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  • Unternehmungslustig, dynamisch, international

    Endlich Einhorn sein. Manch Start-up-Unternehmer in Deutschland steuert diese Ziel an. Denn ist die Technologiefirma mehr als eine Milliarde Dollar wert, hat sie es in der Regel geschafft. Hinter fast einem Viertel aller 32 deutschen Einhörner stehen Gründer, die im Ausland geboren wurden. Sie haben oft naturwissenschaftliche Kenntnisse und ein ausgeprägtes unternehmerisches Verständnis – alles Vorteile für den Standort D. Den Einhörner können die Konzerne der Zukunft sein.

    „Gründerinnen und Gründer mit Einwanderungsgeschichte sind Treiber für Wachstum, Innovation und Internationalisierung“, sagte Magdalena Oehl, stellvertretendes Vorstandsmitglied des Startup-Verbands. Er hat zusammen mit der Friedrich-Naumann-Stiftung untersucht, wodurch sich diese Gruppe auszeichnet. Als Menschen mit Einwanderungsgeschichte werten die Autoren der Studie Personen, die im Ausland geboren wurden und nach Deutschland zugezogen sind. Ebenfalls erfasst werden alle, deren beide Elternteile im Ausland geboren sind, jetzt aber in Deutschland leben. Welchen Pass jemand besitzt, ist anders als für die Studien in den vergangenen Jahren nicht mehr wichtig.

    Im Vergleich zu hier geborenen sind die Gründer mit Einwanderungsgeschichte widerstandsfähiger, risikobereiter und haben eine klarere Wachstumsvorstellungen –vereinfacht: Wer im Ausland geboren ist und in Deutschland eine Firma gründet, hat mehr unternehmerische Eigenschaften. Auch haben unter den sogenannten Migrant Founders mehr einen Uniabschluss als unter den in Deutschland geborenen Gründern. Und sie kennen sich eher in naturwissenschaftlichen Fächern aus. Zudem arbeiten in den Teams mehr Menschen aus anderen Ländern. Die Start-ups setzen auch mehr im Ausland um.

    Rund 14 Prozent aller Gründer sind im Ausland geboren, unter allen Erwerbstätigen sind es gut 25 Prozent. Ein Schluss: Wenn noch mehr Menschen gründen, die nicht in Deutschland geboren sind, aber hier leben, hilft das dem Standort. Ein zweiter Schluss: Die Bundesrepublik braucht mehr dynamische Unternehmer, die zuwandern. „Migration und Innovation gehören zusammen“, sagt Stefan Kolev aus dem Kuratorium der Friedrich-Naumann-Stiftung. „Wenn wir im globalen Wettbewerb bestehen wollen, muss Deutschland für die talentiertesten Gründerinnen und Gründer weltweit noch attraktiver werden.“

    Da besteht noch deutlich Luft nach oben, wie die Studie zeigt. Etwa im Vergleich zu den USA – weltweite Start-up-Hochburg. Nur 33 Prozent halten der Gründer-Studie zufolge Deutschland für attraktiv, 67 Prozent finden die USA besser. Die Daten stammen von 2024. Mit dem neuen US-Präsidenten Donald Trump hat sich das Klima in den Vereinigten Staaten inzwischen verschlechtert. Womöglich würden die Antworten der befragten Innovatoren heute anders ausfallen.

    Mehr als ein Viertel aller, die bereits ein Technologieunternehmen in Deutschland gegründet haben, würde unabhängig vom Geburtsland das nächste lieber im Ausland gründen – in den USA wegen der Marktgröße, weniger Regulierung und besserem Zugang zu Kapital, in Großbritannien wegen der Internationalität und Kapitalzugang, in Singapur, weil es der wichtigste Standort in Asien ist, in Estland wegen der hervorragenden digitalen Infrastruktur.

    Auch junge Unternehmen brauchen Personal, gern aus dem Ausland. Die Start-up-Branche ist insgesamt sehr international und hat wenig Berührungsängste. Attraktiv an Deutschland finden Gründerinnen und Gründer die Lebensqualität sowie Sicherheit und Stabilität, was auch Spezialisten aus dem Ausland lockt. Schwieriger sieht es mit der Sprache aus und den Rahmenbedingungen für Einwanderung. Und absolut unattraktiv für Menschen anderer Länder ist die Höhe von Steuern und Abgaben.

    Ein wichtiger Standortfaktor ist aus Sicht aller Gründerinnen und Gründer, wie offen die Gesellschaft ist. Insgesamt werten 56 Prozent sie als positiv. Allerdings sind die Unterschiede zwischen Ost und West sowie Stadt und Land groß. Werden die zehn größten Städte herausgerechnet, sind der Anteil positiver Bewertungen auf 46 Prozent. Im Westen beträgt der Wert 54, im Osten 27 Prozent. Besonders offen sind demnach Köln (74 Prozent) und Berlin (71 Prozent). Leipzig kommt auf 62, München auf 61, Hamburg auf 59 und Frankfurt auf 55 Prozent.

    „Wenn Deutschland für internationale Gründerinnen und Gründer attraktiv bleiben will, muss sich etwas ändern“, sagt Oehl vom Startup-Verband. Nötig seien dringend schnellere Visa-Prozesse und mehrsprachige Angebote. Dazu mehr internationales Denken „Wenn wir zu sehr im eigenen Saft schmoren, verspielen wir unsere Chance.“

    Als Startups gelten Unternehmen, die bis zu acht Jahre alt sind, von Innovation und Technologie getrieben werden und vor allem schnell stark wachsen wollen. Klassische Handwerker werden deshalb nicht gezählt, auch wenn sie neu starten. Basis für die Untersuchung ist der Deutsche Start-up-Monitor mit mehr als 1800 Teilnehmenden.

  • „Alles nur Effekthascherei“

    Claus Weselsky ist wieder da. Der ehemalige Chef der Lokführergewerkschaft GDL sitzt im dunklen Dreiteiler neben Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe und lächelt. Es geht an diesem Morgen in Berlin wieder einmal um den Zustand der Deutschen Bahn, den Konzernvorstand und darum, was der neue Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder jetzt sofort anpacken muss. Klar wird auch: Der CDU-Politiker kann nicht darauf hoffen, dass das kämpferische Parteimitglied Weselsky trotz Ruhestand besonders gnädig ist.

    Nicht so sehr zusätzliche Milliarden für Konzern und Schiene sind das Thema, sondern mehr Grundsätzliches. Aus Sicht von Resch und Weselsky versickert zu viel Steuergeld in den Tiefen der Konzernstruktur, das eigentlich in Schienen, Bahnhöfe und Technik gesteckt werden könnte. Der neue Verkehrsminister muss hier ansetzen, befinden beide.

    Die Bahn besteht aus mehreren Einzelfirmen, etwa für Fernverkehr (ICE/IC-Züge), Nahverkehr (RE und S-Bahnen), Güterverkehr. Dazu kommen zahlreiche weitere Firmen etwa für Ingenieurleistungen, Energie und IT. Und dann ist da die Anfang 2024 gegründete Infrago, die sich um Schienen und Bahnhöfe kümmert, die zentrale Infrastruktur. Das Netz ist marode, die Bahn unter anderem deshalb unpünktlich. Weselsky sagt, der Bahnvorstand habe es jahrelang verfallen lassen.

    Das Grundproblem: „Nicht die Politik hat zu wenig Geld gegeben, sondern es wurde nicht in die Zukunft investiert“, sagt der ehemalige GDL-Chef. Also nicht in Gleise, digitale Stellwerke, Elektrifizierung in Deutschland, sondern in internationales Geschäft. Entscheidend dabei: „Der Eigentümer hat zugesehen.“ In diesem Fall der Bund und damit der Steuerzahler. Resch und Weselsky fordern deshalb, dass der Bund entscheidet, was wann wie gemacht wird, nicht der Bahnvorstand. Das bedeutet mehr Durchgriff auf die Infrago.

    Dafür soll sich die Rechtsform ändern. Derzeit ist die Infrastruktur eine Aktiengesellschaft. Der AG-Vorstand sei nicht weisungsgebunden, der Geschäftsführer einer GmbH schon, sagt Weselsky. Er kann sich auch eine Anstalt öffentlichen Rechts vorstellen, ein staatlicher Betrieb, der nicht zwingend Gewinn erwirtschaften muss. Denn das sieht Weselsky als weiteres Problem an. Die Infrastruktur sei dauerhaft auf Subventionen angewiesen, Gewinn da schwierig. Diese Diskussion gibt es seit Jahren, im Kern geht es darum, ob der Markt effizienter ist als der Staat – dabei geht es meist um Preise, selten aber um Gemeinwohlaspekte, die sich kaum mit einem Preis versehen lassen.

    Zerschlagen wollen Resch und Weselsky die Bahn nicht, nur dem „DB-Konzern die Zuständigkeit für Infrastruktur entziehen“. Sie erwarten, dass das Netz dann effizienter saniert wird. Und ausgebaut. Der Bundesverkehrsminister solle sicherstellen, das jährlich mindestens 600 Kilometer des Schienennetzes elektrifiziert sowie 200 Kilometer stillgelegte Strecken reaktiviert werden.

    Beim jetzigen Tempo sei Deutschland in rund tausend Jahren auf dem Stand der Schweiz, behauptet Resch. Dort steht praktisch jede Strecke unter Strom. In den vergangenen 13 Jahren wurden im Schnitt 80 Kilometer jährlich elektrifiziert, für dieses Jahr sind 66 Kilometer geplant. Infrago betreibt rund 33.300 Kilometer Schienen.

    „Die Bahn vernachlässigt systematisch die Fläche zugunsten der ICE-Rennstrecken“, sagt Resch. Verkehrsminister Schmieder habe die vielleicht letzte Chance, das langjährige Missmanagement der Bahn zu beenden. In den vergangenen Wochen hieß es immer wieder, die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz (CDU) wolle Bahnchef Richard Lutz ersetzen. Davon halten weder Resch noch Weselsky viel. Ein neuer Vorstandsvorsitzender ändere das System nicht, sagt Weselsky. Das sei reine Symbolpolitik. Es sei eher schlecht, den Chef jetzt auszutauschen.

    Aus Sicht des Ehrenvorsitzenden der GDL muss erst umstrukturiert werden, dem Bahnvorstand also der Zugriff auf das Netz entzogen werden, dann erst könne über Personal geredet werden. Und da ist für den ehemaligen Oberlokführer klar: Es muss nach Sachverstand gehen. „Wir brauchen mehr Bahnverstand um Vorstand“, sagte Weselsky, der sich sichtlich wohl fühlt, wenn es gegen die Spitze der Bahn geht. Die hielt er schon zu Zeiten als Gewerkschaftschef für kaum geeignet. Im September 2024 ging er in Ruhestand.

    Noch die alte Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP hatte beschlossen, mehr Geld in die Bahn zu stecken, um die Fehler der Vergangenheit auszumerzen. Treibende Kraft war Verkehrsminister Volker Wissing (ehemals FDP), der anders als seine CSU-Vorgänger Interesse an der Bahn hatte. Bis 2027 sollen rund 53 Milliarden Euro ins Schienennetz und die Bahnhöfe gesteckt werden. Das Geld wird sehr wahrscheinlich nicht reichen. Auf bis zu 150 Milliarden Euro hofft der Konzern wohl aus dem Infrastrukturpaket von 500 Milliarden Euro, das der Bundestag noch im März beschlossen hatte.

    Mit derart viel Geld müsste doch bald alles besser werden, oder? „Das sei alles nur Effekthascherei“, sagt Weselsky. Ohne Strukturveränderungen werde das System nicht effizienter. „Da wird nichts besser, egal welche Summe kommt.“ Umwelthilfe-Chef Resch lässt zumindest der Koalitionsvertrag etwas hoffen: „Wir erkennen, dass das Problem erkannt ist.“ Aber eher nur halbherzig angegangen werde. Gewerkschafter Weselsky sagt, dass sich mal ein CDU-Politiker um die Bahn kümmere, sei ein guter Ansatz. Aber: „Er muss jetzt etwas tun.“

  • Sterneküche in der Stratosphäre

    Ein Ferienhaus an der französischen Atlantikküste, Wandern in den Dolomiten, Tauchen auf den Malediven  – was für viele nach einem verführerischen Urlaub klingt, reicht manchen nicht. Im Luxussegment darf es etwas exotischer sein. Der Markt ist eng, der Ertrag hoch, der Anspruch auch. Und so forschen Experten nach dem nächsten Trend. Denn was heute exotisch wirkt, kann morgen bereits den Urlaub aller verschönern.

    „Vieles, was früher Luxus war, ist heute für alle selbstverständlich“, sagt Oliver Kreipe, Deutschlands einziger Trendforscher für Luxusreisen, der für Airtours, eine Marke des Reisekonzerns TUI, arbeitet. „Meditation und Yoga zum Beispiel.“ Das klingt noch nicht besonders extravagant. Deshalb zuallererst: Was ist Luxus? Der Buchbutler, der im Cambridge University Arms Hotel hilft, den richtigen Lesestoff auszuwählen, oder Diamantstaub-Peeling im Spa? „Was jemand als Luxus empfindet, ist höchst subjektiv“, sagt Kreipe. „Luxus ist die Abweichung vom alltäglichen Lebensstandard. Wer Drei-Sterne-Hotels gewöhnt ist, empfindet Vier Sterne als Luxus.“

    Das setzt allerdings keine Trends. Der Reisedetektiv ist deshalb in anderen Regionen unterwegs, in denen drei Tage auf einem kleinen Kreuzfahrtschiff schon einmal 16.800 Euro kosten – pro Person. Wobei klein relativ ist, wenn der Motorsegler etwa 220 Meter lang ist. Die Orient Express hat allerdings nur 54 Suiten. Aber es geht nicht darum, dass etwas teuer ist. „Goldene Wasserhähne gelten vielleicht in China, Dubai und Indien als Statussymbole und deshalb als Luxus“, sagt Kreipe. „Wir sind in Europa deutlich weiter, leben heute mehr den erfahrungsorientieren Konsum.“ Und der kann teuer sein, weil er Grenzen sprengt.

    „Wenn ein Reisebüro Schwierigkeiten hat, auf der Erde etwas für die Kunden zu finden, bietet sich das All an“, sagt der Reisedetektiv. „Von 2026 an kann man mit einem Ballon auf 30 Kilometer Höhe steigen“, sagt Kreipe. „In der Stratosphäre gibt es dann Sterneküche zum Beispiel vom angesagten Alchemist in Kopenhagen. Das gibt schon einen Eindruck fürs Leben.“ Im Alchemist werden schon mal 50 Gänge nebst Geschichten und Videos über mehreren Stunden serviert.

    Anbieter Space Perspective aus den USA testet gerade die entsprechenden Heliumballons. Die angehängte Kapsel verspricht Wifi und Space Spa. Eine Tour kostet 125.000 Dollar. Zephalto aus Frankreich will ebenfalls 2026 starten, Flugdauer sechs Stunden, 170.000 Euro pro Person. Die Kabine des Wasserstoffballons bietet Platz für sechs zahlende Gäste. Abgehoben? „Grenzen gibt es beim Luxus praktisch nicht“, sagt der Reisedetektiv.

    Ein Trend, der möglicherweise schneller für normalverdienende Urlauber kommen wird als Stratosphärenflüge, hat wie Yoga mit Gesundheit zu tun. „Menschen sind glücklich, wenn es ihnen gesundheitlich gut geht“, erklärt der Luxusforscher. Das Streben nach einem gesunden Körper werde auch für die Luxusbranche wichtiger. „Stichwort Longevity – die Zellregeneration ankurbeln.“ Nötig dafür: Epigenetiktests, die das biologische Alter ermitteln, „darauf aufbauend ein individuelles Programm mit Kältekammern, Sport und besonderem Essensplan. Guter Schlaf ist auch wichtig, die richtige Raumtemperatur, das Licht“.

    Luxushotels hätten bereits Top-Spas, ein Top-Behandlungsteam, das Angebot müsse nur umgestellt werden, berichtet Kreipe. „Wichtig: Das sind keine Kliniken, das sind immer noch Urlaubshotels.“ Der Trend begann 2022 in den USA kurz nach der Pandemie. „Während Corona hatten die Menschen Zeit, über sich nachzudenken“, sagt der Trendforscher. „Das Thema Longevity lag in der Luft.“

    Nur wenn etwas derart flüchtig ist, wie wird ein Trend daraus? „Ein Trend entsteht, wenn jemand mehrere Teile, die bereits im Markt bekannt sind, zusammensetzt“, sagt Kreipe, der in seinen 30 Jahren im Unternehmen einiges gesehen hat. „Zum Beispiel Clubs an Land und Kreuzfahrten, wie es Aida gemacht hat. Oder eine griechische Kette, die Luxushotels mit dem damals etwas anrüchigen All-inclusive verband.“ Heute habe sich All-Inclusive im Luxussegment etabliert, ob in Griechenland oder auf den Malediven. Hoteljachten wie die Orient Express verknüpften Kreuzfahrten, Luxushotels und besondere Erlebnisse. „Man hat die Chance, auf einer Milliardärsjacht zu wohnen.“

    Doch nicht alles, was neu und teuer ist, ist auch ein Trend. „Als Trendforscher muss man sehen: Was taucht weltweit auf? Ist es beständig? Und zahlt es auf die psychologischen Grundbedürfnisse der Menschen ein?“ erklärt Kreipe. Manches, was gut läuft, verschwindet dann wieder. „Es gibt soziale Effekte, die oft kurzfristig sein können. ,Das will ich auch‘ zeigt sich zum Beispiel jetzt in Thailand mit dem „White Lotus“-Tourismus“, sagt er. „Leute buchen, weil sie die Drehorte der Serie sehen wollen.“ Sie verfolgt Superreiche in Resorts der fiktiven Hotelkette „White Lotus“ und ist ein Streaming-Hit.

    „Die nächste große Nummer im Filmtourismus wird der Peloponnes in Griechenland“, ist sich Kreipe sicher. „Dort hat Oscarpreisträger Christopher Nolan gerade mit internationalem Staraufgebot die Odyssee gedreht.“ Der Film des Oppenheimer-Regisseurs soll im Juli 2026 in die Kinos kommen. Reisen auf den Peloponnes sind vielleicht nicht so luxuriös wie Sterneküche in der Stratosphäre, aber versprechen spannende Tage. Was doch wieder passt, denn: „Zeit ist der absolute Luxus.“

  • Nach dem Dollar

    Die US-Regierung schwächt ihre weltweite Leit- und Reservewährung. Was das für die hiesige Wirtschaft und den Euro bedeuten kann.

    Von Hannes Koch

    Mit hohen Einfuhrzöllen bringt US-Präsident Donald Trump die Weltwirtschaft durcheinander. Auch deshalb sinkt der Wert des Dollar gegenüber dem Euro, und das Vertrauen von Kapitalanlegern in US-Staatsanleihen lässt nach. Es verbreiten sich sogar Sorgen, ob der Dollar künftig noch seine Rolle als Leit- und Reservewährung behält, die das Weltfinanzsystem während der vergangenen 80 Jahre stabilisierte.

    Die Funktion des Dollar
    Das US-Geld ist die wichtigste Währung der Welt. Ein großer Teil des internationalen Handels wird in Dollar abgerechnet. Daraus folgt, dass die US-Währung begehrt ist, was den Kurs hochhält. In diese Richtung wirkt auch, dass viele internationale Anleger ihr Kapital in US-Staatsanleihen und anderen nordamerikanischen Schuldtiteln anlegen. Diese gelten als wertbeständig, und wegen ihrer großen Menge als jederzeit kauf- und verkaufbar. Deshalb kann der Dollar als globale Leit- und Reservewährung dienen.

    Will Trump daran etwas ändern?
    Der US-Präsident wolle erreichen, „dass der Dollarkurs fällt“, sagt Ökonomin Philippa Sigl-Glöckner vom SPD-nahen Dezernat Zukunft. Die Absicht dahinter: Wenn die Währung billiger wird, sinken die Preise von US-Produkten etwa im Vergleich zum Euro, sie verkaufen sich dann leichter. Der niedrigere Dollar-Kurs könnte also Ähnliches bewirken wie Trumps hohe Einfuhrzölle, die ebenfalls US-Unternehmen begünstigen. Gleichzeitig postuliert Steve Miran, der ökonomische Chefberater des Präsidenten, Ausländer sollten zusätzliche Nutzungsgebühren für die US-Leit- und Reservewährung entrichten. „Die US-Regierung tut gerade alles dafür, den Status des Dollar zu beschädigen“, sagt Jens Südekum, Wirtschaftsprofessor der Universität Düsseldorf. „Im Finanzmarkt verbreiten sich Zweifel, kürzlich kam es zu einer regelrechten Kapitalflucht aus dem Dollar.“

    Was bedeutet es, wenn der Dollarkurs sinkt?
    Europas und Deutschlands Waren- und Dienstleistungsexporte in die USA werden damit teurer, erklärt Sigl-Glöckner. Parallel dazu verbilligen sich aber die Importe von Produkten nach Europa, die in Dollar abgerechnet werden, beispielsweise Erdöl und Benzin. Welcher Effekt überwiegt, unterscheidet sich nach Unternehmen und Branchen. „Wir sollten uns über den steigenden Euro-Kurs nicht zu große Sorgen machen“, betont Südekum. Viele Produkte, etwa hochwertige Maschinen aus Deutschland, würden sich in den USA weiterhin gut verkaufen, selbst zu höheren Preisen. Südekum: „Die USA stellen vieles, was sie brauchen, nicht selbst her.“

    Abschied vom Dollar – eine Gefahr?
    Die führende Rolle der US-Währung auf vielen Märkten hatte bisher eine stabilisierende Wirkung. Wenn zahlreiche Akteure das gleiche Geld benutzen, reduziert das beispielsweise Kosten für den Umtausch von einer Währung in eine andere. Sollte nun der Dollar weiter an Bedeutung verlieren und andere Währungen, etwa der Euro und der chinesische Renmimbi, wichtiger werden, müsse das jedoch nicht von Nachteil sein, meint Südekum. „Wenn mehrere Währungen den Status von Reservewährungen haben, ist das eher positiv.“ Für Europa könne ein Vorteil darin bestehen, dass die Attraktivität von Euro-Anleihen auf den internationalen Märkten zunimmt. „Euroland würde mehr Kapital anziehen, was die Finanzierung hiesiger Vorhaben erleichtert“, so Südekum. Gleichzeitig müsste die EZB weniger Zinsen bieten, um ihre Anleihen zu verkaufen. Die hiesige Verschuldung würde damit günstiger. Für manche mag das eine abschreckende Vorstellung sein – doch kreditfinanzierte Investitionen in die Modernierung der europäischen Wirtschaft und die gemeinsame Verteidigung gegen autokratische Regime würden auf diese Art leichter fallen.

    Der Euro – eine Leit- und Reservewährung?
    Heute, darüber sind sich viele Fachleute einig, ist der Markt attraktiver europäischer Anleihen zu klein, um die großen Kapitalmengen aufzunehmen, die möglicherweise Alternativen zum Dollar suchen. Eine gemeinsame europäische Verschuldung existiert erst in Ansätzen, weil unter anderem die deutsche Regierung die Ausgabe solcher Papiere erschwert. So wird der größere Teil der Anleihen von den einzelnen Mitgliedstaaten herausgeben. Und es herrschen Zweifel, ob die Europäische Zentralbank sie im Notfall ausreichend absichert. „Es fehlt an ausfallsicheren Staatsanleihen in Euro“, sagt Philippa Sigl-Glöckner. Jens Südekum sieht das ähnlich: „Wenn wir die Rolle des Euro stärken wollen, geht das nicht ohne Eurobonds.“

  • Das Geheimnis des Waldes lüften

    Für das Leben auf der Erde sind Wälder unverzichtbar. Die „grüne Lunge“ liefert vor allem Sauerstoff und speichert CO2. Wie groß sie ist, konnten Forscher bisher nur schätzen. Jetzt soll erstmals ein europäischer Satellit das „Lungenvolumen“ des Planeten vermessen – und auch, wie es sich verändert. Die zentrale Technik, ein neu entwickeltes Radar, stammt aus Deutschland. Hightech der Spitzenklasse. Und auch sonst haben heimische Firmen wesentliche Teile beigesteuert.

    Die Mission Biomass, wie das Projekt der Europäischen Raumfahrtagentur Esa heißt, startet am kommenden Dienstag (29. April). Eine Vega-C-Rakete soll den Satelliten vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana aus ins All befördern. Biomass werde ein detailliertes Bild über den Gesundheitszustand unserer Wälder liefern, sagt Walther Pelzer, Generaldirektor der Deutschen Raumfahrtagentur im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), „ein elementarer Beitrag, um die globale Erwärmung genau zu berechnen, die Folgen des Klimawandels vorherzusagen und geeignete Gegenmaßnahmen zu ergreifen.“

    Was da in 666 Kilometern Höhe gleichmäßig um die Erde fliegen soll, sieht einigermaßen kurios aus: eine große, goldfolienverkleidete Kiste im Autoformat mit einem Solarpanel und etwas, das an einen riesigen Sonnenschirm erinnert. Es verpasst dem Satelliten einen Anflug von Urlaub. Tatsächlich ist der Schirm eine Reflektorantenne aus Drahtgeflecht mit zwölf Metern Durchmesser. Sie hilft, die Daten der verschiedenen Geräte an Bord zu senden und zu empfangen.

    Das spektakulärste ist das sogenannte P-Band-Radar, das Airbus Defence and Space in Friedrichshafen am Bodensee entwickelt hat. Wegen der besonderen Technik kann es durch die Baumkronen bis auf den Waldboden hindurchschauen. Klassische optische Kameras sähen nur eine grüne Blätterdecke. Das Radar ist zentrale Instrument des Satelliten und das erste seiner Art im All. Aus den Daten lässt sich, sehr vereinfacht, die Menge Holz in Tonnen pro Hektar Wald berechnen. Im Holz stecken etwa 50 Prozent des CO2, die im Wald gespeichert sind.

    Esa-Projektmanager Michael Fehringer spricht von einem Wunderwerk. Nur ein Beispiel: Das Instrument sendet 3000 Mal pro Sekunde Impulse mit einer Leistung von 100 Watt, zurück kommen Impulse mit einer Leistung von 0,0000000000001 Watt (tatsächlich zwölf Nullen hinter dem Komma). Nötig war deshalb auch ein besonderer, neuartiger Verstärker, den Tesat aus Backnang bei Stuttgart gemeinsam mit United Monolythic Semiconductors aus Ulm entwickelte.

    Von Airbus in Friedrichshafen stammt auch die Zentralelektronik des Satelliten. Und das Unternehmen war am Solarsegel beteiligt. Der Satellitenspezialist OHB arbeitete an der Grundstruktur des Satelliten mit. Die Bremer haben eine Standardplattform entwickelt, die sich für viele Satelliten anpassen lässt. Beim Antriebssystem war die deutsche Tochter der französischen ArianeGroup aus Bremen beteiligt, die untern anderem die neue Oberstufe der europäischen Rakete Ariane 6 baut. Tesat lieferte zudem weitere Kommunikationssysteme.

    Generalunternehmer von Biomass ist Airbus in Großbritannien, beteiligt waren, wie bei Esa-Projekten üblich, insgesamt mehr als 50 Firmen aus mehr als 20 europäischen Länder. Zugeliefert wurde auch aus den USA. Von dort kam die spektakuläre Reflektorantenne, die dem Satelliten sein lässiges Aussehen gibt. Zusammengebaut und getestet wurde Biomass dann bei Airbus in Toulouse. Im Februar ging er vom französischen Mittelmeerhafen Sète per Schiff auf den Weg nach Kourou.

    Knapp 500 Millionen Euro kostet der Satellit insgesamt, einschließlich Entwicklung, Tests, Rakete und Betrieb, deutlich mehr als 2016 zu Projektbeginn geplant. Der deutsche Anteil beträgt gut ein Fünftel. Neben den Bauteilen lieferten deutsche Forscher unter anderem auch neue Berechnungsalgorithmen. Das DLR testete die Radartechnik zudem über dem Urwald im afrikanischen Gabun – mit einem Flugzeug.

    Derzeit laufen in Kourou die letzten Tests. Knapp eine Stunde nach dem Start am Dienstagmittag europäischer Zeit, Biomass sollte sich dann über Australien befinden, übernimmt ein Team im Europäischen Raumflugkontrollzentrum Esoc in Darmstadt den Satelliten. Simon Plum, Leiter des Missionsbetriebs dort, schätzt, dass es bis zu neun Tage dauern kann, Biomass im All arbeitsfähig zu machen. Diese Art von Satellit zu bauen, sei besonders herausfordernd, sagt er, ihn zu fliegen ebenfalls. Am kompliziertesten ist demnach die Reflektorantenne. Sie ist zum Start eng zusammengefaltet. Das Aufklappen könne fünf Tage dauern, sagt er.

    Dann wird der Satellit seine Arbeit aufnehmen und die Wälder der Erde scannen. Sie bedecken gut ein Drittel der Landmasse, liefern 28 Prozent des Sauerstoffs und speichern enorme Mengen CO2. 45 Prozent der Wälder liegen in den Tropen, vor allem am Amazonas. Alle neun Monate soll Biomass eine Art Zustandskarte liefern. Daran lässt sich dann auch präzise sehen, wie sich der Wald verändert. Zudem wird möglich, vorherzusagen, wie er sich entwickelt.

    Der Satellit ist so ausgelegt, dass er mindestens fünfeinhalb Jahre Daten sammeln kann. Die Experten hoffen auf bis zu sieben Jahre. Dann wird er ausgemustert und 25 Jahre in einer Art Parkposition fliegen, bevor er kontrolliert abstürzen und verglühen soll.

  • Der Schein trügt

    Sportlich haben viele Fans während der Fußball-Europameisterschaft 2024 Spektakuläres erlebt. Außerhalb der Stadien überraschte viele der graue deutsche Alltag beim Bezahlen: nur Bargeld. Vor allem für Gäste aus dem Euro-Ausland war das eine denkwürdige Situation. Denn in kaum einem europäischen Land hängen die Menschen so an Münzen und Scheinen wie in der Bundesrepublik. Dabei nutzen sie selbst gern andere Zahlmöglichkeiten.

    Seit 2008 befragt die Bundesbank regelmäßig die Bundesbürger nach ihrem Verhältnis zum Bargeld. 2023 gaben 44 Prozent an, am liebsten mit Karte, Mobiltelefon oder in anderer Form zu bezahlen. Nur 28 Prozent bevorzugten Bargeld, dem Rest war es egal. Vor allem für kleine Summen haben die Bundesbürger offenbar Scheine und Münzen in den Portemonnaies. Sie bezahlten zwar in 51 Prozent aller Fälle bar, der Anteil am Gesamtumsatz betrug aber nur rund 26 Prozent. Vor zehn Jahren sah es noch anders aus. 79 Prozent aller Transaktionen und 53 Prozent des Gesamtumsatzes liefen über Bargeld. Dieser Trend dürfte auch in den kommenden Jahren anhalten.

    In anderen Ländern ist das Zahlverhalten schon heute deutlich anders. In Schweden ist es in Supermärkten zwar möglich, Scheine zu zücken, die Schlange an der Kasse wird in der Regel aber sehr unruhig, weil es nicht recht vorangeht, wenn erst das Wechselgeld abgezählt wird. Selbst Obst und Gemüse, das manche Hobbybauer am Straßenrand in kleinen Holzbuden anbietet, lässt sich digital bezahlen. Belgien, Großbritannien, Frankreich, Polen, Spanien – in vielen Ländern ist Bargeld nur in Ausnahmefällen nötig.

    Ob es in Deutschland auch soweit kommt? Die Bundesbank hatte Anfang vergangenen Jahres bereits in drei radikalen Szenarien untersucht, ob und wie viel Münzen und Scheine die Deutschen wohl 2037 noch nutzen. Selbst in einer vollständig digitalen Bundesrepublik, in der Läden kein Personal mehr an den Kassen haben, Kundinnen und Kunden alles selbst scannen, wird demnach noch in 15 Prozent aller Fälle bar bezahlt.

    Das könnte auch an einer besonders innigen Beziehung zu Münzen und Scheinen liegen, die in anderen Ländern vielleicht nicht so ausgeprägt ist. Für 69 Prozent der Befragten Bundesbürger ist wichtig, bar bezahlen zu können. Für die Gesellschaft insgesamt finden  sogar 72 Prozent Bargeld wichtig. Dabei gilt: Je älter die Menschen sind, desto wichtiger ist es ihnen.

    Die persönlichen Vorteile aus Sicht der Deutschen: 41 Prozent versprechen sich von Bargeld einen besseren Überblick über die Ausgaben. 47 Prozent sagen, die Zahlung sei sofort erledigt, man müsse hinterher nichts überprüfen. Und 63 Prozent erklären, Barzahlung schütze ihre Anonymität. Größter Vorteil von Kartenzahlung ist der Umfrage zufolge mit 77 Prozent, dass man sich keine Gedanken darüber machen muss, ob man genug Geld dabei hat. 40 Prozent sagen, Kartenzahlung sei einfacher, 38 Prozent, sie sei schneller.

    Gut ein Viertel der Befragten bezahlt bar, weil Münzen und Scheine häufiger akzeptiert werden. Oft nehmen der Kiosk um die Ecke, der Käsestand auf dem Markt oder die Kneipe keine Karten an. Das wandelt sich aber. Vor allem Behörden setzen auf digitale Zahlmöglichkeiten. Die Hälfte ließ 2023 nur Kartenzahlung oder Ähnliches zu. 2021 waren es nur etwas mehr als ein Drittel Prozent. Auch sonst verbannen Geschäfte, Tankstellen, Dienstleister Münzen und Scheine – zum Beispiel jeder zehnte Gastronomiebetrieb oder Lieferdienst. 2021 war es nur jeder 20. Und die angehende Bundesregierung aus Union und SPD will einführen, dass jedes Geschäft neben Barzahlung auch eine unbare Methode anbieten muss – zum Beispiel Kartenzahlung.

    Wer sich mit Scheinen eindecken möchte, braucht nach Aussage der Bundesbank im Schnitt nur 1,2 Kilometer bis zu einem Geldautomaten, Bankschalter oder einer Supermarktkasse, an der inzwischen auch Geld abgehoben werden kann. Weil das ein Durchschnittswert ist, können die Strecken im wahren Leben deutlich länger sein, vor allem auf dem Land. Auch bedeutet das nicht, dass der nächste Geldautomat einer der eigenen Bank oder Sparkasse ist und es deshalb nichts kostet, Geld abzuheben.

    Mitte 2024 gab es in Deutschland insgesamt rund 51.700 Geldautomaten, wie die Europäische Zentralbank gezählt hat. Die Zahl nimmt seit 2016, als es 59.900 solcher Geräte gab, stetig ab. 2000 gab es in der Bundesrepublik rund 47.700 Automaten. Damals wurde noch deutlich mehr mit Bargeld gezahlt. Allerdings gab es auch mehr Filialen. Inzwischen haben die Banken und Sparkassen dort radikal gespart.

    Die größten gesellschaftlichen Nachteile von Bargeld sehen die Deutschen in der Kriminalität. 58 Prozent der Befragten gaben an, es begünstige Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung und Geldwäsche. 54 Prozent sorgen sich über Raubüberfälle und Geldautomatensprengungen. Das Bargeld die Digitalisierung der Gesellschaft ausbremst, glauben nur 17 Prozent.

    Alles auf Kartenzahlung zu setzen, hat allerdings auch Tücken, was viele Kunden 2022 leidvoll erfahren mussten. Damals fiel wegen eines Softwarefehlers jeder zehnte Zahlterminal im deutschen Handel über mehrere Tage aus. Pannen gab es auch im Mai und September 2024. Bargeld braucht weder Strom noch besondere Lesegeräte. Deshalb sehen 98 Prozent den gesellschaftlichen Wert von Münzen und Scheinen vor allem darin, dass man auch in Krisenfällen und bei technischen Störungen bezahlen kann.

  • „TUI verkauft jetzt auch in Brasilien Pauschalreisen“

    Mit gut 18 Knoten schiebt sich die Mein Schiff Relax durch das Mittelmeer. Während das neue Flaggschiff der TUI-Flotte den Hafen von Malaga in Spanien ansteuert, sitzt Chef Sebastian Ebel in Kabine 14220, spricht über die Zukunft des Urlaubskonzerns und die aktuelle Weltlage.

    Wie bewerten Sie die aktuelle US-Politik?

    Ein freier Welthandel war und ist gut. Eine unstetige Zollpolitik hat enorme negative Folgen für den Welthandel. Der Dollar war bisher Leitwährung, die USA waren der Hort der Stabilität einer liberalen Wirtschaftsordnung einer freien Welt. Verlässlichkeit war und ist entscheidend für die Stabilität der Märkte. Für Europa bietet die aktuelle Entwicklung auch viele Chancen. Unser Binnenmarkt mit 500 Millionen Einwohnern ist größer als der US-Markt. International werden wir jetzt verstärkt als die „Guten“ wahrgenommen. Die EU und Großbritannien können sich ohne Gesichtsverlust wieder annähern. Und Europa kann das Verhältnis zu China neu ausrichten und normalisieren. Wir können selbstbewusst sein. Europa ist groß, stark und bietet viele Chancen. Aber wir müssen uns mehr anstrengen als bisher. Und wir sollten jetzt schnell die überbordende Bürokratie, ein großer Hemmschuh für Wachstum, abbauen. Auch der Staat sollte seine Rolle neu erfinden und deutlich schlanker und schneller werden. Einige gute Gedanken sind im Koalitionsvertrag zu erkennen.

    Die wirtschaftlichen Schockwellen sind derzeit groß. Was bedeutet das für das Geschäft von TUI?

    Wir sind in den USA, anders als manch anderes Unternehmen, kaum investiert. Es ist keiner unserer Kernmärkte. Wir wachsen als Konzern besonders außerhalb unserer bisherigen Kernmärkte in Europa. Das erste Geschäftsquartal von Oktober bis Dezember lief gut. Vor gut zwei Wochen haben wir auf dem Investorentag in Madrid schon erklärt, dass wir strategisch wie operativ gut aufgestellt sind und wir die Prognose für das Gesamtjahr bestätigen.

    Gilt das auch noch nach den Turbulenzen der vergangenen Tage?

    Ja.

    Sie planen bis zu zehn Prozent Umsatzplus. Wo kommt das Wachstum her?

    Im 1. Quartal haben wir eine Steigerung von 13 Prozent verbuchen können. Wir sehen auch weiterhin eine gute Nachfrage nach unseren Produkten zu verbesserten Preisen und erwarten, dass alle Segmente den positiven Trend fortsetzen werden.

    Was meinen Sie konkret?

    Im Hotel- und Kreuzfahrtbereich geht es um eine sehr gute Rendite für unser eingesetztes Kapital. Dazu schauen wir uns an, welche Ziele wir ganzjährig verkaufen können. Bieten sie ein gutes Preis/Leistungsverhältnis und sind sie attraktiv für Kunden aus vielen Ländern? Bei den Hotels wachsen wir zum Beispiel seit zwei Jahren in Asien, seit zwei, drei Jahren investieren wir auch auf Sansibar und in Tansania. Dabei nutzen wir Skaleneffekte. Auf Sansibar werden wir bald zehn eigene Hotels betreiben.

    Wie entwickelt sich das dann?

    Ein gutes Beispiel sind die Kapverden. Vor gut zehn Jahren hat TUI die Inseln für Touristen entwickelt: TUI Hotels, TUI Flüge und TUI Aktivitäten vor Ort. Dazu steuerten unsere Kreuzfahrtunternehmen die Inseln an.

    Wer will nach Sansibar?

    Europäer, aber auch für Urlauber aus dem mittleren Osten und Afrika ist Sansibar interessant. Kunden kommen aus Südafrika oder Dubai, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

    Womit wir bei der Vermarktung sind, dem Kern von TUI.

    Da stecken wir mitten in der Transformation. Wir bauen einen globalen kuratierten Freizeitmarktplatz. Das bedeutet: Wir erschließen neue Märkte auch außerhalb Europas auf Basis einer einheitlichen Plattform. Wir vergrößern unser Angebot gerade mit Produkten, die unsere Kunden auch zu Hause nutzen können – Erlebnisse, Tickets oder Events. Dabei ist uns wichtig, dass wir Produkte anbieten, die TUI besonders machen. Wir vermarkten über Reisebüros, die besonders in Deutschland beliebt und wichtig sind, sowie Online und über unsere App. Dazu verkaufen wir verstärkt auch touristische Einzelprodukte …

    … wie beispielsweise Booking aus den Niederlanden.

    Unsere Stärke ist das breite und teilweise auch exklusive Angebot, verbunden mit unserem Serviceversprechen. Wir bieten mehr als nur die klassische Kreuzfahrt oder den Strandurlaub, sondern auch Ausflüge, Erlebnisse, Städte- oder Rundreisen. Bei einer Anfrage für ein Wochenende in Paris sucht die Plattform im Hintergrund Flüge und Hotels und bietet sie zum Tagespreis an – individuell zusammengestellt. Die Pauschalreise ist kein standardisiertes starres Produkt mehr. Sie bietet das Beste aus beiden Welten: individuelle Reiseplanung und Sicherheit.

    Dann sammeln Sie auch reichlich Daten.

    Je besser wir die Kunden kennen, desto gezieltere Angebote können wir machen.

    Die Mein Schiff Relax, Ihr Flaggschiff, ist 333 Meter lang, kann 3984 Gäste beherbergen und hat gut eine Milliarde Euro gekostet. Wie rechnet sich solch eine Investition in ein Kreuzfahrtschiff?

    Kreuzfahrten sind sehr beliebt. Die Gäste möchten die Welt entdecken und ihr „Hotelzimmer“ mit nehmen. Das Produkt wird vielfältiger und wir setzen auf Entspannung, Wohlfühlen und gutes Essen. Die moderne Flotte fährt mit voller Auslastung. Die Investition bedeutet auch Aufträge für viele deutsche und europäische Zulieferer, oft mittelständische Unternehmen, etwa bei Steuerungstechnik, Pumpen, Kabinen oder Sanitäranlagen.

    Bisher war TUI besonders stark im deutschsprachigen Raum und in Großbritannien.

    Das ändert sich gerade. Dort, wo wir uns mit neuen Hotels etablieren, wollen wir zukünftig auch die Märkte vor Ort erschließen und Reisen verkaufen. Wir wachsen stark in Polen, Tschechien und Spanien. Und neuerdings auch in Süd- und Mittelamerika. TUI verkauft jetzt auch in Brasilien Pauschalreisen an Gäste aus Rio oder Sao Paulo. Und wir sehen deutliches Wachstum in Asien.

    Also nicht nur Deutsche nach Bali bringen, sondern auch Thailänder und Chinesen?

    Genau.

    Kommen Chinesen mit TUI bald auch nach Deutschland? Zum Beispiel nach Sylt?

    Gäste aus China nach Europa zu bringen, ist nicht ganz einfach. Wir haben zwar eine dementsprechende Lizenz für unsere chinesische Tochtergesellschaft, wir konzentrieren uns aber erst einmal darauf, Chinesen Urlaub in China oder anderen Ländern Asiens anzubieten.

    Wann können US-Amerikaner über TUI buchen?

    Aktuell konzentrieren wir uns darauf, mehr Reisen in Ost- und Südeuropa sowie in Südamerika zu verkaufen. Australien kann ich mir auch kurzfristig vorstellen sowie Indien. Die USA als Vertriebsmarkt beobachten wir. Unsere Hotels in der Karibik sind sehr attraktiv.

    Mal abgesehen von den aktuellen Turbulenzen auf den Weltmärkten: Wie sieht TUI 2030 aus?

    Wir sind der kuratierte Marktplatz, der weltweit die beliebtesten Freizeiterlebnisse verkauft und durch Vielfalt, Qualität und Service überzeugt. Unser Logo, der TUI Smile, kommt aus Europa und ist dann in der Welt zu Hause. Wir haben in den vergangenen Jahren sehr viel investiert in die Grundlagen dafür, jetzt konzentrieren wir uns auf die Vermarktung.

    Wie sehr wirkt die staatliche Rettung in der Corona-Krise nach?

    Wir haben inzwischen alle Hilfen zurückgezahlt. Wir sind heute besser finanziert als vor Corona. Und der Umbau zahlt sich aus. Das Geschäft läuft. Leider zeigt sich das noch nicht so sehr im Aktienkurs. Wir arbeiten daran.

  • Reich werden im Schlaf

    Ach, wäre das schön gewesen. Seit 2000 im April jeden Monat 50 Euro anlegen und heute reich sein. Oder zumindest den gesamten Einsatz mehr als verdoppelt haben. Praktisch ohne etwas zu tun. Dank eines bestimmten Wertpapiertyps. Die meisten Deutschen haben diese Chance allerdings verpasst, weil sie von Aktienanlagen an sich und ETF im Besonderen wenig wissen wollten. Zumindest damals.

    Vor 25 Jahren, am 11. April, startete mit zwei ETFs die wohl erfolgreichste Anlageform der Welt in Europa, genauer in Deutschland. Das Kürzel steht für Exchange Traded Funds, börsengehandelte Fonds. Die Deutsche Börse in Frankfurt bot die Papiere über ihre digitale Handelsplattform Xetra erstmals zum Kauf an. Aufgelegt hatte sie die Investmentbank Merrill Lynch. Beide orientierten sich am Index Stoxx der größten europäischen Aktien und werden heute vom US-Investmenthaus Blackrock verwaltet.

    Wer etwa den iShares Core Euro Stoxx Ucits ETF Eur der ersten Stunde gekauft hat und per Sparplan jeden Monat 50 Euro eingezahlt hat, insgesamt also 15.000 Euro, dürfte – bei Wiederanlage der Gewinne und ohne Kosten – im Februar 2025 um die 38.700 Euro auf dem Konto haben – ein sattes Plus trotz Finanzkrise 2008, folgender Euro-Krise, Pandemie und Russlands Einmarsch in der Ukraine. Alles Ereignisse, die die Börsen zunächst belasteten.

    Die Zollpolitik des amtierenden US-Präsidenten Donald Trump, die die Märkte weltweit abstürzen ließ, schmälerte den Ertrag in den vergangenen Tagen kräftig. Die Kurse vieler Aktien brachen teilweise um mehr als 20 Prozent ein. Bei vielen ETFs war das Minus Deutlich kleiner. Langfristig, über viele Jahre, dürfte auch dieser Absturz nur eine Delle sein. Zuletzt hatten sich die Kurse bereits wieder erholt.

    ETFs bilden meist automatisch einen Index ab. Nicht jeder kann sich leisten, zum Beispiel alle Werte im Dax zu erwerben. Das kann ein solcher Fonds übernehmen. Wer dann von der Wertentwicklung des Deutschen Aktienindex Dax profitieren will, kauft sich einen Anteil am Fonds, der deutlich günstiger ist, als Einzelaktien zu erstehen. Der Clou: Auch der Fonds kann an der Börse einfach gekauft und verkauft werden.

    Das Produkt macht Sparen einfach. Vorteile sind vor allem geringe Kosten von 0,1 bis 0,5 Prozent der Anlagesumme. Bei anderen Fonds, die Experten zusammenstellen, können es auch 1,5 und mehr Prozent sein, wie Sven Witt von Finum.Private Finance in Berlin sagt. Ein ETF ist zudem breit gestreut, kann Hunderte oder Tausende Aktien enthalten. Stürzt eine ab, fällt das nicht so sehr ins Gewicht.

    Allerdings gibt es auch Tücken, zum Beispiel Klumpenrisiken. „Viele große Indizes wie der MSCI World sind stark in US-Technologiewerte investiert, wodurch Anleger ungewollt ein hohes Branchenrisiko eingehen“, sagt Witt. Das erleben viele Sparer gerade, ETF auf den MSCI sind die beliebtesten in Deutschland und der Index fällt wegen der Wirtschaftspolitik der US-Regierung.

    „ETFs sind zwar leider auch kein automatischer Weg zu Reichtum“, sagt Sven Langenhan vom Münchener Vermögensverwalter HRK Lunis, „aber sie waren im Rückspiegel betrachtet genau die richtige Innovation, um eine noch breitere Masse von klassischen Sparern zu Kapitalmarktanlegern zu machen.“ 2024 gut liefen gut 9,5 Millionen Sparpläne mit ETF in Deutschland.

    Gehandelt werden kann in Deutschland nicht nur über Xetra oder Regionalbörsen, sondern auch über verschiedene andere Anbieter. Die bekanntesten sind LS Exchange der Hamburger Börse, Gettex der Bayerischen Börse, Tradegate, hinter der Deutsche Börse und Berliner Börse stehen sowie Quotix der Börse Düsseldorf. Das Angebot ist riesig. Allein bei der Deutschen Börse sind mehr als 2300 solcher Fonds handelbar. Es gibt sie für Aktienindizes, chinesische Staatsanleihen, künstliche Intelligenz, einzelne Länder, Nachhaltigkeit, auf Rendite oder das Metaverse optimiert, jene digitale Welt, die der US-Konzern Meta (Facebook, Instagramm) entwickelt.

    Und nicht nur in Deutschland läuft das Geschäft. Mitte 2024 gab es weltweit mehr als 12.000 ETF und ähnliche Produkte, wie das Londoner Beratungshaus ETFGI ermittelt hat. Aufgelegt hatten sie 758 Anbieter aus 63 Ländern. Anleger hatten mehr als 13 Billionen Dollar in solche Papiere investiert. Tendenz stark steigend.

    „Inzwischen gleicht der ETF-Markt einem dichten Dschungel, in dem Anleger mit einer schier endlosen Auswahl an Produkten konfrontiert sind“, sagt Markus Lautenschläger vom Vermögensverwalter BV & P Vermögen. Da könne es sinnvoll sein, professionelle Beratung in Anspruch zu nehmen oder spezialisierte Plattformen wie JustETF oder ExtraETF zu nutzen. Die Deutschen, scheint es, haben sich ein bisschen in ETF und damit in die Börse verliebt. Sonst gäbe es das Angebot nicht.

    Erfunden wurden die Fonds in den USA. Vorläufer kamen bereits in den 70er Jahren auf den Markt. Als einer der Väter des modernen ETF gilt John C. Bogle, Gründer des US-Anlagehauses Vanguard. Die Idee dahinter: Langfristig wächst der Markt, gleicht extreme Höhen und Tiefen aus. Kurzfristig lässt sich vielleicht mehr gewinnen, etwa in den vergangenen zwei Jahren mit Rüstungsaktien, doch derartige Spekulation erfordert besonders viel Kenntnis der Märkte. Und man muss sich praktisch täglich um die Anlagen kümmern.

    Das versprechen aktiv gemanagte Fonds, bei denen Spezialisten versuchen, so anzulegen, dass sie besser sind als der Markt, für den Sparer also mehr herausholen. „Studien belegen, dass etwa 80 bis 90 Prozent der aktiven Fondsmanager über lange Zeiträume schlechter abschneiden als ihr Vergleichsindex, besonders nach Abzug von Gebühren“, sagt Witt von Finum.Private Finance. „Das bedeutet: ETFs sind kein Zaubermittel, aber eine wissenschaftlich fundierte Strategie für Vermögensaufbau. Wer breit diversifiziert investiert, regelmäßig einzahlt und langfristig denkt, hat sehr gute Chancen, sein Vermögen zu mehren.“

  • Das Ende der Geheimniskrämerei

    Eines der größten wirtschaftlichen Geheimnisse Deutschlands wird gelüftet. Die Schufa legt offen, wie sie die Kreditwürdigkeit der Bundesbürger berechnet. Jede und jeder kann künftig kostenlos jenen persönlichen Scorewert einsehen, der auch an Unternehmen weitergeleitet wird. Die Schufa zeigt auch, wie er sich zusammensetzt. Zudem wird das Angebot radikal vereinfacht.

    Um die Auskunftei kommt kaum jemand herum. Wer sich Geld leihen, einen Mobilfunkvertrag unterschreiben oder online einkaufen will, benötigt eine Schufa-Auskunft. Meist läuft das im Hintergrund. Vor allem Banken nutzen die Informationen, um über Kredite oder Girokonten zu entscheiden. Seit Jahrzehnten ist der Score der Kreditauskunft umstritten. Zu undurchsichtig, klagen vor allem Verbraucherschützer.

    Wobei es den einen Score gar nicht gibt. Die Schufa hat mehr als 50 verschiedene, die unterschiedlich ermittelt werden. Insgesamt berücksichtigt das Unternehmen mehr als 250 Einzelkriterien. Zusätzlich gibt es seit zwei Jahren einen sogenannten Basisscore, den Verbraucher abrufen können, um zu sehen, wie kreditwürdig sie sind. Er ist eine Art Durchschnitts-Score, zeigt die Lage allerdings nur annähernd.

    Jetzt soll alles anders werden. Die sechs wichtigsten Scores, etwa für Banken, Sparkassen, Handel und Telekommunikation, will die Schufa durch einen einzigen ersetzen, wie Tanja Birkholz, Vorstandsvorsitzende der Auskunftei, sagt. Berechnet wird er auf Basis von zwölf Kriterien wie Zahlungsstörungen, Kreditrestlaufzeiten, ältester Bankvertrag (zum Beispiel Girokonto). Der Basisscore verschwindet ganz. Auch wenn alles einfacher wird, soll die Genauigkeit nicht leiden.

    „Der neue Score wird verständlich, aussagefähig und gut vorhersehbar“, verspricht Birkholz. „Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, Modelle mit künstlicher Intelligenz zu nutzen.“ Sie hätten eine höhere Prognosegüte, seien aber nicht erklärbar. Und das soll der neue Score auf jeden Fall sein. Derzeit testet die Schufa ihn mit 17 Banken und Unternehmen. Birkholz hofft, dass sie ihn dann spätestens im vierten Quartal auch großflächig einsetzen. Die anderen Scores sollen dann schrittweise auslaufen.

    Die Verbraucher werden spätestens zum Übergang im vierten Quartal auf der Webseite der Schufa oder in einer Schufa-App ihren Score abrufen können. Sie müssen einen Zugang einrichten und sich digital über die Ausweis-App ausweisen – das sicherste Verfahren laut Schufa. Die App zeigt dann den persönlichen Score als Punktzahl an. Maximal gibt es 999 Punkte. Unter dem Wert ist dann aufgelistet, welche Kriterien für den Score wichtig sind und wie viele Punkte die Person, die anfragt, dort jeweils hat. In einem weiteren Schritt wird erklärt, warum das Kriterium wichtig ist und wann welche Punktzahl vergeben wird.

    Dank der übersichtlichen Darstellung können Verbraucher auch sehen, wie sie ihren Score beeinflussen können. Wer zum Beispiel überlegt, drei größere Geräte anzuschaffen, könnte statt dreier einzelner Ratenkredite bei einzelnen Herstellern, einen größeren bei einer Bank oder Sparkasse abschließen und die Geräte dann jeweils komplett bezahlen. Drei einzelne Ratenkredit bringen weniger Punkte als ein einziger. Und je mehr Punkte, desto besser ist der Scorewert.

    Wie genau die Anwendung letztlich aussehen wird, steht noch nicht fest. Die Schufa testet sie noch mit ausgewählten Verbrauchern. Die Erkenntnisse daraus fließen noch ein. Bisher seien die Reaktionen durchweg positiv, behauptet Birkholz.

    Weil alles offen gelegt wird, lässt sich erstmals auch erkennen, wie die Schufa den Score zusammensetzt. Das war bisher nicht möglich. „Wir sind die erste Auskunftei weltweit, die auf totale Transparenz setzt“, sagt die Chefin. Zuletzt hatten unter anderem einige Gerichtsurteile etwa des Europäischen Gerichtshofes schon daraufhin gedeutet, dass künftig mehr Offenheit nötig ist. Verbraucherschützer fordern das schon lange. Die Schufa arbeitet seit 2022 daran, ihr eher negatives Image los und verbraucherfreundlicher zu werden.

    Mit dem neuen Score will die Schufa auch aktueller werden. So startete die derzeit jeweils neueste Version der Branchenscores bereits 2016, berücksichtigen bisher aber das Konsumverhalten von 2013. Inzwischen habe sich viel verändert, sagt Andre Muhle, der für den neuen Score verantwortlich ist. Viele Menschen nutzten heute Vergleichsportale, um sich zum Beispiel über Kreditkonditionen zu informieren. Das hat Folgen für die Kreditwürdigkeit.

    Wenn jemand drei Angebote ansieht, erzeugt das drei Anfragen bei der Schufa, die bisher in den jeweiligen Score einfließen und ihn womöglich negativ beeinflussen. Künftig werden diese Anfragen als eine gewertet, einschließlich Vertragsabschluss, sollte es dazu kommen. Der neue Score soll auch den Trend berücksichtigen, dass immer mehr Kunden etwas kaufen und später bezahlen – was im Prinzip ein Kredit des Verkäufers oder des Bezahlanbieters ist. Muhle verspricht, den Score zudem deutlich häufiger zu aktualisieren.

    Adressdaten fließen in den neuen Score nicht ein. Und auch sonst nutzt die Auskunftei solche Geodaten bisher nur in äußerst seltenen Fällen, wie Chefin Birkholz sagt. Nur, wenn die Schufa keinerlei Daten einer Person hat. Das betrifft demnach 0,3 Prozent aller Anfragen. Die Auskunftei hat Informationen von 6,4 Millionen Firmen und rund 68 Millionen Bundesbürgern gesammelt. Nach eigenen Angaben sind für mehr als 90 Prozent davon ausschließlich positive Informationen gespeichert. Täglich erreichen die Schufa rund 340.000 Anfragen von Firmen, die einschätzen wollen, ob sie Geschäft mit einer Kundin oder einem Kunden machen wollen.

    Die Schufa ist die größte und wichtigste Auskunftei Deutschlands. Sie wurde 1927 als Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung gegründet. Sie gehört zu jeweils mehr als einem Viertel den Genossenschaftsbanken und den Sparkassen. Den Rest halten vor allem Geschäftsbanken. Das Wiesbadener Unternehmen beschäftigt rund 1000 Mitarbeiter und setzte 2023 rund 276 Millionen Euro um.

  • Frauen gründen seltener

    Start-ups von heute gelten als Wirtschaftstreiber von morgen. Deutschland hat hier viele Chancen, nutzt sie aber noch zu wenig, wie eine neue Studie zeigt. Vor allem Frauen gründen selten – offenbar ausgebremst vom Bildungssystem und weil sich Familie und Unternehmertum nur schlecht vereinbaren lassen. Und so bleibt wohl manch gute Idee liegen.

    „Deutschland kann es sich nicht leisten, auf das Potenzial von Frauen zu verzichten. Sie sind die größte stille Reserve unseres Landes“, sagt Verena Pausder, Vorstandsvorsitzende des Startup-Verbandes, der die Studie für die Bertelsmann-Stiftung erstellt hat. „In Zeiten wirtschaftlicher Stagnation brauchen wir alle, die unsere Wirtschaft nach vorne bringen.“

    Unter denen, die ein Startup gegründet haben, waren im vergangenen Jahr 18,8 Prozent Frauen – ein Minus zum Vorjahr. Von 2020 bis 2023 war der Anteil der Gründerinnen noch von 15,9 auf 20,7 Prozent gestiegen. In der Bevölkerung sind Frauen knapp in der Mehrheit. Das Minus erklärt sich unter anderem dadurch, dass Frauen eher mit Unternehmen in der Lebensmittel oder starteten. Gerade diese Branchen litten in den vergangenen beiden Jahren darunter, dass die Bundesbürger wegen der hohen Inflation weniger ausgaben.

    Dass vor allem Männer mit eigenen Firmen starten, liegt der Studie zufolge an ganz grundsätzlichen Dingen. Es fehle an ausreichenden Vorbildern, das Bildungssystem breche die bestehenden Muster nicht auf, heißt es beim Verband. Ein Beleg dafür: 65 Prozent der Männer beschlossen bereits in der Jugend oder während Ausbildung und Studium, einmal ein Unternehmen zu gründen. Bei Frauen waren es nur insgesamt 43 Prozent.

    Auch setzt die Mehrheit der Frauen (60 Prozent), die studieren, darauf, später einen sicheren Job zu haben. Bei den Männern sind es nur 32 Prozent. Weil unternehmerisches Risiko nicht unbedingt mit einem sicheren Arbeitsplatz verträgt, dürften einige Frauen hier abgeschreckt sein. Allerdings ändert sich der Blick aufs Gründen, wenn sie erste Erfahrung im Beruf hatten (32 Prozent).

    Gegründet wird meist im Alter von 25 bis 35 Jahren, eine Phase, in der viele auch eine Familie planen. Und, wie es in der Studie heißt, Gründerinnen seien in der Familie stärker gefordert als Gründer – was weniger Zeit für die Firma bedeutet. „Es wird deutlich, dass Unternehmertum nicht am fehlenden Interesse scheitert, sondern an Rahmenbedingungen, die erst später in der Laufbahn zur Selbstständigkeit ermutigen“, sagt Jennifer Eschweiler, Gründungsexpertin der Bertelsmann Stiftung.

    Wie viel Potenzial Startups haben, zeigt zum Beispiel der Online-Modehändler und -Technologiekonzern Zalando, der es vom Berliner Wohnzimmer in den Deutschen Aktienindex Dax schaffte. Oder Celonis aus München, das in den Daten von Unternehmen Möglichkeiten findet, die Geschäftsabläufe zu beschleunigen, ist international gefragt und inzwischen mehrere Milliarden Euro wert.

    Als Startups gelten Unternehmen, die bis zu acht Jahre alt sind, von Innovation und Technologie getrieben werden und vor allem schnell stark wachsen wollen. Klassische Handwerker werden deshalb nicht gezählt, auch wenn sie neu starten. Der Startup-Verband befragte 1800 Gründerinnen und Gründer sowie 1000 Studierende.

  • Neues Eintrittsgeld für Großbritannien

    Reisen nach Großbritannien sind immer etwas Besonderes, verglichen zum Beispiel mit einer Tour nach Frankreich oder Österreich. Der Pass wird kontrolliert, ein einfacher Personalausweis reicht nicht. Die Briten sind schließlich nicht Teil des Schengen-Raums, der grenzenloses Reisen in Europa verspricht. Sie sind nicht einmal mehr in der EU. Von diesem Mittwoch an (2. April) verlangt das Land noch eine Einreisegenehmigung. Wer keine hat, wird abgewiesen.

    Die ETA, kurz für electronic travel authorisation, ist Teil der neuen Grenzkontrollen, die die Briten nach dem Austritt aus der EU Anfang 2020 eingerichtet haben. Sie ähnelt der Esta, die die USA von allen verlangen, die touristisch einreisen wollen. Ein Antrag ist über eine Internetseite oder eine App möglich. Das Verfahren ist einfach und dauert über die App etwa zehn Minuten – je nachdem, wie gut die Antragsteller dabei sind, sich selbst mit strengem Blick vor einer weißen Wand zu fotografieren.

    Vor dem Antrag empfiehlt sich, kurz zu überprüfen, ob ein ETA reicht oder doch ein Visum nötig ist. Die ETA berechtigt, Großbritannien für bis zu sechs Monate am Stück zu bereisen, Freunde oder Familie zu besuchen. Abgedeckt sind auch kurze Studienprogramme oder Künstler, Sportler und Rechtsanwälte, die sich nur kurzzeitig im Land aufhalten. Für fünf Tage Sightseeing in London oder Edinburgh ist eine ETA nötig, für drei Jahre Arbeit in Bristol ein Visum. Auch ist eine ETA Pflicht für Kinder und Babys.

    Die Antrags-App findet sich im Apple-Store oder im Google Play-Store unter UK ETA. Sie hat eine schillernde Krone als Logo. Andere Apps funktionieren nicht. Nötig ist noch der Original-Reisepass, ein E-Mail-Zugang und eine Kreditkarte. Im Verlauf des Antrags werden die Adresse und der Job abgefragt sowie eine Telefonnummer.

    Der Pass muss fotografiert, der eingebaute Chip ausgelesen werden. Auch sind ein Gesichtsscan und ein Foto des Gesichts nötig. Mit modernen Smartphones lässt sich das zügig erledigen. Abgefragt wird auch, ob man rechtskräftig verurteilt ist oder Mitglied einer Terrorgruppe war. Zum Schluss wird noch eine Gebühr kassiert. Die ETA kostet zunächst zehn Pfund (12,43 Euro), erhöht sich zum 9. April aber auf 16 Pfund. Die App rechnet automatisch in Euro um, so dass keine Gebühren für den Auslandseinsatz der Kreditkarte anfallen.

    Die Briten versprechen, dass der Antrag binnen drei Werktagen bearbeitet wird. Bei einem Test am vergangenen Donnerstag dauerte es sogar nur eine Minute von der E-Mail, die den Eingang des Antrags bestätigte zur Annahme desselben. Er wird offenbar im Hintergrund automatisch geprüft. Die App kann nach dem Antrag wieder gelöscht werden.

    Die Genehmigung gilt für zwei Jahre oder, bis der Pass abgelaufen ist, sollte das früher sein. In dieser Zeit kann man beliebig oft nach Großbritannien ein und ausreisen, jeweils maximal für ein halbes Jahr. Reisende benötigen kein zusätzliches Papier oder einen QR-Code, der zum Beispiel im Mobiltelefon gespeichert wird. Die ETA ist digital mit dem Reisepass verknüpft. Bei der Einreise nach Großbritannien, etwa am Flughafen, erkennt automatische Passkontrolle, das zum Reisedokument eine gültige ETA vorliegt.

    Die ETA ist auch für Nordirland zwingend. Wie sie kontrolliert wird, wenn man zum Beispiel von Dublin mit dem Wagen über die grüne Grenze nach Belfast fährt, ist unklar. Fehlt bei einer Kontrolle allerdings die ETA wird es ungemütlich. Für die Kanalinseln vor der Küste der Normandie ist die Genehmigung bis mindestens zum Herbst nicht nötig, wenn sie von Frankreich aus angesteuert werden.

  • Mit der inneren Kraft der Sonne

    Kernfusion beschäftigt vor allem Physiker. Jetzt ist es Thema in den Koalitionsverhandlungen von Union und SPD. Die Technologie soll die Energieprobleme lösen und auf lange Sicht fossile Brennstoffe, Wind- und Solaranlagen überflüssig machen. Doch sie hat ihre Tücken.

    Was planen Union und SPD?

    Als Union und SPD über eine Regierungszusammenarbeit sprachen, einigten sie sich darauf, die Fusionsforschung zu stärken. Das Ziel: „Der erste Fusionsreaktor der Welt soll in Deutschland stehen.“ CDU-Chef Friedrich Merz, designierter Bundeskanzler, hatte bereits im Wahlkampf mehrfach Kernfusion gepriesen.

    Was ist Kernfusion?

    Grundsätzlich geht es darum, Atomkerne zusammenzubringen. Das unterscheidet die Kernfusion von klassischen Atomkraftwerken, die mit Kernspaltung arbeiten. Bei der Fusion von Deuterium und Tritium, zweier besonderer Formen des Gases Wasserstoff, entstehen das Edelgas Helium und Neutronen. Letztere liefern die Energie. Der Prozess gilt als sicher, sauber und könnte in unbegrenztem Maße Strom produzieren – eine Art Stein der Weisen der Branche.

    Wie funktioniert sie?

    In der Sonne laufen solche Fusionsprozesse ab, weil das Zentralgestirn eine enorme Masse hat. Auf der Erde sind andere Strategien nötig. Verfolgt werden im Wesentlichen zwei: Der Fusionsprozess kann einerseits in einem mehr als 100 Millionen Grad heißen Plasma angeregt werden, das von Magneten in der Schwebe gehalten wird. Andererseits kann Materie in der Größe eines Pfefferkorns mit einem sehr präzisen Laser beschossen werden, die Energie des Strahls setzt die Fusion in Gang.

    Wie soll damit Strom erzeugt werden?

    Strom zu gewinnen, ist das vermutlich Einfachste bei der Kernfusion. Die Neutronen werden zum Beispiel sehr vereinfacht von einer Wand aufgefangen, die sich erhitzt. Mit der Hitze wird Wasser verdampft, dass eine Turbine antreibt, die wiederum Strom liefert. Ähnlich läuft das auch in Gas-, Kohle und Atomkraftwerken.

    Woran forschen die Experten?

    Weltweit haben Wissenschaftler vor allem untersucht, wie sich Fusionen in einem Plasma nutzen lassen, das in einem Magnetfeld hängt. Mit der Laserfusion beschäftigte sich vor allem das Militär. In Deutschland federführend sind das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching bei München, das Forschungszentrum Jülich in Nordrhein-Westfalen und das Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Das IPP betreibt zwei Geräte, die Plasma erzeugen: Wendelstein X-7 in Greifswald und Asdex in Garching. Beide unterscheiden sich in der Form. Die Magnetspulen haben bei Asdex eine klassische Donut-Form (Tokamak), bei Wendelstein X-7 ist der Magnetkäfig in sich verdreht (Stellarator).

    Wo steht Deutschland?

    Die Bundesrepublik gehört zu den Ländern, die bei Kernfusionsforschung vorn dabei sind. Beim Stellarator ist Deutschland sogar führend. Was weltweit fehlt, ist bisher die kommerzielle Nutzung. Damit beschäftigen sich vermehrt private Firmen, die bis Mitte 2024 weltweit 7,1 Milliarden Dollar von Investoren einwarben, wie die Unternehmensberatung Arthur D. Little errechnet hat. In Deutschland wollen vier Start-ups das Thema vorantreiben: Gauss Fusion (Garching) und Proxima Fusion (München) setzen auf die Stellarator-Technik. Bei beiden arbeiten ehemalige Beschäftigte des IPP, das auch jeweils Partner ist. Marvel Fusion (München) und Focused Energy (Darmstadt) setzen auf Laser-Fusion, unterstützt werden sie unter anderem von der Bundesagentur für Sprunginnovation Sprind. Weltweit gibt es 47 Fusionsunternehmen.

    Wann könnte ein erster Reaktor Strom liefern?

    Ein Bonmot lautet seit Jahrzehnten: Der Durchbruch ist immer 30 Jahre entfernt. Möglicherweise geht es doch schneller. Proxima Fusion will Anfang der 2030er einen Demonstrator bauen, eine kleine Testversion eines Kraftwerks, die praktisch zeigt, dass Kernfusion technisch möglich ist und Strom liefern kann. Auch Gauss Fusion arbeitet an einem Stellarator. Dennoch wird sehr wahrscheinlich ein US-Unternehmen zuerst fertig: Commonwealth Fusion Systems, eine Ausgründung des Massachussetts Institute of Technology, will 2027 einen Demonstrator fertig haben. Das Start-up hat dafür mehr als zwei Milliarden Dollar bei Investoren eingesammelt. Insgesamt gibt es derzeit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW zufolge rund 169 Projekte in unterschiedlichen Stadien. Sollte ein Demonstrator laufen, rechnen Experten mit mindestens zehn Jahren Bauzeit für ein echtes Fusionskraftwerk, frühestens also 2040.

    Warum dauert das alles so lange?

    Die Anlagen benötigen eine gewisse Größe. Wendelstein X-7 hat einen Durchmesser von gut elf Metern. Die Magnetspulen für solche Geräte sind riesig, beim Stellarator müssen sie wegen der Verdrehung einzeln angefertigt werden. Supraleitendes Material macht kräftigere Magnetfelder möglich als Kupferspulen. Es muss aber auf minus 270 Grad gekühlt werden. Bisher ist zudem sehr vieles nur Theorie. 2022 gelang es bei einem Laserfusionsexperiment in den USA erstmals, mehr Energie zu erzeugen, als an Heizenergie hineingesteckt wurde. „Aus energiewirtschaftlicher Perspektive ist die Kernfusion heute von einer kommerziellen Nutzung genauso weit entfernt wie in den 1950er Jahren, als die Entwicklung für zivile Zwecke anlief“, sagt Christian von Hirschhausen, Wirtschaftsprofessor der Technischen Universität Berlin, der das Thema für das DIW untersucht hat.

  • Mit Spectrum zu den Sternen

    Etwas ist anders auf Andøya in diesem März. Auf dem Granit der norwegischen Nordseeinsel liegt bei Temperaturen knapp über null Grad wie üblich Schnee. Doch am Nordmelaveien arbeiten seit Tagen Spezialisten an einem historischen Ereignis: dem ersten Start einer Rakete von Kontinentaleuropa aus ins All, noch dazu einer aus deutscher Produktion. Und sie kämpfen mit dem Wetter.

    Am frühen Montagnachmittag sollte die Spectrum genannte Rakete von Isar Aerospace aus Ottobrunn zum Jungfernflug abheben. Die Techniker begannen den Countdown am Morgen, mussten aber dann doch abbrechen. Stürmische Böen gefährdeten den Start. Noch bis Ende der Woche ist Zeit für einen neuen Versuch. Gelingt er, hat das Unternehmen den Wettlauf mit den beiden deutschen Konkurrenten Rocket Factory Augsburg und HyImpulse gewonnen.

    Josef Achenbach, Chef der europäischen Raumfahrtagentur Esa, sprach bereits von einem historischen Ereignis. Denn es geht auch um einen unabhängigen Zugang zum All von Europa. Bisher heben europäische Raketen wie die Ariane 6 vom südamerikanischen Kourou aus ab. Zudem müssen die Europäer Raketenstarts beim US-Raumfahrtunternehmen SpaceX buchen, das Elon Musk gehört und in den USA startet.

    Spectrum 1 ist 28 Meter hoch und hat einen Durchmesser von gut zwei Metern. Sie kann bis zu einer Tonne Gewicht ins All bringen, Satelliten zum Beispiel. Auf dem Jungfernflug ist allerdings keiner dabei. Das Unternehmen will so viele Daten wie möglich sammeln und vor allem die Abläufe lernen. Neun eigens entwickelte Triebwerke werden die Rakete in den Himmel über dem Nordmeer heben. Nach der ersten Phase wird die abgetrennte Oberstufe allein in den Himmel über dem Nordmeer steigen.

    Die Spectrum ist ein sogenannter Microlauncher, Raketen, die deutlich kleiner sind und weniger Last transportieren können als etwa die Falcon 9 von SpaceX oder die Ariane 6. Sie sind vor allem darauf ausgelegt, schnell und in kurzer Folge kleinere Satelliten in knapp 500 Kilometer Höhe über der Erde zu transportieren. Dort im sogenannten Low Earth Orbit (Leo) planen Unternehmen ganze Satellitenschwärme, um zum Beispiel Autos zu vernetzen, vor Bränden auf der Erde zu warnen oder schnelles Internet anzubieten. Auch Felder lassen sich dank Hilfe aus dem All besser bewirtschaften.

    Der Markt ist enorm. Im vergangenen Jahr setzten Unternehmen nach Zahlen des Industrieverbands BDI bereits 350 Millionen Dollar mit Anwendungen rund um Daten und Satelliten um. Eine Studie gemeinsam mit Roland Berger schätzt, dass der Markt für weltraumgestützte Anwendungen weltweit bis 2040 auf 1,25 Billionen Euro wachsen könnte.

    Um wöchentliche Starts möglich zu machen, müssen die Raketen in großen Mengen günstig gebaut werden. Isar Aerospace setzt darauf, alles selbst zu bauen und sieht sich deshalb besonders effizient aufgestellt. Weil in der alten Fabrik in Ottobrunn nur bis zu zehn Raketen im Jahr gefertigt werden können, entsteht gerade ein neues Werk für etwa 40 Raketen im Jahr. In Raumfahrtdimensionen sind solche Mengen Massenproduktion.

    Das alles kostet viel Geld. Einnahmen in großem Umfang fehlen bisher. Hinter Isar Aerospace stehen einige finanzkräftige Investoren wie Airbus Ventures, die Risikokapitalgeber Earlybird (Berlin) und Lakestar (Zürich), die Porsche Holding und ein Fonds der Nato, die insgesamt mehr als 400 Millionen Euro bereitgestellt haben. Zahlreiche Kunden gibt es bereits – die europäische Raumfahrtagentur ESA, Airbus, die norwegische Raumfahrtagentur. Den Startplatz auf Andøya hat sich Isar Aerospace für bis zu 20 Jahre gesichert.

    Wie Isar Aerospace begannen auch RFA und HyImpulse vor gut sieben Jahren, eigene Raketen zu entwickeln. Die Augsburger schienen vorn zu liegen, mussten im vergangenen Jahr aber einen Rückschlag hinnehmen, als die Hauptstufe ihrer Rakete bei einem Test explodierte. Das Unternehmen rechnet dennoch mit einem Jungfernflug noch in diesem Jahr. Angepeilt ist der Sommer. RFA startet vom Saxavord Spaceport auf der nördlichsten Insel der Shetlands.

    RFA setzt bei seiner Rakete auf Teile, die bereits in anderen Industrien erfolgreich im Einsatz sind und passt sie an. So sollen die Kosten sinken. Auch die Augsburger planen eine Massenfertigung. Wie Isar Aerospace auch hat das Unternehmen ein eigenes Triebwerk entwickelt. Beide Firmen nutzen 3D-Druck, um die Antriebe herzustellen. Hinter RFA stehen der Bremer Satellitenspezialist OHB und der US-Finanzinvestor KKR.

    Die SR75 von HyImpulse, eine Ausgründung aus dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, aus Neuenstadt bei Heilbronn ist noch nicht so weit. Die Baden-Württemberger testeten ihr Antriebskonzept, bei dem eine Art Kerzenwachs wichtig ist, dafür bereits im 2024 mit einer kleineren Rakete in Australien, die nicht bis ins All vordringen sollte.

    Auf mehr Unabhängigkeit und Wettbewerb setzt auch die ESA künftig. Die Idee: Privates Kapital bringt der Branche einen Schub und neue technologische Ansätze. Wenn mehr Firmen Raketenstarts anbieten, steigt die Verfügbarkeit. Zudem sinken die Preise. In dieser Woche startet der entsprechende europäische Raketenwettbewerb.

    Unter den Bewerbern will die ESA dann Mitte des Jahres Unternehmen auswählen, die künftig gefördert werden. Bis zu 150 Millionen Euro sind dafür vorgesehen. Verträge sollen allerdings erst beim ESA-Ministerratstreffen in Bremen im November geschlossen werden. Die deutschen Firmen wollen sich beteiligen.

  • Hart am Wind

    31. Stock, Upper West, knapp 110 Meter über dem Bahnhof Zoo in Berlin. Schon die Büros auf Nabenhöhe eines größeren Windrads zeigen, wo Lars Meyer mit Nextwind hin will: hoch hinaus. Das Start-up schickt sich an, einer der großen Stromanbieter Deutschlands zu werden. Die Idee ist verblüffend einfach. Meyer und sein Team kaufen Windparks, tauschen die alten Windräder gegen effizientere aus und verkaufen dann Strom. Wer jetzt denkt, das ebenfalls zu können, dürfte an etwas ganz Wesentlichem scheitern: Geld.

    Zunächst einmal, und das ist Meyer wichtig: „Wir sehen uns als Energieproduzenten. Wir sind kein Projektentwickler, kein Finanzinvestor.“ Wir sind nicht auf den schnellen Euro aus, schwingt da mit. Nextwind geht ins unternehmerische Risiko. Was gekauft wird, wird modernisiert und auch nicht weiterverkauft, sondern gebündelt.

    Das Konzept passt in die Strategie der Bundesregierung. Deutschland setzt auf erneuerbare Energien. Bis 2030 soll 80 Prozent des Stroms aus solchen Quellen stammen. 2024 waren es nach Zahlen der Experten von Fraunhofer ISE gut 58,8 Prozent. Windanlagen an Land machten allein 23,5 Prozent aus. Derzeit sind 63,5 Gigawatt Leistung installiert, bis 2030 sollen es 115 Gigawatt werden. Dafür müssen neue Standorte erschlossen, alte Standorte runderneuert werden.

    „Mehr Strom auf bestehenden Flächen zu produzieren, ist politisch eleganter, als auf der grünen Wiese Neues zu bauen“, sagt der Co-CEO. Aber: „Es muss auch wirtschaftlich sinnvoll sein, sich für Investoren, die das erforderliche Kapital bereitstellen, lohnen.“ Deutschland war einer der ersten Märkte, der Wind in einer relevanten Größe für Stromerzeugung nutzte. Nach 20 Jahren fallen jetzt die ersten Anlagen aus der Förderung, weshalb viele Eigentümer, ob Bauern, Gemeinden oder Kleininvestoren, aussteigen wollen. Hier tritt Nextwind auf.

    Solche Altstandorte haben Vorteile. „Die ersten Windparks sind an besonders windträchtigen Stellen gebaut worden, die sehr ertragreich sind“, sagt der Co-Chef. Die Akzeptanz für Windparks sei größer, auch würden dort neue Anlagen beschleunigt genehmigt, anders als auf der grünen Wiese. „Wir ersetzen die 20 Jahre alten Anlagen durch moderne, die Kapazität steigt kräftig, die Stromausbeute vervier- oder verfünffacht sich.“

    Bevor gebaut wird, braucht Nextwind auch eine Lizenz zum Betrieb, die das Unternehmen bei der Bundesnetzagentur ersteigern muss. Liegt sie vor, gilt für 20 Jahre eine feste Einspeisevergütung – für Investoren äußerst interessant, weil gut berechenbar. „Das Geschäftsmodell ist vielleicht nicht besonders anspruchsvoll“, sagt Meyer. „Der Rohstoff, auf dem das Geschäft läuft, ist Kapital, sehr viel Kapital. Darauf haben wir Zugriff. Und das ist auch die Einstiegsbarriere für andere, die uns nachahmen wollen.“

    Gerade bei den Summen, um die es geht, ist Vertrauen wichtig. Das hat Meyer aufgebaut. Er startete als Ingenieur unter anderem bei Siemens, beriet dann Investmentbanken in bei Unternehmensübernahmen und -fusionen, bevor er großen Investoren mit seinem Wissen bei Energieinvestitionen half. Mitgründer Werner Süss, Co-Chef bei Nextwind, arbeitete als Vertriebschef Europa des Energieversorgers Vattenfall. Mitgründer Ewald Woste leitete lange den Energieversorger Thüga und war Präsident des Energieverbands BDEW, heute sitzt er im Aufsichtsrat des Energiekonzerns Eon.

    Nextwind verfügt inzwischen über rund 750 Millionen Euro Eigenkapital, Anteilseigner neben den Gründern sind US-Finanzinvestor Sandbrook Capital, spezialisiert auf erneuerbare Energien und die beiden kanadischen Pensionsfonds PSP Investments und Imco sowie die Gründer mit unter zehn Prozent. Das Geld mag reichen für Ankäufe, um neue Windräder aufzustellen, ist noch mehr nötig. „Wir schieben Investitionen von gut 2,5 Milliarden Euro vor uns her“, sagt Meyer. „Wir planen derzeit einen Konsortialkredit mit mehreren großen Finanzinstituten im Milliardenbereich.“

    Bisher gehören Nextwind gut 40 Windkraftstandorte unterschiedlicher Größe vor allem in Norddeutschland, von der Eifel über Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern bis Brandenburg. Sie haben eine Kapazität von 450 Megawatt, erneuert kämen sie auf 1,4 Gigawatt Leistung, die Größe eines modernen Atomkraftwerks. Bis 2028 will Nextwind auf eine Leistung von drei Gigawatt kommen. Dafür müssen noch einige Standorte gekauft und dann vor allem umgebaut werden. Zusätzlich zum Ausbau und Betrieb der Windparks planen Meyer und seine Mitgründer dezentral Batterien und Solarparks, um die bestehende Netzinfrastruktur besser zu nutzen und Phasen hohen und niedrigen Winds auszugleichen.

    Die Idee zum Unternehmen stammt schon von 2016, seit 2018 haben die Gründer sich intensiv damit beschäftigt, 2020 startete Nextwind. Richtig los ging es 2024, nachdem die Investoren eingestiegen waren. Binnen eines Jahres wuchs die Belegschaft von 20 auf 90 Mitarbeiter.

    Das Unternehmen zog in die 31. und 32. Etage des Berliner Hochhauses ein – früher Sitz des deutschen Teils der Signa Holding von René Benko, einem windigen Unternehmer, der Luftschlösser baute, hoch hinaus wollte, aber die Bodenhaftung verlor. Nextwind arbeitet deutlich anders: Die Windparks, die bereits gekauft sind, erzeugen Strom, das Unternehmen rechnet mit 50 Millionen Euro Umsatz in diesem Jahr. Und es ist selbst ohne runderneuerte Anlagen profitabel.

  • T-Shirts aus Holz

    Tencel, Ecovero, Lyocell – Jogginghosen, T-Shirts, Nachthemden aus diesen als Öko beworbenen Stoffen hängen immer öfter in den Läden. Sollte man zugreifen?

    Ist es nur eine neue Masche? Der Kauf einer Sporthose, eines Kleides, einer Boxershorts ist kompliziert geworden. Früher erschien die Wahl, was man trägt, einfach. Die Schuhe waren zumeist aus Leder, der Pullover am liebsten aus Wolle, die Jogginghose oft aus Polyester.

    Heutzutage zum Beispiel im Angebot: das „Ecovero-Holz-T-Shirt für den Mann“, das „Nachthemd in „Premium Cotton TENCEL™ Qualität“, die Lauftights aus „Lyocell“. Beworben werden die kompliziert benannten Stoffe als die bessere, ökologischere Alternative zu herkömmlicher Baumwolle oder Polyester und anderen Chemiefasern. Nur: Was ist da dran, steckt wirklich drin?

    Wer die verwirrende Vielfalt auf den Etiketten sortieren will, landet schnell bei Benjamin Itter. Itter beobachtet, was sich bei innovativen Textilien tut – und welche Haken es dabei gibt. Es ist sein Job. Vor zwanzig Jahren hat er mit zwei Kollegen in Berlin Kreuzberg das Unternehmen Lebenskleidung gegründet. Seither handelt er mit Recyclingstoffen und ökologischen Naturfasern, verkauft sie an Öko-Modedesigner und kleinere Fair-Fashion-Modelabel. Er ist darum auf den großen Messen für Mode und Textilen in München, Berlin, London unterwegs und auf der Suche nach grünerem Stoff.

    Der Markt ist, das wird im Gespräch mit Itter sofort klar, weniger vielfältig als die Kleideretiketten vermuten lassen. „Hinter Tencel und Ecovero steckt ein und dieselbe Firma – die Lenzing-Gruppe aus Österreich.“ Darüber hinaus gebe es von ihr auch noch einen Spezialstoff für Arbeits- und Schutzbekleidung mit dem Namen Lenzing.

    Die Lenzing-Gruppe – rund 2,5 Millionen Euro Umsatz, 7900 Mitarbeitende – hat Werke in Österreich, Groß-Britannien, Tschechien, auch in Brasilien, den USA, China sowie in Indonesien und Thailand. Sie hat die Stoffe entwickelt, ihnen die Namen gegeben und sie dann als Marke schützen lassen.

    Auf dem Schild eines Kleides, einer Hose und anderer Textilien kann aber auch dieser Name stehen: Lyocell. Das ist ähnlich wie bei Tempo und Taschentüchern oder Gore-Tex und wasserdichten Membranen: Tencel ist der Markenname, Lyocell die allgemeine Bezeichnung für die Faser. Diese können auch Konkurrenten in Asien und Indien herstellen, nicht nur die Lenzing-Gruppe allein. Sie setze nur, sagt Itter, „besonders strenge Nachhaltigkeitsstandards“.

    Der Rohstoff ist bei allen der gleiche: Holz. Das kann Buche, Eukalyptus, Pinie, Birke, Esche, Ahorn, vieles sein. Aus ihm wird – ähnlich wie für Papier – in einem chemischem Verfahren Cellulose gewonnen wird. Die so entstandene Pulpe, wie Experten es nennen, wird durch feine Düsen gepresst. „Das ist vergleichbar mit einem Duschkopf“, erklärt Itter, „heraus kommen die Fasern, die dann versponnen werden.“ Am Ende entstehe eine „stabilere und umweltfreundlichere Alternative zu Viskose“.

    Viskose – sie fällt mit glatter, leicht schimmernder Optik fließend und wird auch Rayon oder Kunstseide genannt – hat eine lange Tradition. 1892 wurde sie in England erfunden. Seither wird sie bereits aus Holz mit Hilfe von Chemikalien, Druck und Hitze gewonnen. Die reinen Chemiefasern, die auf Erdöl basieren, wurden erst später entwickelt. Dazu zählen Polyamid und das auch als Lycra bekannte Elastan, vor allem aber der mittlerweile häufigste Stoff für Kleidung, das Polyester. Diese Kunststoffe sind vergleichsweise günstig, stehen allerdings unter anderem deshalb in Verruf, weil sie bei der Wäsche Mikroplastik freisetzen, das die Meere verschmutzt.

    Die Viskose zählt zwar nicht zu diesen vollends synthetischen Stoffen, ist aber auch nicht einfach natürlich. „Für sie werden große Mengen ätzende Schwefelsäure und Natronlauge eingesetzt“, so Itter, „bei herkömmlichen Verfahren kann das Abwasser hohe Schadstoffkonzentrationen enthalten, weshalb es aufwendig gereinigt werden muss.“ Das gelte auch für das in Unterwäsche beliebte herkömmliche Modal, eine Weiterentwicklung von Viskose aus Buchenholz, oder für Viskose aus schnell wachsendem Bambus, die oft als antibakteriell angepriesen werde.

    Für Lyocell werde stattdessen immer ein organisches Lösungsmittel namens N-Methylmorpholin-N-oxid, kurz: NMMO, verwendet. Das könne sehr gut recycelt, also aufgefangen und wieder genutzt werden. So entstehe kaum Abwasser, sagt Itter. Die Lenzing-Gruppe habe dieses Verfahren für ihre Marke Tencel „weiter optimiert“, sie führe das Lösungsmittel zu fast 100 Prozent im Kreislauf. Zudem komme das Holz aus Wäldern, die nach den Standards FSC und PEFC kontrolliert nachhaltig wirtschafteten. Ecovero sei nochmal eine extra Sache, diese etwas billigeren Fasern würden nicht nach dem Lyocell-Verfahren produziert. Die Chemie sei eine andere, aber auch noch deutlich umweltfreundlicher als die für klassische Viskose.

    Bleibt diese Frage: Sind diese Stoffe aus Holz besser als Baumwolle oder andere Naturfasern in Ökoqualität? „Das kommt darauf an, wofür sie gedacht sind. Baumwolle hat tolle Eigenschaften, ist hautfreundlich, atmungsaktiv. Und wenn Sie beim Kauf zum Beispiel auf das Gots-Label achten, ist ein hoher Ökostandard garantiert. Aber den Glanz und den Fall von Viskose bekommen Sie schwierig hin.“

  • Anleger brauchen gute Nerven

    Auch ETF geraten in den Abwärtssog der US-Börsen. Auf lange Sicht sollte sich das Minus wieder ausgleichen.

    Warum geht es an den Börsen gerade steil auf- und wieder abwärts?

    Die großen Schwankungen an den Börsen haben mehrere Gründe. Da ist vor allem die Politik der US-Regierung unter Donald Trump zu nennen. Dessen wechselnde Ankündigungen, zum Beispiel zu Strafzöllen gegen andere Länder, verunsichern die Anleger. Denn Zölle können auch Auswirkungen auf amerikanische Unternehmen haben, weil sich ihre Produkte verteuern und damit schlechter verkaufen. Die Gewinnerwartungen und in der Folge auch die Börsenkurse gehen zurück. Ein weiterer Grund ist die sehr hohe Bewertung von Technologieunternehmen aus den USA. In unsicheren Zeiten nehmen Aktionäre dort lieber Gewinne mit. Das drückt die Kurse der Hightech-Konzerne. Auf dieser Seite des Atlantiks haben die Kurse dagegen zuletzt stark zugelegt. Internationale Investoren zieht es verstärkt auf den europäischen Finanzmarkt, auch weil die Aktien hier vergleichsweise moderat bewertet sind.

    Ist ein ETF auf den MSCI World noch die richtige Wahl?

    Finanzexperten empfehlen zur Vermögensbildung oder für die Altersvorsorge gerne Sparpläne auf ETF, also börsengehandelte Fonds, die den Weltaktienindex MSCI World nachbilden. Der Vorteil dieses Index ist die große Zahl von Unternehmen aus aller Welt, deren Kursentwicklung der Index widerspiegelt. Es sind 1600 Firmen aus 23 Ländern. So wird das Risiko von Verlusten durch einzelne erfolglose Unternehmen verringert. Der Nachteil des MSCI World ist der hohe Anteil an US-Firmen im Index. Geht es an der Wall Street bergab, verliert auch der Index. Dann sind auch ETF auf dieses Börsenbarometer stark von Kursverlusten betroffen. In den vergangenen drei Monaten sanken deren Kurse um rund fünf Prozent. Mit Blick auf den vergangenen fünf Jahre zeigt sich ein anderes Bild. Da konnte der MSCI World um 85 Prozent zulegen.

    Ist es jetzt besser, den Sparplan zu kündigen und den ETF zu verkaufen?

    Fonds sind vor allem etwas für langfristig orientierte Sparer. Zwischenzeitliche Kursstürze haben selbst in großen Krisen nur überschaubar lange für Verluste gesorgt. Wer länger als zehn Jahre sparen will, musste in der Vergangenheit in keiner Phase Miese hinnehmen. Dazu kommt bei Sparplänen ein weiterer Effekt. In Zeiten mit niedriger Börsenbewertung erhalten Sparer für ihre regelmäßige Einzahlung mehr Anteile an ihrem ETF als in Zeiten mit einer hohen Bewertung. Diese „billiger“ gekauften ETF steigen in guten Börsenzeiten dann prozentual stärker an als die „teuer“ erworbenen. Anders liegt der Fall, wenn Anleger zum Beispiel trotz des momentanen Börsenbebens hohe Gewinne mit ihrem ETF gemacht haben und das Geld bald benötigen. Ruhe bewahren gilt jedoch als guter Rat für jede Entscheidung, erst Recht bei den eigenen Finanzen.

    Wie geht es an den Börsen weiter?

    Solange die Unsicherheit über die wirtschaftliche und politische Entwicklung besteht, rechnen Experten auch mit schwankenden Börsenmärkten. Verlässliche Vorhersagen zur Kursentwicklung lassen sich daher nicht treffen. 

    Lohnt es sich vielleicht sogar, jetzt verstärkt einzusteigen?

    Niedrige Kurse sind in der Regel gute Gelegenheiten zum Kauf von Aktien oder Fonds. Nur ist es schwierig bis unmöglich den Zeitpunkt der Tiefststände zu erwischen. Für Sparer, die schon länger mit dem Gedanken an einen ETF-Sparplan spielen, kann jetzt ein geeigneter Moment sein, ihn auch einzurichten.

    Welche Alternativen zu Investments in Aktien bieten sich jetzt an?

    Wer auf Nummer sicher gehen will, kann bei der Bank ein Tagesgeldkonto eröffnen. Allerdings wirft diese Anlage nur geringe Zinsen ab. Bei Festgeld ist etwas mehr drin. Dabei kommen Sparer jedoch an ihr Geld im vereinbarten Zeitraum nicht heran. Zinsportale im Internet vermitteln Festgeld – oder Tagesgeldangebote auch von Banken aus anderen Ländern. Sie bieten oft eine vergleichsweise attraktive Verzinsung. Allerdings raten Verbraucherschützer zur Vorsicht, wenn eine Offerte aus einem finanziell schwächeren Land kommt, in dem die Einlagensicherung im Falle einer Bankpleite womöglich nicht gewährleistet sein könnte. Eine weitere Alternative die ETF, die in Staatsanleihen finanziell stabiler Staaten investieren. Die zunehmende Verschuldung vieler Staaten könnte hier zu steigenden Renditen führen. 

  • Die Mitte trägt

    Finanzpaket für Sicherheit und Investitionen

    Es ist die einzig richtige Entscheidung. Die Einigung der Union, SPD und Grünen auf das gigantische Finanzpaket befreit Deutschland aus der doppelten Klemme – militärisch und wirtschaftlich. Es zeigt auch, dass die demokratische Mitte funktioniert, die die große Mehrheit der Bevölkerung repräsentiert.

    Quasi unbegrenzte Ausgaben stehen nun in den kommenden Jahren für die Bundeswehr, die durch Russland angegriffene Ukraine und den Schutz der hiesigen Zivilbevölkerung zur Verfügung. In zehn Jahren kann sich dieses Programm auf 1.000 Milliarden Euro oder mehr summieren. Hinzu kommen 500 Milliarden Euro für Investitionen in die Bahn und weitere öffentliche Infrastrukur, davon mindestens 100 Milliarden gezielt für Klimapolitik. Die Lockerung der Schuldenbremse für die Länder wird es diesen und den Kommunen ermöglichen, Schulen zu bauen und die ärtzliche Versorgung zu verbessern.

    Alle an der Verhandlung beteiligten Parteien haben etwas bekommen. Vielleicht kann man es so zuordnen: Die Union darf sich die Milliarden für die Bundeswehr anrechnen, die SPD das Geld für die Investitionen, die Grünen die Finanzen für Klimapolitik. Insgesamt wird Europa künftig sicherer sein vor der Aggressionspolitik der russischen Regierung. Und Deutschland kommt wirtschaftlich wieder auf den Wachstumspfad.

    Die gigantischen, aus Verschuldung stammenden Summen mögen vielen Leuten Angst machen. Die Furcht davor, dass die heute jungen Bürgerinnen und Bürger später die Schulden der Alten abtragen müssen, ist jedoch unbegründet. Außenpolitische Sicherheit und wirtschaftliches Wachstum, angekurbelt durch die großen Investitionen, werden dafür sorgen, dass die Zinsen für die zusätzlichen Schulden finanzierbar bleiben. Union, SPD und Grüne haben einen epochalen Kompromiss geschafft.

  • Krise im Orangenhain

    Orangensaftfans müssen derzeit in manchen Supermärkten nach dem Getränk suchen. Das Angebot ist zum Teil ausgedünnt. Und was in den Regalen steht ist recht teuer. Der Lieblingssaft der Deutschen steckt in der Krise. Das hat vor allem mit schlechtem Wetter in Brasilien zu tun, einer asiatischen Fruchtfliege und hohen Preisen. Doch die Chancen stehen gut, dass es besser wird.

    Insgesamt 6,8 Liter Orangensatz haben jeder und jede Deutsche im Schnitt 2023 getrunken, mit deutlichem Abstand vor Apfelsaft (5,1 Liter). Neuere Zahlen liegen noch nicht vor, aber der Verband der Fruchtsaft-Industrie schätzt, dass Apfelsaft 2024 erstmals Orangensaft in der Gunst der Bundesbürger überholt hat. Ein Grund: Orangensaft ist über die Jahre ziemlich teuer geworden, weil das Angebot schrumpft. Jetzt greifen Kunden lieber zu anderen, günstigeren Säften.

    Der meiste Orangensaft hierzulande kommt aus Brasilien – in der Regel als Konzentrat, das dann wieder mit Wasser verlängert wird. Das südamerikanische Land liefert etwa 80 Prozent der weltweit gehandelten Rohware. In den vergangenen Jahren belastete schlechtes und für die Region untypisches Wetter die Anbaugebiete. Der Klimawandel macht sich bemerkbar. Entsprechend schlecht fielen die Ernten aus. Weil andere Länder die Mengen, die Brasilien liefert, nicht ausgleichen konnten, stiegen die Preise.

    Dazu kommt noch, dass ein großer Lieferant der Welt, Florida, über die vergangenen Jahre praktisch aus dem Markt ausgeschieden ist. Zum einen beutelten Hurrikane viele Plantagen. Zum anderen ist da ein Bakterium, übertragen von einer Zitrusfliege, das die Orangen befällt und ungenießbar macht. Die Greening genannte Krankheit lässt sich nicht behandeln. Das Einzige, was hilft: Bäume fällen und verbrennen. Die Plantagen werden nicht wieder aufgeforstet. Die Amerikaner mussten Orangensaft deshalb vermehrt auf dem Weltmarkt kaufen. Auch das verknappt das Angebot.

    Im Prinzip kletterte der Preis für Orangensaftkonzentrat an der Börse in New York seit Januar 2021. Von rund 1,10 Dollar je Pfund stieg er bis auf 5,56 Dollar im November. Das machte sich auch in Deutschlands Supermarktregalen bemerkbar. „Für Kunden wurde es teurer“, sagt Klaus Heitlinger, Geschäftsführer des Verbands der Fruchtsaft-Industrie, schließlich mussten sie den Rohstoff teurer einkaufen. Manche Hersteller erhöhten einfach die Preise. Andere verringerten die Packungsgrößen. Statt einem Liter waren nur noch 0,7 Liter in der Flasche, bei ähnlichem Preis. Wieder andere verzichteten darauf, reinen Orangensaft zu verkaufen und wichen auf Orangennektar aus, der 25 bis 50 Prozent Frucht enthalten muss, mit Wasser verlängert und mit Zucker abgeschmeckt wird.

    Ersatz aus anderen Länder lässt sich in großen Mengen nicht so schnell beschaffen. Orangen wachsen gern in warmen und vor allem frostfreien Gegenden. Und es dauert, bis eine neue Plantage Früchte trägt. In Europa wachsen Orangen meist in Spanien, Portugal und Italien. Geliefert wird aus Spanien vor allem für den Frischemarkt, wie Heitlinger sagt. Das heißt: In deutsche Supermärkte kommen sie meist als ganze Frucht, sehr selten als Saft.

    Die letzte Ernte in Brasilien ist wieder schlecht ausgefallen. Zum einen wegen schlechten Wetters, zum anderen leiden inzwischen auch hier Plantagen am Greening. Im ersten Halbjahr des laufenden Erntejahres 24/25 führte Brasilien 19,7 Prozent weniger Konzentrat aus als ein Jahr zuvor, wie der brasilianische Ausfuhrverband CitrusBR kürzlich meldete. An der Börse fällt der Preis allerdings, obwohl er steigen doch müsste.

    „Weil die Preise so stark gestiegen sind, ist der Verbrauch zurückgegangen“, sagt Heitlinger. Die Kunden haben auf Orangensaft verzichtet, offenbar so sehr, dass selbst das geringere Angebot noch ausreicht, die geringe Nachfrage weltweit zu bedienen. Deshalb schätzt der Saftspezialist, dass „der Höhepunkt überwunden ist. Die Preise werden eher sinken.“

    Seit Ende Januar ist der Preis für Orangensaft am Terminmarkt denn auch kräftig eingebrochen. Kostete ein Pfund Konzentrat, das im Mai geliefert werden muss, vor knapp sechs Wochen noch rund 4,80 Dollar, waren es Ende Februar nur noch rund 2,90 Dollar. Zuletzt zog der Preis wieder etwas an. Experten erwarten allerdings, dass der Preis weiter fällt. Das deuten auch die Preise für Orangensaft zur Lieferung etwa Ende 2025 an. Bis das bei den Orangensaftfans in Deutschland ankommt, kann es etwas dauern.

    Die Preise werden üblicherweise zwischen Herstellern und Handel für ein Jahr festgelegt. Kurzfristig sehe ich noch keine Entspannung“, sagt Heitlinger. Mittelfristig aber schon. Nur wie viel billiger es wird, ist unklar. Denn neben dem Preis für den Rohstoff ist im deutschen Handel Marktmacht wichtig: die der Einkäufer, etwa großer Handelsketten wie Rewe, Lidl, Edeka und Aldi, auf der einen Seite, und die der Safthersteller wie Eckes Granini, Riha Wesergold oder Valensina auf der anderen.