ingenieursfirma“, sagt Duveau. Einer der wichtigsten Investoren, die Anteile halten, ist selbst in der hiesigen Solarindustrie reich geworden. Mittlerweile trage Mobisol sich aber selbst. Duveau: „Wir schreiben eine schwarze Null“. Der Umsatz in diesem Jahr übersteige 20 Millionen Euro. Nach Tansania und Ruanda werde man demnächst das dritte Land in Afrika beliefern – vielleicht Kenia oder Nigeria.

  • USA als Beispiel

    Kommentar zur US-Zinserhöhung von Hannes Koch

    Die erste Zinserhöhung durch die US-Notenbank seit fast zehn Jahren zeigt, dass die USA ökonomisch auf dem Weg der Besserung sind. Die langwierigen Auswirkungen der Finanzkrise seit 2007 scheinen dort einigermaßen überwunden. Fed-Chefin Janet Yellen glaubt deshalb, dass sie den US-Firmen und Arbeitnehmern bald wieder normal hohe Zinssätze zumuten kann. Ihre Politik des billigen Geldes war erfolgreich. Mit Blick auf Europa mutet es deshalb umso merkwürdiger an, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ähnliche Maßnahmen ergreift wie die Fed, dafür aber heftig kritisiert wird.

    Die US-Notenbank Fed hat vor Jahren die Geldschleusen geöffnet. Sie kaufte den Geschäftsbanken in großem Umfang Wertpapiere ab, damit diese das Kapital an die Unternehmen und Bürger weiterreichen. Und sie senkte die Zinsen nahe Null, ohne dass es zu einer Inflation auf breiter Basis gekommen wäre. Am Ergebnis gemessen hat all das offenbar funktioniert. Die amerikanische Wirtschaft wächst in diesem Jahr mit schätzungsweise 2,4 Prozent, fast ein Prozent schneller als der Euroraum. Die Arbeitslosigkeit dort liegt bei fünf Prozent, hier bei mehr als dem doppelten Wert.

    Weil die Geld- und Finanzpolitik der US-Notenbank gut begründet ist, hat die europäische Zentralbank einen ähnlichen Weg eingeschlagen. Auch sie kauft den Banken unter anderem Staatsanleihen ab, um deren Möglichkeit zu erhöhen, mehr Kredite auszureichen. Auch sie hat die Zinsen nahe Null gesenkt. Trotz des guten Beispiels jenseits des Atlantiks muss sich die EZB jedoch mit Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht auseinandersetzen.

    Es stimmt, die politischen Verfasstheiten der USA und Europas unterscheiden sich. Dort übt die bundesstaatliche Regierung in Washington in der Geld- und Finanzpolitik die unbestritene Zentralgewalt aus. Hier dagegen kooperieren 28 souveräne Staaten in einem Staatenbund. Peu à peu übertragen sie Kompetenzen an die gemeinsame Regierung in Brüssel, die jedoch längst nicht die Machtfülle der US-Administration erreicht hat. Daher rührt in Europa das Verbot der gegenseitigen Staatenfinanzierung. Daher kommt die verbreitete Kritik an einer gesamteuropäischen EZB-Geldpolitik. Die Logik nationalstaatlichen Denkens liegt im Konflikt mit dem europäischem Förderalismus.

    Trotzdem wäre es hilfreich, wenn sich die Diskussion über die europäische Geld- und Finanzpolitik mehr an pragmatischen Gesichtspunkten orientieren würde. Im Sinne der Unternehmen und Bürger wäre es sinnvoll, wenn sich die EZB nicht ständiger juristischer Klagen erwehren müsste, die ihren Handlungspielraum einengen. Die prinzipiellen Überlegungen der Kritiker stehen der wirtschaftlichen Gesundung Europas im Wege.

  • Vorteile für Europa durch US-Zinserhöhung

    Der Kurs des Dollar im Verhältnis zum Euro könnte steigen. Hiesige Unternehmen und Arbeitnehmer profitieren.

    Für Europa und Deutschland könnte die Erhöhung des US-Leitzinses leicht positive Auswirkungen haben. „Hiesige Unternehmen werden dadurch konkurrenzfähiger“, sagte Gustav Horn, Direktor des Instituts für Makroökonomie in Düsseldorf. Die Exporte aus Deutschland in den Dollar-Raum könnten damit steigen, wodurch auch die einheimischen Arbeitnehmer profitieren.

    Am Mittwochabend beschloss die US-Notenbank Federal Reserve, erstmal seit fast zehn Jahren ihren Leitzins anzuheben. Banken müssen künftig einen leicht höheren Zins von 0,25 bis 0,5 Prozent entrichten, wenn sie Kapital bei der Zentralbank leihen. Damit will die Fed die Geldversorgung der Wirtschaft ein wenig einschränken und einer möglichen Inflation vorbeugen. Die Entscheidung wird allgemein als Zeichen dafür gewertet, dass die US-Wirtschaft die große Finanzkrise der Jahre seit 2007 nun überwunden hat.

    Wegen der höheren Zinsen wird es für große Investoren etwas attraktiver, Kapital in den USA anzulegen. Weil man dafür US-Dollar braucht, dürfte auch die Nachfrage nach der US-Währung zunehmen und ihr Kurs im Verhältnis zum Euro steigen. Am Donnerstag bereits rutschte der Euro zeitweise auf Werte unter 1,09 Dollar ab.

    „Wenn der Dollar anzieht, ist das für Europa eine tendenziell gute Nachricht“, sagte Sascha Steffen vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. Denn für Unternehmen im Euro-Raum kann die Kursentwicklung einen Vorteil bedeuten: Die Preise ihrer Produkte in Dollar sinken. Beispielsweise deutsche Autos, Solarzellen oder Maschinen werden in den USA billiger. Weil damit die Nachfrage nach europäischen Produkten anziehen könnte, haben mittelbar auch die Beschäftigten der hiesigen Unternehmen Vorteile. Ihre Arbeitsplätze sind sicherer. Möglicherweise stellen die Firmen weitere Beschäftigte ein. Wegen der soliden Nachfrage nach Arbeitskräften dürfte sich vor allem in Deutschland die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer verbessern. Den Gewerkschaften fällt es dann leichter, ihre Lohnforderungen durchzusetzen.

    Die meisten einheimischen Ökonomen betrachten die Zinserhöhung in den USA deshalb als Unterstützung für die wirtschaftliche Erholung im Euro-Raum. Bisher liegt das Wachstum auf dem alten Kontinent erheblich unter dem in den USA. Europa steckt noch die Verschuldungskrise in den Knochen, die auf die Finanzkrise folgte.

    Betrachtet man die europäischen Arbeitnehmer in ihrer Rolle als Konsumenten, so müssen sie sich darauf einstellen, dass bestimmte Preise leicht steigen. Wegen des stärkeren Dollar werden beispielsweise Reisen in die USA teurer – ebenso Importprodukte, die aus dem Dollar-Raum kommen. Dies gilt etwa für Smartphones oder manche Textilien. Die Notierungen für Erdöl werden ebenfalls etwas nach oben gehen, damit auch die Benzinpreise an den hiesigen Tankstellen. Weil Treibstoff gegenwärtig aber sehr billig ist – ein Liter Super kostet beispielsweise nur 1,30 Euro – hält Ökonom Horn die Entwicklung für „nicht dramatisch. Großer Schaden ist nicht zu erwarten, die Inflation liegt augenblicklich ja sehr niedrig.“

    Wegen der im europäischen Durchschnitt mauen Konjunktur nehmen die meisten Ökonomen an, dass die Europäische Zentralbank ihren US-Kollegen vorläufig nicht folgt. Im Euroraum dürften deshalb die Zinsen noch länger niedrig bleiben. Das hat Folgen für die Bürger in ihrer Rolle als Sparer und Privatanleger. Auch die hiesigen Zinsen für Bankguthaben und Staatsanleihen werden niedrig bleiben. Das drückt ebenfalls auf die Wertentwicklung der privaten Altersvorsorge. Unternehmensaktien könnten dagegen teurer werden. Ebenso die Preise für Eigentumswohnungen an attraktiven Orten, vermutet ZEW-Ökonom Steffen.

  • Die Bahn braucht einen Macher

    Kommentar

    Niemand kann alles gleichermaßen gut. Davon sind Spitzenmanager nicht ausgenommen. Und es gilt auch für Bahnchef Rüdiger Grube. 2009 wurde der frühere Daimler-Manager geholt, um den von seinem polternden Vorgänger Hartmut Mehdorn hinterlassenen Scherbenhaufen zusammenzukehren. Gefragt war die Fähigkeit, mit allen Seiten gut kommunizieren zu können und die vielen Scherben wieder zu kitten. Diese Kunst beherrscht Grube zweifelsohne. Er hat die Bundestagsabgeordneten ebenso beruhigt wie das Verkehrsministerium, die Länder oder die Verkehrsverbände.

    Am zweiten Teil der Aufgabe, das Unternehmen voranzubringen, könnte Grube nun scheitern. Nach sechs Jahren unter seiner Führung steht die Deutsche Bahn nicht viel besser da als zuvor. Immer wieder hat der Bahnchef versprochen: die Bahn kümmert sich nun um besseren Service und pünktlichere Züge, statt um die internationale Expansion. Das Sanierungsprogramm „Zukunft Bahn“ ist aber vor allem das Eingeständnis, dass selbstverständliche Unternehmensziele wie zufriedene Kunden in den letzten Jahren weit verfehlt wurden.

    Zukünftig sollen die Züge pünktlicher kommen, die Fahrgäste besser informiert, die Stationen komfortabler werden. Alle Versprechen haben die Kunden in den letzten Jahrzehnten schon häufig gehört. Ebenso häufig blieben sie unerfüllt. Immerhin gibt es bald schnelles Internet in den Waggons. Das ist ein Fortschritt, aber im Vergleich zu den Herausforderungen, vor denen der Konzern steht, entlarvend wenig. Allein damit wird die Bahn im Fernverkehr kaum Marktanteile gewinnen. Denn solange andere Verkehrsträger, wie der von jeder Maut befreite Fernbus, durch die Politik besser gestellt werden, ist der Wettbewerb um Kunden nur schwer zu gewinnen.

    Auch im Güterverkehr kann der Vorstand nicht recht erklären, wie die Zukunft konkret besser werden kann. Auch hier befördert der politische Rahmen die Konkurrenz auf der Straße. Solange der LKW-Verkehr billiger ist, wird die Bahn es in der Fläche schwer haben. Nicht viel besser sieht es im Nahverkehr aus, der für die Bahn lange Zeit ein sicherer und großer Gewinnbringer war. Selbst wenn der Konzern wieder mehr Aufträge gewinnen kann, bringen diese doch weniger ein. Dafür sorgen die Auftraggeber schon, in dem sie aus einem großen Los immer häufiger viele kleine machen, um die sich verschiedene Wettbewerber balgen. Die Länder sparen dadurch viel Geld ein. Für die Bahn wird das Geschäft hingegen immer schwieriger.

    Mit milliardenschweren Investitionen will Grube den Koloss auf einen neuen Erfolgskurs steuern. Die Pläne kommen den Kundenwünschen entgegen, wie zum Beispiel die Anbindung vieler Großstädte an den Fernverkehr. Dafür steigt die Verschuldung kräftig an. Ob dieser Aufwand durch bessere Ergebnisse wieder hereingeholt werden kann, erscheint angesichts der politischen Rahmenbedingungen zweifelhaft.

    Der Sanierungskurs hat noch eine zweite Seite, den Sparkurs. Doppelstrukturen werden abgebaut, Instandhaltungswerke geschlossen. Dazu soll das Management nun zusammenarbeiten. Das ist zwar eine verkürzte Zusammenfassung, veranschaulicht aber die auf der Hand liegende Frage, warum dies alles erst so spät geschieht?

    Damit gerät auch Grube ins Visier. Ist er der Macher, den der Konzern jetzt an der Spitze braucht und nicht nur der Moderator, der das Umfeld des Konzerns ruhig stellen kann? Die Antwort wird der Aufsichtsrat spätestens 2017 geben müssen, wenn der Vertrag mit dem Bahnchef ausläuft. Üblicherweise werden derartige Kontrakte aber schon weit vorher verlängert, wenn die Eigentümer mit den Leistungen des Spitzenpersonals zufrieden sind. Viel Zeit für erste Erfolge des Sanierungsprogramms bleibt Grube also nicht mehr. Was die Bahn jetzt braucht, ist Durchsetzungskraft, vor allem gegenüber der Politik. Denn dort werden die Entscheidungen getroffen, die für die Wettbewerbsfähigkeit der Bahn entscheidend sind. Momentan schadet der Bund als Eigentümer sein eigenes Unternehmen, in dem anderen Verkehrsträgern den Vorzug gibt.

  • Schockbilder und Werbeverbot

    Bundesregierung beschließt neue Regeln für Tabakerzeugnisse und setzt damit eine europäische Richtlinie um. Ab Mai sollen die Raucher durch Schreckensbilder vom Konsum abgehalten werden.

    Im nächsten Frühjahr wird sich mancher Raucher zweimal den Griff zur Zigarettenpackung überlegen. Denn auf den Verpackungen werden ihm dann großflächige Bilder von schwarzen Lungen oder Raucherbeinen die Lust auf das Nikotin austreiben. Das erhofft sich jedenfalls die Bundesregierung von den neuen Regeln für die Tabakindustrie, die sie an diesem Mittwoch beschlossen hat. Deutschland setzt damit die europäische Tabakrichtlinie um.

    „Ich will die Verbraucher bestmöglich vor dem größten vermeidbaren Gesundheitsrisiko schützen: dem Rauchen“, sagt Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU). Insbesondere der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor den Gefahren des Tabakkonsums stehe im Vordergrund. Die EU geht von jährlich rund 700.000 vermeidbaren Todesfällen aus. Dabei hat die große Mehrheit der erwachsenen Raucher bereits in jungen Jahren zur Zigarette gegriffen. 94 Prozent haben vor dem 25. Lebensjahr erstmals Rauch inhaliert.

    Ändern wird sich vor allem das äußere Erscheinungsbild der Zigarettenpackungen. 65 Prozent der Fläche auf der Vorder- und auf der Rückseite werden künftig für Warnhinweise und abschreckende Bilder reserviert. An den schmalen Seiten muss die Hälfte der Fläche mit Gesundheitswarnungen bedeckt werden. Sätze wie „Rauchen ist tödlich“ oder „Tabakrauch enthält über 70 Stoffe, die erwiesenermaßen krebserregend sind“, sollen den Konsumenten ein schlechtes Gewissen eintragen. Auch Tabakpäcken zum Selberdrehen erfasst die Richtlinie, die auch noch vom Bundestag abgesegnet werden muss.

    „Internationale Untersuchungen zeigen, dass Schockbilder Nichtraucher davon abhalten mit dem Rauchen anzufangen“, sagt der SPD-Abgeordnete Lothar Bindung, der seit Jahren für strengere Nikotingesetze kämpft. Das Heidelberger Kresbforschungszentrum habe zudem herausgefunden, dass mit diesen Fotos auch soziale Randgruppen erreicht werden, die von anderen Anti-Tabak-Kampagnen nicht erreicht werden.

    Ausgenommen von der Kennzeichnungsregel bleiben vorläufig noch Rauchprodukte, die vergleichsweise selten nachgefragt werden, zum Beispiel Zigarren und Zigarillos. Damit niemand an den Warnhinweisen vorbeikommt, schreibt der Gesetzgeber eine Mindestpackungsgröße vor. Wenigstens 20 Zigaretten muss ein Päckchen enthalten. Kleinere Einheiten werden verboten. Auch aromatisierten Tabakartikeln droht das Aus, zum Beispiel der Mentholzigarette. Führ existierende Produkte gilt allerdings noch eine vierjährige Übergangsfrist, bis sie ganz aus den Regalen verschwinden müssen.

    Schmidt kündigte ferner ein Außenwerbeverbot für Tabak an, „damit Deutschland hier nicht mehr neben Bulgarien das Schlusslicht bildet“, wie er sagt. Derzeit berät der Bundestag bereits ein Verbot des Verkaufs von E-Shishas und E-Zigaretten an Kinder und Jugendliche. Die EU-Kommission erhofft sich eine große Wirkung der Richtlinie. Innerhalb von fünf Jahren soll der Tabakverbrauch um zwei Prozent zurückgehen, was einer Zahl von 2,4 Millionen Rauchern weniger gleichkäme. Die Einsparungen im Gesundheitswesen beziffert die Kommission auf über ein halbe Milliarde Euro im Jahr. Binding gehen die heutigen Regeln noch nicht weit genug. Der Politiker fordert ein bundeseinheitliches Rauchverbot in der Gastronomie sowie ein Werbeverbot für Tabakartikel.

  • Spenden, aber richtig

    Selten zuvor haben die Deutschen soviel gespendet wie in diesem Jahr. Vor allem den vielen Flüchtlingen wollen die Menschen helfen. Etliche neue Vereine habe sich in den vergangenen Monaten gegründet. Worauf beim Spenden zu achten ist.

    Wer in diesen Tagen versucht per Telefon beim Berliner Verein „Moabit hilft“ durchzukommen, muss geduldig sein. Die Hotline ist ständig belegt, die Helfer im Dauereinsatz. Zeit Anrufe zu beantworten oder die Webseite zu pflegen, bleibt den Ehrenamtlichen kaum. Die Arbeit mit den Flüchtlingen geht vor. Täglich kommen neue Hilfsbedürftige nach Berlin. Sie brauchen Kleidung und Essen, Trost und ein offenes Ohr auf die Frage, wie es weiter gehen soll.

    Damit die Hilfe anhält, sind Vereine wie „Moabit hilft“ und viele andere auf Unterstützung aus der Bevölkerung angewiesen, vor allem auf ihre Spenden. Bei der Fülle an Angeboten ist es für Geber aber nicht leicht zu entscheiden, wer ihr Geld bekommen soll. Was zählt ist, Vertrauen in die Organisation und die Transparenz, wofür die Mittel verwendet werden. „Ein Besuch vor Ort lohnt sich, wenn sowieso eine Sachspende oder persönliche Unterstützung geplant ist“, sagt Burkhard Wilke, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI).

    Das Institut vergibt eines der bekanntesten und ältesten Spendensiegel für gemeinnützige Organisationen in Deutschland. Um das Gütezeichen zu erlangen, werden sieben Standards geprüft. Dazu zählt etwa die Leitungsstruktur der Organisation. Auch die Vergütung für den Vorstand oder die Geschäftsführung spielt eine große Rolle. Ein weiterer Punkt ist die Art und Weise, wie die Initiativen um Spenden werben. Viele Organisationen versuchen mit Druck an mehr Geld zu kommen: Ein roter Stempel mit dem Hinweis „Dringend! Spenden Sie noch heute“ kombiniert mit einer mehrmaligen persönlichen Anrede und großformatigen Bildern von traurigen, armen Kindern soll die Geber motivieren. „Werbung darf nicht irreführend und schon gar nicht wahrheitswidrig sein“, sagt Wilke. „Die Spender dürfen sich nicht unter Druck gesetzt fühlen.“

    Das Institut verweigert Bewerbern auch das Siegel. Meist geht es um mangelnde Aufsicht, um zu emotionalisierte Werbung, aber immer wieder um fehlende Transparenz, was die eigene Arbeit angeht. „Mehr Schein als Sein bei einer Organisation, das sehen wir leider immer wieder“, sagt Wilke.

    Das Siegel kann man allerdings erst dann beantragen, wenn die Organisation mindestens zwei Jahre besteht. Damit kommt es für die neuen Initiativen nicht in Frage. Anzeichen dafür, dass sich windige Geschäftemacher die hohe Spendenbereitschaft der Bevölkerung für die Flüchtlinge zunutze machen, hat Wilke bisher nicht. „Bei den kleinen Initiativen vor Ort kann man ja selbst genau hinschauen“, sagt der DZI-Geschäftsführer. „Blender würden auf lokaler Ebene sehr schnell auffliegen.“

    In Deutschland gibt es derzeit rund 600.000 gemeinnützige Organisationen. „Vertrauen ist die entscheidende Währung“, sagt Andreas Rickert, Geschäftsführer des Beratungs- und Analysehauses Phineo. „Jeder Spender muss sich genau überlegen, wen oder was er unterstützen will.“ Am Beispiel der Flüchtlingshilfe heißt das: Soll das Geld in die Nothilfe fließen? Will ich die Integration fördern? Oder geht es um die Rahmenbedingungen, also etwa um Hilfen für Projekte gegen Rechts? „Wenn man sich des eigenen Anliegens bewusst ist, kann man gezielt nach Angeboten suchen“, sagt Rickert. Er rät dazu, sich die Aktivitäten der Organisationen näher anzuschauen, Webseiten zu durchforsten oder sich bei Nachbarn und Freunden nach Vereinen zu erkundigen. Allerdings weiß auch Rickert, dass die vielen jungen Organisationen oft noch keine Zeit hatten, sich um die Öffentlichkeitsarbeit zu kümmern. „Hier ist Nachsicht gefragt“, sagt er.

    Auch Phineo vergibt ein Gütezeichen. Die Experten untersuchen vor allem die Wirkung der Projekte. Rund 15 Monate beschäftigten sich die Mitarbeiter mit einem Fall bis das sogenannte „Wirkt“-Siegel erteilt wird. Die Analysten sichten Unterlagen, besuchen die Organisation vor Ort. Die Teilnahme ist kostenlos. Bezahlt wird Phineo von verschiedenen Förderern, darunter die Bertelsmann Stiftung oder die Gruppe Deutsche Börse. „Das gemeinnützige Engagement in Deutschland gleicht einer Black Box“, sagt Rickert. Für ihn herrscht bei vielen Initiativen noch wenig Verständnis darüber, wie wichtig Transparenz über ihre Arbeit und deren Wirkung für die Geber ist. Eine staatliche Verpflichtung könnte mindestens Eckdaten über die Finanzen, die Entscheider und die Ziele der Hilfsprojekte einfordern. „Jedes kleine oder mittelständische Unternehmen hat eine größere Publizitätspflicht als eine gemeinnützige Organisation“, sagt Rickert. „Das ist schon bemerkenswert.“

    Ähnlich sieht das Anna-Maija Mertens, Geschäftsführerin von Transparency International Deutschland. „Wir brauchen mehr Prüfung und mehr Nachvollziehbarkeit über die Herkunft und die Verwendung der Gelder von Vereinen“, sagt Mertens. Sie plädiert dafür, langfristig verbindliche Regelungen für Vereine einzuführen. „So könnte man sehen, wer steckt hinter den Organisationen, wohin fließt das Geld und was sind die Ziele der Projekte.“

    Vereine können sich freiwillig der Initiative Transparente Zivilgesellschaft von Transparency International anschließen. Bisher sind es rund 700 Organisationen, die unterschrieben haben. Für das Logo sind nur wenige Daten notwendig, die dem Verbraucher aber dennoch mehr Informationen über die Organisationen geben. Zu den zehn Punkten zählt etwa die Führungsstruktur. Für Mertens ist die Transparenzoffensive auch eine Chance für die neuen Flüchtlingsprojekte – und damit auch für Initiativen wie „Moabit hilft“.

  • Nach dem Atom- kommt der Kohle-Konsens

    Umweltministerin Hendricks deutet das Ende der „Energiegewinnung mit Kohle, Gas und Öl“ an. Regierung bereitet einen Klimaschutzplan bis 2050 vor. Reaktion auf die Konferenz von Paris

    Als Konsequenz aus der Klimakonferenz von Paris hat Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) einen neuen deutschen Aktionsplan für Klimaschutz angekündigt, der bis zum Jahr 2050 reicht. Das Bundeskabinett werde den Plan „vor der Sommerpause 2016“ beschließen, sagte Hendricks am Montag in Berlin. „Bis Mitte diesen Jahrhunderts“ gebe es hierzulande „keine Energiegewinnung aus Kohle, Gas und Öl“ mehr.

    In Paris hatten am Wochenende die Vertreter fast aller Staaten der Erde einen bindenden Vertrag beschlossen, um die Erwärmung der Atmosphäre zu begrenzen. Darin enthalten ist die Verpflichtung, den Ausstoß von Treibhausgasen wie Kohlendioxid (CO2) in der zweiten Hälfte diesen Jahrhunderts unter dem Strich auf Null zu senken. Hendricks versprach, sich für einen „gesteuerten Strukturwandel ohne Strukturbrüche“ in der deutschen Wirtschaft einzusetzen. Dafür seien Gespräche mit allen Betroffenen, beispielsweise Gewerkschaften und Unternehmen nötig.

    Der kommende Transformationsprozess wird zu enormen Verlagerungen von Kapital und Arbeitsplätzen führen. So plädierte Patrick Graichen, der Chef der Berliner Organisation Agora Energiewende, dafür, „bis 2030 mehr als die Hälfte unserer Kohlekraftwerke abzuschalten“. Bis 2040 müsse die Stromerzeugung aus Kohle fast vollständig“ eingestellt werden. Das heißt: Schon bis dahin könnte der weitaus größte Teil der Arbeitsplätze in der deutschen Braun- und Steinkohle verschwinden – nicht nur im Bergbau, sondern auch in Kraftwerken.

    Nach einer Übersicht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) arbeiten in dieser Branche heute noch etwa 36.000 Menschen. Bei den Erneuerbaren Energien sind es bereits rund 400.000. Derzeit liefern Wind-, Solar- und Biomasse-Kraftwerke etwa 33 Prozent des verbrauchten Stroms in Deutschland. Bis 2035 sollen es bereits bestehenden Plänen der Bundesregierung zufolge 55 bis 60 Prozent sein. Dieser Zuwachs von durchschnittlich einem Prozentpunkt pro Jahr ist technisch und ökonomisch kein Problem.

    Größere Herausforderungen stellen sich der deutschen Wirtschaft dagegen im Verkehrssektor. Umweltministerin Hendricks kündigte auch ein neues „Mobilitätskonzept“ an. Elektrofahrzeuge sollen die Autos ersetzen, die Erdöl verbrennen. Das Regierungsprogramm für Elektromobilität (2011) nennt die Zahl von sechs Millionen E-Fahrzeugen bis 2030. Bislang sind hierzulande jedoch erst wenige tausend Elektroautos unterwegs. Die deutschen Autohersteller haben kaum welche im Angebot, von Ausnahmen wie dem BMW i3, VW Up oder dem Elektro-Smart bei Daimler abgesehen. Wie sich die Zahl der hierzulande verkauften E-Autos stark steigern lässt, ist unklar. Hendricks brachte am Montag „Kaufanreize für Elektromobilität“ ins Gespräch.

    Die in der Nationalen Plattform Elektromobilität kooperierenden Vertreter von Autoherstellern, Gewerkschaften, Forschungseinrichtungen und Institutionen gehen davon aus, dass die deutschen Autohersteller und ihre Arbeitsplätze den kommenden Strukturwandel überstehen. Allerdings tun sich die hiesigen Hersteller schwer damit, eine Großproduktion für Batterien, einem der Kernprodukte der Elektromobilität, aufzubauen. Unternehmen wie LG, Panasonic, Samsung oder Tesla haben die Nase vorne. Zudem stecken in Elektrofahrzeugen deutlich weniger Teile als in Benzin- und Dieselautos. Fraglich erscheint deshalb, ob die Millionen Arbeitsplätze in hiesigen Auto- und Zulieferfabriken erhalten bleiben.

    Währenddessen haben drei Dutzend Unternehmen, unter anderem die Commerzbank, EnBW, Metro, Rewe und Unilever die Bundesregierung aufgefordert, die „Maßnahmen des Klimaschutzaktionsprogramms nachzuschärfen, damit die deutschen Energie- und Emissionsziele bis 2020 in allen Sektoren erreicht werden“. Die Firmen fordern „einen ambitionierten Klimaschutzplan 2050“, mehr Maßnahmen für Energieeffizienz bei Gebäuden und eine „Verkehrswende“. Außerdem hätten „führende Unternehmen des deutschen Einzelhandels ihre Unterstützung für das Pariser Klimaschutzabkommen zugesagt“, erklärte der Handelsverband (HDE).

    Bei der Wirtschaftsvereinigung Stahl dominierte dagegen die Kritik: „Das Ergebnis des Pariser Klimagipfels ist enttäuschend.“ Die Vertretung der hiesigen Stahlindustrie bemängelte, dass beispielsweise China geringere Auflagen für den Klimaschutz erfüllen müsse als Deutschland. Dies benachteilige die einheimischen Firmen. Umweltministerin Hendricks sagte, der Kohlendioxid-ausstoß der deutschen Stahlindustrie lasse sich nicht auf Null senken. Deswegen könne es an dieser Stelle richtig sein, CO2 unschädlich zu machen, indem man es einfängt und im Boden lagert.

  • Datenklau im Kinderzimmer

    Persönliche Datensätze sind viel Geld wert. Hacker machen auch vor Lernspielzeug für Kinder nicht halt. Die Verantwortung für mehr Sicherheit bleibt meist an den Eltern hängen. Hersteller sehen sich oft nicht in der Pflicht.

    Die dreisten Diebe schlichen unbemerkt in Millionen Kinderzimmer. Während der Nachwuchs auf dem interaktiven Lern-Tablet spielte oder sich mit Mama und Papa über eine kindgerechte Nachrichten-App unterhielt, machten sich die Datenräuber an den Zugangskonten der Nutzer zu schaffen. Weltweit sind rund elf Millionen Zugänge von Eltern und Kindern des Lernspiele-Herstellers Vtech betroffen. Unternehmensangaben zufolge sind darunter rund 390.000 Eltern-Konten und etwa 500.000 Kinder-Profile, die in Deutschland angemeldet wurden. Die Datendiebe erbeuteten Passwörter, Email- und Heimatadressen, sowie Namen und Geburtsdaten der Kinder. Vermutlich bekamen die Täter auch Zugang zu Fotos und Nachrichten der Kleinen.

    Florian Glatzner, Datenschutzexperte bei der Verbraucherzentrale Bundesverband, hat der Hack bei Vtech nicht überrascht. „Wir müssen uns daran gewöhnen, dass in Zukunft solche Datenlecks häufiger auftauchen“, sagt Glatzner. Viele Hersteller von vernetzten Geräten mit Internetanschluss kämen nicht aus der IT-Branche. „Viele sind sich der Verantwortung für die Datensicherheit nicht bewusst“, sagt Glatzner.

    Dabei ist in vielen Fällen gar nicht klar, warum bestimmte Informationen überhaupt gebraucht werden, damit die Spiele funktionieren. Dazu gehört zum Beispiel das Geburtsdatum oder die Adresse. Mit diesen Informationen können die Datendiebe einen sogenannten Identitätsdiebstahl begehen. Im Namen des Betroffenen gehen sie einkaufen, machen Bestellungen oder knacken sogar Bankkonten. „Vor allem das Geburtsdatum ist sehr sensibel. Das wissen viele Menschen nicht“, sagt Glatzner.

    Über die Lerncomputer von Vtech haben viele Kinder auch ihre Fotos hochgeladen. „Wenn Datendiebe auf diese Fotos Zugriff haben und diese verkaufen, können die schnell in falsche Hände geraten“, warnt Glatzner. Die Verbindung zu kriminellen Machenschaften wie sexuellem Missbrauch läge auf der Hand.

    Digitales, internetfähiges Spielzeug hat längst die deutschen Kinderzimmer erobert. Schon Kindergartenkinder bekommen lieber ein Lern-Tablet, einen Mini-Computer, statt Bücher, Puppen und Autos geschenkt. Laut Bundesverband des Spielwaren Einzelhandels gehören Kamera-Drohnen, die Filme direkt aufs Smartphone senden, zu den angesagtesten Spielzeugen. Für viele Kinder ist es normaler auf Kinderwebseiten digitale Bilder zu malen, als auf Papier.

    Ihre Daten im Netz nicht preiszugeben, fällt vielen Kindern und Jugendlichen schwer. Dabei sind für die Anmeldung zu einer Software, einer Webseite oder einem Online-Spiel nur ein Nutzername und ein Passwort notwendig. „Bei manchen Herstellern vermisse ich die Sensibilität für die Daten von jungen Nutzern“, sagt Anja Monz, zuständig unter anderem für das Bildungsprojekt „Sicherheit macht Schule“ des IT-Unternehmens Microsoft. Die Kinder wüssten sehr viel über das Thema Datenschutz, sagt die Pädagogin. Aber beim Spielen im Netz spielt dieses Wissen kaum mehr eine Rolle. Auch vielen Eltern sind die Folgen der arglosen Datenpreisgabe nicht bewusst „Wir dürfen die Kinder nicht alleine lassen, sondern müssen ihnen über die Schulter schauen, wenn sie im Internet unterwegs sind.“

    Monz ist sich bewusst, dass Eltern Kämpfe ausstehen, wenn ihre Kinder den Zugang zu Webseiten, zu WhatsApp oder Facebook einfordern. „Die Kinder allein können die Folgen kaum abschätzen“, sagt Monz. Für die meisten Hersteller und Anbieter wäre es einfach, einem Missbrauch der Daten der Kinder vorzubeugen. Zum Beispiel könnten sie auf die Fotofunktion für Kinder verzichten und den jungen Nutzern stattdessen einen Stellvertreter, einen Avatar, anbieten. Hinzu kommen sichere Zugangsschranken zu den Spielen, die nur gemeinsam mit den Eltern aufgehoben werden können. „Die sichere Mediennutzung von Kindern sollte uns allen etwas wert sein“, sagt Monz.

    Absolute Sicherheit bei den Daten ist wohl aussichtslos. Das räumt auch Verbraucherschützer Glatzner ein. Für ihn gibt es keinen Grund, den echten Namen oder das wirkliche Geburtsdatum anzugeben. Es sei denn, es handelt sich um Zahlungsinformationen. Außerdem ist der Firmensitz des Herstellers ein Indiz für den Datenschutz. Die Konzernzentrale von Vtech sitzt in Hongkong. Dort gibt es deutlich weniger strenge Datenschutzregeln als in Europa. Fliegt ein Identitätsdiebstahl auf, müssen Verbraucher jeden einzelnen Fall bei der Polizei anzeigen. In vielen Fällen werden die Kunden allerdings erst sehr spät auf einen Missbrauch aufmerksam. Letztlich liegt die Verantwortung aber bei den Eltern. „Sie müssen sich genau überlegen, ob das Spielzeug die Internetfunktion wirklich braucht und wenn ja, ob dann Fotos ihrer Kinder oder heikle Daten angegeben werden müssen.“

    Noch sind die Kinder-Webseiten sowie die Internet-Plattformen des Spieleherstellers Vtech nicht erreichbar. Laut IT-Experten war ein sogenannter „Whitehead-Hacker“ am Werk. Der Dieb wollte angeblich auf die Lücken im Sicherheitssystem aufmerksam machen und hatte nichts Böses vor. Dieses Mal haben Eltern und Kinder wohl Glück gehabt.

  • Wachstum mit Klimaschutz

    Kommentar zum Paris-Abkommen von Hannes Koch

    In Paris scheint ein großer Schritt gelungen zu sein, um die Erdatmosphäre zu schützen. Die positiven Folgen könnten weit über das Klima-Thema hinausgehen. Für alte, entwickelte Industriestaaten wie Deutschland kommt der Paris-Konsens der Aufforderung gleich, ihre Wirtschaft und damit auch die Muster des Konsums grundsätzlich zu modernisieren. Mit anderen Worten: In den nächsten Jahrzehnten wird ein gigantisches Programm für neues Wachstum, neue Arbeitsplätze und damit auch neuen Wohlstand ablaufen.

    Fast alle Staaten dieser Erde haben sich in der französischen Hauptstadt darauf geeinigt, den Ausstoß klimaschädlicher Gase innerhalb diesen Jahrhunderts unter dem Strich auf Null zu senken. Was das für Deutschland heißt, hat die Bundesregierung theoretisch bereits benannt: beispielsweise die Halbierung der Kohlendioxid-Abgase innerhalb die nächsten 15 Jahre. Das klingt nicht aufregend, hat praktisch aber enorme Konsequenzen.

    Sehr große Summen werden dafür investiert werden – mindestens hohe zweistellige Milliarden-Beträge Jahr für Jahr aus öffentlichen und privaten Quellen. Dieses Geld wird im Inland verwendet und nicht auf den internationalen Finanzmärkten vagabundieren. Es stellt ein riesiges Wachstums- und Konjunkturprogramm dar, das Nachfrage nach Forschung, Entwicklung, Produkten und Dienstleistungen auslöst. Vergleichbare Entwicklung waren die Industrialisierungsschübe des 19. Jahrhunderts (Eisenbahn, Elektrifizierung) und des vergangenen Säkulums (Automobil, Massenkonsum, Computer). Jedes zweite Kohlekraftwerk muss in den kommenden 15 Jahren abgeschaltet, jedes zweite Haus saniert werden, und die Hälfte des Stroms aus Sonnen- und Windanlagen kommen. Außerdem braucht Deutschland bis 2030 rund sechs Millionen Elektroautos.

    Gerade Letzteres zeigt, dass nicht nur neue Produkte, Arbeitsplätze und Verdienstmöglichkeiten hinzukommen, sondern auch alte gefährdet sind. Transformationsprozesse bringen innovative Unternehmen hervor, manche Traditionsfirma schafft es mit der Zeit zu gehen, andere jedoch sterben. Die ökonomische Bilanz hängt davon ab, ob sich die Wirtschaft auf die neuen Herausforderungen einstellen kann. Beispielsweise die deutsche Autoindustrie muss aus ihrem Winterschlaf erwachen.

  • Investieren ohne Waffen und Atom

    Das Forum Nachhaltige Geldanlage verleiht erstmals sein Siegel an öko-soziale Wertpapierfonds, die Privatanlegern offenstehen

    Privaten Kapitalanlegern, die ihr Vermögen mit gutem Gewissen investieren wollen, steht eine neue Orientierungshilfe zur Verfügung. Am Dienstag verlieh das Forum für Nachhaltige Geldanlagen (FNG) erstmals sein Siegel für Publikumsfonds. 34 Misch-, Aktien- und Rentenfonds aus der Schweiz, Österreich, den Niederlanden und Deutschland erhielten den ökologisch-sozialen Qualitätsstempel.

    Das Forum versteht sich als Branchenverband für verantwortliche Geldanlage, in dem allerdings auch konventionelle Institute wie Credite Swiss oder die DekaBank Mitglied sein können. Die Vergabe des Siegels überprüft ein Komitee, in dem unter anderem eine Vertreterin des Rates Nachhaltige Entwicklung, der die Bundesregierung berät, und eine Expertin der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen sitzen.

    Banken und Institute haben ihre Fonds für das Siegel vorgeschlagen. Vier Fonds wurden abgelehnt – welche, wollte das FNG nicht mitteilen. Die 34 ausgezeichneten müssen Basiskriterien erfüllen. Dazu gehört, dass sie nicht in Wertpapiere von Unternehmen investieren, die Waffen herstellen oder mit der Produktion von Atomenergie zu tun haben. Außerdem dürfen die enthaltenen Firmen nicht gegen die Prinzipien des Global Compact, des Wirtschaftsnetzwerkes der Vereinten Nationen verstoßen. Sie sind also verpflichtet, die international anerkannten Menschen- und Arbeitsrechte zu respektieren, die Umwelt zu schützen, sowie auf Korruption zu verzichten.

    Die UN-Prinzipien sind recht unscharf formuliert. So fordern sie beispielsweise, dass Unternehmen das Recht ihrer Beschäftigten anerkennen, über die Löhne und die Arbeitsverhältnisse zu verhandeln. Dass die Firmen existenzsichernde Löhne zahlen und die Maximalarbeitszeit von 60 Stunden pro Woche einhalten, ist aber nicht Bestandteil der Kriterien. FondsmanagerInnen, die das FNG-Siegel erhalten wollen, müssen immerhin nachweisen, wie sie solche Aspekte bei den Unternehmen überprüfen, in die sie investieren.

    Neben dem FNG-Siegel existieren im deutschsprachigen Raum weitere Zertifikate für Geldanlagen mit gutem Gewissen, beispielsweise das Österreichische Umweltzeichen und Luxflag aus Luxemburg. Deutlich strenger als das FNG-Zeichen ist in Deutschland das Ecoreporter-Siegel. Für Banken, die es erhalten wollen, reicht es nicht, nur einen nachhaltigen Aktienfonds aufzulegen. Sie müssen stattdessen nachweisen, dass sie auch in ihrem Kerngeschäft sozial und ökologisch arbeiten. Das heißt, sie dürfen etwa keine Kredite an Bergwerksunternehmen vergeben, die klimaschädliche Steinkohle zur Energiegewinnung fördern.