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  • Gedämpftes Wachstum

    Noch nie zuvor sind so viele Menschen mit der Deutschen Bahn gereist/ Dennoch machen sich erste Krisenanzeichen bemerkbar

    Die Deutsche Bahn hat einen Passagierrekord aufgestellt. Mehr als eine Milliarde Reisende waren in den ersten sechs Monaten dieses Jahres in Deutschland mit DB-Zügen unterwegs – fast 40 Millionen mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Das geht aus der Halbjahresbilanz hervor, die Bahn-Chef Rüdiger Grube am Donnerstag in Berlin vorstellte. Gleichzeitig spürt der Konzern, dass sich die Konjunktur weltweit verschlechtert.

    Im März hatte der Bahn-Chef die neue Wachstumsstrategie „DB 2020“ vorgestellt. In neun Jahren, so der Plan, will das bundeseigene Unternehmen seinen Umsatz auf 70 Milliarden nahezu verdoppeln. Zwar konnte der Konzern nicht nur bei den Passagierzahlen zulegen, sondern auch beim Umsatz. Dieser stieg im ersten Halbjahr 2012 um 3,3 Prozent auf 19,5 Milliarden Euro. Vor Zahlung von Zinsen und Steuern bleiben der Deutschen Bahn im ersten Halbjahr 1,3 Milliarden Euro. Die Umsatzprognose für 2012 von rund 40 Milliarden Euro aus dem Frühjahr korrigierte der Konzern erst einmal um eine Milliarde zurück.

    „Wir spüren zurzeit, dass sich weltweit, aber auch in Deutschland die Dynamik des Wachstums verlangsamt“, sagte Grube. So habe sich der Schienengüterverkehr in den vergangenen Monaten rückläufig entwickelt. Auch im Luftfrachtverkehr habe es wegen der schlechten konjunkturellen Entwicklung Einbußen gegeben.
    „Gedämpft optimistisch“ blickt der Konzern nun auf die kommenden Monate.

    An seiner Wachstumsstrategie hält Bahn-Chef Grube fest. Damit in Zukunft noch mehr Menschen vom Auto auf den Zug umsteigen, setzt er  auf Komfort. Bis 2020 will soll die komplette Fernverkehrsflotte grundlegend modernisieren beziehungsweise erneuert werden. Die Modernisierung der IC-Flotte läuft bereits, worin der Konzern insgesamt 250 Millionen Euro investieren will. Die Intercity-Linie Stuttgart-Köln-Hamburg soll beispielsweise im Dezember komplett auf moderne Wagen umgestellt sein.

    Neben den Kunden sollen ebenso die Angestellten zufriedener werden. Auch das ist Teil der Wachstumsstrategie. „Wir arbeiten an der Weiterentwicklung unserer Unternehmenskultur“, verkündete der Bahn-Chef. Unter anderem solle die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessert werden. So suche man bei der Erstellung von Schicht- und Einsatzplänen in Betrieben vor Ort individuelle Lösungen. 

    Der Wandel in der Unternehmenskultur hat gute Gründe. Die Deutsche Bahn braucht Personal. Über 5.500 neue Mitarbeiter hat das Unternehmen zwischen Januar und Juni 2012 in Deutschland eingestellt. Ab dem ersten September sollen 4.100 Menschen ihre Ausbildung oder ihr Duales Studium bei der DB beginnen.

    Weiter investieren will das bundeseigene Unternehmen auch in den Umweltschutz und erneuerbare Energien. Ob sich angesichts der Mehrausgaben, die künftig auf den Konzern zurollen, auch die Ticketpreise erhöhen werden, darüber schweigt man allerdings lieber. Über Preise gebe es keine Auskunft, fiel die knappe Antwort aus.  

  • Männer leiden nach Prostata-OP

    Eingriffe an der Prostata führen oftmals zu Komplikationen/ Experten: Abwarten statt operieren kann besser sein

    Nach einer Prostatakrebs-Operation leiden Männer häufig unter Spätfolgen – trotz der Zunahme von schonenden Behandlungsmethoden. 70 Prozent der Betroffenen klagen über Impotenz, knapp 16 Prozent über Harninkontinenz. Das geht aus dem Krankenhausreport 2012 der Barmer GEK hervor, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde.

    Nach dem Hautkrebs ist Prostatakrebs die häufigste Krebserkrankung unter Männern. Wird ein Klinikaufenthalt notwendig, zieht dieser in jedem zweiten Fall die Entfernung der Prostata nach sich. Gefäß- und nervenerhaltende Operationen gewinnen allerdings immer mehr an Bedeutung. Aktuell stellen sie einen Anteil von 55 Prozent. 2005 waren es noch 30 Prozent.

    „Hier kommt der medizinische Fortschritt an“, sagte Rolf-Ulrich Schlenker, Barmer GEK-Vizechef. Gleichzeitig bleibe aber weiterhin fraglich, ob die gravierenden Neben- und Folgewirkungen eines operativen Eingriffs oder einer Bestrahlung nicht mehr Männern erspart bleiben könnten. Jeder fünfte Mann berichtet dem Report zufolge über Komplikationen im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Krankenhausaufenthalt. Am häufigsten treten starke Blutungen auf.

    825 Männer zwischen 40 und 75 Jahren standen den Wissenschaftlern für ihre Studie Rede und Antwort – und zwar ein Jahr nach der Entlassung aus dem Krankenhaus. 40 Prozent gaben an, mit dem Behandlungsergebnis nur eingeschränkt zufrieden zu sein. Sieben Prozent waren unzufrieden.
    Urologen raten zu schnell zur OP,
    meinte Studienautorin Eva Maria Bitzer vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung (ISEG). Die Behandlung müsse nicht immer gleich Operation, Bestrahlung oder Medikamente bedeuten. Arzt und Patient sollten – wenn geeignet – auch eine Überwachung und langfristige Beobachtung in Erwägung ziehen.

    Rund 83.000 Prostatakrebsfälle wurden 2011 in Deutschlands Kliniken gezählt. Zwischen 1994 und 2010 stieg die Zahl der Krankenhausbehandlungen eines Prostatatumors laut Report um rund 40 Prozent. Das sei jedoch allein der demografischen Entwicklung und der immer älter werdenden Bevölkerung geschuldet, erklärte Barmer GEK-Vizechef Schlenker. Im Vergleich zu den USA, in denen etwa genauso viele Prostatakrebsfälle stationär behandelt werden, bewegten sich die deutschen Fallzahlen „auf hohem Niveau“.  

    Vor dem 40. Lebensjahr tritt Prostatakrebs praktisch nicht auf. Es handelt sich um eine Erkrankung älterer Männer. „Mit einem Krebs der Prostata kann man alt werden“, so Studienautorin Bitzer. „Die meisten Patienten, sterben nicht an der Erkrankung, sondern an etwas anderem.“

    Rund 364 Millionen Euro haben die gesetzlichen Krankenversicherer im vergangenen Jahr für die stationäre Versorgung von Prostatakrebs-Patienten ausgegeben. Pro Kopf lagen die Behandlungskosten im Schnitt bei etwa 5.900 Euro.

  • Bürger begehren auf gegen Stromleitungen

    Netzbetreiber veröffentlichen kritische Stellungnahmen zur Trassenplanung

    Viele Bürger glauben nicht an den Sinn der neuen Windparks auf dem Meer. Deshalb sprechen sie sich dagegen aus, tausende Kilometer neuer Stromleitungen durch Deutschland zu bauen. Das ist ein Hauptargument der rund 1.500 Stellungnahmen im Planungsverfahren für die künftigen Trassen. Ein guter Teil der Einwände, die Bürger und Organisationen in den vergangenen Monaten eingereicht haben, werden am Montag (23.7.) veröffentlicht.

    Die vier Betreiberfirmen des Höchstspannungsnetzes für Strom schlagen vor, vier große Leitungen von der Nord- und Ostsee nach Süddeutschland zu bauen. Hinzu kommt eine Reihe kleinerer Projekte. Die Kabel sollen in erster Linie dazu dienen, den Strom aus den künftigen Meereswindparks in südliche Ballungszentren wie München und Stuttgart zu leiten.

    Die Netzunternehmen mussten ihre Pläne laut Gesetz veröffentlichen. Alle Bundesbürger konnten sich in das Verfahren einschalten. Aber nur rund 1.500 Personen und Organisationen haben das getan.

    Einer der Einwender ist Hartmut Lindner von der Bürgerinitiative „Biosphäre unter Strom“ im brandenburgischen Chorin. Seine Position fasst er so zusammen: „Wenn man die dezentrale Stromproduktion stärker berücksichtigte, nähme der Bedarf für den Ausbau des Netzes ab.“ Lindner meint, die Bundesregierung und die privaten Netzunternehmen würden die Potenziale der erneuerbaren Energien an Land systematisch unterschätzen.

    Ähnlich sieht das Volker Quaschning, Professor der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Er meint, die Regierung liege falsch, wenn sie für das Jahr 2050 nur mit einer Stromerzeugungskapazität der Solarenergie von bis zu 79 Gigawatt (79 Milliarden Watt) rechne. Weil die Kosten der Solarproduktion sänken, der Preis konventionell erzeugten Stroms hingegen weiter steige, werde es für die Bundesbürger immer attraktiver, eigene Sonnenkraftwerke zu installieren. Quaschning hält deshalb eine Solarerzeugung von bis zu 200 Gigawatt im Jahr 2050 für möglich. Seine Schlussfolgerung: Bei einem solchen Szenario seien die geplanten Nord-Süd-Höchstspannungsleitungen mindestens teilweise überflüssig. Deutschland brauche nicht so viel Windstrom vom Meer, wie die Regierung annehme.   

    Weitere Gegenargumente betreffen den Umweltschutz. Beispielsweise Aktivist Lindner kritisiert, dass eine geplante Leitung in Brandenburg mit 350 Masten drei Naturschutzgebiete durchschneide, darunter das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin.

    Andere Bürger beklagen die Beeinträchtigung ihres unmittelbaren Wohnumfeldes. So verlangt eine Familie aus Schwentinental südlich von Kiel eine „Alternative zu der geplanten 380-Kilovolt-Freileitung“. Die Trasse in der Nachbarschaft ihres Dorfes werde die „Lebens- und Wohnqualität“, sowie „Räume für Wildtiere zerstören“. Familien aus dem niedersächsischen Meppen und Hannover fürchten Leitungen, die direkt an ihren Grundstücken vorbeiführten. Wenn überhaupt, solle man die Trassen parallel zu Autobahnen und Bahnlinien bauen.

    Die Stellungnahmen der Bürger sind für die Netzbetreiber nicht bindend, Diese und die Bundesnetzagentur als Genehmigungsbehörde müssen sie allerdings nachvollziehbar würdigen. Die veröffentlichten Kommentare finden sich ab Montag auf www.netzentwicklungsplan.de.

  • „Wir bauen in jedem Fall weiter“

    Über 500 Energie-Genossenschaften liefern inzwischen Elektrizität aus Bürgerhand

    Die Energiewende ist mehr als die Produktion von Strom mittels neuer Technik. Dahinter verbirgt sich auch eine gesellschaftliche Umgestaltung. Mehr als 500 Energie-Genossenschaften stellen mittlerweile Elektrizität her, gab der Deutsche Genossenschafts- und Raiffeisenverband am Donnerstag bekannt. So sehe Stromproduktion „in der Hand der Bürger“ aus, sagte DGRV-Vorstand Eckhard Ott.

    Vor allem in den letzten Jahren kamen viele Genossenschaften hinzu. 2011 waren es rund 180, 2010 etwa 120. Rund 80.000 Bürger beteiligen sich bundesweit an diesen Firmen, von denen rund die Hälfte im Verband organisiert ist. Einer Umfrage des DGRV zufolge schätzen die Mitglieder besonders die Möglichkeit der demokratischen Willensbildung, die dieser Unternehmensform innewohnt. Grundsätzlich hat jeder Anteilseigner eine Stimme.

    So kann man unter anderem im bayerischen Grafenwöhr beobachten, was die Energiewende bedeutet. „Wir machen die industrielle Revolution des 21. Jahrhunderts“, sagt Helmut Amschler, CSU-Mitglied und Vorstand der Stadtwerke Grafenwöhr. Zusammen mit 18 Bürgermeistern der Oberpfalz hat er in den vergangenen Jahren zwei Energie-Genossenschaften gegründet, die vor allem Solarkraftwerke finanzieren und betreiben. Knapp 1.000 Einwohner der Region beteiligen sich mit Anteilen von mindestens 500 Euro.

    Der Charme scheint vor allem darin zu bestehen, dass man weniger Strom vom Konzern E.ON und seinen Ablegern kaufen muss. „Damit bleiben die Wertschöpfung und auch die Erträge in unserer Region“, sagt Amschler. Die Genossenschaften besorgen sich die benötigten Kredite bei den örtlichen Volksbanken, beauftragen Baufirmen und Handwerker aus der Nachbarschaft und werden die erhoffte Rendite an die Mitglieder auszahlen. Regionale Wirtschaftsförderung und Selbstbestimmung gehen Hand in Hand.

    Aber ist die Ansage der demokratischen Energieproduktion nicht etwas hochgeschraubt? Bundesweit können die Genossenschaften erst 222 Megawatt Strom liefern. Das sind 0,4 Prozent der Menge, die die erneuerbaren Energien insgesamt höchstens bereitstellen.

    Ein anderes Bild ergibt sich, wenn man die Besitzverhältnisse an den Öko-Kraftwerken, die mittlerweile bis zu 20 Prozent des deutschen Strombedarfs decken, im Zusammenhang betrachtet. Zahlen der Agentur für Erneuerbare Energien zufolge, die vom Bundesumweltministerium unterstützt wird, sind 51 Prozent der regenerativen Anlagen in der Hand von Privatleuten und Bauern. Diese können etwa 26.500 Megawatt Spitzenleistung liefern, soviel wie 26 Atomkraftwerke. Einen Teil dieser demokratischen Produktionsstruktur bilden die Genossenschaften. Die andere knappe Hälfte der Ökostromproduktion gehört größeren Energieversorgern, Banken und Projektentwicklern. Die vier großen Stromkonzerne kommen nur auf 6,5 Prozent.

    „Wir sind erst ganz am Anfang“, sagt Stadtwerke-Vorstand Amschler. Und er fügt hinzu: „Unabhängig von jeder Senkung der Einspeisevergütung für Ökostrom bauen wir weiter.“ In jedem Fall sei die „Eigenstromproduktion finanziell interessant“. Wenn sich die Investitionskosten der kleinen Kraftwerke amortisiert hätten, stelle man die Elektrizität billiger her, als externe Lieferanten sie verkaufen würden.

  • Kunden werden beim Dispo geschröpft

    Studie des Verbraucherministeriums belegt übermäßige Kosten für Kontoüberziehung

    Viele Kreditinstitute knöpfen ihren Kunden beim Überziehungskredit höhere Zinsen ab als nötig. Zu diesem Ergebnis kommt eine umfangreiche Studie im Auftrag des Bundesverbraucherministeriums. So profitierten Banken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken von den sinkenden Leitzinsen. „Die Dispozinsen sind nicht in gleichem Maße gefallen“, stellen die Gutachter fest.

    Verbraucherschützer klagen schon lange über teils sehr hohe Zinsen für Überziehungen oder geduldete Überschreitungen des Kontolimits. Laut Studie bewegt sich der Rahmen zwischen etwa sechs Prozent für den eingeräumte Dispo bis zu nahezu 20 Prozent für eine geduldete Überziehung. Durchschnittlich berechnen die Unternehmen 10,27 Prozent. Sparkassen oder Banken könnten laut Studie mit einem Zinssatz von rund zehn Prozent profitabel arbeiten.

    Die Gutachter vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und dem Institut für Finanzdienstleistungen sehen keine glaubwürdige Begründung für eine große Abweichung nach oben. Die höheren Kosten sind demnach nicht durch höhere Ausfallquoten gerechtfertigt. Die Institute müssen nur 0,2 Prozent der Dispokredite abschreiben, weil der Kunde nicht mehr zahlungsfähig ist. Bei normalen Ratenkrediten liegt die Verlustquote bei 2,5 Prozent. Auch sei der Bearbeitungs- und Verwaltungsaufwand in den letzten Jahren nicht gestiegen. „Es liegt also nahe, dass die Erträge aus dem Dispokreditgeschäft zur Quersubventionierung anderer Leistungen oder zur Gewinnsteigerung verwendet werden“, schließen die Gutachter.

    Kontoüberziehungen sind weit verbreitet. Vier von fünf Kontoinhaber dürfen sich über das Girokonto von ihrem Institut Geld leihen. 29 Prozent der Kunden nehmen das Angebot auch an. Zusammengenommen stehen die Verbraucher bei den Banken mit 41 Milliarden Euro in der Kreide. Auf jeden Bundesbürger entfallen rechnerisch 500 Euro Dispokredit. In der Regel können die Kunden auf einen Kreditrahmen von zwei bis drei Nettoeinkommen verfügen. Armen Haushalten wird der Zugang zum Dispo allerdings häufig verwehrt.

    Die Meinungen über die richtigen Schlussfolgerungen aus dem Gutachten gehen weit auseinander. Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) fordert von den Instituten „faire Konditionen, volle Transparenz und gute Beratung.“ Transparenz sei das effektivste Mittel, um vernünftige Preise durchzusetzen. Die Minister verweist auf die Erfahrungen mit den Gebühren beim Abheben von fremden Geldautomaten. Die Preise dort sind kräftig gefallen, seitdem sie für den Kunden klar erkennbar angezeigt werden müssen.

    Dagegen fordert der baden-württembergische Verbraucherminister Alexander Bonde (Grüne) ein Gesetz gegen zu hohe Preise. „Wir brauchen eine gesetzliche Obergrenze für Dispo-Zinsen“, sagt Bonde. Die Grenze soll sich an den Leitzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) orientieren. Die Gutachter halten eine Begrenzung der Dispozinsen für rechtlich machbar. Sie erwarten allerdings, dass dann die Kosten für andere Bankleistungen wie die Kontoführungsgebühren steigen.

  • Yes, we sammel!

    Kommentar zur Wertstofftonne von Hannes Koch

    Mit dieser Idee kann der Umweltminister nicht daneben liegen. Er will, dass wir in neuen Wertstofftonnen mehr Müll sammeln und abtransportieren lassen. Das ist eine unserer leichtesten Übungen, denn wenig haben wir so reichlich, wie überflüssiges Material. Ein Blick in einen deutschen Durchschnittskeller lässt ahnen, dass zehntausende Tonnen Plastikkram und Metallreste auf die Sortierung warten. Ein Schatz, den wir Umweltmeister mühelos heben werden.

    Sammeln, Sortieren und Recyceln mögen hierzulande so gut funktionieren, weil diese Tätigkeiten bestimmte Saiten im deutschen Nationalcharakter zum Schwingen bringen, Liebe zur Struktur etwa und Naturromantik. Deshalb wäre noch viel mehr drin. Die gegenwärtige Verpackungsverordnung und Altmaiers neuer Vorschlag der Wertstofftonne bleiben unter unseren Möglichkeiten.

    Gewiss, schon das bisherige Systeme ist nicht schlecht, international wurde es oft kopiert. Aber die ökologische Wirkung lässt sich steigern. Die Menge des Verpackungsmülls ist zwar in den vergangenen 20 Jahren trotz Wirtschaftswachstums kaum noch gestiegen, aber auch nicht gesunken.

    Strengere Reyclingquoten für Hersteller und Müllfirmen würden die Müllmenge drücken – ein segenreiches Vorhaben vor allem angesichts der Massen ausrangierter Computer und Mobiltelefone. Das könnte langfristig nicht nur zusätzliche ökologische, sondern auch wirtschaftliche Vorteile bringen. Material, das nicht verarbeitet oder wenigstens wiederverwertet wird, senkt Produktionskosten und Verbraucherpreise. Auch die Entsorgungsgebühren, die Firmen und Privathaushalte entrichten, würden eingedämmt. Die freien finanziellen Ressourcen flössen damit in saubere Produkte und Arbeitsplätze. Das ist ein Strukturwandel, der in Deutschland jedenfalls nicht auf den Widerstand einer Mehrheit stieße.

  • Mehr Müll für die gelbe Tonne

    Umweltminister Altmaier will 2013 eine neue Wertstofftonne für Privathaushalte einführen

    Satiriker sagen, die Deutschen seien vom Mülltrennen geradezu besessen. Nun treibt CDU-Umweltminister Peter Altmaier die Bürger zu neuen Höchstleistungen. Künftig sollen sie mehr Material in die Gelben Tonnen werfen, die heute nur alten Verpackungen vorbehalten sind. Ein entsprechendes Gesetz solle noch in dieser Legislaturperiode fertig werden, sagte Altmaier am Mittwoch.

    Was darf heute in die Gelbe Tonne?
    In den Tonnen und gelben Säcken sammelt das Duale System Leichtverpackungen aus Kunststoff (z.B. Käsefolien, Joghurtbecher), aus Metall (z.B. Weißblechdosen) und aus Verbundmaterialien (z.B. Milch-Tetrapaks).

    Was soll ab 2013 in die Wertstofftonne?
    Wie bisher alle Leichtverpackungen, zusätzlich aber auch „stoffgleiche Nichtverpackungsabfälle“. Das sind unter anderem Metallreste, Autofelgen, Metallmöbel, Töpfe, Nägel, Kunststoffspielzeug, Plastikstühle.

    Was kommt nicht in die Wertstofftonne?
    Holz, Textilien, Elektrogeräte, Handys, Batterien, Chemikalien, Papier, Glas, Biomüll und Restmüll.

    Was passiert mit Elektroschrott und Handys?
    Kommunale Entsorger sammeln heute teilweise auch Elektroschrott in Wertstofftonnen. Viele Experten sagen aber, dass Joghurtbecher und Computer getrennt erfasst werden sollten, weil sonst die Sortierung zu aufwendig sei. Elektroschrott muss man gegenwärtig und künftig zu den kommunalen Recyclinghöfen bringen. Für Mobiltelefone will Umweltminister Altmaier bald ein besseres System vorschlagen.

    Wer ist für das neue System verantwortlich?
    Heute sammeln und verwerten zwei Gruppen von Unternehmen den Müll – einerseits die öffentlichen Firmen der Kommunen, andererseits die privaten Entsorgungsbetriebe, die unter anderem das Duale System tragen. Wer künftig Herr über die Wertstofftonnen sein wird, hat Altmaier noch offengelassen. Er stellt sich Wettbewerb und Mischlösungen bei der neuen Kunststoffsammlung vor. Dann könnten auch öffentliche Modelle wie die orangene Wertstofftonne der Berliner BSR weiterexistieren. Den Privaten geht so möglicherweise ein Teil des Reyclinggeschäfts verloren.

    Warum schlägt Altmaier kein eigenes Modell vor?
    Nach eigenem Bekunden will der Umweltminister erst einmal eine Debatte mit den Firmen, Verbänden und Bundesländern führen. Indem er die zu schnelle Festlegung vermeidet, versucht er eine Blockade und ein kompliziertes Vermittlungsverfahren zwischen Bundestag und Bundesrat wie beim Kreislaufwirtschaftsgesetz zu verhindern. Ab Anfang August soll sein Haus außerdem einen Dialog mit den Bürgern organisieren.

    Wer bezahlt für die neue Sammlung?
    Auch das ist ungeklärt. Die neue Kunststoff- und Metallsammlung erfasst mehr Materialien als heute, die sich größenteils nicht gewinnbringend verwerten lassen. Altmaier überlegt deshalb, die Produktverantwortung der Hersteller auszudehnen. Das könnte bedeuten, dass beispielsweise Produzenten von Kinderspielzeug Gebühren an die Entsorger zahlen müssten, um sich an deren Recyclingkosten zu beteiligen. Eine solche Regelung gilt heute im Rahmen des Dualen Systems schon für die Verpackungshersteller.

    Was bedeutet das für Konsumenten und Haushalte?
    Wenn die Produzenten von Kunststoff- und Metallprodukten zusätzliche Müllgebühren entrichten müssten, würden dadurch die Verbraucherpreise in den Geschäften steigen. Die Auswirkung für die Müllgebühren der Privathaushalte hängt vom jeweiligen Organisationsmodell ab und lässt sich heute schwer prognostizieren.

  • Guter Schutz für die Lehre

    Mit Beginn der Ausbildung sind Azubis nicht mehr generell über die Eltern versichert. Über ihre eigene Absicherung sollten sie sich Gedanken machen.

     Krankenkasse:
    Auszubildende sind immer pflichtversichert und damit in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Welcher Krankenkasse sie beitreten möchten, können sie frei wählen. Ein Vergleich lohnt sich. Denn neben dem einheitlichen Versicherungsbeitrag verlangen immer noch einige Kassen Zusatzbeiträge zwischen 8 und 15 Euro im Monat.

    Auch ein Blick auf die Leistungen macht sich mitunter in barer Münze bezahlt. Die meisten Kassen bieten Bonusprogramme an und belohnen zum Beispiel Sport und den Besuch von Vorsorgeuntersuchungen. „Je nach Kasse kann sich der Teilnehmer dann zum Beispiel 100 Euro im Jahr zurückholen“, so Isabell Pohlmann, Autorin des Ratgebers „Endlich Erwachsen!“ der Verbraucherzentralen. Das Online-Informationsportal www.krankenkassen.de hilft bei der Suche nach dem passenden Anbieter.

    Berufsunfähigkeit:
    Die Police, kurz BU genannt, sichert Arbeitnehmer finanziell ab, wenn sie ihren Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben können. Der Schutz ist sehr sinnvoll, mit mehreren Hundert Euro Beitrag pro Jahr, leider nicht billig. „Vielen Azubis dürfte es schwer fallen, die BU von ihrem Gehalt zu zahlen“, so Autorin Pohlmann. Gut ist es, wenn Eltern die Azubis hier unterstützen.

    Haftpflicht:
    Eine private Haftpflichtpolice ist unverzichtbar. Sie springt ein, wenn man Schäden bei anderen verursacht. In der ersten Ausbildung sind Azubis bei den Eltern mitversichert. Eine eigene Police kann dennoch sinnvoll sein – etwa dann, wenn die Eltern einen alten Vertrag haben. In den vergangenen Jahren haben sich die Leistungen immer wieder verbessert. Heute sind beispielsweise Internetschäden oftmals in den Tarifen inbegriffen. Und auch Schlüsselverluste können gezielt abgesichert werden. Der eigene Schutz ist ab etwa 50 Euro im Jahr zu haben.    

    Hausrat:
    Wer in die eigene Wohnung zieht und sich eine höherwertige Einrichtung zulegt, sollte über den Abschluss einer Hausratversicherung nachdenken.

  • Azubi-Finanzcheck

    Der Lehrvertrag ist in der Tasche und bald gibt es das erste Gehalt. Doch was bleibt davon übrig? Und was kann man machen, wenn das Geld zum Leben nicht ausreicht?

    So viel ist anfangs drin:
    Große Sprünge können Berufseinsteiger mit ihrem Lohn in der Regel nicht machen. Im Schnitt gibt es im ersten Lehrjahr 579 Euro brutto pro Monat – zumindest in den tariflichen Ausbildungsberufen. In Ostdeutschland fällt das Gehalt geringer aus. Wer hier beispielsweise eine Ausbildung zum Mechatroniker antritt, bekommt am Anfang 780 Euro brutto im Monat. Am Ende der dreijährigen Lehre sind es 932 Euro. Im Westen sind es anfangs 798 Euro und zum Schluss 970 Euro.

    So hoch sind die Abzüge:
    „Brutto“ bedeutet, nicht der ganze Verdienst landet auf dem Konto. Der Staat zieht noch Sozialabgaben ab, also Beiträge zur Arbeitslosen-, Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung.
    Auszubildender und Arbeitgeber beteiligen sich ungefähr jeweils zur Hälfte an den Sozialabgaben. Mit etwa 20 Prozent Abzügen müssen Azubis schlussendlich rechnen.

    Wer allerdings nicht mehr als 400 Euro im Monat verdient – wie zum Beispiel Friseurlehrlinge im Osten, die sich zu Beginn mit rund 214 Euro monatlich zufrieden geben müssen – ist von den Zahlungen befreit. Ab einer Summe von etwa 900 Euro wird in der Regel zusätzlich noch Lohnsteuer fällig. Wie viel am Ende vom Lohn übrig bleibt, lässt sich mithilfe eines Brutto-Netto-Rechners im Internet ausrechnen.

    Das gibt der Staat dazu:
    Wer mit seinem Verdienst nicht über die Runden kommt, dem hilft der Staat in Form der Berufsausbildungsbeihilfe, kurz BAB. Mehrere Hundert Euro Zuschuss im Monat sind möglich. Voraussetzung für die Finanzspritze ist unter anderem, dass der Lehrling nicht bei den Eltern wohnen kann, weil der Ausbildungsbetrieb zu weit weg liegt.

    Die Höhe des Zuschusses wird ganz individuell berechnet.
    Auch das Einkommen der Eltern spielt dabei eine Rolle. Ob ein Anspruch auf die Förderung besteht, verrät der Online-Rechner der Arbeitsagentur unter www.bab-rechner.arbeitsagentur.de

    Günstiger Wohnen:
    Azubis, die von zuhause ausziehen müssen oder möchten, sollten sich um einen Wohnberechtigungsschein (WBS-Schein) kümmern. Damit lassen sich günstige, mit öffentlichen Mitteln geförderte Wohnungen mieten. Ansprechpartner ist das  Wohnungsamt.

    Je nach Einkommens- und Miethöhe kann es sein, dass zusätzlich ein Anspruch auf Wohngeld vom Sozialamt besteht. Die Hürden für den Zuschuss sind hoch. Auszubildende sollten sich bei ihrer Stadt erkundigen, unter welchen Bedingungen sie die finanzielle Unterstützung erhalten. Im Zweifelsfall sollten sie einen Antrag stellen.

    Aufgepasst beim Girokonto:
    Für Azubis sind Girokonten fast immer kostenlos. Wie so oft, heißt „kostenlos“  auch hier nicht unbedingt, dass das Konto kein Geld verschlingt. Versteckte Gebühren lauern beispielsweise in Form von Kosten für Giro- oder Kreditkarten oder für Überweisungen. Also: Das Kleingedruckte genau studieren.

  • Unten Fisch, oben Tomaten

    Bald könnte auf Supermarktdächern frisches Gemüse für den Verkauf wachsen

    Interessiert lässt sich Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner auf dem ehemaligen Berliner Flugfeld Tempelhof den Zusammenhang zwischen Gemüsebeeten und sozialen Kontakten erklären. 300 Hochbeete von 700 Kleingärtnern haben einen Teil des alten Airports erobert. Nach dem Vorbild Havannas und New Yorks bauen nun auch die Berliner zunehmend Tomaten, Gurken oder Erdbeeren auf Freiflächen, Dachgärten oder Mietparzellen mitten in der Großstadt an. Mit einigen zehntausend Schrebergärten hat dieser Beitrag zur Selbstverpflegung in der Hauptstadt auch eine lange Tradition.

    „Für uns steht nicht die Produktion im Mittelpunkt“, erklärt Kerstin Stelmacher von der Initiative Allmende Kontor, der Tempelhofer Gemeinschaftsgarten böte eine soziale Plattform für das Miteinander der Nachbarn. „Gemeinschaftlich nutzen – statt besitzen“, lautet ein Motto der Pioniere, die sich für einen Euro im Jahr einen Quadratmeter Flughafen sichern können. Die CSU-Politikerin kann mit den postsozialistischen Idealen gut umgehen. „Immer mehr Menschen entdecken mitten in der Stadt die Lust am Landleben und bekommen dadurch einen neuen Bezug zur Produktion von Lebensmitteln“, lobt die Ministerin das Projekt.

    Die Fachbegriffe für diese Bewegung stammen aus dem Englischen. Mit „Urban Gardening“ sollen städtische Problemzonen durch gemeinsames Gärtnern befriedet werden. Beim „Urban Farming“, geht es um einen echten Beitrag zur Produktion von Nahrungsmitteln. Davon erhoffen sich die Gründer des Unternehmens „Efficient City Farming“ (ECF) eine lukratives Geschäftsfeld. Die Firma hat sich in einer alten Brauerei, nicht weit vom Tempelhofer Pionierfeld niedergelassen. „Urbane Landwirtschaft macht Sinn“, wirbt Mitgründer Nicolas Leschke bei Aigner für eine kuriose Idee. ECF kombiniert die Fischzucht mit der Produktion von Tomaten oder Zuccini.

    Das Prinzip ist einfach, wie ein Blick auf die in einem Schiffscontainer untergebrachte Pilotanlage zeigt. Im Behälter werden Buntbarsche im Bassin aufgezogen. Deren Exkremente wieder dienen als Dünger für das Gemüse, dass auf dem Dach in einem Gewächshaus wächst. Die Produktion von Fisch und Pflanzen ist klimaneutral und kann unmittelbar beim Abnehmer angesiedelt werden. „Fisch und Pflanzen leben in einem Kompromiss“, erläutert Sven Würtz vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, das die Entwicklung wissenschaftlich begleitet.

    So soll die professionelle Landwirtschaft in die Stadt ziehen. 35.000 Euro kostet ein Container, der 200 Barsche und 100 Gemüsepflanzen fasst. Die Ziele von ECF sind freilich weitaus höher gesteckt. Auf dem Dach der Brauerei und in den darunter liegenden Hallen entsteht bald eine erste Dachfarm, die 80 Tonnen Fisch und rechnerisch 500 Tonnen Tomaten im Jahr liefern kann. Damit wollen die Gründer die Praxistauglichkeit ihres Konzeptes beweisen.

    Mit den Probeanlagen will ECF dann vor allem Supermarktketten als Kunden gewinnen. Deren großen Parkplätze könnten überdacht als Gemüsebeete fungieren. Dann kämen Frischfisch und Grünzeug direkt vom Erzeuger in den Laden. Lange Transportketten und die aufwändige Kühlung entfallen. Das Interesse der Handelskonzerne sei vorhanden, berichtet Leschke.

    Aigners Urteil ist noch vorsichtig. „Das muss sich erst einmal in der Praxis bewähren“, sagt die Ministerin, „es wird eine Ergänzung zur Lebensmittelproduktion in Deutschland sein.“ Auch die Gründer wissen, dass der Hunger in der Welt durch städtische Farmen nicht besiegt werden kann. Gleichwohl sehen die Absatzchancen in großen Ballungsgebieten wie dem chinesischen Shanghai, wo die Versorgung der vielen Millionen Einwohner mit Nahrungsmitteln problematisch ist. Einstweilen suchen die Pioniere noch Geldgeber für den Aufbau der ersten großflächigen Stadtfarmen. Drei Millionen Euro braucht ECF dafür.

  • Regionaler Sozialausgleich bleibt notwendig

    Kommentar zur Klage gegen den Länderfinanzausgleich

    Bayerns Klage gegen den Länderfinanzausgleich macht Eindruck. Am Dienstag beschloss Horst Seehofers CSU-FDP-Landesregierung vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen, um die gesetzlichen Ausgleichszahlungen des reichen Bayern an arme Bundesländer wie Berlin zu kappen. Möglicherweise erreicht München damit in einigen Jahren eine gewisse Reduzierung seiner Überweisung – das grundsätzliche System des Sozialtransfers zwischen den Regionen in Deutschland wird dennoch bestehen bleiben.

    Einerseits ist Bayerns Klage verständlich. Baden-Württemberg und Hessen teilen das Anliegen. Der Grund: Nur noch diese drei Länder – von einem winzigen Hamburger Beitrag abgesehen – zahlten 2011 rund 7,3 Milliarden Euro zugunsten der armen Verwandten im Norden und Osten. Bayern allein überwies mit 3,7 Milliarden die Hälfte und finanzierte damit vor allem Berlin, das drei Milliarden vereinnahmte.

    Die Schieflage zwischen so wenigen Gebern und vielen Nehmern kann man durchaus als regional ungerecht empfinden. Und das gegenwärtige System ist teilweise paradox. Basiert die Berechnung doch wesentlich auf den unterschiedlichen Steuereinnahmen der jeweiligen Länder. Hingegen spielt kaum eine Rolle, wofür die Nehmer das Geld ausgeben. Wer die muntere und milliardenteuere Repräsentationsbauerei in Berlin beobachtet, kann schon verstehen, dass man im Süden gewisse Zweifel hegt.

    So gibt es viele Details, die sich ändern lassen. Andererseits aber schreibt das Grundgesetz vor, die Finanzkraft der Länder teilweise auszugleichen. Die Polarisierung zwischen arm und reich soll nicht zu groß werden. Deshalb wird auch nach einer möglicherweise erfolgreichen Klage eine renovierte Form des Länderfinanzausgleichs fortbestehen. Das gilt selbst für die Zeit nach 2019, wenn die augenblickliche Regelung ohnehin ausläuft.

    Erreichen kann Bayern jetzt zwei Dinge. Die Karlsruher Richter könnten die Überweisung aus dem Süden in den Norden um ein paar hundert Millionen Euro pro Jahr reduzieren – frühestens ab 2015 oder 2016. Eine solche Entscheidung mag außerdem den Anlass bieten, den Länderfinanzausgleich schneller als bislang beabsichtigt zu novellieren. Unter dem Druck der abermaligen Klage ziehen Bund und Länder die Neukonstruktion eventuell vor.

  • Berlin will sein Wasser zurück

    Senat beschließt Rückkauf der privaten Anteile an den Wasserbetrieben

    Der Berliner Senat will das Wasser im Boden der Hauptstadt wieder in staatliche Hände nehmen. Die Landesregierung beschloss deshalb am Dienstag den Rückkauf der Anteile des Energiekonzerns RWE an den Wasserbetrieben.

    Warum will die Hauptstadt wieder Herr über ihr Wasser werden?

    Seit Jahren sind die Bürger der Hauptstadt sauer über die hohen Wasserpreise. Seit die Wasserbetriebe 1999 zum Teil an die beiden privaten Unternehmen Veolia und RWE veräußert wurden, stiegen die Kosten für frisches Wasser und die Entsorgung des Abwassers um 35 Prozent an. Denn in den Kaufverträgen hatte die damalige Regierung den Käufern eine großzügige Zusage gemacht. Den Unternehmen wurde die Höhe des Gewinns garantiert. Da die Erlöse dafür nicht reichten, wurden die Preise immer wieder angehoben.

    Sinken die Wasserpreise nun wieder?

    Die Berliner müssen bald wieder weniger für das Wasser ausgeben. Das liegt aber nicht am Rückkauf der RWE-Anteile. Vielmehr hat das Bundeskartellamt das Unternehmen zu einer Preissenkung um 17 Prozent verdonnert, weil die Kosten für Unternehmen und Haushalte der Hauptstadt unverhältnismäßig hoch angesetzt sind. Die Wasserbetriebe klagen zwar gegen den Entschluss der Wettbewerbshüter. Doch wenn die Richter der Behörde folgen, muss der Preis rückwirkend stark gesenkt werden.

    Musste so ein wichtiges Unternehmen der Daseinsvorsorge überhaupt verkauft werden?

    Berlin ist schon lange arm. In den neunziger Jahren wurden die Haushaltslöcher deshalb auch durch den Verkauf von Landeseigentum gestopft. Rund 1,7 Milliarden Euro kamen für die Wasserbetriebe in die leere Stadtkasse. Auch die Gas- und Stromversorger wechselten für viel Geld den Eigentümer. Die Rückabwicklung wird wieder teuer. Fast 620 Millionen Euro bezahlt das Land an RWE. Damit hält Berlin 75 Prozent der Anteile an den Wasserbetrieben. Mit Veolia ist sich der Senat über einen Rückkauf noch nicht einig geworden. Finanziert werden soll das Geschäft aus künftigen Gewinnen aus dem Wassergeschäft, zunächst also auf Pump. Für die Konzerne hat sich das Engagement in Berlin auf jeden Fall gelohnt. Seit der Teilfinanzierung haben sie weit mehr als eine Milliarde Euro Gewinn aus dem Unternehmen gezogen. Auch auf einen Schadenersatz in dreistelliger Millionenhöhe können die Konzerne noch hoffen.

    Kann Berlin ein Beispiel für andere Kommunen werden?

    Es gibt auch andere Beispiele für eine misslungen Privatisierung von öffentlichen Wasserbetrieben. Die schlechtesten Erfahrungen mussten die Londoner machen. Dort war das Wasser danach, wenn es überhaupt aus dem Hahn lief, oft von schlechter Qualität und teuer, bis der Gesetzgeber das Unternehmen zu Investitionen zwang. In Deutschland wollen Kommunen vor allem ihre Energieversorgung gerne wieder in die eigenen Hände nehmen. Aber auch die Wasserwerke haben die Bürger gerne in öffentlichen Händen. Berlin ist kein Pionier auf diesem Gebiet. Auch die Nachbarstadt Potsdam hat die Anteile am Wasserunternehmen wieder zurückgekauft. Aber der Druck auf die Stadtverwaltung war in der Hauptstadt besonders hoch. 660000 Bürger haben in einem Volksentscheid für den Rückkauf gestimmt.

  • Gut vorbereitet ins Gespräch

    Bei der Bausparberatung sollte man sich nicht alleine vom Gefühl leiten lassen. Offensiv fragen lautet die Devise.

    Wer Bausparen möchte, bekommt häufig nicht das Angebot, das er eigentlich bräuchte. Nur vier von 22 Bausparkassen haben im „Praxistest Bausparen“ der Stiftung Warentest „gut“ abgeschnitten. „Die Zahl der Fehlberatungen ist erschreckend“, sagt Stephan Kühnlenz, Finanzexperte der Stiftung. Bausparer sollten sich auf das Gespräch mit dem Berater gut vorbereiten.

    Im Praxistest fühlten sich die Probanden, die die Warentester in die Institute schickte, sehr gut beraten. Bausparangebote für eine geplante Modernisierung sollten sie erfragen. Von ,freundlich’ über ,engagiert’ bis ,machte einen kompetenten Eindruck’ reichten die Aussagen der Tester. Trotzdem bekamen sie häufig nicht das passende Angebot. Der Schein trügt also. „Lassen Sie sich nicht alleine von einer freundlichen Atmosphäre und Ihrem Gefühl beeindrucken“, rät Finanzexperte Kühnlenz.

    Bevor man sich ins Beratungsgespräch begibt, gilt es zu klären, was man wann renovieren möchte, und wie viel Geld das Ganze kostet. „Versuchen Sie den Zeitraum der Modernisierung möglichst genau einzugrenzen und kalkulieren Sie die Sparrate realistisch ein“, so Kühnlenz. Angehende Bausparer sollten sich zudem fragen, ob sie noch anderes Vermögen für die Baumaßnahmen verwenden können.

    Defensives Verhalten im Gespräch bringt nichts. Wichtig ist es, auf Details selbst einzugehen. „Machen Sie klare Vorgaben für die Summe, den Zeitpunkt und die monatlichen Raten“, empfiehlt Kühnlenz. „Lassen Sie sich ein Angebot mit einem Spar- und Tilgungsplan erstellen.“

    Nicht nur eine gute Vorbereitung zählt. Das Gespräch mit dem Berater sollte auch gut nachbereitet werden. Dazu gehören mindestens zwei Vergleichsangebote von anderen Bausparkassen. Die Stiftung Warentest stellt im Internet unter www.test.de/bausparrechner einen Bausparrechner zum Vergleichen bereit. Zudem kann eine Verbraucherzentrale die Angebote prüfen.     

  • Bausparen mit Hindernissen

    Stiftung Warentest: Nur vier von 22 Bausparkassen machen ein „gutes“ Angebot/ Note „Mangelhaft“ unter anderem für Deutsche Bank und Huk-Coburg/ Institute wollen vielleicht nachbessern

    Eigentlich ist Bausparen eine gute Idee. Doch in der Praxis zeigt sich: Gute Beratung ist häufig Fehlanzeige. Das ist das Ergebnis des „Praxistest Bausparen“ der Stiftung Warentest. Nur vier von 22 Instituten beraten „gut“ – die Landesbausparkassen Bremen, Nord und Baden-Württemberg, sowie Wüstenrot.

    Für ihre Untersuchung schickten die Warentester Probanden in jeweils sieben Filialen der 22 Bausparkassen. Sie sollten sich Angebote für einen einfachen Modernisierungsfall vorrechnen lassen. Der Testfall: Eine Immobilie sollte in vier Jahren für 50.000 Euro renoviert werden. Die monatliche Rate, mit der die Sparer Kapital ansparten, durfte 400 Euro nicht übersteigen.

    Beim Bausparen zahlen Bausparer am Anfang regelmäßig in einen Sparplan ein. Ist ein Mindestguthaben erreicht, erhalten sie ein Bauspardarlehen, das sie anschließend tilgen. Der Zinssatz für die Tilgung wird schon bei Vertragsabschluss festgelegt. Derzeit liegt er meist bei günstigen 2,75 bis 3,75 Prozent.

    In den insgesamt 154 Beratungsgesprächen wurden die Probanden häufig schlecht beraten. Fast jedes vierte Angebot war „mangelhaft“. „Gute Beratung wird so zum Glücksfall“, urteilt Hermann-Joseph Tenhagen, Finanzexperte der Stiftung. Oftmals hätten Berater die Raten, zu hoch gewählt. In nicht wenigen Fällen sei die festgelegte Bausparsumme um bis zu 10.000 Euro zu hoch angesetzt gewesen.

    Einige Institute ließen den Kunden zudem viel zu lange sparen, bei der LBS Bayern bis zu zehn Jahre. Oft fehlte bei der Beratung auch ein Tilgungsplan. Jede fünfte Finanzierung hätte die Kunden deutlich zu viel Geld gekostet. Vier Angebote der Deutschen Bank waren so schlecht, dass eine Bankfinanzierung mit einem Zinsanstieg über zehn Prozent noch günstiger gewesen wäre. So kam das private Institut nicht über das Gesamturteil „Mangelhaft“ hinweg – wie auch die Huk-Coburg, sowie die LBS Ost und die LBS Rheinland Pfalz. 

    Für die Gesamtnote kam es den Warentestern vor allem darauf an, dass die Qualität des Angebots stimmte. Die Höhe der Sparrate musste genauso wie die Tilgungsraten zum Kundenwunsch passen. Außerdem sollte das Darlehen möglicht zum geforderten Zeitpunkt zuteilungsreif sein. Für jede der sieben Beratungen pro Bausparkasse, die mangelhaft war, gab es kräftig Punktabzüge in der Gesamtnote.

    Der Verband der Privaten Bausparkassen, in dem auch die Deutsche Bank und die Huk-Coburg Mitglied sind, will mögliche Mängel bei der Beratung nun schnell beseitigen. „Die Bausparkassen werden die Hinweise genau analysieren“, heißt es. Nicht nachvollziehen könne man allerdings die harte Bewertung der Zufallsstichproben.

    Diese Kritik lässt die Stiftung Warentest nicht gelten. „Jede Beratung muss stimmen“, urteilt Finanzexperte Tenhagen. Von den Instituten fordern die Verbraucherschützer nun bessere Schulungen der Berater und eine Optimierung der Bausparprodukte. Am besten sollten auch die Produktinformationen standardisiert werden, damit ein Vergleich möglich sei.

  • Mehr Hartz für Elektrizität

    Kommentar zu Strom-Sozialtarifen von Hannes Koch

    Arme Bürger, die sich Strom nicht in ausreichender Menge leisten können, sollten Unterstützung vom Staat erhalten. Diese schlichte Wahrheit droht in der momentanen Sozialdebatte über die Energiewende unterzugehen. Sozialtarife, die die Stromversorger gewähren, wären dagegen der falsche Weg.

    Gegen diesen hat sich auch CDU-Umweltminister Peter Altmaier ausgesprochen. Damit liegt er richtig. Denn warum sollten Unternehmen ihren Kunden unterschiedliche Preise anbieten, die von deren sozialer Lage abhängen? Die gibt es auch nicht bei Brot, Möbeln, Benzin oder Blumen. Gestaffelte Preise wären systemwidrig und kompliziert. Schließlich würden die Energieversorger dazu neigen sich die Kosten vom Staat zurückerstatten zu lassen.

    Für ein derartiges paralleles Sozialsystem der Wirtschaft existiert keine Rechtfertigung. Der soziale Ausgleich ist die Aufgabe des Staates und der öffentlichen Sozialsysteme. So erhalten bedürftige Haushalte einen Zuschuss zu ihren Energiekosten im Rahmen von Hartz IV und der Sozialhilfe. Wenn die Stromkosten steigen, muss man also auch das Existenzminimums anheben, mit dem die Gemeinschaft ihren armen Mitbürgern ein bescheidenes Auskommen sichert.

    Dieser Schlussfolgerung allerdings weicht Altmaier aus – vermutlich, weil sie die Regierung Geld kosten würde. Der Umweltminister propagiert vor allem die Idee, man solle armen Leuten eine gute Energieberatung angedeihen lassen. Die kann sicher helfen. Haushalte, die auf den Wäschetrockner, die Tiefkühltruhe und andere Stromfresser verzichten oder sie durch effizientere Geräte ersetzen, sparen ohne großen Aufwand ein Viertel ihrer Elektrizitätsausgaben.

    Die persönliche Sparsamkeit freilich stößt an Grenzen. Strom benötigen auch Kühlschrank, Internet und Fernsehen. Diese aber gehören zur Grundausstattung, die nicht gekürzt werden darf. Dann bleibt nur eine Variante: höhere Sozialtransfers des Staates.

  • Intelligenz mit Tücken

    Millionen Haushalte werden demnächst mit innovativen Stromzählern ausgestattet/ Die Technik könnte beim Energiesparen helfen

    Wie viel Strom der Haushalt im Monat tatsächlich verschlingt, weiß wohl kaum jemand genau. Die Monatsabschläge, die an die Energielieferanten gehen, basieren auf Hochrechnungen des Jahresverbrauchs. Das soll sich ändern. Millionen Haushalte bekommen in naher Zukunft ein intelligentes Strommesssystem – einen so genannten Smart Meter. Die Technik birgt Chancen und Gefahren.

    Laut jüngster Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes müssen Neubauten und Gebäude, die vor einer größeren Renovierung betroffen sind, mit einem kommunikationsfähigen Smart Meter ausgestattet sein, der mit dem Energieversorger verbunden ist. Auch Haushalte, die mehr als 6000 Kilowattstunden im Jahr verbrauchen oder selbst Strom erzeugen – zum Beispiel mit Solaranlagen – sind von der Regelung betroffen.

    „Die Messgeräte zeichnen auf, wie viel Energie ein Haushalt gerade verbraucht und können die Daten an den Kunden weiter geben“, erläutert Hans-Joachim Reck, Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU). Monatlich oder gar täglich können Verbraucher dann erfahren, wie viel Strom sie verbrauchen – zum Beispiel über eine Online-Abfrage. „Die Transparenz kann durchaus zum Energie sparen ermuntern“, so Reck.

    Auch auf den individuellen Strompreis könnte sich die neue Technik auswirken. Energielieferanten können genauer berechnen, wie viel Strom tatsächlich gebraucht wird und durch passende Tarife für den Kunden individuelle Angebote machen, zum Beispiel einen Preis speziell für Berufstätige oder für Großfamilien.

    Der Haken: Zwar gibt es Smart Meter schon auf dem Markt zu kaufen. Doch in der Vergangenheit sind immer wieder Sicherheitsbedenken laut geworden. In den USA, so das Bundesamt für Sicherheit Informationstechnik (BSI), habe es schon Hackerangriffe auf Smart Metering Systeme gegeben. Deshalb tüftelt das BSI derzeit noch an einer Richtlinie, die vorgibt, was die Zähler alles können müssen.

    Die Technik soll so sicher wie möglich sein. „Die neuen Geräte dürfen nicht zum gläsernen Verbraucher führen“, warnt die Sprecherin des Bundesdatenschutzbeauftragten Juliane Heinrich. Auch müssten die Daten vor dem Zugriff Dritter geschützt sein. Einbrecher hätten beispielsweise ein leichtes Spiel, wenn sie wüssten, dass ein Haushalt gerade keine Energie verbraucht, weil die Bewohner nicht zuhause sind.

    Voraussichtlich im September 2012 gibt das BSI die Richtlinie bekannt. Dann wird die Produktion der Geräte starten. „Große Energieversorger werden schnell mit der Umrüstung beginnen“, erläutert Tim Karnhof, Smart Metering-Leiter des Stadtwerke-Netzwerks Trianel. Bei kleineren Unternehmen könnte sich der Umstieg verzögern. Mehreren hundert Stromversorgern fehle das technische und personelle Fundament, um den Zählertausch zu bewerkstelligen.

    Nach Trianel-Berechnungen werden rund fünf Millionen Stromzähler ausgetauscht werden müssen – vier Millionen allein in Privathaushalten. Auf bis zu 250 Euro pro Messsystem könnte sich die Umrüstung belaufen. Noch ist vollkommen offen, wer die Kosten zu tragen hat.

    Schon eingebaute Smart Meter, die den Anforderungen des BSI nicht genügen, dürfen im Übrigen bis zum nächsten Ablauf der bestehenden Eichgültigkeit weiter genutzt werden. Bei elektronischen Elektrizitätszählern – so lautet die korrekte Bezeichnung für moderne Stromzähler – gilt eine Frist von acht Jahren.  

  • Grundverkehrtes Schweigen

    Debatte: Muss Merkel mehr erklären?

    Entgegen aller Kritik von außen scharen sich die Bürger noch hinter der Kanzlerin Angela Merkel. Das zeigen jüngste Umfragen. Das offenkundig große Vertrauen in die Arbeit der Regierungschefin kann schnell verloren gehen, wenn sie nicht endlich erklärt, wohin sie Deutschland und Europa steuern will.

    Das Klima hat sich schon geändert, wie die wachsende Zahl von Euro-Kritikern zeigt. Zustimmung gibt es über die Parteigrenzen hinweg vor allem für Merkels Versprechen, dass Deutschland nicht für die Schulden anderer Euro-Länder gerade stehen wird. Mit dieser Zusage hat sich die Bundesregierung jedoch in eine Zwickmühle begeben. Für die Märkte bleibt die Lage unsicher, weil die Bundesregierung die Gemeinschaftshaftung verweigert. Also spitzt sich die Situation in regelmäßigen Abständen wieder zu. Jedesmal rückt Merkel dann doch ein wenig von ihrem Kurs ab, zuletzt bei der direkten Finanzierung von Pleitenbanken durch den Euro-Rettungsschirm. Der nächste Rückzieher zeichnet sich bereits ab. Griechenland erfüllt die Auflagen für die Kreditvergabe nicht ansatzweise. Das Kanzlerinnen-Versprechen, dass es keine Leistung ohne Gegenleistung gebe, steht zur Disposition, wenn trotzdem wieder Geld nach Athen überwiesen wird. Und zumindest im Empfinden vieler Menschen gibt es die Gemeinschaftshaftung längst über Rettungsschirme und Zentralbankkäufe von Staatsanleihen.

    So breitet sich bei immer mehr Menschen der Eindruck aus, dass sie ohne allzu belastendes Wissen bleiben sollen. Nebulös bleiben die Risiken der Euro-Rettung für den Steuerzahler. Die genannten Zahlen kann sich ohnehin kaum jemand wirklich vorstellen. Der Erklärungsbedarf wächst. Denn ohne den Rückhalt einer großen Bevölkerungsmehrheit ist das Projekt Europa gefährdet. Fragen gibt es genug: Warum müssen die Banken gerettet werden? Wie soll der Teufelskreis aus lahmer Konjunktur und steigenden Schulden in den großen Euro-Staaten durchbrochen werden? Welche finanzielle Belastungen kommen auf die Bürger in Deutschland zu und wie soll Europa aussehen, wenn die Krise einmal vorbei ist?

    Um Antworten drückt sich Merkel herum. Das tun SPD und Grüne auch. Diese Superkoalition eint die Sorge um einen Akzeptanzverlust für die ganzen Rettungsaktionen. Das Schweigen ist grundverkehrt. Wer führen will, muss vom Ziel überzeugen können und auch unangenehme Wahrheiten aussprechen.