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  • Mehr Geld für Flüchtlinge dank Überschüssen

    Dem deutschen Staat geht es finanziell gut. Eine Milliarde Euro oder auch mehr Geld für Zuwanderer ist kein Problem

    Eine Milliarde Euro zusätzlich wird noch in diesem Jahr für die Flüchtlingshilfe zur Verfügung stehen. Davon können die Städte und Landkreise beispielsweise weitere Gebäude sanieren, um Einwanderer unterzubringen. Das beschloss das Bundeskabinett am Mittwoch. Finanziell ist das zur Zeit kein Problem, denn Bund, Länder und Gemeinden verzeichnen höhere Steuereinnahmen. Trotzdem gibt es auch andere gute Ideen, was sich mit dem Geld anfangen ließe.

    Woher kommen die zusätzlichen Mittel?
    Die Bundesregierung streckt die eine Milliarde Euro vor. Die Bundesländer müssen in den kommenden Jahren die Hälfte davon zurückzahlen.

    Reicht das zusätzliche Geld angesichts der hohen Flüchtlingszahlen?
    Vermutlich nicht. Mit dem Blick auf die überbelegten Unterkünfte hält unter anderem Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) eher drei Milliarden Euro in diesem Jahr für angemessen. Wenn 2015 tatsächlich etwa 800.000 Menschen in Deutschland Schutz suchen, könnte der Finanzbedarf auch um einige Milliarden höher ausfallen. Im September will sich die Bundesregierung wieder mit den Ministerpräsidenten der Länder zusammensetzen. Möglicherweise werden dann weitere Mittel für dieses und nächstes Jahr bereitgestellt.

    Können wir uns das leisten?
    Grundsätzlich ja. Dem deutschen Staat geht es finanziell augenblicklich ziemlich gut. Bund, Länder und Gemeinden werden unter dem Strich dieses Jahr mehr Geld einnehmen, als sie ausgeben, schätzt Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Aktuelle Zahlen bestätigen das: Im Vergleich zur bisherigen Haushaltsplanung hat der Bund bereits im ersten Halbjahr einen Überschuss von elf Milliarden Euro erzielt. Die Länder bekamen 2,6 Milliarden mehr, die Gemeinden 4,2 Milliarden Euro. Der Grund ist die gute Wirtschaftsentwicklung. Deshalb steigen die Steuereinnahmen. Auch die öffentliche Sozialversicherung profitiert von wachsenden Einnahmen, weil mehr Menschen arbeiten und höhere Löhne erhalten.

    Warum gibt Schäuble nur eine Milliarde und nicht mehr?
    Der Finanzminister ist vorsichtig. Er verweist unter anderem darauf, dass man die wirkliche Höhe des Überschusses im Bundeshaushalt erst Ende des Jahres genau kenne. Fast die Hälfte der Mehreinnahmen im Bundesetat stamme außerdem aus einer Versteigerung von Mobilfunklizenzen. Das sei ein einmaliger Erlös, der im nächsten Jahr fehle, warnt Schäuble. Wegen der soliden Einnahmen wird sich der Finanzminister vermutlich jedoch nicht dagegen wehren wollen, dass er den Ländern und Kommunen zusätzliche Mittel für die Flüchtlingshilfe überweist.

    Profitiert der ganze Staat von Überschüssen?
    Nein. Manche Bundesländer wie beispielsweise Bremen, das Saarland, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Hessen nahmen in der ersten Hälfte diesen Jahres weniger ein als sie ausgaben. Auch bei den Städten existieren große Unterschiede. Manche schwimmen im Geld, andere haben kaum eine Chance aus ihrer Verschuldung herauszukommen. Zu letzteren gehören zahlreiche Kommunen unter anderem in NRW. Nicht vergessen darf man auch, dass Deutschland immer noch mit über 2.000 Milliarden Euro verschuldet ist.

    Wo herrscht sonst Geldbedarf?
    Einige Politiker unter anderem in der CDU plädieren dafür, lieber alte Schulden zurückzuzahlen, als neue Ausgaben zu schultern. Finanzminister Schäuble will Spielräume erwirtschaften, um eine Steuersenkung zu finanzieren. Die SPD fordert gerne zusätzliche Investitionen in öffentliche Infrastruktur, die in schlechtem Zustand ist – beispielsweise in Schulen und Schwimmbäder. Und die Wohlfahrtsverbände erklären, die Ärmsten der Gesellschaft bräuchten dringend eine Erhöhung der Hartz-IV-Sätze. Mit der Flüchtlingshilfe kommt nun eine neue Herausforderung hinzu. Die Balance zu wahren wird dadurch nicht einfacher.

  • Die Werbewirtschaft umgarnt die Älteren

    Senioren werden mit Tieren, Kindern, Natur und Proben geködert

    Glaubt man den Werbegurus, haben die älteren Menschen in Deutschland nur noch ihre Bequemlichkeit im Sinn. Gesundheit und Wellness, Ernährung, Reisen, Finanzen und Vorsorge, sind für die über 50-jährigen demnach die interessanten Themen. "Es geht um Verführung", sagt Andreas Reidl, Chef der Agentur für Generationen-Marketing (AGE) zu den Strategien, mit denen die Wirtschaft diese Generationen ködert. Ältere würden über Bilder von Tieren, Kindern und Natur gut erreicht.

    Die Zeit, in der sich Reklame vor allem an die jüngeren Menschen richtete, sind längst vorbei. Denn für ein konsumfreudiges Leben sind die älteren Generationen bestens ausgestattet. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts verfügt jeder vierte Paarhaushalt im Rentenalter über mehr als 2.000 Euro netto im Monat. Ein Drittel kommt auf 1.300 Euro bis 2.000 Euro. Dazu verfügen die Älteren über den größten Anteil der Vermögenswerte und Immobilien. Und sie geben das Geld auch für andere aus, laut AGE allein sechs Milliarden Euro im Jahr für die Enkel.

    Die Agenturen haben ihre Ansprache darauf ausgerichtet. Die Deutsche Seniorenwerbung (DSW) verteilt beispielsweise bundesweit "DSW-Glückstüten". Darin sind Warenproben, Gutscheine oder Produktinformationen enthalten – alles gratis, die "das Herz der Zielgruppe höher schlagen lassen", wie der Chef der Agentur, Mohammad Akhabach, erläutert. Oft spielen die Werbeprofis aber auch mit den Wünschen und Selbstbildern der Älteren. So werden frei verkäufliche Arzneien in den TV-Spots gerne von mittelalterlichen Darstellern beworben, obwohl sie eigentlich für Rentnerjahrgänge gedacht sind. Da sich die meisten Senioren viel jünger fühlen, als sie tatsächlich sind, geht diese Strategie anscheinend auf.

    "Die Alten" gibt es längst nicht mehr. Im Fachmagazin Horizont wird schon der Vorschlag laut, die Werbung zwischen den verschiedenen Altersgruppen weiter auszudifferenzieren. Reidl hingegen unterscheidet vor allem zwischen zwei großen Gruppen: Den Senioren mit Einschränkungen und den gesunden Älteren. Die Schwächen in Anzeigen oder der Fernsehreklame auch zu zeigen, ist jedoch weitgehend tabu.

    Immerhin nehmen die Unternehmen ihre Kundschaft zunehmend ernst. Denn ältere Konsumenten haben andere Bedürfnisse als junge und die Industrie trägt den veränderten Gewohnheiten nach und nach auch Rechnung. Rund 1.000 Senior Scouts hat Reidl insgesamt im Einsatz, die Produkte auf ihre Seniorentauglichkeit hin prüfen, zum Beispiel bei verdeckten Einkäufen oder fingierten Beratungsgesprächen in der Bank. Bei vielen Produkten seien Veränderungen notwendig, erläutert der Experte. Im Alter verändert sich zum Beispiel der Geschmack oder das Sehvermögen. Also muss sich hier und dort die Zusammensetzung der Nahrungsmittel oder die Aufschriften auf der Verpackung ändern.

    Die Zielgruppe nimmt die wachsende Rücksicht auf sie dankend an und konsumiert. Noch nie waren die Senioren so fit und wohlhabend wie heute. Sie reisen viel, bilden sich weiter, surfen im Internet und kümmern sich um ihre Enkel. Das hat eine Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes kürzlich an den Tag gebracht.

    Die wachsende mediale Präsenz von Senioren hat nach Einschätzung des Forschers Klaus Rothermund zwei Seiten. "Das Altersbild ist in den letzten Jahren stark in Bewegung geraten", sagt der Psychologieprofessor, der in einer umfassenden Studie gemeinsam mit der Uni Erlangen die Wahrnehmung der Senioren über die Generationen hinweg untersucht. Früher wurden ältere Männer oft als attraktiv dargestellt, gleichaltrige Frauen dagegen nicht. Heute können die Wissenschaftler keine Unterschiede mehr im Image messen. Dies ist ein positiver Teil der Entwicklung. Auch das einstige Tabuthemen wie die Sexualität im Alter mittlerweile Eingang ins normale TV-Programm gefunden haben, ist ein Zeichen für die Emanzipation der Rentnergeneration.

    Auf der anderen Seite zeichnet insbesondere die Werbewirtschaft daas Bild einer höchst aktiven Seniorenschaft, die auf ihre Gesundheit und Ernährung achtet und aktiv finanziell vorsorgt. "Ich habe den Verdacht", gibt Rothermund zu bedenken, "dass nicht alles Zufall ist." Es sei politisch durchaus gewollt, angesichts der drohenden Einschnitte in den Sozialssystemen das Bild von eigenverantwortlichen Rentnern hoch zu halten. Das wiederum bringt die Kehrseite der Medaille mit sich. Denn die, welche aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr mithalten können, passen in das positive Altersbild nicht recht hinein."Man müsste die Darstellung mit mehr Fingerspitzengefühl verbinden", fordert der Forscher.

  • Schöne Alterswelt?

    Kommentar

    Die Werbung zeichnet gerne das Bild von den fitten Alten, die ihre Dinge selbst in die Hand nehmen und aktiv ihren Lebensabend gestalten. Und die meisten Senioren empfinden sich selbst viel jünger, als es das Geburtsdatum im Ausweis zeigt. Das ist auf der einen Seite eine positive Entwicklung. Schließlich kommt jetzt eine Generation in die älteren Jahrgänge, die mehr und mehr selbst auf sich achten muss, weil die Sozialsysteme nach und nach ihre Leistungsfähigkeit einbüßen. Aktiv zu bleiben ist Eigenvorsorge, die noch dazu Spaß macht und nützlich ist, wenn Großeltern beispielsweise ihren Kindern bei der Betreuung der Enkel zur Seite stehe können.

    Die Entwicklung hat aber auch eine Kehrseite. Denn den Alterungsprozess und die damit zwangsläufig verbundenen Einschränkungen lassen sich nicht aufhalten. Wenn immer nur das Bild der regen Rentnerschaft verbreitet wird, geraten die, die da nicht mehr mithalten können, womöglich bald an den Rand. Dabei können die wenigsten Betroffenen etwas dafür, wenn sie nicht mehr so aktiv und umtriebig sein können, wie es das Idealbild der Marketingexperten vorsieht. Niedrige Einkommen oder Krankheiten gehören auch zu einem realistischen Altersbild. Von Hochglanzprofilen sollte sich niemand blenden lassen.

  • Das perfekte Fahrzeug

    Die US-Firma Local Motors will in Berlin eine Mischung aus Auto und öffentlichem Bus auf die Straßen bringen – elektrisch, fahrerlos, ausgedruckt

    Nach kurzem Warten summt der gläserne Minibus heran. Vier Passagiere haben Platz und werden zu ihren individuellen Zielen gebracht – elektrisch und fahrerlos. Es die ideale Mischung aus privatem Auto und öffentlichem Nahverkehr.

    Berlino heißt diese Studie, die die US-Firma Local Motors unlängst in ihrem Ideen-Wettbewerb für den Berliner Verkehr mit dem ersten Preis prämierte. Man soll die Busse per Smartphone-App rufen können. Nach dem Prinzip des Google-Autos suchen sie sich computergesteuert ihren Weg durch die Stadt.

    Bisher ist das nur ein Plan. In einer Etage für Firmengründer in Berlin-Kreuzberg hat Damien Declercq, Deutschland-Repräsentant von Local Motors, zwei Schreibtische gemietet. Dort sitzt man auf Holzpaletten. Der gebürtige Franzose sprüht vor Optimismus: „Wir suchen gerade einen Platz für die Produktion des Berlino in Berlin.“

    Die Firma, in deren Hauptquartier in Phoenix/ Arizona ein paar Dutzend feste Mitarbeiter sitzen, will nichts weniger als den Fahrzeugmarkt revolutionieren. Ihr Konzept: Abschied von den Riesenfabriken, die hunderttausende identische Pkw produzieren. Stattdessen soll ein Netzwerk von freischaffenden Designern und Ingenieuren Fahrzeuge für Spezialbedürfnisse und regionale Märkte entwickeln – deswegen „Local Motors“. Besondere Attraktion: Große Teile der Fahrzeuge werden aus 3D-Druckern kommen, die man mit einigen Containern transportieren und schnell auf- und abbauen kann.

    Das klingt alles fantastisch und unrealistisch? Immerhin kann das Unternehmen einige praktische Erfahrungen vorweisen. Bei der Automesse in Detroit hat Local Motors innerhalb von zwei Tagen die Karosserie eines kleinen Elektrofahrzeugs gedruckt und auf ein Fahrgestell montiert. Nur ein Prototyp, aber fahrbereit. Außerdem stellt die Firma das Fun-Mobil Rally Fighter her, das aus einem Netzwerk-Entwurfsprozess entstanden ist.

    Dieser Offroad-Rennwagen für reiche Leute bringt keinen ökologischen Vorteil. Berlino aber schon, sollte er jemals realisiert werden. Ein solches Fahrzeug würde „das Gesamtsystem Öffentlicher Nahverkehr stärken“, sagt Susanne Henckel, die Geschäftsführerin des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB). Sie saß in der Wettbewerbsjury, die Berlino auswählte. Die Minibusse wären bestens geeignet „auf der sogenannten letzten Meile, zur Sicherung der Anschlussmobilität im ländlichen Raum“, so Henckel. Wenn man also abends vom Konzert in der Stadt mit der S-Bahn zurück in den Vorort fährt, bräuchte man am Bahnhof nicht mehr ins eigene Auto zu steigen. Stattdessen würde der kleine Berlino die Passagiere nach Hause bringen.

    Peter Buchner, Chef der Berliner S-Bahn, der ebenfalls an der Jury teilnahm, sieht das ähnlich: „Mich hat an dem selbstfahrenden Kleinbus beeindruckt, dass dieser die wichtigste Lücke im ÖPNV-Konzept großer Städte schließen könnte.“ Er stelle eine mögliche Lösung dar „in weniger dicht besiedelten Vororten als Zubringer zur S-Bahn – flexibel und kostengünstig“, so Buchner. Die S-Bahn ist eine Tochter der Deutschen Bahn AG.

    Soweit die Theorie. In der Praxis gibt es aber noch haufenweise unbeantwortete Fragen. Beispielsweise: Ist die Reichweite der Minibusse nicht zu gering, weil heutige E-Auto-Batterien nur Energie für um die 200 Kilometer speichern können? Außerdem sind fahrerlose Vehikel auf deutschen Straßen noch gar nicht unterwegs. Bevor das möglich ist, muss man viele rechtliche und technische Probleme lösen. Das weiß auch Local Motors, weshalb man den Berlino zunächst von Fahrern lenken lassen will – was die Kosten erhöht und den ökonomischen Vorteil schmälert.

    Selbst für fahrerlosen öffentlichen Nahverkehr auf Schienen sind die Hürden extrem hoch. Es muss jede Menge Sicherheitstechnik eingebaut werden, damit die Bahnen samt Passagieren nicht verunglücken. Deswegen gibt es bis heute kaum S-, U- oder Straßenbahnen ohne mitfahrendes Personal. Eine Ausnahme macht der Verkehrsbetrieb der Stadt Nürnberg (VAG). Seit 2008 beziehungsweise 2010 fahren dort die Wagen auf zwei U-Bahnlinien automatisch. „Dennoch ist es interessant, auch über Lösungen“ wie den Berlino „für eine nahe Zukunft nachdenken zu können“, sagt VBB-Chefin Henckel.

    Foto-Link
    https://localmotors.com/eddie_mauro/berlino-30-smart-mini-bus-system/

  • Beiträge bei manchen Krankenkassen könnten steigen

    Gesetzliche Kassen warnen die Mitglieder vor höheren Kosten im kommenden Jahr. Der Paritätische Wohlfahrtsverband fordert, dass die Arbeitgeber wieder zur Hälfte beteiligt werden

    Die deutsche Wirtschaft läuft gut, viele Beschäftigten verdienen mehr. Eigentlich sollten deshalb auch die Krankenkassen über ausreichende Mittel verfügen, weil ihre Einnahmen mit den Löhnen wachsen. Doch zumindestens für einige Kassen scheint das Gegenteil zuzutreffen. Mit steigenden Beiträgen für die Mitglieder rechnet der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung für das kommende Jahr.

    „Wir müssen uns zum Jahreswechsel leider auf steigende Zusatzbeiträge einstellen, denn für die Mehrausgaben für Kliniken, Ärzte und Medikamente reicht der gesetzliche Einheitsbeitragssatz nicht“, so Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbandes. Auch Jens Baas, Chef der Techniker-Krankenkasse, sagte: „Die Gesundheitsversorgung wird auf breiter Front teurer.“ Im ersten Halbjahr 2015 habe die TK ein Minus von rund 55 Millionen Euro erwirtschaftet. Unklar ist allerdings , wieviele Kassen ihre Beiträge erhöhen wollen. Auch die TK weiß noch nicht, wie sie verfährt.

    Der GKV-Spitzenverband wollte am Dienstag nicht bestätigen, dass das Defizit der gesetzlichen Kassen zwischen Januar und Juni 2015 etwa 500 Millionen Euro betragen habe. Ein Minus von 110 Millionen ist jedoch alleine bei den Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) aufgelaufen. Nach Information des Bundesgesundheitsministeriums haben die gesetzlichen Krankenversicherungen aber immer noch ein finanzielles Polster von rund 25 Milliarden Euro.

    Heute finanzieren sich die Kassen mittels eines Durchschnittsbeitrags von 15,4 Prozent des Bruttolohns pro Beschäftigtem. 14,6 Prozent davon werden je zur Hälfte von den Arbeitnehmern und den Unternehmen bezahlt, bei denen sie beschäftigt sind. Durchschnittlich 0,8 Prozent müssen die Versicherten alleine in Gestalt des sogenannten Zusatzbeitrages tragen. Wie hoch er ist, legt unter anderem der Bundesgesundheitsminister fest. Vorbereitende Zahlen dafür werden in der kommenden Woche veröffentlicht, die Entscheidung für 2016 fällt im Herbst.

    Beim Zusatzbeitrag können sich Kostensteigerungen zu Lasten der Versicherten niederschlagen. Jede Kasse entscheidet selbst, wieviel Geld sie ihren Mitgliedern tatsächlich abverlangt. Gegenwärtig erheben elf von 123 Versicherungen Zusatzbeiträge, die über 0,9 Prozent liegen.

    Wie die Techniker Krankenkasse erklärt, sind bei ihr im ersten Halbjahr 2015 die Kosten für Ärzte um 2,2 Prozent, für Krankenhäuser um 2,7 Prozent und für Arzeneimittel um 6,4 Prozent gestiegen. Bei Medikamenten schlagen unter anderem neue, teure Mittel zu Buche – beispielsweise das Präparat Sovaldi gegen Hepathitis C. Eine Tablette der US-Firma Gilead kostet 700 Euro, eine gesamte Behandlung um die 100.000 Euro.
    Um derartige Kosten zu drücken, forderte der Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Rolf Rosenbrock, dass die Pharmafirmen ab dem Tag der Zulassung ihres Medikamentes nur Preise verlangen dürfen, die sie mit den Krankenkassen ausgehandelt haben. Heute gilt der Verhandlungspreis erst nach einem Jahr. In den ersten 12 Monaten können die Produzenten dagegen in Rechnung stellen, was sie wollen.
    Außerdem solle der sogenannte Zusatzbeitrag abgeschafft werden, sagte Rosenbrock. Er müsse wieder gleichmäßig aufgeteilt werden auf Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Dies diene einerseits der Verteilungsgerechtigkeit, andererseits könne man dadurch auch bewirken, dass die Kosten nicht aus dem Ruder laufen. Um Ausgaben zu sparen, würden die Arbeitgeber dann darauf achten, dass sich nicht einzelne Pharmafirmen eine goldene Nase verdienen.

  • Maschinen steuern sich selbst

    Ökonomin Vera Demary erklärt, was „Industrie 4.0“ bedeutet. Wirtschaftsminister Gabriel besucht jetzt solche Firmen

    Hannes Koch: Was ist Industrie 4.0?

    Vera Demary: Der Begriff Industrie 4.0 beschreibt die Vernetzung von Maschinen, Menschen und Werkstücken in Echtzeit. Im Idealfall kommunizieren Maschinen selbstständig untereinander und treffen Entscheidungen. Tritt beispielsweise bei der Produktion auf Maschine 1 ein Fehler am Werkstück auf, kommuniziert sie dies unmittelbar an die nachfolgende Maschine 2, die dann selbstständig entscheidet, ob und wie mit der Produktion fortgefahren wird, und sich selbst konfiguriert. Möglich werden auf diese Weise effizient industriell gefertigte Einzelstücke. Oftmals wird diese moderne Art der Produktion mit einer vierten industriellen Revolution gleichgesetzt, die die Art und Weise, wie produziert wird, völlig verändert. Ob dies tatsächlich der Fall sein wird, bleibt abzuwarten, denn noch steht Industrie 4.0 am Anfang.

    Koch: Kommt die menschenleere Fabrik?

    Demary: Auch wenn Maschinen sich selber steuern, sind Menschen in der Produktion nötig, es verändern sich lediglich die Schwerpunkte. So werden im Rahmen von Industrie 4.0 zum Beispiel umfassende IT-Kenntnisse auf vielen Arbeitsplätzen benötigt. Die schon besonders digitalisierten Unternehmen beugen daher bereits vor und entwickeln die Kompetenzen ihrer Mitarbeiter formell in Kursen und informell am Arbeitsplatz weiter. Entgegen oft anderslautender Vermutungen fühlen sich Arbeitnehmer in einem digitalisierten Arbeitsumfeld zudem nicht gestresster. Sie haben oftmals größere Handlungsspielräume und erfahren mehr Anerkennung, so dass sie die Anforderungen nicht zwingend als belastend empfinden.

    Koch: Mit welchen Ländern konkurriert Deutschland?

    Demary: Industrie 4.0 ist ein internationales Phänomen, bei dem das industriebasierte Deutschland sehr gute Chancen hat, im Wettbewerb gut abzuschneiden. Umfassende Vernetzung erfordert Standards. Wer die setzen kann, hat Vorteile. Deutsche Unternehmen befinden sich hier im Wettbewerb mit Firmen aus aller Welt, unter anderem den USA, Japan und China. Um ihre Kräfte zu bündeln, haben sich zahlreiche deutsche Unternehmen zur „Plattform Industrie 4.0“ zusammengeschlossen. Deren amerikanisches Gegenstück, das „Industrial Internet Consortium“, vernetzt jedoch Unternehmen aus aller Welt und kommt damit der Idee von der umfassenden Vernetzung näher.

    Vera Demary leitet das „Kompetenzfeld Strukturwandel und Wettbewerb“ beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln

  • Windgas – ein Speicher für Ökostrom

    Anstatt sie wegzuwerfen, kann man überschüssige Energie aus Wind- und Solarkraftwerken mit Hilfe von Methangas speichern und dieses später nutzen

    Die Energiewende in Deutschland ist auf dem Weg – doch ein zentrales Problem harrt noch immer der Lösung. Woher soll der Strom kommen, wenn kein Wind weht und gleichzeitig die Sonne nicht scheint? Für diese Zeiten der „Dunkelflaute“ brauchen Industriestaaten wie Deutschland konventionelle Reservekraftwerke mit Kohle oder Erdgas, lautet die gängige Antwort. Die Umweltorganisation Greenpeace macht sich nun für eine Alternative stark: Windgas.

    Dieser Kunstbegriff steht für eine bislang wenig bekannte Technologie-Variante, die bislang nur in einem guten Dutzend Anlagen in Deutschland ausprobiert wird. Beispielsweise die ostdeutsche Firma Enertrag betreibt eine solche in Prenzlau. Aber auch große Unternehmen wie E.On experimentieren mit Windgas-Lieferungen an ihre Kunden. Das Prinzip: Wenn die Windräder und Solarzellen mehr Elektrizität herstellen als gebraucht wird, spaltet man mit dieser Energie Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff. Im zweiten Schritt kann man den Wasserstoff mit Kohlendioxid zu Methan verbinden. Dieses Gas lässt sich später als Brennstoff für Heizungen einsetzen oder auch in Kraftwerken wieder in Strom zurückverwandeln. Gespeichert würde das Methan beispielsweise in unterirdischen Salzkavernen, die in Deutschland ausreichend vorhanden sind. Für die spätere Verteilung könnte man das bestehende Erdgasnetz nutzen.

    Der entscheidende Trick dabei ist, dass sich auf diese Art heute überflüssige Ökoenergie für die Zukunft speichern lässt. Die damit verbundene Hoffnung: „Mit Hilfe von Windgas erreichen wir bis 2050 eine erneuerbare Vollversorgung im Stromsystem zu deutlich niedrigen Kosten als beim von der Bundesregierung angestrebten Mix von 80 Prozent erneuerbaren und 20 Prozent fossilen Energieträgern“, sagte Marcel Keiffenheim von Greenpeace Energy am Montag.

    Im Auftrag der Umweltorganisation hat das Institut Energy Brainpool die finanziellen Effekte ausgerechnet. „Die Anfangsinvestitionen in den Ausbau von Windgas-Anlagen erhöhen zwar zunächst die Kosten des Stromsystems“, so Institutsmitarbeiter Thorsten Lenck, ab 2035 allerdings sei die Windgas-Variante günstiger. 2050 könnte Deutschland bis zu 19 Milliarden Euro jährlich sparen. Der wesentliche Grund: Einmal gewonnener Wind- und Sonnenstrom wird nicht weggeworfen, und konventionelle Reservekraftwerke wären überflüssig.

    Dieses Szenario ist allerdings nicht Konsens unter den Wissenschaftlern, die sich mit der Energiewende beschäftigen. So hält die Denkwerkstatt Agora den massiven Ausbau von Speicherkapazitäten vorläufig für unnötig. Die Argumente: Zunächst stünden wesentlich kostengünstigere Varianten zur Verfügung. Beispielsweise sei es besser, den Stromverbrauch an das Angebot zu koppeln. Manche Maschine in der Industrie lasse sich bei Strommangel vorübergehend abschalten. Auch der Import von Elektrizität nach Deutschland könne helfen.

  • Öl wird immer billiger, tanken nicht

    Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Verfall des Ölpreises

    Warum haben viele Experten mit ihren Prognosen stark steigender Ölpreise so daneben gelegen?

    Erdöl ist der Schmierstoff der Wirtschaft, aber auch eine Waffe in internationalen Konflikten. Verlässliche Prognosen sind angesichts der vielen Einflussfaktoren kaum möglich. "Derzeit dominieren die geopolitischen Einflüsse", sagt die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert. Gezielte Eingriffe würden den Preis künstlich niedrig halten, um die Lieferländer zu schwächen.

    Wie kommt der Ölpreis zustande?

    Neben der Entwicklung der Weltkonjunktur und politischen Entscheidungen wie der Fördermenge beeinflussen auch Spekulanten die Kosten für ein Fass Öl. Rund um den Erdball haben viele Volkswirtschaften Probleme. Mit China schwächelt sogar ein Riese. Das dämpft die Nachfrage nach Öl und mindert den Preis dafür. Zugleich steigt die Fördermenge in den Herkunftsländern. Nach Berechnung der Internationalen Energieagentur bringt das Ölkartell Opec so viel auf den Markt, wie seit drei Jahren nicht mehr. Auch der Iran und der Irak werden nach Einschätzung von Fachleuten noch mehr Öl fördern. Alleine schon die Aussicht, dass das Angebot längere Zeit größer ist als die Nachfrage, drückt den Preis. Schließlich setzen Spekulanten auf den Trend und verstärken ihn damit.

    Profitieren die Verbraucher von der Entwicklung?

    Ja, aber nicht genug. Generell wird der Import von Erdöl und den damit zusammenhängenden Produkten wie Benzin und Diesel für Deutschland billiger. Als Folge sind die Spritpreise auch schon deutlich gesunken. Zeitweilig gab es Dieselkraftstoff bereits für wenig mehr als einen Euro. Verbraucherschützer werfen den Mineralölfirmen aber vor, die Preissenkungen nicht vollständig oder verzögert an die Kunden weiterzugeben. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) hat dies in einer Studie kürzlich bei Produkten wie Kraftstoff, Gas oder Flugtickets nachgewiesen. Gut dran sind jene, die mit Heizöl Wärme erzeugen. Sie können sich jetzt sehr günstig für den Winter eindecken.

    Warum fallen die Preise für Benzin und Diesel nicht genauso stark wie für das Erdöl?

    Und im Juli sind die Spritpreise um 0,4 Prozent gestiegen, obwohl der Weltmarktpreis nachgab. Dafür können neben der Geschäftspolitik der Mineralölfirmen auch andere Faktoren verantwortlich sein. Der schwache Eurokurs verteuert zum Beispiel das in Dollar gehandelte Öl. "Manchmal gibt es Sondereffekte wie Niedrigwasser im Rhein", erläutert Stephan Zieger, Chef des Bundesverbands Freier Tankstellen (BFT). Dann käme kein Benzin mehr aus Rotterdam durch und der Bedarf müsse anderweitig und damit teurer gedeckt werden.

    Bleibt es bei insgesamt günstigen Preisniveau?

    Experten gehen von einem vorerst anhaltend niedrigen Ölpreis aus. Denn die Lagerbestände sind voll und die Produktion läuft auf vollen Touren. Auch gibt es kaum Hinweise auf eine beschleunigte Erholung der Weltwirtschaft. "Derzeit können wir beobachten, dass weniger in die Ölförderung investiert wird", sagt Kemfert. Dies ließe steigende Preise erwarten. Aber es gebe viele Unsicherheitsfaktoren, die eine Bewertung der Entwicklung erschweren.

    Gibt es auch langfristige Folgen des Preisverfalls?

    Der Klimaschutz erfordert einen sparsamen Umgang mit fossilen Brennstoffen. Wenn diese aber zu billig sind, wird darauf weniger geachtet. "Es verleitet zu kurzfristiger Verschwendung, so dass beispielsweise Investitionen in Energieeffizienz verschoben werden", befüchtet Kemfert. Auch Investitionen in eine nachhaltige Mobilität könnten darunter leiden, obwohl Erdöl nicht mehr endlos zur Verfügung steht.

  • Mehr als ein Kreisverkehr des Geldes

    Analyse: Was bewirkt das neue Kreditpaket in Griechenland?

    Bevor der Bundestag dem neuen Kreditpaket für Griechenland am Mittwoch zustimmte, brachte Linkspolitiker Gregor Gysi die Kritik daran auf den Punkt. Der erste Redner der Opposition bemängelte, der Geldsegen werde die Lage des Mittelmeerlandes nicht grundsätzlich bessern. Denn die Milliarden Euro aus Europa kämen nicht bei den griechischen Unternehmen und Bürgern an. Dieses Argument allerdings ist zu pauschal und teilweise falsch.

    Was hat der Bundestag beschlossen? Bis August 2018 sollen 86 Milliarden Euro als neue Kredite nach Griechenland fließen. Etwa 54 Milliarden davon dienen dazu, dass die Regierung in Athen die Zinsen und Tilgung für alte Schulden bezahlen kann. Weitere acht Milliarden Euro sind gedacht, um neue Reserven zu bilden, sieben Milliarden, um ausstehende Rechnungen zu begleichen, und 25 Milliarden sollen verhindern, dass Banken pleitegehen. Damit braucht Griechenland zwar insgesamt 94 Milliarden. Acht Milliarden will Athen aber selbst erwirtschaften. Bleibt unter dem Strich ein rechnerischer Finanzbedarf von 86 Milliarden Euro.

    Tatsächlich dient der größte Teil dieser Hilfen (54 Milliarden) dazu, alte Verbindlichkeiten auszugleichen. Es handelt sich um einen Kredit-Kreisverkehr: neue Schulden bezahlen alte Schulden. Die Bürger und Unternehmen bekommen davon nichts. Trotzdem ist der indirekte Vorteil für sie groß. Denn Athen geht nicht pleite. Der Staat kann seine Dienstleistungen aufrechterhalten, so rudimentär sie auch sein mögen. Alles andere wäre eine soziale und ökonomische Katastrophe.

    Was die 25 Milliarden Euro für die Banken betrifft, so halten diese die Institute am Leben. Die sind damit wieder in der Lage, Kredite an Bürger und Unternehmen zu geben und den Zahlungsverkehr zu gewährleisten. Ohne solche Dienstleistungen funktioniert eine moderne Wirtschaft nicht. Millionen Arbeitsplätze hängen davon ab. Der Vorteil für die normalen Griechen ist kaum zu überschätzen.

    Ähnlich verhält es sich mit den sieben Milliarden Euro, mit denen der Staat seine Zahlungsrückstände aufholen soll. In den vergangenen Monaten haben die Behörden Rechnungen an Baufirmen nicht bezahlt, oder Beamte erhielten keine Gehälter. Nun kommt das Geld wieder bei den Leuten an.

    Trotzdem bleiben Zweifel an der Wirksamkeit des dritten Kreditpakets. Denn es ist fraglich, ob es zu einem Wirtschaftsaufschwung beiträgt. Beispielsweise niedrigere Renten und eine höhere Mehrwertsteuer führen dazu, dass die Bürger weniger Geld ausgeben – das Gegenteil dessen, was nötig wäre.

    Und auch die so genannte Schuldentragfähigkeit ist ein Problem. Bald werden die griechischen Staatsschulden die doppelte Höhe der jährlichen Wirtschaftsleistung erreichen. Wenn es schlecht läuft, muss Griechenland künftig 15 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für den Schuldendienst ausgeben. Solche Belastungen erdrücken den Staat. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die entsprechende Ziffer gegenwärtig im niedrigen einstelligen Bereich.

    Deshalb ist selbst der Internationale Währungsfonds skeptisch, ob das Programm funktionieren kann. Der Bundestag hat am Mittwoch vermutlich nicht zum letzten Mal über Griechenland debattiert.

  • Besser, aber nicht gut

    Kommentar zu Griechenland von Hannes Koch

    Die hohe Zahl der Nein-Stimmen zeigt, wie umstritten das neue Kreditpaket für Griechenland ist – nicht nur im Bundestag, auch in der Öffentlichkeit. Immerhin 66 von 311 Abgeordneten der Union verweigerten Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble die Gefolgschaft. Trotz dieser Zweifel ist es richtig, Griechenland weiter zu stützen.

    Die Alternative sah so aus: Griechenland hätte den Euroraum vermutlich verlassen müssen. Millionen Menschen in Südosteuropa wären verarmt – viel mehr als heute. Weitere Folgen: teilweiser Zusammenbruch des Staates, steigende Kriminalität, unkontrollierte Zuwanderung nach Norden.

    Vor den Schockwellen hätte auch Deutschland sich nicht schützen können. Eine Illusion anzunehmen, dass in Europa alles weiter nach Vorschrift verläuft, wenn dieser größte einheitliche Wirtschaftsraum der Welt ein Mitglied rausschmeißt. Weltweit würden sich Unternehmen und Regierungen fragen, was sie Europa noch zutrauen können. Mangelnde Glaubwürdigkeit führte dann auch zu wirtschaftlichen Problemen – beispielsweise geringerem Wachstum und weniger Arbeitsplätzen in Deutschland. Die Hilfe für den armen Süden verhindert somit Wohlstandseinbußen im reichen Norden.

    Richtig ist aber auch, dass das 144-seitige Beschlusspaket, das die Abgeordneten mehrheitlich absegneten, etliche Haken und Ösen beinhaltet. Deshalb stellt es höchstens eine vorübergehende Lösung dar. Als Konsequenz muss Griechenland in den kommenden Jahren beispielsweise eine irrwitzige Schuldenlasten tragen. Selbst die EU-Kommission und die Bundesregierung weisen auf dieses Problem in den Unterlagen hin, wenngleich Schäuble in seiner Rede wichtige Details dazu verschwieg.

    Jeden siebten Euro seines Bruttoinlandsprodukts für Zinsen und Tilgung auszugeben, hält kein Staat aus. Zum Vergleich: Statt heute rund 50 Milliarden Euro pro Jahr müsste Deutschland in so einem Fall 400 Milliarden Euro an die Gläubiger überweisen. Diese Größenordnung veranschaulicht: Das macht niemand mit. Da bleibt einfach zu wenig für die eigenen Leute übrig. Deswegen wird es nicht sehr lange dauern, bis die nächsten Verhandlungen mit und über Griechenland stattfinden.

  • Gabriels Problem mit der Kohlesubvention

    Die Stilllegungsprämie für alte Braunkohlekraftwerke könnte mit Europarecht kollidieren, schreibt der wissenschaftliche Dienst des Bundestages

    Bei der geplanten Stilllegung von Braunkohlekraftwerken steuert Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) auf ein Problem mit der Europäischen Kommission zu. Das anvisierte Modell für die vorübergehende öffentliche Finanzierung alter Anlagen könnte eine genehmigungspflichtige Beihilfe darstellen, schreibt der wissenschaftliche Dienst des Bundestages. Ob die EU-Kommission eine solche Beihilfe dann genehmigt, steht in den Sternen.

    Deutsche Kraftwerke produzieren deutlich mehr Strom als hier verbraucht wird – unter anderem wegen des Zubaus von Windrädern und Solarzellen. Außerdem stoßen die alten Anlagen zuviel klimaschädliches Kohlendioxid aus. Deswegen will die Bundesregierung Verträge mit den Unternehmen RWE und Vattenfall schließen, die Braunkohlekraftwerke betreiben. Ab 2017 sollen die Firmen einige Blöcke vom Netz nehmen, aber in Reserve halten, falls doch mal Strommangel droht. Für diese Dienstleistung stellt ihnen die Regierung eine Vergütung von rund 230 Millionen Euro jährlich in Aussicht, die die StromkundInnen mittels einer Umlage bezahlen sollen.

    Soweit der Plan. Die EU wird prüfen, ob dieses Modell eine ungerechtfertigte Subvention darstellt. Dass es grundsätzlich Probleme geben kann, ist auch dem Bundeswirtschaftsministerium klar. Gegenwärtige untersuche man, „ob die angestrebte Kapazitätsreserve eine Beihilfe“ beinhaltet, sagte eine Sprecherin. Falls dem so sei, gehe man allerdings davon aus, dass die Finanzierung mit den EU-Vorschriften in Einklang gebracht werden könne. Die grüne Bundestagsabgeordnete Annalena Baerbock ist skeptischer: „Die Braunkohle-Reserve ist nicht nur wirtschaftlicher und energiepolitischer Wahnsinn, sondern auch europapolitisch höchst fragwürdig.“

    Anstatt der Kapazitätsreserve hatte Gabriel ursprünglich eine andere Variante bevorzugt. Dabei sollten alte Kohlekraftwerke mehr Verschmutzungsrechte kaufen. Die höheren Kosten hätten dazu geführt, dass die Unternehmen Anlagen mit großem Schadstoffausstoß weniger Strom produzieren lassen. Dagegen aber protestierten Energiekonzerne, Wirtschaftsverbände und unter anderem die Landesregierungen von Nordrhein-Westfalen und Brandenburg. Die Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) malte den Verluste tausender Arbeitsplätze an die Wand. Daraufhin entschloss sich Gabriel, die Subventionslösung zu wählen.

  • Wirtschaftliche Unsicherheit durch chinesische Abwertung

    Der Kurs des Renmimbi sinkt. Deutsche Unternehmen leiden zunächst kaum. Die relative Schwäche der chinesischen Wirtschaft könnte sich aber zu einem Krisenphänomen auswachsen

    Die Abwertung der chinesischen Währung könnte zu zusätzlichen Risiken für die hiesigen Unternehmen führen. „Die Regierung in Peking räumt damit eine gewisse Schwäche der Ökonomie ein“, sagt Galina Kolev vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. „Das dürfte sich negativ auf die weltwirtschaftlichen Aussichten auswirken“, vermutet die Ökonomin.

    Seit Dienstag hat die Nationalbank den Kurs der Landeswährung Renmimbi (Yuan) um gut vier Prozent gedrückt. Während am Wochenanfang 6,8 Renmimbi auf einen Euro kamen, waren es am Donnerstag schon 7,1. „Und die Zeichen deuten auf weitere Abwertungen hin“, so Kolev. Mit sieben Prozent pro Jahr ist das Wachstum der chinesischen Wirtschaft zwar noch immer hoch, aber es geht zurück. Deshalb will die dortige Nationalbank ihre Unternehmen unterstützen.

    Sinkt der Kurs des Renmimbi im Verhältnis zu Euro und Dollar, geben die chinesischen Exportpreise nach. Textilien und Elektronikartikel aus Fernost könnten für deutsche VerbraucherInnen deshalb etwas billiger werden. Umgekehrt stellt die Abwertung für die deutsche Wirtschaft eine potenzielle Belastung dar. Denn deutsche Exporte nach China werden dort teurer. Chinesische Kunden müssen mehr Geld für einen Audi, BMW, Mercedes oder VW bezahlen, ebenso für Maschinen, Kraftwerke oder Züge.

    China ist nach Frankreich, den USA und Großbritannien der viertgrößte Exportmarkt für deutsche Produkte. Rund 75 Milliarden Euro betrug der Wert der Ausfuhren 2014 – gut sieben Prozent aller hiesigen Exporte.

    Trotzdem seien höhere Preise in China „für sich genommen keine akute Bedrohung für die deutsche Konjunktur“, sagt Maximilian Podstawski vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. „Denn der jüngsten Verbilligung der chinesischen Währung war zuvor eine deutliche Verteuerung vorausgegangen. Zudem reagieren Exporte von Investitionsgütern wie Maschinen und Anlagen weniger sensibel auf Preisschwankungen.“ Das eigentliche Problem sieht aber auch Podstawski in „einer nachlassenden konjunkturellen Dynamik in China“. Wenn das Wachstum in der zweitgrößten Volkswirtschaft des Globus abnimmt, kann das auch in anderen Ländern zur Verlangsamung führen.

    Ökonomin Kolev befürchtet, dass die Entwicklung in China zur globalen Unsicherheit beiträgt. Ohnehin würden Krisen wie in der Ukraine, im Nahen Osten und im Zusammenhang mit dem Euro die Investitionsbereitschaft der Unternehmen schwächen.

  • Keine Extrawurst für Bayern

    Bundesregierung will Endlagerstandorte in allen Bundesländern prüfen. Erstmals Gesamtmenge des Atommülls prognostiziert.

    Bayern wird sich aus der Lagerung von Atommüll wohl nicht heraushalten können. "Wir sind im Gespräch, was die Castoren angeht", sagte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) bei der Vorstellung des Nationalen Entsorgungsprogramms für radioaktive Abfälle. Deutschland muss in den kommenden Jahren noch 26 Castor-Behälter mit Brennstäben aus Aufbereitungsanlagen im Ausland zurücknehmen. Ein Teil davon soll in Bayern zwischengelagert werden, was die Landesregierung ablehnt. Auch bei der Suche nach einem Endlager für hochradioaktive Stoffe will Hendricks alle in Deutschland denkbaren Standorte prüfen lassen. Es gebe eine "weiße Landkarte" zu Beginn der Erkundungen.

    Mit dem Bericht zum Nationalen Entsorgungsplan hat die Bundesregierung erstmalig auch die Mengen an strahlenden Abfällen abgeschätzt. Besonders gefährlich sind 10.500 Tonnen Schwermetall in Form von bestrahlten Brennelementen aus dem Betrieb der Atommeiler. Sie werden in 1.100 Castor-Behältern aufbewahrt. Weitere 800 Behälter mit hochradioaktivem Material stammt aus der Wiederaufarbeitung alter Brennelemente sowie dem Betrieb von Forschungsreaktoren.

    Dazu kommen rund 600.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle. Zusammengestellt käme dies einem Müllhaufen gleich, der mehr als doppelt so groß wäre wie das Bundeskanzleramt. Diese Menge umfasst den Schutt aus dem Abbau der Atomkraftwerke, aber auch radioaktive Abfälle der Industrie oder Medizin. Darin enthalten sind auch jene 200.000 Kubikmeter Atommüll aus der maroden Schachtanlage Asse II, die umgelagert werden müssen.

    Wo die strahlenden Reste der Atomwirtschaft langfristig untergebracht werden, steht nur zum Teil fest. Mit Schacht Konrad in Niedersachsen ist nur einer von zwei Standorten klar. Dort will Hendricks die schwach radioaktiven Materialien lagern. Für 303.000 Kubikmeter ist der Schacht zugelassen. Ursprünglich war eine Erweiterung des Lagers vorgesehen, um die aus der Asse gehobenen Abfälle auch dort unterzubringen. Das schließt die Bundesregierung zwar noch immer nicht aus, peilt aber eine andere Lösung an. Danach teilen sich diese Müllmengen zusammen mit hochverstrahltem Schrott den Platz im künftigen Endlager.

    Die Suche nach dem Endlager für die hochradioaktiven Stoffe beginnt voraussichtlich im kommenden Jahr, wenn die Regierungskommission dazu die Kriterien für die Standortprüfung festgelegt hat. Bis der erste Castorbehälter seine letzte Lagerstätte findet, vergehen noch Jahrzehnte. "Wir werden nicht vor 2050 mit der Einlagerung ins Endlager beginnen können", sagt Hendricks. Der letzte Behälter wird erst gegen Ende des Jahrhunderts ins Endlager gebracht.

    Angesichts des gewaltigen Aufwands für die Entsorgung des strahlenden Schrotts zeichnet sich kaum abschätzbare Kosten für den Umgang damit ab. Eigentlich sollen die Stromkonzerne, die für den Großteil der Abfälle verantwortlich sind, die Endlagerung bezahlen. Doch viele Experten bezweifeln, dass deren Rückstellungen dafür in Höhe von 38 Milliarden Euro am Ende ausreichen. Hendricks deutet nun an, dass die Bundesregierung von den Konzernen womöglich mehr verlangen wird. Im Herbst soll ein Gesetz auf den Weg gebracht werden, das diese Rückstellungen sichert. "Es geht auch um die Menge", betont die Ministerin mit Blick auf deren Höhe.

  • Der Sommersmog ist zurück

    Augen tränen, der Kopf schmerzt – wer einige Tipps beachtet, dem macht Ozon weniger zu schaffen.

    Nein, eine richtige Ausrede, keinen Sport zu machen, ist das Ozon, das in diesen heißen Tagen auftaucht, nicht. So rät Maria Krautzberger, die Chefin des Umweltbundesamtes, zwar: „Auf keinen Fall in den Mittagstunden Sport treiben“. Aber dann fügt die oberste Umweltschützerin der Republik hinzu: „Lieber früh morgens“. Auch sonst gibt das Amt Tipps.

    Lüften Sie morgens, dann ist die Ozonkonzentration am niedrigsten. Verzichten Sie auf ausgiebiges Sonnenbaden, auch wegen der Hitze. Kinder sollten draußen nicht zu viel toben, Ältere und Herzkranke zumindest nachmittags drinnen bleiben. Säuglinge, bei denen das Immunsystem noch nicht vollständig ausgebildet ist, sind durch Ozon besonders anfällig für Atemwegsinfektionen.

    Ozon-Alarm hat es lange Zeit nicht gegeben. Doch nun kommen das Molekül und der Sommersmog zurück. Das habe mit dem diesjährigen Sommerwetter zu tun, sagt Krautzberger.

    Schon zum zweiten Mal liegen die Temperaturen über mehrere Tage hinweg über 30 Grad. Das hat es in den letzten Jahren nicht gegeben. Für diesen Freitag sagt der Deutsche Wetterdienst außer im Nordwesten und in Teilen Schleswig-Holsteins eine „Wärmebelastung“ voraus, die „stark bis extrem“ ist. Im Südwesten sind sogar bis zu 40 Grad Celsius möglich.

    Je mehr die Sonne scheint, um so mehr Ozon bildet sich. Die Vorläufer für das Ozon sind Stickoxide, die vor allem aus den Auspuffrohren von Fahrzeugen und Fabrikschloten kommen, und flüchtige organische Verbindungen, die zum Beispiel in Autolack oder Sprays stecken.

    So steige die Konzentration des Ozons derzeit „Tag für Tag“, sagte Krautzberger. Für diesen Freitag erwarte sie „den Höhepunkt mit deutschlandweit deutlich erhöhten Werten“. Und: „Vereinzelt können Ozonkonzentrationen auftreten, die oberhalb der Alarmschwelle von 240 Mikrogramm je Kubikmeter Luft liegen.“

    Ozon ist äußerst aggressiv. Zwar ist das O3, wie die chemische Formel lautet, in oberen Luftschichten, in der sogenannten Ozonschicht, lebensnotwendig, es schirmt die Erde vor gefährlichen UV-Strahlen der Sonne ab. In Bodennähe aber macht es den Menschen schaffen. Die Augen tränen, der Kopf schmerzt, das Atmen fällt schwer. – gelten Werte ab 180 Mikrogramm pro Kubikmeter bereits als kritisch.

    Allerdings reagiert nicht jeder gleich stark auf den Stoff. Laut Umweltbundesamt sind etwa 15 Prozent der Bevölkerung besonders empfindlich. Generell gilt: Je höher die Ozonkonzentration in der Luft ist und je länger jemand dem Ozon ausgesetzt ist, umso wahrscheinlicher sind Beschwerden. Besonders hohe Konzentrationen treten immer in den Nachmittagsstunden zwischen 14 und 17 Uhr auf.

    Nicht einmal die Flucht aufs Land, wo wenig Autos fahren und wenig Fabriken stehen, schützt. Die Schadstoffe, die zum Ozon führen, werden in alle Richtungen geweht. So sind die Werte in einsamen Höhen der Mittelgebirge, wo die Sonneneinstrahlung besonders direkt ist, auch hoch.

    Fahrverbote fordert Krautzberger nicht. Die Erfahrung habe gezeigt, dass diese kurzfristigen Maßnahmen zu wenig brächten. Aber sie meint, es helfe grundsätzlich „öfter mal das Auto stehen zu lassen“.

  • Umweltbundesamt moniert Auto-Lkw-Plage

    Chefin Krautzberger fordert ein Tempolimit, strikte Grenzwerte und eine Ausweitung der LKW-Maut.

    Runter vom Gas und von der Straße. Das ist in Kürze, wofür Maria Krautzberger, die Chefin des Umweltbundesamtes, am Dienstag plädierte, als sie in Berlin die „Daten zur Umwelt 2015“ präsentierte. Sie kritisierte den Trend zu großen Autos, sprach sich für ein Tempolimit aus und forderte, mehr Waren mit Bahn und Schiff zu tranportieren.
    Der Hintergrund: In diesem Jahr sind gut 44 Millionen Autos und 2,6 Millionen große und kleiner Laster in Deutschland zugelassen. Es ist ein neuer Rekord. Sind sie unterwegs, kommt aus ihrem Auspuff viel des Treibhausgases Kohlendioxid – zu viel.
    „Der Verkehrssektor ist der einzige Sektor, der seine Emissionen seit 1990 nicht mindern konnte“, sagte Krautzberger  Es müsse „dringend mehr passieren“, auch wenn sie wisse, dass in der Verkehrspolitik ein „langer Atem nöig sei“.
    Schon seit Jahren soll der Verkehr auf die Schiene oder auch auf Flüsse und Kanäle verlagert werden, um das Klima zu schonen. Doch es bewegt sich nichts. Im Gegenteil: Der Güterverkehr auf der Straße ist laut dem Umweltbundesamt zwischen dem Jahr 2000 und 2013 um 31 Prozent gestiegen. Zugleich bringen die Autokonzerne PS-stärkere und schwere Wagen auf den Markt.
    Dieser Trend zu immer mehr Fahrzeugen, dieser Rebound-Effekt, habe die Einsparungen durch technische Verbesserungen praktisch „aufgezehrt“, meinte Krautzberger. Die oberste Umweltschützerin der Republik, rechnete mit Verweis auf Daten des Statistischen Bundesamtes vor, dass 3,8 Milliarden Liter Kraftstoff und 9,5 Millionen Tonnen Treibhausgasemissionen hätten eingespart werden könnn, hätte sich die PS-Zahl der neu zugelassenen Autos seit 2005 nicht mehr erhöht.
    Tatsächlich kommt zwar das meiste Kohlendioxid, 39 Prozent, immer noch aus Kraftwerken, aber der Verkehr macht auch rund 18 Prozent des Treibhausgasausstoßes aus. Und anders als im Energiebereich sind seine Emissionen im Vergleich zu 1990 „sogar noch gestiegen“, kritisierte die Umweltbundesamt-Chefin.
    Sie sprach sich für ein Tempolimit von 120 Kilometern pro Stunde auf Autobahnen aus. Sie rief die Autokonzerne auf, den Energieverbrauch ihrer Fahrzeuge weiter zu drosseln. Und sie plädierte für strengere CO2-Grenzwerte für Pkw: Ab dem Jahr 2020 dürfen die Flotten der Autoindustrie einen Grenzwert von 95 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer nicht reißen. Das Umweltbehörde fordert ein Limit bei 70 bis 80 Gramm.
    Vor allem riet Krautzberger aber „dringend“ dazu, den stark zunehmden Güterverkehr umzulenken.
    Dafür solle die Lkw-Maut auf Fahrzeuge ab 3,5 Tonnen ausgeweitet werden. Derzeit gilt die streckenabhänigge Nutzungsgebühr ab 7,5 Tonnen. „Und wir brauchen endlich auch CO2-Grenzwerte für Lkw“, sagte sie. Doch Umsteuern scheint schwierig. Die größten Widerstände gebe es in der Autoindustrie, erklärte Krautzberger: „Da gibt es ja auf europäischer Ebene ein intensives Lobbytum.“
    CSU-Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt geht in seiner aktuellen Verkehrsprognose für 2030 jedenfalls davon aus, dass der Güterverkehr auf der Straße bis 2030 im Vergleich zu 2010 nochmal um 39 Prozent zunimmt. Anders gesagt: Vom gesamten absoluten Wachstum des Güterverkehrs entfallen 80 Prozent auf Laster, die dann über die Straßen rollen werden.

  • Gut für die Industrie, schlecht für das Klima

    Elektroautos bringen neuer Studie zufolge keine Entlastung der Umwelt von Treibhausgasen. E-Mobile dienen der Industrie als Feigenblatt für Benzinfresser.

    Elektroautos weisen eine weitaus schlechtere Energiebilanz auf als bisher angenommen. "Sie verursachen als einzelnes Fahrzeug ungefähr gleich hohe CO2-Emissionen wie normale Benzin- oder Diesel-Pkw", heißt es in einer Studie des Heidelberger Umwelt- und Prognose-Instituts (UPI), die dieser Zeitung vorliegt. Die Fahrzeuge selbst produzieren zwar keine Treibhausgase. Doch diese entstehen in erheblichen Umfang bei der Produktion des Fahrstromes. Da die Erzeugung von Ökostrom derzeit lediglich den Ausfall der Kernkraft ausgleichen kann, wird die zusätzlich benötigte Energie für die E-Mobile durch herkömmliche Kraftwerke produziert.

    Die Forscher sehen darüber hinaus noch eine ganze Reihe nachteiliger Entwicklungen, die mit der Einführung der Elektrofahrzeuge verbunden sind. Kritisch sehen die Experten vor allem die CO2-Regeln der EU. Die so genannte Flottengrenzwertregelung schreibt eine Absenkung des durchschnittlichen Ausstosses an CO2 von 130 Gramm pro Kilometer auf nur noch 95 Gramm im Jahr 2020 vor. Dabei dürfen die Hersteller Elektroautos als "Null-Emissions-Fahrzeuge" in ihre Flottenrechnung einbeziehen, obwohl sie bei der Herstellung und dem Stromverbrauch Treibhausgas produzieren. So kann die Industrie den Flottenverbrauch rechnerisch senken und gleichzeitig weiter schwere Spritfresser auf den Markt bringen. Die erwünschte Verminderung wird durch diese Ausgleichsmöglichkeiten "fast vollständig ausgehebelt", heißt es in der Studie.

    Für die Autoindustrie lohnt sich die Einführung der Elektroautos durch die EU-Gesetze, wie UPI anhand der Verkaufszahlen des vergangenen Jahres vorrechnet. Danach wurden in Deutschland 50.000 Geländewagen und Sport Utility Vehicles (SUV), aber nur 2.000 E-Mobile verkauft. Die Hersteller müssten für die Überschreitung der CO2-Grenzwerte durch die schweren Fahrzeuge 60 Millionen Euro Strafe zahlen. Aber sie erhalten auch eine Gutschrift von 44 Millionen Euro für die Elektroautos. Für jedes Exemplar macht das eine Ersparnis von 22.000 Euro aus. Zugleich ist der CO2-Ausstoß durch die SUV um 130.000 Tonnen gestiegen.

    Skeptisch sehen die Forscher auch den Trend, dass Elektroautos von privaten Haushalten als Zweit- oder Drittwagen angeschafft werden. Dadurch erhöhe sich die Zahl der Fahrzeuge weiter. "Dies verschärft den Ressourcen- und Flächenverbrauch des Straßenverkehrs und das Stellplatzproblem in den Städten", befürchtet das Institut. Bei einer größeren Verbreitung der E-Mobile erwartet das UPI sogar eine neuerliche Verkehrsverlagerung von den öffentlichen Verkehrsmitteln auf die Straße, da die Betriebskosten der Elektroautos niedrig sind und die Besitzer nicht, zum Beispiel über die Mineralölsteuer, an den Infrastrukturkosten beteiligt werden.

    Schließlich bemängeln die Wissenschaftler ein steigendes Unfallrisiko durch die E-Mobile. Dabei beruft sich UPI auf Studien aus den USA über die ebenfalls geräuschlos fahrenden Hybridfahrzeuge. Danach steigt das Unfallrisiko für Fußgänger bei Geschwindigkeiten unter 48 Kilometern pro Stunde um 53 Prozent, für Radfahrer um mehr als 70 Prozent, weil die Autos kaum zu hören sind- Technisch ist dieses Problem allerdings leicht lösbar, indem ein Fahrgeräusch künstlich erzeugt wird. Eine gesetzliche Vorschrift dazu gibt es in Deutschland jedoch noch nicht.

    Angesichts der problematischen Aspekte der Elektroautos warnen die Forscher vor Kaufanreizen für die Fahrzeuge. Bevor diese Technologie in großem Stil eingeführt wird, sollten die Nachteile beseitigt werden. Sonst "führt die Förderung oder Subventionierung von Elektroautos zur Zunahme der CO2-Emissionen und damit zum Gegenteil des Beabsichtigten", schließt UPI.

  • Helfer beim Schlussmachen

    Handy, Bahncard, Single-Börse: Kündigungsdienste helfen aus unliebsamen Verträgen herauszukommen. Doch mit dem Auftrag gehen auch jede Menge Daten an die Anbieter.

    Das Angebot klang zu verlockend: Niedrige Telefongebühren, dazu das neueste Smartphone zum Sonderpreis und jede Menge Musik- und Spiele-Apps gratis. Mit wenigen Klicks war der neue Vertrag online abgeschlossen. Doch die alte Vereinbarung mit dem Handy-Anbieter trübte die Freude über die neue Technik. Die Firma wollte die gute Kundschaft nicht so einfach aus dem aktuellen Vertrag entlassen und forderte Monat für Monat Gebühren ein.

    Aus dem Ärger für den Verbraucher haben Kündigungsdienste ein Geschäftsmodell gemacht. Oft sind die Vorgaben, wie Kunden kündigen können im Kleingedruckten versteckt. „Die Unternehmen wollen oft gar nicht, dass man die Hinweise findet“, sagt Daniel Pöhler, Kommunikationsexperte beim Verbraucherportal finanztip.de. Vor allem, wenn das Angebot nicht zwangsläufig Erfolg verspricht. Wen die Single-Börse eher frustriert als zufriedenstellt, der will den Vertrag möglichst schnell wieder loswerden. Ähnlich sieht es bei Handy-Verträgen, bei Angeboten für den Internet- oder Stromanschluss oder zum Bezahl-Fernsehen aus. Wie das geht, lässt viele Kunden verzweifeln.

    Die digitalen Kündigungshelfer durchforsten die abgeschlossenen Verträge nach Fristen und Modalitäten. Für den Kunden setzen sie juristisch wasserdichte Anschreiben auf. Je nach Auftrag versenden sie Faxe oder Einschreiben an die Firmen, um die Verträge aufzulösen.

    „Aboalarm“ gehört zu den Pionieren unter den Diensten. Firmenangaben zufolge wurden seit 2009 rund 2,5 Millionen Kündigungen abgewickelt. „Je schlechter ein Produkt ist, desto schwerer machen es einem die Anbieter zu kündigen“, sagt Bernd Storm, Geschäftsführer und Gründer von „Aboalarm“. Bei manchen Angeboten muss im Ausland gekündigt werden, bei anderen gelten lange Fristen, um aus dem Vertrag herauszukommen.

    Storms Ehefrau brachte ihn 2008 auf die Idee für „Aboalarm“. Als sie ihre Bahncard loswerden will und beinahe die Frist verpasst, wird klar, dass sich eine Marktlücke auftut. Am Anfang hat Storm selbst die Anbieter von Handys, Strom oder Zeitungsabos angerufen, um herauszufinden, wie der Kunde kündigt. Heute hat sein Dienst über 16.000 Anbieter in der Datenbank. „Die Leute haben keine Lust in ihrer Freizeit sich mit Vertragskündigungen herumzuschlagen“, sagt Storm. Seit Kurzem gibt es seinen Dienst auch per App.

    Bei „Aboalarm“ steigen Nutzer mit 0,99 Cent für eine Kündigung ein. Gratis per Fax macht es etwa vertragslotse.de. Bei kündigen.de liegt der Preis für eine verschickte Kündigung bei 1,99 Euro. Für ein Fax oder einen Brief per Einschreiben werden bis zu fünf Euro verlangt. Ein gerechtfertigter Preis? „Wenn die Kündigung sicher klappt und der Handy-Vertrag oder das Bahncard-Abo beendet werden, spart mir das unter Umständen mehrere Hundert Euro“, sagt Pöhler. „Außerdem wollen die Kündigungsdienste auch Geld verdienen.“

    Allerdings lässt sich nicht ausschließen, dass mit den Daten der Dienste-Nutzer auch Geschäfte gemacht werden. „Nutzer müssen sich im Klaren darüber sein, dass sie relativ viel Persönliches Preis geben“, sagt Jürgen Widder, Rechtsanwalt aus Bochum. Ein seriöser Anbieter sollte klare Hinweise dazu im Kleingedruckten haben – vor allem, wenn Daten zu Werbezwecken weiter vermittelt werden. Zudem rät Widder dazu, genau zu prüfen, ob beim Kündigungsdienst auch Regressansprüche geltend gemacht werden können. „Wenn es mit der Kündigung nicht klappt, sollte der Verbraucher nicht den Schaden tragen“, sagt der Fachanwalt. „Wenn der Anbieter versucht den Schadensanspruch über die Geschäftsbedingungen auszuschließen, wäre das äußerst kritisch.“

    Landet dann doch unerwartet Werbung in Email-Fach oder Briefkasten, bleibt dem Verbraucher nichts anderes übrig als doch selbst aktiv zu werden. „Wenn man auf einen Anbieter hereingefallen ist, dann kann man den Verkauf der Daten natürlich nicht zurücknehmen“, sagt Pöhler. „Dann muss man die Firmen anschreiben und einfordern, dass keine Werbung mehr geschickt wird.“
     
    Die Hitliste der Kündigungsrenner führen die Handy-Anbieter an. „Teilweise werden die Kunden richtig gegängelt“, sagt „Aboalarm“-Chef Storm. Ist einmal die Frist verpasst, kommt das die Kundschaft teuer zu stehen. Doch seinen Kunden geht es nicht nur um das Ende der Verträge. Viele wollen ihre Konditionen schlichtweg nachverhandeln. Zum Beispiel bei Angeboten zum Bezahl-Fernsehen.

    Geschäftsführer Storm versichert, dass sein Unternehmen keine Daten an Dritte weitergibt. Allerdings ganz ohne Daten zu speichern, geht es auch bei „Aboalarm“ nicht. Wird nur ein Kündigungsschreiben erstellt, werden die Daten sofort anonymisiert. Das heißt in der Statistik taucht zwar auf, dass ein Handy-Vertrag gekündigt wurde, Name, Anschrift und persönliche Daten werden nicht gespeichert. Bei der Kündigung per Fax speichert die Datenbank die Übersendung. Ohne Nachweis entlassen die Anbieter ihre Kundschaft dann doch nicht aus dem Vertrag.

    Info-Kasten: Kündigungsdienste im Test

    Das Portal www.finanztip.de hat acht Dienste nach Angebot und Kosten verglichen. Auch der Datenschutz und Sonderklauseln in den Geschäftsbedingungen sind Teil des Tests. Kunden, die Ärger mit unerwünschter Werbung haben, bekommen bei den Verbraucherzentralen Hilfe: 0211/3809-170. Gibt es Probleme beim Kündigen, vermittelt der Deutsche Anwaltsverein Spezialisten: 030/ 72 61 52-0

  • Die fitten Alten

    Die Senioren Deutschlands sind fitter und aktiver als je zuvor. Sie schreiben sich an den Universitäten ein, reisen, genießen ihre Freizeit.

    Doch für einige Rentner hat der wohlverdiente Ruhestand auch eine Kehrseite: Etliche kommen ohne Job im Alter nicht über die Runden.
    Bei den meisten Rentnern in Deutschland kann von Entspannung und Ruhe im Alter keine Rede sein. Im Schnitt widmen sie mehr als 50 Stunden pro Woche der Bildung, Kultur und Terminen abseits von Haushalt und Arbeit. Wenn der letzte Tag im Job näher rückt, haben sich etliche längst für die Mittelalter-Vorlesung oder das Kant-Seminar an der Universität eingeschrieben. Das Statistische Bundesamt hat ausgerechnet, dass fast jeder zweite Gasthörer an den Hochschulen heute über 65 Jahre alt ist. Das sind rund 20 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. An den Volkshochschulen wurden allein 2013 mehr als eine halbe Million Kurse von Rentnern belegt. Am liebsten lernen sie Sprachen, beschäftigen sich mit den großen Fragen aus Kultur und Gesellschaft.
    Wichtiger denn je, ist den älteren Männern und Frauen mobil zu sein. Immer mehr Ältere fahren länger mit dem Auto. Sie sind mit dem Fahrrad unterwegs, bewegen sich zu Fuß in der Stadt. Doch die Mobilität hat auch ihren Preis. Jeder Dritte Tote im Straßenverkehr war 2014 älter als 65 Jahre. Vor 20 Jahren war es noch jeder Sechste. Vor allem ältere Radfahrer und Fußgänger sind großen Gefahren im Straßenverkehr ausgesetzt. Schuld an den meisten Unfällen sind weniger die Senioren sondern eher die Unachtsamkeit der anderen Verkehrsteilnehmer.
    Auch virtuell werden die Alten immer mobiler. Weit über 50 Prozent der Senioren nutzen einen Computer, rund 45 Prozent surfen regelmäßig im Internet. Allerdings am liebsten zuhause am heimischen PC. Laptops, Tablets oder Handys werden von den Älteren immer noch skeptisch beäugt.
    Die Senioren fühlen sich fit, halten sich für belastbar und wissen genau, dass sie mehr werden. Bis 2060 wird sich ihr Anteil an der Bevölkerung in Deutschland von bisher rund 21 Prozent auf voraussichtlich 33 Prozent erhöhen, prognostiziert Roderich Egeler, Präsident des Statistischen Bundesamtes. Ende 2013 lebten in Deutschland rund 17 Millionen Menschen ab 65 Jahre. Die Frauen überleben meist ihre männlichen Altersgenossen. Statistisch gesehen können sie ab dem Renteneintritt mit weiteren 20 Jahren und neun Monaten rechnen. Bei den Männern liegt die Lebenserwartung bei weiteren 17 Jahren und sechs Monaten.
    Freizeit allein reicht den aktiven Rentnern längst nicht mehr aus. 2014 gingen rund 14 Prozent der 65- bis 69-Jährigen arbeiten. 2005 waren es noch rund sechs Prozent. Warum die Senioren auf einen Job nicht verzichten wollen, kann die Statistik nur schwer belegen. Egeler vermutet, dass die weitere berufliche Tätigkeit möglicherweise «ein Ausdruck eines sich verändernden Selbstverständnisses» ist.
    Ein Großteil der arbeitenden Senioren geht laut Erhebung einer selbstständigen Tätigkeit nach oder hilft bei Aufgaben etwa im Familienbetrieb mit. Ihr Anteil bei den 65- bis 69-Jährigen lag bei 39 Prozent. Bei den 60- bis 64-Jährigen waren es dagegen nur 16 Prozent.
    Einige werden wohl nicht freiwillig jobben gehen. Zwar deckt die Mehrheit der Senioren ihren Lebensunterhalt über Rente oder Pension ab. Doch die Gefahr im Alter in Armut abzurutschen ist nach wie vor hoch. Nur 26 Prozent der alleinlebenden Frauen beziehen ausschließlich eine eigene Rente. Bei den alleinlebenden Männern liegt der Anteil bei 71 Prozent. Der erhebliche Unterschied ist eine Folge der klassischen Rollenteilung in der Familie: Viele Frauen gingen entweder keiner Erwerbstätigkeit nach oder unterbrachen sie für die Kindererziehung.
    Knapp 500.000 Personen ab 65 Jahre sind in Deutschland auf eine Grundsicherung angewiesen. Das sind fast doppelt so viele wie vor zehn Jahren. 62,7 Prozent davon sind Frauen. 14,9 Prozent der Generation 65+ gelten zudem als armutsgefährdet. In diese Kategorie fallen Alleinstehende, die im Monat mit weniger als 979 Euro auskommen müssen. Auch hier sind vor allem Frauen betroffen. 21 Prozent der alleinlebenden Frauen ab 65 Jahre standen weniger als 900 Euro pro Monat zur Verfügung. Bei den Männern lag der Anteil bei 15 Prozent.