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  • Das 25-Cent-Pfand-Problem

    Mit dem Dosenpfand sollte das Angebot an Einwegflaschen schwinden. Das Gegenteil ist der Fall. Kommt eine Lenkungsabgabe?

    Wer Bier trinkt, macht fast immer alles richtig. Denn das Getränk wird zumeist in Mehrwegflaschen verkauft. Und auf den Plakaten und Flyern, die seit Mittwoch zum Beispiel bei Getränkefachhändlern zu sehen sind, steht: „Mehrweg ist Klimaschutz“ über einem Kindergesicht, dem in blau und grün die Weltkarte aufs Gesicht geschminkt ist. Dahinter steckt eine Werbekampagne, die die Deutsche Umwelthilfe (DUH) mit Verbraucherschützern, Getränkehändlern und Brauereien macht. Es geht um eine enttäuschte Hoffnung.

    Die Erfinder des Einwegpfandes, das eher als Dosenpfand berühmt ist, haben sich die Einkaufswelt ganz anders gedacht als sie heute ist. Seit 2003 werden 25 Cent auf „ökologisch nicht vorteilhafte Verpackungen“ erhoben. Einweg sollte so unattraktiv werden, der Anteil von Getränken in Mehrweg steigen – und fortan mindestens 80 Prozent ausmachen. Offenbar rechnete der damalige grüne Umweltminister Jürgen Trittin nicht damit, dass Ex-und Hopp-Verpackungen bleiben könnten. Auf Sanktionen für den Fall, dass Mehrweg schwindet, verzichtete er jedenfalls.

    Mittlerweile liegt die Mehrwegquote im Schnitt aller Getränke bei knapp 40 Prozent. Nur das Bier macht mit 80 Prozent eine Ausnahme. Das Pfand hat allein dazu geführt, dass weniger leere Dosen in Parks und auf Bürgersteigen herumliegen. Denn Discounter und Supermärkte stellten Einweg-Pfandautomaten auf und ersetzten dann vor allem bei Mineralwasser Mehrweg durch Einweg. Ihnen bringt das Vorteile. Sie brauchen keine Lagerplätze für leere Kisten verschwenden.

    Auch für Hersteller ist Mehrweg aufwändiger. Sie müssen die Flaschen wieder zur Afüllstation zurück karren, dort spülen und können erst dann mit der Produktion loslegen. Erst vor wenigen Wochen hat Coca-Cola, Deutschlands größtes Getränkeunternehmen, erklärt, es werde die 0,5- und 1,5-Liter-Abfüllungen nur noch in Einwegflaschen anbieten. Zwar bleibt die 1-Liter-Mehrwegflasche. Aber DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch hält die Unternehmensstrategie für einen „Generalangriff“ auf das deutsche Mehrwegsystem.

    Seit Jahren kämpft er für dessen Erhalt. Transport und Reinigung der Mehrwegflaschen verschlinge im Vergleich zur Herstellung der Pendants zum schnellen Wegwerfen immer noch weniger Energie, so sagt der Umweltschützer. Mehr als 500.000 Tonnen Kunststoff seien pro Jahr nötig, um die in Deutschland verkauften Einweg-Plastikflaschen herzustellen. Jobs koste der Trend zum Einweg zudem, weil zum Beispiel in der Logistik gespart werde.

    So fordern Resch und seine Mitstreiter eine „Lenkungsabgabe in Höhe von 20 Cent auf alle Einweggetränke“. Allerdings hat SPD-Bundesumweltministerin Barbara Hendricks diese längst zurückgewiesen. Bleibt der Wunsch der Merhwegbefürworter nach einer besseren Kennzeichung.

    Denn gut jeder zweite Verbraucher könne zwischen Mehrweg und Einweg nicht unterscheiden, meint Günther Guder vom Deutschen Getränkefachgroßhandel. Es verwirre, dass Einwegflaschen zum Beispiel in Mehrwegkästen verkauft werden konnten und dass es Ausnahmen gebe. Milch, Fruchtsäfte, Wein und Sekt werden nie bepfandet. Zudem: Dosen, die unter die Pfandpflicht fallen, müssen lediglich als „pfandpflichtig“, nicht aber als „Einweg“ gelabelt sein.

    Die Bundesregierung hat schon mal eine bessere Kennzeichnung vorgeschlagen. Dann hieß es aber, es sei nicht mit EU-Recht vereinbar jede Flasche zu markieren. Nun liegt der Entwurf einer Verordnung vor, nach der die Regale mit Einweg und Mehrweg beschriftet werden sollen. Doch diese steckt derzeit im Bundesrat fest

    Info: Mehrweg besser als Einweg
    Während Mehrweg-Glasflaschen ökologisch vorteilhaft sind, sind es Einweg-Glasflaschen nicht. Glas-Mehrwegflaschen schneiden aus Umweltschutzsicht deswegen so gut ab, weil sie bis zu 50-mal wieder befüllt werden und so die Produktion von vielen Flaschen vermieden wird. Am wenigsten Energie und Resosurcen werden verbraucht, wenn die Mehrwegflasche aus der Region kommen. Das dürfen auch Kunststoff-Mehrwegflaschen sein – sie können immerhin 25-mal wieder befüllt werden.
    Bei Einweg-Getränkeverpackungen schneiden der Getränkekarton und Schlauch-, oder Standbodenbeutel vergleichsweise gut ab.
    Eine gute Möglichkeit, Einwegpfandflaschen von Mehrwegpfandflaschen zu unterscheiden, ist das Flaschen-mit-Pfeil-Symbol der Deutschen Pfandsystem Gmbh und die Pfandhöhe: Das Einwegpfand beträgt einheitlich 25 Cent, das Mehrwegpfand gewöhnlich acht oder 15 Cent. Die Kisten, in denen Mehrwegflaschen oft geliefert werden, sind meist mit 1,50 Euro bepfandet. (HG)

  • Mehr Geld für bayerisches Notstrom-Aggregat

    Reserve-Kraftwerke wie die E.ON-Anlage Irsching können künftig mehr Geld erhalten

    Mit der Energiewende steigt der Anteil sauberen Stroms. Wie sehr dieser Wandel die alte Energiewirtschaft durcheinanderrüttelt, zeigt der Fall des Gaskraftwerks Irsching bei Ingolstadt. Obwohl hochmodern, verdient es kaum Geld. Die Betreiber, unter anderem E.ON und Mainova, wollen es abschalten. Das dürfen sie aber nicht, weil die Anlage als Reservekraftwerk benötigt wird. Immerhin hat das Oberlandesgericht Düsseldorf am Dienstag entschieden, dass die Firmen dafür eine höhere Vergütung erhalten können.

    Bisher gesteht die Bundesnetzagentur in Bonn Kraftwerken wie Irsching bloß einen „Aufwendungsersatz“ zu. Dieser soll die Brennstoffkosten decken. Das Oberlandesgericht Düsseldorf sagt nun jedoch, dass das nicht ausreicht. „Vielmehr seien auch weitere Kosten und entgangene Gewinnmöglichkeiten ersatzfähig“, schreibt das Gericht. Die Entscheidung ist noch nicht rechtskräftig – eine Beschwerde beim Bundesgerichtshof ist möglich. Denkbar erscheint aber, dass Irsching und andere Reservekraftwerke künftig ein paar Millionen Euro jährlich mehr erhalten. Solche Zahlungen werden auf die Rechnungen aller Stromkunden umgelegt.

    Warum jedoch bedürfen moderne, erst 2010 und 2011 in Betrieb gegangene Gaskraftwerke wie Irsching 4 und 5 überhaupt einer speziellen Vergütung? Die aus Sicht der Betreiber schmerzliche Antwort lautet: „Im gesamten Jahr 2014 hat das Kraftwerk zu keiner Stunde Strom für den Markt produziert“, so E.ON. Hart gesagt: Die beiden Irsching-Blöcke sind überflüssig – trotz ihrer guten Energieausbeute und des halbwegs klimaschonenden Einsatzes von Erdgas.

    Die Gründe: Der Anteil der erneuerbaren Energien steigt. Mehr und mehr Windparks und Sonnenkraftwerke gehen in Betrieb. Der Strom, den sie produzieren, muss zuerst verbraucht werden. Konventionelle Kraftwerke laufen deshalb weniger. Außerdem ist die Energie aus alten, abgeschriebenen Kohlekraftwerken gegenwärtig sehr billig. Das liegt am niedrigen Preis der Verschmutzungszertifikate, die diese Anlagen nachweisen müssen. Jedenfalls verdrängt billiger Kohlestrom den etwas teureren Gasstrom aus neuen Anlagen wie Irsching.

    Und wieso schalten E.ON und Mainova Irsching nicht einfach ab? Das dürfen sie nicht. Denn die Bundesnetzagentur betrachtet die Anlage als Reserve für Notfälle. Diese können eintreten, wenn beispielsweise Flaute herrscht und die Windparks keinen Saft liefern. Dann wird Irsching angeworfen, um die Stromnetze zu stabilisieren – und bekommt als Ausgleich die Vergütung, über die am Dienstag das Düsseldorfer Gericht entschied.

    So werden E.ON, Mainova und ihre Mitstreiter Irsching wohl weiterlaufen lassen müssen – obwohl sie keine Lust haben. Anderen Stromunternehmen ergeht es mit ihren Reservekraftwerken ähnlich. Den Stilllegungsantrag für Irsching wird die Bonner Agentur wohl zurückweisen, den Betreibern dann aber ein Angebot für eine höhere Vergütung machen müssen.

    Info-Kasten
    E.ON spaltet sich
    Die neue Tochter für den alten Kram wird Uniper heißen und in Düsseldorf sitzen. Deutschlands größter Energiekonzern E.ON lagert unter anderem seine konventionellen Kraftwerke – Kohle, Gas, Atom – in die neue Gesellschaft aus, die man an die Börse bringen und verkaufen will. Das Geschäft der Zukunft – unter anderem die Netze und die erneuerbaren Energien – sollen unter dem Namen E.ON im Stammhaus bleiben. Dessen Zentrale wird Essen sein, gab der Konzern am Montagabend bekannt.

  • Immer älter, immer weniger

    Zuwanderung sorgt für eine bessere demographische Entwicklung in Deutschland. Dennoch kommen auf die Erwerbstätigen schwere Zeiten zu.

    Die hohe Zahl an Zuwanderern in den vergangenen Jahren mildert die zunehmende Alterung der Bevölkerung in Deutschland. Die Einwohnerzahl wird daher in den kommenden Jahrzehnten nicht so stark zurückgehen, wie zuletzt angenommen. Das geht aus der jüngsten Prognose des Statistischen Bundesamtes (destatis) hervor. „Die Bevölkerungszahl wird von heute 81 Millionen noch fünf bis sieben Jahre steigen und anschließend auf 68 bis 73 Millionen im Jahr 2060 zurückgehen“, erläutert der Präsident der Behörde, Roderich Egeler. Im Vergleich zur letzten Schätzung sind dies drei Millionen Menschen mehr.

    Der jüngste Trend ändert allerdings nicht an der Dramatik der demographischen Entwicklung. So werden die Sozialsysteme langfristig erheblich unter Druck geraten, weil es immer mehr alte Menschen gibt, die von den Erwerbstätigen mitfinanziert werden müssen. Im Jahr 2013 kamen auf 100 Einwohner im erwerbsfähigen Alter 34 Rentner. Am Ende des Prognosezeitraums werden 100 Erwerbstätige 65 Senioren im Alter von über 65 Jahren finanzieren. Die Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre verbessert die Situation zwar, die Belastung der arbeitenden Bevölkerung steigt jedoch trotzdem stark an.

    Die Statistiker haben verschiedene Varianten der Bevölkerungsentwicklung berechnet. 2013 ist das Ausgangsjahr. Einfluss haben Faktoren wie die Lebenserwartung, die Zuwanderung, die Geburtenrate oder die Sterblichkeit. Das Bundesamt rechnet mit einer weiter steigenden Lebenserwartung. Bei einem leichten Anstieg können im Jahr 2060 geborene Jungen mit einem 85 Jahre dauernden Leben rechnen, sieben Jahre mehr als heute. Mädchen werden mit 89 Jahren nur noch sechs Jahre älter als heute. Auch einen noch stärkeren Anstieg halten die Experten für möglich.

    Bei der Geburtenrate rechnen die Fachleute nur mit geringeren Veränderungen. Sie wird in einem Szenario bei 1,4 Kindern pro Frau stagnieren, bestenfalls auf 1,6 ansteigen. Bei der Sterblichkeit macht sich im Verlauf der Jahrzehnte dann der Alterungsprozess stark bemerkbar. Es leben mehr Menschen ab als geboren werden. So sinkt die Bevölkerungszahl im Verlauf der Jahre immer weiter ab. Bei einer gleichbleibenden Geburtenrate werden 2060 eine halbe Million Menschen mehr sterben als das Licht der Welt erblicken.

    Eine große Unbekannte ist die Zuwanderung, die in den letzten Jahren deutlich höher ausgefallen ist als erwartet. Im laufenden Jahr rechnet das Amt mit einem Plus von 500.000 Neubürgern. Auf diesem Niveau bleibt die Entwicklung jedoch nicht. Ab dem nächsten Jahrzehnt gehen die Statistiker von einer Zahl zwischen 130.000 und 230.000 pro Jahr aus. Das reicht nicht, um die Lücke bei den Geburten auszugleichen.

    Unter dem Strich bleibt die Erkenntnis, dass Deutschland eine überalterte Bevölkerung ins Haus steht. Heute ist jeder fünfte Einwohner noch keine 20 Jahre alt. 61 Prozent sind zwischen 20 und 64 Jahre alt, jeder Fünfte ist im Rentenalter. 2060 wird ein Drittel der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein, jeder achte sogar mehr als 80 Lebensjahre vorweisen können. Nur noch jeder zweite ist dann im Erwerbtätigenalter. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen geht auf 16 Prozent zurück.

  • Den Versuch ist es wert

    Kommentar zum Textilbündnis von Hannes Koch

    Kein Zufall, dass die deutschen Textilverbände ihre Erklärung am zweiten Jahrestag des Rana-Plaza-Unglücks veröffentlichten. 2013 starben über 1.000 Beschäftigte beim Einsturz eines Fabrikgebäudes in Bangladesh, in dem auch für hiesige Geschäfte genäht wurde. Unter dem nachwirkenden Eindruck dieser Katastrophe sagen die Verbände HDE und Textil & Mode nun zu, sich bei ihren Mitgliedsfirmen für soziale und ökologische Verbesserungen in den weltweiten Produktionsketten einzusetzen. Es scheint, als hätten die Firmenvertreter etwas gelernt.

    Konkret wollen sie dem Textilbündnis beitreten, das Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) 2014 gegründet hat. Unter anderem ein paar Ökomode-Firmen, die Kritiker-Kampagne für Saubere Kleidung und der Deutsche Gewerkschaftsbund machten vorher schon mit. Nun erkennen auch die Textilverbände grundsätzlich an, dass alle Beschäftigten in den weltweiten Zulieferfabriken unter anderem das Recht auf existenzsichernde Löhne und eine wöchentliche Maximalarbeitszeit von 60 Stunden haben. Fraglich allerdings ist, wie weit diese Anerkenntnis trägt. Während die Verbände ihre Mitwirkung im vergangenen Jahr noch verweigerten, knüpften sie ihre Zustimmung jetzt an Bedingungen. Eine davon: Es gibt kein Zeitziel, bis wann existenzsichernde Löhne tatsächlich gezahlt werden müssen.

    Die nächsten Jahre werden zeigen, ob die Verbände und ihre Firmen in Müllers Textilbündnis nur auf Zeit spielen. Diese Gefahr besteht durchaus. Die Kampagne für Saubere Kleidung und ihre Mitstreiter können die Verhandlungen im Bündnis einerseits als Hebel nutzen, um wirkliche Fortschritte durchsetzen. Gelingt das nicht, sollten sie die Veranstaltung verlassen.

  • „Die Griechen können den Gürtel enger schnallen“

    US-Ökonom Barry Eichengreen befürwortet eine Lockerung der Sparauflagen für Athen, ohne sie aufzugeben

    Hannes Koch: Fast jeder fünfte Grieche hatte in den Jahren 2011 und 2012 nicht genug Geld um Lebensmittel zu kaufen, so die Industrieländerorganisation OECD. Was sagt das aus über das europäische Sanierungsprogramm für Griechenland?

    Barry Eichengreen: Dieses Programm ist fehlgeschlagen. Denn eine Folge war, dass Griechenland einen ökonomischen Einbruch erlebte, der sich mit der großen Depression der 1920er Jahre vergleichen lässt. Wie man an den OECD-Zahlen sieht, ist dabei das soziale Netz zerrissen. Auch in politischer Hinsicht führte die Sanierungsstrategie zum Misserfolg: Radikale linke und rechte Parteien hatten bei der Parlamentswahl starken Zulauf.

    Koch: Der griechischen Regierung geht das Geld aus. Würden Sie der Europäischen Union raten, Athen wieder einmal aus dem Schlamassel zu helfen und einfach ein paar Milliarden Euro zu überweisen, um den Staatsbankrott zu verhindern?

    Eichengreen: Beide Seiten sollten sich darauf konzentrieren, eine tragfähige Vereinbarung auszuarbeiten. Dafür, dass das seit dem Amtsantritt der griechischen Regierung von Alexis Tsipras nicht gelungen ist, trägt die EU eine Veranwortung. Sie hat ein zu umfangreiches, neues Sanierungsprogramm in zu kurzer Frist verlangt. Aber auch das Verhalten der griechischen Regierung ist Teil des Problems. Sie hätte besser auf ihre scharfe Rhetorik verzichtet und stattdessen genau dargelegt, wie sie das nötige Geld selbst beschaffen will.

    Koch: Als eine Voraussetzung für weitere Finanzhilfen wünschen die EU-Kommission, der Internationale Währungsfonds und die Europäische Zentralbank einen plausiblen Sanierungsplan. Was finden Sie falsch daran?

    Eichengreen: Die Institutionen der Geldgeber verlangten, dass Athen einen Primärüberschuss im Staatshaushalt von 4,5 Prozent anstreben sollte. Die griechische Regierung bot 1,5 Prozent an. Angesichts der sozialen Lage in Griechenland halte ich diese Zahl für realistischer. Die Verständigung auf einen nur kleinen Haushaltsüberschuss wäre ein guter Kompromiss. Einerseits würde die Politik zur Sanierung der Staatsfinanzen fortgesetzt, andererseits stünde der Regierung aber auch ein gewisser Spielraum zur Verfügung, um die soziale Lage der Bevölkerung zu verbessern.

    Koch: In Ihrem Buch über die Depression der späten 1920er Jahre und die Finanzkrise ab 2007 schreiben Sie, dass Griechenland „eine sparsamere Finanzpolitik“ brauche. Das Programm aber, das die EU dem Land aufdrückte, ist Ihnen zu hart?

    Eichengreen: Ja, Griechenland hat in den vergangenen fünf Jahren ein Austeritätsprogramm absolviert, wie kein anderes europäisches Land. Ein Viertel der Wirtschaftsleistung ist verlorengegangen. Die Griechen haben gezeigt, dass sie den Gürtel enger schnallen können, wenn es sein muss. Deshalb sollte man ihnen vertrauen, dass sie auch künftig das Nötige tun.

    Koch: Im Buch vergleichen Sie die beiden großen Finanzkrisen. Ihre These: Wir haben gelernt, aber nicht genug. Welche Lektion ignorierten Politiker und Ökonomen?

    Eichengreen: Anfangs wurde vieles richtig gemacht. Mit expansiver Finanzpolitik haben die Regierungen in Nordamerika und Europa verhindert, dass die Wirtschaftsleistung noch stärker einbrach. Ab 2010 sind sie allerdings zu schnell auf die Bremse getreten. 2011 und 2012 senkten die Staaten im Euroraum ihre Defizite, obwohl die Krise noch nicht vorbei war. Deshalb griff eine weitere Rezession um sich. Das hat Europa zu verantworten, nicht Griechenland.

    Koch: Sollte Europa das Risiko eingehen, dass Griechenland den Euro verlässt?

    Eichengreen: Auf keinen Fall. Griechenland hat schon sehr gelitten und würde durch den Ausstieg noch mehr leiden. Aber auch das europäische Projekt würde großen Schaden nehmen. Es wäre klar: Wenn ein Land ausscheidet, kann das auch anderen Staaten passieren.

    Koch: Warum ist Europa die Anstrengung wert?

    Eichengreen: Die europäische Einigung ist ein großer Fortschritt. Es ist besser, wenn die Staaten sich gegenseitig verstehen und helfen. Kooperation statt Konflikt – das ist das Prinzip des gemeinsamen Europa. Das sollte man nicht auf's Spiel setzen.

    Bio-Kasten
    Barry Eichengreen (Jg. 1952) ist einer bekannstesten liberalen Ökonomen der USA. Er lehrt und forscht an der Universität von Kalifornien in Berkeley. Gerade erschien sein Buch „Hall of Mirrors“, in dem er die Große Depression der 1920er Jahre mit der Finanzkrise ab 2007 vergleicht und die Reaktionen auf beide analysiert. Zuvor veröffentlichte er „Exorbitant Privilege“ über die schwindende Rolle der Weltwährung US-Dollar.

  • Fischethik und ihre Grenzen

    Kommentar zum MSC-Hering von Hannes Koch

    So soll es sein: Am Kühlregal im Supermarkt weiß man sofort, welcher Fisch halbwegs schonend gefangen wurde. Auf vielen Packungen prangt inzwischen das blau-weiße MSC-Siegel für nachhaltige Fischerei. Und bald findet man es auch auf Rollmops, Matjes und weiteren Hering-Produkten. Ein echtes Erfolgsprojekt – dessen Grenzen man jedoch nicht vergessen sollte.

    Die Dynamik ist erstaunlich. Erst vor 20 Jahren wurde MSC gegründet. Heute soll schon die Hälfte des in Deutschlands verkauften Fisch aus Wildfang das Siegel tragen – ein Ergebnis der gezielten Kampagnen, mit denen Organisationen wie WWF und Greenpeace gegen die Zerstörung der Meere mobil machten. Vom Wal zum Hering: Die Agitation hat funktioniert, weil die Kritiker die ökonomisch konzentrierte Fischindustrie gut auf's Korn nehmen konnten. Die neue Generation der politischen Verbraucher hat diese Anliegen aufgenommen und in ihren Alltag eingebaut. Ethischer Konsum kann ein Machtfaktor sein.

    Und doch kritisieren Greenpeace und andere Experten das Fisch-Siegel. Die Kriterien seien zu lasch. Mindestens einige Fischbestände würden zu sehr ausgebeutet. Einen Schutz vor Überfischung biete MSC mithin nicht. Hart gesagt: Das Zertifikat sei auch Tarnung für eine zerstörerische Meerespolitik, die unter anderem die Europäische Union fortsetze.

    Tatsächlich gehen die EU-Kommission und auch die Bundesregierung zu viele schlechte Kompromisse mit den Fischereikonzernen ein. Oft liegen die Fangquoten zu hoch. Die Fischflotten europäischer Staaten plündern die internationalen Gewässer. Illegal gefangener Fisch findet seinen Weg auch in deutsche Geschäfte. Selbst wenn es den Heringen in der Ostsee wieder besser gehen mag: Von einer naturverträglichen Fischerei sind wir weit entfernt. Dafür müsste die Politik viel härter gegen die Fischkonzerne vorgehen.

  • Mattjes mit Mehrwert

    Hering aus der westlichen Ostsee trägt nun das MSC-Zertifikat für nachhaltigen Fischfang. Greenpeace kritisiert die unsichere Datenlage

    Rollmops, Bismarck-Hering, Matjes – ein guter Teil dieser Fischprodukte aus deutscher Herstellung trägt jetzt das MSC-Siegel. In Kürze kommen sie in die Geschäfte. Das Zertifikat des „Marine Stewardship Council“ besagt, dass die Heringe in der westlichen Ostsee vor Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern vergleichsweise schonend gefangen werden.

    Offiziell darf die Erzeugergemeinschaft der Nord- und Ostseefischer in Cuxhaven das MSC-Siegel seit gestern verwenden. Die 38 Kutter des Unternehmens liefern bis zur Hälfte des Herings, den deutsche Unternehmen fangen können. Knapp ein Fünftel des in Deutschland verkauften Fischs ist Hering.

    Die Organisation MSC hat sich zur Aufgabe gemacht, einen Kompromiss zwischen den Interessen der Fischindustrie und der Ökologie zu finden. Flotten, die das Siegel tragen, sollen so fangen, dass die Fischbestände in den Weltmeeren nicht weiter schrumpfen und sich möglichst erholen. Etwa neun Prozent des Fisch aus Wildfang sind mittlerweile mit dem MSC-Zertifikat ausgezeichnet. Bis 2020 soll der Anteil auf 20 Prozent steigen.

    Wie für viele andere überfischte Arten sah es bis vor einigen Jahren auch für die Heringsschwärme in der Ostsee nicht gut aus. Ihr Bestand ging stark zurück, es gab zu wenig Nachwuchs. Mitte der 2000er Jahre war ein Tiefpunkt erreicht. Mittlerweile allerdings haben sich die Europäische Union und Norwegen auf ein neues Management der Heringsbestände geeinigt. Und das Thünen-Institut für Ostseefischerei, das dem Bundeslandwirtschaftsministerium untersteht, gibt Entwarnung. „Seit 2011 steigt der Heringsbestand an. Das Gesamtgewicht der Elterntiere hat den grünen Bereich 2014 wieder erreicht“, sagte Institutsleiter Christopher Zimmermann.

    Damit die Bestände nicht wieder schrumpfen, müssen die MSC-Fischer nun vorsichtiger vorgehen. Beispielsweise sollen sie keine Schleppnetze verwenden, die den Meeresboden aufreißen. Außerdem müssen die Maschen so groß sein, dass kleinere Fische entkommen können. MSC will auch den Beifang reduzieren. Das ist die Menge der Meereslebewesen, die konventionelle Fischer verletzt oder tot wieder über Bord werfen.

    Mit der Anpassung an den MSC-Standard tun die Fischer auch etwas für ihre ökonomische Zukunft. Hering ohne Siegel sei nur noch schwer zu verkaufen, sagte Uwe Richter, der Geschäftsführer der Euro-Baltic Fischverarbeitungs GmbH auf Rügen, die die Fische der Erzeugergemeinschaft zerlegt. Mit Siegel seien dagegen bis zu 30 Prozent höhere Preise zu erzielen, so Richter.

    Kritik gibt es allerdings auch am MSC. Greenpeace findet die Kriterien zu weich. „Die Datenlage ist zu unsicher, um dem Hering in der westlichen Ostsee ein Nachhaltigkeitszertifikat zu geben“, sagte Thilo Maack, Meeresbiologe der Umweltorganisation.

  • "Gabriel steht bei der Kohlepolitik"

    Umweltministerin Hendricks schaltet sich in Debatte um Klimaschutzabgabe für Kohlemeiler ein – und warnt vor einer Blamage der Kanzlerin

    Sigmar Gabriel, SPD-Bundeswirtschaftsminister, gilt bisweilen als sprunghaft. Doch Barbara Hendricks, seine Parteikollegin aus dem Umweltressort, sagt: „Sigmar Gabriel steht“. Sie meint, dass an seinem Plan, den Ausstoss von Treibhausgasen durch Kohlekraftwerke zu mindern, nicht zu rütteln sei. Trotz des großen Widerstands. Gewerkschafter und CDU-Politiker warnen davor, dass Gabriel Kohlekraftwerke in Deutschland zugrunde richtet und damit Jobs verloren gehen. Hendricks verteidigt ihn.

    Gabriel will für besonders ineffiziente Braunkohlekraftwerke eine Klimaschutzabgabe kassieren. Das betrifft Meiler, die älter sind als 20 Jahre. Blasen diese über eine gewisse Freigrenze hinaus Kohlendioxid in die Atmosphäre, sollen die Betreiber eine Strafe von bis zu 20 Euro pro Tonne zahlen. Das soll diese dazu bewegen, alte Anlagen zu erneuern oder stillzulegen. Genau genommen soll der CO2-Ausstoß von Kraftwerken so bis 2020 um 22 Millionen Tonnen gedrückt werden, um das Klimaziel, das sich die Bundesregierung vorgenommen hat, noch zu schaffen. Denn das ist derzeit gefährdet.

    Die Gewerkschaften Verdi und IG BCE stemmen sich allerdings gegen die Abgabe. Für kommenden Samstag haben sie zu einer Großdemonstration „gegen Massenentlassungen und für soziale Sicherheit“ in Berlin aufgerufen. Auf ihre Seite haben sich diese Woche wichtige Unionspolitiker geschlagen. Darunter Volker Kauder, CDU-Fraktionschef im Bundestag. Er sagt: „Wir können jetzt nicht einfach die Kohle plattmachen, auch nicht durch die Hintertür“. Und Armin Laschet, CDU-Vizevorsitzender und Landeschef der NRW-CDU, ist sich sicher, dass die Vorschläge „keine Zustimmung finden“.

    Hendricks hält die Kritik für falsch. Die Energiewirtschaft trage mit etwa 40 Prozent zum Kohlendioxidausstoß in Deutschland bei, argumentiert sie: „Wenn wir von ihr jetzt 22 Millionen zusätzliche Tonnen Kohlendioxid-Einsparungen erwarten, dann ist das unterproportional“.

    Das Bundeswirtschaftsministerium habe auch schon in einem 65-seitigen Schreiben150 Fragen der Union beantwortet und Vorwürfe „überzeugend“ widerlegt. So seien 90 Prozent der Kohlekraftwerke von den Maßnahmen gar nicht betroffen. Und sie seien „Ausgangspunkt für den notwendigen Strukturwandel“. Nur so könnten in den betroffenen Regionen „Brüche“ verhindert werden. Ohnehin sei die Union in die Pläne eingebunden gewesen, die Klimaabgabe für die Kohle nicht ohne Wissen des Kanzleramts entstanden.

    Setzten sich die Widerständler dennoch durch, drohe CDU-Kanzlerin Angela Merkel international eine Blamage, meint Hendricks. Gabriel sei zwar für Alternativorschläge offen, mit denen das Klimaziel zu erreichen sei, doch „rundheraus ablehnen ohne eine Alternative – damit fällt man der Kanzlerin aber kräftig in den Rücken“. Da Ende des Jahres ein Weltklimavertrag in Paris abgeschlossen werden soll, wolle Deutschland den Kampf gegen die Erderwärmung auch beim G7-Treffen in den Mittelpunkt stellen.

    Anfang Juni treffen sich im oberbayerischen Schloss Elmau die Staats- und Regierungschefs der sieben traditionellen Industrienationen. Das sind neben dem diesjährigen Gastgeber Deutschland die USA, Großbritannien, Frankreich, Italien, Japan und Kanada. Russland wurde wegen der Krim-Annexion ausgeschlossen. Traditionell wird bei diesen Treffen über Fragen der Weltwirtschaft, der Außen, der Sicherheits- und der Entwicklungspolitik diskutiert. Diesmal geht es zu einem großen Teil aber auch um ökologische Fragen. Die Kanzlerin könne nur „ganz schwer nach Elmau reisen kann, wenn sie ihre eigenen Ziele nicht umsetzt“, sagt Hendricks.

  • Insektenkiller im Wasser

    Insektizide aus der Landwirtschaft belasten die Flüsse und Seen in Deutschland und andernorts. Umweltbundesamt-Chefin Maria Krautzberger fordert, die Zulassungsverfahren zu ändern.

    Nein, für Menschen bestehe in Deutschland „keine direkte Gefahr“, das Trinkwasser sei gut überwacht. Ralf Schulz, Professor für Umweltwissenschaften an der Universität Koblenz-Landau, betont dies noch einmal. Aber die „Befunde“, so sagt er, „seien schon ein Knaller.“

    Zusammen mit  seinem Kollegen Sebsatian Stehle hat Schulz erstmals untersucht, wie oft sich Insektenkiller, die Landwirte auf ihren Feldern versprühen, in Flüssen, Teichen und Bächen wiederfinden – und ob die erlaubten Schwellenwerte überschritten werden. Schulz sieht eine „signifikante Gefahr“, er meint, dass die „Zulassungen mangelhaft“ seien und Bauern sich möglicherweise nicht an die Auflagen fürs Versprüchen von Ackergiften hielten.
    Genauer sagt er: „In 50 Prozent aller Fälle, in denen ein Insektizid in einem Gewässer weltweit nachgewiesen wurde, war die gefundene Konzentration höher als sie laut behördlichem Zulassungsverfahren sein dürfte.“ Die Insektizide werden durch Wind verdriftet und mit Regen in Bäche und Seen gespült, und zwar in Konzentrationen, die Libellen oder Eintagsfliegen, Bachflohkrebsen oder Muscheln zusetzen. Das Ökosystem nimmt Schaden.  
    Landwirte, aber auch Hobbygärnter spritzen die Chemie in großen Mengen auf ihre Äcker und Beete, um gefräßige Insekten loszuwerden. Allein auf dem deutschen Markt wurden im Jahr 2013 laut dem Industireverband Agrar Insektizide im Wert von 144 Millionen Euro umgesetzt. Im Jahr 2000 ging es um etwa 80 Millionen Euro. Die Beratungsfirma Phillips-McDougall schätzt den weltweiten gesamten Pflanzenschutzmarkt auf 52,7 Milliarden US-Dollar. Dazu gehören dann zum Beispiel auch Unkrautvernichtungsmittel.
    Die Ackergifte sollen eigentlich auf dem Feld zersetzt werden, neuere Wirkstoffe umweltverträglicher sein als alte. Das von den Herstellern entworfene Bild aber stimme nicht, meint Schulz. In den 60er Jahren seien größere Mengen eingesetzt worden als heute. Doch die modernen Insektizide seien „weitaus giftiger“.
    Schulz und Stehle haben 20.000 wissenschaftliche Artikel der letzten 50 Jahre nach Daten zur Umweltbelastung durch Insektengifte durchforstet. In ihre Studie flossen fast 840 Studien zu Gewässerverschmutzung aus gut 70 Ländern ein, sie machten 11.300 Fälle ausfindig, in denen Insektizide nachgewiesen wurden. Dabei sei es gar nicht so leicht, die Belastungen zu entdecken, „Insektizide verursachen ihren Schaden innerhalb weniger Stunden, dann aber heftig“, so der Wissenschaftler. Schnell werden sie weggespült oder abgebaut.
    Zu den Befunden äußert sich BASF nicht. Doch vor einer Zulassung der Mittel, so meint ein Sprecher, werde „stets umfassend geprüft, ob der Wirkstoff nach aktuellem Stand von Wissenschaft und Technik weiterhin genehmigt werden kann.“ Dabei seien „die Anforderungen für die Zulassung im Laufe der zurückliegenden Jahre ständig gestiegen“. Auch der Deutsche Bauernverband erklärt, das Zulassungsverfahren hierzulande sei „weltweit vorbildlich“.  
    Nur: Die Gewässer in Ländern mit vermeintlich strenger Umweltgesetzgebung sind ebenso belastet wie jene weniger restriktiven Ländern. Auch in der EU oder in den USA hätten die sehr aufwendigen Zulassungsverfahren, die es seit etwa 25 Jahren gibt, „keine messbare Verringerung“ der Belastung mit Insektiziden in Gewässern gebracht, sagt Schulz. Er meint: „Die Annahmen bei der Zulassung seien falsch.“
    So gingen die Behörden hierzulande zum Beispiel davon aus, dass die Bauern nur in einem vorgegebenen Abstand zu einem Gewässer die Chemie spritzen. Zum einen reichten diese Abstände nicht, um die Belastung ausreichend einzudämmen, zum anderen hielten sich Bauern womöglich gar nicht an die Vorschrift.  
    In Deutschland ist das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit zuständig für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln, die Bewertung der Umweltrisiken übernimmt dabei das Umweltbundesamt. Dessen Präsidentin Maria Krautzberger stützt Schulz Forderungen.
    Sie sagte: „Gerade kleine Gewässer sind zum Teil viel zu hoch mit Pestiziden belastet.“ Sie würden hierzulande nicht genügend überwacht. Deshalb solle das Monitoring der Belastungen verbessert werden. Das Amt arbeite daran bereits. Zudem meint die UBA-Chefin: „Wir müssen die Methoden überprüfen, mit denen in den Zulassungsverfahren die Eintragsrisiken vorhergesagt werden“. Sie müssten stärker mit der „realen Situation“ in Einklang gebracht werden.

  • Der Spion kommt aus dem eigenen Haus

    Milliardenschaden für Unternehmen durch digitale Ausforschung. Jede zweite Firma ist in den letzten beiden Jahren angegriffen worden.

    Immer mehr Unternehmen werden digital ausspioniert. Mehr als jede zweite Firma gab bei einer repräsentativen Umfrage an, dass ihr in den beiden vergangenen Jahren Daten gestohlen wurde, sie sabotiert oder ausgeforscht wurde. „Am stärksten trifft es den Mittelstand“, erläutert der Chef des Branchenverbands Bitkom, Dieter Kempf, der die Studie in Auftrag gegeben hat. Sechs von zehn Mittelständlern sind zu Opfern digitaler Kriminalität geworden.

    Die oft innovativen mittelständischen Firmen, die maßgeblich zu den Exporterfolgen der gesamten Wirtschaft beitragen, sind laut Bitkom ein besonders lukratives Angriffsziel. Als Zulieferer sind sie fest in die Lieferketten großer Konzerne integriert und können so als Einfallstor in deren IT-Systeme genutzt werden. Zugleich sind die Erfolgsaussichten für die Täter hier größer, weil der Mittelstand keine so starken Abwehrsysteme aufbauen kann wie die Großindustrie.

    Der Schaden durch die Angriffe riesig. Auf gut 50 Milliarden Euro im Jahr beziffern ihn die fast 1.100 befragten Unternehmen. Der größte Teil dieser Summe geht resultiert aus Umsatzverlusten, die durch Plagiate, Patentrechtsverstöße oder eine geringere Wettbewerbsfähigkeit entstehen. Allein auf 13 Milliarden Euro schätzen die Firmen den direkten Schaden durch den Ausfall oder Diebstahl von IT-Systemen mit möglichen Folgen für den Betriebsablauf. Auf diese Dimension des Schaden würde er durchaus wetten, versichert Kempf.

    Am häufigsten registrieren die Unternehmen, dass ihnen Laptops oder Computersysteme gestohlen werden. Auf dem zweiten Rang der häufigsten Delikte steht die Beeinflussung von Mitarbeitern, interne Informationen preiszugeben. Jedes fünf Unternehmen hat dies schon erlebt. Darüber hinaus werden häufig elektronische und physische Dokumente entwendet sowie Abläufe sabotiert. Jede zwölfte Firma berichtet auch von Abhör- oder Ausspähangriffen.

    Die Täter kommen meist aus dem eigenen Haus. 52 Prozent der Delikte wurden von aktuellen oder ehemaligen Beschäftigten begangen. 39 Prozent der Taten gehen auf das Konto von Wettbewerbern, Kunden oder Lieferanten. Hinter jedem fünften Fall stand ein Hacker. Die Organisierte Kriminalität mit neun Prozent oder ausländischen Geheimdienste mit drei Prozent spielen nur eine untergeordnete Rolle. Bei der Herkunft der Angriffe liegt Deutschland vorn. Unter den ausländischen Spionen stellt Russland den größten Anteil, gefolgt von den USA, Westeuropa und China.

  • „Mehr Investitionen statt schneller Abbau von Schulden“

    Die Bundesregierung solle mehr Geld ausgeben, damit Schulen, Straßen und Forschungsinstitute nicht vergammeln, sagt Ökonom Marcel Fratzscher

    Hannes Koch: Herr Fratzscher, der Staat, aber auch die Unternehmen investieren hierzulande zu wenig. Warum tut die Privatwirtschaft nicht mehr, um ihre Anlagen in Schuss zu halten?

    Marcel Fratzscher: Besonders die großen Firmen zieht es hinaus auf die globalen Märkte. Sie investieren verstärkt dort, wo sie höheres Wachstum erwarten. Das kostet Arbeitsplätze in Deutschland, auch gut bezahlte. Um dem entgegenzuwirken, sollte die öffentliche Hand beispielsweise mehr Geld in Forschung und Entwicklung investieren. Dies ist aber nur ein Grund für die private Zurückhaltung bei Investitionen. Eine wichtige Rolle spielen auch Unsicherheiten: Viele Manager machen sich etwa Sorgen über die Kosten der Energiewende, die Möglichkeit eines Fachkräftemangels und den Verfall der Verkehrsinfrastruktur.

    Koch: Und warum gibt der Staat zu wenig Geld aus, um kaputte Brücken zu reparieren oder flächendeckend schnelle Datenleitungen verlegen zu lassen?

    Fratzscher: Die Politik setzt teilweise falsche Prioritäten. So kostet die jüngste Rentenreform der großen Koalition zehn Milliarden Euro jährlich. Diese Summe würde reichen, um in den kommenden Jahren alle öffentlichen Verkehrswege zu modernisieren.

    Koch: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble will die Staatsverschuldung schnell reduzieren. Wäre es nicht sinnvoller, mehr zu investieren?

    Fratzscher: Die Schuldenbremse im Grundgesetz ist richtig. Allerdings sollte der Bund seine Überschüsse von vermutlich 15 Milliarden Euro in diesem Jahr nicht in erster Linie für den Abbau der Schulden nutzen. Damit kann man sich etwas mehr Zeit lassen.

    Koch: Wieso schlägt Ihre Kommission angesichts der staatlichen Überschüsse vor, zusätzliches privates Kapital von Versicherungen und Banken für öffentliche Investitionen zu mobilisieren?

    Fratzscher: Das Ziel einer jeden öffentlichen Investition muss es sein, eine bestimmte Infrastruktur so günstig und effizient wie möglich zu erbringen. Wir alle wissen, dass der Staat nicht alles besser macht als die private Wirtschaft. Eine wichtige Aufgabe der Kommission ist es, den Städten und Gemeinden Optionen aufzuzeigen, wie öffentliche Investitionen rein staatlich oder auch mit privater Hilfe organisiert werden können.

    Koch: Wenn privates Kapital in öffentliche Investitionen fließt, muss der Staat die private Kapitalrendite mitfinanzieren. Investiert er selbst, spart er diese. Sind öffentlich-private Partnerschaften nicht immer schlechte Geschäfte für Bund, Länder und Gemeinden?

    Fratzscher: Es gibt genug Beispiele – man denke an den Berliner Flughafen – bei denen die öffentliche Hand, und damit die Bürger, ein schlechtes Geschäft gemacht haben, weil sie das Wissen und die Fähigkeiten der privaten Wirtschaft zu wenig nutzten. Es geht vor allem um die Frage, ob die öffentliche Hand oder private Unternehmen die bessere Leistung erbringen. Nur in solchen Fällen, in denen private Unternehmen eine öffentliche Infrastruktur günstiger bereitstellen können, sollte der Staat dies auch nutzen.

    Koch: Wie kann der Staat unter Einbezug privaten Kapitals soviel sparen, dass die private Rendite überkompensiert wird?

    Fratzscher: Der Staat kann von privatem Kapital profitieren, wenn die Investoren beispielsweise Kostenrisiken für den Staat übernehmen. Im Fall des Berliner Flughafens wäre es wünschenswert gewesen, genau dies zu tun. Dann müssten jetzt nicht die Steuerzahler die Kosten der Umbauten und verspäteten Eröffnung tragen.

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    Marcel Fratzscher (44) ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Zuvor arbeitete er bei der Europäischen Zentralbank in Frankfurt. Im Auftrag des Wirtschaftsministeriums leitet er die Kommission, die ein Konzept für verstärkte öffentliche und private Investitionen ausarbeitet.

  • Sollen Versicherungen Autobahnen finanzieren?

    Vom Wirtschaftsministerium beauftragte Experten fordern mehr Geld für öffentliche und private Investitionen

    Mindestens fünf Milliarden Euro jährlich sollten die Städte und Gemeinden zusätzlich erhalten. Das hat die von SPD-Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel eingesetzte Expertenkommission zur „Stärkung von Investitionen in Deutschland“ am Montag vorgeschlagen. Das Geld könne aus den Kassen von Bund und Ländern kommen, sagte Kommissionschef Marcel Fratzscher.

    Der Vorschlag ist Bestandteil eines Zehn-Punkte-Planes. Dabei geht es um Maßnahmen sowohl für mehr öffentliche, als auch zusätzliche private Investitionen, sagte Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Der Kommission gehören unter anderem Prominente aus Wirtschaft, Finanzwesen und der Wissenschaft an. Welche Ideen umgesetzt werden, muss nun die Politik entscheiden. In der Kommission gab es Auseinandersetzungen darüber, ob der Staat privates Kapital beispielsweise von Lebensversicherungen akquirieren solle, um Autobahnen und andere Infrastruktur zu errichten.

    Fratzscher bezifferte die Investitionslücke in Deutschland auf etwa 90 Milliarden Euro pro Jahr, gemessen an vergleichbaren Industrieländern. Diese Summe müsste hierzulande eigentlich aufgewendet werden, um die öffentliche Infrastruktur zu modernisieren und die privaten Unternehmen konkurrenzfähig zu halten. Geschehe das nicht, seien Wohlstand und Arbeitsplätze in Gefahr, heißt es im Bericht.

    Neben den zusätzlichen Mitteln für städtische Investitionen in Straßen, Schulen, Kitas und öffentliche Gebäude regte die Kommission an, eine neue Infrastrukturgesellschaft für Kommunen zu gründen. Diese solle von Bund und Ländern getragen werden, um die Städte und Gemeinden zu beraten, sowie Bauprojekte durchzuführen. Der Vorschlag fusst auf der Einschätzung, dass manche Stadtverwaltung nicht über die Expertise verfüge, die jeweils beste Organisationsform für ihre Vorhaben zu wählen.

    Bundesregierung und Bundestag rät die Kommission, eine finanzielle Selbstverpflichtung zu beschließen. Jedes Jahr solle mindestens soviel Geld zur Verfügung gestellt werden, dass man den Verschleiß der öffentlichen Infrastruktur ausgleiche. Überschüsse im Bundeshaushalt seien in erster Linie für bessere Verkehrswege, Datenleitungen und Forschungsförderung zu verwenden. Statt drei Prozent im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung für Forschung und Entwicklung auszugeben, wie es die Regierung anpeilt, würde die Kommission die Latte auf 3,5 Prozent anheben.

    Außerdem plädieren die Experten für die Einrichtung einer Infrastrukturgesellschaft, die „zumindest mehrheitlich in öffentlicher Hand sein sollte“. Ihre Aufgabe wäre es, die Bundesstraßen und Autobahnen in Ordnung zu halten. Reichen öffentliche Mittel dafür nicht aus, könnte auch privates Kapital einbezogen werden. In die gleiche Richtung geht die Idee eines Infrastrukturfonds, in den beispielsweise Banken und Versicherungen Mittel einzahlen, um mit der Finanzierung öffentlicher Projekte eine Rendite zu erwirtschaften. Im Hintergrund steht hier die Überlegung, dass Banken und Versicherungen angesichts der niedrigen Zinsen lukrative Anlagemöglichkeiten für das Geld beispielsweise ihrer Lebensversicherungskunden suchen.

    Um diese Punkte gab es in der Kommission Auseinandersetzungen. Während sich Kommissionsmitglied und Deutsche-Bank-Vorstand Jürgen Fitschen für die Verwendung privaten Kapitals einsetzte, war Reiner Hoffmann, Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes, kritisch. Der Staat solle sein eigenes Geld verwenden, so Hoffmann. Wenn es daran mangele, könne man einen Teil der öffentlichen Ausgaben für die notwendigen Investitionen mit neuer Verschuldung oder höheren Steuern finanzieren. Fratzscher legte Werte auf die Feststellung, ihm gehe es nicht um die Privatisierung der öffentlichen Infrastruktur, sondern um eine für Staat und Steuerzahler möglichst kostengünstige Finanzierung der Projekte.

  • Die Internetheinis spielen Gott

    taz-Kolumne: Wir retten die Welt

    Empörung beim sonntäglichen Frühstück in unserer Küche. Ich lese im Spiegel, ein gewisser Ray Kurzweil, Chefingenieur von Google, sehe einen Moment der Singularität kommen. Mit Singularität meint er eine Situation, in der die Menschheit durch die Internet-Revolution in die Zukunft geschleudert wird. Der Fortschritt explodiert, plötzlich ist vieles möglich, was bis dahin illusionär erschien. Dann kann man 150 Jahre leben, weil global vernetzte Forscher endlich ein Medikament gegen Krebs gefunden haben. Meine Tochter erscheint als 3D-Hologramm im Wohnzimmer, wenn sie mit mir telefoniert. Die Internet-Entwickler haben so geniale Erfindungen gemacht, dass alle Dämme brechen.

    Moment, denke ich, dieser Althippie hat ein paar Pillen zuviel eingeworfen. Leider wird mein Ei kalt, und der Kaffee auch. Ich brauche einen Augenblick, bis ich weiß, wo ich suchen muss. Die Schöpfungsgeschichte, 1. Buch Mose: „Es werde Licht. Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war.“ Der Augenblick der Singularität, in dem alles begann. Man kann auch die wissenschaftliche Version dieser Story heranziehen, die Urknall-Theorie. Weil die Materie im All auseinanderstrebt, muss es irgendwann in grauer Vorzeit einen Startpunkt gegeben haben.

    Jedenfalls scheinen sich die Internetheinis an dem Glauben zu berauschen, sie könnten die Welt so komplett, radikal und grundsätzlich verändern, dass quasi alles neu wird. Ich rege mich auf. Mein Sohn, 15, technikafin: „Stimmt doch“. Ich: „In der Wohnung von Oma und Opa war das Wählscheiben-Telefon an der Wand festgeschraubt, heute habe ich ein Handy in der Tasche. Na und?“ Ja, es ist eine Veränderung. Aber wie weitreichend? Was wichtig ist: Menschen lieben, führen Kriege, gründen Familien, bauen Nahrungsmittel an, sterben. Was ändert daran das Smartphone? Technische Erfindungen sind Kratzer auf der Oberfläche des Lebens.

    Ich reagiere auch deshalb so empfindlich, weil ich weiß, dass ich Unrecht habe – teilweise. Im Mittelalter starb man mit 35 Jahren. Heute lebt man bis 80 – dank Medizin, Wissenschaft, Technik. Ein gigantischer Fortschritt, den ich gerne mitnehme. Warum ärgert mich dann Kurzweils Vision der abermaligen drastischen Verlängerung des Lebens? Wegen der unglaublichen Anmaßung, die der Begriff „Singularität“ enthält.

    Kurzweil ist nicht der Einzige. Ein gewisser Peter Thiel – Gründer von Paypal, Investor bei Facebook – verkündet: Wirtschaftliche Monopole sind gut für uns – und kein Übel, wie wir Kleinkrämer immer denken. Im Gegenteil: Konzerne sollen die Welt beherrschen dürfen, weil sie den Menschen dann viel mehr Gutes tun können, als wenn sie durch lästigen Wettbewerb behindert werden. Das scheint mir das Kernziel der Internet-Visionäre zu sein: Sie wollen das Leben auf den Kopf stellen, ohne dass ihnen jemand reinredet. Schon gar nicht die Politik. Also Vorsicht: Bevor Konzerne wie Amazon, Apple, Facebook, Google und Uber uns wirklich in Schwierigkeiten bringen, sollten wir ihnen selbst einen Knall verpassen. Bevor es zu ihrem Urknall kommt.

  • Erfolg mit Startproblemen

    100 Tage nach der Einführung des Mindestlohns gibt es nur wenige Beschwerden über Verstöße. Kontrolleure des Zolls drücken ein Auge zu.

    Der neue Mindestlohn in Deutschland scheint erfolgreich zu verlaufen, meinen viele Kenner des Arbeitsmarktes. „Ja, der Mindestlohn setzt sich durch“, sagt beispielsweise Reinhard Bispinck von der gewerkschaftsnahen Hans Böckler Stiftung. Schleswig-Holsteins Arbeitsminister Reinhard Meyer (SPD) sieht es ähnlich.

    8,50 Euro pro Stunde – soviel sollen nun alle Arbeitnehmer erhalten, von Ausnahmen abgesehen. Am 1. Januar trat das Gesetz in Kraft. Die ersten 100 Tage sind vorbei – Zeit für eine erste Bilanz. Diese allerdings ist schwierig zu ziehen, denn wegen der kurzen Dauer gibt es bisher kaum Zahlen. Die Finanzkontrolle Schwarzarbeit des Zolls kontrolliert die Firmen zwar, hat aber noch keine Statistik aufgestellt. Die Erfolgsmeldungen können daher nur auf Indizien beruhen.

    Rund 3,7 Millionen Beschäftigte, die bisher weniger als 8,50 Euro bekamen, profitieren laut Bundesarbeitsministerium von der neuen Lohnuntergrenze. Ihre Löhne sollen steigen. Tun sie das nicht, stehen den Betroffenen Telefon-Hotlines beim Ministerium und dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) zur Verfügung. Die Beschwerden dort halten sich allerdings in Grenzen. Gut 9.000 Leute hätten seit Januar angerufen, sagt eine Sprecherin des DGB. Die meisten wollten sich allerdings nur informieren. Die Anteil der Beschwerden im Verhältnis zu den 3,7 Millionen liegt also in der Größenordnung von 0,1 Prozent. In einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des DGB sagten drei Prozent der Befragten, ihnen werde der Mindestlohn vorenthalten.

    Vieles müsse sich erst „zurechtruckeln“, so Bispinck. Manche Betriebe verhandeln mit ihren Beschäftigten noch über die neuen Arbeitsverträge. Und die Kontrolleure des Zolls drücken ein Auge zu. Sie räumen den Firmen eine Übergangszeit ein. Jetzt ermahnt man sie nur, erst bei der nächsten Prüfung wird es ernst. Viele Fälle, in denen der Mindestlohn umgangen wird, entdeckt der Zoll anscheinend auf Baustellen, im Taxigewerbe und in der Fleischindustrie.

    Unternehmen suchen und finden Schlupflöcher. Eine Variante sieht so aus: Die Arbeitnehmer bekommen neue Verträge mit gleicher Bezahlung wie vorher, aber niedrigerer Arbeitszeit. Auf dem Papier steigt die Bezahlung dann auf 8,50 Euro. Tatsächlich aber arbeiten die Beschäftigten genauso lange wie früher – und erhalten real auch nicht den Mindestlohn. Dies ist der Hintergrund des Streits über die sogenannten Dokumentationspflicht. Um Täuschungen zu erschweren, müssen die Unternehmen den Beginn und das Ende der Arbeitszeit, die Stundenzahl und die Entlohnung der Beschäftigten erfassen. Während Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) und der DGB daran festhalten, kritisieren CSU und Wirtschaftsverbände die vermeintlich überflüssige Bürokratie.

    Auch zu einem anderen beliebten Streitpunkt fehlen Daten: Führt der Mindestlohn dazu, dass hunderttausende Arbeitsplätze verlorengehen? Auf bis zu 900.000 hat der Münchner Ökonom Hans-Werner Sinn die möglichen Jobverluste beziffert. Begründung: Wenn die Arbeitnehmer zu teuer werden, schmeißen die Unternehmen sie raus.

    Die Minijobzentrale in Essen, bei der geringfügig Beschäftigte unter anderem in Privathaushalten angemeldet sind, registrierte im Januar diesen Jahres rund 150.000 Minijobs weniger als saisonal üblich. „Ein Zusammenhang zum Mindestlohn ist zu vermuten“, aber nicht nachweisbar, heißt es. Unklar sei, ob die Minijobs einfach wegfallen, die Tätigkeiten in die Schwarzarbeit abwandern, oder die Arbeitnehmer bessere, komplett sozialversicherungspflichtige Stellen bekommen.

    Belege für Jobverluste gibt es auch in anderen Branchen – allerdings nur in Form von Einzelbeispielen, systematische Untersuchungen fehlen. So werden Taxifahrer entlassen, die nicht die 8,50 Euro erwirtschaften. Manche Betreiber von Hotels und Gaststätten reduzieren ihr Angebot, um auf die teureren Niedriglöhner verzichten zu können. Ingesamt seien die Auswirkungen des Mindestlohn für die Zahl der Arbeitsplätze aber nicht dingfest zu machen, sagt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Es würden sich zu viele Entwicklungen überlagern, um eine davon isolieren zu können.

    Angesichts der allgemeinen Lage am Arbeitsmarkt muss man sich jedoch keine Sorgen machen: Die Arbeitslosigkeit in Deutschland geht weiter zurück. „6,4 Prozent liegen nahe an der Vollbeschäftigung“, heißt es beim DIW. Und die Zahl der Stellen wird wohl weiter zunehmen. Das bedeutet: Sollte der Mindestlohn Jobs kosten, gleicht die positive Wirtschaftsentwicklung diesen Verlust mehr als aus. Die Arbeit zu verlieren ist hart. Aber eine neue zu finden war lange nicht so einfach wie heute.

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    Mindestlohn und Inflation
    Die neue Lohnuntergrenze von 8,50 Euro macht Arbeit teurer. Die Firmen können darauf reagieren, indem sie beispielweise die Arbeitszeit reduzieren und die Produktivität steigern, Leute entlassen, die Gewinnmarge verringern oder auch die Verkaufspreise anheben. Letzteres ist laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung vor allem im Taxigewerbe (acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr) und bei Chemischen Reinigungen (drei Prozent) zu beobachten. In den übrigen Niedriglohn-Branchen, unter anderem Gastronomie und Wachdienste, lägen die Preissteigerungen gegenwärtig bei moderaten zwei Prozent gegenüber 2014.

  • Gute Verzinsung nur mit hohem Risiko

    Anleihen werfen mittlerweile meist auch nur wenig ab. Kleinanleger sollten von einzelnen Unternehmen die Finger lassen.

    Die Fluggesellschaft Air Berlin ist die Nummer zwei in Deutschland hinter der Lufthansa. Viele Reisende kennen das Angebot der Airline aus eigener Erfahrung. Wer Vertrauen in das Unternehmen hat, könnte einen Teil seines Ersparten dort anlegen. Denn Air Berlin gibt Anleihen heraus. Im Grunde ist die Bezeichnung ein anderes Wort für einen Kredit, den Anleger der Firma geben. In Zeiten niedriger Zinsen könnte sich dieses Engagement lohnen. Eine Anleihe der Fluggesellschaft, die noch bis 2018 läuft, weist derzeit eine Rendite von 5,65 Prozent aus.

    Im Vergleich zu den Zinsen für Tagesgeld oder Festgeld erscheint diese Ertragsaussicht glänzend. Auch mit Blick auf die Nummer Eins im Geschäft, die Lufthansa, wirkt Air Berlins Anleihe lukrativ. Eine bis zum Sommer 2016 laufende Anleihe der Kranich-Linie wirft aktuell nur 0,84 Prozent Rendite ab. Wie kommt es zu dem großen Unterschied? Air Berlin geht es geschäftlich nicht gut. Finanzspritzen eines arabischen Großaktionärs halten die Gesellschaft am Leben. Im vergangenen Jahr flogen die Berliner ein Rekordminus ein. Mit anderen Worten: Es ist viel riskanter, Air Berlin Geld zu borgen, als es der Lufthanse zu geben. Das höhere Risiko drückt sich in der höheren Verzinsung aus. Das ist ein Grundprinzip von Anleihen.

    Da der Ertrag von Anleihen in der Regel von der Bonität des Herausgebers abhängt, müssen sich einfache Sparer schon sehr gut über die so genannten Emittenten informieren und die Kursentwicklung der Anleihe im Auge behalten. Deshalb raten Verbraucherschützer in der Regel vom Kauf einzelner Anleihen ab und empfehlen Sparern, lieber auf große Fonds zu setzen, die als Rentenfonds in den Kurslisten geführt werden. Diese halten viele verschiedene Anleihen und werden professionell gemanagt.

    Der Anleihenmarkt ist für den Laien zudem recht unübersichtlich. Die wichtigsten Emittenten sind die Staaten rund um den Erdball. Sie verschulden sich über Staatsanleihen wie Deutschland zum Beispiel mit Bundesschatzbriefen. Doch diese vergleichsweise sicheren Anlagen bringen derzeit kaum etwas ein, da sich die Rendite mit dem sinkenden Zinsniveau der Nulllinie annähert. Auch hier gilt die Abhängigkeit des Ertrags vom Risiko. Ärmere Staaten bezahlen höhere Zinsen. Doch müssen die Anleger dann auch, wie es bei Griechenland vor dem ersten Schuldenschnitt der Fall war, mit einem teilweise oder vollständigen Ausfall der Rückzahlung rechnen.

    Auch für Unternehmen, insbesondere für die ganz großen, gehört die Herausgabe von Anleihen zu den üblichen Finanzierungsinstrumenten. Die Kosten sind in der Regel geringer als ein Bankdarlehen und bei insgesamt sinkenden Zinsen sparen die Firmen erhebliche Beträge. Die Deutsche Bahn ist beispielsweise mit rund 16 Milliarden Euro verschuldet. Muss sie durchschnittlich nur ein Prozent weniger Zinsen dafür bezahlen, bleiben 160 Millionen Euro mehr in der Kasse hängen.

    Bei diesen Anleihen gibt es wiederum verschiedene Konstruktionen, auf die Anleger achten sollten. So rät die Stiftung Warentest zu einem Blick in die Bedingungen der Wertpapiere. Manche Unternehmen behalten sich darin das Recht vor, die Anleihe vorzeitig zurückzuzahlen. Bei einer ungünstigen Kursentwicklung könnte dies zu schmerzhaften Verlusten bei den Sparern führen. Eine andere Besonderheit sind nachrangige Anleihen. In diesen Fällen erhalten die Käufer im Falle einer Insolvenz erst als letzte Gläubiger ihr Geld zurück – wenn dort noch etwas zu holen sein sollte.

    Die Experten des Internetportals Finanztip raten derzeit von Anleihen generell ab. Wenn überhaupt, sollten Sparer in Rentenfonds oder in Exchange Tradet Funds (ETF) investieren. Letztere bilden jeweils einen Index der Anleihenmärkte ab. Während die Gebühren bei Fonds relativ hoch sind und den Ertrag erheblich drücken, sind ETF deutlich preiswerter. Für risikobereite Anleger gibt es auch spezielle Angebote, so genannte High Yields Fonds. Diese legen das Geld nur in Unternehmen mit schwacher Bonität an, die dafür entsprechend mehr abwerfen.

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    So funktionieren Anleihen

    Anleihen sind Wertpapiere, mit denen sich Staaten oder Unternehmen finanzieren. Sie haben eine feste Laufzeit und einen von vornherein festgelegten Zinssatz. Da sie an den Börsen gehandelt werden, kann sich der Kurs täglich ändern. Die Wertentwicklung hängt direkt von der allgemeinen Zinsentwicklung ab. Steigen die Zinsen, sinken die Anleihenkurse und umgekehrt. Das kann allen Anlegern egal sein, die das Papier über die gesamte Laufzeit behalten wollen. Soll die Anleihe jedoch zwischenzeitlich verkauft werden, kann die auch Verluste einbringen.

  • „Die nächste Generation hat Glück, wenn es ihr nicht schlechter geht“

    Fortschritt sei noch immer ein gutes Konzept, sagt Kulturwissenschaftler Claus Leggewie – wenn man die Gefahr des Rückschritts mitreflektiere. Facebooks Versprechen der Weltverbesserung mittels Technik hält er für Lüge

    Hannes Koch: Herr Leggewie, heute besitzt die Hälfte der Erwachsenen weltweit ein Smartphone. 2020 wird es fast jeder sein. Diese Geräte rechnen jeweils schneller als die Computer, die 1969 die Mondlandung bewältigten. Ist das Smartphone Fortschritt?

    Claus Leggewie: Nach solchen Kriterien schon, aber was sagen die aus? Man vergleicht nur quantitative Indikatoren im Zeitablauf, stellt eine exponentielle Steigerung fest – und nennt es Fortschritt.

    Koch: Was fehlt?

    Leggewie: Die Frage: Was bringt uns das Smartphone? Ein unverkennbarer Vorteil besteht darin, dass wir in der Lage sind, weltweit jederzeit in Echtzeit zu kommunizieren. Das kann für das Zusammenwachsen der Weltgesellschaft sehr nützlich sein.

    Koch: Außerdem hat man immer das Weltwissen parat. Die modernen Minicomputer sind auch Instrumente für Entwicklung. Leute in entlegenen Dörfern Afrikas können damit ihre Bankgeschäfte erledigen. Und das Smartphone kann ein Mittel für Revolutionen sein.

    Leggewie: Aber auch für die Diktaturen. In Syrien hat der Geheimdienst mitgelesen, was und wer sich auf Facebook geäußert hat. Ein zeitgemäßes, angemessenes Verständnis von Fortschritt bedeutet, das Smartphone als mögliches Mittel für eine bessere Lebensqualität zu beschreiben, sich aber auch die Nachteile klarzumachen.

    Koch: Welche muss man noch nennen?

    Leggewie: Zerstreuung. Es ist schwer, konzentriert am Stück zu arbeiten, weil ständig neue Pseudo-Informationen zugänglich sind. Und Stress: Die Arbeitszeit wird grenzenlos, damit unmenschlich. Dritter Punkt: Wir saßen unlängst in einem Restaurant in Frankfurt, neben uns ein Tisch mit 20 Leuten, schweigend ins Gespräch mit virtuellen Partnern vertieft. Es herrschte Totenstille. Smartphones können Kommunikation individualisieren – und zerstören. Morgen abend findet übrigens die Elternversammlung der fünften Klasse meiner Tochter statt. Es wird diskutiert, warum die Schule das Handyverbot in den Pausen aufhebt.

    Koch: Sie sind dagegen?

    Leggewie: Aber wie! Damit wäre das kindliche Spiel auf dem Schulhof beendet.

    Koch: Doch Sie werden sich nicht durchsetzen?

    Leggewie: Nein, und wissen Sie warum? Weil die Helikopter-Eltern ihre Kinder ständig kontrollieren und erreichen zu müssen meinen. Und weil sie die Dinger selbst für modern und fortschrittlich halten.

    Koch: Auf dem Firmengelände von Facebook im kalifornischen Ort Menlo Park ist das Wort „hack“ so groß in das Pflaster gelegt, dass man es aus dem Flugzeug lesen kann. Der Begriff postuliert die positive Weltveränderung durch Technik. Ist dieses Versprechen ein Irrtum?

    Leggewie: Es ist eine Lüge. Wer ein derart eindimensionales Verständnis von Fortschritt propagiert, betreibt blanke Ideologie. Sie wird dadurch so schlimm, dass die Medienkonzerne so mächtig sind. Sie bringen eine affirmative Vorstellung von Fortschritt zum Tragen, die gemeingefährlich ist und totalitäre Qualität annehmen kann.

    Koch: Weil die Macher von Facebook behaupten, sie machten das Leben ihrer Nutzer angenehmer und die Welt besser, ohne sich Rechenschaft über die Gefahren und Rückschritte abzulegen?

    Leggewie: Wer die Ambivalenz von Technik ignoriert, vertritt ein veraltetes Konzept. Nennen wir es Fortschritt 1.0. Dabei sollten wir heute wissen, dass man die nicht beabsichtigten Kehrseiten des Fortschritts – Niedergang und Rückschritt – immer mitdenken muss. Das wäre Fortschritt 2.0, ein selbstkritisches, reflexives Modell.

    Koch: Von der alten Vorstellung loszukommen, ist schwierig. Sie hat uns sehr lange begleitet.

    Leggewie: Über 200 Jahre. Im 18. Jahrhundert verließen die Menschen das zyklische Weltbild des Mittelalters, das an den saisonalen Kreislauf der Natur angelehnt war. Damit entstand die Idee einer Geschichte, die sich vom konkreten Erfahrungsraum der Altvorderen löst, und eine unbegrenzte kollektive Entwicklung propagiert. Der Erwartungshorizont öffnete sich. Und in diesem Bild war die Zukunft nun besser als die Vergangenheit. Motoren dieses Fortschritts sind Technik, Wissenschaft, irgendwann auch Demokratie. Zentral an dieser neuen Vorstellung: So schlecht es einzelnen Menschen oder Gruppen jeweils auch gehen mag, so viele Rückschläge auch zu verkraften sind, die Geschichte wird doch insgesamt als Vervollkommung der Menschheit betrachtet. In dieser Sicht erlaubt der Fortschritt auch den Kulturbruch: Selbst der Massenmord an den Juden kann den allgemeinen Fortschritt nur bremsen, nicht grundsätzlich aufhalten.

    Koch: Das verbirgt sich hinter dem Begriff „Dialektik der Aufklärung“?

    Leggewie:. Theodor W. Adorno und Max Horkheimer erklärten den Zivilisationsbruch nicht als etwas radikal Antimodernes, sondern als Perversion eines sich selbst nicht verstehenden Fortschrittsdenkens.

    Koch: Kann Fortschritt vor diesem Hintergrund heute überhaupt noch ein Ziel sein?

    Leggewie: Unbedingt, es wäre töricht, die Fortschrittsidee postmodern zu beerdigen! Die Aufklärer von Jacques Turgot, Nicolas Condorcet über Gottfried Herder bis Adam Smith plädierten ja nie für einen einseitigen, abgekoppelten, bloß technischen Fortschritt, sie wollten immer auch moralische Veredelung. Erst wenn wir Zivilisationsbrüche nicht übergehen und technische Großkatastrophen reflektieren, kommen wir zu einem vollständigeren Begriff von Fortschritt.

    Koch: Was muss ein zeitgemäßes Konzept beinhalten?

    Leggewie: Im Gegensatz zur Vorstellung des 19. und 20. Jahrhunderts müssen wir unseren linearen Erwartungshorizont enger spannen. Die Natur setzt Grenzen, weil wir sie in den vergangenen 200 Jahren überstrapaziert haben. Denken Sie an das Artensterben, die Überfischung der Meere oder den Klimawandel. Es darf keine Fortschrittsdebatte geben, die die planetarischen Grenzen nicht zur Kenntnis nimmt und den belebten und unbelebten Dingen keine Stimme gibt. Das ist der Kern des Anthropozän-Begriffs, der ein neues Fortschrittsverständnis einschließt.

    Koch: Und was ist praktisch zu tun?

    Leggewie: Eine Politik der Nachhaltigkeit bedeutet, der Natur nur so viele Ressourcen zu entnehmen, wie sich erneuern lassen. Fortschritt ist nicht mehr identisch mit Wirtschaftswachstum und zusätzlicher Technik. Es geht nur noch das, was die planetarischen Grenzen nicht sprengt.

    Koch: Nun ist die Transformation in die grüne Zukunft kein schmerzfreier Prozess. Wenn Kohlekraftwerke abgeschaltet werden, droht den Beschäftigten der Verlust ihrer Jobs. Viele Bundesbürger wollen auf Konsum nicht verzichten. Was sagen Sie denen?

    Leggewie: Ein ressourcenstarkes Land wie unseres kann Verlierer kompensieren. Auch global schafft die Energiewende so viele neue Chancen, dass man die Kohlepfade der Vergangenheit verlassen kann. Wir stellen Alternativen zur Diskussion und geben den Bürgern die Möglichkeit der Abwägung. Nehmen Sie als Beispiel das Opel-Werk in Bochum, hier in der Nachbarschaft. Kürzlich wurde es geschlossen. Dieses Ende drohte aber schon seit 15 Jahren. Damals, um das Jahr 2000, haben fantasievolle Leute dem Management und der Gewerkschaft gesagt: Schult die Arbeiter und Ingenieure um, macht aus ihnen Fachleute für intelligente Mobilität. Entwerft für das Ruhrgebiet ein integriertes Mobilitätskonzept mit öffentlichem Nahverkehr, Carsharing und anderen Formen modernen Verkehrs.

    Koch: Dafür braucht man nicht tausende ehemalige Fließbandarbeiter, sondern vielleicht ein paar hundert Entwickler.

    Leggewie: Die jetzt aber auch im Vorruhestand sind und Däumchen drehen. Mit unserem Konzept hätte eine größere Zahl der Opel-Beschäftigten vor Jahren eine neue Perspektive erhalten – und müsste jetzt nicht in der Transfergesellschaft des TÜV Bewerbungstrainings über sich ergehen lassen. Denn es geht um nicht weniger als die umwelt- und sozialverträgliche Reindustrialisierung des Ruhrgebiets. Mit Elektrofahrzeugen, sauberer Industrie, erneuerbaren Energien. Das wäre Fortschritt 2.0. Wenn es weiterläuft wie im Augenblick, wird auch die nächste Generation, die an den Ruhr-Unis ausgebildet wird, von den Hütern der Regression betrogen.

    Koch: Werfen wir noch einen Blick zurück in die 1950er Jahre. Leben wir heute als Gesellschaft in Deutschland besser als damals?

    Leggewie: Ja. Beispielsweise sind die Beziehungen sowohl zwischen den Geschlechtern, als auch den Generationen viel gleichberechtigter. Kinder werden ernster genommen. In Bezug auf Fremde – damals hießen sie Gastarbeiter – hat sich die Bundesrepublik ebenfalls vorwärts bewegt.

    Koch: Jemand, der jetzt Asyl beantragt, wird angemessener behandelt, als ein Gastarbeiter in den 1960er Jahren?

    Leggewie: Das wäre jedenfalls klug. Ich habe kürzlich einer afghanischen Flüchtlingsfrau zugehört, die sagte: Ja, manche Deutsche sind unfreundlich zu mir. Aber insgesamt ist das hier ein fantastisches Land – besonders im Vergleich zu den Verhältnissen, aus denen ich komme.

    Koch: Wird es unseren Kindern besser gehen als uns?

    Leggewie: Es gibt Anzeichen, dass die Entwicklung auch bei uns nicht mehr so positiv verlaufen wird wie in den vergangenen Jahrzehnten. Die nächste Generation hat schon Glück, wenn es ihr nicht schlechter geht. Wir hinterlassen schwierige Verhältnisse. Soziale Ungleichheit könnte sich verschärfen. Die Erdatmosphäre ist bedroht. Außerdem wird Europa, dessen Einigung einen kosmopolitischen Fortschritt darstellt, von einem autoritären, expansiven Russland und islamistischen Terroristen bedroht.

    Koch: Ich dachte, Sie seien Optimist.

    Leggewie: Bleibe ich auch. Bevor uns der Pessimismus einholt, müssen wir uns umso stärker für die nächste Generation einsetzen – in dem Bewusstsein, was für eine gute Zeit wir in den vergangenen 60 friedlichen und wohlhabenden Jahren hatten.

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    Claus Leggewie (65) arbeitet daran, Deutschland auf einen nachhaltigen und demokratischen Weg in die Zukunft zu bringen. Er lehrt als Professor für Politikwissenschaften an der Uni Gießen, leitet das Kulturwissenschaftliche Institut Essen und berät die Bundesregierung als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates für Globale Umweltveränderungen. Gerade ist seine Autobiografie „Politische Zeiten. Beobachtungen von der Seitenlinie“ erschienen. 2009 veröffentlichte er zusammen mit Harald Welzer das Buch „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie“.