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  • Die Adern des Welthandels

    Wichtige Wasserstraßen für den Wohlstand

    Seit Jahrhunderten sind Schiffe Garanten für den Handel. Über die Weltmeere werden Öl und Gas, Autos und Konsumgüter transportiert. Deutschlands exportorientierte Wirtschaft, Häfen wie Bremerhaven, Hamburg und Wilhelmshaven sind auf freie Seewege angewiesen. Sind strategische Stellen blockiert, trifft das den Welthandel empfindlich. Ein Überblick über die wichtigsten Wasserstraßen der Welt.

    Panamakanal: Seit 1914 verbindet der Panamakanal den Atlantik mit dem Pazifik. Schiffe können sich die lange Reise um Südamerika und die gefährlichen Strömungen und Winde am Kap Hoorn sparen. Für den Welthandel insgesamt ist der Kanal nach Zahlen der Nachrichtenagentur Bloomberg nicht so wichtig wie andere Wasserstraßen: Drei Prozent der weltweiten Seefracht schwimmen über die mehr als 80 Kilometer jährlich, vor allem Gas und Container. Mehr als 11.000 Schiffe passierten den Kanal 2024. Er hat vor allem für die USA strategische Bedeutung. Sie können einen Teil ihrer Flotte schnell von einem Ozean in den anderen verlegen.

    1903 hatten die Amerikaner die Unabhängigkeit Panamas von Kolumbien militärisch erzwungen. Sie bauten den Kanal und sicherten sich die Hoheitsrechte. Erst Ende 1999 übernahm Panama die Wasserstraße. Der designierte US-Präsident Donald Trump forderte bereits Sonderrechte für US-Schiffe und drohte wieder mit dem Militär.

    Gefahr für den Welthandel könnte auch der Klimawandel bringen. Zuletzt fehlte Wasser. Der riesige künstliche Gatún-See, der den Kanal speist, war wegen anhaltender Trockenheit nur spärlich gefüllt, die Schifffahrt eingeschränkt.

    Bab el-Mandeb/Suezkanal: Durch die Meerenge Bab el-Mandeb im Süden und den Suezkanal im Norden des Roten Meeres müssen fast alle Schiffe, die Waren zwischen Europa und Asien transportieren. 8,7 Prozent des Seehandels der Welt passierten 2023 die Meerenge, darunter ein Fünftel des Containervolumens und ein Fünftel aller per Schiff transportierten Fahrzeuge.

    Das „Tor der Tränen“ heißt so, weil die gefährlichen Strömungen, Fallwinde und Riffe hier manch Schiff untergehen ließen. Seit 2023 beschießen die Huthi-Rebellen aus dem Jemen Handelsschiffe mit Raketen. Trotz internationaler Militärpräsenz ist die Durchfahrt vielen Reedern zu gefährlich, weshalb sie ihre Schiffe um das Kap der Guten Hoffnung schicken. Die Fahrt dauert jetzt deutlich länger, was viele Produkte verteuert.

    Wer durch die Meerenge fährt, passiert meist auch den gut 193 Kilometer langen Suezkanal durch Ägypten. Wie wichtig er ist, zeigte sich, als sich im Frühjahr 2023 das Containerschiff Ever Given im Kanal verkantete und ihn für sechs Tage blockierte. Vor dem Kanal stauten sich Schiffe. Dringend benötigte Waren konnten nicht rechtzeitig geliefert werden und fehlten in Europa.

    Straße von Hormus: Diese Meerenge zwischen dem Iran im Norden sowie Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten im Süden ist für den Ölpreis wichtig. Auf der einen Seite liegen große Förderländer wie Irak, Kuwait, Saudi-Arabien und die vereinigten Arabischen Emirate. Die Tanker, die das Öl zu Kunden in aller Welt transportieren, müssen durch die Straße von Hormus, die an der schmalsten Stelle 55 Kilometer breit ist. Sperrt der Iran sie, wie er in den vergangenen Jahren immer wieder drohte, bedeutet das Ölknappheit und steigende Weltmarktpreise. 39 Prozent allen mit Schiffen transportierten Öls passiert die Enge, 31 Prozent allen verschifften Propangases, 19 Prozent allen Flüssiggases.

    Straße von Malakka: Mit rund 23,7 Prozent Anteil am weltweiten Seehandel ist die Meerenge zwischen Malaysia und der indonesischen Insel Sumatra die wichtigste Wasserstraße der Welt. Sie verbindet Pazifik und Indischen Ozean. Rund 94.000 Schiffe fahren hier jährlich durch. Transportiert werden vor allem Öl, Chemikalien und Gas zu Asiens Wirtschaftsmächten wie China, Südkorea und Taiwan. In die andere Richtung werden Autos und Container verschifft. An der Meerenge liegt auch Singapur mit seinem riesigen Hafen. Weil sie so stark befahren ist, stauen sich die Schiffe oft. Seit Jahrhunderten versuchen hier Piraten ihr Glück. Eine Gefahr für den Welthandel könnte auch sein, dass die Region für Erdbeben und Vulkanausbrüche bekannt ist.

    Nord-Ostsee-Kanal: Der Kanal, der Schleswig-Holstein zerschneidet, hält den Weltrekord für Schiffspassagen auf künstlichen Wasserstraßen. Rund 27.000 waren es im vergangenen Jahr, Sportboote nicht eingerechnet. Der Marktanteil am Seehandel der Welt ist eher übersichtlich, für Europa ist der Kanal dennoch sehr wichtig.

    Auf 98,6 Kilometern verbindet er Nord- und Ostsee – und beschleunigt den Warentransport zwischen den baltischen Staaten, Skandinavien und Polen einerseits und Westeuropa andererseits. Seit 1914 sparen Schiffe im Schnitt 463 Kilometer Strecke, weil sie sonst rund um die dänische Halbinsel Jütland fahren müssten. Zuletzt nahm der Verkehr ab, dafür sind immer größere Schiffe unterwegs. In den vergangenen gut 25 Jahren hat sich die Tonnage im Schnitt etwa verdoppelt.

    Wegen des Trends zur Größe bei Schiffen sinkt die Bedeutung des Kanals für den internationalen Seehandel. Denn bei einer Schiffslänge von 235 Metern ist derzeit Schluss. Moderne Containerschiffe kommen auf 400 Meter Länge. Und so bewegt sich etwa zwei Drittel des Verkehrs zwischen Nord- und Ostsee inzwischen doch um Jütland herum. Der Anteil am Weltseehandel dieser Route: rund 3,9 Prozent.

  • Die Kunst der Sandale

    Sind Birkenstocks vom Urheberrecht geschützt?

    Regnerisch, grau, kühl beginnt der Tag in Karlsruhe, nicht gerade das richtige Wetter, um Birkenstock-Sandalen zu tragen. Dennoch ist das Schuhwerk Thema im Bundesgerichtshof. Vor dem 1. Zivilsenat geht es um die Frage, ob Karl Birkenstock die Modelle Arizona, Boston, Gizeh und Madrid künstlerisch gestaltet hat oder ob es schnöde Sandalen sind. Das Urteil kann Folgen für viele andere deutsche Firmen haben, die ikonische Produkte herstellen.

    Das Unternehmen aus dem rheinland-pfälzischen Linz am Rhein hat gegen drei Firmen geklagt, die die Birkenstock-Klassiker aus den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern kopiert haben. Das kann rechtmäßig sein, muss es aber nicht. Entscheidend ist, ob es rechtlichen Schutz gibt. Und hier wird es kompliziert. Das Designrecht schützt 25 Jahre, danach kann im Prinzip jeder nachahmen. Im Birkenstock-Fall wäre eine Kopie kein Problem.

    Anders beim Urheberrecht: Es schützt bis 70 Jahre nach dem Tod des Schöpfers. Allerdings muss das Produkt dafür erkennbar künstlerisch gestaltet sein. Oder, wie es Konstantin Wegner von der Kanzlei SKW Schwarz sagt, der Birkenstock vertritt: „Angewandte Kunst kann urheberrechtlichen Schutz genießen. Das betrifft Alltagsgegenstände, die so gestaltet sind, dass sie ein ikonisches unverwechselbares Design haben.“

    Darum, wie viel künstlerische Schöpferkraft in den Sandalen steckt, geht es jetzt seit mehreren Jahren. Das Landgericht Köln gab Birkenstock recht, das Oberlandesgericht Köln der Gegenseite, den drei Firmen Tschibo, Schuh.de und dem Bekleidungsriesen Bestseller. Jetzt muss der BGH sich mit dem Thema befassen. „Gerade, dass die Sandalen so viel kopiert werden, zeigt das Schutzbedürfnis“, sagt Anwalt Wegner.

    Seit etwa acht Jahren kämpft Birkenstock verstärkt gegen alle, die die Hauptprodukte nachahmen. Im Fall von Arizona, Boston, Gizeh und Madrid gebe es inzwischen mehrere tausend Seiten mit Gutachten und Ausführungen, sagt Steffen Schäffner, der im Unternehmen zuständig ist für geistiges Eigentum. „Die Produkte der anderen sind praktisch identisch nachgemacht. Dabei gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, die Sandale zu gestalten.“

    Sind also die Modelle mit dem Korkfußbett künstlerisch gestaltet? Oder hätte jeder auf das Design kommen können, weil es sich irgendwie anbietet? Die Richter entschieden nach der mündlichen Verhandlung am Donnerstag noch nicht. Einen ähnlichen Fall, der den deutschen Regalspezialisten USM betrifft, hatte das Gericht an den Europäischen Gerichtshof verwiesen. Für Birkenstock ist das Urteil besonders wichtig, auch wenn es nur für den deutschen Markt gilt. Denn: „Die Modelle sind für die Wahrnehmung der Marke Birkenstock prägend“, sagt Anwalt Wegner. Im Klartext: Wer Arizona sieht, denkt Birkenstock. Und nur die echte, teure Sandale bringt dem Unternehmen etwas.

    Die Marke Birkenstock verbanden viele lange mit Gesundheitsschuhwerk. Die Sandalen sind beliebt bei medizinischem Personal. Jahrzehntelang teilte das Design die Menschen grob in jene, die es als hässlich empfanden, und jene, die große Fans waren. Die Hippies der Siebziger zum Beispiel. Inzwischen hat sich die Marke auch weit entfernt vom Bild des deutschen Urlaubers in weißen Tennissocken und Birkenstock-Sandalen. Dem Unternehmen gelang es, die Schuhe in ein gefragtes Modeprodukt zu verwandeln. Im Kinofilm Barbie trägt die Hauptfiguren die Sandalen in Pink – und anders als viele Unternehmen, deren Produkte zu sehen sind, hat Birkenstock weder etwas bezahlt noch den Film kostenlos ausgestattet.

    Die Chancen erkannte Frankreichs Luxusunternehmer Bernard Arnault und sein Konzern LVMH (Louis Vuitton, Tiffany, Dior). Sie kauften 2021 direkt und indirekt die Mehrheit von den Erben der Gründerfamilie, brachten Birkenstock 2023 in den USA an die Börse. Und das Geschäft mit den Sandalen läuft. Vor allem in Asien baut Birkenstock kräftig aus. Im Geschäftsjahr 23/24 (30. September) setzte das Unternehmen 1,8 Milliarden Euro um, ein Plus von 21 Prozent. Der Gewinn stieg sogar um 155 Prozent auf 192 Millionen Euro.

    Insgesamt verkaufte das Unternehmen 34,1 Millionen Paar Schuhe, 14 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Alle produziert in den deutschen Werken. Besonders beliebt trotz aller Sonderauflagen in Gold oder mit Fell und Plüsch sind die Birkenstock-Klassiker, um die es vor dem BGH geht. Mit etwas Glück ist der Fall entschieden, bis sich das Wetter wieder für Sandalen eignet – Hersteller egal.

  • Heidelberg entthront München

    Neue Gründerhauptstadt profitiert von Universität

    Gute Nachrichten aus der deutschen Wirtschaft: Gründer glauben an den Standort und seine Zukunft. 2024 entstanden so viele neue Technologiefirmen wie seit langem nicht mehr. Der Boom künstlicher Intelligenz beflügelt, wie der Startup-Verband berichtet. Der größte Teil der jungen Unternehmen beschäftigt sich mit Software.

    Insgesamt 2766 neue Technologiefirmen zählte der Verband, elf Prozent mehr als 2023 und zweitbester Wert, seit die Zahlen ermittelt werden. Die Zahl der Gründungen werten die Experten als Hinweis darauf, wie gut die Stimmung unter den Innovatoren ist, jenen, die an neuen Ideen arbeiten. Offenbar sehen viele die aktuelle Lage als Chance. „Krisenzeiten sind Gründungszeiten. Die aktuellen Zahlen sind ein starkes Signal für den Standort Deutschland“, sagt Helmut Schönenberger, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Verbands.

    Die meisten neuen Firmen gab es 2024 in Bayern (538) vor Berlin (498), Nordrhein-Westfalen (494) und Baden-Württemberg (352). Doch die Zahlen täuschen etwas: Gegründet wird vor allem in großen Städten. So profitiert Bayern von der Region München. Außerhalb des Großraums passiert deutlich weniger. Ähnlich ist es in Baden-Württemberg. In nur sechs Städten und Kreisen entstanden jeweils 50 oder mehr Startups, insgesamt 38 Prozent aller Neugründungen. Absolut ganz vorn: Berlin (498), München (213), Hamburg (161), Köln (73) Landkreis München (58) und Frankfurt (51).

    Das Gefälle zum Land ist riesig. In 354 der 400 deutschen Städte und Kreise sind jeweils weniger als zehn Technologiefirmen gegründet worden, wie der Startup-Verband ermittelt hat. Er vermutet, „dass noch große Potenziale jenseits der Hotspots zu heben sind.“ Wobei fraglich ist, ob sich Gründer ins niedersächsische Zeven, das sächsische Johanngeorgenstadt oder ins rheinland-pfälzische Daun locken lassen. Große Städte haben meist schon viele andere Gründer und Geldgeber, was Neulingen hilft. Außerdem bieten sie oft kulturell mehr und sind international besser angebunden.

    Gründerhauptstadt ist in diesem Jahr Heidelberg. Auf 100.000 Einwohner gab es hier im vergangenen Jahr 13,5 neue Unternehmen. Die Gründer stammen vor allem aus dem Umfeld der Universitäten. Die Baden-Württemberger kletterten von Rang 5 an die Spitze und verwiesen München mit 13,4 auf Rang 2. Berlin liegt mit 13,2 auf Rang drei. Darmstadt, vergangenes Jahr auf Rang 3, rutschte auf Rang 5 ab. Neu unter den besonders gründungsfreudigen Städten ist Köln auf Rang 10.

    Als Startups gelten Unternehmen, die bis zu acht Jahre alt sind, von Innovation und Technologie getrieben werden und vor allem schnell stark wachsen wollen. Klassische Handwerker werden deshalb nicht gezählt, auch wenn sie neu starten. Der Startup-Verband nutzt Daten von Startupdetector. Die Firma durchsucht Handelsregister nach Gründungen und bewertet sie. Etwa drei Prozent aller neuen Firmen entsprechen den Vorgaben: Der Wollladen ist raus, das Unternehmen mit Schulungssoftware fürs Mobiltelefon dabei.

    Startups beginnen meist klein mit wenigen Beschäftigten. Viele scheitern, im vergangenen Jahr meldeten 336 Insolvenz an, 2023 waren es 286. Vor allem im Onlinehandel gaben viele auf. Andere Startups landen nach einiger Zeit bei größeren Konzernen, die sich die Technologien sichern wollen. Und einige Firmen entwickeln sich zu den großen Arbeitgebern von Morgen mit jeweils mehreren tausend Mitarbeitern. Der Online-Modehändler Zalando aus Berlin etwa, der bis in den Deutschen Aktienindex Dax aufstieg, in dem die wichtigsten börsennotierten deutschen Unternehmen erfasst sind.

    Manche der Startups sind groß, aber nicht börsennotiert, etwa Celonis aus München, deren Software Unternehmensstrukturen durchleuchtet und Abläufe beschleunigen kann. Auch die Onlinebanken N26 und Trade Republic aus Berlin oder der Übersetzungsspezialisten Deepl aus Köln gehören dazu. Weil viele Investoren Risikokapital gegeben haben, ist ein theoretischer Unternehmenswert bekannt.

    Wertvollstes deutsches Startup ist danach Celonis mit rund 13 Milliarden Dollar, wie die US-Analysefirma CB Insights ermittelt hat. Auf Rang 2 folgt N26 mit 9,23 Milliarden Dollar. Insgesamt 31 deutsche Technologiefirmen sind mehr als eine Milliarden Dollar wert. Solche Unternehmen werden Einhörner genannt. In der Liste tauchen auch Personio (Personalsoftware, München), Helsing (Rüstung, München), Forto (Logistiksoftware, Berlin) und der Drohnenhersteller Volocopter aus dem baden-württembergischen Bruchsal auf.

  • „Neues Wachstum entfesseln“

    Bankenpräsident Christian Sewing im Interview

    2024 ist schlecht gelaufen. Deutsche Produkte sind weltweit weniger gefragt als noch vor Jahren. Die Autobranche, Deutschlands Schlüsselindustrie, schwächelt. In den USA wartet ein neuer Präsident. Und die Ampel-Koalition ist gescheitert. Was kommt 2025? Christian Sewing, Präsident des Bundesverbands deutscher Banken, antwortet.

    Konjunktur

    Optimismus versprüht Sewing nicht. „Das kommende Jahr wird herausfordernd bleiben“, sagt er. Deutschland habe mit einer andauernden Wachstumsschwäche zu kämpfen. „Eine kurzfristige Verbesserung ist derzeit nicht absehbar – wir starten mit einer schwachen Konjunktur ins neue Jahr.“ Vom Außenhandel, der in der Vergangenheit ein starker Wachstumsmotor gewesen sei, seien 2025 keine größeren Impulse zu erwarten. Der private Konsum bleibe ein wichtiger Hoffnungsträger.

    Trotzdem hält Sewing für 2025 ein leichtes Wirtschaftswachstum von etwa 0,5 Prozent für möglich. „Aber gemessen am wirtschaftlichen Potenzial Deutschlands und unserem Investitionsbedarf ist das auf Dauer natürlich viel zu wenig.“ Die Wirtschaftsweisen gehen von 0,4 Prozent Plus aus, der Internationale Währungsfonds von 0,8 Prozent. Die Bundesregierung erwartet 1,1 Prozent. 2024 dürfte die deutsche Wirtschaft geschrumpft sein.

    Die Wachstumsschwäche breitet sich 2025 auch auf dem Arbeitsmarkt aus. „Die Zahl der Arbeitslosen könnte im Verlauf des kommenden Jahres auf rund 2,9 Millionen steigen“, sagt der Bankenpräsident. „Im Jahresdurchschnitt wäre das ein Anstieg um etwa 80.000 Personen.“ Dabei trifft es nicht alle gleichermaßen: „Fachkräfte und gut Ausgebildete werden unvermindert gesucht“, sagt Sewing, der auch Chef der Deutschen Bank ist.

    USA-Wahl

    Die Wahl von Donald Trump zum nächsten US-Präsidenten hat den Druck auf Deutschland und Europa erhöht. „Eine protektionistische „America First“-Politik der neuen US-Regierung könnte sowohl den Handel als auch die Verteidigungslage spürbar beeinflussen“, sagt der Bankenpräsident. „Für unser offenes Wirtschaftsmodell stellt das eine ernsthafte Herausforderung dar.“

    Für Europa heiße das, enger zusammenzuarbeiten, eigenständiger zu handeln und die Wettbewerbs- und Verteidigungsfähigkeit zu stärken. „Nur durch Geschlossenheit können wir in einem sich wandelnden globalen Umfeld unsere wirtschaftliche Stellung und politische Souveränität behaupten“, sagt Sewing. „Vor allem aber müssen wir einen steigenden externen Druck auf unser Wirtschafsmodell als Weckruf verstehen“, fordert er. „Wir brauchen dringend Reformen, die das Wachstumspotenzial in Deutschland und Europa insgesamt stärken.“

    Bundestagswahl

    Für die nächste Bundesregierung hat Sewing klare Vorschläge. Umfassende Strukturreformen seien nötig.Weder wirtschaftspolitische Einzelmaßnahmen noch die staatliche Förderung ausgewählter Wirtschaftsbereiche reichen aus“, sagt der Bankenpräsident. „Auch die Vorstellung, man könne die Wirtschaft allein durch eine höhere Staatsverschuldung wieder auf einen stabilen Wachstumspfad bringen, ist unrealistisch.“

    „Die Wahlen zum Deutschen Bundestag könnten ein Neubeginn sein, wenn die neue Regierung die Situation als Chance begreift und dringend notwendige Reformen schnell angeht“, sagt Sewing. Dazu gehören für ihn spürbare Entlastungen bei den Energiekosten, wettbewerbsfähige Unternehmenssteuern, schnellere Genehmigungsverfahren und eine modernisierte Infrastruktur. „Mit einem solchen Reformpaket könnten wir nicht nur unsere Wettbewerbsfähigkeit stärken, sondern auch neues Wachstum entfesseln“, sagt er. „Für die nächste Bundesregierung muss gelten: Wirtschaftsreformen haben oberste Priorität.“

    Inflation

    Nach kräftigem Rückgang ist die Inflationsrate in Deutschland von 1,6 Prozent im September auf 2,2 Prozent im November gestiegen. „Da sich die Lohnentwicklung im Euro-Raum nur langsam abschwächt, gehen die privaten Banken davon aus, dass sich die Inflationsrate im kommenden Jahr bei etwas über zwei Prozent einpendeln wird“, sagt der Bankenpräsident. Niedriger, wenn der Euro-Raum sich schwächer entwickelt, höher wenn die Handelskonflikte mit gegenseitigen Zollerhöhungen eskalieren. Die Europäische Zentralbank (EZB) strebt nahe zwei Prozent an.

    Zinsen

    Sewing erwartet, dass die EZB die Leitzinsen weiter senkt. Der Prozess werde voraussichtlich auch 2025 weitergehen. Eine konkrete Zahl nennt er nicht. Derzeit beträgt der sogenannte Einlagenzins 3,0 Prozent. Beobachter können sich einen Leitzins von unter zwei Prozent vorstellen. „Ob das so kommt, wird man sehen müssen“, sagt Sewing. „Die Unsicherheit bleibt hoch.“

    Für Sparer bedeutet das nichts Gutes. „Sollten die Zinsen weiter sinken, gehen wir generell davon aus, dass auch die Guthabenzinsen sinken“, sagt Sewing. Allerdings seien die Zinsen für Tagesgeld- und Sparkonten stark vom Geschäftsmodell der einzelnen Institute abhängig.

    Filialen

    Wer für seine Bankgeschäfte eine Filiale aufsucht, wird es 2025 noch schwerer haben. „Die Zahl der Bankfilialen in Deutschland wird weiter abnehmen, weil sich das Verhalten der Kunden verändert hat“, schätzt der Bankenpräsident. 2023 hatte die Bundesbank 19.501 Filialen gezählt. 2013 waren es noch 36.192. Die Rolle der Filialen habe sich verändert, sagt Sewing. Heute kämen die meisten Kunden, wenn sie persönliche Beratung brauchen – zum Beispiel bei Themen wie Immobilienkauf oder Altersvorsorge. Für solche Kunden werde es auch in Zukunft Filialen geben.

  • Die Welt spricht Deepl

    Kölner gehören zu wichtigsten KI-Firmen der Welt

    So sieht also der Chef eines Unternehmens aus, das Google ausgestochen hat. Jarek Kutylowski trägt ein dunkles Poloshirt. Die Haare sind dunkel und leicht zurückgekämmt. Er ist seit längerer Zeit mal wieder in seinem Büro in einem Kölner Gewerbegebiet und nicht an einem der internationalen Standorte oder bei Investoren. Der Mann reißt Sprachbarrieren ein – weltweit und sehr erfolgreich.

    Sein Unternehmen Deepl ist so etwas wie der Goldstandard bei Übersetzungen, besser als Google Translate. Es nutzte schon künstliche Intelligenz (KI), als das Programm ChatGPT nur eine Idee in den Köpfen einiger Technokraten war. Millionen Menschen verwenden die Produkte der Kölner täglich für Geschäftspost, Fachbeiträge, Verträge. In Behörden und Firmen weltweit läuft es im Hintergrund.

    Deepl ist ein deutsches Vorzeigeunternehmen, das kaum öffentlich genannt wird. Kutylowski formuliert es so: „Wir konzentrieren uns darauf, unser Produkt zu bauen und Wert für den Kunden zu schaffen.“ Lautstarke Auftritte stören da manchmal.

    Der Chef kennt sich mit Sprachbarrieren aus, auch das ein Antrieb, Deepl zu entwickeln. Als kleines Kind kommt er mit seinen Eltern aus Polen nach Deutschland – ohne Deutsch zu können. Nach seinem Promotion in Computer Science an der Universität Paderborn startet der Informatiker 2012 beim Online-Wörterbuch Linguee in Köln als Technikchef. Sein Team entwickelt eine Software, die über neuronale Netze Sprachen „lernt“. Solche Netze ahmen das menschliche Gehirn nach.

    2017 startet der Online-Übersetzer mit sieben Sprachen, darunter Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch und Polnisch. Kutylowski gründet Deepl, eine Abkürzung für Deep Learning, vertieftes Lernen. Inzwischen beherrscht die Software 26 weitere Sprachen, darunter Chinesisch, Japanisch und Koreanisch sowie Russisch.

    Wie bringt man der Software eine Sprache bei? „Wir sagen der KI nicht explizit etwas über die Sprache, die sie lernen soll“, sagt Kutylowski. „Wir geben auch keine Grammatik vor. Sie bekommt eine Menge von Beispieltexten. Die KI lernt die Sprache dann größtenteils selbst.“ Klingt einfach, hat aber seine Tücken. „Im Japanischen ist beispielsweise die Beziehung zwischen einer Person und einer anderen wichtig. Im Englischen wird dies nicht vermittelt“, sagt der Deepl-Chef.

    Es gibt zahlreiche Firmen, die Übersetzungsprogramme anbieten, auch Technologieriesen. „Bei Konzernen wie Google denkt man immer, die haben sehr viel Geld. Aber die haben auch sehr viele Projekte. Übersetzung ist nur eines davon“, sagt Kutylowski. „Die Geschichte hat gezeigt, dass Start-ups sich mit eigenen Ideen behaupten können, wenn sie die Expertise haben und hart arbeiten.“

    Deepl half noch etwas anderes. „Als wir 2017 starteten, kamen KI und neuronale Netze gerade auf. Sie zeigten einen neuen Weg, wie Sprache übersetzt werden kann“, erinnert sich der Chef. Da hätten auch etablierte Firmen neu anfangen müssen. „Wir hatten deshalb als Start-up keinen großen Nachteil.“ Aber offenbar eine sehr gute Idee für die Software. Das US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ führt Deepl auf seiner Liste der 50 wichtigsten KI-Unternehmen der Welt als einzige deutsche Firma.

    Über Zahlen schweigt sich der Chef aus. Ältere Informationen aus dem Bundesanzeiger sind nur bedingt aussagefähig. 2021 schrieb Deepl bei mehr als 28,3 Millionen Euro Umsatz 1,5 Millionen Euro Gewinn. Seither ist einiges passiert. 2017 gab es 22 Mitarbeiter, heute sind es mehr als 1000 in der Zentrale in Köln, in Amsterdam, Berlin, London und New York, in Austin, Texas und Tokio. Das Unternehmen betreibt eigene Rechenzentren.

    In mehreren Runden beschaffte sich Deepl Geld für Wachstum von Investoren. Es gehört mit einem Wert von rund zwei Milliarden Dollar zu den deutschen Einhörnern. So werden Firmen mit Milliardenwert genannt, die nicht an der Börse sind. „Ich habe mich bewusst entschieden, Investoren zu beteiligen, auch amerikanische“, sagt Kutylowski. „Die USA sind der wichtigste Markt für Technologiefirmen. Wir haben so andere Perspektiven hereingeholt und wichtige Kontakte bekommen.“ Und die sind nötig. Denn die Software mag besser sein als die der Konkurrenz, doch die holt auf.

    „Alle großen Plattformanbieter wie Amazon, Apple, Google und Meta haben ein Übersetzungsprogramm. Und auch die neuen KI-Anwendungen wie ChatGPT können übersetzen, auch mehrsprachig“, sagt der Deepl-Chef. „Aber nicht so korrekt und gut wie wir.“ Das liegt an der eingesetzten KI und daran, wie sie eingestellt ist.

    Das Unternehmen bietet einen begrenzten kostenlosen Übersetzungsservice. Es gibt auch ein KI-gestütztes Schreibprogramm. Geld verdient Deepl aber vor allem mit den Anwendungen für Unternehmen und Behörden. Kunde ist unter anderem die Deutsche Bahn. Der Übersetzer lässt sich in Internetbrowser sowie gängige Software wie Microsoft Office oder Google Workspace einbinden.

    Seit November gibt es auch ein Programm für Videokonferenzen. Es erkenne derzeit 13 gesprochene Sprachen, sagt Kutylowski, übersetze sie in eine der derzeit 33 Deepl-Sprachen und zeige die Übersetzung in Untertiteln für alle an. Es klingt wie der Traum vieler Schüler: Vokabeln in der Schule zu pauken, scheint dank der Technik überflüssig. Der Deepl-Chef, der Deutsch, Polnisch, Englisch und etwas Französisch spricht, lächelt. „Ich bin sehr dafür, Sprachen selbst zu lernen.“

  • Braucht Deutschland einen Elon Musk?

    Argumente für die Feiertagsdiskussion

    An den Feiertagen kommt die Familie zusammen. Nicht immer ist es besinnlich, gerade in diesem Jahr könnten einige Wirtschaftsthemen aufregen. Argumente für erhellende Gespräch

    1. Der deutschen Wirtschaft geht es angeblich schlecht. Warum steigen dann die Börsenkurse?

    Wie die Wirtschaft läuft, zeigt das Bruttoinlandsprodukt, die Summe aller Leistungen. Und die ist in Deutschland zuletzt geschrumpft. Die Autoindustrie zum Beispiel hat offenbar nicht die Produkte entwickelt, die weltweit gefragt sind. Das hat Folgen auch für Zulieferbetriebe. Die Börsenkurse geben das nur zum Teil wieder. Die meisten deutschen Unternehmen sind nicht an der Börse notiert. Dort finden sich vor allem große, die international tätig sind. Zudem bildet der Deutsche Aktienindex Dax viele Firmen ab. Die, die gut laufen überwiegen. Der Softwarekonzern SAP treibt die Börse eher an, der Pharmakonzern Bayer und VW bremsen eher.

    Die Aktienkurse werden nicht nur von der Geschäftslage der Unternehmen beeinflusst, sondern auch von Anderem, sinkenden Zinsen zum Beispiel. Es kann attraktiver sein, in Aktien zu investieren, als mickrige Erträge auf einem Tagesgeldkonto mitzunehmen. Zudem spiegeln Kurse eher Spekulation auf künftige Gewinne wider als die wahre Lage der Wirtschaft.

    2. Die Inflation sinkt. Wann wird es wieder billiger?

    Weniger Inflation heißt leider, dass die Preise im Schnitt immer noch steigen, allerdings nicht mehr so stark. Das bedeutet auch: So günstig wie 2019 wird es nicht mehr. Wichtig: Weil die Löhne und Gehälter in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen sind, können sich viele Menschen trotz höherer Preise ein klein wenig mehr leisten – im Durchschnitt jedenfalls. Wer keine Arbeit hat, konnte auch nicht von höheren Löhnen profitieren. Und die Inflationsrate ist ein Durchschnittswert. Energie ist binnen eines Jahres sehr viel billiger geworden, was überdeckt, dass zum Beispiel einige Lebensmittel wie Butter und vor allem Dienstleistungen sehr viel teurer wurden. Manche Lebensmittel sind dagegen günstiger zu haben: Marmelade, Mehl und Zucker zum Beispiel.

    3. Die USA wollen Zölle erheben. Auch Deutschland braucht sie, um seine Wirtschaft zu schützen.

    Donald Trump liebt Zölle. Vor allem, weil er mit ihnen drohen kann, um mit anderen Ländern dann zu verhandeln, etwa mehr US-Produkte zu kaufen. Der designierte nächste US-Präsident glaubt, so auch die riesige Wirtschaftsmacht China auf Abstand zu halten.

    Deutschland kann keine Zölle einführen, sie sind Sache der EU. Erhöbe sie zum Beispiel Zölle auf chinesische Waren, würde sich China wohl wehren – mit Zöllen auf EU-Waren. Auch deutsche Produkte verteuerten sich dann in China und verkauften sich schlechter. Für die deutsche Wirtschaft ist das gefährlich. Die Bundesrepublik lebt davon, Waren in alle Welt zu verkaufen.

    Selbst wenn Deutschland Zölle erheben könnte: Dass Produktion aus China zurückkommt, ist unwahrscheinlich. Denn es dauert, neue Fabriken zu bauen. Und Deutschland ist im Vergleich zu den USA ein kleiner Markt, da rechnet sich das nicht. Zudem werden die Produkte wegen der höheren Kosten hier teurer hergestellt.

    Und es gibt weitere Gefahren. Möglicherweise investieren Firmen nicht, weil die Zölle sie vor der günstigeren und effizienteren ausländischen Konkurrenz schützen. Der Antrieb, besser als die anderen sein zu wollen, entfällt. Dank dieses Antriebs hat zum Beispiel der deutsche Maschinen- und Anlagenbau jahrzehntelang die im Vergleich zum Weltmarkt höheren deutschen Lohnkosten ausgeglichen. Auch deshalb ist er Weltspitze.

    Und nie vergessen: Deutschlands wirtschaftlicher Aufstieg und Wohlstand war nur möglich, weil die Kleinstaaterei mit dem Deutschen Zollverein 1834 ein Ende hatte und die Reichsgründung 1871 vorwegnahm. Das ist auch der Kern der EU – ein zollfreier Binnenmarkt.

    4. Bürokratieabbau lässt sich offenbar nur brachial machen. Deutschland braucht einen Elon Musk.

    Zunächst: Musk soll die Staatsausgaben senken. Deshalb will er zahlreiche Behörden abschaffen, was Bürokratie verringert. Letztlich vereinfachen Regeln und Vorgaben auch das Zusammenleben aller – ein Vorteil von Bürokratie. Grundsätzlich ist der radikale Ansatz, über alles nachzudenken, erst einmal gut. Aber: Wer möchte die Lebensmittelkontrolle abschaffen? Die staatliche KfW mit ihren Förderkrediten, die auch kontrolliert werden müssen?

    Viel läuft in Deutschland über die föderale Struktur, es gibt vieles 16 Mal. Das Aus für Bremen, Hessen, Bayern und andere würde enorme Doppelarbeit beenden und die Digitalisierung beschleunigen. Aber die Struktur gibt es genau, um einen starken Zentralstaat zu verhindern. Eine Lösung: Die Bundesländer erfinden nicht alle das Rad neu, sondern eines entwickelt zum Beispiel eine Verwaltungssoftware für alle. Musk mit seinen Kahlschlagphantasien ist dafür nicht nötig.

    5. Die Wärmepumpe ist tot. Ölheizungen sind eine günstige Alternative.

    Die Wärmepumpe ist mit dem verkorksten Heizungsgesetz der Ampel-Koalition und vermeintlichen Verboten anderer Heizungsarten verknüpft. Die Debatte verlief hitzig und eher ideologisch. Grundsätzlich darf eine Ölheizung eingebaut werden. Ob es sinnvoll ist, ist eine andere Frage.

    Sachlich betrachtet hat die Wärmepumpe Vorteile: Sie ist sauberer als eine Gas- und Ölheizung, braucht weniger Platz, der Einbau wird staatlich gefördert. Die Wärmepumpe wird mit Strom betrieben, idealerweise aus erneuerbaren Quellen in Deutschland. Eine Ölheizung wird mit einem Stoff befeuert, der auf dem Weltmarkt gekauft werden muss. Die deutsche Förderung in der Nordsee reicht bei weitem nicht.

    Wer mit Öl heizt, ist deshalb immer dem Spiel der Weltmächte ausgeliefert. Es ist unklar, wie sich der Preis entwickelt. Vor allem das Kartell Opec, die Organisation Erdöl exportierender Länder, ist daran interessiert, ihn hochzuhalten. In der Bundesrepublik dürften die Preise für Heizöl über die Jahre steigen, weil die Abnahmemengen sinken, wenn die Deutschen modernere Heizungen einbauen. Zudem muss die Heizung von 2029 an zunehmend grüne Brennstoffe verarbeiten – schwierig bei Öl.

    Für fossile Brennstoffe wie Öl wird zudem ein CO2-Preis fällig. Derzeit setzt ihn die Bundesregierung fest. Von 2027 an unterliegen Heizungen auch dem EU-Zertifikatehandel, der Preis wird dann europaweit an einer Börse bestimmt. Die Menge der Zertifikate sinkt über die Jahre, so dass der Preis steigen wird.

    6. Deutschland hat hohe Energiepreise. Die nächste Bundesregierung setzt wieder auf Atomenergie, dann wird alles billiger.

    Atomstrom hat zwei Vorteile: Er fließt stetig und es entsteht kein CO2, das die Erderwärmung befeuert. Der Wiedereinstieg kostet zunächst sehr viel Zeit: Atomkraftwerke müssen genehmigt werden, kaum jemand möchte eines vor der Tür haben. Selbst wenn alles geklärt ist: Derzeit dauert der Bau eines Akw weltweit im Schnitt mehr als zehn Jahre. Die Milliarden-Kosten vieler Neubauten etwa in Frankreich und Großbritannien liegen jeweils um ein Vielfaches höher als geplant.

    Die deutschen Altbetreiber EnBW, Eon, RWE und Vattenfall wollen nicht wieder ins Geschäft einsteigen – zu teuer, zu viel Risiko. Das müsste der Staat abnehmen. Und Atomstrom ist derzeit deutlich teurer als Strom aus Kohle, Gas und vor allem erneuerbaren Energien.

    Was, wenn kein Wind weht und die Sonne nicht scheint? Dann fehlt Strom, der Preis kann kurzzeitig hoch schnellen. Solche Stromlücken können Akw, die dauerhaft laufen, nicht füllen. Nötig sind Gaskraftwerke, die bei Bedarf schnell angeworfen werden können.

    Bleibt noch der für Jahrtausende strahlende Atommüll. Neuartige kleine, in Masse billig gefertigte Kraftwerke sollen ihn als Brennstoff nutzen. Konzepte gibt es viele. Doch von diesen sogenannten SMR (Small Modular Reactors) ist noch keiner in Betrieb, auch bei Prototypen hapert es bisher.

    7. Die EU überschwemmt Deutschland mit Bürokratie und Regeln, die uns lähmen. Allein sind wir besser und effizienter.

    Tatsächlich regelt die EU inzwischen sehr vieles. Vor allem das Lieferkettengesetz mit seiner Pflicht, sehr, sehr viel zu dokumentieren, schafft Bürokratie, aber wenig wirtschaftlichen Gewinn. Dann hat die Bundesregierung ohne Not eine deutsche Fassung des Gesetzes noch umfangreicher gestaltet. Das ist nicht Schuld der EU.

    Vergessen wird oft, welche Vorteile die Gemeinschaft dank einheitlicher Regeln hat, die jeweils nationale abgelöst haben. Zölle entfallen und damit reichlich Papierkram. Es gibt fast keine Grenzkontrollen. Mit Roaming sind die Mobilfunkkosten in jedem Land auf das gedeckelt, was man zu Hause zahlt. Mit dem Euro entfällt lästiges Umrechnen in vielen Ländern. Es gibt vereinfachte Studentenaustauschprogramme und vergleichbare Studiengänge. Geldüberweisungen sind vereinheitlicht.

    Was passiert, wenn man allein alles besser weiß, ist in Großbritannien zu sehen. Die Wirtschaftsleistung ist nach dem Verlassen der EU eingebrochen. Neue Behörden mussten her, um Zölle zu verwalten und das zu übernehmen, was vorher zentral in der EU geregelt war. Der wichtige Handel mit der EU ist wegen Zöllen deutlich teurer und kräftig geschrumpft. Und Briten zahlen plötzlich ein Vielfaches für Mobilfunk.

  • Deutsche Garnelen leuchten royalblau

    Aquapurna züchtet die Delikatesse am Fuß eines Kalibergs

    Nichts deutet hier auf Garnelen hin. Der grüne Förderturm steht still. Die Abraumhalde hinter den Gebäuden ist überwuchert. Ein eisiger Westwind weht an diesem Herbsttag über Sigmundshall in Bokeloh nordwestlich von Hannover. Die Temperaturen sind sehr weit entfernt von jenen, die Garnelen so lieben. Und dennoch: Hier wird die Spezialität gezüchtet – bald in sehr großen Mengen.

    Bis 2018 förderte der deutsche Konzern K+S hier Salz, jetzt wandelt sich der Standort zum Innovationspark mit Firmen wie Aquapurna. Die Tür rechts in der ehemaligen Lohnhalle des Kaliwerks führt in die beheizten Büros der Garnelenzüchter und zu David Gebhard. Der Firmengründer sagt: „Der Kunde weiß gar nicht, wie phantastisch frische Garnelen schmecken können.“ Gemeinsam mit Florian Gösling will er das ändern.

    Von Garnelen hatten die beiden wenig Ahnung, als sie 2019 anfingen, zumindest von der Zucht in großem Stil. Gösling studierte Maschinenbau, arbeitete in der Robotikbranche in München. Gebhard beriet als Volljurist bei Geschäften mit Beteiligungskapital, ebenfalls in Süddeutschland. Beide sind Fans guten Essens. Gösling hatte in Indien riesige Becken mit Garnelenzucht gesehen, deren Zustand sich deutsche Verbraucher nicht vorstellen können.

    „Die Anbaubedingungen in Asien oder Mittelamerika sind zum Teil dramatisch schlecht, es werden oft Mangrovenwälder abgeholzt“, sagt Gebhard. „Der lange Lieferweg ist auch ein Problem.“ Warum also nicht Garnelen selbst züchten? In Deutschland? Die Marktlücke erkannten die beiden jedenfalls sofort: „Es gibt bisher in Europa keine nachhaltigen, antibiotikafreien Premiumangebote, die bezahlbar sind. Wir bieten sie.“ Wo lässt sich so etwas verwirklichen? „Wir suchten einen zentralen, gut erschlossenen Standort in Deutschland, bei dem es Synergieeffekte gab“, sagt Gebhard. „Sigmundshall ist perfekt.“ Ein eigenes Kraftwerk, dessen Abwärme die Becken heizt. Genug Fläche. Und Salz-Wissen von K+S für das künstliche Meerwasser.

    Die Zuchtidee überzeugte zahlreiche Investoren. Die Gründer sammelten Geld ein, dann ging es los. „Wir haben erst einmal vier Jahre geforscht, das Anlagendesign und die Wasserparameter optimiert, so dass sich die Garnelen sehr wohl fühlen“, sagt Gebhard. Und so entstand in einer Gerätehalle auf dem K+S-Gelände ein Labor, später nebenan ein größerer Prototyp mit Becken und Wasserfilteranlage, der zeigt, dass sich die Idee auch im industriellen Maßstab umsetzen lässt.

    Wie groß, lässt sich jenseits des Zauns bereits sehen, wo Bagger herumfahren. K+S baut dort für einen zweistelligen Millionenbetrag eine Halle, in die Aquapurna als Mieter einzieht. Auf 16.000 Quadratmetern, gut zweieinhalb Fußballfeldern, sollen sich Garnelen in sechs Becken tummeln, jeweils 38 Meter lang, fünf Meter breit und etwa 1,2 Meter tief. Es wird die größte und modernste Anlage ihrer Art in Europa.

    Die erste Stufe soll im Juni fertig sein, Gebhard spricht von zunächst rund 700 Tonnen Ernte im Jahr, während er durch die Kälte quer über das K+S-Gelände läuft. Klingt viel, ist aber wenig angesichts der rund 500.000 Tonnen Garnelen, die Europa jedes Jahr importiert. Auch andere sind inzwischen auf die Idee gekommen, die langen Transportwege aus Venezuela oder Thailand abzukürzen und selbst zu produzieren – in Bayern, der Schweiz Dänemark – allerdings nur in kleinen Mengen und sehr teuer.

    Gebhard steht jetzt auf dem Steg oberhalb des Prototyp-Beckens. Es ist warm, es ist feucht und es riecht frisch. Unten wimmeln kleine Garnelen im Wasser, Art White Tiger, rund 35.000 nur im Teil für die Larven. Das Konzept unterscheidet sich deutlich von anderen. „In Asien werden üblicherweise in einem riesigen Becken Larven ausgesetzt und es wird, wenn die Garnelen ausgewachsen sind, geerntet. Das geht zwei bis drei Mal im Jahr“, sagt Gebhard.

    In Bokeloh sind sie schon jetzt schneller: sechs Wochen. „Im skalierten Maßstab wäre es alle zwei Tage möglich“, ist sich der Firmenchef sicher. Das liegt auch daran, wie die Anlage aufgebaut ist. Die Becken sind in Felder geteilt. Gebhard spricht lauter, um über die Pumpenmotoren und das Sprudeln der Wasserfilter gehört zu werden. „Wir haben mehrere Generationen – vom Larvenstadium bis zur erntereifen Garnele – in einem Becken.“ Die Larven züchten sie in der ehemaligen Waschkaue des Kaliwerks, um nicht abhängig von Importen aus den USA zu sein und die Kontrolle zu behalten.

    Das Wasser wird ununterbrochen umgewälzt und gefiltert. Die Anlage misst die Qualität und steuert automatisch. „Das ist hier Technologie meets Landwirtschaft“, sagt Gebhard. Die Garnelen fühlen sich offenbar wohl. Sie wachsen binnen dreieinhalb Monaten auf gut 15 Zentimeter Länge. Importgarnelen brauchen dafür dem Aquapurna-Chef zufolge in der Regel fünf bis sechs Monate. Und dann ist da diese Farbe der Tiere: Royalblau.

    Das hält sich auch nach der Ernte. Eiswasser, Stromstoß, dann geht es in die Endverarbeitung, eingebaut in ehemalige Garagen von Sigmundshall. Betreten für Unbefugte verboten. Hier gelten die strengen Regeln des Lebensmittelrechts. Zu kaufen gibt es die tiefgefrorenen Garnelen bisher in regionalen Geschäften unter der Marke Gamba Zamba. Wer im Gästehaus der niedersächsischen Landesregierung einquartiert wird, bekommt sie auch. Der Onlineshop ist gerade gestartet. Die Lehr- und Experimentierzeit ist jetzt vorbei.

  • 328.577 Dollar pro Minute

    Welches die reichsten Familien der Welt sind

    328.577 Dollar oder umgerechnet 313.790 Euro sind schon eine ordentliche Menge Geld. Um diesen Betrag ist das Vermögen der reichsten Familie der Welt in diesem Jahr gestiegen – pro Minute, wie die US-Nachrichtenagentur Bloomberg berechnet hat. Insgesamt verfügten die Waltons demnach Anfang dieses Monats über 432,4 Milliarden Dollar, nach 259,7 Milliarden vor einem Jahr.

    Der Familie gehören gut 46 Prozent von Walmart, dem größten Einzelhändler der Welt mit rund 10.600 Filialen. Und sein Aktienkurs ist im Laufe des Jahres um gut 80 Prozent gestiegen. In der Folge überholte das Vermögen der Gründerfamilie wieder das der Al Nahyans, der Präsidentenfamilie aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, die mit ihren weitverzweigten Investitionen auf Rang zwei abrutschten – mit 323,9 Milliarden Dollar Vermögen (plus 18,9 Milliarden Dollar).

    Bloomberg untersucht jedes Jahr, welche Familien der Welt die reichsten sind. Die Experten betrachten nur Familien ab der Generation nach dem Gründer. Deshalb taucht zum Beispiel der US-Unternehmer Elon Musk ist dieser Liste nicht auf. Ebenfalls nicht dabei sind Einzelerben. Und Familien, bei denen zu unklar oder unübersichtlich ist, woher der Reichtum genau stammt, sind ebenfalls nicht erfasst.

    Die Liste ist nicht ganz genau, weil sich vor allem bei den Familien aus den arabischen Staaten nicht genau sagen lässt, wie reich sie wirklich sind. Bloomberg vermutet, dass ihr Vermögen deutlich höher liegt, als in der Liste angesetzt. Neben den Al Nahyans finden sich auch die Al Thanis (Katar, Rang 3) und die Al Sauds (Saudi -Arabien, Rang 5) auf der Liste. Alle Vermögen werden in Dollar umgerechnet, um sie vergleichen zu können.

    Insgesamt, so haben es die Experten errechnet, konnten die reichsten 25 reichsten Familien auf ein Vermögen von 2,5 Billionen Dollar, ein Plus von 406,5 Milliarden Dollar. Offenbar konnten ihnen Kriege, geopolitische Spannungen, Zölle oder ganz allgemein Unsicherheit nichts anhaben. Viele profitierten, weil die Aktienkurse in diesem Jahr gestiegen sind, besonders in den USA. Zusätzlichen Schub gab es, nachdem Donald Trump die Wahl zum US-Präsidenten gewonnen hatte. Die Investoren rechnen mit einem freundlicheren, weniger regulierten Umfeld für Unternehmen.

    Reichste deutsche Familie sind die Nachkommen von Karl und Theo Albrecht, den Gründern von Aldi Nord und Süd. Bloomberg fasst beide zusammen, auch wenn die Unternehmen getrennt sind. Das Vermögen stieg binnen Jahresfrist um 24,4 Prozent auf  60,2 Milliarden Dollar. Das reicht für Rang 12. Weder Aldi Nord noch Aldi Süd ist börsennotiert, aber die Geschäfte laufen offenbar gut.

    Etwas verloren haben die beiden anderen deutschen Familien unter den Top 25: Das Vermögen der Quandts, unter anderem Stefan Quandt und Susanne Klatten, die an BMW beteiligt sind, schrumpfte um 3,4 auf 46 Milliarden Dollar, Platz 18. Auf Rang 22 finden sich die Familien Boehringer und von Baumbach, verbunden unter anderem mit dem Pharmakonzern Boehringer Ingelheim. Das Familienvermögen sank in einem Jahr um rund 8,3 Milliarden Dollar auf 43 Milliarden Dollar.

    Die reichste europäische Familie kommt der Liste zufolge aus Frankreich. Die Erben von Thierry Hermès kommen auf 170,6 Milliarden Dollar Vermögen, knapp 20 Milliarden Dollar mehr als Ende 2023. Das reicht in diesem Jahr nur für Rang 4. Neu dabei sind die Ofers, Erben eines Reeders aus Israel. Inzwischen ist das Vermögen von 55,6 Milliarden Dollar breiter angelegt.

    Während Bloomberg das Vermögen der reichsten Familien betrachtet, konzentriert sich das US-Magazin Forbes auf einzelne Personen, unabhängig davon, ob Erbin oder Selfmade-Milliardär. Deren Vermögen lässt sich in Echtzeit auf der Forbes-Internetseite ansehen. Der reichste Mensch der Welt ist danach Musk, Großaktionär und Chef des Autobauers Tesla. Er profitiert gerade von einem Kursschub dank der Nähe zu Trump. Musk gehört auch die Mehrheit an SpaceX. Das Raumfahrtunternehmen ist nicht börsennotiert. Durch einen privaten Aktienverkauf stieg die Bewertung und machte Musk noch reicher. Zumindest auf dem Papier besaß er Forbes zufolge am Freitag, 13. Dezember, mittags 429,2 Milliarden Dollar. Allerdings ist das Geld vor allem in Aktien gebunden. Aber Musk ist natürlich sehr kreditwürdig, sollte er die eine oder andere Million zum Ausgeben brauchen.

    Auf Rang 2 der Forbes-Liste steht derzeit Amazon-Gründer Jeff Bezos mit 242,5 Milliarden Dollar vor Oracle-Gründer Larry Ellison (219,6 Milliarden Dollar). Mit Bernard Arnault, Großaktionär des französischen Luxusgüterkonzerns LVMH, folgt auf Rang 5 der erste Europäer (173,2 Milliarden Dollar). Reichster Deutscher ist demnach Spediteur Klaus-Michael Kühne mit 37 Milliarden Dollar auf Rang 46.

  • Inflation und Lebkuchen

    Backen wird dieses Jahr teurer? Nicht unbedingt

    Für Gebäckfans ist der Dezember die beste Zeit des Jahres. Schließlich muss nicht erklärt werden, warum jedes Wochenende große Mengen Heidesand, Lebkuchen, Makronen oder Engelsaugen gebacken werden. Und Dominosteine. Bevor die Ausstechformen hervorgeholt werden, lohnt sich ein Blick zum Statistischen Bundesamt – manche Zutaten haben sich drastisch verteuert. Fünf beliebte Kekssorten im Preischeck:

    Dominosteine: Sie sind aufwändig und auf den ersten Blick deutlich günstiger als im vergangenen Jahr. Mehl, wesentlicher Bestandteil, kostet gut 6,7 Prozent weniger als im November 2023. Zucker ist sogar im Schnitt 23 Prozent billiger. Die Rübenernte in der EU war in diesem Jahr sehr gut, weshalb mehr Zucker angeboten als nachgefragt wird. In der Folge senkten die Hersteller die Preise. Wer Gewürze und Honig kaufen muss, gibt ebenfalls weniger aus. Dennoch sind Dominosteine dieses Jahr kein Schnäppchen. Marzipan ist teurer, weil die Weltmarktpreise für Mandeln gestiegen sind. Und dann ist da die dicke Schokoladenhülle.

    Der Preis des Rohstoffs Kakao hat sich binnen eines Jahres mehr als verdoppelt. Im November 2023 kostete die Tonne noch knapp über 4000 Dollar (3800 Euro), derzeit wird sie am Terminmarkt zu mehr als 10.000 Dollar gehandelt, Tendenz steigend. Ghana und Elfenbeinküste, die gut zwei Drittel allen Kakaos der Welt liefern, kämpften mit Trockenheit, Starkregen und Pflanzenkrankheiten. Nach der dritten Missernte in Folge ist das Angebot gering, die weltweite Nachfrage aber hoch. Und so steigen die Preise für Schokolade und Kuvertüre.

    Urteil: Teurer

    Elisenlebkuchen: Auch hier macht die Schokolade den Unterschied. Wer diese Lebkuchen mit Kuvertüre überziehen möchte, dürfte deutlich mehr ausgeben als 2023. Fans einer Zuckergussschicht hingegen können die Leckerei wohl billiger als vor einem Jahr backen. Wobei gemahlene Nüsse, wichtiger Bestandteil, übers Jahr um mehr als drei Prozent teurer geworden sind, weil zum Beispiel die Mandel- und Haselnussernte wegen des Wetters mancherorts schlecht ausgefallen ist. Und auch Eier kosten 1,3 Prozent mehr.

    Urteil: Für Schokofans teurer

    Kokosmakronen: Hier kommt es sehr aufs Rezept an und ob man lieber zum Beispiel Bioeier (teuer) oder Eier aus Bodenhaltung (billig) verwendet. Geraspelter Kokos hat sich um die 3,8 Prozent verteuert, 200 Gramm kosten zum Beispiel 1,59 Euro, sechs Cent mehr als vor einem Jahr. 180 Gramm Zucker sind für rund 0,30 Euro zu haben, acht Cent billiger als im November 2023. Eier kosten im Schnitt 1,3 Prozent mehr, was bei drei Freilandeiern und 0,78 Euro etwa zwei Cent mehr macht. Die Kosten gleichen sich aus. Weil Vanillezucker günstiger als vor einem Jahr ist, sind die Makronen in diesem Rechenbeispiel billiger als im November 2023.

    Urteil: Billiger

    Heidesand: Nur drei oder vier Zutaten sind im Rezept für die runden Taler nötig. Zucker ist günstiger, Mehl ebenfalls, Eier sind etwas teurer, können aber auch weggelassen werden. Was den Keks in diesem Jahr zum sehr teuren Keks macht, ist Butter. Und ohne die geht es nicht. Satte 38,9 Prozent kostet das Streich- und Backfett binnen Jahresfrist mehr.

    Das hat mehrere Gründe: zum einen Käse. Weil immer mehr nachgefragt wird und der Handel mehr an Käse verdient als an Butter, wird das Fett der Milch eher zu Käse als zu Butter verarbeitet. Zum anderen ist da die Jahreszeit. Im Herbst und Winter ist die Milch magerer. Und dann wirkt noch ein Trend: Die Bauern halten weniger Milchkühe, weil sie in den vergangenen Jahren bei hohem Aufwand wenig verdient haben.

    Eine Alternative zur Butter: Margarine. Sie verbilligte sich um zwei Prozent. Allerdings leidet der Geschmack des Heidesands mit dieser Zutat doch sehr.

    Urteil: Teurer

    Engelsaugen: Der letzte Keks im Test ist nicht ganz so mürbe und enthält zum Beispiel Himbeermarmelade oder Johannisbeergelee. Noch im Sommer fürchteten Obstbauern wegen des teils kalten und feuchten Wetters im Frühjahr eine schlechte Ernte. Dennoch haben die Statistiker ermittelt, dass Konfitüren und Ähnliches derzeit 2,8 Prozent günstiger sind als vor einem Jahr. Möglicherweise hat der billigere Zucker die steigenden Fruchtpreise ausgleichen können.

    Sehr wahrscheinlich ist allerdings, dass die Marmeladenhersteller Früchte auch im Ausland eingekauft haben und so die Knappheit in Deutschland umgehen konnten. Außerdem traf es die deutschen Anbauregionen unterschiedlich. Aber vielleicht steht im Keller ohnehin noch ein Glas Marmelade aus eigenen Gartenfrüchten.

    Also: Zucker günstiger, Mehl und Marmelade auch, Eier etwas teurer. Was die Engelsaugen deutlich verteuert ist wieder die Butter.

    Urteil: teurer, aber lecker

    Bleibt noch die Frage, ob der Backofen mit Gas oder Strom läuft. Gas hat sich binnen Jahresfrist im Schnitt um 2,5 Prozent verteuert. Für die, die mit Strom backen, haben die Statistiker eine gute Nachricht: Die Kosten liegen 4,1 Prozent niedriger als im vergangenen Jahr. Das ist allerdings ein Durchschnittswert, regional und je nach Versorger können sich die Preise für Gas und Strom anders entwickelt haben.

    Derartig die Kosten von Keksen zu berechnen, ist sehr kleinteilig, gar kleinkariert? Kann sein. Tatsächlich geht es auch um die Freude am Backen, gern gemeinschaftlich. Da sind ein paar Cent mehr oder weniger unwichtig. Und selbstgemacht sind Kekse ohnehin am besten.

  • Hilfreich

    Kommentar zur EZB-Zinssenkung

    Europas Zentralbanker haben es schon wieder getan. Während die US-Notenbank in diesem Jahr eher abwartet, hat die Europäische Zentralbank die wichtigen Leitzinsen zum vierten Mal gesenkt, an denen sich auch die Verzinsung von Sparkonten orientiert. Was Sparer belastet, ist für die deutsche Wirtschaft hilfreich.

    Zuletzt ist die Inflation, die die EZB bekämpft, in Deutschland und der Euro-Zone wieder gestiegen. Die Zentralbanker hätten demnach die Zinsen anheben müssen. Doch sie schauen nicht nur auf die Monatsraten, sondern betrachten längere Zeiträume. 2024 soll die Inflation im Währungsraum übers Jahr gesehen bei 2,4 Prozent liegen, 2025 nur noch bei 2,1 Prozent, 2026 bei 1,9 Prozent. Ziel der EZB sind 2,0 Prozent. Die Richtung stimmt. Da ist es nicht so wichtig, wenn die Monatsraten einmal steigen.

    Leidtragende sind all jene, die Geld auf einem Tagesgeldkonto liegen haben oder es neu für ein oder zwei Jahre festlegen wollen. Die Banken werden die Guthabenzinsen dort senken. Vorteile hat der Zinsschritt für diejenigen, die Kredite aufnehmen wollen. Sie werden – etwas verzögert – günstiger. Das erfreut etwa die, die eine Wohnung kaufen wollen und jetzt billiger finanzieren können. Sinkende Leitzinsen sind aber auch eine gute Nachricht für Euro-Länder, die schwächeln. Deutschland zum Beispiel. Denn Unternehmen zahlen weniger für neue Kredite, was sie vielleicht dazu bringt, mehr zu investieren als bisher – in Ideen, Forschung, Fabriken, Absatzmärkte.

    Dass sie es wirklich tun, ist aber nicht garantiert. Denn billiges Geld allein, liefert keinen Aufschwung. Der politische Rahmen muss klar sein, da hakt es in Deutschland gerade. Und die wirtschaftlichen Aussichten müssen stimmen. Auch hier sieht es für deutsche Firmen je nach Branche nicht so rosig aus. Die Welt bestellt gerade weniger deutsche Waren und Dienstleistungen. Der Zinsschritt der EZB kann helfen, doch ohne politische Initiative und unternehmerischen Einsatz bewegt sich nur sehr wenig.

  • Europa gewinnt

    Beste und schlimmste Städte zum Leben und Arbeiten

    Steigende Preise, politisches Hickhack und auch noch trübes Wetter: Gerade denkt vielleicht der ein oder die andere darüber nach, ins Ausland umzuziehen. Zumindest für diejenigen, die am Schreibtisch arbeiten, bieten Computer, Internet und Videokonferenzen gute Chancen. Nur wohin? Die Unternehmensberater der US-Firma Mercer untersuchen jedes Jahr die Lebensqualität von Städten weltweit. Wer jetzt an Karibik, US-Westküste oder Asien denkt, wird enttäuscht: Ganz oben auf der aktuellen Liste stehen acht europäische Städte.

    An der Spitze liegt in diesem Jahr Zürich. Die Experten berichten von herausragenden Bürgerdiensten, niedriger Kriminalitätsrate, einer lebendigen Kulturszene. Dazu komme eine effiziente Infrastruktur und ein hohes Maß an Nachhaltigkeit. Auf Rang zwei folgt Wien. Vergangenes Jahr lag Österreichs Hauptstadt noch auf Rang 1. Auf dem dritten Platz findet sich Genf. Und in die Top Ten schafften es mit Bern und Basel noch zwei weitere Städte aus der Schweiz.

    Weit oben hielt sich auch Kopenhagen. Amsterdam stieg in die Top Ten auf und verdrängte München. Für die Bayern reichte es nur zu Rang 11. Lebenswerteste deutsche Stadt ist den Beratern zufolge allerdings Frankfurt auf Rang 7. Ebenfalls in den Top 20 sind Düsseldorf (16) und Berlin (19). Wer es gern etwas abgelegener hat, kann sich vielleicht mit Auckland in Neuseeland anfreunden. Aus Nordamerika schaffte es nur die recht weit nördlich gelegene kanadische Stadt Vancouver in die Topliste.

    Kanada, Europa, Australien – so geht es weiter bis mit Singapur auf Rang 30 die erste asiatische Stadt kommt. Und die USA? Die Stadt mit der besten Lebensqualität ist danach Boston auf Rang 32, vor Paris und hinter Toulouse im Südwesten Frankreichs. Dubai, zuletzt vor allem bei Influencern und dem ein oder anderen Prominenten beliebt, liegt in der Liste auf Rang 83, hinter Bratislava in der Slowakei und vor Vilnius, der Hauptstadt von Lettland.

    Die Experten von Mercer untersuchten insgesamt mehr als 450 Großstädte weltweit. 241 schafften es auf die Liste. Bewertet wurden 39 Einzelpunkte, die unter anderem politische Stabilität, Gesundheitssystem, Infrastruktur, Straßen, Internetzugang und Mobilfunk, das gesellschaftliche Miteinander und das Angebot an Kunst und Kultur widerspiegeln. Auch die Wohnsituation, Reisemöglichkeiten, Verkehr, Luftqualität, Wirtschaftslage und Wachstumschancen fließen ein. Die Berater erstellen die Liste jährlich.

    Gute Bildung, Straßen und Verwaltung, schnelles Internetz, viel Grün und ein entspanntes Lebensgefühl sind allerdings nicht alles. Denn da sind noch die Lebenshaltungskosten. Und die sollte man vor allem beachten, wenn man einem Umzug zum Beispiel nach Zürich erwägt. In der Untersuchung von Mercer werden die Lebenshaltungskosten der größten Stadt der Schweiz nur noch von denen in Hongkong und Singapur übertroffen. Mit einem deutschen Gehalt in Zürich wohnen und leben zu wollen, ist mindestens sportlich.

    Viele der lebenswertesten Städte der Mercer-Liste sind auch besonders teuer: Bereits im Sommer untersuchten die Berater die Kosten von mehr als 200 Produkten und Diensten, etwa, was die Menschen in den jeweiligen Städten weltweit für Miete, Lebensmittel, Restaurants, Kleidung, Nahverkehr ausgeben müssen. Unter den zehn teuersten Städten waren Zürich, Genf, Basel und Bern – alle auch oben auf der Lebenswert-Liste. Teuerste Stadt in Deutschland ist demnach auf Rang 31 übrigens Berlin.

    Und welche Städte sollten alle, die vielleicht darüber nachdenken, aus dem Ausland zu arbeiten, nicht ansteuern? Besonders schlecht werten die Berater von Mercer die Lebenssituation vor allem in Afrika. Unter den Flop Ten finden sich neben Port-au-Prince in Haiti und Bagdad im Irak auch Tripolis (Libyen), Ouagadougou (Burkina Faso) und ganz am Ende die sudanesische Hauptstadt Khartum. In dem bitterarmen Land tobt ein Bürgerkrieg. Kurios: Bangui in der Zentralafrikanischen Republik gehört zu den Städten mit der schlechtesten Lebensqualität und hat gleichzeitig überraschend hohe Lebenshaltungskosten (Rang 14).

  • Wenn der Roboter die Regale bringt

    ZU Besuch im modernsten Logistikzentrum Amazons

    Von außen wirkt das grau-blaue Gebäude im Nordosten Erfurts unscheinbar, zumal es an diesem Nachmittag noch nieselt und der Wind kalt von der nahen Autobahn herüberweht. Doch im Innern ist der neueste Stand der Logistik zu sehen. Regale, Roboter, ein ausgeklügeltes Steuersystem und einiges an Chaos helfen dem Online-Händler Amazon hier, schneller und effizienter als die Konkurrenz zu sein.

    Der Clou: Die Lagerregale kommen zu den Beschäftigten, die die Bestellungen der Kunden bearbeiten. Früher war es umgekehrt. „Die Technik macht es für die Mitarbeiter einfacher“, sagt Silvana Specht, die den Standort, ERF 1 genannt, leitet. Die Laufwege entfielen im Vergleich zum klassischen Logistikzentrum mit langen Regalreihen. „Das übernehmen die Transportroboter. Die Mitarbeiter arbeiten an festen ergonomischen Arbeitsstationen.“

    ERF 1 ist eines von zwölf Robotik-Logistikzentren Amazons in Deutschland und das größte und modernste des Konzerns in Europa. 80.000 Regale und 3600 Roboter auf drei Etagen, dazu insgesamt 15,4 Kilometer Transportbänder, vor allem im Erdgeschoss, wo Waren angeliefert und Pakete versandt werden. Und alles wartet darauf, dass die Kunden in Berlin, Bremen, Dresden Hamburg, Frankfurt, Mainz oder München per Mobiltelefon oder Computer Waren bestellen.

    Specht steht auf Etage 2 an einer der Arbeitsstationen. Bildschirm, Scanner, mehrere schwarze Kisten. Und eine Lücke im Zaun, der sich mehr als zwei Meter hoch um den gesamten Innenraum der Etage zieht. Hinter dem Zaun beginnt das Reich der Roboter und Regale, das, was dieses Logistikzentrum so besonders macht. Betreten streng verboten. Der Mensch brächte zu viel durcheinander. Um zu verstehen, was hinter dem Zaun passiert, ist ein kurzer Blick auf die einzelnen Elemente nötig.

    Das System: Es ist das Gehirn der Anlage. Es weiß, was wo gelagert ist, steuert die Roboter, passt sich immer wieder an, je nach Bestellungen, neuer Ware, Zahl der Roboter im Einsatz. „Das System organisiert sich selbst“, sagt Ahmad Khan, Bereichsleiter Technik. „Wir Techniker schauen permanent, dass die Technologie funktioniert.“

    Die Regale: Sie haben einen quadratischen Grundriss, sind vielleicht 2,5 Meter hoch, auf allen vier Seiten mit Waren gefüllt und stehen auf hohen Füßen. Dicht an dicht reihen sie sich auf der riesigen Fläche innerhalb des Zauns aneinander. Insgesamt knapp 25.000 Stück stehen hier je Etage. Jedes Regal, jedes Fach ist mit einem QR-Code versehen. Vollbepackte Regale können schon mal 450 Kilogramm wiegen.

    Die Roboter: Sie ähneln zu groß geratenen Staubsaugerrobotern, sind mit rund 140 Kilogramm aber deutlich schwerer. Amazon hat sie selbst entwickelt. Sie können bis zu 480 Kilogramm heben, auf der Stelle wenden und fahren im Schnitt Tempo 6, nicht ganz zwei Meter pro Sekunde. Die Akkus erlauben gut sechs Stunden Fahrzeit. Und auch die Ladezeit von vier Minuten von 30 auf 80 Prozent zeigt, dass die Geräte nur entfernt mit Saugrobotern zu tun haben. In Erfurt sind sie seit Anfang Mai im Einsatz, als ERF 1 offiziell eröffnet hat.

    Die Lagerflächen: Hier stehen die Regale in Blöcken. Dazwischen gibt es lange freie Straßen, sogenannte Highways, Autobahnen, auf denen die Roboter die Regale durch die Halle transportieren können. Auf je gut acht Fußballfeldern Fläche lagern auf den Etagen 1 bis 3 Waren, selbst mit einem Blick entlang eines Highways ist die Größe nicht zu begreifen. „Das ist wie ein ganz großes Schachbrett, auf dem jedes Feld einen QR-Code hat“, sagt Khan. Die quadratischen Codes sind auf den Boden geklebt. „So weiß der Roboter immer, wo er ist.“ Die Struktur wandelt sich ununterbrochen, weil die Roboter Regale abholen, umparken, abstellen. Nur das System hat einen Überblick.

    Wie kommen die Waren in die Regale? Im Erdgeschoss liefern Lastwagen große Pakete an. Sie werden ausgepackt, die Waren in schwarze Plastikkisten gelegt. Alles, was in ERF 1 eingelagert wird, ist höchstens so groß wie eine Microwelle, meist kleiner. Für Waschmaschinen oder Staubsauger sind andere der insgesamt 23 deutschen Amazon-Logistikzentren zuständig. Ein Transportband bringt die schwarze Kiste – insgesamt sind rund 40.000 hier im Einsatz – nach oben zu einer Arbeitsstation. Dort fährt ein Roboter ein Regal an der Lücke vor. Die Mitarbeiterin an der Station scannt den Artikel, legt ihn ins Fach, scannt den QR-Code des Faches. Jetzt weiß das System, wo der Artikel ist. Der Roboter taucht mit dem Regal dezent pfeifend in die Tiefe der Etage ab.

    Eingelagert wird nach dem Prinzip Chaos. „Da kann Zahnpasta zwischen Plüscheinhörnern und einem Wasserkocher liegen“, sagt Standortleiterin Specht. Und: Die gleiche Zahnpasta könne an unterschiedlichen Stellen in mehreren Etagen lagern. „So sind wir schneller, als wenn die Zahnpasta an einem einzigen Ort in Etage 2 läge.“ Die Wege wären dann länger, manche Bestellungen nur mit Waren aus verschiedenen Etagen zu bestücken. Auch das kostet Zeit.

    Bestellt jemand jetzt ein Plüscheinhorn und einen USB-Stick, läuft sehr vereinfacht Folgendes: Das System nimmt die Bestellung an. Es weiß, in welchen Regalen auf welcher Ebene die Kuscheltiere liegen und wo sich USB-Sticks befinden. Es stellt fest, welches der Regale bald frei steht und abholbereit ist. Es schickt zwei Roboter los, die pfeifend einen Highway entlangflitzen, an den richtigen Ecken abbiegen, unter die Regale fahren, sie anheben und dann zu einer Arbeitsstation bringen.

    Zum Beispiel zu der auf Etage 2, an der Standortleiterin Specht steht. Dort erscheint der Auftrag auf dem Computerschirm. Das Regal fährt vor, das Fach mit dem Plüscheinhorn wird beleuchtet. Der Mitarbeiter an der Station nimmt das Tier, scannt es und legt es in die zum Auftrag gehörende schwarze Kiste. Dann kommt das zweite Regal mit dem Stick. Nehmen, scannen, ab in die Kiste, die dann per Band zur Packstation ins Erdgeschoss fährt. Die Roboter parken derweil die Regale irgendwo im System.

    Ganz ohne Menschen geht es also nicht. 2000 Beschäftigte aus 70 Nationen arbeiten hier. Gearbeitet wird in zwei Schichten von 9 bis 5 Uhr, vier Tage die Woche bei 40 Stunden. In den Morgenstunden pausieren auch die Roboter und Transportbänder, wird das System gewartet. Jetzt in der Vorweihnachtszeit allerdings surrt, pfeift und brummt es rund um die Uhr, helfen 150 Studenten aus, die Bestellmenge zu bewältigen.

    Einmal von Hand eingepackt, laufen die Pakete im Erdgeschoss über Bänder, werden automatisch mit Adresse beklebt und nach Postleitzahlen vorsortiert. Zum Schluss werden sie in Container verladen. Rund 500.000 Artikel verlassen täglich ERF 1. Lastwagen bringen die Container in ein Amazon-Verteilzentrum. Und von dort aus wird dann zugestellt – persönlich.

  • Ende der Billigvorwahlen

    Call-by-Call wird nach 27 Jahren abgeschaltet

    Ein äußerst beliebtes Verfahren zum günstigen Telefonieren wird abgeschaltet. Zum Jahresende 2024 ist Call-by-Call nach mehr als 25 Jahren Geschichte. Wir erklären, was hinter dem Aus steht und wie Kunden sich jetzt verhalten sollten.

    Was ist Call-by-Call?

    Hinter dem englischen Begriff (etwa von Anruf zu Anruf) steckt ein Verfahren, mit dem man über einen anderen Anbieter telefonieren kann als denjenigen, der das Telefon angeschlossen hat. Bis 1997 stellte in Deutschland im Wesentlichen die Deutsche Telekom als Monopolist die Anschlüsse und das Netz bereit. Sie kassierte auch die Telefongebühren. Call-by-Call eröffnete anderen Anbietern die Chance, das Festnetz der Telekom zu nutzen, aber günstigere Tarife anzubieten. Der Bundestag hatte die Gesetze entsprechend geändert. Ziel war, das Monopol der Telekom zu brechen und mehr Wettbewerb zuzulassen. In der Folge sollte Telefonieren günstiger und besser werden. Das Verfahren galt zunächst nur für Fern-, später dann auch für Ortsgespräche.

    Wie funktionierte das Verfahren?

    Um günstig über einen Call-By-Call-Anbieter zu telefonieren, musste man vor der normalen Nummer die fünf- oder sechsstellige Vorwahl des entsprechenden Anbieters wählen (010xy oder 0100xy) oder eine entsprechende Nummer fest voreinstellen. Dann lief das Gespräch zu dessen Konditionen. Abgerechnet wurde meist über die Telefonrechnung der Telekom.

    Warum waren die Telekom-Konkurrenten so günstig?

    „Die alternativen Anbieter konnten ihren Kunden vor allem durch effiziente und schlanke Strukturen einen äußerst günstigen Minutenpreis anbieten“, sagt Frederic Ufer, Geschäftsführer des VATM. In dem Verband sind die Konkurrenten der Telekom organisiert. „Dazu kauften sie zu einem regulierten Minutenpreis bei der Deutschen Telekom ein und gaben diesen mit einem minimalen Aufschlag an ihre Kunden weiter. Attraktiv wurde dieses Geschäftsmodell durch das große Kundeninteresse und entsprechend hohe Margen.“ Den regulierten Preis setzte die Bundesnetzagentur fest.

    Warum wird Call-by-Call abgeschaltet?

    Weil Call-by-Call sehr erfolgreich war, ist es jetzt überflüssig. Nach Zahlen der Bundesnetzagentur fiel der Preis pro Minute Ferngespräch von 30,5 Cent tagsüber 1997 binnen sieben Jahren auf 1,7 Cent. Für Auslandsgespräche sank er in der Zeit von 50 auf unter zwei Cent. 2004/5 nutzten die Kunden für gut ein Drittel aller Gesprächsminuten über das Festnetz eine Call-by-Call-Nummer, 2023 waren es nur noch 1,56 Prozent. Zudem setzten sich zunehmend Pauschaltarife, sogenannte Flatrates, durch: Im Monatspreis sind dabei unbegrenzt Freiminuten enthalten. Das macht Call-By-Call unattraktiv. Bereits 2019 hatte die Bundesnetzagentur die Telekom aus der Regulierung entlassen, der VATM handelte mit dem ehemaligen Monopolisten dann noch Verträge aus. Die letzte Verlängerung endet am 31. Dezember um 23.59 Uhr.

    Was passiert, wenn ich am 1. Januar eine Call-by-Call-Vorwahl nutze?

    Die entsprechenden Anbieter, zuletzt waren es um die 50, schalten ihre Vorwahlnummern ab. Wer eine der Nummern wählt, „wird per Telefonansage darüber informiert, dass dieser Dienst nicht mehr zur Verfügung steht“, sagt VATM-Geschäftsführer Ufer. Gespräche werden nicht mehr verbunden. Die Telekom empfiehlt deshalb, die Call-by-Call-Vorwahlen aus dem Telefonbuch des Telefons, des Internetrouters oder der Telefonanlage zu löschen. Direkte Gespräche ohne die besonderen Vorwahlen sind wie üblich möglich – zu Telekom-Konditionen.

    Und jetzt?

    Überprüfen Sie Ihren Telefonvertrag. Sie sollten ohnehin alle paar Jahre schauen, ob die Konditionen noch die richtigen für Sie sind. In manchen sehr alten Verträgen aus Bundespost-Zeiten ist noch eine Telefonmiete vereinbart, die weiterläuft, solange man den Vertrag nicht kündigt – unabhängig davon, ob man tatsächlich noch ein Bundespost-Tastentelefon nutzt. Und wenn, sollte es inzwischen abbezahlt sein. Sowohl die Telekom als auch Konkurrenten wie Vodafone, 1&1 und Kurpfalztel bieten Verträge mit Pauschalpreisen für Telefonate ins Festnetz und auch ins Mobilfunknetz an. Oft eingeschlossen sind einzelne Nummern ins Ausland, die man dann kostenlos anrufen kann – etwa die Nummer der Tochter in Straßburg oder des Enkels in Rom. Möglicherweise lässt sich bei Bedarf auch für weitere Auslandsnummern ein Pauschalpreis aushandeln. Manche Verträge verknüpfen zudem Telefon, Internet und Fernsehen, was insgesamt günstiger sein kann, als einzelne Verträge abzuschließen.

    Welche anderen Möglichkeiten gibt es?

    Manchmal rechnet es sich auch, nur ein Mobiltelefon zu nutzen und ganz auf das Festnetz zu verzichten. Viele Mobilfunkfirmen bieten dafür Pauschalraten. Zudem ist man immer und überall unter derselben Nummer erreichbar. Moderne Mobiltelefone können allerdings mehrere hundert Euro kosten. Dann gibt es noch verschiedene Programme, die auf Computer, Tablet und Mobiltelefon laufen, und über die man kostenlos telefonieren kann, sogenannte Kurznachrichtendienste wie Whatsapp, Telegram, Signal und Facetime etwa. Dafür ist ein Internetzugang nötig. Zudem lassen sich Videotelefonate über Programme wie Teams, Webex oder Zoom führen – von Mannheim nach Heidelberg oder rund um den Globus, immer kostenlos. Nicht alle lassen Dauer(video)telefonate zu: Manche dieser Programme beschränken, wie lange man sie nutzen kann.

  • Telefon als Bargeldbörse

    Der digitale Euro nimmt langsam Formen an

    Es klingt sehr einfach. Der Euro wird digital, steckt statt in der Geldbörse in einer Wallet auf dem Mobiltelefon. Brötchen beim Bäcker lassen sich damit ebenso bezahlen wie Blumen oder die Tankfüllung – anonym, sicher, zuverlässig und überall in der Euro-Zone. Die Europäische Zentralbank arbeitet an dem Prestigeprojekt, das noch einige Tücken hat, vor allem technische und politische. Und insgesamt ist unklar, ob die Europäer den digitalen Euro überhaupt haben wollen.

    Verhandelt wird schon länger. Seit 2021 beschäftigen sich Experten damit, die Gemeinschaftswährung ins Digitale zu bringen. Im Juni 2023 schlug die EU-Kommission ein entsprechendes Gesetz vor, ohne das nichts geht. Seither ist politisch wenig passiert. Der Rat der Finanzminister muss sich damit beschäftigen, das EU-Parlament ebenfalls. Die EU-Wahl hat das Verfahren zusätzlich ausgebremst. Die neue Kommission will jetzt beschleunigen.

    Immerhin bereitet sich die Europäische Zentralbank (EZB) schon auf den digitalen Euro vor. Er wird eine Art Bargeld, nur eben virtuell. Eingeführt werden soll er, weil die Verbraucherinnen und Verbraucher zunehmend digital bezahlen. Dabei dominieren bisher US-Firmen wie die Kreditkartenunternehmen Mastercard und Visa oder Bezahldienste wie Apple Pay, Google Pay und Paypal. Deshalb will die EZB eine schnelle, sichere europäische Möglichkeit anbieten, um digital zu bezahlen.

    Nach jetzigem Stand soll der digitale Euro in eigene Wallets (englisch für Geldbörse) der Banken- und Sparkassen-Apps für Mobiltelefone gesteckt werden. Für Kreditinstitute, die keine eigene Banking-App haben, will die EZB eine entsprechende Software bereitstellen – was nicht alle Geschäftsbanken gut finden, verlieren sie doch etwas Kontrolle.

    Klingt sehr technisch? Ist es nicht. Wer bisher schon mit seinem Mobiltelefon bezahlt, weil er eine Karte etwa bei Apple oder Google Pay hinterlegt hat, weiß wie es geht: Karte am Telefon aufrufen, Telefon an Bezahlterminal im Geschäft halten, fertig. Nur, dass eben dann nicht von einem Konto abgebucht, sondern bar bezahlt wird, virtuell ohne Scheine und Münzen. Dass das Telefon wie eine Bargeldbörse funktioniert, macht es zusätzlich kompliziert, schließlich muss zum Beispiel Geldwäsche ausgeschlossen werden. Und es muss klar sein, dass das digitale Bargeld auch wirklich echt ist.

    Umstritten ist bisher vor allem, wie viel digitales Bargeld jeder virtuell einstecken darf. Sind es 500 Euro oder doch 3000 Euro? Und wer legt das fest, die EZB oder die EU als Gesetzgeber? Immerhin: Die Summe soll pro Person gelten, was alles komplizierter macht. Hat jemand mehrere Konten, muss das System erkennen, wenn die Grenze überschritten ist. Klar ist bereits: Bekommt jemand mehr digitale Euro, als er oder sie halten darf, wird das Geld automatisch auf einem vorher genannten Konto gut geschrieben.

    Nötig für den digitalen Euro ist eine einheitliche europäische Lösung, die es so bisher nicht gibt – ein riesiges europäisches IT-Projekt. Den Kern, die Zahlungsabwicklung, sollen EZB und nationale Zentralbanken selbst programmieren, für viele andere Elemente wie App und Betrugskontrolle sind Angebote eingeholt, die gerade geprüft werden. Im Frühjahr 2025 soll klar sein, wer an der Lösung mitarbeiten darf. Von Herbst an wollen alle bereit sein. Gestartet wird, sobald die EU das Gesetz dafür vorlegt.

    Digitale Währungen gibt es unter anderem in Nigeria und in China. Dort haben sich allein mehrere hundert Millionen Nutzer die entsprechende App heruntergeladen. Wie stark der digitale Renminbi tatsächlich genutzt wird, ist unklar. Offiziell handelt es sich offenbar um eine breit angelegt Pilotphase. In China sind die Bezahl-Apps Alipay und Wechat Pay sehr weit verbreitet, digitales Geld der Zentralbank muss sich da im Wettbewerb erst beweisen.

    Und auch deshalb sind nach Ansicht der EZB noch viele Diskussionen in Europa nötig, um überraschende Risiken zu verhindern und alle Vorzüge zu erkennen. Tests laufen, eine großangelegte Umfrage wird vorbereitet. Denn bei all dem Aufwand ist immer noch unklar, ob die Europäer das neue unsichtbare Geld auch nutzen werden.

  • Selbstheilende Solarzellen

    Perowskit könnte teures Silizium ersetzen

    Wie ein Wunderstoff sieht es nicht aus. Das dünne Glas, das Felix Lang hält, ist schwarz beschichtet, etwa 2,5 mal 2,5 Zentimeter groß. Unspektakulär. Doch für den Physiker der Universität Potsdam ist es ein Modell einer innovativen Solarzelle, die das Zeug hat, die Stromversorgung im All zu revolutionieren und in der Folge wohl auch die auf Erden zu verändern.

    Der Stoff heißt Perowskit. Lang glaubt, dass er sich ideal für Solarpaneele im Weltraum eignet. Er ist günstig, unempfindlich, lässt sich leicht verarbeiten und hat einen besseren Wirkungsgrad als klassisches Silizium. Und Perowskit spart, gedruckt auf Folie, Gewicht – kritisch bei der ziemlich beschränkten Last, die eine Rakete ins All befördern kann. Und sollte es dort funktionieren, könnte es auch auf der Erde in großem Stil eingesetzt werden. Ähnlich wie Solarpaneel an sich, die zunächst für die Raumfahrt entwickelt wurden.

    Den irdischen Markt für Solarzellen schätzen Analysten von Fortune Business Insights für 2024 auf rund 400 Milliarden Dollar mit Wachstumsraten von gut 25 Prozent bis 2032. Perowskit könnte alles noch beschleunigen und die Energieausbeute verbessern. Der 34-jährige Lang ist einer, der das Thema am Institut für Physik und Astronomie in Potsdam vorantreibt. Dafür hat die Volkswagenstiftung im Zuge eines Freigeist-Stipendiums 1,8 Millionen Euro über fünf Jahre bereitgestellt.

    Perowskit wurde erstmals im 19. Jahrhundert im Ural gefunden und nach dem russischen Adligen und Staatsmann Lew Alexejewitsch Perowski benannt. Es ist ein Kristall mit einer charakteristischen würfelartigen Struktur und besteht aus einem Gemisch verschiedener Salze. Die Struktur ist das Besondere. „Perowskit ist ein bisschen wie Wackelpudding“, sagt Lang. „Die Atome sind in Gittern angeordnet, können sich aber bewegen.“

    Das macht es als Material besonders fürs All interessant, wo es starke Strahlung gibt, die vieles zerstört – herkömmliche Solarzellen zum Beispiel. „Strahlung kann chemische Bindungen brechen und Atome aus ihrer perfekten Kristall-Ordnung schlagen“, sagt Lang. „In Silizium gibt das einen Defekt. In Perowskit bewegt sich das Atom zurück. Die Solarzelle heilt sich praktisch selbst.“

    Weitere Vorteile: Es ist recht unempfindlich gegen Kälte, hält Temperaturen bis minus 193 Grad Celsius aus. Und es funktioniere auch im dreckigen Zustand, sagt der Experte. „Selbst wenn man beim Mischen der Perowskit-Grundstoffe zehn Prozent von den idealen Mengen abweicht, hat die Solarzelle aus dem Material immer noch 26 Prozent Wirkungsgrad.“ Effiziente Silizium-Solarzellen dürften nur weniger als 0,0001 Prozent verunreinigt sein.

    Ganz entscheidend ist bei Solarzellen der Preis. Und auch da kann Perowskit offenbar punkten. „Die Basismaterialien sind im Vergleich zu Silizium billig und praktisch überall verfügbar“, sagt Lang. „Es ist auch unempfindlicher zu verarbeiten.“ Hier im Potsdamer Labor werden die Salze bei Zimmertemperatur gemischt. Der Mix wird auf eine Glasplatte hauchdünn aufgetragen, dann erhitzt. Perowskit kristallisiert nicht wie Silizium bei 1000, sondern bei etwa 100 Grad. Es ist in der Regel schwarz, kann aber auch rot oder grün sein, je nach verwendeten Salzen und Lichtwellenlänge, die gefangen werden soll.

    Denn mit Perowskit lassen sich besondere Solarzellen herstellen, praktisch zwei in einer. „Bei einer Tandemsolarzelle schlucken zwei Filter unterschiedliche Wellenlängen von Licht. So lässt sich mehr Energie gewinnen als mit einer einfachen Solarzelle“, sagt der Forscher. „Silizium-Solarzellen haben einen Wirkungsgrad von etwa 26 Prozent. Seit zehn, zwanzig Jahren gibt es kaum noch Fortschritte. Der Perowskit-Rekord liegt derzeit bei 26 Prozent und im Tandem bei 33 Prozent. Mehr ist möglich.“ Lang gerät ins Schwärmen, während er durch die Labors geht. Doch das Material hat auch seine Tücken. So ist es wasserempfindlich. Deshalb arbeiten sie am Institut nur in einer Stickstoffumgebung, bis eine Testsolarzelle wasserdicht beschichtet ist.

    Ob Perowskit sich im All so verhält, wie im Labor, wird gerade getestet. An Bord eines Satelliten der TU Berlin, den die Ariane 6 im Juli in den Weltraum beförderte, sind zwei kleine Tandemsolarzellen, bei denen eine Schicht aus Perowskit, eine aus Silizium besteht. Dafür hat Langs Team mit dem Helmholtz-Zentrum Berlin zusammengearbeitet. Ein eigener Satellit mit zehn Zentimeter Kantenlänge soll bald prüfen, wie Solarzellen aus jeweils zwei Perowskit-Schichten mehrere hundert Kilometer über der Erde funktionieren. Partner sind die TU Berlin und Quantum Galactics. Der Satellit soll er mit der ersten Rakete der Münchener Isar Aerospace abhaben, vermutlich 2025.

    Lang kann sich mehr vorstellen: „Künftig könnte Perowskit auf leichten Folien aufgebracht werden. Die könnte aufgerollt ins All transportiert und dort entfaltet werden. Solche Folien sparen Gewicht und damit Startkosten.“ Der Strom könnte über Mikrowellen sogar auf die Erde übertragen werden. Und der Physiker fragt sich: „Kann man Perowskit auf dem Mond herstellen?“ Vor allem die chinesischen Solarpanel-Hersteller arbeiten daran, Perowskit in großem Maßstab auf der Erde zu nutzen. Reine Perowskit-Solarzellen liefert bereits das Start-up Saule Tech aus Polen – im Format einer halben Scheckkarte für digitale Preisschilder. Bis die Zellen für Hausdächer geeignet sind, wird es noch dauern.

  • Wenn Trump die Wirtschaft einmauert

    Was Zölle für Deutschland, die EU und die USA bedeuten

    Im kommenden Jahr wird sich die Weltwirtschaft dramatisch ändern. Donald Trump hat angekündigt, in großem Umfang Zölle erheben zu wollen, wenn er als Präsident der USA vereidigt ist.

    Was sind Zölle?

    Zoll ist eine Abgabe auf Waren, die in ein Land eingeführt werden. Er wird eher willkürlich festgelegt. Früher diente er vor allem dazu, heimische Betriebe zu schützen oder feudale Kleinstaaten zu finanzieren. Manch Burgherr am Rhein erhob auch einen Wegezoll von Händlern, die Waren den Fluss entlang transportierten. Inzwischen werden Zölle vor allem als politisches Druckmittel genutzt. In den vergangenen Jahrzehnten versuchten viele Länder und Wirtschaftsblöcke, Zölle zu streichen, um den gegenseitigen Handel zu befördern. Im EU-Binnenmarkt werden zum Beispiel keine Zölle erhoben.

    Warum plant Donald Trump Zölle?

    Der designierte US-Präsident will, dass wieder mehr in den USA produziert wird. Das ist in vielen Fällen teurer, als zum Beispiel in China oder Südkorea zu fertigen. Deshalb will Trump die Produkte aus dem Ausland künstlich verteuern. Im Wahlkampf sprach er von 60 Prozent Zoll auf Produkte aus China und bis zu 20 Prozent Zoll auf andere ausländische Waren. Wer im großen US-Markt weiter günstig verkaufen will, braucht dann Fabriken vor Ort. Ein anderer Grund für US-Zölle, die vor allem Deutschland treffen könnten: Der Wert der Waren, die die USA in der Bundesrepublik einkaufen, übersteigt seit mehr als 30 Jahren den der Waren, die Amerika nach Deutschland liefert. Diesen Wert will Trump gegen Null senken.

    Wie wird sich Trumps Plan auswirken?

    Weil Waren aus dem Ausland sofort teurer werden, entsprechende US-Produktion aber fehlt, steigen die Preise vieler Produkte in den USA unmittelbar. Die Amerikaner müssen mehr bezahlen. Denn neue Fabriken zu bauen, dauert von der Planung bis zum Produktionsstart mitunter Jahre. Und andere Länder könnten ihrerseits mit Zöllen auf US-Produkte reagieren und sie verteuern. Das erschwert den US-Firmen den Export.

    Was bedeuten US-Zölle für die deutsche Wirtschaft?

    Deutschland ist sehr exportorientiert, liefert in die ganze Welt. Die USA sind nach China der zweitwichtigste Markt. Zölle würden die hiesige Wirtschaft also treffen, mindestens kurzfristig. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel schätzt, dass Deutschland ein Prozent Wirtschaftsleistung verlieren könnte. Das wären rund 41 Milliarden Euro, gemessen am Bruttoinlandsprodukt von 2023. Vor allem die deutsche Autoindustrie bekommt Probleme. Sie produziert bereits in den USA, wird aber die gesamte US-Nachfrage nicht ohne neue Fabriken bedienen können. Zudem ist die Industrie arbeitsteilig aufgestellt, nicht jedes Fahrzeug wird in jedem Land hergestellt. So produziert BMW SUV in den USA für die Welt.

    Wie reagieren China und die EU als größte Wirtschaftsblöcke neben den USA?

    China könnte seinerseits schnell Zölle erheben und es auf einen Handelskrieg ankommen lassen. Die USA sind bisher stärker von China abhängig als die Chinesen von den USA. Und bei vielen Produkten wie bei Elektroautos oder einige Mobiltelefone sind die Chinesen inzwischen besser als die Amerikaner. Auch die EU könnte recht schnell Zölle auf US-Waren erheben. Möglicherweise bringen Trumps Zölle die EU auch dazu, langfristig noch enger zusammenzurücken, einheitlicher aufzutreten und Hemmnisse zwischen den Ländern zu beseitigen. Das Ifo Institut in München geht davon aus, dass sich die Bruttowertschöpfung in der EU deshalb um rund 353 Milliarden Euro erhöhen könnte, eine enorme Summe. Die Staatengemeinschaft würde stärker und könnte den USA mehr entgegensetzen.

    Werden die Levis 501 oder das iPhone teurer?

    Das hängt davon ab, ob die EU mit Zöllen auf US-Waren reagiert. Sollten Textilien betroffen sein, könnten Jeans aus den USA teurer werden und damit auch Produkte der Marke Levis. Beim iPhone, dem Mobiltelefon von Apple, ist die Lage etwas anders. Die Geräte werden vor allem in Asien nach Vorgaben aus den USA hergestellt. Sie werden in der Regel direkt aus den Fabriken nach Europa geliefert, unterliegen damit keinen Zöllen – außer, die EU entschließt sich, welche auf Waren aus Asien zu erheben.

    Was lehrt die Geschichte?

    Drei Beispiele: Ende des 18. Jahrhunderts gab es in Deutschland etwa 1800 Zollgrenzen. Selbst in Preußen wurden Waren zwischen Königsberg und Köln gut 80 Mal kontrolliert und Zölle erhoben. Erst mit dem Deutschen Zollverein wurden sie abgeschafft – der Aufstieg Deutschlands als Industrienation begann.

    Zölle schaden, wie eine Studie der Forscher Christopher M. Meissner von der University of California und Alexander Klein von der britischen University of Sussex zeigt. Sie untersuchten US-Daten aus der Hochzollphase zwischen 1870 und 1900. Danach hatten Firmen damals wenig Interesse zu investieren, sie waren schließlich durch hohe Zölle vor Wettbewerb geschützt. Es wurde weniger geforscht, technologisch waren viele US-Firmen im internationalen Vergleich abgehängt. Manche Unternehmen blieben im Geschäft, obwohl sie ineffizient waren.

    Der Ausstieg Großbritannien aus dem EU-Binnenmarkt und die Einführung neuer Zölle hat das Land bisher bis zu sechs Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung gekostet, wie die Experten von Cambridge Econometrics im Januar berichteten. Das entspricht rund 168 Milliarden Euro im Jahr 2023. Berücksichtigt sind allerdings nicht nur Zölle.

  • Die Software-Retter

    Ein deutscher Fonds will Open-Source-Ausfälle verhindern

    Am 17. Dezember 2021 erwischt es den Bundesfinanzhof. Das hohe Gericht muss seine Internetseite nach einem Hackerangriff vom Netz nehmen. Die Täter nutzen eine Lücke in einer Software namens log4j, um Zugriff auf Rechner zu bekommen. Es trifft damals weltweit auch andere, etwa das belgische Militär. Das Programm ist klein, die Gefahr groß. Auch wenn die Lücke geschlossen werden kann, zeigt sich, wie anfällig die Systeme sind. Hier setzt der staatliche deutsche Sovereign Tech Fund mit einem einzigartigen Konzept an.

    Log4j ist weltweit de facto Standard. Die Software ist kostenlos und steht allen zur Verfügung. Open Source werden solche Programme genannt, was so viel wie freie Quelle heißt. Oft sind sie klein, aber die praktikabelste Lösung für ein Problem – log4j zum Beispiel für bestimmte Anmelderoutinen. Oder, um präzise die Zeit zu messen und zu synchronisieren, wichtig im Finanzwesen, beim Rundfunk, Telekommunikation in Sicherheitsprotokollen.

    „Open-Source-Software steckt überall drin, in Autos, Heizungsreglern, Mobiltelefonen, Ampeln“, sagt Fiona Krakenbürger. „Auch große Softwarefirmen nutzen sie.“ Und Adriana Groh ergänzt: „Es geht um die unsichtbare Technologie, die die Welt am Laufen hält.“ Die beiden haben den Sovereign Tech Fund mit Sitz in Berlin 2022 initiiert und leiten ihn. Während viele Stiftungen und Firmen Geld geben, um neue Open-Source-Software zu entwickeln, geht es dem Sovereign Tech Fund um anderes.

    „Vor allem die Wartung der Software muss signifikant unterstützt werden“, sagt Krakenbürger. Sonst fällt im schlimmsten Fall etwas aus oder Hacker nutzen Lücken – mit teuren Folgen. „Es ist wirtschaftlich wichtig, dass kritische Software weiter funktioniert“, sagt Groh. „Wie bei Straßen und Schienen und anderer Infrastruktur muss sich der Staat auch bei der digitalen Daseinsvorsorge kümmern.“

    Aufgehängt ist der Fund bei der Bundesagentur für Sprunginnovationen (Sprind) in Leipzig. Sie soll Ideen und Entwicklungen fördern, die die Welt verändern können. Und sie sorgt jetzt indirekt dafür, dass die Softwarewelt weiter funktioniert. Finanziert wird der Fund aus dem Bundeswirtschaftsministerium.

    Das Besondere vieler Open-Source-Software: Oft hat sie jemand in der Freizeit programmiert. Geld gab es meist nicht. Vieles ist nicht dokumentiert und abhängig davon, dass die Person, die programmiert hat, sich auch Jahre später noch um solche Software kümmert. Gleichwohl ist solche Software weit verbreitet, wie sich an log4j sehen lässt.

    Oder an Curl: Die Software, die Datenübertragung ermöglicht, läuft auf Millionen von Spielekonsolen, Mobiltelefonen und Fernsehern. Sie steckt in Autos und Druckern. Apples und Microsofts Betriebssysteme verwenden sie. Einige Experten nennen die Software eine der wichtigsten überhaupt. Ein Ausfall wäre dramatisch. Der Sovereign Tech Fund gab Geld, um Fehler zu beheben. 122 waren bekannt, den Programmierern fehlte aber Zeit und finanzielle Hilfe.

    Die Probleme tauchen vor allem auf, weil Software nie richtig fertig ist. Die Technologie ändert sich, was eben noch sicher war, ist es wie bei log4j plötzlich nicht mehr. Bei Open-Source-Software kann es passieren, dass sich niemand mehr zuständig fühlt, die Person, die sie programmiert hat, ausgefallen ist. Wird die Software nicht aktualisiert, sind dann ganze Systeme gefährdet. Vergleichbar ist das mit einem aufwändigen Gebäude aus Bauklötzen. Wenn unten rechts einer herausgezogen wird, bricht es zusammen.

    Die Programme sind oft klein, das Problem ist dagegen sehr groß. „Es gibt weltweit Tausende kritische Open-Source-Programme“, sagt Krakenbürger. Eine genaue Zahl lässt sich kaum angeben, die Menge zu unübersichtlich ist. Der Fund hat bisher 195 unterstützungswürdige Technologien ermittelt. Für insgesamt 60 verschiedene Projekte gab er bisher Geld. Und der Bundestag, der dem Fund das Geld bewilligt, ist von der Arbeit offenbar überzeugt. Der Etat stieg von 11,5 Millionen Euro 2023 auf 15 Millionen Euro in diesem Jahr. Für das kommende Jahr waren 19 Millionen Euro vorgesehen. Allerdings wird der Bundeshaushalt 2025 wegen der Regierungskrise wohl nicht mehr verabschiedet.

    Für finanzielle Hilfe können Programmierer oder Projekte beim Fund beantragen. Die derzeit 14 Beschäftigten bewerten die Anträge, bei der Auswahl hilft eine Jury aus externen Experten. Dann schließt der Fund Dienstleistungsverträge mit den Programmierern, die nicht in Deutschland arbeiten müssen. Open-Source-Software wird weltweit entwickelt, die Urheber kritischer Software können in den USA, Malaysia oder Schweden sitzen.

    Seit Anfang November ist der Fund Teil der Sovereign Tech Agency mit Sitz in Berlin. Die neue Agentur kümmert sich nicht mehr nur darum, Entwickler zu unterstützen, die kritische, frei verfügbare Software warten, aktualisieren und dokumentieren. Die Agentur bietet auch Fehlersuche an. Und Programmierer von Open-Source-Technologien sollen gezielt gefördert werden.

    Deutschland rettet also gerade ein bisschen die Computerwelt. „Es müsste weit mehr Engagement für Open Source und die Wartung der Komponenten geben. Wir als Sovereign Tech Agency können und sollten das nicht allein stemmen. Aber wir machen vor, wie es gehen kann“, sagt Krakenbürger. Der Fund sei offen für Kooperationen, ergänzt Groh. „Erste Gespräche dazu laufen in einem European Infrastructure Consortium.“

  • Anpacken

    Kommentar zum Sozialbericht 2024

    Wer wissen möchte, was die Bundesrepublik zusammenhält, wie sich die Einwohner fühlen, wo es gut läuft, wo es hakt, findet etwas im Sozialbericht. Auf 440 Seiten liefert er einen recht umfassenden Blick auf Deutschland. Die Fülle an Zahlen und Fakten kann überfordern, einige Daten sind nicht besonders aktuell. Aber jeder kann nachsehen, wie es steht. Leider tun das offenbar zu wenige. Stattdessen greift zunehmend schlechte Laune um sich.

    Der Bericht zeigt, dass die Vermögen gestiegen sind, gleichzeitig zeigt er wie ungleich sie verteilt sind. Und dass sich daran wenig geändert hat. Es gibt Informationen zu Armutsrisiken nach Alter, Bildung und Region, und dass sie gestiegen sind. Der Bericht räumt mit dem Vorurteil auf, dass Familien mit Migrationshintergrund Kinder lieber selbst betreuen. Dabei ist ihre Nachfrage nach Betreuung hoch, doch fehlen Plätze – oder sie bekommen keine Zusage.

    Die Daten lassen erkennen, wie dramatisch der demografische Wandel Deutschland treffen wird. Dass es ohne hohe Nettozuwanderung in wenigen Jahren wirtschaftlich richtig schwierig wird. Dass Menschen, die zu uns kommen, wesentlich jünger sind als der Altersschnitt derjenigen, die bereits hier sind. Und dass die, die jetzt kommen, deutlich höher qualifiziert sind als die, die vor 1980 einwanderten. Gleichzeitig werden die Probleme der Personen mit Migration kaum angegangen.

    Und auch wenn die Stimmung im Land schlecht sein mag, weil die Regierung uneins ist, die Wirtschaft schwächelt, in der Ukraine ein Krieg tobt und in den USA ein unberechenbarer Egoist Präsident wird: Deutschland ist dem Sozialbericht zufolge ein Land mit hoher Lebensqualität. Aber es muss etwas getan werden. Und das bedeutet: Weniger meckern, mehr freuen und mehr anpacken.