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  • Gift aus der Tube

    Ärzte fordern Verbot des antibakteriellen Triclosans, das in der Zahnpasta Colgate Total steckt, aber auch in Deos oder in Reinigern für Sexspielzeug

    Zum Beispiel die Zahncreme Colgate Total. Sie biete „12 Stunden Non-Stop Schutz“. Darin stecke Triclosan. Der beuge auch Zahnfleischproblemen vor. Gut liest sich das in der Werbung. Doch die „Ärzte und Ärztinnen für Umweltschutz“ in der Schweiz – kurz AefU – halten ihn für gefährlich und haben jetzt die Online-Petition „Triclosan verbieten“ gestartet. Diese richtet sich zunächst zwar an den Schweizer Bundesrat. Aber der Zusatzstoff, der Bakterien töten und gegen üblen Geruch helfen soll, findet sich überall. In Deos und Fußpuder. In Müllbeuteln und Socken.

    Martin Forter ist AefU-Geschäftsführer und der Kopf der Kampagne, auch wenn er selbst kein Mediziner, sondern Geograf ist. Er hat sich schon mehrfach mit den Chemiekonzernen in der Schweiz angelegt. In den letzten Wochen ist er in Apotheken, Drogerien und Supermärkten auf Einkaufstour gegangen. Er hat knapp 70 Produkte, die Triclosan enthalten, mitgenommen. Das sei allerdings „nur eine Auswahl“, so Forter. Dabei schade der antibakterielle Stoff mehr als er nütze.  

    Triclosan steht in Verdacht, im Körper wie ein Hormon zu wirken und vielleicht sogar Brustkrebs auszulösen. Der Stoff soll auch Spermien, Leber und Muskeln schwächen. Darüber hinaus können sich durch ihn resistente Keime bilden, in Laborversuchen waren es auch solche, bei denen Antibiotika nicht mehr wirken.

    „Ähnliche Stoffe, wie zum Beispiel das Insektizid DDT, wurden längst verboten“, sagt Forter. „Nur Triclosan hat die Kritik an dieser Stoffgruppe überlebt und ist immer noch auf dem Markt.“ Triclosan ist eine hochchlorierte Verbindung. Der von der Basler Firma Geigy – ein Vorgänger des Novartiskonzerns – Mitte der 1960 Jahre entwickelte Stoff lagere sich im Fettgewebe der Menschen ab. Er sei im Blut und der Muttermilch der Menschen nachgewiesen worden, aber auch in Gewässern und Fischen. Heute wird Triclosan vor allem von BASF produziert.

    Manche Hersteller von Kosmetika und Reinigungsmitteln stellen ihre Produktion freiwillig peu á peu um: Johnson & Johnson verspricht auf seiner Homepage Alternativen zu entwickeln und  Triclosan bis 2015 ersetzt zu haben. Der Stoff sei zwar nicht bedenklich. Aber das Unternehmen wolle den Seelenfrieden der Kunden, erhalten.

    Wie lange verwenden Sie die Substanz noch? – Forter hat die Frage allen Produzenten seiner Triclosan-Einkäufe gestellt. Colgate-Palmolive habe den Stoff am „vehementesten“ verteidigt, sagt er.

    Das Unternehmen antwortete ihm per E-Mail: Die Menge, die für Zahnpasta verwendet werde, nämlich eine Konzentration von 0,3 Prozent, sei nach EU-Recht „zulässig“ und „sicher“. Erst im Jahr 2013 erteilte auch die Stiftung Warentest Colgate Total ein „sehr gut“. Sprecherin Heike van Laak: „Der Grenzwert wird eingehalten, insofern hat es keine Abwertung gegeben.“  

    Doch nicht nur die AefU-Leute fürchten das Risiko. Der US-Bundesstaat Minnesota hat im Mai diesen Jahres ein Gesetz verabschiedet, nach dem Triclosan dort ab 2017 verboten ist. Saudi-Arabien hat den Stoff aus Kosmetik verbannt. In der EU darf er in der Lebensmittelbranche, in Folien, auf Schneidebrettern oder Transportbändern, nicht mehr verwendet werden.

    Und eine Sprecherin des Bundesinstituts für Risikobewertung sagte: „Die zugelassenen Konzentrationen in Kosmetika sind so gering, dass eine negative Wirkung auf die Gesundheit nicht zu erwarten ist.“ Doch habe das Institut schon vor fünf Jahren empfohlen, „den Einsatz von Triclosan auf den medizinischen Bereich zu beschränken.“

    Derzeit klärt die EU nach der Chemikalienrichtlinie Reach und nach der Biozidverordnung ob Triclosan künftig verboten wird. Doch die Prozesse sind langwierig. Die Onlinepetition, die bereits 2500 Menschen unterzeichnet haben, findet sich unter www.aefu.ch/themen/chemikalien/triclosan/verbieten/

  • Bahnverkehr nach dem Streik noch eingeschränkt

    Die Fronten zwischen der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) und der Bahn sind weiterhin verhärtet. Der Ausgang des Konflikts ist so offen wie nie.

    Die Fahrgäste der Deutschen Bahn müssen sich auch nach dem Ende der ersten Streiknacht von Dienstag auf Mittwoch noch bis zum Mittag auf Verspätungen einstellen. So lange dauert es nach Angaben des Unternehmens, bis sich der Zugverkehr wieder normalisiert. Der Schaden ist beträchtlich. Der für den Personenverkehr zuständige Vorstand Ulrich Homburg geht von mehreren Millionen Euro an Einbußen aus.

    Die Fronten im Tarifstreit zwischen der Lokführergewerkschaft GDL und der Bahn noch immer verhärtet. Die Gewerkschaft spricht von „unzumutbaren Arbeitgeberforderungen“. Die Bahn wirft der GDL wiederum vor, dass es ihr nur um den Ausbau ihres Einflussbereiches auf weitere Berufsgruppen gehe, nicht aber um Entgelte und Arbeitsbedingungen für die Lokführer. Die GDL will künftig auch für die Zugbegleiter oder das Personal im Bordrestaurant Tarife aushandeln. Das lehnen die Arbeitgeber ab. Daher sind weitere Streiks wahrscheinlich.

    So könnte die GDL immer wieder mit vergleichsweise geringem Aufwand den Bahnverkehr zum Stillstand bringen und die Bahn damit wirtschaftlich so schwer schädigen, dass die Arbeitgeber nachgeben. 2007 hat die Gewerkschaft auf diese Weise einen eigenständigen Tarifvertrag für die Lokführer erstritten. Diesmal will sie ein von der großen Eisenbahnverkehrsgewerkschaft (EVG) unabhängiges Verhandlungsmandat für einen Teil des Zugpersonals, also zum Beispiel die Zugbegleiter erringen. Das will die Bahn auf keinen Fall, weil es dann sowohl für die Lokführer als auch für das Zugpersonal zwei verschiedene Tarifverträge geben würde. Es ist daher nicht sehr wahrscheinlich, dass die Arbeitgeber sich schnell auf diese Forderung einlassen.

    Selbst wenn beide Seiten nach einigen Streiktagen an den Verhandlungstisch zurückkehren und nach einem Kompromiss in der Frage suchen, wird eine Lösung schwierig. Denkbar wäre, dass die Bahn mit beiden Gewerkschaften je einen Tarifvertrag abschließt, diese aber bei zentralen Fragen wie dem Entgelt oder der Arbeitszeiten identische Regelungen vorsehen. Darauf will sich die GDL bisher nicht einlassen, obwohl es ihren Verhandlungsspielraum erweitern würde. Sie wittert darin ein Tarifdiktat durch die große EVG.

    Möglich wäre darum auch eine weitere Entwicklung. Mit andauernden Streiks wächst der Druck auf beide Seiten, am Verhandlungstisch nach einer Lösung zu suchen. Schlichter oder Moderatoren könnten dann gemeinsam mit allen drei Beteiligten, Bahn, GDL und EVG, die Basis für ein normales Gesprächsklima und eine Kompromissbereitschaft der Verhandlungsführer legen. Ist das Streitthema Vertretungsanspruch erst einmal gelöst, beginnen die eigentlichen Verhandlungen über Löhne und Arbeitszeiten.

    Sollte sich der Konflikt jedoch noch lange hinziehen, wird wohl die Politik mittels einer gesetzlichen Regelung für klare Verhältnisse sorgen. Ende November will die Bundesregierung einen Gesetzentwurf vorlegen, der die Tarifeinheit in den Betrieben regelt. Kernpunkt ist laut Koalitionsvertrag, dass jeweils die Gewerkschaft Verhandlungen führt, die am meisten Mitglieder vorweisen kann. Damit hätten Spartengewerkschaften wie die GDL kaum mehr genügend Macht für Muskelspiele zu Gunsten einer kleinen Berufsgruppe. Es ist gut vorstellbar, dass sich die GDL vor dem Inkrafttreten des Gesetzes auf friedlichem Wege wenigstens das Verhandlungsmandat für die Lokführer dauerhaft sichern will und sich deshalb auf einen jetzt noch abgelehnten Kompromiss einlässt.

  • Besser als nichts

    Kommentar zum Textilstandard von Hannes Koch

    Viele haben ihm wenig zugetraut. Nun kommt CSU-Entwicklungsminister Gerd Müller allmählich in die Spur. Sein Vorhaben, schärfere soziale und ökologische Regeln für die globale Textilproduktion zu etablieren, könnte einen entscheidenden Fortschritt bringen.

    Bisher arbeiten die Beschäftigten in den Textilfabriken Bangladesch, Pakistans und anderer Entwicklungsländer oft unter erbärmlichen Bedingungen. Die Kleidung, die deutsche Verbraucher kaufen, ist beispielsweis auch deshalb so billig, weil die Arbeiter zu wenig Lohn erhalten, um vernünftig leben zu können. Diesen krassen Missstand mag künftig die Zusicherung der Verbände und Firmen lindern, nach und nach eine existenzsichernde Bezahlung einzuführen.

    Allerdings krankt der Müller-Standard an seiner Konstruktion. Es steht und fällt damit, wieviele Unternehmen mitmachen, und wie ernst diese die neuen Regeln nehmen. Das bleibt überwiegend ihre eigene Entscheidung. Verpflichten müssen sie sich zu nichts. Und ein Versprechen ist schnell gebrochen.

    Die deutsche Politik verharrt damit bei ihrer weichen Haltung gegenüber den Interessen der Wirtschaft. Freiwilligkeit geht vor Gesetz, lautet das Motto. Wirksamer dagegen wären verbindliche Regeln – etwa in der Form europäischer Abkommen mit einzelnen Produktionsländern. Dann hätte die Industrie wahrscheinlich weniger Ausweichmöglichkeiten.

    Allerdings sind die Hindernisse für europäische Lösungen immer groß – schließlich braucht es eine weitgehende Übereinstimmung zwischen den Mitgliedsstaaten. So tut der Minister wenigstens einen schnellen Schritt nach vorne, dem noch viele weitere folgen müssen. Besser als nichts.

  • Textilindustrie will bessere Löhne zahlen

    Firmen und Kritiker vereinbaren sozial-ökologische Standards für die Textilproduktion. Ob das Verbraucher-Siegel kommt, ist unklar

    Die Beschäftigten in den Zulieferbetrieben deutscher Textilhändler sollen existenzsichernde Löhne erhalten. Für hunderttausende Arbeiterinnen und Arbeiter in Bangladesch, Pakistan, China und anderen Produktionsländern wäre dies eine wesentliche Verbesserung. Das ist ein zentraler Punkt im Aktionsplan für nachhaltige Textilien, den Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) mit Unternehmen, Verbänden und Gewerkschaften erarbeitet hat.

    Gestartet hat Müller seine Initiative als Reaktion auf den Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza in Dhaka, Bangladesch, im April 2013. In dem teilweise illegal ausgebauten Komplex waren über 1.100 Beschäftige gestorben, von denen manche auch für deutsche Textilketten gearbeitet hatten.

    Nun sagt Lorenz Berzau von der Business Social Compliance Initiative (BSCI) in Brüssel, einer Firmenvereinigung für Sozialstandards: „Ich halte es für richtig, wenn sich unsere Initiative im Aktionsbündnis engagiert“. Rund 1.400 Unternehmen sind Mitglieder bei BSCI. Ähnliches ist von der Außenhandelsvereinigung des Deutschen Einzelhandels (AVE) zu hören. Unter anderem Adidas, H&M, C&A, der TÜV, der Deutsche Gewerkschaftsbund und die Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) beteiligten sich daran, den Text auszuarbeiten. „Der Aktionsplan entspricht in weiten Teilen dem, was wir für richtig halten", so Sandra Dusch Silva von der Christlichen Initiative Romero, die die CCC mitträgt.

    Am Donnerstag kommender Woche soll das Bündnis offiziell gegründet werden. Bis dahin sollen sich die Organisationen und Firmen entscheiden, ob sie unterschreiben. Es handelt sich um eine freiwillige Vereinbarung. Sie könnte jedoch Standards setzen, an dem sich die Branche künftig messen lassen muss.

    Den Kritikern ist es erstmals gelungen, den Begriff des „existenzsichernden Einkommens“, das sogenannte „living wage“, zur Grundlage zu machen. Das bedeutet: Beschäftigte in den Zulieferfirmen sollen nicht mit den meist niedrigen, staatlich festgesetzten Mindestlöhnen abgespeist werden, sondern haben künftig einen Anspruch auf Bezahlung, die ihren Familien die Finanzierung der Grundbedürfnisse, der Ausbildung der Kinder und die Altersvorsorge ermöglicht. Diesen Existenzlohn sollen die Arbeiter für die „reguläre Arbeitszeit“ erhalten, nicht erst unter Einbezug der Überstunden. Wie hoch ein solches Einkommen sein muss, steht nicht in dem neuen Standard – darüber wird es Auseinandersetzungen geben.

    Geeinigt haben sich die Beteiligten auch darauf, dass maximal 48 Stunden pro Woche gearbeitet werden soll, plus höchsten 12 Überstunden. Gegenwärtig sind auch 70 oder 80 Stunden wöchentlich nicht ausgeschlossen. Die Unterzeichner sichern zu, die Regeln in der Textilproduktion bis 2020 umzusetzen, in der Erzeugung von Baumwolle bis 2024. Enthalten sind auch ökologische Verbesserungen und Mechamismen zur Überprüfung.

    Nicht durchsetzen konnte Müller bisher sein Ziel, bis Ende des Jahres ein neues Textilsiegel einzuführen. Im Idealfall würde dies für die Verbraucher sichtbar machen, ob die Kleidung, die sie in den Geschäften kaufen, dem Standard entsprechend produziert wurde. Dagegen wehren sich viele Unternehmen und einige Verbände.

    „Statt einer freiwilligen, deutschen Vereinbarung sollte Minister Müller eine verpflichtende, europäische Lösung anstreben“, kritisierte Renate Künast (Grüne), „sonst können sich die Unternehmen davonstehlen.“ Die Vorsitzende des Verbraucherausschusses im Bundestag sagte: „Wir brauchen ein europäisches Sozial- und Öko-Siegel als Orientierung für die Verbraucher. Eine Basis dafür muss sein, dass alle Unternehmen in der EU regelmäßig offenlegen, in welchen Zulieferbetrieben sie zu welchen Bedingungen produzieren lassen.“

  • Lahmes Börsendebut der Internetfirmen

    Die Aktien von Zalando und Rocket Internet sinken unter den Ausgabekurs

    Die Börsengänge der Firmen Zalando und Rocket-Internet am Mittwoch und Donnerstag verliefen nicht euphorisch. In beiden Fällen schlossen die Kurse unter den Ausgabewerten. Unklar blieb deshalb, ob die Unternehmen der Samwer-Brüder ihre mit dem Aktienverkauf verbundenen finanziellen Ziele erreichen konnten.

    Der Online-Händler Zalando wollte bis zu 600 Millionen Euro einnehmen, die Firmengründungsfabrik Rocket Internet etwa 1,6 Milliarden. Dieses Kapital soll für die Expansion der Unternehmen zur Verfügung stehen. Wieviel Geld die Börsenneulinge tatsächlich erzielen, hängt auch davon ab, ob die begleitenden Banken zusätzliche Aktien im Rahmen der üblichen Mehrzuteilungsoption kaufen werden.

    Diese Börsengänge hatten im Vorfeld große Aufmerksamkeit hervorgerufen. Erinnern sie doch an den Boom der sogenannten Neuen Ökonomie vor 15 Jahren, der allerdings im Zusammenbruch vieler Firmen endete. Nun versuchen Internetunternehmen erneut, große Summen Anlagekapitals über die Börse hereinzuholen.

    Die erstmals öffentlich veräußerten Anteile von Zalando und Rocket befinden sich jetzt überwiegend im Besitz von Banken, Fonds und anderen Großanlegern. Nebenbei sind die Brüder Samwer, die hinter den Firmen stehen, nun hundertfache Millionäre, zumindest auf dem Papier.

    Am Mittwoch stieg die Notierung von Zalando zunächst vom Ausgabekurs (21,50 Euro) an, um im Verlauf des Mittwoch jedoch in Richtung des Ausgangswertes zurückzufallen. Bei Handelsschluss am Donnerstag stand die Aktie bei rund 19 Euro. Manche Investoren hatten offenbar sofort wieder verkauft. Die Nachfrage reichte nicht aus, um den hohen Kurs zu halten.

    Ähnlich sah es bei Rocket Internet aus. Vom Ausgabekurs (42,50 Euro) sackte der Wert zunächst um fünf Euro ab. Zeitweise erholte er sich dann zwar, schloss am Donnerstagabend aber bei 37,50 Euro. Auch diese Aktie scheinen die Investoren zunächst für zu teuer zu halten.

    Langfristig muss das aber nichts heißen. Facebook begann 2012 ähnlich schlecht. Der Kurs sackte ab, und bis 2013 mussten die Aktionäre auf eine Erholung warten. Mittlerweile allerdings ist die Internet-Aktie rund 60 Euro wert, mehr als doppelt so viel wie beim Börsenstart.

    Das Geschäftsmodell von Zalando ist grundsätzlich aussichtsreich. Der Online-Händler verkauft Schuhe, Kleidung und andere Produkte. Dieser Markt wächst stark. Allerdings hat die Firma erst im ersten Halbjahr 2014 erstmals schwarze Zahlen geschrieben. Rocket Internet dagegen gibt selbst zu, vor allem Verluste zu erwirtschaften. Das Unternehmen gründet Internetfirmen unter anderem für den Online-Handel rund um die Welt. Ob die Ableger in Asien, Afrika und Lateinamerika aber jemals profitabel werden, ist unklar. Etwa 50 Töchter sollen zu dem Konzern gehören.

  • Eine Wette auf die Zukunft

    Investoren zahlen hohe Preise für Internet-Aktien wie Zalando. Ob sich die Hoffnungen erfüllen, steht in den Sternen

    Was ist das Besondere an den Börsengängen von Zalando und Rocket Internet in dieser Woche, sowie Alibaba Mitte September? Diese Firmen sitzen nicht in den USA. Die Brüder Samwer, die hinter Zalando und Rocket stehen, sind Deutsche, Jack Ma von Alibaba lebt in China. Mindestens sind Ihre Aktivitäten Lebenszeichen einer Internetwirtschaft außerhalb Nordamerikas, vielleicht wird man sie später als erfolgreiche Angriffe auf die weltweite Vorherrschaft der US-Konzerne betrachten.

    Diese dominieren bisher die Ökonomie des Netzes: Amazon beherrscht in vielen Ländern den Online-Handel, Facebook die Welt der sozialen Netzwerke, Google die Branche der Suchmaschinen. Deshalb sagt Irene Bertschek vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim: „Es ist ein positives Signal, dass nun auch wieder Internet-Firmen aus anderen Ländern als den USA etwas zu bieten haben.“

    Der deutsche Online-Händler Zalando hat sich am Mittwoch bis zu 600 Millionen Euro Kapital besorgt, indem er erstmals Aktien öffentlich verkaufte. Die Firmengründungsfabrik Rocket Internet folgte am Donnerstag mit bis zu 1,6 Milliarden – kleine Summen im Vergleich zu den knapp 20 Milliarden Euro, die der chinesische Online-Händler Alibaba hereinholte. Dabei geht es jedoch nicht nur um einzelne Firmen, sondern auch um diese Fragen: Wer hat später die Verfügungsgewalt über die modernen Technologien, wo entstehen Arbeitsplätze, wo landen die Gewinne – auch mal in Europa?

    Klar ist: Einen Giganten wie Google kann man nicht aus dem Boden stampfen. Aber mittlerweile ist in Europa eine neue Dynamik entstanden. Zahlreiche Internet-Unternehmen werden gegründet, neue Geschäftsmodelle ausprobiert. Und auch die „europäische Politik ist aufgewacht“, sagt ZEW-Ökonomin Bertschek. „Die EU gibt sich Mühe, den Anschluss in der globalen Internet-Ökonomie nicht völlig zu verpassen.“ Ein Beispiel ist die Digitale Agenda der Bundesregierung, ein Programm unter anderem für Forschungsförderung und den Ausbau der Dateninfrastruktur.

    Was aber sagen die Börsengänge über die Lage am Finanzmarkt? Erinnerungen werden wach an die Internet-Börsenblase zum Ende der 1990er Jahre. Netz-Firmen holten sich damals Milliarden-Beträge von den Anlegern, die Börsenkurse stiegen rasant. Ab März 2000 allerdings folgte der Absturz, eine Wirtschaftskrise schloss sich an. So warnen prominente US-Investoren wie Marc Andreessen schon wieder vor einer neuen Technik-Blase. Manch einer fürchtet, dass die Börsenneulinge das eingesammelte Kapital verfeuern, anstatt sinnvoll zu investieren.

    Fest steht, dass Aktien von Internetfirmen mitunter viel höher bewertet werden als die konventioneller Unternehmen. Ein Indikator dafür ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Im Falle von Facebook liegt es gegenwärtig beispielsweise bei 128, wie die Börse Frankfurt/M. ausweist. Das bedeutet: Der Aktienkurs beträgt ungefähr das 128-Fache des Gewinns, den das Soziale Netzwerk pro Aktie erwirtschaftet. Im Vergleich zur Ertragskraft der Firma ist die Facebook-Aktie also teuer. Zum Vergleich: Siemens, der 150 Jahre alte Konzern mit 360.000 Beschäftigten, verzeichnet ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 19.

    Ist dieser Unterschied gerechtfertigt? Einerseits ja. Denn Facebook ist viel profitabler als Siemens. Die Umsatztrendite des sozialen Netzwerks liegt bei knapp 20 Prozent. Bei 100 Dollar Einnahmen verbucht die Firma rund 20 Dollar Gewinn nach Steuern. Die Kosten sind vergleichsweise gering, die Firma kommt mit wenigen Beschäftigten aus, und die Werbeeinnahmen sprudeln. Weil die Investoren unter anderem auf eine Beteiligung an den horrenden Gewinnen hoffen, zahlen sie einen hohen Preis für die Aktie.

    Bei Siemens dagegen beträgt die Umsatzrendite den Zahlen der Börse Frankfurt/M. zufolge vergleichsweise bescheidene sechs Prozent. Pro 100 Euro Umsatz bleiben nach Steuern sechs Euro Profit übrig. Denn das Unternehmen hat hohe Kosten für seine Fabriken, die Rohstoffe und die hunderttausenden Beschäftigten. Ein Industriekonzern wie Siemens ist deshalb nicht so profitabel wie eine florierende Internet-Firma – das schlägt sich im Preis nieder, den Käufer an der Börse zu zahlen bereit sind.

    Von dieser Sichtweise profitieren auch Unternehmen wie Alibaba, Zalando und Rocket Internet. Im Falle des chinesischen Online-Händlers vermutlich zurecht, denn der scheint extrem profitabel zu sein. Von Zalando kann man das nicht behaupten. Für das erste Halbjahr 2014 hat die Firma erstmals einen kleinen Gewinn ausgewiesen. Und Rocket Internet sagt über seine Tochterbetriebe im Börsenprospekt: „Nahezu alle Unternehmen machen derzeit bedeutende Verluste.“

    Warum sind die Anleger trotzdem bereit, so viel zu bezahlen? Sie nehmen an, dass der Online-Markt, auf dem die Samwer-Firmen unterwegs sind, weiter stark wächst. Denn das Potenzial der Menschen, die weltweit irgendetwas im Internet kaufen wollen, ist noch lange nicht ausgeschöpft. Allerdings lautet die Frage, welchen Anteil Unternehmen wie Zalando und Rocket an diesem Markt erobern können. Die Antwort ist reine Spekulation. Insofern ist der hohe Aktienpreis, den Banken und Fonds in dieser Woche für die Samwer-Firmen bezahlten, nicht mehr als eine Wette auf die Zukunft.

    Insgesamt könne man jedoch nicht von einer neuen Internetblase sprechen, meint Michael Schröder, Ökonom am ZEW. „Klare Indizien für eine Überbewertungen der Internet-Aktien fehlen. Die hohen Kurs-Gewinn-Verhältnisse der späten 1990er Jahre sehen wir heute nicht.“ Kleinanleger mit geringer Börsenkenntnis und wenig Kapital sollten trotzdem vorsichtig sein, ergänzt Hermann-Josef Tenhagen, Chefredateur des Verbraucherportals Finanztip. „Einzelaktien zu kaufen ist eine spekulative Investition. Diese eignet sich in der Regel nicht für Kleinanleger, die ihr Vermögen für die Zukunft sicher anlegen und mehren wollen. Für diese Zwecke kommen am Aktienmarkt in erster Linie Indexfonds in Betracht.“

  • „Wir machen keinen unbefristeten Ausstand“

    Im Interview: GDL-Chef Claus Weselsky

    Die Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) hat sich für einen Arbeitskampf entschieden. Bahnkunden müssen sich auf eine lange Auseinandersetzung einstellen. GDL-Chef Claus Weselsky will hart bleiben. Der 55-jährige Sachse ist seit 2008 Chef der ältesten Gewerkschaft Deutschlands.

    Frage: Herr Weselsky, die GDL-Mitglieder sind mit einer großen Mehrheit für den Arbeitskampf. Wie bewerten Sie dieses Ergebnis?

    Claus Weselsky: Es zeigt die tiefe Verbundenheit und die Solidarität unserer Mitglieder, wenn 91 Prozent in geheimer Briefwahl mit Ja für stärkere Streikmaßnahmen stimmen. Das beweist auch die hohe Beteiligung. 81 Prozent der über 20.000 angeschriebenen Mitglieder schickten der GDL die Stimmzettel der Urabstimmung zurück. Damit haben wir nicht nur den Auftrag, sondern auch die Verpflichtung für das Zugpersonal der Deutschen Bahn zu verhandeln und für bessere Arbeitszeit- und Einkommensbedingungen die Blockadehaltung der DB aufzubrechen.

    Frage: Worauf müssen sich die Bahnkunden kurzfristig einstellen?

    Weselsky: Am verlängerten Wochenende wird es sicherlich keinen Streik geben. Wir prüfen und bewerten das erneute Angebot der DB und werden dazu am Montag schriftlich Stellung nehmen. Danach geben wir Arbeitskampfmaßnahmen wie bisher auch so früh bekannt, dass sich die Reisenden darauf einstellen können.

    Frage: Sind Sie wie im Jahr 2007 auch zu einem unbefristeten Ausstand bereit?

    Weselsky: Die GDL macht keinen unbefristeten Ausstand. Wir wollen dem Unternehmen wirtschaftlichen Schaden zufügen und nicht die Republik lahmlegen. Und dies gelingt uns auch auf andere Weise.

    Frage: Bleibt es bei den mit der Pilotengewerkschaft Cockpit koordinierten Streikaktionen oder droht Deutschland bald die Mobilitätsblockade auf der Schiene und in der Luft?

    Weselsky: Wir werden uns weiterhin mit Cockpit abstimmen. Piloten und Lokführer werden nicht zeitgleich in den Ausstand treten.

    Frage: Die Arbeitgeber wollen Sie mit einem weiteren Angebot an den Verhandlungstisch zurückholen. Sie bieten zwei Prozent mehr Lohn für die Lokführer und will die GDL auch dann anerkennen, wenn der Bundestag ein Gesetz zur Tarifeinheit verabschieden sollte. Wie bewerten Sie diese Offerte?

    Weselsky: Der so genannte offene Brief der Arbeitgeber ist erst am Mittwochabend bei uns eingegangen. Wir müssen das Angebot erst einmal gründlich analysieren. Der Brief steckt voller Unverschämtheiten und Halbwahrheiten. So sei die GDL kein verlässlicher Verhandlungspartner, sie habe die Sache überreizt und stecke in einer Sackgasse. Es bleibt jedoch dabei. Wir lassen uns nicht auf das Motto „teile und herrsche“ ein, in dem wir auf die Vertretung des gesamten Zugpersonals verzichten, um die der Lokführer zu behalten, denn die haben wir schon lange. Wir haben von unseren Mitgliedern den Auftrag, einen Tarifvertrag für alle fünf Berufsgruppen auszuhandeln und das tun wir.

    Frage: Auf konkurrierende Tarifverträge mit zwei Gewerkschaften für dieselben Berufsgruppen will sich die Bahn keinesfalls einlassen. Gibt es angesichts der festgefahrenen Positionen überhaupt noch einen Lösungsansatz, der vielleicht für beide Seiten praktikabel wäre?

    Weselsky: Es gibt immer Kompromissmöglichkeiten und inhaltlich kann man sich garantiert einigen, spätestens nach einem Arbeitskampf. Auf ein Diktat der DB zu einer Tarifeinheit werden wir uns aber keinesfalls einlassen. Die GDL bewegt sich auf dem Boden des Gesetzes. Konkurrierende Tarifverträge bestehen bereits heute, sind möglich und erlaubt. Das haben auch die höchsten Gerichte festgestellt.

    Frage: Sind Sie derzeit auch deshalb so kampfeslustig und auf Expansionskurs, weil die Bundesregierung die Macht der kleinen Gewerkschaften bald beschneiden will?

    Weselsky: Ich mache mir Sorgen, weil bestimmte Lobbygruppen einfach den Untergang des Abendlandes ohne jegliche Begründung herbeireden können. Unser Tarifkonflikt müsste gar nicht eskalieren, wenn die DB mit ihrer Hausgewerkschaft nicht Front gegen die Realität echter Mitgliederzahlen machen würde.

    Frage: …Sie meinen die Konkurrenzgewerkschaft EVG?

    Weselsky: … wie unter anderem die EVG, aber auch der DGB und die Arbeitgeber, den Gesetzgeber beeinflussen und die Tarifeinheit zu Lasten der Berufsgewerkschaften GDL, Marburger Bund und Cockpit einführen wollen. Dafür gibt es überhaupt keinen sachlichen Grund. Es gab durch kleinere Gewerkschaften weder übermäßige Streiks noch unbotmäßig hohe Tarifabschlüsse. Jetzt jedoch provozieren die DB und die Lufthansa gezielt die beiden Berufsgewerkschaften, um dies anschließend als Begründung für die Tarifeinheit verwenden zu lassen. Sollte die Tarifeinheit per Gesetz diktiert werden, werden wir alle zur Verfügung stehenden Rechtsmittel einlegen um dies zu kippen.

    Darum geht es im Tarifstreit

    Es geht der GDL in diesem Jahr um zwei Forderungen. Bei den Entgelten will die Gewerkschaft fünf Prozent mehr Lohn sowie eine Arbeitszeitverkürzung um zwei Stunden in der Woche durchsetzen. Die Verhandlungen darüber kommen nicht in Gang, weil die GDL zudem ihren Einflussbereich von den Lokführer auf das gesamte Zugpersonal ausdehnen will. Für Berufsgruppen wie die Zugbegleiter oder das Personal in den Bordrestaurants ist bisher allein die größere Eisenbahnverkehrsgewerkschaft (EVG) zuständig, die ihrerseits nun auch ihre Lokführer vertreten will. So könnte es zu zwei verschiedenen Tarifverträgen für einzelne Berufe kommen. Das wiederum lehnt die Bahn kategorisch ab. Ein Kompromiss ist nicht in Sicht.

  • Die Rakete warnt ihre Passagiere

    Zalando und Rocket Internet gehen an die Börse. Kehrt die Übertreibung des Börsenhypes der 1990er Jahre zurück?

    Es waren wilde Zeiten. Internetfirmen wie Pixelpark verkauften Aktien für wenige Euro an Leute, die erstmals in ihrem Leben an der Börse spekulierten. Manche Kurse verzehnfachten sich innerhalb von zwei Jahren. Privatanleger machten schöne Gewinne – wenn sie ihre Anteile rechtzeitig wieder verkauften. Und einige Firmengründer wurden hundertfache Millionäre.

    Im März des Jahres 2000 jedoch brach der Börsenboom der Internet-Ökonomie zusammen. Viele Privatleute, die kurz vorher die sogenannten Volksaktien der Deutschen Telekom AG erworben hatten, leiden noch heute unter ihren Verlusten. Solche Geschichten kommen wieder hoch, weil in dieser Woche zwei deutsche Internet-Firmen an die Börse gehen: der Online-Händler Zalando am Mittwoch, die Gründungsfabrik Rocket Internet (Internet-Rakete) am Donnerstag.

    In der Fachwelt gehen die Meinungen darüber auseinander, was von diesen Aktienverkäufen zu halten ist. „Die Bewertungen von Unternehmen sind heute sehr viel realistischer als zu Zeiten des Internetbooms“, sagt Christoph Gruss, Partner bei der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers. Tobias Kollmann, Professor für Internetwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen, pflichtet bei: „Eine Hysterie bei Börsengängen gibt es gegenwärtig noch nicht. Es ist deutlich mehr Kompetenz im Spiel als vor 15 Jahren.“ Dagegen kritisiert Daniel Bauer von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger, die Preise für Internet-Aktien seien gegenwärtig „sehr, sehr hoch“.

    Die Zalando-Aktie soll für anfangs 21,50 Euro an die Frankfurter Börse kommen. Die angebotenen elf Prozent der Firmenanteile würden damit gut 600 Millionen Euro bringen. Das gesamte Unternehmen wäre rund sechs Milliarden Euro wert. Ist dieser Wert gerechtfertigt? Die Firma könnte wohl einen noch höheren Preis verlangen, denn die Nachfrage besonders von Fonds und Banken ist groß. Andererseits hat die Firma bislang nur einmal, im ersten Halbjahr 2014, einen kleinen Gewinn verbucht. Davor machte sie Verluste. Ob das Geschäftsmodell von Zalando tragfähig sein und langfristig Profite abwerfen kann, um den Börsenkurs zu rechtfertigen und Dividenden an die Aktionäre zu zahlen, wissen nur die Götter.

    In Deutschland steht das Unternehmen zur Zeit auf Platz drei hinter den Online-Händlern Amazon und Otto. Der Umsatz betrug hierzulande rund 700 Millionen Euro in 2013. Die Firma ist außerdem aktiv in 14 weiteren europäischen Ländern. Rund 13 Millionen Kunden kaufen angeblich Schuhe, Kleidung und andere Produkte bei Zalando. Für das Geschäftsmodell spricht, dass der Markt für Verkäufe im Internet wächst und noch lange nicht an seine Grenzen kommen dürfte. Die Frage aber ist, welchen Anteil Zalando gegen übermächtige Konkurrenten wie Amazon erobern kann. Experten sind auch skeptisch, weil zahlreiche Kunden die bestellten Waren unbezahlt an den Online-Händler zurückschicken – das kostet die Firma viel Geld.

    Bislang 17 Prozent des Online-Händlers gehören dem Fonds Global Founders Capital, hinter dem die Brüder Oliver und Marc Samwer stehen. Zur Gruppe dieser Investoren gehört zum Teil auch die Firma Rocket Internet, die am Donnerstag erstmals ihre Aktien anbietet. Die Internet-Rakete fliegt mit zwei Triebwerken: Einerseits bringt sie immer wieder neue Internetfirmen auf den Markt, die teilweise die Geschäftsmodelle anderer Anbieter kopieren. Andererseits verwaltet man die Neugründungen. Der Börsenprospekt verzeichnet mehr als zwei Dutzend Ableger unter anderem in Südamerika und Afrika. „Nahezu alle Unternehmen machen derzeit bedeutende Verluste“, warnt die Rakete ihre künftigen Passagiere. Das hindert Banken wie die Schweizer UBS, J.P.Morgan und Citigroup nicht daran, die Aktien auf den Markt zu bringen.

    Ein Grund dafür: Die Institute verfügen über jede Menge Kapital, für das sie kaum Zinsen zu zahlen brauchen. Denn unter anderem die Europäische Zentralbank stellt hunderte Milliarden Euro zu günstigen Konditionen zur Verfügung, damit die Wirtschaft nicht in Deflation und Rezession abrutscht. Wenn dieser Liquiditätsüberschuss in fragwürdige Geschäftsmodelle fließt, kann daraus eine gefährliche Finanzblase entstehen.

    Ob sich dieses Phänomen gegenwärtig in der Internetwirtschaft abzeichnet, weiß man nicht. Dagegen spricht, dass Firmen wie Zalando und Rocket Internet reale Umsätze erwirtschaften und grundsätzlich Chancen auf dem Markt haben. Viele der Stars der sogenannten New Economy vor 15 Jahren hatten dagegen noch nicht einmal Produkte, die sie verkauften, sondern nur Pläne.

  • Deutsche leben über ihre Verhältnisse

    Living Planet Report 2014: Deutschland verbraucht Ressourcen von umgerechnet 2,6 Erden – und sei alles andere als „vorbildlich“.

    Plötzlich bricht der Turm aus Holzklötzen zusammen. Eberhard Brandes, der Chef des Umweltverbandes WWF, springt zur Seite. Er hat den Turm aufbauen lassen – als Bild für das Ökosystem. Es ist eine Demonstration. Brandes zieht erst einen Klotz raus – nichts passiert. Beim zweiten auch nicht. Dann der dritte. Zack, fällt alles zu Boden. „Keiner weißt, wann das System zusammenbricht“, sagt er. Darum sei es entscheidend für jeden Baustein, also für jedes Tier und für jede Pflanze zu kämpfen.  
    Dienstag in Berlin – die Umweltschützer versuchen in Zeiten, in denen die Ebola-Epidemie, die Ukraine-Krise, der IS-Terror, die Bundesregierung und die Menschen beschäftigt, Aufmerksamkeit zu bekommen. Denn, so sagen sie: Man kann rechnen, wie man will, es reicht nicht. Die wohlhabenden Staaten leben über ihre Verhältnisse.
    Hätte jeder Mensch auf der Welt den Lebensstil der Deutschen wären 2,6 Planeten nötig. Für den der US-Amerikaner sogar vier. Schon heute verbraucht die Menschheit insgesamt jedes Jahr 50 Prozent mehr Ressourcen als die Erde langfristig bieten kann. Homo sapiens holzt etwa Bäume schneller ab als sie nachwachsen. Er gefährde so seine eigene Zukunft, Hungersnöte oder extreme Wetterereignisse nähmen zu, warnte Brandes: „Wir müssen endlich verstehen: Nur wenn wir ein funktionierendes Ökosystem haben, können wir uns sozial entwickeln“, also „vernünftige Volkswirtschaften aufbauen“, und „Frieden sichern“.

    Brandes beruft sich auf den 180 Seiten starken „Living Planet Report 2014“, der Dienstag herausgekommen ist. Alle zwei Jahre misst der WWF gemeinsam mit internationalen Wissenschaftlern, wie die Menschen mit ihrem Konsum von Fleisch oder Fisch, von Energie oder anderen Ressourcen, von Waren und Dienstleistungen die Umwelt beanspruchen.

    Demnach hat der Mensch die Zahl von Land- und Meerestieren auf der Erde in nur vier Jahrzehnten halbiert, weil er jagt, fischt oder die Lebensräume zerstört. Forscher haben die Populationen von 3100 Arten an Säugetieren, Vögeln, Reptilien, Amphibien und Fische Wirbeltierarten zwischen 1970 und 2010 beobachtet.

    Die Umweltexperten fürchten das Artensterben, aber freilich auch den Klimawandel. Und sie sehen noch ein anderes Problem: Überdüngung. Das Zuviel an Stickstoff, dass auf die Äcker gelange, damit etwa das Getreide gut gedeiht, wird in Bäche und Seen und am Ende ins Meer gespült. Dort lässt es Algen sprießen, die Sauerstoff brauchen. Für Fische und andere Meeresbewohner wird der Sauerstoff knapp. Diese Todeszonen in der Ostsee sind schon oft beschrieben worden.

    Deutschland sei „weit davon entfernt vorbildlich zu sein“, meinte Brandes. Der WWF plädiere nicht dafür, sich zu kasteien und sich graue Säcke anzuziehen. Die Regierung müsse aber die Energiewende beherzter angehen, die Landwirtschaft stärker ökologisieren. Auch die Wirtschaft trage „große Verantwortung“. Und jeder einzelne müsse sein Verhalten prüfen, etwa „weniger Fleisch essen“. Jeder Baustein zählt.

  • Bahn reagiert auf Konkurrenz der Busse

    Trotz gestiegener Energiekosten bleiben die Preise für Fernfahrten in der 2. Klasse stabil. Tickets im Nahverkehr kosten bald 1,9 Prozent mehr. Wer sparen will, bucht über Busreiseportale.

    Erstmals seit Jahren steigen am Jahresende die Fahrkosten im Fernverkehr der Bahn zumindest teilweise nicht weiter an. „In der zweiten Klasse bleiben die Preise stabil“, kündigt der zuständige Vorstand, Ulrich Homburg, an. In der ersten Klasse werden die Tickets mit dem Fahrplanwechsel am 14. Dezember um durchschnittlich 2,9 Prozent teurer. Dafür können die Fahrgäste dort künftig während der Fahrt im ICE kostenlos im Internet surfen. In der zweiten Klasse soll dieser Service erst eingeführt werden, wenn die Bahn überall auf den 5.200 Kilometer langen ICE-Trassen sichere Mobilfunkverbindungen garantieren kann.

    Auch die Preise für die verschiedenen Ausgaben der Bahncard verändern sich nicht. Gerade konnte die fünfmillionste Karte abgesetzt werden. Die Kundin bekam dafür vom Konzern statt der georderten Bahncard 50 eine Netzkarte spendiert. Gleich bleiben auch die Preise für Zeitkarten und Sparpreistickets. Mit dieser Entscheidung reagiert die Bahn auf die zunehmende Konkurrenz durch Fernbuslinien. Laut Homburg hätten die Fahrscheine allein schon wegen der im kommenden Jahr fälligen Umlage für die Erneuerbaren Energien angehonen werden müssen. 2015 muss der Konzern 155 Millionen Euro dafür ausgeben.

    Die Bahn will sich in Kampf um Marktanteile als besonders umweltbewusstes Verkehrsmittel präsentieren. Denn mit den Preisen der Buslinien kann das Unternehmen auf Dauer nicht mithalten. Homburg zufolge kostet ein Personenkilometer Busfahrt die Anbieter im Durchschnitt 0,4 Cent. „Das sind bei uns allein die Wegekosten“, erläutert der Vorstand.

    Pfiffige Bahnkunden haben schon bemerkt, wie sie am günstigsten an Sonderangebote der Bahn gelangen. Wer im Internet auf ein Vergleichsportal für Buslinien geht, erhält dort oft auch sehr günstige Sparpreise der Bahn angeboten. Die Preise liegen oft unter denen, die der Konzern auf dem eigenen Buchungsportal anbieten. „Wir wollen bei den Kunden einen Anker setzen“, sagt Homburg. Es solle damit deutlich werden, dass die Bahn kein teures Verkehrsmittel sei.

    An einigen Stellen wird die Bahn auch deutlich teurer. Wer ein Ticket im Wert von mehr als 50 Euro mit einer Kreditkarte oder über den Bezahldienst Paypal bezahlen will, muss künftig eine Gebühr dafür entrichten. Ein Prozent oder höchstens drei Euro nimmt die Bahn dafür. Auch bei einem Umtausch oder der Erstattung nicht genutzter Fahrscheine wird es mit einem Entgelt von 17,50 Euro künftig 2,50 Euro teurer. Im Gegenzug wird die Servicegebühr von fünf Euro beim Kauf eines Sparpreistickets in den Reisezentren gestrichen.

    Im Nahverkehr langt die Bahn dagegen an einigen Stellen kräftig zu. So kündigt Homburg eine neue Struktur beim Schönes-Wochenende-Ticket an. Statt bislang 44 Euro für bis zu fünf Reisende kostet es bald 40 Euro als Grundpreis, plus vier Euro für jeden der maximal vier Mitfahrer. Bei einer vollen Ausnutzung steigt der Tarif also um zwölf Euro an.

  • Der Westen wird weiter für den Osten zahlen

    25 Jahre Mauerfall – was haben wir gelernt? Teil 6: In Ostdeutschland gebe es vielerorts noch immer einen „hohen Investitionsbedarf“, sagt Joachim Ragnitz. Der Wirtschaftsforscher prophezeit: Die Wege zum Arzt oder zum Kino werden länger werden – auch i

    Hanna Gersmann: Im Osten ist umgebaut worden. Was war der größte Erfolg der letzten 25 Jahre?
    Joachim Ragnitz: 1991 hatte Ostdeutschland gemessen am Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen ein Drittel der wirtschaftlichen Leistungsniveaus des Westens. Heute liegt es bei Dreiviertel. Der Aufholprozess war enorm. Dabei musste der Osten aus dem Nichts eine neue Wirtschaftsstruktur aufbauen.
    Gersmann: Dafür ist aus dem Westen viel Geld geflossen. Verstehen Sie jene, die dort neidisch sind, weil die Autobahnen im Osten besser sind, Geld für Kultur da ist, das Schwimmbad neu gemacht wurde?
    Ragnitz: Tatsächlich sind seit 1991 für Investitionen, Wirtschaftsförderung, sozialpolitische Maßnahmen und anderes mehr 1,6 Billionen Euro in den Osten gesteckt worden. Das ist viel Geld und im Westen besteht nun seit fünfundzwanzig Jahren ein Investitionsstau. Da ist es verständlich, dass sich Unmut regt.
    Gersmann: Wird der Westen trotzdem weiter für den Osten zahlen müssen?
    Ragnitz: Ja, aber vor allem für die Renten- oder die Arbeitslosenversicherung. Denn die Beiträge werden nicht reichen, um die Ausgaben zu decken. Sonderleistungen wird es für den Osten aber nicht mehr lange geben. Denn der Solidarpakt II wird 2019 auslaufen. In vielen mittelgroßen Städten gibt es aber immer noch einen hohen Investitionsbedarf.
    Gersmann: Woran liegt es ob Städte an Attraktivität gewinnen oder verlieren?
    Ragnitz: Das hängt ganz stark davon ab, wie professionell es in den Rathäusern zugeht. Häufig fehlen jüngere, gut ausgebildete Leute, die die öffentliche Verwaltung voranbringen und das zivilgesellschaftliche Engagement. Die Ausdünnung der Eliten ist das größte Problem des Ostens. Sie schlägt in der Provinz besonders durch.
    Gersmann: Die häufigsten Fehler?
    Ragnitz: Fehlinvestititionen, Spaßbäder, überdimensionierte Kläranlagen und all so etwas. Auf Dauer konnte man sich die Einrichtungen aber gar nicht leisten, weil die Folgekosten bei der Investitionsentscheidung nicht ausreichend in Betracht gezogen worden sind.
    Gersmann: Hat sich der SPD-Politiker und einstige Bauminister Wolfgang Tiefensee geirrt als er sagte, Ostdeutschland sei ein soziales Testlabor, die Länder bewältigten dort „aus eigener Kraft Strukturprobleme beispielhaft für die ganze Bundesrepublik"?
    Ragnitz: Schrumpfungsprozesse, der Geburtenschwund, die Arbeitslosigkeit, die Abwanderung, finden nicht nur in der Uckermark oder im Erzgebirge statt. Sie gibt es auch in der Eifel, im Hunsrück oder auf der Schwäbischen Alb. Nur in der Anpassung ist der Osten schon viel weiter; insoweit hat Tiefensee recht.
    Gersmann: Was lernen Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfälzer oder Schwaben vom Osten?
    Ragnitz: Im Osten wird zur Zeit viel experimentiert. In die Linienbusse in der Uckermark steigen zum Beispiel nicht nur Passagiere ein. Mit ihnen werden auch Pakete oder Tiefkühlkost in die entlegensten Orte transportiert. Die Verkehrsunternehmen nehmen damit mehr ein. Ihr Angebot kann aufrecht erhalten werden.
    Gersmann: Und sonst?
    Ragnitz: Ein anderes Beispiel: In Mecklenburg-Vorpommern lohnt sich nicht in jedem Ort ein Gemeindezentrum. Damit die älteren Leute nicht vereinsamen, bringt sie nun ein Shuttle in ein Kultur- und Gesundheitszentrum in die nächstgrößere Stadt. Für sich erscheint jedes Projekten klein, aber alle zusammen können den ländlichen Raum stabilisieren. Und sie sind nicht teuer.
    Gersmann: Aber auch in kleineren Orten muss es einen Arzt geben oder einen Supermarkt, denn der Bund hat die Aufgabe gleichwertige Lebensbedingungen zu schaffen. Da macht man sich etwas vor?
    Die gleichwertigen Lebensbedingungen werden tatsächlich neu definiert werden müssen. Einiges lässt sich über das Internet abwickeln. Zum Arzt, zum Schwimmbad oder zum Kino fährt man statt derzeit 30 Minuten künftig aber womöglich 50. Und zwar nicht nur im Osten, sondern auch andernorts in der Republik.
    Gersmann: Wie lange werden wir noch von Ost und West sprechen?
    Ragnitz: Diese Unterscheidung ist längst hinfällig. Von der Wirtschaftskraft her ist Jena einer Stadt wie Osnabrück ähnlich, die Lausitzer Landkreise jenen im Hunsrück. Die einen sind strukturstarke, die anderen -schwache Regionen. Von letzteren gibt es im Osten allerdings noch immer sehr viel mehr.

    Joachim Ragnitz

    geb. 1960, ist seit 2007 stellvertretender Geschäftsführer der Niederlassung Dresden des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. Er forscht zur wirtschaftlichen Entwicklung Ostdeutschlands.

    Die Serie: 25 Jahre Mauerfall
    Im November werden 25 Jahre seit dem Fall der Mauer vergangen sein. Im Osten ist kräftig saniert worden. Oder: Was kann die Republik aus dem Umbau lernen – für das Leben in der Stadt, für die medizinische Versorgung, für die Ansiedlung von Industrie, für die Landwirtschaft oder für den Solidarpakt? Die Serie in 6 Teilen – heute der letzte Teil: Und nun?

  • 10.000 Mark für eine bloße Idee

    25 Jahre Mauerfall – Was haben wir gelernt? Teil 5: Eine reine Ostförderung ist nicht mehr zeitgemäß.

    Einmal in seiner Amtszeit als Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt fühlte sich Reinhard Höppner besonders überfordert. Ein Tüftler wollte Fördergeld und präsentierte eine abenteuerliche Idee. In Bäumen aufgehängte Alu-Blätter sollten Strom produzieren. „Ich kann solche Ideen nicht beurteilen“, gab der SPD-Politiker unumwunden zu. Geld gab es dafür damals nicht vom Land. Dabei waren findige Gründer in den ersten Jahren nach dem Mauerfall gesucht und wurden großzügig gefördert. Sie sollten die Basis für einen Wirtschaftsaufschwung schaffen. Auf die Qualität der Ideen wurde oft wenig geachtet. Hauptsache, es entsteht überhaupt etwas. So sponsorte Brandenburg zeitweilig jeden Existenzgründer mit 5.000 Euro.

    Zwei Billion Euro, eine Zahl mit zwölf Nullen, kostete der Aufbau Ost bisher. Allerdings wurde nur ein kleiner Teil so unsinnig mit der Gießkanne über das Land gestreut wie in der Anfangszeit. Die wirklich großen Brocken sind die Übernahme der sozialen Systeme, die Beseitigung von Altlasten, zum Beispiel im Uranbergbau, Infrastrukturprojekte wie die schnelle Bahnverbindung von Berlin nach München oder die Mitgift an Konzerne, die die Reste der alten DDR-Chemieindustrie retten sollten.

    Die Ergebnisse dieses einzigartigen Transfers von West nach Ost sind sehr unterschiedlich ausgefallen, bringen aber einige Erkenntnisse für das gesamte Land. So sind die Strategien gescheitert, die eine flächendeckende Wirtschaftsansiedlung zum Ziel hatten. In Brandenburg sollten so rund um Berlin in mittleren Städten wie Cottbus und Eberswalde Wirtschaftszentren entstehen. Doch der Boom blieb aus. Wenn schon Industrien in diese Region kommen, dann nach Berlin und dessen Umland.

    Dagegen erwies sich die Förderung von prosperierenden Zentren als erfolgreich. Dresden ist das beste Beispiel dafür, das an seine Traditionen in der Mikroelektronik anknüpfen und neue Fabriken aus der Sparte anlocken konnte. Mit viel Geld zogen Sachsen-Anhalt und Brandenburg die Solarindustrie an. Die Billigkonkurrenz China machte die Hoffnung auf eine neue industrielle Basis zunichte. Licht und Schatten des riesigen Förderaufwands liegen dicht beieinander.

    Eine der Schattenseiten haben viele Regionen im Westen kennengelernt. Dazu zählen viele Kommunen im ehemaligen Zonenrandgebiet. Während der Teilung erhielten die durch die Randlage benachteiligten Gebiete eine besondere Förderung, damit die Lebensverhältnisse halbwegs mit denen anderswo im Westen mithalten konnten. West-Berliner bekamen zum Beispiel pauschal acht Prozent ihres Lohnen obendrauf, damit sie in der eingesperrten Halbstadt blieben. Diese Förderung wurde praktisch über Nacht gekappt.

    Besonders der Berliner Westen bekam das Ende der Subventionsära schnell zu spüren. Die Industrie war schneller weg als ein Wahlversprechen nach der Stimmauszählung. Die Annahme, dass die vom Rand plötzlich ins Zentrum des Landes gerückten Regionen von alleine auf die Beine kommen, bestätigte sich nicht dauerhaft. So hat die Bundeszentrale für politische Bildung die Entwicklung am Zonenrand untersucht. „Die durch den Wegfall des Eisernen Vorhangs verbesserten Lage- und Standortbedingungen haben sich nur im Vereinigungsboom sowie einige Jahre danach ausgewirkt“, fanden die Experten heraus. Seit der Jahrtausendwende hinkt die Entwicklung in dem Streifen von der Ostsee bis nach Bayern von wenigen Ausnahmen abgesehen dem Durchschnitt hinterher.

    Die massive Wirtschaftsförderung im Osten hat diesen Prozess verschärft, denn plötzlich erwuchsen den Kommunen direkt nebenan Konkurrenten um die Ansiedlung von Unternehmen oder um Touristen. Im Westharz oder an der Ostseeküste ist mit bloßem Auge sichtbar, auf welcher Seite die Gewinner und Verlierer stehen.

    Noch absurder ist ein Teil der Finanzierung des Solidarpakts II, in dem die Ostförderung bis 2019 geregelt ist. Denn die Kommunen im Westen müssen die Subventionen indirekt mitfinanzieren, auch wenn die Stadtkasse schon leer ist. Das bringt vor allem die Bürgermeister im Ruhrgebiet auf, die selbst einen finanziellen und wirtschaftlichen Notstand verwalten. Ein Blick in der Armutsatlas des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, das Städte wie Duisburg oder Dortmund zu den Armenhäusern Deutschlands gehören, während es den Bürgern in Dresden oder Leipzig ganz gut geht.

    Auch deshalb wird der dritte Solidarpakt, der bald ausgehandelt werden muss, Fehler der Vergangenheit abstellen. Eine Verteilung der knappen Mittel mit der Gießkanne ist nicht finanzierbar und auch nicht erfolgversprechend. Es darf keine auf den Osten beschränkte Förderung mehr geben, sondern eine aller strukturschwachen Regionen.

    Kasten
    Die Serie: 25 Jahre Mauerfall
    Im November werden 25 Jahre seit dem Fall der Mauer vergangen sein. Im Osten ist kräftig saniert worden. Was kann die Republik aus dem Umbau lernen – für das Leben in der Stadt, für die medizinische Versorgung, für die Ansiedlung von Industrie, für die Landwirtschaft oder für den Solidarpakt? Und: Wie geht es weiter? Die Serie in 6 Teilen – heute: Warum eine reine Ostförderung nicht mehr zeitgemäß ist.

  • Große Flächen, wenig Arbeit

    25 Jahre Mauerfall – Was haben wir gelernt? Teil 4: In den neuen Länder ist Landwirtschaft zur Industrie geworden. Auch deshalb veröden dort ländliche Regionen.

    Bis zum Horizont erstrecken sich die Raps- und Weizenfelder rund um den vorpommerschen Flecken Wietzow. Mit gewaltigen Mähdreschern rasieren Landarbeiter in kurzer Zeit die riesigen Äcker des Landwirtschaftsbetriebes. Ein paar Kilometer weiter liegt eine Stallung. Auf einer Fläche von einem Dutzend Fußballfeldern werden über 10.000 Sauen gehalten. Einsehen lassen sich die Verhältnisse in der Ferkelfabrik von außen nicht. Die Proteste von Tierschützern haben den Bau nicht verhindern können.

    Ein Teil der Häuser in den nahegelegenen Ortschaften ist nicht mehr bewohnt. Manche Dörfer verfallen. Die Bewohner haben sich anderswo niedergelassen. Es gibt hier kaum Arbeit. Das hat nach Einschätzung des Greifswalder Professors Helmut Klüter viel mit den landwirtschaftlichen Großbetrieben zu tun. „In den betroffenen Regionen liegt die lokale Wirtschaft brach“, sagt der Raumforscher. Der Kritiker würde die Agrarindustrie gerne auflösen und kleinere Betriebe sehen, die viele Arbeit mit sich bringen, aber eben auch lokale Wirtschaftskreisläufe in Gang halten.

    Mitunter regt sich Widerstand gegen die Agrarindustrie. So versucht in Wietzow zum Beispiel mit der alternative Unternehmerverband MiLan der ökonomischen Monokultur etwas entgegenzusetzen, touristische Angebote, Handwerk und persönliche Dienstleistungen. „Die Natur ist ein Standortfaktor“, sagt Mitinitiator Jörg Kröger. Einen kleinen Erfolg kann die Wietzower Dorfgemeinschaft immerhin verbuchen. Die Einwohnerzahl geht nicht zurück, sondern wächst sogar etwas an, von 56 auf heute 60.

    Die Rückkehr zur Kleinteiligkeit hält der Präsident des Landbauernverbands Brandenburg, Udo Folgart, für illusionär. „Der Trend zu größeren Betrieben wird sich fortsetzen“, glaubt der Chef eines Großbetriebs. Der Westen hole nach, was aus der historischen Entwicklung heraus im Osten schon lange der Fall ist. In den landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) sei die Kooperation eingeübt worden. Der Westen komme auf anderen Wegen zu ähnlichen Strukturen.

    Früher, in der DDR, arbeitete jeder zehnte Arbeitnehmer in der Landwirtschaft. Im Westen waren es weniger als vier Prozent. Heute ist das Verhältnis praktisch umgekehrt. Die Kennzahl der Branche ist die Zahl der Arbeitskräfte pro Hektar Land. In den neuen Ländern kommen die Betriebe mit durchschnittlich 1,8 Landarbeitern pro 100 Hektar Fläche aus, im Süden Deutschlands werden 4,6 benötigt. „Im Frühjahr werden ein paar Leute für ein paar Tage zur Aussaat angeheuert und im Herbst zur Ernte“, beobachtet Klüter. Auf diese Weise bringen die Großbetriebe kein Geld in die Bevölkerung der Gemeinden, das wiederum für lokale Dienste ausgegeben werden könnte.

    Die Landwirtschaft in Ost und West unterscheidet sich gravierend voneinander. Im Bundesdurchschnitt gehören gut 55 Hektar Land zu einem Betrieb. Die Spannbreite ist allerdings gewaltig. Im Landkreis Demmin, wo Kröger zuhause ist, sind es laut Statistischen Bundesamt 381 Hektar. Es gibt auch Betriebe mit mehr als 1.000 Hektar Land, auch Ökohöfe.

    Die Riesenhöfe sind aus den LPG der DDR hervorgegangen. Mal haben die Nachfahren der Vorkriegsbesitzer alte Ländereien wieder übernommen, mal die früheren Chefs der LPG die Gunst der Stunde genutzt und die Hinterlassenschaft des Sozialismus eine GmbH oder neue Genossenschaft verwandelt, mal haben sich Großbauern aus dem Westen in den neuen Ländern eingekauft. Insbesondere in der Nachwendezeit soll es dabei auch zu Schiebereien gekommen sein. Auf die Struktur hatte das aber keinen Einfluss.

    Aber steht Größe auch für Effizienz? Forscher Klüter hält dies für eine Mär und hat dies in einem Gutachten für den Brandenburger Landtag auch belegt. „Der Getreideanbau ist nur produktiv, wenn ich dafür eine Flächenprämie erhalte“, erläutert der Wissenschaftler. Und Prämien aus EU-Töpfen fließen in den neuen Ländern reichlich, wie ein Vergleich zwischen Bayern und Brandenburg veranschaulicht. In Bayern erhielten zwölf von knapp 120.000 Landwirten mehr als 300.000 Euro an EU-Zahlungen. In Brandenburg sackten 689 der fast 6.000 Bauern so viel ein.

    „Ohne Subventionen würde ein großer Teil der Großbetriebe zusammenbrechen“, schätzt Klüter. Großbauer Folgart weist diesen Vorwurf zurück. „Wir haben wettbewerbsfähige Betriebe“, sagt der Landtagsabgeordnete, jetzt gehe es darum, die vorhandenen Arbeitsplätze zu erhalten und eventuell durch eine stärkere Veredelungswirtschaft auszubauen. Das liefe auf mehr Tierzucht hinaus, für die auch mehr Personal benötigt wird.

    Vieles deutet darauf hin, dass der Osten in der Landwirtschaft einen Vorreiterrolle eingenommen hat. Wie in anderen Industriezweigen auch, setzt sich Größe durch.

    Im November werden 25 Jahre seit dem Fall der Mauer vergangen sein. Im Osten ist kräftig saniert worden. Was kann die Republik aus dem Umbau lernen – für das Leben in der Stadt, für die medizinische Versorgung, für die Ansiedlung von Industrie, für die Landwirtschaft oder für den Solidarpakt? Und: Wie geht es weiter? Die Serie in 6 Teilen – heute: Die Agrarindustrie

  • Kartellamt schaut Lebensmittelketten genauer auf die Finger

    Untersuchung belegt die Marktmacht der vier größten Unternehmen. Oxfam zeigt am Beispiel Bananen die Auswirkungen der Einkaufsmacht.

    Das Bundeskartellamt wird dem Lebensmitteleinzelhandel künftig stärker auf die Finger schauen. Damit reagiert die Behörde auf eine selbst vorgenommene Untersuchung des Verhältnisses von Handel und Herstellern. Die Konzentration in der Branche ist weit vorangeschritten. „Edeka, Rewe, Aldi sowie die Schwarz-Gruppe mit den Lidl-Märkten stehen für rund 85 Prozent des Marktes“, sagt der Chef des Amtes, Andreas Mundt. Einer weiteren Verschlechterung der Wettbewerbsverhältnisse müsse konsequent entgegengewirkt werden.

    Die Marktmacht der vier führenden Unternehmen können die Händler bei den Preisverhandlungen mit ihren Lieferanten nutzen. Der Untersuchung zufolge haben die Produzenten der Lebensmittel zumeist die schlechtere Verhandlungsposition. „Der Verhandlungsmacht der Händler können im Einzelfall auch große Hersteller mit bekannten Marken ausgesetzt sein“, erläutert Mundt. Nur bei den Verbrauchern besonders beliebte Marken holen deren Lieferanten bessere Konditionen heraus. Das kann zum Beispiel bei Coca Cola, Milka oder Haribo der Fall sein. Eine so gute Position gibt es jedoch nur für sechs Prozent der Artikel im Supermarkt. Ansonsten ist der Druck auf die Industrie hoch, da eine Auslistung ihrer Produkte durch einen Handelsriesen nicht durch den Verkauf der Erzeugnisse an andere Kunden ausgeglichen werden kann. Da die vier Großen untereinander einen starken Wettbewerb über die Ladenpreise ausfechten, suchen sie umso mehr selbst nach günstigen Lieferanten.

    Das Kartellamt hat 200 Hersteller und 21 Handelsunternehmen befragt rund 3.000 Verhandlungen bei 250 Markenartikeln analysiert. So hat die Behörde die Machtverhältnisse ermittelt. Branchenprimus ist Edeka. Jeder vierte Euro, der in Deutschland für Nahrungsmittel ausgegeben wird, landet bei der Genossenschaft. Die Verkaufsfläche aller Edeka-Filialen ist zusammengenommen doppelt so groß wie die der zweitgrößten Kette. Bei den Handelsmarken nimmt Aldi die Spitzenposition ein.

    Mundt will die strenge Linie des Kartellamts gegenüber den Handelsriesen nun fortführen. Weitere Firmenzusammenschlüsse will die Behörde vertieft prüfen. Auch sieht das Amt die Gefahr, dass Unternehmen ihre Marktmacht missbrauchen. Das müsse jedoch im Einzelfall untersucht werden. Schließlich beobachten die Wettbewerbshüter auch die neuen Einkaufskooperationen, die die Position der Händler weiter verbessern.

    Wie sich die Konzentration im Lebensmittelhandel konkret auf Lieferanten auswirken kann, hat die Menschenrechtsorganisation Oxfam am Beispiel von Bananen aus Ecuador recherchiert. „Mit ihrer enormen Marktmacht können die Einkäufer ihrem Lieferanten die Preise diktieren“, sagt Oxfam-Expertin Franziska Humbert. Auf dem Großmarkt setze Aldi die Referenzmarke für den Tagespreis. So wird indirekt auch Einfluss auf die Bananeneinkäufer in den Erzeugerländern ausgeübt.

    Die Folgen bekommen dann die Bauern zu spüren. In Ecuador gebe es beispielsweise einen gesetzlich vorgeschriebenen Mindestpreis für die Kiste Bananen. Doch statt der vorgeschriebenen 6,22 Dollar würden derzeit nur 4,50 Dollar bezahlt. Ein Trick der Einkäufer: Sie überweisen den korrekten Betrag und fordern von den Erzeugern dann einen Scheck, mit dem sie die Differenz zu ihrem Preis wieder zurückholen. Diese Erträge der Bauern reichen aber nicht mehr zur Sicherung ihrer Existenz.

  • Bitte, nehmt unser Geld

    Wir retten die Welt

    Nicht, dass wir knöcheltief durch Dreck stapften. Aber unser Kreuzberger Gründerzeithaus, in dem wir und die Nachbarn jeweils eine Eigentumswohnung besitzen, sah innen etwas mitgenommen aus. Die Flurläufer schwarz von Straßendreck, in den Ecken Spinnweben, die Wohnungstüren so staubig, dass man mit dem Finger Grüße draufschreiben konnte. Uns wurde klar: Der Hausputz, ausgelagert an eine Reinigungsfirma, funktionierte seit Wochen nicht mehr.

    Die erste Erklärung des Firmenchefs am Telefon lautete: Sein Mitarbeiter liege im Krankenhaus, er habe beim Rasenmähen in unserem Garten einen allergischen Schock erlitten. Am nächsten Mittwoch komme ein Ersatzmann. Dann werde alles gut. Donnerstag: Die Teppiche waren trotzdem nicht gesaugt. Der Chef: Der Schlüssel zum Haus habe gefehlt, sie seien nicht reingekommen. Aber nächste Woche: versprochen, alles tippitoppi.

    Großer Quatsch – nichts passierte. Diesmal schickte die Firma per Mail Fotos, die dokumentieren sollten, dass unser Haus glänzte. Seltsamerweise war darauf der braune Teppich in unserem Flur grün. Ach, Entschuldigung hieß es da – der Mitarbeiter habe die Firma hinters Licht geführt und Bilder eines anderen Gebäudes geschickt. Man werde ihn feuern. Nächste Woche: aber ganz bestimmt alles superprima!

    Die Sache begann mich aus einem anderen Grund zu interessieren. Ab Anfang 2015 gilt das neue Mindestlohn-Gesetz. Alle Beschäftigten sollen minimal 8,50 Euro pro Stunde bekommen, von Ausnahmen abgesehen. Wieviel sein Mitarbeiter verdiene, fragte ich also den Chef beim nächsten Telefonat. Natürlich Gebäudereiniger-Mindestlohn, schwor der, das sei er seinen Leuten doch schuldig. Unser Putzmann erhielt angeblich 9,31 Euro pro Stunde brutto.

    Stimmt das?, erkundigte ich mich bei diesem persönlich, als er tatsächlich mal auftauchte. Mittlerweile klappt der Dienst wieder, sagen wir, so lala. Informationen zur Bezahlung dürfe er nicht verraten, nur so viel: Die Fahrzeiten von Haus zu Haus, von einem Berliner Bezirk in den anderen, plus die Kosten seines Autos, seien sein Privatvergnügen.

    Kein Wunder, dachte ich, dass die Leute hinschmeißen. Oder zwei Stunden auf den Kontrollzettel schreiben, wenn sie nur 30 Minuten da sind. Die Arbeit ist schlecht, weil der Lohn zu schlecht ist.

    Wie doof kann so ein Reinigungsunternehmer eigentlich sein? Doppelte Bezahlung würde bei unserem Haus mit 80 Euro monatlich zu Buche schlagen. Geteilt durch zwölf Wohnungen – die sieben Euro mehr überweise ich doch gerne, wenn ich weiß, dass sie bei dem Beschäftigten ankommen und der seine Arbeit vernünftig macht.

    Warum sagt der Chef nicht mal zu uns: Leute, Ihr habt doch genug Geld. Das wäre ungewöhnlich, gar dreist. Aber er hätte Recht. Auf diese Idee kommt er aber nicht, wahrscheinlich wegen des allgemeinen Billig-Billig. Er hat Angst, den Auftrag zu verlieren. Der gesetzliche Mindestlohn müsste viel höher sein als 8,50 Euro. Diese Untergrenze ändert an unserem Problem gar nichts.

    Aber auch wir könnten den Reinigungsunternehmer fragen, ob wir ihm nicht mehr bezahlen dürfen. Vielleicht bringe ich den Antrag in die nächste Wohnungseigentümerversammlung ein. Bin gespannt, was die Nachbarn sagen.