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  • Risiko ist auch Privatsache

    Kommentar zu Kapitalanlagen von Hannes Koch

    Sicherheit ist nie perfekt. Mit einem Restrisiko muss man meistens leben. Das gilt auch für Kapitalanlagen. So hat die Bundesregierung den Schutz für Kleinanleger vor risikoreichen Finanzprodukten nun erhöht. Ausschließen kann sie die Gefahr, Geld zu verlieren, aber nicht.

    Auslöser war der Fall Prokon. Die Windenergiefirma hat hochverzinste Anleihen an zehntausende Privatleute verkauft, ging pleite und bleibt den Anlegern nun einen guten Teil ihres Geldes schuldig. Finanzminister Wolfgang Schäuble und Verbraucherminister Heiko Maas verschärfen deshalb die Anforderungen für die Firmen: In den Verkaufsprospekten sollen sie beispielsweise mehr Informationen liefern, außerdem weniger aggressiv werben.

    Das sei zwar richtig, gehe aber nicht weit genug, bemängelt unter anderem die Linke. Deshalb müsse ein sogenannter Finanz-TÜV her, der jedes Anlageprodukt prüft, bevor es auf den Markt kommt. Der Haken: Um alle Produkte vorab zu kontrollieren, bräuchte man eine gigantische Behörde, die keiner bezahlen will. Realistischerweise würde sich der Finanz-TÜV deshalb auf Stichproben beschränken müssen.

    Auch der Vorschlag der Stiftung Warentest erscheint nicht realitätstauglich. Deren Expertin fordert, den sogenannten Grauen Kapitalmarkt für Kleinanleger ganz zu schließen. Jedoch wollen sehr viele wohlhabende Bürger ihr Geld genauso anlegen, wie sie es bei Prokon taten. Gutes Gewissen mit hoher Rendite zu verbinden, ist eine schöne Sache. Zehntausende Windräder in Deutschland wurden ähnlich finanziert – wenn auch nicht ganz so spekulativ wie bei Prokon. Die Lobby der Öko-Energie-Firmen würde eine Protestwelle entfachen, wollte die Regierung ihren Geschäftsmodellen die Grundlage entziehen.

    Um komplette Sicherheit zu schaffen, fehlt der Regierung die Macht. Zum Glück. Allerdings muss sich dann auch jeder selbst gründlich überlegen, ob er sechs Prozent Rendite verlangt, wenn zwei Prozent normal sind. Risiko ist auch Privatsache.

  • Plan gegen heikle Geldgeschäfte

    Finanz- und Verbraucherminister einigen sich auf Maßnahmen zum Schutz von Kleinanlegern

    Es ist vor allem eine Konsequenz aus der Pleite von Prokon, dem großen Finanzierer von Windparks. Knapp 75.000 Anleger hatten – gelockt durch hohe Renditen und dem Versprechen der Umwelt Gutes zu tun – ihr Geld in die Firma gesteckt. Insgesamt 1,4 Milliarden Euro. Was sie davon zurückbekommen, ist ungewiss. Nun versprechen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, CDU, und sein SPD-Kollege aus dem Verbraucherressort, Heiko Maas, die Anleger besser zu schützen.

    Am Donnerstag haben die beiden ein „Maßnahmenpaket zur Verbesserung des Schutzes von Kleinanlegern“ vorgestellt. Im Einzelnen heißt das: Verbraucher sollen bessere Informationen bekommen, damit sie klüger entscheiden können, wo das eigene Vermögen gut angelegt ist. In den Verkaufsprospekten muss künftig etwa  „die Fälligkeit bereits begebener, noch laufender Vermögensanlagen“ angegeben werden. Das heißt: Die Anbieter müssen offen legen, wie viel Geld sie von Anlegern bekommen haben und wann sie das Geld zurück zahlen müssen – damit ihre wirtschaftliche Grundlage klarer wird.

    Die Gültigkeit der Prospekte wird zudem auf maximal 12 Monate beschränkt, damit die Angaben nicht völlig veraltet sind. Droht eine Insolvenz, so muss dass Unternehmen dies in einem Nachtrag aufnehmen. Ist der Vertrieb bereits abgeschlossen, müssen Anbieter während der Restlaufzeit ad-hoc-Mitteilungen veröffentlichen, wenn sich zum Beispiele Probleme mit Zinszahlungen oder Rückzahlungen der Anlage ergeben.

    Zudem soll die Werbung eingeschränkt werden. Prokon warb aufdringlich sogar in der U-Bahn mit nahezu risikolosen Renditen von sechs Prozent. Auf das Tagesgeldkonto gibt es derzeit kaum ein Prozent. Prokon gab sogenannte Genussscheine aus, die mit hohen Risiken verbunden sind. Denn sie sind eine Mischform von Anleihe und Aktie. Die Inhaber werden quasi am Unternehmen beteiligt. Das heißt: Macht es Verluste, sinkt der Rückzahlungswert.

    Demnächst wird die „Zulässigkeit von Werbung für Vermögensanlagen grundsätzlich auf solche Medien beschränkt, deren Schwerpunkt auf der Darstellung von wirtschaftlichen Sachverhalten liegt und bei deren Leserschaft somit ein gewisses Maß an Vorkenntnissen vorausgesetzt werden kann“.

    Das heiße nicht, dass nur noch in FAZ Anzeigen erscheinen dürften, erklärte Schäuble. Die Werbung für Kapitalanlage auf Großplakaten, Litfasssäulen oder in Bus und Bahn soll aber untersagt sein. Die Finanzaufsicht Bafin soll darüber hinaus „Warnhinweise“ und „Vertriebsverbote“ verhängen können. Die Kriterien dafür sind noch nicht definiert. Die Kontrolleure machten das, so Schäuble, mit „gesundem Menschenverstand.“

    Maas sagte, Prokon „könnte so nicht mehr vorkommen“. „Das glaube ich nicht“, meint indes Ariane Lauenburg. Sie ist Expertin bei Finanztest für den sogenannten Grauen Kapitalmarkt, auf dem Firmen wie Prokon ihr Geld einsammeln. Die Zeitschrift hatte früh vor den Prokon-Versprechen gewarnt. Lauenburg sagt: „Ad-hoc-Meldungen oder aktualisierte Prospekte helfen vor allem den Experten, etwa den Rechtsanwälten.“ Der Laie könne sie aber oft gar nicht verstehen. Lauenburg sieht nur eine Lösung: „Graumarktprodukte für Kleinanleger verbieten.“

    Doch dazu werden sich die Minister nicht durchringen. Der Staat könne dem Bürger nicht die gesamte Verantwortung nehmen, findet Schäuble. Der Bürger sei mündig. Und er müsse wissen, „dass Rendite etwas mit Risiko zu tun hat.“ Das Maßnahmenpaket soll nach der Sommerpause ins Kabinett.

  • Die Klimasünden der Deutschen Bank

    Negativ-Preis für Vorstände Fitschen und Jain wegen „rücksichtslosen Umgangs mit unserem Planeten“

    Der Preis ist ein Globus aus Plastik. Die Region des Nordpols wurde mit schwarzer Sprühfarbe verdeckt, hässliche Farbnasen verlaufen über Nordamerika und Afrika zum Äquator. „Black Planet Award“ heißt die Negativ-Auszeichnung, die die beiden Vorstandschefs der Deutschen Bank am Donnerstag überreicht bekommen sollen. Jürgen Fitschen und Anshu Jain seien „rücksichtslos mit unserem Planeten“ umgegangen, sagen die Kritiker.

    Dass die beiden Vorstandschefs den schwarzen Globus bei der Hauptversammlung tatsächlich annehmen, erscheint fraglich. Aber der Dachverband der Kritischen Aktionäre, die Stiftung Ethecon, die Organisationen Facing Finance, Urgewald, Oxfam und andere werden mit ihren Vorträgen trotzdem für gewisse Aufmerksamkeit sorgen. Schließlich sind einige der Kritiker im Besitz von Aktionärseintrittskarten und dürfen reden.

    „Vom angekündigten Kulturwandel ist die Deutsche Bank weit entfernt“, sagte Barbara Happe von Urgewald schon am Mittwoch. Ein neues Bemühen um Transparenz sei im zweiten Geschäftsjahr von Fitschen und Jain zwar zu beobachten. Ihr Geschäftsgebahren ändere die Bank aber nicht, so Happe.

    Ein aktuell umstrittenes Beispiel ist der geplante Bau eines gigantischen Kohle-Hafens an der Ostküste von Australien – in der Nähe des ökologisch wertvollen Korallenriffs Great Barrier Reef. Die Kritiker bemängeln, dass die Deutsche Bank eine Anleihe für die indische Adani-Gruppe plaziert habe, die den Bau des Hafens von Abbot Point vorantreibe.

    Tony Brown, ein Vertreter australischer Tourismus-Unternehmen, illustrierte die möglichen Folgen des Hafenbaus mit einem Vergleich: „Stellen Sie sich eine fünf Meter hohe, einen Meter breite Mauer aus Steinen vor, die von Hamburg nach München verläuft.“ Eine derartige Menge Material solle für die neuen Hafenbecken ausgebaggert und am Korallenriff abgeladen werden, so Brown. Die zu befürchtenden Schäden für die Pflanzen und Tiere der Unterwasserwelt seien immens.

    Ein Sprecher der Bank erklärte zu den Vorwürfen: „Die Deutsche Bank unterstützt seit Langem ökologisch nachhaltige Maßnahmen und nimmt die Zukunft des Great Barrier Reef sehr ernst.“ Die Finanzierung des Hafens komme „nur dann in Betracht“, wenn sowohl die australische Regierung als auch die Weltkulturorganisation Unesco bestätigten, dass der Ausbau das Weltkulturerbe des Korallenriffs nicht bedrohe.

    Die Kritiker werfen Deutschlands größter Bank insgesamt vor, das eigene Bekenntnis zum Klimaschutz nicht ernst zu nehmen. „Die Deutsche Bank präsentiert sich gern als Klimaschützer“, sagte Urgewalt-Geschäftsführerin Heffa Schücking, „gleichzeitig gehört sie zu den Top-Financiers des Kohlebergbaus weltweit.“ In den vergangenen zehn Jahren habe das Institut aus Frankfurt am Main „mehr als 15 Milliarden Euro für Kohleunternehmen“ beschafft.

    Weiterhin stünden Firmen auf der Kundenliste der Deutschen Bank, die „Waffen, Atomwaffen und Drohnen“ produzierten, erklärte Thomas Küchenmeister von der Kritikerorganisation Facing Finance. Während andere große Investoren wie beispielsweise der norwegische Staatsfonds manche Firmen und Produkte auf seine Ausschlussliste gesetzt habe, regiere bei der Deutschen Bank das Kriterium des Profits.

  • Keime im Mett

    Grüne testen Wurstwaren: 16 Prozent der Proben enthalten antibiotikaresistente Keime

    Appetitlich ist es nicht, es birgt sogar ein Gesundheitsrisiko. Die Bundestagsfraktion der Grünen hat Wurstwaren testen lassen: Zehn der insgesamt 63 Proben waren mit antibiotikaresistenten Keimen belastet. Die grüne Umwelt- und Verbraucherpolitikerin Bärbel Höhn warnt: „Das ist eine tickende Zeitbombe.“ Die mit dem Mettbrötchen oder der Putenwurst verzehrten Keime setzten sich im Darm fest und vermehrten sich dort. Damit wachse die Gefahr, dass Antibiotika nicht mehr wirken.

    Die Tester des Agroblab-Labors in Eching am Ammersee haben Ende April und Anfang Mai in 13 Städten Fleisch- und Wurstprodukte in Supermärkten, Discountern und Fleischereien gekauft und in ihrem Chemielabor analysiert. Darunter Mettbrötchen und Mettwurst. Von den 36 Mettproben waren acht belastet. Das entspricht 22 Prozent. Im Dezember 2012 hatten die Grünen schon einen ähnlichen Metttest gemacht, da waren es 16 Prozent. Erstmals haben sie auch Putenprodukte unter die Lupe nehmen lassen. Der Befund ist auffällig, auch wenn die Stichprobe nicht groß war: In sechs von neun Proben ließen sich Keime nachweisen.

    Dabei ist das Problem der Keime in Wurst- und Fleischwaren nicht regional begrenzt: Zwei belastete Proben stammten aus Mainz, zwei aus Potsdam. Jeweils eine kam aus Dortmund, Düsseldorf, Hannover, Hamburg, Kiel und Völklingen/Saarbrücken.

    Erst vor wenigen Wochen hat die Weltgesundheitsorganisation WHO davor gewarnt, dass die Zahl antibiotikaresistenter Krankheitserreger zunehme. Dies sei längst nicht mehr nur eine Befürchtung, sondern bereits überall zu beobachten, erklärte die WHO in Genf. Bakterien entwickeln Abwehrmechanismen. Experten schätzen, dass allein in Deutschland jedes Jahr 30.000 Menschen sterben, weil sie nicht mehr richtig auf die Behandlung mit Antibiotika ansprechen. Rund sechs Millionen Deutsche sollen die resistenten Keime bereits im Körper haben.

    Die sorglose Gabe von Antibiotika in Arztpraxen gilt als eine Ursache. Die WHO empfiehlt denn auch, dass Antibiotika von Ärzten nur dann verschrieben werden, wenn es wirklich notwendig ist. Patienten sollten die Einnahme nicht frühzeitig abbrechen. Die Bakterien haben dann weniger Chancen, Abwehrmechanismen zu entwickeln.

    Antibiotika werden aber auch in der Tiermast eingesetzt. Das verschärft das Problem. „Die Mastställe sind quasi ein riesiges Trainingsgebiet für Keime, um resistent gegen Antibiotika zu werden“, erklären die Grünen. Puten, Rinder, Schweine, in den Mastställen seien mit diesen Keimen infiziert, sie tauchten dann in Fleisch- und Wurstwaren wieder auf.

    CSU-Bundesagrarminister Christian Schmidt nehme das Problem „sehr ernst“, erklärt seine Sprecherin. Es seien bereits „vielfältige Maßnahmen“ ergriffen worden. Seit April diesen Jahres müssen Landwirte zum Beispiel bundesweit melden, wenn sie Antibiotika geben. So soll klar werden, welche Betriebe übermäßig viel Antibiotika einsetzen. Die Überwachungsbehörden der Länder können Prüfungen und Maßnahmen anordnen, um den Einsatz zu verringern. Diesem Vorgehen soll man „erst einmal die Chance geben, ihre Wirkung zu entfalten“.

    Den Grünen aber reicht das nicht. Bärbel Höhn fordert: „Die Tiere brauchen deutlich mehr Platz und Auslauf im Freien. Auch müssen die Tierherden verkleinert werden. Das muss die Bundesregierung gesetzlich regeln.“ So würden die Krankheitsraten und die Antibiotika-Gabe verringert. Tierärzte dürften zudem nicht beides sein – Tierarzt und Apotheker. Sie verdienten am Verkauf der Antibiotika mit. Höhn: „Das setzt falsche Anreize.“ Das Bundesagrarministerium erklärte, es habe dazu ein Gutachten in Auftrag gegeben.

  • Bericht aus dem Reich des Bösen

    Agententhriller und Aufklärungsbuch: Journalist Greenwald über den Fall Snowden. Die US-Geheimdienste wollen „alle Daten“

    Edward Snowden sitzt am Tisch und zieht sich eine Decke über den Kopf. So will er verhindern, dass irgendwelche Geheimdienste mit Kameras, die eventuell in die Decke des Hotelzimmers eingebaut sind, die Passwörter seiner Laptops ausspähen. Vor die Zimmertür legt er von innen Kissen, damit draußen niemand mithört. Auf dem Tisch stapeln sich leergegessene Teller, Klamotten liegen herum.

    So beschreibt Journalist Glenn Greenwald die ersten Treffen mit Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden in Hongkong. Snowden übergab Greenwald im Frühjahr 2013 tausende Dokumente, die er während seiner Tätigkeit für mehrere US-Nachrichtendienste illegal heruntergeladen und mitgenommen hatte. Die Artikel, die Greenwald und seine Kollegin Laura Poitras unter anderem für den britischen Guardian schrieben, lösten weltweite Erschütterungen aus, die über Veröffentlichungen wie den Watergate-Skandal, die Pentagon-Papiere zum Vietnam-Krieg oder den Wikileaks-Film über die schmutzige US-Kriegsführung im Irak weit hinausgingen.

    Greenwalds Buch „Die globale Überwachung“ ist eine Mischung aus politischem Aufklärungsbuch und Agententhriller, in dem gute, selbstlose Helden gegen die finstere Macht kämpfen. An Spannung und Skurilitäten fehlt es nicht. Beispielsweise schreibt Greenwald, dass ihm die Megastory beinahe durch die Lappen gegangen wäre, weil er zu faul war, ein Programm zur E-Mail-Verschlüsselung zu installieren. Snowden hatte ihn mit diesem Wunsch monatelang anonym kontaktiert – ohne das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Frustriert wandte sich Snowden schließlich an Greenwalds Kollegin Poitras, die die Sache ins Rollen brachte.

    Das Buch zu lesen lohnt sich, weil der Inhalt noch immer erschreckend ist. Seine Botschaft formuliert Greenwald mit einer Frage von General Keith Alexander, der bis Anfang 2014 als Chef der National Security Agency (NSA) amtierte: „Warum können wir nicht alle Daten sammeln, immer und jederzeit?“ Dieses Ziel haben die US-Geheimdienste noch nicht erreicht, einen guten Teil des Weges legten sie aber schon zurück.

    Die Programme, die durch die Snowden-Dokumente bekannt wurden, umfassten laut Greenwald beispielsweise den Zugriff der Schnüffler auf alle Telefon-Metadaten des US-Netzbetreibers Verizon. Dazu gehörten beispielsweise die Ausgangs- und Zielnummern, Uhrzeit und Dauer der Gespräche. Es ging um etwa 100 Millionen Telefonanschlüsse.

    Sodann gab es das Programm Prism, durch das die NSA Zugang zu den Servern der großen Internetfirmen erhielt – unter anderem Facebook, Google, Yahoo, Microsoft, Apple, Skype. Seitdem muss man davon ausgehen, dass dort jeder Chat-Eintrag, jede E-Mail, jede mittels Google geöffnete Internetseite, jeder runtergeladene Song grundsätzlich Material für den Geheimdienst ist (siehe unten). Die Firmen dementierten. Und auch Staaten wie Deutschland waren betroffen. Hier sammelte die NSA offenbar ebenfalls Daten über hunderte Millionen Telefongespräche. Das Handy der Kanzlerin wurde überwacht. Angela Merkel war sauer.

    Greenwald analysiert das alles sehr nachvollziehbar. Drumherum konstruiert er allerdings ein Reich des Bösen – die USA als Regime wie in George Orwells Roman 1984. Das klingt oft überzogen. Denn Wahrheit ist ja auch: In den USA werden keine Journalisten erschossen, weil sie dem Staat auf die Nerven gehen. Organisationen wie Greenpeace müssen sich nicht als „ausländische Agenten“ registrieren, wenn sie Geld aus dem Ausland bekommen. Und Musikerinnen werden nicht ins Arbeitslager gesteckt, weil sie sich über Obama lustig machen. Alles im Gegensatz zu Moskau, wo Edward Snowden jetzt Schutz suchen muss.

    Ja, es gibt repressive und autoritäre Tendenzen in den USA. Jedoch bleibt die Gesellschaft so vielschichtig, dass selbstbestimmtes und sogar widerständiges Leben möglich ist. Nicht nur der Protest-Sturm nach den Snowden-Veröffentlichungen beweist, dass der Selbstschutz demokratischer Gesellschaften funktionieren kann.

    Trotzdem gibt das Buch Anlass zum Nachdenken über die technische Entwicklung insgesamt. Ist es nicht bald soweit, dass der Kühlschrank merkt, wenn keine Milch mehr da ist, und eine Amazon-Drohne sie automatisch nachliefert? Solche Daten fänden sicher auch Verfassungsschutz und Bundesnachrichtendienst sehr interessant. Wahrscheinlich ist es deshalb gut, das nicht-digitale Leben funktionsfähig zu halten. Also lieber einen Papierkalender benutzen, als den auf dem Smartphone. Stadtplan statt Navi. Bar bezahlen. Autonomie bewahren, auch technisch betrachtet. Nur, damit man's nicht verlernt. Als Vorsichtsmaßnahme.

    Glenn Greenwald: Die globale Überwachung. Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen. Droemer, München 2014. 366 S., 19,99 €.

  • Besser leben mit Europa

    Was die vermeintlich hassenswerte Bürokratie in Brüssel Gutes für unseren Alltag leistet

    Die EU schreibt uns vor, wie krumm die Gurke sein darf, und dann nimmt sie uns die wunderbar warm leuchtende Glühbirne weg. Solche Gedanken hegen nicht wenige Bürger, wenn sie an Europa denken. Dabei macht Brüssel unseren Alltag in vieler Hinsicht einfacher. Hier einige Beispiele.

    Pflicht für Konzerne
    Gibt der neue Flachbildschirm seinen Geist auf, haben die Verbraucher einen Anspruch auf Austausch und Reparatur – und zwar für zwei Jahre. Diese für Konsumenten günstige, lange Frist beruht auf EU-Recht. In den ersten sechs Monaten nach Kauf ist die Firma automatisch dran, danach müssen die Kunden nachweisen, dass der Defekt nicht durch eigenen Fehler entstand.

    Online-Produkte zurückschicken
    Die im Internetshop gekaufte E-Gitarre produziert einen blechernen Sound, das online bestellte Fahrrad ist zu klein? Schicken Sie es zurück, kein Problem. Auch das ist EU-Recht. Sieben Werktage nach Erhalt der Ware haben die Kunden das Recht, ihr Geld zurückzuverlangen. Und zwar überall zwischen Tallinn und Lissabon, Dublin und Athen.

    Entschädigungen
    EU-Verordnung 261/2004 – klingt bürokratisch? Ist super. Hat das Flugzeug auf der Reise in den Urlaub ein paar Stunden Verspätung, haben die Kunden Anspruch auf Entschädigung. Diese liegt zwischen 250 und 600 Euro. Das ist manchmal mehr als der Flugpreis. Da wartet man doch gerne mal ein bisschen.

    Billiger telefonieren
    Die EU hat die Roaming-Gebühren bereits begrenzt. Das sind Kosten für grenzüberschreitende Handy-Verbindungen zwischen verschiedenen Netzfirmen. Dass sie im nächsten Jahr komplett abgeschafft werden, will jetzt das EU-Parlament durchsetzen. Sinnvoll auch: Lädt man im EU-Ausland mit einem in Deutschland angemeldeten Smartphone Daten herunter, bekommt man einen Warnhinweis, wenn die Rechnung 59,50 Euro erreicht. Deutsche Urlauber, die in der Schweiz (nicht EU) mal ein bisschen surften und später eine Rechnung über 350 Euro erhielten, wissen den Schutz seitens der EU zu schätzen.

    Autounfälle
    Verursachen Sie in Frankreich einen Crash auf der Landstraße, müssen Sie sich keine Sorgen darüber machen, dass es zu einem großen Durcheinander mit der Versicherung des französischen Autofahrers kommt. Sie müssen auch nicht Französisch lernen, um einen Brief dorthin zu schreiben. Denn das Unternehmen des Nachbarlandes beschäftigt einen Beauftragten zur Schadensregulierung in Deutschland – dank EU-Recht.

    Hilfe für Verbraucher
    Können deutsche Bürger ihre Ansprüche gegen Firmen aus anderen EU-Ländern nicht durchsetzen, hilft das Europäische Verbraucherzentrum in Kehl, Baden-Württemberg. Die dortigen Juristen stehen auf Seiten der Verbraucher und versuchen, den Streit beizulegen.

    Diese Liste ließe sich fortsetzen. Beispielsweise, indem man ausländische Produkte wie italienische Nudeln und französischen Käse erwähnt, die deutsche Supermärkte zu erschwinglichen Preisen anbieten. Früher war sowas Luxus. Überhaupt Lebensmittel: total günstig, weil es kaum noch Zölle zwischen den 28 EU-Staaten gibt. Von anderen Kleinigkeiten soll nur kurz die Rede sein: Reisen ohne Visum, Frieden seit 1945 und die geniale Möglichkeit, in einer demokratischen Wahl zusammen mit mehreren hundert Millionen anderen Bürgern über das gemeinsame Leben zu bestimmen.

  • Gabriel gegen Google

    Ist der Internetkonzern zu mächtig? Kommentar von Wolfgang Mulke

    Lange Zeit konnte der Internetkonzern Google nach Belieben eine Vormachtstellung aufbauen – unter anderem in Europa. Schon der Marktanteil von 90 Prozent bei den Suchmaschinen belegt, wie konsequent das US-Unternehmen sein Geschäft betreibt. Eine derart beherrschende Position hätte in anderen Branchen bereits für massiven Protest gesorgt. Man stelle sich vor, es gäbe in Deutschland einen Stromversorger mit einer ähnlichen Marktmacht. Der Ruf nach mehr Wettbewerb wäre laut und die Politik aktiv geworden.

    Bei Google haben zunächst alle weggeschaut. Es geht ja anscheinend nur um Daten und Werbeanzeigen. Doch so wie die Kalifornier ihre herausragende Stellung für gute Gewinne nutzen, so leicht können sie auch zum Herren über Gewinner und Verlierer im Netz werden. Davor warnen nun auch die großen europäischen Unternehmen. Angesichts der wachsenden Bedeutung des Digitalen für die reale Wirtschaft nimmt die Sorge vor einer fremdbeherrschten Internetzukunft zu. Es wird Zeit, dass Europa Strategien gegen die Allmacht der Netzriesen entwickelt.

    Das hat nun auch Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel erkannt. Notfalls soll Google entflochten werden. Beispielsweise die Trennung von Suchmaschinendienst und Werbeangeboten des Konzerns würde dessen Geschäftsmodell erheblich schädigen. Man darf gespannt sein, ob aus dem Wunsch Wirklichkeit wird. Denn hier betreten die Regulierer Neuland.

    Das allein reicht vermutlich nicht, um digitalen Machtpositionen etwas entgegenzusetzen. Die Europäer müssen eine Alternative zur US-dominierten Netzstruktur entwickeln. Denn sollte sich die gegenwärtige Abhängigkeit fortsetzen, könnte das am Ende Wohlstand kosten.

  • Zwischen Gold und Gefahr

    Mit der Internetwährung Bitcoin sind manche Leute inzwischen reich geworden. Doch die Bundesbank warnt vor dem „hochspekulativen Finanzinstrument“. Wie funktionieren die digitalen Münzen?

    Als Geld diente in der Menschheitsgeschichte schon vieles, beispielsweise Steine, Knochen, Perlen, Zigaretten, Gold oder Banknoten. Seit 2009 ist eine weitere Variante hinzukommen: die Internetwährung Bitcoin („digitale Münze“). Während manche Anhänger das Datengeld schon als „digitales Gold“ bezeichnen, warnt die Bundesbank vor dem „hoch spekulativen Finanzinstrument“. Hat es für Normalbürger Sinn, sich mit der Computerwährung zu beschäftigen?

    Bei den Bitcoins handelt es sich um ein Zahlungsmittel, das ein Netzwerk von Individuen und Gruppen rund um den Globus selbst herausgibt. Zentralbanken oder Regierungen spielen keine Rolle. Für die Bitcoin-Gemeinde ist Selbstbestimmung ein hohes Gut. So funktioniert die Internetwährung nach einem ähnlichen Prinzip wie das Computer-Betriebssystem Linux. Alle, die wollen und über die nötigen Kenntnisse verfügen, können an der Weiterentwicklung des Systems teilnehmen.

    Bitcoins entstehen lassen kann grundsätzlich jeder, der oder die über einen leistungsstarken Computer und technisches Knowhow verfügt. Das sogenannte „Schürfen“ („Mining“) ist ein elektronisches Verfahren, bei dem Dienstleistungen für das Bitcoin-Netzwerk mit neuen Bitcoins belohnt werden. Derjenige, der die Leistung erbracht hat, kann das digitale Geld dann in Umlauf bringen.

    Um Missbrauch vorzubeugen, sind alle Transaktionen und Konten der Nutzer grundsätzlich öffentlich. Bislang beteiligen sich etwa drei bis fünf Millionen Menschen weltweit, schätzt Oliver Flaskämper, Vorstand der Bitcoin Deutschland AG in Herford. Er betreibt mit Bitcoin.de den einzigen hierzulande bislang zugelassenen Internet-Handelsplatz für die digitale Währung. Rund 180.000 Kunden hätten sich angemeldet, sagt Flaskämper.

    Wegen der vergleichsweise geringen Zahl der Nutzer bezeichnet die Bundesbank Bitcoin als „Nischenphänomen“. Tatsächlich kann man das Computergeld bisher nur bei wenigen Shops im Internet und einigen Geschäften der materiellen Welt ausgeben. In Großstädten gibt es ein paar Kneipen, die Bier gegen Bitcoins ausschenken. Als Vorteil der neuen Währung führen die Anhänger gerne ins Feld, dass ihre Überweisungen billiger seien als bei normalen Bankkonten und Kreditkarten.

    Die digitalen Münzen lassen sich in normales Geld um- und zurücktauschen. Dabei kommt allerdings der bislang wohl größte Nachteil ins Spiel: Der Wert schwankt extrem. Während ein Bitcoin im Verlauf des Jahres 2012 im Verhältnis zum Euro noch fast nichts wert war, stieg der Kurs im Frühjahr 2013 steil an. Ein Bitcoin kostete plötzlich fast 200 Euro. Die ersten Bitcoin-Besitzer wurden reich. Kurz danach allerdings folgte der Zusammenbruch auf einen Kurs von 1:100.

    Die nächste Rallye begann Ende 2013. Höchstwert: Ein Bitcoin entsprach etwa 850 Euro. Heute, ein paar Monate später, liegt der Kurs nur noch bei gut 300 Euro. Manche Besitzer und Nutzer gewinnen viel. Andere verlieren massiv, weil sie beispielsweise kurz vor dem Crash Internetgeld noch teuer einkauften. „Es gibt keine staatliche Garantie, und es kann grundsätzlich zum Totalverlust für die Anleger kommen“, warnt deshalb Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele alle, die mit Bitcoins liebäugeln.

    Als Wertaufbewahrungsmittel wie etwa Zentralbankgeld können die Bitcoins deshalb nicht dienen. Denn im Crash wird Wert nicht aufbewahrt, sondern vernichtet. Warum sagt Oliver Flaskämper dann trotzdem, Bitcoins seien „digitales Gold mit der Möglichkeit zu bezahlen“?

    Der Vergleich mit dem Gold kommt daher, dass die Menge der Bitcoins im System mathematisch und elektronisch angeblich auf 21 Millionen Stück begrenzt ist. Die digitalen Münzen seien zwar in kleinere Einheiten teilbar, aber nicht beliebig vermehrbar, sagen die Befürworter. Und sie argumentieren, dass deshalb eine Inflation wie beim normalen Geld, dessen Menge die Zentralbanken grundsätzlich beliebig ausdehnen können, nicht möglich sei. Gegenargument: Der Wertverfall der Bitcoins von mehr als 200 Prozent seit November 2013 stellt natürlich auch eine Form der Inflation dar.

    So steht es in den Sternen, ob sich die Digitalwährung etablieren kann. Ihre kurze Geschichte ist reich an Skandalen. Unlängst ist eine der wesentlichen Handelsplattformen in Japan zusammengebrochen. Sie hatte hunderttausende Bitcoins verschludert. Trotzdem glaubt das renommierte britische Wirtschaftsmagazin Economist, dass Digitalwährungen nach Überwindung ihrer Kinderkrankheiten eine Zukunft haben. Die New Yorker Finanzaufsicht arbeitet an einer schärferen Regulierung. Und eine private Firma in den USA hat bereits angekündigt, bald die ersten Bitcoin-Geldautomaten aufzustellen, aus denen man dann auch Dollar ziehen könne.

    Info-Kasten
    Bitcoin-Studium
    Wer sich über die Bitcoins informieren möchte, findet hier die Sicht der Befürworter:

    Home


    Schöne Erklärungen mit Videos (allerdings auf Englisch) gibt es unter:
    https://www.weusecoins.com/en/
    Ein kritisches Interview mit Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele:
    http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Interviews/2014_01_08_thiele_handelsblatt.html

  • Fass ohne Boden

    Kommentar

    Wieder einmal hat der Bundestag, also der Steuerzahler, ein paar Millionen Euro für den neuen Berliner Großflughafen herausgerückt. Sonst wäre das Prestigeobjekt in kürzester Zeit in Geldnot geraten. Das mag niemanden mehr sonderlich beeindrucken oder gar verwundern. Schließlich ist die gesamte Geschichte des Projektes voller Unzulänglichkeiten. Aber über die Art und Weise, wie hier mit öffentlichen Mitteln umgegangen wird, ist schon unverschämt.

    Da lässt der Chef der Flughafengesellschaft, Hartmut Mehdorn, die auf Aufklärung drängenden brandenburgischen Landtagsabgeordneten sitzen, weil er lieber mit Ex-Kanzler Gerhard Schröder dessen Geburtstag feiert. Fachleute wurden rausgeworfen, großspurig eine Teileröffnung angepeilt und wieder verworfen. Trotz Drängen des Bundestags verweigert Mehdorn genaue Angaben zu den Kosten, die entstehen werden. Mittlerweile ist von 5,4 Milliarden Euro die Rede, dem dreifachen Betrag der ursprünglichen Planung. Und natürlich nennt der Geschäftsführer auch keinen Eröffnungstermin. Die Spatzen pfeifen längst von den Dächern, dass es vielleicht auch 2016 noch nichts damit wird.

    Nun hat auch der Rechnungshof der Flughafengesellschaft denkbar schlechte Noten erteilt. Die Kassenprüfer des Bundes bemängeln fehlende Transparenz bei den Einnahmen und Ausgaben für den Bau, vor allem aber eine mangelnde Kontrolle seitens des Aufsichtsrates, in dem der Bund und die beteiligten Länder das Sagen haben. Mehdorn kann sich längst nicht mehr auf Versäumnisse der Vergangenheit berufen. Er führt den Laden jetzt lange genug, ohne sichtbare Ergebnisse. Nach außen entsteht immer mehr der Eindruck, er habe den Bau nicht im Griff und veräppele Politik und Öffentlichkeit. Das ist aus Sicht des Steuerzahlers nicht mehr hinnehmbar. Angesichts der finanziellen Dimensionen sollten professionelle Kontrolleure das Geschehen begleiten. Allein schon die Scheu davor spricht ja Bände.

    Aus dem Problem-BER lässt sich immerhin für andere Vorhaben etwas lernen, zum Beispiel, dass Kontrollen nicht allein der Politik überlassen werden dürfen und die, die richtig viel verbocken, irgendwie auch dafür gerade stehen müssen.

  • Die russischen Banken gehen nicht in die Knie

    Die westlichen Sanktionen bereiten den Instituten Probleme, aber vorläufig haben sie genug Geld

    Von einem Tag auf den anderen konnten Kunden der Rossiya-Bank und einiger weiterer russischer Finanzinistitute nicht mehr mit ihren Visa- und Master-Karten bezahlen. Diese im März von der US-Regierung verhängten Sanktionen treffen den gesamten Finanzsektor Russlands. Kapital fließt ins Ausland ab, die Kreditkosten der Banken steigen. So stellt sich die Frage: Wie lange halten die Institute das durch? Und können die westlichen Sanktionen deshalb Kompromissbereitschaft der russischen Seite in der Ukraine-Krise erzwingen?

    Denn möglicherweise bleibt es nicht bei den bisher verhängten Beschränkungen für den Geld- und Kapitalverkehr. Weitere Sanktionen sind angekündigt. Und bereits jetzt können manche Angehörige der russischen Elite nicht mehr über ihre Westkonten verfügen, weil diese eingefroren wurden. Solche Probleme bringen nicht nur Nachteile für die betroffenen Institute, sondern das gesamte russische Finanzsystem mit sich.

    „Natürlich machen die Sanktionen das Geschäft der russischen Banken schwieriger“, sagt Dmitrij Tichonov, Analyst der Commerzbank in London. In einer gemeinsamen Studie mit seinem Kollegen Apostolos Bantis schreibt Tichonov allerdings auch, dass die Wirtschaftsstrafen wohl „keinen bedeutenden Einfluss auf die internationalen Geschäfte der russischen Banken haben“. Unter der Voraussetzung, dass es nicht zu viel härteren Beschränkungen komme, sei das Finanzsystem stabil.

    Wie ist die Lage der Institute in St. Petersburg und Moskau? Sie leiden darunter, dass Standard&Poor's, eine der marktbeherrschenden Rating-Agenturen, die Bonität russischer Staatsanleihen herabgestuft hat. Investoren werden damit gewarnt, dass die Kapitalanlage in Staatspapiere risikoreicher geworden sei. Außerdem sank im Zuge der Krise der Wert des Rubel, worauf die Russische Zentralbank den Leitzins erhöhte, um Investoren zu ködern. Für die Banken heißt das: Auch sie müssen für Kredite mehr Geld bezahlen, ihre Gewinne gehen zurück.

    Wegen der schlechteren Bonität der Staatspapiere geraten außerdem auch die Ratings der Banken selbst unter Druck. Diese haben dann ebenfalls höhere Kosten, wenn sie sich beispielsweise bei deutschen, britischen oder französischen Instituten Kapital borgen. Der nachteilige Effekt mache sich allerdings nicht so stark bemerkbar, schreiben die Commerzbank-Analysten, weil nur 14 Prozent der Verbindlichkeiten der Institute in Auslandsschulden bestünden. Die Höhe der Verschuldung gegenüber dem Ausland sei im Übrigen seit der Finanzkrise 2009 erheblich gesunken. Deshalb „erscheint das Gefahrenpotenzial beherrschbar.“ Die Rating-Agentur Moody's sieht das ähnlich. So müssten die russischen Institute 2014 höchstens Papiere im Wert von 14 Milliarden Euro umschulden. Das betreffe maximal zwei Prozent ihrer Gesamtverschuldung und sollte trotz höherer Kosten kein Problem darstellen, so Moody's.

    Zwei weitere Argumente nennen die Analysten, um die aus ihrer Sicht gegenwärtig solide Lage der Institute zu untermauern. „Die größten Banken haben einen ausreichenden Zugriff auf Mittel der Russischen Zentralbank“, sagt Tichonov. Aus ihren Devisenreserven von gegenwärtig umgerechnet etwa 300 Milliarden Euro könne die Notenbank den Instituten helfen, wenn diesen einige Milliarden fehlen sollten. Zweitens verfügten die Geschäftsbanken über ein solides Polster von Eigenkapital. Schätzungen der Commerzbank zufolge liegt diese Größe bei den wichtigsten Banken um 15 Prozent aller Kapitalanlagen – und damit weit über den acht Prozent, die das internationale Bankenabkommen Basel III vorschreibt.
    Deshalb kann das russische Finanzsystem vorläufig wohl auch die Kapitalabflüsse ins Ausland verkraften. Im vergangenen Jahr sollen netto etwa 40 Milliarden Euro außer Landes gebracht worden sein – von ausländischen aber auch russischen Unternehmen, die ihr Geld gegen Wertverlust sichern wollen. Dieses Jahr könnte die Summe weit höher liegen. Manche Fachleute sprechen von umgerechnet 100 Milliarden Euro.

    Dass die Finanzwirtschaft im Osten noch so relativ stabil aussieht, liegt zum guten Teil an den hohen Einnahmen, die russische Rohstoffkonzerne wie Gazprom in den vergangenen Jahren auf dem Weltmarkt erzielt haben. Die Gewinne aus Öl, Gas, Kohle und Metallen stecken in den großen Unternehmen und Banken. Deswegen sind diese, ebenso wie der russische Staat, gut kapitalisiert. Die Staatsverschuldung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung liegt bei etwa zehn Prozent – in Deutschland bei knapp 80 Prozent.

    Die gegenwärtigen Sanktionen des Westens dürften der russischen Finanzwirtschaft deshalb einstweilen keine großen Sorgen bereiten. Sollte sich die Ukraine-Krise allerdings über das Jahr 2014 hinaus hinziehen, und würden die westlichen Staaten zusätzliche scharfe Sanktionen verhängen, könnte sich die Lage ändern. Nicht ausgeschlossen erscheint, dass dann die Währungs- und Kapitalreserven des Staates und der Institute schmelzen.

    Die Commerzbank-Analysten rechnen damit allerdings nicht. Ein Wirtschaftskrieg zwischen Russland und dem Westen werde nicht ausbrechen, weil beide Seiten zuviel zu verlieren hätten. So empfiehlt das deutsche Institut Investoren schon jetzt, Neuinvestitionen in Russland zu prüfen. Gerade manche Wertpapiere russischer Banken stellten eine attraktive Geldanlage dar.

  • Ferienjobs – Mosaiksteine für den Berufswunsch

    Mit einer Arbeit in den Schulferien können Jugendliche nicht nur ihr Taschengeld aufbessern, sondern vielleicht auch Kontakt zu einem Ausbildungsbetrieb herstellen

    Leicht war sie nicht, die erste Jobsuche. Nun aber ist die 16jährige Schülerin zufrieden. Sie hat eine Arbeit für drei Wochen in den kommenden Sommerferien gefunden: Kellnern in einem Biergarten. Damit scheint das Taschengeld für die nähere Zukunft gesichert, auch der geplante Trip mit der Freundin an die Cote d'Azur. Wie aber findet man als Jugendlicher, Schüler oder Student am besten einen Ferienjob, und was gilt es zu beachten?

    Bald kommen die Sommerferien 2014. Für viele Jugendliche steht das Geld im Vordergrund, wenn sie sich dann erstmals für kurze Zeit auf dem Arbeitsmarkt umschauen. Aber auch andere Motive spielen mit: das Interesse zu erfahren, wie es im wirklichen Leben zugeht, der Wunsch, sich selbst in neuen Situationen auszuprobieren. Dazu gibt Heinz-Jürgen Guß einen Rat. Bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Essen ist er für Aus- und Weiterbildung zuständig. Guß sagt: „Wir empfehlen, dass junge Leute Ferienjobs auch zur Berufsorientierung nutzen.“ Ein Ferienjob kann dann eine Kombination sein aus Taschengeld-Beschaffung und Praktikum.

    Denn die Firmen, die Schülern Ferienjobs anbieten, suchen ja in der Regel auch Auszubildende und Beschäftigte. Wer das verstanden hat, kann die Arbeit in den Schulferien als zwanglosen Berufstest in eigener Sache betrachten. Welche Tätigkeiten passen zu mir, was macht mir Spaß, in welchen Strukturen will ich später auf keinen Fall tätig sein? Solche Erwägungen brauchen vorerst gar nicht zum Ergebnis zu kommen, sie mögen aber Mosaiksteine darstellen, aus denen sich schließlich der Berufswunsch zusammensetzt.

    15- oder 16jährige Jugendliche können auch einen Schritt weiterdenken. „Indem Schüler Firmen ansprechen, stellen sie eventuell schon einen Kontakt zu ihrem späteren Ausbildungsbetrieb her“, sagt IHK-Vizegeschäftsführer Guß. Wer bereits einen persönlichen Plan für seine Berufsausbildung hat, kann sich mittels Ferienjob bei den potenziellen Arbeitgebern bekanntmachen.

    Eine Hilfe dafür bietet der Ausbildungsatlas der IHK Essen. Von „A“ wie Anlagenmechaniker bis „Z“ wie Zweiradtechniker führt die Liste im Internet hunderte Firmen auf, bei denen man eine Lehre absolvieren kann. Kammern in anderen Regionen pflegen ähnliche Angebote. So mag sich eine kleine Bewerbung für einen Ferienjob auch langfristig durchaus lohnen.

    Die regionalen Vertretungen der Bundesagentur für Arbeit helfen ebenfalls, wenngleich die Vermittlung von Ferienjobs nicht zu ihren Kernaufgaben gehört. Trotzdem bietet die Jobbörse auf der Internetseite der Agentur Kontakte zu geringfügigen Beschäftigungen, die manchmal auch für Schüler geeignet sind. Dort findet sich eine Suchmaske, die solche Tätigkeiten nach Städten sortiert ausweist. Reinigungen und Gärtnereien suchen Helfer, Apotheken Boten, in Büros kann man als Datenerfasser arbeiten.

    Meist findet die Suche nach Ferienjobs aber auf privaten Kanälen statt. Deshalb ist es aussichtsreich, im Umfeld der Eltern, Verwandten und Freunde die Personen ausfindig zu machen, die Beziehungen zu Firmen haben, und sie um Hilfe zu bitten. In manchen Geschäften und Supermärkten gibt es zudem Aushänge, mit denen Betriebe aus der Nachbarschaft Ferienarbeiter suchen. Und auch Eigeninitiative kann zum Ziel führen: „Wer frühzeitig weiß, welche Tätigkeit er machen möchte, sollte auf eigene Faust aktiv werden. Mit einem kleinen persönlichen Bewerbungsflyer im Briefkasten des Unternehmens ist der Wunschjob so gut wie in der Tasche“, rät die Arbeitsagentur Herford.

    Ferner findet man Stellenanzeigen in Tageszeitungen, deren Online-Ausgaben und Stadtmagazinen. Im Internet bieten zusätzlich zahlreiche private Jobvermittlungen ihre Dienste an. Dazu sagt Bianca Sundermeyer, die Sprecherin der Arbeitsagentur Bielefeld: „Wer einen Ferienjob mit Hilfe von Jobbörsen im Internet sucht, sollte sich vor allem das jeweilige Unternehmen genau ansehen. Dabei sind auch die Eltern gefragt. Schließlich geht es darum, ob die Kinder während ihrer Arbeit gut aufgehoben sind.“

    Ein heikler Punkt ist manchmal die Bezahlung. Denn Firmen versuchen, die Unerfahrenheit der Schülerjobber auszunutzen. Ein beliebter Trick besteht beispielsweise darin, ein fürstliches Gehalt auszuloben, in Wirklichkeit aber nur auf Provisionsbasis zu entlohnen. Ferienarbeiter, die die im Kleingedruckten des Vertrages festgelegte Leistung nicht schaffen, gehen dann mitunter ganz leer aus. Auch das kann eine Erfahrung sein – wer sie aber vermeiden möchte, sollte sich vorher genau mit den Konditionen auseinandersetzen, die der Arbeitgeber bietet.

    Und auch in anderer Hinsicht lohnt sich die genaue Erkundigung: Minderjährige Schüler dürfen nicht jeden Job machen. Nachtarbeit beispielsweise ist verboten. Das Wissenswerte über die rechtlichen Rahmenbedingungen und viele Tipps hat die Arbeitsagentur Herford in ihrem Leitfaden „Sommer, Sonne, Ferienjob“ zusammengefasst.

    Info-Kasten
    Suche nach dem Ferienjob

    Die Jobbörse der Arbeitsagentur findet sich hier:
    www.jobboerse.arbeitsagentur.de/vamJB/startseite.html?kgr=ag

    Interbörsen, die Ferienjobs vermitteln, sind beispielsweise:
    www.jobmensa.de , www.ferienjobber.net , www.ferienjob.de , www.gelegenheitsjobs.de .

    Der Ferienjob-Leitfaden der Arbeitsagentur Herford steht unter:
    www.arbeitsagentur.de/web/content/DE/dienststellen/rdnrw/herford/Agentur/Detail/index.htm?dfContentId=L6019022DSTBAI583211

  • Die Furcht vor dem leeren Öko-Regal

    Nach Schmu mit dem EU-Biosiegel will die Brüsseler Kommission strengere Regeln. Branche rebelliert.

    Die Fälscherbande flog Ende des Jahres 2011 in Italien auf: Sie soll etwa 700.000 Tonnen konventionelle Lebensmittel auf Bio getrimmt und europaweit verkauft haben, auch nach Deutschland. Steckt in der Bio-Tomate oder Bio-Ei, was drauf steht? Verbraucher sind nach einer Reihe von Betrugsfällen verunsichert. EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos verspricht, ihr Vertrauen zurückzuerobern – und will die Vorgaben und Kontrollen für Lebensmittel mit dem EU-Biosiegel strenger machen. Das ist das grüne Logo, auf dem zwölf weiße Sterne ein Laubblatt formen. Nur: Ciolos versetzt die Biobranche in Aufruhr.
    Am Montag hat der Bund für Ökologische Lebensmittelwirtschaft, BÖLW, die Bundesregierung aufgefordert, Ciolos Vorhaben zu kippen. Das kommt nicht oft vor. Liegt ein Verordnungsentwurf auf dem Tisch, versuchen Lobbyisten sonst so viele Änderungen wie möglich durchzusetzen. Dem Spitzenverband der Erzeuger, Verarbeiter und Händler von Bioprodukten in Deutschland reicht das diesmal nicht. Sie halten für „untauglich“, was Ciolos ein „Refokussierung der Bioproduktion auf ihre Prinzipien" nennt.

    Zum Beispiel die Kontrollen: Wer in seinem Imbiss, seiner Tankstelle, seinem Schulkiosk auch Bio-Limo oder Öko-Müsliriegel verkauft, müsste sich künftig von einer Öko-Kontrollstelle überprüfen lassen. Das bedeutet eine Menge Papierkram, es kostet Zeit und Geld. Das mache doch niemand mit, meint der BÖLW-Vositzende Felix Prinz zu Löwenstein.

    Weiteres Problem: Ökowinzer kaufen junge Pflanzen aus herkömmlichen Baumschulen, um spezielle Rebsorten ernten zu können. Die Öko-Züchtung ist kompliziert, sie muss auch bei anderen Pflanzen, etwa Himbeeren, noch besser erforscht werden. Künftig soll es Bioerzeugern jedoch untersagt werden, konventionelles Saat- und Pflanzgut zu verwenden. Mancher Wein, manches Obst, so sagt Löwenstein, könne es dann nicht mehr in Öko geben.

    Auch beim Eiweißfutter, das in die Tröge von Schweinen und Geflügel kommt, gibt es eine Öko-Lücke. Bisher durften darum fünf Prozent aus nicht biologischen Anbau stammen. Künftig muss alles ökologisch hergestellt sein. Das sei nicht machbar, sagen die Branchenvertreter. Die Tiere aber würden „krank“, bekämen sie nicht genug Proteine.

    Zu schaffen macht der Branche aber vor allem eins: Öko-Produzenten sollen künftig garantieren, dass der Anteil an Ackergiften in ihrer Ware nicht höher ist als bei Baby-Nahrungsmitteln. Die Biolandwirte nutzen selbst keine chemisch-synthetischen Pestizide. Geht alles mit rechten Dingen zu, stammen Rückstände nicht aus der eigenen Produktion, sondern sind eher von Nachbarfeldern rüber geweht. Die Biobauern sagen, sie arbeiteten eben nicht unter der Glasglocke.

    Wer die reine Lehre fordere, schaffe Leere – im Ökosupermarkt. Das ist die Botschaft der Biobranche in Kürze. Das Bundesagrarministerium, so hieß es gestern, habe dies verstanden. Bevor die Reform der Ökoverordnung in Kraft treten kann, muss sie im EU-Parlament und im Rat der Mitgliedstaaten eine Zustimmung bekommen.

    Kasten: Bio-Markt
    Die Nachfrage nach Bio-Produkten wächst. Laut EU-Kommission vervierfachte sich der Markt für Öko-Erzeugnisse in den vergangenen zehn Jahren. Die landwirtschaftliche Fläche verdoppelt sich aber nur. In Deutschland vergrößerte sich der Anteil der biologisch bewirtschafteten Felder 2012 noch um 0,1 Punkte auf 6,2 Prozent der gesamten Ackerfläche. In den Geschäften legte der bundesweite Umsatz mit Bio-Lebensmitteln dagegen 2013 um 7,2 Prozent auf mehr als 7,5 Milliarden Euro zu.

  • Atomkonzern in Staatshand

    Die Energieunternehmen bieten der Bundesregierung an, die Kernkraftwerke zu übernehmen. Gewinn oder Verlust für den Staat?

    Am Vorschlag, die deutsche Atomindustrie zu verstaatlichen, scheiden sich die Geister. „Die Idee finde ich jetzt erstmal nicht schlecht“, kommentierte Michael Vassiliadis, Chef der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie. Die Bundesregierung wies den Plan dagegen zurück. Welche Vor- und Nachteile könnte es bringen, wenn unter anderem die Kernkraftwerke einer öffentlichen Stiftung gehörten? Unsere Zeitung beantwortet die wichtigsten Fragen.

    Warum machen die Atomkonzerne einen solchen Vorschlag?
    Wenngleich die Unternehmen E.ON, RWE und EnBW zu dem vom Spiegel veröffentlichten Vorschlag am Montag nichts sagen wollten, lässt sich ihre Lage so beschreiben: Die Kernkraftwerke sind weniger ausgelastet, ihr Gewinn sinkt, weil mehr Ökostrom produziert wird. Außerdem haben die Vorstände Sorgen wegen der hohen Kosten, die der Abriss der Anlagen und der Bau des Endlagers für stark strahlenden Müll verursachen werden.

    Hätte der Staat Vorteile?
    Die Idee ist offenbar, eine öffentliche Stiftung zu gründen, die die Atomkraftwerke bis zum Ausstieg 2022 betreibt, ihren Abriss organisiert und das Endlager für Atommüll errichtet. Als Gegenleistung für die Übernahme müssten die Unternehmen Milliardenwerte auf die Stiftung übertragen. Aus diesen Einnahmen würde die Abwicklung der Atomindustrie finanziert.

    Welche Werte bekäme die Stiftung?
    Wenn der Stiftung die Nuklearanlagen gehörten, erhielte sie erstens die Erlöse aus dem Verkauf des Stroms. 2011 schätzte die Investmentbank Lazard diese Einnahmen auf rund 15 Milliarden Euro. Die Summe könnte aber geringer ausfallen, da der Verkaufspreis pro Megawattstunde seitdem um etwa 20 Prozent gesunken ist. Zweitens würden die Firmen etwa 36 Milliarden Euro auf die Stiftung übertragen, die sie als Rückstellung für die Entsorgung des Atommülls gebildet haben. Weil die Mittel zum Teil in Kohle- und Gaskraftwerken angelegt sind, müssten auch diese möglicherweise in die Stiftung eingebracht werden. Drittens könnten die Konzerne auf juristische Klagen vor Gericht verzichten, die sie gegen die Bundesregierung unter anderem wegen des schnellen Atomausstiegs angestrengt haben. Das könnte der Regierung Zahlungen von bis zu 15 Milliarden Euro ersparen. Die drei Posten zusammengerechnet, beliefen sich die finanziellen Vorteile für den Staat auf 66 Milliarden Euro.

    Wie hoch wären die Kosten?
    Die Verschrottung und Entsorgung von 17 Atomkraftwerksblöcken wird auf etwa 25 Milliarden Euro geschätzt. Dabei stellt sich aber die Frage, wer die weiteren Kosten für die 13 Blöcke übernimmt, die laut Atomforum bereits abgebaut werden. Hinzu kommen die Ausgaben für die Erkundung und Errichtung des Atomendlagers. Diese können bis zu 30 Milliarden betragen. Die Kosten würden sich damit auf etwa 55 Milliarden summieren. Unter dem Strich würde die öffentliche Stiftung einen Gewinn von elf Milliarden Euro erwirtschaften. In dieser groben Rechnung stecken allerdings viele Variablen. Nicht ausgeschlossen ist, dass der Staat am Ende Verlust macht.

    Was will die Regierung?
    Im Koalitionsvertrag steht, dass die Regierung eine Garantie der AKW-Betreiber für deren Rückstellungen erreichen will. Denn es gibt Zweifel, ob die 36 Milliarden Euro wirklich vorhanden sind, wenn sie gebraucht werden. Eine oft gestellte Frage lautet: Ist der gebeutelte RWE-Konzern in der Lage, seinen Anteil von zehn Milliarden aufzubringen? Eine Möglichkeit zur Sicherung der Rückstellung wäre es nun, diese in einen öffentlichen kontrollierten Abrissfonds einzubringen. Ein Interesse an der Übernahme der AKW hat die Regierung aber bisher nicht geäußert.

    Existiert ein Vorbild?
    Die private, aber staatlich kontrollierte RAG-Stiftung wickelt den Steinkohle-Bergbau an Ruhr und Saar ab. Gleichzeitig trägt sie die sogenannten Ewigkeitskosten des Bergbaus – sie finanziert beispielsweise, dass alte Stollen gefüllt werden, damit die Wohnhäuser darüber nicht einstürzen. Tun kann sie das, weil ihr die Ruhrkohle AG und der profitable Chemiekonzern Evonik gehören. Dessen Gewinne finanzieren die Abwicklung und Sicherung der Bergwerke. Bisher funktioniert das Modell.

  • Der billige Strom erweist sich als Märchen

    Kommentar

    Die Geschichte vom billigen Atomstrom war schon immer frei erfunden. Nun wird sie wohl endgültig als Märchen entlarvt. Die Stromversorger, die die deutschen Meiler betreiben, wollen die Risiken für deren Abbau und die Lagerung des strahlenden Mülls auf den Steuerzahler abwälzen. Dazu bieten sie viele Milliarden Euro ihrer Rückstellungen für die Beseitigung der unseligen Technik an und wollen auf Klagen gegen den Staat verzichten. Die Allgemeinheit soll dann für den Betrieb bis zur Stilllegung des letzten Reaktors sorgen und schließlich auch für die Beseitigung der Altlasten. Die Konzerne wären fein raus. So geht es natürlich nicht.

    Die Bundesregierung will die Atomkraft auch gar nicht in die Hände bekommen und die großen Stromversorger aus ihrer Verantwortung entlassen. Dabei sollte sie auch bleiben. Es wäre der Öffentlichkeit nur schwer vermittelbar, warum wieder einmal Gewinne bei den Privaten hängen bleiben und Verluste vergesellschaftet werden. Etwas anderes wäre ein solcher Handel nicht. Warum der Vorstoß jetzt erfolgte, behalten die Konzerne noch für sich. Aber es gibt gute Gründe für sie, sich endgültig von der Atomkraft zu verabschieden.

    Denn die große Koalition will die Versorger kräftig zur Kasse bitten und die für den Atomausstieg gebildeten Reserven aus den Unternehmen herausholen und in einen Fonds einbringen, der dann die Beseitigung der Anlagen und den Bau eines Endlagers finanziert. Das ist eine gute Idee, sichert es doch die benötigten Mittel. Denn wenn einer der Versorger nicht mehr zahlungsfähig sein sollte, wäre wohl auch dessen Anteil an den Abbaukosten verloren. Das Fondsmodell hat also aus Sicht des Steuerzahlers eine Menge Charme. Aus dem Blickwinkel der Stromkonzerne sieht es schon anders aus. Das Kapital ist nicht frei, sondern zum Beispiel in Kraftwerken angelegt. Da sich mit Atomkraft derzeit kaum noch viel Geld verdienen lässt, möchten sie dann schon lieber gleich alles loswerden, vor allem mögliche Risiken.

    Denn wie viel der Abriss der Meiler, die Lagerung des strahlenden Mülls und der Bau eines Endlagers am Ende kosten werden, weiß niemand genau. Die bislang genannten Zahlen sind nichts als Schätzungen. Der Vorschlag könnte sich am Ende für den Staat rechnen. Er könnte sich aber genauso gut als eine Kostenfalle für den Steuerzahler erweisen. Auch deshalb gibt es keinen Grund, diejenigen aus der Verantwortung zu entlassen, die über Jahrzehnte mit der Atomkraft gutes Geld verdient haben.

    Womöglich ist die Idee von der Teilverstaatlichung der Stromwirtschaft auch nur geboren worden, um den gemeinsamen Fonds von vornherein in Misskredit zu bringen. Zuzutrauen ist das den Strategen der Versorger allemal. Glauben die einstigen Treiber der Atomkraft womöglich selbst nicht mehr an ihren billigen Strom?

  • Im nächsten ICE darf das Fahrrad mit

    Die Entwicklung der neuen Baureihe liegt im Plan. Änderungen vereinfachen die Zulassung.

    In der nächsten Generation der ICE-Züge dürfen die Passagiere auch Fahrräder mitnehmen. Die Züge werden länger und komfortabler. Auch das leidige Problem häufig kaputter Toiletten soll mit der Einführung der unter dem Arbeitsnamen ICx firmierenden Baureihe der Vergangenheit angehören. „Wir haben die Entwicklungs- und Konstruktionsphase abgeschlossen“, sagt die für Technik zuständige Bahn-Vorständin Heike Hannagarth.

    Die Bahn lässt den ICx von Siemens und Bombardier bauen. Bestellt wurden zunächst 130 Züge im Gesamtwert von 5,3 Milliarden Euro. In einem Rahmenvertrag wurde der Bau von bis zu 300 Zügen vereinbart. Die ersten acht sollen mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2017 über die Gleise rollen. Danach kommt alle zwei bis drei Wochen ein neuer Zug dazu.

    Die Bahn will die Wünsche der Kunden berücksichtigen. Dazu wurde ein maßstabsgerechtes Modell entworfen und mit verschiedenen Ausstattungsvarianten gebaut und den künftigen Fahrgästen vorgestellt. „Kundenbefragungen zeigen einen Bedarf für mehr Komfort und ein hochwertiges Design“, erläutert Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg. So wird der ICx modern gestaltet, zum Beispiel mit Edelstahl-Oberflächen oder Monitoren in allen Fahrgasträumen. Die Internetanbindung fehlt auch nicht.

    Darüber hinaus wird es mehr Platz für Familien mit Kinderwägen und auch für sperrige Gepäckstücke geben. Neu sind auch Stellplätze für Fahrräder, die im ICE bislang nicht mitgenommen werden dürfen. Im Gegensatz zum Flugzeug dürfen Bahnfahrer auch künftig so viele Gepäckstücke mitnehmen wie sie wollen. Eine Begrenzung sei nicht vorgesehen, betont Homburg.

    Mit der nächsten Generation des ICE verändern sich auch die Transportkapazitäten. Es wird zwei Varianten des Zuges geben. Die Basisvariante erhält zehn Waggons und kann damit annähernd 1.000 Passagiere ans Ziel bringen. Zudem gibt es eine kleinere Version mit sieben Wagen. Hannagarth zufolge liegen die Hersteller bei der Vorbereitung des ersten Einsatzes im Zeitplan. Nachdem es bei früheren Bestellungen des rollenden Materials immer wieder zu erhebnlichen Verzögerungen seitens der Industrie gekommen ist, arbeiten Besteller und Hersteller nun besser zusammen. Auch die Zulassungsverfahren wurden reformiert, so dass fertige Züge schneller den Verkehr aufnehmen können.

  • Schäubles Schlafmützenpolitik

    Kommentar zur Steuerschätzung von Hannes Koch

    Lethargie macht sich breit zwischen Bundesfinanzministerium und Bundeskanzleramt in Berlin. Die aktuelle Finanzpolitik ist ein Beispiel dafür. Wie war die offizielle Reaktion aus Schäubles Haus auf die Steuerschätzung und die höheren Steuereinnahmen? Sinngemäß: Nun mal ganz langsam, das zusätzliche Geld ist gar kein zusätzliches Geld, uns sind die Hände gebunden. So ist es, wenn die Partei, die die Regierung beherrscht, dem nächsten Wahlsieg in drei Jahren entgegendämmert.

    Schäubles Finanzpolitik zeigt: Da ist kein Pfeffer drin, keine Herausforderung, kein Ehrgeiz, keine Idee. Außer einer: Wir wollen jetzt mal möglichst lange genießen, dass wir keine neuen Schulden machen. Ja, das ist eine Leistung. Die Union hat dazu beigetragen, dass es Deutschland so gut geht. Aber es reicht nicht, sich darauf auszuruhen. Es ist noch viel mehr zu tun.

    Wenn ernstzunehmende Ökonomen – beispielsweise Marcel Fratzscher, ehemals Europäische Zentralbank, jetzt Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung – daraufhinweisen, dass wir unseren Wohlstand aufzehren, ist das eine Alarmmeldung ersten Ranges. Das DIW sagt: Der Wert der öffentlichen Infrastruktur nimmt ab – Verkehrswege, Wasserleitungen und Schulen verschleissen. Der Staat investiert nicht genug, um sie in Schuss zu halten. Von Neuinvestitionen in Datenleitungen, Stromtrassen und moderne Bildung gar nicht zu reden. Wird dieser Investitionsrückstand nicht bald behoben, wird uns das Wohlstand in der Zukunft kosten.

    Die Bundesregierung müsste also ein Investitionsprogramm auflegen und seine Finanzierung planen. Was tut sie stattdessen? Sie freut sich ihrer 80-Prozent-Mehrheit der Sitze im Bundestag und legt die Hände in den Schoß. So ist das mit einer Kanzlerin, die seit neun Jahren regiert, und mit ihrer großen Koalition die Opposition an die Wand drückt. Stillstand beginnt Einzug zu halten. Bei Helmut Kohl war das schließlich auch so.