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  • Nach dem Programm ist vor dem Programm

    Alle Fraktionen des Bundestages stimmen mit großer Mehrheit dafür, den Spar- und Kreditvertrag für Griechenland zu verlängern.

    Unterschiedliche Argumente, Einschätzungen und Vorwürfe äußerten die Redner im Bundestag am Freitag zu Griechenland, nahezu einheitlich aber war ihr Votum. Mit großer Mehrheit – 541 von 586 abgegebenen Stimmen – unterstützten Union, SPD, Linke und Grüne die Verlängerung des Reform- und Kreditprogramms für das südeuropäische Land. Selbst für die Linke, die die Sparpolitik früher immer ablehnte, erklärte Fraktionschef Gregor Gysi die mehrheitliche Zustimmung.

    Nachdem auch das estnische Parlament am Freitag zustimmte, wird das Griechenland-Programm nun wohl bis Ende Juni 2015 verlängert. Die Links-Rechts-Regierung in Athen hatte unlängst eingewilligt, den Spar- und Sanierungskurs fortzusetzen. Zur Belohnung sollen im Sommer bis zu weitere sieben Milliarden der anderen Euro-Staaten, der Europäischen Zentralbank und des Internationalen Währungsfonds fließen. Dieses Geld braucht die Regierung in Athen unter anderem, um die Zinsen für Hilfskredite aus dem Ausland zu bezahlen. Fällt die Unterstützung aus, droht Athen die Zahlungsunfähigkeit.

    Mit 29 Nein-Stimmen kamen fast alle ablehnenden Voten aus der CDU/CSU. Bei der Linken, die der griechischen Regierungspartei Syriza nahesteht, stimmten nur drei Abgeordnete gegen den Regierungsvorschlag, unter anderem die Bochumer Volksvertreterin Sevim Dagdelen, zehn enthielten sich. Insgesamt enthielten sich 13 Abgeordnete, 45 nahmen nicht teil. Die Grünen hatten vor der Abstimmung ein Twitter-Bild verschickt, auf dem sie mit „Ja zu Europa“-Plakaten posierten.

    Den Ton setzte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), als er in der Eröffnungsrede um die Zustimmung zur Verlängerung des Programms bat. Schäuble kombinierte die Rechtfertigung des harten Sparkurses in Griechenland mit einem Plädoyer für europäische Solidarität. Angesichts ständiger Querschüsse aus Athen sei er „nicht zu Scherzen aufgelegt“. Schäuble betonte, dass es Länder in Europa gebe, in denen die Sozialleistungen und der Mindestlohn niedriger lägen als in Griechenland. „Solidarität heißt, dass jeder seinen Teil beiträgt“, sagte der Finanzminister – die Griechen müssten also ihre Sparanstrengungen weiter wie bisher erbringen.

    Schäuble warnte aber auch: Verweigere der Bundestag seine Zustimmung zur Verlängerung, „würden wir unserer Zukunft großen Schaden zufügen“. Europa müsse zusammenstehen und die Staaten sich aufeinander verlassen können. „Wir sollten alles dafür tun, Europa zusammenzuhalten“, so Schäuble.

    Diese Sätze waren auch zu verstehen als Antwort auf eine Kampagne der Bild-Zeitung. Das Blatt präsentierte ganzseitig die Aufforderung, mit „Nein“ zu stimmen. Garniert war dieses Plädoyer mit einer Umfrage des Instituts Insa, derzufolge 59 Prozent der befragten Bundesbürger weitere Griechenland-Hilfen ablehnten. Insa in Erfurt macht regelmäßig Umfragen für die Zeitung. Chef ist Hermann Binkert, ein ehemaliger enger Mitarbeiter des früheren CDU-Ministerpräsidenten von Thüringen, Dieter Althaus.

    In der Bundestagsdebatte zeichnete sich ab, wie es weitergehen könnte. Carsten Schneider, Vize-Fraktionschef der SPD, deutete an, dass man bald über „die nächste Verlängerung“ der Hilfen für Griechenland werde reden müssen. Auch Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter sagte: „In Kürze können wir mit dem dritten Kreditpaket rechnen.“ Diese Einschätzungen sind nicht aus der Luft gegriffen. Ökonom Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, argumentiert: „Das Problem, wie die viel zu hohe Staatsverschuldung nachhaltig gestaltet werden kann, bleibt ungelöst. Griechenland wird ein neues, drittes Hilfsprogramm mit 30 bis 40 Milliarden Euro benötigen. Das wird ultimativ weitere Kreditzahlungen von Europa und Deutschland erfordern.“

  • Autofahrer sollen wegen falscher Benzin-Angaben klagen

    Die Hersteller-Werte für den Treibstoffverbrauch lägen oft zu niedrig, kritisiert die Deutsche Umwelthilfe.

    Schlecht für den Autohändler – gut für den Autofahrer. Wegen irreführender Angaben zum Benzinverbrauch erhielt der Kunde rund 2.000 Euro vom Kaufpreis der Fahrzeugs zurück. Weil mittlerweile mehrere Gerichte so entschieden, ermuntert nun die Deutsche Umwelthilfe die Autofahrer, gegen die Verkäufer, eigentlich aber gegen die deutschen Autohersteller, zu klagen. Denn deren Angaben zum Kraftstoffverbrauch ihrer Fahrzeuge seien oft zu niedrig, weshalb den Nutzern unerwartete Mehrkosten entstünden.

    In einem Fall, den die Deutsche Umwelthilfe (DUH) vorbringt, soll der Spritverbrauch eines Audi A1 beispielsweise bei 8,5 Litern pro 100 Kilometern liegen, und nicht bei 5,4 Litern, wie der Hersteller sagt. Die Organisation unterstützt deshalb die Klage des Halters auf Schadensersatz oder Rückabwicklung des Kaufvertrages.

    Zu niedrige Angaben zum Treibstoffverbrauch seien kein Einzelfall. „Bei den zehn meistverkauften deutschen Pkw“ liegen die Angaben „um durchschnittlich rund 38 Prozent“ zu niedrig, sagte DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch. „Mit immer neuen Tricks rechnen die Hersteller die Testverbräuche schön“, erklärte Verkehrsexperte Axel Friedrich, der früher beim Umweltbundesamt tätig war. Beispielsweise würden die Lichtmaschinen der Fahrzeuge abgeschaltet, damit der Treibstoffbedarf sinkt. Dadurch kämen auf die Fahrzeug-Besitzer unvorhergesehene Aufwendungen zu. „Auf das gesamte Autoleben gerechnet, bedeutet jeder Liter Mehrverbrauch für den Autohalter circa 3.000 Euro Mehrkosten“, argumentiert die DUH.

    Unternehmen wie Audi und Daimler wollten sich zu dem Thema am Donnerstag nicht äußern. Der Verband der Automobilindustrie wies die Vorwürfe zurück. Die Hersteller könnten gar nicht tricksen, weil „die Werte entsprechend den gesetzlichen Vorgaben von unabhängigen Prüfinstituten auf dem Prüfstand ermittelt“ würden, sagte VDA-Geschäftsführer Ulrich Eichhorn. „Die Normprüfwerte sind auf der Straße bei sparsamer Fahrweise real erreichbar.“ Tatsächlich sei es sogar möglich, „in der Praxis einen geringeren Verbrauch zu erzielen“, so Eichhorn. Höhere Verbräuche als in den Herstellerangaben, könnten unter anderem durch Sonderausstattungen der Fahrzeuge, beispielsweise Klimaanlagen, zustande kommen, heißt es beim Verband. Denkbar ist auch, dass sportliches Fahren oder die Verkehrssituation an manchen Orten, etwa häufige Staus, eine Rolle spielen, die zu Abweichungen führen.

    Die DUH macht für den angeblichen Missstand die Politik mitverantwortlich. „Die aktuelle Bundesregierung hat – wie auch die Regierungen vor ihr – ein großes Herz für die Autoindustrie“, so Geschäftsführer Resch. Das zuständige Kraftfahrt-Bundesamt, das Bundesverkehrsminister Alexander Dorbindt (CSU) untersteht, drücke seit Jahren ein Auge zu. Die Kritiker fordern schärfere Kontrollen und bessere Regeln.

  • Die Maut-Milliarden des Verkehrsministers

    Wie teuer wird die PKW-Maut? Erstmals hat Alexander Dobrindt eine Kalkulation vorgelegt

    Am Anfang steht ein Versprechen: Die deutschen Autofahrer sollen am Ende keinen Cent mehr zahlen als bisher. Trotzdem soll die PKW-Maut, mit dem sich der Bundestag an diesem Donnerstag erstmals befasst – im Jahr 500 Millionen Euro in die Staatskassen spülen, damit marode Brücken saniert und der Investitionsstau auf deutschen Straßen behoben werden kann.

    So kalkuliert es CSU-Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt. Das zeigt die Einnahmeprognose, die er diese Woche nach langem Hin und Her veröffentlicht hat. Denn er weigerte sich lang, und gab die Details erst heraus, als das Verwaltungsgericht Berlin einem Eilantrag der Wochenzeitung Zeit auf Offenlegung stattgab.

    Zur Kasse gebeten werden zunächst einmal alle. Die deutschen Autobesitzer sollen für das knapp 13.000 Kilometer lange Autobahnnetz und das 39.000 Kilometer lange Netz der Bundesstraßen Maut automatisch eine Jahresvignette zahlen.Sie wird – wie das bei der Kfz-Steuer auch üblich ist – vom Konto abgebucht: Der Betrag richtet sich nach Größe und Umweltfreundlichkeit des Autos und liegt maximal bei 130 Euro. Das Kraftfahrtbundesamt in Flensburg schickt dazu einen Bescheid. Im Schnitt soll die Maut im Jahr 70 Euro kosten und alles in allem sollen so 3,19 Milliarden Euro hereinkommen.

    Die Inländer sollen aber entsprechend der Maut-Kosten bei der Kfz-Steuer entlastet werden – und zwar auf den Cent genau. Das heißt: Effektiv zahlen nur PKW-Fahrer aus dem Ausland. Anders als für Inländer zahlen sie übrigens nur für Autobahnen, und zwar im Internet oder über Terminals, die an grenznahen Tankstellen aufgestellt werden.

    Dobrindts Leute gehen nun davon aus, dass rund 8,1 Millionen ausländische Fahrer so oft über die Grenze kommen, dass sie sich für eine Jahresmaut entscheiden. Da geht es vor um allem um jene, die regelmäßig etwa zum Shoppen kommen aus der Schweiz oder den Niederlanden. Und um Geschäftsreisende.

    Wer nur mal zum Urlaub nach Deutschland fährt, kann indes auch eine Zehn-Tages-Maut für zehn Euro buchen. Laut Kalkulation werden dies 15,5 Millionen Fahrer nutzen. Eine Zwei-Monats-Maut für 22 Euro ist vorgesehen, aber offenbar ist davon auszugehen, dass sie kaum genutzt wird – sie spielt in der Prognose keine Rolle.

    Insgesamt sollen so Fahrer „gebietsfremden PKW“ knapp 700 Millionen Euro im Jahr blechen. Allerdings fallen durch das Mautsystem selbst, also durch Personal, Unterhaltung der EDV und so weiter, laufend Kosten an: das sind rund 200 Millionen Euro im Jahr. Unter dem Strich, so rechnen die Experten im Verkehrsministerium vor, bleiben dann noch jedes Jahr rund 500 Millionen Euro übrig. Dazu kommen aber noch einmalige Kosten für den Aufbau des Systems von knapp 380 Millionen Euro, die den Ertrag ebenfalls schmälern.

    Der Verkehrswissenschaftler Ralf Ratzenberger, der schon Studien für den mautkritischen Autofahrerclub ADAC erstellt hat, hält knapp 700 Millionen Euro von Wagen aus dem Ausland für unrealistisch. Er erwartet weniger Mautzahler aus dem Ausland. Die Einnahmen seien zu hoch angesetzt, sagte der Grünen-Fraktionschef Toni Hofreiter dieser Zeitung. Er meinte: „Der Verkehrshaushalt lässt sich so nicht sanieren.“

    Das Verkehrsministerium plant, die Maut ab 2016 zu kassieren. Doch das hängt nun auch vom Bundestag ab. Nicht nur Oppositionspolitiker sind skeptisch. So erklärte der SPD-Vize-Fraktionschef Sören Bartol: „Wir werden uns bei der Pkw-Maut im Bundestag nicht treiben lassen.“ Zumal noch immer umstritten ist: Entspricht es dem heutigen Verständnis von Europa, Ausländer stärker zu belasten als Inländer? Noch hat Brüssel kein grünes Licht gegeben.

    Maut prellen?

    Das ist bisher der Plan: Sobald die Maut bezahlt ist, wird das KFZ-Kennzeichen elektronisch erfasst. Mautzahler werden also über das Nummernschild ihres Autos zu erkennen sein. Kontrolliert werden soll dies in Stichproben durch einen elektronischen Kennzeichen-Abgleich. Wer keine Maut zahlt und erwischt wird, muss Geldbußen zahlen – bis zu 150 Euro. Im Wiederholungsfall können bis zu 260 Euro plus eine Jahresmaut fällig werden. Übrigens: Die Maut wird nicht nur für Autos, sondern auch für Wohnmobile fällig. (hg)

  • „Es gibt Alternativen zur Wachstumsstrategie“

    Brauerei-Eigentümer Härle versucht seine Firma stabil zu halten, ohne mehr Bier zu produzieren

    Hannes Koch: Unternehmen, die nicht wachsen, sterben, heißt es. Sie aber propagieren, Ihre Firma müsse nicht größer werden. Warum ist Ihnen das wichtig?

    Gottfried Härle: Weil ich im Wachstumsgebot eine falsche Zielsetzung sehe. Für uns kommt es in erster Linie darauf an, die Brauerei an die nächste Generation zu übergeben und langfristig zu sichern. Außerdem wollen wir den ökologischen Fußabdruck verringern. Beispielsweise sollen der Rohstoffverbrauch und die Abwasserbelastung sinken.

    Koch: Seit wann betreiben Sie diese Firmenpolitik?

    Härle: Seit über 20 Jahren. Für kleine Brauereien wie unsere – wir beschäftigen 30 Leute – halte ich diese Strategie auch für die einzig erfolgversprechende. Die Branche schrumpft, der Bierabsatz in Deutschland geht zurück. Wenn man die Produktion steigern will, muss man in einem harten Verdrängungswettbewerb mit niedrigeren Preisen gegen die Konkurrenz antreten oder Wettbewerber aufkaufen.

    Koch: Wieso machen Sie das nicht?

    Härle: Wenn wir die Preise senken, können wir nicht mehr kostendeckend produzieren. Und Übernahmen verbessern die Ertragslage kaum. Würde die Firma immer größer, könnten wir auch nicht so auf die Bedürfnisse der Kunden eingehen, wie wir es heute tun. Einem Restaurant für die Feier am Abend noch schnell eine zusätzliche Schankanlage vorbeizubringen, wäre dann illusorisch. Außerdem würden wir das gute Klima in der Firma auf's Spiel setzen. Heute kann jeder Mitarbeiter ohne Umwege direkt in mein Büro kommen. Das geht in großen Unternehmen nicht.

    Koch: Halten Sie Wirtschaftswachstum in einem Land wie Deutschland für obsolet?

    Härle: Unsere Wirtschaft wird in den kommenden Jahren an die ökologischen Grenzen des Ressourcenverbrauchs stoßen. Wenn wir das Klimaproblem in den Griff bekommen wollen, müssen wir wohl auch das Wachstum reduzieren. Diese Aussage bezieht sich aber nur auf reiche Staaten. In Südeuropa oder gar in Afrika sieht das anders aus. Dort mag höheres Wachstum weiterhin nötig sein, weil die Menschen ihre materiellen Bedürfnisse bisher nicht stillen können.

    Koch: Wie sieht es konkret aus, wenn Sie auf Wachstum verzichten?

    Härle: Seit vielen Jahren produzieren wir annähernd die gleiche Menge Bier. Allerdings nimmt die Herstellung alkoholfreier Biogetränke zu – unser zweites Standbein. Das ist nötig, weil Alkoholkonsum zunehmend zu einem Problemthema wird.

    Koch: Die Produktionskosten für das Brauen von Bier steigen, die Rohstoffe werden teurer. Ihre Beschäftigten wollen auch mal eine Lohnerhöhung. Wie finanzieren Sie diese Zusatzausgaben, wenn der Bierausstoß stagniert?

    Härle: Wir erhöhen die Preise.

    Koch: Warum machen Ihre Kunden das mit?

    Härle: Wir müssen sie immer wieder davon überzeugen, dass sie bei uns Qualitätsprodukte bekommen. Wir verwenden Rohstoffe, die möglichst aus der Region stammen. Die Umweltbelastung ist gering, das Betriebsklima angenehm. Die Hochwertigkeit und Authentizität der Produkte muss dazu führen, dass die Kunden bereit sind, für einen Kasten Bier von Härle sieben Euro mehr auszugeben als beispielsweise für eine Kiste Bitburger.

    Koch: Wenn Sie die Preise anheben, steigt der Umsatz. Auch Sie kommen also nicht völlig ohne Wachstum aus.

    Härle: Ich will in meinem Unternehmen aber keine Wachstumszwänge aufbauen. Deshalb verzichten wir auf Investitionen, die die Produktionskapazität stark erhöhen. Unsere neue Abfüllanlage schafft nur die 8.000 Flaschen pro Stunde, die auch die alte bewältigte. Wäre es das Doppelte, hätten wir viel höhere Kosten für Abschreibungen und Zinsen. Um die hereinzuholen, muss man mehr und mehr verkaufen – ein Teufelskreis.

    Koch: Wäre Ihre Strategie auf große, weltweit agierende Konzerne wie VW anwendbar?

    Härle: Natürlich gibt es Alternativen zu den Wachstumsstrategien, die Großunternehmen praktizieren. Fusionen schlagen nicht selten fehl. Sie verursachen hohe Kosten, bringen aber keine zusätzlichen Gewinne. Denken Sie an Daimler und Chrysler oder BMW und Rover. Oft stellt Wachstum keine wirtschaftliche Notwendigkeit dar, sondern entspringt einem betriebswirtschaftlichen Dogma. Dieses wird noch immer an den Universitäten gelehrt, wie mir Studenten immer wieder bestätigen. Besser wäre es dagegen, den zukünftigen Managern auch beizubringen, wie sie Firmen unter den Bedingungen von Stagnation und Schrumpfung langfristig fortführen können.

    Bio-Kasten
    Gottfried Härle (60) ist Miteigentümer und seit 1982 Geschäftsführer der Brauerei Clemens Härle in Leutkirch, Allgäu. Das Unternehmen gehört seit 120 Jahren der Familie. Es arbeitet profitabel.

  • Weniger wichtig, aber reicher

    2050 wird Deutschland noch Platz 10 der größten Wirtschaftsnationen der Welt einnehmen, heute Platz 5

    Die ökonomische Bedeutung der Industrieländer in Europa und Nordamerika wird bis 2050 deutlich abnehmen. Staaten wie China, Indien und Nigeria, die heute als Schwellenländer gelten, erobern dann vordere Plätze auf der Liste der weltgrößten Ökonomien. Laut einer aktuellen Prognose der Wirtschaftsprüfungsfirma PwC rutscht Deutschland bis Mitte des Jahrhunderts vom gegenwärtig fünften auf den zehnten Rang.

    Gemessen an der Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt im Verhältnis zur Kaufkraft) steht China zur Zeit auf Platz 1, knapp vor den USA. Dann folgen Indien, Japan und Deutschland. 2050 soll die Reihenfolge so aussehen: China, Indien, USA, Indonesien, Brasilien, Mexico. Vor Deutschland kommen noch Japan, Russland und Nigeria. Solche Prognosen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen – basieren sie doch auf Annahmen für die künftige Entwicklung, die gegenwärtige Trends fortschreiben. Diese aber können sich ändern.

    Laut der Schätzung von PwC wird Deutschland 2050 das einzige europäische Land unter den zehn größten Weltökonomien sein. Heute sind noch Großbritannien und Frankreich dabei. Während die Europäische Union insgesamt zur Zeit noch fast gleichauf mit China und den USA liegt, wird ihre gemeinsame Wirtschaftskraft in 40 Jahren vermutlich nur noch für den vierten Platz reichen. Immerhin könnte das vereinte Europa ökonomisch und politisch auch dann noch eine Rolle spielen, obwohl die einzelnen Mitgliedstaaten stark an weltwirtschaftlicher Bedeutung eingebüßt haben.

    Die Entwicklung kommt PwC zufolge zustande, weil China, Indien, Indonesien, Brasilien, Mexico und andere aufstrebende Nationen ein deutlich höheres Wirtschaftswachstum verzeichnen als die alten Industrieländer. Dort nimmt die Wirtschaftsleistung vermutlich um durchschnittlich bis zu fünf Prozent pro Jahr zu, in den reichen Staaten des Nordens hingegen um 1,5 bis zwei Prozent. Ein Grund: Die Bevölkerung der Schwellenländer wächst, die der Industriestaaten nimmt ab. Trotzdem bleiben diese reicher, vermuten die Forscher. Selbst 2050 werde das Durchschnittseinkommen der Chinesen nicht einmal die Hälfte des US-amerikanischen betragen. Wegen des hohen materiellen Niveaus in Europa dürfte diese Aussage auch für Deutschland zutreffen.

  • „Nicht alles, was Athen vorschlägt, ist unsinnig“

    Wirtschaftsforscher Marcel Fratzscher plädiert für einen Kompromiss mit Griechenland

    Hannes Koch: Die neue griechische Regierung fordert Erleichterungen beim Sparprogramm. Die europäischen Institutionen wollen den harten Reformkurs dagegen beibehalten. Wie könnte ein Kompromiss aussehen?

    Marcel Fratzscher: Als Gegenleistung für europäische Hilfe muss Griechenland seinen Reformkurs fortsetzen und beschleunigen – nur dies kann das grundlegende Prinzip einer Einigung sein. Wir sollten jedoch auch einräumen, dass die Schuldenlast, die die Griechen schultern, noch immer zu hoch ist. Sie beträgt fast das Doppelte der Wirtschaftsleistung. Dies hemmt die Chancen des Landes sich von der Krise zu erholen und Wachstum zu schaffen.

    Koch: Plädieren Sie dafür, einen Teil der Schulden zu annullieren?

    Fratzscher: Nein, ohne ein Fortsetzen des Reformkurses wäre Griechenland dann in wenigen Jahren wieder überschuldet. Und sowohl bei der Bundesregierung als auch in Europa fehlt dafür der Rückhalt. Deshalb sollte man auf andere Art verhindern, dass Griechenland wieder zahlungsunfähig wird. Wir am DIW Berlin schlagen deshalb vor, die Kreditzinsen künftig an das Wachstum der griechischen Volkswirtschaft zu koppeln. Fällt dieses gering aus, bräuchte das Land nur wenige Zinsen zu zahlen. Bei größerer Dynamik wäre es mehr. Damit würde nicht nur die Zahlungsfähigkeit verbessert, sondern die griechische Regierung müsste endlich Eigenverantwortung für die Reformen übernehmen. Langfristig würde dies die Wachstumschancen Griechenlands verbessern, und letztlich auch uns Deutschen helfen, mehr unserer Forderungen zurück zu bekommen.

    Koch: Können Sie im Euroraum die Bereitschaft dazu erkennen?

    Fratzscher: Ich meine auch von der Bundesregierung Signale zu vernehmen, Griechenland weiterhin helfen zu wollen. Wenn die griechische Regierung grundsätzlich bereit ist, den Reformkurs fortzusetzen, wird sich Europa und die Bundesregierung einer sinnvollen Anpassung des Programms nicht widersetzen.

    Koch: Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras will einen Teil seines finanziellen Spielraums nutzen, um armen Leuten beispielsweise den elektrischen Strom zu bezahlen und andere Sozialmaßnahmen durchzuführen. Halten Sie das für nachvollziehbar?

    Fratzscher: Nicht alles, was die Regierung in Athen vorschlägt, ist unsinnig. Bürger unter die Armutsgrenze zu drücken und ihnen notwendige Medikamente vorzuenthalten, halte ich nicht nur aus humanitären, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen für falsch. Wenn ein wesentlicher Teil der Bevölkerung so marginalisiert wird, dass er nicht mehr am Wirtschaftsleben teilnimmt, kann sich das Land nicht erholen.

    Koch: Was sollte die griechische Regierung sonst tun, um die Lage der Bevölkerung zu verbessern und die Wirtschaft anzukurbeln?

    Fratzscher: Sie hat selbst vorgeschlagen, einige Reformen zu beschleunigen. So will sie die Steuerhinterziehung besser bekämpfen, um dem Staat mehr Einnahmen zu verschaffen. Außerdem plant sie, die Korruption einzudämmen. Sehr wichtig ist es allerdings auch, die Bürokratie zu verringern und staatliche Institutionen zu verbessern. Die ist der eigentliche Bremsklotz in Griechenland.

    Koch: Gibt es eine Chance, dass das Land durch stärkeres Wachstum von seiner hohen Staatsverschuldung herunterkommt?

    Fratzscher: Ein anderer Weg existiert realistischerweise nicht. Allerdings sind Wachstumsraten von vier Prozent oder mehr über einen Zeitraum von zehn Jahren nötig.

    Koch: Das klingt illusorisch.

    Fratzscher: Keineswegs, denn die Wirtschaftskraft ist seit Beginn der Krise um ein Viertel eingebrochen. Diesen Verlust kann das Land auch wieder aufholen. Es gibt ein riesiges Potenzial. Viele Arbeitskräfte sind gut ausgebildet, und die Unternehmen können wesentlich mehr leisten als gegenwärtig.

    Koch: Ist Griechenland am Ende diesen Jahres noch im Euro?

    Fratzscher: Ja, denn beide Seiten wissen um die gigantischen Schäden, die ein Austritt verursacht. Die Regierung in Athen schießt sich nicht selbst ins Knie, indem sie den Staatsbankrott heraufbeschwört. Und Europa weiß, dass man dann sehr große Kreditsummen als Verlust abschreiben müsste. Diese Variante sollten wir zu den Akten legen und uns auf die Reformen konzentrieren.

    Bio-Kasten
    Marcel Fratzscher (43) ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und Professor an der Humboldt-Universität in Berlin. Zuvor arbeitete er bei der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main als Leiter der Abteilung Internationale Politikanalysen. Im Auftrag des Bundesfinanzministeriums leitet er eine Kommission, die ein Konzept für verstärkte öffentliche und private Investitionen ausarbeitet.

    Info-Kasten
    Geld für Athen
    Die neue Regierung in Athen will weiterhin Milliarden Euro der anderen Euroländer, ist aber nicht mehr bereit, das vereinbarte Sanierungsprogramm fortzusetzen. Über diesen Konflikt und eine mögliche Lösung verhandeln die Finanzminister am Montag in Brüssel. Wird kein Ausweg gefunden, droht Griechenland der Staatsbankrott.

  • Monsterbacke darf weiter mit Milch-Slogan werben

    Bundesgerichtshof sieht keine Irreführung der Konsumenten. Foodwatch kritisiert anhaltende Täuschung der Verbraucher durch Gesundheitsversprechen.

    Auf der Verpackung des Kinderquarks „Monsterbacke“ darf der Hersteller Ehrmann weiterhin mit einem umstrittenen Slogan werben. „So wichtig wie das tägliche Glas Milch“, heißt es da. Dagegen ist die Wettbewerbszentrale vor Gericht gezogen. Sie hält den Slogan für täuschend und einen Verstoß gegen die Vorschriften bei gesundheitsbezogenen Werbeaussagen. Der Bundesgerichtshof (BGH) sieht das nicht so. „Er hat entschieden, dass die beanstandete Werbung der Beklagten nicht irreführend ist“, teilte das höchste Gericht am Donnerstag mit.

    Für den Verbraucher sei deutlich, dass sich das Produkt in seiner Zusammensetzung klar von Milch unterscheide. Der Zuckergehalt sei bei Früchtequark schon wegen des darin enthaltenen Fruchtzuckers naturgemäß höher als bei Milch“, entschieden die Richter. Sie verneinen auch, dass mit dem Spruch eine nährwertbezogene Aussage getroffen wird. Nun geht der Fall zurück an das Stuttgarter Oberlandesgericht. Die Juristen dort müssen entscheiden, ob es zusätzlicher Hinweise bedarf.

    Die Rechtslage ist für den Laien schwer verständlich. Die europäische Health-Claims-Verordnung erlaubt Werbung mit besonders positiven Nährwerteigenschaften von Lebensmitteln nur, wenn sie Energie oder Nährstoffe in besonders hohem oder besonders geringem Maße enthält, also beispielsweise sehr wenig Fett. Davon unterschieden werden gesundheitsbezogene Angaben. Als solche gelten Aussagen zu einem Zusammenhang zwischen dem Genuss des Produkts und der Gesundheit des Konsumenten. Diese Werbung ist nur mit zusätzlichen Hinweisen gestattet. So müssen die Hersteller zum Beispiel auf die Bedeutung einer ausgewogenen Ernährung verweisen oder Informationen über die Menge und Art des Verzehrs geben, damit die gewünschte Wirkung eintritt.

    Für die Verbraucherorganisation Foodwatch ist das BGH-Urteil ein Beleg für das Scheitern der EU-Verordnung. „Hersteller können weiterhin selbst Süßigkeiten oder Softdrinks ganz legal als gesund vermarkten, solange einfach Mineralstoffe oder Vitamine zugesetzt werden“, kritisiert deren Experte Andreas Winkler. Gesundheitsbezogen Aussagen hätten auf Lebensmitteln nichts verloren.

    Auch der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) bemängelt, dass Verbraucher allzu oft durch Werbung mit Gesundheitsaussagen in die Irre geführt werden. Eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung einer Produktauswahl aus deutschen Supermärkten durch den vzbv brachte einen sehr lockeren Umgang der Industrie mit den gesetzlichen Vorgaben ans Licht. Vor allem bei Kindernahrung mogelten viele Hersteller. Drei von vier geprüften Produkten wurden mit Versprechen beworben, die in dieser Form nicht zugelassen sind. „Zu oft betreiben die Lebensmittelhersteller Schönfärberei auf dem Etikett“, ärgert sich vzbv-Chef Klaus Müller.

  • Bei der Bahn stehen die Zeichen wieder auf Streik

    Der Ur-Konflikt des Tarifstreits ist wieder aufgebrochen. GDL will sich nicht unterordnen.

    Bei der Deutschen Bahn (DB) drohen neuerliche Streiks. Am kommenden Mittwoch wird die Tarifkommission der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) darüber entscheiden. Am Dienstagabend hatte die Gewerkschaft Tarifverhandlungen mit den Arbeitgebern für gescheitert erklärt. „Die DB hat eine unglaublich Rolle rückwärts hingelegt“, kritisiert GDL-Chef Claus Weselsky. Das Unternehmen weist die Schuld von sich. „Die GDL verweigert sich grundlos“, sagt Personalvorstand Ulrich Weber.

    Bei dem seit Monaten schwelenden Streit geht es nur in zweiter Linie um Entgelte und Arbeitszeiten. Kern des Konfliktes ist immer noch die Frage, ob die GDL ihr Verhandlungsmandat auf weitere Berufsgruppen wie die Zugbegleiter oder die Beschäftigten in den Bistros ausweiten kann. Die GDL beansprucht den Abschluss unabhängiger Tarifverträge für ihre Mitglieder in diesen Berufsgruppen. In diesem Fall würden es zum Beispiel für die Schaffner zwei parallel geltende Tarifverträge geben. Denn auch die große Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), die beim Zugpersonal viel mehr Mitglieder hat, verhandelt mit den Arbeitgebern über einen Tarifvertrag.

    Die Bahn würde zwar zwei Verträge akzeptieren, jedoch nur, wenn beide inhaltsgleich sind. Das lehnt die GDL ab. „Jetzt will uns der Arbeitgeber wieder unter die Kuratel der EVG stellen“, stellt Weselsky fest, „wir müssten von fast allen unseren Forderungen Abstand nehmen.“ Der Gewerkschaftschef wirft Weber Zeitschinderei vor. Die Bahn hoffe auf das geplante Tarifeinheitsgesetz. Der Entwurf für das Gesetz sieht vor, dass stets die Gewerkschaft in einem Betrieb die Verhandlungsführung übernimmt, die dort am meisten Mitglieder hat. Bei der Bahn dürfte die GDL dann nur noch für die Lokführer antreten.

    Weselsky will seiner Tarifkommission nun neue Streiks vorschlagen. Im vergangenen Jahr haben die Lokführer bereits mehrfach den Schienenverkehr lahm gelegt. Da es bereits eine Urabstimmung über den Arbeitskampf gegeben hat, kann die Gewerkschaft den Zugverkehr jederzeit wieder zum Ruhen bringen. Ab dem kommenden Wochenende müssen sich die Fahrgäste daher wieder auf Beschwerlichkeiten bei der Reise einstellen. Wann genau dies der Fall sein wird, ließ die GDL in der Vergangenheit bis wenige Stunden vor Streikbeginn offen.

  • Der Untergrund bewegt sich

    Kommentar zur Vermögensverteilung von Hannes Koch

    In der Steuerpolitik tut die gegenwärtige Bundesregierung nichts. Dass dies ein Fehler mit langfristig gefährlichen Auswirkungen sein könnte, belegen die neuen Zahlen zur Verteilung der Vermögen in Deutschland. Den reichsten zehn Prozent der Bundesbürger gehören über zwei Drittel aller Privatvermögen im Lande, schätzt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Es geht hier um die atemberaubende Größenordnung von 7.000 Milliarden Euro. Diese Konzentration von Reichtum ist einer demokratischen, zivilisierten Gesellschaft nicht zuträglich.

    Seit den 1970er Jahren profitieren die Wohlhabenden und Reichen stärker von der wirtschaftlichen Entwicklung als die Arbeitnehmer. Damit wächst der Abstand zwischen Arm und Reich. Dieser Befund ist bekannt. Die neuen Zahlen des DIW, die auf einer Kombination aus Statistik und Schätzung für 2012 beruhen, belegen nun aber eine Verschärfung der Entwicklung. Demnach ist der Anteil der Reichen und Superreichen am gesamten Privatvermögen höher als bisher angenommen. Alleine das reichste eine Prozent der Bundesbürger kann demnach über ein Drittel des Besitzes verfügen, nicht nur über ein Fünftel, wie bisher angenommen.

    Arm und Reich gab es immer. Bevor im 19. Jahrhundert die bürgerliche Mittelschicht entstand, war die soziale Ungleichheit größer als heute. Und natürlich ermöglicht gerade eine offene, demokratische und marktwirtschaftliche Gesellschaft, dass die Erfolgreichen die Gewinne mitnehmen. Das geht allerdings nur solange gut, wie die Bürger die Verteilung von Einkommen und Vermögen allgemein akzeptieren.

    Ist das heute noch so? Zweifel sind angebracht. Viele Menschen meinen zu spüren, dass die Verhältnisse ungerechter werden. Es wäre an der Zeit, dass die Politik darauf reagiert. Angesichts der am oberen Ende der Vermögensskala vorhandenen Summen spricht nichts dagegen, die Steuern auf große Erbschaften, Kapitalerträge und Immobilien zu erhöhen. Bedarf für öffentliche Investitionen gibt es genug. Legen die Regierungen an diesem entscheidenden Punkt die Hände weiterhin in den Schoss, könnten später heftige Erruptionen die Folge sein.

  • Aufsprengen, aufflexen, aufbrechen

    Die Deutsche Bahn schützt ihre Fahrkartenautomaten mit Farbbömbchen. Großer Schaden durch organisierte Diebesbanden.

    Wenn Passanten auf der Straße mit bunter Farbe bespritzte Leute begegnen, könnte es sich um Diebe handeln. Denn die Deutsche Bahn sichert ihre Fahrkartenautomaten nun in großem Stil mit kleinen Farbkanistern. Bricht ein Verbrecher den Automaten auf und will sich das Fach mit den Geldscheinen unter den Nagel reißen, versprüht das Gerät violette oder auch grüne Farbpartikel. Damit werden die Scheine eingefärbt und sind hinterher nicht mehr verwendbar. Aber auch die Täter sind mit dem hartnäckig haltenden Pigmenten gekennzeichnet. „Die Klamotten können sie wegwerfen“, sagt der bei der Bahn für die Sicherheit zuständige Vorstand Gerd Neubeck.

    Die hartnäckig haftende Farbe ist überdies mit einer DNA versehen, die den Täter eindeutig mit einer Attacke auf einen Automaten in Verbindung bringt. Nötig wird die Aufrüstung durch die hohen Schäden, die vor allem Banden der Bahn beibringen. „Wir haben seit etlichen Jahren mit den Angriffen Krimineller auf Fahrkartenautomaten ein Problem“, erläutert Neubeck. Zwischen 2011 und 2013 verdoppelte sich die Zahl der aufgebrochenen Geräte auf 560. Im letzten Jahr sorgte verstärkte Bleche oder mehr Videoüberwachung zwar wieder für einen Rückgang auf knapp 400 Fälle. Doch den Schaden daraus beziffert die Bahn auf 6,7 Millionen Euro.

    Dagegen bleibt die Beute meist bescheiden. Ein geschnappter Serientäter wurden vor Gericht 36 Aufbrüche nachgewiesen. An 30.000 Euro kam der Kriminelle so heran. Der an den Automaten verursachte Schaden belief sich dagegen auf 800.000 Euro. Dafür habe das Gericht den Mann zu vier Jahren Haft verurteilt, berichtet Bernd Stöberl, der für die Bundespolizei die Ermittlungen koordiniert. „In der Regel gehen die Täter mit roher Gewalt vor“, berichtet der Polizist, die Automaten würden aufgesprengt, aufgeflext oder aufgebrochen. Und es sind nach Erkenntnissen der Ermittler organisierte Banden, die sich dieses Geschäftsfeldes annehmen.

    Nun werden vor allem in den Brennpunkten des kriminellen Geschehens Automaten mit Farbkanistern ausgestattet, die bei bestimmten Ereignissen wie großen Erschütterungen für eine unbrauchbare Beute sorgen und die Täter kennzeichnen. Da wird es für Zeugen leicht, sich die von der Bahn ausgelobte Belohnung von 2.500 Euro für einen dingfest gemachten Aufbrecher zu holen. „Solche Belohnungen haben wir auch schon ausgezahlt“, versichert Neubeck.

    „Wir erhoffen uns damit einen Abschreckungseffekt“, sagt der für die Automaten zuständige Leiter der Bahn, Bernd Rattey. Immerhin erzielt das Unternehmen mehr als ein Viertel seinen Verkehrsumsatzes mit diesen Geräten. Ärgerlich ist die Zerstörung vor allem in ländlichen Regionen, wo die Fahrgäste keine Alternative für den Fahrscheinkauf am Bahnhof vorfinden. Sie dürfen allerdings auch ohne Ticket in den Zug einsteigen und dort bezahlen. Die Zugbegleiter können online feststellen, ob der Automat am Einsteigebahnhof tatsächlich nicht mehr funktioniert.

  • Hunderttausende holen sich Kreditgebühren zurück

    Seit Jahresanfang können nur noch Gebühren ab dem Jahr 2012 zurückgefordert werden. Im Jahresverlauf könnte der BGH weitere Entscheidungen zugunsten der Kunden fällen.

    Banken, Volksbanken und Sparkassen zahlen derzeit offenkundig Hunderttausenden Kreditkunden zu Unrecht erhobene Gebühren zurück. Anlass ist ein Urteil des Bundesgerichtshofes (BGH) vom vergangenen Sommer. Der BGH hat entschieden, dass Bearbeitungsgebühren bei der Darlehensvergabe nicht erhoben werden dürfen.

    Das hat nun eine Welle von Rückforderungen ausgelöst. Beim Ombudsmann der privaten Banken sind bis Ende 2014 über 100.000 Eingaben dazu eingegangen. In einem normalen Jahr erreichen die Schlichtungsstelle bis zu 7.000 Schreiben von Kunden. Allein am 29. Dezember landeten 30.000 Einschreiben im Postfach des Schlichters. Denn mit diesem Verfahren wurde eine sonst am Jahresende eintretende Verjährung der Forderungen unterbrochen. Das Online-Portal Finanztip.de berichtet, dass ihr Musterschreiben für Bankkunden drei Millionen Mal heruntergeladen wurde.

    „Die Eingaben müssen nun geprüft werden“, sagt Tanja Beller, Sprecherin des Bundesverbands deutscher Banken (BdB), Tanja Beller. Angesichts der hohen Zahl bittet der Verband die Betroffenen um Geduld. So habe erst die Hälfte der Zuschriften mit einer Eingangsbestätigung beantwortet werden können. „Wenn man per Mail oder Brief an die Schlichtungsstelle geschickt hat, ist die Verjährung auch ohne diese Bestätigung gehemmt“, versichert Beller.

    Viele Leser berichten von Schwierigkeiten mit der Rückvergütung oder haben ablehnende Antworten ihrer Bank erhalten. Deshalb folgen hier die wichtigsten Fragen und Antworten zu den am häufigsten genannten Problemen.

    Wer kann heute noch zu Unrecht erhobene Bearbeitungsgebühren von seiner Bank zurückfordern?

    Zum Jahresende 2014 sind alle Forderungen aus den Jahren 2011 und davor verjährt. Sofern die Verjährung nicht durch eine Erklärung der Bank gehemmt wurde, oder bereits eine Klage läuft oder der Ombudsmann der Privatbanken eingeschaltet wurde, gehen die Kunden leer aus. Das gilt auch, wenn eine Forderung rechtzeitig an die Bank gestellt wurde, diese sich aber stur stellte und fälschlich auf eine bereits eingetretene Verjährung verwies.

    Dürfen auch Gebühren zurückgefordert werden, die bei der Vergabe von Förderkrediten berechnet wurden?

    Generell bezog sich der BGH in seiner Entscheidung vom letzten Sommer auf Privatdarlehen. KfW-Baukredite werden staatlich gefördert, sind also Förderkredite, die von dem Urteil nicht berührt werden. Doch ganz klar ist dies noch nicht. Hat eine Landes- oder Investitionsbank das KfW-Darlehen ausgereicht, sieht die Stiftung Warentest wenig Hoffnung. „Wahrscheinlich gibt es keine Chance auf Erstattung“, glauben deren Experten. Hat eine Bank oder Sparkasse ein gefördertes Darlehen vergeben, sieht es womöglich anders aus. Nach mehreren unterschiedlichen Gerichtsurteilen muss der BGH einen Grundsatz bestimmen, was vermutlich noch in diesem Jahr der Fall sein wird. „Ich wage keine Prognose über das Ergebnis“, dämpft der Bankexperte der Stiftung, Christoph Herrmann, hohe Erwartungen. Sollten die höchsten Richter zugunsten der Kunden entscheiden, können sie danach auch Gebühren bei KfW-Krediten zurück verlangen.

    Wie steht es um Gebühren, die für die Wertermittlung von Grundstücken bei Immobilienkrediten berechnet wurden?

    Diese Gebühren wurden bereits durch frühere Urteile des BGH für unrechtmäßig erklärt. Auch hier gilt aber, dass vor 2011 oder zuvor entstandene Rückforderungsansprüche mittlerweile verjährt sind. Spätere Zahlungen dafür können die Kunden zurückfordern. „Das darf nicht auf den Kunden abgewälzt werden“, versichert Herrmann.

    Gilt die BGH-Entscheidung zu den Bearbeitungsgebühren auch für zweckgebundene Kredite?

    Das Urteil umfasst alle Privatkredite, also auch den Auto- oder den Immobilienkredit.

    Wie gehen Kunden vor, die noch berechtigte Rückzahlungsansprüche geltend machen wollen?

    Mit Hilfe von Musterschreiben, die zum Beispiel auf dem Webportal www.finanztip.de angeboten werden, wird von der Bank zunächst eine Erstattung gefordert. Zahlt die Bank nicht, bietet sich eine Eingabe beim Ombudsmann der privaten Banken an. Damit wird die Verjährung unterbrochen. Kommt es zu keiner Einigung mit der Bank, hilft nur eine Klage. Da kann es sich lohnen, einen Rechtsanwalt einzuschalten.

  • „Der Mindestlohn darf nicht steigen“

    Ökonom Clemens Fuest begründet, warum eine Revision der griechischen Reformen und ein Schuldenschnitt falsch wären

    Hannes Koch: Die neue griechische Regierung hat die Privatisierung des Hafens von Piräus gestoppt. Nachvollziehbar: Warum soll man Anlagen verkaufen, die Jahr für Jahr Gewinne zugunsten des Staates erwirtschaften können?

    Clemens Fuest: Die umgekehrte Frage muss man stellen – warum erscheint es notwendig, dass der Staat Hafenanlagen betreibt? Öffentliche Betriebe zu privatisieren ist sinnvoll, wenn sie dann effizienter geführt werden. Ein solches Geschäft lohnt sich für den Staat, wenn der Verkaufserlös höher ausfällt als der Verlust der bisherigen Einnahmen.

    Koch: Ein Beispiel aus Deutschland – der Hamburger Hafen ist profitabel und etwa zur Hälfte in Staatsbesitz. Warum drängt die EU darauf, eine ähnlich vorteilhafte Lösung in Athen zu unterbinden?

    Fuest: Was in einem Land gut funktioniert, klappt in einem anderen nicht unbedingt. Und es besteht ein grundlegender Unterschied zwischen Deutschland und Griechenland. Berlin brauchte keine Bürgschaften anderer Länder, um seinem Bankrott zu entgehen. Für die Hilfe muss Athen bestimmte Bedingungen erfüllen.

    Koch: Regierungschef Alexis Tsipras hat außerdem die geplante Privatisierung der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft angehalten. Wie beurteilen Sie das?

    Fuest: Genauso wie beim Hafen. Die griechische Regierung verletzt demonstrativ die Vereinbarungen mit der europäischen Troika.

    Koch: Der griechische Mindestlohn 2012 wurde gekürzt. Nun soll er wieder steigen. Ist das angesichts des niedrigen Niveaus von 3,35 Euro pro Stunde nicht verständlich?

    Fuest: Nein, die Produktivität der griechischen Arbeitnehmer ist so niedrig, dass der Mindestlohn sinken musste. Weil die Beschäftigten vergleichsweise wenig erwirtschafteten, war es nötig, die Arbeitskosten zu drücken. Diese Analyse ist noch immer richtig.

    Koch: Was halten sie davon, dass Regierungschef Tsipras gekündigte Beamte wieder einstellen will?

    Fuest: Das ist leider eine Tradition in Griechenland. Vor den Wahlen versprechen Politiker, Stellen im öffentlichen Dienst zu schaffen und dadurch die Einkommen ihrer Anhänger zu erhöhen. Das ist keine gute Praxis.

    Koch: Griechenland muss über zehn Prozent seiner Staatseinnahmen für Schuldzinsen aufwenden. Rechtfertigt eine solche Belastung die Forderung nach einem Schuldenschnitt?

    Fuest: Tatsächlich zahlen muss Griechenland gegenwärtig ja nicht. Aber mittelfristig werden die Zinsen natürlich fällig. Dann werden sie laut Vereinbarung jedoch nur etwas mehr als vier Prozent der Wirtschaftsleistung betragen. Das ist immer noch eine hohe Belastung, mehr als beispielsweise Deutschland tragen muss. Weitaus weniger freilich, als die Finanzierung über die internationalen Finanzmärkte kosten würde. Die Bedingungen des europäischen Hilfsprogramms sind günstig.

    Koch: Wäre es sinnvoll, die Zinszahlungen und Rückzahlungsfristen zu strecken?

    Fuest: Jetzt nicht, aber man sollte es nicht für alle Zukunft ausschließen. Die Reihenfolge ist wichtig: Erst muss Griechenland die vereinbarten Reformen durchführen, die Privatisierungen umsetzen, den Mindestlohn nicht erhöhen, keine gekündigten Beamten wieder einstellen. Dann kann man über Erleichterungen bei den Schulden reden.

    Koch: Soll Europa hart bleiben und notfalls den Austritt Griechenlands aus dem Euro-Raum riskieren?

    Fuest: Wenn die griechische Regierung so weiter macht, ist das unausweichlich.

    Ökonom Clemens Fuest (Jg. 1968) leitet das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim.

  • Gewinnen und teilen

    Kommentar zu Apple von Hannes Koch

    Gegen hohe Gewinne erfolgreicher Unternehmen ist nichts einzuwenden. Auch die 16 Milliarden Euro Quartalsprofit des Elektronikriesen Appel sind ein Ausdruck dessen, dass es der Firma und ihren MitarbeiterInnen gelingt, Produkte herzustellen, die viele Verbraucher gerne kaufen. So betrachtet kann man Apple gratulieren, dass der Konzern aus Kalifornien seit Jahrzehnten Geräte und Dienstleistungen auf den Markt bringt, die neue Bedürfnisse wecken und erfüllen. Der Online-Musik-Verkauf iTunes und das iPhone sind Beispiele für den Erfindungsreichtum der Apple-Leute.

    Geschäftlicher Erfolg darf aber keine Rechtfertigung dafür darstellen, dass Unternehmen sich über die Interessen der Allgemeinheit hinwegsetzen, die beispielsweise in Steuergesetzen niedergelegt sind. Wenn Apple sich mittels windiger internationaler Firmenkonstruktionen weigert, einen fairen Anteil seines Gewinns in Form von Steuern für öffentliche Aufgaben zur Verfügung zu stellen, widerspricht dies staatsbürgerlicher Ethik. Und trotz horrender Gewinne den Produktionsarbeitern in aller Welt Löhne zu verweigern, mit denen diese ihre Familien vernünftig unterhalten können, ist unmoralisch. Profit bleibt nur legitim, wenn er angemessen geteilt wird.

  • Kein Spiegel der Weltgesellschaft

    Kommentar zum Weltwirtschaftsforum 2015 von Hannes Koch

    Das Weltwirtschaftsforum in Davos wird nicht unwichtiger, wie es seine Kritiker gerne behaupten. In diesem Jahr waren mehr Staats- und Regierungschefs da als 2014 – über 40. Erstaunlich für eine private Veranstaltung, die nur einen Diskussionsrahmen bieten will, um „die Welt besser zu machen“. Organisator Klaus Schwab war so von seinem Erfolg überzeugt, dass er den Kongress einen „wirklichen Spiegel der Weltgesellschaft“ nannte. Das jedoch stimmt nicht.

    Amerikaner und Engländer haben traditionell ein starkes Übergewicht in Davos, wobei die Chinesen aufholen. Frauen werden speziell eingeladen, damit überhaupt welche da sind. Fast gar keine Stimme beim WEF haben die Milliarden Menschen, die arm sind oder leidlich über die Runden kommen. Diesen Mangel können die wenigen Organisationen der Zivilgesellschaft, die das Forum kooptiert, nicht wettmachen. Zwar hat sich die Veranstaltung geöffnet. Kritiker der herrschenden Politik werden immerhin eingeladen – allen voran in diesem Jahr die aus Uganda stammende Oxfam-Geschäftsführerin Winnie Byanyima. Die Anliegen, die solche Leute vertreten, werden beim WEF allerdings nicht hegemonial. Sie sind Zierde, Beiwerk, allenfalls ein interessanter Gedanke oder moralischer Appell. Denn die Hauptrichtung der Diskussionen bestimmen die Unternehmer, Banker, Konzernchefs, Investoren und Ökonomen, für die das Forum ursprünglich gemacht wurde. In Davos gibt es für jedes Problem der Welt eine Lösung, mit der man Geld verdienen kann. Andere Regelungsmechanismen als der Markt werden häufig nicht ernstgenommen.

    Mittlerweile will das WEF den Schritt tun vom Reden zum Handeln. Man bietet sich der Politik als Helfer an. Wegen der Schlagseite zur Wirtschaft könnte das jedoch auf eine gefährliche Privatisierung von Politik hinauslaufen. Diskussionen – bitte schön. Entscheiden und umsetzen sollten dann aber die demokratisch gewählten Regierungen, von denen man verlangen kann, dass sie sich von Wirtschaftsinteressen abgrenzen.

  • Die neuralgischen Punkte von Davos

    Die Umverteilungsdebatte hat das Weltwirtschaftsforum berührt, aber nicht wirklich geführt

    Das rote Plastikarmband will nicht schließen. Vielleicht hätte die Schweizer Bank UBS doch etwas mehr Geld für das kleine Geschenk ausgeben müssen. Schließlich aber rastet der Mechanismus ein, und wird von nun an aufzeichnen, wieviele Kilometer der Korrespondent beim diesjährigen Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos zu Fuß zurücklegt. Von Zeit zu Zeit vibiriert es am Handgelenk. Dann ist klar, dass man wieder an einem der unsichtbaren Kontrollcomputer vorbeigekommen ist.

    Mit dieser Aktion tut die UBS Gutes. Für jede sechs Kilometer, die eines der roten Armbänder durch die Gänge und Säle des Kongresszentrums in dem Schweizer Bergort transportiert wird, schenkt die Bank einem Schulkind in Südafrika ein Fahrrad. Die Idee der Kooperation mit der Organisation World Bicycle Relief (Weltfahrradhilfe): Kinder auf den Dörfern sollen leichter zu den oft weit entfernten Schulen kommen und dann besser lernen.

    So ist das WEF in Davos. Weltkonzerne machen Werbung mit ihrer Wohltätigkeit. Beidem scheint gedient, dem Unternehmen und dem Fortschritt. Solche Aktionen passen gut zum Anspruch des Forums „den Zustand der Welt zu verbessern“. Wer jedoch die freundliche Mitarbeiterin am UBS-Stand im Kongresszentrum fragt, warum der Konzern mit seiner Bilanzsumme von 1.000 Milliarden Schweizer Franken nicht einfach allen südafrikanischen Schulkindern ein Rad schenkt, bekommt eine ausweichende Antwort.

    So wurde auch beim WEF 2015 wieder klar, dass die Veranstaltung ihre Grenzen hat. Zwar laden die Organisatoren mittlerweile Kritiker ein. In diesem Jahr saß Winnie Byanyima, die Geschäftsführerin der Menschenrechtsorganisation Oxfam sogar im Vorstand des WEF. Und doch sind die zivilgesellschaftlichen Organisationen stark unterrepräsentiert. In den Debatten dominiert fast immer der Blick der Wirtschaft: Auf welchem Markt kann man wieviel Geld verdienen?

    Ein gutes Beispiel dafür war in den vergangenen Tagen das Thema der zunehmende Ungleichheit zwischen Arm und Reich. Kurz vor dem Forum publizierte Oxfam einen neuen Bericht: Demnach besaßen die 80 reichsten Personen der Erde 2014 mehr Kapital als die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Eine erstaunliche Zahl – damit hatten die Menschenrechtsorganisation und das WEF zusammen das Thema in der Öffentlichkeit besetzt.

    Hinter den Türen des Kongresses haben die Debatten dann aber meist eine Schlagseite. Die Frage bei der Veranstaltung über „Inklusives Wachstum im digitalen Zeitalter“ formulierte Moderatorin Gillian Tett von der Financial Times so: „Was machen die Arbeitskräfte, wenn in den kommenden Jahrzehnten fast die Hälfte der Stellen in den USA durch den Einsatz neuer Kommunikationstechnologien wegfällt?“ Die gängige Antwort: Gute Schulen müssten die Kinder und Jugendlichen besser auf die Berufe vorbereiten und Einrichtungen für lebenslanges Lernen die Beschäftigten begleiten.

    Weiter kommt die Analyse selten. Woher soll das Geld stammen? Ist es vielleicht ratsam, die Steuern zu erhöhen? Könnte man Subventionen für Unternehmen kürzen? Über Umverteilung öffentlicher oder privater Mittel zugunsten Benachteiligter will das Wirtschaftspublikum jedoch nicht nachdenken. Das ist der neuralgische Punkt, weil er jenseits der Logik des Marktes liegt. Als Moderatorin Tett die Zuhörer in ihrer Veranstaltung fragte, waren die Handzeichen eindeutig: Ja, die Mehrheit rechnet mit weiter zunehmender Ungleichheit auch in den Industrieländern.

    Ein anderer wunder Punkt ist nicht ganz so beständig, begleitet das WEF aber auch schon länger. Die von der Bundesregierung in Europa durchgesetze Sparpolitik hat in Davos wenige Anhänger. Das war bereits während der Finanzkrise so – und mag mit der großen Zahl der anwesenden Ökonomen und Manager aus Großbritannien und Nordamerika zu tun haben, die einer eher pragmatischen Wirtschaftspolitik zuneigen.

    So wurde Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, am Donnerstag von einer Davoser Mehrheit unterstützt, die sein geplantes Anleihekaufprogramm in Höhe von 1,1 Billionen Euro begrüßte. Für diese Stimmung sprach beispielsweise Nariman Behvaresh, Chefökonom der Wirtschaftsanalysefirma IHS: „Die USA, Großbritannien, Kanada und Japan haben solche Programme ebenfalls aufgelegt. Sie sind gut damit gefahren und haben ein höheres Wirtschaftswachstum ausgelöst als der Euroraum.“ Behvaresh plädierte außerdem dafür, dass es nicht bei dem geldpolitischen Stimulus bleiben dürfe. Hinzukommen müsse noch „etwas mehr Flexibilität bei den Maastricht-Zielen. Verschuldete Euro-Staaten hätten dann zusätzliche Zeit, um ihre Haushalte in Ordnung zu bringen. Auch dadurch würden mehr Mittel zur Verfügung stehen, um etwas für das Wachstum zu tun.“

    Andere wie Lawrence Summers, Finanzminister von US-Präsident Bill Clinton und Berater von Barack Obama, gingen weiter und forderten, die europäische Sparpolitik komplett zu revidieren. Stattdessen müssten die Euro-Staaten gegenwärtig mehr Geld ausgeben, um Nachfrage zu schaffen, Wachstum und Arbeitsplätze zu fördern und die deflationären Tendenzen zurückzudrängen.

    Finnlands liberalkonservativer Regierungschef Alexander Stubb gehörte dagegen zur Minderheit. „Was die EZB tut, werden wir mit einem Lächeln willkommen heißen“, kommenierte er Draghis Anleihekauf-Programm. Auch der niederländische Premierminister Mark Rutte äußerte sich kritisch, und natürlich Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Rede im großen Saal des Kongresszentrums. In Anspielung auf die Entscheidung der Zentralbank sagte sie, dies sei eine Geldpolitik des „Zeitkaufens“. Die im Euroraum vereinbarte Spar- und Konsolidierungspolitik, sowie die „Strukturreformen“ müssten weitergehen. Die Maßnahmen der EZB dürften „nicht davon ablenken, dass die eigentlichen Wachstumsimpulse durch die Politik gesetzt werden müssen, und auch gesetzt werden können“.

    Eines der umstrittenen Themen für das nächste Weltwirtschaftsforum im Januar 2016 ist damit schon klar. Dann wird man sich darüber streiten können, ob Draghis Programm dazubeigetragen hat, die Deflation im Euroraum zurückzudrängen und die Inflationsrate anzuheben. Auch das andere neuralgische Thema – die Ungleichheit – dürfte dem Forum erhalten bleiben.

  • Abschied der Davos-Kritiker

    Weltwirtschaftforum

    Adrian Monck war noch nie hier. Der Pressesprecher mit Anzug und Schlips sticht heraus aus der Menge der bunten Outdoorjacken und groben Pullover im Saal des etwas heruntergekommenen Hotels Montana von Davos. Diese Beerdigung aber lässt sich Monck nicht nehmen. „Sie haben gute Arbeit gemacht“, kommentiert der Brite mit stoischem Gesichtsausdruck.

    Das späte Lob des Gegners nützt dem Public Eye (öffentliches Auge) auch nichts mehr. Die Globalisierungskritiker verleihen ihren Negativpreis für unverantwortliche Konzerne anlässlich des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos zum letzten Mal. Nach fünfzehn Jahren ist an diesem Freitag Schluss. Der Managergipfel WEF, gegen den sie immer angerannt sind, macht aber weiter – mit mehr Publikum, mehr Geld und mehr Aufmerksamkeit. Die Staatspräsidenten drängeln sich, um im schicken Kongresszentrum eine Rede halten zu dürfen. Adrian Monck als Sprecher des WEF ist zufrieden und jovial: „Wir finden es nicht gut, dass niemand mehr in Davos protestiert.“

    Zur Abschlussveranstaltung bieten die Kritiker nochmal alles auf. Der Saal mit Stuckdecke ist voll, die wackeligen Stühle reichen nicht aus. Man hat internationale Protestprominenz eingeflogen. Aus den USA sind The Yes Men da, zwei Polit-Satiriker, die in die Identität von Konzernschef schlüpfen, um deren Handeln überspitzend zu entlarven. Sven Giegold, Gründer der einstmals einflussreichen Globalisierungskritiker-Organisation Attac und jetziger EU-Abgeordneter der Grünen, hält eine Rede zum An- und Nachdenken. Und die letzte Auszeichnung als miesestes Unternehmen aller Zeiten erhält Chevron, der Ölkonzern, dem Umweltschützer die Zerstörung unberührten Urwalds in Ecuador vorwerfen.

    Mit dem Abschied des Public Eye aus Davos wird ein Kapitel im weltweiten Kampf um Gerechtigkeit geschlossen. In den 2000er Jahren existierte ein scharfer Gegensatz. In Davos tagte alljährlich der Managergipfel der Milliardäre, der ökonomischen Elite, der Konzerne, die aus den Industriestaaten in die Welt hinauszogen, die Arbeitsplätze mitnahmen und Arbeitslosigkeit zurückließen. Im brasilianischen Porto Alegre versammelte sich das Weltsozialforum der Bürgerinitiativen, Gewerkschaften und Ökologen, als deren politischer Verwandter das Public Eye in Davos agierte. Für das öffentliche Anprangern von Umweltsünden, unmenschlichen Arbeitsverhältnissen und Korruption in den weltweiten Zulieferfabriken schien der Wirtschaftskongress von Davos ein guter Ort. Beim WEF versuchte man immer angestrengt, die Netzbeschmutzer zu ignorieren. Funktioniert hat das nicht, wie Moncks lobender Kommentar erkennen lässt.

    Nun aber geht den Kritikern die Puste aus. Auch wenn Public-Eye-Sprecher Oliver Classen das anders sehen will: „Dass ist keine Niederlage, sondern ein Sieg.“ Politik-Professor Claus Leggewie betrachtet die Entwicklung etwas distanzierter: „Die globalisierungskritische Bewegung hat ihren außerparlamentarischen Elan verloren. Das ist das normale Schicksal vieler sozialer Protestbewegungen. Einige der früheren Aktivisten bekleiden heute Regierungsämter und versuchen ihre Forderungen im Rahmen der bestehenden Institutionen durchzusetzen.“

    Aber wieso spricht Classen von einem „Sieg“? „Wir haben dazu beigetragen, die Verantwortung der Unternehmen für Ökologie und Menschenrechte zum öffentlichen Top-Thema zu machen“, sagt er. Stimmt: Kein westlicher Konzern kommt heute ohne einen Verhaltenskodex aus, in dem er beschreibt, wie gut er seine Leute überall auf der Welt behandelt. Manches davon ist gelogen, aber kein Unternehmen lässt sich gerne dabei erwischen, dass die NäherInnen in Pakistan 80 Stunden wöchentlich arbeiten, während es offiziell nur 60 sein sollen. Durch Organisationen wie Public Eye haben die Verbraucher dazugelernt, und damit auch die Firmen. „Ein Erfolg besteht gerade darin, dass sich Unternehmen im Norden wie im Süden reformiert und Nachhaltigkeitsziele aufgenommen haben“, sagt Leggewie.

    Das reicht den Public Eye-Leuten jedoch nicht. Sie legen ihr Erbe nun in die Hände der „Volksinitiative für verantwortungsvolle Konzerne“. Diese wird von 50 Organisationen getragen und soll per Plebiszit ein neues Schweizer Gesetz zustandebringen. Darin würde geregelt, dass einheimische Unternehmen ab einer bestimmten Größe Sorge tragen müssen für die Einhaltung der sozialen und politischen Menschenrechte in ihren weltweiten Produktionsketten. Verstießen sie dagegen, wären sie in der Schweiz haft- und strafbar. In den Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte der Vereinten Nationen ist diese Sorgfaltspflicht schon niedergelegt. Doch die Konzerne setzen sie oft nicht um. Deshalb wäre es ein Quantensprung, Firmen mit einem nationalen Gesetz tatsächlich dafür verantwortlich zu machen, was sie im Ausland tun.

    Public-Eye-Sprecher Classen sagt: „Nun heben wir die alte Kernforderung des Public Eye nach rechtlich verbindlichen Sorgfaltspflichten auf die politische Ebene. Die Schweizer Volksinitiative bedeutet eine nachholende Globalisierung der Politik.“ Aber auch einen Rückzug von der internationalen auf die nationale Ebene. Was ist mit den anderen Ländern, Deutschland zum Beispiel? Volksinitiativen gibt es nördlich des Bodensees nicht. Und der Nationale Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Prinzipien, den die Bundesregierung in Berlin verhandelt, wird kaum gesetzliche Kraft erhalten. Der Abschied des Public Eye als Initiative der Weltzivilgesellschaft hinterlässt eine Lücke.

    Aber EU-Abgeordneter Giegold hat zumindest eine Idee: „Wir bräuchten jetzt ein Public Eye on G20.“ Die Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer ist während der Finanzkrise ab 2007 verstärkt in Aktion getreten, um eine bessere Regulierung des internationalen Finanzsystems anzuschieben. Die Regierungen, darunter auch die in Berlin, haben damit Boden gegenüber den transnationalen Konzernen zurückgewonnen. Es ist der Versuch der politischen Steuerung der ökonomischen Globalisierung. „Diesen neuen Ort hat die Zivilgesellschaft aber noch nicht richtig entdeckt“, so Giegold.

  • „Mehr Flexibilität bei Maastricht“

    Anleihekaufprogramm der EZB reiche nicht aus, sagt Ökonom Behravesh beim WEF in Davos

    Hannes Koch: Halten Sie das Anleihekaufprogramm, das die EZB am Donnerstag verkündet hat, für eine gute Entscheidung?

    Nariman Behravesh: Ja. Die USA, Großbritannien, Kanada und Japan haben solche Programme ebenfalls aufgelegt. Sie sind gut damit gefahren und haben ein höheres Wirtschaftswachstum ausgelöst als der Euroraum.

    Koch: Wie wirken solche Maßnahmen genau?

    Behravesh: Wenn die Notenbanken den privaten Banken Anleihen und andere Wertpapiere zu günstigen Konditionen abkaufen, verfügen letztere über mehr Geld. Damit können sie zwei Dinge tun: Erstens haben sie etwas mehr Zeit, um ihre Bilanzen zu reparieren und faule Kredite auszugleichen. Zweitens werden sie vermutlich mehr Kredite an Bürger und Unternehmen ausgeben, was die wirtschaftliche Dynamik steigert und Arbeitsplätze schafft.

    Koch: EZB-Präsident Mario Draghi hat angekündigt, bis September 2016 jeden Monat Staats- und Privatanleihen im Wert von 60 Milliarden Euro zu kaufen. Halten Sie das für ausreichend?

    Behravesh: Das Gesamtvolumen von gut einer Billion Euro liegt in der richtigen Größenordnung. Etwa um diese Summe ist die ja Bilanz der Europäischen Zentralbank in den vergangenen zwei Jahren geschrumpft. Alles andere wäre zu konservativ und würde die Geldmenge nicht so steigern, wie es nötig ist.

    Koch: Aber das erfolgreiche Anleihekauf-Programm in den USA war unbegrenzt.

    Behravesh: Richtig. Ob die EZB mit ihrem begrenzten Programm die deflationäre Tendenz stoppt, müssen wir abwarten.

    Koch: Sollten die EU-Kommission und die nationalen Regierungen das Programm nun durch weitere Maßnahmen unterstützen?

    Behravesh: Sie sollten etwas mehr Flexibilität bei den Maastricht-Zielen walten lassen. Verschuldete Euro-Staaten hätten dann zusätzliche Zeit, um ihre Haushalte in Ordnung zu bringen. Auch dadurch würden mehr Mittel zur Verfügung stehen, um etwas für das Wachstum zu tun.

    Koch: Ist es nötig, ein zusätzliches europäisches Investitionsprogramm aufzulegen?

    Behravesh: Nein, die EU plant bereits, Investitionen mit rund 300 Milliarden Euro anzuschieben. Das sollte reichen. Die USA und Großbritannien haben ihre Anleihekauf-Programme ebenfalls nicht mit großen zusätzlichen Investitionsprogrammen kombiniert. Trotzdem haben sie gewirkt.

    Koch: Wie ist die Stimmung zum Programm hier in Davos?

    Behravesh: Die meisten Leute befürworten den Plan der Europäischen Zentralbank grundsätzlich. In der Kritik daran stehen die Deutschen zusammen mit den Niederländern und einigen anderen Regierungen ziemlich alleine da.

    Nariman Behravesh ist Chefökonom der Wirtschaftsanalyse-Firma IHS aus Colorado/USA.

  • Die ökonomischen Empfehlungen aus Davos

    Was die Regierungen tun sollten, wenn die beim Weltwirtschaftsforum versammelten Experten das Sagen hätten

    Man möge sein Wort beim diesjährigen Weltwirtschaftforum in Davos nicht auf die Goldwaage legen, schickte David Rubenstein vorweg. Der Chef der US-Beteiligungs- und Investmentfirma Carlyle Group räumte ein, dass er 2014 an gleicher Stelle ziemlich danebengelegen habe. Weder habe er die Tendenzen zur Deflation beispielsweise in Europa vorausgesehen, noch mit dem inzwischen halbierten Ölpreis und dem nachlassenden Wachstum in den Schwellenländern gerechnet.

    Mit diesem Bekenntnis begann am ersten Tag des Weltwirtschaftsforums 2015 die Debatte über die ökonomischen Probleme und ihre mögliche Lösung. Besonders trieben die Manager und Investoren, Ökonomen und Politiker diese Themen um: Das schwache oder abnehmende Wachstum in Europa und einigen Schwellenländern wie Russland und Brasilien, auf das der internationale Währungsfonds soeben aufmerksam gemacht hat, die erwartete Reaktion der Europäischen Zentralbank auf die niedrige Inflationsrate und die hohe Arbeitslosigkeit in Staaten wie Spanien und Italien. An Empfehlungen an die Adresse der Regierungen mangelte es nicht.

    Anleihekaufprogramm
    Carlyle-Chef Rubenstein bezeichnete die Gefahr der Deflation in Europa als „ernstes Problem, denn man kommt nur schwer wieder heraus“. Er signalisierte damit seine Unterstützung für das Programm der „quantitativen Ausweitung“, das die Europäische Zentralbank (EZB) möglicherweise am Donnerstag bekanntgibt. Viele Beobachter erwarten, dass die EZB zusammen mit den Nationalbanken der Euro-Staaten beginnen wird, Staatsanleihen und andere Wertpapiere aufzukaufen. Damit wollen die Zentralbanker den Geschäftsbanken Geld zur Verfügung stellen, um diese zur Kreditvergabe an Unternehmen und Bürger zu animieren. Das soll auch zu Preiserhöhungen auf den Märkten beitragen, damit sich die ökonomisch gefährlichen Tendenzen zu sinkenden Preisen nicht verfestigen.

    Min Zhu, Vizedirektor des Internationalen Währungsfonds (IWF) bezeichnete das erwartete Programm der EZB als notwendig. Es werde mit einem Paket von 750 Milliarden Euro gerechnet, sagte Deutsche Bank-Chef Anshu Jain. Auch Axel Weber, früher Chef der Bundesbank und gegenwärtig Verwaltungsratsvorsitzender der Schweizer Bank UBS, ging in der Diskussionsveranstaltung am Mittwochmorgen davon aus, dass die Zentralbank die Maßnahmen ergreift. Allerdings gab sich Weber skeptischer. Er warnte, dass EZB-Mario Draghi nur wieder „Zeit kaufe“, wenn die Regierungen nicht endlich Reformen für mehr Wachstum und Arbeitsplätze einleiteten. „Sie sollte nicht zuviel machen“, empfahl Weber der EZB.

    Arbeitsmarkt
    Unter anderem Weber argumentierte, dass die Beinahe-Stagnation und hohe Arbeitslosigkeit in Europa nicht in erster Linie geldpolitische Ursachen habe. Vielmehr seien die „Arbeitsmärkte verschlossen“. Die Politik müsse deshalb die Regulierungen reduzieren, die verhindern, dass neue Arbeitsplätze entstünden. Weber erinnerte an die aus seiner Sicht erfolgreichen Hartz-Reformen der rot-grünen Schröder-Regierung. Nur mit solchen Mitteln könne man der „strukturellen Jugendarbbeitslosigkeit“ beikommen, sagte der UBS-Manager. Auch IWF-Vizedirektor Zhu plädierte dafür, die „Arbeitsmärkte zu öffnen“.

    Investitionen
    Ein weiteres Plädoyer, das man in Davos häufig hört, ist die Forderung nach mehr Investitionen in Infrastrukturen. Damit gemeint sind Netze für den Transport von Wasser, Elektrizität, Gas, Daten und Verkehr. Viele Experten meinen, dass es egal sei, woher das Geld dafür stamme. Wenn die Staaten nicht genug aufbringen könnten, sollten sie private Investoren ins Boot holen. Die Überlegung im Hintergrund: Infrastruktur-Investitionen schaffen Nachfrage, um die Stagnation zu überwinden, sie verbessern die künftigen Wachstumsaussichten und können Privatinvestoren neue Renditemöglichkeiten eröffnen.

    Bildung
    Die wichtigste Frage der WEF-Diskussion über „Inklusives Wachstum im digitalen Zeitalter“ formulierte Moderatorin Gillian Tett von der Financial Times so: „Was machen die Arbeitskräfte, wenn in den kommenden Jahrzehnten fast die Hälfte der Stellen in den USA durch den Einsatz neuer Kommunikationstechnologien wegfällt?“ Bessere Schulen müssten die Kinder und Jugendlichen besser auf die Berufe vorbereiten, Einrichtungen für lebenslanges Lernen die Beschäftigten begleiten, lautete die überwiegende Antwort. Ajay Banga, dem Chef von Mastercard, war es vorbehalten, hier einen Zweifel zu formulieren: „Bildung allein löst das Problem der Ungleichheit nicht.“ Damit wies er daraufhin, dass durch digitale Produktionssteigerung aussortierte Beschäftigte vielleicht keinen neuen Job mehr finden, oder nur einen schlechter bezahlten. An diesem Punkt der Analyse ist aber fast immer Schluss in Davos. Über Umverteilung öffentlicher oder privater Mittel zugunsten Benachteiligter will das Wirtschaftspublikum nicht nachdenken. Als Moderatorin Tett die Zuhörer in ihrer Veranstaltung fragte, waren die Handzeichen eindeutig: Ja, die Mehrheit rechnet mit weiter zunehmender Ungleichheit auch in den Industrieländern.