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  • Grün zieht an

    Gegen den Trend: Der Umsatz der Naturtextilwirtschaft steigt.

    Schuhe aus Kork, Unterwäsche aus Hanf, rückenfreie Hochzeitskleider aus Ökostoff –  der Markt für grüne Mode wächst und hat nichts mehr zu tun mit dem Grobstrick von früher. Das zeigt sich diese Woche auf der Ethical Fashion Show in Berlin. Die Alternativ-Messe ist eine von vielen bei der Berliner Fashion-Week, die als Gipfeltreffen der deutschen Modeszene gilt.

    Immer mehr Verbraucher legen Wert auf Öko-Standards und auf Mode, die sich man auch in mehreren Jahren noch tragen kann. Der Umsatz der deutschen Naturtextilwirtschaft sei seit dem Jahr 2000 jedes Jahr im Schnitt um 5 Prozent gewachsen, sagte Heike Scheuer vom Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft am Mittwoch. Sie beruft sich auf eine Datenerhebung innerhlab ihres Verbands. Ihr Vergleich: Der Umsatz der Hersteller und Händler von konventioneller Mode in Deutschland sei im selben Zeitraum jährlich um zwei Prozent geschrumpft. Mittlerweile böten auch Ketten wie C+A oder H&M und Lebensmittelmärkte wie Aldi, Lidl oder Rewe Textilien an, die ökologischer seien als herkömmliche Ware.

    Anders als bei Biolebensmitteln, bei denen es einheitliches EU-Siegel gibt, gibt es bei der Ökomode noch keine verbindlichen Standards. Dafür zeichen rund 120 verschiedene Siegel weltweit angeblich Ökokleidung auszeichnen. Als sehr anspruchsvoll für Naturfasern gelten der Globale Organic Textile Standard, GOTS, und der IVN Best. Für Kunstfasern gilt das Bluesign-Siegel als am fortschrittlichsten. Und wer auf faire Arbeitsbedingungen wert legt, sollte zudem auf Fairtrade Cotton achten oder darauf, ob die Hersteller der Fair Wear Foundation angehören.

  • "Wir schneidern keine Mode"

    Die Augsburger Textilunternehmerin Sina Trinkwalder will „radikal regional“ produzieren.

    Interview: Hanna Gersmann
    Sina Trinkwalder, Sie schneidern Ökomode, kommen aber nicht zur Berliner Fashion Week. Sie haben Angst, dass Ihre Kollektion nicht hipp genug ist und scheuen die Konkurrenz?

    Sina Trinkwalder. Ich sehe nicht ein, viel Kohle auszugeben für einen schicken Showroom, nette Mädchen, kleine Häppchen. Wir produzieren Bekleidung, keine Mode. Mode ist das, was nach vier Wochen schon wieder out ist. Bekleidung lässt sich drei oder fünf Jahre lang tragen.

    Dort präsentiert sich aber auch ein kleines wachsendes Segment grüner Mode? Müssten Sie nicht dabei sein, um zu zeigen: es geht auch anders!

    Das ist doch alles nur hübsch, hat aber nichts mit nachhaltiger Wirtschaft zu tun. Wer sauber, sozial und ökologisch wirtschaften will, muss dort produzieren, wo die Ware gebraucht wird, und eine regionale Wertschöpfungskette aufbauen.

    Sie wollen allen Ernstes die gesamte Textilproduktion wieder nach Deutschland holen?

    Das geht.

    Im kleinen Stil vielleicht, aber im Großen?

    Wir produzieren zig Millionen Teile im Jahr. Das ist doch nicht klein. Das ist aber sowieso keine Frage der Größe, sondern eine des Willens.

    Wenn sie die Alternative zu Textilkonzernen wie H&M und Primark sein wollen, müssen Sie größer werden – werden Sie zum Beispiel eine eigene Ladenkette gründen?

    Wir sind in den letzten vier Jahren von null auf 150 Mitarbeiter gewachsen. Das ist doch schon mal eine ordentliche Nummer. Vielleicht machen wir auch mal ein paar Läden auf.

    Ihr Sortiment ist aber beschränkt. In Ihrem Online-Shop findet sich kein Herrenanzug.

    In unserem Werkverkauf bieten wir bereits hochwertige Anzüge an, aber unter öko-sozialen Bedingungen produziert. Und in zwei Monaten wird es die auch im Onlineshop geben, für bis zu 300 Euro.

    Was kostet eine Jeans bei Ihnen?
    Die Jeans kostet 79 Euro. Die kann sich jeder leisten und ist komplett in Deutschland hergestellt.

    Wie passt es zusammen, dass Sie Biobaumwolle aus Tansania und der Türkei holen, aber erklären, Ihre Produkte seien „radikal regional“.

    Die Baumwolle wächst hierzulande nun mal nicht. Das ist aber auch das einzige. Der Hanf kommt aus Bayern, an den Feldern fahre ich zweimal im Jahr vorbei. Das Leder kommt aus Bayern. Das sind Abfälle aus zwei Schlachthöfen. Die Schurwolle kommt vom Schäfer, der drei Kilometer entfernt von unserer Fabrik 600 Schafe hat. Die Reißverschlüsse werden in der Nähe von Frankfurt gemacht, die Knöpfe im Schwäbischen und der Nähfaden kommt aus dem baden-württembergischen Dietenheim.

    Frau Trinkwalder, jeder kauft ungefähr 60 Kleidungsstücke im Jahr, 30 davon werden kaum getragen. Wäre es nicht besser alte Kleider zu recyceln anstatt immer neue Stoffe zu verarbeiten?

    Jeder sollte nur kaufen, was er wirklich braucht! Wir machen bereits aus Jeans wieder Jeans. Das geht aber nur bei 100 Prozent Naturfaser. Sobald Elasthan mit in der Hose steckt – wie heute in nahezu jeder Jeans – funktioniert das nicht mehr. Dieses Plastik verstopft die Spinnmaschinen und lässt sich nicht mehr homogen färben.

    Den Textilarbeiterinnen in Südostasien, wo das Gros der T-Shirts und Hosen gemacht wird, hilft das alles nicht. Wo sind die Grenzen ihres Konzepts?
    Bei der Marktlogik und den Machtverhältnissen. In den heutigen Produktionsländern sind die Regierungen gefragt, Auflagen zu machen, und die Firmenchefs der Labels. Diese ziehen sofort weiter, wenn sie ihre Marge gefährdet sehen. Die erwarten mindestens 20 Prozent, während ich mit drei bis vier Prozent hinkomme. Da hilft auch nicht das von Entwicklungsminister Gerd Müller nach dem Einsturz der bengalischen Textilfabrik Rana Plaza ins Leben gerufene Textilbündnis. Es macht keiner mit, weil es ihm an den Geldbeutel ginge.

    Warum haben Sie in Ihrem Unternehmen keinen Betriebsrat?
    Das brauchen wir in unserer Hierarchie-freien Wirtschaft nicht. Ich habe meine Mitarbeiter selbst gefragt, warum sie sich nicht organisieren. Das können die gerne machen, aber wollen sie nicht. Wenn jeder seinen Arbeitsplatz so gestalten kann, wie er möchte, ist das gut für alle.

    Sina Trinkwalder, 36, stieg vor 4 Jahren aus der mit ihrem Mann geführten Werbeagentur aus und steckte 2 Millionen Euro in die Textilfabrik manomama in Augsburg, die ökologisch, sozial und regional verankert sein will. Sie beschäftigt Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende, Ältere, insgesamt 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die es sonst am Arbeitsmarkt schwer hätten. Der Lohn: mindestens zehn Euro pro Stunde. Trinkwalder hat Kooperationen mit Drogeriemarkt dm und den Handelsketten Edeka und Real an Land gezogen. Die Firma näht neben Bekleidung auch Stoffbeutel. Das Unternehmen machte einen Gewinn von 80.000 Euro im Wirtschaftsjahr 2013.

  • "Enten haben immer kalte Füße"

    Wie kommen Tiere durch den Winter? Mit Fett, Luft und kalten Füßen, sagt Eva Goris von der deutschen Wildtierstiftung

    Interview: Hanna Gersmann
    Eva Goris, es wird kalt in Deutschland, müssen die Wildtiere jetzt frieren?

    Eva Goris: Die tierische Überlebensstrategie im Winter heißt: viel Fett, ein Luftpolster, lange Haare und Energie sparen. Säugetiere leben von ihrer Speckschicht. Vögel verteilen das Fett von einer Drüse auf dem Hinterteil mit dem Schnabel im Federkleid. Das wirkt wasserabweisend und isoliert.

    Welche Rolle spielt Luft?  

    Eva Goris: Luftschichten zwischen den Federn wirken wie eine Isolationsschicht. Deshalb plustern sich Vögel im Winter übrigens auf – sie lagern Luft zwischen den Federn ein. Bei Fellträgern wie Reh- und Rotwild, Fuchs und Feldhase ist das Winterfell jetzt besonders lang und dicht, die einzelnen Haare haben – im Gegensatz zum Sommerfell – eine gewellte Schaftstruktur und bieten damit Platz für die Einlagerung von Luft. Unterwolle unter den langen Deckhaaren hält wie dicke Unterwäsche zusätzlich schön warm.

    Enten stehen mit nackten Füßen auf dem Eis: Kriegen die keine kalten Füße?

    Eva Goris: Enten haben immer kalte Füße! Auf dem Weg aus dem Körper nach unten in die Füße kühlt Entenblut von etwa 40 Grad auf sechs Grad ab. Und das ist gut so! Mit warmen Füssen würden die Wasservögel das Eis antauen und dann im Schmelzwasser festfrieren. Übrigens: Auch Rotwild hat im Winter kalte Füße. Herr und Frau Hirsch fahren den Stoffwechsel so weit herunter, dass die körpereigene Heizung auf Sparflamme läuft. Die Tiere verharren bewegungslos auf ihren kalten Läufen und verfallen in eine Art Winterruhe. Auch ihr Pansen ist verkleinert und fasst bis zu 60 Prozent weniger Nahrung als noch im Herbst. Familie Rothirsch sind echte Energiesparer. Spaziergänger sollten Rücksicht darauf nehmen und die Tiere nicht aufscheuchen. Denn bei der Flucht verbrauchen sie viel Energie und "Brennstoff" wie Gräser und Kräuter sind jetzt knapp.

    Eva Goris ist Pressesprecherin der Deutschen Wildtierstiftung in Hamburg.

  • Viele Bausparkassen beraten immer noch schlecht

    Bis zu 13.000 Euro Leistungsunterschied im Test. Mancher Kunde wäre wohl nie zum Eigenheim gekommen. Drei gute Institute fand die Stiftung Warentest aber auch.

    Beratungsfehler und schlechte Angebote können angehende Bausparer Tausende Euro kosten. In einem Test der Zeitschrift Finanztest fielen vier der 20 Anbieter mit der Note mangelhaft durch. Nur drei erhielten eine gute Bewertung. „Der Unterschied zwischen einer guten und schlechten Leistung einer Bausparkasse kann in unserem Modellfall mehr als 13.000 Euro ausmachen“, erläutert der Chefredakteur des Magazins, Heinz Landwehr.

    Dabei war die Aufgabe für die Berater der Bausparkassen gar nicht schwer. Die pro Institut jeweils sieben Testkunden wollten zehn Jahre lang monatlich 400 Euro einzahlen und sich anschließend mit Hilfe des Baudarlehens den Wunsch nach eigenen vier Wänden erfüllen. Doch jeder fünfte Berater schlug einen Vertrag vor, bei dem das Darlehen frühestens nach zwölf Jahren ausbezahlt werden würde. „Ein Mitarbeiter der LBS Rheinland Pfalz versuchte einem Kunden sogar einen Vertrag anzudrehen, in den dieser bis zum Jahr 2039 einzahlen müsste“, kritisiert Landwehr. Der Trick: Die Bausparsumme wird in diesen Fällen zu hoch angesetzt, weil das den Kassen mehr Provision einbringt.

    Ein weiterer Mangel ist ein häufig zu hoher eigener Sparbetrag des Kunden. Denn dann sinkt der Kreditanteil an der Bausparsumme und der Vorteil der günstigen Zinsen geht verloren. Geradezu fahrlässig ging laut Landwehr die Bausparkasse Mainz mit einem Bauherrn um. Sie bot ihm zwar den Traumzins von 1,44 Prozent an. Dafür hätte der Sparer das Darlehen aber innerhalb von vier Jahren in Monatsraten von 1.500 Euro zurückzahlen müssen, was etwa 70 Prozent seines Einkommen ausmachen würde. Schließlich mangelt es vielfach an Transparenz der Angebote. Mal werden sie auf Schmierzetteln handschriftlich zusammengefasst, mal fehlen Angaben zu den Kosten.

    Dennoch beraten die Bausparkassen ihre Kunden heute besser als bei den letzten Tests. Beim ersten vor 20 Jahren fielen noch 15 Institute durch und nur eines erwies sich als gut. Heute erhalten mit der LBS Baden-Württemberg, der LBS Ost und Wüstenrot drei Anbieter eine gute Bewertung. Mit der Aachener, der Deutsche Bank Bauspar sowie der LBS Rheinland Pfalz und der LBS West erhalten noch vier eine Note, mit der man in der Schule sitzenbleiben würde. Alle anderen Institute kamen über eine ausreichende oder befriedigende Einschätzung nicht hinaus. Die Ergebnisse veröffentlicht Finanztest in der Februar-Ausgabe des Heftes.

    Trotz der Mängel rät die Stiftung Warentest zu Bauspardarlehen als Teil der Immobilienfinanzierung. „Wir empfehlen, zumindest bei zwei Bausparkassen ein Angebot einzuholen“, sagt der Untersuchungsleiter der Stiftung, Holger Brackemann. Die Offerten sollten Informationen über den empfohlenen Tarif, die Bausparsumme, die voraussichtliche Zuteilung des Vertrags, das Guthaben und die Darlehenshöhe sowie den Tilgungsplan enthalten. Wichtig ist auch die Höhe der Auszahlung, wenn der Kunde dann doch nicht bauen will. Schließlich sollte der Berater Steuervorteile errechnen und auch die Kombination mit einem Riester-Vertrag berücksichtigen.

  • Weltwirtschaftsforum zwischen Reich und Arm

    Der Managergipfel in Davos nimmt sich der zunehmenden sozialen Spaltung an

    Manche Leute wissen nicht, wohin mit ihren Millionen und Milliarden. Flugunternehmer Richard Branson hat einen Raumfahrtbahnhof in die Wüste von New Mexico bauen lassen, der nun leersteht. Elon Musk, Mitgründer des Bezahldienstes Paypal, arbeitet am Bau einer Vakuum-Röhre, durch die Menschen mit 1.200 Stundenkilometern reisen sollen. Mit sehr viel Geld ist sehr viel möglich, manchmal.

    Einige der Superreichen kommen ab Mittwoch wieder zum Weltwirtschaftsforum (WEF) nach Davos. Auch von ihrer Anwesenheit lebt die Veranstaltung, die dieses Jahr zum 45. Mal in dem Schweizer Bergort stattfindet. Die Milliardäre lassen sich für ihre Ideen und Erfolge feiern – und für ihre Wohltätigkeit. PolitikerInnen wie Angela Merkel reisen hin, um gezielte Botschaften an die Wirtschaftselite, die Manager, Banker und Investoren zu senden.

    Gerade jetzt aber birgt dieser Charakter des WEF für die Organisatoren eine besondere Herausforderung. Denn eines der großen weltpolitischen Themen ist die zunehmende Ungleichheit zwischen Reich und Arm. Auf´s Neue initiiert hat die Debatte der französische Ökonom Thomas Piketty mit seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“. Das WEF muss nun den Spagat hinkriegen, die oberen Zehntausend zu hofieren, sich im selben Augenblick aber von ihnen zu distanzieren. Im Sinne des Anspruchs des Forums „den Zustand der Welt zu verbessern“ will man dem Thema der sozialen Spaltung nicht ausweichen.

    „Wachsende Ungleichheit würde eine der gängigsten Annahmen über unsere Wirtschaft infrage stellen: dass Wachstum für Wohlstand für alle sorgt“, schrieb Philipp Rösler, früherer FDP-Wirtschaftsminister und jetzt WEF-Manager, kürzlich in einem Zeitungsartikel mit der Überschrift „Piketty ernst nehmen“. Und Programmdirektor Sebastian Buckup zählt eine Reihe von Diskussionsveranstaltungen auf, die sich mit Ungleichheit beschäftigen.

    Piketty selbst hat man ebenfalls eingeladen, doch der sagte ab. Seine Thesen stehen trotzdem im Raum. Der wesentliche Punkt: Die Kapitalrendite weltweit habe bis etwa 1910 immer über der Wachstumsrate gelegen. Die Einkommen und Vermögen der Reichen wuchsen deshalb schneller als die der normalen Leute, deren Verdienste an das Wirtschaftswachstum gekoppelt seien. Durch die beiden Weltkriege und die Etablierung der westlichen Sozialstaaten, so Piketty, habe sich dieses Verhältnis bis in die 1970er Jahre umgekehrt: Erstmals stiegen die Löhne schneller als die Kapitaleinkommen. Seitdem drohten aber die alten Verhältnisse zurückzukommen.

    Unter anderem durch die starke Zunahme extrem hoher Verdienste: Investmentbanker und Konzernvorstände nehmen gerne mal 20 Millionen Euro im Jahr mit nach Hause, jugendliche Firmenchefs wie Facebook-Gründer Marc Zuckerberg werden innerhalb weniger Jahre Milliardäre. „Silicon Sultans“ hat das britische Wirtschaftsmagazin Economist solche Leute kürzlich genannt, in Anlehnung an frühere „Räuberbarone“ wie Öl-Unternehmer John Rockefeller.

    Diese Entwicklung schlägt sich auch in Deutschland nieder. Der Abstand zwischen den Einkommen der Armen und der Mittelschicht einerseits und den Reichen nimmt zu. Seit 2000 habe „vor allem die Gruppe der höchsten Einkommensbezieher überdurchschnittliche Zuwächse erzielt“, so Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Das passt zu einem Befund, den die Bürgerrechtsorganisation Oxfam gerade anlässlich des WEF veröffentlicht hat. Demnach nahmen die Vermögen der reichsten 80 Personen weltweit zwischen 2010 und 2014 so zu, dass sie mehr besitzen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.

    So kann „die Legitimation der geltenden Wirtschaftsordnung verlorengehen“, weiß Philipp Rösler. Im Namen des WEF plädiert er deshalb für „inklusives Wachstum“. Ungleichheit soll bekämpft werden, indem möglichst viele Menschen „bessere Bildungs-, Aufstiegs- und Teilhabechancen“ bekommen. Gute Schulen, Universitäten und vernünftig bezahlte Arbeitsplätze führen in dieser Sicht dazu, dass die Einkommen der Bevölkerungsmehrheit langfristig stärker steigen und sich der Abstand von den Superreichen verringert.

    WEF-Programmdirektor Buckup sieht eine Chance darin, dass sich der technische Fortschritt infolge der Digitalisierung beschleunige, dadurch die Produktivität der Unternehmen und Arbeitskräfte steige und diese dann mehr verdienten. Auch er betont die wichtige Rolle guter Ausbildung. Diese Vision kann allerdings nur funktionieren, wenn durch die Digitalisierung mehr vernünftig bezahlte Arbeitsplätze neu entstehen, als vernichtet werden. Ist inklusives Wachstum also alles? Nicht ganz. Buckup sagt: „Zu allererst brauchen wir Wachstum. Aber richtig ist auch, dass damit die Verteilungsprobleme noch nicht gelöst sind.“

    Eine entscheidende Konsequenz daraus allerdings lässt das Forum weitgehend unbeachtet. Piketty plädiert ja dafür, die extrem steigenden Einkommen und Vermögen der Superreichen durch hohe Steuern einzuebnen. Der Ökonom schlägt progressive Abgaben vor, die 80 Prozent des jährlichen Zugewinns der Elite konfiszieren sollen. Dass solche Ideen bei den Besuchern des Weltwirtschaftsforum wenig Anklang finden, verwundert nicht. So kommt im Programm das Thema Steuerpolitik nicht einmal vor.

  • „Die Mittelschicht fühlt sich den Reichen näher als den Armen“

    Sozialwissenschaftler Christoph Scherrer erklärt, welche Auswirkungen soziale Ungleichheit hat

    Hannes Koch: Selbst reiche Staaten wie Deutschland verzeichnen eine zunehmende soziale Ungleichheit zwischen Normalbürgern und Reichen. Nehmen die politischen und ökonomischen Eliten, die sich jetzt wieder in Davos treffen, diese Entwicklung ernst?

    Christoph Scherrer: Die Veranstalter haben das Thema immerhin auf die Tagesordnung gesetzt. Aber für viele Manager ist das Weltwirtschaftsforum in erster Linie eine Gelegenheit, Gleichgesinnte zu treffen und Geschäfte zu machen. Sie sind teilweise extrem privilegiert, weil sie die exorbitanten Einkommen von Dutzenden Millionen Euro jährlich beziehen, die ein wesentlicher Grund der seit den 1970er Jahren wieder anwachsenden Ungleichheit sind. Von diesen Leuten kann man nicht erwarten, dass sie ihre Privilegien freiwillig in Frage stellen oder aufgeben.

    Koch: Sogar die Industrieländer-Organisation OECD analysiert inzwischen, dass die zunehmende Polarisierung negative Auswirkungen für das Wirtschaftswachstum habe. Ändert sich nicht etwas in der offiziellen Sicht?

    Scherrer: In der praktischen Politik bislang kaum, höchstens auf theoretischer Ebene. Die Wissenschaftler der OECD errechneten, dass das Wachstum in Deutschland um rund sechs Prozent geringer war als möglich, weil sich der Abstand zwischen Armen und Reichen während der vergangenen 30 Jahre stark vergrößerte.

    Koch: Wie ist es zu erklären, dass zu große Ungleichheit die Gesellschaft insgesamt Wohlstand kostet?

    Scherrer: Im Gegensatz zu Wohlhabenden und Reichen, die einen Teil ihres Verdienstes sparen können, konsumieren ärmere Bevölkerungsschichten fast vollständig, was sie einnehmen. Sinken deren Einkommen, müssen sie den Konsum einschränken. Damit geht die Nachfrage zurück, und das Wachstum fällt geringer aus, als es bei einer ausgeglichenen Einkommensverteilung der Fall wäre. Das wirkt sich auch negativ auf die Steuereinnahmen und die Finanzkraft des Staates aus.

    Koch: In Deutschland besitzen die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung inzwischen über 50 Prozent der Vermögen, während die ärmere Hälfte der Bürger kaum Ersparnisse hat. Für 70 Prozent der Einwohner stagnierten oder sanken die Einkommen zwischen 2000 und 2011. Welche konkreten Konsequenzen hat dieser Prozess?

    Scherrer: Für die Betroffenen bedeutet das Prekarisierung. Einerseits können sie sich wegen niedrigerer Einkommen oder Sozialtransfers weniger leisten. Viele müssen zudem mit kurzfristigen Arbeitsverträgen vorliebnehmen oder sind beispielsweise als Leiharbeiter beschäftigt. Diese Menschen haben ständig das Gefühl auf Probe zu sein. Sie müssen sich permanent bewähren. Sie stehen unter Stress. Und die Armut wird weitergetragen in die nächste Generation.

    Koch: Wie funktioniert diese Vererbung von Armut?

    Scherrer: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir erleben eine gewisse Privatisierung des öffentlichen Bildungssystems. Weil Kommunen sparen und Schulen deshalb weniger Mittel zur Verfügung haben, engagieren sich Elternvereine in der Finanzierung von Unterrichtsmaterial und Reisen. Familien mit Mittelschichtseinkommen können sich das eher leisten als Hartz-IV-Empfänger. Schulen in ärmeren Stadtteilen erleiden damit einen Nachteil – was sich negativ auf die Berufschancen der Schüler auswirkt.

    Koch: In seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ schreibt der Ökonom Thomas Piketty, dass die Ungleichheit zwischen den Reichen und den Armen im 19. Jahrhundert sehr groß war, sich in den Industriestaaten aber trotzdem eine Mittelschicht der Ingenieure, Wissenschaftler, Unternehmer und Angestellten zu entwickeln begann. Selbst erhebliche Ungleichheit steht einem gewissen sozialen Fortschritt also nicht unbedingt im Wege?

    Scherrer: Die Industrialisierung führte damals unter anderem in Europa dazu, dass durch Kapitaleinsatz und Arbeitsteilung effizienter gearbeitet wurde. Heute ist das in vielen Ländern ähnlich. Dadurch steigt insgesamt der Reichtum der Gesellschaften. Und aus diesem Mehrwert konnte und kann eine Mittelschicht finanziert werden. Ein größerer Teil des Nationaleinkommens wird auf mehr Bürger verteilt. Das stellt eine Demokratisierung von Wohlstand dar. Diese läuft allerdings nicht automatisch ab, sondern muss immer wieder politisch durchgesetzt werden. In den letzten Jahrzehnten gelang das weniger: Es mehren sich die Hinweise, dass die Mittelschicht beispielsweise in Deutschland unter Druck gerät und erodiert.

    Koch: Auch China erlebt seit einigen Jahrzehnten den Prozess der Industrialisierung. Die soziale Polarisierung nimmt zu, die Armut hingegen ab. Ein vertretbarer Kompromiss?

    Scherrer: Die Frage ist immer, welches Maß an Ungleichheit sozialverträglich und nötig ist. In China wäre ein dynamisches Wirtschaftswachstum sicherlich auch bei geringerer Ungleichheit möglich gewesen. Die Regierung könnte den Reichen und profitierenden Schichten deutlich mehr Steuern abverlangen und damit die soziale Spaltung verringern. Ebenso sieht es im Schwellenland Brasilien aus. Die Regierungen der dortigen Arbeiterpartei haben zwar wirksame Programme zur Förderung der Mittelschicht und Bekämpfung der Armut umgesetzt, in der Steuerpolitik aber versagten sie. Die Besteuerung hoher Einkommen und Vermögen ist lächerlich gering.

    Koch: Piketty empfiehlt höhere Steuern auf Kapital und Vermögen. Eine gute Idee?

    Scherrer: Das ist ein möglicher Weg. Diese Forderung durchzusetzen, erscheint jedoch schwierig. Denn die Mittelschichten besitzen selbst Vermögen, beispielsweise Immobilien, und befürchten deshalb auch für sich höhere Steuern. Besser kann es deshalb sein, bei der Primärverteilung auf dem Arbeitsmarkt zu beginnen. Gegenwärtig gelingt es den Gewerkschaften in Deutschland, höhere Mindest- und Tariflöhne durchzusetzen. Lange Zeit war das nicht möglich oder wurde versäumt.

    Koch: Warum kommt es heute in Staaten wie Deutschland trotz zunehmender Ungleichheit zu so wenigen großen, sozialen Konflikten?

    Scherrer: Vorsicht, die Pegida-Demonstrationen speisen sich auch aus sozialen Abstiegsängsten. Trotzdem ist die breite Mittelschicht, die über die Hälfte der Bevölkerung umfasst, noch relativ stabil. Vielen Bürgern geht es vergleichsweise gut, sie besitzen ein gewisses Vermögen. Deshalb fühlen sie sich den Reichen näher als den Armen. Und den Prekarisierten fehlt eine wirksame politische Vertretung. Auch deshalb steht die ökonomische Elite, die sich in Davos trifft, so wenig unter Druck.

    Bio-Kasten
    Ökonom und Politologe Christoph Scherrer lehrt und forscht an der Uni Kassel. Sein Schwerpunkt ist Globalisierung. Gegenwärtig leitet er ein Forschungsprojekt über soziale Ungleichheit unter anderem in Südafrika und den USA.

  • Manchmal hört die Elite zu

    Kommentar zum Weltwirtschaftsforum 2015 von Hannes Koch

    Das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos ist ein Fieberthermometer der ökonomischen und politischen Eliten. Entschieden wird dort meistens nichts. Aber die Veranstaltung ist Teil des globalen Aushandlungsprozesses, an dem mittlerweile auch einige VertreterInnen der Zivilgesellschaft teilnehmen.

    Das in die Welt gesendete Bild des Forums zeigt vor allem Konzernchefs, Banker, Investoren, Superreiche und grauhaarige Politiker. Doch der Kongress hat sich in seinen 45 Jahren weiterentwickelt, auch durch den Druck außerparlamentarischer Bewegungen. Deren Aktivitäten ist es zu verdanken, dass die Organisatoren des WEF jetzt Leute wie Sony Kapoor und Winnie Byanyima einladen. Der eine geht der Öl-, Gas- und Kohleindustrie auf die Nerven, indem er Investoren agitiert, sie sollten ihr Kapital aus klimaschädlichen Konzernen abziehen. Als Chefin der Menschenrechtsorganisation Oxfam fordert die andere, hohe Einkommen, Kapital und Unternehmen müssten weltweit härter besteuert werden. Die Umverteilung zugunsten der Mehrheit der Weltbevölkerung propagiert Byanyima beim diesjährigen WEF als dessen Vizevorsitzende. Auch wenn es den anwesenden Milliardären nicht passt – sie müssen sich das anhören.

    Damit bietet das Forum einen zusätzlichen Kommunikationskanal. Die Debatte hat Rückwirkungen in beide Richtungen. Bei den Eliten kommen die Argumente der Kritiker an, bei diesen jedoch auch die Sorgen und Forderungen der Mächtigen. Von solchen Prozessen wird die Welt nicht sofort gerechter, der sagenhafte Reichtum in den Händen weniger kommt nicht gleich besseren Zwecken zugute. Aber sie tragen zum Fortschritt bei. Trotzdem bleibt es richtig, dass die Regierungen und Unternehmen den Druck von außen, auch von der Straße brauchen, damit sie sich bewegen.

  • Superreiche sollen höher besteuert werden

    Die 80 reichsten Personen besitzen mehr Vermögen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, kritisiert Bürgerrechtsorganisation Oxfam anlässlich des Weltwirtschaftsforums von Davos

    Die Vermögen der Superreichen sind im Vergleich zum Besitz der großen Bevölkerungsmehrheit weltweit stark gestiegen. Die 80 reichsten Personen der Erde besaßen 2014 mehr Kapital als die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, erklärte die Menschenrechtsorganisation Oxfam am Wochenende. Ihre Streitschrift „Alles haben und noch mehr wollen“ erschien anlässlich des Weltwirtschaftsforums (WEF), das am kommenden Mittwoch in Davos, Schweiz, beginnt.

    Die 80 Reichsten kamen demnach auf ein addiertes Vermögen von 1,9 Billionen US-Dollar, nach aktuellem Kurs etwa 1.600 Milliarden Euro. Diese Summe wuchs laut Oxfam um ein Drittel während der vergangenen vier Jahre. Ein wesentlicher Grund sind die gestiegenen Aktienwerte der Unternehmen. Winnie Byanyima, Geschäftsführerin von Oxfam International und Co-Vorsitzende des diesjährigen WEF, sagte, die Ungleichverteilung hemme das globale Wachstum. Arme Leute könnten weniger an der Wirtschaft teilnehmen, als es wünschenswert sei.

    Auf der Liste der Superreichen stehen beispielsweise die US-Investoren Warren Buffet (50 Milliarden Euro), Michael Bloomberg (28 Milliarden) und George Soros (20 Milliarden), sowie die Deutschen Ludwig Merckle (sieben Milliarden) und Curt Engelhorn (Boehringer, vier Milliarden). Oxfam hat für diese Berechnungen die Daten der Forbes-Liste der Milliardäre benutzt.

    Andere Angaben stammen nach Information der Organisation aus den weltweiten Vermögensstatistiken der Schweizer Bank Credit Suisse. Demnach besaß das reichste eine Prozent der Weltbevölkerung im vergangenen Jahr 48 Prozent allen Vermögens. Die übergroße Mehrheit der Erdenbürger – 99 Prozent – teilte sich die übrigen 52 Prozent. Das Vermögen der Reichen hat damit ungefähr wieder die Höhe vom Beginn der 2000er Jahre erreicht, vor der Finanzkrise.

    Oxfam wies daraufhin, dass die ökonomische Elite ihre wachsenden Einkommen und Vermögen massiv dafür verwende, die Politik zu beeinflussen und dort ihre Interessen durchzusetzen. US-amerikanische Banken, Versicherungen und Fonds hätten 2013 rund 400 Millionen Dollar für Lobbying ausgegeben, der europäische Finanzsektor 150 Millionen. Solche Bemühungen haben laut Oxfam dazu geführt, dass Banken während der Finanzkrise mit Milliarden zu Lasten der Steuerzahler unterstützt wurden.

    Pharma- und Gesundheitskonzerne hätten 2013 in den USA fast 500 Millionen Dollar für Lobbying aufgewendet, erklärte Oxfam. Nur kleine Millionensummen sei es ihnen dagegen wert gewesen, den Betroffenen der Ebola-Epidemie in Westafrika zu helfen.

    Um die zunehmende Auseinanderentwicklung zu bremsen, forderte Oxfam höhere Steuern für große Vermögen. Die Organisation unterstützt die Idee einer globalen Vermögens- und Kapitalsteuer, die der französische Ökonom Thomas Piketty ins Gespräch gebracht hat. Außerdem sollten die Löhne der Beschäftigten in aller Welt angehoben werden. Statt der kärglichen Mindestlöhne, die heute oft die Untergrenze der Bezahlung darstellten, sollten Arbeitnehmern existenzsichernde Einkommen gezahlt werden – auch in den asiatischen Zulieferfabriken.

  • Kommentar zum Staatsanleihekauf von Hannes Koch

    Europa ist stärker geworden

    Wer kein Interesse an einer abermaligen Finanzkrise in Europa hat, freut sich über den Rat des Generalanwalts am Europäischen Gerichtshof. Die Europäische Zentralbank (EZB) darf demnach unter bestimmten Bedingungen Staatsanleihen von Euro-Mitgliedsländern aufkaufen, um diese und die gemeinsame Währung zu stabilisieren. Ein großer Brocken auf dem Weg der langsamen wirtschaftlichen Erholung des Euroraumes ist damit beiseitegeräumt. Denn auch etwas gegen die einsetzende Deflation zu tun, fällt der Zentralbank nun leichter.

    EZB-Präsident Mario Draghi hat vor zwei Jahren den Euro und damit möglicherweise auch den Zusammenhalt der EU gerettet. Im September 2012 erklärte er, „was auch immer nötig ist“ zu unternehmen, um die gemeinsame Währung Euro abzusichern. Der von Draghi angedrohte massive Aufkauf von Staatsanleihen südeuropäischer Staaten durch die EZB zeigte den Investoren auf den internationalen Finanzmärkten, dass sie keine Chance gegen die Finanzkraft der Zentralbank haben würden. Sie stellten die Spekulation gegen den Euro daraufhin ein. Die Zinsen für Staatsanleihen sanken – und damit die Verschuldungskosten der Regierungen Spaniens und Italiens.

    Obwohl schätzungsweise nur durch diese Intervention der Euroraum zusammenblieb, war das Bundesverfassungsgericht unzufrieden. Die EZB habe ihre Kompetenzen überschritten, argwöhnten die Richter in Karlsruhe und legten den Fall dem Europäischen Gerichtshof vor. Dessen Generalstaatsanwalt hat nun den künftigen Weg beschrieben: Die gemeinsame Währung ist wichtiger als das Interesse nationaler Institutionen. Ein deutsches Europa, in dem sich das Bundesverfassungsgericht als höchste Entscheidungsinstanz für die Politik des Kontinents aufspielt, ist kein zukunftsfähiges Modell. Auch in der Geldpolitik sollen europäische die einzelstaatlichen Anliegen überwiegen. Das Sagen hat die EZB, nicht mehr die Bundesbank.

  • Tricksereien mit Gesundheitsversprechen

    Vor allem bei Kindernahrung umgehen Unternehmen korrekte Kennzeichnungen. Manche Aufmachung führt Verbraucher bewusst in die Irre.

    Viele Lebensmittelhersteller halten sich bei ihren Gesundheitsversprechen nicht an die erlaubten Grenzen der Darstellung. Vielmehr werden Verbraucher durch übertriebene Angaben auf der Vorderseite der Verpackung in die Irre geführt. So heißt es zum Beispiel auf dem Etikett eines Speiseöls „für ein gesundes Herz-Kreislaufsystem“. Dabei hat das Produkt gar keine spezifisch gesundheitsfördernden Eigenschaften. Nach der EU-Health-Claim-Verordnung dürfte lediglich von einem Beitrag zu einer normalen Herzfunktion die Rede sein.

    Diesen und andere Verstöße gegen eine korrekte Aufmachung ergab ein bundesweiter Markttest der Verbraucherzentralen. „63 Prozent der untersuchten Produkte locken mit potenziell irreführenden Aussagen“, stellt der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) fest. Selbst wenn auf der Rückseite der Verpackung alle Inhaltsstoffe richtig angegeben werden, kommt dies bei den Kunden als Botschaft nicht mehr an. Denn bei den meisten Verbrauchern entscheidet der erste Eindruck über das Image als gesundes oder weniger gesundes Lebensmittel.

    Ein Vergleichstest des Göttinger Instituts Agrifood Consulting im Auftrag des vzbv zeigt, wie leicht sich Konsumenten von der Aufmachung eines Produktes beeinflussen lassen. Die Flasche einer Zitronensprudel wurde den Probanden ohne erkennbare Gesundheitsaussage gezeigt. Nur knapp 40 Prozent schrieben der Brause Kalorienarmut zu. Den anderen Testpersonen wurde dieselbe Flasche gezeigt, diesmal nur zusätzlich mit einem kleinen Bild einer schlanken Sportlerin beim Joggen. Plötzlich glaubten zwei Drittel der Testpersonen, das das Getränk kalorienarm sei und zu einer ausgewogenen Ernährung beitrage. Ein weiterer Versuch ergab, dass sich am ersten Eindruck kaum etwas ändert, selbst wenn die Angaben auf der Rückseite diesem Image widersprechen.

    Besonders oft mogeln die Hersteller bei Kindernahrung. „75 Prozent haben Versprechen, die so nicht zugelassen sind“, kritisiert Armin Valet von der Hamburger Verbraucherzentrale die Industrie. So wird zum Beispiel mitunter ein „gesundes Wachstum“ versprochen, obwohl die Inhaltsstoffe dazu nichts besonderes beitragen. Irreführend sind immer wieder auch die Angaben zu Zucker und Fett. So preisen manche Hersteller auf der Vorderseite ihr Produkt als „frei von Zuckerzusätzen“ oder „ungesüßt“ an. Tatsächlich enthalten die Zutaten aber oft Süßstoffe oder Zuckeraustauschstoffe. Auch wenn die Zutaten von Natur aus zuckerhaltig sind, muss dies nicht extra erwähnt werden.

    „Lebensmittel sind keine Medikamente“, kritisiert Oliver Huizinga von der Verbraucherorganisation Foodwatch. Kunden würden regelmäßig in die irre geführt. Huizinga fordert von der EU strengere Vorgaben für die Werbung mit Gesundheitsversprechen. Vzbv-Chef Klaus Müller verlangt von den Herstellern, dass sie sich an die zugelassenen Aussagen halten. Außerdem sollten Produkte mit viel Zucker und Fett gar nicht mehr mit gesundheitsbezogenen Werbeaussagen auf den Markt kommen. „Zu oft betreiben die Lebensmittelhersteller Schönfärberei auf dem Etikett“, ärgert sich Müller.

  • Projekte gegen die Verödung des Landes

    Wie sich das Leben in den Dörfern neu erfinden lässt, erklärt das Berlin-Institut für Demografie anhand von Beispielen

    Viele Menschen auf dem Land kennen das: Der Bus in die Kreisstadt fährt nur zwei Mal täglich. Die alte Ärztin hat ihre Praxis im Dorf schon lange aufgegeben. Und jetzt schließt auch der Lebensmittelladen. In einer ähnlichen Situation wollte Heinz Frey nicht tatenloser Zeitzeuge der Verödung seiner Heimat bleiben. In Barmen, einem Örtchen zwischen Aachen und Köln, initiierte er die Gründung eines „Dorv-Ladens“, der sich mittlerweile zum sozialen Zentrum der Siedlung entwickelt hat.

    „Dorv“ steht für „Dienstleistung und ortsnahe Rundum-Versorgung“. Die Idee des „Tante-Emma-Ladens des 21. Jahrhunderts“ beschreibt Lehrer und Kommunalpolitiker Frey so: „Wir konzentrieren zahlreiche Angebote an einer Theke.“ In dem Geschäft bekommen die Bürger beispielsweise frisches Fleisch, weitere Lebensmittel und Briefmarken, sie können Pakete aufgeben, Bargeld aus einem Bankautomaten ziehen und das Internet nutzen. Ein kleines Café lädt zum Verweilen ein. In der Nachbarschaft gibt es mittlerweile wieder eine Arztpraxis, die zu bestimmten Zeiten besetzt ist.

    Der Dorv-Laden in Jülich-Barmen ist eines der Beispiele, die das Berlin-Institut für Demografie und Entwicklung in seiner neuen Studie „Von Hürden und Helden“ beschreibt. Darin analysieren Institutschef Reiner Klingholz und seine MitarbeiterInnen Projekte und Ideen, die die Versorgung und Infrastruktur in den ländlichen Räumen Deutschlands unter schwierigen Bedingungen aufrechterhalten sollen.

    Denn die Bevölkerung auf dem Land wird durchschnittlich älter und weniger – trotz Zuwanderung aus dem Ausland. In vielen Gebieten Mecklenburg-Vorpommerns und Sachsens, aber auch Niedersachsens, Nordrhein-Westfalens und Baden-Württembergs nimmt die Zahl der Einwohner regelmäßig um ein Prozent pro Jahr ab. Das liegt einerseits am allgemeinen Bevölkerungsrückgang, zum anderen am Zug in die Großstädte, wo es Universitäten, Arbeitsplätze, Kulturangebote und gute öffentliche Dienstleistungen gibt. An die Politik appellierte Klingholz, diese Realität zur Kenntnis zunehmen und das grundgesetzlich verbürgte Versprechen gleicher Lebensverhältnisse für alle Einwohner aufzugeben. Stattdessen müsse es darum gehen, mit neuen, kreativen Konzepten wenigstens eine Grundversorgung in ländlichen Gebieten aufrechtzuerhalten, so Klingholz.

    Wie man einen Dorfladen gründet und betreibt, kann Heinz Frey nun erklären. Die richtige Rechtsform zu finden und das nötige Startkapital zu besorgen, war nicht einfach. Jetzt aber arbeitet das Geschäft kostendeckend, zwei Vollzeitbeschäftigte und fünf Aushilfen haben Arbeitsplätze. Im Mittelpunkt steht für Frey der „soziale Gewinn“, den der Laden für die Dorfgemeinschaft bringt.

  • Grüne Woche auf Rekordkurs

    Die Ernährungsbranche blickt skeptisch auf das neue Jahr. Russlandboykott und gute Ernten drücken die Erträge.

    Berlins Messe-Chef Christian Göke kündigt eine Neuerung auf der 80. Grüne Woche in einem Tonfall an, als löse dies Zahnschmerzen aus. „Allergiker, Vegetarier und Veganer“ seien die Zielgröße zweier Sonderveranstaltungen am Rande der Landwirtschaftsmesse. Die Leistungsschau der Ernährungsbranche öffnet an diesem Freitag ihre Pforten. 400.000 Besucher erwarten die Veranstalter. Das Gelände unter dem Funkturm ist bis auf den letzten Quadratmeter ausgebucht. Fast 1.700 Aussteller aus 68 Ländern reisen an die Spree.

    An großen politischen Themen mangelt es der Grünen Woche in diesem Jahr. Das Freihandelsabkommen mit den USA könnte eines sein. Aber noch ist offen, wie der Vertrag am Ende aussehen wird. Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) hofft auf eine Einigung zwischen beiden Partnern. „Wir brauchen ein solches Abkommen“, sagt der BVE-Chef Christoph Minhoff. Es müsse jedoch einen fairen Handel gewährleisten. Die Hersteller von Nahrungsmitteln erhoffen sich erhebliche Wachstumschancen. Denn deutsche Wurst und Käse sind in Übersee beliebt. Noch ist es mit einem erheblichen Aufwand verbunden, sie dort auch zu verkaufen. Das Abkommen könnte die Hemmnisse beseitigen.

    Deutlich skeptischer zeigt sich die Präsident des Deutschen Bauernverbands (DBV), Joachim Rukwied. Die europäischen Standards der Ernährungswirtschaft müssten beibehalten werden. „Wir wollen nicht, dass Hormonfleisch auf deutschen Tellern ist“, warnt der DBV-Chef. Die Landwirte hierzulande könnte eine umfassende Marktöffnung unter Druck setzen, weil laxere Vorschriften, zum Beispiel in der Tierzucht, den US-Farmern eine billigere Produktion ermöglicht.

    Guter Dinge sind beide Verbandsoberen derzeit nicht. Die Industrie klagt über einen starken Wettbewerbsdruck, stagnierende Preise und ein schwaches Exportgeschäft. Unter dem Strich gingen die Umsätze daher 2014 zurück. 173 Milliarden Euro nahmen die Unternehmen im vergangenen Jahr ein, ein Prozent weniger als 2013. Gute Ernten weltweit setzen auch die Bauern unter Druck. Mehr Sorge bereiten Rukwiek allerdings die Bürokratie und der Mindestlohn. „Ich weiß noch nicht, ob die Betriebe dies bewältigen können“, sagt der Bauernpräsident mit Blick auf die Spargel- und Erdbeerbetriebe.

  • Deutschland hat ein Gülleproblem

    Bauern bringen zu viel Gülle aus. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen empfiehlt, die Steuer auf Fleisch zu erhöhen.

    Mit einer solchen Empfehlungen macht man sich kaum Freunde: Der reduzierte Mehrwertsteuersatz für Fleisch, Eier und Milchprodukte solle abgeschafft werden. In den Kantinen öffentlicher Einrichtungen sollten öfter vegetarische Gerichte und halbe Fleischportionen“ auf der Speisekarte stehen. So meldete sich am Mittwoch der Sachverständigenrat für Umweltfragen, kurz SRU,  zu Wort. Die Regierungsberater legten ihr Gutachten: „Stickstoff: Lösungsstrategien für ein drängendes Umweltproblem“ vor.

    Stickstoff, das chemische Element N, ist kein tödliches Gift, sondern ein wichtiger Pflanzennährstoff. Dünger, auch Jauche, Mist und Gülle enthalten ihn. Nur: Es kann zu viel des Guten sein. Wird gedüngt, was die Ställe hergeben, kommt mehr Stickstoff aufs Feld als die Wurzeln dort aufnehmen. Er entweicht als Lachgas in die Luft oder landet als Nitrat im Boden und Grundwasser. Seit Biogasanlagen boomen, treiben auch die dort entstehenden Gärreste die Werte nach oben.

    An überdüngten Stellen wuchern dann Brennesseln oder Brombeeren, andere Pflanzen gehen ein. In Gewässern nehmen Algen zu, die andere Pflanzen ersticken. Vor allem gilt Nitrat aber als gesundheitsschädlich, weil es im Körper des Menschen in Krebs erzeugendes Nitrit umgewandelt werden kann.

    Die Europäische Kommission hat längst moniert, dass Deutschland zu wenig tut, europäische Grenzwerte überschritten werden und die Bundesrepublik mit Malta die höchsten Nitratkonzentrationen im Grundwasser aufweist. Ein Vertragsverletzungsverfahren läuft.

    Und für die Betreiber der Wasserwerke in Deutschland ist es kostspielig, dass Nitrat 27 Prozent aller Grundwasserkörper verunreinigt: Laut Berechnungen von Umweltschützern müssen sie jedes Jahr bis zu 25 Milliarden Euro extra Reinigungskosten aufbringen. Wasser muss aufwendig verdünnt, Brunnen müssen verlegt oder aufgegeben werden.

    Es sei ein „technisches Problem eigener Klasse“, sagte Heidi Foth. Die Direktorin des Instituts für Umwelttoxikologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg sitzt im Sachverständigenrat. Sie meint: „Wir kommen an die Grenzen des Machbaren.“
     
    Der Straßenverkehr tut das Seine zur Belastung dazu. In Verbrennungsmotoren vor allem mit Diesel entstehen Stickoxide. Doch die Landwirtschaft gilt den Regierungsberatern als „Hauptverursacher“ der Belastung. Sie empfehlen denn auch nicht nur die Verbraucher in die Pflicht zu nehmen, sondern auch die Landwirte. Da sei der beste Hebel die sogenannte „Düngeverordung“.

    CSU-Bundesagrarminister Christian Schmidt hat kurz vor Weihnachten auch bereits eine Reform vorgelegt, die in den nächsten Monaten im Bundestag beraten werden soll. So sollen Bauern künftig zum Beispiel von Anfang Oktober bis Ende Januar das Kot-Harn-Gemisch gar nicht mehr auf den Äckern verstreuen dürfen. Sie müssen zudem Lagerkapazitäten für sechs Monate vorhalten, große Betrieb ab 2020 für neun. Das sorgt schon jetzt für Unruhe.

    Vertreter des Bauernverbandes halten die Novellierung für überflüssig. Schon im letzten Oktober hat der Bayerische Bauernverband eine Kuh mit Windel auf die Alm geschickt – um gegen überzogene neue Regeln zu protestieren.

    Dem Sachverständigenrat aber geht die Reform nicht weit genug. Er wünscht sich, dass möglichst viele Betriebe bald dazu verpflichtet werden eine Art Input-Output-Stickstoff-Buchhaltung, Hoftorbilanz genannt, zu machen. Wie viel Futter kauft der Landwirt für die Tiere, wie viel Dünger für die Felder. Und was verlässt den Hof?

    Nur mit dieser Art Stickstoffmanagement ließen sich die Höfe kontrollieren, erklärt SRU-Mitglied Karin Holm-Müller, die in Bonn Professorin für Umweltökonomie ist. Doch diese Bilanz sieht die Regierung erst ab  2018 für wenige große Betriebe vor.  Holm-Müller: „Das sind zu viel Ausnahmen“.

    Das Stickstoffproblem werde „unterschätzt“, so die Regierungsberater.  Davon den Mehrwertsteuersatz für Schnitzel, Keule und Braten zu erhöhen, ist in der Regierung derzeit jedenfalls keine Rede.

    Kasten: Das viele Vieh
    27 Millionen Schweine und 13 Millionen Rindern, 128,9 Millionen Geflügeltiere stehen hierzulande in den Ställen. In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen werden 57 Prozent aller Schweine gehalten. Die Geflügelhaltung ist mit 45 Prozent des gesamten Bestandes besonders auf Niedersachsen konzentriert. Dagegen hat in Bayern die Rinderhaltung einen hohen Anteil. Rund 26 Prozent aller Rinder stehen in Bayern.

  • "Das ist eine Frage der Solidarität"

    Griechenland brauche einen Schuldenerlass, sagt Syriza-Chefökonom John Milios.

    Interview: Hanna Gersmann
    Herr Milios, mischt sich Bundeskanzlerin Angela Merkel in die Zukunft Griechenlands ein?
    John Milios: Deutschland ist das stärkste Land in der Europäischen Union, also akzeptieren alle, dass es die wichtigste Rolle spielt. Das Problem: Die Regierungschefs in den anderen EU-Ländern lehnen sich nicht gegen die von ihr vorgegebene extrem neoliberale Politik auf, durch die das Land, die Wirtschaft und die Gesellschaft kaputt gespart wird. Die Menschen in Griechenland können zum Beispiel nicht mehr vernünftig medizinisch versorgt werden. So warten sie auf eine Krebsoperation leicht acht Monate. Dann kann es schon zu spät sein.
     
    Sie und Ihre Partei wollen den Sparkurs, den Brüssel im Gegenzug zu Hilfskrediten fordert, aufheben. Nehmen Sie in Kauf aus der Euro-Zone rausgeworfen zu werfen?
    Milios: Das sehen die europäischen Verträge doch gar nicht vor. Und es wäre auch für alle anderen ein Risiko. Geht ein Land raus, wird es Chaos geben. Wir wollen in der Eurozone kämpfen – und verhandeln, um aus der Schuldenfalle zu kommen.

    Sie wollen einen Schuldenschnitt – wie soll der genau aussehen?
    Milios: Es hätte kein deutsches Wirtschaftswunder gegeben, wenn der Bundesrepublik nicht 1953 die Hälfte aller Schulden bei anderen Staaten, Unternehmen und Privatinvestoren erlassen worden wäre. Damals reichte Griechenland dem Kriegsverlierer auch die Hand. Heute brauchen wir einen finanziellen Spielraum, um eine sozial gerechte Wirtschaftsentwicklung zu fördern.

    Die Schulden damals resultierten zum Teil noch aus dem Versailler Vertrag nach dem Ersten Weltkrieg. Ist das vergleichbar?
    Milios: Der Schuldenerlass ist eine Frage der Solidarität. Unterschiede gibt es immer.  In Griechenland stehen wir in einer Zeit des Friedens vor einer humanitären Katastrophe.

    Warum meistern Länder wie Irland oder Portugal ihre Krise besser als die Griechen?
    Milios: Die Iren sprechen Englisch, und sie haben ein starke irische Gemeinschaft in Groß-Britannien und in den USA. Irlands Arbeitslosigkeit ist nur deshalb niedriger, weil viele ausgewandert sind. Das hat nichts mit guter Performance zu tun.

    Für Sie ist es gerecht, dass der Rest Europas, selbst die ärmeren, für die Misswirtschaft der griechischen Regierung zahlen muss?
    Milios: Die Bürger sollen keinen Euro verlieren. Das könnte so funktionieren: Die Europäische Zentralbank nimmt allen Eurostaaten jene Schulden ab, die 50 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung übersteigen. Die werden umgewandelt in Anleihen, die nicht verzinst werden. Die Anleihen verlieren mit der Inflation Jahr für Jahr an Wert. Regierungen kaufen sie dann zurück, wenn sie nicht mehr Schulden als 20 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung ausmachen. Auf das Geld aus Griechenland müsste die EZB dann ungefähr 50 Jahre warten.

    Wie bringen Sie im Gegenzug die Wirtschaft in Gang?
    Milios: In Griechenland entstehen bereits viele kleine Unternehmen, die Software und Mikroelektronik entwickeln. Die Agrarwirtschaft macht vier Prozent der Wirtschaftsleistung aus, dieser High-Tech-Sektor macht jetzt schon gut 2,5 Prozent aus. Diese Start-Ups werden wir fördern. Genau wie die  grünen Energien. Zudem werden wir versuchen, den Tourismussektor mit der Landwirtschaft zusammenzubringen – und zum Beispiel allen Urlaubern mehr als Feta und Oliven anbieten.

    Wie viel wird das den Staat kosten?
    Milios: Für unser sogenanntes Thessaloniki-Programm, mit dem wir die Einkommen und den Wohlfahrtstaat stabilisieren wollen, veranschlagen wir 11,5 Milliarden Euros.

    Werden Sie die Reichen dazu bringen, mehr Steuern zu zahlen?
    Milios: Die Steuerbehörden in Griechenland müssen gestärkt werden. Längst gibt es Listen mit Steuersündern und Korruptionsdelikten. 55.000 Griechen haben demnach zum Beispiel während der Krise jeweils mehr als 100.000 Euros von ihren Konten abgehoben und aus dem Land geschafft. 24.000 davon sollen dabei gegenüber den Finanzbehörden falsche Angaben gemacht haben. Doch gerade mal 400 davon sind innerhalb der letzten zwei Jahre bestraft worden. Es fehlt an allen Ecken und Enden Personal. Es hat etwas mit politischen Willen zu tun, ob man Steuersünder belangt.

    Was spricht dagegen, griechische Inseln zu verkaufen?
    Milios: Wir werden niemanden enteignen – weder Arme noch Reiche.

    John Milios,  62, Wirtschaftsprofessor an der Nationalen Technischen Universität Athen. Er ist Chefökonom des Linksbündnisses Syriza  in Griechenland und hat dessen Wirtschaftsprogramm mitverfasst. Kommt Syriza an die Macht, könnte Milios Wirtschaftsminister werden. Er sagt, Deutschland könne von Griechenland lernen, dass „Dinge nicht vorhersehbar sind“.

    Kasten
    Bereits Mitte des vergangenen Jahres hatte Griechenland 320 Milliarden Euro Staatsschulden. Das sind 175 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das Land erwirtschaftet nicht genug, um den Berg abzutragen. Zum Vergleich: In Deutschland oder Frankreich liegt dieser Wert bei rund 75 beziehungsweise 95 Prozent. Im Vorfeld der Wahlen in Griechenland am 25. Januar wird über einen Schuldenerlass diskutiert.

  • Putenfleisch aus Discountern belastet

    Umweltverband BUND findet auf neun von zehn Proben Keime, gegen die Penicillin und Co machtlos sind.

    Putenfleisch gilt als mager und gesund. Die Geflügelwirtschaft hat den Werbeslogan „Deutsche Pute. Die Gute“ ersonnen. Kunden greifen gerne zu: Im Schnitt verspeist jeder Deutsche im Jahr bis zu sechs Kilo Pute. Doch am Montag hat der Umweltverband Bund nun gewarnt: Auf Putenfleisch aus Discountern lauern Keime wie MRSA und ESBL-Bildner, gegen die Penicillin und Co nicht mehr helfen. Damit wachse die Gefahr, dass Antibiotika versagen.
    Der Bund hat in zwölf Städten – darunter Dresden, Köln, Stuttgart, Mannheim – Testkäufer losgeschickt. Diese haben bei den Discountern Aldi, Lidl, Netto, Penny und Real abgepacktes, frisches Putenfleisch gekauft.  Das Labor Fen-Lab GmbH in Hamburg hat dann die insgesamt 57 Proben untersucht. Es handele sich nur um eine „Stichprobe, die nicht repräsentativ sei“, betonen die Tester. Sie verschaffe aber einen „Eindruck“.
    Das Ergebnis: 88 Prozent der Proben waren mit antibiotikaresistenten Keimen belastet. Genauer: Bei 42 Proben fanden sich MRSA-Keime. 30 Proben wiesen ESBL-bildende Erreger auf. Zwar werde zumeist niemand direkt krank, wenn er sie sich einverleibe, erklärt BUND-Expertin Reinhild Benning: „Doch im Krankheitsfall könnten sie Antibiotika außer Gefecht setzen und MRSA-Keime können auch selbst schwere Infektionen auslösen, wenn sie bei der Fleischzubereitung etwa durch einen Ritz an der Hand in den Körper gelangen.“ Die deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene schätzt, dass schon heute 40.000 Menschen im Jahr so sterben.
    Die Fleischproben kamen von den größten Fleischkonzernen in Deutschland, auch vom Marktführer: Die PHW Gruppe (Umsatz im Jahr 2013: 2,45 Milliarden Euro). Zu ihr gehört auch die Marke Wiesenhof. 21 Proben im Test kamen von der PHW-Gruppe, 20 waren belastet. Die PHW-Gruppe erklärte auf Anfrage dieser Zeitung, sie arbeite „permanent“ daran, den Antibiotikaeinsatz so gering wie möglich zu halten. Und: „In der Putenhaltung haben wir die Einsatzmenge allein im letzten Jahr um 20 Prozent gesenkt.“
    Indes ist für den BUND-Vorsitzenden Hubert Weiger klar: „Zu viele Tiere werden auf zu engem Raum gehalten, das ist nur unter Einsatz großer Mengen von Antibiotika möglich.“ Jedes Jahr, so Weiger, würden Antibiotika im Wert von 800 Millionen Euro in deutschen Ställen verabreicht. Der Einsatz von Antibiotika in der Tiermedizin sei doppelt so hoch wie in der Humanmedizin. Und dabei gelte: „Fünf Prozent der Tierärzte setzen 80 Prozent der Antibiotika-Verschreibungen in der Landwirtschaft um“. Wer die Antibiotika-Gabe verringern wolle, meint Weiger, müsse verbieten, dass Tierärzte beides seien – Mediziner und Apotheker.
    Doch so weit geht die Bundesregierung bisher nicht. Zwar müssen seit April letzten Jahres Landwirte alle sechs Monate melden, welche Arzneien sie ihren Puten, aber auch Hühnern, Schweinen und Rindern geben. Und die Behörden können bei übermäßigen Dosen und Häufigkeit Gegenmaßnahmen anordnen. Doch der Antibiotika-Einsatz bleibt hoch.
    In Nordrhein-Westfalen werden laut Daten des Landesumweltamtes 92 Prozent der Mastputen mit Antibiotika behandelt. In gut 20 Prozent aller Fälle handelt es sich mittlerweile um Reserveantibiotika, die eigentlich nur für den Notfall beim Menschen gedacht sind.
    Andere Länder sind weiter. Die holländischen Nachbarn kommen nach Angaben der Umweltschützer pro Kilo erzeugtem Fleisch im Schnitt mit der Hälfte der deutschen Antibiotika-Gaben aus, die Dänen sogar mit einem Viertel. Weiger: „Es geht auch anders“.
    Die Tester haben auch noch vier Proben bei Hofschlachtereien genommen, drei davon waren Ökobetriebe, einer ein herkömmlicher Betrieb mit Freilandhaltung. Antibiotikaresistente Keime  fanden sich nicht.

    Kasten: Vorsorge in der Küche
    Gefahr birgt nur rohes Fleisch. Um eine Übertragung von Keimen zu vermeiden, Keule, Bein oder Brustfilet immer vollständig erhitzen. Das rohe Geflügel sollte auch nicht mit anderen Lebensmitteln in Berührung kommen. Hände sowie Küchenutensilien wie Bretter und Messer zwischendurch immer gründlich waschen und spülen.  

  • Der Boden geht aus

    Kein anderer Kontinent ist so sehr auf Äcker außerhalb seiner Grenzen angewiesen wie Europa.

    Weinkenner sprechen vielleicht vom Geschmack des Bodens, vom „Terroir“. Sie meinen die Aromen, die durch die Sonne und die im Weinberg gespeicherten Nährstoffe entstanden sind. Aber sonst? Wer denkt schon an Boden. Das hält Klaus Töpfer, einst Bundesumweltminister und heute Direktor des Instituts für Nachhaltigkeitsstudien, IASS, in Potsdam für einen Fehler.

    Er hat den Bodenatlas 2015 mit herausgegeben, der am Donnerstag im Vorfeld der Internationalen Grünen Woche veröffentlicht wurde. Der Atlas ist ein Projekt von ihm und der Umweltorganisation BUND, der Heinrich Böll Stiftung sowie der Zeitschrift Le Monde Diplomatique.

    Ihre Warnung: „Der Boden geht uns aus“. Ohne gesunde Böden gebe es aber keine gute Nahrung. In jeder Kartoffel, in jedem Brot, aber auch in jedem Brathähnchen und Schnitzel steckten Nährstoffe aus dem Boden. Obendrein filterten Böden Regenwasser und regulierten das Klima. Nach den Ozeanen sind sie der größte Kohlenstoffspeicher der Erde.

    Doch statt die Böden zu schützen, lauge der Mensch sie aus oder pflastere sie zu, für Straßen und Parkplätze, für Häuser und Fabriken. Töpfer: „Allein in Deutschland werden jeden Tag 77 Hektar Fläche verbaut, das sind mehr als hundert Fußballfelder.“ Ein Viertel aller Ackerflächen, also rund drei Millionen Hektar, seien zudem von Wind- und Bodenerosion bedroht.

    Zugleich brauche jeder EU-Bürger, die Deutschen liegen dabei ganz vorn, in einem Jahr 1,3 Hektar, damit die von ihm konsumierten Produkte hergestellt werden können. Das ist, so zeigen die neuen Daten, sechsmal so viel wie ein Einwohner aus Bangladesch nutzt. So leben die Menschen hierzulande längst von Äckern jenseits ihrer Grenzen.

    Deutschland braucht etwa das Doppelte seiner Landfläche, Anbaugebiete liegen in China, in der Mongolei, in Russland oder in Brasilien. Darunter seien auch Staaten, die ihre eigenen Bürger nicht einmal mit Grundnahrungsmitteln versorgen können, heißt es im Atlas.

    In der Europäischen Union sieht es demnach nicht viel anders aus: Der sogenannte „Land-Fußabdruck“ der EU-Bürger beträgt pro Jahr gut 640 Millionen Hektar – eineinhalb mal so viel wie die Fläche aller 28 Mitgliedstaaten. Allein für den Fleischverzehr in der EU wird in Lateinamerika Futter, vor allem Soja, auf einer Fläche in der Größe Englands angebaut.

    Kein anderer Kontinent sei so abhängig von Land außerhalb seiner Grenze wie Europa, erklärte Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. Sowohl Staaten als auch Konzerne versuchten Land zu kaufen. Mit dem Hunger auf Land wachse auch der Wert. In Deutschland habe sich der Preis für Ackerland von 2002 bis 2012 in Deutschland verdoppelt, in Rumänien sei er gar um 1800 Prozent gestiegen. Das Gut Boden wird rar.

    „Bislang ist es nicht gelungen, den Boden in den Mittelpunkt der Umweltpolitik zu stellen“, monierte der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger. Tatsächlich hat die deutsche Bundesregierung, zusammen mit Frankreich und Großbritannien, eine geplante Bodenrichtlinie der Europäischen Kommission zum Schutz der Böden blockiert. Nach gut acht Jahren Verhandlungen zog die Kommission den Entwurf dann im Mai letzten Jahres zurück.

    Die Vereinten Nationen haben nun das Jahr 2015 zum „Internationalen Jahr des Bodens“ ausgerufen. Für Anfang dieses Jahres hat die EU ein Strategiepapier mit dem Titel "Land als Ressource" angekündigt.

    Ideen, wie der Bodenfraß eingedämmt werden kann, gibt es zuhauf. Ortskerne wiederbeleben, Baulücken schließen, Industrie- und Handwerkshallen als Region planen, damit nicht jede Kommune ihr eigenes Gewerbegebiet aufmacht. Oder: umweltverträgliche Landwirtschaft stärken.  Umweltschützer Weiger fällt da eine Menge ein.
     

    Kasten: Boden mehr als Dreck
    Von Biodiversität über Landgrabbing bis zu Ökolandbau und Tierhaltung informiert der „Bodenatlas 2015" auf 52 Seiten mit zahlreichen Grafiken und Schaubildern, aktuellen Daten und Fakten über den Zustand der Böden in Deutschland, Europa und dem Rest der Welt. Der Atlas ist kostenlos. www.boell.de/bodenatlas (hg)